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  • Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

    Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

    Von Christian


    Wie kann es sein, dass man „den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht“, wie ein Sprichwort sagt?

    Zum Beispiel wenn man über zu vielen Einzelheiten das größere Ganze nicht oder nicht mehr erfasst. Das kann einem sogar im aufrichtigsten Bemühen passieren, wenn man sich über Generationen hinweg immer mehr in eine Sache verrennt:

    Wehe euch, ihr Gesetzeslehrer und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt noch von Gartenminze, Dill und Kümmel den zehnten Teil, lasst aber die wichtigeren Forderungen des Gesetzes außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glaubenstreue! Das eine hättet ihr tun und das andere nicht lassen sollen! Ihr verblendeten Führer! Die Mücke siebt ihr aus, aber das Kamel verschluckt ihr.

    Matthäus 23:23,24 NEÜ

    Zumindest einem Teil dieser religiösen Menschen kann man zugute halten, dass sie sich aufrichtig darum bemühten, es ganz genau zu wissen und alles richtig zu machen, so ‚wie es im Gesetz steht‘. Und das aus gutem Grund: Das Exil war noch nicht wirklich vorüber. Das Land war nicht von fremder Herrschaft befreit. Die ‚offensichtliche‘ Erklärung war für sie: Das kann nur daran liegen, dass wir Gottes Willen immer noch nicht genau genug tun! Wir müssen also verstehen was wir noch besser, genauer und mehr machen müssen!

    Dieses Verhalten kennt man auch aus der Psychologie, was das menschliche Verhalten betrifft: „Mehr vom Gleichen“. Wenn wir etwas erreichen oder ein Problem lösen wollen, wenden wir eine gewisse Methode an. Klappt das nicht auf Anhieb, dann … macht man was? Oft ist es das Selbe, nur stärker, länger oder mehr davon. Manchmal funktioniert das auch. Oft aber auch nicht. Dann wäre es schlau, etwas anderes zu versuchen. Aber wenn wir so richtig involviert sind mit unserem ganzen Denken und Wesen, dann schalten wir oft nicht um. Und das erst recht nicht, wenn wir die gewählte Methode für die einzig richtige halten! Oder nur diese gelernt haben. Wenn du darüber nachdenkst, fallen dir bestimmt Situationen ein, in denen es dir so ergangen ist.

    Mir ist in den vergangenen Monaten aufgefallen, dass ich – wie auch so manch anderer – in Bezug auf meinen Glauben genau so gehandelt habe. Es ist nun fünf Jahre her, dass ich aus der Kirche der Zeugen Jehovas ausgetreten bin. Wer das selbst erlebt hat oder sich damit beschäftigt hat, weiß, dass mit diesem Moment alle ‚Glaubensbrüder’, Freunde und Familie einen meiden und man alleine da steht. Mittlerweile ist mir klar, dass das Menschen auch in anderen Religionen so ergeht.

    Und ich hatte bei immer mehr Glaubenslehren festgestellt, dass sie nicht biblisch, falsch oder schlicht und einfach erfunden und erlogen waren. Aber was sind denn dann die ‚richtigen‘ Lehren der Bibel? Wie finde ich das heraus? Na indem ich die Bibel lese! Und zwar noch mehr als zuvor. Mit verschiedenen Übersetzungen, Erläuterungen, Fußnoten. Mit anderen Worten: „Mehr vom Gleichen“. Ich habe im Prinzip dieselbe Methode weiter verwendet, nur intensiver.

    Das hat auch geholfen, um über die kognitive Dissonanz hinwegzukommen, die im Laufe der letzten Zeit bei den Zeugen Jehovas immer schlimmer geworden war. Zum Beispiel deswegen, weil ich mich als Leiter des Wachtturm-Studiums gut vorbereitet und die Schriftstellen alle nachgelesen habe. Dann auch mit Kontext – und der sagte oft etwas ganz anderes aus als der Text dazu im Wachtturm. Kognitive Dissonanz wird wie folgt beschrieben:

    Kognitive Dissonanz ist das psychologische Gefühl des Unbehagens, das entsteht, wenn eine Person zwei oder mehr widersprüchliche Gedanken, Überzeugungen, Einstellungen oder Verhaltensweisen hat.

    Und das wurde durch einiges bewirkt: Im Wachtturm oder von der Bühne kamen widersprüchliche Aussagen. Oder diese passten nicht zu dem, was im geheimen Ältesten-Buch (Hütet die Herde Gottes) steht. Oder was von einem in Wirklichkeit erwartet wird. Oder in Publikationen für die Öffentlichkeit steht etwas anders als in den internen. Oder es stimmt nicht mit dem Kontext des Bibelverses überein. Oder anderen Passagen der Bibel, die nicht erwähnt oder ‚wegdiskutiert’ werden. Oder ‚lebenswichtige‘ Lehren werden von heute auf morgen ohne echte Begründung geändert – schlimmer noch, manchmal mit den selben Bibelversen als Begründung. Irgendwann entdeckt man, dass hinter Veränderungen der Lehre – ‚neues Licht‘ genannt – nicht Gott und der heilige Geist hinter der ‚Leitenden Körperschaft‘ der Zeugen Jehovas steht, sondern ganz schnöde ein Gerichtsverfahren in irgendeinem Land, dass die Organisation finanziell oder sonst wie negativ beeinflussen könnte. Du könntest sicher noch weitere Punkte hinzufügen.

    Sich mehr mit der Bibel – und zwar nur der Bibel – auseinander zu setzen, schien das richtige Mittel zu sein, um diese kognitive Dissonanz aufzulösen. Zumal wenn man es zum ersten mal ‚richtig‘ ohne den Wachtturm daneben macht.

    Aber nach ein paar Jahren schien sich die kognitive Dissonanz eher wieder zu verstärken: Obwohl ich mehr und mehr über die Bibel erfuhr, hatte ich mehr grundlegende Fragen. Und mein Glaube fühlte sich zeitweise irgendwie schwächer an.

    Warum schreibe ich darüber? Weil ich festgestellt habe, dass es auch anderen so ergeht. Auch in anderen christlichen Religionen. Also auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Zeugen Jehovas …

    Ich hatte also mehr tiefgründige Fragen als zuvor. Sogar Zweifel! Ich bin mir sicher, dass dieses Wort ‚Zweifel‘ bei vielen etwas ausgelöst hat. Diese Wort ist für viele Gläubige aufgrund verschiedenster Umstände ein Trigger: Er löst eine spontane Reaktion aus: Du musst mehr beten, du hast das Falsche gelesen, hast du dich etwa mit Abtrünnigen oder Atheisten beschäftigt, du bist weltlich und selbstsüchtig geworden, du musst mehr und regelmäßig mit anderen Mitgläubigen zusammenkommen, denn ‚wer sich absondert …‘

    Ok. Über diesen letzten Punkt habe ich ein eigenes Video veröffentlicht: „Versäume keine Zusammenkunft!“. Dieser Bibeltext wurde so oft von Zeugen Jehovas verdreht, dass er ziemlich zur kognitiven Dissonanz beigetragen hat.

    Es konnte also nicht mehr schlimmer kommen, aber es kam so. Genau dieselbe Argumentation kam in dem Video Join Us on Zoom to Study the Bible, Beroean Style von Eric Wilson. Die Übersetzung ins Deutsche habe ich damals noch gemacht: Triff uns auf Zoom zum Bibelstudium, auf die Beröer Art Exakt dieselben Argumente, wie aus dem Wachtturm kopiert. Und ich hatte – wie manche wissen – lange Zeit Eric Wilsons Videos auf Deutsch synchronisiert. Und nun benutzte er dieselbe Methodik in einem Video, um zu ‚beweisen‘, dass die Zoom Meetings seiner Beroean Pickets für jeden quasi ein Muss sind. Was weder er noch ich veröffentlicht haben, ist unsere E-Mail Korrespondenz dazu und zu seinem Video, dass nur diese Gruppe – und nicht die anderen Gruppen der Christenheit – mit Gottes Geist die Bibel lesen und daher die Wahrheit erkennen: Do I have God’s Holy Spirit Guiding Me, or Am I Just Fooling Myself? How Can I Be Sure? (Video: Lasse ich mich vom hl. Geist leiten, oder mache ich mir nur etwas vor? Wie kann ich mir sicher sein?, deutsche Übersetzung Lasse ich mich von Gottes Heiligem Geist leiten, oder mache ich mir nur etwas vor? Wie kann ich mir sicher sein?) Diese und andere Argumente und die Verwendung von Bibelzitaten kam mir gleich so bekannt vor, aber es fühlte sich falsch an (kognitive Dissonanz), obwohl ich es nicht sofort biblisch begründen konnte.

    Nun ja, nachdem ich ihm geschrieben hatte, dass diese Videos Bibeltexte nicht gemäß dem Kontext verwenden und die Argumentation fehlerhaft ist, hat er mich daraufhin noch am selben Tag aus dem deutschsprachigen Youtube Kanal Beröer Bibelstudien, den ich aufgebaut hatte, ausgeschlossen, weil er Angst hatte, ich würde es mit ihm so tun. Kurz darauf hat er alle meine Videos aus dem YouTube Kanal Beröer Bibelstudien gelöscht und das war’s dann von seiner Seite aus.

    Irgendwie fühlte ich mich zum zweiten mal aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Obwohl, bei den Zeugen Jehovas sind wir ja aktiv ausgetreten (amtlich sogar, weil in Deutschland die Zeugen Jehovas eine Körperschaft des öffentlichen Rechts sein wollten, wie die katholische Kirche und andere). Und die Richtung, in der sich Eric und seine Bewegung entwickelt hatten, war uns schon länger nicht mehr ganz geheuer, auch wenn uns seine frühen Videos geholfen haben.

    Wieder kognitive Dissonanz.

    Warum schreibe ich darüber? Nicht weil ich darüber öffentlich jammern will. Sondern weil es anderen schlimmer ergangen ist. Und weil ich festgestellt habe, dass es auch in anderen Religionen und Gruppen Menschen so und schlimmer ergangen ist.

    Damit hatte ich noch mehr Fragen, welche die Bibel mir nicht so recht zu beantworten schien: Gibt es heute noch so etwas wie ‚die Gemeinde von Christen‘? Wirkt der heilige Geist heute? Wenn ja, wie? Macht dieser ganze Glaube überhaupt Sinn, wenn sich keiner daran hält, sondern darüber spricht? Macht es überhaupt noch Sinn, die Bibel noch detaillierter zu analysieren?

    Warum nochmal spreche ich jetzt darüber? Weil ich festgestellt habe, dass es auch anderen so geht. Also ist das vielleicht ein wichtigeres Thema, zu dem es Bücher gibt, die für uns hilfreich sind. Und wenn es die nur in englischer Sprache gibt, könnte ich ja über diese schreiben … Und das habe ich vor. Wenn ich Zeit und Kraft dazu habe.

    Denn man könnte sagen, dass bei mir ‚die Luft raus war‘. Daher habe ich im Dezember 2024 noch Videos aufgenommen und diese nacheinander veröffentlicht, aber das war es auch. Es gab das eine oder andere interessante Thema, aber wozu das Ganze? Was gab es noch für mich zum Nutzen anderer zu sagen?

    Wohin ich auch schaute, es wurde über Details diskutiert, über gewisse Glaubenslehren, aber es endete allermeistens damit, dass die Bibel keine klare, eindeutige, einfache Antwort dazu gibt. Wohlgemerkt: Ich sage nicht, dass Leute und Religionen keine einfachen Antworten haben. Nur die Bibel selbst … macht es einem nicht so leicht. Außer man benutzt sie als Textvorlage und pickt sich Verse heraus und bastelt ein neues Evangelium zusammen.

    Eine ganz zentrale Frage wurde daher:

    Wenn Gott wollte, dass wir etwas genau so verstehen sollen, warum lies er es nicht einfach genau so aufschreiben?

    Als Beispiel nehme ich gleich mal ein Thema mit Sprengkraft: Die Trinität.

    Wie bitte? Das steht doch ganz klar in der Bibel! Nur, dass dies von allen Vertretern der verschiedenen Lehren behauptet wird. Seit 2000 Jahren.

    Aber ich will hier das Für und Wider gar nicht diskutieren – das wäre Vermessen. Es geht mir um Gottes Rolle, wie wir gleich sehen werden.

    Viele Kirchen stellen dieses Dogma als die zentrale Lehre hin. Das kann ja für die Religion so sein. Aber ist es das zentrale Thema, das wir in der Bibel so aufgeschrieben finden? Wenn es oder das Gegenteil so eindeutig in der Bibel steht, warum gab und gibt es so viele Diskussionen und Fragen? Wonach greift denn jemand, der eine Lehre zu diesem Thema erläutert haben will? Zur Bibel, weil es da strukturiert erklärt wird, oder einem Lehrbuch? [Siehe Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 15: Ist das NT ein Lehrbuch? (Beispiel Trinität)]

    Wenn die Bibel ‚Gottes Wort‘ ist – was auch immer du genau darunter verstehst – dann sollten gläubige Christen doch eine Antwort darin finden, oder nicht? Zeitweise war auch eine schöne, einfache, eindeutige Antwort für alle Christen darin: Das Comma Johanneum. [Video: Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 5: Das Comma Johanneum]. Heute weiß man, dass dies eine Fälschung war. Es ist nicht in den besten Manuskripten enthalten. Und selbst wer behauptet, dass es ursprünglich enthalten aber schon ganz früh entfernt worden ist (was rein hypothetisch ist), dann bleibt trotzdem dieser Fakt:

    Fakt ist, dass eine einfache, präzise Aussage über die Trinität (Comma Johanneum) über Jahrhunderte nicht in Bibelübersetzungen war. Dann Jahrhunderte enthalten war. Und dann wieder nicht.

    Gott hat es offensichtlich, wie die Fakten zeigen, kein bisschen gestört, dass Millionen gläubige Christen über Jahrhunderte bei so einem zentralen Punkt, aufgrund dieses Textes einen ‚richtigen‘ Glauben gut begründet sahen. Oder eben nicht.

    Wie auch immer – Gott hat über Jahrhunderte nichts getan, um das richtig zu stellen. Und es gibt viele andere Stellen in der Bibel, die widersprüchlich sind. Zeigt das, dass die Bibel nichts wert ist, oder gehen wir völlig falsch an die Sache heran?

    Noch etwas: Andere Gruppen, wie Eric Wilsons Beroen Pickets beschreiben sich auf seiner Website vor allem als Gruppe, die nicht trinitarisch ist. Aber ist diese Unterscheidung wirklich wesentlich. Ist es das Thema für Jesus gemäß den Evangelien gewesen? Für die Apostel? Für Paulus? Im Neuen Testament? Im Alten Testament?

    Und wie geht man mit Christen um, die eine andere Auffassung haben? In den ersten Jahrhunderten des Christentums wurden die ‚anderen’ als Herätiker betrachtet. Heute stört das in den Kirchen in Deutschland meist keinen. Wie ich aber mitbekommen habe, haben einige Gruppen der Beroean Pickets angefangen, Jesus mit Gott gleich zu setzen. Die Folge war ein Schisma – man hat sich von diesen Personen getrennt und die Videos mit den Interviews mit ihnen gelöscht.

    Ich habe mich gefragt: Sollte das so sein? Sagte Jesus nicht, dass wir „unsere Feinde lieben sollen“? Und „für die beten, die uns verfolgen“? (Matthäus 5:44). Aber später sagten seine Jünger, man soll mit solchen, die die Lehre des Christus nicht bringen, nicht essen, noch nicht einmal grüßen! (2 Johannes 10,11) Ist das schon wieder ein Widerspruch? Oder hat Jesus nur Juden gemeint? Gelten manche Aussagen nur eine Zeit lang? Oder gibt es eine Abstufung: Gläubige der selben Kirche oder Gruppe, andere Christen, nette Menschen, Menschen, nicht so nette Menschen, Feinde, …, Abtrünnige? Fragen über Fragen.

    Soll ich mich überhaupt noch mit diesem Thema beschäftigen? Was stimmt denn überhaupt noch? Und wenn man solche Zweifel hat, ist das ein Zeichen eines ‚schwachen Glaubens‘?

    Es hat eine Weile (na ja, Monate) gedauert. Ich habe ein paar Bücher gelesen und nachgedacht. Und vielleicht helfen sie dem einen oder anderen, der sich ähnlich fühlt und ähnliches fragt. Zumindest helfen sie einem, das Thema ganz neu zu durchdenken.

    Kommen wir daher nochmal auf Matthäus 23:23 zurück. Wenn du gefragt würdest – also jetzt – was ‚die wichtigeren Forderungen des Gesetzes‘ sind, was hättest du geantwortet? Was fällt dir spontan ein? Die 10 Gebote? Speisevorschriften? Beschneidung? Sabbat?

    Vermutlich nicht das, was Jesus gemäß dem Matthäus Evangelium sagte: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glaubenstreue!

    Wo, bitte schön, steht das so in der Thora, im Gesetz? Schon wieder etwas Verwirrendes.

    Im griechischen steht für ‚Glaubenstreue‘ übrigens pistis. Deswegen übersetzen es andere mit Glauben. Das findet man auch in Wörterbüchern zu biblischen Begriffen. Pistis wie auch das entsprechende hebräische Wort werden oft mit Glaube oder (religiöser) Überzeugung übersetzt. Diese Worte verbinden wir heute aber eher mit Religion und deren Glaubenssätzen, auf jeden Fall bringen wir es mit unserem Wissen und Verstand in Verbindung. Unser Glaube, was die richtigen Lehren aus der Bibel über Gott sind.

    Die hebräischen und griechischen Wörter spiegeln aber Glauben in Verbindung mit etwas anderem wieder: Vertrauen. Es ist schon ziemlich aufschlussreich, die Bibeltexte zu lesen, in denen dieses Wort vorkommt, und dabei statt Glaube immer Vertrauen zu verwenden. Erstaunlich, wie sich die Perspektive dann ändert.

    Auf Gott vertrauen. Das ist wichtiger, als zu meinen, oder verbissen zu versuchen, die richtigen Lehren zu kennen.

    Nun gut. Und was hat das mit „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ zu tun? Ich bin nicht der einzige, der gehofft hat, dass Gott uns mit der Bibel eine einfache, klare Anleitung für unser Leben und unseren Glauben hat aufzeichnen lassen:

    Oder so etwas:

    Je mehr ich in der Bibel gelesen und über ihren historischen Kontext, ihre Sprachen usw. gelernt habe, desto komplexer wurde es. Aber immer noch habe ich auf so einen Moment gehofft:

    Ganz viele Bäume, aber irgendwann wird ein Muster deutlich. Ein Muster. Der richtige Glaube.

    Nur. In jedem dieser angesprochenen Punkte ging es darum, was für eine Bibel wir uns wünschen. Was Gott unserer Meinung nach uns gegeben haben sollte.

    Nur. Das hat er nicht. Was wir haben, ist eher das:

    Gott hat viele verschiedene Menschen das aufschreiben lassen, was sie in ihrer Zeit und mit ihrem Kontext ausdrücken konnten. Jede Zeichnung, jede Beschreibung würde andere Aspekte hervorheben. Aber nur mit allen, auch widersprüchlichen Beschreibungen würden wir ein Gesamtbild erhalten.

    Wenn du denkst, dass Gott jedes Wort diktiert hat (eine Möglichkeit, was inspiriert bedeuten könnte), dann bringst du die Bibel und Gott selbst in große Schwierigkeiten. Das zeigt sich schon im Neuen Testament [Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 9: Inspiration]. Und wie wir sehen werden, auch im Alten Testament. Und es hilft auch uns nicht wirklich, sondern erzeugt belastende Fragen: Warum lässt ein Gott der Liebe erst fast die komplette Menschheit vernichten, und dann alle Kaananiter mitsamt Kindern und Tieren? Oder warum widersprechen sich Anweisungen in der Thora (mosaischen Gesetz)? Wir werden noch weitere Fragen ansprechen. Und warum einfache Antworten darauf oft nicht aus der Bibel kommen, sondern ihr in den Mund gelegt werden.

    Und was ist mit uns los, wenn wir uns von Gott verlassen fühlen? Wir nicht nachvollziehen können, warum ausgerechnet uns Schlimmes widerfährt und es nicht besser wird, wo doch in der Bibel steht, dass er den Gerechten nicht im Stich lässt? Oder wir Archäologie und andere Wissenschaften nicht mit der Bibel in Einklang bekommen?

    Mit anderen Worten: Was ist mit all diesen Gründen, warum Menschen heute die Bibel und den Glauben an Gott hinter sich lassen?

    Dabei müssen wir erkennen, welches Bild wir uns von Gott und der Bibel zurechtgelegt haben. Und dafür offen sein, zu betrachten, welche Bibel uns Gott gegeben hat. Genauer: Wem er sie gegeben hat. Die Teile der Bibel wurden zu ganz unterschiedlichen Zeiten, von ganz unterschiedlichen Menschen, in ganz unterschiedlichen Kontexten, zu ganz unterschiedlichen Zwecken und für ganz unterschiedliche Menschen geschrieben. Nur nicht direkt für uns. Es ist eher so, als ob über Jahrtausende Menschen beauftragt wurden, für andere mit ihren Möglichkeiten etwas Bestimmtes darzustellen:

    Aber die Bilder zeigen doch alle etwas anderes! Die Bilder widersprechen sich in den Details. Was soll ich heute damit anfangen? So ähnlich ist es mit der Bibel.

    Deswegen möchte ich mich in den nächsten Videos mit solchen Fragen beschäftigen und werde dabei auf einige Bücher zurückgreifen:

    • Was wollen uns die Evangelien sagen, wenn fast der komplette Inhalt außer Anfang und Ende in den Glaubensbekenntnissen fehlt?
    • Ist es schlimm, Zweifel zu haben? Oder einen ‚schwachen Glauben‘?
    • Was ist die Bibel, genau genommen?
    • Wen kümmert das?
    • Was mache ich damit?
    • Wie funktioniert dieses antike, fremde und kantige Buch für Leute von heute, die in ihm nach spiritueller Anleitung suchen?
  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Die Jagd nach dem Snark

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Die Jagd nach dem Snark

    Von Christian


    Falls du noch nie von Eschatologie gehört hast und auch keine Ahnung hast, was der Snark ist und erst recht nicht, was die Suche nach diesem Snark sein sollte: Keine Sorge, es ist alles in Ordnung mit dir. Du solltest dir eher Sorgen machen, wenn du auf dieser Jagd bist. Warum, wird gleich klar.

    Zuerst einmal zu diesem schönen Fremdwort aus dem Griechischen: Eschatologie

    Eschatologie ([ɛsça-], aus altgriechisch τὰ ἔσχατα ta és-chata ‚die äußersten Dinge‘, ‚die letzten Dinge‘ und λόγος lógos ‚Lehre‘) ist ein theologischer Begriff, der das religiöse Konzept des Endzeitlichen, insbesondere die prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen (individuelle Eschatologie) und der gesamten Schöpfung (universale Eschatologie) beschreibt.

    Wikipedia

    Ok. Das könnte dich also schon einmal beschäftigt haben. „Wann kommt die Endzeit?“ „Wann kommt Harmagedon?“ „Für wann ist die Wiederkunft Christi zu erwarten?“ „Wann kommt das Ende?“ Und so weiter. Wenn ich alle Formulierungen auflisten würde, wäre die Zeit für diesen Teil der Serie schon vorbei.

    Und um es klar zu sagen: Wenn es um so etwas Wichtiges für das eigene Leben wie das Ende der Welt geht, ist es schon verständlich, wenn man darüber mehr wissen möchte.

    Die Frage ist nur: Wieviel können wir denn darüber wissen? Steht dazu etwas in der Bibel? Nun, wohl nichts so Offensichtliches wie ein Datum, sonst wäre es ja allen klar. Aber vielleicht müssen wir nur die verschlüsselten Begriffe im Bibelbuch Daniel, dem Neuen Testament und insbesondere der Offenbarung verstehen und kombinieren, um dieses Geheimnis zu lüften? Es soll sogar Zeichen geben, die wir nur entschlüsseln müssten. Und viele geben vor, dies tun zu können! Bei der Übersetzung des Buches „Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ war ich über die lange Liste der vorhergesagten Daten der Endzeit gelinde gesagt schockiert: Alleine von der Reformation bis heute führt er Dutzende von Vorhersagen und Jahren an.

    Und damit kommen wir zu dieser merkwürdigen Jagd nach dem Snark. Außerhalb des englischsprachigen Raumes kennt man diese Geschichte von Lewis Carrol kaum (Wikipedia). Aber Alice im Wunderland kennst du doch, oder? Ist auch von ihm. Die Geschichte The Hunting of the Snark (An Agony in Eight Fits) (engl. für „Die Jagd nach dem Snark – eine Agonie in acht Anfällen“ oder „– eine Agonie in acht Abschnitten“) wurde 1876 veröffentlicht:

    Von Henry Holiday – bookcover front of „The Hunting of the Snark“, Gemeinfrei

    Was hat diese Ballade mit Eschatologie zu tun? Nun, unsere Beschäftigung mit dem Thema Eschatologie sollte sich nie zu einem solchen Abenteuer entwickeln:

    Das Gedicht ist eine Ballade über eine seltsame Jagd-Expedition, die sich mit Sorgfalt, Hoffnung und einer völlig leeren Meereskarte aufmacht, ein mysteriöses Wesen namens Snark zu fangen. Was genau sie mit dem Snark anfangen wollen, bleibt offen, doch werden einige Eigenschaften aufgezählt.

    Die Besatzung wird vom Bellman (Ausrufer) mit seiner Glocke geleitet. 

    Eine der Figuren (Der Bäcker) hatte an dem Tag, als das Schiff der Jagdgesellschaft in See stach, die Warnung empfangen, dass manche Snarks Boojums sind, und wer das Pech hat, ein Boojum zu treffen, der wird sofort „sachte und plötzlich“ verschwinden. Genau dieses Pech hat der Bäcker am Ende der Ballade, denn der von ihm schließlich gefundene Snark war ein Boojum.

    Die Jagd auf den Snark (Wikipedia)

    Siehst du die Parallelen? Ich passe die Beschreibung einmal an das Thema an:

    Das Finden der einen richtigen biblischen Eschatologie ist eine seltsame Unternehmung, die manche mit akribischer Sorgfalt und großen Hoffnungen durchführen, aber nur mit einer vagen Beschreibung in sehr wenigen Bibeltexten. Was sie mit dieser Eschatologie dann anfangen sollen, ist offen.

    Die Suchenden werden von charismatischen Anführern oder Lehren motiviert.

    Auf dieser Suche kann man, wenn man Pech hat, „sachte und plötzlich“ verschwinden.

    Die Jagd nach der einzig wahren Eschatologie (Christian)

    Jetzt will ich nicht sagen, dass wir in der Bibel gar nichts zur Eschatologie finden. Doch eine obsessive Suche, die Aussagen der Bibel zur ‚Endzeit‘ und dem weiteren Verlauf der Geschichte ganz genau und ‚richtig‘ zu verstehen oder gar ein Datum vorherzusagen, hat sich wie die Suche nach dem Snark erwiesen. Es gibt endlose Interpretationen, Spekulationen und man kann sehr viel Zeit darauf verwenden. Und manche sind dabei aus der Realität sozusagen verschwunden.

    Was dabei leider oft übersehen wird, ist, welche entscheidende Rolle die eigenen Annahmen und Interpretationen spielen.

    Genau mit diesem Thema hat sich der Bibelwissenschaftler Dr. Michael S. Heiser in einer Blog-Serie über Eschatologie gewidment, die ich ins Deutsche übersetzt einmal wieder geben möchte.

    Dabei verwendet er einige Begriffe in Bezug auf Eschatologie, die dir vielleicht nicht bekannt sind. Die folgenden Erklärungen und Schaubilder sind aus der Wikipedia.

    Zuerst einmal werden wir den Begriff des Millenniums öfters hören. Das Wort ist vom lateinischen Wort für 1000 abgeleitet und bezeichnet eine Zeitspanne von 1000 Jahren. Als Millenarismus (oder vom Griechischen Wort abgeleitet Chiliasmus) wird die Überzeugung bezeichnet, die sich auf eine 1000 jährige (buchstäbliche oder symbolische) Herrschaft Jesu Christi bezieht, welche in Offenbarung 20:1-10 zu finden ist.

    Im Wesentlichen gibt es diese Hauptrichtungen des Millenniarismus:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus

    Nach dem ersten Kommen Christi vor rund 2000 Jahren würde gemäß den wichtigsten Hauptströmungen Folgendes geschehen:

    Prämillenarismus

    Die lateinsiche Silbe prä bedeutet „vor“. Die Vorstellung ist, dass wir in der Bibel lesen, dass es eine ‚große Trübsal‘ geben wird, danach Jesu zweites Kommen. Darauf schließt sich das Millennium an und dann das Endgericht.

    Dispensationalismus

    Der modernere Dispensationalimus sieht ein vorangegangenes zweites Kommen Christi für die Kirche vor. Damit einhergehend kann es eine ‚Entrückung‘ (Englisch rapture) geben, in der die Gläubigen von der Erde genommen werden.

    Postmillenarismus

    Die lateinische Silbe post bedeutet „danach“. In dieser Glaubensrichtung kommt Jesus erst nach dem Millennium zum zweiten Mal und führt dann das Endgericht durch.

    Amillennialismus

    Die Vorsilbe ‚a‘ bedeutet hier so viel wie nie „nicht“ oder „kein“. Also Kein-Millennium. Die Zahl 1000 wird symbolisch verstanden und die ganze Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kommen Christi werden als das Millennium angesehen.

    Zusätzlich zu diesen Ansichten gibt es noch eine fast unüberschaubare Anzahl von solchen, die sich in gewissen Details unterscheiden.

    Aber warum gibt es denn solch verschiedene Ansichten, obwohl der Text des Alten und Neuen Testaments der selbe ist? Das erklärt Dr. Heiser in seinem Blog, mit dem wir im nächsten Teil anfangen werden.

  • Gottes Bild sein – Teil 1

    Gottes Bild sein – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Um unsere Berufung und Zukunft als Menschen aus biblischer Sicht besser verstehen zu können, müssen wir in Genesis beim Bericht über die Schöpfung in 1. Mose anfangen. Doch das ist heutzutage ein denkbar schlechter Startpunkt für ein Video, weil praktisch jeder schon eine Meinung dazu hat und damit abschaltet: Von streng wörtlicher Auslegung bis zur völligen Ablehnung gibt es alles.

    Worum es in der Genesis aber geht, kann man nur richtig verstehen, wenn wir unseren Kontext des 21. Jahrhundert vergessen – soweit das überhaupt möglich ist – und die Worte mit dem Kontext der Israeliten vor 3500 Jahren lesen. Mindestens drei wesentliche Unterschiede müssen wir berücksichtigen:

    1. Die Menschen damals interessierte nicht „was die Welt im Innersten zusammenhält“, also der heutige wissenschaftliche Ansatz. Sondern wer die Welt ordnet und für ihre Funktionieren verantwortlich ist und sorgt.
    2. Die damalige Vorstellung von Himmel und Erde war eine ganz andere als heute. Nein, es geht nicht darum, dass sie irgendwie beschränkter oder ‚primitiver‘ war. Da die ‚Welt‘ dieser Menschen auf einen sehr überschaubaren Teil der Erde beschränkt war, war so etwas wie ein Globus oder eine Weltkarte unwichtig. Was sie interessierte war eine Beschreibung der ‚Welt‘, in welcher der Bereich der Menschen, der geistigen Wesen, der Toten und die Ordnung des Ganzen einfach verständlich war. Und so waren auch die Weltbilder oder Modelle anderer Völker aufgebaut. Wer heute diese als unwissenschaftlich belächelt, hat deren eigentlichen Zweck nicht verstanden.
    3. Die Israeliten kannten die Weltbilder und Schöpfungsgeschichten aus Ägypten und Mesepotamien. Daher ist ein Vergleich der Genesis mit diesen sehr aufschlußreich.

    Muster im biblischen Schöpfungsbericht

    Carmen Imes bezieht sich hier auf die Arbeiten verschiedener Gelehrter, insbesondere auf John H. Waltons Arbeiten, die man zum Beispiel in seinem Buch The Lost World of Genesis One finden kann:

    The Lost World of Genesis One von John H. Walton

    Jascha Schmitz hatte den Inhalt in seiner Video Serie Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt schon ausführlich erläutert. Daher werde ich hier das Ergebnis nur sehr kurz zusammenfassen.

    Kurz gesagt geht es im Schöpfungsbericht in der Genesis (1. Mose) nicht darum, wie Gott alles gemacht hat, sondern warum.

    Carmen Joy Imes, Being God’s Image

    Um das Risiko zu minimieren, unsere eigenen Ideen dem Text der Bibel hinzuzufügen, ist es wichtig, nach Mustern Ausschau zu halten, die der Author verwendet, um Dinge zu betonen. Was in einer Übersetzung meist verloren geht, ist der Rhythmus und die Wiederholung bestimmter Wörter oder Bilder in der Originalsprache des Textes. So ist es auch hier: „Gott sagte“ wird 3 mal für Menschen und 7 mal alles andere verwendet, also 10 mal. „Es werde …“ wird 3 mal für die Himmel und 7 mal für die Erde verwendet, also 10 mal. „machen“ wird 10 mal verwendet, „gemäß ihrer Art“ 10 mal, „Gott sah, dass es gut war“ 7mal usw. Es gibt noch mehr davon. Und wir finden dieses Muster:

    Die Symmetrie des Schöpfungsberichts in der Genesis

    In die Welt, die in 1. Mose 1:2 noch „formlos und leer“ ist, bringt Jahwe die Ordnung, die wir kennen. Am ersten Tag trennt Jahwe Licht von Dunkelheit, welche dann am vierten Tag mit Sonne, Mond und Sternen bevölkert werden. Am zweiten Tag trennt Jahwe die Wasser – oberhalb und unterhalb – und erschafft so den Himmel dazwischen. Am fünften Tag bevölkert Jahwe diese mit Vögeln und Fischen. Am dritten Tag trennt Jahwe trockenes Land ab und am sechsten Tag werden diese mit Landtieren und Menschen bevölkert.

    Menschen der Antike waren nicht daran interessiert, wie die Dinge ins Dasein kamen, sondern warum. Und der Schöpfungsbericht der Genesis in 1. Mose 1 gibt die Gründe an, das Warum: An Tag 1 sorgt Jahwe für Licht und an Tag 4 Himmelskörper, mit denen die Israeliten Zeit messen konnten, was nicht nur für den Ackerbau wichtig war, sondern auch für die Einhaltung der Festtage, welche den Israeliten auch gemäß den Büchern Mose mitgeteilt wurden. An Tag 2 sorgt Jahwe für den Bereich der Luft zwischen den Wassern, damit an Tag 5 Fische und Vögel darin leben können und später noch mehr. An Tag 3 wird das trockenes Land und Vegetation erwähnt, damit am Tag 6 darin Landtiere und der Mensch leben können.

    Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nicht um die wissenschaftliche Beschreibung einer zeitlichen Reihenfolge geht, sondern an Tag 1, 2 und 3 die Bereiche erwähnt werden und symmetrisch dazu an Tag 4, 5 und 6 die ‚Bewohner‘ dieser Bereiche. Auch wenn der 7. Tag danach kommt, geht es hier primär nicht um eine zeitliche Abfolge, sondern den Zweck, das Warum: Alles war gut und Jahwe konnte nun ‚ruhen‘. Nicht im Sinne von ‚ausruhen‘, sondern dass die Ordnung nun hergestellt war. Auch dazu gibt es ausführlichere Erklärungen. Das hier gebrauchte Worte für ‚ruhen‘ wird aber auch in dem Sinne gebraucht, dass die Vorbereitungen jetzt erledigt sind und mit dem eigentlichen Regieren begonnen werden kann.

    Sind wir Gedanklich immer noch bei den Israeliten in der Wüste vor 3500 Jahren? Das wurde über Jahwe gesagt, der Gott, der sie aus Ägypten gebracht hat und einen Bund mit ihnen schließen will: Das ist Jahwe, der euer Gott sein wird und ihr sein Volk, das seinen Namen tragen soll. Vergessen wir nicht, die Bericht der Genesis in diesem Kontext zu lesen und zu sehen. Deswegen ist der Bericht so geschrieben worden, wie er ist.

    In Verbindung mit dem Schöpfungsbericht, dem Ruhetag Gottes und der späteren Sabbath-Vorkehrung können wir auch schon einmal etwas für unser Leben ableiten:

    Der Sabbath ruft uns dazu auf, aufzuhören, wie Sklaven zu arbeiten, sondern anzufangen wie Mitglieder der königlichen Familie zu leben.

    Warum hier von einer königlichen Familie gesprochen wird, werden wir im Laufe der Serie noch besser verstehen. Es geht hier um ein weiteres Muster im Text der Bibel, eine Metapher, die den Israeliten gut bekannt war: Die Familienmitglieder des Königs hatten einen anderen Status als alle anderen Menschen. Nicht nur in Bezug auf das Erbe des Königtums, sondern während ihres ganzen Lebens. Dieses Muster taucht in der Bibel immer wieder auf, um unser Verhältnis zu Gott zu beschreiben.

    Welche Vorstellung von der Welt hatten denn die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, wo und warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe meine Video Serie Gottes Namen Tragen).

    Der biblische Schöpfungsbericht ist dagegen so komponiert, dass einige Gelehrte ihn für eine Art Liturgie halten: Der 7-Tage Rahmen des Schöpfungsberichts wurde so angelegt, damit er ein Must für die Arbeitswoche der Israeliten ist. Ein Zyklus von 7 Tagen findet sich nicht in anderen antiken Kalendern, die von Himmelskörpern abgeleitet ist. Er kommt gemäß den Büchern Mose aus einem Gebot Gottes und daher ist im hebräischen die 7 eine Zahl für Vollständigkeit. Die Bezeichnung des 7. Tages als Ruhetag findet seinen Anklang in Pslam 132:7-8 oder Jesaja 66:1,2 wo von Gottes Ruheort gesprochen wird. Viele Gelehrte halten 1. Mose 1 (Genesis 1) daher für einen Tempel-Einweihungstext – für den kosmischen Tempel Gottes. Aber das ist ein anderes spannendes Thema, das Jascha Schmitz in einer längeren Video-Serie betrachtet hat: Kosmischer Tempel – Zentrales Thema der Bibel

    Dabei geht es jetzt nicht um eine geheime Botschaft, die in der Bibel versteckt ist. Es geht um das Muster eines Tempels, das im Text der Bibel immer wieder verwendet wird. Eine Metapher, mit der die Israeliten und Menschen der Antike völlig vertraut waren. Ein Tempel war der Ort der Präsenz eines Gottes oder einer Göttin. In der Kosmologie der Israeliten war der Bereich Jahwes und der der Menschen getrennt. In Verbindung mit dem Sinai, der Bundeslade und später dem Tempel wird aber im Alten Testament von der Gegenwart oder Präsenz Jahwes gesprochen. Und so auch in der Genesis – im Schöpfungsbericht in 1. Mose. Und zwar in Verbindung mit dem Garten Eden im Paradies und den Menschen. Dieses Muster von Eden findet sich später wieder in der Konstruktion und den Darstellungen in der Stiftshütte, dem Tempel und weiter bis zu Offenbarung.

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Eine interessante Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darauf gehen wir im nächsten Teil ein.

  • Die Zoom-Gemeinde: Text, Kontext, Konsequenzen – Teil 1

    Die Zoom-Gemeinde: Text, Kontext, Konsequenzen – Teil 1

    Von Christian


    „Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“ ist eine gängige aber doch recht allgemein gehaltene Behauptung, die man immer wieder hört, wenn es um die Gestaltung von Hausgemeinden, Bibelkreisen oder auch Gemeinschaften geht, die sich über das Internet treffen. Letztere nenne ich im Folgenden einfach eine ‚Zoom-Gemeinde‘.1 Was ist jedoch mit dieser Behauptung genau gemeint? Wie wir sehen werden, erkennt man die Herausforderungen und volle Tragweite dieser Aussage erst, wenn man sie genauer analysiert oder im Alltag anwendet. Oder wenn zum Beispiel die Gemeinschaft im Falle einer Zoom-Gemeinde immer weiteren Zulauf erhält.

    Eines möchte ich gleich zu Anfang betonen: Es soll keinesfalls der Eindruck entstehen, dass es ‚falsch‘ ist, wenn sich Gläubige auch unter Verwendung moderner Kommunikationsmittel treffen und austauschen. Oft geht das gar nicht anders aufgrund der Entfernung oder gesundheitlicher Gründe. Das ist dann eher so, wie wenn man andere Gläubige zu sich nach Hause einlädt.

    Was passiert aber, wenn immer mehr Personen beteiligt sind? Wenn die Größe einer Gemeinde erreicht oder überschritten wird? Wenn Vorträge für hunderte Zuschauer gehalten werden? Wenn die Organisation auf Zusammenkünfte in anderen Sprachen ausgeweitet wird? Dann wird es in Bezug auf viele Punkte spannend, wenn man meint, man könne es ‚genauso machen wie die Christen im 1. Jahrhundert‘. Und darum geht es in dieser Serie.

    Dabei ist es schon ziemlich interessant, was wir dazu wirklich im Text des Neuen Testaments finden. Damit beginnen wir diese Serie. Danach schauen wir uns den historischen Kontext genauer an. Und schließlich wollen wir uns die Konsequenzen vor Augen führen, wenn man das wirklich so umsetzen würde: „Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“.

    Schauen wir uns also erst einmal ‚die Gemeinde im 1. Jahrhundert‘ genauer an. Was sagt der Text des Neuen Testaments darüber?

    Der Text des Neuen Testaments

    Die Gemeinde zur Zeit Jesu

    Sollten wir uns nicht zuerst fragen, was Jesus selbst zum Thema zu sagen hat? Was sagte Jesus darüber, wie seine Nachfolger zusammenkommen und sich organisieren sollten? Nun, dies:

    „“

    Jesus Christus zur Organisation der Gemeinde seiner Jünger

    Oder anders gesagt: Während Jesu Tätigkeit gab es keine Gemeinde in dem Sinn, wie wir es heute verstehen. Uns ist in den Evangelien überhaupt nichts darüber überliefert, was Jesu selbst zu dem Thema gesagt hat. Obwohl ihm doch viele folgten. Und er auch 12 Apostel ausgewählt hat. Und dann auch 70 weitere auswählte und sie ausgesandt hat. Und Frauen ihn auf Reisen begleiteten.

    Was Jesus seinen Jüngern jedoch versichert hat, war dies:

    Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich in ihrer Mitte.

    Matthäus 18:20 NEÜ

    Das Matthäus Evangelium schließt mit diesen Worten ab:

    Und als sie ihn sahen, warfen sie sich ⟨vor ihm⟩ nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat zu ⟨ihnen⟩ und redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.

    Matthäus 28:17-20 Elberfelder

    Sicher war das eine überraschende und äußerst große Aufgabe. Aber hat denn keiner gefragt: „Und wie sollen wir das tun, Herr? Wie organisieren wir das Taufen und Lehren?“ Vielleicht vertrauten sie einfach darauf, dass Jesus doch bei ihnen wäre und das später erklären würde. Wie er das bisher immer getan hatte.

    Allerdings klingt der Schluss in Markus anders:

    Schließlich zeigte sich Jesus den elf Jüngern selbst, als sie beim Essen waren. Er rügte ihren Unglauben und Starrsinn, weil sie denen nicht hatten glauben wollen, die ihn als Auferstandenen gesehen hatten. Dann sagte er zu ihnen: „Geht hinaus in die ganze Welt und macht die Freudenbotschaft Gottes allen Menschen bekannt. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden. Wer aber ungläubig bleibt, wird von Gott verurteilt werden.

    Markus 16:14-16 NEÜ

    Das klingt jetzt eher so, also ob sie predigen sollen und der Rest erledigt sich von selbst. Als gäbe es gar keine Veranlassung, über Gemeinden nachzudenken. Das ist allerdings der lange Schluß, der ebenso wie der kurze Schluß, der auch existiert, vermutlich nicht authentisch ist.

    In Lukas finden wir nur dies:

     „So steht es geschrieben“, erklärte er ihnen, „und so musste der Messias leiden und sterben und am dritten Tag danach von den Toten auferstehen. Und in seinem Namen wird man allen Völkern predigen, dass sie zu Gott umkehren sollen, um Vergebung der Sünden zu erhalten. Das beginnt in Jerusalem.

    Lukas 24:46,47 NEÜ

    Und im Johannes-Evangelium finden wir gar keine Anweisungen zum Schluss. Aber vielleicht gab es ja später mehr Anweisungen durch den ‚Helfer‘ oder den Heiligen Geist?

    Die Jerusalemer Gemeinde (Anfänge)

    Nachdem wir in den Evangelien nichts zum Thema gefunden haben, ist es doch nahliegend, sich die Apostelgeschichte anzuschauen. Lukas berichtet in der Apostelgeschichte, was nach Jesu Auferstehung und kurz vor seiner Himmelfahrt geschah:

    Deshalb fragten sie ihn bei nächster Gelegenheit: „Herr, wirst du dann das Reich Israel wiederherstellen?“ Jesus erwiderte: „Die Zeiten und Fristen dafür hat der Vater selbst [Wörtlich: in der ihm eigenen Vollmacht.] festgelegt. Ihr müsst das nicht wissen. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist über euch gekommen ist, und so meine Zeugen sein in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis in den letzten Winkel der Welt.“

    Apostelgeschichte 1:6-8

    Also immer noch keine weiteren Anweisungen. Ist dir aufgefallen, was sie durch den Heiligen Geist bekommen sollten? ‚Kraft‘. Hier steht nichts von besonderer Fähigkeit, die die Schriften ‚richtig‘ zu verstehen. Aber das nur nebenbei. Was taten die Jünger?

    Und als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach, wo sie sich aufzuhalten pflegten: Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas; Philippus und Thomas; Bartolomäus und Matthäus; Jakobus, der Sohn des Alfäus, Simon der Eiferer und Judas, der Sohn des Jakobus. Dort hielten sie alle einmütig fest am Gebet, zusammen mit den Frauen, mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Geschwistern.

    Und in diesen Tagen stand Petrus im Kreis der Brüder auf – es waren etwa hundertzwanzig Personen versammelt – und sprach:

    Apgs 1:13-15 NEÜ

    Dann kam Pfingsten 33 u.Z.:

    Als der Pfingsttag anbrach, waren alle wieder beieinander.

    Apg 2:1 NEÜ

    Und da geschah etwas Außergewöhnliches: Die Ausgießung des heiligen Geistes. Zu dieser Zeit waren viele ‚gottesfürchtige jüdische Männer aus aller Welt’ (Apg 2:5 NEÜ) in Jerusalem. Sie hatten bisher nur die Anweisung, zu predigen, und dann geschah dies:

    Alle nun, die seine Botschaft bereitwillig annahmen, wurden getauft. Etwa 3000 Personen kamen an jenem Tag dazu. Sie hielten beharrlich an der Lehre der Apostel fest, an der geschwisterlichen Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den gemeinsamen Gebeten. Jeden Einzelnen ergriff eine tiefe Ehrfurcht vor Gott, und durch die Apostel geschahen viele Wunder und außergewöhnliche Zeichen. Alle Gläubiggewordenen aber bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Wer ein Grundstück oder anderen Besitz hatte, verkaufte es und verteilte den Erlös an die Bedürftigen. Tag für Tag waren sie einmütig im Tempel zusammen, trafen sich in ihren Häusern zum Brechen des Brotes und zu gemeinsamen Mahlzeiten. Alles geschah mit großer Freude und aufrichtiger Herzlichkeit. Sie lobten Gott und waren im ganzen Volk angesehen. Täglich fügte der Herr solche, die gerettet wurden, ‹ihrer Gemeinschaft› hinzu.

    Apg. 2:41-47 NEÜ

    Zweimal wird erwähnt, dass alle zusammenkamen, und zwar etwa 120, was für ein Obergemach schon viel ist. Sie waren im Tempel, trafen sich in ihren Häusern zum Abendmahl und zu gemeinsamen Mahlzeiten und Gebeten. Und das jetzt mit 30mal soviel Personen! Und es wurden immer mehr. Und immer noch keine Anweisungen zur Durchführung von Zusammenkünften! Interessanterweise werden hier die Synagogen nicht erwähnt. Aber wir können schon einmal festhalten, was sie taten:

    Gemäß der Apostelgeschichte traf sich die Jerusalemer Gemeinde im Tempel und in Häusern. Die Synagogen werden nicht erwähnt.

    In den Häusern: (1) Hielten sie beharrlich an der Lehre der Apostel fest, (2) sie brachen das Brot (Abendmahl, Eucharistie), (3) gemeinsame Gebete, (4) gemeinsame Mahlzeiten, (5) hatten alles gemeinsam.

    „Alles geschah mit großer Freude und aufrichtiger Herzlichkeit.“

    In Apostelgeschichte 4 finden wir einen weiteren interessanten Hinweis:

    Die ganze Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete etwas von seinem Besitz als privates Eigentum. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. Machtvoll bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus und ein großer Segen lag auf ihnen allen. Keiner in der Gemeinde musste Not leiden, denn wer ein Haus oder ein Grundstück besaß, verkaufte es, wenn nötig, und stellte das Geld der Gemeinde zur Verfügung. Man tat das, indem man es vor die Apostel hinlegte. Davon wurde jedem Bedürftigen zugeteilt, was er brauchte.

    Apg 4:32-35 NEÜ

    Wir halten fest:

    Die 12 Apostel spielten also eine entscheidende Rolle.

    „Die ganze Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.“

    „Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam.“

    Es dauerte jedoch nicht lange, und es gab Probleme:

    Damals, als die Zahl der Jünger ständig wuchs, gab es auch Unzufriedenheit in der Gemeinde. Die Hellenisten [Griechisch sprechende Juden, die außerhalb Israels geboren und erst im Alter nach Jerusalem gezogen waren.] beschwerten sich nämlich über die Hebräer [In Israel geborene Juden, die Hebräisch bzw. Aramäisch sprachen.], weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden.

    Apg. 6:1 NEÜ

    Es gab also trotz der Ausgießung des Heiligen Geistes Probleme! Trotz der ‚offenkundingen Leitung durch den Geist‘? Was sollte man tun? Es gab ja immer noch keine Anweisungen von Jesus. Hat der Heilige Geist das in diesem Fall geregelt?

    Da riefen die Zwölf die ganze Versammlung der Jünger zusammen und sagten: „Es ist nicht richtig, dass wir die Verkündigung des Wortes Gottes vernachlässigen und uns um die Verteilung der Lebensmittel kümmern. Seht euch deshalb nach sieben Männern unter euch um, Brüder, denen wir diese Aufgabe übertragen können. Sie müssen einen guten Ruf haben und mit dem Heiligen Geist und mit Weisheit erfüllt sein. Wir selbst werden uns weiterhin dem Gebet widmen und der Weitergabe des ‹göttlichen› Wortes.“ Mit diesem Vorschlag waren alle einverstanden. Sie wählten Stephanus, einen glaubensvollen und mit dem Heiligen Geist erfüllten Mann, dann Philippus, Prochorus und Nikanor, Timon und Parmenas und Nikolaus, einen Mann aus Antiochia, der zum Judentum übergetreten war. Diese sieben stellten sie vor die Apostel, die ihnen betend die Hände auflegten.

    Apg. 6:2-6 NEÜ

    Die 12 Apostel leiteten die Gemeinde in Jerusalem.

    Später wurden 7 Männer (keine Frauen) für andere Aufgaben ausgewählt.

    Mit dem Wachstum kam es zu Problemen und Unzufriedenheit.

    Übrigens: Ist die aufgefallen, dass die 12 die ganze Versammlung der Jünger zusammenrief? Also bei 120 im Obersaal kein Problem. Aber wir hatten doch von 3000 und noch mehr gelesen … Und wie ist das mit der ‚Leitung durch den Heiligen Geist‘ hier? Lies noch einmal nach und denke darüber nach.

    Weiter lesen wir in der Apostelgeschichte, dass später Jakobus, ein Bruder Jesu, sowie weitere Älteste in der Jerusalemer Gemeinde waren: „Gleich am nächsten Tag ging Paulus mit uns zu Jakobus, wo sich auch alle Ältesten der Gemeinde einfanden.“ (Apg. 21:18)

    Kurz nach Gründung der ersten Gemeinde in Jerusalem, vielleicht schon im Jahr 34, wurde Stephanus gesteinigt, eine Verfolgungswelle setzte ein und die Jerusalemer Gemeinde änderte sich:

    Die nun, welche sich zerstreut hatten seit der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhoben hatte, zogen bis nach Phönizien und Zypern und Antiochia und redeten das Wort zu niemand als nur zu Juden.

    Apostelgeschichte 11:19 Schlachter 2000

    Nicht lange danach kam es zur Steinigung des Stephanus, zu Verfolgung der Gemeinde in Jerusalem und viele wurden zerstreut und zogen weit weg.

    Wir wirkte sich das aus? Was erfahren wir über die Gemeinden in der apostolischen Zeit? Das betrachten wir in der nächsten Folge.

    1. Ich bekomme von Zoom keine Vergütung für die Verwendung des Begriffs. Es ist nur eines der bekannten und häufig verwendeten Hilfsmittel für solche Online-Zusammenkünfte. ↩︎
  • Von Hoffnung überrascht – Teil 1

    Von Hoffnung überrascht – Teil 1

    Von Christian


    Kann es denn überhaupt so sein, dass wir heute in Bezug auf die Hoffnung, die wir in der Bibel erhalten, noch irgendwie überrascht sein können? Ist denn dazu nicht schon alles verstanden, geschrieben und gesagt worden? Bildet sich hier etwa jemand ein, es besser zu wissen als die ersten Christen, die ‚Kirchenväter‘, die großen theologischen Denker des Mittelalters und der Reformation?

    Schon an der Aufzählung in der letzten Frage ist uns vielleicht aufgefallen, dass der Fokus hier stark auf der ‚Westkirche‘ lag. Zum Beispiel fehlen in der Aufzählung die ‚Ostkirche‘, also die griechisch orthodoxe Kirche und die Kirchen des Nahen Ostens. Oder die weitere Entwicklung im Judentum. Und all deren Hoffnungen geht zum Teil weit auseinander.

    Aber können wir heute denn überhaupt mehr wissen über das Alte Testament, das Neue Testament und den Kontext, in dem diese geschrieben wurden, als sogar die Kirchenväter? Hier muss man mit einem klaren Ja antworten. Warum ist das so?

    Weil uns heute viel mehr Quellen der Antike zur Verfügung stehen und man die verwendeten Sprachen besser versteht. Was kannten die Kirchenväter denn? Sie hatten nur sehr wenige Quellen zu Verfügung. Viele waren Teil einer lokalen verfolgten Gruppe und keine Wissenschaftler mit Zugriff auf riesige Bibliotheken und Computer. Und sie waren nicht einmal näher an den verwendeten Sprachen als wir heute. Wie bitte? Was denkst du, wie viele der Kirchenväter zum Beispiel das Alte Testament in Hebräisch lesen konnten? Nicht einmal eine Handvoll! Und warum wurde wohl Hieronymus Ende des vierten Jahrhunderts beauftragt, eine lateinische Übersetzung der Bibel (später Vulgata genannt) zu erstellen? Nicht nur wegen den Unterschieden in den existierenden lateinischen Übersetzungen. Dass es lateinische Übersetzungen gab, zeigt schon, dass die meisten nicht einmal Griechisch konnten. Und auch Hieronymus überstetze das Alte Testament aus der Septuaginta, also der griechischen Übersetzung und seine Kenntnisse des Hebräischen sind unklar. (Siehe Serie Der Kanon des Neuen Testaments).

    Schon ab dem zweiten Jahrhundert hatte man sich im Denken und der Argumentation weit zum Beispiel von den Briefen des Paulus und den Texten des ersten Jahrhunderts entfernt. Und das Alte Testament als ‚veraltet‘ beiseite geschoben. (Siehe Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen)

    Nicht übersehen sollten wir auch den starken Einfluß der griechischen Philosophie, insbesondere Platon, auf die christliche Lehre und Theologie und sogar das Judentum zur Zeit Christi. Wann wurden die Lehren von Himmel, Hölle, Fegefeuer und unsterblicher Seele in der heutigen Form geprägt? Finden wir sie im Text des Alten oder Neuen Testaments? Bei den Kirchenvätern? Oder erst ab dem Mittelalter? Wir werden sehen.

    Es geht also darum, mit all den Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, zurück zum Text des Alten und Neuen Testaments zu gehen. Was kann ein Bibelgelehrter heute dazu sagen, was zum Beispiel ein Apostel Paulus geschrieben hat? Oder in den Evangelien zu finden ist? Was war die Botschaft, welche die Christen im ersten Jahrhundert gehört und verkündet haben? Darum wird es in dieser Video Serie gehen.

    Erfreulicherweise gibt es das Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright auch in deutscher Übersetzung: Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Daher möchte ich in dieser Serie nur die Grundzüge darstellen und jeden auffordern, das Buch selbst zu lesen und die Argumente anhand der Bibel selbst zu prüfen.

    Vorausschicken möchte ich kurz ein paar Informationen über N. T. Wright. Nicht, weil ein Argument wichtiger oder richtiger wird, weil ein anerkannter Gelehrter es sagt. „Nicholas Thomas Wright, besser bekannt als N. T. Wright oder Tom Wright, war Professor für Neues Testament und frühe Christenheit an der University of St Andrews, anglikanischer emeritierter Bischof von Durham (England) und einer der führenden neutestamentlichen Theologen und Leben-Jesu-Forscher im englischen Sprachraum. Seit 2019 arbeitet er als Senior Research Fellow an der University of Oxford. … Wright ist ein eigenständiger, unkonventioneller Denker, der moderne und klassische Auslegungen in Frage stellt, und der schwer einzuordnen ist. Er legt komplexe theologische Themen, klar und gut lesbar dar, um den Leser hierdurch zum Nachdenken anzuregen.“ (Wikipedia) Hören wir uns also einmal an, was jemand zu sagen hat, der sich Jahrzehnte in seiner akademischen Forschung mit dem Text des Neuen Testaments und insbesondere den Paulinischen Briefen beschäftigt hat.

    Beginnen wir mit einem wichtigen Hinweis im Vorwort (S. 14).

    Alle Sprache über die Zukunft ist, wie jeder Ökonom oder Politiker bestätigen wird, nicht mehr als eine Reihe von Schildern, die in den Nebel weisen. Wir schauen durch ein dunkles Glas, sagte Paulus, als er auf das schaute, was kommt. Unsere gesamte Sprache über zukünftige Zustände der Welt und von uns selbst besteht aus komplexen Bildern, die mehr oder auch weniger gut mit der letztendlichen Wirklichkeit übereinstimmen. Das heißt aber nicht, dass die Sache völlig unklar ist oder dass jede Meinung zu diesen Dingen gleichwertig ist. Und was wäre, wenn uns jemand aus dem Nebel entgegenkäme, um uns zu begegnen? Das ist natürlich die zentrale, wenn auch oft ignorierte christliche Glaubensüberzeugung.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 14,15

    Insofern sollte niemand behaupten, er wisse ganz genau, wie die Hoffnung und Zukunft eines Christen aussehen wird. Wenn doch schon ein Paulus sagt, dass er und seine Zeitgenossen dies nicht tun konnten, obwohl sie den heiligen Geist hatten (1. Korinther 13:12).

    Welche Hoffnung hast du?

    Damit sind wir an dem Punkt angelangt, an dem du dir einmal kurz überlegen solltest, welche Hoffnung du hast.

    Als Katholik glaubst du vermutlich, dass du nach dem Tod in den Himmel kommst. Bloß nicht auf ewig in die Hölle. Und nur kurz im Fegefeuer. Interessanterweise wurden Himmel und Hölle in den Koran und damit den Isalm übernommen, obwohl das so weder im Alten noch Neuen Testament zu finden ist. Als Protestant hoffst du vermutlich auch, in den Himmel zu kommen. Aber das mit der Hölle … zu grausam. Vielleicht kommen ja einmal alle Menschen in den Himmel? Bei manchen hört sich das sehr nach asiatischen Religionen und Philosophien an. Wieder mit Gott (oder dem Universum?) vereint werden.

    Besonders möchte ich – nicht nur wegen meiner eigenen Erfahrungen – auf die Hoffnung von Jehovas Zeugen und Ex-Zeugen eingehen, weil diese oft eine interessante Wendung erfährt.

    Als Jehovas Zeugen noch Bibelforscher waren, glaubten sie im Wesentlichen auch, dass sie wie alle Christen in den Himmel kommen. Als sich die jahrelang verkündete Hoffnung „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ 1925 nicht erfüllt hat, musste der Umzug in den Himmel halt verschoben werden. In den 1930er Jahren hat dann der Präsident der Watchtower Bible & Tract Society J. F. Rutherford seinen Anhängern nicht nur den Namen Jehovas Zeugen verpasst, sondern auch eine neue Hoffnung: Nur noch ein kleiner Überrest der buchstäblich aufgefassten 144.000 gesalbten Christen käme in den Himmel, um mit Jesus zu herrschen. Alle anderen wären ‚andere Schafe‘ und würden auf der Erde bleiben. (Siehe Video Wahre Anbetung identifizieren, Teil 8: Die Lehre der Zeugen Jehovas über die ‚Anderen Schafe‘)

    Viele sind aber mittlerweile aufgewacht und haben erkannt, dass J. F. Rutherford diese Lehre von den ‚anderen Schafen‘ damals nur anhand von eigenen, an den Haaren herbeigezogenen Vorbild-Gegenbild Vergleichen begründet hat. Daher werden diese Original-Artikel aus den 1930er Jahren auch in der Wachtturm-Literatur schon lange nicht mehr zitiert. Dann würde es ja jedem auffallen.

    Dadurch passiert nun aber Folgendes: Wenn es keine zwei Hoffnungen gibt, wie es die Zeugen Jehovas lehren, sondern nur eine Hoffnung für alle Nachfolger Jesu, dann ist es doch die … himmlische, nicht wahr? Also kommen die ‚Kinder Gottes‘ alle in den Himmel. Willkommen im Schoß der Kirche, möchte ich da sagen. Aber nicht ganz. Was ist mit den anderen? Kommen die ins Fegefeuer und die Hölle? Nun, wer Jahre und Jahrzehnte lang gepredigt hat, dass die Bibel zeigt, dass es keine Hölle und keine unsterbliche Seele gibt, wird das vermutlich nicht glauben. Aber was dann? Werden solche Menschen doch beim Schlußgericht ‚für immer vernichtet‘? Klingt das nicht immer noch so wie aus der Predigtdienst-Toolbox der Zeugen Jehovas? Und was geschieht zwischen dem Tod als Mensch und der Zukunft? Sind wir dann ‚im Gedächtnis Gottes‘? Klingt auch irgendwie bekannt …

    Ich frage mich, wieviele ‚Beweistexte‘ dir jetzt für das eine odere andere schon durch den Kopf gegangen sind. Aber damit ziehen wir immer noch viel zu früh unsere Schlüsse. Weil wir unbewusst noch ganz viele Ideen als Vorraussetzungen in unserem Denken haben. Und weil das Lesen der Bibel in der Regel nicht reicht. Selbst unter Gebet und mit heiligem Geist nicht. Denn der müsste wahre Wunder vollbringen, weil wir weder die Texte in den ursrpünglichen Sprachen lesen können noch mit dem damaligen Kontext. Wir verstehen die Bedeutung der Worte und Redewendungen nicht. Oft entgeht uns sogar der schon fast offensichtliche Bezug auf das Alte Testament, wenn auf die Septuaginta bezug genommen wird oder Sprachbilder davon verwendet werden. Oder die Verwendung gewisser Worte und Begriffe im ersten Jahrhundert. Was damals für jeden Nachfolger Christi vielleicht klar war, erklärt sich für uns nicht von selbst. Und schlimmer noch: Wir lesen in den Übersetzungen Begriffe und verbinden sie mit Vorstellungen, welche die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert gar nicht gehabt haben.

    Daher kann das Motto jetzt nur lauten: Zurück zum Text! Und zurück zum Kontext!

    Und genau damit fangen wir im nächsten Teil an.

  • Der Kanon des Neuen Testaments: Vorwort

    Der Kanon des Neuen Testaments: Vorwort

    Von Christian


    Nachdem ich im Jahr 2023 diese Serie über den Kanon des Neuen Testaments fertig gestellt hatte, und 2024 leider mit einem neuen YouTube Kanal ‚Beröer Suche‘ nochmals anfangen musste, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um der Serie ein kurzes Vorwort voranzustellen.

    Wenn du dir die 18 Folgen der Serie anschaust, dann begibst du dich mit mir auf eine Entdeckungsreise. Es kann gut sein, dass du dich manchmal wie im Tal der Tränen fühlst, aber keine Sorge – es endet nicht hoffnungslos.

    Wenn dir klar wird, dass dir vertraute, liebgewordene und scheinbar wichtige Eckpfeiler deines Glaubens verloren gehen, dann ist das eine schwierige Zeit. So ist es mir auch ergangen. Doch oft ist ein Eckpfeiler da – nur nicht so, wir wir das vielleicht uns vorgestellt haben.

    Die Frage ist, ob du bei einem Glauben stehen bleiben möchtest, der sich gut anfühlt, aber oberflächlich ist und auf Wunschvorstellungen beruht. Das führt oft dazu, dass man sich von anderen Meinungen abkapselt, Angst vor ihnen hat oder mit Überheblichkeit reagiert.

    Oder man sieht den Tatsachen ins Auge, und entwickelt einen reifen, ausgewogenen Glauben. Dazu muss man sich manchmal auch die ‚Gegenseite‘ anhören. Und lernen, mit Unsicherheiten umzugehen.

    Wenn wir von der Bibel – und insbesondere dem Neuen Testament, das wir hier behandeln – nichts erwarten, was uns nie zugesichert wurde, werden wir viel dankbarer für das sein, was wir haben. Texte des Glaubens für unseren Glauben.

  • Gottes Namen Tragen – Teil 1

    Gottes Namen Tragen – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Gedanken aus dem Buch Bearing God’s Name – Why Sinai still matters (Gottes Namen tragen – warum der Sinai noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Das Buch ist die auch für Laien gut lesbare Darstellung der Doktorarbeit von Professor Imes. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Aber warum ist das für uns heute überhaupt interessant? Im Vorwort ihres Buches beschreibt Imes sehr gut die üblichen Vorbehalte: „Das Alte Testament hat aus vielen Gründen einen schlechten Ruf bekommen. Zu gewalttätig. Zu verwirrend. Zu abgehoben. Zu legalistisch. Zu veraltet.“ Was vielen im Alten Testament fehlt, ist die Gnade, die im Neuen Testament so wesentlich erscheint. Wir werden sehen, dass dies gar nicht der Fall ist und gerade Christen das Alte Testemant mehr denn je brauchen.

    Wir werden auch sehen, was der Text aus 2. Mose 20:7 „Du darfst den Namen Jahwes, deines Gottes, nie missbrauchen!“ (NEÜ) eigentlich wirklich gemäß dem Urtext bedeutet. Die Tragweite der eigentlichen Bedeutung ist heute noch die selbe wie damals, wie aus den ersten Worte des Vorworts von Christopher J. H. Wright hervorgeht: „“Und du nennst dich selbst einen Christen!” Das war so ziemlich das Schlimmste, was wir als junge Christen in meiner nordirischen Kindheit zu hören fürchteten.… Was auch immer es war, der schlimmste Vorwurf von anderen Kindern (oder am schlimmsten von einem Lehrer) wäre: “Und du nennst dich selbst einen Christen!”“

    Daher werden wir uns nun nicht nur mit 2. Mose 20:7 sondern dem mosaischen Gesetz und den Ereignissen am Sinai damals beschäftigen. Ich weiß, was du jetzt denkst: Das ist ja so trocken wie die Wüste am Sinai! Aber du wirst dich wundern. Mit einem guten Reiseführer durch diese Ereignisse wird das sehr interessant werden.

    Stellen wir uns nur einmal vor, was die Israeliten alles erlebt hatten, bis sie am Sinai waren. Was brauchst du zum Leben, wenn du nach all dem auf dem Weg durch die Wüste bist? Und was bekommt Moses von Gott? Das Gesetzt mit all seinen Regeln. Doch wie sieht Moses das?

    Seht, ich habe euch Ordnungen und Rechte gelehrt, so wie Jahwe, mein Gott, es mir befahl, damit ihr danach handelt in dem Land, das ihr in Besitz nehmen werdet. Vergesst sie nicht und richtet euch danach! Denn darin besteht eure Weisheit und Einsicht in den Augen der Völker. Wenn sie von diesen Ordnungen hören, werden sie sagen: „Was für ein weises und einsichtiges Volk ist diese große Nation!“ Denn welche große Nation hat Götter, die ihr so nahe sind wie Jahwe, unser Gott, wann immer wir zu ihm rufen? Und wo gibt es eine große Nation, die so gerechte Ordnungen und Vorschriften hätte wie dieses Gesetz, das ich euch heute vorlege.

    5. Mose 4:5-8 NEÜ

    Mit anderen Worten: Die Israeliten haben mit dem Gesetz etwas Kostbares bekommen, auf das die anderen Nationen neidisch sein werden!

    Aber wird werden uns gar nicht so sehr mit den 10 Geboten oder den vielen einzelnen Vorschriften beschäftigen, sondern dem Gesamtbild. Wir werden erkennen, dass die fünf Bücher Mose einen interessanten Rahmen enthalten, der uns beim Lesen vielleicht noch nie bewußt aufgefallen ist, weil wir schließlich nur noch Details gesehen haben. Wir werden über den eigentlichen Zweck des Gesetzes und die Aufgabe der Israeliten sprechen. Und wie im Neuen Testament dies wieder aufgenommen wird. Weil Gott seinen Plan nicht aufgegeben hat, sondern allen Menschen die Möglichkeit gibt, die ursprüngliche Mission zu erfüllen.

    Das Volk werden, das Gottes Namen trägt

    Ägypten verlassen

    Kontext ist alles

    In der Serie Die neue Sicht auf Paulus, die auf dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger. beruht, hatten wir schon gesehen, dass viele Christen folgende Vorstellung haben:

    • In der Zeit des Alten Testaments ging es für Israel darum, durch das Halten des Gesetzesbundes vom Sinai die Rettung zu verdienen.
    • Jesus hat mit dieser Vorstellung aufgeräumt und die Erlösung ohne jedes persönliche Tun zur Verfügung gestellt.

    In jener Serie haben wir aber auch gesehen, dass beide Aussagen nicht auf den Heiligen Schriften sondern den Überlegungen späterer Gelehrter und der Reformation beruhen. Auch Carmen Imes geht in ihrem Buch darauf ein und zeigt, warum die erste Aussage gar nicht stimmen kann:

    Den Kontext berücksichtigen: Israel kommt in 2. Mose 19 am Sinai an und erhält von Jahwe das Gesetz. Die Rettung Israels aus Ägypten finden wir aber sowohl zeitlich als auch im Text schon vorher in 2. Mose 3-14. Das Gesetz vom Sinai kann also nicht die Vorrausetzung für die Rettung Israels aus Ägypten gewesen sein.

    Daher lesen wir auch dies in 2. Mose 6:6

    Sag deshalb zu den Israeliten: ‚Ich bin Jahwe. Ich befreie euch von der Zwangsarbeit für die Ägypter. Ich rette euch aus der Sklaverei. Mit starker Hand und durch große Strafgerichte werde ich euch erlösen.

    2. Mose 6:6 NEÜ

    Gott hat nicht erst einmal geprüft, ob sie vielleicht noch Götzen zu Hause hatten oder in Bezug auf die Moral dem Gesetz genügten. Ihre Rettung hatte nichts mit ihrer Rechtschaffenheit oder ihrem Handeln zu tun, sondern mit seinem Versprechen gegenüber ihrem Vorvater Abraham.

    Dabei ist noch folgender Aspekt zu 2. Mose 12:13 interessant :

    Das Blut an den Häusern, in denen ihr euch befindet, soll ein Schutzzeichen für euch sein. Wenn ich das Blut sehe, werde ich vorübergehen, [Hebräisch: pasachti, wovon Passa abgeleitet ist.] und der Schlag, mit dem ich das Land Ägypten treffe, wird euch nicht verderben.

    2. Mose 12:13 NEÜ

    Das hebräische Wort pasachti, von dem unser Passa abgeleitet ist, kann mit ‚vorübergehen‘ übersetzt werden. In diesem Kontext macht aber eine andere Bedeutung mehr Sinn, wie sie auch z.B. in Jesaja 31:5 zu finden ist.

    In 2. Mose 12:13,23,27 geht Jahwe nicht an Israel vorbei, sondern ‚beschützt‘ es.

    Der Rahmen des Sinai: Die Wanderungen in der Wildnis

    Der Bericht über Israel und den Sinai enthält eine weitere Besonderheit, die uns beim Lesen so vielleicht noch nie aufgefallen ist. In 4. Mose 33 wird die gesamte Route der Wanderung Israels von Ägypten nach Kanaan beschrieben. Auf dieser Route gibt es zweiundvierzig Lagerplätze. Lesen wir aber aufmerksam die Berichte in 2. Mose 12-18 und 4. Mose 11-32, dann kommen wir nur auf sechs Lagerplätze jeweils vor und nach dem Sinai. Und alle beginnen mit der selben hebräischen Phrase: „und sie brachen auf.“ Damit haben wir keinen Widerspruch in den Büchern Mose gefunden. Beide Berichte erfüllen einen unterschiedlichen Zweck. Und der Zweck der Berichte vor und nach dem Sinai wird in dieser Abbildung aus Carmen Imes Buch deutlich:

    Dass das kein bloßer Zufall ist, sondern ein zur damaligen Zeit und Kultur üblichen Form, etwas zu betonen, wird aus den weiteren symmetrischen Berichten deutlich:

    Vor dem SinaiNach dem Sinai
    6 Lagerorte, „und sie brachen auf“ (2. Mose 12-18)6 Lagerorte, „und sie brachen auf“ (4. Mose 11-32)
    7 mal wird „Wüste“ erwähnt7 mal wird „Wüste“ erwähnt
    Gottes Versorgung mit Manna und Wachteln ( 2. Mose 16) sowie zwei Bitten um Wasser, die durch einen sprudelnden Felsen erfüllt wurden (2. Mose 17:1-7).Gottes Versorgung mit Manna und Wachteln ( 2. Mose 16) sowie zwei Bitten um Wasser, die durch einen sprudelnden Felsen erfüllt wurden (2. Mose 171-7).
    Gottes Engelsbote beschützt die Hebräer vor einem fremden König. (2. Mose 14:19-20)Gottes Engelsbote beschützt die Hebräer vor einem fremden König. (4. Mose 22:21-35)
    Israels Kampf gegen die Amalekiter (2. Mose 17:8-16)Israels Kampf gegen die Amalekiter (4. Mose 14:39-45)
    Mose trifft sich mit einem midianitischen Familienmitglied und erhält eine Handlungsempfehlung ( 2. Mose 18)Mose trifft sich mit einem midianitischen Familienmitglied und erhält eine Handlungsempfehlung (4. Mose 10:29-32)
    Mose ist mit Führungsaufgaben überlastet (2. Mose 18:17-18)Mose beginnt, Aufgaben an andere zu delegieren
    Mose beginnt, Aufgaben an andere zu delegieren (2. Mose 18:24-26)Mose beginnt, Aufgaben an andere zu delegieren (4. Mose 11:16-17) Enthält absichtliches Zitat aus 2. Mose.
    Israeliten klagen, warum sie Ägypten verlassen haben (2. Mose 14:10-12)Israeliten klagen wegen dem Bericht der Kundschafter (4. Mose 14)

    Warum werden die Ereignisse am Sinai durch diesen Rahmen so hervorgehoben? Weil eine dort eine große Transformation stattgefunden hatte: Die Israeliten waren am Sinai im Zustand der Liminalität. Eine Phase des Übergangs, der grundlegenden Änderung ihres Status. Sklaven Ägyptens waren sie nicht mehr. Aber was würden sie werden? Was für ein Gott ist Jahwe? Was würde er von ihnen erwarten? Wie würde ihre Zukunft aussehen?

    Für Israel ist die Reise durch die Wüste von Ägypten nach Kanaan eine Zeit des Übergangs. Sie ist weit mehr als nur ein Übergangsort, sie ist die Stätte von Israels Werden. Die Wildnis ist das vorläufige Ziel, das sie zu dem macht, was sie sind. Übergangsorte tun das immer. Sie verändern uns.

    Gott hat es nicht eilig, sie aus dem Übergangsraum in das Land zu führen, das er ihnen versprochen hat. Sie sind noch nicht bereit.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Wenn wir uns das Ausmaß der Veränderung, die offenen Fragen und die Ungewissheit über die Zukunft und das Wesen des Gottes, der sie gerettet hatte genau vorstellen, verstehen wir auch besser, warum sie scheinbar so schnell Gottes Macht, sie zu retten, vergessen konnten. Wer würde sich in einer Wüste nicht Sorgen um Wasser und Nahrung machen? Umgeben von feindlichen Völkern? „Jahwe weiß das. Es ist bemerkenswert, dass er die Israeliten nicht tadelt, wenn sie sich beschweren oder in Panik geraten, während sie zum Sinai ziehen. Er sorgt einfach für ihre Bedürfnisse. Er nutzt diese Reise, um ihnen seine Vertrauenswürdigkeit zu beweisen.“

    Als der Pharao das Volk ziehen ließ, führte Gott es nicht den Weg durch das Land der Philister,[3] obwohl das der kürzeste Weg gewesen wäre, denn Gott dachte: „Wenn das Volk merkt, dass es kämpfen muss, könnte es seine Meinung ändern und nach Ägypten zurückkehren.“ Aus diesem Grund ließ Gott das Volk einen Umweg machen und führte es den Wüstenweg zum Schilfmeer.

    Jahwe zog vor ihnen her, um ihnen den Weg zu zeigen. Tagsüber führte er sie in einer Wolkensäule und nachts in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht weiterziehen. Tagsüber sahen sie die Wolkensäule vor sich, nachts die Feuersäule.

    2. Mose 13:17-18,21,22 NEÜ

    Vertrauen ist kein Automatismus, und Gott erwartet das auch nicht. Er setzt sich geduldig für Israel ein, bis sie erkennen, dass er ihr Vertrauen wert ist.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Die Israeliten ‚drücken die Schulbank‘ sozusagen. Sie lernen, dass sie jeden Tag auf Gott vertrauen müssen und es auch können. Dass sie jeden Tag von ihm abhängig sind. Auf dem Weg zum Sinai finden die Israeliten heraus, was für ein Gott Jahwe ist und wie sie im Vertrauen auf ihn leben können.

  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1

    Von Christian


    Kann es sein, dass man 2000 Jahre nach Paulus noch irgend etwas Neues über seine Lehren sagen kann? Zum Beispiel, was unsere Hoffnung auf Rettung betrifft? Kurz gesagt, wissen wir doch dies:

    • Im 1. Jahrhundert glaubten die Juden voller Selbstgerechtigkeit, dass sie sich die Rettung durch ihre Werke verdienen konnten.
    • Jesus hat sie deswegen verurteilt und das mosaische Gesetz abgelöst.
    • Paulus hat auch gegen deren Vorstellung argumentiert und dargelegt, dass wir alleine aufgrund des Glaubens und durch Gnade gerettet werden. Unsere Werke spielen dabei überhaupt keine Rolle.

    Richtig? Was wäre, wenn alle drei Aussagen falsch sind? Dass sie eben nicht im Neuen Testamt stehen, Paulus das so nicht gesagt hat, sondern dass es Interpretationen der Reformation sind und manche Begründung erst in den letzten 200 Jahren entstanden sind? Es würde mich nicht wundern, wenn manche jetzt den Kopf schütteln. „Will der jetzt mal so eben zeigen, dass Größen wie Calvin oder Luther falsch lagen?“ Oder vielleicht reagierst du eher so:

    Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das Evangelium selbst, die kirchliche Verkündigung der guten Nachricht von der Erlösung in Christus. [•••] Die neue Sicht bietet letztlich ein anderes Evangelium als das, für das die Reformation Zeugnis abgelegt hat

    Die derzeitige Revision der Rechtfertigungslehre, wie sie von den Verfechtern der so genannten Neuen Sicht auf Paulus formuliert wird, ist nichts weniger als eine grundlegende Ablehnung nicht nur des Protestantismus, der versucht, innerhalb der Bekenntnis- und Lehrlinien der Reformation zu stehen, sondern auch praktisch der gesamten westlichen Rechtfertigungstradition, die mindestens bis zu Augustinus zurückreicht.

    Die Ablehnung der Reformation …. ist ein ziemlich dickes Brett für die neue Sicht auf Paulus.

    Kapitel 7

    Es gibt aber auch Kommentare, die genau das Gegenteil sagen:

    Der Ansatz der reformatorischen Tradition zu Paulus ist grundlegend falsch.

    Kapitel 7

    Schauen wir einmal genau hin, was der Text des Neuen Testaments selbst sagt, und zwar unter Berücksichtigung des Kontextes und nicht von 2000 Jahren theologischer Überlegungen dazu. Du wirst vielleicht überrascht sein, welche deiner Glaubensinhalte möglicherweise gar nicht von Paulus sondern vielmehr von Luther und anderen stammt.

    Diese Serie stützt sich auf diese sehr gute Übersicht zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema der drei Jahrzehnte bis 2011: „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger.

    Anstelle von Polemik wünsche ich mir, dass dieses Buch ein Ort ist, an dem alle, die wirklich danach streben, das Denken des Paulus und die zentrale Botschaft dieses jüdischen Apostels Jesu Christi an die Heiden besser zu verstehen, zusammenkommen und gemeinsam nachdenken können.

    Kapitel 1

    Das Buch ist so aufgebaut: Wann und wie kam die neue Sicht auf Paulus auf? Wie entwickelte sich die Diskussion unter den Gelehrten weiter? Welche exegetischen und theologischen Bedenken und Einwände gibt es gegenüber dieser neuen Sicht? Und schließlich ein Kapitel darüber, welche Perspektiven sich durch diese neue Sicht ergeben.

    Für die Ungeduldigen unter uns: In diesem Teil geht es zuerst einmal darum, was denn diese neue Sicht auf Paulus sein soll. Im nächsten Teil kommt dann gleich, was sich dadurch alles ändert. Erst danach werde ich näher auf Details und das Für und Wider eingehen.

    Kapitel 2: Womit hat das alles angefangen?

    Die Veränderung begann damit, dass Gelehrte zunehmend eine Diskrepanz erkannten zwischen der etablierten Sicht über das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels und neueren historischen Erkenntnissen.

    Die etablierte Sicht auf das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels

    Die Sichtweise, welche vor allem im 19. und 20. Jahrhundert von Gelehrten entwickelt wurde, lässt sich so zusammen fassen:

    Ein Jude hält es für selbstverständlich, dass diese Bedingung [für Gottes freisprechende Entscheidung] das Halten des Gesetzes ist, also das Vollbringen von „Werken“, die das Gesetz vorschreibt. Im direkten Gegensatz zu dieser Sichtweise steht die These des Paulus. „durch bzw. aus dem Glauben“.

    Kapitel 2

    Yinger fasst es so zusammen:

    Es ist nicht schwer zu erkennen, wie das Evangelium in fast jedem Punkt als Gegensatz zu dieser Religion empfunden wurde.
    – Gnade gegen Werke
    – Befähigung durch den Geist gegen das harte Joch des Gesetzes
    – Freude gegen Mühsal
    – Zuversicht gegen Angst und
    – „Gott mit uns“ gegen eine ferne Gottheit
    Gelehrte nannten das Judentum dieser Zeit sogar „Spätjudentum“, was bedeutet, dass es sich in einem ernsthaften Niedergang befand und in den letzten Zügen lag.

    Kapitel 2

    Wendepunkt 1977

    Gelehrte widersprachen dieser Vorstellung zusehends. Der Wendepunkt kam mit der Veröffentlichung von E. P. Sanders‘ Paul and Palestinian Judaism im Jahr 1977.

    Anstatt sich die göttliche Gunst durch ihre Werke des Gehorsams gegenüber dem Gesetz zu verdienen, betonten die Juden die freie Wahl Gottes für Israel. Sie wurden allein durch Gnade zu Mitgliedern des auserwählten Volkes Gottes. Das Heil war ein Geschenk und nicht etwas, das sie sich erst verdienen mussten.

    Strenger Gehorsam gegenüber den Geboten war die erwartete Reaktion auf Gottes vorherige rettende Gnade, nicht der Versuch, sie zu verdienen. Sowohl das Volk als auch die einzelnen Menschen innerhalb des Volkes hielten die Gebote nicht, um erlöst zu werden, sondern weil sie erlöst oder gerettet worden waren (siehe Auszug aus Ägypten).

    Kapitel 2

    Sanders prägte den Ausdruck Bundesnomismus (covenantal nomism) dafür und fasste dies in 8 Punkten zusammen:

    1. Gott hat Israel erwählt. [Die Auserwählung, also die Gnade und nicht die verdienstvollen Werke, ist also das grundlegende Datum für die Erlösung im Judentum.]
    2. Und Gott hat das Gesetz gegeben. [Die Tora ist ein Geschenk an Israel, das es in der Lebensweise unterweist, mit der Gott es bereits beschenkt hat; sie ist keine Last.]
    3. Das Gesetz beinhaltet sowohl Gottes Versprechen, die Erwählung aufrechtzuerhalten, als auch
    4. die Verpflichtung zum Gehorsam. [Die Aufrechterhaltung der Erwählung hängt nicht allein von den Bemühungen Israels ab, sondern wird von Gott selbst ermöglicht. Dennoch darf die Bedeutung des tatsächlichen Gehorsams nicht geschmälert werden].
    5. Gott belohnt den Gehorsam und bestraft Übertretungen.
    6. Das Gesetz sieht Mittel zur Sühne vor, und die Sühne führt
    7. zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Bundesbeziehung. [Durch Buße und das Opfersystem sind Vorkehrungen für den Fall getroffen worden, dass Israel sündigt.]
    8. Alle, die durch Gehorsam, Sühne und Gottes Barmherzigkeit im Bund gehalten werden, gehören zu der Gruppe, die gerettet werden wird.

    Seitdem besteht unter Gelehrten zumindest über diese Punkte Übereinkunft:

    • Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht die legalistische Religion, als die es früher karikiert wurde.
    • Der Bundesnomismus ist eine angemessene Beschreibung der jüdischen Soteriologie dieser Zeit.

    [Soteriologie ist die Lehre der Erlösung der Menschheit im christlichen Kontext.] Und warum hat das so große Wellen geschlagen?

    „Einer der zentralen Bausteine der protestantischen Soteriologie ist die Errettung aus Gnade und nicht aus Werken. Diese Entdeckung der unverdienten Gnade Gottes in Jesus Christus wird als einer der großen Fortschritte des christlichen Evangeliums gegenüber dem Judentum angesehen. Das Evangelium der freien Gnade hat das harte Joch des Judentums, das Gesetz zu halten, seine angeblich typische Gesetzlichkeit, ersetzt.“

    Nehmen wir nur einmal eine Aussage von Paulus: „“Wir wissen, dass der Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2,16). Traditionell weist „durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt“ auf den jüdischen Legalismus hin. Aber wenn das Judentum nicht besonders legalistisch war, wovon in aller Welt spricht Paulus dann?“

    Vielleicht ist es dir noch nicht bewusst geworden, aber hier geht es nicht um eine Kleinigkeit:

    Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.

    Kapitel 2

    Und das werden wir in den nächsten Teilen der Serie tun.