Von Christian
Kann es denn überhaupt so sein, dass wir heute in Bezug auf die Hoffnung, die wir in der Bibel erhalten, noch irgendwie überrascht sein können? Ist denn dazu nicht schon alles verstanden, geschrieben und gesagt worden? Bildet sich hier etwa jemand ein, es besser zu wissen als die ersten Christen, die ‚Kirchenväter‘, die großen theologischen Denker des Mittelalters und der Reformation?
Schon an der Aufzählung in der letzten Frage ist uns vielleicht aufgefallen, dass der Fokus hier stark auf der ‚Westkirche‘ lag. Zum Beispiel fehlen in der Aufzählung die ‚Ostkirche‘, also die griechisch orthodoxe Kirche und die Kirchen des Nahen Ostens. Oder die weitere Entwicklung im Judentum. Und all deren Hoffnungen geht zum Teil weit auseinander.
Aber können wir heute denn überhaupt mehr wissen über das Alte Testament, das Neue Testament und den Kontext, in dem diese geschrieben wurden, als sogar die Kirchenväter? Hier muss man mit einem klaren Ja antworten. Warum ist das so?
Weil uns heute viel mehr Quellen der Antike zur Verfügung stehen und man die verwendeten Sprachen besser versteht. Was kannten die Kirchenväter denn? Sie hatten nur sehr wenige Quellen zu Verfügung. Viele waren Teil einer lokalen verfolgten Gruppe und keine Wissenschaftler mit Zugriff auf riesige Bibliotheken und Computer. Und sie waren nicht einmal näher an den verwendeten Sprachen als wir heute. Wie bitte? Was denkst du, wie viele der Kirchenväter zum Beispiel das Alte Testament in Hebräisch lesen konnten? Nicht einmal eine Handvoll! Und warum wurde wohl Hieronymus Ende des vierten Jahrhunderts beauftragt, eine lateinische Übersetzung der Bibel (später Vulgata genannt) zu erstellen? Nicht nur wegen den Unterschieden in den existierenden lateinischen Übersetzungen. Dass es lateinische Übersetzungen gab, zeigt schon, dass die meisten nicht einmal Griechisch konnten. Und auch Hieronymus überstetze das Alte Testament aus der Septuaginta, also der griechischen Übersetzung und seine Kenntnisse des Hebräischen sind unklar. (Siehe Serie Der Kanon des Neuen Testaments).
Schon ab dem zweiten Jahrhundert hatte man sich im Denken und der Argumentation weit zum Beispiel von den Briefen des Paulus und den Texten des ersten Jahrhunderts entfernt. Und das Alte Testament als ‚veraltet‘ beiseite geschoben. (Siehe Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen)
Nicht übersehen sollten wir auch den starken Einfluß der griechischen Philosophie, insbesondere Platon, auf die christliche Lehre und Theologie und sogar das Judentum zur Zeit Christi. Wann wurden die Lehren von Himmel, Hölle, Fegefeuer und unsterblicher Seele in der heutigen Form geprägt? Finden wir sie im Text des Alten oder Neuen Testaments? Bei den Kirchenvätern? Oder erst ab dem Mittelalter? Wir werden sehen.
Es geht also darum, mit all den Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, zurück zum Text des Alten und Neuen Testaments zu gehen. Was kann ein Bibelgelehrter heute dazu sagen, was zum Beispiel ein Apostel Paulus geschrieben hat? Oder in den Evangelien zu finden ist? Was war die Botschaft, welche die Christen im ersten Jahrhundert gehört und verkündet haben? Darum wird es in dieser Video Serie gehen.
Erfreulicherweise gibt es das Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright auch in deutscher Übersetzung: Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).


Daher möchte ich in dieser Serie nur die Grundzüge darstellen und jeden auffordern, das Buch selbst zu lesen und die Argumente anhand der Bibel selbst zu prüfen.
Vorausschicken möchte ich kurz ein paar Informationen über N. T. Wright. Nicht, weil ein Argument wichtiger oder richtiger wird, weil ein anerkannter Gelehrter es sagt. „Nicholas Thomas Wright, besser bekannt als N. T. Wright oder Tom Wright, war Professor für Neues Testament und frühe Christenheit an der University of St Andrews, anglikanischer emeritierter Bischof von Durham (England) und einer der führenden neutestamentlichen Theologen und Leben-Jesu-Forscher im englischen Sprachraum. Seit 2019 arbeitet er als Senior Research Fellow an der University of Oxford. … Wright ist ein eigenständiger, unkonventioneller Denker, der moderne und klassische Auslegungen in Frage stellt, und der schwer einzuordnen ist. Er legt komplexe theologische Themen, klar und gut lesbar dar, um den Leser hierdurch zum Nachdenken anzuregen.“ (Wikipedia) Hören wir uns also einmal an, was jemand zu sagen hat, der sich Jahrzehnte in seiner akademischen Forschung mit dem Text des Neuen Testaments und insbesondere den Paulinischen Briefen beschäftigt hat.
Beginnen wir mit einem wichtigen Hinweis im Vorwort (S. 14).
Alle Sprache über die Zukunft ist, wie jeder Ökonom oder Politiker bestätigen wird, nicht mehr als eine Reihe von Schildern, die in den Nebel weisen. Wir schauen durch ein dunkles Glas, sagte Paulus, als er auf das schaute, was kommt. Unsere gesamte Sprache über zukünftige Zustände der Welt und von uns selbst besteht aus komplexen Bildern, die mehr oder auch weniger gut mit der letztendlichen Wirklichkeit übereinstimmen. Das heißt aber nicht, dass die Sache völlig unklar ist oder dass jede Meinung zu diesen Dingen gleichwertig ist. Und was wäre, wenn uns jemand aus dem Nebel entgegenkäme, um uns zu begegnen? Das ist natürlich die zentrale, wenn auch oft ignorierte christliche Glaubensüberzeugung.
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 14,15
Insofern sollte niemand behaupten, er wisse ganz genau, wie die Hoffnung und Zukunft eines Christen aussehen wird. Wenn doch schon ein Paulus sagt, dass er und seine Zeitgenossen dies nicht tun konnten, obwohl sie den heiligen Geist hatten (1. Korinther 13:12).
Welche Hoffnung hast du?
Damit sind wir an dem Punkt angelangt, an dem du dir einmal kurz überlegen solltest, welche Hoffnung du hast.
Als Katholik glaubst du vermutlich, dass du nach dem Tod in den Himmel kommst. Bloß nicht auf ewig in die Hölle. Und nur kurz im Fegefeuer. Interessanterweise wurden Himmel und Hölle in den Koran und damit den Isalm übernommen, obwohl das so weder im Alten noch Neuen Testament zu finden ist. Als Protestant hoffst du vermutlich auch, in den Himmel zu kommen. Aber das mit der Hölle … zu grausam. Vielleicht kommen ja einmal alle Menschen in den Himmel? Bei manchen hört sich das sehr nach asiatischen Religionen und Philosophien an. Wieder mit Gott (oder dem Universum?) vereint werden.
Besonders möchte ich – nicht nur wegen meiner eigenen Erfahrungen – auf die Hoffnung von Jehovas Zeugen und Ex-Zeugen eingehen, weil diese oft eine interessante Wendung erfährt.
Als Jehovas Zeugen noch Bibelforscher waren, glaubten sie im Wesentlichen auch, dass sie wie alle Christen in den Himmel kommen. Als sich die jahrelang verkündete Hoffnung „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ 1925 nicht erfüllt hat, musste der Umzug in den Himmel halt verschoben werden. In den 1930er Jahren hat dann der Präsident der Watchtower Bible & Tract Society J. F. Rutherford seinen Anhängern nicht nur den Namen Jehovas Zeugen verpasst, sondern auch eine neue Hoffnung: Nur noch ein kleiner Überrest der buchstäblich aufgefassten 144.000 gesalbten Christen käme in den Himmel, um mit Jesus zu herrschen. Alle anderen wären ‚andere Schafe‘ und würden auf der Erde bleiben. (Siehe Video Wahre Anbetung identifizieren, Teil 8: Die Lehre der Zeugen Jehovas über die ‚Anderen Schafe‘)
Viele sind aber mittlerweile aufgewacht und haben erkannt, dass J. F. Rutherford diese Lehre von den ‚anderen Schafen‘ damals nur anhand von eigenen, an den Haaren herbeigezogenen Vorbild-Gegenbild Vergleichen begründet hat. Daher werden diese Original-Artikel aus den 1930er Jahren auch in der Wachtturm-Literatur schon lange nicht mehr zitiert. Dann würde es ja jedem auffallen.
Dadurch passiert nun aber Folgendes: Wenn es keine zwei Hoffnungen gibt, wie es die Zeugen Jehovas lehren, sondern nur eine Hoffnung für alle Nachfolger Jesu, dann ist es doch die … himmlische, nicht wahr? Also kommen die ‚Kinder Gottes‘ alle in den Himmel. Willkommen im Schoß der Kirche, möchte ich da sagen. Aber nicht ganz. Was ist mit den anderen? Kommen die ins Fegefeuer und die Hölle? Nun, wer Jahre und Jahrzehnte lang gepredigt hat, dass die Bibel zeigt, dass es keine Hölle und keine unsterbliche Seele gibt, wird das vermutlich nicht glauben. Aber was dann? Werden solche Menschen doch beim Schlußgericht ‚für immer vernichtet‘? Klingt das nicht immer noch so wie aus der Predigtdienst-Toolbox der Zeugen Jehovas? Und was geschieht zwischen dem Tod als Mensch und der Zukunft? Sind wir dann ‚im Gedächtnis Gottes‘? Klingt auch irgendwie bekannt …
Ich frage mich, wieviele ‚Beweistexte‘ dir jetzt für das eine odere andere schon durch den Kopf gegangen sind. Aber damit ziehen wir immer noch viel zu früh unsere Schlüsse. Weil wir unbewusst noch ganz viele Ideen als Vorraussetzungen in unserem Denken haben. Und weil das Lesen der Bibel in der Regel nicht reicht. Selbst unter Gebet und mit heiligem Geist nicht. Denn der müsste wahre Wunder vollbringen, weil wir weder die Texte in den ursrpünglichen Sprachen lesen können noch mit dem damaligen Kontext. Wir verstehen die Bedeutung der Worte und Redewendungen nicht. Oft entgeht uns sogar der schon fast offensichtliche Bezug auf das Alte Testament, wenn auf die Septuaginta bezug genommen wird oder Sprachbilder davon verwendet werden. Oder die Verwendung gewisser Worte und Begriffe im ersten Jahrhundert. Was damals für jeden Nachfolger Christi vielleicht klar war, erklärt sich für uns nicht von selbst. Und schlimmer noch: Wir lesen in den Übersetzungen Begriffe und verbinden sie mit Vorstellungen, welche die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert gar nicht gehabt haben.
Daher kann das Motto jetzt nur lauten: Zurück zum Text! Und zurück zum Kontext!
Und genau damit fangen wir im nächsten Teil an.


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