Gottes Bild sein – Teil 1

Von Christian / Carmen Joy Imes


In dieser Serie werden wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

Um unsere Berufung und Zukunft als Menschen aus biblischer Sicht besser verstehen zu können, müssen wir in Genesis beim Bericht über die Schöpfung in 1. Mose anfangen. Doch das ist heutzutage ein denkbar schlechter Startpunkt für ein Video, weil praktisch jeder schon eine Meinung dazu hat und damit abschaltet: Von streng wörtlicher Auslegung bis zur völligen Ablehnung gibt es alles.

Worum es in der Genesis aber geht, kann man nur richtig verstehen, wenn wir unseren Kontext des 21. Jahrhundert vergessen – soweit das überhaupt möglich ist – und die Worte mit dem Kontext der Israeliten vor 3500 Jahren lesen. Mindestens drei wesentliche Unterschiede müssen wir berücksichtigen:

  1. Die Menschen damals interessierte nicht „was die Welt im Innersten zusammenhält“, also der heutige wissenschaftliche Ansatz. Sondern wer die Welt ordnet und für ihre Funktionieren verantwortlich ist und sorgt.
  2. Die damalige Vorstellung von Himmel und Erde war eine ganz andere als heute. Nein, es geht nicht darum, dass sie irgendwie beschränkter oder ‚primitiver‘ war. Da die ‚Welt‘ dieser Menschen auf einen sehr überschaubaren Teil der Erde beschränkt war, war so etwas wie ein Globus oder eine Weltkarte unwichtig. Was sie interessierte war eine Beschreibung der ‚Welt‘, in welcher der Bereich der Menschen, der geistigen Wesen, der Toten und die Ordnung des Ganzen einfach verständlich war. Und so waren auch die Weltbilder oder Modelle anderer Völker aufgebaut. Wer heute diese als unwissenschaftlich belächelt, hat deren eigentlichen Zweck nicht verstanden.
  3. Die Israeliten kannten die Weltbilder und Schöpfungsgeschichten aus Ägypten und Mesepotamien. Daher ist ein Vergleich der Genesis mit diesen sehr aufschlußreich.

Muster im biblischen Schöpfungsbericht

Carmen Imes bezieht sich hier auf die Arbeiten verschiedener Gelehrter, insbesondere auf John H. Waltons Arbeiten, die man zum Beispiel in seinem Buch The Lost World of Genesis One finden kann:

The Lost World of Genesis One von John H. Walton

Jascha Schmitz hatte den Inhalt in seiner Video Serie Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt schon ausführlich erläutert. Daher werde ich hier das Ergebnis nur sehr kurz zusammenfassen.

Kurz gesagt geht es im Schöpfungsbericht in der Genesis (1. Mose) nicht darum, wie Gott alles gemacht hat, sondern warum.

Carmen Joy Imes, Being God’s Image

Um das Risiko zu minimieren, unsere eigenen Ideen dem Text der Bibel hinzuzufügen, ist es wichtig, nach Mustern Ausschau zu halten, die der Author verwendet, um Dinge zu betonen. Was in einer Übersetzung meist verloren geht, ist der Rhythmus und die Wiederholung bestimmter Wörter oder Bilder in der Originalsprache des Textes. So ist es auch hier: „Gott sagte“ wird 3 mal für Menschen und 7 mal alles andere verwendet, also 10 mal. „Es werde …“ wird 3 mal für die Himmel und 7 mal für die Erde verwendet, also 10 mal. „machen“ wird 10 mal verwendet, „gemäß ihrer Art“ 10 mal, „Gott sah, dass es gut war“ 7mal usw. Es gibt noch mehr davon. Und wir finden dieses Muster:

Die Symmetrie des Schöpfungsberichts in der Genesis

In die Welt, die in 1. Mose 1:2 noch „formlos und leer“ ist, bringt Jahwe die Ordnung, die wir kennen. Am ersten Tag trennt Jahwe Licht von Dunkelheit, welche dann am vierten Tag mit Sonne, Mond und Sternen bevölkert werden. Am zweiten Tag trennt Jahwe die Wasser – oberhalb und unterhalb – und erschafft so den Himmel dazwischen. Am fünften Tag bevölkert Jahwe diese mit Vögeln und Fischen. Am dritten Tag trennt Jahwe trockenes Land ab und am sechsten Tag werden diese mit Landtieren und Menschen bevölkert.

Menschen der Antike waren nicht daran interessiert, wie die Dinge ins Dasein kamen, sondern warum. Und der Schöpfungsbericht der Genesis in 1. Mose 1 gibt die Gründe an, das Warum: An Tag 1 sorgt Jahwe für Licht und an Tag 4 Himmelskörper, mit denen die Israeliten Zeit messen konnten, was nicht nur für den Ackerbau wichtig war, sondern auch für die Einhaltung der Festtage, welche den Israeliten auch gemäß den Büchern Mose mitgeteilt wurden. An Tag 2 sorgt Jahwe für den Bereich der Luft zwischen den Wassern, damit an Tag 5 Fische und Vögel darin leben können und später noch mehr. An Tag 3 wird das trockenes Land und Vegetation erwähnt, damit am Tag 6 darin Landtiere und der Mensch leben können.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nicht um die wissenschaftliche Beschreibung einer zeitlichen Reihenfolge geht, sondern an Tag 1, 2 und 3 die Bereiche erwähnt werden und symmetrisch dazu an Tag 4, 5 und 6 die ‚Bewohner‘ dieser Bereiche. Auch wenn der 7. Tag danach kommt, geht es hier primär nicht um eine zeitliche Abfolge, sondern den Zweck, das Warum: Alles war gut und Jahwe konnte nun ‚ruhen‘. Nicht im Sinne von ‚ausruhen‘, sondern dass die Ordnung nun hergestellt war. Auch dazu gibt es ausführlichere Erklärungen. Das hier gebrauchte Worte für ‚ruhen‘ wird aber auch in dem Sinne gebraucht, dass die Vorbereitungen jetzt erledigt sind und mit dem eigentlichen Regieren begonnen werden kann.

Sind wir Gedanklich immer noch bei den Israeliten in der Wüste vor 3500 Jahren? Das wurde über Jahwe gesagt, der Gott, der sie aus Ägypten gebracht hat und einen Bund mit ihnen schließen will: Das ist Jahwe, der euer Gott sein wird und ihr sein Volk, das seinen Namen tragen soll. Vergessen wir nicht, die Bericht der Genesis in diesem Kontext zu lesen und zu sehen. Deswegen ist der Bericht so geschrieben worden, wie er ist.

In Verbindung mit dem Schöpfungsbericht, dem Ruhetag Gottes und der späteren Sabbath-Vorkehrung können wir auch schon einmal etwas für unser Leben ableiten:

Der Sabbath ruft uns dazu auf, aufzuhören, wie Sklaven zu arbeiten, sondern anzufangen wie Mitglieder der königlichen Familie zu leben.

Warum hier von einer königlichen Familie gesprochen wird, werden wir im Laufe der Serie noch besser verstehen. Es geht hier um ein weiteres Muster im Text der Bibel, eine Metapher, die den Israeliten gut bekannt war: Die Familienmitglieder des Königs hatten einen anderen Status als alle anderen Menschen. Nicht nur in Bezug auf das Erbe des Königtums, sondern während ihres ganzen Lebens. Dieses Muster taucht in der Bibel immer wieder auf, um unser Verhältnis zu Gott zu beschreiben.

Welche Vorstellung von der Welt hatten denn die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

Being God’s Image, Carmen Y. Imes
Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
Ream of God = Bereich Gottes
Raquia firmament = Firmament
Waters above = Wasser oberhalb
stars = Sterne
windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
Circle of the earth = Kreis der Erde
Foundations of the earth = Grundlage der Erde
Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
The great deep = Die große Tiefe
The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, wo und warum die Dinge so sind, wie sie sind.

Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe meine Video Serie Gottes Namen Tragen).

Der biblische Schöpfungsbericht ist dagegen so komponiert, dass einige Gelehrte ihn für eine Art Liturgie halten: Der 7-Tage Rahmen des Schöpfungsberichts wurde so angelegt, damit er ein Must für die Arbeitswoche der Israeliten ist. Ein Zyklus von 7 Tagen findet sich nicht in anderen antiken Kalendern, die von Himmelskörpern abgeleitet ist. Er kommt gemäß den Büchern Mose aus einem Gebot Gottes und daher ist im hebräischen die 7 eine Zahl für Vollständigkeit. Die Bezeichnung des 7. Tages als Ruhetag findet seinen Anklang in Pslam 132:7-8 oder Jesaja 66:1,2 wo von Gottes Ruheort gesprochen wird. Viele Gelehrte halten 1. Mose 1 (Genesis 1) daher für einen Tempel-Einweihungstext – für den kosmischen Tempel Gottes. Aber das ist ein anderes spannendes Thema, das Jascha Schmitz in einer längeren Video-Serie betrachtet hat: Kosmischer Tempel – Zentrales Thema der Bibel

Dabei geht es jetzt nicht um eine geheime Botschaft, die in der Bibel versteckt ist. Es geht um das Muster eines Tempels, das im Text der Bibel immer wieder verwendet wird. Eine Metapher, mit der die Israeliten und Menschen der Antike völlig vertraut waren. Ein Tempel war der Ort der Präsenz eines Gottes oder einer Göttin. In der Kosmologie der Israeliten war der Bereich Jahwes und der der Menschen getrennt. In Verbindung mit dem Sinai, der Bundeslade und später dem Tempel wird aber im Alten Testament von der Gegenwart oder Präsenz Jahwes gesprochen. Und so auch in der Genesis – im Schöpfungsbericht in 1. Mose. Und zwar in Verbindung mit dem Garten Eden im Paradies und den Menschen. Dieses Muster von Eden findet sich später wieder in der Konstruktion und den Darstellungen in der Stiftshütte, dem Tempel und weiter bis zu Offenbarung.

Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

Eine interessante Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darauf gehen wir im nächsten Teil ein.

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