Von Christian / Carmen Joy Imes
In dieser Serie werden wir uns mit Gedanken aus dem Buch Bearing God’s Name – Why Sinai still matters (Gottes Namen tragen – warum der Sinai noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Das Buch ist die auch für Laien gut lesbare Darstellung der Doktorarbeit von Professor Imes. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.
Aber warum ist das für uns heute überhaupt interessant? Im Vorwort ihres Buches beschreibt Imes sehr gut die üblichen Vorbehalte: „Das Alte Testament hat aus vielen Gründen einen schlechten Ruf bekommen. Zu gewalttätig. Zu verwirrend. Zu abgehoben. Zu legalistisch. Zu veraltet.“ Was vielen im Alten Testament fehlt, ist die Gnade, die im Neuen Testament so wesentlich erscheint. Wir werden sehen, dass dies gar nicht der Fall ist und gerade Christen das Alte Testemant mehr denn je brauchen.
Wir werden auch sehen, was der Text aus 2. Mose 20:7 „Du darfst den Namen Jahwes, deines Gottes, nie missbrauchen!“ (NEÜ) eigentlich wirklich gemäß dem Urtext bedeutet. Die Tragweite der eigentlichen Bedeutung ist heute noch die selbe wie damals, wie aus den ersten Worte des Vorworts von Christopher J. H. Wright hervorgeht: „“Und du nennst dich selbst einen Christen!” Das war so ziemlich das Schlimmste, was wir als junge Christen in meiner nordirischen Kindheit zu hören fürchteten.… Was auch immer es war, der schlimmste Vorwurf von anderen Kindern (oder am schlimmsten von einem Lehrer) wäre: “Und du nennst dich selbst einen Christen!”“
Daher werden wir uns nun nicht nur mit 2. Mose 20:7 sondern dem mosaischen Gesetz und den Ereignissen am Sinai damals beschäftigen. Ich weiß, was du jetzt denkst: Das ist ja so trocken wie die Wüste am Sinai! Aber du wirst dich wundern. Mit einem guten Reiseführer durch diese Ereignisse wird das sehr interessant werden.
Stellen wir uns nur einmal vor, was die Israeliten alles erlebt hatten, bis sie am Sinai waren. Was brauchst du zum Leben, wenn du nach all dem auf dem Weg durch die Wüste bist? Und was bekommt Moses von Gott? Das Gesetzt mit all seinen Regeln. Doch wie sieht Moses das?
Seht, ich habe euch Ordnungen und Rechte gelehrt, so wie Jahwe, mein Gott, es mir befahl, damit ihr danach handelt in dem Land, das ihr in Besitz nehmen werdet. Vergesst sie nicht und richtet euch danach! Denn darin besteht eure Weisheit und Einsicht in den Augen der Völker. Wenn sie von diesen Ordnungen hören, werden sie sagen: „Was für ein weises und einsichtiges Volk ist diese große Nation!“ Denn welche große Nation hat Götter, die ihr so nahe sind wie Jahwe, unser Gott, wann immer wir zu ihm rufen? Und wo gibt es eine große Nation, die so gerechte Ordnungen und Vorschriften hätte wie dieses Gesetz, das ich euch heute vorlege.
5. Mose 4:5-8 NEÜ
Mit anderen Worten: Die Israeliten haben mit dem Gesetz etwas Kostbares bekommen, auf das die anderen Nationen neidisch sein werden!
Aber wird werden uns gar nicht so sehr mit den 10 Geboten oder den vielen einzelnen Vorschriften beschäftigen, sondern dem Gesamtbild. Wir werden erkennen, dass die fünf Bücher Mose einen interessanten Rahmen enthalten, der uns beim Lesen vielleicht noch nie bewußt aufgefallen ist, weil wir schließlich nur noch Details gesehen haben. Wir werden über den eigentlichen Zweck des Gesetzes und die Aufgabe der Israeliten sprechen. Und wie im Neuen Testament dies wieder aufgenommen wird. Weil Gott seinen Plan nicht aufgegeben hat, sondern allen Menschen die Möglichkeit gibt, die ursprüngliche Mission zu erfüllen.
Das Volk werden, das Gottes Namen trägt
Ägypten verlassen
Kontext ist alles
In der Serie Die neue Sicht auf Paulus, die auf dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger. beruht, hatten wir schon gesehen, dass viele Christen folgende Vorstellung haben:
- In der Zeit des Alten Testaments ging es für Israel darum, durch das Halten des Gesetzesbundes vom Sinai die Rettung zu verdienen.
- Jesus hat mit dieser Vorstellung aufgeräumt und die Erlösung ohne jedes persönliche Tun zur Verfügung gestellt.
In jener Serie haben wir aber auch gesehen, dass beide Aussagen nicht auf den Heiligen Schriften sondern den Überlegungen späterer Gelehrter und der Reformation beruhen. Auch Carmen Imes geht in ihrem Buch darauf ein und zeigt, warum die erste Aussage gar nicht stimmen kann:
Den Kontext berücksichtigen: Israel kommt in 2. Mose 19 am Sinai an und erhält von Jahwe das Gesetz. Die Rettung Israels aus Ägypten finden wir aber sowohl zeitlich als auch im Text schon vorher in 2. Mose 3-14. Das Gesetz vom Sinai kann also nicht die Vorrausetzung für die Rettung Israels aus Ägypten gewesen sein.
Daher lesen wir auch dies in 2. Mose 6:6
Sag deshalb zu den Israeliten: ‚Ich bin Jahwe. Ich befreie euch von der Zwangsarbeit für die Ägypter. Ich rette euch aus der Sklaverei. Mit starker Hand und durch große Strafgerichte werde ich euch erlösen.
2. Mose 6:6 NEÜ
Gott hat nicht erst einmal geprüft, ob sie vielleicht noch Götzen zu Hause hatten oder in Bezug auf die Moral dem Gesetz genügten. Ihre Rettung hatte nichts mit ihrer Rechtschaffenheit oder ihrem Handeln zu tun, sondern mit seinem Versprechen gegenüber ihrem Vorvater Abraham.
Dabei ist noch folgender Aspekt zu 2. Mose 12:13 interessant :
Das Blut an den Häusern, in denen ihr euch befindet, soll ein Schutzzeichen für euch sein. Wenn ich das Blut sehe, werde ich vorübergehen, [Hebräisch: pasachti, wovon Passa abgeleitet ist.] und der Schlag, mit dem ich das Land Ägypten treffe, wird euch nicht verderben.
2. Mose 12:13 NEÜ
Das hebräische Wort pasachti, von dem unser Passa abgeleitet ist, kann mit ‚vorübergehen‘ übersetzt werden. In diesem Kontext macht aber eine andere Bedeutung mehr Sinn, wie sie auch z.B. in Jesaja 31:5 zu finden ist.
In 2. Mose 12:13,23,27 geht Jahwe nicht an Israel vorbei, sondern ‚beschützt‘ es.
Der Rahmen des Sinai: Die Wanderungen in der Wildnis
Der Bericht über Israel und den Sinai enthält eine weitere Besonderheit, die uns beim Lesen so vielleicht noch nie aufgefallen ist. In 4. Mose 33 wird die gesamte Route der Wanderung Israels von Ägypten nach Kanaan beschrieben. Auf dieser Route gibt es zweiundvierzig Lagerplätze. Lesen wir aber aufmerksam die Berichte in 2. Mose 12-18 und 4. Mose 11-32, dann kommen wir nur auf sechs Lagerplätze jeweils vor und nach dem Sinai. Und alle beginnen mit der selben hebräischen Phrase: „und sie brachen auf.“ Damit haben wir keinen Widerspruch in den Büchern Mose gefunden. Beide Berichte erfüllen einen unterschiedlichen Zweck. Und der Zweck der Berichte vor und nach dem Sinai wird in dieser Abbildung aus Carmen Imes Buch deutlich:

Dass das kein bloßer Zufall ist, sondern ein zur damaligen Zeit und Kultur üblichen Form, etwas zu betonen, wird aus den weiteren symmetrischen Berichten deutlich:
| Vor dem Sinai | Nach dem Sinai |
|---|---|
| 6 Lagerorte, „und sie brachen auf“ (2. Mose 12-18) | 6 Lagerorte, „und sie brachen auf“ (4. Mose 11-32) |
| 7 mal wird „Wüste“ erwähnt | 7 mal wird „Wüste“ erwähnt |
| Gottes Versorgung mit Manna und Wachteln ( 2. Mose 16) sowie zwei Bitten um Wasser, die durch einen sprudelnden Felsen erfüllt wurden (2. Mose 17:1-7). | Gottes Versorgung mit Manna und Wachteln ( 2. Mose 16) sowie zwei Bitten um Wasser, die durch einen sprudelnden Felsen erfüllt wurden (2. Mose 171-7). |
| Gottes Engelsbote beschützt die Hebräer vor einem fremden König. (2. Mose 14:19-20) | Gottes Engelsbote beschützt die Hebräer vor einem fremden König. (4. Mose 22:21-35) |
| Israels Kampf gegen die Amalekiter (2. Mose 17:8-16) | Israels Kampf gegen die Amalekiter (4. Mose 14:39-45) |
| Mose trifft sich mit einem midianitischen Familienmitglied und erhält eine Handlungsempfehlung ( 2. Mose 18) | Mose trifft sich mit einem midianitischen Familienmitglied und erhält eine Handlungsempfehlung (4. Mose 10:29-32) |
| Mose ist mit Führungsaufgaben überlastet (2. Mose 18:17-18) | Mose beginnt, Aufgaben an andere zu delegieren |
| Mose beginnt, Aufgaben an andere zu delegieren (2. Mose 18:24-26) | Mose beginnt, Aufgaben an andere zu delegieren (4. Mose 11:16-17) Enthält absichtliches Zitat aus 2. Mose. |
| Israeliten klagen, warum sie Ägypten verlassen haben (2. Mose 14:10-12) | Israeliten klagen wegen dem Bericht der Kundschafter (4. Mose 14) |
Warum werden die Ereignisse am Sinai durch diesen Rahmen so hervorgehoben? Weil eine dort eine große Transformation stattgefunden hatte: Die Israeliten waren am Sinai im Zustand der Liminalität. Eine Phase des Übergangs, der grundlegenden Änderung ihres Status. Sklaven Ägyptens waren sie nicht mehr. Aber was würden sie werden? Was für ein Gott ist Jahwe? Was würde er von ihnen erwarten? Wie würde ihre Zukunft aussehen?
Für Israel ist die Reise durch die Wüste von Ägypten nach Kanaan eine Zeit des Übergangs. Sie ist weit mehr als nur ein Übergangsort, sie ist die Stätte von Israels Werden. Die Wildnis ist das vorläufige Ziel, das sie zu dem macht, was sie sind. Übergangsorte tun das immer. Sie verändern uns.
Gott hat es nicht eilig, sie aus dem Übergangsraum in das Land zu führen, das er ihnen versprochen hat. Sie sind noch nicht bereit.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Wenn wir uns das Ausmaß der Veränderung, die offenen Fragen und die Ungewissheit über die Zukunft und das Wesen des Gottes, der sie gerettet hatte genau vorstellen, verstehen wir auch besser, warum sie scheinbar so schnell Gottes Macht, sie zu retten, vergessen konnten. Wer würde sich in einer Wüste nicht Sorgen um Wasser und Nahrung machen? Umgeben von feindlichen Völkern? „Jahwe weiß das. Es ist bemerkenswert, dass er die Israeliten nicht tadelt, wenn sie sich beschweren oder in Panik geraten, während sie zum Sinai ziehen. Er sorgt einfach für ihre Bedürfnisse. Er nutzt diese Reise, um ihnen seine Vertrauenswürdigkeit zu beweisen.“
Als der Pharao das Volk ziehen ließ, führte Gott es nicht den Weg durch das Land der Philister,[3] obwohl das der kürzeste Weg gewesen wäre, denn Gott dachte: „Wenn das Volk merkt, dass es kämpfen muss, könnte es seine Meinung ändern und nach Ägypten zurückkehren.“ Aus diesem Grund ließ Gott das Volk einen Umweg machen und führte es den Wüstenweg zum Schilfmeer.
Jahwe zog vor ihnen her, um ihnen den Weg zu zeigen. Tagsüber führte er sie in einer Wolkensäule und nachts in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht weiterziehen. Tagsüber sahen sie die Wolkensäule vor sich, nachts die Feuersäule.
2. Mose 13:17-18,21,22 NEÜ
Vertrauen ist kein Automatismus, und Gott erwartet das auch nicht. Er setzt sich geduldig für Israel ein, bis sie erkennen, dass er ihr Vertrauen wert ist.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Die Israeliten ‚drücken die Schulbank‘ sozusagen. Sie lernen, dass sie jeden Tag auf Gott vertrauen müssen und es auch können. Dass sie jeden Tag von ihm abhängig sind. Auf dem Weg zum Sinai finden die Israeliten heraus, was für ein Gott Jahwe ist und wie sie im Vertrauen auf ihn leben können.


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