Von Christian
„Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“ ist eine gängige aber doch recht allgemein gehaltene Behauptung, die man immer wieder hört, wenn es um die Gestaltung von Hausgemeinden, Bibelkreisen oder auch Gemeinschaften geht, die sich über das Internet treffen. Letztere nenne ich im Folgenden einfach eine ‚Zoom-Gemeinde‘.1 Was ist jedoch mit dieser Behauptung genau gemeint? Wie wir sehen werden, erkennt man die Herausforderungen und volle Tragweite dieser Aussage erst, wenn man sie genauer analysiert oder im Alltag anwendet. Oder wenn zum Beispiel die Gemeinschaft im Falle einer Zoom-Gemeinde immer weiteren Zulauf erhält.
Eines möchte ich gleich zu Anfang betonen: Es soll keinesfalls der Eindruck entstehen, dass es ‚falsch‘ ist, wenn sich Gläubige auch unter Verwendung moderner Kommunikationsmittel treffen und austauschen. Oft geht das gar nicht anders aufgrund der Entfernung oder gesundheitlicher Gründe. Das ist dann eher so, wie wenn man andere Gläubige zu sich nach Hause einlädt.
Was passiert aber, wenn immer mehr Personen beteiligt sind? Wenn die Größe einer Gemeinde erreicht oder überschritten wird? Wenn Vorträge für hunderte Zuschauer gehalten werden? Wenn die Organisation auf Zusammenkünfte in anderen Sprachen ausgeweitet wird? Dann wird es in Bezug auf viele Punkte spannend, wenn man meint, man könne es ‚genauso machen wie die Christen im 1. Jahrhundert‘. Und darum geht es in dieser Serie.
Dabei ist es schon ziemlich interessant, was wir dazu wirklich im Text des Neuen Testaments finden. Damit beginnen wir diese Serie. Danach schauen wir uns den historischen Kontext genauer an. Und schließlich wollen wir uns die Konsequenzen vor Augen führen, wenn man das wirklich so umsetzen würde: „Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“.
Schauen wir uns also erst einmal ‚die Gemeinde im 1. Jahrhundert‘ genauer an. Was sagt der Text des Neuen Testaments darüber?
Der Text des Neuen Testaments
Die Gemeinde zur Zeit Jesu
Sollten wir uns nicht zuerst fragen, was Jesus selbst zum Thema zu sagen hat? Was sagte Jesus darüber, wie seine Nachfolger zusammenkommen und sich organisieren sollten? Nun, dies:
„“
Jesus Christus zur Organisation der Gemeinde seiner Jünger
Oder anders gesagt: Während Jesu Tätigkeit gab es keine Gemeinde in dem Sinn, wie wir es heute verstehen. Uns ist in den Evangelien überhaupt nichts darüber überliefert, was Jesu selbst zu dem Thema gesagt hat. Obwohl ihm doch viele folgten. Und er auch 12 Apostel ausgewählt hat. Und dann auch 70 weitere auswählte und sie ausgesandt hat. Und Frauen ihn auf Reisen begleiteten.
Was Jesus seinen Jüngern jedoch versichert hat, war dies:
Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich in ihrer Mitte.
Matthäus 18:20 NEÜ
Das Matthäus Evangelium schließt mit diesen Worten ab:
Und als sie ihn sahen, warfen sie sich ⟨vor ihm⟩ nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat zu ⟨ihnen⟩ und redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.
Matthäus 28:17-20 Elberfelder
Sicher war das eine überraschende und äußerst große Aufgabe. Aber hat denn keiner gefragt: „Und wie sollen wir das tun, Herr? Wie organisieren wir das Taufen und Lehren?“ Vielleicht vertrauten sie einfach darauf, dass Jesus doch bei ihnen wäre und das später erklären würde. Wie er das bisher immer getan hatte.
Allerdings klingt der Schluss in Markus anders:
Schließlich zeigte sich Jesus den elf Jüngern selbst, als sie beim Essen waren. Er rügte ihren Unglauben und Starrsinn, weil sie denen nicht hatten glauben wollen, die ihn als Auferstandenen gesehen hatten. Dann sagte er zu ihnen: „Geht hinaus in die ganze Welt und macht die Freudenbotschaft Gottes allen Menschen bekannt. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden. Wer aber ungläubig bleibt, wird von Gott verurteilt werden.
Markus 16:14-16 NEÜ
Das klingt jetzt eher so, also ob sie predigen sollen und der Rest erledigt sich von selbst. Als gäbe es gar keine Veranlassung, über Gemeinden nachzudenken. Das ist allerdings der lange Schluß, der ebenso wie der kurze Schluß, der auch existiert, vermutlich nicht authentisch ist.
In Lukas finden wir nur dies:
„So steht es geschrieben“, erklärte er ihnen, „und so musste der Messias leiden und sterben und am dritten Tag danach von den Toten auferstehen. Und in seinem Namen wird man allen Völkern predigen, dass sie zu Gott umkehren sollen, um Vergebung der Sünden zu erhalten. Das beginnt in Jerusalem.
Lukas 24:46,47 NEÜ
Und im Johannes-Evangelium finden wir gar keine Anweisungen zum Schluss. Aber vielleicht gab es ja später mehr Anweisungen durch den ‚Helfer‘ oder den Heiligen Geist?
Die Jerusalemer Gemeinde (Anfänge)
Nachdem wir in den Evangelien nichts zum Thema gefunden haben, ist es doch nahliegend, sich die Apostelgeschichte anzuschauen. Lukas berichtet in der Apostelgeschichte, was nach Jesu Auferstehung und kurz vor seiner Himmelfahrt geschah:
Deshalb fragten sie ihn bei nächster Gelegenheit: „Herr, wirst du dann das Reich Israel wiederherstellen?“ Jesus erwiderte: „Die Zeiten und Fristen dafür hat der Vater selbst [Wörtlich: in der ihm eigenen Vollmacht.] festgelegt. Ihr müsst das nicht wissen. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist über euch gekommen ist, und so meine Zeugen sein in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis in den letzten Winkel der Welt.“
Apostelgeschichte 1:6-8
Also immer noch keine weiteren Anweisungen. Ist dir aufgefallen, was sie durch den Heiligen Geist bekommen sollten? ‚Kraft‘. Hier steht nichts von besonderer Fähigkeit, die die Schriften ‚richtig‘ zu verstehen. Aber das nur nebenbei. Was taten die Jünger?
Und als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach, wo sie sich aufzuhalten pflegten: Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas; Philippus und Thomas; Bartolomäus und Matthäus; Jakobus, der Sohn des Alfäus, Simon der Eiferer und Judas, der Sohn des Jakobus. Dort hielten sie alle einmütig fest am Gebet, zusammen mit den Frauen, mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Geschwistern.
Und in diesen Tagen stand Petrus im Kreis der Brüder auf – es waren etwa hundertzwanzig Personen versammelt – und sprach:
Apgs 1:13-15 NEÜ
Dann kam Pfingsten 33 u.Z.:
Als der Pfingsttag anbrach, waren alle wieder beieinander.
Apg 2:1 NEÜ
Und da geschah etwas Außergewöhnliches: Die Ausgießung des heiligen Geistes. Zu dieser Zeit waren viele ‚gottesfürchtige jüdische Männer aus aller Welt’ (Apg 2:5 NEÜ) in Jerusalem. Sie hatten bisher nur die Anweisung, zu predigen, und dann geschah dies:
Alle nun, die seine Botschaft bereitwillig annahmen, wurden getauft. Etwa 3000 Personen kamen an jenem Tag dazu. Sie hielten beharrlich an der Lehre der Apostel fest, an der geschwisterlichen Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den gemeinsamen Gebeten. Jeden Einzelnen ergriff eine tiefe Ehrfurcht vor Gott, und durch die Apostel geschahen viele Wunder und außergewöhnliche Zeichen. Alle Gläubiggewordenen aber bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Wer ein Grundstück oder anderen Besitz hatte, verkaufte es und verteilte den Erlös an die Bedürftigen. Tag für Tag waren sie einmütig im Tempel zusammen, trafen sich in ihren Häusern zum Brechen des Brotes und zu gemeinsamen Mahlzeiten. Alles geschah mit großer Freude und aufrichtiger Herzlichkeit. Sie lobten Gott und waren im ganzen Volk angesehen. Täglich fügte der Herr solche, die gerettet wurden, ‹ihrer Gemeinschaft› hinzu.
Apg. 2:41-47 NEÜ
Zweimal wird erwähnt, dass alle zusammenkamen, und zwar etwa 120, was für ein Obergemach schon viel ist. Sie waren im Tempel, trafen sich in ihren Häusern zum Abendmahl und zu gemeinsamen Mahlzeiten und Gebeten. Und das jetzt mit 30mal soviel Personen! Und es wurden immer mehr. Und immer noch keine Anweisungen zur Durchführung von Zusammenkünften! Interessanterweise werden hier die Synagogen nicht erwähnt. Aber wir können schon einmal festhalten, was sie taten:
Gemäß der Apostelgeschichte traf sich die Jerusalemer Gemeinde im Tempel und in Häusern. Die Synagogen werden nicht erwähnt.
In den Häusern: (1) Hielten sie beharrlich an der Lehre der Apostel fest, (2) sie brachen das Brot (Abendmahl, Eucharistie), (3) gemeinsame Gebete, (4) gemeinsame Mahlzeiten, (5) hatten alles gemeinsam.
„Alles geschah mit großer Freude und aufrichtiger Herzlichkeit.“
In Apostelgeschichte 4 finden wir einen weiteren interessanten Hinweis:
Die ganze Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete etwas von seinem Besitz als privates Eigentum. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. Machtvoll bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus und ein großer Segen lag auf ihnen allen. Keiner in der Gemeinde musste Not leiden, denn wer ein Haus oder ein Grundstück besaß, verkaufte es, wenn nötig, und stellte das Geld der Gemeinde zur Verfügung. Man tat das, indem man es vor die Apostel hinlegte. Davon wurde jedem Bedürftigen zugeteilt, was er brauchte.
Apg 4:32-35 NEÜ
Wir halten fest:
Die 12 Apostel spielten also eine entscheidende Rolle.
„Die ganze Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.“
„Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam.“
Es dauerte jedoch nicht lange, und es gab Probleme:
Damals, als die Zahl der Jünger ständig wuchs, gab es auch Unzufriedenheit in der Gemeinde. Die Hellenisten [Griechisch sprechende Juden, die außerhalb Israels geboren und erst im Alter nach Jerusalem gezogen waren.] beschwerten sich nämlich über die Hebräer [In Israel geborene Juden, die Hebräisch bzw. Aramäisch sprachen.], weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden.
Apg. 6:1 NEÜ
Es gab also trotz der Ausgießung des Heiligen Geistes Probleme! Trotz der ‚offenkundingen Leitung durch den Geist‘? Was sollte man tun? Es gab ja immer noch keine Anweisungen von Jesus. Hat der Heilige Geist das in diesem Fall geregelt?
Da riefen die Zwölf die ganze Versammlung der Jünger zusammen und sagten: „Es ist nicht richtig, dass wir die Verkündigung des Wortes Gottes vernachlässigen und uns um die Verteilung der Lebensmittel kümmern. Seht euch deshalb nach sieben Männern unter euch um, Brüder, denen wir diese Aufgabe übertragen können. Sie müssen einen guten Ruf haben und mit dem Heiligen Geist und mit Weisheit erfüllt sein. Wir selbst werden uns weiterhin dem Gebet widmen und der Weitergabe des ‹göttlichen› Wortes.“ Mit diesem Vorschlag waren alle einverstanden. Sie wählten Stephanus, einen glaubensvollen und mit dem Heiligen Geist erfüllten Mann, dann Philippus, Prochorus und Nikanor, Timon und Parmenas und Nikolaus, einen Mann aus Antiochia, der zum Judentum übergetreten war. Diese sieben stellten sie vor die Apostel, die ihnen betend die Hände auflegten.
Apg. 6:2-6 NEÜ
Die 12 Apostel leiteten die Gemeinde in Jerusalem.
Später wurden 7 Männer (keine Frauen) für andere Aufgaben ausgewählt.
Mit dem Wachstum kam es zu Problemen und Unzufriedenheit.
Übrigens: Ist die aufgefallen, dass die 12 die ganze Versammlung der Jünger zusammenrief? Also bei 120 im Obersaal kein Problem. Aber wir hatten doch von 3000 und noch mehr gelesen … Und wie ist das mit der ‚Leitung durch den Heiligen Geist‘ hier? Lies noch einmal nach und denke darüber nach.
Weiter lesen wir in der Apostelgeschichte, dass später Jakobus, ein Bruder Jesu, sowie weitere Älteste in der Jerusalemer Gemeinde waren: „Gleich am nächsten Tag ging Paulus mit uns zu Jakobus, wo sich auch alle Ältesten der Gemeinde einfanden.“ (Apg. 21:18)
Kurz nach Gründung der ersten Gemeinde in Jerusalem, vielleicht schon im Jahr 34, wurde Stephanus gesteinigt, eine Verfolgungswelle setzte ein und die Jerusalemer Gemeinde änderte sich:
Die nun, welche sich zerstreut hatten seit der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhoben hatte, zogen bis nach Phönizien und Zypern und Antiochia und redeten das Wort zu niemand als nur zu Juden.
Apostelgeschichte 11:19 Schlachter 2000
Nicht lange danach kam es zur Steinigung des Stephanus, zu Verfolgung der Gemeinde in Jerusalem und viele wurden zerstreut und zogen weit weg.
Wir wirkte sich das aus? Was erfahren wir über die Gemeinden in der apostolischen Zeit? Das betrachten wir in der nächsten Folge.
- Ich bekomme von Zoom keine Vergütung für die Verwendung des Begriffs. Es ist nur eines der bekannten und häufig verwendeten Hilfsmittel für solche Online-Zusammenkünfte. ↩︎


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