Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 1: Die fehlende Mitte

Von Christian / N. T. Wright


Die Evangelien werden nun schon seit zwei Jahrtausenden gelesen und studiert. Da müsste doch schon längst alles dazu gesagt und geschrieben worden sein, oder? Kann man darin überhaupt noch etwas Neues entdecken? Nicht nur das. In dieser Serie werden wir Argumente betrachten, die zeigen, dass wir sogar das Evangelium selbst, die wesentliche Story der Evangelien heute wieder entdecken müssen, weil diese in Vergessenheit geraten ist. Das Gewicht und die Aufmerksamkeit sind auf verschiedene andere Themen gelegt worden, so dass die zentrale Botschaft untergegangen ist. Diese anderen Nebenstimmen sind sozusagen so laut und beliebt geworden, dass das zentrale Thema, welches von den anderen Stimmen unterstützen werden sollte, nicht mehr wahrgenommen wurde.

Das Thema ist jedoch nicht nur in Bezug auf den persönlichen Glauben wichtig, wo doch zumindest für ‚Christen‘ die Evangelien eine zentrale Rolle spielen sollten. Es hilft uns auch, den Fokus richtig zu setzen und unterschiedliche Auffassungen zu akzeptieren. Warum sollten man anderen den Glauben absprechen, sie als Häretiker, Ketzer, Abtrünnige oder ‚falsche Religion‘ bezeichnen, wenn es bei den unterschiedlichen Auffassungen nicht einmal um die zentrale Botschaft des Evangeliums geht?

Wie konnte es aber überhaupt soweit kommen, dass das, was die vier Evangelisten anderen unbedingt mitteilen wollten, so in Vergessenheit geriet? Dabei spielten unter anderem Glaubensbekenntnisse – so gut sie sind oder gemeint waren – eine Rolle wie wir gleich sehen werden.

„Und warum, Bitteschön, ist das in zweitausend Jahren keinem außer dir aufgefallen?“ Ist es mir gar nicht. Was mir allerdings immer mehr bewußt wurde, ist, dass für viele Lehren oder gar Glaubenssysteme, nur ganze wenige Bibeltexte verwendet oder überbetont werden. Oder die Texte stammen überwiegend oder ausschließlich aus einem Bibelbuch, einigen Briefen des Paulus usw. Und wie passen das Alte und das Neue Testament zusammen? Jenseits von ‚alles deutet prophetisch auf Jesus‘, was gar nicht der Fall ist. Wenn sich die Texte des Neuen Testaments so oft auf das Alte beziehen oder deren Bilder und Begriffe verwenden oder umdeuten, war das dann ein Umbruch, etwas ganz Neues? Oder bilden beide eine Einheit jenseits oberflächlicher Bezugnahmen? Tatsächlich haben fleißige Bibelwissenschaftler dazu interessante Beiträge geleistet, auf die ich immer wieder eingehen werde.

Einer davon ist N. T. Wright, der etwas immer wieder beobachtet hat, das schließlich Anlass zu diesem Buch war:

In dieser Serie möchte ich die wichtigsten Argumente aus dem Buch aufgreifen, damit sich jeder selbst dazu eine Meinung bilden kann. Gehen wir also zurück ‚zu den Wurzeln‘ und lesen die Evangelien im Kontext der Jünger des ersten Jahrhunderts – und nicht mit unserem Kontext des 21. Jahrhunderts und keinem Glaubensbekenntnis im Hinterkopf. Denn die Gefahr ist groß, dass wir sonst etwas hineinlesen oder darin zu finden glauben, was als Lehre erst Jahrhunderte später entwickelt wurde.

Und was geschah … dazwischen?

Die Fragestellung dieser Serie führt N. T. Wright mit einer persönlichen Erfahrung als Jugendlicher ein, die jeder leicht nachvollziehen kann. Er wollte mit anderen eine Serie von Studien über Jesus durchführen, die alle auf Warum-Fragen beruhten: Warum wurde Jesus geboren? Warum lebte Jesus? Warum starb Jesus? Warum ist Jesus auferstanden? Warum wird er wiederkehren?

Wenn du einen Moment inne hältst und dir Antworten auf die Fragen überlegst, wird dir bei fast allen Fragen Einiges einfallen. Und du wirst eine Verbindung zu zentralen Lehren des Christentums erkennen. Nur bei einer Frage, könnte es schwierig geworden sein: Warum lebte Jesus? Keine schwierige Frage, findest du? Nun, würde sich an deinen Antworten auf die anderen Fragen oder an deiner Hoffnung irgendetwas ändern, wenn er kurz nach der Geburt gleich ‚für unsere Sünden gestorben‘ wäre? Oder wenn er statt 3 1/2 Jahre 30 1/2 Jahre tätig gewesen wäre?

Vielleicht hast du jetzt ein paar Gründe im Sinn. Wir werden auf einige später eingehen und sehen, dass sie bei näherer Betrachtung nicht so überzeugend sind, wie man denkt. Nehmen wir zum Beispiel die Begründung, dass Jesus trotz aller Versuchungen ein gottgefälliges Leben ohne Sünde führen musste. Gut. Das hätten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes in einem Satz festhalten können. Aber darum geht es im Großteil des Textes gar nicht. Ein anderer möglicher Grund: Jesus lebte uns vor, wie wir leben sollen. Aber auch das wird im Großteil des Textes der Evangelien gar nicht beschrieben.

Tatsächlich zeigen schon die frühesten Glaubensbekenntnisse ein interessantes Muster. Nehmen wir zum Beispiel das kurze Glaubensbekenntnis aus dem vierten Jahrhundert, welches als das ‚Glaubensbekenntnis der Apostel‘ bekannt ist:

Ich glaube an … Jesus Christus, Gottes einzigen Sohn, unseren Herrn;
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen zur Hölle,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters,
von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

N.T.Wright How God Became King, chapter 1, ‚Apostel’s Creed‘

So viele Einzelheiten und doch nichts über Jesus Leben zwischen seiner Geburt und Kreuzigung! Nun vergleiche das einmal mit den vier Evangelien. Wieviel Text wird auf die Geburt und Taufe Jesus verwendet? Wieviel auf seine Kreuzigung und Auferstehung? Nur ein Bruchteil des Textes der Evangelien:

Wie konnte es dazu kommen? Bevor jemand jetzt vorschnell auf die Idee kommt, dass der im Neuen Testament angekündigte Abfall der Grund ist, sollten wir uns einen einfachen Mechanismus bewußt machen. Anfangs wurden die Evangelien – wie auch andere Briefe – regelmäßig laut gelesen. Die Gläubigen beteten das ‚Vater-Unser‘ und kannten die Details der Evangelien, die sie als Grundlage verstanden. Die Glaubensbekenntnisse dienten nur als Rahmen, um wichtige Grundlehren klar gegen anderen Auffassungen wie die der Gnostiker abzugrenzen. Es gab zahlreiche Kontroversen zu verschiedenen Themen. Und wenn diese entschieden waren – wie auch immer – wurden diese frühen Formeln zu Bestandteilen von Glaubensbekenntnissen und sozusagen wie gewaschene Wäsche auf die Wäscheleine gehängt. N.T. Wright formuliert die Veränderung so:

Die Kirche stellte eine „Glaubensregel“ auf, anhand derer man angeblich die heiligen Schriften verstehen sollte. Aber die fragliche „Regel“ – die sich entwickelnden Glaubensbekenntnisse und die frühen Formeln, die zu ihnen führten – ignorierte das zentrale Thema der vier Evangelien. Man beachte, was passiert. Irgendwann, vielleicht nicht lange nachdem die Glaubensbekenntnisse geschrieben wurden, wurde die ‚Wäscheleine‘ zu einem Lehrmittel. Die Liste der früheren Kontroversen wurde zum Lehrplan. „Dies“, so erklärte die Kirche, ‚sind die Dinge, die ihr über Gott, Jesus, den Heiligen Geist usw. wissen müsst. Und an diesem Punkt haben wir eine Grenze überschritten. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sagen: ‘Dies sind die Dinge, die ihr über Jesus wissen müsst.“ Die Glaubensbekenntnisse sagen, wenn man sie aus ihrem liturgischen Kontext herausnimmt, in den sie zusammen mit den Evangelien und dem Vaterunser gehören, und sie stattdessen als Grundlage für ein Lehrprogramm verwendet, Folgendes: „Nein, es gibt diese Dinge, die du wissen musst …“ 

N.T.Wright How God Became King, chapter 1

Mit der Zeit ging so das Zentrum – die Story der Evangelien – verloren und die Ergebnisse der Kontroversen standen im Vordergrund. Das macht die Glaubensbekenntnisse nicht für sich falsch oder unnötig oder nutzlos. Aber sie dürfen nicht die Story der Evangelien ersetzen.

In dieser Serie verwende ich die Formulierung „Story der Evangelien“, wenn es darum geht, was uns die Evangelien zu sagen haben. Was die Autoren uns mitteilen wollen. Welche ‚Geschichte‘ sie uns darlegen. Das deutsche Wort Geschichte hat aber verschiedene Bedeutungen, weshalb „die Geschichte der Evangelien“ mißverständlich ist: Es geht nicht um Geschichte im Sinne eines historischen Berichtes, wie er in unserer Zeit verfasst würde. Eine Formulierung wie „die Evangelien erzählen eine Geschichte“ hört sich aber eher nach Märchen oder einer erfundenen Geschichte an. Daher habe ich das englische Wort „Story“ stehen lassen.

Tatsächlich ist es so, dass viele ‚das Evangelium‘ nur mit Texten des Paulus wie Römer 3 und Galater 2-3 erklären würden – wie es die frühen Reformatoren taten – ohne sich auch nur ein einziges Mal auf eines der Evangelien zu beziehen! N.T. Wright schreibt daher:

Es ist nicht nur so, dass wir alle die Evangelien falsch gelesen haben, obwohl ich denke, dass das im Großen und Ganzen stimmt. Es ist eher so, dass wir sie überhaupt nicht wirklich gelesen haben. Wir haben sie in den Rahmen von Ideen und Überzeugungen eingepasst, die wir aus anderen Quellen übernommen haben.

Ich möchte, dass sie [die Evangelien] in diesem Buch, so gut wie mir das möglich ist, für sich selbst sprechen können. Das Ergebnis wird nicht jedem gefallen.

N.T.Wright How God Became King, chapter 1

Nun, wenn das Ergebnis nicht jedem gefallen wird, verspricht es ja ziemlich interessant zu werden – finde ich zumindest.

Kommentare

One response to “Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 1: Die fehlende Mitte”

  1. […] Grundlage für die Serie „Das vergessene Evangelium der Evangelien“ ist das Buch How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels von N. T. Wright, welches […]

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