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  • Jiftachs Tochter oder: Was machst du mit unbequemen Texten? – Teil 1: Indoktrination

    Jiftachs Tochter oder: Was machst du mit unbequemen Texten? – Teil 1: Indoktrination

    Von Christian


    Jiftach – auch Jephtah genannt – ist eine biblische Gestalt. Ein Richter Israels gemäß dem Buch Richter aus dem alten Testament. Eine Person, die heute fast niemand mehr kennt. Und vermutlich daher auch kaum jemanden interessiert.

    Gäbe es da nicht eine Diskussion über eine Begebenheit aus seinem Leben, die fast so alt wie der Bericht selbst ist. Das wäre schon an und für sich interessant. Aber mehr noch die Tatsache, dass sich an dieser Geschichte die Tragweite von Indoktrination erkennen lässt. Und wie man mit unbequemen Texten in der Bibel besser umgehen sollte.

    Doch bevor wir uns damit befassen, sollten wir einmal kurz betrachten, worum es denn überhaupt geht.

    Jiftach und seine Tochter

    Zuerst einmal schauen wir uns eine antike Schrift der Ammoniter an:

    Dabei gelobte er Moloch: „Wenn du die Gileaditer wirklich in meine Hand gibst und ich wohlbehalten zurückkehre, dann soll derjenige, der mir als Erster aus meinem Zuhause entgegenkommt, Moloch gehören; ich werde ihn Moloch als Brandopfer darbringen.“ Dann kehrte er zurück. Als er sich seinem Haus näherte, lief seine Tochter ihm entgegen. Und er erfüllte sein Gelübde an ihr. So opferte er seine Tochter Moloch für den Sieg, wie es bei den Ammonitern Brauch war.

    Erfundene Schrift der Ammonitor

    Ich bin mir sicher, dass viele diesen Bericht ohne weiteres als wahr und wörtlich akzeptieren würden. Denn steht nicht in 2. Könige 23,10

    Der König [Joschija oder Josia] entweihte auch die Opferstätte des Tofet im Ben-Hinnom-Tal, damit dort niemand mehr seinen Sohn oder seine Tochter als Opfer für den Moloch verbrennen konnte.

    2. Königer 23,10 NEÜ

    Nur leider habe ich diese antike Schrift der Ammoniter erfunden. Und jetzt lesen wir, was im Bibelbuch Richter über Jiftach und seine Tochter berichtet wird:

    Dabei gelobte er Jahwe: „Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Hand gibst und ich wohlbehalten zurückkehre, dann soll derjenige, der mir als Erster aus meinem Zuhause entgegenkommt, Jahwe gehören; ich werde ihn Jahwe als Brandopfer darbringen.“

    …

    Dann kehrte Jiftach nach Mizpa zurück. Als er sich seinem Haus näherte, lief seine Tochter tanzend und das Tamburin schlagend heraus, ihm entgegen. Es war seine einzige; er hatte sonst kein Kind. Als er sie sah, zerriss er vor Schmerz sein Gewand und rief: „Ach, meine Tochter, du brichst mir das Herz! Dass gerade du es sein musst, die mich ins Unglück stürzt! Ich habe Jahwe mein Wort gegeben, und ich kann nicht zurück!“ Doch sie sagte zu ihm: „Mein Vater, wenn du Jahwe etwas versprochen hast, dann mach mit mir, was du gelobt hast! Jahwe hat dir ja auch den Sieg über deine Feinde, die Ammoniter, geschenkt.“  Dann fügte sie hinzu: „Nur eine Bitte habe ich: Gib mir noch zwei Monate Zeit. Ich möchte mit meinen Freundinnen in die Berge gehen und meine Jungfrauschaft betrauern.“„Geh nur“, sagte ihr Vater und gab ihr zwei Monate Zeit. So ging sie mit ihren Freundinnen in die Berge und weinte darüber, nie verheiratet gewesen zu sein. Als die zwei Monate um waren, kehrte sie zu ihrem Vater zurück, und er erfüllte sein Gelübde an ihr. Sie hatte nie mit einem Mann geschlafen. Daraus entstand in Israel der Brauch, dass die jungen Frauen jedes Jahr vier Tage lang zusammen weggehen und die Tochter Jiftachs von Gilead besingen.

    …

    Sechs Jahre lang war Jiftach Israels Richter. Als er starb, wurde er in einer der Städte Gileads begraben.

    Richter 11,30-31, 34-40; 12,7 NEÜ

    Nun ja, damit lässt uns der Bericht der Bibel alleine. Wie bitte? Keine Erklärung? Keine Wertung? Nichts darüber, wie wir das einordnen sollen?

    Wird denn nicht im mosaischen Gesetz das Opfern von Menschen ausdrücklich verboten? Selbstverständlich!

    Keinen von deinen Nachkommen darfst du dem Moloch als Opfer verbrennen. Du sollst den Namen Jahwes, deines Gottes, nicht entweihen. Ich bin Jahwe!

    3. Mose 18,21 NEÜ

    Aber vielleicht war es ja gar kein Menschenopfer? Nun, der Text ist da ziemlich eindeutig.

    Du kannst die 289 Verwendungen dieses Wortes עוֹלָֽה׃ (‘ō·w·lāh) selbst nachprüfen. Es geht um Brandopfer. Und so hat man das im Mittelalter auch dargestellt:

    Jepthe obtulit filiam suam dño(Jiftach brachte seine Tochter dem Herrn dar). Speculum Humanae Salvationis, Westfalen oder Köln, um 1360

    Doch wer die Bibel weiter liest, findet im Neuen Testament in Hebräer eine anscheinend lobende Erwähnung dieses Richters:

    Wie viele andere wären noch zu nennen! Doch die Zeit würde mir fehlen, wenn ich von Gideon und Barak erzählen wollte, von Simson, Jiftach und David, von Samuel und den Propheten.

    Hebräer 11,32 NEÜ

    Da steht der Jiftach prominent neben David und Samuel und den Propheten! Und schließlich steht im Bericht direkt vor diesem verhängnisvollen Versprechen Jiftachs dies:

     Da kam der Geist Jahwes über Jiftach.

    Richter 11,29 NEÜ

    Hatte ich schon gesagt, dass dies ein ‚unbequemer‘ Text ist? Also ganz ehrlich: Wie soll das Ganze zusammenpassen?

    Die Irritation, die von diesem offenkundigen Menschenopfer ausgeht, hat die Auslegungsgeschichte jahrhundertelang geprägt. Viele Versuche wurden unternommen, das Anstößige der Geschichte abzumildern.

    Wikipedia Jiftach

    Widerspricht sich hier die Bibel? Das wäre schon eine interessante Frage, aber diese Geschichte ist aus einem ganz anderen Grund für viele noch viel wichtiger.

    Indoktrination

    Würdest du meinen, dass so eine Geschichte voller Krieg, Gewalt und Menschenopfern in ein Kinderbuch gehört? „Komm, hör auf.“ magst du denken. „Das macht doch keiner!“ Doch, Jehovas Zeugen, bzw. deren Leitende Körperschaft:

    Mein Buch mit biblischen Geschichten – Geschichte 53, Wachtturm Gesellschaft
    Mein Buch mit biblischen Geschichten – Geschichte 53, Wachtturm Gesellschaft

    Aber warum? Jephtha und seine Tocher werden als Vorbilder schon für kleine Kinder dargestellt, die ihre Versprechen immer halten! Alle und Immer! Der Artikel für Kinder beginnt damit: „IST es dir schon mal schwer gefallen, ein Versprechen zu halten?“ Später picken sie aus ihrer eigenen Bibelübersetzung einen Satz heraus: »Wenn du Jehova etwas versprochen hast, musst du es auch halten.«

    Warum ist das so wichtig? Zum Beispiel, weil Jehovas Zeugen seit Jahrzehnten die christliche Taufe als ein Gelübde gegen über Jehova darstellen. Die Tauffragen wurden aber in den letzten Jahren immer mehr verändert und nun ist dieses Gelübde mit der Organisation der Zeugen Jehovas verknüpft!

    Die Indoktrination besteht also darin, schon ganz früh den Gedanken im Sinn der Kinder zu verankern, dass sie ihr Gelübde oder Versprechen, die Organisation der Zeugen Jehovas bedingungslos zu unterstützen und der Leitenden Körperschaft zu folgen, nie brechen.

    Daher wird Richter 11,36 in der Wachtturm-Literatur auch regelmäßig in diesem Sinne verwendet.

    Und weil man nun den lieben ‚Verkündigern’ – und schon gar nicht Kindern – im gleichen Atemzug wohl kaum erklären kann, dass das Halten eines Versprechens auch mal bedeuten kann, das eigene erwachsene Kind als Opfer zu verbrennen, ist die offizielle Lehre der Zeugen Jehovas, dass sie einfach nur nicht geheiratet hat.

    Nun gut. Und warum schreibe ich darüber? Habe ich nicht in einem Artikel vor einiger Zeit davon gesprochen, dass man sich nicht immer weiter mit den Zeugen Jehovas beschäftigen sollte? Absolut richtig. Und danke dir, dass du jenen Artikel gelesen oder das Video gesehen hast.

    Ich erwähne es deswegen, weil diese starke Indoktrination uns dazu bringen könnte, hartnäckig an dieser Interpretation festzuhalten, ohne die Annahmen und Widersprüche zu hinterfragen.

    Wie gehen wir mit unterschiedlichen Interpretationen um?

    Für viele Ex-Zeugen Jehovas ist es wichtig, den Text der Bibel für sich selbst sprechen zu lassen, nachdem sie erkannt haben, dass sie durch die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas durch das Herauspicken von Texten belogen und betrogen wurden.

    So kam es, dass ein Teilnehmer der Online-Treffen der Beorean Pickets diesen Text aus Richter 11 ernst nahm und darzulegen versuchte, dass Jiftach seine Tochter wie geschrieben geopfert hat. Das steht schließlich genau so im Text. Im Laufe der Diskussion meinte Eric Wilson dann, dass so etwas für ihn mit einem liebevollen Gott nicht zu vereinen sei. Und wenn die Gruppe so denkt, dann würde er die Gruppe verlassen. Also die Gruppe, die er selbst gegründet hatte.

    In einem früheren Video hatte ich schon angesprochen, dass damit ein Konflikt entsteht: Glaube ich das, was mein Verständnis des Textes ist und muss ich dann die Gruppe verlassen (oder werde ‚verlassen‘, also eigentlich ausgeschlossen)? Oder übernehme ich den Glauben einer anderen Person oder der Gruppe und kann dann darin bleiben? Das würde aber verhindern, einen reifen Glauben zu entwickeln.

    Im Nachhinein frage ich mich, warum man als Gruppe das nicht zum Anlass genommen hat, um die Hintergründe und Annahmen kritisch zu hinterfragen. Wo doch unbewusste Auswirkungen der Indoktrination immer zu erwarten sind. Nun ja, vielleicht, weil die Meinung des Gründers der Bewegung schon zu wichtig geworden war …

    Aber wir können das jetzt tun. Wir können die Dingen hinterfragen. Zumindest es ansatzweise einmal versuchen.

    Und zwar in Teil 2. Du kannst dir ja schon mal selbst über deine stillschweigenden Annahmen zu diesem Thema deine Gedanken machen.

  • Leben als Christ (4): Wie soll ich das Evangelium weitergeben?

    Leben als Christ (4): Wie soll ich das Evangelium weitergeben?

    Von N. T. Wright

    Diese 13-teilige Serie schaut sich die wichtigsten Elemente des christlichen Lebens an und wie wir sie aus einer einzigartigen christlichen Perspektive betrachten können, damit sie unser Leben in der Welt verändern.
    Wir werden alles abdecken, von typischen christlichen Aktivitäten wie Gebet, Taufe und Kirchgang bis hin zu allgemeineren menschlichen Erfahrungen wie Arbeit, Erholung und Trauer.

    Am Ende des Matthäusevangeliums sagt Jesus seinen Jüngern, sie sollen überall auf der Welt „Jünger machen“. Dieser Auftrag, den Christen als „den Missionsauftrag“ kennen, ist ziemlich klar. Wie man das genau macht, ist aber nicht so einfach. In diesem Video schaut sich Prof. Wright den Auftrag Jesu als Ausdruck seiner weltweiten Autorität an. Wir werden die größere Mission des Zeugnisses entdecken, die sich aus dieser Erkenntnis ergibt, und all die Möglichkeiten, wie sie in unserem Leben sichtbar werden kann.

    In dieser neuen Serie von N.T. Wright Online schauen wir uns die transformativen Elemente unseres christlichen Glaubens an und wie wir sie auf einzigartige Weise betrachten und unseren Lebensstil durch sie verändern lassen können.

    Viele Christen lesen, wenn sie anfangen, selbst in der Bibel zu lesen, zuerst das Matthäusevangelium, weil es am Anfang des Neuen Testaments steht. Nun ist das Matthäusevangelium lang, behandelt sehr viele Dinge auf einmal und bewegt sich durch viele verschiedene Themen, aber es wird von vorne bis hinten durch die Einführung Jesu als Immanuel am Anfang des ersten Kapitels zusammengehalten. Und dann durch den Missionsauftrag am Ende des 28. Kapitels.

    Kapitel 1 beginnt damit, dass Jesus geboren werden soll, und sein Name soll Jesus sein, weil er sein Volk von seinen Sünden erlösen und die Prophezeiung Jesajas erfüllen wird, die besagt, dass eine Jungfrau schwanger werden und einen Sohn gebären wird, dessen Name Immanuel sein wird, was „Gott mit uns“ bedeutet. Und am Ende des Evangeliums sagt der auferstandene Jesus zu seinen Jüngern: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende des Zeitalters.“

    In diesem Zusammenhang haben wir also diese außergewöhnliche Offenbarung darüber, wer Jesus ist, wer Jesus war und ist. Und wir haben diesen letzten kurzen Absatz des Matthäusevangeliums, der manchmal als der große Missionsauftrag bezeichnet wird, weil der auferstandene Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Macht ist mir gegeben worden, im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht Jünger aus allen Völkern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und seht, ich bin immer bei euch, bis zum Ende des Zeitalters.“ Da ist die Verheißung des Immanuel.

    Aber jetzt hat sie sich in dieses Gefäß der Autorität Jesu verwandelt. Alle Macht ist ihm gegeben, im Himmel und auf Erden. Ich habe oft gedacht, dass wir westlichen Christen ziemlich daran gewöhnt sind, uns vorzustellen, dass Jesus alle Macht im Himmel hat. Wir sind nicht so gut darin, uns vorzustellen, was es bedeuten könnte, dass er auch alle Macht auf Erden hat. Aber Jesus greift hier insbesondere zwei Passagen auf.

    In Daniel 7 wird der Menschensohn oder einer, der wie ein Menschensohn aussieht, erhöht, um Herrschaft zu haben über die vier Tiere, die vertrieben worden sind, die Mächte der Finsternis und des Bösen, die Gottes Welt verwüstet haben. Und der Menschensohn steigt auf und sitzt zur Rechten des Alten der Tage. Und ihm wird Macht und Herrschaft und Kraft gegeben, damit alle Völker und Nationen und Sprachen ihm dienen.

    Und dann am Ende des Buches Chronik, wo Cyrus der Perser sagt: Ich habe alle Macht. Jetzt beauftrage ich das jüdische Volk, den Tempel zu bauen. Es ist, als würde Matthäus sagen, dass es so ist, nur viel, viel mehr. Jesus ist die Realität. Kyrus war in gewisser Weise eine Parodie dieser kommenden Realität. Jesus hat alle Macht.

    Aber wie sieht das aus? Nun, in unserer Welt schickt jemand, der das Sagen hat, die Polizei und setzt seinen Willen durch. Oder in den internationalen Beziehungen, Gott bewahre, schicken sie Panzer und setzen ihren Willen durch. Aber das ist nicht der Weg der Bergpredigt. Und das ist nicht der Weg des Missionsauftrags.

    Jesus erreicht seine Ziele, indem er seine weltweite Herrschaft durch die Bergpredigt in die Tat umsetzt. Durch die Menschen, die dazu berufen sind, Friedensstifter zu sein, rein im Herzen. Die Menschen, die dazu berufen sind, nach Gerechtigkeit zu hungern, die dazu berufen sind, eine Vision von Gottes Güte zu haben, die sogar diejenigen erreicht, die nicht an Gott denken oder ihn sogar hassen.

    Und das Beispiel Jesu in seinem eigenen öffentlichen Wirken, in dem er heilte und mit Sündern feierte, weist den Weg. Geht hinaus in alle Welt und macht Menschen zu Jüngern. Wie hat Jesus das gemacht? So solltet ihr es auch machen. Das ist die Einweihung einer neuen Welt. Menschen zu Jüngern machen.

    Natürlich gehört dazu auch, zu verkünden, dass Jesus der Herr ist. Wenn die Leute sehen, wie die Nachfolger Jesu diese seltsamen Dinge tun, wie heilen und feiern und gemeinsam essen, an den ungewöhnlichsten Orten und auf die ungewöhnlichsten Arten, werden sie fragen: Warum macht ihr das? Und die Antwort lautet: Wir folgen diesem Mann namens Jesus, der umherging, Menschen heilte und neues Leben brachte, wo es keine Hoffnung gab, und so weiter. Der Schwerpunkt liegt also darauf, Jünger zu machen, die Lernende sind. Jünger bedeutet Lernende. Sie lernen, wie Jesus gelebt hat. Sie lernen, wie Jesus das Königreich Gottes verwirklicht hat.

    Und dabei werden sie getauft. Wenn sie entdecken, wer Jesus ist, werden sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft und bringen so die ganze Wahrheit darüber, wer Gott ist und was mit Jesus passiert ist, seinen Tod und seine Auferstehung, in ihrem Leben zur Realität. Und wenn sie sich dann mit ihren Mitjüngern in einer Gemeinschaft treffen, die nach diesem Glauben gestaltet ist, dem Glauben an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, dem Glauben, dass durch den Tod und die Auferstehung Jesu Gottes neue Welt entstanden ist und dass er selbst bei ihnen ist, Immanuel.

    Wie passt das zu dem, was wir in den westlichen Kirchen unter Evangelisation verstanden haben? Nun, Mission – und der Auftrag zu dieser Mission – ist die größere Realität, in der Evangelisation ein wichtiger Schwerpunkt ist. Mission bedeutet, alles zu tun, wozu uns der Geist leitet, nämlich das neue Leben Gottes, die neue Schöpfung, in Gottes Welt Wirklichkeit werden zu lassen.

    Das kann bedeuten, Tafeln zu betreiben. Es könnte bedeuten, in Afrika Brunnen zu graben. Es könnte bedeuten, alle möglichen Dinge zu tun, die neues Leben in Gemeinschaften bringen, die fast, wenn nicht sogar ganz, ohne Hoffnung waren.

    Aber inmitten all dessen wird es auch – und das ist manchmal die besondere Berufung einiger Menschen, die, wie wir sagen, von Gott speziell für diese Aufgabe berufen oder auserwählt sind – darum gehen, den Menschen ausdrücklich von Jesus zu erzählen, ihnen Jesus vorzustellen, wie man einen lieben Freund vorstellt.

    Mission ist also das ganze Werk der neuen Schöpfung. Evangelisation ist ein wichtiger Schwerpunkt davon.

    Natürlich bedeutet das, Jesus nicht nur als Freund, sondern auch als Meister und Herrn zu verkünden. Er ist derjenige, dem alle Macht gegeben ist. Das ist das Paradoxon, das im Zentrum der Erkenntnis Jesu steht. Dass er sowohl souverän ist als auch unser Freund. Das sieht man immer wieder. Wenn du dir das nur schwer vorstellen kannst, lies das Matthäusevangelium und schau dir Jesus als souveränen Lehrer, als Meister an, als den, der den Mächtigen und Tyrannen mit der Botschaft begegnet, dass Gott eine andere Art hat, Dinge zu tun, aber gleichzeitig sanft und demütig ist und, wie er sagt, von Herzen demütig. Und wenn du ihm folgst, wirst du Ruhe für dein ganzes Leben finden.

    In der Kraft des Heiligen Geistes bedeutet Evangelisation also, Menschen dazu aufzurufen, Jesus als Herrn anzubeten, ihn als Freund kennenzulernen und ihm zu folgen. Dadurch werden sie Teil des viel größeren Großen Missionarauftrags, die je nach Kontext, Kultur und vielen anderen Faktoren variiert. Evangelisation passt also in den Missionsauftrag, aber der Missionsauftrag ist umfassender und spiegelt Matthäus Gesamtvision der Bergpredigt wider, nämlich ein Volk zu bilden, durch das die Welt zu einem anderen Ort wird. Und Jesus als den Immanuel im Herzen dieser Welt zu erkennen.

  • Religiöse Rückstände: Was bleibt, wenn man sich von der Religion abwendet

    Religiöse Rückstände: Was bleibt, wenn man sich von der Religion abwendet

    Von Christian / Dr. Andrew M. Henry


    In meinem Artikel „Raus bist du noch lange nicht …“ (YouTube Video) habe ich unter anderem darüber gesprochen, was man noch lange mit sich herumträgt, nachdem man eine hochgradig kontrollierende Gruppe wie Jehovas Zeugen oder evangelikale Gruppen verlässt. Und im Artikel Warum es immer deine Schuld ist, wenn du eine hochgradig kontrollierende Gruppe verläßt (YouTube Video) haben wir die Mechanismen dieser Gruppen beleuchtet.

    In diesem Artikel schauen wir uns die Ergebnisse einer Reihe von wissenschaftlichen Studien an, die erforscht haben, wie sich Menschen ändern, wenn sie eine Religion verlassen – oder was sich eben auch nicht ändert. Ich fasse hier zusammen, was Dr. Andrew M. Henry in seinem Video Religious Residue: What Sticks After You Leave Religion erläutert.

    Religious Residue: What Sticks After You Leave Religion (Dr. Andrew M. Henry)

    Das es sich um allgemeineres Phänomen handelt, erkennt man schon an den fiktiven Beispielen, die er anführt:

    Stell dir eine hypothetische Frau vor, die vor etwa 12 Jahren die Southern Baptist Church verlassen hat. Sie verließ die Religion ganz allmählich und irgendwann, plötzlich auf einmal … vielleicht hat sie zuerst aufgehört, an die Hölle zu glauben. Dann hat sie aufgehört, an die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift zu glauben, und dann ist sie an einem Sonntag einfach nicht mehr in die Kirche gegangen, und am nächsten Sonntag auch nicht, und am nächsten auch nicht, und das war’s dann. Sie bezeichnet sich jetzt als Nichtgläubige, und wenn Leute sie nach ihrer Religion fragen, sagt sie, sie habe keine. Aber jetzt kommt es: Es ist ihr immer noch unangenehm, „Oh my God“ zu sagen. Wenn du Baptist bist, weißt du, wovon ich rede. Das bedeutet, den Namen des Herrn zu missbrauchen. Sie ertappt sich dabei und ersetzt es stattdessen durch „Oh my gosh“, weil ihr Mund die Worte einfach nicht formen kann, ohne dass sie sich dabei zutiefst unwohl fühlt. Sie merkte, wie ihr die Tränen kamen, als eine alte Spotify-Playlist ein zeitgenössisches christliches Lied spielte, das sie seit 2003 nicht mehr gesungen hatte. Und sie bringt es beim besten Willen nicht über sich, sonntags zu arbeiten. Ähnliche Versionen dieser Geschichte spielen sich überall auf der Welt ab. Der Ex-Katholik, der seit 20 Jahren nicht mehr in der Messe war, aber immer noch das Kreuzzeichen macht, wenn das Flugzeug abhebt. Der Ex-Muslim, der seit Jahrzehnten nicht mehr im Ramadan gefastet hat, sich aber immer noch seltsam fühlt, wenn er am ersten Tag zu Mittag isst.

    Dr. Andrew M. Henry

    Solche Dinge haben einige Forscher als „Religiöse Rückstände“ bezeichnet. Es bezieht sich auf das Fortbestehen religiöser Überzeugungen, Emotionen und Verhaltensweisen nach der Abkehr von der Religion.

    Religiöse Überzeugungen

    Zuerst betrachten wir eine große interkulturelle Studie von 2021 (Journal of Personality and Social Psycholog, Titel „Religious Residue: Cross-Cultural Evidence That Religious Psychology and Behavior Persist Following Deidentification“). Die Wissenschaftler fragten nach vielen Dingen: nach der Einstellung zu Gott, nicht nur, ob die Teilnehmer glaubten, sondern wie sie über Gott dachten, mit separaten Skalen für positive und negative Gefühle. Sie maßen, wie oft die Leute religiöse Praktiken ausübten. Und sie ließen die Teilnehmer etwas machen, das man implizite Assoziationstests nennt. Dabei unterschieden sie zwischen 3 Gruppen: Derzeit religiöse Menschen, solche, die ihre Religion verlassen haben und denen, die nie in einer Religion waren. Als sie diese drei Gruppen in einer Messung nach der anderen verglichen, landeten die ehemals religiösen, in der Mitte – nicht ganz bei den derzeit religiösen, aber auch nicht ganz bei den nie religiös Gewesenen. Auch bei den impliziten Assoziationstests, deren schnelle Antworten Dinge zu Tage fördern, bevor das Bewusstsein eine Chance hat, die Antworte zu verändern, war das so. Selbst unterhalb der Ebene des erklärten Glaubens zeigten die ehemals religiösen Menschen also immer noch positivere implizite Assoziationen mit Gott als die nie religiösen Menschen. Und bei den Verhaltensweisen war es nicht anderes: Diejenigen, welche die Religion verlassen hatten, übten immer noch mehr als doppelt so häufig religiöse Praktiken aus wie Menschen, die nie religiös gewesen waren.

    Wenn jemand die Religion verlässt, bleibt etwas zurück: „Religiöse Rückstände.“

    Woraus bestehen diese „religiösen Rückstände“ und warum bleiben sie über Jahre und Jahrzehnte zurück?

    Kognitive Schema

    Psychologen haben dieses Konzept, das man Schema nennt. Ein Schema ist im Grunde ein mentales Gerüst, das dir hilft, die Welt zu verstehen, ohne darüber nachdenken zu müssen. Wenn du eine Schema hast, was eine Restaurant ist, wirst du in jedem Restaurant der Welt klarkommen. Und wir haben ganz viele solche Schema: Was ist eine Freundschaft, was ist faires Verhalten usw.

    Du hast ein Schema für Religion. Oder besser gesagt: Wenn du religiös aufgewachsen bist, ist dein Schema für einen großen Teil der Realität religiös geprägt. Dein Schema für Moral, für Leiden, dafür, was einen guten Mensch ausmacht, und wie du dich im Umgang mit dem Heiligen verhalten solltest.

    Und Schemata sind wirklich schwer zu ändern, selbst wenn man will, dass sie sich ändern, und selbst wenn man es aktiv versucht. Egal, wie bewusst du es loswerden willst, dein religiöses Schema weiß nicht, dass du aufgehört hast. Es läuft einfach weiter im Hintergrund.

    Dr. Andrew M. Henry

    Und das hat man sogar bei ganz anderen Schemata nachweisen können, wie zum Beispiel Depressionen. Menschen, die früher an Depressionen gelitten haben, zeigten auch nach ihrer Genesung latente depressive Schemata – und zwar in der Art und Weise, wie sie Informationen verarbeiteten.

    Verhalten und Gewohnheiten

    Der zweite Bereich, mit dem wir uns beschäftigen müssen, sind Gewohnheiten. Religion ist nicht nur etwas, das du denkst. Es ist etwas, das du ständig wiederholt mit deinem Körper tust, angefangen von der Zeit, als du noch sehr klein warst.

    Hier ein Beispiel: Überlege dir, was ein gläubiges katholisches Kind bis zum Alter von 10 Jahren getan hat. Es hat wahrscheinlich etwa 500 Mal die Messe besucht. Es hat tausende Male das Kreuzzeichen gemacht. Es hat in genau abgestimmten Abläufen mit einem Raum voller anderer Menschen gekniet, gestanden und gesessen – ein Rhythmus, den es gelernt hat, bevor es überhaupt verstanden hat, was das alles wirklich bedeutet. Es hat Gebete auswendig gelernt. Es weiß, wie eine Hostie schmeckt. Es hat beobachtet, wie seine Eltern und Großeltern jede Woche ihres Lebens zur gleichen Zeit dieselben Dinge mit denselben Gesten getan haben.

    Und das verinnerlichen Kinder dann auch wirklich in Bezug auf die Religion und deren Gewohnheiten:

    Die Idee dahinter ist im Grunde, dass Kinder, wenn es darum geht herauszufinden, was glaubwürdig ist, mehr darauf achten, was Erwachsene tatsächlich tun, als darauf, was sie tatsächlich sagen.

    Ein Elternteil, der behauptet, religiös zu sein, aber nie zum Gottesdienst geht, nie betet, nie etwas für die Religion aufgibt, sich nicht so verhält, als ob Gott real wäre – das ist nur Gerede. Das Gehirn eines Kindes erkennt diese Inkonsistenz und wertet die gesamte Botschaft ab. Aber ein Elternteil, der 10 % seines Einkommens als Zehnten abgibt oder vor seiner Familie für den Ramadan fastet oder jeden Herbst im Garten eine Sukka für Sukkot baut und eine Woche lang jede Mahlzeit darin einnimmt. Du weißt schon, Eltern, die Zeit, Geld und Bequemlichkeit für ihre Religion opfern. Das ist aufwendig. Das ist glaubwürdig. Das prägt sich tief ein.

    Die tiefsten, hartnäckigsten Teile der Religion sind nicht die Lehren, die du in der Sonntagsschule gelernt hast. Es sind die Dinge, die du seit deinem fünften Lebensjahr immer wieder bei deiner Mutter oder deinem Vater beobachtet hast, und zwar mit echtem Einsatz oder persönlichen Opfern.

    Dr. Andrew M. Henry

    Andrew Henry fasst die Ergebnisse so zusammen:

    Wenn man das alles zusammenfasst, weisen Van Tongrren und sein Team auf mindestens drei Ebenen der Religion hin. Sie lebt im Bewusstsein als erklärte Überzeugungen und Identität. Sie lebt in kognitiven Schemata, tiefen automatischen Rahmenwerken zur Interpretation der Welt, die durch jahrelangen Gebrauch aufgebaut wurden. Und sie lebt im Körper als Gewohnheiten, als trainierte Reflexe, als rituelle Muster, die automatisch ablaufen, wenn sie durch den Kontext ausgelöst werden, verankert durch die verinnerlichte Beobachtung von Zeit- oder Kosten-aufwendigem Verhalten seit der Kindheit.

    Und wenn jemand sagt: „Ich bin nicht mehr religiös“, spricht er oft von dieser ersten Ebene.

    Aber die darunter liegenden Schemata wissen nichts von dieser Entscheidung. Sie laufen immer noch im Hintergrund.

    Und dem Körper, der diese religiöse Sache seit 30 oder 40 Jahren macht, ist es egal, dass du beschlossen hast, nicht mehr religiös zu sein. Der Körper zuckt immer noch bei Blasphemie zusammen. Der Körper will immer noch das Gefühl spüren, wenn die Pfeifenorgel während deiner ehemals liebsten Hymne eine bestimmte Saite anschlägt.

    Religiöse Rückstände sind immer noch in Körper und Geist eingeprägt

    Dr. Andrew M. Henry

    Zu diesem Thema gibt es noch viele weitere Studien mit interessanten Details. Zuerst einmal eine gute Nachricht:

    Viele religiöse Rückstände schwinden, aber sehr langsam.

    Wie immer ist es aber komplizierter – und interessanter:

    Manche religiösen Rückstände verblassen mit der Zeit, manche verblassen kaum und manche nehmen sogar zu.

    Betrachten wir zum Beispiel das Ergebnis einer Längsschnittstudie mit einem riesigen Datensatz namens „National Study of Youth and Religion“, der über 2.000 Amerikaner vom Jugendalter bis Mitte 20 begleitete.

    Dabei stachen zwei Ergebnisse besonders hervor. In Bezug auf Schaden und Fairness unterschieden sich die drei Gruppen kaum. Derzeit religiöse, ehemals religiöse und nie religiöse Menschen waren im Grunde identisch darin, wie sehr es ihnen wichtig war, andere nicht zu verletzen und fair zu sein.

    Aber bei den verbindenden Grundlagen – Loyalität, Autorität und Reinheit – sahen die drei Gruppen ganz anders aus. Derzeit religiöse Menschen erzielten die höchsten Werte, nie religiöse Menschen die niedrigsten, und die ‚ehemals religiösen‘ lagen irgendwo dazwischen.

    Da die Forscher diese Menschen jedoch über ein Jahrzehnt lang begleitet hatten, konnten sie diese danach sortieren, wann sie der Religion den Rücken gekehrt hatten. Einige waren zum Zeitpunkt der Studie schon fast 10 Jahre aus der Religion ausgestiegen. Andere hatten sie erst vor ein paar Jahren verlassen. Und als sie diese Gruppen verglichen, stellten sie fest, dass Menschen, die die Religion erst kürzlich verlassen hatten, in Bezug auf Autorität und Reinheit immer noch sehr ähnlich wie derzeit religiöse Menschen abschnitten. Menschen, die am frühesten ausgestiegen waren, lagen viel näher an den nie-religiösen. Mit anderen Worten: Je länger jemand schon aus der Religion ausgestiegen war, desto mehr waren die religiösen Überreste seiner moralischen Intuitionen verschwunden.

    Dr. Andrew M. Henry

    Eine andere Studie wies dies nach:

    Wenn Menschen die Religion verlassen, welche dieser Werte verändern sich dann und welche bleiben bestehen? Und sie fanden heraus, dass ehemalige Gläubige an Bewahrungswerten wie Tradition und Konformität in einem Maße festhielten, das viel näher an dem von derzeit religiösen Menschen lag als an dem von nie religiösen Menschen. Am stärksten war dieser Effekt bei ehemaligen evangelikalen Protestanten.

    Sie fand auch heraus, dass religiöse Menschen nicht nur an religiös anmutenden Werten festhalten. Sie schienen in einigen Fällen auch bei Werten zu steigen, die mit persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung verbunden sind, und lagen in manchen Fällen sogar über dem Niveau der nie religiösen Menschen. Das Team vermutet, dass dies zuvor unterdrückte Werte sind, die hochschossen, als religiöse Zwänge wegfielen.

    Die Studie legt also nahe, dass der Austritt aus der Religion das gesamte Wertesystem neu ordnet. Die konservativen Werte bleiben bestehen, verblassen aber langsam. Die Werte der Selbstentfaltung steigen manchmal über das Niveau hinaus, das sie gehabt hätten, wenn man nicht-religiös aufgewachsen wäre.

    Dr. Andrew M. Henry

    Dann gibt es noch eine dritte Erkenntnis neuerer Forschungen:

    Die dritte Erkenntnis aus neueren Forschungen ist, dass religiöse Prägungen eine Grenze haben – und diese Grenze ist die Politik.

    „Aber religiöse Rückstände sind nicht einheitlich. Sie folgen bestimmten Mustern. Sie zeigen sich an manchen Stellen und an anderen nicht. Sie zeigen sich in bestimmten Arten moralischer Intuitionen, aber nicht in der Politik. Das bringt uns zu einer letzten Erkenntnis, denn bisher haben wir hauptsächlich über klinische Umfrageergebnisse und statistische Muster gesprochen. Aber es gibt einen Teil der Forschung, der darauf hinweist, was emotional passiert, wenn jemand einer Religion den Rücken kehrt. In der ursprünglichen Studie von 2021 fand das Team etwas, das es nicht vorhergesehen hatte. Ehemalige Gläubige und derzeit Gläubige berichteten von einer stärkeren negativen Einstellung gegenüber Gott als Menschen, die nie religiös waren.“

    Wie kann das sein? „In ihrem Diskussionsteil spekulierten die Autoren, dass ehemals religiöse Menschen eine längere, intensivere Beziehung zu ihrer Religionsgemeinschaft und zu Gott hatten, was naturgemäß sowohl positive als auch negative Gefühle hervorrief. Nie religiöse Menschen hingegen hatten nie einen Gott oder eine Religionsgemeinschaft, gegenüber der sie negative Gefühle hegen konnten.“

    Warum das so ist, liegt in der „religiösen kognitive Dissonanz“: Die Kluft zwischen dem, was einer Person beigebracht wurde oder was sie von Gott erwartete, und dem, was sie tatsächlich erlebte.

    Diese „kognitive Dissonanz“ bildet sich besonders stark über Jahre und Jahrzehnte bei vielen aus, die in einer hochgradig kontrollierenden Gruppe sind oder gar aufgewachsen sind: Wie Jehovas Zeugen oder evangelikale Gruppen. Der Widerspruch, zwischen dem was gelehrt und gesagt wird, aber was in Wirklichkeit erwartet wird. Oder der Öffentlichkeit und Gerichten gesagt wird im Gegensatz zu dem, was intern gelehrt wird – insbesondere wenn es wie bei den Zeugen Jehovas geheime Lehrbücher für Älteste gibt. Oder wenn Liebe gepredigt wird, aber sie nicht praktiziert wird, wenn man sie am dringendsten braucht. Zum Beispiel, wenn erkennt, dass in abertausenden von Fällen von Kindesmissbrauch dieser jahrelang vertuscht wurde und die Organisation die Täter schützte, indem sie bis heute die vorhandenen Unterlagen geheimhält und sich weigert, mit Gerichten zusammenzuarbeiten.

    Dieser Widerspruch, diese ‚kognitive Dissonanz‘ erreicht dann einen Höhepunkt, wenn du solche Themen ansprichst oder Lehren in Frage stellst und man dich dann meidet, ausgrenzt, als gefährlich brandmarkt und schließlich jeden Kontakt abbricht – obwohl du doch keiner Fliege was zu Leide getan hast und immer von der Gemeinschaft und Liebe untereinander gesprochen wird. Mehr dazu im Beitrag Warum es immer deine Schuld ist, wenn du eine hochgradig kontrollierende Gruppe verläßt (YouTube).

    Das erklärt einige der Hintergründe, warum die meisten, welchen zum Beispiel Jehovas Zeugen verlassen haben, von Religion und auch Gott überhaupt nichts mehr wissen wollen.

    Selbst wenn sich jemand von Religion vollständig trennt, wird des nachgewiesenermaßen lange dauern, bis die religiösen Rückstände verwinden. Unterschiedlich lange und manche vielleicht gar nicht. Und bei einigen Themen geht der Weg vielleicht sogar erstmal weiter in die andere Richtung, als bei nicht religiösen Menschen.

    Wenn du also denkst und sagst, dass du ‚deine Religion verlassen hast‘, trifft das am ehesten auf Lehren und Dogmen zu. Und selbst dort erfordert es, sich lange mit diesen Lehren auseinanderzusetzen. Grundlegende Überzeugungen, Schema und Gewohnheiten überdauern noch viel länger. Sich das bewußt zu machen, ist der erste Schritt vorwärts.

  • Warum es immer deine Schuld ist, wenn du eine hochgradig kontrollierende Gruppe verläßt

    Warum es immer deine Schuld ist, wenn du eine hochgradig kontrollierende Gruppe verläßt

    Von Christian / C. J. Conthwaite


    In meinem Artikel „Raus bist du noch lange nicht …“ (YouTube Video) habe ich unter anderem darüber gesprochen, was man noch lange mit sich herumträgt, nachdem man eine hochgradig kontrollierende Gruppe wie Jehovas Zeugen oder evangelikale Gruppen verlässt.

    Einen bestimmten Aspekt möchte ich hier etwas vertiefen: Warum es immer deine Schuld ist, wenn du eine hochgradig kontrollierende Gruppe verläßt. Zumindest sehen es die anderen in dieser Gruppe so.

    Auch das kann Ursache einer kognitiven Dissonanz sein oder werden. Kognitive Dissonanz ist ein unangenehmer psychischer Zustand, der entsteht, wenn Gedanken, Überzeugungen oder Verhaltensweisen nicht miteinander vereinbar sind. Du fragst dich vielleicht, warum sonst so freundliche ‚Glaubensbrüder‘, Freunde oder Verwandte sich dir gegenüber plötzlich so feindselig und abweisend verhalten. Selbst wenn du nur eine Glaubenslehre deiner Religion hinterfragst, als Zeuge Jehovas die Autorität der Leitenden Körperschaft relativierst oder … du aus deiner Religion austreten möchtest. Wenn es dann zu Meinungsverschiedenheiten kommt, oder anderen anfangen, dich und deine Familie schief anzuschauen oder zu meiden, wer ist dann Schuld daran? Natürlich du, wer sonst denn?

    Warum geben die Mitglieder mancher Gruppen immer dem die Schuld, der geht? Dieser Frage ist C. J. Conthwaite in diesem Video nachgegangen. Sowohl theoretisch als auch aus eigener Erfahrung mit Evangelikalen heraus.

    The dark reason high-demand religions blame you for leaving. (C. J. Cornthwaite)

    Eine Ursache ist, wie Gruppen Identität schaffen und Außenstehende positionieren, um diese Identität mitzugestalten.

    Wenn du eine solche Gruppe verlassen hast, kann es gut sein, dass andere von dir verlangen, dass du ihnen eine Erklärung dafür schuldest. Oder du bekommst einen Bibelvers um die Ohren gehauen – oder es wird hinter deinem Rücken gesagt: „Weichet von mir. Ich habe euch nie gekannt.“

    Vielleicht findest du dich auch in diesen Worten von Chris wieder:

    Wenn du in einer streng kontrollierten Religion aufwächst, wird dir oft beigebracht, dich im Grunde nur an diese Gemeinschaftsidentität zu klammern und alle Verbindungen nach außen abzulehnen. Also kennst du oft nur sehr wenige Menschen außerhalb der Gruppe – es ist quasi deine ganze Welt – und wenn du dann versuchst, das zu verlassen, wird es vorhersehbarerweise wirklich, wirklich schwierig und wirklich, wirklich schmerzhaft, und vorhersehbarerweise wird es fast immer als deine Schuld dargestellt, und das wird auch weiterhin so passieren. Aber ich weiß trotzdem, dass die Leute es sich immer wieder wünschen, weil du dir verzweifelt jemanden in dieser Gemeinschaft wünschst – jemanden, den du liebst –, der sagt: „Ich sehe dich, ich verstehe, was du durchgemacht hast“, aber das wird wahrscheinlich nie passieren.

    C. J. Cornthwaite

    Warum das so ist, erklärt zum Teil die soziale Identitätstheorie. Es geht um die Art und Weise, wie wir soziale Identitäten konstruieren, und dass das oft in einer Gruppe stattfindet.

    Chris erklärt das ziemlich gut. Ich möchte ihn einmal selbst sprechen lassen. Weil er aus einer evangelikalen Religion kommt. Aber ich bin mir sicher, als früherer Zeuge Jehovas kannst du das eins zu eins nachvollziehen.

    Und wenn man sich diese streng kontrollierten religiösen Gruppen ansieht, ist es keine große Überraschung, dass die Art und Weise, wie man in dieser Gruppe Identität konstruiert, mit einer extremen Loyalität gegenüber der Gruppe einhergeht. Und das ist seltsam und beunruhigend, weil du tatsächlich glaubst, zu dieser Gruppe zu gehören, und du glaubst, dass die Beziehungen, die du hast, bestehen bleiben, selbst wenn du die Gruppe verläßt oder eine andere Beziehung zu ihr hast.

    Aber was in vielen Fällen tatsächlich passiert, ist, dass Menschen persönliche Beziehungen opfern, um die Gruppenidentität zu bewahren.

    Und genau das habe ich beobachtet: Leute gehen zu ihren Pastoren, um über die Veränderung zu sprechen, zu ihren Eltern, ihren Freunden und den Leuten in der Kirche, und sie denken: „Okay, irgendjemand wird das verstehen.“ Das tun sie fast nie. Im besten Fall trifft man vielleicht jemanden, der ein bisschen herablassend ist und vorgibt, zu verstehen. Aber in vielen Fällen endet es einfach damit, dass man ausgegrenzt und hinausgedrängt wird.

    Und die Theorie der Gruppenidentität hilft irgendwie dabei, das zu verstehen. Was passiert, …, ist, dass die Leute so instinktiv wütend werden. …

    Das viel Größere ist, dass die Wut daher rührt, dass diese Menschen, die gehen, die Identität der Gruppe in Frage stellen. Dass sind diese Menschen, die, wie du weißt, zu uns gehörten und aus unserer Mitte weggegangen sind, um den Bibelvers darüber zu zitieren. Diese Menschen stellen die Gruppenidentität in Frage. Und diese Infragestellung der Gruppenidentität wird als etwas angesehen, gegen das man sich wappnen und das man schützen muss, und man verstärkt die Gruppenidentität noch mehr.

    Und was laut der Theorie der sozialen Identität passiert, ist: Wenn Menschen ihre Identität als Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe verstehen, werden Bedrohungen für die Gruppe als Bedrohungen für die eigene persönliche Identität wahrgenommen.

    Es gibt ein verwandtes Konzept der Bedrohung der sozialen Identität, und deshalb sehen Menschen, die beobachten, wie du eine Gruppe verlässt, der sie angehören, dies nicht nur als Bedrohung für die Gruppe und nicht nur als Herausforderung für die Gruppe, und es geht nicht einmal um einen schlechten Anführer oder einen schwarzen Schaf in der Gruppe – sie sehen es als Bedrohung für sich selbst, denn wenn ihre Identität in dieser Gruppe konstruiert ist, ist die Tatsache, dass du diese Gruppe verlässt, eine Bedrohung für ihre eigene Selbstidentität, und das ist eine Art akademische Sichtweise darauf, aber gleichzeitig finde ich, dass es sehr viel Sinn ergibt.

    Viele von uns haben das irgendwie schon erlebt, wenn man versucht, auszusteigen. Und du denkst: „Oh, die werden es verstehen.“ Und die Leute ziehen die streng kontrollierende Religion ihren Kindern, Eltern, Brüdern, Schwestern, Ehepartnern oder wem auch immer vor. Das kommt ziemlich oft vor.

    Und ich glaube, eines der schmerzhaftesten Dinge für mich, als ich das durchgemacht habe, war einfach der Wunsch, verstanden zu werden, und Dinge auf YouTube zu stellen und zu denken: „Oh, wenn ich es wirklich erkläre, werden die Leute es verstehen. Wenn ich es wirklich erkläre, verstehen die Leute vielleicht, warum ich gegangen bin.“

    Und ich sehe nicht, dass viele Leute verstehen, warum ich gegangen bin. Unter jedem Dekonstruktionsvideo, das ich je gemacht habe, gibt es Kommentare voller Leute, die sagen: „Du warst nie errettet. Du hast es nie verstanden. Du hattest nie wirklich den Geist. Du weißt schon, füll die Lücken mit all den anderen Dingen, die Leute zu denen sagen, die eine Bewegung verlassen.

    Und was du erkennen musst, wenn du gehst – so schmerzhaft das auch ist –, ist, dass es hier im Grunde nicht um dich geht. Es geht im Grunde darum, was sie tun müssen, um ihre Identität in der Gruppe zu bewahren. Und in manchen Fällen bedeutet das, eine Beziehung zu dir zu opfern, um die Gruppenidentität zu bewahren.

    Und das ist schrecklich. Es tut weh. Es ist nicht fair. Aber so ist es, es passiert. Es passiert ständig. Und deshalb werden die Leute, wenn du gehst, sagen, dass du sündigen wolltest oder dass du nie wirklich geglaubt hast oder was auch immer, denn eigentlich geht es darum, die Gruppe zu schützen, und beim Schutz der Gruppe geht es darum, sich selbst zu schützen. Und das ist eine giftige Art, sich zu identifizieren. Es ist eine wirklich schreckliche Erfahrung, aber es passiert ständig.

    Und ich glaube, eine der Folgen davon ist – ich habe darüber nachgedacht, weil mir in den Sinn kam, wie es war, als ich in einer sehr kontrollierenden Religion war –, dass wir irgendwie ständig beweisen mussten, dass unsere Religion funktioniert. Als wollten wir immer die Glücklichsten sein. … Es gibt zwar einige wirklich glückliche Menschen in religiösen Bewegungen, aber oft hat man in einer religiösen Bewegung das Gefühl, dass man die Selbstidentifikation dieser Gruppe schützen muss, nach dem Motto: Wir haben die Freude des Herrn, wir haben das Evangelium, wir haben die Wahrheit, wir haben die Erlösung, und das macht uns glücklich, besser, was auch immer. Oft glaube ich, dass die Leute losziehen und irgendwie Beweise dafür finden müssen.

    Und das macht es wiederum wirklich schwierig, wenn man austritt und die Bewegung kritisiert, weil ein Teil ihrer Selbstidentifikation tatsächlich davon herrührt, Beweise dafür zu finden, dass ihre Bewegung wirklich, wirklich gut ist. Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum – wenn man sich Bewegungen ansieht – eines der Dinge, die mich nach meiner Dekonstruktion einfach auf die Palme gebracht haben, ist, dass die Leute in einer streng kontrollierten religiösen Bewegung endlos bereit sind, das Gute in schrecklichen, furchtbaren Menschen zu finden. Solange die Leute in der Gemeinschaft sind, können sie die schlimmsten, abscheulichsten Menschen sein. Weißt du, Serienmissbraucher, sogar Pastoren, denen all die schrecklichen Dinge vergeben werden, die sie getan haben. Weil die Leute in der Bewegung Beweise für das Gute oder die Erlösbarkeit dieser Menschen oder was auch immer finden.

    Als Kind wurde ich dazu erzogen, so zu denken – wir schauten auf die Welt da draußen und dachten: „Oh, die sind so unglücklich oder sie sind so elend oder sie sind, weißt du, in ihrer Sünde verloren, obwohl viele dieser Menschen einfach wunderbar waren, sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten, gute Mitglieder der Gemeinschaft waren – was auch immer. Wir mussten sie als grundlegend gebrochen und böse ansehen. Und das hatte nichts mit der Realität zu tun. Es war eine Art und Weise, wie wir die Realität konstruieren mussten, um unsere eigene Gemeinschaftsidentität zu bewahren.

    Und was passiert, wenn man eine Gemeinschaft hat, die auf so etwas wie einem Beweis für Glück aufgebaut ist – einem Beweis dafür, dass man glücklicher und irgendwie erfolgreicher oder stabiler oder was auch immer ist als alle anderen –, dann destabilisieren Leute, die gehen, diese Erzählung wirklich.

    Und wenn du dich fragst, warum Menschen so emotionale Reaktionen zeigen, wenn Leute eine streng kontrollierte Religion verlassen, dann muss das ein Teil davon sein – dass du die Erzählung destabilisiert hast, dass wir glücklicher und besser sind als alle anderen.

    Und tatsächlich stellst du das infrage, wenn es Hashtags gibt, die den Zehntausenden von Menschen gewidmet sind, die verschiedene fundamentalistische oder evangelikale Bewegungen verlassen, und das destabilisiert wirklich die Erzählung, dass wir die Freude des Herrn haben, dass wir glücklich sind, sobald wir gerettet sind, wir sind immer gerettet.

    Du kannst dir also vorstellen, welche kognitive Dissonanz das bei den Leuten verursacht, die bleiben. Man kann sogar ein gewisses Mitgefühl für die Leute haben, die bleiben, genauso wie man Mitgefühl für den Schmerz haben kann, den diese Dekonstruktion bei den Leuten verursacht, wenn sie sich an diese Gruppenidentität klammern wie an einen Rettungsring und ihre ganze Welt darin aufgebaut haben. Und in vielen Fällen, wie ich es bei stark kontrollierenden religiösen Bewegungen beobachte, werden die Menschen darin auch zu Opfern – die Menschen darin werden oft von ihnen schikaniert und verletzt, selbst wenn sie bereits Teil der Bewegung sind. Es kann also für die Menschen in der Bewegung wirklich auslösend und schwierig sein, wenn Leute wie wir sie verlassen.

    Und vielleicht hast du an manchen Tagen Verständnis dafür, vielleicht auch nicht. Das hängt wahrscheinlich davon ab, wie du dich an einem bestimmten Tag fühlst.

    Aber ich versuche mir vor Augen zu halten, dass, wenn ich eine Bewegung verlasse und mich öffentlich dazu äußere, weil ich denke, dass das das Richtige ist, und ich glaube, dass das gleichzeitig vielen Menschen wehtut, es für die Leute, die noch in der Bewegung sind, wirklich schwer ist und wirklich destabilisierend ist und sie reagieren natürlich mit Wut, und es gibt diese Art von, sehr instinktiver Reaktion, die ich sogar in meinen YouTube-Kommentaren sehe, und vielleicht ist das die größte Ironie: dass der Schmerz der Menschen, die noch im System sind, auch echt ist und auch berechtigt ist, und dass er uns oft daran hindern kann, diese Art von Gesprächen über die Kluft hinweg zu führen, die eigentlich wirklich heilsam wären.

    Für alle Beteiligten macht es diese Gespräche wirklich schwierig, und außerdem, ich meine, wenn du dekonstruierst, bist du oft auch wütend und spürst diesen Schmerz und den institutionellen Verrat, und das macht es wirklich schwer, Beziehungen und Gespräche über die Kluft hinweg aufrechtzuerhalten, und ich sage nicht, was wir damit überhaupt tun sollen. Ich will nur anerkennen, dass es für alle Beteiligten schwer sein kann.

    Das spricht auch dafür, warum wir Dekonstruktionsgespräche und Online-Dekonstruktionsgemeinschaften brauchen. Du musst andere soziale Netzwerke finden, die nicht das Netzwerk sind, aus dem du gekommen bist, denn ich glaube, um zu heilen, müssen wir irgendwie neue Identitäten bilden und Menschen haben, die uns anders sehen.

    Und eines der tollsten Dinge für mich, kurz nachdem ich mich dekonstruiert hatte, war, dass ich in eine andere Stadt ging und dort mein Doktorat begann. Und plötzlich kannte mich niemand mehr als den evangelikalen baptistischen Jugendpastor. Ich konnte einfach herausfinden, wer ich sein wollte. Und das war unglaublich. Das war wirklich eines der besten Dinge: dass die Leute mich ansahen und mich liebten und Freundschaften schlossen, die nicht darauf basierten, woran ich glaubte. Sie basierten nicht darauf, wer ich war. Sie basierten einfach darauf, dass wir als Mitmenschen eine gemeinsame Reise teilten, und ich habe dabei viel gelernt und bin durch diesen Prozess sehr geheilt worden.

    Also, wenn du diesen Prozess noch nicht durchlaufen hast, wenn du noch nicht an dem Punkt angekommen bist, an dem du anfangen kannst, neue soziale Netzwerke und neue Verbindungen aufzubauen, würde ich dich ermutigen, dein Bestes zu geben, um das zu versuchen. Denn viele dieser Verbindungen und diese neuen Sichtweisen von Menschen, die dich sehen und dich nicht als jemanden kennen, der diese diese streng kontrollierte Religion, ich meine, das ist immer ein Teil deiner Geschichte, aber oft können solche Verbindungen auch wirklich heilsam sein.

    Das sind also nur ein paar Gedanken zu etwas, das ich auf die harte Tour gelernt habe: Wenn du eine streng kontrollierte Religion verlässt, wird es immer deine Schuld sein. Nicht, weil es tatsächlich deine Schuld ist, sondern weil die Menschen, die noch in dieser Religion sind, darauf konditioniert und darauf vorbereitet sind, es als deine Schuld zu sehen, um ihre Gruppenidentität und ihre Bewegung zu schützen. Und hoffentlich findest du draußen neue Gemeinschaften, neue Beziehungen.

    C. J. Cornthwaite
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 1: Die fehlende Mitte

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 1: Die fehlende Mitte

    Von Christian / N. T. Wright


    Die Evangelien werden nun schon seit zwei Jahrtausenden gelesen und studiert. Da müsste doch schon längst alles dazu gesagt und geschrieben worden sein, oder? Kann man darin überhaupt noch etwas Neues entdecken? Nicht nur das. In dieser Serie werden wir Argumente betrachten, die zeigen, dass wir sogar das Evangelium selbst, die wesentliche Story der Evangelien heute wieder entdecken müssen, weil diese in Vergessenheit geraten ist. Das Gewicht und die Aufmerksamkeit sind auf verschiedene andere Themen gelegt worden, so dass die zentrale Botschaft untergegangen ist. Diese anderen Nebenstimmen sind sozusagen so laut und beliebt geworden, dass das zentrale Thema, welches von den anderen Stimmen unterstützen werden sollte, nicht mehr wahrgenommen wurde.

    Das Thema ist jedoch nicht nur in Bezug auf den persönlichen Glauben wichtig, wo doch zumindest für ‚Christen‘ die Evangelien eine zentrale Rolle spielen sollten. Es hilft uns auch, den Fokus richtig zu setzen und unterschiedliche Auffassungen zu akzeptieren. Warum sollten man anderen den Glauben absprechen, sie als Häretiker, Ketzer, Abtrünnige oder ‚falsche Religion‘ bezeichnen, wenn es bei den unterschiedlichen Auffassungen nicht einmal um die zentrale Botschaft des Evangeliums geht?

    Wie konnte es aber überhaupt soweit kommen, dass das, was die vier Evangelisten anderen unbedingt mitteilen wollten, so in Vergessenheit geriet? Dabei spielten unter anderem Glaubensbekenntnisse – so gut sie sind oder gemeint waren – eine Rolle wie wir gleich sehen werden.

    „Und warum, Bitteschön, ist das in zweitausend Jahren keinem außer dir aufgefallen?“ Ist es mir gar nicht. Was mir allerdings immer mehr bewußt wurde, ist, dass für viele Lehren oder gar Glaubenssysteme, nur ganze wenige Bibeltexte verwendet oder überbetont werden. Oder die Texte stammen überwiegend oder ausschließlich aus einem Bibelbuch, einigen Briefen des Paulus usw. Und wie passen das Alte und das Neue Testament zusammen? Jenseits von ‚alles deutet prophetisch auf Jesus‘, was gar nicht der Fall ist. Wenn sich die Texte des Neuen Testaments so oft auf das Alte beziehen oder deren Bilder und Begriffe verwenden oder umdeuten, war das dann ein Umbruch, etwas ganz Neues? Oder bilden beide eine Einheit jenseits oberflächlicher Bezugnahmen? Tatsächlich haben fleißige Bibelwissenschaftler dazu interessante Beiträge geleistet, auf die ich immer wieder eingehen werde.

    Einer davon ist N. T. Wright, der etwas immer wieder beobachtet hat, das schließlich Anlass zu diesem Buch war:

    In dieser Serie möchte ich die wichtigsten Argumente aus dem Buch aufgreifen, damit sich jeder selbst dazu eine Meinung bilden kann. Gehen wir also zurück ‚zu den Wurzeln‘ und lesen die Evangelien im Kontext der Jünger des ersten Jahrhunderts – und nicht mit unserem Kontext des 21. Jahrhunderts und keinem Glaubensbekenntnis im Hinterkopf. Denn die Gefahr ist groß, dass wir sonst etwas hineinlesen oder darin zu finden glauben, was als Lehre erst Jahrhunderte später entwickelt wurde.

    Und was geschah … dazwischen?

    Die Fragestellung dieser Serie führt N. T. Wright mit einer persönlichen Erfahrung als Jugendlicher ein, die jeder leicht nachvollziehen kann. Er wollte mit anderen eine Serie von Studien über Jesus durchführen, die alle auf Warum-Fragen beruhten: Warum wurde Jesus geboren? Warum lebte Jesus? Warum starb Jesus? Warum ist Jesus auferstanden? Warum wird er wiederkehren?

    Wenn du einen Moment inne hältst und dir Antworten auf die Fragen überlegst, wird dir bei fast allen Fragen Einiges einfallen. Und du wirst eine Verbindung zu zentralen Lehren des Christentums erkennen. Nur bei einer Frage, könnte es schwierig geworden sein: Warum lebte Jesus? Keine schwierige Frage, findest du? Nun, würde sich an deinen Antworten auf die anderen Fragen oder an deiner Hoffnung irgendetwas ändern, wenn er kurz nach der Geburt gleich ‚für unsere Sünden gestorben‘ wäre? Oder wenn er statt 3 1/2 Jahre 30 1/2 Jahre tätig gewesen wäre?

    Vielleicht hast du jetzt ein paar Gründe im Sinn. Wir werden auf einige später eingehen und sehen, dass sie bei näherer Betrachtung nicht so überzeugend sind, wie man denkt. Nehmen wir zum Beispiel die Begründung, dass Jesus trotz aller Versuchungen ein gottgefälliges Leben ohne Sünde führen musste. Gut. Das hätten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes in einem Satz festhalten können. Aber darum geht es im Großteil des Textes gar nicht. Ein anderer möglicher Grund: Jesus lebte uns vor, wie wir leben sollen. Aber auch das wird im Großteil des Textes der Evangelien gar nicht beschrieben.

    Tatsächlich zeigen schon die frühesten Glaubensbekenntnisse ein interessantes Muster. Nehmen wir zum Beispiel das kurze Glaubensbekenntnis aus dem vierten Jahrhundert, welches als das ‚Glaubensbekenntnis der Apostel‘ bekannt ist:

    Ich glaube an … Jesus Christus, Gottes einzigen Sohn, unseren Herrn;
    empfangen durch den Heiligen Geist,
    geboren von der Jungfrau Maria,
    gelitten unter Pontius Pilatus,
    gekreuzigt, gestorben und begraben,
    hinabgestiegen zur Hölle,
    am dritten Tage auferstanden von den Toten,
    aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters,
    von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

    N.T.Wright How God Became King, chapter 1, ‚Apostel’s Creed‘

    So viele Einzelheiten und doch nichts über Jesus Leben zwischen seiner Geburt und Kreuzigung! Nun vergleiche das einmal mit den vier Evangelien. Wieviel Text wird auf die Geburt und Taufe Jesus verwendet? Wieviel auf seine Kreuzigung und Auferstehung? Nur ein Bruchteil des Textes der Evangelien:

    Wie konnte es dazu kommen? Bevor jemand jetzt vorschnell auf die Idee kommt, dass der im Neuen Testament angekündigte Abfall der Grund ist, sollten wir uns einen einfachen Mechanismus bewußt machen. Anfangs wurden die Evangelien – wie auch andere Briefe – regelmäßig laut gelesen. Die Gläubigen beteten das ‚Vater-Unser‘ und kannten die Details der Evangelien, die sie als Grundlage verstanden. Die Glaubensbekenntnisse dienten nur als Rahmen, um wichtige Grundlehren klar gegen anderen Auffassungen wie die der Gnostiker abzugrenzen. Es gab zahlreiche Kontroversen zu verschiedenen Themen. Und wenn diese entschieden waren – wie auch immer – wurden diese frühen Formeln zu Bestandteilen von Glaubensbekenntnissen und sozusagen wie gewaschene Wäsche auf die Wäscheleine gehängt. N.T. Wright formuliert die Veränderung so:

    Die Kirche stellte eine „Glaubensregel“ auf, anhand derer man angeblich die heiligen Schriften verstehen sollte. Aber die fragliche „Regel“ – die sich entwickelnden Glaubensbekenntnisse und die frühen Formeln, die zu ihnen führten – ignorierte das zentrale Thema der vier Evangelien. Man beachte, was passiert. Irgendwann, vielleicht nicht lange nachdem die Glaubensbekenntnisse geschrieben wurden, wurde die ‚Wäscheleine‘ zu einem Lehrmittel. Die Liste der früheren Kontroversen wurde zum Lehrplan. „Dies“, so erklärte die Kirche, ‚sind die Dinge, die ihr über Gott, Jesus, den Heiligen Geist usw. wissen müsst. Und an diesem Punkt haben wir eine Grenze überschritten. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sagen: ‘Dies sind die Dinge, die ihr über Jesus wissen müsst.“ Die Glaubensbekenntnisse sagen, wenn man sie aus ihrem liturgischen Kontext herausnimmt, in den sie zusammen mit den Evangelien und dem Vaterunser gehören, und sie stattdessen als Grundlage für ein Lehrprogramm verwendet, Folgendes: „Nein, es gibt diese Dinge, die du wissen musst …“ 

    N.T.Wright How God Became King, chapter 1

    Mit der Zeit ging so das Zentrum – die Story der Evangelien – verloren und die Ergebnisse der Kontroversen standen im Vordergrund. Das macht die Glaubensbekenntnisse nicht für sich falsch oder unnötig oder nutzlos. Aber sie dürfen nicht die Story der Evangelien ersetzen.

    In dieser Serie verwende ich die Formulierung „Story der Evangelien“, wenn es darum geht, was uns die Evangelien zu sagen haben. Was die Autoren uns mitteilen wollen. Welche ‚Geschichte‘ sie uns darlegen. Das deutsche Wort Geschichte hat aber verschiedene Bedeutungen, weshalb „die Geschichte der Evangelien“ mißverständlich ist: Es geht nicht um Geschichte im Sinne eines historischen Berichtes, wie er in unserer Zeit verfasst würde. Eine Formulierung wie „die Evangelien erzählen eine Geschichte“ hört sich aber eher nach Märchen oder einer erfundenen Geschichte an. Daher habe ich das englische Wort „Story“ stehen lassen.

    Tatsächlich ist es so, dass viele ‚das Evangelium‘ nur mit Texten des Paulus wie Römer 3 und Galater 2-3 erklären würden – wie es die frühen Reformatoren taten – ohne sich auch nur ein einziges Mal auf eines der Evangelien zu beziehen! N.T. Wright schreibt daher:

    Es ist nicht nur so, dass wir alle die Evangelien falsch gelesen haben, obwohl ich denke, dass das im Großen und Ganzen stimmt. Es ist eher so, dass wir sie überhaupt nicht wirklich gelesen haben. Wir haben sie in den Rahmen von Ideen und Überzeugungen eingepasst, die wir aus anderen Quellen übernommen haben.

    Ich möchte, dass sie [die Evangelien] in diesem Buch, so gut wie mir das möglich ist, für sich selbst sprechen können. Das Ergebnis wird nicht jedem gefallen.

    N.T.Wright How God Became King, chapter 1

    Nun, wenn das Ergebnis nicht jedem gefallen wird, verspricht es ja ziemlich interessant zu werden – finde ich zumindest.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Die Jagd nach dem Snark

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Die Jagd nach dem Snark

    Von Christian


    Falls du noch nie von Eschatologie gehört hast und auch keine Ahnung hast, was der Snark ist und erst recht nicht, was die Suche nach diesem Snark sein sollte: Keine Sorge, es ist alles in Ordnung mit dir. Du solltest dir eher Sorgen machen, wenn du auf dieser Jagd bist. Warum, wird gleich klar.

    Zuerst einmal zu diesem schönen Fremdwort aus dem Griechischen: Eschatologie

    Eschatologie ([ɛsça-], aus altgriechisch τὰ ἔσχατα ta és-chata ‚die äußersten Dinge‘, ‚die letzten Dinge‘ und λόγος lógos ‚Lehre‘) ist ein theologischer Begriff, der das religiöse Konzept des Endzeitlichen, insbesondere die prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen (individuelle Eschatologie) und der gesamten Schöpfung (universale Eschatologie) beschreibt.

    Wikipedia

    Ok. Das könnte dich also schon einmal beschäftigt haben. „Wann kommt die Endzeit?“ „Wann kommt Harmagedon?“ „Für wann ist die Wiederkunft Christi zu erwarten?“ „Wann kommt das Ende?“ Und so weiter. Wenn ich alle Formulierungen auflisten würde, wäre die Zeit für diesen Teil der Serie schon vorbei.

    Und um es klar zu sagen: Wenn es um so etwas Wichtiges für das eigene Leben wie das Ende der Welt geht, ist es schon verständlich, wenn man darüber mehr wissen möchte.

    Die Frage ist nur: Wieviel können wir denn darüber wissen? Steht dazu etwas in der Bibel? Nun, wohl nichts so Offensichtliches wie ein Datum, sonst wäre es ja allen klar. Aber vielleicht müssen wir nur die verschlüsselten Begriffe im Bibelbuch Daniel, dem Neuen Testament und insbesondere der Offenbarung verstehen und kombinieren, um dieses Geheimnis zu lüften? Es soll sogar Zeichen geben, die wir nur entschlüsseln müssten. Und viele geben vor, dies tun zu können! Bei der Übersetzung des Buches „Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ war ich über die lange Liste der vorhergesagten Daten der Endzeit gelinde gesagt schockiert: Alleine von der Reformation bis heute führt er Dutzende von Vorhersagen und Jahren an.

    Und damit kommen wir zu dieser merkwürdigen Jagd nach dem Snark. Außerhalb des englischsprachigen Raumes kennt man diese Geschichte von Lewis Carrol kaum (Wikipedia). Aber Alice im Wunderland kennst du doch, oder? Ist auch von ihm. Die Geschichte The Hunting of the Snark (An Agony in Eight Fits) (engl. für „Die Jagd nach dem Snark – eine Agonie in acht Anfällen“ oder „– eine Agonie in acht Abschnitten“) wurde 1876 veröffentlicht:

    Von Henry Holiday – bookcover front of „The Hunting of the Snark“, Gemeinfrei

    Was hat diese Ballade mit Eschatologie zu tun? Nun, unsere Beschäftigung mit dem Thema Eschatologie sollte sich nie zu einem solchen Abenteuer entwickeln:

    Das Gedicht ist eine Ballade über eine seltsame Jagd-Expedition, die sich mit Sorgfalt, Hoffnung und einer völlig leeren Meereskarte aufmacht, ein mysteriöses Wesen namens Snark zu fangen. Was genau sie mit dem Snark anfangen wollen, bleibt offen, doch werden einige Eigenschaften aufgezählt.

    Die Besatzung wird vom Bellman (Ausrufer) mit seiner Glocke geleitet. 

    Eine der Figuren (Der Bäcker) hatte an dem Tag, als das Schiff der Jagdgesellschaft in See stach, die Warnung empfangen, dass manche Snarks Boojums sind, und wer das Pech hat, ein Boojum zu treffen, der wird sofort „sachte und plötzlich“ verschwinden. Genau dieses Pech hat der Bäcker am Ende der Ballade, denn der von ihm schließlich gefundene Snark war ein Boojum.

    Die Jagd auf den Snark (Wikipedia)

    Siehst du die Parallelen? Ich passe die Beschreibung einmal an das Thema an:

    Das Finden der einen richtigen biblischen Eschatologie ist eine seltsame Unternehmung, die manche mit akribischer Sorgfalt und großen Hoffnungen durchführen, aber nur mit einer vagen Beschreibung in sehr wenigen Bibeltexten. Was sie mit dieser Eschatologie dann anfangen sollen, ist offen.

    Die Suchenden werden von charismatischen Anführern oder Lehren motiviert.

    Auf dieser Suche kann man, wenn man Pech hat, „sachte und plötzlich“ verschwinden.

    Die Jagd nach der einzig wahren Eschatologie (Christian)

    Jetzt will ich nicht sagen, dass wir in der Bibel gar nichts zur Eschatologie finden. Doch eine obsessive Suche, die Aussagen der Bibel zur ‚Endzeit‘ und dem weiteren Verlauf der Geschichte ganz genau und ‚richtig‘ zu verstehen oder gar ein Datum vorherzusagen, hat sich wie die Suche nach dem Snark erwiesen. Es gibt endlose Interpretationen, Spekulationen und man kann sehr viel Zeit darauf verwenden. Und manche sind dabei aus der Realität sozusagen verschwunden.

    Was dabei leider oft übersehen wird, ist, welche entscheidende Rolle die eigenen Annahmen und Interpretationen spielen.

    Genau mit diesem Thema hat sich der Bibelwissenschaftler Dr. Michael S. Heiser in einer Blog-Serie über Eschatologie gewidment, die ich ins Deutsche übersetzt einmal wieder geben möchte.

    Dabei verwendet er einige Begriffe in Bezug auf Eschatologie, die dir vielleicht nicht bekannt sind. Die folgenden Erklärungen und Schaubilder sind aus der Wikipedia.

    Zuerst einmal werden wir den Begriff des Millenniums öfters hören. Das Wort ist vom lateinischen Wort für 1000 abgeleitet und bezeichnet eine Zeitspanne von 1000 Jahren. Als Millenarismus (oder vom Griechischen Wort abgeleitet Chiliasmus) wird die Überzeugung bezeichnet, die sich auf eine 1000 jährige (buchstäbliche oder symbolische) Herrschaft Jesu Christi bezieht, welche in Offenbarung 20:1-10 zu finden ist.

    Im Wesentlichen gibt es diese Hauptrichtungen des Millenniarismus:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus

    Nach dem ersten Kommen Christi vor rund 2000 Jahren würde gemäß den wichtigsten Hauptströmungen Folgendes geschehen:

    Prämillenarismus

    Die lateinsiche Silbe prä bedeutet „vor“. Die Vorstellung ist, dass wir in der Bibel lesen, dass es eine ‚große Trübsal‘ geben wird, danach Jesu zweites Kommen. Darauf schließt sich das Millennium an und dann das Endgericht.

    Dispensationalismus

    Der modernere Dispensationalimus sieht ein vorangegangenes zweites Kommen Christi für die Kirche vor. Damit einhergehend kann es eine ‚Entrückung‘ (Englisch rapture) geben, in der die Gläubigen von der Erde genommen werden.

    Postmillenarismus

    Die lateinische Silbe post bedeutet „danach“. In dieser Glaubensrichtung kommt Jesus erst nach dem Millennium zum zweiten Mal und führt dann das Endgericht durch.

    Amillennialismus

    Die Vorsilbe ‚a‘ bedeutet hier so viel wie nie „nicht“ oder „kein“. Also Kein-Millennium. Die Zahl 1000 wird symbolisch verstanden und die ganze Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kommen Christi werden als das Millennium angesehen.

    Zusätzlich zu diesen Ansichten gibt es noch eine fast unüberschaubare Anzahl von solchen, die sich in gewissen Details unterscheiden.

    Aber warum gibt es denn solch verschiedene Ansichten, obwohl der Text des Alten und Neuen Testaments der selbe ist? Das erklärt Dr. Heiser in seinem Blog, mit dem wir im nächsten Teil anfangen werden.

  • Gottes Bild sein – Teil 1

    Gottes Bild sein – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Um unsere Berufung und Zukunft als Menschen aus biblischer Sicht besser verstehen zu können, müssen wir in Genesis beim Bericht über die Schöpfung in 1. Mose anfangen. Doch das ist heutzutage ein denkbar schlechter Startpunkt für ein Video, weil praktisch jeder schon eine Meinung dazu hat und damit abschaltet: Von streng wörtlicher Auslegung bis zur völligen Ablehnung gibt es alles.

    Worum es in der Genesis aber geht, kann man nur richtig verstehen, wenn wir unseren Kontext des 21. Jahrhundert vergessen – soweit das überhaupt möglich ist – und die Worte mit dem Kontext der Israeliten vor 3500 Jahren lesen. Mindestens drei wesentliche Unterschiede müssen wir berücksichtigen:

    1. Die Menschen damals interessierte nicht „was die Welt im Innersten zusammenhält“, also der heutige wissenschaftliche Ansatz. Sondern wer die Welt ordnet und für ihre Funktionieren verantwortlich ist und sorgt.
    2. Die damalige Vorstellung von Himmel und Erde war eine ganz andere als heute. Nein, es geht nicht darum, dass sie irgendwie beschränkter oder ‚primitiver‘ war. Da die ‚Welt‘ dieser Menschen auf einen sehr überschaubaren Teil der Erde beschränkt war, war so etwas wie ein Globus oder eine Weltkarte unwichtig. Was sie interessierte war eine Beschreibung der ‚Welt‘, in welcher der Bereich der Menschen, der geistigen Wesen, der Toten und die Ordnung des Ganzen einfach verständlich war. Und so waren auch die Weltbilder oder Modelle anderer Völker aufgebaut. Wer heute diese als unwissenschaftlich belächelt, hat deren eigentlichen Zweck nicht verstanden.
    3. Die Israeliten kannten die Weltbilder und Schöpfungsgeschichten aus Ägypten und Mesepotamien. Daher ist ein Vergleich der Genesis mit diesen sehr aufschlußreich.

    Muster im biblischen Schöpfungsbericht

    Carmen Imes bezieht sich hier auf die Arbeiten verschiedener Gelehrter, insbesondere auf John H. Waltons Arbeiten, die man zum Beispiel in seinem Buch The Lost World of Genesis One finden kann:

    The Lost World of Genesis One von John H. Walton

    Jascha Schmitz hatte den Inhalt in seiner Video Serie Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt schon ausführlich erläutert. Daher werde ich hier das Ergebnis nur sehr kurz zusammenfassen.

    Kurz gesagt geht es im Schöpfungsbericht in der Genesis (1. Mose) nicht darum, wie Gott alles gemacht hat, sondern warum.

    Carmen Joy Imes, Being God’s Image

    Um das Risiko zu minimieren, unsere eigenen Ideen dem Text der Bibel hinzuzufügen, ist es wichtig, nach Mustern Ausschau zu halten, die der Author verwendet, um Dinge zu betonen. Was in einer Übersetzung meist verloren geht, ist der Rhythmus und die Wiederholung bestimmter Wörter oder Bilder in der Originalsprache des Textes. So ist es auch hier: „Gott sagte“ wird 3 mal für Menschen und 7 mal alles andere verwendet, also 10 mal. „Es werde …“ wird 3 mal für die Himmel und 7 mal für die Erde verwendet, also 10 mal. „machen“ wird 10 mal verwendet, „gemäß ihrer Art“ 10 mal, „Gott sah, dass es gut war“ 7mal usw. Es gibt noch mehr davon. Und wir finden dieses Muster:

    Die Symmetrie des Schöpfungsberichts in der Genesis

    In die Welt, die in 1. Mose 1:2 noch „formlos und leer“ ist, bringt Jahwe die Ordnung, die wir kennen. Am ersten Tag trennt Jahwe Licht von Dunkelheit, welche dann am vierten Tag mit Sonne, Mond und Sternen bevölkert werden. Am zweiten Tag trennt Jahwe die Wasser – oberhalb und unterhalb – und erschafft so den Himmel dazwischen. Am fünften Tag bevölkert Jahwe diese mit Vögeln und Fischen. Am dritten Tag trennt Jahwe trockenes Land ab und am sechsten Tag werden diese mit Landtieren und Menschen bevölkert.

    Menschen der Antike waren nicht daran interessiert, wie die Dinge ins Dasein kamen, sondern warum. Und der Schöpfungsbericht der Genesis in 1. Mose 1 gibt die Gründe an, das Warum: An Tag 1 sorgt Jahwe für Licht und an Tag 4 Himmelskörper, mit denen die Israeliten Zeit messen konnten, was nicht nur für den Ackerbau wichtig war, sondern auch für die Einhaltung der Festtage, welche den Israeliten auch gemäß den Büchern Mose mitgeteilt wurden. An Tag 2 sorgt Jahwe für den Bereich der Luft zwischen den Wassern, damit an Tag 5 Fische und Vögel darin leben können und später noch mehr. An Tag 3 wird das trockenes Land und Vegetation erwähnt, damit am Tag 6 darin Landtiere und der Mensch leben können.

    Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nicht um die wissenschaftliche Beschreibung einer zeitlichen Reihenfolge geht, sondern an Tag 1, 2 und 3 die Bereiche erwähnt werden und symmetrisch dazu an Tag 4, 5 und 6 die ‚Bewohner‘ dieser Bereiche. Auch wenn der 7. Tag danach kommt, geht es hier primär nicht um eine zeitliche Abfolge, sondern den Zweck, das Warum: Alles war gut und Jahwe konnte nun ‚ruhen‘. Nicht im Sinne von ‚ausruhen‘, sondern dass die Ordnung nun hergestellt war. Auch dazu gibt es ausführlichere Erklärungen. Das hier gebrauchte Worte für ‚ruhen‘ wird aber auch in dem Sinne gebraucht, dass die Vorbereitungen jetzt erledigt sind und mit dem eigentlichen Regieren begonnen werden kann.

    Sind wir Gedanklich immer noch bei den Israeliten in der Wüste vor 3500 Jahren? Das wurde über Jahwe gesagt, der Gott, der sie aus Ägypten gebracht hat und einen Bund mit ihnen schließen will: Das ist Jahwe, der euer Gott sein wird und ihr sein Volk, das seinen Namen tragen soll. Vergessen wir nicht, die Bericht der Genesis in diesem Kontext zu lesen und zu sehen. Deswegen ist der Bericht so geschrieben worden, wie er ist.

    In Verbindung mit dem Schöpfungsbericht, dem Ruhetag Gottes und der späteren Sabbath-Vorkehrung können wir auch schon einmal etwas für unser Leben ableiten:

    Der Sabbath ruft uns dazu auf, aufzuhören, wie Sklaven zu arbeiten, sondern anzufangen wie Mitglieder der königlichen Familie zu leben.

    Warum hier von einer königlichen Familie gesprochen wird, werden wir im Laufe der Serie noch besser verstehen. Es geht hier um ein weiteres Muster im Text der Bibel, eine Metapher, die den Israeliten gut bekannt war: Die Familienmitglieder des Königs hatten einen anderen Status als alle anderen Menschen. Nicht nur in Bezug auf das Erbe des Königtums, sondern während ihres ganzen Lebens. Dieses Muster taucht in der Bibel immer wieder auf, um unser Verhältnis zu Gott zu beschreiben.

    Welche Vorstellung von der Welt hatten denn die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, wo und warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe meine Video Serie Gottes Namen Tragen).

    Der biblische Schöpfungsbericht ist dagegen so komponiert, dass einige Gelehrte ihn für eine Art Liturgie halten: Der 7-Tage Rahmen des Schöpfungsberichts wurde so angelegt, damit er ein Must für die Arbeitswoche der Israeliten ist. Ein Zyklus von 7 Tagen findet sich nicht in anderen antiken Kalendern, die von Himmelskörpern abgeleitet ist. Er kommt gemäß den Büchern Mose aus einem Gebot Gottes und daher ist im hebräischen die 7 eine Zahl für Vollständigkeit. Die Bezeichnung des 7. Tages als Ruhetag findet seinen Anklang in Pslam 132:7-8 oder Jesaja 66:1,2 wo von Gottes Ruheort gesprochen wird. Viele Gelehrte halten 1. Mose 1 (Genesis 1) daher für einen Tempel-Einweihungstext – für den kosmischen Tempel Gottes. Aber das ist ein anderes spannendes Thema, das Jascha Schmitz in einer längeren Video-Serie betrachtet hat: Kosmischer Tempel – Zentrales Thema der Bibel

    Dabei geht es jetzt nicht um eine geheime Botschaft, die in der Bibel versteckt ist. Es geht um das Muster eines Tempels, das im Text der Bibel immer wieder verwendet wird. Eine Metapher, mit der die Israeliten und Menschen der Antike völlig vertraut waren. Ein Tempel war der Ort der Präsenz eines Gottes oder einer Göttin. In der Kosmologie der Israeliten war der Bereich Jahwes und der der Menschen getrennt. In Verbindung mit dem Sinai, der Bundeslade und später dem Tempel wird aber im Alten Testament von der Gegenwart oder Präsenz Jahwes gesprochen. Und so auch in der Genesis – im Schöpfungsbericht in 1. Mose. Und zwar in Verbindung mit dem Garten Eden im Paradies und den Menschen. Dieses Muster von Eden findet sich später wieder in der Konstruktion und den Darstellungen in der Stiftshütte, dem Tempel und weiter bis zu Offenbarung.

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Eine interessante Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darauf gehen wir im nächsten Teil ein.

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 1

    Von Hoffnung überrascht – Teil 1

    Von Christian


    Kann es denn überhaupt so sein, dass wir heute in Bezug auf die Hoffnung, die wir in der Bibel erhalten, noch irgendwie überrascht sein können? Ist denn dazu nicht schon alles verstanden, geschrieben und gesagt worden? Bildet sich hier etwa jemand ein, es besser zu wissen als die ersten Christen, die ‚Kirchenväter‘, die großen theologischen Denker des Mittelalters und der Reformation?

    Schon an der Aufzählung in der letzten Frage ist uns vielleicht aufgefallen, dass der Fokus hier stark auf der ‚Westkirche‘ lag. Zum Beispiel fehlen in der Aufzählung die ‚Ostkirche‘, also die griechisch orthodoxe Kirche und die Kirchen des Nahen Ostens. Oder die weitere Entwicklung im Judentum. Und all deren Hoffnungen geht zum Teil weit auseinander.

    Aber können wir heute denn überhaupt mehr wissen über das Alte Testament, das Neue Testament und den Kontext, in dem diese geschrieben wurden, als sogar die Kirchenväter? Hier muss man mit einem klaren Ja antworten. Warum ist das so?

    Weil uns heute viel mehr Quellen der Antike zur Verfügung stehen und man die verwendeten Sprachen besser versteht. Was kannten die Kirchenväter denn? Sie hatten nur sehr wenige Quellen zu Verfügung. Viele waren Teil einer lokalen verfolgten Gruppe und keine Wissenschaftler mit Zugriff auf riesige Bibliotheken und Computer. Und sie waren nicht einmal näher an den verwendeten Sprachen als wir heute. Wie bitte? Was denkst du, wie viele der Kirchenväter zum Beispiel das Alte Testament in Hebräisch lesen konnten? Nicht einmal eine Handvoll! Und warum wurde wohl Hieronymus Ende des vierten Jahrhunderts beauftragt, eine lateinische Übersetzung der Bibel (später Vulgata genannt) zu erstellen? Nicht nur wegen den Unterschieden in den existierenden lateinischen Übersetzungen. Dass es lateinische Übersetzungen gab, zeigt schon, dass die meisten nicht einmal Griechisch konnten. Und auch Hieronymus überstetze das Alte Testament aus der Septuaginta, also der griechischen Übersetzung und seine Kenntnisse des Hebräischen sind unklar. (Siehe Serie Der Kanon des Neuen Testaments).

    Schon ab dem zweiten Jahrhundert hatte man sich im Denken und der Argumentation weit zum Beispiel von den Briefen des Paulus und den Texten des ersten Jahrhunderts entfernt. Und das Alte Testament als ‚veraltet‘ beiseite geschoben. (Siehe Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen)

    Nicht übersehen sollten wir auch den starken Einfluß der griechischen Philosophie, insbesondere Platon, auf die christliche Lehre und Theologie und sogar das Judentum zur Zeit Christi. Wann wurden die Lehren von Himmel, Hölle, Fegefeuer und unsterblicher Seele in der heutigen Form geprägt? Finden wir sie im Text des Alten oder Neuen Testaments? Bei den Kirchenvätern? Oder erst ab dem Mittelalter? Wir werden sehen.

    Es geht also darum, mit all den Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, zurück zum Text des Alten und Neuen Testaments zu gehen. Was kann ein Bibelgelehrter heute dazu sagen, was zum Beispiel ein Apostel Paulus geschrieben hat? Oder in den Evangelien zu finden ist? Was war die Botschaft, welche die Christen im ersten Jahrhundert gehört und verkündet haben? Darum wird es in dieser Video Serie gehen.

    Erfreulicherweise gibt es das Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright auch in deutscher Übersetzung: Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Daher möchte ich in dieser Serie nur die Grundzüge darstellen und jeden auffordern, das Buch selbst zu lesen und die Argumente anhand der Bibel selbst zu prüfen.

    Vorausschicken möchte ich kurz ein paar Informationen über N. T. Wright. Nicht, weil ein Argument wichtiger oder richtiger wird, weil ein anerkannter Gelehrter es sagt. „Nicholas Thomas Wright, besser bekannt als N. T. Wright oder Tom Wright, war Professor für Neues Testament und frühe Christenheit an der University of St Andrews, anglikanischer emeritierter Bischof von Durham (England) und einer der führenden neutestamentlichen Theologen und Leben-Jesu-Forscher im englischen Sprachraum. Seit 2019 arbeitet er als Senior Research Fellow an der University of Oxford. … Wright ist ein eigenständiger, unkonventioneller Denker, der moderne und klassische Auslegungen in Frage stellt, und der schwer einzuordnen ist. Er legt komplexe theologische Themen, klar und gut lesbar dar, um den Leser hierdurch zum Nachdenken anzuregen.“ (Wikipedia) Hören wir uns also einmal an, was jemand zu sagen hat, der sich Jahrzehnte in seiner akademischen Forschung mit dem Text des Neuen Testaments und insbesondere den Paulinischen Briefen beschäftigt hat.

    Beginnen wir mit einem wichtigen Hinweis im Vorwort (S. 14).

    Alle Sprache über die Zukunft ist, wie jeder Ökonom oder Politiker bestätigen wird, nicht mehr als eine Reihe von Schildern, die in den Nebel weisen. Wir schauen durch ein dunkles Glas, sagte Paulus, als er auf das schaute, was kommt. Unsere gesamte Sprache über zukünftige Zustände der Welt und von uns selbst besteht aus komplexen Bildern, die mehr oder auch weniger gut mit der letztendlichen Wirklichkeit übereinstimmen. Das heißt aber nicht, dass die Sache völlig unklar ist oder dass jede Meinung zu diesen Dingen gleichwertig ist. Und was wäre, wenn uns jemand aus dem Nebel entgegenkäme, um uns zu begegnen? Das ist natürlich die zentrale, wenn auch oft ignorierte christliche Glaubensüberzeugung.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 14,15

    Insofern sollte niemand behaupten, er wisse ganz genau, wie die Hoffnung und Zukunft eines Christen aussehen wird. Wenn doch schon ein Paulus sagt, dass er und seine Zeitgenossen dies nicht tun konnten, obwohl sie den heiligen Geist hatten (1. Korinther 13:12).

    Welche Hoffnung hast du?

    Damit sind wir an dem Punkt angelangt, an dem du dir einmal kurz überlegen solltest, welche Hoffnung du hast.

    Als Katholik glaubst du vermutlich, dass du nach dem Tod in den Himmel kommst. Bloß nicht auf ewig in die Hölle. Und nur kurz im Fegefeuer. Interessanterweise wurden Himmel und Hölle in den Koran und damit den Isalm übernommen, obwohl das so weder im Alten noch Neuen Testament zu finden ist. Als Protestant hoffst du vermutlich auch, in den Himmel zu kommen. Aber das mit der Hölle … zu grausam. Vielleicht kommen ja einmal alle Menschen in den Himmel? Bei manchen hört sich das sehr nach asiatischen Religionen und Philosophien an. Wieder mit Gott (oder dem Universum?) vereint werden.

    Besonders möchte ich – nicht nur wegen meiner eigenen Erfahrungen – auf die Hoffnung von Jehovas Zeugen und Ex-Zeugen eingehen, weil diese oft eine interessante Wendung erfährt.

    Als Jehovas Zeugen noch Bibelforscher waren, glaubten sie im Wesentlichen auch, dass sie wie alle Christen in den Himmel kommen. Als sich die jahrelang verkündete Hoffnung „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ 1925 nicht erfüllt hat, musste der Umzug in den Himmel halt verschoben werden. In den 1930er Jahren hat dann der Präsident der Watchtower Bible & Tract Society J. F. Rutherford seinen Anhängern nicht nur den Namen Jehovas Zeugen verpasst, sondern auch eine neue Hoffnung: Nur noch ein kleiner Überrest der buchstäblich aufgefassten 144.000 gesalbten Christen käme in den Himmel, um mit Jesus zu herrschen. Alle anderen wären ‚andere Schafe‘ und würden auf der Erde bleiben. (Siehe Video Wahre Anbetung identifizieren, Teil 8: Die Lehre der Zeugen Jehovas über die ‚Anderen Schafe‘)

    Viele sind aber mittlerweile aufgewacht und haben erkannt, dass J. F. Rutherford diese Lehre von den ‚anderen Schafen‘ damals nur anhand von eigenen, an den Haaren herbeigezogenen Vorbild-Gegenbild Vergleichen begründet hat. Daher werden diese Original-Artikel aus den 1930er Jahren auch in der Wachtturm-Literatur schon lange nicht mehr zitiert. Dann würde es ja jedem auffallen.

    Dadurch passiert nun aber Folgendes: Wenn es keine zwei Hoffnungen gibt, wie es die Zeugen Jehovas lehren, sondern nur eine Hoffnung für alle Nachfolger Jesu, dann ist es doch die … himmlische, nicht wahr? Also kommen die ‚Kinder Gottes‘ alle in den Himmel. Willkommen im Schoß der Kirche, möchte ich da sagen. Aber nicht ganz. Was ist mit den anderen? Kommen die ins Fegefeuer und die Hölle? Nun, wer Jahre und Jahrzehnte lang gepredigt hat, dass die Bibel zeigt, dass es keine Hölle und keine unsterbliche Seele gibt, wird das vermutlich nicht glauben. Aber was dann? Werden solche Menschen doch beim Schlußgericht ‚für immer vernichtet‘? Klingt das nicht immer noch so wie aus der Predigtdienst-Toolbox der Zeugen Jehovas? Und was geschieht zwischen dem Tod als Mensch und der Zukunft? Sind wir dann ‚im Gedächtnis Gottes‘? Klingt auch irgendwie bekannt …

    Ich frage mich, wieviele ‚Beweistexte‘ dir jetzt für das eine odere andere schon durch den Kopf gegangen sind. Aber damit ziehen wir immer noch viel zu früh unsere Schlüsse. Weil wir unbewusst noch ganz viele Ideen als Vorraussetzungen in unserem Denken haben. Und weil das Lesen der Bibel in der Regel nicht reicht. Selbst unter Gebet und mit heiligem Geist nicht. Denn der müsste wahre Wunder vollbringen, weil wir weder die Texte in den ursrpünglichen Sprachen lesen können noch mit dem damaligen Kontext. Wir verstehen die Bedeutung der Worte und Redewendungen nicht. Oft entgeht uns sogar der schon fast offensichtliche Bezug auf das Alte Testament, wenn auf die Septuaginta bezug genommen wird oder Sprachbilder davon verwendet werden. Oder die Verwendung gewisser Worte und Begriffe im ersten Jahrhundert. Was damals für jeden Nachfolger Christi vielleicht klar war, erklärt sich für uns nicht von selbst. Und schlimmer noch: Wir lesen in den Übersetzungen Begriffe und verbinden sie mit Vorstellungen, welche die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert gar nicht gehabt haben.

    Daher kann das Motto jetzt nur lauten: Zurück zum Text! Und zurück zum Kontext!

    Und genau damit fangen wir im nächsten Teil an.

  • Der Kanon des Neuen Testaments: Vorwort

    Der Kanon des Neuen Testaments: Vorwort

    Von Christian


    Nachdem ich im Jahr 2023 diese Serie über den Kanon des Neuen Testaments fertig gestellt hatte, und 2024 leider mit einem neuen YouTube Kanal ‚Beröer Suche‘ nochmals anfangen musste, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um der Serie ein kurzes Vorwort voranzustellen.

    Wenn du dir die 18 Folgen der Serie anschaust, dann begibst du dich mit mir auf eine Entdeckungsreise. Es kann gut sein, dass du dich manchmal wie im Tal der Tränen fühlst, aber keine Sorge – es endet nicht hoffnungslos.

    Wenn dir klar wird, dass dir vertraute, liebgewordene und scheinbar wichtige Eckpfeiler deines Glaubens verloren gehen, dann ist das eine schwierige Zeit. So ist es mir auch ergangen. Doch oft ist ein Eckpfeiler da – nur nicht so, wir wir das vielleicht uns vorgestellt haben.

    Die Frage ist, ob du bei einem Glauben stehen bleiben möchtest, der sich gut anfühlt, aber oberflächlich ist und auf Wunschvorstellungen beruht. Das führt oft dazu, dass man sich von anderen Meinungen abkapselt, Angst vor ihnen hat oder mit Überheblichkeit reagiert.

    Oder man sieht den Tatsachen ins Auge, und entwickelt einen reifen, ausgewogenen Glauben. Dazu muss man sich manchmal auch die ‚Gegenseite‘ anhören. Und lernen, mit Unsicherheiten umzugehen.

    Wenn wir von der Bibel – und insbesondere dem Neuen Testament, das wir hier behandeln – nichts erwarten, was uns nie zugesichert wurde, werden wir viel dankbarer für das sein, was wir haben. Texte des Glaubens für unseren Glauben.

  • Gottes Namen Tragen – Teil 1

    Gottes Namen Tragen – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Gedanken aus dem Buch Bearing God’s Name – Why Sinai still matters (Gottes Namen tragen – warum der Sinai noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Das Buch ist die auch für Laien gut lesbare Darstellung der Doktorarbeit von Professor Imes. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Aber warum ist das für uns heute überhaupt interessant? Im Vorwort ihres Buches beschreibt Imes sehr gut die üblichen Vorbehalte: „Das Alte Testament hat aus vielen Gründen einen schlechten Ruf bekommen. Zu gewalttätig. Zu verwirrend. Zu abgehoben. Zu legalistisch. Zu veraltet.“ Was vielen im Alten Testament fehlt, ist die Gnade, die im Neuen Testament so wesentlich erscheint. Wir werden sehen, dass dies gar nicht der Fall ist und gerade Christen das Alte Testemant mehr denn je brauchen.

    Wir werden auch sehen, was der Text aus 2. Mose 20:7 „Du darfst den Namen Jahwes, deines Gottes, nie missbrauchen!“ (NEÜ) eigentlich wirklich gemäß dem Urtext bedeutet. Die Tragweite der eigentlichen Bedeutung ist heute noch die selbe wie damals, wie aus den ersten Worte des Vorworts von Christopher J. H. Wright hervorgeht: „“Und du nennst dich selbst einen Christen!” Das war so ziemlich das Schlimmste, was wir als junge Christen in meiner nordirischen Kindheit zu hören fürchteten.… Was auch immer es war, der schlimmste Vorwurf von anderen Kindern (oder am schlimmsten von einem Lehrer) wäre: “Und du nennst dich selbst einen Christen!”“

    Daher werden wir uns nun nicht nur mit 2. Mose 20:7 sondern dem mosaischen Gesetz und den Ereignissen am Sinai damals beschäftigen. Ich weiß, was du jetzt denkst: Das ist ja so trocken wie die Wüste am Sinai! Aber du wirst dich wundern. Mit einem guten Reiseführer durch diese Ereignisse wird das sehr interessant werden.

    Stellen wir uns nur einmal vor, was die Israeliten alles erlebt hatten, bis sie am Sinai waren. Was brauchst du zum Leben, wenn du nach all dem auf dem Weg durch die Wüste bist? Und was bekommt Moses von Gott? Das Gesetzt mit all seinen Regeln. Doch wie sieht Moses das?

    Seht, ich habe euch Ordnungen und Rechte gelehrt, so wie Jahwe, mein Gott, es mir befahl, damit ihr danach handelt in dem Land, das ihr in Besitz nehmen werdet. Vergesst sie nicht und richtet euch danach! Denn darin besteht eure Weisheit und Einsicht in den Augen der Völker. Wenn sie von diesen Ordnungen hören, werden sie sagen: „Was für ein weises und einsichtiges Volk ist diese große Nation!“ Denn welche große Nation hat Götter, die ihr so nahe sind wie Jahwe, unser Gott, wann immer wir zu ihm rufen? Und wo gibt es eine große Nation, die so gerechte Ordnungen und Vorschriften hätte wie dieses Gesetz, das ich euch heute vorlege.

    5. Mose 4:5-8 NEÜ

    Mit anderen Worten: Die Israeliten haben mit dem Gesetz etwas Kostbares bekommen, auf das die anderen Nationen neidisch sein werden!

    Aber wird werden uns gar nicht so sehr mit den 10 Geboten oder den vielen einzelnen Vorschriften beschäftigen, sondern dem Gesamtbild. Wir werden erkennen, dass die fünf Bücher Mose einen interessanten Rahmen enthalten, der uns beim Lesen vielleicht noch nie bewußt aufgefallen ist, weil wir schließlich nur noch Details gesehen haben. Wir werden über den eigentlichen Zweck des Gesetzes und die Aufgabe der Israeliten sprechen. Und wie im Neuen Testament dies wieder aufgenommen wird. Weil Gott seinen Plan nicht aufgegeben hat, sondern allen Menschen die Möglichkeit gibt, die ursprüngliche Mission zu erfüllen.

    Das Volk werden, das Gottes Namen trägt

    Ägypten verlassen

    Kontext ist alles

    In der Serie Die neue Sicht auf Paulus, die auf dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger. beruht, hatten wir schon gesehen, dass viele Christen folgende Vorstellung haben:

    • In der Zeit des Alten Testaments ging es für Israel darum, durch das Halten des Gesetzesbundes vom Sinai die Rettung zu verdienen.
    • Jesus hat mit dieser Vorstellung aufgeräumt und die Erlösung ohne jedes persönliche Tun zur Verfügung gestellt.

    In jener Serie haben wir aber auch gesehen, dass beide Aussagen nicht auf den Heiligen Schriften sondern den Überlegungen späterer Gelehrter und der Reformation beruhen. Auch Carmen Imes geht in ihrem Buch darauf ein und zeigt, warum die erste Aussage gar nicht stimmen kann:

    Den Kontext berücksichtigen: Israel kommt in 2. Mose 19 am Sinai an und erhält von Jahwe das Gesetz. Die Rettung Israels aus Ägypten finden wir aber sowohl zeitlich als auch im Text schon vorher in 2. Mose 3-14. Das Gesetz vom Sinai kann also nicht die Vorrausetzung für die Rettung Israels aus Ägypten gewesen sein.

    Daher lesen wir auch dies in 2. Mose 6:6

    Sag deshalb zu den Israeliten: ‚Ich bin Jahwe. Ich befreie euch von der Zwangsarbeit für die Ägypter. Ich rette euch aus der Sklaverei. Mit starker Hand und durch große Strafgerichte werde ich euch erlösen.

    2. Mose 6:6 NEÜ

    Gott hat nicht erst einmal geprüft, ob sie vielleicht noch Götzen zu Hause hatten oder in Bezug auf die Moral dem Gesetz genügten. Ihre Rettung hatte nichts mit ihrer Rechtschaffenheit oder ihrem Handeln zu tun, sondern mit seinem Versprechen gegenüber ihrem Vorvater Abraham.

    Dabei ist noch folgender Aspekt zu 2. Mose 12:13 interessant :

    Das Blut an den Häusern, in denen ihr euch befindet, soll ein Schutzzeichen für euch sein. Wenn ich das Blut sehe, werde ich vorübergehen, [Hebräisch: pasachti, wovon Passa abgeleitet ist.] und der Schlag, mit dem ich das Land Ägypten treffe, wird euch nicht verderben.

    2. Mose 12:13 NEÜ

    Das hebräische Wort pasachti, von dem unser Passa abgeleitet ist, kann mit ‚vorübergehen‘ übersetzt werden. In diesem Kontext macht aber eine andere Bedeutung mehr Sinn, wie sie auch z.B. in Jesaja 31:5 zu finden ist.

    In 2. Mose 12:13,23,27 geht Jahwe nicht an Israel vorbei, sondern ‚beschützt‘ es.

    Der Rahmen des Sinai: Die Wanderungen in der Wildnis

    Der Bericht über Israel und den Sinai enthält eine weitere Besonderheit, die uns beim Lesen so vielleicht noch nie aufgefallen ist. In 4. Mose 33 wird die gesamte Route der Wanderung Israels von Ägypten nach Kanaan beschrieben. Auf dieser Route gibt es zweiundvierzig Lagerplätze. Lesen wir aber aufmerksam die Berichte in 2. Mose 12-18 und 4. Mose 11-32, dann kommen wir nur auf sechs Lagerplätze jeweils vor und nach dem Sinai. Und alle beginnen mit der selben hebräischen Phrase: „und sie brachen auf.“ Damit haben wir keinen Widerspruch in den Büchern Mose gefunden. Beide Berichte erfüllen einen unterschiedlichen Zweck. Und der Zweck der Berichte vor und nach dem Sinai wird in dieser Abbildung aus Carmen Imes Buch deutlich:

    Dass das kein bloßer Zufall ist, sondern ein zur damaligen Zeit und Kultur üblichen Form, etwas zu betonen, wird aus den weiteren symmetrischen Berichten deutlich:

    Vor dem SinaiNach dem Sinai
    6 Lagerorte, „und sie brachen auf“ (2. Mose 12-18)6 Lagerorte, „und sie brachen auf“ (4. Mose 11-32)
    7 mal wird „Wüste“ erwähnt7 mal wird „Wüste“ erwähnt
    Gottes Versorgung mit Manna und Wachteln ( 2. Mose 16) sowie zwei Bitten um Wasser, die durch einen sprudelnden Felsen erfüllt wurden (2. Mose 17:1-7).Gottes Versorgung mit Manna und Wachteln ( 2. Mose 16) sowie zwei Bitten um Wasser, die durch einen sprudelnden Felsen erfüllt wurden (2. Mose 171-7).
    Gottes Engelsbote beschützt die Hebräer vor einem fremden König. (2. Mose 14:19-20)Gottes Engelsbote beschützt die Hebräer vor einem fremden König. (4. Mose 22:21-35)
    Israels Kampf gegen die Amalekiter (2. Mose 17:8-16)Israels Kampf gegen die Amalekiter (4. Mose 14:39-45)
    Mose trifft sich mit einem midianitischen Familienmitglied und erhält eine Handlungsempfehlung ( 2. Mose 18)Mose trifft sich mit einem midianitischen Familienmitglied und erhält eine Handlungsempfehlung (4. Mose 10:29-32)
    Mose ist mit Führungsaufgaben überlastet (2. Mose 18:17-18)Mose beginnt, Aufgaben an andere zu delegieren
    Mose beginnt, Aufgaben an andere zu delegieren (2. Mose 18:24-26)Mose beginnt, Aufgaben an andere zu delegieren (4. Mose 11:16-17) Enthält absichtliches Zitat aus 2. Mose.
    Israeliten klagen, warum sie Ägypten verlassen haben (2. Mose 14:10-12)Israeliten klagen wegen dem Bericht der Kundschafter (4. Mose 14)

    Warum werden die Ereignisse am Sinai durch diesen Rahmen so hervorgehoben? Weil eine dort eine große Transformation stattgefunden hatte: Die Israeliten waren am Sinai im Zustand der Liminalität. Eine Phase des Übergangs, der grundlegenden Änderung ihres Status. Sklaven Ägyptens waren sie nicht mehr. Aber was würden sie werden? Was für ein Gott ist Jahwe? Was würde er von ihnen erwarten? Wie würde ihre Zukunft aussehen?

    Für Israel ist die Reise durch die Wüste von Ägypten nach Kanaan eine Zeit des Übergangs. Sie ist weit mehr als nur ein Übergangsort, sie ist die Stätte von Israels Werden. Die Wildnis ist das vorläufige Ziel, das sie zu dem macht, was sie sind. Übergangsorte tun das immer. Sie verändern uns.

    Gott hat es nicht eilig, sie aus dem Übergangsraum in das Land zu führen, das er ihnen versprochen hat. Sie sind noch nicht bereit.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Wenn wir uns das Ausmaß der Veränderung, die offenen Fragen und die Ungewissheit über die Zukunft und das Wesen des Gottes, der sie gerettet hatte genau vorstellen, verstehen wir auch besser, warum sie scheinbar so schnell Gottes Macht, sie zu retten, vergessen konnten. Wer würde sich in einer Wüste nicht Sorgen um Wasser und Nahrung machen? Umgeben von feindlichen Völkern? „Jahwe weiß das. Es ist bemerkenswert, dass er die Israeliten nicht tadelt, wenn sie sich beschweren oder in Panik geraten, während sie zum Sinai ziehen. Er sorgt einfach für ihre Bedürfnisse. Er nutzt diese Reise, um ihnen seine Vertrauenswürdigkeit zu beweisen.“

    Als der Pharao das Volk ziehen ließ, führte Gott es nicht den Weg durch das Land der Philister,[3] obwohl das der kürzeste Weg gewesen wäre, denn Gott dachte: „Wenn das Volk merkt, dass es kämpfen muss, könnte es seine Meinung ändern und nach Ägypten zurückkehren.“ Aus diesem Grund ließ Gott das Volk einen Umweg machen und führte es den Wüstenweg zum Schilfmeer.

    Jahwe zog vor ihnen her, um ihnen den Weg zu zeigen. Tagsüber führte er sie in einer Wolkensäule und nachts in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht weiterziehen. Tagsüber sahen sie die Wolkensäule vor sich, nachts die Feuersäule.

    2. Mose 13:17-18,21,22 NEÜ

    Vertrauen ist kein Automatismus, und Gott erwartet das auch nicht. Er setzt sich geduldig für Israel ein, bis sie erkennen, dass er ihr Vertrauen wert ist.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Die Israeliten ‚drücken die Schulbank‘ sozusagen. Sie lernen, dass sie jeden Tag auf Gott vertrauen müssen und es auch können. Dass sie jeden Tag von ihm abhängig sind. Auf dem Weg zum Sinai finden die Israeliten heraus, was für ein Gott Jahwe ist und wie sie im Vertrauen auf ihn leben können.