Nachdem wir uns in der letzten Folge sowohl den historischen als auch sozialen Kontext etwas angeschaut haben, wollten wir zumindest eine wichtige Schrift aus dem ersten Jahrhundert anschauen, die als nützlich und sogar als Teil des Bibel-Kanons betrachtet wurde, schließlich aber nicht in den finalen Kanon übernommen wurde.
Die Didachḕ
Die Didachḕ [Διδαχὴ τῶν δώδεκα ἀποστόλων Didachḕ tõn dṓdeka apostólōn ‚Lehre der zwölf Apostel‘,] besteht aus einem Katechismus (Morallehre), einer Gottesdienstordnung und einer „kleinen Apokalypse“ und wurde etwa um 100–110 n. Chr. geschrieben. Anfangs wurde sie zu den kanonischen Schriften gezählt, später dann aber nicht mehr.
Das Werk ist in 16 Kapitel mit jeweils drei Teilen und einer Conclusio aufgeteilt.
Kapitel 1–6: Überblick über christliche Sittenlehre in zwei Wegen: Weg des Lebens und des Todes
5: Sei nicht wie einer, der seine Hände ausstreckt zum Nehmen, zum Geben aber sie zuhält. Wenn du etwas in deinen Händen hast, so gib es als Sühne für deine Sünden.
7: 1. Bezüglich der Taufe haltet es so: Wenn ihr all das Vorhergehende gesagt habt, „taufet auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ in fließendem Wasser. 2. Wenn du aber kein fließendes Wasser hast, dann taufe in einem anderen Wasser; wenn du es nicht in kaltem tun kannst, tue es im warmen. 3. Wenn du beides nicht hast, gieße dreimal Wasser auf den Kopf „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. 4. Vor der Taufe soll fasten der Taufende, der Täufling und wer sonst kann; den Täufling lasse ein oder zwei Tage zuvor fasten.
9: 1. Bezüglich der Eucharistie haltet es so: 2. Zunächst in Betreff des Kelches: Wir danken Dir, unser Vater, für den heiligen Weinstock Davids, Deines Knechtes, den Du uns zu erkennen gabst durch Jesus, Deinen Knecht; Dir sei die Ehre in Ewigkeit. 3. Und in Betreff des gebrochenen Brotes: Wir danken Dir, unser Vater, für das Leben und die Erkenntnis, die Du uns zu erkennen gabst durch Jesus, Deinen Knecht; Dir sei die Ehre in Ewigkeit. 4. Wie dieses gebrochene Brot auf den Bergen zerstreut war und zusammengebracht eins wurde, so möge Deine Gemeinde von den Enden der Erde zusammengebracht werden in Dein Reich; weil Dein ist die Ehre und die Macht durch Jesus Christus in Ewigkeit. 5. Aber keiner darf essen oder trinken von eurer Eucharistie, außer die auf den Namen des Herrn getauft sind. Denn auch hierüber hat der Herr gesagt: „ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben“
11: 3. Betreffs der Apostel und Propheten haltet es entsprechend der Vorschrift des Evangeliums also: 4. Jeder Apostel, der zu euch kommt, soll aufgenommen werden wie der Herr; 5. er soll aber nicht länger als einen Tag bleiben; wenn’s nötig ist, noch den zweiten; drei Tage aber wenn er bleibt, ist er ein falscher Prophet. 6. Wenn der Apostel weggeht, soll er nur Brot mitnehmen, bis er wieder einkehrt; wenn er aber Geld verlangt, ist er ein falscher Prophet. … 12. Wenn aber einer spricht im Geiste: Gib mir Geld oder sonst etwas, so höret nicht auf ihn; wenn er aber für andere Bedürftige um Gaben bittet, soll niemand ihn richten.
15: 1. Wählet euch Bischöfe und Diakonen, würdig des Herrn, Männer voll Milde und frei von Geldgier, voll Wahrheitsliebe, erprobte; denn sie sind es, die für euch versehen den (heiligen) Dienst der Propheten und Lehrer.
Man kann hier schon erkennen, wohin die Reise geht. Wenn es überhaupt überlieferte Anweisungen Jesu wie die bezüglich der Taufe im Neuen Testament gibt, dann sind sie sehr knapp. Und so bleiben viele Fragen offen. Und Dinge, die entschieden werden müssen. Und die Gemeinden begannen, gewisse Entscheidungen festzuhalten und weiterzugeben. Sei es in Bezug auf die Lehre oder die Vorgehensweise. Denn man will ja nicht heute so und morgen anders entscheiden, oder? Und genau diese Entwicklung werden wir auch wiederfinden, wenn wir im nächsten Teil betrachten, wie das heute in einer Zoom-Gemeinde abläuft.
In den vorangegangenen Folgen hatten wir angefangen, den Text des Neuen Testaments in Bezug auf die Struktur der Gemeinden zu untersuchen. Immer mit der Behauptung im Sinn: „Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“.
Dabei sind wir auf die Organisation der Gemeinden und das Thema Spenden etwas eingegangen, sowie auf Taufe und das friedliche Zusammenleben. Wir könnten noch weitere spezifische Aspekte anschauen, aber das würde dann eine ziemlich lange Serie. Lass uns lieber einen Blick auf den historischen Kontext dessen werfen, was wir bisher gelesen haben.
Der historische Kontext
Tatsächlich ist es doch so, dass die Gemeinden nicht jenseits aller Zivilisation entstanden sind, sondern in ganz konkreten historischen Kontexten mit ganz konkreten Bedürfnissen der Jünger. Betrachten wir diesen Kontext einmal genauer und fragen uns dann, ob wir heute die gleichen Bedürfnisse haben und alles so einfach auf uns übertragen dürfen.
Wir neigen oft dazu, die Geschichte der Nachfolger Jesu im 1. Jahrhundert als eine homogene Sache zu sehen – die Gemeinde im 1. Jahrhundert. Als gäbe es nur ‚dieeine Gemeinde‘ im 1. Jahrhundert die so und so gelebt hat. Die folgende Grafik soll uns einmal einige wichtige Aspekte vor Augen führen.
Die zeitliche Entwicklung
Ganz oben habe ich einmal ‚Generationen‘ von je 40 Jahren eingezeichnet. Damit wir ein besseres Gefühl dafür bekommen, wieviel Zeit wirklich damals vergangen ist. Denk das immer einmal in den Begriffen ‚ich‘, ‚mein Vater/Mutter‘, ‚mein Großvater/ meine Großmutter‘, ‚meine Kinder‘ und ‚meine Enkel‘ durch. Wieviel weißt du von deinen Großeltern? Was haben sie dir aus ihrer Jugend erzählt? Für die meisten Nachfolger Jesu im 1. Jahrhundert waren die Ereignisse im Leben Jesu im besten Fall die Berichte der Großeltern oder Urgroßeltern Generation. Und viele waren später Heiden, deren Eltern und auch Großeltern die von Jesus nicht gehört geschweige denn ihn selbst kennengelernt hatten.
Vielleicht haben wir auch die idealistische Vorstellung ‚der Gemeinde in Jerusalem‘ im Sinn. Das kann daran liegen, dass wir die Texte im Neuen Testament dazu in Minuten oder wenigen Stunden lesen können. Uns fehlt völlig das Gefühl für die vielen Jahre, die in den Berichten vergehen. Und vom zweiten Teil des ersten Jahrhunderts haben wir im Neuen Testament so gut wie überhaupt keinen Bericht.
Ein Apostel Petrus, Jakobus, der Bruder Jesu, oder ein Apostel Paulus waren nach nicht einmal 3 Jahrzehnten nach Jesu Tod auch nicht mehr am Leben! Das wäre so, als ob Jesus Anfang der 1990er Jahren da gewesen wäre und heute wären Petrus, Jakobus, Paulus und andere verstorben.
Und was war in der Zeit dazwischen? Vielleicht schon ein Jahr nach Jesu Tod wird Stephanus gesteinigt und die Gemeinde in Jerusalem wird zerstreut. Das wäre noch vor dem Jahr 2000 gewesen.
Schon 2010 wäre das ‚Konzil in Jerusalem‘ (Apostelgeschichte 15) gewesen und in wenigen Jahren wird der Tempel und Jerusalem zerstört. Dann müssen die in Jerusalem und Judäa fliehen. Aber davor hat schon eine Verfolgung durch die Weltmacht Rom begonnen.
Mittlerweile sind die Kinder und Enkel groß geworden und Jesus ist immer noch nicht zurück. Das Evangelium ist überall im römischen Reich verkündet würden, bis nach Rom und darüber hinaus.
Vielleicht wir uns jetzt bewusst, welche Veränderungen es ist in dieser Zeit gab und wie sich ‚die Gemeinde‘ im ersten Jahrhundert dramatisch verändert hat.
Interessant wäre es auch, einmal näher die Entwicklung zu betrachten, wie nach den 12 Aposteln andere Apostel (Missionare) und Aufseher eingesetzt wurden. Also nach der Zeit, als noch diese Apostel diesen die Hände auflegten. Und gab es in Rom schon das Monepiskopat, also die Leitung der Gemeinde durch einen Bischof? In den ersten beiden Jahrhunderten kann nicht mit Gewissheit gesagt werden, wann und wo es die Leitung durch eine Gruppe von Ältesten gab und wann eine Person besonders die Führung übernahm und Bischof genannt wurde.
Könnte es sein, dass wir eine idealistische Vorstellung von ‚der Gemeinde‘ im ersten Jahrhundert haben? Eine, die es so im Urchristentum nie gab? Den Begriff Urchristentum gibt es übrigens in der deutschsprachigen Literatur auch erst seit etwa 1770 (siehe Wikipedia Urchristentum).
Dabei haben wir noch gar nicht über die schrittweise Loslösung der jüdischen Jünger Jesu aus ihrer Religion, Kultur und ihrem Umfeld gesprochen.
Der soziale Kontext
Die Struktur und Veränderung der Gemeinden der Nachfolger Christi im ersten Jahrhundert muss auch im sozialen Kontext betrachtet werden. Ich möchte nur ein paar Fakten in Erinnerung bringen:
Anfänglich bestand die Gemeinde in Jerusalem nur aus Juden, die von anderen zuerst auch als solche wahrgenommen wurden. Erst nach einiger Zeit konnten sie nicht mehr in die Synagogen oder den Tempel gehen. Noch in Apostelgeschichte 21:26 lesen wir, dass Paulus mit anderen in den Tempel in Jerusalem ging. Erst 7 Tage später wurde er im Tempel von Juden aus der Provinz Asien gesehen und festgenommen.
Anfangs waren die 11 Apostel, die von Jesus persönlich ausgewählt wurden, die maßgeblichen Personen, was die Lehre Jesu betraf. Dann taucht auch Jakobus, der Bruder Jesu auf. Mit dem Wachstum der Gemeinde in Jerusalem und der Verbreitung des Evangeliums in andere Gemeinden und dem Tod der Apostel mussten andere ‚Älteste‘ ihre Aufgabe als ‚Aufseher‘ übernehmen, wenn auch nicht mit der selben Autorität.
Die meisten konnten nicht lesen geschweige denn Schreiben. Es musste in der Gemeinde vorgelesen werden. Oder jemand musste zitieren – entweder aus den Schriften oder der mündlichen Überlieferung.
Die mündliche Überlieferung wurde immer schwieriger, weil die Augenzeugen starben. Und dann die, welche die Augenzeugen noch kannten. Irgendwann hatten viele weder Jesus, noch einen Augenzeugen oder diejenigen, die sie kannten je kennengelernt.
Die verschiedenen Gemeinden hatten mit ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten und lokalen Religionen zu tun.
Mit den Jüngern aus den Heiden kamen ganz neue, philosophische Ideen und Erklärungen mit in die Gemeinde, die es im jüdischen Kontext so gar nicht gab. Auch wenn alle das selbe hörten, so verstanden sie aufgrund der verschiedenen persönlichen Hintergründe nicht unbedingt das Selbe darunter.
Gemäß Apostelgeschichte 1:8 hofften die Apostel, dass sie die Aufrichtung des Königreiches bald erleben. Und Jesus sagte ihnen nicht, dass es nicht so wäre. Nur, dass das nicht ihre Angelegenheit ist. Daher blieb diese Hoffnung bestehen. Aber die Jahrzehnte vergingen. Und damit stellte sich die Frage: Wenn dir darin falsch lagen, was haben wir dann vielleicht noch falsch verstanden?
Wie wir gesehen hatten, beschreibt das Neue Testament im Wesentlichen die erste Hälfte des ersten Jahrhunderts. Wie entwickelten sich die Gemeinden weiter? Dazu müssten wir auch die anderen überlieferten Schriften dieser Zeit, dann die der ‚apostolischen Väter‘ und der Patristik betrachten. Auch wenn das uns helfen würde, die Entwicklung der Gemeinden besser zu verstehen, würde das hier zu weit führen. Ich möchte in der nächsten Folgen nur eine wichtige Schrift etwas näher beleuchten.
In der letzten Folge hatten wir uns mit dem Thema „Geld und Spenden“ in den Gemeinden im ersten Jahrhundert beschäftigt. Die beiden weiteren Themen, die wir in dieser Folge ansprechen wollen sind: Tauf und die friedliche Gemeinde.
Taufe im 1. Jahrhundert
Wer taufte denn im 1. Jahrhundert? Genauer gesagt, was lesen wir im Neuen Testament? Natürlich Johannes der Täufer. Davon lesen wir immer wieder. Aber auch andere:
Jesus erfuhr, dass die Pharisäer auf ihn aufmerksam wurden, weil er mehr Menschen zu Jüngern machte und taufte als Johannes. –
Johannes 4:1 NEÜ
Also taufte Jesus? Was sagt der Kontext?
Er taufte allerdings nicht selbst; das taten seine Jünger. – Da verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.
Johannes 4:2,3 NEÜ
Also der Gründer dieser Bewegung taufte schonmal nicht. Aber er gab den Auftrag (Matthäus 28:19). So erfahren wir, dass Philippus taufte (Apg. 8:38). Was war mit den Aposteln? In Apostelgeschichte 10:47,48 hört es nicht so an, als ob Petrus selbst getauft hätte. Und in Apostelgeschichte 19:3-6 hört es sich auch nicht so an, als ob Paulus selbst getauft hätte. Doch manchmal hat er es und weist in diesem Zusammenhang auf ein Problem hin, dass heute in der Zoom-Gemeinde auch entstehen kann:
Ist der Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Wurdet ihr auf den Namen des Paulus getauft? Ich danke Gott dafür, dass ich niemanden von euch getauft habe ausser Krispus und Gaius – so kann niemand sagen, ihr wärt auf meinen Namen getauft worden. Das Haus des Stephanas habe ich zwar auch noch getauft, im Übrigen aber wüsste ich nicht, dass ich noch jemanden getauft hätte. Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen – nicht mit beredter Weisheit, damit das Kreuz Christi nicht seines Sinnes entleert werde.
1. Korinther 1:13-17 NEÜ
Deswegen finden wir auch so oft die Formulierung, dass sich eine Person taufen ließ und nicht, dass dieser oder jener eine Person getauft hat.
Und damit kommen wir zum letzten Thema für heute.
Die friedliche Gemeinde
Manchmal steht hinter dem Gedanken, es so wie Christen im 1. Jahrhundert zu machen, auch der Wunsch, das dann alles schon gut werden wird, weil man es ja ‚richtig‘ macht.
Und tatsächlich könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man die Apostelgeschichte liest: Am Anfang erscheint einem die frühe Gemeinde in Jerusalem in einem Zustand der Glückseligkeit:
Sie waren einmütig beieinander und beteten beharrlich miteinander.
Tag für Tag waren sie einmütig im Tempel zusammen, trafen sich in ihren Häusern zum Brechen des Brotes und zu gemeinsamen Mahlzeiten. Alles geschah mit großer Freude und aufrichtiger Herzlichkeit.
Die ganze Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.
Apostelgeschichte 1:14; 2:46; 4:32 NEÜ
Das klingt doch wunderbar. Durch Gottes Segen und den heiligen Geist war alles bestens, nicht wahr?
Damals, als die Zahl der Jünger ständig wuchs, gab es auch Unzufriedenheit in der Gemeinde. Die Hellenisten beschwerten sich nämlich über die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden.
Apostelgeschichte 6:1 NEÜ
Schau an, schon bald gab es Unzufriedenheit. Und es wird auch noch von weiteren Schwierigkeiten berichtet – trotz heiligem Geist und der Leitung Christi:
Paulus und Barnabas bestritten das energisch und hatten deshalb eine heftige Auseinandersetzung mit ihnen.
Nach einer langen Diskussion stand Petrus auf und sagte … Da beruhigte sich die ganze Versammlung, und alle hörten Barnabas und Paulus zu …
Es kam nun zu einer so heftigen Auseinandersetzung, dass beide [Paulus und Barnabas] sich trennten.
Als dann aber Kephas nach Antiochia kam, musste ich ihn öffentlich zur Rede stellen, weil er durch sein Verhalten im Unrecht war.
Apostelgeschichte 15:2,7,12,39; Galater 2:11 NEÜ
In 1. Korinther 3:3 spricht Paulus ein Problem an, das es sicher auch in anderen Gemeinden gab:
Solange Eifersucht und Streit unter euch herrschen, beweist ihr ja nur, dass ihr eigensinnig seid und euch wie die anderen Menschen benehmt.
1. Korinther 3:3 NEÜ
Es gibt noch viele andere Texte, die gewisse Probleme ansprechen, aber diese genügen schon: Vielleicht sollten wir dann doch nicht alles genauso machen wie die Christen im 1. Jahrhundert …
Bevor wir unsere Erkenntnisse aus dem Text mit unserer Situation heute vergleichen, werden wir in der nächsten Folge uns erst einmal mit dem historischen Kontext beschäftigen.
In den ersten beiden Folgen hatten wir angefangen, den Text des Neuen Testaments in Bezug auf die Struktur der Gemeinden zu untersuchen. Immer mit dem Wunsch einiger im Sinn: „Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“. Dabei sind uns schon im ersten Teil sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede der unterschiedlichen Gemeinden aufgefallen.
Wie angekündigt, wollen wir uns diesmal mit zuerst mit einem anderen heiklen Thema beschäftigen: Geld und Spenden. Denn das ist auch heute oft ein delikates Thema, über das nicht so gerne gesprochen wird. Zumindest wird oft weniger gerne darüber gesprochen, als Spenden entgegen genommen werden.
Schauen wir also erst einmal an, was wir im Neuen Testament über ‚die Gemeinde im 1. Jahrhundert‘ erfahren.
Der Text des Neuen Testaments
Geld und Spenden
Die Anfänge der Gemeinde in Jerusalem
In der letzten Folge hatten wir in der Apostelgeschichte schon etwas über die erste Gemeinde in Jerusalem erfahren:
Die ganze Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete etwas von seinem Besitz als privates Eigentum. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. … Keiner in der Gemeinde musste Not leiden, denn wer ein Haus oder ein Grundstück besaß, verkaufte es, wenn nötig, und stellte das Geld der Gemeinde zur Verfügung. Man tat das, indem man es vor die Apostel hinlegte. Davon wurde jedem Bedürftigen zugeteilt, was er brauchte.
Apostelgeschichte 4:32-35 NEÜ
Am Anfang der Gemeinde in Jerusalem haben sie gemäß der Darstellung in der Apostelgeschichte alles geteilt und niemand betrachtete etwas als seinen privaten Besitz.
Blieb das dann so und haben das die anderen Gemeinden so übernommen?
Andere Gemeinden
Was wissen wir sonst noch über die Unterstützung anderer?
Nur sollten wir [Paulus und Barnabas] an die Armen gedenken, und ich habe mich auch eifrig bemüht, dies zu tun.
Galater 2:10 Schlachter 2000
Um welche ‚Armen‘ ging es hier? Und wie lief das ab? Paulus spricht hier von einer Zusammenkunft mit Jakobus, Petrus, Johannes und anderen in Jerusalem. In der Apostelgeschichte lesen wir:
In diesen Tagen aber kamen Propheten von Jerusalem herab nach Antiochia. Und einer von ihnen, mit Namen Agabus, trat auf und zeigte durch den Geist eine große Hungersnot an, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte; diese trat dann auch ein unter dem Kaiser Claudius. Da beschlossen die Jünger, dassjeder von ihnen gemäß seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnten, eine Hilfeleistung senden solle; das taten sie auch und sandten sie an die Ältesten durch die Hand von Barnabas und Saulus.
Apostelgeschichte 11:27-30 Schlachter 2000
Die Unterstützung wurde also aufgrund einer besonderen Situation organisiert. Was nicht nur aufgrund der Hungersnot wichtig war. Wie wir schon gelesen hatten, hatten die in Jerusalem zu Pfingsten aufgrund der besonderen Lage ihr Hab und Gut verkauft und verteilt. Und waren dann bald verfolgt und zerstreut worden. Diese Lage war auch der Grund für eine andere Aktion:
Es hat nämlich Mazedonien und Achaja gefallen, eine Sammlung für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem zu veranstalten;
Römer 15:26 Schlachter 2000
Was aber die Sammlung für die Heiligen anbelangt, so sollt auch ihr so handeln, wie ich es für die Gemeinden in Galatien angeordnet habe. An jedem ersten Wochentag lege jeder unter euch etwas beiseite und sammle, je nachdem er Gedeihen hat, damit nicht erst dann die Sammlungen durchgeführt werden müssen, wenn ich komme. Wenn ich aber angekommen bin, will ich die, welche ihr als geeignet erachtet, mit Briefen absenden, damit sie eure Liebesgabe nach Jerusalem überbringen. Wenn es aber nötig ist, dass auch ich hinreise, sollen sie mit mir reisen.
1. Korinther 16:1-4 Schlachter 2000
Für die Korinther gab es in 2. Korinther 8 und 9 noch mehr Hinweise, was diese Spenden betrifft.
Ist dir übrigens aufgefallen, dass die Spenden immer für die Gemeinde in Jerusalem bzw. die in Judäa bestimmt waren? Es ging also um eine konkrete Situation, aufgrund spezifischen geschichtlichen Entwicklung der Gemeinde in Jerusalem notwendig wurde.
Sie haben das gern getan und stehen ja auch in ihrer Schuld. Denn wenn die Völker Anteil deren geistlichen Gütern bekommen haben, sind sie auch verpflichtet, ihnen mit irdischen Gütern zu dienen.
Römer 15:27 NEÜ
Ist dir ein Bericht im Neuen Testament bekannt, in dem eine Spenden-Sammlung für eine andere Gemeinde als die in Jerusalem und Judäa durchgeführt wurde? Also eine Spendenaktion für die Gemeinde in Rom oder Antiochia oder sonst wo?
Damit meine ich nicht die direkte Hilfe für jemanden in Not (Jakobus 1:27). Das war ganz im Sinne dessen, was Jesus über Gaben für Arme sagte (Mat 6:2-4). Aber auch dafür gab es keine organisierte Spendeneinrichtung in der Gemeinde. Das war eine ganz persönliche Sache, wie Jesus sagte.
Im Neuen Testament finden wir nur Sammlungen für die Gemeinde in Jerusalem und Judäa, aufgrund besonderer Umstände.
In Verbindung mit Spenden gibt es noch eine spezielle Gruppe.
Spenden für Apostel und Aufseher?
Apostelgeschichte 20:35 wird gerne in Verbindung mit finanziellen Spenden gebraucht, doch Paulus spricht davor noch einen Punkt an, der nicht so gerne zitiert wird:
Noch etwas: Nie habe ich Geld oder Kleidung von jemand gefordert [‚begehrt‘ Schlachter, Züricher]. Ihr wisst, dass diese meine Hände für alles gesorgt haben, was ich und meine Begleiter zum Leben brauchten. Mit meiner ganzen Lebensführung habe ich euch gezeigt, dass wir hart arbeiten müssen, um den Bedürftigen etwas abgeben zu können. Dabei sollen wir immer an die Worte denken, die Jesus, unser Herr, gesagt hat: ‚Geben macht glücklicher als Nehmen.’“[Es handelt sich offenbar um einen mündlich überlieferten Ausspruch des Herrn, der nicht in den Evangelien enthalten ist, man vergleiche aber Lukas 6,38; 11,9; Johannes 13,34.]
Apostelgeschichte 20:33-35 NEÜ
Paulus hat nichts gefordert. Nicht einmal von dieser Gemeinde, die er mit gegründet hat. Im Gegenteil, er hat selbst gearbeitet, um anderen Bedürftigen zu geben. Paulus wird ja gerne mal zitiert oder als Vorbild genommen, wenn es darum geht, etwas anzuordnen oder zu regeln. Diesen Teil hört man von solchen Personen aber eher selten oder gar nicht. Dabei hat er diesen Punkt auch einer anderen berühmten Gemeinde, die er gegründet hatte, vorgehalten. Und zwar auf recht ironische Weise:
Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? … Wenn ich für andere kein Apostel bin, so bin ich es doch immerhin für euch. … Dies sage ich zu meiner Verteidigung gegenüber denen, die über mich zu Gericht sitzen. … Oder ist nur mir und Barnabas das Recht, nicht zu arbeiten, verwehrt? … Wenn wir für euch das Geistliche gesät haben, ist es dann zu viel verlangt, wenn wir dafür von euch das Irdische ernten wollen? Wenn andere dieses Recht bei euch haben, wieso dann wir nicht erst recht?Dennoch haben wir von diesem Recht keinen Gebrauch gemacht, sondern nehmen alles auf uns, um dem Evangelium von Christus ja keinen Stein in den Weg zu legen. … So hat es auch der Herr angeordnet: Wer das Evangelium verkündigt, soll vom Evangelium leben. … Ich aber habe nichts von alledem in Anspruch genommen. Das schreibe ich nicht in der Erwartung, dass man es von jetzt an so mit mir halte. Denn lieber wollte ich sterben als … meinen Ruhm wird mir niemand zunichte machen! Was ist nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium verkündige und es unentgeltlich anbiete und so mein im Evangelium begründetes Recht nicht ausschöpfe.
1. Korinther 9:1-3, 11-15,18 Züricher
Oder habe ich einen Fehler gemacht, als ich mich erniedrigte, damit ihr erhöht würdet, indem ich euch das Evangelium Gottes verkündigte, ohne Entgelt zu fordern? Andere Gemeinden habe ich geplündert; Geld habe ich von ihnen genommen, um euch dienen zu können. Doch bei euch bin ich, auch wenn ich Mangel litt, niemandem zur Last gefallen. Für das, was ich zu wenig hatte, sind die Brüder, die von Makedonien kamen, aufgekommen; euch keinerlei Umstände zu machen, daran lag mir, und daran wird mir auch weiterhin liegen.
2. Korinther 11:7-9 Züricher
In vielen Übersetzungen kommt die Ironie in Paulus Worten nicht so recht zum Tragen: „[Na gut, dann …] Ich schätze, ich habe andere Gemeinden bestohlen, indem ich ihre Gaben angenommen habe, um euch zu dienen!“ (2001 Translation)
Wo hat Paulus aber dies her? „So hat es auch der Herr angeordnet: Wer das Evangelium verkündigt, soll vom Evangelium leben.“ (1. Korinther 9:14 Züricher) Also zum einen hat Paulus Jesus nie persönlich gehört. Also muss das überliefert worden sein. Aber so wirst du es nicht im Neuen Testament finden nur dies:
In diesem Haus bleibt, esst und trinkt, was ihr von ihnen bekommt. Denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Geht nicht von einem Haus ins andere.
Kranke macht gesund, Tote weckt auf, Aussätzige macht rein, Dämonen treibt aus! Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst sollt ihr es geben. Füllt eure Gürtel nicht mit Gold-, Silber- oder Kupfermünzen! Nehmt keinen Sack mit auf den Weg, kein zweites Kleid, keine Schuhe, keinen Stab! Denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert.
Lukas 10:7; Matthäus 10:8-10 Züricher [Durchgestrichener Text ist fragwürdig]
Das hört sich aber ganz anders an, als ‚Wer das Evangelium verkündigt, soll vom Evangelium leben“.
Vergleichen wir das, was Paulus sagte, mit dem, was wir in Apostelgeschichte 2:41-47 gelesen hatten, dass die Gemeinde alles gemeinsam hatte und in 4:32-35, dass sie das Geld der Gemeinde zur Verfügung stellten. Das wurde später in Ephesus und Korinth also anders gehandhabt. Da passt schon besser das, was Paulus an die Galater schrieb:
Wer aber im Wort unterrichtet wird, lasse den, der ihn unterrichtet, an allen Gütern teilhaben.
Galater 6:6 Züricher
Und die Gemeinde in Philippi unterstützte ihn – als er in Not war:
Doch ihr habt gut daran getan, meine Not zu teilen. Ihr in Philippi wisst ja selbst, dass am Beginn der Ausbreitung des Evangeliums, als ich von Makedonien aufbrach, keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft hatte im Geben und Nehmen ausser euch, ja, dass ihr mich auch in Thessalonich das eine oder andere Mal unterstützt habt. Nicht dass ich auf eure Gabe aus wäre, nein, ich suche den Ertrag, der euren Gewinn mehrt. Ich habe alles erhalten und habe nun mehr als genug. Ich bin mit allem versorgt, da ich von Epaphroditus eure Gabe erhalten habe, einen lieblichen Duft, ein willkommenes, Gott wohlgefälliges Opfer.
Philipper 4:14-18 Züricher
Paulus war sich nur zu gut bewusst, welches Problem durch die Unterstützung von Aufsehern und Ältesten entstehen kann. Im Neuen Testament wird auf die Gefahr hingewiesen:
Sorgt gut für die Herde Gottes, die euch anvertraut ist. Tut es nicht, weil ihr euch dazu gezwungen fühlt, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt. Hütet sie aber nicht aus Gewinnsucht, sondern weil ihr ‹dem Herrn› dienen wollt.
1. Petrus 5:2 NEÜ
Also war schon damals klar, dass man es in religiösen Gemeinschaften zu etwas bringen konnte. Und über die Jahrhunderte kann man immer wieder sehen, wie leicht man den Menschen für ihre Seelenheil das Geld aus der Tasche ziehen kann. Oder für die ‚Unterstützung so wertvoller, hart arbeitender (Kreis-)Aufseher‘.
Paulus sagt zwar, dass er wie andere im Prinzip erwarten könnten, dass er für seine Tätigkeit unterstützt wird. Aber hat es nur in Not angenommen.
Er betont, dass er selbst gearbeitet hat: Für seine Bedürfnisse und sogar für andere Bedürftige.
Im nächsten Teil schauen wir uns dann die Taufe und die friedliche Gemeinde an.
Nachdem wir uns im ersten Teil mit den Anfängen der Gemeinde in Jerusalem befasst haben, wollen wir uns jetzt die weitere Entwicklung näher anschauen.
Die Gemeinden in der apostolischen Zeit
Der Begriff Apostel bezieht sich auf drei verschiedene Gruppen von Personen, siehe das Video “Sollten wir uns Apostel nennen (lassen)?“. Waren die 12 ursprünglichen Apostel nur in der Jerusalemer Gemeinde oder auch anderswo?
Eine der frühesten weiteren Gemeinden war in Antiochia:
In der Gemeinde von Antiochia gab es damals folgende Propheten und Lehrer: Barnabas und Simeon, genannt Niger, Luzius von Zyrene und Manaën, der zusammen mit dem Vierfürsten Herodes aufgewachsen war, und Saulus. Als sie einmal dem Herrn dienten und dabei fasteten, sprach der Heilige Geist: „Stellt mir doch Barnabas und Saulus für die Aufgabe frei, zu der ich sie berufen habe.“ Nach weiterem Fasten und Betenlegten sie ihnen schließlich die Hände auf und ließen sie ziehen. So vom Heiligen Geist ausgesandt, gingen die beiden nach Seleuzia und nahmen dort ein Segelschiff nach Zypern.
Apg 13:1-4 NEÜ
Hier werden einige Männer der Gemeinde als Propheten und Lehrer bezeichnet, aber nicht als Älteste. Und keiner der 12 Apostel ist dort. Als es dann Meinungsverschiedenheiten gab, als Männer aus Jerusalem nach Antiochia kamen, erfahren wir etwas über eine Veränderung in der Struktur in der Gemeinde in Jerusalem:
Paulus und Barnabas bestritten das energisch und hatten deshalb eine heftige Auseinandersetzung mit ihnen. Schließlich kamen sie überein, Paulus und Barnabas mit einigen anderen aus der Gemeinde, zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem zu senden, um diese Streitfrage zu klären.
Apg. 15:2 NEÜ
Hier wird also erwähnt, dass es in Jerusalem schon Männer gab, die als Älteste bezeichnet wurden. Wenn dies etwa im Jahr 48 war, dann waren schon fast zwei Jahrzehnte vergangen und die 12 Apostel auch in andere Städte gereist. Insofern mussten andere in der Gemeinde in Jerusalem die Verantwortung übernehmen, wurde aber nicht als Apostel bezeichnet.
In der frühen Gemeinde in Antiochia wir von Propheten und Lehrern gesprochen, aber in Jerusalem von Aposteln und Ältesten.
In Antiochia beteten und fasteten sie vor einer wichtigen Entscheidung und der Heilige Geist sprach.
Immerhin erfahren wir in Apostelgeschichte 20:17, dass es später ‚Älteste‘ in Ephesus gab:
Von Milet aus schickte er nach Ephesus und liess die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen.
Apostelgeschichte 20:17 Züricher
Hier haben wir also wieder den Begriff πρεσβυτέρους (presbyterous) ‚Älteste‘. Das ist aber keine neue Bezeichnung für eine Position in der Gemeinde der Jünger, sondern es wird 66 mal im Neuen Testament verwendet.
Erst in Apostelgeschichte 20 erfahren wir dann etwas weiteres zu unserem Thema.
Aufseher und Diener
Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher eingesetzt hat, die Gemeinde Gottes [andere Handschriften: Gemeinde des Herrn] zu hüten, die er [d. i. Gott] sich erworben hat durch das Blut seines eigenen ⟨Sohnes⟩.
Apostelgeschichte 20:28 Elberfelder
Es gab also episkopos ‚Aufseher‘, welche durch den heiligen Geist eingesetzt worden waren. Wie das geschehen war, erfahren wir leider nicht. Aber wer damit gemeint war:
Von Milet aber sandte er nach Ephesus und rief die Ältesten der Gemeinde [o. Versammlung; so auch V. 28] herüber.
Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher eingesetzt hat, die Gemeinde Gottes [andere Handschr.: Gemeinde des Herrn] zu hüten, die er [d. i. Gott] sich erworben hat durch das Blut seines eigenen ⟨Sohnes⟩.
Apostelgeschichte 20:17, 28 Elberfelder
Hier bezeichnet er die πρεσβυτέρους (presbyterous) ‚Ältesten‘ nun als solche, die durch den heiligen Geist als ἐπισκόπους (episkopous) ‚Aufseher‘, eingesetzt worden waren. Diesen Begriff finden wir insgesamt 5 mal im neuen Testament:
Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher eingesetzt hat, die Gemeinde Gottes [andere Handschr.: Gemeinde des Herrn] zu hüten, die er [d. i. Gott] sich erworben hat durch das Blut seines eigenen ⟨Sohnes⟩.
Paulus und Timotheus, Knechte [w. Sklaven] Christi Jesu, allen Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, samt den Aufsehern und Dienern: …
Der Aufseher nun muss untadelig sein, Mann einer [Im Griech. steht hier ein Zahlwort, ebenso in V. 12.] Frau, nüchtern, besonnen, anständig, gastfrei, lehrfähig, …
Denn der Aufseher muss untadelig sein als Gottes Verwalter, nicht eigenmächtig, nicht jähzornig, nicht dem Wein ergeben, nicht ein Schläger, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, …
Denn ihr gingt in der Irre wie Schafe, aber ihr seid jetzt zurückgekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen.
Apostelgeschichte 20:28; Philipper 1:1; 1. Timotheus 3:2; Titus 1:7; 1. Petrus 2:25 Elberfelder
Die letzte Verwendung in 1. Petrus 2:25 spricht allerdings nicht von einem Aufseher in der Gemeinde, sondern von Jesus Christus selbst. Und schon anhand der Verbindung von ‚Aufseher‘ mit ‚Hirte‘ in diesem Vers und Apostelgeschichte 20:28 wird klar, dass es nicht um die Aufsicht über die Herde ging, sondern die Verantwortung für die Herde. So findet sich in HELPS Word-Studies dieser Kommentar:
„Obwohl 1985 (epískopos) in manchen Kontexten traditionell als eine Position der Autorität angesehen wurde, liegt der Schwerpunkt in Wirklichkeit auf der Verantwortung, sich um andere zu kümmern“ (L & N, 1, 35.40).
HELPS Word-studies zu episkopos, Strong’s 1985
Direkt verwandt mit dem Wort epískopos wird dieses Wort in 1. Timotheus 3:1 (also im direkten Kontext) verwendet:
Das Wort ist gewiss[o. zuverlässig; o. treu]: Wenn jemand nach einem Aufseherdienst [ἐπισκοπῆς (episkopēs); episkopé ein Besuch, eine Aufsicht] trachtet, so begehrt er ein schönes Werk.
und sie werden dich und deine Kinder in dir zu Boden werfen und werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, dafür, dass du die Zeit deiner Heimsuchung [episkopé ein Besuch, eine Aufsicht] nicht erkannt hast.
Denn es steht im Buch der Psalmen geschrieben: »Seine Wohnung werde öde, und es sei niemand, der darin wohnt«!, und: »Sein Aufseheramt [episkopé ein Besuch, eine Aufsicht] empfange ein anderer!«
und führt euren Wandel unter den Nationen gut, damit sie, worin sie gegen euch als Übeltäter reden, aus den guten Werken, die sie anschauen, Gott verherrlichen am Tage der Heimsuchung! [episkopé ein Besuch, eine Aufsicht]
Jetzt klingt ‚Heimsuchung‘ ja noch schlimmer als ‚Aufseher‘. Es wird aber nur einmal in Bezug auf Älteste verwendet. Zweimal bezieht es sich auf eine Zeit, in der Gott genau hinschaut. Und dann wird es als Begründung verwendet, warum ein neuer, 12. Apostel ausgewählt wird.
In Philipper 1:1 hatten wir neben ‚Aufsehern‘ noch ‚Diener‘ διακόνοις (diakonois) gefunden. Dieses Wort wird 29mal im Neuen Testament verwendet und zwar in einem sehr allgemeinen Sinne für alle Jünger und in Römer 13 sogar für die staatlichen Behörden! Das war zu dieser Zeit also noch keine Bezeichnung für ein bestimmtes Amt in der Gemeinde, sondern es wurde ein allgemein übliches Wort verwendet. Wer für die Gemeinde allerdings in besonderer Weise ein ‚Diener‘ war, sollte gewisse Anfordnerungen erfüllen:
Ebenso die Diener [griech. diakonos; so auch V. 12]; ehrbar, nicht doppelzüngig, nicht vielem Wein ergeben, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, …
Die Diener [griech. diakonos] seien ⟨jeweils⟩ Mann einer Frau und sollen den Kindern und den eigenen Häusern gut vorstehen; …
1. Timotheus 3:8, 12 Elberfelder
Wir stellen also fest:
In den Gemeinden gab es πρεσβυτέρους (presbyterous) ‚Älteste‘, die als ἐπισκόπους (episkopous) ‚Aufseher‘ dienten. Und es gab noch ‚Diener‘ διακόνοις (diakonois).
Wir wurde diese ernannt? In Apostelgeschichte 20:28 sagt Paulus, dass sie „vom heiligen Geist ernannt worden waren“. Wie? Nach Apostelgeschichte 6:6 legten die Apostel Dienern die Hände auf. In 2. Timotheus 1:6 sagt Paulus zu Timotheus: „Darum erinnere ich dich an die Gabe Gottes, die du empfangen hast, als ich dir die Hände auflegte:“ Laut 1. Timotheus 4:14 waren es allerdings die Ältesten: „Lass die Gabe nicht ungenutzt, die Gott dir aufgrund eines prophetischen Wortes und durch Handauflegung der Ältesten geschenkt hat!“
Im 1. Jahrhundert wurden Älteste und Diener ernannt, indem die 12 Apostel, andere Apostel oder die Ältesten ihnen die Hände auflegten.
Auch anderen Gläubigen legten die Apostel die Hände auf:
Als nun die Apostel in Jerusalem hörten, dass die Leute in Samarien die Botschaft Gottes angenommen hatten, schickten sie Petrus und Johannes zu ihnen. Nach ihrer Ankunft beteten beide für sie, dass Gott ihnen den Heiligen Geist geben möge, denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen. Sie waren nur auf den Namen des Herrn Jesus getauft worden. Nach dem Gebetlegten Petrus und Johannes ihnen die Hände auf, und sie empfingen den Heiligen Geist.
Apostelgeschichte 8:14-17 NEÜ
Im 1. Jahrhundert empfingen die Jünger in Samarien den heiligen Geist, nachdem die Apostel Petrus und Johannes ihnen die Hände aufgelegt haben.
Wir erkennen also schon aus der Apostelgeschichte, dass es nicht ‚die eine Gemeinde‘ im ersten Jahrhundert gab. Aufgrund der Entwicklung und Bedürfnisse änderte sich die Struktur von der ersten Jerusalemer Gemeinde bis zu den späteren Gemeinden im Gebiet der Heiden.
Jetzt haben wir schon einige interessante Aspekte über die Gemeinden im 1. Jahrhundert erfahren. Bevor wir zum historischen Kontext kommen, sollten wir uns aber in den nächsten beiden Teilen noch mit anderen wichtigen Themengebieten genauer beschäftigen: Geld, Spenden, Taufen und die friedliche Gemeinde.
„Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“ ist eine gängige aber doch recht allgemein gehaltene Behauptung, die man immer wieder hört, wenn es um die Gestaltung von Hausgemeinden, Bibelkreisen oder auch Gemeinschaften geht, die sich über das Internet treffen. Letztere nenne ich im Folgenden einfach eine ‚Zoom-Gemeinde‘.1 Was ist jedoch mit dieser Behauptung genau gemeint? Wie wir sehen werden, erkennt man die Herausforderungen und volle Tragweite dieser Aussage erst, wenn man sie genauer analysiert oder im Alltag anwendet. Oder wenn zum Beispiel die Gemeinschaft im Falle einer Zoom-Gemeinde immer weiteren Zulauf erhält.
Eines möchte ich gleich zu Anfang betonen: Es soll keinesfalls der Eindruck entstehen, dass es ‚falsch‘ ist, wenn sich Gläubige auch unter Verwendung moderner Kommunikationsmittel treffen und austauschen. Oft geht das gar nicht anders aufgrund der Entfernung oder gesundheitlicher Gründe. Das ist dann eher so, wie wenn man andere Gläubige zu sich nach Hause einlädt.
Was passiert aber, wenn immer mehr Personen beteiligt sind? Wenn die Größe einer Gemeinde erreicht oder überschritten wird? Wenn Vorträge für hunderte Zuschauer gehalten werden? Wenn die Organisation auf Zusammenkünfte in anderen Sprachen ausgeweitet wird? Dann wird es in Bezug auf viele Punkte spannend, wenn man meint, man könne es ‚genauso machen wie die Christen im 1. Jahrhundert‘. Und darum geht es in dieser Serie.
Dabei ist es schon ziemlich interessant, was wir dazu wirklich im Text des Neuen Testaments finden. Damit beginnen wir diese Serie. Danach schauen wir uns den historischen Kontext genauer an. Und schließlich wollen wir uns die Konsequenzen vor Augen führen, wenn man das wirklich so umsetzen würde: „Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“.
Schauen wir uns also erst einmal ‚die Gemeinde im 1. Jahrhundert‘ genauer an. Was sagt der Text des Neuen Testaments darüber?
Der Text des Neuen Testaments
Die Gemeinde zur Zeit Jesu
Sollten wir uns nicht zuerst fragen, was Jesus selbst zum Thema zu sagen hat? Was sagte Jesus darüber, wie seine Nachfolger zusammenkommen und sich organisieren sollten? Nun, dies:
„“
Jesus Christus zur Organisation der Gemeinde seiner Jünger
Oder anders gesagt: Während Jesu Tätigkeit gab es keine Gemeinde in dem Sinn, wie wir es heute verstehen. Uns ist in den Evangelien überhaupt nichts darüber überliefert, was Jesu selbst zu dem Thema gesagt hat. Obwohl ihm doch viele folgten. Und er auch 12 Apostel ausgewählt hat. Und dann auch 70 weitere auswählte und sie ausgesandt hat. Und Frauen ihn auf Reisen begleiteten.
Was Jesus seinen Jüngern jedoch versichert hat, war dies:
Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich in ihrer Mitte.
Matthäus 18:20 NEÜ
Das Matthäus Evangelium schließt mit diesen Worten ab:
Und als sie ihn sahen, warfen sie sich ⟨vor ihm⟩ nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat zu ⟨ihnen⟩ und redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.
Matthäus 28:17-20 Elberfelder
Sicher war das eine überraschende und äußerst große Aufgabe. Aber hat denn keiner gefragt: „Und wie sollen wir das tun, Herr? Wie organisieren wir das Taufen und Lehren?“ Vielleicht vertrauten sie einfach darauf, dass Jesus doch bei ihnen wäre und das später erklären würde. Wie er das bisher immer getan hatte.
Allerdings klingt der Schluss in Markus anders:
Schließlich zeigte sich Jesus den elf Jüngern selbst, als sie beim Essen waren. Er rügte ihren Unglauben und Starrsinn, weil sie denen nicht hatten glauben wollen, die ihn als Auferstandenen gesehen hatten. Dann sagte er zu ihnen: „Geht hinaus in die ganze Welt und macht die Freudenbotschaft Gottes allen Menschen bekannt. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden. Wer aber ungläubig bleibt, wird von Gott verurteilt werden.
Markus 16:14-16 NEÜ
Das klingt jetzt eher so, also ob sie predigen sollen und der Rest erledigt sich von selbst. Als gäbe es gar keine Veranlassung, über Gemeinden nachzudenken. Das ist allerdings der lange Schluß, der ebenso wie der kurze Schluß, der auch existiert, vermutlich nicht authentisch ist.
In Lukas finden wir nur dies:
„So steht es geschrieben“, erklärte er ihnen, „und so musste der Messias leiden und sterben und am dritten Tag danach von den Toten auferstehen. Und in seinem Namen wird man allen Völkern predigen, dass sie zu Gott umkehren sollen, um Vergebung der Sünden zu erhalten. Das beginnt in Jerusalem.
Lukas 24:46,47 NEÜ
Und im Johannes-Evangelium finden wir gar keine Anweisungen zum Schluss. Aber vielleicht gab es ja später mehr Anweisungen durch den ‚Helfer‘ oder den Heiligen Geist?
Die Jerusalemer Gemeinde (Anfänge)
Nachdem wir in den Evangelien nichts zum Thema gefunden haben, ist es doch nahliegend, sich die Apostelgeschichte anzuschauen. Lukas berichtet in der Apostelgeschichte, was nach Jesu Auferstehung und kurz vor seiner Himmelfahrt geschah:
Deshalb fragten sie ihn bei nächster Gelegenheit: „Herr, wirst du dann das Reich Israel wiederherstellen?“ Jesus erwiderte: „Die Zeiten und Fristen dafür hat der Vater selbst [Wörtlich: in der ihm eigenen Vollmacht.] festgelegt. Ihr müsst das nicht wissen. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist über euch gekommen ist, und so meine Zeugen sein in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis in den letzten Winkel der Welt.“
Apostelgeschichte 1:6-8
Also immer noch keine weiteren Anweisungen. Ist dir aufgefallen, was sie durch den Heiligen Geist bekommen sollten? ‚Kraft‘. Hier steht nichts von besonderer Fähigkeit, die die Schriften ‚richtig‘ zu verstehen. Aber das nur nebenbei. Was taten die Jünger?
Und als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach, wo sie sich aufzuhalten pflegten: Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas; Philippus und Thomas; Bartolomäus und Matthäus; Jakobus, der Sohn des Alfäus, Simon der Eiferer und Judas, der Sohn des Jakobus. Dort hielten sie alle einmütig fest am Gebet, zusammen mit den Frauen, mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Geschwistern.
Und in diesen Tagen stand Petrus im Kreis der Brüder auf – es waren etwa hundertzwanzig Personen versammelt – und sprach:
Apgs 1:13-15 NEÜ
Dann kam Pfingsten 33 u.Z.:
Als der Pfingsttag anbrach, waren alle wieder beieinander.
Apg 2:1 NEÜ
Und da geschah etwas Außergewöhnliches: Die Ausgießung des heiligen Geistes. Zu dieser Zeit waren viele ‚gottesfürchtige jüdische Männer aus aller Welt’ (Apg 2:5 NEÜ) in Jerusalem. Sie hatten bisher nur die Anweisung, zu predigen, und dann geschah dies:
Alle nun, die seine Botschaft bereitwillig annahmen, wurden getauft. Etwa 3000 Personen kamen an jenem Tag dazu. Sie hielten beharrlich an der Lehre der Apostel fest, an der geschwisterlichen Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den gemeinsamen Gebeten. Jeden Einzelnen ergriff eine tiefe Ehrfurcht vor Gott, und durch die Apostel geschahen viele Wunder und außergewöhnliche Zeichen. Alle Gläubiggewordenen aber bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Wer ein Grundstück oder anderen Besitz hatte, verkaufte es und verteilte den Erlös an die Bedürftigen. Tag für Tag waren sie einmütig im Tempel zusammen, trafen sich in ihren Häusern zum Brechen des Brotes und zu gemeinsamen Mahlzeiten. Alles geschah mit großer Freude und aufrichtiger Herzlichkeit. Sie lobten Gott und waren im ganzen Volk angesehen. Täglich fügte der Herr solche, die gerettet wurden, ‹ihrer Gemeinschaft› hinzu.
Apg. 2:41-47 NEÜ
Zweimal wird erwähnt, dass alle zusammenkamen, und zwar etwa 120, was für ein Obergemach schon viel ist. Sie waren im Tempel, trafen sich in ihren Häusern zum Abendmahl und zu gemeinsamen Mahlzeiten und Gebeten. Und das jetzt mit 30mal soviel Personen! Und es wurden immer mehr. Und immer noch keine Anweisungen zur Durchführung von Zusammenkünften! Interessanterweise werden hier die Synagogen nicht erwähnt. Aber wir können schon einmal festhalten, was sie taten:
Gemäß der Apostelgeschichte traf sich die Jerusalemer Gemeinde im Tempel und in Häusern. Die Synagogen werden nicht erwähnt.
In den Häusern: (1) Hielten sie beharrlich an der Lehre der Apostel fest, (2) sie brachen das Brot (Abendmahl, Eucharistie), (3) gemeinsame Gebete, (4) gemeinsame Mahlzeiten, (5) hatten alles gemeinsam.
„Alles geschah mit großer Freude und aufrichtiger Herzlichkeit.“
In Apostelgeschichte 4 finden wir einen weiteren interessanten Hinweis:
Die ganze Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete etwas von seinem Besitz als privates Eigentum. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. Machtvoll bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus und ein großer Segen lag auf ihnen allen. Keiner in der Gemeinde musste Not leiden, denn wer ein Haus oder ein Grundstück besaß, verkaufte es, wenn nötig, und stellte das Geld der Gemeinde zur Verfügung. Man tat das, indem man es vor die Apostel hinlegte. Davon wurde jedem Bedürftigen zugeteilt, was er brauchte.
Apg 4:32-35 NEÜ
Wir halten fest:
Die 12 Apostel spielten also eine entscheidende Rolle.
„Die ganze Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.“
„Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam.“
Es dauerte jedoch nicht lange, und es gab Probleme:
Damals, als die Zahl der Jünger ständig wuchs, gab es auch Unzufriedenheit in der Gemeinde. Die Hellenisten [Griechisch sprechende Juden, die außerhalb Israels geboren und erst im Alter nach Jerusalem gezogen waren.] beschwerten sich nämlich über die Hebräer [In Israel geborene Juden, die Hebräisch bzw. Aramäisch sprachen.], weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden.
Apg. 6:1 NEÜ
Es gab also trotz der Ausgießung des Heiligen Geistes Probleme! Trotz der ‚offenkundingen Leitung durch den Geist‘? Was sollte man tun? Es gab ja immer noch keine Anweisungen von Jesus. Hat der Heilige Geist das in diesem Fall geregelt?
Da riefen die Zwölf die ganze Versammlung der Jünger zusammen und sagten: „Es ist nicht richtig, dass wir die Verkündigung des Wortes Gottes vernachlässigen und uns um die Verteilung der Lebensmittel kümmern. Seht euch deshalb nach sieben Männern unter euch um, Brüder, denen wir diese Aufgabe übertragen können. Sie müssen einen guten Ruf haben und mit dem Heiligen Geist und mit Weisheit erfüllt sein. Wir selbst werden uns weiterhin dem Gebet widmen und der Weitergabe des ‹göttlichen› Wortes.“ Mit diesem Vorschlag waren alle einverstanden. Sie wählten Stephanus, einen glaubensvollen und mit dem Heiligen Geist erfüllten Mann, dann Philippus, Prochorus und Nikanor, Timon und Parmenas und Nikolaus, einen Mann aus Antiochia, der zum Judentum übergetreten war. Diese sieben stellten sie vor die Apostel, die ihnen betend die Hände auflegten.
Apg. 6:2-6 NEÜ
Die 12 Apostel leiteten die Gemeinde in Jerusalem.
Später wurden 7 Männer (keine Frauen) für andere Aufgaben ausgewählt.
Mit dem Wachstum kam es zu Problemen und Unzufriedenheit.
Übrigens: Ist die aufgefallen, dass die 12 die ganze Versammlung der Jünger zusammenrief? Also bei 120 im Obersaal kein Problem. Aber wir hatten doch von 3000 und noch mehr gelesen … Und wie ist das mit der ‚Leitung durch den Heiligen Geist‘ hier? Lies noch einmal nach und denke darüber nach.
Weiter lesen wir in der Apostelgeschichte, dass später Jakobus, ein Bruder Jesu, sowie weitere Älteste in der Jerusalemer Gemeinde waren: „Gleich am nächsten Tag ging Paulus mit uns zu Jakobus, wo sich auch alle Ältesten der Gemeinde einfanden.“ (Apg. 21:18)
Kurz nach Gründung der ersten Gemeinde in Jerusalem, vielleicht schon im Jahr 34, wurde Stephanus gesteinigt, eine Verfolgungswelle setzte ein und die Jerusalemer Gemeinde änderte sich:
Die nun, welche sich zerstreut hatten seit der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhoben hatte, zogen bis nach Phönizien und Zypern und Antiochia und redeten das Wort zu niemand als nur zu Juden.
Apostelgeschichte 11:19 Schlachter 2000
Nicht lange danach kam es zur Steinigung des Stephanus, zu Verfolgung der Gemeinde in Jerusalem und viele wurden zerstreut und zogen weit weg.
Wir wirkte sich das aus? Was erfahren wir über die Gemeinden in der apostolischen Zeit? Das betrachten wir in der nächsten Folge.
Ich bekomme von Zoom keine Vergütung für die Verwendung des Begriffs. Es ist nur eines der bekannten und häufig verwendeten Hilfsmittel für solche Online-Zusammenkünfte. ↩︎
Das Neue Testament enthält so einige Begriffe, die in Konfessionen oder Bewegungen heute noch verwendet werden. Die wenigsten machen sich aber deren Bedeutung oder Verwendung im Text bewußt. Haben die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert diese Begriffe auch so verwendet? Auf drei Begriffe bin ich schon eingegangen:
Und jetzt geht es um die Frage: Sollten wir uns Apostel nennen (lassen)?
Dazu gibt es schon interessante Ausführungen in einem Blog Artikel von Dr. Michael S Heiser. Im Folgenden findest du meine Übersetzung ins Deutsche.
Gedanken zu Zeichen und Wundern: Teil 2: Was ist ein Apostel?
Von Dr. Michael S. Heiser
Der Titel dieses Beitrags macht wahrscheinlich deutlich, dass ich mit „Zeichen und Wunder“ verschiedene Themen aufgreife, die etwas mit Zeichengaben zu tun haben. Ja, die Herangehensweise ist etwas willkürlich, aber ich lege den Grundstein für zukünftige Blogbeiträge. Es wird später einen Sinn ergeben.
Was unser Thema angeht, so mag das eine dumme Frage sein, aber das ist sie nicht. In der heutigen Zeit wird viel darüber diskutiert, ob es moderne Apostel gibt oder ob es überhaupt ratsam ist, das Wort zu verwenden. Was die letztere Frage angeht, halte ich persönlich es nicht für ratsam, weil es zu Verwirrung führt (oder führen könnte). Warum ich das sage, wird in diesem Beitrag deutlich werden. Was die erste Frage angeht, so könnten wir sie heute tatsächlich verwenden, wenn (a) wir unsere Definition davon richtig gemacht hätten – d.h. wenn sie mit der Heiligen Schrift übereinstimmen würden – und (b) genug Menschen bibelkundig wären, um genau zu unterscheiden, was behauptet wird und was nicht. Da das Erste schwierig und das Zweite unwahrscheinlich ist, halte ich es für das Beste, den Begriff zu vermeiden.
Warum klinge ich so pessimistisch? Nun, wenn sich das nächste Mal jemand als Apostel bezeichnet, frag ihn, was er meint – und vor allem, welche Art von Apostel er sein will.
Ja, das hast du richtig gelesen. Es gibt mehr als eine Art von Apostel im Neuen Testament.
Eine einfache Suche nach dem griechischen Lemma mit der Übersetzung „Apostel“ (ἀπόστολος / apostolos) ist ein guter Anfang. Wenn du das tust, werden dir einige Dinge klar werden – und einige Dinge werden deine Welt ins Wanken bringen. Du wirst feststellen, dass es eine Vielzahl von Bedeutungen des Begriffs im Kontext gibt. Werfen wir einen Blick auf die Daten.
Die ursprünglichen 12
Dies ist die einfache Kategorie. An mehreren Stellen werden die 12 Jünger Jesu aufgelistet und ihnen das Wort „Apostel“ zugeschrieben: Matthäus 10,2; Markus 3,14; Lukas 6,13. Auch außerhalb der Evangelien werden die 12 als „Apostel“ bezeichnet (Offb 21,14).
Die Gruppe ist insofern einzigartig, als dass diese 12 direkt von Jesus berufen wurden, mit ihm reisten und direkt von ihm unterrichtet wurden. Durch ihre Berufung und die Tatsache, dass sie ausdrücklich als „die Zwölf“ bezeichnet wurden – und es gab keine Unklarheiten darüber, wer „die Zwölf“ waren (z. B. Mt 26,20; Mk 3,16; 6,7; 11,11; 14,17; Lk 22,3; Joh 6,67) –, unterschieden sie sich von anderen, die Jesus vielleicht gefolgt waren und ihm zugehört hatten.
Als die Zahl durch Judas‘ Verrat und Tod von 12 auf 11 sank, sahen sich die ursprünglichen Jünger/Apostel gezwungen, die Zahl 12 wiederherzustellen (Apg 1:15-26). Dies ist wahrscheinlich auf die Parallele zu den 12 Stämmen zurückzuführen (vgl. Offb 21:12, 14). Die Kriterien für die Zugehörigkeit zu den 12 sind erwähnenswert. Laut Apostelgeschichte 1:21-22 mussten die Kandidaten: (a) die anderen 11 seit der Taufe Jesu begleitet haben und (b) Zeuge des auferstandenen Christus vor seiner Himmelfahrt gewesen sein.
Es ist klar, dass diese Beschreibung auf niemanden passt, der sich heute Apostel nennt oder ein apostolisches Amt für sich beansprucht.
Mindestens eine Rolle der ursprünglichen 12 Apostel ist aufgrund ihrer Einzigartigkeit ebenfalls von Interesse. Die ursprünglichen 12 Apostel dienten in der Jerusalemer Urgemeinde, die ethnisch gesehen jüdisch war. Der Vorfall mit Paulus und Barnabas (der „Jerusalemer Rat“) zeigt, dass sie die Autorität über den Dienst von Paulus und Barnabas außerhalb Jerusalems hatten (Apostelgeschichte 15:2, 6, 22-23). Die ursprünglichen 12 galten als die Hüter der richtigen Lehre. Nach der Vision des Petrus und seinem Dienst an dem Heiden Kornelius (Apostelgeschichte 10) und dem anschließenden Dienst des Paulus an den Heiden waren Fragen aufgetaucht. Ein Teil der Begründung für ihre Lehraufsicht ergab sich aus der Tatsache, dass sie Augenzeugen und Ersthörer dessen waren, was Jesus lehrte. Auch hier gilt: Ohne diese Zeugnisse würde man diese Rolle nicht erwarten – es gäbe keinen Grund, sich diese Autorität anzumaßen.
Nach dem Jerusalemer Konzil gründete Paulus viele Gemeinden, deren Mitglieder gemischt waren (Juden und Nichtjuden). Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die ursprünglichen 12 irgendeine Art von Entscheidungsbefugnis über diese Gemeinden hatten. Selbst Paulus konnte das nicht behaupten, da er die Leiter in diesen Gemeinden ernannte. Wenn es Probleme mit der Lehre gab, hat Paulus mit Sicherheit Maßnahmen ergriffen, um sie zu korrigieren (und Paulus‘ Autorität, diesen Status zu haben, wurde von den ursprünglichen 12 auf dem Konzil in Jerusalem bekräftigt).
Die Vorstellung, dass jemand heute den „Apostelstatus“ für sich beanspruchen und Autorität über andere Kirchen ausüben könnte, ist daher wenig überzeugend. Die Frage wäre wie folgt: Wenn du nicht auf der Ebene der ursprünglichen 12 wärst, auf welcher Grundlage würdest du ihren Mantel – ihre Autorität – übernehmen? Ich sehe kein schlüssiges, biblisches Argument dafür. Diese Idee kommt daher, dass der Begriff „Apostel“ an anderen Stellen mit den 12 in Verbindung gebracht wird, was (wie wir sehen werden) das Neue Testament ausdrücklich ablehnt und sogar bestreitet.
Die „anderen Apostel“ außerhalb der ursprünglichen 12, die den auferstandenen Christus gesehen hatten
Die Schlüsselstelle hier ist 1. Korinther 15:1-9
1 Ich weise euch noch einmal auf die Gottesbotschaft hin, die ich euch gebracht habe, Geschwister. Ihr habt sie angenommen und steht darin fest. 2 Durch diese Botschaft werdet ihr gerettet, wenn ihr sie unverfälscht festhaltet und in keinem Punkt davon abweicht. Andernfalls wärt ihr zu einem Glauben ohne Wirkung gekommen.
3 Ich habe euch in erster Linie das weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es die Schriften gesagt haben. 4 Er wurde begraben und am dritten Tag auferweckt, wie es die Schriften gesagt haben. 5 Er ist dem Kephas erschienen, dann dem Kreis der Zwölf. 6 Danach erschien er mehr als 500 Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch am Leben sind; nur einige sind schon gestorben. 7 Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. 8 Zuallerletzt erschien er auch mir, solch einer Missgeburt ‹von Mensch›. 9 Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln. Ich verdiene es gar nicht, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
1. Korinther 15:1-9 NEÜ
In diesem Abschnitt gibt es einige sehr interessante Punkte. Einige von ihnen könnten die Leser sogar überraschen. Der Wortlaut ist an einigen Stellen merkwürdig. Nehmen wir die Passage auseinander, indem wir uns die interessanten Sätze merken:
Erstens: Der auferstandene Christus „erschien Kephas (Petrus), dann den Zwölfen“ – Das hört sich an, als ob Petrus nicht zu den Zwölfen gehörte oder sich von ihnen unterschied. Wir wissen aber aus zahlreichen Aussagen im Neuen Testament, dass diese Vorstellungen falsch sind. Die Aussage scheint eine Anspielung auf Lukas 24:34 zu sein, wo die beiden Männer auf dem Weg nach Emmaus nach ihrer eigenen Begegnung mit dem auferstandenen Jesus nach Jerusalem zurückkehren und den elf Aposteln verkünden [an sich schon merkwürdig, da Petrus zu den elf gehörte, zu denen sie aufgeregt sprachen]: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und ist dem Simon erschienen!“ Dann berichten sie von ihrer Begegnung.1 Wenn man bedenkt, dass Judas nicht anwesend war, erscheint die Formulierung „erschien Kephas, dann den Zwölfen“ unpassend. Müsste es nicht heißen: „erschien Kephas, dann den ELFEN“ (einschließlich Petrus)? Meiner Meinung nach ist der wahrscheinliche Bezug der Formulierung in 1. Korinther 15,5, dass Paulus sich auf die relative Reihenfolge der Dinge bezieht: Der auferstandene Jesus erschien Petrus und dann später dem REST der Apostel. Ich denke, dass „die Zwölf“ hier die Formulierung auf „die ursprünglichen Apostel“ beschränken soll. Die Zahl „12“ macht das deutlich.
Nach der obigen Diskussion haben wir eine eigenständige Gruppe von Aposteln, die den ursprünglichen Jüngern entspricht (die Elf, einschließlich Petrus). Aber jetzt schau dir an, was folgt: Jesus erschien „mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch am Leben sind, einige aber entschlafen sind. Dann erschien er Jakobus, dann allen Aposteln“. Hier haben wir eine Gruppe von „Aposteln“, bei denen es sich NICHT um die ursprünglichen 12 handelt – und auch Paulus gehört nicht zu ihnen, denn Paulus unterscheidet sich in der nächsten Zeile: „Zuallerletzt erschien er auch mir, solch einer Missgeburt ‹von Mensch›. Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln. Ich verdiene es gar nicht, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“
Die Formulierung des Paulus wirft eine Frage auf: Zählte er sich selbst zu „allen Aposteln“ oder sah er sich im Vergleich zu den anderen Aposteln als einen geringeren Apostel – aber immer noch als einen Apostel – an? Haben wir jetzt also zwei Gruppen oder drei? Um das zu klären, müssen wir einige andere Stellen betrachten, zum Beispiel 1. Korinther 9,5:
5 Haben wir etwa kein Recht, eine Glaubensschwester als Ehefrau ständig bei uns zu haben, wie die anderen Apostel, die Brüder des Herrn und Kephas? 6 Oder müssen nur ich und Barnabas selbst für unseren Lebensunterhalt aufkommen?
1. Korinther 9:5,6 NEÜ
Paulus macht hier (erneut) deutlich, dass es die ursprünglichen 12 Apostel und Apostel gab, die nicht die ursprünglichen 12 waren. Der Satz mit den „Brüdern des Herrn“ (Plural) ist interessant, weil Paulus in Gal 1:19 schreibt: „Ich sah aber keinen der anderen Apostel außer Jakobus, dem Bruder des Herrn.“ Das bedeutet, dass Jakobus, einer der leiblichen Brüder Jesu, als Apostel angesehen wurde – aber er gehörte nicht zu den ursprünglichen 12 und hätte auch nicht die Kriterien von Apostelgeschichte 1:21-22 erfüllt, um die Stelle von Judas zu besetzen, denn er hatte „die anderen 11 seit der Taufe Jesu nicht begleitet.“ Wenn man dies mit 1. Korinther 15,5 vergleicht, sieht es so aus, als ob die anderen Brüder Jesu (oder vielleicht nur Jakobus und Judas) Apostel genannt wurden. Es gibt also eine klare zweite Gruppe aufgrund dieser Verbindung. Zu den Brüdern des Herrn in dieser zweiten Gruppe gehörten auch „alle Apostel„, die in 1 Kor 15,7 erwähnt werden. Mir scheint, dass diese Passagen auch den Gedanken bekräftigen, dass diese zweite Gruppe mit der Jerusalemer Gemeinde verbunden war.
Aber betrachtete Paulus sich selbst (und andere, die mit ihm dienten) als eine dritte Gruppe mit geringerem Status? Das ist möglich. Die Tatsache, dass Jakobus (der nicht zu den ursprünglichen 12 Aposteln gehörte) zu den anderen Aposteln gehörte, deutet darauf hin (ist aber kein Beweis), dass diese zweite Gruppe vor der Kreuzigung und Auferstehung Zeit mit Jesus verbracht hatte. Die Einbeziehung von Jakobus und die Chronologie der Apostelgeschichte deuten auch darauf hin, dass diese anderen Apostel ihr Hauptquartier in Jerusalem hatten. Paulus hatte vor dem Kreuz keine Zeit mit Jesus verbracht und war auch nicht Teil der Jerusalemer Gemeinde. Er war ein Außenseiter, der berufen wurde, den Heiden zu predigen. Paulus bezeichnet sich selbst (ist das nur selbstironische Rhetorik?) als den „Geringsten der Apostel“, wie er sagt. Und schließlich bezeichnet Paulus, wie wir gleich sehen werden, andere Dienstpartner – darunter auch Heiden – als Apostel.
In Anbetracht der Daten denke ich, dass wir es hier mit drei Gruppen zu tun haben, aber die beiden Gruppen außerhalb der 12 hatten den gleichen Zweck und Status. Ich meine damit, dass die beiden Gruppen, die nicht zu den 12 gehörten, nicht den Status der 12 hatten, aber sie hatten die Unterstützung der 12. Die ursprünglichen 12 unterstützten sicherlich den Dienst von Jakobus und anderen Aposteln, die in der Gemeinde in Jerusalem arbeiteten. Und wir wissen aus Apostelgeschichte 15, dass sie (zusammen mit Jakobus) die Arbeit von Paulus unter den Heiden guthießen. Sie betrachteten ihn als Apostel.
Auch Paulus‘ Formulierung in 1. Korinther 9,5-6 macht deutlich, dass er sich selbst – und Barnabas – als Apostel betrachtete. Das heißt, dass er sich selbst und seinen Partner in die „Apostel-Gleichung“ einordnete, was die Heirat und die Unterstützung des Dienstes anbelangt. Barnabas wird in Apostelgeschichte 14,4 tatsächlich als Apostel bezeichnet. Der Text beschreibt, wie die Menschen in Ikonium, die das Evangelium hörten, sich entweder auf die Seite der Juden oder auf die Seite „der Apostel“ stellten – d.h. auf die Seite von Paulus und Barnabas, die ihnen predigten und gegen die sich die Juden auflehnten. Apostelgeschichte 14,4 macht diese Identifizierung deutlich, indem sie Barnabas (und Paulus) ausdrücklich als Apostel bezeichnet: „Als aber die Apostel Barnabas und Paulus davon hörten, zerrissen sie ihre Kleider und stürzten hinaus in die Menge. . . .“
Diese Episode hilft uns zu verstehen, warum Menschen außerhalb der ursprünglichen 12 und der Jerusalemer Gemeinde mit Recht Apostel genannt werden konnten. In Apostelgeschichte 13,2-3 waren Paulus und Barnabas vom Heiligen Geist beauftragt und gesandt worden, den Heiden zu predigen. Diese Berufung war der Auslöser für Paulus‘ Missionsreise, die erste von mehreren. Paulus und Barnabas waren Apostel – im Wesentlichen das, was wir heute Missionare nennen würden. „Apostel“ ist ein Substantiv (apostolos), dessen verwandte Verbform (apostellō) „senden“ bedeutet.2 Das Substantiv apostolos („Apostel“) „bezieht sich auf Personen, die zu einem bestimmten Zweck ausgesandt werden.3 Paulus wurde bei seiner Missionsarbeit auch von Silas (auch bekannt als Silvanus) begleitet. Das sehen wir in 1 Thess 2,6, wo Paulus über sich, Timotheus und Silvanus (vgl. 1 Thess 1,1) sagt: „Wir haben auch nicht den Ruhm von Menschen gesucht, weder von euch noch von anderen, obwohl wir als Apostel Christi Forderungen hätten stellen können.“ Nach der Apostelgeschichte war es Silas, der mit Paulus und Timotheus in Thessaloniki arbeitete (Apg 15,40; Apg 17). Deshalb halten die Gelehrten Silas und Silvanus für ein und dieselbe Person:
„Silas, Silvanus (sī’luhs, sil-vay „nuhs), im Allgemeinen als alternative Namen für ein und dieselbe Person angesehen, war ein Leiter der frühen Kirche und ein Mitarbeiter von Paulus. Die Paulusbriefe und der 1. Petrusbrief nennen ihn Silvanus (eine Latinisierung), aber die Apostelgeschichte bevorzugt Silas (entweder eine semitische oder eine verkürzte griechische Form).“4
Falsche Apostel
Diese letzte Kategorie ist genauso eindeutig wie die erste. In der frühen Kirche gab es Menschen, die sich als „Apostel“ bezeichneten, aber falsche Lehrerinnen und Lehrer waren, die ein anderes Evangelium verbreiteten und die Gläubigen in die Irre führten (2. Korinther 11:5, 13; 12:11). In 2. Korinther 11 bezeichnet Paulus diese Personen als pseudapostolos (Pseudoapostel, d. h. falsche Apostel). Zuvor hatte er sie (sarkastisch) als „Super-Apostel“ (hyperlian apostolōn) bezeichnet. Sie waren Heuchler:
Denn diese Leute sind falsche Apostel, unehrliche Arbeiter, die sich freilich als Apostel von Christus ausgeben. Aber das ist kein Wunder. Auch der Satan tarnt sich ja als Engel des Lichts.
2. Korinther 11:13,14 NEÜ
Weitere Gedanken
Es ist wichtig, an dieser Stelle festzuhalten, dass Paulus zwar dem auferstandenen Christus begegnet ist, ebenso wie andere Apostel, die nicht zu den ursprünglichen 12 gehörten, aber es gibt keine biblischen Daten, die darauf hindeuten, dass Timotheus, Barnabas oder Silas jemals dem auferstandenen Christus begegnet sind. Das ist ein klarer Beweis dafür, dass eine Begegnung mit Jesus niemanden zum Apostel qualifiziert. Man konnte auch ohne dieses Ereignis als Apostel bezeichnet werden. Und warum? Weil es darauf ankommt, was diese Apostel tatsächlich waren: Um den bekannteren Begriff zu verwenden: Sie waren Missionare. Sie gründeten Gemeinden, lehrten die Gläubigen und übernahmen die Leitung und Aufsicht über diese Gemeinden (nicht nur irgendwelche Gemeinden). Dann wiederholten sie den Prozess, nachdem sie Leiter in diesen Gemeinden eingesetzt hatten (1 Tim 3, Titus 1). Und beachte, dass diese ernannten Leiter andere Titel als „Apostel“ trugen – denn sie wurden nirgendwohin gesandt.
Die „missionarische“ Bedeutung von „Apostel“ hätte auch für andere „Apostel“ gegolten, die im Neuen Testament genannt werden, was wir angesichts der Vertrautheit des Paulus mit ihnen und ihrer Arbeit vermuten: Junia/Julia und Adronicus (Röm 16,7), Epaphroditus (Phil 2,25) und andere, möglicherweise auch Titus (2 Kor 8,23?). Aufgrund der Terminologie können wir davon ausgehen, dass diese Personen ausgesandt wurden, um entweder eine Gemeinde zu gründen oder einer Gemeinde zu helfen. Als solche übernahmen sie Führungsaufgaben: Lehren, Predigen, Evangelisieren, Jüngerschaft usw. Genau das taten und tun Kirchenführer.
Eine weitere Erkenntnis ist, dass ein Apostel, wenn er überhaupt Autorität hatte, nur über eine Gemeinde verfügte, die er unmittelbar betreute. Es gibt keine Beweise dafür, dass Apostel Autorität über Gemeinden beanspruchen konnten, die sie nicht gegründet oder in denen sie keinen Leitungsdienst ausgeübt hatten. Die einzige denkbare Autorität auf dieser Ebene waren die ursprünglichen 12, die (offensichtlich) in der Jerusalemer Gemeinde waren und die (ebenfalls offensichtlich) als ursprüngliche Jünger Jesu einen höheren Status hatten. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass andere, die von den ursprünglichen 12 in Jerusalem ernannt wurden, Autorität über die von Paulus gegründeten Gemeinden hatten. Man kann sich nicht auf den Jerusalemer Rat berufen, da die ursprünglichen 12 Apostel, die noch am Leben waren, in dieser Kirche waren. Sie hatten diese Autorität. Möglicherweise hatte auch Jakobus diese Autorität, da er der Blutsbruder von Jesus war. Was sie dachten, hätte natürlich eine enorme Autorität gehabt. Aber nach diesen Personen – deren Status einzigartig war, weil sie den Jesus vor der Kreuzigung kannten – war die Autorität aller anderen von anderer Natur.
Eine oft vernachlässigte Beobachtung unterstreicht diesen Gedanken der „Nicht-Autorität“. Die Gemeinden im Buch der Offenbarung wurden nicht von den ursprünglichen 12 gegründet. In der Heiligen Schrift wird nicht gesagt, wer diese Gemeinden gegründet hat. Der Apostel Johannes wurde von Jesus auserwählt, an diese Gemeinden zu schreiben, aber die Autoritätsgrundlage für das, was er ihnen schrieb, war der auferstandene Jesus. Anders als Paulus, der sich an die von ihm gegründeten Gemeinden wendet, beansprucht Johannes nie die Autorität über diese Gemeinden und beruft sich auch nicht auf die Apostel in Jerusalem oder irgendjemand anderen für ihre Leitung. Die Autorität liegt bei dem Herrn und bei niemandem sonst.
Der neutestamentliche Gebrauch des Begriffs deutet keineswegs darauf hin, dass ein Apostel lediglich die Aufsicht über die Gemeinden ausübt – und wenig mit Evangelisation, Jüngerschaft, Lehre usw. zu tun hat. Apostel waren keine leitenden Vizepräsidenten. Sie waren keine Weisen aus der Ferne, die die Arbeit vor Ort aus der Ferne beobachteten. Sie taten die Arbeit des Dienstes und zeigten anderen, wie sie den Missionsbefehl durch ihr Beispiel erfüllen können.
Diese wenigen Gedanken sind wichtig im Hinblick auf die modernen apostolischen Ansprüche auf regionale Autorität. Dieser Gedanke kommt im Neuen Testament nicht vor. Man kann sich in dieser Hinsicht nicht auf Epheser 4 berufen und im Lichte der vorangegangenen Diskussion sollte klar sein, warum:
11 Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten. Er gab Evangelisten, Hirten und Lehrer, 12 damit sie die, die Gott geheiligt hat, zum Dienst ausrüsten und so der Leib des Christus aufgebaut wird 13 mit dem Ziel, dass wir alle die Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes erreichen; dass wir zu mündigen Christen heranreifen und in die ganze Fülle hineinwachsen, die Christus in sich trägt. 14 Dann sind wir keine unmündigen Kinder mehr, die sich vom Wind aller möglichen Lehren umtreiben lassen und wie Wellen hin- und hergeworfen werden. Dann fallen wir nicht mehr auf das falsche Spiel von Menschen herein, die andere hinterlistig in die Irre führen. 15 Lasst uns also in Liebe wahrhaftig sein und in jeder Hinsicht zu Christus hinwachsen, unserem Haupt. 16 Von ihm her wird nämlich der ganze Leib zusammengefügt und durch verbindende Glieder zusammengehalten. Das geschieht in der Kraft, die jedem der einzelnen Teile zugemessen ist. So bewirkt Christus das Wachstum seines Leibes: Er baut sich auf durch Liebe.
Epheser 4:11-16
Der Text sagt, dass Gottes Plan war, der jungen Kirche „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ zu geben. Das hat er getan. Er gab der Jerusalemer Urgemeinde Apostel. Er berief Paulus als Apostel für die Heiden. Andere Apostel (Missionare – wir reden hier über die Gründung von Gemeinden in heidnischem Gebiet) wurden beauftragt (gesandt), um Paulus zu helfen (Barnabas, Silas, usw.).
Ich will damit sagen: Es ist eine Sache, wenn Gläubige heute den Begriff „Apostel“ aus diesem Abschnitt verwenden, wenn sie damit Missionare meinen, die Gemeinden gründen oder die ihre Gemeinde gegründet haben. Sie haben an diesen Stellen rechtmäßige Autorität. Aber es ist etwas ganz anderes, diesen Begriff aus Eph 4,11 zu nehmen und Autorität über Gemeinden in einer Stadt, einem Bezirk, einem Bundesland oder einer größeren Region zu beanspruchen. Jedes Amt in Eph 4,11ff. kann (und hat) auf der Ebene der Ortsgemeinde funktionieren. Es gibt keinen Grund, etwas anderes in diesen Abschnitt hineinzulesen. Paulus begann das Kapitel mit einer Ansprache an die Gläubigen in Ephesus („ihr“; Eph 4,1). Wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass Paulus ab V. 11 von der Weltkirche spricht, als ob Jesus regionale oder weltweite Apostel über kollektive Gruppen von Ortsgemeinden ernennen würde. Epheser 4 hat jede Ortsgemeinde und ihre eigene Leitung im Blick. Es geht nicht darum, eine kleine, elitäre Gruppe zu ernennen, die die Autorität über viele Gemeinden ausübt. Und schon gar nicht wird eine apostolische Sukzession suggeriert (als ob „Apostel“ außerhalb der 12 das Amt von den 12 erben würden). Es ist inkohärent, anzunehmen, dass alles andere in der Epistel, das Paulus den Lesern glauben machen will, zuerst eine religiöse Oligarchie im Sinn hatte und erst in zweiter Linie einzelne Ortsgemeinden. Epheser 4,11-16 ist an eine Ortsgemeinde geschrieben und richtet sich an Ortsgemeinden überall als Ortsgemeinden.
Wenn du also jemanden triffst, dessen Titel „Apostel“ lautet, kannst du ihn fragen, was er meint. Wenn sie Leiter einer Ortsgemeinde sind, die sie gegründet haben oder mit der sie zur Arbeit ausgesandt wurden, ist der Titel nicht unberechtigt. Allerdings kann der Titel in der heutigen Zeit aufgrund von Missverständnissen oder Missbrauch zu Verwirrung führen. Wir müssen daher vorsichtig mit dem Titel umgehen.
Bock merkt an, dass diese Passage aufgrund von Johannes 20 Aufmerksamkeit erregt hat. Er schreibt: „Als sie in Jerusalem ankommen, finden sie die Elf versammelt (ἀθροίζω, athroizō). . . . Der Hinweis auf die Elf, ein Sammelbegriff für die übrigen Apostel, wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis Lukas zu Johannes 20,19-29 steht. Wenn alle Elf bei der von Lukas erwähnten Versammlung waren, warum wurde Thomas dann erst eine Woche später überzeugt (Johannes 20,24-29)? Johannes deutet an, dass Thomas nicht bei der ersten Versammlung war. Der nun entlarvte Judas ist aus Gründen, die in Apostelgeschichte 1,15-26 deutlich werden, nicht anwesend.“ Darrell L. Bock, Lukas: 9,51-24,53 (Bd. 2; Baker Exegetical Commentary on the New Testament; Grand Rapids, MI: Baker Academic, 1996), 1921. ↩︎
William Arndt, Frederick W. Danker, and Walter Bauer, A Greek-English Lexicon of the New Testament and Other Early Christian Literature (=BDAG; Chicago: University of Chicago Press, 2000), 120. ↩︎
Im Mai 2023 hatte ich einen Artikel und ein Video veröffentlicht mit dem Thema Sollen wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)? Darin habe ich anhand der Bibel gezeigt, dass die Jünger Jesu zuerst von anderen als Christen bezeichnet wurden und diese Bezeichnung erst später selbst für sich übernahmen. Wir finden in der Bibel meist andere Bezeichnungen wie der Weg oder die Jünger und vor allem Brüder. Und auch wenn diese den heiligen Geist erhielten, haben sie sich im Neuen Testament niemalsselbst als Gesalbte bezeichnet. Wohl aus Respekt vor dem Christus, dem Messias – Dem Gesalbten.
In einigen Kommantaren hieß es in etwa, dass wenn doch in der Bibel von einer Salbung gesprochen wird, die Personen dann doch eben genau das sind: Gesalbte. Das kann natürlich jeder gemäß seinem Gewissen halten wie er will. Doch diejenigen, welche die Schriften des neuen Testaments geschrieben und später kopiert haben, haben es nicht getan. Zumindest nicht in den uns überkommenen Schriften.
In diesem Zusammenhang fiel mir auch auf, dass manche ganz selbstverständlich Jesus als ihren Bruder bezeichnen. Aber sollten wir Jesus als unseren Bruder bezeichnen? Und sollten wir uns umgekehrt ‚Brüder Christi‘ nennen und und als solche ansprechen lassen?
„Also Christian, jetzt halt mal die Luft an! Das steht doch in der Bibel“. Gut, dass du nicht einfach alles so glaubst! Also schauen wir jetzt in der Bibel nach. Denn unsere Einstellung sollte ja nicht auf Gefühlen, einer Tradition, unserer Überlegung oder unserem Wunsch beruhen, sondern auf der Bibel. Zumindest, wenn wir die Bibel als Grundlage unseres Glauben betrachten.
Gut, dann lesen wir also Matthäus 12:48-50:
Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Matthäus 12:48-50 Elberfelder
„Also damit ist doch alles klar. Da spricht doch Jesus von seinen geistigen Brüdern.“ Nun, wird da wirklich ausgesagt, dass Jesus unser Bruder ist? Zuerst einmal der Kontext. In Vers 47 steht: „‚Deine Mutter und deine Brüder sind draußen und fragen nach dir.‘, sagte ihm einer.“ In Jesu Aussage bezieht er sich also auf seine leiblichen Verwandten, nämlich Mutter und Brüder und bezieht das dann auf diejenigen, die durch ihr Handeln entsprechend mit ihm geistlich verwandt sind. Doch genau genommen kann man ja nicht behaupten, dass dieser Text zeigt, dass wir Brüder Jesu sind. Denn es werden auch Schwestern genannt. Das ginge ja noch. Doch, sind wir dann auch Jesu Mutter? Wohl kaum. Wer könnte schon von sich behaupten, Jesus geistliche Mutter zu sein. Das funktioniert also nur, wenn man den Text ziemlich wörtlich nimmt, den Vergleich ignoriert und dazu gleich noch einen Teil des Textes mit ignoriert.
Gut, dann gibt es noch das Gleichnis Jesu über die Schafe und Ziegen:
Und der König wird ihnen zur Antwort geben: Amen, ich sage euch: Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
Matthäus 25:40 Züricher
Da spricht Jesus im Gleichnis eigentlich von den Brüdern des Königs, welcher nach Vers 31 der ‚Menschensohn‘ ist. Da gäbe es also eine Verbindung, wenn wir das so interpretieren, dass Jesus ‚der Menschensohn‘ sein wird. In Vers 45 werden sie allerdings nur ‚diese Geringsten‘ genannt. Leider wird dieses Gleichnis nicht in den anderen synoptischen Evangelien Lukas und Markus erwähnt. Und das Matthäus Evangelium ist das am schlechtesten überlieferte. Ich weiß, das hört mancher nicht gerne. Ist aber so. Auf jeden Fall finden wir es nur in Matthäus und sonst nicht. Das schwächt dieses Argument schon. Aber merken wir uns diesen Text.
Doch da gibt es ja noch diesen Text:
„Fass mich nicht länger an!“, sagte Jesus da zu ihr. „Ich bin noch nicht zum Vater im Himmel zurückgekehrt. Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen von mir: Ich kehre zurück zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“
Johannes 20:17 Neue Evangelistische Übersetzung
Ok. Das ist mal ein direkter Bezug. Jetzt bin ich aber mal ganz kritisch und merke an, dass dies erst sehr spät um 100 n. Chr. geschrieben wurde. Und die synoptischen Evanglien davon überhaupt nichts sagen. Aber merken wir uns auch diesen Text. Jetzt haben wir schon immerhin zwei.
Interessant ist jedoch, was Jesus selbst sagt:
Ihr aber, lasst ihr euch nicht Rabbi nennen! Denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder.
Matthäus 23:8 Elberfelder
Jesus sagt hier nicht, dass wir alle Brüder sind. Er ist ihr Lehrer. „Ihr alle aber seid Brüder.“
Haben denn die Apostel ihn nicht als Bruder angesehen und ihn so angesprochen? Wie haben denn die Apostel Jesus angesprochen?
Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, …
Matthäus 18:21 Elberfelder
Hat sich das nach Jesu Auferstehung geändert?
Da sagte der Jünger, den Jesus besonders lieb hatte, zu Petrus: „Es ist der Herr!“ …
Johannes 21:7 Neue Evangelistische Übersetzung
Sie nun, als sie zusammengekommen waren, fragten ihn und sagten: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?
Apostelgeschichte 1:6 Elberfelder
Ich habe einmal nach Versen gesucht, in denen Jesus als Herr angesprochen wird. Alleine in den Evangelien sind es so etwa 50 Verse. Dass er als Bruder angesprochen oder bezeichnet wird, habe ich nicht gefunden.
Jesu Aussage nach der Fußwaschung fasst es zusammen:
Ihr nennt mich Lehrer und Herr, und ihr sagt recht, denn ich bin es.
Johannes 13:13 Elberfelder
Und wie nennt Jesus sein Jünger?
Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe.
Johannes 15:15 Elberfelder
Wäre das nicht die Gelegenheit gewesen, sie seine Brüder zu nennen? Insbesondere, wo Jesus nach seiner Auferstehung gemäß Johannes 20:17 Maria beauftragt, zu ‚seinen Brüdern’ zu gehen. Da könnten allerdings auch seinen leiblichen Brüder gemeint sein. Sind sie wohl aber nicht, denn der nächste Vers, Vers 18, spricht von den Jüngern. Es bleibt aber schon irgendwie merkwürdig, dass diese Bezeichnung in den ersten 19 Kapiteln des Johannes Evangeliums nicht auftaucht, nicht einmal da, wo man es erwarten müsste, und dann nur einmal gegenüber Maria.
Aber vielleicht ist das ja ein Wendepunkt. Wie sprechen die Jünger später über Jesus?
Hananias aber ging hin und kam in das Haus; und er legte ihm die Hände auf und sprach: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus – der dir erschienen ist auf dem Weg, den du kamst –, damit du wieder sehend und mit Heiligem Geist erfüllt wirst.
Apostelgeschichte 9:17 Elberfelder
Ich ermahne euch aber, Brüder, durch unseren Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, mit mir zu kämpfen in den Gebeten für mich zu Gott, …
Römer 15:30 Elberfelder
Wäre das nicht eine gute Gelegenheit gewesen, zu sagen: Ich ermahne euch aber, Brüder, durch unseren Bruder Jesus Christus … Steht aber nicht so in der Bibel. Sondern wieder: Herr Jesus Christus.
Oder auch insbesondere beim Abschluß eines Briefes wäre es eine schöne Schlußformel gewesen:
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, Brüder!
Galater 6:18 Elberfelder
Wieder der „Herr Jesus Christus“ im Gegensatz zu den Brüdern. Und das findet sich viele Male im Neuen Testament auch außerhalb der Evangelien. Paulus sagt:
Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig redet ..
1. Korinther 1:10 Elberfelder
Täglich sterbe ich, so wahr ihr mein Ruhm seid, Brüder, den ich in Christus Jesus, unserem Herrn, habe.
1. Korinther 15:31 Züricher
Oft wird ein Gedanke so eingeleitet:
Wir gebieten euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, ..
2. Thessalonicher 3:6 Elberfelder
Interessant ist auch Offenbarung 12:10
Und ich hörte eine laute Stimme im Himmel sagen: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Christus gekommen; denn ⟨hinab⟩geworfen ist der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte.
Offenbarung 12:10 Elberfelder
Auch hier hätte von den Brüdern Christi gesprochen werden können: ’seines Christus …; seiner Brüder …‘. Aber es sind ‚unsere Brüder‘, wie die laute Stimme im Himmel sagt. Schließt das den Christus mit ein? Vielleicht. Aber wen noch? Gott wird auch erwähnt, aber Gottes Brüder sind sie wohl nicht …
Es finden sich im Neuen Testament nur ganz wenige Textstellen, die von Brüdern sprechen:
Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen und zu sagen: Ich will deinen Namen meinenBrüdernverkünden, / inmitten der Gemeinde dich preisen;
Hebräer 2:11,12 Einheitsübersetzung 2016
Alles klar, oder? Nun, hier wird Psalm 22:23 nach der Septuaginta zitiert. Lesen wir mal im Kontext weiter:
Denn er nimmt sich keineswegs der Engel an, sondern der Nachkommen Abrahams nimmt er sich an. Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hohepriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen.
Hebräer 2:16,17
Oha. Das ist ja ein Bezug auf ‚Brüder‘ Christi, welche die jüdischen Nachkommen Abrahams sind. Was ja auch zum zitierten Psalm 22 passt. Das wird zwar gerne verwendet, um auf die ‚geistigen Brüder Christi‘ hinzuweisen. Entspricht aber nicht der Aussage des Textes.
Tatsächlich findet sich im Neuen Testament kein Vers, in dem von einem geistigen Bruder Christi oder den geistigen ‚Brüdern Christ‘ mit genau diesen Worten gesprochen wird. Doch an weit über einhundert Stellen wird er Herr genannt. Das hättest du vielleicht nicht erwartet. Von Brüdern Jesu wird nur wenige mal gesprochen und das sind seine leiblichen Verwandten (z.B. Johannes 7:1-10) oder Israeliten (Hebräer 2:11-17). Jetzt wird vermutlich auch der Hintergrund des Titels dieses Artikels langsam klar: Sollten wir uns dann Brüder Christi nennen? Nun, im Text des Neuen Testaments finden wir das als Bezeichnung für seine Nachfolger nicht. Und sie haben ihn gemäß dem Text auch nicht als Bruder angesprochen.
Die Bezeichnung ‚Brüder Christi‘ oder ‚Bruder Christi‘ findet sich nicht im Text des Neuen Testaments.
Denken wir daran, dass der Ausdruck ‚Brüder Christi‘ die lateinische Form des Genitivs verwendet. Wir könnten auch von ‚Brüder des Christus‘ sprechen. Das finden wir nicht im Neuen Testament. Wir finden aber diesen Ausdruck:
Paulus, Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen, und Timotheus, der Bruder, den heiligen und gläubigen Brüdern in Christus zu Kolossä: Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater.
Kolosser 1:1,2 Schlachter 2000
Grüsst alle Heiligen in Christus Jesus. Es grüssen euch die Brüder und Schwestern, die bei mir sind.
Philipper 4:21 Züricher
Das ist allerdings ein ganz anderer Gedanke und betont die Gemeinschaft von Brüdern und Schwester, weil sie alle mit Christus verbunden sind. Deswegen übersetzt die Neue Evangelistische Übersetzung Kolosser 1:2 so:
An die heiligen und treuen Geschwister in Kolossä, die mit Christus verbunden sind. Wir wünschen euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater.
Kolosser 1:2 Neue Evangelistische Übersetzung
Halten wir also fest:
Die Bezeichnung ‚Brüder Christi‘, oder ‚Brüder des Christus‘, ‚Bruder Christi‘ oder ‚Bruder des Christus‘ findet sich nicht im Text des Neuen Testaments. Was wir finden ist Brüder in Christus.
Besonders Zeugen Jehovas dürften nun überrascht sein. Warum? Das zeigt das Ergebnis einer Suche in der Online-Bibliothek der Wachtturm-Gesellschaft nach dem Begriff ‚Brüder Christi‘:
‚Brüder Christi‘ findet man nirgendsim Textder Bibelder Zeugen Jehovas (Neue-Welt-Übersetzung).
In den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas findet man hingegen ‚Brüder Christi‘ 189 mal, ‚Christi Brüder‘ 36 mal, Brüder und Christi im selben Absatz 731 mal, Brüder und Jesus im selben Absatz 865 mal.
Das beweist einmal mehr, wie wichtig der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas die Unterscheidung zwischen der privilegierten Klasse der ‚Gesalbten‘ (siehe dazu den Artikel Sollten wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)? ), die viele hunderte von Malen als ‚Christi Brüder‘ bezeichnet werden, und den ‚anderen Schafen‘ ist. Im Wachtturm vom April 2020, Studienartikel 17 Ich habe euch Freunde genannt wird daher in Absatz 12 betont, dass die ‚Freunde Jesu‘ dies beachten müssen: „Jesus betrachtet das, was wir für seine gesalbten Brüder tun, so, als würden wir es für ihn tun.“ Die allermeisten Zeugen Jehovas sind nur ‚Freunde Jesu‘ und keine ‚Brüder Jesu‘, was in diesem Artikel mit dem Leittext Johannes 15:15 begründet wird – obwohl Jesus das doch zu wem gesagt hat? Genau, den Aposteln! Die doch im Wachtturm ständig als ‚Brüder Christi‘ bezeichnet werden! Ist dieser logische Fehler denn gar keinem aufgefallen?
Im Wachtturm 2012 15.3. S. 20 Abs. 2 wird die Bedeutung dieser ‚Brüder Christi‘ für die allermeisten Zeugen Jehovas auch ganz klar gemacht:
Ihre Rettung hängt davon ab, die gesalbten „Brüder“ Christi hier auf der Erde tatkräftig zu unterstützen — dessen müssen sie sich immer bewusst sein (Mat. 25:34-40).
Wachtturm 2012 15.3. S. 20 Abs. 2
Warum auch immer in diesem Wachtturm hier das Wort „Brüder“ in Anführungszeichen gesetzt wurde – vielleicht war ja doch jemandem beim Schreiben oder Korrigieren aufgefallen, dass in den angegebenen Versen in Matthäus 25 Jesus nicht in Verbindung mit den Brüdern genannt wird. Dadurch wird das Zitat recht kurz und besteht wohl nur aus dem Wort „Brüder“. Dieser Verweis auf Matthäus 25:34-40 ist neben Hebräer 2:11,12 übrigens der einzige, wenn auf die ‚Brüder Christi‘ hingewiesen wird. Uns fällt hingegen auf, dass in diesem Satz im Wachtturm, in dem die Autorität hervorgehoben werden soll, gleich beide Titel kombiniert werden: Die Gesalbten und die Brüder Christi. Beides Ehrentitel, welche im Neuen Testament von den Jüngern nie für sich verwendet werden.
Zurück zur Bibel selbst. Die Situation ist schon paradox. Jesus wird als Sohn Gottes bezeichnet, zum Beispiel hier:
Und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.
Markus 1:11 Züricher
Jesu Jünger werden auch oft als Söhne oder Kinder Gottes bezeichnet:
Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes.
Römer 8:14 Elberfelder
Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, …
Johannes 1:12 Züricher
Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.
Römer 8:16 Einheitsübersetzung 2016
Aber die Jünger Jesu sprechen den Sohn Gottes, Jesus Christus, den Messias, den Gesalbten, in ihren Schriften nie als Bruder an. Es gibt nur drei Stellen, in denen ein Bezug überhaupt zu finden ist: Matthäus 25 ist ein Gleichnis Jesu und es wird an einer Stelle von den Brüdern des Menschensohns gesprochen. Hebräer 2, wo der Kontext zeigt, dass mit Brüder die Juden als Nachkommen Abrahams gemeint sind. Und Johannes 21:17, wo Jesus den Begriff Brüder gegenüber Maria verwendet. Dahingegen wird Jesus in weit über 100 Stellen als Herr bezeichnet. Das ist schon merkwürdig, nicht wahr? Warum wird er nicht als Bruder seiner Jünger bezeichnet?
Glaubst du, dass die Bibel von Gott inspiriert ist? Dann hat Gott also dafür gesorgt, dass in den uns überkommenen Büchern des Neuen Testaments Jesus Christus nicht als Bruder, sondern als Lehrer oder Herr angesprochen wird. Wenn Gott das so wollte, sollten wir dann Jesus Christus einfach so als unseren Bruder ansprechen? Oder uns als seinen Bruder oder Brüder bezeichnen?
Bin ich jetzt einfach nur pingelig? Nun, auch in diesem Fall musst du gemäß deinem Gewissen entscheiden. Uns sollte allerdings klar sein, dass wir dann etwas tun, das keine direkte biblische Grundlage hat. Und die Apostel und Jünger zogen es vor, in den Schriften des Neuen Testaments Jesus mit Herr und nicht mit Bruder anzusprechen. Und wenn wir an die Verbalinspiration glauben, hat Gott es nicht gewollt, dass Jesus so angesprochen wird. Könnte es sein, dass wir aus einem Wunsch oder unbewussten Gründen etwas in die Bibel hineinlegen (Eisegese) anstatt die Bibel selbst sprechen zu lassen (Exegese)? Zumindest sollten wir uns bewußt sein, dass wir im Text des Neuen Testaments kein Vorbild finden, in dem Jesus als Bruder angesprochen wird.
Doch welchen Grund könnte es geben, dass Jesus zwar als Sohn Gottes bezeichnet wird und seine Jünger als Söhne oder Kinder Gottes bezeichnet werden, aber Jesus von diesen im Neuen Testament nicht als Bruder angesprochen wird, sondern als Herr (kyrios)?
Vielleicht kennst du ja eine gute Begründung. Ich würde mich freuen, sie zu hören. Ich persönlich gehen davon aus, dass sie dies auch aus Respekt und echter Demut taten. Nehmen wir einmal die leiblichen Brüder und Schwestern Jesu. Stell dir vor, du bist bei den Jüngern Jesu und dann kommt einer der leiblichen Brüder oder Schwestern oder Maria, die Mutter, dazu. Und sie würden dezent, aber immer wieder, sagen: „Also Jesus, mein Sohn, hat gesagt …“ Oder „Mein Bruder Jesus hat doch gelehrt …“. Auch wenn es stimmt, würden wir uns doch fragen: „Ist doch klar. Warum erwähnt sie oder er das dauernd? Doch nur, um sich hervorzuheben. Nur um die eigene Bedeutung durch diese Verwandtschaft zu betonen.“ Nun, das ist reine Spekulation. Aber es könnte erklären, warum wir das im uns erhaltenen Text nicht finden. Kannst du dir einen Paulus vorstellen, der sich bei allem Selbstbewusstsein als der niedrigste der Apostel, als Fehlgeburt bezeichnete, sich dann aber als ‚geistiger Bruder Christi‘ vorgestellt und damit angegeben hätte? Ok, ab und zu hat er gesagt, dass er das Evangelium direkt von Jesus empfangen hat und trat recht selbstbewußt auf. Aber sich als ‚Bruder Christi‘ anpreisen? Fehlanzeige.
Ganz im Gegensatz dazu erinnere ich mich – und wir haben das in einigen Zitaten in diesem Artikel auch gelesen – mit welchem Selbstbewusstsein Glieder der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas sich als ‚Gesalbte‘ bezeichnen und als ‚Brüder Christi‘ Gehorsam verlangen. Ich erinnere mich, wie im Broadcasting der Zeugen Jehovas Gerrit Lösch als Glied der Leitenden Köprerschaft der Zeugen Jehovas davon schwärmte, wie sie von Herrlichkeit zu Herrlichkeit immer herrlicher werden. Oder wie andere ausführten, welche wichtige Rolle sie in Harmagedon und für das Leben aller spielen werden. Und welche Freude es sein wird, das zu tun – was einschließt, Milliarden von Menschen nach der Lehre der Leitenden Körperschaft in Harmagedon zu vernichten. Und dass sie bei all dem ‚Den Gesalbten‘, Jesus, das Haupt der Versammlung, der über Alles gesetzt wurde, in den Hintergrund gedrängt haben.
Welchem Vorbild willst du folgen?
Ihr nennt mich Lehrer und Herr, und ihr sagt recht, denn ich bin es.
Sollten wir uns selbst Christen nennen oder so nennen lassen? Vielleicht hälst du eine Antwort für ganz offensichtlich. Doch es gibt einige gute Gründe, darüber nachzudenken.
Um einen der Gründe zu erklären, ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt, zu erklären, dass ich mich mittlerweile als Muslim fühle.
Bei vielen Lesern kann ich mir jetzt von Erstaunen bis Entsetzen alles vorstellen. Dabei wollte ich doch nur sagen, dass ich mich als solch eine Person fühle: „Der sich (Gott) Ergebende“ (siehe Wikipedia Artikel). Wenn Menschen in christlich geprägten westlichen Ländern aber hören, dass jemand ein Muslium ist, verbinden sie automatisch eine Reihe von Dingen damit. Mit einem Begriff ist schnell eine Art ‚Schublade‘ verbunden.
Wir dürfen daher nicht vergessen, dass Milliarden von Menschen bei den Worten Christ oder Christen an die Religion und dann an Kreuzzüge gegen Muslime, Inquisition, Glaubenskriege in Europa, Kolonialismus, den Ausbruch zweier Weltkriege und die Trinität denken. Mit dem Begriff ‚Christ‘ kauft man sozusagen das ganze Paket.
Ein anderes Extrem wäre, nur aufgrund der Bezeichnung ‚Christ‘ sich gleich schlecht zu fühlen: Denn wer von uns war schon auf einem der Kreuzzüge. Und die meisten dürften selbst zur Zeit der Weltkriege noch nicht einmal geboren gewesen sein. Und nicht jeder glaubt an eine kirchliche Definition der Trinität.
Ich denke, eines ist aber klar geworden: Wenn man sich Christ nennt, wäre es gut zu wissen, was das bedeutet und welchen Ursprung die Bezeichnung ‚Christ‘ hat. Welche historische und vor allem biblische Grundlage hat diese Bezeichnung? Wie wir sehen werden, trifft dies noch mehr auf die Bezeichnung ‚Gesalbte‘ zu.
Der erste Hinweis
Zum ersten Mal taucht der Begriff ‚Christen‘ in Apostelgeschichte 11:26 auf.
„und als er ihn gefunden hatte, brachte er ihn nach Antiochia. Es geschah ihnen aber, dass sie ein ganzes Jahr in der Gemeinde[o. Versammlung] zusammenkamen und eine zahlreiche Menge lehrten und dass die Jünger zuerst in Antiochia Christen genannt wurden.“
(Apostelgeschichte 11:26 Elberfelder)
Damit scheint die Frage beantwortet zu sein. Zumindest könnte man sich aber fragen, wer denn die Jünger ‚Christen‘ genannt hatte. Denn gemäß dieser Übersetzung ist die Formulierung im Passiv: Nicht sie selbst gaben sich den Namen, sondern andere nannten sie so. Und was wollten diese mit der Bezeichnung ausdrücken? Was bedeutet im Urtext denn ‚Christen‘?
Noch spannender wird dieser Text jedoch, wenn jemand die Übersetzung der Zeugen Jehovas liest:
„So kam es, daß sie ein ganzes Jahr lang mit ihnen in der Versammlung zusammenkamen und eine beträchtliche Volksmenge lehrten, und es war zuerst in Antiọchia, daß die Jünger durch göttliche Vorsehung Christen* genannt* wurden.“ (NWÜ)
„Sie kamen ein ganzes Jahr lang mit der Versammlung zusammen und lehrten eine ziemlich große Menschenmenge. In Antiọchia war es auch, dass die Jünger durch göttliche Vorsehung erstmals Christen genannt wurden.“ (NWÜ 2018)
(NWÜ 1986, NWÜ 2018)
Der Hinweis auf eine ‚göttliche Vorsehung‘ erscheint außer in der Neue-Welt-Übersetzung, der 2001 Translation und Young’s Literal Translation in keiner der etwa 40 von mir überprüften Übersetzungen. Gibt es einen Grund dafür, dass Jehovas Zeugen hier von göttlicher Vorsehung sprechen? Es gibt eine Begründung aufgrund des verwendeten griechischen Wortes. Dazu kommen wir noch. Tatsächlich wurde diese Formulierung aber auch so gewählt und als Begründung verwendet, dass Jehova im 20. Jahrhundert auch durch ‚göttliche Vorsehung‘ dann den Namen Jehovas Zeugen für ‚sein Volk‘ ausgewählt hat. Mehr dazu findet sich im Artikel „Apostelgeschichte 11:26 Durch ‚göttliche Vorsehung‘ Christen genannt?.
Aber lassen wird doch ganz im Sinne der Exegese oder des lutherischen sola scriptura (“allein durch die Schrift“) nun die Bibel selbst sprechen.
Exegese
Die Bedeutung des Wortes ‚genannt‘ χρηματίσαι (chrēmatisai)
Strong’s Lexikon gibt diese Bedeutung für χρηματίσαι (chrēmatisai) an:
Von chrema; ein Orakel aussprechen, d.h. eine göttliche Andeutung machen; im Umkehrschluss eine Firma für Geschäfte gründen, d.h. einen Titel tragen. Verwendung „Geschäfte abwickeln, Antworten geben“ Und als Verwendung: „(ursprünglich: Ich mache Geschäfte), (eine) Aktion von Gott: Ich warne; passieren: Ich werde von Gott gewarnt (wahrscheinlich als Antwort auf eine Anfrage nach der eigenen Pflicht), (b) (ich nehme einen Namen von meinem öffentlichen Geschäft an, also) ich bekomme einen Namen, werde öffentlich genannt.“
Strong’s Greek 5537
Thayer’s Greek Lexicon beschreibt diese drei Arten der Verwendung:
1. “Geschäfte abwickeln, insbesondere öffentliche Angelegenheiten regeln; jemanden in öffentlichen Angelegenheiten beraten oder konsultieren; denen antworten, die um Rat fragen, Anfragen oder Bitten vorbringen” usw.; wird von Richtern, Magistraten, Herrschern und Königen verwendet. So heißt es in einigen späteren griechischen Schriften,
2. denjenigen, die ein Orakel befragen, eine Antwort geben (Diodorus 3, 6; 15, 10; Plutarch, mor, S. 435 c. (d. h. de defect. oracc. 46); mehrmals bei Lukian); daher wird es von Gott in Josephus, Antiquities 5, 1, 14; 10, 1, 3; 11, 8, 4 verwendet; allgemein (ohne Bezug auf eine vorherige Konsultation), um einen göttlichen Befehl oder eine Ermahnung zu geben, um vom Himmel zu lehren ((Jeremia 32:16 ())): mit einem Dativ der Person Hiob 40:3; Passiv gefolgt von einem Infinitiv (A. V. offenbart usw.), Lukas 2:26 (χρηματίζειν λόγους πρός τινα, Jeremia 37:2 ()); Passiv, göttlich befohlen, ermahnt, belehrt werden (R. V. von Gott gewarnt), Matthäus 2,12.22; Apostelgeschichte 10,22; Hebräer 8,5; Hebräer 11,7 (diese passive Verwendung findet sich kaum anderswo, außer bei Josephus, Antiquities 3,8,8; (11,8,4); vgl. Buttmann, § 134, 4; (Winers Grammatik, § 39, 1 a.)); das Sprachrohr der göttlichen Offenbarungen zu sein, die Gebote Gottes zu verkünden, (τίνι, Jeremia 33:2 (); Jeremia 36:23 (): von Mose, Hebräer 12:25 (R. V. gewarnt).
3. einen Namen aus dem öffentlichen Leben annehmen (Polybius, Diodorus, Plutarch und andere); allgemein: einen Namen oder Titel erhalten, genannt werden: Apostelgeschichte 11,26; Römer 7,3 (Josephus, Antiquities (8, 6, 2); 13, 11, 3; b. j. 2, 18, 7; (c. Apion. 2, 3, 1; Philo, quod deus immut. § 25 am Ende; leg. ad Gaium § 43); Ἀντίοχον τόν Ἐπιφανῆ χρηματίζοντα, Diodorus in Müllers Fragment vol. ii, S. 17, Nr. 21:4; Ἰάκωβον τόν χρηματισαντα ἀδελφόν τοῦ κυρίου, Acta Philippi am Anfang, S. 75; Tdf. Ausgabe; Ἰακώβου … ὅν καί ἀδελφόν τοῦ Χριστοῦ χρηματίσαι οἱ Θειοι λόγοι περιέχουσιν, Eus. h. e. 7, 19; (vgl. Sophokles’ Lexicon, unter dem Wort, 2)).
Thayer’s Greek Lexicon
Interessanterweise gibt es hier also zwei Schwerpunkte: Eine öffentliche Bezeichnung oder eine Antwort Gottes.
Die Verwendung des Wortes ‚genannt‘ χρηματίσαι (chrēmatisai)
Nachdem wir die Bedeutung des Wortes auch in anderer Literatur betrachtet haben, ist es wichtig, die Verwendung in der Bibel selbst zu betrachten.
Das in Apostelgeschichte 11:26 verwendete Wort, wird 9 mal in der Bibel verwendet. Hier der Überblick. Die Übersetzung von χρηματίσαι (chrēmatisai) ist jeweils in Fettdruck wiedergegeben. Danach in Klammern [] die Wiedergabe in der Polyglot Internlinear Ausgabe.
„Und da sie im Traum angewiesen [having been divinely warned] wurden, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg zurück in ihr Land. “ (Matthäus 2:12 Schlachter 2000)
„Und auf eine Anweisung [having been divinely warned] hin, die er im Traum erhielt, zog er weg in das Gebiet Galiläas.“ (Matthäus 2:22 Schlachter 2000)
„Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden [divinely revealed], er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe..“ (Lukas 2:26 Einheitsübersetzung 2016)
„Sie aber sprachen: Kornelius, der Hauptmann, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann, der ein gutes Zeugnis hat bei dem ganzen Volk der Juden, hat von einem heiligen Engel die Weisung erhalten [was divinely instructed], dich in sein Haus holen zu lassen, um Worte von dir zu hören.“ (Apostelgeschichte 10:22 Schlachter 2000)
„Er fand ihn und nahm ihn nach Antiochia mit. Dort wirkten sie miteinander ein volles Jahr in der Gemeinde und lehrten eine große Zahl von Menschen. In Antiochia nannte [Were called] man die Jünger zum ersten Mal Christen.“ (Apostelgeschichte 11:26 Einheitsübersetzung 2016)
„So wird sie nun bei Lebzeiten des Mannes eine Ehebrecherin genannt [she will be called], wenn sie einem anderen Mann zu eigen wird; stirbt aber der Mann, so ist sie vom Gesetz frei, sodass sie keine Ehebrecherin ist, wenn sie einem anderen Mann zu eigen wird“ (Römer 7:3 Schlachter 2000)
„Diese dienen einem Abbild und Schatten des Himmlischen, gemäß der göttlichen Weisung [was divinely instructed], die Mose erhielt, als er die Stiftshütte anfertigen sollte: »Achte darauf«, heißt es nämlich, »dass du alles nach dem Vorbild machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist!“ (Hebräer 8:5 Schlachter 2000)
„Durch Glauben baute Noah, als er eine göttliche Weisung empfangen [having been divinely instructed] hatte über die Dinge, die man noch nicht sah, von Gottesfurcht bewegt eine Arche zur Rettung seines Hauses; durch ihn verurteilte er die Welt und wurde ein Erbe der Gerechtigkeit aufgrund des Glaubens. “ (Hebräer 11:7 Schlachter 2000)
„Habt acht, dass ihr den nicht abweist, der redet! Denn wenn jene nicht entflohen sind, die den abgewiesen haben, der auf der Erde göttliche Weisungen verkündete [divinely instructing [them]], wie viel weniger wir, wenn wir uns von dem abwenden, der es vom Himmel herab tut!“ (Hebräer 12:25 Schlachter 2000)
Von den 8 anderen Verwendungen des Wortes ist in Römer 7:3 nicht von göttlicher Vorsehung die Rede, in den anderen 7 findet sich eine göttliche Einwirkung, aber immer im direkten Kontext. Dies ist in Apostelgeschichte 11:26 jedoch nicht der Fall. Dazu kommt, dass es immer um eine göttliche Anweisung ging, nicht um eine Benennung. Diese Übersetzung ‚genannt‘ wird aber in Römer 7:3 verwendet, wo keine göttliche Einflußnahme zu erkennen ist.
Es könnte also der Fall sein, dass Gott hier eine Rolle spielt, aber gesichert ist es nicht.
Dr. Michael Heiser wies in einem Podcast darauf hin, dass im Griechischen im Satz „In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen“ eine grammatikalische Besonderheit vorkommt, welche die Übersetzung schwierig macht. Die meisten übersetzen daher mit dem Passiv. Die Fachleute für Griechisch diskutieren das, und es könnte eventuell auch übersetzt werden als: „In Antiochia nannten sich die Jünger zum ersten mal selbst Christen.” Was zeigt uns das?
Die Übersetzung der zweitausend Jahre alten Sprachen den Bibel ist schwierig und manchmal gibt es Unsicherheiten.
Die Jünger Jesu, welche bis dahin als ein Zweig der jüdischen Religion angesehen wurden, wurden so zahlreich, dass man sie von den anderen Juden unterscheiden wollte.
Da wir die genau Bedeutung nicht sicher bestimmen können, wenden wir uns dem Begriff ‚Christen‘ selbst zu. Wenn Gott diese Bezeichnung tatsächlich veranlasst hätte, müsste der Name selbst ja eine besondere Bedeutung haben.
Die Bedeutung des Wortes ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous)
Beginnen wir mit der Erklärung in Strong’s Lexikon zu Χριστιανούς:
Ein Christ. Von Christos; ein Christ, d.h. ein Anhänger von Christus.
Strong’s Greek 5546
Und noch Thayer’s Lexikon:
Χριστιανός (vgl. Lightfoot on Philip., S. 16 note), Χριστιανου, ὁ (Χριστός), ein Christ, ein Nachfolger Christi: Apostelgeschichte 11,26; Apostelgeschichte 26,28; 1. Petrus 4,16. Der Name wurde den Anbetern Jesu zuerst von den Heiden gegeben, aber ab dem zweiten Jahrhundert (Justin Martyr (z. B. Apologie 1, 4, S. 55 a.; Dialog contra Trypho, § 35; vgl. ‚Lehre etc. 12, 4 [ET])) von ihnen als Ehrentitel akzeptiert. CL Lipsius, Ueber Ursprung u. ältesten Gebrauch des Christennamens. 4to, S. 20, Jen. 1873. (CL Sophocles‘ Lexicon, unter dem Wort, 2; Farrar in Alex.’s Kitto, unter dem Wort; zu den ‚Titeln der Gläubigen im N. T.‘ siehe Westcott, Epistles of St. John, S. 125f; cf. Dict. of Chris. Antiqq., unter dem Wort ‚Faithful‘.)
Thayer’s Greek Lexicon
Gemäß den Lexika ist die Bedeutung der Bezeichnung in Apostelgeschichte 11:26 also ein ‚Anhänger von Christus‘. Und diese Bezeichnung wurde ihnen von den Heiden gegeben.
Kann das wirklich so sein? Das wäre ja etwa so wie ‚Nazarener‘ oder ‚Russeliten‘!
Also noch einmal Exegese – oder nach Luther sola scriptura …
Die Verwendung des Wortes ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous)
Die Bedeutung des Wortes für ‚Christen‘ klingt also nicht unbedingt nach einer besonderen göttlichen Vorhersehung. Aber wenn das ein von Gott verwendeter Begriff für Jesu Nachfolger ist, dann sollten wir den doch auch häufig in der Bibel finden, oder? Wie oft kommt ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous) in den christlichen Schriften der Bibel vor? Nicht gleich weiter lesen. Was würdest du sagen? Nun, hier ist das Ergebnis:
„und als er ihn gefunden hatte, brachte er ihn nach Antiochia. Es fügte sich, dass sie ein ganzes Jahr lang zusammen in der Gemeinde wirkten und eine stattliche Zahl von Menschen lehrten. In Antiochia wurden die Jünger zum ersten Mal Christen genannt.“ „Agrippa sagte zu Paulus: Wenig fehlt, und du bringst mich dazu, als Christ aufzutreten.[Andere Übersetzungsmöglichkeit: „…, den Christen zu spielen.“]“ “Wenn er aber als Christ leiden muss, dann schäme er sich dessen nicht, sondern preise Gott mit diesem Namen.“
(Apg 11:26; Apg 26:28; 1. Pe 4:16)
Das sind tatsächlich alle Stellen! Inklusive Apg 11:26 gibt es nur ganze 3 Stellen in der gesamten Bibel! Verwendet ihn einer der Apostel oder anderen Autoren der Briefe als Bezeichnung für anderen Jünger Jesu? Nein. Ganz im Gegenteil. In Apg. 26:28 verwendet Agrippa diese Bezeichnung eher spöttisch. Und wie wird er im 1. Petrus Brief verwendet?
Niemand von euch soll als Mörder, als Dieb oder als Bösewichtleiden müssen oder weil er ein Auge hat auf das, was dem Nächsten gehört. Wenn er aber als Christ leiden muss, dann schäme er sich dessen nicht, sondern preise Gott mit diesem Namen. Denn die Zeit ist gekommen, da das Gericht beginnt, und zwar beim Haus Gottes; wenn aber zuerst bei uns, wie wird dann das Ende derer sein, die nicht auf das Evangelium Gottes hören?
(1. Pe 4:15-17 Züricher)
Im Kontext der Bezeichnung ‚Christ‘ wird hier also von Gericht gesprochen. Und das Leiden als Verbrecher dem als Christ gegenübergestellt. Sowohl in Apg 26:28 also auch 1. Pe 4:16 ist ‚Christ‘ eine offizielle Bezeichnung von Heiden, vielleicht sogar Bezeichnung für eine Gruppe, die zu verurteilen ist.
Und nur um es noch einmal ganz klar zu machen:
Wie oft sprach Jesus seine Nachfolger als ‚Christen‘ an? 0 mal. Wie oft sprach Paulus andere als ‚Christen‘ in seinen Briefen an? 0 mal. Wie oft sprachen Petrus und andere in ihren Briefen ihre geistigen Geschwister als ‚Christen‘ an? 0 mal. Wie oft wird der Begriff in den christlichen Schriften überhaupt verwendet? 3 mal.
Erst viele Jahrzehnte nach Jesu Tod übernahmen die Nachfolger Jesu diesen Namen – so der Bericht der frühen ‚Kirchenväter‘. In der englischen Wikipedia findet man noch weitere Erklärungen dazu:
„Kenneth Samuel Wuest ist der Meinung, dass alle drei ursprünglichen neutestamentlichen Verse ein spöttisches Element im Begriff “Christ” widerspiegeln, das sich auf Anhänger Christi bezieht, die den römischen Kaiser nicht anerkennen. Die Stadt Antiochia, in der man ihnen den Namen Christen gab, war dafür bekannt, solche Spitznamen zu erfinden. Doch Petrus’ offensichtliche Befürwortung des Begriffs führte dazu, dass er den “Nazarenern” vorgezogen wurde und der Begriff Christianoi aus dem 1. Petrusbrief zum Standardbegriff bei den frühen Kirchenvätern ab Ignatius und Polykarp wurde. Die frühesten Vorkommen des Begriffs in der nichtchristlichen Literatur sind Josephus, der sich auf “die Sippe der Christen, die nach ihm benannt wurde” bezieht, Plinius der Jüngere im Briefwechsel mit Trajan und Tacitus, der gegen Ende des 1. Jahrhunderts schrieb. In den Annalen berichtet er, dass “sie im Volksmund Christen genannt wurden” und bezeichnet die Christen als Neros Sündenböcke für den Großen Brand von Rom.“
Auf der Website der Deutschen Bibelgesellschaft heißt es:
Der Name »Christen« (wörtlich »Christianer«) kommt nach Apostelgeschichte 11,26 in Antiochia am Orontes auf, wo Paulus auf seiner ersten Missionsreise ein Jahr lang wirkte. Die Verwendung dieses Namens zeigt, dass die Anhänger von Jesus hier nicht länger als Teil der jüdischen Gemeinde, sondern als eine neue Gruppierung betrachtet wurden, zu der auch Heiden gehörten.
Im Neuen Testament kommt der Begriff nur dreimal vor. In Apostelgeschichte 26,28 wird er von König Agrippa gebraucht. Das deutet darauf hin, dass er ursprünglich keine Selbstbezeichnung der Jesus-Leute war, sondern erst im Laufe der Zeit dazu wurde. Dies scheint allerdings relativ schnell geschehen zu sein. Jedenfalls heißt es in 1. Petrus 4,16, dass es schon ausreichte als »Christ« bezeichnet zu werden, um ausgegrenzt und verfolgt zu werden.
„Ausgegrenzt und verfolgt“ … dazu wurde also die Bezeichnung ‚Christ‘ verwendet ….
Ist die Bedeutung von ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous) Gesalbte?
Mancher denkt vielleicht, dass ‚Christen‘ eine durchaus passende Bezeichnung wäre, denn es würde ja ‚Gesalbte‘ bedeuten.
Insbesondere Zeugen Jehovas verwenden oft den Ausrdruck ‚gesalbte Christen‘, um eine kleine Gruppe von den ‚anderen Schafen‘ – also den allermeisten anderen Zeugen – zu unterscheiden. Tatsächlich führte deren Präsident J.F. Rutherford diese Unterscheidung in den 1930er Jahren ein, um eine Klasse von Geistlichen zu schaffen. (siehe Wahre Anbetung identifizieren, Teil 8: Die Lehre der Zeugen Jehovas über die ‚Anderen Schafe‘) Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die vollständige Autorität über Lehrfragen hat und dem jeder bedingungslos folgen muss, besteht daher selbstverständlich nur aus Männern, die sich für ‚gesalbten Christen‘ halten.
Aber was bedeutet denn dieser Ausdruck im Griechischen genau?
Das griechische Wort Χριστιανός (Christianos), das „Anhänger Christi“ bedeutet, stammt von Χριστός (Christos), was „Gesalbter“ bedeutet, mit einer adjektivischen Endung, die aus dem Lateinischen entlehnt wurde, um das Anhaften an oder sogar das Zugehören zu bezeichnen, wie bei Sklavenbesitz. [Bickerman, Elias J. (April 1949). „The Name of Christians“. The Harvard Theological Review. 42 (2): 109–124] In der griechischen Septuaginta wurde christos verwendet, um das hebräische מָשִׁיחַ (Mašíaḥ, Messias) zu übersetzen, was so viel bedeutet wie „der Gesalbte“[20] In anderen europäischen Sprachen sind die entsprechenden Wörter für christlich ebenfalls aus dem Griechischen abgeleitet, z. B. Chrétien auf Französisch und Cristiano auf Spanisch.
S. 147 „Alle diese griechischen Begriffe, die mit dem lateinischen Suffix -ianus gebildet werden, drücken genau wie die lateinischen Wörter derselben Ableitung die Vorstellung aus, dass die Menschen oder Dinge, auf die sie sich beziehen, zu der Person gehören, an deren Namen das Suffix angehängt wird.“ S. 145, „Im Lateinischen brachte dieses Suffix Eigennamen des Typs Marcianus hervor und andererseits Ableitungen vom Namen einer Person, die sich auf seine Zugehörigkeit bezogen, wie fundus Narcissianus, oder, im weiteren Sinne, auf seine Anhänger, Ciceroniani.“
Bickerman, Elias J. (April 1949). „The Name of Christians“. The Harvard Theological Review. 42 (2): 109–124
Aber werden die Jünger Christi nicht als Gesalbte bezeichnet? Nein. Es gibt nur diese beiden Texte:
Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt, in ihm ist das Ja, deshalb auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre durch uns. Der uns aber mit euch festigt in Christus und uns gesalbt hat, ist Gott, der uns auch versiegelt und die Anzahlung des Geistes in unsere Herzen gegeben hat
(2. Kor 1:20-22 Elberfelder)
Das mit ‚uns gesalbt hat‘ übersetzte Verb kommt laut Strong’s nur 5 mal in der Bibel vor und wird davon 4 mal auf Jesus angewandt.
Und ihr? Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand belehrt, sondern wie seine Salbung euch über alles belehrt, so ist es auch wahr und keine Lüge. Und wie sie euch belehrt hat, so bleibt in ihm
(1. Joh 2:27 Elberfelder)
Auch in diesem Text wird nicht von ‚Gesalbten‘ gesprochen, sondern dass sie gesalbt würden.
Wie oft wird in den christlichen Schriften der Begriff ‚Gesalbte‘ (Plural) für die Nachfolger Jesu verwendet? Die Antwort ist: Überhaupt nicht! Mir fiel das erst auf, als ich in Übersetzungen danach gesucht habe. Das sollte uns auch zu denken geben.
Hier noch ein Zitat aus der 2001Translation:
Die frühen Christen nannten sich nie „die Gesalbten“.
In den jüdischen Schriften wird der Begriff „Gesalbter“ häufig im Zusammenhang mit Propheten, Königen und Priestern verwendet. In den christlichen Schriften wird derselbe Begriff jedoch fast ausschließlich in Bezug auf Jesus verwendet. In der Bibel gibt es keine Hinweise darauf, dass sich Christen jemals als Gesalbte bezeichnet haben. Vielmehr scheint es, als sei der Begriff allein für Jesus reserviert.
Es gibt nur zwei Verse, die Christen als solche bezeichnet werden, die eine Salbung erhalten: 2. Korinther 1:21-22 und 1. Johannes 2:27. Dort wird nur am Rande erwähnt, dass die ersten Christen gesalbt wurden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie als „Könige und Priester“ regieren sollen (Offenbarung 1,6). Es gab tatsächlich Hinweise darauf, dass sie gesalbt wurden. Das geschah zum ersten Mal in Apostelgeschichte 2:1-3, als „Feuerzungen“ über ihnen erschienen. Von da an konnten viele der frühen Christen Wunder vollbringen oder hatten andere besondere Fähigkeiten. Sie waren also wirklich gesalbt – sie hatten ein physisches Zeichen von Gott, dass sie auserwählt waren.
Trotzdem benutzten sie den Begriff „gesalbt“ nicht als besonderen Titel für sich selbst, um eine noch speziellere Beziehung zu Gott zu beanspruchen. Zweifelsohne war es die schlichte Demut, die sie dazu brachte, den Begriff „Gesalbt“ nur für ihren Herrn Jesus zu verwenden.
Es wird in der Bibel allerdings von falschen Gesalbten gesprochen:
Denn es werden falsche Messiasse [ψευδόχριστοι (pseudochristoi) falsche Gesalbte] und falsche Propheten auftreten. Sie werden sich durch große Zeichen und Wundertaten ausweisen und würden sogar die Auserwählten verführen, wenn sie es könnten.
(Mat 24:24 NEÜ)
Nebenbei bemerkt: Auch in der Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas kommt ‚Gesalbte‘ oder ‚gesalbte Christen‘ im biblischen Text nie vor, ‚gesalbte Christen‘ aber fast zwanzig mal in den Studienanmerkungen. Das ist mir in den Jahrzehnten nie aufgefallen. Erst jetzt, als ich mich mit diesem Thema einmal näher auseinandergesetzt habe.
Es macht einen Unterschied, ob man etwas ist, sich so nennt oder von anderen nennen lässt. Jesu warnte seine Nachfolger:
Ihr jedoch sollt euch niemals Rabbi nennen lassen, denn nur einer ist euer Rabbi, und ihr alle seid Brüder.
(Matthäus 23:8 NEÜ)
Da in der Bibel für die Jünger nie der Begriff ‚Gesalbte‘ verwendet wird, könnte man formulieren:
Ihr jedoch sollt euch niemals Gesalbte nennen lassen, denn nur einer ist Der Gesalbte, und ihr alle seid Brüder.
Frei nach Matthäus 23:8
Ist das übertrieben? Nun, die ‚Gesalbten‘ der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas haben vor kurzen in einem offiziellen Video sagen lassen, dass ‚ihre [der ‚Gesalbten‘] Stimme der Jesu Christi [Des Gesalbten] gleicht‘ und man ihnen genauso gehorchen muss (Video). Doch gemäß Jesu Worten sollten seine Jünger sich alle als Brüder und Schwestern sehen.
Andere Begriffe im ersten Jahrhundert
Jesus sprach wiederholt davon, dass seine Jünger ‚alle Brüder sind‘ (Matthäus 23:8). Daher ist es passend, die Begriffe Bruder und Schwester zu verwenden. Oder wie man es früher noch tat: Die Geschwister …
In den Evangelien werden sie oft als ‚Jünger‘ μαθηταὶ (mathētai) bezeichnet (Matthäus 12:1,2 …). Strong’s Greek 3101 gibt an: „Ein Lernender, Schüler, Zögling. Von manthano; ein Lernender, d.h. Schüler“. Das erinnert uns daran, dass es nicht darum geht, ‚die Wahrheit gefunden zu haben‘, wie Jehovas Zeugen das verwendent. Sondern dass wir immer weiter auf der Suche nach Wahrheit sind.
Tatsächlich gab es jedoch eine Bezeichnung für die Gruppe der Jünger, bevor die Heiden sie ‚Christen‘ nannten:
Saulus aber, der noch Drohung und Mord schnaubte gegen die Jünger des Herrn, ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe nach Damaskus an die Synagogen, in der Absicht, wenn er irgendwelche Anhänger des Weges [damals übliche Bezeichnung für den Glauben an Jesus Christus (vgl. u. a. Apg 19,9.23; 22,4; 24,14.22; s. a. Jes 35,8-9).] fände, ob Männer oder Frauen, sie gebunden nach Jerusalem zu führen.
(Apg 9:1,2 Schlachter 2000)
‚Anhänger des Weges‘. Ein passender Begriff, wo doch Jesus über sich sagte:
„Ich bin der Weg!“, antwortete Jesus. „Ich bin die Wahrheit und das Leben! Zum Vater kommt man nur durch mich.
(Joh 14:6 NEÜ)
Und möglicherweise hat es ja auch einen Bezug zu dieser Prophezeiung:
Und dort wird eine Strasse sein und ein Weg: Weg-der-Heiligkeit wird er genannt werden. Kein Unreiner wird ihn betreten, ihnen wird er gehören, die auf dem Weg gehen, und Toren werden nicht in die Irre gehen.
(Jes 35:8 Züricher)
Manchmal wird im Bericht auch ein anderer Gedanke betont:
Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen über diesen Mann gehört, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem getan hat. … Es geschah aber, dass Petrus, indem er überall hindurchzog, auch zu den Heiligen hinabkam, die zu Lydda wohnten.
(Apg 9:13, 32 Elberfelder)
Das mit ‚Heilige‘ übersetzte Wort ist ἁγίους (hagious) mit der Bedeutung: „Von (oder für) Gott ausgesondert, heilig. Von hagos; heilig.“ (Strong’s Greek 40). Diese Bezeichnung wird viele Dutzend Male verwendet. Und zwar für die ganze Versammlung, nicht nur einige besondere Personen, die ‚heilig gesprochen‘ wurden. Aber das ist auch ein anderes Thema.
Nun, sollten wir uns jetzt Christen nennen (lassen) oder nicht? Zumindest wissen wir jetzt mehr:
Jesus sagte wiederholt über sie, dass sie alle Brüder und Schwestern sind.
Sie wurden zuerst ‚Jünger‘ μαθηταὶ (mathētai) genannt.
Man bezeichnete diese Leute auch als ‚der Weg‘.
Und als Heilige.
‚Christen‘ wurde sie erst viel später wohl von anderen genannt. Die Verwendung durch Heiden in ist der Bibel und anderen Schriften belegt. In den christlichen Schriften kommt er nur 3 mal vor, aber nie als Anrede der anderen Gläubigen. Das ist erst im 2. Jahrhundert durch die Schriften der Kirchenväter belegt.
Das ist nun aber auch schon fast 2000 Jahre her und daher ist Bedeutung des Begriffes vielleicht wichtiger.
Der Begriff ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous) aus Apostelgeschichte 11:26 bedeutet ‚Anhänger Christi‘ und nicht ‚Gesalbte‘.
In den christlichen Schriften werden die gläubigen Christen niemals als ‚Gesalbte‘ bezeichnet. Nur Jesus wird als der Messias, der Christos, also der Gesalbte bezeichnet.
Der von Jehovas Zeugen verwendete Begriff ‚gesalbte Christien‘ steht nicht für ‚gesalbte Gesalbte‘, sondern enthält eine Bezeichnung, welche die Gläubigen im ersten Jahrhundert sich aus Demut gegenüber Des Gesalbten nie gegeben haben.
So, und jetzt kannst du nach bestem Wissen und Gewissen selbst entscheiden.
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