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  • Leben als Christ (2): Muss ich getauft werden?

    Leben als Christ (2): Muss ich getauft werden?

    Von N. T. Wright

    Diese 13-teilige Serie schaut sich die wichtigsten Elemente des christlichen Lebens an und wie wir sie aus einer einzigartigen christlichen Perspektive betrachten können, damit sie unser Leben in der Welt verändern.
    Wir werden alles abdecken, von typischen christlichen Aktivitäten wie Gebet, Taufe und Kirchgang bis hin zu allgemeineren menschlichen Erfahrungen wie Arbeit, Erholung und Trauer.

    Obwohl die Bibel viele Beispiele für die Taufe (in verschiedenen Formen) enthält, war das Thema für Christen über die Jahre immer wieder umstritten und verwirrend. In diesem Video erklärt Prof. Wright die Taufe als eine Art Kurzform, um über die wichtigsten Themen des christlichen Lebens zu reden. Hinter dem Akt der Taufe steckt eine ganze Welt von Bedeutungen, über die wir alle gut nachdenken müssen.

    In dieser neuen Serie von NT Wright Online schauen wir uns die transformativen Elemente unseres christlichen Glaubens an und wie wir sie auf einzigartige Weise betrachten und unseren Lebensstil davon verändern lassen können.

    Jesus begann seine öffentliche Laufbahn, in der er das Königreich Gottes verkündete, im Windschatten des kurzen, aber bedeutenden Wirkens seines Cousins Johannes. Johannes stammte aus einer jüdischen Priesterfamilie, aber anstatt seinem Vater in den normalen Tempeldienst zu folgen, fühlte er sich berufen, am Jordan zu leben und das jüdische Volk aufzurufen, sich in den Fluss tauchen zu lassen, als Zeichen dafür, dass sie sich von der Sünde abwandten und Teil des neuen Regierungssystems, der neuen Welt, die Gott gerade ins Leben rufen wollte, wurden.

    Angesichts all dessen, was wir über die jüdische Welt jener Zeit wissen, würde dies in den Köpfen der Menschen Erinnerungen an die großen Ereignisse des Exodus wecken, der mehr als ein Jahrtausend zuvor stattgefunden hatte, aber durch Feste wie das Passahfest regelmäßig in Erinnerung gerufen wurde. Gott hatte sein Volk aus Ägypten, wo es in Sklaverei gelebt hatte, befreit, indem er es durch das Rote Meer führte. Und nachdem es durch die Wüste gewandert war, führte er es über den Jordan in das Gelobte Land. Es scheint, als hätte Johannes gesagt: Auch ihr könnt jetzt Teil des neuen Exodus, des neuen Gelobten Landes, sein.

    In einer berühmten Bibelstelle, 5. Mose 30, die von einigen späteren Propheten aufgegriffen wurde, hatte Gott versprochen, dass er die Menschen ein für alle Mal wiederherstellen würde, wenn sie sich endlich von ihren Sünden abwenden würden. Und Johannes scheint gesagt zu haben: Jetzt ist die Zeit gekommen, also kommt und lasst euch taufen. Jesus selbst wurde von Johannes getauft. Und die Anhänger Jesu tauften die Menschen, die sich ihrer Bewegung anschlossen, und kennzeichneten sie damit als neues Volk des Exodus.

    Und Jesus bekräftigte dieses Thema, indem er das Passahfest, das Fest des Exodus, als den Moment wählte, um endlich nach Jerusalem zu gehen und sich den Behörden zu stellen, wobei er genau wusste, was das Ergebnis sein würde. Und in der Nacht, in der er verraten wurde, feierte er mit seinen Freunden ein passahähnliches Mahl und nutzte dies, um seinen bevorstehenden Tod zu deuten. Er hatte diesen bevorstehenden Tod schon ein- oder zweimal als eine Taufe bezeichnet, die er durchlaufen musste.

    Das Wort wurde also schon benutzt, um über das neue Passahfest zu reden, das aus dem Tod und der Auferstehung Jesu bestehen sollte, und darüber, wie diese schockierenden, entscheidenden Ereignisse die Bewegung des Königreiches Gottes auf neue Weise starten und das Leben ihrer Anhänger prägen würden.

    Nun hatte Johannes der Täufer geheimnisvoll versprochen, dass derjenige, der nach ihm kommen würde – war das Gott selbst? Oder der Messias? Oder irgendwie beides? –, dass dieser seine Anhänger nicht mit Wasser taufen würde, sondern mit Gottes Heiligem Geist und mit Feuer. Als die ersten Anhänger Jesu kurz nach seinem Tod und seiner Auferstehung den Geist Gottes über sich kommen spürten, der ihnen Mut, Energie und Weisheit gab, um den Menschen zu erklären, was gerade passiert war, und um in die weite Welt hinauszugehen und den Menschen von Jesus zu erzählen, egal was es sie persönlich kostete, interpretierten sie dies natürlich als die versprochene Geistestaufe.

    Dies war jedoch keine Alternative zur Wassertaufe. Und die Wassertaufe ist bis heute das grundlegende Zeichen der Zugehörigkeit zum Volk Jesu geblieben. Schon zur Zeit des Paulus wurde sie im Zusammenhang mit dem gesamten Ereignis von Jesu Tod und Auferstehung und der Aussendung des Geistes interpretiert. Schon damals bekannten sich die Getauften öffentlich zu Jesus als Herrn, eine Treue, die sich klar gegen die römische Behauptung richtete, dass Caesar in Rom der Herr sei.

    Wie viele einfache, aber kraftvolle Symbole hatte die Taufe eine große Bedeutung, die die neuen Gläubigen nach und nach verinnerlichen würden. Paulus scheint sie manchmal anzustupsen oder zu schütteln, um ihnen zu sagen: Versteht ihr denn nicht? Ihr seid getauft worden, und das bedeutet Folgendes. Also findet es heraus und macht weiter. Aber Paulus muss die Leute in 1. Korinther 10 vor einer lockeren Haltung warnen. Okay, ihr seid getauft worden. Ihr seid theoretisch in die Familie aufgenommen worden, aber es besteht die Gefahr, dass ihr einfach so mitmacht, ohne euch wirklich bewusst zu sein, welche drastische Veränderung des Lebens die Taufe mit sich bringt.

    Es geht wirklich darum, mit dem Messias zu sterben und wieder aufzuerstehen. Insbesondere in Römer 6 und Kolosser 2 und 3 spricht Paulus die Herausforderung der Heiligkeit im Zusammenhang mit der Taufe selbst an. Im Einklang mit Jesu eigener neuer Exodus-Berufung, die in seinem Tod und seiner Auferstehung gipfelt, erklärt Paulus, dass jemand, der getauft wird, in den Messias getauft wird. Er ist also mit ihm gestorben und mit ihm auferstanden, und sein Leben muss daher die Tatsache widerspiegeln, dass er die alten Wege der Sünde hinter sich gelassen hat und irgendwie in das auferstandene Leben des Messias eingehüllt und von ihm mit Energie erfüllt wurde.

    Die Taufe bleibt zentral und wichtig, aber sie bleibt auch die Quelle, aus der wir noch viel lernen müssen, während wir weiterhin Jesus in die Welt von morgen nachfolgen.

  • Leben als Christ (1): Was ist ein Christ?

    Leben als Christ (1): Was ist ein Christ?

    Von N. T. Wright

    Diese 13-teilige Serie schaut sich die wichtigsten Elemente des christlichen Lebens an und wie wir sie aus einer einzigartigen christlichen Perspektive betrachten können, damit sie unser Leben in der Welt verändern.
    Wir werden alles abdecken, von typischen christlichen Aktivitäten wie Gebet, Taufe und Kirchgang bis hin zu allgemeineren menschlichen Erfahrungen wie Arbeit, Erholung und Trauer.

    Du bezeichnest dich selbst als Christ? Was bedeutet es eigentlich, sich als Christ zu bezeichnen? Das Wort „Christ“ steht im Laufe der Zeit in verschiedenen Kulturen für viele Realitäten, aber es gibt einige charakteristische Merkmale, auf die wir hinweisen können. In dieser Folge von „Thinking Through the Christian Life“ (Das christliche Leben durchdenken) betrachtet Prof. Wright, wie die Kategorien Zugehörigkeit, Glaube und Verhalten das christliche Leben prägen.

    In dieser neuen Serie von N.T. Wright Online schauen wir uns die transformativen Elemente unseres christlichen Glaubens an und wie wir sie auf einzigartige Weise betrachten und unseren Lebensstil dadurch verändern können.

    Was bedeutet es, Christ zu sein? Die ersten Anhänger Jesu nannten sich selbst nicht Christen. Dieser Spitzname wurde erst einige Jahre später von Menschen erfunden, die versuchten, diese seltsame neue Gruppe zu verstehen, die in ihrer Mitte entstanden war und die von demjenigen besessen zu sein schien, den sie Christos nannten, das griechische Wort für Messias oder Gesalbter.

    Sie hörten also, wie die Leute über Christos sprachen, und sagten, sie seien Christen. Und die Anhänger Jesu selbst bezeichneten ihre Bewegung manchmal als „Der Weg”, was uns einen starken Hinweis darauf gibt, was es von Anfang an bedeutete, Christ zu sein. Es ist eine Lebensweise. Das Leben als eine Reise mit einem Ziel und Richtlinien, wie man dorthin gelangt.

    Und sie konzentriert sich auf den Christos, den sie für Jesus hielten, einen realen historischen Menschen, einen palästinensischen Juden, der in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. lebte und starb und dessen Anhänger glaubten, dass er der Gesalbte, der Christos, war und ist, der vom Gott Israels verheißen worden war, der kommen und endlich die ganze Welt in Ordnung bringen würde.

    Das eröffnet ein Bild, das viele in drei einfachen, aber tiefgründigen Aussagen skizziert haben. Jede dieser Aussagen muss noch viel genauer erklärt werden, aber sie sind ein Anfang.

    • Christ zu sein bedeutet, zu einer Familie zu gehören.
    • Es bedeutet, an den Gott zu glauben, der sich in Jesus offenbart hat.
    • Und es bedeutet, sich so zu verhalten, wie er es gelehrt und vorgelebt hat.

    Die ersten Anhänger Jesu dachten nicht, dass sie etwas völlig Neues begannen. Wie mehrere andere jüdische Gruppen jener Zeit glaubten sie, dass der Gott Israels, der Schöpfer der Welt, das getan hatte, was er seit langem versprochen hatte, und seinen alten Bund mit den Nachkommen Abrahams vor zwei Jahrtausenden erneuert hatte.

    Jesus selbst hatte aber versprochen, dass diese erneuerte Familie nicht auf das beschränkt wäre, was wir eine ethnische Gruppe oder eine bestimmte soziale Klasse nennen. Innerhalb von zwanzig Jahren nach Jesu Zeit konnte der Apostel Paulus schreiben, dass die Zugehörigkeit zum Volk des Messias nichts damit zu tun habe, ob man Jude oder Nichtjude, Sklave oder Freier, Mann oder Frau sei. Es war eine neue Art von Familie.

    Wie kam man dann zu dieser Familie? Jesus selbst sprach davon, dass Menschen wiedergeboren werden müssten. Er verband dies mit der Taufe, die sein Cousin Johannes als Zeichen dafür eingeführt hatte, dass Gott seinen Bund, sein altes Abkommen, mit seinem Volk erneuerte. Jesus und seine ersten Jünger verbanden dies auch direkt mit dem Glauben. Und das bringt uns zum zweiten Punkt.

    Zweitens also: Der Glaube an den Gott, der sich in Jesus offenbart hat.

    Die meisten Menschen zu Jesu Zeiten glaubten an eine Art göttliches Wesen oder Wesen. Das jüdische Volk glaubte an den einen und einzigen Gott Abrahams, den Schöpfer der Welt. Sie glaubten, dass dieser Gott einst mit seinem Volk im Tempel in Jerusalem gelebt hatte und dass er versprochen hatte, nach langer Abwesenheit zurückzukehren und alles in Ordnung zu bringen.

    Die Anhänger Jesu glaubten, dass er genau das in der Person Jesu selbst getan hatte und dass er dann gekommen war, um in jedem einzelnen von ihnen zu leben, in der persönlich erneuernden Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes.

    Diese dicht gepackte Reihe von Überzeugungen bedeutete, dass die Anhänger Jesu an den einen Gott Israels glaubten, aber auch daran, dass dieser Gott auf neue und unerwartete Weise entschlossen und dramatisch gehandelt hatte.

    Der Glaube konnte also nicht einfach eine Frage der intellektuellen Zustimmung sein, obwohl auch das eine Rolle spielte. Es ging darum, sich von Gott angesprochen, von Gott verwandelt, in das Leben und die fortwährenden Absichten Gottes hineingezogen zu fühlen, mit einem Gefühl der geheimnisvollen Gegenwart Jesu selbst, der sie herausforderte und tröstete, ermutigte, warnte und leitete.

    All dies bedeutete, alles hinter sich zu lassen, was in andere Richtungen ging. Für Nichtjuden bedeutete das, die weit verbreitete traditionelle Götzenverehrung und die damit verbundene Lebensweise aufzugeben. Für Juden bedeutete es, die Träume von einem militärischen Aufstand gegen Rom aufzugeben und darauf zu vertrauen, dass ihr Gott sein Reich auf ganz neue Weise errichtete, mit Jesus an der Spitze.

    Zugehörigkeit und Glaube führen also gemeinsam zum dritten Punkt, nämlich zum Verhalten.

    Von Anfang an wurden Christen nicht durch ihr Verhalten definiert, aber sie verstanden, dass ihr Verhalten durch ihre neue Identität definiert werden musste. Jesus hatte nun verkündet, dass Gott endlich König werde, und damit das biblische Thema des Königreiches Gottes aufgegriffen, dass Gott zurückkehre, um alles in Ordnung zu bringen. Jesus nachzufolgen bedeutete also von Anfang an, zu lernen, ein Mensch des Königreiches Gottes zu sein, sich selbst in Ordnung zu bringen und Teil von Gottes Plan zu werden, die Welt in Ordnung zu bringen. Und in Ordnung gebracht zu werden bedeutete, eine neue Vision davon anzunehmen, was Menschen ursprünglich sein sollten, nämlich dazu berufen, die Liebe und Weisheit Gottes in der Welt widerzuspiegeln.

    Die Bergpredigt, die berühmte Ansprache Jesu in Matthäus 5, 6 und 7, konzentriert sich auf die Herausforderung, die Jesus seinen Zuhörern stellte. Jesus forderte sie zu einer Veränderung ihres Herzens auf, damit sie aufrichtig liebevoll und vergebungsbereit werden, reine Motive haben und darauf bedacht sind, Gottes mächtige, rettende Liebe in die Welt zu bringen.

    Die Lehrer und Prediger der ersten Generation von Christen entwickelten verschiedene praktische Lehren in Bezug auf Bereiche wie die Fürsorge für die Armen, die Achtung der Ehe, soziale und bürgerliche Pflichten und so weiter. Aber all das entsprang Jesu Vision vom Königreich Gottes, seinem Plan, die Welt zu verbessern, wobei seine eigenen Anhänger sowohl als Werkzeuge als auch als Vorbilder für dieses Ziel der neuen Schöpfung dienten.

    Also Zugehörigkeit, Glaube, Verhalten.

    Im Laufe der Geschichte haben verschiedene christliche Gruppen und Bewegungen in sehr unterschiedlichen sozialen, politischen und kulturellen Umfeldern das eine oder andere betont und auf unterschiedliche Weise interpretiert. Schon in den Briefen des Paulus aus den 40er und 50er Jahren des ersten Jahrhunderts sehen wir einige, die zwar dazugehörten, aber anscheinend nicht verstanden hatten, was Glauben und Verhalten bedeuten. Paulus musste sie zurechtweisen. Umgekehrt mussten einige frühe Lehrer davor warnen, die Kirche zu spalten, als ob der Glaube an dieses oder jenes zu einer Spaltung führen könnte, als ob Zugehörigkeit keine Rolle spielte.

    Solche Probleme bestehen tragischerweise bis heute fort, wo das Christsein beispielsweise in Teilen Afrikas oder Südostasiens manchmal ganz anders aussieht als in Europa oder Nordamerika. Das ist vielleicht unvermeidlich für eine weltweite und multikulturelle Bewegung, die „auf dem Weg” ist und in der alle voneinander lernen müssen, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen.

    Denn das ist schließlich der Kern des Ganzen.

    Die persönliche Gegenwart Jesu zu erfahren, die die frühen Christen mit verschiedenen Bildern beschrieben haben, zum Beispiel mit Jesus als dem Weinstock und wir als den Reben. Oder Jesus als der ganze Leib und wir selbst als Glieder, Gliedmaßen und Organe dieses Leibes. Diese persönliche Gegenwart Jesu und das Erleben seines Lebens in uns bleibt bestehen, das lebendige Herz, das in das Gemeinschaftsleben, den Glauben und das Verhalten einfließt.

  • Den eigenen Horizont erweitern

    Den eigenen Horizont erweitern

    Von Christian


    Nach der Serie Das vergessene Evangelium der Evangelien, das auf einem Buch von N.T. Wright beruht, möchte ich einen kurzen Ausblick darauf geben, was in den nächsten Monaten voraussichtlich noch kommen wird. Und warum.

    Nicht, dass jemand noch auf die Idee kommt, dass ich N.T. Wright und seine Erklärungen als „die Wahrheit“ propagieren möchte – was auch gar nicht in seinem Sinne wäre. Er und andere haben jedoch als Wissenschaftler einige wichtige Punkte herausgearbeitet, die nicht der Hauptrichtung der großen Kirchen und der Tradition entspricht.

    Und darum wird es weiter gehen: Den eigenen Horizont erweitern.

    Tatsächlich ist es für viele schon ein weiter Weg, um an diesem Punkt anzukommen. Die Situation, in der sich viele befanden oder noch befinden, entspricht diesen Bildern. Und das trifft nicht nur auf den Glauben von Menschen zu, welche in einer Bewegung mit hochgradiger Kontrolle (englisch high control group) waren, wozu nicht nur Jehovas Zeugen und viele fundamentale evangelikale Gruppen gehören. Dort geht es einem so:

    close up of a brown horse in a cobblestone square
    Photo by Warre Van de Wouwer on Pexels.com

    Nicht dass ich jemanden mit Pferden vergleichen will. Jemand hat diesen Pferden sogenannte Scheuklappen angelegt. Die Pferde sehen also fast nichts, obwohl sie sich doch anscheinend in einer Stadt bewegen sollen – was für ein Widerspruch! „Nein!“, denkst du vielleicht. Der Name „Scheuklappen“ sagt es doch schon:

    Scheuklappen sind seitliche Lederstücke am Pferdezaumzeug, die das Blickfeld einschränken, um das Pferd vor Ablenkungen zu schützen und seine Konzentration zu fördern,

    KI Zusammenfassung

    Und die Pferde können doch nach vorne schauen:

    close up of horse eye with blinkers detailed view
    Photo by Ali Bensoula on Pexels.com

    Und durch die Zügel werden sie in die richtige Richtung gelenkt.

    Welcher Mensch möchte schon so leben? Zumindest wird das kaum einer sagen, wenn man die Person fragt. Doch übertragen wir das einmal auf das Leben von Menschen – insbesondere den Bereich Glauben und Religion:

    • Dir wird gesagt, dass du die nicht mit den Gedanken und Lehren anderer beschäftigen sollst. Nichts, was von den Lehren, Dogmen und Praktiken deiner Religion abweicht.
    • Dir wird sogar verboten, dich mit bestimmten Büchern, Websites und Menschen auseinanderzusetzen – zum Beispiel diesen bösen Abtrünnigen.
    • Am besten ist, du schränkst auch die Nutzung von Nachrichtenkanälen und sozialen Medien stark ein, denn es gibt doch den einen echten ‚Kanal‘ zu Gott und deine Gemeinschaft.
    • Das dient alles natürlich nur zu deinem ‚geistigen‘ Schutz, damit du nicht erschrickst und scheu oder verwirrt wirst.
    • Schließlich kannst du den geraden Weg doch klar sehen!
    • Und wenn der Weg doch aufgrund von ‚neuem Licht‘ abbiegt, dann wirst du fürsorglich durch die Zügel dorthin geleitet.

    Der eine oder andere hat hier vielleicht schon Anspielungen auf die kodierte interne Sprechweise der Zeugen Jehovas herausgehört. Aber hätte ich Wendungen wir ‚Christus im Herzen‘, oder ‚wiedergeboren‘ verwendet, würden andere das genauso erkannt haben. Als ich noch aktiver Zeuge Jehovas war, wurde mir von der Leitenden Körperschaft eingeprägt, dass Jehovas Zeugen etwas Besonderes sind: Nur sie kennen ‚die Wahrheit‘, alle anderen sind Teil der ‚falschen Religion‘. Nach meinem Austritt war ich noch lange unbewusst überzeugt, dass Jehovas Zeugen in einigen Lehren, Gebräuchen und der Abschottung ihrer Mitglieder einzigartig sind. Und das denkst du vielleicht jetzt noch. Aber auch darin sind Jehovas Zeugen nicht völlig anders – die Erfahrungen von Menschen aus fundamentalen, evangelikalen Gruppen hören sich in vielen Punkten genau so an, wie von Aussteigern bei den Zeugen Jehovas. ‚Scheuklappen‘ gibt wohl überall.

    Wenn man das erkannt und angefangen hat, es zu verarbeiten, kommt man der nächsten Stufe näher: Den eigenen Horizont erweitern!

    Aber wie soll das gehen? Ist der Horizont nicht durch die Erde bestimmt und für alle Menschen gleich? Nein. Und wie das Bild zeigt: Der Horizont ändert er sich, wenn wir uns bewegen:

    Die Redewendung „den eigenen Horizont erweitern“ bedeutet, sich neuen Erfahrungen, Wissen und Perspektiven zu öffnen, über den eigenen gewohnten Rahmen (den „Tellerrand“) hinauszuschauen und dadurch den eigenen Blickwinkel zu weiten, um die Welt umfassender zu verstehen. Es geht darum, Neugier zu zeigen, Neues zu lernen und weltoffener zu werden, anstatt in Enge und vorgefertigten Meinungen zu verharren.

    KI Zusammenfassung

    Und daher werden die kommen Videos divers – ach, auch so ein Trigger-Wort unserer Zeit. Und diese Erkenntnis erweitert schon unseren Horizont: Einschränkende Kulte müssen keinen religiösen Hintergrund haben – können sich aber der selben Methoden bedienen.

    Bei einigen Beiträgen, werden manche vielleicht noch so denken: „Also ich verstehe den Christian nicht. Zum einen hat er Beiträge, die meinen Glauben stärken. Und dann hat er wieder Sachen, die meinen Glauben schwächen.“ Ist das nicht noch in Kategorien wie mit ‚Scheuklappen‘ gedacht?

    Es wird Beiträge geben, die deine Auffassungen bestätigen werden und einige, die Dinge in Frage stellen. Mit am Interessantesten finde ich Themen, bei denen mir nicht einmal bewusst war, dass man das überhaupt anders sehen könnte. Weil ich sie noch nie hinterfragt habe. Und es hängt von deinen Überzeugungen ab, in welche Richtung das geht. Und es kann in verschiedene Richtungen gehen. Wer also meint, dass man auf diesem Weg nur seinen Glauben verlieren kann, den möchte ich bitten, nochmal von vorne zu lesen oder zuzuhören: Das behaupten religiöse Gruppen (als Warnung) aber auch Atheisten (weil auch da viele meinen, ‚die Wahrheit‘ gepachtet zu haben).

    Wenn alles wie geplant klappt, wird es daher in nächster Zeit Beiträge zu diesen Themen geben. Und zwar mehr oder weniger abwechselnd – wegen der Ausgewogenheit und so 😀

    • Was sagt der Historiker Josephus über Jesus und ist das authentisch?
    • Was haben Gläubige in den letzten 2000 Jahren zum Thema Lesen und Interpretieren der Bibel gedacht? Das eine oder andere könnte deinen Horizont erweitern …
    • Was zeichnet das Leben eines Christen aus? Das ist eine Serie von Videos von N.T. Wright, die das nicht dogmatisch beantwortet, sondern interessante Fragen aufwirft und deinen Horizont … du kennst das nun schon. In diesem Fall habe ich den Text übersetzt und mit einer computer-erzeugten Stimme aufgezeichnet. Die Technik ist mittlerweile so gut, dass man die etwa 10 Minuten jeweils zuhören kann.
    • Was sind die aktuellen Forschungsergebnisse zur Entstehung des Christentums und des Kanons der Bibel? Die Beiträge ergänzen die Serie über den Kanon des Neuen Testaments.
    • Was passiert, wenn jemand in einer evangelikalen Gruppe aufwächst und sich dann mit den Fakten der Geschichte und Bibelwissenschaft beschäftigt. Und welche sind das? Wer möchte, kann schonmal im YouTube Kanal von C. J. Cornthwaite reinschauen. Google bietet mittlerweile automatische erzeugte deutsche Tonspuren an.
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 11: Wie man Gottes Story feiert

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 11: Wie man Gottes Story feiert

    Von Christian / N. T. Wright


    Im elften Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es zum Abschluss darum, wie man in Anbetracht der Evangelien die Glaubensbekenntnisse besser lesen und verstehen sollte.

    Das Ganze und seine Teile

    Als ganz gewöhnliche Christen haben wir das Neue Testament vor uns und freuen uns über diesen wundervollen Text. Aber uns ist auch bewusst, dass wir manches nicht verstehen, die Bedeutung im Kontext und in der Sprache des ersten Jahrhunderts uns fremd sind und wir manche Zusammenhänge noch nicht einmal erahnen. Aber das sollte doch alles kein Problem sein, denn über zwei Jahrtausende haben Bibelgelehrte diese Texte analysiert, in Teile auseinandergenommen, repariert und poliert und uns dann diese wundervollen Teil präsentiert und ausführlich erklärt.

    Dabei haben Gelehrte und Konfessionen jeweils verschiedene Texte unterschiedlich interpretiert und unterschiedliche Teile des Neuen Testaments hervorgehoben. Und auch wenn wir die Bemühungen der Gelehrten schätzen, fragen wir uns vielleicht manchmal, ob diese wirklich über den selben Text des Neuen Testaments sprechen.

    Was wir aber brauchen, sind nicht die hervorragend präsentierte Einzelteile, sondern das wieder zusammengesetzte Ganze: „Der Text wurde schließlich geschrieben, um Teil des Lebenselixiers einer Gemeinschaft zu sein.“ Die späteren Glaubensbekenntnisse, wie zum Beispiel das Nizänische Glaubensbekenntnis, waren historische Meilensteine der christlichen Gemeinschaft – auf Grundlage und zusammen mit den Evangelien. Sie dürfen kein Ersatz dafür sein und waren so auch nicht gedacht.

    Betrachten wir zum Beispiel noch einmal das sogenannte Apostolische Glaubensbekenntnis oder Apostolikum (lateinisch Symbolum Apostolorum or Symbolum Apostolicum), wie man es lesen könnte und wie man es vielleicht besser lesen sollte.

    Eine Art, wie man das Glaubensbekenntnis lesen kann

    Im Folgenden verwende ich die deutsche ökumenische Fassung anstatt einer eigenen Übersetzung der englischen Version, die N.T. Wright im Buch verwendet

    Ich glaube an Gott,
    den Vater, den Allmächtigen,
    den Schöpfer des Himmels und der Erde.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Hier sollten wir nicht sofort in eine Schöpfung-versus-Evolution Diskussion abgleiten. Doch möglicherweise geht man hier schnell weiter, ohne sich bewusst zu machen, welche bedeutende Aussage das ist: Die Welt ist kein düsterer Platz, der von niedrigeren Gottheit gemacht wurde, wie dies zum Beispiel Marcion und andere lehrten. Viele werden (zu) schnell zum nächsten Teil weitergehen …

    Und an Jesus Christus,
    seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Viele Christen tun dies und pflegen so ihren stillen und unerkannten Marcionismus: Dass das Alte Testament nur eine Art Unterbrechung in der Geschichte ist zwischen Schöpfung und Jesus. N.T. Wright formuliert die Gedanken vieler so: „„Ja, Gott hat die Welt erschaffen, aber wir sind Sünder, und deshalb hat Gott Jesus gesandt, um uns von unseren Sünden zu erlösen.““

    Aber das Wort Christus in ‚Jesus Christus‘ ist kein zweiter Vorname sondern der Titel: „Jesus, der jüdische Messias“. Und mit ‚unser Herr‘ ist nicht vage gemeint ‚den wir verehren und anrufen‘. Herr hat hier die Bedeutung eines echten Herrschers.

    Der nächste Teil im Glaubensbekenntnis ist derjenige, den wir schon am Anfang der Serie angesprochen haben und der den größten Teil der Evangelien ignoriert:

    empfangen durch den Heiligen Geist,
    geboren von der Jungfrau Maria,
    gelitten unter Pontius Pilatus,
    gekreuzigt, gestorben und begraben,

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Und warum? Interessanterweise werden hier viele an etwas denken, was erstaunlicherweise nicht in diese frühen Glaubensbekenntnissen hier steht: „Das Apostolische Glaubensbekenntnis erwähnt den Zweck des Todes nicht, ebenso wenig wie das Nizänische Glaubensbekenntnis – „der für uns Menschen und zu unserem Heil gestorben ist“ –, aber die meisten modernen Christen, die ein Glaubensbekenntnis haben, werden an dieser Stelle daran denken und zu Recht dankbar sein.“ Und man muss sich wie N.T. Wright diese Fragen stellen: „Aber werden sie die Menschwerdung so verstehen, dass Gott Mensch wird, um König zu werden? Werden sie das Kreuz als das Mittel verstehen, mit dem Gott sein Werk des fleischgewordenen Königreichs vollendete? Ziemlich sicher nicht.“

    Tatsächlich kann ich N. T. Wright hier gut verstehen: „Tatsächlich habe ich manchmal Angst, dass die Menschen umso eifriger darauf bedacht sind, die offiziellen Lehren in diesem verkürzten Sinne zu bestätigen, um die Implikationen, dass Gott tatsächlich König auf Erden wie im Himmel ist, sorgfältig zu vermeiden. Es ist viel sicherer, einen Supermann Jesus zu haben, der in die Welt hinabsteigt, um uns von ihr zu befreien.“

    Den nächsten Teil im Glaubensbekenntnis werden wohl auch die wenigsten verstehen und schnell übergeben:

    hinabgestiegen in das Reich des Todes [lateinisch descendit ad inferos, oft als Hölle übersetzt],

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Warum sollte Jesus in die Hölle hinabsteigen? Oder in des Reich des Todes? ‚Hinabsteigen‘ ist ja eine aktive Tätigkeit, die sonst nur Lebende durchführen können, aber davor heißt es doch, er sei gestorben gewesen. Wie gut, dass gleich danach ein vertrauter schöner Gedanke kommt:

    am dritten Tage auferstanden von den Toten,
    aufgefahren in den Himmel;
    er sitzt zur Rechten Gottes,
    des allmächtigen Vaters;

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Sind wir uns der symbolischen Bedeutung dieser Beschreibung bewusst? Oder bleibt nur der Eindruck, dass Jesus einfach weit weg ist? Aber dann kommt das, worauf viele Christen warten:

    von dort wird er kommen,
    zu richten die Lebenden und die Toten.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    „Gut, denken Christen, für die das Glaubensbekenntnis zentral ist. Das Jüngste Gericht mag eine beängstigende Aussicht sein, aber wir wissen, dass wir, da wir durch den Glauben gerechtfertigt sind, „keine Verdammnis“ zu fürchten brauchen, wie Paulus sagt (Römer 8,1).“ Und beutet das nicht, dass wir dann in den Himmel kommen? Da steht allerdings nicht da.

    Damit könnte das Apostolische Glaubensbekenntnis doch aufhören, doch es tut es nicht:

    Ich glaube an den Heiligen Geist,
    die heilige katholische (christliche/allgemeine)[11] Kirche,
    Gemeinschaft der Heiligen,
    Vergebung der Sünden,
    Auferstehung der Toten[12]
    und das ewige Leben.
    Amen.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Nun gilt es zum einen festzuhalten, dass das lateinische „sanctam Ecclesiam catholicam“ sich nicht auf die heutige Katholische Kirche bezieht. Sondern mit catholicam allgemein gemeint ist. Also eine ganz andere Aussage. Und was ist die „Gemeinschaft der Heiligen“? Und spätestens bei der „Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ werden viele meinen, dass damit des ewige Leben im Himmel gemeint ist. Diesen Gedanken haben die Christen damals aber nicht in den Evangelien gefunden und auch nicht ins Apostolischen Glaubensbekenntnis hineingeschrieben.

    Wir sehen, dass ein Glaubensbekenntnis vielleicht hilfreich sein kein, einige wesentlich Kernelemente des Glaubens im Sinn zu behalten. Aber ohne die Grundlage der Evangelien man gar nicht richtig weiß, was damit gemeint ist.

    Eine andere Art, das Glaubensbekenntnis zu lesen

    Gehen wir das Apostolische Glaubensbekenntnis also nochmal durch:

    Ich glaube an Gott,
    den Vater, den Allmächtigen,
    den Schöpfer des Himmels und der Erde.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    „Hier wird der weise Anbeter den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs feiern, weil er weiß, dass dieses Bekenntnis zu ihm als „Vater“ auf die jüdischen Schriften zurückgeht und dass die Freude an ihm als Schöpfer von allem, Himmel und Erde, uns nicht nur auf eine Stufe mit dem Autor von Genesis 1 stellt, sondern auch mit so majestätischen Schriften wie Psalm 19 … Jesaja 40 … Psalm 96.“

    Vielleicht denkst du jetzt: ‚Moment mal, Gott wird im Alten Testament doch nicht als Vater bezeichnet!‘ Tatsächlich nicht? Nehmen wir zum Beispiel 2. Mose 4::22-23 „Dann wirst du dem Pharao verkünden: ‚So spricht Jahwe: Israel ist mein erstgeborener Sohn. Und ich sage dir: Lass meinen Sohn ziehen, dass er mir dient. …‘“ (NEÜ) Hier spricht er doch von der engen Beziehung wie zwischen Vater und Sohn, uns so haben es die Israeliten auch im Schma Israel nach 5. Mose 6:4-9 empfunden.

    Und so wird die ganze Schöpfung – Himmel und Erde – ein Tempel für Gott werden, wie Paulus schrieb: „Er will dann, wenn die richtige Zeit dafür gekommen ist, seinen Plan ausführen und alles unter ‹das Haupt von› Christus bringen, alles, was im Himmel und auf der Erde existiert.“ (Epheser 1:10, NEÜ) Was uns gleich zum nächsten Punkte im Glaubensbekenntnis bringt.

    Und an Jesus Christus,
    seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Wie schon gesagt, ist Christus in ‚Jesus Christus‘ ist kein zweiter Vorname sondern der Titel: „Jesus, der jüdische Messias“ Und mit ‚unser Herr‘ ist nicht vage gemeint ‚den wir verehren und anrufen‘. Herr hat hier die Bedeutung eines echten Herrschers. Was uns an Psalm 2 erinnern sollte. „Und ihn als „Herr“ zu bezeichnen, war im Kanon nie eine bloße Ehrenbezeichnung. Es war einer der regulären kaiserlichen Titel.“

    empfangen durch den Heiligen Geist,
    geboren von der Jungfrau Maria,
    gelitten unter Pontius Pilatus,
    gekreuzigt, gestorben und begraben,

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Die Geburt Jesu war ein hoch politischer Moment, wie es auch Matthäus und Lukas so darstellen. Er ist es, der das Königreich des einen wahren Gottes etablieren wird.

    Das Nizänische Glaubensbekenntnis fügt hier hinzu: „Für uns Menschen, und unsere Rettung“. Aber das legt einen Schwerpunkt auf etwas ganz anderes, als das, was davor über das Königreich Gottes gesagt wurde. N.T. Wright schreibt dazu: „Ja, in der Tat, aber diese „Rettung“ ist nicht eine Rettung von der Erde, von Gottes Schöpfung, sondern in und für die Erde und für uns als Geschöpfe der Erde.“

    hinabgestiegen in das Reich des Todes [lateinisch descendit ad inferos, oft als Hölle übersetzt],

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Wo kommt eigentlich dieser eine Gedanke her, dass Jesus nach seiner Hinrichtung und vor der Auferstehung, in das „Reich des Todes“ oder die „Hölle“, wie oft übersetzt wurde, hinabgestiegen ist? Es gibt nur einen Bibelvers dazu: „So ist er auch zu den Geistern im Gefängnis hinabgefahren und hat ihnen die Botschaft verkündigt,“ (1. Petrus 3:19 Züricher) Warum ist das so wichtig, dass es im Glaubensbekenntnis steht? Vielleicht hilft uns auch hier N.T. Wrights Erklärung: „Es ist vor allem eine Aussage Jesu, der den „Geistern im Gefängnis“ verkündet, dass Gott durch seinen Tod den endgültigen Sieg errungen hat.“

    am dritten Tage auferstanden von den Toten,
    aufgefahren in den Himmel;
    er sitzt zur Rechten Gottes,
    des allmächtigen Vaters;

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Die volle Bedeutung dieser Passage fasst N.T. Wright wie folgt zusammen: „Wenn Jesus derjenige ist, der das Schicksal Israels trägt, und wenn Israel das Volk ist, das die ultimativen Absichten Gottes trägt, seine Gerechtigkeit und neue Schöpfung zur Welt zu bringen, dann ist die Auferstehung Jesu der Startschuss für die neue Welt, in der diese Gerechtigkeit und neue Schöpfung endlich angekommen sind, auf der Erde wie im Himmel. „Manche Menschen, die hier stehen“, sagte Jesus, “werden den Tod nicht erleben, bevor sie sehen, dass Gottes Reich in Kraft tritt.“ Ja, und das haben sie jetzt. Und die Himmelfahrt ist dann, wie Lukas sicherlich beabsichtigt und Johannes und Matthäus andeuten, kein „Weggehen“ Jesu in dem Sinne, dass er aus den Augen und aus dem Sinn ist. Der Himmel ist im biblischen Denken schließlich der „Kontrollraum“ für die Erde. Dass Jesus jetzt „zur Rechten Gottes“ ist, bedeutet, dass ihm die volle Autorität über Himmel und Erde übertragen wurde, wie Jesus bei Matthäus ausdrücklich sagt. Jede Zeile in diesem Abschnitt des Glaubensbekenntnisses spricht also kraftvoll über das Königreich Gottes.“

    von dort wird er kommen,
    zu richten die Lebenden und die Toten.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Das Nizänische Glaubensbekenntnis fügt hier hinzu: „uns sein Königreich wird nie enden“. „Das Reich (das Jesus in seiner öffentlichen Karriere eingeführt und durch seinen Tod und seine Auferstehung errichtet hat) wird niemals enden.“

    Ich glaube an den Heiligen Geist,
    die heilige katholische (christliche/allgemeine)[11] Kirche,
    Gemeinschaft der Heiligen,
    Vergebung der Sünden,
    Auferstehung der Toten[12]
    und das ewige Leben.
    Amen.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Mit den Gedanken zum Königreich Gottes im Sinn erkennt man besser, warum der heilige Geist gegeben wurde: Es gibt klar einen missionarischen Auftrag, der durch den heiligen Geist ermöglicht wird. (Johannes 20:19-24) Es geht nicht primär darum, dass sich Gottes erlöstes Volk durch seine Präsenz und Liebe wohl fühlt, sondern was wir daraus machen. Die „heilige katholische Kirche“ ist nicht die Institution, in der wir uns niederlassen und sicher fühlen können. Es ist die weltweite Gemeinschaft, welche aus ihrem Missionsauftrag heraus besteht. Es geht darum, dass wir mit diesen ‚Königreichs Leuten‘ aller Zeiten eine Gemeinschaft bilden und uns solidarisch fühlen.

    Und schließlich endet das Glaubensbekenntnis mit einer wirklich bewegenden Aussage.

    Und so kommen wir schließlich zu der „Auferstehung des Leibes und dem ewigen Leben“. Hier müssen wir um die bekannten Worte die große neutestamentliche Hoffnung „festmachen“: „das Leben des kommenden Zeitalters“, das „kommende Zeitalter“, in dem die ganze Schöpfung verwandelt wird, um die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes zu teilen. Und in dieser neuen Schöpfung, dem Zusammenkommen von Himmel und Erde, von dem Paulus sprach (Eph. 1:10), wird Gottes Volk ein neuer Körper versprochen. Ich habe darüber schon an anderer Stelle geschrieben, aber es lohnt sich vielleicht, es noch einmal zu wiederholen. Wenn du zu Jesus, dem Messias, gehörst, wenn sein Geist in dir wohnt, wenn du ein Anbeter des einen wahren Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erde, bist – dann bist du, egal wie du dich im Moment fühlst, ob du krank oder gesund bist, ob du handzahm oder müde bist, nur ein Schatten deines zukünftigen Selbst. Gott hat vor, das „Du“, das du im Moment bist, in ein Wesen zu verwandeln – ein volles, herrliches, körperliches Wesen – das viel mehr „Du“ sein wird, als du es je zuvor warst.

    N.T. Wright

    Zusammenfassung

    An dieser Stelle möchte ich N.T. Wright selbst seine Gedanken zusammenfassen lassen:

    Ich verstehe die Frustration derjenigen, die jetzt sagen, dass wir sozusagen mit den Glaubensbekenntnissen beginnen sollten, damit wir die Bibel wenigstens auf eine „gläubige“ Weise lesen können. Aber wenn wir mit den Glaubensbekenntnissen beginnen, so wie unser westliches Christentum sie heute mehr oder weniger lesen muss, werden wir die Evangelien und damit den ganzen Kanon nicht verstehen. Wenn wir jedoch mit den Evangelien beginnen, die das Herz und den Mittelpunkt des gesamten christlichen Kanons bilden, und wenn wir sie so verstehen, dass sie die Story erzählen, wie Gott, der Schöpfergott, Israels Gott, in und durch Jesus zum König der ganzen Welt wurde, dann können wir zu den Glaubensbekenntnissen zurückkehren und sie in einem ganz anderen Geist sprechen. Wenn wir die Tradition an die erste Stelle setzen, wird die Heilige Schrift mundtot gemacht und verblasst. Stelle die Schrift an die erste Stelle, und die Tradition wird zu neuem Leben erwachen. Noch besser ist es, wie Jesus selbst sagte, Gottes Königreich an die erste Stelle zu setzen – an die erste Stelle die Offenbarung, dass dies die Story ist, wie Gott König wurde, wie uns die Evangelien eifrig erzählen! – und all das wird euch hinzugefügt werden.

    N.T. Wright

    In diesem Buch geht es um eine neue Realität, die neue Realität Jesu und die Einführung des Königreiches Gottes. Die neue Realität einer Story, die so explosiv ist (im Gegensatz zu der verworrenen, trüben „Selbsthilfe“-Welt der nicht-kanonischen Evangelien!), dass die Kirche in vielen Generationen damit überfordert war und sie verwässert, in kleine Teile zerlegt und in kleine Lektionen verwandelt hat, anstatt ihre volle Wirkung zu entfalten. Ein Teil der Tragödie der modernen Kirche besteht meiner Meinung nach darin, dass die „Orthodoxen“ das Glaubensbekenntnis dem Königreich Gottes vorgezogen haben und die „Unorthodoxen“ versucht haben, ein Königreich Gottes ohne Glaubensbekenntnis zu erlangen. Es ist an der Zeit, wieder zusammenzufügen, was niemals hätte getrennt werden dürfen. In Jesus ist der lebendige Gott zum König der ganzen Welt geworden. Diese Bücher erzählen nicht nur die Story, wie das passiert ist. Sie sind das zentrale Mittel, mit dem diejenigen, die sie lesen und beten, dazu beitragen können, dieses Reich in der Welt von morgen Wirklichkeit werden zu lassen. Wir haben die Evangelien viel zu lange missverstanden. Es ist an der Zeit, in der Kraft und Freude des Heiligen Geistes wieder auf den richtigen Weg zu kommen.

    N.T. Wright
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 10: Königreich und Kreuz: Die Umdeutung von Bedeutungen

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 10: Königreich und Kreuz: Die Umdeutung von Bedeutungen

    Von Christian / N. T. Wright


    Im zehnten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) wird erläutert, warum Königreich und Kreuz keine völlig unabhängigen Themen sind, wie wir vielleicht denken. Ich möchte seine Einleitung des Kapitels direkt zitieren:

    In Teil I dieses Buches haben wir festgestellt, wie wir darauf konditioniert wurden, die Evangelien so zu lesen, als ob die Themen des Königreiches Gottes und des Kreuzes auf Distanz zueinander gehalten werden könnten. Wie wir gesehen haben, wird die Story, die die Evangelien erzählen, häufig so verstanden, dass die öffentliche Karriere Jesu mit einer Zeit der glücklichen, frühen Erfüllung begann, in der alles gut zu laufen schien, dass sie dann aber eine dunkle Wendung nahm und in Opposition, Unbeliebtheit und schließlich in Verhaftung, Prozess, Folter und Tod mündete. Wie ich versucht habe zu erklären, ist diese Aufspaltung der Story in den vier Evangelien zustande gekommen, weil die Story, die die Schreiber tatsächlich erzählen, einfach nicht in die Kategorien passte, die Leser über die Jahrhunderte hinweg, darunter auch einige sehr gläubige, mitbrachten. Aber wir sollten keinen Zweifel daran haben, dass es für die Verfasser der Evangelien selbst nie eine Botschaft vom Königreich Gottes ohne ein Kreuz gab und dass die Kreuzigung Jesu nie eine Bedeutung hatte, die von der Einführung des Königreiches Gottes getrennt war. Unsere Aufgabe ist es nun, nachdem wir uns in die Evangelien zurückgearbeitet haben, indem wir die Lautstärke der vier entscheidenden Lautsprecher angepasst haben, eine positive Aussage darüber zu machen, was passiert, wenn wir Königreiche und Kreuz nicht als zwei Themen behandeln, sondern im Wesentlichen als eins. Wir beginnen mit zwei Szenen, die mehr oder weniger den Anfang und Abschluss der gesamten Darstellung in jedem der Evangelien bilden: Jesu Taufe und der „Titel“ am Kreuz. In jeder dieser Szenen – und jede ist ein entscheidender Hinweis auf die Bedeutung, welche die Autoren ihr geben wollten – sehen wir genau die Kombination von Königreiche und Kreuz, die sich in der Geschichte der Auslegung als so schwer fassbar erwiesen hat.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Das zehnte Kapitel ist ziemlich lang – etwa 15% des Buches! Daher werde ich nur einige der Hauptpunkte zitieren und die Argumentation, welche zu diesen Aussagen führt, nicht oder nur sehr knapp erwähnen. Da es das Buch auch in deutscher Übersetzung gibt, möchte auf dieses dafür verweisen.

    Taufe und Königreich

    Die Beschreibung der Taufe Jesu in Johannes 1 verknüpft diese beiden Themen:

    Jesus ist nicht einfach als „Übermensch“ gekommen, als „göttlicher Held“, der mit dem Fallschirm in der Welt landet, um das Chaos zu beseitigen. Er ist gekommen – und die Story des Evangeliums macht nur Sinn, wenn wir das sehr ernst nehmen – als derjenige, der Israels ultimative Berufung in sich selbst verkörpern wird.

    Der Titel „Sohn Gottes“ drückt beide Hälften dieses komplexen und fein austarierten Bildes aus.

    Die himmlische Ankündigung, dass Jesus „mein Sohn, mein Geliebter“ ist, derjenige, an dem Gott seine Freude hat, bedeutet für diejenigen, die biblisch aufmerksame Ohren haben, dass Jesus als der König aus Psalm 2 und der Knecht aus Jesaja 42 gekennzeichnet ist.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Dieser Bezug auf Psalm 2 und Jesaja 42 lassen uns das Königreichs-Thema nicht ignorieren, da es darin doch so prominent vorkommt.

    Vielmehr deuten alle Zeichen darauf hin, dass das Ziel der Inkarnation und des Kreuzes genau darin besteht, Gottes Königreich zu errichten; das ist es schließlich, was Jesus zu sagen beginnt, als er nicht lange nach seiner Taufe seine öffentliche Laufbahn beginnt (Mt. 4,17 und Parallelen).

    Mit anderen Worten: Mit dem Echo der Anfangsworte des ersten „Knecht“-Gedichts laden die synoptischen Autoren ihre Leser nicht nur dazu ein, Jesus als denjenigen zu betrachten, der stirbt, damit Sündern vergeben werden kann. Sie berufen sich auf eine der wichtigsten Schriftstellen, in der der Gott Israels, JHWH, seine Herrschaft über die ganze Welt begründet, obwohl sein eigenes Volk nicht an ihn glaubt. Er wird sie durch die Arbeit des Knechtes retten, aber das zu tun, ist „zu leicht“. Er wird durch den Knecht „ein Licht für die Völker sein, damit sein Heil bis an das Ende der Erde reicht“ (49,6). Im Zentrum all dessen steht die ultimative gute Nachricht: „Dein Gott regiert“, malak elohayik (52:7). Er ist König und hat das bewiesen, indem er die heidnischen Königreiche und ihre Götzen gestürzt, seine weltweite Gerechtigkeit enthüllt und alle und jeden eingeladen hat, sich ihm zuzuwenden und die Vorteile seines erneuerten Bundes und seiner erneuerten Schöpfung zu genießen (Jes. 54-55).

    Bei der Tauferzählung in allen Evangelien geht es also nicht einfach nur um die „göttliche Identität“ Jesu einerseits oder um ein bestimmtes „Sühneprogramm“ im Sinne einer Rettung aus der Welt der Schöpfung andererseits. Ja, die Evangelien bekräftigen die göttliche Identität Jesu. Ja, sie bekräftigen seinen Tod am Kreuz als den Höhepunkt von Gottes altem Heilsplan. Aber der Grund, warum Gott inkognito in und als Jesus kam und warum dieser Jesus am Kreuz starb, war – so erzählen es uns die Evangelien – um Gottes Königreich, seine Gerechtigkeit, auf Erden wie im Himmel zu errichten. Wie in Psalm 2 geht es darum, dass die Völker auf diese Weise zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Auf diese Weise bringt der Schöpfer seine Schöpfung wieder in die richtige Form.

    Ich denke an die Geschichte auf dem Emmausweg, in der der auferstandene Jesus erklärt, dass der göttliche Plan immer vorsah, dass der Messias leidet und dann „in seine Herrlichkeit kommt“ (Lukas 24,26). Wir stellen fest, dass „in seine Herrlichkeit kommen“ nicht einfach „in den Himmel kommen“ im normalen Sinne bedeutet; „Herrlichkeit“ ist eine Art, „souveräne Majestät“ zu sagen, so dass der Spruch genau die beiden Themen verbindet, die wir betrachten. Die Kreuzigung war der angemessene und lange prophezeite Weg, auf dem der Messias zum König der ganzen Welt werden würde, und Lukas‘ zweiter Band, die Apostelgeschichte, beschreibt, wie das ablief.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Der „Titel“ am Kreuz

    Das lateinische Wort titulus wurde verwendet, um die öffentliche Bekanntmachung zu beschreiben, was die hingerichtete Person sich zu schulden hat kommen lassen. Und Pilatus lies dies verkünden: „Jesus von Nazareth, König der Juden“

    Im Johannes Evangelium wird immer wieder klar gemacht, dass Jesus der „Messias“ ist. Dieser Titel ist im Johannes Evangelium daher der Gegenpol zur Erkenntnis der ersten Jünger Jesu in Kapitel 1. Natürlich ist dieser Titel auch äußerst ironisch. Pilatus weiß, dass Jesus mit keiner der Bedeutungen von „König“ konform geht, die Pilatus kennt. Er hat die Bedeutung von „König sein“ neu definiert. In Johannes geht es hier um eine Theologie des Königreiches. Wie Paulus schreibt, hatten die Herrscher der Welt keine Ahnung davon, was sie bei der Kreuzigung taten. (1. Korinther 2:8)

    Der springende Punkt ist, dass die Leser in allen vier Evangelien nachdrücklich aufgefordert werden, den Tod Jesu als ausdrücklich „königlich“, ausdrücklich „messianisch“ zu betrachten – mit anderen Worten, er hat ausdrücklich mit dem Kommen des „Königreiches“ zu tun.

    Jesus, so sagt Johannes, ist der wahre König, dessen Königreich auf völlig unerwartete Weise kommt – eine Torheit für den römischen Statthalter und ein Skandal für die jüdischen Führer.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    „Du bist der Messias“

    Markus 8:27-30 ist hier eine Schlüsselpassage, in der Petrus diese Worte sagt: „Du bist der Messias“.

    Dies ist der Mittelpunkt des Markus Evangeliums, der auf die Stimme bei der Taufe zurückblickt und auf die paradoxe Frage des Kaiphas bei der Gerichtsverhandlung vorausschaut („Bist du der Messias, der Sohn des Gesegneten?“ 14:61, was im Griechischen eine Aussage ist, wird durch die Interpunktion und vermutlich den Tonfall in eine Frage umgewandelt) und dann die Aussage des Hauptmanns am Fuß des Kreuzes („Dieser Mann war wirklich Gottes Sohn“, 15:39). 

    Der Messias wird durch einen schrecklichen Tod in sein Reich kommen, und diejenigen, die ihm nicht nur folgen, sondern dazu berufen sind, sein Werk zu vollenden, müssen damit rechnen, dass ihre königliche Aufgabe – denn das ist sie – auf dieselbe Weise und mit denselben Mitteln erfüllt wird. Alles deutet darauf hin, dass die frühe Kirche dies sehr wohl verstanden hat, genauso wie es (leider) Anzeichen dafür gibt, dass die heutige Kirche dies nicht tut – außer natürlich in den Teilen der Welt, wie China und dem Sudan, wo es keine andere Wahl gab.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Petrus Worte „Du bist der Messias“ bedeuten also, „du bist Israels’ Messias“, wie Paulus in Römer 8:3-4 und Galater 4:4-7 bestätigt.

    Die vier Evangelien wollen uns also sagen, dass das messianische Reich, das Jesus herbeiführen will, durch sein Leiden und das Leiden seiner Jünger entstehen wird. Aber es ist vor allem Jesu eigenes Leiden, das im Laufe der Evangelien als einzigartig und einzigartig wirksam herausgestellt wird. Der Schlüsseltext in Markus 9,1 und den Parallelen, der so oft als unerfüllte Vorhersage eines bevorstehenden „zweiten Kommens“ oder sogar des „Endes der Welt“ gelesen wird, war von den Evangelisten oder, wie ich glaube, von ihren Quellen oder früheren Überlieferungen nie so gemeint. Am Ende der Vorhersage Jesu, dass er und seine Jünger leiden werden, heißt es in diesem Text:

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie das Reich Gottes sehen, wenn es gekommen ist mit Macht.

    Markus 9:1 Züricher

    Aber scheint der Paralleltext in Matthäus 16:28 nicht etwas anderes auszusagen?

    Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.

    Matthäus 16:28 Züricher

    Aber dieses Verständnis basiert auf einer Annahme, die zwar alltäglich, aber zutiefst falsch ist, nämlich dass sich das „Kommen des Menschensohns“ im Neuen Testament auf das „Kommen“ desjenigen bezieht, der gerade im Himmel ist. 

    In Daniel „kommt einer wie ein Menschensohn“, also eine „menschliche Gestalt“, von der Erde in den Himmel, um vor dem „Alten der Tage“ präsentiert zu werden. Es ist ein Wechsel vom Leiden und der Erniedrigung zur Inthronisierung und Herrschaft.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Matthäus denkt nicht, dass sich die Worte aus Matthäus 16:28 auf eine Zeit weit in der Zukunft bezieht, sondern auf Jesus Tod und Auferstehung, auf die sich Jesus nur wenige Verse vorher bezogen hat. Markus fügt in 9:1 noch „in Macht“ hinzu und Lukas spricht in 9:27 von „Gottes Königreich“.

    Diese parallelen Verse lassen sich in der Absicht aller drei Evangelisten am besten so lesen, dass sie auf die Erfüllung des Reiches Gottes hinweisen, die nach Meinung der Autoren der betreffenden Evangelien bereits mit dem Tod und der Auferstehung Jesu eingetreten ist. 

    Sie glaubten dies natürlich wegen der Auferstehung Jesu – genauso wie es der Unglaube an die leibliche Auferstehung war, der Gelehrte von Reimarus bis Bultmann und darüber hinaus zu der Annahme veranlasste, dass es noch ein großes kommendes Ereignis geben muss, auf das sich die Evangelisten beziehen. Diese Gelehrten haben normalerweise angenommen, dass dieses große kommende Ereignis die Parusie ist. Das Wort Parusie ist ein griechischer Begriff und bedeutet „königliche Gegenwart“ oder „göttliches Erscheinen“, vielleicht auch beides. Er wird von den Gelehrten des Neuen Testaments regelmäßig als Fachbegriff für das „zweite Kommen“ Jesu und die damit verbundenen Phänomene verwendet, von denen die frühe Kirche glaubte, dass sie „unmittelbar bevorstehen“. Die frühen Christen glaubten, dass die Parusie der endgültige Zeitpunkt für die Einführung des Königreiches Gottes sein würde. Dieser wissenschaftliche Irrtum hat sich mit dem Dispensationalismus der populären (meist amerikanischen) Subkultur und Spekulationen vermischt und zu der heutigen Verwirrung über die „Endzeit“ geführt, die das heutige amerikanische Kirchenleben so stark prägt.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Die Erzählung vom Kreuz

    Es wird oft angenommen, dass die vier Evangelisten bei der Schilderung der Ereignisse, die zur Kreuzigung Jesu führten, kaum die Absicht haben, eine theologische Interpretation dieser Ereignisse zu geben. Um noch einmal einen Schritt zurück zu gehen: Wenn man über „Sühnetheologie“ schreibt, neigt man dazu, sich auf Paulus und den Hebräerbrief zu stützen und die Evangelien nur für die losgelösten Phrasen heranzuziehen, die (so scheint es) das „theologische“ Konstrukt stützen, das man bereits aus Paulus entnommen hat. Die eigentlichen Erzählungen von der Verhaftung, dem Prozess und der Kreuzigung Jesu wurden natürlich nach Hinweisen auf die „Bedeutung“ durchforstet, und dies wurde nicht zuletzt in der Verwendung des Alten Testaments, von Passagen wie Psalm 22,1, gefunden.

    Mit anderen Worten: Die Prüfungen befassen sich mit dem theologischen und soteriologischen „Warum“ des Kreuzes, nicht nur mit dem „Wie“. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Die großartige Szene in Johannes mit Jesus und Pilatus gibt uns die Gründe für das Kreuz, und das sind Königreichs-Gründe. N.T. Wright weist hier allerdings auch auf ein weit verbreitetes Missverständnis hin:

    Jesus ergreift erneut die Initiative in dem Gespräch und führt die Diskussion über verschiedene Arten von „Königreichen“ ein. „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“, sagt er (18:36). (An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die übliche Übersetzung „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“ zu zahlreichen Fehlinterpretationen in allen vier Evangelien beigetragen hat, die den Eindruck erwecken, dass Jesu „Königreich“ einfach „jenseitig“ ist. Das griechische Wort für „von dieser Welt“ ist ek toukosmou toutou; das ek, das „heraus“ oder „von“ bedeutet, ist das entscheidende Wort). Es steht außer Frage, dass Jesus von einem „Königreich“ in und für diese Welt spricht.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Und so betont Jesus, dass genau das geschehen muss, wenn Gottes Königreich erfolgreich seinen Weg bahnt – und zwar nicht mit Gewalt sondern gewaltlos. „Und in der weiteren johanneischen Perspektive entdecken wir, dass das einzige Wort, das dieser Kombination aus Königreich und Kreuz gerecht wird, agape, „Liebe“, ist.“

    Ich lasse jetzt einmal die Analyse von Johannes 19 aus und gebe nur sein Resume wieder:

    Allmählich, Stück für Stück, entdecken wir in einer Erzählung voller ironischer Königreichstheologie das theologische „Warum“ des Kreuzes im historischen „Wie“. Wie wir schon die ganze Zeit erkannt haben sollten, ist die „Erhöhung“ Jesu am Kreuz seine Verherrlichung als „König der Juden“, denn das Königreich, das auf diese Weise verwirklicht wird, ist der Sieg der Liebe Gottes. Königreich und Kreuz sind vollständig verbunden.

    Das berühmte tetelestai in 19,30 („Es ist vollbracht!“) entspricht dem synetelesen in Genesis 2,2 („Gott vollendete das Werk, das er getan hatte“); 

    Das Kreuz dient dem Ziel des Reiches Gottes, so wie das Reich Gottes durch den Sieg Jesu am Kreuz vollendet wird.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Tempel, Königreich und Kreuz

    Die zentrale Bedeutung eines Tempels und insbesondere des Tempels in Jerusalem für gläubige Juden ist für uns nur schwer zu erfassen. Sollten wir uns diesen wie ein heutiges religiöses Gebäude vorstellen – zum Beispiel eine Kathedrale oder eine Moschee – dann liegen wir ziemlich daneben. Mittlerweile ist heute weitgehend anerkannt, dass es in der Antike keine Trennung von ‚Religion‘ und anderen Dingen wir ‚Politik‘, ‚Kultur‘ oder ‚Ökonomie‘ gab.

    Gerade im Judentum hätte das keinen Sinn gemacht. Der Tempel war nicht nur das Zentrum des gesamten nationalen Lebens. Die Juden glaubten (wie viele andere alte Völker auch), dass der Tempel der Ort war, an dem Himmel und Erde miteinander verbunden waren und sich überschnitten. 

    Der „Himmel“ wurde schließlich als der Thronsaal angesehen, der Ort, von dem aus die „Erde“ regiert werden sollte. Aber wenn der „Himmel“ mit einem bestimmten Punkt auf der „Erde“ in Verbindung gebracht wurde, dann war dieser Punkt der Ort, an dem die Macht konzentriert war. Göttliche Macht. Theokratie. Das Königreich Gottes.

    Und die Evangelien erzählen die Geschichte von Jesus als die Geschichte eines wandelnden Ein-Mann-Tempels. Schon früh in der Geschichte finden wir die Andeutungen. „Wer ist das?“, fragen die Menschen, als Jesus bemerkenswerte Dinge tut, mit Autorität spricht und handelt und sich so verhält, als ob er derjenige wäre, der jetzt das Sagen hat. Jesus wird in den Evangelien als Ein-Mann-Apokalypse dargestellt, als der Ort, an dem sich Himmel und Erde treffen, als der Ort und das Mittel, durch das die Menschen kommen und sich als Volk des einen Gottes erneuert und wiederhergestellt finden, als der Ort, an dem die Macht neu definiert, auf den Kopf gestellt oder vielleicht auch richtig herum gestellt wird. 

    Die Evangelisten haben keinen Zweifel: Jesus ist die Realität, der Ort, an dem Israels Gott jetzt wohnt, der Mensch, in dem und durch den derjenige, der Abraham rief und seine Stimme vom Sinai ausstieß, jetzt zurückgekehrt ist, um zu richten und zu retten. Jesus ist die Realität, und der gegenwärtige Tempel und seine offiziellen Sprecher müssen vor ihm weichen. Aus Sicht der Evangelisten ist es kein Zufall, dass der Vorhang des Tempels von oben bis unten zerrissen wird, als Jesus schließlich seinen letzten Atemzug tut (Markus 15,38)

    Für eine wahrhaft jüdische Vision der Theokratie braucht man Gott in der Mitte. Was uns die Evangelien bieten – vor allem Johannes, aber eigentlich alle – ist ein Gott, der in und als Jesus, dem Messias, in der Mitte ist, und ein Gott, der sich verpflichtet, durch Jesus in der Person des Geistes in der Mitte zu bleiben. Jesus selbst ist der neue Tempel im Herzen der neuen Schöpfung, für den Tag, an dem die ganze Erde von der Herrlichkeit Gottes erfüllt sein wird, wie das Wasser das Meer bedeckt. 

    Es ist viel, viel mehr. Es ist der Moment, in dem die Story Israels ihren Höhepunkt erreicht; der Moment, in dem die Wächter auf den Mauern Jerusalems endlich ihren Gott in seinem Königreich kommen sehen; der Moment, in dem das Volk Gottes erneuert wird, um endlich die königliche Priesterschaft zu sein, die die Welt nicht mit der Liebe zur Macht, sondern mit der Macht der Liebe erobern wird; der Moment, in dem das Königreich Gottes die Reiche der Welt überwindet. Es ist der Moment, in dem eine große alte Tür, die seit unserem ersten Ungehorsam verschlossen und verriegelt war, plötzlich aufschwingt und nicht nur den Garten offenbart, der zu unserer Freude wieder geöffnet ist, sondern die kommende Stadt, die Gartenstadt, die Gott schon immer geplant hatte und uns nun einlädt, durch die Tür zu gehen und mit ihm zu bauen. Die dunkle Macht, die sich dieser Vision des Königreichs in den Weg stellte, wurde besiegt, gestürzt und für null und nichtig erklärt. Ihre Legionen werden immer noch viel Lärm machen und viel Kummer verursachen, aber der endgültige Sieg ist jetzt gesichert. Das ist die Vision, die uns die Evangelisten bieten, wenn sie das Königreich Gottes und das Kreuz zusammenbringen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Königreich und Kreuz in gegenseitiger Interpretation

    Sobald man erkannt hat, dass Königreich und Kreuz in den Evangelien verknüpft sind, ist es möglich das eine aus dem Blickwinkel des anderen zu betrachten. N.T. Wright führt hier jeweils drei Reflexionen an. Zuerst einmal das Königreich aus Sicht des Kreuzes:

    Erstens bestehen die Evangelisten darauf, dass das Königreich Gottes wirklich von Jesus in seiner aktiven öffentlichen Laufbahn, in der Zeit zwischen seiner Taufe und dem Kreuz, eingesetzt wurde. Die gesamte Erzählung der Evangelien ist die Story, „wie Gott in und durch Jesus König wurde“.

    Zweitens wird dieses Königreich radikal in Bezug auf die gesamte Leidensgeschichte Jesu definiert, die zum Kreuz führt. 

    Drittens ist das Königreich, das Jesus eingesetzt hat und das durch sein Kreuz verwirklicht wird, ausdrücklich für diese Welt bestimmt. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    „Was lernen wir also über das Kreuz, wenn wir entdecken, dass es in den Evangelien als das Mittel dargestellt wird, mit dem Gott (in Jesus) zum König der Welt wird? “

    Erstens: Die Art und Weise, wie wir normalerweise die Optionen in der Sühnetheologie aufgelistet haben, reicht einfach nicht aus. Unsere Fragen waren falsch gestellt, denn sie drehten sich nicht um das Königreich. Es ging nicht um die souveräne, rettende Herrschaft Gottes, die auf der Erde wie im Himmel herrscht. Stattdessen drehten sich unsere Fragen um eine „Erlösung“, die die Menschen von der Welt rettet, anstatt für die Welt. „Es geht darum, in den Himmel zu kommen (zumindest in der westlichen Kirche seit dem Mittelalter); die Sünde ist das, was uns daran hindert, dorthin zu gelangen. Das Kreuz muss also die Sünde beseitigen, damit wir diese Welt verlassen und in die viel bessere Welt im Himmel oder in der „Ewigkeit“ oder wo auch immer gehen können. Aber das entspricht einfach nicht der Story, die die Evangelien erzählen – was wiederum erklärt, warum wir alle diese wunderbaren Texte falsch gelesen haben. … Aber die Idee des messianischen Sieges als neue Interpretation eines alten jüdischen Themas ist genau das, was die vier Evangelien im Sinn haben.

    Zweitens: Wenn wir das Kreuz im Licht des Königreichs sehen, entdecken wir einen neuen und hilfreichen Rahmen für das Verständnis der schwierigen Fragen, die mit der stellvertretenden Sühne verbunden sind. … Was die Evangelien selbst angeht, sollte kein Zweifel daran bestehen, dass sie dieser Linie folgen. Für sie stirbt Jesus den stellvertretenden Tod für die Schuldigen, für das schuldige Israel und die schuldige Menschheit. Durch seinen Tod, so sagen die Evangelisten ihren Lesern, wird das Jubel-Ereignis kommen, die große Erlösung, die Freiheit von Schulden jeder Art, die er zuvor angekündigt hatte und die das zentrale Merkmal des Königreichs ist.

    Drittens: Wenn das Kreuz als das Kommen des Königreichs auf Erden wie im Himmel gedeutet werden soll, in dessen Mittelpunkt eine Art messianischer Sieg steht, mit einer Art Stellvertretung im Zentrum, die durch eine Art Repräsentation einen Sinn ergibt, dann finden wir in den vier Evangelien die Hauptanwendung des Kreuzes nicht in abstrakten Predigten darüber, „wie dir deine Sünden vergeben werden“ oder „wie du in den Himmel kommst“, sondern in einer Agenda, in der den vergeben wordenden Menschen an die Arbeit gehen und die Übel der Welt im Licht des Sieges von Golgatha angehen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Königreich, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt

    Neben Königreich und Kreuz finden wir in den Evangelien jedoch auch noch die Auferstehung und Himmelfahrt. Was die Auferstehung betrifft, hat N.T. Wright dazu in seinem Buch Suprised by Hope (Von Hoffnung überrascht) ausführlicher geschrieben und ich hatte dazu eine Serie veröffentlicht. In diesem Kontext ist die Auferstehung natürlich wichtig, weil die Evangelisten ohne Auferstehung keine Story zu erzählen gehabt hätten. Denn gekreuzigt wurden auch Tausende andere junger Juden. Die Evangelisten heben dabei noch weitere, verschiedene Aspekte hervor:

    Aus der Sicht von Markus ist die Auferstehung der Moment, in dem Gottes Königreich „in Kraft tritt“. Aus der Sicht des Johannes ist sie der Beginn der neuen Schöpfung, der neuen Genesis. Aus der Sicht von Matthäus bringt es Jesus in die Position, für die er schon immer bestimmt war, nämlich die des rechtmäßigen Herrn der Welt, der seine Anhänger aussendet (so wie ein neuer römischer Kaiser seine Abgesandten aussenden könnte, aber mit Methoden, die der Botschaft entsprechen), um die Welt aufzurufen, ihm zu folgen und seine Art des Menschseins zu lernen. Aus der Sicht des Lukas ist die Auferstehung der Moment, in dem Israels Messias „in seine Herrlichkeit kommt“, so dass die „Buße zur Vergebung der Sünden“ nun der ganzen Welt als Lebensweg verkündet werden kann, ja, wie es in der Apostelgeschichte heißt, als Der Weg.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Tatsächlich hat die Auferstehung weitere Konsequenzen.

    Himmel und Erde sind jetzt in der Person – im auferstandenen Leib! – von Jesus selbst vereint.

    Deshalb sendet er seine Anhänger aus, ausgerüstet mit seinem eigenen Geist (wenn die Himmelfahrt einen Teil der „Erde“ im „Himmel“ verortet, sendet Pfingsten den Atem des Himmels auf die Erde), um seine Souveränität über die Welt zu feiern und sie durch die Gründung von Gemeinschaften zu verwirklichen, die durch seine Liebe gerettet, durch seine Kraft erneuert und seinem Namen treu sind. 

    Wenn die Jünger Jesus zu Beginn der Apostelgeschichte fragen, ob es an der Zeit sei, „das Königreich Israel wiederherzustellen“ (1,6), ist seine Antwort nicht (wie oft angenommen) ein „Nein“. Sie ist ein „Ja“. Aber wie so oft ist es ein „Ja, aber“: …

    Und bei diesem „Zeugnis“ geht es nicht darum, „den Leuten von deiner neuen religiösen Erfahrung zu erzählen“ oder ihnen mitzuteilen, dass es jetzt eine neue Aussicht auf ein viel besseres jenseitiges Schicksal gibt als alles, was die düstere heidnische Welt zu bieten hatte. Das „Zeugnis“ der Jünger Jesu ist die Botschaft, dass es jetzt „einen anderen König gibt, Jesus“ (Apostelgeschichte 17,7). Es ist das Zeugnis, das besagt, dass die gegenwärtig existierenden Tempel, ob in Jerusalem, Athen, Ephesus oder anderswo, bestenfalls als überflüssig (Apg. 7) und schlimmstenfalls als blasphemischer Kategorienfehler (Apg. 17; 19) anzusehen sind. Jesus ist der wahre Tempel, der jetzt als der Gekreuzigte über die Welt herrscht; 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Und damit sind wir am Ende des Kapitels 10 angekommen. Vermutlich waren einige neue, ungewohnte Gedanken dabei. Die Begründungen mittels des Textes des Neuen Testaments habe ich weitgehend weggelassen, damit dieser Text nicht zu lang wird. Und vermutlich ist es auch besser, diese in seinem Buch zu lesen und in Ruhe nachzuvollziehen. Hier sollte es vor allem darum gehen, diese neuen – oder eigentlich sehr alten und nur für uns neuen – Gedanken zu vermitteln. Eine erneuerte Sicht auf die Evangelien, die man erkennen kann, wenn man die überlieferten Erklärungen, Einordnungen und Interpretationen weglässt und sich direkt mit dem Text der Evangelien beschäftigt. Dass damit sogar die alten Glaubensbekenntnisse wieder in Übereinstimmung und auf der Grundlage der Evangelien gelesen und verstanden werden können, werden im nächsten Teil sehen.

  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 9: Königreich und Kreuz in vier Dimensionen

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 9: Königreich und Kreuz in vier Dimensionen

    Von Christian / N. T. Wright


    Im neunten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) kommen wir nun zur zentralen Aussage seines Buches:

    Alle vier Evangelien erzählen die Story, wie Gott in und durch diese Story von Jesus von Nazareth König wurde.

    Die Geschichte, die Matthäus, Markus, Lukas und Johannes erzählen, ist die Story davon, wie Gott König wurde – in und durch Jesus, sowohl in seiner öffentlichen Laufbahn als auch in seinem Tod.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Da dies schon Folge 9 dieser Serie sind, wir aber erst gut die Hälfte der über der 300 Seiten behandelt haben, werde ich mich nun kürzer fassen. Es gibt das englische Buch mittlerweile auch in deutscher Übersetzung.

    Königreich, Kreuz und Israel

    Wenn die Verfasser der Evangelien also, wie wir bereits angedeutet haben, die Story von Jesus als Vollendung der Story Israels anbieten, in welchem Sinne ist sie dann jetzt vollständig? Wie hat sie sich erfüllt? Die Antwort scheint für die Verfasser der Evangelien selbst in dem dunklen Strang zu liegen, der in verschiedenen Phasen der Tradition des alten Israel auftaucht. Während die Psalmen und Propheten ihre Vision davon schärfen, wie Gottes Königreich in die Welt kommen soll, taucht ein seltsames und zunächst verwirrendes Thema auf: Israel selbst wird in diese Dunkelheit eintreten müssen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Als Beleg dafür führt N.T. Wright Psalm 22 an. Und dass sowohl Matthäus (27:46) und Markus (15:34) die Anfangsworte von Psalm 22 als Jesus Worte am Kreuz anführen. Dieses Leiden ist auch in Jesaja 52 und 53 zu finden, welche vom wahren Triumph in 54 und 55 gefolgt wird.

    Wenn wir die Story von Jesus als Höhepunkt der Story Israels betrachten, sollten wir nicht überrascht sein, wenn wir feststellen, dass das Leiden Israels und seines obersten Vertreters als Teil der umfassenderen und größeren Absichten des Gottes Israels zu verstehen ist, mit anderen Worten, der Errichtung seiner weltweiten heilenden Souveränität. Umgekehrt sollten wir nicht überrascht sein, wenn wir feststellen, dass dieser Gott, wenn er die Nationen schließlich als sein Eigentum beansprucht und sie von ihren bösen Wegen befreit, dies durch das Leiden seines Volkes tut – oder, wie in der Story, die die Evangelien selbst erzählen, durch das Leiden des offiziellen, von Gott ernannten Vertreters seines Volkes.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Königreich, Kreuz und Gott

    Dass Gott der Retter seines Volkes ist belegt N.T. Wright mit Jesaja 63 und Hesekiel 34. Der Bezug findet sich vor allem in Johannes 10 (aber auch Lukas 15:3-7 zum Beispiel). So, wie die Story Jesu entwickelt wird, spiegelt sie exakt das Zurückkommen des Gottes Israel wieder. Wie ist das zu verstehen?

    Weder Johannes noch einer der anderen macht den Fehler, den man oft im Volksmund hört, nämlich „Jesus ist Gott“ ohne Einschränkung zu sagen. Jesus bezieht sich ständig auf „den Vater“, sowohl als von ihm verschieden als auch als mit ihm in einem engen Band der Liebe und des Gehorsams verbunden. Und der Punkt, der hier für unsere gegenwärtigen Zwecke hervorgehoben werden soll, ist, dass in dieser zentralen „Inkarnations“-Passage die Themen Kreuz und Königreich wieder eng miteinander verwoben sind. Dies bekräftigt die Warnung, die wir zuvor ausgesprochen haben, dass es möglich ist, die Lehre von der „Gottheit“ Jesu so darzustellen, dass sie sowohl vom Reich als auch vom Kreuz losgelöst ist, aber das ist es, was das Neue Testament niemals tut. Der „Gott“, der in Jesus Mensch geworden ist, ist der Gott, der, wie er es immer versprochen hatte, zurückkehrt, um seine Herrschaft über die ganze Welt zu beanspruchen (beachte die „anderen Schafe“ in Johannes 10,16) und dies tun würde, indem er selbst den Schmerz und das Leid seines Volkes teilt und „sein Leben für die Schafe hingibt“. 

    Wie können wir das überhaupt verstehen? Vielleicht sollten wir sagen, dass Gott Israel im Rückblick, den uns die Evangelisten bieten, dazu berufen hat, das Mittel zur Rettung der Welt zu sein, damit er selbst allein die Welt retten kann, indem er Israel in der Person seines repräsentativen Messias wird.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Für die weiteren Erläuterungen und Belege möchte ich auf das Buch von N.T. Wright verweisen (es sind nämlich einige Seiten …).

    Königreich, Kreuz und Kirche

    Die Tätigkeit Jesu wird in den Evangelien wie bei den früheren Propheten dargestellt: Israel muss umkehren und gemäß seiner wahren Berufung leben. Seine Nachfolger waren der Überzeugung, dass diese Erneuerung tatsächlich begonnen hatte. „Israel war nicht verworfen worden. Es ist nicht „ersetzt“ worden. Es war transformiert worden.“ Seine ersten Jünger habe das nicht verstanden:

    Ein Teil der Bedeutung des Königreichs in den vier Evangelien ist genau die Tatsache, dass es für die ersten Anhänger Jesu so schockierend und unverständlich ist.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    So brauchte es seinen Tod, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt und die dramatischen Ereignisse zu Pfingsten. „Die Story des Evangeliums von Jesus, der als der Beginn des erneuerten Volkes Gottes gesehen wird, beinhaltet als zentrales Element das Unverständnis, das Versagen und die Rebellion dieses Volkes, bis es durch die Auferstehung in einen neuen Glauben versetzt und durch den Geist zu neuem Gehorsam angeregt wird.“ Es ging nicht um abstrakte Theologie, sondern ein Muster für ihre Leben. Und sie waren sich sehr wohl bewusst, dass dieses Muster auch Leiden als zentrales und bedeutungsschweres Element beinhalten würde: Unverständnis, eigenes Leiden und vielleicht so gar der Tod.

    Diesen Gedanken führt N.T. Wright im Buch noch mit vielen Details aus.

    Königreich und Kreuz in der Welt des Kaisers

    „Aus allem, was wir in Kapitel 7 untersucht haben, geht klar hervor, dass alle vier Evangelien die Story von Jesus nicht nur als die Konfrontation zwischen dem Königreich Gottes und dem Königreich Cäsars betrachten, sondern auch als den Sieg des ersteren über das letztere.“

    Jesus ist schließlich nach Jerusalem gekommen und hat festgestellt, dass der Tempel nicht mehr der Ort ist, an dem Himmel und Erde zusammenkommen, sondern der Ort, an dem Mammon und Gewalt ungehindert herrschen und mit der Herrschaft Cäsars unter einer Decke stecken. Jesus selbst, so sagen die Evangelisten, ist nun der Ort, an dem Himmel und Erde zusammenkommen, und das Ereignis, bei dem dies in höchstem Maße geschieht, ist die Kreuzigung selbst. Das Kreuz soll der Sieg des „Menschensohnes“, des Messias, über die Monster sein; der Sieg des Reiches Gottes über die Königreiche der Welt; der Sieg Gottes selbst über alle menschlichen und übermenschlichen Mächte, die Gottes Herrschaft über die Welt an sich gerissen haben. Eine Theokratie, eine echte Theokratie nach israelitischem Vorbild, wird erst dann entstehen, wenn die anderen „Herren“ gestürzt worden sind.

    Ohne das Kreuz bleibt die satanische Herrschaft bestehen. Deshalb ist das Kreuz für alle vier Evangelien (und, wie ich an anderer Stelle argumentiert habe, für Jesus selbst) die ultimative messianische Aufgabe, die letzte Schlacht. Die Evangelisten gehen nicht davon aus, dass das Kreuz eine Niederlage ist, mit der Auferstehung als überraschendem Sieg in der Verlängerung. Der Sinn der Auferstehung besteht darin, dass sie das unmittelbare Ergebnis der Tatsache ist, dass der Sieg bereits errungen wurde. Die Sünde wurde überwunden. Der „Ankläger“ hat nichts mehr zu sagen. Der Schöpfer kann nun seine neue Schöpfung ins Leben rufen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Auch das ist natürlich ausführlicher begründet und ich möchte daher auf das Buch selbst verweisen.

  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 8: Wo wir nicht weiterkommen: Aufklärung, Macht und Imperium

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 8: Wo wir nicht weiterkommen: Aufklärung, Macht und Imperium

    Von Christian / N. T. Wright


    Im achten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es darum, sich des vielschichtigen, komplexen und reichhaltigen Inhalts der Evangelien bewusst zu werden. Denn in der Vergangenheit ist genau das Gegenteil geschehen.

    Die Evangelien alltäglich machen

    N.T. Wright formuliert das Problem so:

    Einer der Hauptgründe für dieses Buch ist es, darauf hinzuweisen, dass wir die Evangelien nicht nur falsch verstanden haben, sondern dass wir sie banalisiert haben, sie zurechtgestutzt haben, ihnen nur erlaubt haben, über die wenigen Anliegen zu sprechen, die uns ohnehin schon beschäftigen, anstatt sie freizulassen, um eine ganze Welt der Bedeutung in alle Richtungen zu erschaffen, eine neue Welt, in der wir nicht nur neues Leben, sondern auch eine neue Berufung entdecken würden.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Das geschah zum Beispiel deswegen, weil die Themen „Königreich“ und „Kreuz“ getrennt betrachtet werden, obwohl die Evangelien doch beides zusammen führen.

    Die Trennung von Königreich und Kreuz

    Zuerst einmal müssen wir festhalten, dass die vier Evangelien mühelos viele Dinge zu einer reichhaltigen Einheit zusammenführen, welche spätere Traditionen voneinander getrennt haben. So gibt es schon lange Zeit die entgegengesetzten Positionen der „Königreichs-Christen“ mit ihrem sozialem Evangelium und die „Kreuz-Christen“ mit ihrer Seelen-für-den-Himmel-Retten Agenda.

    Griechen, Römer und Juden im ersten Jahrhundert dachten aber nicht in getrennten Kategorien wie Politik und Religion.

    Ebenso trennen moderne Philosophen heute die Frage des „Problem des Bösen“ von dem, was moderne Theologen „Sühne“ (engl. atonement) nennen. In den Evangelien sind beide Themen verknüpft. Darüber hat N.T. Wright in seinem Buch Evil and the Justice of God (Das Böse und die Gerechtigkeit Gottes) geschrieben, über das ich vielleicht auch einmal eine Serie mache.

    „Aber das Problem, mit dem wir konfrontiert sind, liegt tiefer in der Denkweise der kritischen Wissenschaft der letzten zweihundert Jahre.“ Wenn Jesus über Gottes Königreich sprach, wurde dies in Begriffen der üblichen bewaffneten Revolution verstanden, und damit konnte es noch nicht gekommen sein. Und verstand man es als Hinweis auf das Ende der Welt – nun ja, das war auch noch nicht gekommen. Obwohl die Worte in Markus 9:1 doch recht klar sind: „Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie das Reich Gottes sehen, wenn es gekommen ist mit Macht.“ (Züricher)

    Was die Kritiker nicht erkannten – nicht weil es zu obskur war, sondern weil die Philosophie der europäischen Aufklärung verlangte, dass sie ihre Augen davor verschlossen – war, dass Jesus eine Vision des Reiches Gottes verkündete und einführte, die er durch Handlungen und Gleichnisse ständig neu definierte und die durch seine eigene Rechtfertigung eingeleitet werden würde. Die Bedeutung von Daniel 7, der Erhöhung und Rechtfertigung des „Einen wie ein Menschensohn“, kann hier nicht genug betont werden – und natürlich hat die kritische Wissenschaft gerade an diesem Punkt wieder ihr Bestes getan, um ein zentrales Element der Beweislage zu neutralisieren.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Die Schreiber des Neuen Testaments taten dagegen ihr Bestes, damit dieser Punkt klar und deutlich verstanden werden konnte. Matthäus dachte, dass Jesus das schon erreicht hätte: „Und Jesus trat zu ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“ (Matthäus 28:18 Züricher) Man kann Briefe des Paulus wie Römer, 1. Korinther und Philipper nicht verstehen, wenn man dieses Verständnis nicht zugrunde legt. Und in der Offenbarung des Johannes wird die Souveränität Jesu von der ersten bis zur letzen Seite gefeiert. Aber selbstverständlich hat keiner dieser Autoren auch nur eine Sekunde gedacht, dass Utopia schon angekommen wäre.

    Die frühen christlichen Schriftsteller legten natürlich eine Eschatologie dar, die eingeleitet, aber noch nicht vollständig vollzogen war; sie feierten (Paulus ist in diesem Punkt in 1. Korinther 15:20-28 recht deutlich) etwas, das bereits geschehen war, aber gleichzeitig etwas, das noch in der Zukunft geschehen musste. Sie glaubten, dass sie zwischen der Vollendung der Herrschaft Gottes durch Jesus und ihrer vollständigen Umsetzung lebten. 

    Die neue Schöpfung hat bereits begonnen, sagen sie, und wird vollendet werden. Jesus herrscht über diese neue Schöpfung und lässt sie durch das Zeugnis seiner Kirche Wirklichkeit werden. „Der Herrscher dieser Welt“ wurde gestürzt; die Mächte der Welt wurden als besiegte, zerlumpte Bande hinter Jesu Triumphzug hergeführt. Und so wird Gott König auf Erden wie im Himmel. Das ist die Wahrheit, die uns die Evangelien unbedingt mitteilen wollen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Für die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert war das also der Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Das Christentum sollte eine Eschatologie sein: „So sollte die Geschichte verlaufen, trotz allem Anschein!“. Da für die Denker der Aufklärung bis heute aber ihre Zeit der Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit ist, nach dem alles besser wird, wurde die Christentum auf eine Religion reduziert: „Hier ist ein Weg, spirituell zu sein.“

    Wie haben Christen darauf reagiert?

    Reaktionen der Christen

    Ein Reaktion in den vergangenen zweihundert Jahren war, dass das alles doch gar nicht so wichtig ist, weil wir sowieso in den Himmel kommen werden. Das ist aber überhaupt nicht das, was die Evangelisten dachten, sondern ist näher am Gnostizimus. Näheres dazu ist in der Serie über N.T. Wrights Buch „Von Hoffnung überrascht“ zu finden.

    Eine andere Richtung sagt, dass die Kirche einfach ihren Laden sauber halten und ein leuchtendes Beispiel für andere sein soll. Und sich sonst Bitteschön nicht an der Welt beteiligen soll. Das passt aber weder zu Jesus Anspruch in Matthäus 28 und birgt die Gefahr, den Teil des christlichen Denkens in Bezug auf die Schöpfung zu ignorieren.

    Eine dritte und vierte Reaktion hat einfach den rechten oder linken Flügel des politischen Spektrums (insbesondere in den USA) abgesegnet.

    Hinter diesen verschiedenen Reaktionen kann man aber auch einen der modernen Kontexte erkennen, mit dem dann die Evangelien gelesen werden. Wenn wir die Evangelien aber für sich sprechen lassen wollen, dann müssen wir sie in ihrem Kontext lesen.

    Macht und Herrschaft im Judentum des ersten Jahrhunderts

    Die Juden hatten in der Zeit nach dem Exil und bis zum ersten Jahrhundert eine ziemlich klare Vorstellung der Beziehung zwischen Gott und Reich: Auch wenn viele auf die vorhergesagte, vollständige Herrschaft Gottes warteten, glaubten sie auch, dass er schon jetzt irgendwie Souverän über die Nationen war. Da Gott nicht wollte, dass die Welt ins völlige Chaos stürzt, erlaubt er den Königen zu regieren. Auch wenn er sie wie im Falle von Nebukadnezzar und Belschazzar aus dem Buch Daniel zurechtstutzt.

    Die Juden gingen aufgrund ihrer starken Schöpfungstheologie davon aus, dass der Schöpfer die Welt so geschaffen hatte, dass sie von Menschen ordnungsgemäß geordnet und verwaltet werden konnte. Die jüdische Vision der Theokratie, in der Gott die Verantwortung trägt, war immer eine Herrschaft, die durch seine Ebenbilder, d. h. durch Menschen, vermittelt wurde.

    In einem wahrhaft auf Schöpfung beruhenden Monotheismus funktioniert die Welt am besten, wenn sie von weisen Verwaltern regiert wird, von Menschen, die demütig vor Gott sind und daher erfolgreich eine fruchtbare Ordnung in seine Welt bringen. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Die Juden scheinen auch nicht sonderlich daran interessiert gewesen zu sein, auf welche Weise eine Herrscher an die Macht gekommen war, sondern vielmehr daran, was er danach tat. Und auch die Juden im ersten Jahrhundert wussten schon alles über schlechte Herrscher – jüdische oder heidnische. Was viele wollten, war eine Theokratie. Das war aber weder ein ‚Gottesstaat‘, wie ihn Calvin in Genf erzwang, noch wie ihn heute nicht weniger radikale Muslime erzwingen. In den Psalmen, Jesaja und vielen anderen biblischen und späteren Texten ist der Messias, der gesalbte König, die zentrale Figur. Und in Psalm 2, 72 und ähnlichen Passagen wird deutlich, dass dies der Messias nicht nur für Gottes Volk der Juden der gesalbte König würde.

    N.T. Wright fasst es wie folgt zusammen:

    Um diese sehr lange, aber notwendige Einführung zusammenzufassen: Das Judentum ging immer davon aus, dass der Schöpfergott wollte, dass die Welt von Menschen, die sein Ebenbild tragen, geordnet und regiert wird. Die Welt, Himmel und Erde, wurde als Gottes Tempel erschaffen, und seine Ebenbilder waren die Schlüsselelemente in diesem Tempel. Aber die Welt geriet durch das Versagen der Menschen im Allgemeinen und Israels im Besonderen aus den Fugen, sodass Gott, der Schöpfer, in Gericht und Gerechtigkeit handeln musste, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Und das Zeichen dieses kommenden Gerichts war, dass Gott sein Bundesvolk im Herzen der Welt um den Tempel versammelt hatte, der der Mikrokosmos der Schöpfung war, um seine wahre Ordnung zu feiern und dafür zu beten, dass sie auf Erden wie im Himmel herrschen möge.

    Die Bedeutung des Tempels als Dreh- und Angelpunkt der alten jüdischen Theokratie, sowohl in der Realität als auch in der Eschatologie, kann nicht genug betont werden. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Das ist der Kontext der Menschen, mit denen Jesus sprach, und der Kontext der Jünger Jesu und der Evangelisten.

    Wenn wir uns nun, nicht zu früh, den Themen Königreich und Kreuz zuwenden, stellen wir fest, dass es für alle Evangelisten, wie für Paulus, keinen Grund gibt, das Königreich Gottes nicht als gekommen zu betrachten. Ja, es wurde neu definiert. Ja, es gibt noch mehr zu tun, solange das Böse weiterhin auf der Erde umgeht. Aber die ersten Christen glaubten alle, dass mit dem Tod und der Auferstehung Jesu das Königreich tatsächlich an die Macht gekommen war, auch wenn es nicht so aussah, wie sie es sich vorgestellt hatten. Die Hoffnung hatte sich erfüllt, auch wenn sie im Laufe des Prozesses ziemlich drastisch neu definiert worden war. Eine neue Theokratie war tatsächlich errichtet worden, weil der Tempel, in dem Gott unter seinem Volk lebte, radikal neu definiert worden war. Ein neues Reich war entstanden, das das Reich Cäsars und alle ähnlichen Reiche übertrumpfen würde, nicht durch überlegene Gewalt, sondern durch eine völlig andere Art von Macht. Und der Ort, an dem diese Vision dargelegt wird, ist zur großen Überraschung vieler, die diese Dokumente auf einer Ebene gut kennen, die Sammlung der vier Evangelien, die wir im Neuen Testament finden.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 7: Der Zusammenstoß der Königreiche

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 7: Der Zusammenstoß der Königreiche

    Von Christian / N. T. Wright


    Im siebten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es um ein Thema, das meistens überhaupt nicht zur Sprache kommt – obwohl die Evangelien davon berichten:

    Ein weiteres Thema ist die Story Jesu, die als die Story des Königreich Gottes erzählt wird, welches mit dem Königreich des Cäsars zusammenprallt.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Gott und Cäsar

    Bevor wir über diesen Zusammenstoß dieser beiden Königreiche sprechen können, ist es wichtig zu verstehen, dass in der Bibel, im Neuen Testament und auch in den Evangelien selbst etwas deutlich gesagt wird, was heute selbst viele Christen nicht glauben:

    Die Evangelien sind sich der dunklen Kräfte sehr bewusst, die letztlich ihren Ursprung und ihre Stärke der Macht verdanken, die manchmal als „Satan“ oder „Ankläger“ bezeichnet wird. Die Verfasser der Evangelien haben viel über diese dunklen Kräfte, diese dunkle Macht zu sagen. Sie sind sich völlig im Klaren darüber, wo der ultimative Feind zu finden ist. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Wir werden darauf noch eingehen. Fürs erste sei nur einmal auf die Versuchungen Jesu hingewiesen. Der Teufel konnte Jesus nicht weniger als alle Königreiche dieser Welt anbieten und Jesus hat das nicht als Lüge abgetan (Matthäus 4:8-10).

    Insofern haben diese Worte Jesu möglicherweise eine andere Bedeutung, als wir dachten: „Habt keine Angst vor denen, die nur den Leib töten, der Seele aber nichts anhaben können. Fürchtet aber den, der Seele und Leib dem Verderben in der Hölle ausliefern kann.“ (Matthäus 10:28; Lukas 12:4-5) Aber Seele, Leib und Hölle würden uns jetzt zu weit vom Thema weg bringen.

    Wenn Juden dieser Zeit über ihre Geschichte sprachen, ging es auch immer um die Frage, wie ihr Gott sie von der Herrschaft der bösen und mächtigen heidnischen Imperien befreien würde – wie beim Exodus aus Ägypten. Und wenn im Alten Testament davon gesprochen wird, dass der Gott Israels für sein Volk gegen anderen Mächte kämpft, geht es auch immer um deren Götter (siehe auch Jesaja 40-55).

    Gott und die Mächte in der jüdischen Tradition

    Das Alte Testament verliert keine Zeit, um gleich nach der Rebellion der Menschen schon im vierten Kapitel unser Augenmerk auf Mächte zu lenken: Kains Reaktion auf seine Verurteilung wegen des Mordes an seinem Bruder ist, eine Stadt zu bauen (1. Mose 4:17). Danach folgt die Beschreibung der Rebellion der „Gottessöhne“ (1. Mose 6:2) zusammen mit den Menschen, die Gott mit einer Flut beenden muss. Um dann schon im 11. Kapitel die dritte Rebellion in Babel zu beschreiben, die Gott durch die Verwirrung der Sprachen bekämpft.

    Im 12. Kapitel erfahren wir dann schon, dass Gott Abram beruft, um in seiner Gnade das zu tun, was Menschen mit ihrer arroganten Macht selbst erreichen wollen. Vor dem Bericht über den Exodus finden wir in 2. Mose 1:11, dass der Herrscher des mächtigen ägyptischen Reiches die Israeliten zwingt, etwas zu bauen: Städte. Analysiert man die 10 Plagen und die vernichtende Niederlage der angreifenden ägyptischen Armee im Meer etwas näher, erkennt man, dass es jeweils auch ein Schlag gegen einen Gott der Ägypter war. Einschließlich des als Gott geltenden Pharao.

    Die weitere Geschichte Israels bis David und Salomo zeichnet sich dadurch aus, dass Israel immer wieder unter die Herrschaft anderer Mächte kommt, bis Jahwe sie befreit. Erst in dieser Zeit gibt es einen sicheren Ort für die Bundeslade und das Zelt der Zusammenkunft im Tempel in Jerusalem, damit Gott inmitten seines Volkes wohnen kann.

    Als ‚Höhepunkt‘ dieses Zusammenpralls des Königreiches Gottes und der Mächte geht Gottes Volk allerdings ins Exil, wie wir zum Beispiel in Jesaja 40-55 und Daniel lesen können – beides Bücher, aus welchen die frühen Christen viel schöpften. Und auch wenn Israel aus dem Exil zurückkehrt, so sind sie immer noch unter der Herrschaft der anderen Mächte. Das konnte also noch nicht das Ende der Story sein:

    Gott wird sein Volk rechtfertigen, es aus dem Exil befreien (Jes 52; Dan 9), es zu seiner Rechten erhöhen (Dan 7) und ein unerschütterliches Königreich errichten (Dan 2), das wahre davidische Königreich, das auf der Erneuerung des Bundes beruht und nichts Geringeres als eine neue Schöpfung sein wird (Jes 54-55). Bei Jesaja wird dies durch das Werk des „Dieners des Herrn“ erreicht; bei Daniel wird es durch das Leiden und die Treue des Volkes Gottes erreicht. Es ist durchweg dieselbe Story. Und es besteht kein Zweifel daran, dass dies die Story ist, die die Verfasser der Evangelien auf ihre unterschiedliche Weise in der grundlegenden Story von Jesus selbst nacherzählen wollen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Weitere Texte wie Psalm 2 und Psalm 89 bestärkten die Juden darin, dass sie noch nicht am Ende ihrer Story sind. Das ist der Kontext, in dem die Evangelien sich ereigneten und geschrieben wurden.

    Gott und Cäsar in den Evangelien

    „Aber die Evangelien enthalten doch eine friedliche Botschaft, oder?“, denkst du vielleicht. „Und sagte nicht Jesus selbst: „Dann gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.““ (Matthäus 22:21 NEÜ). Es geht hier jedoch nicht um das Verhalten jedes Einzelnen, sondern das Verhältnis zwischen Gott und den Mächten. Vielleicht beruht unsere Ansicht mehr auf einigen wenigen Versen, während andere Teile der Evangelien zu wenig Beachtung finden?

    Tatsächlich wird gleich zu Beginn des Lukas Evangeliums auch vom Kaiser gesprochen:

    Es geschah aber in jenen Tagen, dass ein Erlass ausging vom Kaiser Augustus, alle Welt solle sich in Steuerlisten eintragen lassen. Dies war die erste Erhebung; sie fand statt, als Quirinius Statthalter in Syrien war.

    Lukas 2:1,2 Züricher

    Erwähnt Lukas das nur, um den historischen Zeitpunkt festzuhalten? Oder um zu erklären, warum Josef und Maria in Bethlehem sind? Übersehen wir dann nicht etwas? „Steuerlisten“ – jeder wusste, was das bedeutet. Für uns ist das Zahlen von Steuern so alltäglich, dass wir kaum darüber nachdenken. Insbesondere für jeden jüdischen Zuhörer bedeutete dies: Eintragung als Unterworfene in einem Königreich, das von eine fremden Macht beherrscht wurde. Weit hergeholt? Josephus berichtet über mehrere Aufstände aufgrund von solchen Einschreibungen. Und am Ende von Lukas finden wir diese Anklage:

    Und sie erhoben Anklage gegen ihn und sagten: Wir haben festgestellt, dass dieser unser Volk verführt und es davon abhält, dem Kaiser Steuern zu zahlen, und dass er von sich behauptet, er sei der Gesalbte, ein König.

    Lukas 23:2 Züricher

    Es geht also auch um die Frage, wer der rechtmäßige König über Israel ist. Und es überrascht daher nicht, wenn Lukas seinen zweiten Band – die Apostelgeschichte – so aufhören lässt: „[Paulus] verkündigte das Reich Gottes und lehrte über Jesus Christus, den Herrn, in aller Offenheit und ungehindert.“ (Apg 28:31).

    Matthäus enthält ähnliche Hinweise, nur ist sein Fokus im zweiten Kapitel „König Herodes“, Herodes der Große, und seine Dynastie. Immer wieder taucht Herodes Antipas während der Jesu öffentlicher Tätigkeit auf und tötet sogar seinen Cousin Johannes. Und so findet man am Ende von Lukas, dass Herodes Antipas und Pontius Pilatus als Vertreter der Mächte der Welt durch ihren Umgang mit Jesus sogar Freunde werden: „Pilatus und Herodes Antipas, die bisher verfeindet gewesen waren, wurden an diesem Tag Freunde.“ (Lukas 23:12)

    In Markus 10:35-45 finden wir auch eine prägnante Passage zum diesem Thema:

    Und Jesus ruft sie zu sich und sagt zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken sie, und ihre Grossen setzen ihre Macht gegen sie ein. Unter euch aber sei es nicht so, sondern: Wer unter euch gross sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

    Markus 10:42-45 Züricher

    In der Darstellung des Markus wird man an den „Diener Jahwes“ aus Jesaja 40-55 erinnert und wir haben den „Menschensohn“ aus Daniel. Und damit werden die Zuhörer daran erinnert, dass der Gott Israels zurück kommt und die Herrschaft über sein Volk und sogar alle Nationen beansprucht.

    Mit anderen Worten gibt es eine klare Verbindung von Genesis 11 über Jesaja 40-55 und Daniel 7 bis hin zu Markus 10 und damit wiederum zu Markus 14-15, wo Jesus seinen Häschern, seinen Richtern und seinem Tod begegnet. Er theoretisiert nicht nur über den Unterschied zwischen heidnischer Macht und der Art von Macht, die er beansprucht, er setzt sie in die Tat um. Die gerade zitierte Passage ist keine „politische“ Aussage (über verschiedene Arten von Macht), auf die eine „Sühne“-Aussage (darüber, wie Sünden vergeben werden) folgt, als ob die beiden völlig getrennte Dinge wären. Wie wir im nächsten Teil des Buches sehen werden, etabliert Jesus, wenn wir „Königreich“ und „Kreuz“ auf eine Weise zusammenfügen, wie es nur wenige Leser der Evangelien versucht haben, die neue Art von Macht – Gottes Königreich im Gegensatz zu Cäsars – auf Erden wie im Himmel – und zwar genau durch seinen (gemäß der Schrift ausgelegten) Tod. Und umgekehrt rettet Gott sein Volk durch das Wirken des „Dieners“ aus Jesaja von seinen Sünden, um seine Herrschaft, seine ganz andere Art von Macht, auf der ganzen Welt zu errichten.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Auch im Johannes Evangelium findet sich ein ähnlicher Gedankengang:

    Jesus entgegnete: Nicht um meinetwillen ist diese Stimme ergangen, sondern um euretwillen. Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt, jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich von der Erde weggenommen und erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das aber sagte er, um anzudeuten, welchen Tod er sterben sollte.

    Johannes 12:30-33 Züricher

    Später betont er wieder, dass der Sieg des Königreiches Gottes erstaunlicherweise nicht durch Krieg sondern durch seinen Tod erreicht werden wird:

    Und ich habe es euch schon jetzt gesagt, bevor es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es dann geschieht. Ich kann euch nicht mehr viel sagen, denn es kommt der Fürst der Welt. Über mich hat er keine Macht, sondern es geschieht, damit die Welt erkennt, dass ich den Vater liebe und tue, was mir der Vater geboten hat. Steht auf, lasst uns von hier aufbrechen!

    Johannes 14:29-31 Zürcher

    N.T. Wright ist sich völlig bewusst, dass diese Verbindung für viele außerhalb ihres gewohnten Umfelds ist:

    Dies wird viele moderne westliche Christen zweifellos bereits weit über ihren normalen Horizont hinausführen. Aber es gibt noch mehr. In Kapitel 16 erklärt Jesus, dass der „Geist der Wahrheit“, von dem er gesprochen hat, eine außergewöhnliche, komplexe und gefährlich klingende Aufgabe zu erfüllen hat, wenn der „Helfer“ kommt. Der Geist, sagt Jesus, „wird die Welt in drei Punkten eines Besseren belehren: Sünde, Gerechtigkeit und Gericht“ (16:8). 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Und das sagt Jesus gemäß dem Johannes Evangelium:

    der Sünde, weil sie nicht an mich glauben; der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht; des Gerichts, weil der Herrscher dieser Welt gerichtet ist.

    Johannes 16:9-11 Einheitsübersetzung 2016

    Wie ist das zu verstehen?

    Wir können vielleicht noch ein paar kurze weitere Erklärungen hinzufügen. Erstens glaubt die Welt (zu der tragischerweise die meisten der damaligen jüdischen Landsleute Jesu gehören) nicht an Jesus. Sie ist daher auf dem falschen Weg und verfehlt das Ziel. Der Fachbegriff dafür lautet „Sünde“. Zweitens wird Jesus bestätigt werden, es wird sich auf dramatische Weise herausstellen, dass er im Recht ist. Dies wird Gottes großer Akt der „Gerechtigkeit“ sein, der alles ins Lot bringt und so die Ungerechtigkeit, das Nicht-ins-Lot-Bringen oder das aktive Unrecht des Rests der Welt aufzeigt. Mit anderen Worten: Die Welt ist zutiefst und radikal aus den Fugen geraten, und alles Mögliche läuft schief; Gott wird alles ins Lot bringen. Drittens wird Gott ein Urteil der Verdammnis über den „Herrscher dieser Welt“ fällen („Gericht“).

    Wie wird all dies geschehen? Durch das Wirken des Geistes, den Jesus seinen Jüngern zu senden verspricht. Mit anderen Worten, es wird durch das vom Geist geleitete Wirken der Nachfolger Jesu geschehen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Im Buch führ N.T. Wright das noch weiter aus, aber für eine solche Menge an Stoff braucht es halt ein Buch.

    Schließlich erklärt Jesus noch, dass sein Königreich zwar für diese Welt ist, aber nicht von dieser Welt (18:36). Es kommt vom Himmel, von Gott. Auch Johannes lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Gott und Cäsar:

    „Nach unserem Gesetz muss er sterben“, hielten ihm die Juden entgegen, „denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“ Als Pilatus das hörte, erschrak er noch mehr.

    Johannes 19:7,8a NEÜ

    Erschrak Pilatus noch mehr, weil es um das mosaische Gesetz ging? Wohl kaum, denn in seiner Welt bedeutet „Sohn Gottes“ nichts weniger als Cäsar! Es geht also um Macht, griechisch exousia, was auch die Bedeutung trägt von Autorität und Berechtigung. Jesus Antwort ist aufschlussreich:

    „Willst du denn nicht mit mir reden?“, sagte Pilatus zu ihm. „Weißt du nicht, dass ich die Macht habe, dich freizulassen? Ich kann dich aber auch kreuzigen lassen!“ „Du hättest keine Macht über mich“, erwiderte Jesus, „wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre. Deshalb hat der, der mich dir ausgeliefert hat, größere Schuld.“

    Johannes 19:10,11 NEÜ

    Die Macht des Pilatus, die Herrscher der Welt, haben ihr Macht und Autorität von Gott? Im damaligen jüdischen Kontext ergibt sich das aus der Vorstellung, dass Gott als Schöpfer beabsichtigt hat, dass sich Menschen um die Welt kümmern, selbst wenn sich die dazu berufenen Menschen als egoistische Rohlinge erweisen. Gott lässt die Dinge nicht einfach laufen, sondern wird jeden dafür zur Rechenschaft ziehen, wie er diese Berufung lebt. Und das zeigt sich im weiteren Verlauf des Evangeliums.

    In einer erstaunlichen Parallele zu 1. Samuel 8:4,20 wollen die religiösen Führer „sein wie die Nationen“. Sie sind müde, auf den „Sohn des Menschen“ zu warten: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“ (Johannes 19:15) Dass Pilatus Jesus mit einem Schild „Jesus von Nazaret, König der Juden“ töten lies, war sowohl ein Schlag ins Gesicht der Pharisäer und auch eine Verhöhnung Jesu. Aber es entsprach auch wie bei Kaiphas viel mehr der Wahrheit, als sie dachten. Jesus ist nicht nur König der Juden, sondern wird bei seinem Tod und Auferstehung König der ganzen Welt, durch einen Akt der Liebe (13:1)

    Dem Cäsar dienen?

    Und wie sollten wir uns nun verhalten? Vielleicht denken wir immer noch an diese Begebenheit mit der Münze (Markus 12:13-17, Lukas 20:20-36; Matthäus 22:15-22). Dass Jesus hier von einer Trennung von Kirche und Staat spricht, ist eine Idee, die nicht vor Ende des 18. Jahrhunderts aufkam.

    Zuerst einmal müssen wir uns vergegenwärtigen, dass diese Frage zur Zeit Jesu eine extrem gefährliche Frage war. Jeder wusste, dass Leute dafür gekreuzigt worden waren, weil sie zur Rebellion gegen diese Steuern anstachelten. In Anbetracht dessen und im Angesicht eines feindlich gesinnten Mobs sollten wir von Jesus kaum ein lange, detaillierte Erklärung erwarten. Trotzdem gibt es interessante Einzelheiten:

    Als ich das Neue Testament übersetzte, hatte ich nicht den Mut, diesen Vers so zu übersetzen, wie ich vermute, dass er lautet: „Also, du solltest Cäsar besser mit seiner eigenen Münze zurückzahlen – und Gott mit seiner eigenen Münze!“ Dieses Sprichwort würde dann ein Sprichwort wiedergeben, das bereits zwei Jahrhunderte zuvor nach dem Makkabäeraufstand in jüdischen Kreisen berühmt geworden war. „Zahlt den Heiden alles zurück“, sagte der alte Mattathias zu Judas Makkabäus und seinen Brüdern, ‚und befolgt die Gebote des Gesetzes‘ (1 Makk. 2:68). Und er war nicht dabei, ihnen etwas über das Zahlen der Steuern an die Heiden zu sagen. Das betreffende griechische Wort verwendet den selben Wortstamm für ‚zurückzahlen‘, antapodote, verwandt mit dem apodote, das wir an dieser Stelle in allen drei synoptischen Evangelien finden. Ich vermute, dass das doppelte Gebot des Mattathias bereits sprichwörtlich war. Jesus könnte es absichtlich wiederholt haben.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Es ist auch nicht so, dass Jesus einfach clever dem Problem aus dem Weg gehen wollte, dass er entweder für die Rebellion oder Rom wäre. Seine Antwort zielt mehr darauf ab, ihnen zu zeigen, dass die Antwort eine ganz andere ist:

    Vielleicht ist es an der Zeit, dass Gott – dessen Ebenbild in jedem Menschen zu finden ist und dessen „Inschrift“ auf den Seiten der Schöpfung und der Story Israels geschrieben steht – das erhält, was ihm zusteht. Das ist die Botschaft von Gottes Königreich, aber sie spielt sich nicht auf eine der offensichtlichen, simplen Arten ab, weder als „jenseitiges“ Königreich, das völlig getrennt von dem des Kaisers ist, noch als direkte, altmodische gewaltsame Revolution. Für Matthäus, Markus und Lukas ist die Geschichte nach dem triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem und vor seiner Verhaftung und seinem Tod einer der wichtigsten Hinweise darauf, was währenddessen „vor sich geht“: Dies ist die Story, wie Gott wahrhaftig König wurde, als Jesus Gott in seinem gehorsamen Leiden und Sterben das zurückgab, was ihm gehörte. Und in der neuen Welt, die dadurch geschaffen wurde, sieht die Frage nach Cäsar, seiner Macht und seinen Münzen völlig anders aus. Es mag eine Zeit für Konfrontation geben; es mag eine Zeit für angemessene Zusammenarbeit geben.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Alle vier Aspekte der Evangelien zusammen

    An dieser Stelle sollten wir die vier Aspekte der Evangelien, über die wir in Teil 4 bis 7 gesprochen haben, kurz zusammenfassen:

    • Die lange Story Israels mit dem Exodus in Begriffen von Rettung und ihrer Reise. Diese lange Story, so sagen die Evangelisten, ist zur ihrem Ende, ist ans Ziel gekommen.
    • Der Exodus ist auch die Story des Gottes Israels Jahwe, der lebendige Gott, der seinem Volk seine Identität auf neue Weise zeigt und mit ihnen wohnt. Erst im Zelt der Zusammenkunft oder Stiftshütte, dann im Tempel. In der Person Jesus ist der lebendige Gott erneut in ihre Mitte gekommen als Erfüllung der Prophezeiungen Jesajas und Hesekiels.
    • Die Evangelien erzählen auch die Story des erneuerten Volkes Gottes, was uns an zwei Elemente der Exodus Story erinnert: Israels Berufung als königliche Priesterschaft und das Geschenk der Torah, durch das die Berufung Realität werden könnte.
    • Und wie beim Exodus geht es um die Mächte dieser Welt und Gotte Königreich. Die Story des Exodus ist die Story, „wie Gott König wurde“, wie Moses und die Israeliten sangen (2. Mose 15:1-3,18). Die Story von Jesus ist der neue und ultimative Exodus.

    Als nächstes werden wir die Fäden unserer Argumentation zusammenführen, während wir uns mit der zentralen Herausforderung befassen, die das Evangelium darstellt, der dramatischen und explosiven Kombination von Königreich und Kreuz.

  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 6: Der Start von Gottes erneuertem Volk

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 6: Der Start von Gottes erneuertem Volk

    Von Christian / N. T. Wright


    Im sechsten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht um eine Erklärung des Inhalts der Evangelien, die öfters in der modernen Bibelwissenschaft alle anderen Sichten verdeckt hat: Die Evangelien wären nur Reflexionen des Lebens der frühen Kirche, gelegt in den Mund eines fiktiven Jesus.

    Diesen Standpunkt diskutiert N.T. Wright in seinem Buch, ich möchte mich hier aber auf die Evangelien konzentrieren.

    Die Schreiber der Evangelien haben also nicht einfach die Story von Jesus in einer „neutralen“, „objektiven“ Art von Reportage erzählt. Wie ich und andere schon oft betont haben, gibt es so etwas wie eine „neutrale“ Reportage nicht. Alle Geschichten werden aus einem bestimmten Blickwinkel erzählt; ohne diesen gibt es kein Auswahlprinzip und es bleibt ein unsortiertes Sammelsurium von Informationen. Nein, die Schreiber der Evangelien erzählten die Story Jesu ganz bewusst so, dass sie das Leben und das Zeugnis ihrer eigenen Gemeinden prägten. … Wir sollten jedoch Folgendes bedenken: Nur weil die Schreiber der Evangelien die Story Jesu bewusst als Gründungsgeschichte der Kirche erzählten, heißt das nicht, dass sie nicht auch die Story von Jesus selbst erzählten. Nur weil ein Sportreporter die eine Mannschaft mehr unterstützt als die andere, heißt das nicht, dass er sich im Ergebnis irren darf.

    Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit werden die Evangelien als die Story von Jesus wahrgenommen und gelesen, der die christliche Bewegung ins Leben rief, die ersten Christen (und damit auch ihre Nachfolger) lehrte und dann starb und auferstand, um sie zu retten.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 6

    Gründungsdokumente

    Die vier Evangelien wurden bewußt als Gründungsdokumente für die neue Bewegung verfasst:

    Als sie die Geschichten in den Evangelien erzählten, taten sie das nicht nur, um sich gegenseitig an Dinge zu erinnern, die passiert waren, egal wie interessant sie waren. Sie erinnerten sich gegenseitig an Dinge, die passiert waren, durch die die neue Bewegung, zu der sie gehörten, entstanden war und durch die sie ihre Richtung gefunden hatte. Ihre ganze Daseinsberechtigung hing von diesen Geschichten ab.

    Die frühen Christen glaubten, dass Jesus der Messias Israels war, nicht, wie einige jüdische Apologeten heute absurderweise sagen, „der christliche Messias“. Es gab und gibt keine solche unabhängige Sache. Die Erfüllung der Story Israels in der Story des Messias ist die Gründungsurkunde der Kirche.

    Deshalb spreche ich davon, dass die Evangelien die Story des Starts von Gottes erneuertem Volk erzählen. Es ist falsch, sich vorzustellen, dass es den Evangelien (oder Jesus selbst) darum ging, „die Kirche zu gründen“, wie manche Leute es ausdrücken. Es gab bereits ein „Volk Gottes“.

    Vielmehr erzählen die Evangelien bewusst die Story, wie Gottes einmaliges Handeln in Jesus, dem Messias, eine neue Weltordnung einleitete, innerhalb derer eine neue Lebensweise für die Anhänger Jesu nicht nur möglich, sondern zwingend erforderlich war.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 6

    Das Ende ist der Anfang

    Die Evangelien hören allerdings nicht so auf, wie viele Geschichten enden. Markus arbeitet sich mit seinen „unverzüglich“ rasant auf einen Schluß hin – der leider verloren gegangen ist. Matthäus endet damit, dass er seine Jünger in der Gewissheit, dass er bereits als der rechtmäßige Herr inthronisiert ist, auf ihre Mission schickt. Und Johannes endet mit der Aufforderung, ihm zu folgen und dem Gefühl, nochmal von vorne zu lesen … dieses Mal mit dem Gedanken, dass so alles begann.

    Wenn wir über … die vielen anderen Momente in allen vier Evangelien nachdenken, die die gleiche Wirkung haben, erkennen wir, dass die Gelehrten mit ihrem Instinkt genau richtig lagen: Die vier Evangelien waren nie als „historische Reminiszenz“ um ihrer selbst willen gedacht. Nur weil wir (meiner Meinung nach) zu Recht darauf bestehen, dass die Evangelien, indem sie das Leben der frühen Kirche unterstützen und aufrechterhalten, genau die Story Jesu erzählen, dürfen wir uns nicht einbilden, dass sich ihre Verfasser nicht ständig ihrer Aufgabe bewusst sind, grundlegende Dokumente für Gottes erneuertes Volk zu schreiben. Die Evangelien sind und wurden geschrieben, um die Story Jesu neu zu erzählen und die Charta der Gemeinschaft der ersten Anhänger Jesu und derer, die sich durch ihr Zeugnis damals und später angeschlossen und gelernt haben, Jesus in Wort und Sakrament zu hören, zu sehen und zu kennen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 6
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 5: Die Story Jesu als Story des Gottes Israels

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 5: Die Story Jesu als Story des Gottes Israels

    Von Christian / N. T. Wright


    Im fünften Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es darum, dass die Story Jesu die Story des Gottes Israels ist, der zu seinem Volk zurückkommt, wie er es immer versprochen hatte.

    Das Problem ist, dass ein bestimmter Aspekt davon so sehr in der westlichen Kirche in den vergangenen Jahrhunderten überbetont wurde, dass wir die leiseren Töne der Evangelisten nicht mehr hören.

    Wir waren so sehr darauf bedacht, uns von den Evangelien sagen zu lassen, dass die Story von Jesus die Story des menschgewordenen Gottes ist, dass wir nicht in der Lage waren, den Evangelisten genauer zuzuhören, die uns erzählen, von welchem Gott sie sprechen und was genau dieser Gott jetzt tut.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Schon viel zu lange haben Christen die Story Jesu so erzählt, als wäre sie direkt mit der Story der menschlichen Sünde in 1. Mose 3 verknüpft und die Story Israels wurde übersprungen. Als wäre dieser Teil ein Fehlversuch Gottes und mit Jesus begann Plan B sozusagen. Aber das ist nicht die Aussage der Bibel.

    Die biblische Story von Gott

    Der Bund Gottes mit Abraham und das Versprechen, durch ihn alle Familien der Erde zu segnen, ist eine direkt Antwort auf die Schlechtigkeit der Menschen, die in 1. Mose 3 bis 11 beschrieben wird und in der Zerstreuung der Menschen von Babel aus mündet.

    Berücksichtigt man die Weltsicht der frühen Antike, dann wird in 1. Mose die Schöpfung so beschrieben, als ob sie eine Art Tempel ist, in der Gott unter den Menschen lebt. (Siehe die Serie „Gottes Bild sein“). Während es dafür in den antiken Tempeln ein Bild des Gottes oder Göttin gab, war dies in Eden und im Tempel in Jerusalem nicht der Fall: Die Menschen sollen als Bild Gottes diese Aufgabe erfüllen. Das ist der Kern der Story, was aber durch die Rebellion der Gottes-Bild-tragenden Geschöpfe ruiniert wird.

    Dieser Gedanke scheint im weiteren zu verschwinden, um dann aber nur um so deutlicher wieder aufzutauchen:

    Aber das Erstaunliche am Buch Exodus (2. Mose), wie sich herausstellt, ist, dass Gott selbst das Volk auf seiner Reise begleitet und dann Anweisungen für das „Tabernakel“ (Stiftshütte), das heilige Zelt oder „Zelt der Begegnung“, gibt, wo er in ihrer Mitte gegenwärtig sein wird und wo er insbesondere Mose selbst treffen wird. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Doch schon sehr bald rebellieren auch die Israeliten. Das bringt Gottes Absicht nicht zum scheitern, sondern ein Muster wird erkennbar:

    Dieses Muster – Gott beabsichtigt, unter seinem Volk zu leben, ist aber aufgrund ihrer Rebellion dazu nicht in der Lage, kehrt aber in Gnade zurück, um dies endlich zu tun – ist in gewisser Weise die Story des gesamten Alten Testaments. 

    Vergrößere diese Exodus-Story, projiziere sie auf die Leinwand von Hunderten von Jahren Geschichte, und du hast die größere Story. Salomo baut den Tempel, nachfolgende Generationen verderben ihn entweder oder versuchen, ihn zu reformieren, aber schließlich, angesichts einer überwältigenden Rebellion und Götzenanbetung, gibt Gott den Tempel endgültig auf und überlässt ihn seinem Schicksal, als die Babylonier näher rücken. (Man beachte die Ironie: Babylon, „Babel“, ist der Ort des menschlichen Stolzes und des Götzendienstes, im Gegensatz zu dem Gott Abraham ursprünglich berufen hatte.) Die gesamte Zeit, die wir als die Zeit des Zweiten Tempels bezeichnen, etwa ab 538 v. Chr., ist von diesem Gefühl der göttlichen Abwesenheit geprägt; Gott ist fort, und er ist nicht zurückgekehrt.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Aber dabei wird es nicht bleiben, wie zum Beispiel der Prophet Maleachi dann sagt:

    „Siehe, ich sende meinen Boten“, sagt Jahwe, der allmächtige Gott. „Er wird mir den Weg bahnen.“ Und plötzlich wird der Herr, auf den ihr wartet, zu seinem Tempel kommen. Ja, der Bote des Bundes, den ihr herbeisehnt, wird kommen.

    Maleachi 3:1 NEÜ

    Und das ist die Story, welche die Evangelien uns sagen wollen: Wie kam Jahwe schließlich zurück zu seinem Volk.

    Auf der Suche nach dem Richtigen

    Und das findet man in allen Evangelien, wenn man nach dem Richtigen sucht. Geht man zum Beispiel aufgrund der Tradition davon aus, dass man in Johannes eines hohe Christologie findet und in den synoptischen Evangelien nur eine niedere, dann wird es schwierig zu erkennen sein.

    In Markus wird jedoch genau Maleachi 3:1 zitiert und mit Jesaja 40:3-11 verknüpft. Bei genauerer Betrachtung findet man daher schon bei Markus auf den ersten Seiten eine Christologie, allerdings eine jüdische Christologie.

    In Markus tut und sagt Jesus Dinge, die verkünden, dass der Gott Israels nun König wird – Israels Traum wird wahr. Aber Jesus spricht davon, dass Gott König wird, um die Dinge zu erklären, die er selbst tut. Er weist nicht von sich weg auf Gott hin. Er weist auf Gott hin, um seine eigenen Handlungen zu erklären. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Nehmen wir zum Beispiel wie Jesus in Markus 4:35-41 handelt und vergleichen es mit Aussagen aus dem Alten Testament:

    Da stand er auf, schrie den Wind an und sprach zum See: Schweig, verstumme! Und der Wind legte sich, und es trat eine grosse Windstille ein.

    der das Brausen der Meere stillt / und den Aufruhr der Völker.

    Jahwe, Gott, Allmächtiger, wer ist stark wie du? / Mächtig bist du, Jahwe, und die Treue in Person. Du beherrschst das Ungestüm des Meeres, / wenn seine Wogen toben, glättest du sie.

    Sie schrien zu Jahwe in ihrer Not, / der rettete sie aus ihrer Bedrängnis und brachte den Sturm zur Stille, / und die Wellen beruhigten sich. Sie freuten sich, dass es still geworden war / und er sie in den ersehnten Hafen führte.

    Markus 4:39 Züricher; Psalm 65:8;89:9,10;107:28-30 NEÜ

    Die aufmerksamen Leser von Markus könnten sich bei solchen Passagen schon fragen: Ist es möglich, dass Gott auf diese Weise zurück kommt?

    Schließlich finden wir am Ende einen weiteren interessanten Hinweis:

    [In der neunten Stunde] schrie Jesus laut: „Eloi, Eloi, lema sabachthani?“ Das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ …

    Als der Hauptmann, der vor dem Kreuz stand, Jesus so sterben sah, sagte er: „Dieser Mann war wirklich Gottes Sohn.“

    Markus 15:34, 39 NEÜ

    Bei der Bezeichnung „Gottes Sohn“ werden wir natürlich an Gottes Stimme bei Jesu Taufe in Markus 1:11 erinnert. Aber sollte ein römischer Centurio sich darauf bezogen haben? Würden ihm nicht vielmehr als Sohn Gottes Tiberius Cäsar, der Sohn des ‚göttlichen‘ Augustus einfallen? Immerhin stand das sogar auf den Münzen – wie die, welche sie Jesus einige Tage zuvor gezeigt hatten (12:15-17).

    Für Markus und andere Christen konnte ‚Gottes Sohn‘ vier Bedeutungen haben:

    1. Im Alten Testament ist Israel selbst Gottes Sohn (2. Mose 4:22; Jeremia 31:9)
    2. Der Messias, Gottes gesalbter König, ist Gottes Sohn (2. Samuel 7:12-14; Psalm 2:7;89:26-27); das scheint die Hauptbedeutung in der Tauf-Geschichte zu sein.
    3. „Sohn Gottes“ wurde seit Augustus der regelmäßige und vorrangige Titel der römischen Imperatoren.
    4. Aber viertens, und das stand hinter all dem und ging darüber hinaus, war da das Gefühl, das wir in den frühesten christlichen Dokumenten finden, dass all dies auf eine seltsame neue Realität hindeutete: dass in Jesus der Gott Israels gegenwärtig geworden war, menschlich geworden war, gekommen war, um inmitten seines Volkes zu leben, um sein Königreich zu errichten, um das ganze Grauen ihrer Notlage auf sich zu nehmen und um seine lang erwartete neue Welt zu verwirklichen. Der Ausdruck „Sohn Gottes“ war griffbereit, um diese gewaltige, bewegende, beängstigende Möglichkeit auszudrücken, ohne dabei andere Bedeutungen außer Acht zu lassen. Wir können dies bereits in den Schriften des Paulus erkennen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Markus davon ausging, dass seine ersten Leser dieselbe Kombination von Themen im Sinn hatten.

    Als Nebengedanken möchte ich noch etwas erwähnen, auf das N.T. Wright in seinem Buch nicht eingeht. Es gibt alle möglichen Erklärungen, warum Jesus in Markus 15:34 sagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Verschiedene Gelehrte haben zu Recht darauf hingewiesen, dass Jesus hier anscheinend Psalm 22 zitiert, der genau so beginnt. Was wollte Jesus bzw. Markus seinen Lesern in Erinnerung rufen? Die den Psalm 22 gut kannten? Schauen wir mal uns das Ende an:

    Mein Gott, mein Gott! / Warum hast du mich verlassen?

    Denn Jahwe gehört das Königtum. / Er ist der Herrscher über jede Nation.
    Nur vor ihm beugen sich alle Großen der Erde; / und alle, die in den Todesstaub sinken, knien vor ihm, alle, deren Leben zu Ende geht.
    Die Nachkommen werden ihm dienen / und einem neuen Geschlecht erzählen vom Herrn.
    Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit schildern / dem Volk, das noch geboren wird; ja, er hat es vollbracht.

    Psalm 22:1;29-32 NEÜ

    Na wenn das nicht zu unserem Thema passt …

    Matthäus und Lukas: Jesus sehen, Gott denken

    Nachdem wir gesehen haben, wie Markus die Sache angeht, ist es leichter, das Gleiche bei Matthäus und Lukas zu entdecken. Nach der Genealogie geht es bei Matthäus gleich mit diesem Thema los:

    Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den du Jesus, Retter, nennen sollst, denn er wird sein Volk von Sünden retten.

    Das alles ist geschehen, damit in Erfüllung geht, was der Herr durch den Propheten angekündigt hat: Seht, das unberührte Mädchen wird schwanger sein und einen Sohn zur Welt bringen, den man Immanuël nennen wird.‘ “ Immanuël bedeutet: Gott ist mit uns.

    Matthäus 1:21-23 NEÜ

    Der Name Jesus wird hier gemäß dem hebräischen bzw. aramäischen Namen als „Jahwe rettet“ interpretiert. Und Matthäus verknüpft dies mit dem Gedanken – so merkwürdig er auch erscheinen mag – dass Israels Gott persönlich unter seinem Volk anwesend ist, um sie zu retten.

    Das spiegelt sich auch am Ende des Matthäus Evangeliums:

    Jesus kam auf sie zu und sprach sie an: „Alle Macht im Himmel und auf Erden“, sagte er, „ist mir gegeben! Deshalb müsst ihr hingehen und alle Völker zu Jüngern machen. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch befohlen habe. Und seht: Ich bin bei euch, jeden einzelnen Tag, bis ans Ende des Zeitalters.“

    Matthäus 28:18-20 N.T. Wright

    Aus „Gott ist mit uns“ ist ‚Jesus ist mit uns‘ geworden. Wenn wir wie die ersten Jünger Jesus denken, welche alle gläubige Juden waren, und darauf warteten, dass ihr Gott wieder unter ihnen wäre, dann würden wir manche Begebenheit aus einer anderen Perspektive sehen. Wie zum Beispiel diese, nachdem Petrus fast untergegangen wäre: „Und alle, die im Boot waren, warfen sich vor ihm nieder. „Du bist wirklich Gottes Sohn!“, sagten sie.“ (Matthäus 14:33 NEÜ)

    Und so machen auch viele Gleichnisse Jesu viel mehr Sinn, wenn er in Lukas 19:11-27 von einem vornehmen Mann spricht, der fort ging, um Königswürde zu erlangen. In Lukas 19:44 spricht Jesus davon , „weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“ (Einheitsübersetzung 2016). Das klingt schon ziemlich merkwürdig. Die NEÜ übersetzt hingegen so: „weil du die Gelegenheit, in der Gott dich besuchte, verpasst hast.“ Der Gott Israels Jahwe hat sein Volk ‚besucht‘, indem Jesus da war. Ist das ein tendenziöse Übersetzung?

    Eigentlich heißt es im Griechischen einfach ton kairon tes episkopes sou, „der Tag deiner Besichtigung“. Aber das Wort „Besichtigung“ hat hier nur eine mögliche Bedeutung. Es ist die Zeit, in der Gott zurückkommt, um endlich zu sehen, wie sein Volk seinen jahrhundertealten Auftrag erfüllt hat. Das ist für Lukas die Bedeutung des Gleichnisses. Jesus erzählt eine Geschichte über Israels Gott, der zu seinem Volk zurückkehrt, um zu erklären, was vor sich ging, als er selbst in Jerusalem ankam.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Und so lenkte gemäß Lukas Jesus die Aufmerksamkeit immer wieder auf diesen Punkt:

    „Geh nach Hause und erzähle, wie viel Gott an dir getan hat!“ Der Mann gehorchte und verbreitete in der ganzen Stadt, was Jesus an ihm getan hatte.

    Lukas 8:39 NEÜ

    Die Herrlichkeit enthüllt: Die Tempel-Christologie des Johannes

    In Eden, beim Zelt der Zusammenkunft oder Stiftshütte und beim Jerusalemer Tempel ging es immer um einen Ort, durch den Gott bei den Menschen wohnt. Daher war die Zerstörung des Tempels 587 v.Chr. das größte Disaster für sein Volk. Und Jahwe war trotz dem Wiederaufbau des zweiten Tempels noch nicht zurückgekehrt.

    Und deutlicher als die anderen betont Johannes von Anfang an, dass sich diese Verheißung in Jesus erfüllt hat. Das Wort wurde Fleisch und kai eskenosen en hemin, „errichtete unter uns sein skene“, sein „Zelt“ (das ist das Wort, von dem wir „Szene“ ableiten; eine Theaterkulisse ist eine Art „Zelt“, in dem die Handlung stattfindet). Das griechische Wort „skene“ ist (zufällig?) ein Anklang an das hebräische Wort „shakan“, das „wohnen“ oder „bleiben“ bedeutet; wenn wir später bei Johannes von Menschen lesen, die bei Jesus „bleiben“, oder davon, dass er bei ihnen „bleibt“, sollten wir dieses Echo mit Sicherheit erkennen. Insbesondere in den nachbiblischen jüdischen Schriften wurde die Vorstellung von der Gegenwart Gottes im Tempel mit dem Namen Schekinah bezeichnet, die „wohnende, bleibende göttliche Gegenwart“, die persönliche Gegenwart der Herrlichkeit Gottes. Wenn Johannes also fortfährt und sagt: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit wie die des einzigen Sohnes des Vaters, voller Gnade und Wahrheit“ (1,14), dann sollten wir das laut und deutlich verstehen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Was das Verhältnis von Jesus zu Jahwe betrifft, sollten wir allerdings keine voreiligen Schlüsse ziehen:

    All das bedeutet, dass wir in der Lage sein sollten, Johannes mit mehr Sensibilität für das Wesen seiner „hohen Christologie“ zu lesen. Offensichtlich ist er der Meinung, dass Jesus vollkommen göttlich war und ist (ebenso wie vollkommen menschlich, aber das muss er nicht auf die gleiche Weise betonen). Das bedeutet aber nicht, dass er einfach sagt: „Jesus ist Gott“, wie es manche rationalistische Apologeten tun. Die „hohe Christologie“ des Johannes bleibt sehr, sehr jüdisch, sehr stark in den Schriften Israels verwurzelt. Das von ihm gewählte Vehikel für seine unvergleichliche Eröffnungsaussage, der Logos, stützt sich weniger auf platonische oder stoische Ideen als vielmehr auf das lebendige Wort des Alten Testaments, wie z. B. in Jesaja 55, wo das Wort wie Regen oder Schnee hinausgeht und Gottes Werk vollbringt (55,10-11). Dieses Werk, Gottes große Rettungstat, die in der Vollendung des „Knechtes des Herrn“ in Kapitel 53 und der Erneuerung des Bundes in 54 wurzelt, bewirkt in 55 die neue Schöpfung. Die Dornen und Disteln aus 1. Mose 3 und Jesaja 5 werden durch wunderbare Bäume und Sträucher ersetzt (55:12-13). Es ist (mit anderen Worten) der Schöpfergott, und es ist Israels Gott, der in und als Jesus von Nazareth Mensch geworden ist. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Zusammenfassend beschreibt N.T. Wright seine Vorschlag wie folgt:

    Die Evangelien bieten uns nicht so sehr eine andere Art von Mensch, sondern eine andere Art von Gott: einen Gott, der die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat und sich ganz natürlich in und als dieses Ebenbild ausdrückt; einen Gott, der Israel geschaffen hat, um den Schmerz und das Grauen der Welt zu teilen und zu ertragen, und sich ganz natürlich in und als dieses schmerztragende, dem Grauen zugewandte Geschöpf ausdrückt. Das ist vielleicht das Schwierigste, was wir uns vor Augen halten müssen, obwohl die Evangelien uns auf jeder Seite dazu auffordern.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5