Von Christian / N. T. Wright
Im ersten Teil der Serie haben wir festgestellt, dass die wesentliche Story der Evangelien vergessen worden ist und welche Rolle dabei zum Beispiel die Glaubensbekenntnisse gespielt haben. Dabei verwende ich das Buch von N.T. Wright: How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien)


In diesem Teil geht es darum, wie verschiedene Überbetonungen oder Fixierungen auf bestimmte Aspekte der Evangelien zwar populär wurden, aber nicht zu einem zufrieden stellenden Gesamtverständnis der Evangelien führten.
Jesus ohne die Glaubensbekenntnisse?
In den Glaubensbekenntnissen werden vor allem Jesu Geburt, sein Tod und die Auferstehung und damit zusammenhängende Lehren adressiert. Was bleibt, als versucht wurde, alle anderen Teile der Evangelien wieder mehr Gewicht zu verleihen? Seit dem 18. Jahrhundert ist es in Mode gekommen, an die Evangelien mit der ‚historischen Frage‘ heranzugehen: Ist es wirklich so geschehen? Das ist die Frage bis heute. Und die intellektuelle Antwort war und ist oft bis heute: Ja, es hat ihn gegeben, den sogenannten ‚historischen Jesus‘. Aber der Rest ist nie geschehen. All die Wunder und was die Glaubensbekenntnisse beinhalten stammt von der Kirche, die ihren eigenen Glauben ausdrücken wollte. Was dann von Jesus übrig bleibt ist eine von drei Möglichkeiten:
- Ein Revolutionär, der sich mit dem römischen Imperium anlegte, um einen jüdischen Staat wieder zu errichten.
- Oder ein wilder, apokalyptischer Visionär, der das Ende der Welt erwartete.
- Oder ein mild-gestimmter, vernünftig denkender Lehrer, der die Bruderschaft aller Menschen unter dem Vater Gott lehrte.
Oder eine Kombination von allem. Wie auch immer, er hat sich getäuscht. Die Römer haben ihn umgebracht, das Ende der Welt kam nicht und selbst seine Jünger haben sich in den Jahrhunderten danach nicht unbedingt durch mildes, vernünftiges Denken hervorgetan. Und das ist im Wesentlichen auch die Richtung der Skeptiker oder liberalen Denker der letzten zweihundert Jahre und tausender Fachbücher und populären Büchern gewesen. Für viele ist das der neue ‚orthodoxe‘ Glaube.
Die Vorstellung, dass Jesus kam, um eine neue, einfache, klare Ethik zu lehren, die darin besteht, nett zu den Menschen zu sein, ohne jegliche „dogmatische“ Ansprüche oder „übernatürliche“ Elemente, ist so tief in der westlichen Kultur verankert, dass man manchmal verzweifelt, wie ein Gärtner, der mit Gundermann konfrontiert ist, daran, ihn jemals auszurotten. Bis heute scheint es in der gesamten westlichen Welt einen Markt für Bücher zu geben, die behaupten, dass Jesus nur ein guter jüdischer Junge war, der entsetzt gewesen wäre, wenn er gesehen hätte, dass eine „Kirche“ in seinem Namen gegründet wurde, der sich selbst nicht als „Gott“ oder gar als „Sohn Gottes“ betrachtete und der nicht die Absicht hatte, für die Sünden anderer zu sterben – die Kirche hat alles falsch verstanden. Die Autoren solcher Bücher bezeichnen sich regelmäßig als „neutral“, „unvoreingenommen“, „unparteiisch“ oder „unabhängig“. Von wegen.
N.T. Wright How God Became King, Kapitel 2
Das soziale Evangelium Jesu?
Immerhin hat diese Sicht auf das Leben Jesu ohne die übernatürlichen Elemente, die sich in den Glaubensbekenntnissen finden, auch eine positive Seite. Hat Jesus in Vorschau dessen, was das ‚Königreich Gottes“ tun wird, nicht auch die Kranken geheilt, die Hungernden gespeist, den Armen aus ihrer Not befreit und Witwen und Waisen zu ihrem Recht verholfen? Und daraus wurde gegen Ende des 19. Jahrhundert die Bewegung des „christlichen Sozialismus“. Das Problem damit ist nicht nur theologischer Art – warum pickt man sich manche Aspekte aus den Evangelien heraus und ignoriert andere? Sondern der Höhepunkt dieser Bewegung ist längst überschritten und trotzdem gibt es noch dieselben Probleme – auch in der westlichen, christlichen Welt.
Vielleicht sollten wir doch versuchen, den ‚Mittelteil‘ der Evangelien über das Leben Jesu mit dem anderen Teil, der in den Glaubensbekenntnissen hervorgehoben wird, zu verbinden.
Hat Jesus über sich selbst gesprochen?
Die ‚liberale‘ Lesart der Evangelien hat heute noch zu einer weiteren Vorstellung geführt: Jesus scheint über Gott gesprochen zu haben, seine Nachfolger und die frühe Kirche sprachen dann über Jesus. Insbesondere scheinen die Glaubensbekenntnisse auf die präzise ontologische Beziehung Jesu zu Gott, dem Vater, fixiert zu sein. Etwas, was Jesus gemäß den Evangelien nicht auf diese Weise getan hätte. Das kann sich soweit steigern, dass eine gewisse Überlegenheit dieses Standpunkts empfunden wird. N. T. Wright formuliert das prägnant so:
„Ihr Möchtegern-Orthodoxen steckt eure Nasen in die Luft, weil ihr an die Göttlichkeit Jesu glaubt, während wir modernen geschichtsbewussten Leser unsere Nasen in die Luft stecken können, weil wir herausgefunden haben, dass Jesus selbst nie so gedacht hat!“ Die kirchliche Verehrung Jesu kann also als Verfälschung dessen, was Jesus selbst gesagt oder gedacht hätte, „entlarvt“ werden, so denkt man.
N.T.Wright How God Became King, Kapitel 2
Wie so oft steckt in dieser Behauptung ein Funke Wahrheit. Allerdings hält sie einer genaueren Analyse der Texte nicht stand. Dies Haltung suggeriert ja unter der Oberfläche, dass Jesus überhaupt nichts über sich und seine Rolle sagte, weil er über Gott sprach. Was aber nicht der Fall ist. Beim Lesen der Evangelien müssen wir unbedingt nicht nur oberflächlich die Worte sondern auch die tieferen Bedeutungsebenen berücksichtigen. Das wird klarer, wenn wir später darüber sprechen, wie die Evangelisten sich auf das Alte Testament bezogen haben und was Jesu Worte in diesem Kontext bedeuten.
Die verborgene Herausforderung: Theokratie
Unsere Wahrnehmung der Evangelien könnte unbewusst auch stark vom Zeitalter der Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert geprägt sein. Im Laufe der Zeit wurde Gott – was auch immer Gott sein mag – immer weiter ‚nach oben‘ entrückt. Bestenfalls auf einen Ehrenplatz, aber weit weg. Weit weg davon, die Geschicke der Menschen zu lenken. Das taten die Menschen jetzt selbst. Mit anderen Worten: Auf keinen Fall wollte man irgend einen Hauch von Theokratie – einer Regierung Gottes – haben. Diese Trennung von Kirche und Staat mag nach den Erfahrungen der Geschichte plausibel erscheinen. Sie führte aber noch stärker dazu, dass Glaube oder Religion eine Sache der privaten Lebensführung ist.
Das kannst du selbst feststellen, wenn du über das Gebet Jesu nachdenkst: „Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden.“ (Matthäus 6:10) Wie soll das auf der Erde geschehen? Wie weit beeinflusst die Aufklärung unser Denken? Und wie weit die Evangelien? Der Text lautet ja vollständig: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ (Matthäus 6:10 Züricher). Für berühmte Denker der Aufklärung ging es dabei entweder um eine gewalttätige militärische Revolution oder das Ende der Welt. Diese Vorstellungen könnten uns also unbewusst daran hindern, die Botschaft zu erkennen, welche die Evangelisten aber unbedingt vermitteln wollten.
Die orthodoxe Antwort
Die Aufklärung und der allgemeine Skeptizismus drängte die Kirche in die Defensive. Die Frage im Raum war: War Jesus wirklich göttlich? Das Ergebnis war dann, dass man die Evangelien las, um einen Beweis zu finden. Und man fand ihn: Wunder! Zumindest dachte man das und manche argumentieren heute noch so. Aber sind ‚Wunder‘ wirklich ein Beweis für die Göttlichkeit Jesu? Ist das der wesentliche Grund für den Text der Evangelien zwischen Geburt und Kreuz? Was auf den ersten Blick vielleicht überzeugend klingt, übersieht jedoch die Tatsache, dass schon im Alten Testament von Wundern durch Moses, Elia und Elisa geschrieben wird, ohne auch nur im Geringsten den Anspruch zu erheben, dass einer von diesen göttlich gewesen wäre.
Es gab und gibt also eine Menge verschiedene Antworten auf die Frage, warum die Evangelisten ihre Evangelien so und nicht anders geschrieben haben. Und obwohl sie sich so unterscheiden und zum Teil konträr sind, erscheinen sie eher als Reaktion auf den Kontext und Entwicklungen ihrer Zeit, als inadäquate Antworten.
Im nächsten Teil werden wir uns daher mit weiteren Antworten beschäftigen, warum es den ‚Mittelteil‘ der Evangelien überhaupt gibt. Indem wir uns mit diesen näher beschäftigen, werden wir erkennen, warum diese Antworten nicht ganz falsch liegen, aber dennoch inadäquat sind. Nachdem wir so verschiedene Vorstellungen erkannt haben, die uns auch unbewusst die Sicht versperren können, sind wir dann in der Lage, mit den Ohren der Jünger im ersten Jahrhundert die Evangelien zu hören.














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