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  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 4: Die Story Israels

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 4: Die Story Israels

    Von Christian / N. T. Wright



    Um das Evangelium der Evangelien zu hören, also die eigentliche Story der Evangelien, müssen wir über vier Stränge oder Ebenen der Evangelien sprechen, die entweder raumgreifend in den Vordergrund oder fast unsichtbar in den Hintergrund gerückt wurden. Durch diese Verzerrung fällt uns es schwer, die Story selbst zu erkennen. Ich bleibe hier übrigens beim englischen Begriff Story, weil Geschichte im Deutschen nicht das trifft, was N.T. Wright damit meint. Denn es geht nicht darum, dass die Evangelien irgendwelche Erzählungen oder Geschichten beinhalten und auch nicht darum, was die Geschichte Israels im Sinne von Historie ist.

    Im vierten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es um die Story Israels. Also nicht um eine historische Gliederung der Ereignisse, sondern die Story, den tieferen Inhalt, der uns vermittelt werden soll.

    Die Evangelien als Biographien

    Die Zeiten, in denen Gelehrte verkünden konnten, dass die Evangelien keine Biographien Jesu seien, sind schon langer wieder vergangen. Sie sind keine Biographien, wie sie heute geschrieben werden, sondern gleichen antiken griechischen oder römischen Biographien. Und die vier Evangelien sind unterschiedlich, weil sie eben nicht nur Biographien der Person Jesu sind, sondern eine viel größere Story vermitteln wollen. Und das aus verschiedenen Blickwinkeln und mit verschiedenen Schwerpunkten.

    Die vier Evangelien stellen sich selbst als den Höhepunkt der Story Israels dar. Ich behaupte, dass alle vier Evangelisten ihr Material bewusst so gestalten, dass dies deutlich wird.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Leider haben Generationen von christlichen Lesern diesen Kontext und Zusammenhang praktisch ignoriert. Auch wir werden diesen Punkt nur verstehen können, wenn wir uns explizit bewusst machen, wie die Story Israels zur damaligen Zeit erzählt wurde.

    Die seltsame Story Israels

    N.T. Wright fasst es wie folgt zusammen:

    Auch die Story Israels ist ein Thema für ein ganzes Buch. Aber wir können sie so zusammenfassen: Die alten Schriften Israels sind von einer Erzählung umrahmt, einer unvollendeten Erzählung von einer bestimmten Form und Art. Ob man das Alte Testament nun so liest, wie es in den meisten englischen Bibeln von der Genesis bis zu Maleachi abgedruckt ist, oder ob man es im hebräischen Kanon von der Genesis bis zu den Chroniken mit den Propheten in der Mitte liest, man hat immer noch das Gefühl, dass diese Geschichte irgendwo hinführen soll, aber noch nicht dort angekommen ist. Es ist eine unvollendete Erzählung, eine unvollendete Agenda. Es sollen Dinge geschehen, die noch nicht geschehen sind.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Genau wie Genesis 1–3 die Story der menschlichen Notlage anhand des Musters glorreicher Anfänge, reicher Berufungen und dann schrecklichen Scheiterns und Exils erzählt, so finden wir zwischen Genesis 12 und Chronik bzw. Maleachi dieselbe Story in Bezug auf Israel. Aber ist ist genau diese Story von Israel, welche von den meisten modernen Lesern der Bibel heute links liegen gelassen wird.

    Und die Glaubensbekenntnisse haben einen wesentlichen Anteil daran, weil sie Israel überhaupt nicht erwähnen. Im Gegenteil, sie vermitteln den Eindruck, dass mit Jesus ein neuer Anfang gemacht wurde.

    Die Evangelisten haben das aber ganz anders gesehen.

    Matthäus: Die Story erreicht ihr Ziel

    Das Matthäus Evangelium, das schon immer am Anfang des Kanons stand, beginnt mit was? Dem Stammbaum Jesu von Abraham an. Es umfasst also die Zeit noch vor Israel von dessen Stammvater Abraham an bis nach dem Exil in die Zeit Jesu. Jetzt muss man wissen, dass in Jesu Tagen die meisten Juden selbst ein halbes Jahrtausend nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil der Meinung waren, dass das Exil noch nicht wirklich beendet ist (siehe Nehemia 9:36). Die großen Prophezeiungen Jesajas, Jeremias, Hesekiels und Daniels mussten sich noch erfüllen.

    In Daniel 9 fragt der Prophet, wie lange es denn noch dauern wird, bis Jeremias Prophezeiung über die 70 Jahre erfüllt haben würde. Und die Antwort ist: Nicht 70 Jahre sondern 70 Wochen von Jahren. Aber diese Formulierung erinnerte auch an die Sabbat- und Jubeljahre, die Freilassung aller Sklaven und Rückgabe des Erbbesitzes. 70 mal 7 ist dann zwar eine lange Zeit aber deutet eine großartige Befreiung an.

    Und Matthäus macht jedem, der in dieser Zeit jüdisch denkt, unmissverständlich klar, dass der Moment mit Jesus gekommen war. Anstatt von Jahren spricht er von Generationen, den Generationen der gesamten Geschichte Israels von Abraham bis zur Gegenwart. Alle Generationen bis zu diesem Zeitpunkt waren vierzehn mal drei, also sechs mal sieben – mit Jesus erhalten wir die siebte Sieben. Er ist das Jubeljahr in Person. Er ist derjenige, der Israel aus seinem lang anhaltenden Albtraum retten wird. „Er“, sagt der Engel zu Joseph, ‚ist derjenige, der sein Volk von seinen Sünden erlösen wird‘ (1:21). Für jeden Juden im ersten Jahrhundert bedeutete dies nicht nur, dass sich Einzelpersonen an ihn wenden und persönliche Vergebung finden konnten, obwohl dies natürlich auch zutraf. Lies Jesaja 40 und Klagelieder 4 nochmal und sieh es selbst. (Jesaja 40:1,2 Klagelieder 4:22)

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Damit haben wir eine Idee erkannt, die auch Matthäus hervorhebt: Das Leben Jesus rekapituliert Schlüsselereignisse in der Story Israels! Jesus hält eine Predigt auf einem Berg, und ist für diesen Moment Moses. Als er seinen Kritikern wegen dem Sabbath antwortet ist er David. Er wählt 12 als Apostel aus, man denkt an Jakob und die 12 Patriarchen. Er heilt Kranke und weckt Tote auf wie Elia und Elisa. In der Umgestaltung begegnet er sogar Elia und Moses.

    Aber viel wichtiger als Rückblenden, als das Aufgreifen losgelöster Themen und Andeutungen von vor langer Zeit, ist das überwältigende Gefühl, dass eine einzige Story nun endlich zu ihrem Abschluss kommt.

    Die Verfasser der Evangelien betrachteten die Ereignisse um Jesus, insbesondere sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung, die die Herrschaft des Königreichs einläuteten, nicht nur als isolierte Ereignisse, auf die entfernte Propheten vielleicht in weiter Ferne hingewiesen hatten. Sie betrachteten diese Ereignisse als das eigentliche Ziel der langen Story Israels, auch wenn diese lange Story anscheinend verloren gegangen war, feststeckte und fast vergessen war.

    In den heiligen Schriften Israels wird die Bedeutung der Story Israels damit begründet, dass der Schöpfer der Welt Israel auserwählt und berufen hat, das Volk zu sein, durch das er die Welt erlösen wird.

    Was Gott für Israel tut, ist das, was Gott in Bezug auf die ganze Welt tut. Das bedeutete es, Israel zu sein, das Volk zu sein, das im Guten wie im Schlechten das Schicksal der Welt auf seinen Schultern trug. Begreife das, und du hast einen Weg ins Herz des Neuen Testaments gefunden.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Markus: Jesus und das Hereinbrechen der neuen Welt Gottes

    Im Markus Evangelium wird dies gleich in den ersten Versen klar gemacht:

    1 Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. 2 Wie geschrieben steht beim Propheten Jesaja: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten wird. 3 Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade seine Strassen!

    9 Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus aus Nazaret in Galiläa kam und sich von Johannes im Jordan taufen liess. 10 Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er den Himmel sich teilen und den Geist wie eine Taube auf sich herabsteigen. 11 Und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

    Markus 1:1-3;9-11 Züricher

    Es geht also gleich mit einem Bezug auf eine alte Prophezeiung Jesajas los. Müssen wir also nur in das Alte Testament schauen, um darin die Geschichte Jesu zu finden?

    Hier haben wir es mit einem Paradoxon zu tun, das uns im gesamten Neuen Testament begegnet: Gott handelt völlig unerwartet – wie er es immer gesagt hat. Nur weil die neuen Ereignisse als Erfüllung alter Prophezeiungen angesehen werden können (und Markus, wie die anderen Evangelisten, deutlich macht, dass dies die einzig richtige Sichtweise ist), bedeutet das nicht, dass man eine glatte, einfache Linie von den alten Texten zur modernen Erfüllung ziehen kann. Im Gegenteil, was sich erfüllt, ist genau die Verheißung eines drastischen, unerwarteten und vielleicht sogar unwillkommenen Gerichts und Erbarmens.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Jetzt werden im Markus Evangelium aber nicht einfach ein paar Erfüllungen konstruiert. Schon in Vers 15 des ersten Kapitels wird Jesus selbst zitiert: „Erfüllt ist die Zeit, und nahe gekommen ist das Reich Gottes.“ (Markus 1:15 Züricher). Markus baut die dramatischen Ereignisse auf bis 8:29, in der Petrus feststellt, dass Jesus der Messias ist. Und gleich im nächsten Kapitel folgt die Verklärung Jesu. Jesus spricht über seinen Tod in 10:45 (in Anspielung auf Daniel 7 und Jesaja 53). „Jesus erfüllt die Story Israels, auch wenn dies von den Lesern verlangt, die Story Israels auf eine neue Art und Weise zu verstehen.“

    Lukas: Die Schriften müssen erfüllt werden

    Das sich die Schriften so erfüllen müssen, ist auch genau der Punkt, den Lukas in Schlüsselpassagen bringt. Das beginnt schon im ersten Kapitel in den Worten Marias (1:46-55) und Zacharias (1:68-79). Und geht weiter bis es zum Beispiel in 22:37 von Jesus selbst betont wird: „Denn das sage ich euch: Auch dieses Schriftwort muss sich noch an mir erfüllen: ‚Er wurde unter die Verbrecher gezählt.‘ Und das trifft jetzt ein.“ (NEÜ). Doch selbst seine Jünger konnten in Jesu Tod zuerst keine Erfüllung der Story Israels erkennen: „Dabei haben wir gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen würde.“ (24:21) sagen die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus. In diesem Bereich lässt Lukas keinen Zweifel, welchen Gedanken er transportieren möchte:

    Da sagte Jesus zu ihnen: „Was seid ihr doch schwer von Begriff! Warum fällt es euch nur so schwer, an alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben? Musste nicht der Messias das alles erleiden, um dann in seine Herrlichkeit einzutreten?“ Danach erklärte er ihnen in der ganzen Schrift alles, was sich auf ihn bezog; er fing bei Mose an und ging durch sämtliche Propheten.

    Lukas 24:25-27 NEÜ

    Es war also nicht selbstverständlich, diese überraschende Erfüllung der Schriften zu verstehen. Jesus musste ihnen „die Schriften erklären“ (24:27) und „dann öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften“ (24:45)

    Der Punkt, den die Verfasser der Evangelien unbedingt vermitteln wollen – dass das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu in der Tat der Höhepunkt der Geschichte Israels sind, auch wenn niemand damit gerechnet hat und viele nicht begeistert waren, als es ihnen präsentiert wurde – ist etwas, das, wie der auferstandene Jesus selbst, für das Auge des Glaubens sichtbar ist. Die Geschichte ergibt als Ganzes einen Sinn oder gar keinen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Johannes: Schöpfung und neue Schöpfung

    Das Johannes Evangelium bildet hier keine Ausnahme: Die Ereignisse in Bezug auf Jesus sind die Erfüllung der Story Israels – auch wenn diese eine solche ‚Erfüllung‘ weder erwartet noch gewünscht hatten. Das Evangelium beginnt mit Bezugnahmen auf 1. und 2. Mose. „Im Anfang war …“ (1:1) ist ein Echo der Schöpfungsgeschichte. In Vers 14 fällt uns im Deutschen vielleicht nichts sofort auf: „Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns,…“. Das Wort für „wohnte“ bedeutet eigentlich: Er schlug sein Zelt auf, sein Tabernakel oder Stiftshütte. Und damit bezieht er sich auf die Gegenwart Gottes unter den Israeliten aus 2. Mose.

    Und auch im Johannes Evangelium endet schon das erste Kapitel nicht ohne den nachdrücklichen Hinweis, worum es geht:

    Philippus findet Natanael und sagt zu ihm: Den, von dem Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben, den haben wir gefunden, Jesus, den Sohn Josefs, aus Nazaret. Und Natanael sagte zu ihm: Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen? Philippus sagt zu ihm: Komm und sieh!

    Johannes 1:45,46

    Und so taucht dieses Thema immer wieder auf (5:39-40;7:31-52;10:22-30;5:46;8:30-59). Kajafas will die Nation Israel und den Tempel retten, indem Jesus töten lassen will. Doch Johannes gibt dem eine andere Bedeutung, die Erfüllung der Story Israels:

    Das aber sagte er nicht aus sich selbst, sondern als Hoher Priester jenes Jahres weissagte er, dass Jesus für das Volk sterben sollte, und nicht nur für das Volk, sondern auch, um die zerstreuten Kinder Gottes zusammenzuführen.

    Johannes 11:51,52 Züricher

    Das Paradoxon der beiden Geschichten bleibt durchgehend bestehen, und Johannes behauptet, dass Jesus mit den alten Prophezeiungen übereinstimmte, die immer Prophezeiungen über Israels Unfähigkeit zu sehen, zu hören und zu verstehen beinhalteten (12:37-41).

    Das Ergebnis – der Höhepunkt des Evangeliums und für Johannes der Höhepunkt der gesamten Story Israels – ist die paradoxe „Inthronisierung“ Jesu am Kreuz, der letzte Moment der Erfüllung der großen biblischen Story (19:19, 24, 28). Jesu letztes Wort, tetelestai, „Es ist vollbracht!“, sagt es deutlich. Die Story ist vollendet – die Story der Schöpfung, die Story von Gottes Bund mit Israel. Jetzt kann eine neue Schöpfung beginnen, wie es unmittelbar danach mit der Auferstehung Jesu geschieht. Jetzt kann der neue Bund geschlossen werden, indem die Jünger mit Jesu eigenem Geist in die Welt ausgesandt werden (20:19–23). So hat die Story Israels ihr Ziel erreicht und kann nun in der ganzen Welt Früchte tragen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 3: Die inadäquaten Antworten

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 3: Die inadäquaten Antworten

    Von Christian / N. T. Wright



    Im diesem Teil werden wir uns mit Antworten beschäftigen, warum es den ‚Mittelteil‘ der Evangelien überhaupt gibt. Indem wir uns mit diesen näher beschäftigen, werden wir erkennen, warum sie nicht ganz falsch liegen, aber dennoch inadäquat sind. Nachdem wir so verschiedene Vorstellungen erkannt haben, die uns auch unbewusst die Sicht versperren können, sind wir dann in der Lage, mit den Ohren der Jünger im ersten Jahrhundert die Evangelien zu hören. Dabei verwende ich das Buch von N.T. Wright: How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien)

    N.T. Wright hat diese Frage, wofür der ‚Mittelteil‘ der Evangelien gut sei, zu verschiedenen Gelegenheiten Gelehrten, Pastoren und Laien wiederholt gestellt. Die Antworten waren aufschlußreich und lassen sich in etwa wie folgt gruppieren.

    In den Himmel kommen

    Die erste Antwort ist oft: Jesus kam, um den Menschen zu erklären, wie sie in den Himmel kommen.

    Kein Zweifel, das Neue Testament geht davon aus, dass Gott für uns Menschen nach dem körperlichen Tod eine wundervolle Zukunft vorbereitet hat. Aber letztendlich geht es um eine Auferstehung einer neuen Welt. Darüber habe ich anhand eines anderen Buches von N.T. Wright in der Serie „Von Hoffnung überrascht“ ausführlich gesprochen.

    Aber darum geht es nachweislich in den vier Evangelien nicht.

    Wie kam es dann dazu, dass diese Vorstellung in der westlichen Kirche sich so verbreitet hat? Wie haben Übersetzungen der Evangelien dazu beigetragen?

    Seit der Entstehung des Kanon des Neuen Testaments befindet sich das Matthäus-Evangelium am Anfang. Und dort wird häufig der Ausdruck „Königreich des Himmels“ verwendet, wohingegen die anderen Evangelien von „Gottes Königreich“ sprechen. Manche deutsche Übersetzungen verstärken dies noch, indem sie etwa so übersetzen:

    Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird ins Himmelreich hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.

    Matthäus 7:21 Züricher

    Im Deutschen ist das Problem durch Verwendung von „Himmelreich“ also noch größer als im Englischen, wo seit der Jahrhunderten seit der King James Version mit „kingdom of heaven“ übersetzt wird. Wer liest, dass man ins „Himmelreich“ kommt und gleich danach vom „Vater im Himmel“ wird denken, dass sie oder er auch in den Himmel kommen.

    Aber das war nicht das, was Matthäus und Jesus meinten. Im Zentrum der Bergpredigt in Matthäus 5-7 spricht Jesus im sogenannten ‚Vater-Unser‘ davon, dass „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ (Matthäus 6:10 Züricher).

    Beim „Königreich des Himmels“ geht es nicht darum, dass Menschen in den Himmel kommen. Es geht darum, dass die Herrschaft des Himmels auf die Erde kommt.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    Es ist das „Königreich des Himmels“, weil seine Autorität von Gott im Himmel kommt.

    Auch wenn sich diese Vorstellung vom Himmelreich schon früh in der Geschichte der Kirche – siehe zum Beispiel das Te Deum Laudamus aus dem vierten Jahrhundert – verbreitet hat, so weicht sie dennoch völlig vom Verständnis im ersten Jahrhundert ab.

    Eine zweite Formulierung, welche üblicherweise mißverstanden wird, ist die des „ewigen Lebens“. Wer von „ewigem Leben“ und „Ewigkeit“ liest, wird in der Regel an ein Leben der Seele im Himmel denken. Aber das ist Plato und nicht die Evangelien aus dem ersten Jahrhundert! So lesen wir:

    Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.

    Johannes 3:16 Züricher

    Im griechischen steht hier αἰώνιον ζωὴν aiōnion zōēn. Aber welche Vorstellung hatten sowohl die Schreiber wie Matthäus und Paulus also auch die Zuhörer bei dem Begriff zoe aionios im ersten Jahrhundert? Die Verwendung von aion bezog sich auf die jüdische Vorstellung eines Zeitalters: ha-olam hazeh, das gegenwärtige Zeitalter und ha-olam ha-ba, das kommende Zeitalter. In diesem kommenden Zeitalter würde Gott Gerechtigkeit und Frieden bringen und die Welt heilen. Paulus verwendet in Galater 1:4 dasselbe Wort, aber die Übersetzungen verschleiern das häufig:

    der sich selbst für unsere Sünden geopfert hat, um uns aus der gegenwärtigen bösen Welt herauszureißen. So wollte es Gott, unser Vater.

    Galater 1:4 NEÜ

    Eine andere Übersetzung gibt das besser wider:

    der sich hingegeben hat um unserer Sünden willen, um uns herauszureissen aus der gegenwärtigen bösen Weltzeit nach dem Willen Gottes, unseres Vaters.

    Galater 1:4 Züricher

    Mit anderen Worten hat Jesus das „kommende Zeitalter“ eingeleitet, eingeläutet. Aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass dieses „kommende Zeitalter“ „ewig“ ist, im Sinne von außerhalb von Raum, Zeit und Materie. Ganz im Gegenteil. Die alten Juden waren Schöpfungsmonotheisten. Für sie bestand Gottes großes zukünftiges Ziel nicht darin, die Menschen aus der Welt zu retten, sondern die Welt selbst, einschließlich der Menschen, aus ihrem gegenwärtigen Zustand der Verderbtheit und des Verfalls zu retten.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    Tatsächlich wird dieses Verständnis von aion von vielen Forschern bestätigt. Wer mehr darüber wissen möchte, den verweise ich gerne auf Jascha Schmitzs Video-Serie „Ewigkeit in der Bibel. Was ist gemeint?“.

    Die ethische Lehre Jesu

    Eine zweite populäre Herangehensweise an den Stoff ‚in der Mitte‘ der Evangelien ist auf die Lehren Jesu hinzuweisen, insbesondere das, was wir als Ethik bezeichnen. Und das trifft in gewissem Maß auch zu.

    „Jesu Aufforderung an Israel, tatsächlich Israel zu sein, jetzt, da er da war, wird direkt zu einer Herausforderung und Einladung zu einer völlig neuen Art, Mensch zu sein. Dieser Weg zeichnet sich besonders durch Vergebung aus, durch Gottes Vergebung der Menschen und unsere gegenseitige Vergebung. All das bildete für die meisten Zuhörer Jesu ein völlig neues Programm. Es musste dargelegt, erklärt, wiederholt, veranschaulicht und allgemein gelehrt werden. Also ja, Jesus war zweifellos ein „Lehrer“. In der Tat wurde er manchmal von den Menschen als solcher angesprochen, und Jesus sagte ihnen nie, dass sie damit falsch lagen.“

    Aber von Jesus nur als „Lehrer“ zu sprechen verfehlt bei weitem das, was er tat. Unter ‚Lehrer‘ verstehen wir meist jemanden, der anderen bereits vorhandenes Wissen vermittelt, wie ein Klavierlehrer oder Schullehrer. Doch Jesus tat viel mehr:

    Jesus verkündete, dass eine völlig neue Welt geboren wurde, und er „lehrte“ die Menschen, wie sie in dieser völlig neuen Welt leben sollten. Insofern sollten wir die Idee, ihn als „Lehrer“ zu betrachten, sowohl annehmen als auch radikal einschränken oder modifizieren. Tatsächlich sollte die Modifizierung vor der Annahme stattfinden. Man versteht den Sinn des „Lehrens“ erst, wenn man das Gesamtbild dessen versteht, was Jesus getan hat.

    Ohne dieses größere Bild kann das Wort „Lehrer“ oder „Lehren“ dazu führen, dass die Botschaft der Evangelien über Jesus stark verfälscht wird. Der Begriff „Lehren“ kann leicht auf das gängige Bild von Jesus als einem der großen „religiösen Lehrer“ der Welt neben Buddha, Mohammed usw. reduziert werden. Mit anderen Worten: Es gibt einige Dinge, die als „religiöse Wahrheiten“ bezeichnet werden und die einige große Seelen entdeckt und gelehrt haben, und Jesus war einfach eine dieser großen Seelen, einer dieser großen Lehrer.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    Jesus, das moralische Vorbild

    Ein drittes populäres Erklärungsmodell dafür, warum die Evangelien so viel über die öffentliche Laufbahn Jesu schreiben, ist, dass sie uns damit ein Vorbild geben wollen, wie wir leben sollen.

    Aber ist das wirklich sonderlich ermutigend, den als vollkommen dargestellten Jesus sich als Vorbild zu nehmen? Ist das nicht eher frustrierend, weil wir das so nie erreichen können? „Hast du jemals versucht, Jesus nachzuahmen, nicht nur in seiner erstaunlichen Großzügigkeit und Freundlichkeit, sondern auch in seinen scharfsinnigen, farbenfrohen kleinen Geschichten? Nur sehr wenige Menschen in der Geschichte waren in der Lage, so kurze und doch so vollständige Geschichten zu erzählen. … Immer wieder stellen wir in den Evangelien fest, dass Jesus sich in Wirklichkeit nicht als Vorbild hinstellt, dem man folgen oder das man kopieren sollte.. … Seine Aufgabe ist einzigartig.“

    Auch das ist also kein zufrieden stellender Ansatz, um den Aufbau der Evangelien zu erklären.

    Jesus das vollkommene Opfer 

    „Eine vierte unzureichende Antwort hat versucht, die erste und die dritte miteinander zu verbinden. Das Ziel ist immer noch, uns in den Himmel zu bringen, aber Jesus ist nicht nur das moralische Vorbild – sein vollkommenes Leben bedeutet, dass er das vollkommene Opfer sein kann.“

    „Also, ja, die moralische Vollkommenheit Jesu spielt in Bezug auf seinen Tod eine Rolle. Aber abgesehen von diesen Passagen zeigen die Evangelien keinerlei Interesse daran, die Verbindung herzustellen, die in vielen traditionellen Lehren verwendet wird. Wenn es das war, was sie sagen wollten, hätte man meinen können, dass sie es etwas deutlicher gemacht hätten.“

    Geschichten, mit denen wir uns identifizieren können

    N.T. Wright weist noch auf einen fünften Punkt hin: „Eine fünfte unzureichende Antwort schlägt einen ganz anderen Weg ein. „Die Evangelien sind geschrieben worden“, haben mir die Leute gesagt, „damit wir uns mit den Figuren in der Geschichte identifizieren und unseren eigenen Weg finden können, indem wir sehen, was ihnen widerfahren ist.““

    Solche Geschichten sind zwar Bestandteil der Evangelien und wertvoll, aber soll das der ganze Grund sein, warum die Evangelien geschrieben wurden? Und was ist dann mit der Geburt, dem Tod und der Auferstehung Jesu? Warum dann die Verflechtung mit dem Alten Testament?

    Beweise für die Göttlichkeit Jesu

    „Die sechste gängige Meinung besagt, dass die Evangelien geschrieben wurden, um die Göttlichkeit Jesu zu beweisen.“ Das dürften viele Christen als Hauptgrund für die Evangelien anführen, vielleicht noch mit der Anmerkung, dass auch seine Menschlichkeit gleichzeitig gezeigt wird.“

    Doch war das die Frage, welche im ersten Jahrhundert für die Jünger wichtig war?

    Wann haben die Menschen angefangen, auf diese Weise über die „Menschlichkeit“ und „Göttlichkeit“ Jesu zu sprechen? Ich denke nicht im ersten Jahrhundert. Versteh mich nicht falsch. Wie wir sehen werden, waren sich die Autoren des Neuen Testaments, wenn die Frage aufgeworfen wurde, ziemlich sicher, dass Jesus tatsächlich vollständig menschlich und – irgendwie seltsam, aber definitiv – wahrhaft göttlich war. Aber das scheint nicht ihr Hauptanliegen zu sein. Selbst Johannes, der seinen Prolog, der die Bühne bereitet, auf den Höhepunkt bringt, indem er davon spricht, dass das Wort Fleisch wird, macht dies nicht zum Hauptstrang der Geschichte, die er erzählt. Erst später, als die Kirche in die weite Welt der griechischen Philosophie hinauszieht, wird die Frage abstrakt gestellt. In der Mitte des fünften Jahrhunderts verkündete die chalzedonische Christologie in klingenden, runden und offen gesagt sehr paradoxen Tönen, dass Jesus tatsächlich sowohl göttlich als auch menschlich war. Diese abstrakten Kategorien standen damals im Mittelpunkt der Diskussion, und das nicht ohne Grund. Aber wenn man Chalcedon mit den vier Evangelien vergleicht, stellt man fest, dass es sich um sehr unterschiedliche Arten von Dokumenten handelt und dass die Evangelien, obwohl Jesus tatsächlich einerseits bemerkenswerte Dinge tut, und sich andererseits wie ein gewöhnlicher Mensch verhält, nicht geschrieben zu sein scheinen, um diesen Punkt zu beweisen.

    Der Punkt ist, um es noch einmal zu wiederholen, nicht, ob Jesus Gott ist, sondern was Gott in und durch Jesus tut.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    N.T. Wright geht dann auf einige Texte näher ein, was hier aber zu weit führen würde. Wir werden darauf zurück kommen, wenn wir die verschiedenen Erklärungen zu einem überraschenden Gesamtbild zusammenfügen werden.

    Verdrängungsaktivitäten

    Das Material der Evangelien ist so reichhaltig, dass man sich mit jedem dieser Themen intensiv beschäftigen kann. Doch dabei scheint der Blick auf das zugrundeliegende zentrale Thema verloren gegangen zu sein.

    Das Ergebnis war eine Reihe von Verdrängungsaktivitäten. Die Kirche hat im wesentlichen Folgendes gesagt: (a) Wir wissen, dass die Evangelien wichtig sind, weil sie das inspirierte apostolische Zeugnis von Jesus sind; und (b) wir wissen, was in der christlichen Theologie wichtig ist, nämlich die Göttlichkeit Jesu und sein erlösender Tod oder, wenn man so will, seine moralische Lehre und sein Beispiel; also (c) nehmen wir an, dass dies die Hauptbotschaft der Evangelien ist.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    Und was ist nun die zentrale Botschaft der Evangelien. Dies, und darüber sprechen wir in den nächsten Folgen:

    Um den Vorschlag, an dem ich gearbeitet habe, zusammenzufassen: Die vier Evangelien versuchen zu sagen, dass Gott auf diese Weise König wurde

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 2: Alles außer der Mitte

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 2: Alles außer der Mitte

    Von Christian / N. T. Wright


    Im ersten Teil der Serie haben wir festgestellt, dass die wesentliche Story der Evangelien vergessen worden ist und welche Rolle dabei zum Beispiel die Glaubensbekenntnisse gespielt haben. Dabei verwende ich das Buch von N.T. Wright: How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien)

    In diesem Teil geht es darum, wie verschiedene Überbetonungen oder Fixierungen auf bestimmte Aspekte der Evangelien zwar populär wurden, aber nicht zu einem zufrieden stellenden Gesamtverständnis der Evangelien führten.

    Jesus ohne die Glaubensbekenntnisse?

    In den Glaubensbekenntnissen werden vor allem Jesu Geburt, sein Tod und die Auferstehung und damit zusammenhängende Lehren adressiert. Was bleibt, als versucht wurde, alle anderen Teile der Evangelien wieder mehr Gewicht zu verleihen? Seit dem 18. Jahrhundert ist es in Mode gekommen, an die Evangelien mit der ‚historischen Frage‘ heranzugehen: Ist es wirklich so geschehen? Das ist die Frage bis heute. Und die intellektuelle Antwort war und ist oft bis heute: Ja, es hat ihn gegeben, den sogenannten ‚historischen Jesus‘. Aber der Rest ist nie geschehen. All die Wunder und was die Glaubensbekenntnisse beinhalten stammt von der Kirche, die ihren eigenen Glauben ausdrücken wollte. Was dann von Jesus übrig bleibt ist eine von drei Möglichkeiten:

    1. Ein Revolutionär, der sich mit dem römischen Imperium anlegte, um einen jüdischen Staat wieder zu errichten.
    2. Oder ein wilder, apokalyptischer Visionär, der das Ende der Welt erwartete.
    3. Oder ein mild-gestimmter, vernünftig denkender Lehrer, der die Bruderschaft aller Menschen unter dem Vater Gott lehrte.

    Oder eine Kombination von allem. Wie auch immer, er hat sich getäuscht. Die Römer haben ihn umgebracht, das Ende der Welt kam nicht und selbst seine Jünger haben sich in den Jahrhunderten danach nicht unbedingt durch mildes, vernünftiges Denken hervorgetan. Und das ist im Wesentlichen auch die Richtung der Skeptiker oder liberalen Denker der letzten zweihundert Jahre und tausender Fachbücher und populären Büchern gewesen. Für viele ist das der neue ‚orthodoxe‘ Glaube.

    Die Vorstellung, dass Jesus kam, um eine neue, einfache, klare Ethik zu lehren, die darin besteht, nett zu den Menschen zu sein, ohne jegliche „dogmatische“ Ansprüche oder „übernatürliche“ Elemente, ist so tief in der westlichen Kultur verankert, dass man manchmal verzweifelt, wie ein Gärtner, der mit Gundermann konfrontiert ist, daran, ihn jemals auszurotten. Bis heute scheint es in der gesamten westlichen Welt einen Markt für Bücher zu geben, die behaupten, dass Jesus nur ein guter jüdischer Junge war, der entsetzt gewesen wäre, wenn er gesehen hätte, dass eine „Kirche“ in seinem Namen gegründet wurde, der sich selbst nicht als „Gott“ oder gar als „Sohn Gottes“ betrachtete und der nicht die Absicht hatte, für die Sünden anderer zu sterben – die Kirche hat alles falsch verstanden. Die Autoren solcher Bücher bezeichnen sich regelmäßig als „neutral“, „unvoreingenommen“, „unparteiisch“ oder „unabhängig“. Von wegen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 2

    Das soziale Evangelium Jesu?

    Immerhin hat diese Sicht auf das Leben Jesu ohne die übernatürlichen Elemente, die sich in den Glaubensbekenntnissen finden, auch eine positive Seite. Hat Jesus in Vorschau dessen, was das ‚Königreich Gottes“ tun wird, nicht auch die Kranken geheilt, die Hungernden gespeist, den Armen aus ihrer Not befreit und Witwen und Waisen zu ihrem Recht verholfen? Und daraus wurde gegen Ende des 19. Jahrhundert die Bewegung des „christlichen Sozialismus“. Das Problem damit ist nicht nur theologischer Art – warum pickt man sich manche Aspekte aus den Evangelien heraus und ignoriert andere? Sondern der Höhepunkt dieser Bewegung ist längst überschritten und trotzdem gibt es noch dieselben Probleme – auch in der westlichen, christlichen Welt.

    Vielleicht sollten wir doch versuchen, den ‚Mittelteil‘ der Evangelien über das Leben Jesu mit dem anderen Teil, der in den Glaubensbekenntnissen hervorgehoben wird, zu verbinden.

    Hat Jesus über sich selbst gesprochen?

    Die ‚liberale‘ Lesart der Evangelien hat heute noch zu einer weiteren Vorstellung geführt: Jesus scheint über Gott gesprochen zu haben, seine Nachfolger und die frühe Kirche sprachen dann über Jesus. Insbesondere scheinen die Glaubensbekenntnisse auf die präzise ontologische Beziehung Jesu zu Gott, dem Vater, fixiert zu sein. Etwas, was Jesus gemäß den Evangelien nicht auf diese Weise getan hätte. Das kann sich soweit steigern, dass eine gewisse Überlegenheit dieses Standpunkts empfunden wird. N. T. Wright formuliert das prägnant so:

    „Ihr Möchtegern-Orthodoxen steckt eure Nasen in die Luft, weil ihr an die Göttlichkeit Jesu glaubt, während wir modernen geschichtsbewussten Leser unsere Nasen in die Luft stecken können, weil wir herausgefunden haben, dass Jesus selbst nie so gedacht hat!“ Die kirchliche Verehrung Jesu kann also als Verfälschung dessen, was Jesus selbst gesagt oder gedacht hätte, „entlarvt“ werden, so denkt man.

    N.T.Wright How God Became King, Kapitel 2

    Wie so oft steckt in dieser Behauptung ein Funke Wahrheit. Allerdings hält sie einer genaueren Analyse der Texte nicht stand. Dies Haltung suggeriert ja unter der Oberfläche, dass Jesus überhaupt nichts über sich und seine Rolle sagte, weil er über Gott sprach. Was aber nicht der Fall ist. Beim Lesen der Evangelien müssen wir unbedingt nicht nur oberflächlich die Worte sondern auch die tieferen Bedeutungsebenen berücksichtigen. Das wird klarer, wenn wir später darüber sprechen, wie die Evangelisten sich auf das Alte Testament bezogen haben und was Jesu Worte in diesem Kontext bedeuten.

    Die verborgene Herausforderung: Theokratie

    Unsere Wahrnehmung der Evangelien könnte unbewusst auch stark vom Zeitalter der Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert geprägt sein. Im Laufe der Zeit wurde Gott – was auch immer Gott sein mag – immer weiter ‚nach oben‘ entrückt. Bestenfalls auf einen Ehrenplatz, aber weit weg. Weit weg davon, die Geschicke der Menschen zu lenken. Das taten die Menschen jetzt selbst. Mit anderen Worten: Auf keinen Fall wollte man irgend einen Hauch von Theokratie – einer Regierung Gottes – haben. Diese Trennung von Kirche und Staat mag nach den Erfahrungen der Geschichte plausibel erscheinen. Sie führte aber noch stärker dazu, dass Glaube oder Religion eine Sache der privaten Lebensführung ist.

    Das kannst du selbst feststellen, wenn du über das Gebet Jesu nachdenkst: „Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden.“ (Matthäus 6:10) Wie soll das auf der Erde geschehen? Wie weit beeinflusst die Aufklärung unser Denken? Und wie weit die Evangelien? Der Text lautet ja vollständig: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ (Matthäus 6:10 Züricher). Für berühmte Denker der Aufklärung ging es dabei entweder um eine gewalttätige militärische Revolution oder das Ende der Welt. Diese Vorstellungen könnten uns also unbewusst daran hindern, die Botschaft zu erkennen, welche die Evangelisten aber unbedingt vermitteln wollten.

    Die orthodoxe Antwort

    Die Aufklärung und der allgemeine Skeptizismus drängte die Kirche in die Defensive. Die Frage im Raum war: War Jesus wirklich göttlich? Das Ergebnis war dann, dass man die Evangelien las, um einen Beweis zu finden. Und man fand ihn: Wunder! Zumindest dachte man das und manche argumentieren heute noch so. Aber sind ‚Wunder‘ wirklich ein Beweis für die Göttlichkeit Jesu? Ist das der wesentliche Grund für den Text der Evangelien zwischen Geburt und Kreuz? Was auf den ersten Blick vielleicht überzeugend klingt, übersieht jedoch die Tatsache, dass schon im Alten Testament von Wundern durch Moses, Elia und Elisa geschrieben wird, ohne auch nur im Geringsten den Anspruch zu erheben, dass einer von diesen göttlich gewesen wäre.

    Es gab und gibt also eine Menge verschiedene Antworten auf die Frage, warum die Evangelisten ihre Evangelien so und nicht anders geschrieben haben. Und obwohl sie sich so unterscheiden und zum Teil konträr sind, erscheinen sie eher als Reaktion auf den Kontext und Entwicklungen ihrer Zeit, als inadäquate Antworten.

    Im nächsten Teil werden wir uns daher mit weiteren Antworten beschäftigen, warum es den ‚Mittelteil‘ der Evangelien überhaupt gibt. Indem wir uns mit diesen näher beschäftigen, werden wir erkennen, warum diese Antworten nicht ganz falsch liegen, aber dennoch inadäquat sind. Nachdem wir so verschiedene Vorstellungen erkannt haben, die uns auch unbewusst die Sicht versperren können, sind wir dann in der Lage, mit den Ohren der Jünger im ersten Jahrhundert die Evangelien zu hören.

  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 1: Die fehlende Mitte

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 1: Die fehlende Mitte

    Von Christian / N. T. Wright


    Die Evangelien werden nun schon seit zwei Jahrtausenden gelesen und studiert. Da müsste doch schon längst alles dazu gesagt und geschrieben worden sein, oder? Kann man darin überhaupt noch etwas Neues entdecken? Nicht nur das. In dieser Serie werden wir Argumente betrachten, die zeigen, dass wir sogar das Evangelium selbst, die wesentliche Story der Evangelien heute wieder entdecken müssen, weil diese in Vergessenheit geraten ist. Das Gewicht und die Aufmerksamkeit sind auf verschiedene andere Themen gelegt worden, so dass die zentrale Botschaft untergegangen ist. Diese anderen Nebenstimmen sind sozusagen so laut und beliebt geworden, dass das zentrale Thema, welches von den anderen Stimmen unterstützen werden sollte, nicht mehr wahrgenommen wurde.

    Das Thema ist jedoch nicht nur in Bezug auf den persönlichen Glauben wichtig, wo doch zumindest für ‚Christen‘ die Evangelien eine zentrale Rolle spielen sollten. Es hilft uns auch, den Fokus richtig zu setzen und unterschiedliche Auffassungen zu akzeptieren. Warum sollten man anderen den Glauben absprechen, sie als Häretiker, Ketzer, Abtrünnige oder ‚falsche Religion‘ bezeichnen, wenn es bei den unterschiedlichen Auffassungen nicht einmal um die zentrale Botschaft des Evangeliums geht?

    Wie konnte es aber überhaupt soweit kommen, dass das, was die vier Evangelisten anderen unbedingt mitteilen wollten, so in Vergessenheit geriet? Dabei spielten unter anderem Glaubensbekenntnisse – so gut sie sind oder gemeint waren – eine Rolle wie wir gleich sehen werden.

    „Und warum, Bitteschön, ist das in zweitausend Jahren keinem außer dir aufgefallen?“ Ist es mir gar nicht. Was mir allerdings immer mehr bewußt wurde, ist, dass für viele Lehren oder gar Glaubenssysteme, nur ganze wenige Bibeltexte verwendet oder überbetont werden. Oder die Texte stammen überwiegend oder ausschließlich aus einem Bibelbuch, einigen Briefen des Paulus usw. Und wie passen das Alte und das Neue Testament zusammen? Jenseits von ‚alles deutet prophetisch auf Jesus‘, was gar nicht der Fall ist. Wenn sich die Texte des Neuen Testaments so oft auf das Alte beziehen oder deren Bilder und Begriffe verwenden oder umdeuten, war das dann ein Umbruch, etwas ganz Neues? Oder bilden beide eine Einheit jenseits oberflächlicher Bezugnahmen? Tatsächlich haben fleißige Bibelwissenschaftler dazu interessante Beiträge geleistet, auf die ich immer wieder eingehen werde.

    Einer davon ist N. T. Wright, der etwas immer wieder beobachtet hat, das schließlich Anlass zu diesem Buch war:

    In dieser Serie möchte ich die wichtigsten Argumente aus dem Buch aufgreifen, damit sich jeder selbst dazu eine Meinung bilden kann. Gehen wir also zurück ‚zu den Wurzeln‘ und lesen die Evangelien im Kontext der Jünger des ersten Jahrhunderts – und nicht mit unserem Kontext des 21. Jahrhunderts und keinem Glaubensbekenntnis im Hinterkopf. Denn die Gefahr ist groß, dass wir sonst etwas hineinlesen oder darin zu finden glauben, was als Lehre erst Jahrhunderte später entwickelt wurde.

    Und was geschah … dazwischen?

    Die Fragestellung dieser Serie führt N. T. Wright mit einer persönlichen Erfahrung als Jugendlicher ein, die jeder leicht nachvollziehen kann. Er wollte mit anderen eine Serie von Studien über Jesus durchführen, die alle auf Warum-Fragen beruhten: Warum wurde Jesus geboren? Warum lebte Jesus? Warum starb Jesus? Warum ist Jesus auferstanden? Warum wird er wiederkehren?

    Wenn du einen Moment inne hältst und dir Antworten auf die Fragen überlegst, wird dir bei fast allen Fragen Einiges einfallen. Und du wirst eine Verbindung zu zentralen Lehren des Christentums erkennen. Nur bei einer Frage, könnte es schwierig geworden sein: Warum lebte Jesus? Keine schwierige Frage, findest du? Nun, würde sich an deinen Antworten auf die anderen Fragen oder an deiner Hoffnung irgendetwas ändern, wenn er kurz nach der Geburt gleich ‚für unsere Sünden gestorben‘ wäre? Oder wenn er statt 3 1/2 Jahre 30 1/2 Jahre tätig gewesen wäre?

    Vielleicht hast du jetzt ein paar Gründe im Sinn. Wir werden auf einige später eingehen und sehen, dass sie bei näherer Betrachtung nicht so überzeugend sind, wie man denkt. Nehmen wir zum Beispiel die Begründung, dass Jesus trotz aller Versuchungen ein gottgefälliges Leben ohne Sünde führen musste. Gut. Das hätten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes in einem Satz festhalten können. Aber darum geht es im Großteil des Textes gar nicht. Ein anderer möglicher Grund: Jesus lebte uns vor, wie wir leben sollen. Aber auch das wird im Großteil des Textes der Evangelien gar nicht beschrieben.

    Tatsächlich zeigen schon die frühesten Glaubensbekenntnisse ein interessantes Muster. Nehmen wir zum Beispiel das kurze Glaubensbekenntnis aus dem vierten Jahrhundert, welches als das ‚Glaubensbekenntnis der Apostel‘ bekannt ist:

    Ich glaube an … Jesus Christus, Gottes einzigen Sohn, unseren Herrn;
    empfangen durch den Heiligen Geist,
    geboren von der Jungfrau Maria,
    gelitten unter Pontius Pilatus,
    gekreuzigt, gestorben und begraben,
    hinabgestiegen zur Hölle,
    am dritten Tage auferstanden von den Toten,
    aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters,
    von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

    N.T.Wright How God Became King, chapter 1, ‚Apostel’s Creed‘

    So viele Einzelheiten und doch nichts über Jesus Leben zwischen seiner Geburt und Kreuzigung! Nun vergleiche das einmal mit den vier Evangelien. Wieviel Text wird auf die Geburt und Taufe Jesus verwendet? Wieviel auf seine Kreuzigung und Auferstehung? Nur ein Bruchteil des Textes der Evangelien:

    Wie konnte es dazu kommen? Bevor jemand jetzt vorschnell auf die Idee kommt, dass der im Neuen Testament angekündigte Abfall der Grund ist, sollten wir uns einen einfachen Mechanismus bewußt machen. Anfangs wurden die Evangelien – wie auch andere Briefe – regelmäßig laut gelesen. Die Gläubigen beteten das ‚Vater-Unser‘ und kannten die Details der Evangelien, die sie als Grundlage verstanden. Die Glaubensbekenntnisse dienten nur als Rahmen, um wichtige Grundlehren klar gegen anderen Auffassungen wie die der Gnostiker abzugrenzen. Es gab zahlreiche Kontroversen zu verschiedenen Themen. Und wenn diese entschieden waren – wie auch immer – wurden diese frühen Formeln zu Bestandteilen von Glaubensbekenntnissen und sozusagen wie gewaschene Wäsche auf die Wäscheleine gehängt. N.T. Wright formuliert die Veränderung so:

    Die Kirche stellte eine „Glaubensregel“ auf, anhand derer man angeblich die heiligen Schriften verstehen sollte. Aber die fragliche „Regel“ – die sich entwickelnden Glaubensbekenntnisse und die frühen Formeln, die zu ihnen führten – ignorierte das zentrale Thema der vier Evangelien. Man beachte, was passiert. Irgendwann, vielleicht nicht lange nachdem die Glaubensbekenntnisse geschrieben wurden, wurde die ‚Wäscheleine‘ zu einem Lehrmittel. Die Liste der früheren Kontroversen wurde zum Lehrplan. „Dies“, so erklärte die Kirche, ‚sind die Dinge, die ihr über Gott, Jesus, den Heiligen Geist usw. wissen müsst. Und an diesem Punkt haben wir eine Grenze überschritten. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sagen: ‘Dies sind die Dinge, die ihr über Jesus wissen müsst.“ Die Glaubensbekenntnisse sagen, wenn man sie aus ihrem liturgischen Kontext herausnimmt, in den sie zusammen mit den Evangelien und dem Vaterunser gehören, und sie stattdessen als Grundlage für ein Lehrprogramm verwendet, Folgendes: „Nein, es gibt diese Dinge, die du wissen musst …“ 

    N.T.Wright How God Became King, chapter 1

    Mit der Zeit ging so das Zentrum – die Story der Evangelien – verloren und die Ergebnisse der Kontroversen standen im Vordergrund. Das macht die Glaubensbekenntnisse nicht für sich falsch oder unnötig oder nutzlos. Aber sie dürfen nicht die Story der Evangelien ersetzen.

    In dieser Serie verwende ich die Formulierung „Story der Evangelien“, wenn es darum geht, was uns die Evangelien zu sagen haben. Was die Autoren uns mitteilen wollen. Welche ‚Geschichte‘ sie uns darlegen. Das deutsche Wort Geschichte hat aber verschiedene Bedeutungen, weshalb „die Geschichte der Evangelien“ mißverständlich ist: Es geht nicht um Geschichte im Sinne eines historischen Berichtes, wie er in unserer Zeit verfasst würde. Eine Formulierung wie „die Evangelien erzählen eine Geschichte“ hört sich aber eher nach Märchen oder einer erfundenen Geschichte an. Daher habe ich das englische Wort „Story“ stehen lassen.

    Tatsächlich ist es so, dass viele ‚das Evangelium‘ nur mit Texten des Paulus wie Römer 3 und Galater 2-3 erklären würden – wie es die frühen Reformatoren taten – ohne sich auch nur ein einziges Mal auf eines der Evangelien zu beziehen! N.T. Wright schreibt daher:

    Es ist nicht nur so, dass wir alle die Evangelien falsch gelesen haben, obwohl ich denke, dass das im Großen und Ganzen stimmt. Es ist eher so, dass wir sie überhaupt nicht wirklich gelesen haben. Wir haben sie in den Rahmen von Ideen und Überzeugungen eingepasst, die wir aus anderen Quellen übernommen haben.

    Ich möchte, dass sie [die Evangelien] in diesem Buch, so gut wie mir das möglich ist, für sich selbst sprechen können. Das Ergebnis wird nicht jedem gefallen.

    N.T.Wright How God Became King, chapter 1

    Nun, wenn das Ergebnis nicht jedem gefallen wird, verspricht es ja ziemlich interessant zu werden – finde ich zumindest.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Fazit

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Fazit

    Von Christian


    Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere zwischendurch dachte: „Hoffentlich ist diese verwirrende Serie bald zu Ende.“ Falls du trotzdem bis hierher durchgehalten hast, freut mich das ganz besonders. Alle anderen sind aber natürlich auch herzlich willkommen 🤗. Jetzt kommt keine Zusammenfassung („oh nein, bitte nicht nochmal das Ganze …“), sondern ein Fazit.

    Es ging um Eschatologie …

    Eschatologie ([ɛsça-], aus altgriechisch τὰ ἔσχατα ta és-chata ‚die äußersten Dinge‘, ‚die letzten Dinge‘ und λόγος lógos ‚Lehre‘) ist ein theologischer Begriff, der das religiöse Konzept des Endzeitlichen, insbesondere die prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen (individuelle Eschatologie) und der gesamten Schöpfung (universale Eschatologie) beschreibt.

    Kurz gesagt geht es um die ‚Endzeit‘. Und das ist etwas, worüber man sich schon Gedanken machen kann – oder vielleicht sogar machen sollte? Was sagt denn die Bibel dazu?

    Nun, wohl nichts so Offensichtliches wie ein Datum, sonst wäre es ja allen klar. Aber vielleicht müssen wir nur die verschlüsselten Begriffe im Bibelbuch Daniel, dem Neuen Testament und insbesondere der Offenbarung verstehen und kombinieren, um dieses Geheimnis zu lüften? Es soll sogar Zeichen geben, die wir nur entschlüsseln müssten. Und viele geben vor, dies tun zu können! Bei der Übersetzung des Buches „Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ war ich über die lange Liste der vorhergesagten Daten der Endzeit gelinde gesagt schockiert: Alleine von der Reformation bis heute führt er Dutzende von Vorhersagen und Jahren an.

    Wie man sich dabei völlig verrennen kann und trotzdem weiter verbissen an einer Auslegung festhält, auch wenn sich die Vorhersagen nicht erfüllt haben, erkennt man gut an der adventistischen Religion der Zeugen Jehovas. Am Beispiel deren Lehre „der Generation von 1914“ habe ich die zeitliche Reihenfolge der Vorhersagen und ihres Scheiterns in meinem Beitrag „Die Generation …“ aufgezeigt.

    Der kürzlich verstorbene M. James Penton hatte dies schon vor vielen Jahren in einem Buch aufgearbeitet: „Endzeit ohne Ende“:

    M. James Penton "Endzeit ohne Ende"
    M. James Penton „Endzeit ohne Ende“

    Die zentrale Schlussfolgerung ist daher:

    Was leider oft bei den Lehren zur Eschatologie übersehen wird, ist, welche entscheidende Rolle die eigenen Annahmen und Interpretationen spielen.

    Wir können nicht mit Gewissheit und ohne eigene Annahmen genau eine Eschatologie aus der Bibel ableiten.

    Deswegen gibt es ja auch die verschiedenen Strömungen, von denen einige oder viele mehr oder weniger eintreffen können:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus

    Letztendlich basieren alle diese Auslegungen auf relativ wenigen und kurzen Passagen vor allem im Neuen Testament. Manche Idee beruht nur auf wenigen oder gar nur einem Vers.

    Wenn im Neuen Testament so wenig und wenig Eindeutiges zu finden ist, dann ist das wohl kaum die Kernbotschaft dieses Textes. Sollte unser Fokus nicht vielmehr auf dem Evangelium, dessen Bedeutung und der Umsetzung in unserem Leben liegen?

    Wer sich zu sehr auf ‚das Ende‘ konzentriert, verliert den Fokus auf das eigene Leben in der Zeit davor – auf das jetzt und heute.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 14

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 14

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 14

    Thema: Wurde das Buch der Offenbarung vor oder nach 70 n. Chr. geschrieben? Jede Ansicht über eine Entrückung hängt von einem Datum nach 70 ab; jede Ansicht, die keine Entrückung vorsieht, muss von einem Datum vor 70 ausgehen. Wie können wir wissen, welche Ansicht richtig ist? Gute Frage.

    Wir nähern uns dem Ende (ich muss meine Liste überprüfen).

    Es ist Zeit für die Frage: „Wann wurde das Buch der Offenbarung geschrieben?“ Die beiden Kandidaten sind natürlich vor oder nach 70 n. Chr. (letzteres in den 90er Jahren). Ich denke, die gründlichste aktuelle Diskussion darüber stammt von Greg Beale in seinem umfangreichen Kommentar zur Offenbarung im New International Greek Text Commentary. Ich habe seine Diskussion hier angehängt (19 Seiten). Ich habe unter jeder Seite einige Punkte hervorgehoben, die meiner Meinung nach die wichtigsten Argumente sind.

    Ich denke, du wirst sehen, dass die Frage unentschieden ist. Wie bei allem anderen muss jede Seite ein paar Annahmen treffen. Ich bin sicher, dass viele von euch in der Sonntagsschule gehört haben (falls es in der Sonntagsschule noch so etwas wie Buchstudien gibt), dass das Buch in den 90er Jahren geschrieben wurde. Könnte sein. Aber es gibt eine Menge, was sie einem in der Sonntagsschule nicht erzählen.

    Meiner Meinung nach scheint die Beweislage für ein spätes Datum (90er Jahre) das Datum vor 70 n. Chr. zu überwiegen. Beale ist auch dieser Meinung. Bedenkt, dass er ein „idealistischer Amillennialist“ ist, also schließt daraus nicht, dass ein Datum von 90 n. Chr. zu einem vor-dem-Millennium Argument passt (noch etwas, das man euch vielleicht in der Sonntagsschule erzählt hat).

    Viel Spaß!


    Ich führe hier einmal die Sätze an, die Michael Heiser in dem Artikel markiert hat:

    Einleitung

    Es gibt keine einzelnen Argumente, die eindeutig auf das frühe oder das späte Datum hinweisen. Das frühe Datum könnte richtig sein, aber die Gesamtheit der Beweise deutet auf das späte Datum hin.

    Argumente für ein spätes Datum

    “Babylon”

    Diejenigen, die ein Datum vor 70 n. Chr. für die Offenbarung bevorzugen, betrachten „Babylon“ als symbolischen Namen für das abtrünnige Jerusalem, aber die Verwendung des Namens durch Johannes könnte der stärkste interne Beweis für ein Datum nach 70 sein. „Babylon“ bezieht sich in der jüdischen Literatur nach 70 n. Chr. auf Rom und ist ungefähr zeitgleich mit der Apokalypse. Jüdische Kommentatoren nannten Rom ‚Babylon‘, weil die römischen Armeen Jerusalem und seinen Tempel im Jahr 70 n. Chr. zerstörten, genau wie es Babylon im sechsten Jahrhundert v. Chr. getan hatte. Diese Verwendung des Namens hat Johannes wahrscheinlich beeinflusst, ebenso wie andere jüdische Traditionen.
    Juden scheinen Rom jedoch erst nach 70 n. Chr. als „Babylon“ bezeichnet zu haben. Tatsächlich taucht „Babylon“ in der frühen Metaphorik nur in der Offenbarung, in 4 Esra, in 2 Baruch und in den Sibyllinischen Orakeln auf, die eindeutig nach 70 entstanden sind.

    Die frühesten Traditionen

    Die Aussagen der frühesten patristischen Autoren stützen eine Datierung in die Zeit Domitians. Die wichtigsten dieser Zeugen sind Irenäus, Victorinus von Pettau, Eusebius und möglicherweise Clemens von Alexandria und Origenes.

    Argumente für ein frühes Datum

    Der Tempel und Jerusalem

    Dass der Tempel in Jerusalem in Offenbarung 11:1–2 als noch stehend bezeichnet wird, wird manchmal als Beweis für ein Datum vor 70 n. Chr. herangezogen, da es unwahrscheinlich ist, dass ein christlicher oder jüdischer Autor nach der Zerstörung des Tempels in diesem Jahr so etwas erwähnen könnte.

    Dies setzt jedoch eine wörtliche Auslegung von 11:1–2 voraus – und dass es sich auf den herodianischen Tempel aus dem ersten Jahrhundert bezieht. Die wörtliche Auslegung sollte im Lichte der Symbolik im gesamten Buch und insbesondere in Kapitel 11 (z. B. Vv 3–7) hinterfragt werden.

    Die sieben Könige (Off 17)

    Es gibt Fragen, die sich bei jeder historischen Identifizierung stellen …

    “666”

    Einige behaupten, dass der Zahlenwert des Namens Nero(n) Caesar nach der hebräischen Transkription berechnet werden sollte, da er 666 ergibt, die Zahl des Namens des Tieres in 13:18. Dies würde darauf hindeuten, dass das Buch vor 70 n. Chr. geschrieben wurde, da das Tier der Offenbarung zum Zeitpunkt der Niederschrift aktiv zu sein scheint (obwohl einige Kapitel 13 als rein prophetisch betrachten).

    “Babylon”

    „Babylon“ wird in der Offenbarung aus mindestens zwei Gründen als Jerusalem angesehen. Erstens wird in 11:8 der Ort, ‚wo ihr Herr gekreuzigt wurde‘, als ‚die große Stadt‘ bezeichnet, und in den folgenden Kapiteln wird ‚die große Stadt‘ auch ‚Babylon‘ genannt (18:10, 16, 18, 19, 21; vgl. 14:8; 17:5). Dies ist jedoch nur dann eine korrekte Identifizierung, wenn der entscheidende Hinweis auf Jerusalem in 11:8 wörtlich zu verstehen ist. Dies ist unwahrscheinlich, da „wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde“ mit „das geistlich gesehen genannt wird“ eingeleitet wird.


  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 13

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 13

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 13

    Thema: Bist du ein Trenner oder ein Vereinender? JEDE Ansicht über eine Entrückung hängt stark davon ab, ob man die Passagen, die von der Rückkehr Jesu sprechen, in zwei Kategorien aufteilt (eine von diese Trennungen ist: eine Entrückung). Die Aufteilung erfolgt anhand von geringfügigen „Diskrepanzen“ zwischen allen Passagen über die „Wiederkunft Jesu“, wobei davon ausgegangen wird, dass sie zwei Ereignisse beschreiben, nicht eines. Aber warum diese Aufteilung, wenn wir solche Passagen überall sonst in den Evangelien zusammenfassen (wir harmonisieren, um Unstimmigkeiten zu beseitigen, anstatt sie hervorzuheben)? Wer hat die Regel aufgestellt, dass die Passagen über die Wiederkehr aufgeteilt werden sollten, um eine Entrückung zu erzeugen? Warum nicht harmonisieren? Vielleicht liegt die Antwort darin, dass dann die Entrückung verschwindet. Letztendlich ist das Aufteilen oder Zusammenfassen unsere Vermutung.

    Ich möchte diesen Beitrag mit etwas beginnen, das ich während meiner Lehrtätigkeit an christlichen Hochschulen im Unterricht gemacht habe und das diesen Beitrag – in dem es um die Frage geht, ob es so etwas wie eine Entrückung gibt oder nicht – verständlicher machen wird.

    Wenn ich im Rahmen von „Übersicht über das Neue Testament“ oder „Bibliology“ [Lehren der Schrift als Teil der systematischen Theologie] unterrichtete, musste ich immer wieder darüber sprechen, dass die Evangelien in vielen Fällen nicht übereinstimmten. Dies ist natürlich ein beliebter Aufhänger für Bibelkritiker, die gerne über die Widersprüche in den Evangelien über Jesus sprechen. Ich habe einige anschauliche Beispiele dafür angeführt, wo Matthäus, Markus und Lukas (und gelegentlich auch Johannes) leicht unterschiedliche Details derselben Geschichte oder unterschiedliche Dialoge hatten oder Dinge in einer anderen Reihenfolge präsentierten. Ich stellte dann die Frage: „Wer hat nun Unrecht – oder haben alle Unrecht?“ (Ich habe im Unterricht gerne provoziert – ich bin in so manchen Bibelkurs für Erstsemester gegangen und habe Dutzende von Gesichtern gesehen, die alle dasselbe ausdrückten: Wir fordern dich auf, uns nicht mit der Bibel zu langweilen).

    Jedenfalls hat es immer Spaß gemacht, in dieser Lehrveranstaltung Rückmeldungen zu meinen Fragen zu bekommen. Nachdem ich sie eine Weile zappeln gesehen hatte, wies ich auf das Offensichtliche hin – es gab eine andere Alternative: Sie konnten alle Recht haben und trotzdem anderer Meinung sein. Ich holte dann einen Zeitungsartikel über ein Ereignis hervor, von dem sie zweifellos gehört hatten (eine große Tragödie oder ein aktuelles Ereignis), und zeigte ihnen, dass jede beliebige nationale Zeitung einen Artikel über dieses Ereignis veröffentlichen konnte (und dies auch tat), aber sie waren sich ausnahmslos uneinig, selbst wenn der Reporter die gleichen Fragen gestellt hatte (manchmal sogar derselben Person auf derselben Pressekonferenz). Aber Unterschiede in der Wortwahl, die Art und Weise, wie der Autor die Informationen anordnete, und die Darstellung von Dialogen (es handelte sich ausnahmslos um Ausschnitte, wenn auch relevante) beeinträchtigten die Genauigkeit nicht. Selbst wenn einer etwas einfügte, was der andere nicht tat, konnten die Schüler erkennen, dass dies Teil der journalistischen Arbeit war – die Auswahl des Materials in Abhängigkeit von der Zielgruppe, den Beschränkungen bezüglich der Länge, dem „Blickwinkel“ usw. Aber nichts davon bedeutete, dass etwas, das nicht identisch war, falsch sein musste.

    Es war einfach, dies auf die Evangelien anzuwenden. Da mehr als eine Geschichte über dieselbe Person, dieselben Ereignisse und Orte unterschiedlich sein kann, sollte man nicht davon ausgehen, dass es Fehler gibt. Vielleicht war es eine gute Idee, zuerst zu versuchen, die Geschichten in Einklang zu bringen und zu sehen, wie sie alle Teile eines größeren Ganzen sein könnten. Merkt euch diesen Gedanken.

    Und was ist nun der Punkt?

    Nun, unter Christen, die ein gewisses Pflichtgefühl oder Interesse an Ideen wie der Inspiration der Bibel und ihrer Unfehlbarkeit haben, ist die Idee, Material in den Evangelien – und in der Bibel im Allgemeinen – zu harmonisieren, eine Selbstverständlichkeit. Es ist Teil des hermeneutischen Ansatzes „Interpretiere die Bibel mit der Bibel“. Punkt A wird mit Punkt B in Einklang gebracht. Passage A wird besser verstanden, wenn man sie mit Passage B zusammenführt oder ihren Inhalt mit Passage B in Einklang bringt – wenn man die Dinge zusammenfügt, erhält man ein umfassenderes Bild davon, was die Bibel über XYZ sagt. Das Harmonisieren von scheinbar widersprüchlichen Elementen ist so üblich und als Interpretationsmethode so akzeptiert, dass es schwer vorstellbar ist, das Gegenteil zu tun – nämlich Passagen getrennt zu halten, als ob sie gegensätzliche Ideen lehren würden, um sich ein vollständiges Bild von etwas zu machen. VEREINEN ist viel üblicher als TRENNEN.

    Und doch ist TRENNEN genau der hermeneutische Ansatz, der angewendet werden muss, um eine Entrückung zu ermöglichen. Klingt seltsam? Dann hast du nicht viel über diese Lehre gelesen. Hier ist eine kurze Liste mit Beispielen. Mein Punkt ist, dass, WENN du diese Elemente aufteilst (trennst), du auf die Idee kommst, dass das zweite Kommen und eine Entrückung zwei verschiedene Ereignisse sind, ABER wenn du all diese Ereignisse zusammenführst – wenn du sie harmonisierst (vereinst), um Widersprüche zu beseitigen – dann gibt es keine Entrückung.

    ENTRÜCKUNG: Trifft die Gläubigen in der Luft. 1. Thes 4:15-17; Apg 1:9-11

    ZWEITES KOMMEN: Trifft Israel auf der Erde, Sach 14:4-5; Offb 19.

    ENTRÜCKUNG: Christus berührt die Erde nicht. Apg 1:11

    ZWEITES KOMMEN: Christus kommt, um 1000 Jahre zu bleiben. Offb 20; Mal 3:2-4

    ENTRÜCKUNG: Für die Kirche. 1. Thess 4:15-17; 1. Kor 15:51-55

    ZWEITES KOMMEN: Für Israel und die Heiligen der Trübsal. Offb 19; Mal 3:2-4

    [Zu diesem Punkt sei an das Offensichtliche erinnert – dass die Kirche laut Galater 3 die Verheißung geerbt hat, dass Abraham einen Samen haben würde – einen geistlichen Samen – das „Israel, das das wahre Israel ist“, aber nicht das ethnische Israel – Römer 9:1-6]

    ENTRÜCKUNG: Um die Versprechen an die Kirche zu halten. Johannes 14:1-3

    ZWEITES KOMMEN: Um die Versprechen an Israel durch die Propheten des Alten Testaments zu halten.

    [dito oben, ob die Kirche und Israel wirklich so kohärent getrennt werden können]

    ENTRÜCKUNG: Mit Seelen der Heiligen, um Körper zu erhalten. 1 Thess 4:14-18

    ZWEITES KOMMEN: Mit: Heiligen und Engelsarmeen. Offb 19

    Bist du also ein Trenner oder ein Vereinender? Du kannst keine Entrückung haben, wenn du die HERMENEUTIK DES VEREINENS anwendest, die so häufig verwendet wird, um Widersprüche in den Evangelien (und in der gesamten Bibel) zu vermeiden. Für diejenigen, die an eine Entrückung glauben, ist die Frage daher einfach: Warum sollte man die Evangelien harmonisieren wollen, um Widersprüche zu vermeiden, aber dann die Passagen über die Wiederkunft Jesu nicht harmonisieren, um Widersprüche zu vermeiden?

    Mit anderen Worten: WARUM ist die Aufteilung von Prophezeiungstexten die bessere Interpretationsstrategie als die Zusammenführung, wie im Grunde überall sonst? Ist es der Text, der diesen Ansatz vorantreibt, oder ist es eine Theologie, die in den Text eingebracht wird, die die Entscheidung vorantreibt? Dies ist eine grundlegende Frage, die jeder, der an eine Entrückung glaubt, schlüssig beantworten muss (aber nur wenige haben dies jemals in Betracht gezogen, da es in populären Büchern über Prophezeiungen nicht vorkommt).

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 12

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 12

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 12

    Thema: Die Fortsetzung der 70. Woche aus Daniel 9. (In diesem letzten Teil findest du einen wissenschaftlichen Artikel, der eine nicht-‚Left Behind‘ Sichtweise vertritt, damit du weißt, worum es geht.

    [Anmerkung: Mit dem Buch ‚Left Behind‘ begann vor 25 Jahren eine ganze Serie von Büchern, Filmen und eine Strömung in der es darum geht, dass Gott die wahrhaft Gläubigen plötzlich ins Paradies holt, bevor das Ende der Welt kommt. Die Zurückgelassenen ‚Left Behind‘ müssen die große Trübsal und das Ende der Welt erleiden.]

    Bevor ich mich von Daniel 9 verabschiede, möchte ich noch einen Kommentar zu Peter Gentrys kürzlich erschienenem Artikel sowie zu zwei weiteren Artikeln abgeben. Alle drei gehen davon aus, dass Daniel 9,24-27 messianisch ist (d.h. dass der Gesalbte, der abgeschnitten wird, tatsächlich Jesus, der Messias, ist), auch wenn sie nicht alle Elemente des Ablaufs der 70 Wochen auf dieselbe Weise betrachten.

    Gentrys Artikel entsprach genau dem, was ich von Peters Beiträgen erwartet habe. Er war klar, schlüssig und gründlich. Ehrlich gesagt, ist es die schlüssigste Erklärung, die ich zu Daniel 9,24-27 gelesen habe. Ich bin sehr froh, dass ein Leser uns darauf aufmerksam gemacht hat. Ihr solltet sie alle aufmerksam lesen.

    Bevor jemand sagt: „Moment mal, Mike, Peter vertritt in dem Artikel Positionen, denen du in deinen vorherigen Beiträgen nicht zugestimmt hast, was ist los?“ Was los ist, ist, dass du nicht aufgepasst hast (oder ich es nicht ausreichend wiederholt habe!). Ich habe in meinen vorherigen Beiträgen keine Position bezogen (in keinem einzigen), sondern dich nur auf die Auslegungsschwierigkeiten und Unklarheiten in dem Text aufmerksam gemacht.

    Im Folgenden fasse ich zusammen, wie Peter mit den spezifischen Fragen umgeht, über die wir uns unterhalten haben. Kurz gesagt, sieht er Daniel 9,24-27 als rein messianisch an, ohne dass der Antichrist im Blick ist, und sich bereits erfüllt hat. Auch das ist gut dargestellt und gut argumentiert (d.h. jedes Element hat exegetische Unterstützung). Für Peter geht es in dem Abschnitt also um Jesus, sein erstes Kommen, seinen stellvertretenden Tod und die Zerstörung des Tempels, der Jesu Körper UND der Jerusalemer Tempel war, im Jahr 70 nach Christus.

    Peters Artikel behandelt jede Facette von Daniel 9:24-27, aber wenn wir uns darauf konzentrieren, wie genau er das Geschehen in diesen Versen sieht, ist dies seine wichtigste Anmerkung:

    Die Verse 25-27 sind nicht linear nach der Logik der westlichen Prosa zu lesen, die auf einem griechischen und römischen Erbe beruht. Stattdessen greift die althebräische Literatur ein Thema auf und entwickelt es aus einer bestimmten Perspektive, um dann aufzuhören und neu anzufangen und dasselbe Thema aus einem anderen Blickwinkel erneut aufzugreifen. Dieser Ansatz ist kaleidoskopisch und rekursiv … Zunächst wird in V. 25 die erste Periode von sieben Wochen und die Lücke von zweiundsechzig Wochen bis zum Höhepunkt der siebzigsten Woche vorgestellt. Diese letzte Woche wird in den Versen 26 und 27 zweimal beschrieben. Die Verse 26a und 27a beschreiben das Werk des Messias, der stellvertretend starb, um den Bund mit vielen aufrechtzuerhalten und die Sünde endgültig zu beseitigen und damit das Opfersystem zu beenden. Die Verse 26b und 27b zeigen, dass der größte Frevel am Tempel zu dieser Zeit ironischerweise zur Zerstörung der Stadt Jerusalem führen wird. Die Verse 26-27 haben also eine A-B-A‘-B‘-Struktur:

    A 26a das segensreiche Wirken des Messias
    B 26b die Zerstörung / Plünderung der Stadt durch sein Volk und ihre Verwüstung durch den Krieg
    A‘ 27a das segensreiche Wirken des Messias
    B‘ 27b die Gräuel, die zur Zerstörung der Stadt durch den Verursacher der Verwüstung führen

    SCHLÜSSELGEDANKE an dieser Stelle. Gentry argumentiert, dass es in der 70. Woche eigentlich um die Beendigung des endgültigen Exils (des geistlichen Exils) Israels und seine Lösung, das Kommen des Messias, geht. Daher sind nur die Ereignisse in Vers 24-27, die sich speziell mit dem Messias befassen, als Ereignisse INNERHALB der letzten sieben Jahre zu betrachten. Andere Ereignisse, die sich aus den Geschehnissen mit Jesus ergeben, können (und tun es seiner Meinung nach auch) außerhalb der letzten Siebenjahreswoche stattfinden. Das ist wichtig für seine Ansicht, dass V. 24-27 (an einigen Stellen) vom Fall Jerusalems durch die Römer handelt. Du müsstest den ganzen Artikel lesen, um zu verstehen, wie er diesen Fall aufbaut. *Dies* ist die Schlüsselstelle, an der Peter einige Voraussetzungen bzw. Annahmen treffen muss, die für seine eigene Sichtweise entscheidend sind. Die obige literarische Strukturierung scheint ihn zu unterstützen, auch wenn einige argumentieren könnten, dass er seine Annahmen benutzt, um die Struktur zu schaffen, anstatt sie von einer beabsichtigten Struktur des Autors abzuleiten. Die eigentliche Frage wäre: Macht Peters Strukturierung mehr Sinn als die eines anderen, der Daniel 9,24-27 als eine lineare Chronologie von V. 25 bis zum Ende von V. 27 auffassen möchte?

    Hier ist die Interpretation, die sich aus Peters Ansatz ergibt (und die durch eine Reihe anderer Punkte in dem 19-seitigen Artikel gestützt wird):

    Vers. 25
    Der Gesalbte, der Anführer = DER Messias, Jesus

    Vers 26a (das segensreiche Wirken des Messias)
    Irgendwann nach dem Ende der 69. Woche wird derselbe Gesalbte (Messias, Jesus) „abgeschnitten“ werden, aber „nicht für sich selbst“ (= ein stellvertretender Tod nicht zu seinem eigenen Nutzen, sondern für sein Volk).
    Diese Ereignisse finden in den letzten sieben (Wochen) statt.

    Vers 26b (Verderben / Plünderung der Stadt durch sein Volk und ihre Verwüstung durch Krieg)
    Diese Ereignisse finden NICHT innerhalb der letzten sieben Jahre statt, sondern irgendwann danach (beachte, dass Jesus selbst den Gräuel noch in der Zukunft seines eigenen Dienstes in Mt 24 erfüllt hat).
    Das Volk dieses Anführers (der Messias) wird in demselben Siebenjahreszeitraum (Jahre 27-34 n. Chr.) für die Plünderung der Stadt und des Heiligtums verantwortlich sein. Mit anderen Worten: Das jüdische Volk trägt die Verantwortung für die Verunreinigung des Heiligtums (Gentry erwähnt hier einen konkreten historischen Umstand) und die Zerstörung Jerusalems durch die Römer.

    Vers 27a (das segensreiche Wirken des Messias)
    Dieser gleiche Anführer (Jesus) wird „einen Bund mit den Vielen“ (Israel) aufrechterhalten. In der Mitte der sieben Jahre (zwischen 27-34 n. Chr.) wird er dafür sorgen, dass Opfer und Gaben aufhören – aufgrund seines stellvertretenden Opfers (Opfer sind nicht mehr nötig).

    Vers 27b (Gräuel, die zur Zerstörung der Stadt führen, durch einen, der Verwüstung anrichtet)
    Noch einmal: Diese Ereignisse finden NICHT innerhalb der letzten sieben Jahre statt, sondern irgendwann danach (beachte, dass Jesus selbst den Gräuel noch in der Zukunft seines eigenen Dienstes in Mt 24 erfüllt hat).

    Die Gräuel beziehen sich auf den Frevel, der aus dem Kampf um die Herrschaft über Jerusalem im ersten Jahrhundert vor 70 n. Chr. und nach der Kreuzigung Jesu resultierte. Gentry schreibt:

    „Der Krieg bezieht sich auf die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch Vespasian / Titus (der Verwüstungstäter). Der Verursacher der Verwüstung (Titus) kommt auf den Flügeln der Verursacher des Gräuels (Juden), d.h. in Verbindung mit dem Volk, das verwüstet wird. Jesu Erwähnung des Greuels der Verwüstung in der Ölbergrede unterstützt dieses Verständnis, da er wahrscheinlich vom Frevel des Johannes von Gischala als dem Greuel spricht, der die bevorstehende Verwüstung Jerusalems und des Tempels durch die Römer ankündigt.“

    In Bezug auf die antichristliche Figur, auf die sich V. 27 bezieht, zeigt Gentry sehr gut auf, wie die Sprache, die verwendet wird, um das aus Daniel 7 und 8 zu untermauern, das dritte und vierte Reich aus Daniel 2 und 7 verwechselt und vertauscht. Seine Gedanken dazu sind kurz, aber meiner Meinung nach sehr schädlich für die jede Identifizierung des Antichristen.

    Ich bin mir sicher, dass viele Leser von der Art und Weise, wie Peter den messianischen Charakter von Daniel 9,24-27 feststellt, begeistert sein werden, aber sie sollten sich darüber im Klaren sein, was es bedeutet, wenn er Recht hat:

    1. Jesus ist der Bezugspunkt in Dan 9,24-27, wenn es um die Erwähnung eines Gesalbten und eines Fürsten geht, was bedeutet, dass es in diesem Abschnitt KEINEN BÖSEN gibt, der mit einer 70 Woche verknüpft ist. Die Verwüstung in V. 27 bezieht sich auf Aktivitäten NACHDEM die 70-Wochen-Prophezeiung Geschichte ist.
    2. Es gibt keine künftige 70. Woche (welche die Vor-der-Trübsal-Anhänger mit der Großen Trübsal gleichsetzen). Die 70 Wochen sind vorbei.
    3. Wenn es eine Figur des Antichristen gibt, kann diese Idee nicht aus Daniel 9,24-27 abgeleitet werden. Das bedeutet, dass die ganze Vorfreude (oder das Lesen einer Zeitung) in Bezug auf die Unterzeichnung eines Bundes mit Israel, mit dem die 70. Woche endet und die Zeit des Antichristen gegenstandslos ist. Es mag einen Antichristen geben, aber er schleicht sich an dich heran, wenn du nach ihm Ausschau hältst, um die in Daniel 9 beschriebenen Dinge zu tun. Du würdest ihn nie kommen sehen.
    4. Da keine siebenjährige Trübsal bevorsteht, gibt es auch keine Entrückung, denn alle Ansichten über die Entrückung gehen davon aus, dass sie logischerweise etwas damit zu tun hat, einer großen Trübsal zu entkommen oder die Kirche von Israel zu trennen. Wenn Gentry Recht hat, könnte sich ein Nach-der-Trübsal Anhänger in die Lebensfähigkeit hineinmogeln, aber das würde zu der offensichtlichen Frage führen: Wozu braucht man eine Entrückung, wenn die alte historisch-vormillenniale Sichtweise hier alles erklärt? (Der historische Prämillennialismus geht davon aus, dass es keine Entrückung und keine Trübsal gibt, sondern nur die Wiederkunft Christi, um ein buchstäbliches irdisches Reich aufzurichten; die nach-der-Trübsal Anhänger würden eine Entrückung direkt vor dem zweiten Kommen hinzufügen, damit die Gläubigen aufsteigen und gleich wieder herunterkommen, was ziemlich sinnlos erscheint, vor allem, wenn es keine siebtzigste Woche zu berücksichtigen gibt).

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gentrys Sichtweise sowohl mit dem Präterismus (sogar mit dem vollständigen Präterismus) als auch mit dem so genannten historischen Prämillennialismus vereinbar ist.

    Auch hier kann ich die Lektüre seines Artikels nur empfehlen.

    Ich habe auch zwei andere Artikel erwähnt, die eine messianische Sichtweise verteidigen. Sie stammen beide von J. Paul Tanner und erschienen in der Zeitschrift BibSac des Dallas Seminar. Wenn man für Dallas über Prophetie schreibt, muss der Autor natürlich ein vor-der-Trübsal und und vor-dem-Millennium Anhänger sein, aber Tanner geht in seinen Artikeln nicht wirklich darauf ein. Sein Schwerpunkt liegt auf dem messianischen Charakter von Daniel 9,24-27. Seine Artikel sind:

    „Ist Daniels Prophezeiung der siebzig Wochen messianisch?“ Teil 1 BibSac 166 (April-Juni 2009): 181-200
    „Ist Daniels Prophezeiung der siebzig Wochen messianisch?“ Teil 2 BibSac 166 (Juli-September 2009): 319-335

    Als Nächstes: Vorannahmen und die Entrückung – bist du ein Aufteiler oder ein Verbinder? (Ich überlasse es dir, dich zu fragen, was ich damit meine).

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 11

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 11

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 11

    Thema: Fortsetzung der 70. Woche in Daniel 9.

    Wenn du das hier liest, denke daran, dass ich keine Position beziehe oder beschreibe, wo ich in dieser Sache stehe. Mein Ziel ist es, zu zeigen, wie man Daniel 9:24-27 sehen kann (d.h. das Problem, das man es für „selbstverständlich“ hält).

    Werfen wir noch einen anderen Blick auf Daniel 9…

    25 Du musst Folgendes wissen und verstehen: Vom Erlass des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems bis zu einem Gesalbten, einem Fürsten, vergehen sieben Jahrwochen. 62 Jahrwochen lang wird es dann als wiederaufgebaute und befestigte Stadt bestehen bleiben, auch wenn es schwere Zeiten erleben muss. 26 Aber nach den 62 Jahrwochen wird ein Gesalbter die Todesstrafe erleiden, aber nicht für sich. Dann wird das Volk eines kommenden Fürsten die Stadt und das Heiligtum zerstören. Das wird wie eine Überflutung sein. Und bis zum Ende wird es Krieg und Verwüstungen geben, wie Gott es beschlossen hat. 27 Für eine Jahrwoche wird der Fürst einen starken Bund mit den Vielen schließen. Doch in der Mitte der Jahrwoche wird er die Schlacht- und Speisopfer aufhören lassen. Dazu wird er das Heiligtum verwüsten, indem er ein Gräuelbild dort aufstellt. Schließlich wird die beschlossene Vernichtung auch ihn selbst treffen.“

    Daniel 9:25-27 NEÜ

    Unser Fokus liegt dieses Mal auf dem „gesalbten Fürsten“ (oder sind es die Fürsten (Plural)?).

    In Vers 25: „ein Gesalbter, ein Fürst“ wird kommen (entweder nach den ersten sieben Wochen, gefolgt von 62 weiteren, oder nach den 69 Wochen)

    • Nehmen wir an, dass „der Gesalbte, der Fürst“ nach den 69 Wochen kommt (so wie es die gängige Vor-der-Trübsal Sichtweise ist).

    In Vers 26a: Nach den 62 Wochen (insgesamt 69 nach der obigen Rechnung) wird „der Gesalbte“ „abgeschnitten“ werden und „nichts haben“.

    FRAGE: Ist der „Gesalbte / der Fürst“ in Vers 26 derselbe wie der in Vers 25? Das ist durchaus möglich (und wahrscheinlich die einfachste Lesart), wenn man davon ausgeht, dass die 7 + 62 Wochen nicht durch die masoretische Betonung aufgeteilt werden sollen.

    In Vers 26b: Jetzt lesen wir von „dem Volk des Fürsten, der kommen wird“…

    FRAGE: Ist dieser Fürst (26b) derselbe wie der gesalbte Fürst in 26a?

    Wenn JA – dann …

    (1) ist derselbe Fürst, der in 26a „abgeschnitten“ wird, in 26b noch am Leben, um „zu kommen und die Stadt und das Heiligtum zu zerstören.“ Das würde bedeuten, dass „abschneiden“ sich nicht auf den Tod beziehen kann (was eine Kreuzigung ausschließt).

    (2) Wenn man den Fürsten von 26a als Jesus identifizieren will (und das „Abschneiden“ mit der Kreuzigung interpretiert), dann muss man, wenn man will, dass der Fürst von 26a derselbe Fürst von 26b ist, eine Auferstehung dazwischen setzen. Das mag gut klingen, aber sieh dir an, was dabei herauskommt – das Volk des Fürsten von 26b (also die Anhänger des auferstandenen Jesus) zerstören dann die Stadt (Jerusalem) und den Tempel (das Heiligtum). Das ist nicht nur in der Geschichte nicht passiert, sondern es wäre auch völlig untypisch für die Anhänger Jesu.

    SCHLUSSFOLGERUNG: Wenn du willst, dass Jesus der Fürst von 26a ist, kannst du ihn nicht gleichzeitig als Fürst von 26b bezeichnen. Es muss zwei verschiedene Prinzen geben. Das ist die Art und Weise, wie die meisten Vor-der-Trübsal-Anhänger die Passage verstehen, indem sie annehmen, dass der zweite Fürst der Antichrist ist, da „sein Volk“ Jerusalem und den Tempel zerstört.

    Gibt es also ein Problem damit? Zumindest ist es eine merkwürdige Lesart, denn uns wird nicht gesagt, dass es zwei Fürsten gibt – das muss man IN den Text hineinlesen. Vielmehr wird ein Fürst erwähnt (V. 26a), und dann treffen wir auf „das Volk des Fürsten, der kommen wird“ (und da der Fürst, von dem die Rede ist, als kommender Fürst vorhergesagt wird, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um denselben Fürsten handelt). Mit anderen Worten: Man kann davon ausgehen, dass dieses „Volk“ und sein „Fürst“ unterschiedliche Personen sind (und obendrein zeitlich voneinander getrennt), aber es wäre sehr einfach (und natürlich), da wir gerade von einem kommenden Fürsten gelesen haben, anzunehmen, dass sich „das Volk dieses Fürsten, der kommen wird“ auf denselben Fürsten in 26a bezieht. Aber auch hier gilt: Wenn sie dasselbe sind, kann es sich nicht um Jesus handeln.

    Aber gehen wir davon aus, dass wir eine Trennung haben. Der Fürst aus 26a ist Jesus, der „abgeschnitten“ wird. Dann gibt es einen zweiten Fürsten (mit „seinem Volk“), der Jerusalem und den Tempel zerstört, und dann, in V. 27, schließt „ER“ (der zweite Fürst – der Böse, der Antichrist – einen Bund mit vielen für die Sieben … und dann kommt das Gräuelbild. Die übliche Lesart der vor-der-Trübsal Anhänger.

    Inwiefern könnte das ein Problem für die übliche vor-der-Trübsal-Lesart sein? Ich würde sagen, es kann funktionieren, aber es muss OHNE Vers 24 funktionieren – und Vers 24 ist der Hauptgrund, warum jemand Jesus als Kandidaten für den Fürsten aus Vers 26 in Betracht zieht. Warum sage ich das? Schau dir Vers 24 an (beachte meine Fettschrift):

    Siebzig Wochen sind verordnet über dein Volk und deine heilige Stadt, um die Übertretung zu vollenden, die Sünde zu beenden und die Missetat zu sühnen, die ewige Gerechtigkeit einzuführen, die Vision und den Propheten zu versiegeln und das Allerheiligste zu salben.

    Das ist der Punkt: All diese Bedingungen treten erst NACH den gesamten 70 Wochen ein. Vor-der-Trübsal-Anhänger gehen davon aus, dass einige von ihnen am Ende von Vers 26a erfüllt werden, wenn der gesalbte Fürst [Jesus in dieser Sichtweise] „abgeschnitten“ wird – aber das sagt der Text nicht. Die natürliche (buchstäbliche? wörtliche? offensichtliche?) Lesart von Vers 24 ist, dass all diese Dinge wahr sein werden, wenn die 70 Wochen um sind. Es gibt keinen Grund, *einige* von ihnen auf eine Zeit vor der Erfüllung der 70 Wochen zu beziehen. Das ist nur so gemacht, damit das System funktioniert.

    Und denk über die Liste nach. Hat sich KEINE von ihnen mit der Kreuzigung erfüllt?

    – Wurden alle Übertretungen und Sünden mit dem Kreuz beendet? Nein. Wir alle sündigen immer noch.

    – um die Schuld zu sühnen – man könnte argumentieren, dass dies geschehen ist, aber da es die EINZIGE mögliche Verbindung zum Kreuz ist (die anderen sind nicht mit dem Kreuz geschehen, wie wir weiter unten sehen werden), sollte man sich fragen, ob der Satz auf die Kreuzigung bezogen werden sollte. (Warum sollte das eine gut funktionieren und die anderen nicht?) Vielleicht bezog er sich auf das Opfersystem oder Jom Kippur. Wenn Jerusalem und der Tempel zerstört wurden (siehe V. 25-26), müssten diese Umstände beendet sein, damit die Schuld wieder gesühnt werden kann. Und das wäre sicherlich der Fall, wenn die 70 Wochen vorbei sind.

    – „um ewige Gerechtigkeit zu bringen“ – ist das am Kreuz geschehen? Das ist Königreichssprache, aber nur ein Amillennialist *könnte* sagen, dass das Kreuz und die Auferstehung das Königreich auf diese Weise herbeigeführt haben. Und man fragt sich: Wenn die ewige Gerechtigkeit am Kreuz eingeführt wurde, was bleibt dann noch an Gerechtigkeit übrig? Ich wüsste nicht, worauf wir noch warten sollten, wenn es bereits vollbracht wäre. Es scheint, als ob du, wenn du ein Vor-Milleniums-Anhänger bist, dies nicht mit dem Kreuzesereignis gleichsetzen kannst.

    – die Vision zu versiegeln – das konnte nicht mit dem Kreuzesereignis gleichgesetzt werden, da es noch Ereignisse nach dem Kreuz gab, die sich erst noch erfüllen mussten (wie der Antichrist und seine Taten).

    – „um das Allerheiligste zu salben“ – Ich weiß nicht, wie die Kreuzigung dies bewirken konnte. Es liest sich so, als ob das Heiligtum entweiht worden war und geheiligt werden musste. Das wäre der Fall, wenn die 70 Wochen des Schreckens (und zwar alle) vorbei wären – und das spricht dafür, die Sprache der Versöhnung so zu interpretieren, wie ich sie oben beschrieben habe – und hat nichts mit der Kreuzigung zu tun.

    Aus diesem Grund denke ich, dass du Vers 24 vergessen musst, wenn du die Standard vor-der-Trübsal Ansicht von Daniel 9,25-26 vertrittst, aber das würde bedeuten, dass du genau das aufgibst, was deine Ansicht untermauert.

    Kurz gesagt: Wenn du denkst, dass die Standard vor-der-Trübsal Ansicht eine unkomplizierte Lesart ist, die völlig klar und kohärent ist, dann denk noch einmal nach. Du müsstest all diese Probleme, die sich aus dem Text ergeben, berücksichtigen. Es mag möglich sein, aber es ist keine Selbstverständlichkeit. Das größte Problem ist für mich die Willkürlichkeit, mit der zwei Fürsten eingesetzt werden. Auch das ist möglich, aber es erscheint mir heikel.

    Als Nächstes – der letzte Beitrag zu Daniel 9. Ich werde den Gentry-Artikel fertigstellen und einige Anmerkungen dazu sowie zu zwei weiteren Artikeln machen. Dann geht es (endlich) um die Idee der Entrückung.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 10

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 10

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 10

    Thema: Fortsetzung der 70. Woche in Daniel 9.

    Wir setzen unsere Serie „Warum die 70 Wochen von Daniel komplizierter sind, als die populären Prophezeiungs-Autoren es euch erzählen – oder selbst wissen“ fort.

    Dieser Aspekt von Daniel 9 erfordert besondere Aufmerksamkeit. Er steht so sehr im Gegensatz zu dem, was dir die populären Endzeitexperten eingetrichtert haben, dass er vielleicht an dir vorbeigeht. Jetzt geht es um den Kontext von Daniel 9:25 – d.h. in welchem Zusammenhang steht Daniel 9? (Was für ein neuer Gedanke – betrachte Vers 25 im Lichte dessen, was in diesem Kapitel vorausgegangen ist).

    Daniel 9 beginnt folgendermaßen:

    Im ersten Jahr, nachdem der Meder Darius, der Sohn des Ahasveros, über das Reich der Chaldäer zum König eingesetzt worden war, 2 in seinem ersten Regierungsjahr forschte ich, Daniel, in den Schriftrollen nach der Zahl der Jahre, die Jerusalem nach dem Wort Jahwes an den Propheten Jeremia in Trümmern liegen sollte; es waren siebzig. 3 Ich wandte mein Gesicht zu Gott, dem Herrn, um zu ihm zu beten und ihn anzuflehen. Dabei fastete ich, hatte den Trauersack angezogen und saß in der Asche. 4 Ich betete zu Jahwe, meinem Gott, und bekannte: …

    Daniel 9:1-4 NEÜ

    Beachte, dass Daniel uns erzählt, dass er das Buch Jeremia gelesen hat – insbesondere das Wort des Propheten über das 70-jährige Exil. Das Exil wird als eine Zeit der „Verwüstung“ für Jerusalem bezeichnet. Die Stelle, auf die sich Daniel bezieht, ist Jeremia 29,10-14:

    10 So spricht Jahwe: ‚Erst wenn siebzig Jahre für das Babylonische Reich vorüber sind, werde ich nach euch sehen und mein gutes Wort erfüllen, euch an diesen Ort zurückzubringen. 11 Denn ich weiß ja, was ich mit euch vorhabe‘, spricht Jahwe. ‚Ich habe Frieden für euch im Sinn und kein Unheil. Ich werde euch Zukunft schenken und Hoffnung geben. 12 Wenn ihr dann zu mir ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, will ich euch hören. 13 Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, 14 werde ich mich von euch finden lassen‘, spricht Jahwe. ‚Dann wende ich euer Schicksal und sammle euch aus allen Völkern und Orten, in die ich euch versprengt habe. Ich bringe euch an den Ort zurück, aus dem ich euch verschleppen ließ.‘

    Jeremia 29:10-14 NEÜ

    Schau dir nun Daniel 9:25 an: „Du musst Folgendes wissen und verstehen: Vom Erlass des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems bis zu einem Gesalbten, einem Fürsten, vergehen sieben Jahrwochen. 62 Jahrwochen lang wird es dann als wiederaufgebaute und befestigte Stadt bestehen bleiben, auch wenn es schwere Zeiten erleben muss.“ (NEÜ)

    Der Zusammenhang zwischen Daniel 9,1-4 (mit seiner Anspielung auf Jeremia 29) und Daniel 9,25 ist nicht ohne Weiteres ersichtlich. Ich will versuchen, es klar zu machen.

    Normalerweise wird Daniel 9,25 so verstanden, dass Daniel in die Zukunft blickt, in eine Zeit, in der Jerusalem von seinem Volk wieder aufgebaut wird. Diese Wiederaufbaukampagne wäre der Ausgangspunkt der Prophezeiung der 70 Wochen. Diejenigen, die eine Sichtweise der Trübsal/Prä-Milleniarismus haben, diskutieren in der Regel über ein Datum Mitte 400 v. Chr. als Zeitpunkt des Wiederaufbaus und damit des Beginns der Prophezeiung der 70 Wochen. Das bedeutet, dass die 69 Wochen mit der Kreuzigung enden und die 70. Woche in der Prophezeiung noch ausstehet.

    Was aber, wenn Daniel nicht IN DIE ZUKUNFT geschaut hat? Was wäre, wenn er den Beginn der Prophezeiung der siebzig Wochen VOR seiner eigenen Zeit sah?

    Ich meine Folgendes. Was wäre, wenn die Prophezeiung der siebzig Wochen, die Daniel von Gabriel überbracht wurde, mit dem Urteil Jeremias begann? Jeremia hätte dieses „Wort“ irgendwann vor dem Fall Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. geäußert. Das würde bedeuten, dass die 70 Wochen zu laufen begannen, sobald Jeremia prophezeite, was er in Jeremia 29 tat. Das ist mehr als ein Jahrhundert vor dem Beginn der 70 Wochen nach landläufiger Meinung und zerstört somit einen Zusammenhang mit der Kreuzigung.

    Ich weiß, dass das für viele von euch völlig ungewohnt ist. Es ist eigentlich nur eine Frage, auf welchen Satz in Daniel 9,25 man sich konzentriert. Ich möchte das veranschaulichen (beachte die fettgedruckten Worte, die den Beginn der 70 Wochen markieren):

    Populäre Ansicht, wonach die 70 Wochen mit dem Wiederaufbau durch Nehemia beginnen und mit dem Tod Jesu enden:

    Von der Verkündigung des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis zum Kommen eines Gesalbten (Maschiach), eines Fürsten (Nagid), werden sieben Wochen vergehen. Dann wird sie zweiundsechzig Wochen lang mit Plätzen und Gräben wieder aufgebaut werden, aber in einer unruhigen Zeit.

    Sicht auf Jeremia – Wenn Daniel, von dem wir wissen, dass er Jeremia gelesen hat (Dan 9,2), an Jeremias Prophezeiung über das Ende der Verwüstung Jerusalems dachte (Jer 29,10-14):

    Von der Verkündigung des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis zur Ankunft eines Gesalbten (Maschiach), eines Fürsten (Nagid), werden sieben Wochen vergehen. Dann wird sie zweiundsechzig Wochen lang mit Plätzen und Gräben wieder aufgebaut werden, aber in einer unruhigen Zeit.

    (In dieser Sichtweise ist das „Wort, das ausging“ oder „die Verkündigung des Wortes“ in Dan. 9:25 = die Prophezeiung Jeremias in Jer. 29:10-14)

    In Anbetracht des Kontextes von Daniel 9,1-4 ist es durchaus möglich, dass Daniel an die Zeit NACH Jeremias Dekret dachte – dass Gabriel ihm sagte, dass die Uhr zu ticken begann, sobald Gott Jeremia dieses Wort gab.

    Wie würde das in der Chronologie funktionieren? Das ist eigentlich ganz einfach.

    1. Nehmen wir an, Jeremia erhielt die Prophezeiung in Jeremia 29 kurz vor der Zerstörung Jerusalems, etwa 588 v. Chr. Wir wissen es nicht, aber die Logik sagt, dass es kurz vor dem Ende Jerusalems gewesen sein muss, also 586 v. Chr.

    2. Von 588 bis zur Machtergreifung von Kyrus über Babylon im Jahr 539 = 49 Jahre oder die ersten sieben Sieben aus Daniel 9,25. Cyrus war derjenige, der die Juden befreite und das Exil beendete.

    3. Wenn wir uns an die masoretische Betonung halten (siehe den Beitrag vor diesem), dann folgt der Gesalbte unmittelbar auf diese 49 Jahre. Die Identität des Gesalbten ist offensichtlich: Cyrus selbst. Und warum? Wir brauchen einen gesalbten „Fürsten“ [Herrscher] aus Daniel 9,25, und Kyrus wird von Gott in Jesaja 45,1 „mein Gesalbter“ genannt. Er ist es, der das Volk im Exil befreien wird (und das tat er auch). Das ist ziemlich eindeutig.

    4. Nach dem Erlass von Kyrus, die Juden zurückkehren zu lassen, folgen 62 weitere Siebenjahresperioden. Das bringt uns zum Jahr 104 v. Chr.

    5. Einige könnten (und haben) argumentieren, dass das Jahr 104 v. Chr. bedeutsam ist, weil es den Tod von Johannes Hyrkanus markiert, dem letzten Herrscher der Hasmonäer (Makkabäer) (Ethnarch und Hohepriester). Am Ende seiner Regierungszeit hatte Johannes Hyrkanos ein Reich aufgebaut, das mit der Größe Israels unter König Salomo konkurrierte. Nach Hyrkanos nahmen sein Sohn und sein Nachfolger (sie waren nicht davidisch) den Titel „König“ an, auf den sie keinen Anspruch hatten. Das ist nicht gut. Die Römer waren (in dieser Sichtweise) Gottes Instrument zur Bestrafung dafür.

    Jeder Versuch, die Chronologie mit den geschichtlichen Ereignissen in Einklang zu bringen, hat jedoch seine Tücken. Die Trübsal/Prä-Milleniarismus-Ansicht versucht seit dem späten 19. Jahrhundert, ihre eigene Chronologie auszuarbeiten. Andere Ansichten haben die gleiche Aufgabe.

    Es geht hier nicht darum, für eine bestimmte Chronologie zu argumentieren. Vielmehr geht es darum, darauf hinzuweisen, dass der Beginn der 70. Woche in der Mitte des 5. Jahrhunderts vor Christus kein selbstverständlicher Ausgangspunkt ist, zumal Daniel uns erzählt, dass er gerade Jeremia 29 las, als Gabriel ihn ansprach.

    Nur Allwissenheit könnte uns hier Gewissheit geben. Die ist mir aber gerade etwas ausgegangen …