Die Zoom-Gemeinde: Text, Kontext, Konsequenzen – Teil 3

Von Christian


In den ersten beiden Folgen hatten wir angefangen, den Text des Neuen Testaments in Bezug auf die Struktur der Gemeinden zu untersuchen. Immer mit dem Wunsch einiger im Sinn: „Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“. Dabei sind uns schon im ersten Teil sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede der unterschiedlichen Gemeinden aufgefallen.

Wie angekündigt, wollen wir uns diesmal mit zuerst mit einem anderen heiklen Thema beschäftigen: Geld und Spenden. Denn das ist auch heute oft ein delikates Thema, über das nicht so gerne gesprochen wird. Zumindest wird oft weniger gerne darüber gesprochen, als Spenden entgegen genommen werden.

Schauen wir also erst einmal an, was wir im Neuen Testament über ‚die Gemeinde im 1. Jahrhundert‘ erfahren.

Der Text des Neuen Testaments

Geld und Spenden

Die Anfänge der Gemeinde in Jerusalem

In der letzten Folge hatten wir in der Apostelgeschichte schon etwas über die erste Gemeinde in Jerusalem erfahren:

Die ganze Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete etwas von seinem Besitz als privates Eigentum. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. … Keiner in der Gemeinde musste Not leiden, denn wer ein Haus oder ein Grundstück besaß, verkaufte es, wenn nötig, und stellte das Geld der Gemeinde zur Verfügung. Man tat das, indem man es vor die Apostel hinlegte. Davon wurde jedem Bedürftigen zugeteilt, was er brauchte.

Apostelgeschichte 4:32-35 NEÜ

Am Anfang der Gemeinde in Jerusalem haben sie gemäß der Darstellung in der Apostelgeschichte alles geteilt und niemand betrachtete etwas als seinen privaten Besitz.

Blieb das dann so und haben das die anderen Gemeinden so übernommen?

Andere Gemeinden

Was wissen wir sonst noch über die Unterstützung anderer?

Nur sollten wir [Paulus und Barnabas] an die Armen gedenken, und ich habe mich auch eifrig bemüht, dies zu tun.

Galater 2:10 Schlachter 2000

Um welche ‚Armen‘ ging es hier? Und wie lief das ab? Paulus spricht hier von einer Zusammenkunft mit Jakobus, Petrus, Johannes und anderen in Jerusalem. In der Apostelgeschichte lesen wir:

In diesen Tagen aber kamen Propheten von Jerusalem herab nach Antiochia. Und einer von ihnen, mit Namen Agabus, trat auf und zeigte durch den Geist eine große Hungersnot an, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte; diese trat dann auch ein unter dem Kaiser Claudius. Da beschlossen die Jünger, dass jeder von ihnen gemäß seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnten, eine Hilfeleistung senden solle; das taten sie auch und sandten sie an die Ältesten durch die Hand von Barnabas und Saulus.

Apostelgeschichte 11:27-30 Schlachter 2000

Die Unterstützung wurde also aufgrund einer besonderen Situation organisiert. Was nicht nur aufgrund der Hungersnot wichtig war. Wie wir schon gelesen hatten, hatten die in Jerusalem zu Pfingsten aufgrund der besonderen Lage ihr Hab und Gut verkauft und verteilt. Und waren dann bald verfolgt und zerstreut worden. Diese Lage war auch der Grund für eine andere Aktion:

Es hat nämlich Mazedonien und Achaja gefallen, eine Sammlung für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem zu veranstalten;

Römer 15:26 Schlachter 2000

Was aber die Sammlung für die Heiligen anbelangt, so sollt auch ihr so handeln, wie ich es für die Gemeinden in Galatien angeordnet habe. An jedem ersten Wochentag lege jeder unter euch etwas beiseite und sammle, je nachdem er Gedeihen hat, damit nicht erst dann die Sammlungen durchgeführt werden müssen, wenn ich komme. Wenn ich aber angekommen bin, will ich die, welche ihr als geeignet erachtet, mit Briefen absenden, damit sie eure Liebesgabe nach Jerusalem überbringen. Wenn es aber nötig ist, dass auch ich hinreise, sollen sie mit mir reisen.

1. Korinther 16:1-4 Schlachter 2000

Für die Korinther gab es in 2. Korinther 8 und 9 noch mehr Hinweise, was diese Spenden betrifft.

Ist dir übrigens aufgefallen, dass die Spenden immer für die Gemeinde in Jerusalem bzw. die in Judäa bestimmt waren? Es ging also um eine konkrete Situation, aufgrund spezifischen geschichtlichen Entwicklung der Gemeinde in Jerusalem notwendig wurde.

Sie haben das gern getan und stehen ja auch in ihrer Schuld. Denn wenn die Völker Anteil deren geistlichen Gütern bekommen haben, sind sie auch verpflichtet, ihnen mit irdischen Gütern zu dienen.

Römer 15:27 NEÜ

Ist dir ein Bericht im Neuen Testament bekannt, in dem eine Spenden-Sammlung für eine andere Gemeinde als die in Jerusalem und Judäa durchgeführt wurde? Also eine Spendenaktion für die Gemeinde in Rom oder Antiochia oder sonst wo?

Damit meine ich nicht die direkte Hilfe für jemanden in Not (Jakobus 1:27). Das war ganz im Sinne dessen, was Jesus über Gaben für Arme sagte (Mat 6:2-4). Aber auch dafür gab es keine organisierte Spendeneinrichtung in der Gemeinde. Das war eine ganz persönliche Sache, wie Jesus sagte.

Im Neuen Testament finden wir nur Sammlungen für die Gemeinde in Jerusalem und Judäa, aufgrund besonderer Umstände.

In Verbindung mit Spenden gibt es noch eine spezielle Gruppe.

Spenden für Apostel und Aufseher?

Apostelgeschichte 20:35 wird gerne in Verbindung mit finanziellen Spenden gebraucht, doch Paulus spricht davor noch einen Punkt an, der nicht so gerne zitiert wird:

Noch etwas: Nie habe ich Geld oder Kleidung von jemand gefordert [‚begehrt‘ Schlachter, Züricher]. Ihr wisst, dass diese meine Hände für alles gesorgt haben, was ich und meine Begleiter zum Leben brauchten. Mit meiner ganzen Lebensführung habe ich euch gezeigt, dass wir hart arbeiten müssen, um den Bedürftigen etwas abgeben zu können. Dabei sollen wir immer an die Worte denken, die Jesus, unser Herr, gesagt hat: ‚Geben macht glücklicher als Nehmen.’“[Es handelt sich offenbar um einen mündlich überlieferten Ausspruch des Herrn, der nicht in den Evangelien enthalten ist, man vergleiche aber Lukas 6,38; 11,9; Johannes 13,34.]

Apostelgeschichte 20:33-35 NEÜ

Paulus hat nichts gefordert. Nicht einmal von dieser Gemeinde, die er mit gegründet hat. Im Gegenteil, er hat selbst gearbeitet, um anderen Bedürftigen zu geben. Paulus wird ja gerne mal zitiert oder als Vorbild genommen, wenn es darum geht, etwas anzuordnen oder zu regeln. Diesen Teil hört man von solchen Personen aber eher selten oder gar nicht. Dabei hat er diesen Punkt auch einer anderen berühmten Gemeinde, die er gegründet hatte, vorgehalten. Und zwar auf recht ironische Weise:

Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? … Wenn ich für andere kein Apostel bin, so bin ich es doch immerhin für euch. … Dies sage ich zu meiner Verteidigung gegenüber denen, die über mich zu Gericht sitzen. … Oder ist nur mir und Barnabas das Recht, nicht zu arbeiten, verwehrt? …
Wenn wir für euch das Geistliche gesät haben, ist es dann zu viel verlangt, wenn wir dafür von euch das Irdische ernten wollen? Wenn andere dieses Recht bei euch haben, wieso dann wir nicht erst recht? Dennoch haben wir von diesem Recht keinen Gebrauch gemacht, sondern nehmen alles auf uns, um dem Evangelium von Christus ja keinen Stein in den Weg zu legen. … So hat es auch der Herr angeordnet: Wer das Evangelium verkündigt, soll vom Evangelium leben. … Ich aber habe nichts von alledem in Anspruch genommen. Das schreibe ich nicht in der Erwartung, dass man es von jetzt an so mit mir halte. Denn lieber wollte ich sterben als … meinen Ruhm wird mir niemand zunichte machen!  
Was ist nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium verkündige und es unentgeltlich anbiete und so mein im Evangelium begründetes Recht nicht ausschöpfe.

1. Korinther 9:1-3, 11-15,18 Züricher

Oder habe ich einen Fehler gemacht, als ich mich erniedrigte, damit ihr erhöht würdet, indem ich euch das Evangelium Gottes verkündigte, ohne Entgelt zu fordern? Andere Gemeinden habe ich geplündert; Geld habe ich von ihnen genommen, um euch dienen zu können. Doch bei euch bin ich, auch wenn ich Mangel litt, niemandem zur Last gefallen. Für das, was ich zu wenig hatte, sind die Brüder, die von Makedonien kamen, aufgekommen; euch keinerlei Umstände zu machen, daran lag mir, und daran wird mir auch weiterhin liegen.

2. Korinther 11:7-9 Züricher

In vielen Übersetzungen kommt die Ironie in Paulus Worten nicht so recht zum Tragen: „[Na gut, dann …] Ich schätze, ich habe andere Gemeinden bestohlen, indem ich ihre Gaben angenommen habe, um euch zu dienen!“ (2001 Translation)

Wo hat Paulus aber dies her? „So hat es auch der Herr angeordnet: Wer das Evangelium verkündigt, soll vom Evangelium leben.“ (1. Korinther 9:14 Züricher) Also zum einen hat Paulus Jesus nie persönlich gehört. Also muss das überliefert worden sein. Aber so wirst du es nicht im Neuen Testament finden nur dies:

In diesem Haus bleibt, esst und trinkt, was ihr von ihnen bekommt. Denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Geht nicht von einem Haus ins andere.

Kranke macht gesund, Tote weckt auf, Aussätzige macht rein, Dämonen treibt aus! Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst sollt ihr es geben. Füllt eure Gürtel nicht mit Gold-, Silber- oder Kupfermünzen! Nehmt keinen Sack mit auf den Weg, kein zweites Kleid, keine Schuhe, keinen Stab! Denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert.

Lukas 10:7; Matthäus 10:8-10 Züricher [Durchgestrichener Text ist fragwürdig]

Das hört sich aber ganz anders an, als ‚Wer das Evangelium verkündigt, soll vom Evangelium leben“.

Vergleichen wir das, was Paulus sagte, mit dem, was wir in Apostelgeschichte 2:41-47 gelesen hatten, dass die Gemeinde alles gemeinsam hatte und in 4:32-35, dass sie das Geld der Gemeinde zur Verfügung stellten. Das wurde später in Ephesus und Korinth also anders gehandhabt. Da passt schon besser das, was Paulus an die Galater schrieb:

Wer aber im Wort unterrichtet wird, lasse den, der ihn unterrichtet, an allen Gütern teilhaben.

Galater 6:6 Züricher

Und die Gemeinde in Philippi unterstützte ihn – als er in Not war:

Doch ihr habt gut daran getan, meine Not zu teilen. Ihr in Philippi wisst ja selbst, dass am Beginn der Ausbreitung des Evangeliums, als ich von Makedonien aufbrach, keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft hatte im Geben und Nehmen ausser euch, ja, dass ihr mich auch in Thessalonich das eine oder andere Mal unterstützt habt. Nicht dass ich auf eure Gabe aus wäre, nein, ich suche den Ertrag, der euren Gewinn mehrt. Ich habe alles erhalten und habe nun mehr als genug. Ich bin mit allem versorgt, da ich von Epaphroditus eure Gabe erhalten habe, einen lieblichen Duft, ein willkommenes, Gott wohlgefälliges Opfer.

Philipper 4:14-18 Züricher

Paulus war sich nur zu gut bewusst, welches Problem durch die Unterstützung von Aufsehern und Ältesten entstehen kann. Im Neuen Testament wird auf die Gefahr hingewiesen:

Sorgt gut für die Herde Gottes, die euch anvertraut ist. Tut es nicht, weil ihr euch dazu gezwungen fühlt, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt. Hütet sie aber nicht aus Gewinnsucht, sondern weil ihr ‹dem Herrn› dienen wollt.

1. Petrus 5:2 NEÜ

Also war schon damals klar, dass man es in religiösen Gemeinschaften zu etwas bringen konnte. Und über die Jahrhunderte kann man immer wieder sehen, wie leicht man den Menschen für ihre Seelenheil das Geld aus der Tasche ziehen kann. Oder für die ‚Unterstützung so wertvoller, hart arbeitender (Kreis-)Aufseher‘.

Paulus sagt zwar, dass er wie andere im Prinzip erwarten könnten, dass er für seine Tätigkeit unterstützt wird. Aber hat es nur in Not angenommen.

Er betont, dass er selbst gearbeitet hat: Für seine Bedürfnisse und sogar für andere Bedürftige.

Im nächsten Teil schauen wir uns dann die Taufe und die friedliche Gemeinde an.

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