Von Christian
Nachdem wir uns im ersten Teil mit den Anfängen der Gemeinde in Jerusalem befasst haben, wollen wir uns jetzt die weitere Entwicklung näher anschauen.
Die Gemeinden in der apostolischen Zeit
Der Begriff Apostel bezieht sich auf drei verschiedene Gruppen von Personen, siehe das Video “Sollten wir uns Apostel nennen (lassen)?“. Waren die 12 ursprünglichen Apostel nur in der Jerusalemer Gemeinde oder auch anderswo?
Eine der frühesten weiteren Gemeinden war in Antiochia:
In der Gemeinde von Antiochia gab es damals folgende Propheten und Lehrer: Barnabas und Simeon, genannt Niger, Luzius von Zyrene und Manaën, der zusammen mit dem Vierfürsten Herodes aufgewachsen war, und Saulus. Als sie einmal dem Herrn dienten und dabei fasteten, sprach der Heilige Geist: „Stellt mir doch Barnabas und Saulus für die Aufgabe frei, zu der ich sie berufen habe.“ Nach weiterem Fasten und Beten legten sie ihnen schließlich die Hände auf und ließen sie ziehen. So vom Heiligen Geist ausgesandt, gingen die beiden nach Seleuzia und nahmen dort ein Segelschiff nach Zypern.
Apg 13:1-4 NEÜ
Hier werden einige Männer der Gemeinde als Propheten und Lehrer bezeichnet, aber nicht als Älteste. Und keiner der 12 Apostel ist dort. Als es dann Meinungsverschiedenheiten gab, als Männer aus Jerusalem nach Antiochia kamen, erfahren wir etwas über eine Veränderung in der Struktur in der Gemeinde in Jerusalem:
Paulus und Barnabas bestritten das energisch und hatten deshalb eine heftige Auseinandersetzung mit ihnen. Schließlich kamen sie überein, Paulus und Barnabas mit einigen anderen aus der Gemeinde, zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem zu senden, um diese Streitfrage zu klären.
Apg. 15:2 NEÜ
Hier wird also erwähnt, dass es in Jerusalem schon Männer gab, die als Älteste bezeichnet wurden. Wenn dies etwa im Jahr 48 war, dann waren schon fast zwei Jahrzehnte vergangen und die 12 Apostel auch in andere Städte gereist. Insofern mussten andere in der Gemeinde in Jerusalem die Verantwortung übernehmen, wurde aber nicht als Apostel bezeichnet.
In der frühen Gemeinde in Antiochia wir von Propheten und Lehrern gesprochen, aber in Jerusalem von Aposteln und Ältesten.
In Antiochia beteten und fasteten sie vor einer wichtigen Entscheidung und der Heilige Geist sprach.
Immerhin erfahren wir in Apostelgeschichte 20:17, dass es später ‚Älteste‘ in Ephesus gab:
Von Milet aus schickte er nach Ephesus und liess die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen.
Apostelgeschichte 20:17 Züricher
Hier haben wir also wieder den Begriff πρεσβυτέρους (presbyterous) ‚Älteste‘. Das ist aber keine neue Bezeichnung für eine Position in der Gemeinde der Jünger, sondern es wird 66 mal im Neuen Testament verwendet.
Erst in Apostelgeschichte 20 erfahren wir dann etwas weiteres zu unserem Thema.
Aufseher und Diener
Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher eingesetzt hat, die Gemeinde Gottes [andere Handschriften: Gemeinde des Herrn] zu hüten, die er [d. i. Gott] sich erworben hat durch das Blut seines eigenen ⟨Sohnes⟩.
Apostelgeschichte 20:28 Elberfelder
Es gab also episkopos ‚Aufseher‘, welche durch den heiligen Geist eingesetzt worden waren. Wie das geschehen war, erfahren wir leider nicht. Aber wer damit gemeint war:
Von Milet aber sandte er nach Ephesus und rief die Ältesten der Gemeinde [o. Versammlung; so auch V. 28] herüber.
Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher eingesetzt hat, die Gemeinde Gottes [andere Handschr.: Gemeinde des Herrn] zu hüten, die er [d. i. Gott] sich erworben hat durch das Blut seines eigenen ⟨Sohnes⟩.
Apostelgeschichte 20:17, 28 Elberfelder
Hier bezeichnet er die πρεσβυτέρους (presbyterous) ‚Ältesten‘ nun als solche, die durch den heiligen Geist als ἐπισκόπους (episkopous) ‚Aufseher‘, eingesetzt worden waren. Diesen Begriff finden wir insgesamt 5 mal im neuen Testament:
Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher eingesetzt hat, die Gemeinde Gottes [andere Handschr.: Gemeinde des Herrn] zu hüten, die er [d. i. Gott] sich erworben hat durch das Blut seines eigenen ⟨Sohnes⟩.
Paulus und Timotheus, Knechte [w. Sklaven] Christi Jesu, allen Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, samt den Aufsehern und Dienern: …
Der Aufseher nun muss untadelig sein, Mann einer [Im Griech. steht hier ein Zahlwort, ebenso in V. 12.] Frau, nüchtern, besonnen, anständig, gastfrei, lehrfähig, …
Denn der Aufseher muss untadelig sein als Gottes Verwalter, nicht eigenmächtig, nicht jähzornig, nicht dem Wein ergeben, nicht ein Schläger, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, …
Denn ihr gingt in der Irre wie Schafe, aber ihr seid jetzt zurückgekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen.
Apostelgeschichte 20:28; Philipper 1:1; 1. Timotheus 3:2; Titus 1:7; 1. Petrus 2:25 Elberfelder
Die letzte Verwendung in 1. Petrus 2:25 spricht allerdings nicht von einem Aufseher in der Gemeinde, sondern von Jesus Christus selbst. Und schon anhand der Verbindung von ‚Aufseher‘ mit ‚Hirte‘ in diesem Vers und Apostelgeschichte 20:28 wird klar, dass es nicht um die Aufsicht über die Herde ging, sondern die Verantwortung für die Herde. So findet sich in HELPS Word-Studies dieser Kommentar:
„Obwohl 1985 (epískopos) in manchen Kontexten traditionell als eine Position der Autorität angesehen wurde, liegt der Schwerpunkt in Wirklichkeit auf der Verantwortung, sich um andere zu kümmern“ (L & N, 1, 35.40).
HELPS Word-studies zu episkopos, Strong’s 1985
Direkt verwandt mit dem Wort epískopos wird dieses Wort in 1. Timotheus 3:1 (also im direkten Kontext) verwendet:
Das Wort ist gewiss[o. zuverlässig; o. treu]: Wenn jemand nach einem Aufseherdienst [ἐπισκοπῆς (episkopēs); episkopé ein Besuch, eine Aufsicht] trachtet, so begehrt er ein schönes Werk.
und sie werden dich und deine Kinder in dir zu Boden werfen und werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, dafür, dass du die Zeit deiner Heimsuchung [episkopé ein Besuch, eine Aufsicht] nicht erkannt hast.
Denn es steht im Buch der Psalmen geschrieben: »Seine Wohnung werde öde, und es sei niemand, der darin wohnt«!, und: »Sein Aufseheramt [episkopé ein Besuch, eine Aufsicht] empfange ein anderer!«
und führt euren Wandel unter den Nationen gut, damit sie, worin sie gegen euch als Übeltäter reden, aus den guten Werken, die sie anschauen, Gott verherrlichen am Tage der Heimsuchung! [episkopé ein Besuch, eine Aufsicht]
1. Timotheus 3:1; Lukas 19:44; Apostelgeschichte 1:20; 1. Petrus 2:12 Elberfelder
Jetzt klingt ‚Heimsuchung‘ ja noch schlimmer als ‚Aufseher‘. Es wird aber nur einmal in Bezug auf Älteste verwendet. Zweimal bezieht es sich auf eine Zeit, in der Gott genau hinschaut. Und dann wird es als Begründung verwendet, warum ein neuer, 12. Apostel ausgewählt wird.
In Philipper 1:1 hatten wir neben ‚Aufsehern‘ noch ‚Diener‘ διακόνοις (diakonois) gefunden. Dieses Wort wird 29mal im Neuen Testament verwendet und zwar in einem sehr allgemeinen Sinne für alle Jünger und in Römer 13 sogar für die staatlichen Behörden! Das war zu dieser Zeit also noch keine Bezeichnung für ein bestimmtes Amt in der Gemeinde, sondern es wurde ein allgemein übliches Wort verwendet. Wer für die Gemeinde allerdings in besonderer Weise ein ‚Diener‘ war, sollte gewisse Anfordnerungen erfüllen:
Ebenso die Diener [griech. diakonos; so auch V. 12]; ehrbar, nicht doppelzüngig, nicht vielem Wein ergeben, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, …
Die Diener [griech. diakonos] seien ⟨jeweils⟩ Mann einer Frau und sollen den Kindern und den eigenen Häusern gut vorstehen; …
1. Timotheus 3:8, 12 Elberfelder
Wir stellen also fest:
In den Gemeinden gab es πρεσβυτέρους (presbyterous) ‚Älteste‘, die als ἐπισκόπους (episkopous) ‚Aufseher‘ dienten. Und es gab noch ‚Diener‘ διακόνοις (diakonois).
Wir wurde diese ernannt? In Apostelgeschichte 20:28 sagt Paulus, dass sie „vom heiligen Geist ernannt worden waren“. Wie? Nach Apostelgeschichte 6:6 legten die Apostel Dienern die Hände auf. In 2. Timotheus 1:6 sagt Paulus zu Timotheus: „Darum erinnere ich dich an die Gabe Gottes, die du empfangen hast, als ich dir die Hände auflegte:“ Laut 1. Timotheus 4:14 waren es allerdings die Ältesten: „Lass die Gabe nicht ungenutzt, die Gott dir aufgrund eines prophetischen Wortes und durch Handauflegung der Ältesten geschenkt hat!“
Im 1. Jahrhundert wurden Älteste und Diener ernannt, indem die 12 Apostel, andere Apostel oder die Ältesten ihnen die Hände auflegten.
Auch anderen Gläubigen legten die Apostel die Hände auf:
Als nun die Apostel in Jerusalem hörten, dass die Leute in Samarien die Botschaft Gottes angenommen hatten, schickten sie Petrus und Johannes zu ihnen. Nach ihrer Ankunft beteten beide für sie, dass Gott ihnen den Heiligen Geist geben möge, denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen. Sie waren nur auf den Namen des Herrn Jesus getauft worden. Nach dem Gebet legten Petrus und Johannes ihnen die Hände auf, und sie empfingen den Heiligen Geist.
Apostelgeschichte 8:14-17 NEÜ
Im 1. Jahrhundert empfingen die Jünger in Samarien den heiligen Geist, nachdem die Apostel Petrus und Johannes ihnen die Hände aufgelegt haben.
Wir erkennen also schon aus der Apostelgeschichte, dass es nicht ‚die eine Gemeinde‘ im ersten Jahrhundert gab. Aufgrund der Entwicklung und Bedürfnisse änderte sich die Struktur von der ersten Jerusalemer Gemeinde bis zu den späteren Gemeinden im Gebiet der Heiden.
Jetzt haben wir schon einige interessante Aspekte über die Gemeinden im 1. Jahrhundert erfahren. Bevor wir zum historischen Kontext kommen, sollten wir uns aber in den nächsten beiden Teilen noch mit anderen wichtigen Themengebieten genauer beschäftigen: Geld, Spenden, Taufen und die friedliche Gemeinde.


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