Die Zoom-Gemeinde: Text, Kontext, Konsequenzen – Teil 5

Von Christian


In den vorangegangenen Folgen hatten wir angefangen, den Text des Neuen Testaments in Bezug auf die Struktur der Gemeinden zu untersuchen. Immer mit der Behauptung im Sinn: „Wir machen das genau so wie die Christen im 1. Jahrhundert“.

Dabei sind wir auf die Organisation der Gemeinden und das Thema Spenden etwas eingegangen, sowie auf Taufe und das friedliche Zusammenleben. Wir könnten noch weitere spezifische Aspekte anschauen, aber das würde dann eine ziemlich lange Serie. Lass uns lieber einen Blick auf den historischen Kontext dessen werfen, was wir bisher gelesen haben.

Der historische Kontext

Tatsächlich ist es doch so, dass die Gemeinden nicht jenseits aller Zivilisation entstanden sind, sondern in ganz konkreten historischen Kontexten mit ganz konkreten Bedürfnissen der Jünger. Betrachten wir diesen Kontext einmal genauer und fragen uns dann, ob wir heute die gleichen Bedürfnisse haben und alles so einfach auf uns übertragen dürfen.

Wir neigen oft dazu, die Geschichte der Nachfolger Jesu im 1. Jahrhundert als eine homogene Sache zu sehen – die Gemeinde im 1. Jahrhundert. Als gäbe es nur ‚die eine Gemeinde‘ im 1. Jahrhundert die so und so gelebt hat. Die folgende Grafik soll uns einmal einige wichtige Aspekte vor Augen führen.

Die zeitliche Entwicklung

Ganz oben habe ich einmal ‚Generationen‘ von je 40 Jahren eingezeichnet. Damit wir ein besseres Gefühl dafür bekommen, wieviel Zeit wirklich damals vergangen ist. Denk das immer einmal in den Begriffen ‚ich‘, ‚mein Vater/Mutter‘, ‚mein Großvater/ meine Großmutter‘, ‚meine Kinder‘ und ‚meine Enkel‘ durch. Wieviel weißt du von deinen Großeltern? Was haben sie dir aus ihrer Jugend erzählt? Für die meisten Nachfolger Jesu im 1. Jahrhundert waren die Ereignisse im Leben Jesu im besten Fall die Berichte der Großeltern oder Urgroßeltern Generation. Und viele waren später Heiden, deren Eltern und auch Großeltern die von Jesus nicht gehört geschweige denn ihn selbst kennengelernt hatten.

Vielleicht haben wir auch die idealistische Vorstellung ‚der Gemeinde in Jerusalem‘ im Sinn. Das kann daran liegen, dass wir die Texte im Neuen Testament dazu in Minuten oder wenigen Stunden lesen können. Uns fehlt völlig das Gefühl für die vielen Jahre, die in den Berichten vergehen. Und vom zweiten Teil des ersten Jahrhunderts haben wir im Neuen Testament so gut wie überhaupt keinen Bericht.

Ein Apostel Petrus, Jakobus, der Bruder Jesu, oder ein Apostel Paulus waren nach nicht einmal 3 Jahrzehnten nach Jesu Tod auch nicht mehr am Leben! Das wäre so, als ob Jesus Anfang der 1990er Jahren da gewesen wäre und heute wären Petrus, Jakobus, Paulus und andere verstorben.

Und was war in der Zeit dazwischen? Vielleicht schon ein Jahr nach Jesu Tod wird Stephanus gesteinigt und die Gemeinde in Jerusalem wird zerstreut. Das wäre noch vor dem Jahr 2000 gewesen.

Schon 2010 wäre das ‚Konzil in Jerusalem‘ (Apostelgeschichte 15) gewesen und in wenigen Jahren wird der Tempel und Jerusalem zerstört. Dann müssen die in Jerusalem und Judäa fliehen. Aber davor hat schon eine Verfolgung durch die Weltmacht Rom begonnen.

Mittlerweile sind die Kinder und Enkel groß geworden und Jesus ist immer noch nicht zurück. Das Evangelium ist überall im römischen Reich verkündet würden, bis nach Rom und darüber hinaus.

Vielleicht wir uns jetzt bewusst, welche Veränderungen es ist in dieser Zeit gab und wie sich ‚die Gemeinde‘ im ersten Jahrhundert dramatisch verändert hat.

Interessant wäre es auch, einmal näher die Entwicklung zu betrachten, wie nach den 12 Aposteln andere Apostel (Missionare) und Aufseher eingesetzt wurden. Also nach der Zeit, als noch diese Apostel diesen die Hände auflegten. Und gab es in Rom schon das Monepiskopat, also die Leitung der Gemeinde durch einen Bischof? In den ersten beiden Jahrhunderten kann nicht mit Gewissheit gesagt werden, wann und wo es die Leitung durch eine Gruppe von Ältesten gab und wann eine Person besonders die Führung übernahm und Bischof genannt wurde.

Könnte es sein, dass wir eine idealistische Vorstellung von ‚der Gemeinde‘ im ersten Jahrhundert haben? Eine, die es so im Urchristentum nie gab? Den Begriff Urchristentum gibt es übrigens in der deutschsprachigen Literatur auch erst seit etwa 1770 (siehe Wikipedia Urchristentum).

Dabei haben wir noch gar nicht über die schrittweise Loslösung der jüdischen Jünger Jesu aus ihrer Religion, Kultur und ihrem Umfeld gesprochen.

Der soziale Kontext

Die Struktur und Veränderung der Gemeinden der Nachfolger Christi im ersten Jahrhundert muss auch im sozialen Kontext betrachtet werden. Ich möchte nur ein paar Fakten in Erinnerung bringen:

  • Anfänglich bestand die Gemeinde in Jerusalem nur aus Juden, die von anderen zuerst auch als solche wahrgenommen wurden. Erst nach einiger Zeit konnten sie nicht mehr in die Synagogen oder den Tempel gehen. Noch in Apostelgeschichte 21:26 lesen wir, dass Paulus mit anderen in den Tempel in Jerusalem ging. Erst 7 Tage später wurde er im Tempel von Juden aus der Provinz Asien gesehen und festgenommen.
  • Anfangs waren die 11 Apostel, die von Jesus persönlich ausgewählt wurden, die maßgeblichen Personen, was die Lehre Jesu betraf. Dann taucht auch Jakobus, der Bruder Jesu auf. Mit dem Wachstum der Gemeinde in Jerusalem und der Verbreitung des Evangeliums in andere Gemeinden und dem Tod der Apostel mussten andere ‚Älteste‘ ihre Aufgabe als ‚Aufseher‘ übernehmen, wenn auch nicht mit der selben Autorität.
  • Die meisten konnten nicht lesen geschweige denn Schreiben. Es musste in der Gemeinde vorgelesen werden. Oder jemand musste zitieren – entweder aus den Schriften oder der mündlichen Überlieferung.
  • Die mündliche Überlieferung wurde immer schwieriger, weil die Augenzeugen starben. Und dann die, welche die Augenzeugen noch kannten. Irgendwann hatten viele weder Jesus, noch einen Augenzeugen oder diejenigen, die sie kannten je kennengelernt.
  • Die verschiedenen Gemeinden hatten mit ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten und lokalen Religionen zu tun.
  • Mit den Jüngern aus den Heiden kamen ganz neue, philosophische Ideen und Erklärungen mit in die Gemeinde, die es im jüdischen Kontext so gar nicht gab. Auch wenn alle das selbe hörten, so verstanden sie aufgrund der verschiedenen persönlichen Hintergründe nicht unbedingt das Selbe darunter.
  • Gemäß Apostelgeschichte 1:8 hofften die Apostel, dass sie die Aufrichtung des Königreiches bald erleben. Und Jesus sagte ihnen nicht, dass es nicht so wäre. Nur, dass das nicht ihre Angelegenheit ist. Daher blieb diese Hoffnung bestehen. Aber die Jahrzehnte vergingen. Und damit stellte sich die Frage: Wenn dir darin falsch lagen, was haben wir dann vielleicht noch falsch verstanden?

Wie wir gesehen hatten, beschreibt das Neue Testament im Wesentlichen die erste Hälfte des ersten Jahrhunderts. Wie entwickelten sich die Gemeinden weiter? Dazu müssten wir auch die anderen überlieferten Schriften dieser Zeit, dann die der ‚apostolischen Väter‘ und der Patristik betrachten. Auch wenn das uns helfen würde, die Entwicklung der Gemeinden besser zu verstehen, würde das hier zu weit führen. Ich möchte in der nächsten Folgen nur eine wichtige Schrift etwas näher beleuchten.

Kommentare

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Entdecke mehr von Beröer Suche

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen