Von Christian
Im ersten Teil hatten wir uns die biblische Gestalt Jiftach – auch Jephtah genannt – angeschaut. Ein Richter Israels gemäß dem Buch Richter aus dem alten Testament. Gemäß dem Text der Bibel hat er wegen seines Schwurs seine Tochter geopfert – oder auch nicht. Das wird schon fast so lange diskutiert wie der Text existiert.
Wir haben auch gesehen, wie stark unsere Meinung darüber durch Indoktrination gesteuert sein könnte. Weil religiöse Organisationen die Jehovas Zeugen diese Geschichte mißbrauchen, um die bedingungslose Treue zu ihrer Organisation schon in Kindern zu verankern.
Abgeschlossen haben wir den ersten Teil damit, dass wir uns über unsere stillschweigenden Annahmen Gedanken machen müssen. Und das tun wir nun im zweiten Teil.
Stillschweigende Annahmen …
Welche Annahmen magst du, ohne es zu bemerken, getroffen haben? Oder welche wurden vor langer Zeit in deinem Gedächtnis abgelegt? Zum Beispiel durch das Geschichten-Buch der Zeugen Jehovas für Kinder? Hier ein paar Beispiele:
- Jahwe hat Jiftach als Richter ausgewählt und eingesetzt. Und das war so etwas wie ein heiliges Amt. Später hat Jahwe anstatt der Richter Könige gesalbt.
- Das Gelübde hat Jiftach unter der Einwirkung des Geistes Jahwes ausgesprochen. (Richter 11,29)
- Jahwe hat das Gelübde akzeptiert und gutgeheißen. Ein liebevoller Gott würde ein Menschenopfer nicht gutheißen.
- Jahwe hätte ein Menschenopfer verhindert, wie bei Abraham. Aber davon lesen wir hier nichts.
- Jiftach ist ein vorbildlicher Diener Gottes gewesen. (Hebräer 11,32) Daher hätte er nie so etwas getan, was Jahwe missfällt.
- Jiftach war noch weitere Jahre Gottes Richter, also kann er seine Tochter nicht getötet haben.
Es gibt sicher noch viele weitere. Aber das genügt fürs erste.
Was der Text tatsächlich sagt – oder nicht sagt
Gehen wir die Annahmen einmal durch.
Hatte Jahwe Jiftach als Richter ausgewählt?
Einige Zeit später hatten die Ammoniter den Krieg mit Israel angefangen. Da machten sich die führenden Männer von Gilead auf den Weg, um Jiftach aus dem Land Tob zurückzuholen.
Doch die Ältesten von Gilead erwiderten: „Wir haben dich aufgesucht, damit du mit uns gegen die Ammoniter kämpfst. Du sollst unser Oberhaupt und Anführer aller Bewohner Gileads werden.“ „Ihr meint also, wenn Jahwe mir den Sieg über die Ammoniter schenkt, soll ich tatsächlich euer Oberhaupt werden?“, fragte Jiftach. „Ja“, sagten die Ältesten, „wir schwören es vor Jahwe! So soll es geschehen!“ Da ging Jiftach mit den Ältesten von Gilead. Das Volk setzte ihn auch als Oberhaupt und Anführer ein. Und in Mizpa brachte Jiftach noch einmal alle seine Anliegen vor Jahwe.
Richter 11,4-5;8-11 NEÜ
Schau an. Die Initiative ging als gar nicht von Gott aus. Wir sehen wieder einmal das Muster: Die Israeliten machen etwas und fragen – wenn überhaupt – Jahwe viel später. Hier lief es also anders als bei anderen Richtern. Was Jiftach sonst noch als Richter so getan hat, darüber erfahren wir übrigens … nichts.
Aber da ist doch diese Sache mit Gottes Geist. In Richter 11,29-30 steht:
„Da kam der Geist Jahwes über Jiftach. Er durchzog das ganze Gebiet von Gilead und Manasse, um seine Truppen zu sammeln, und kehrte dann nach Mizpa zurück. Von dort aus zog er in den Kampf gegen die Ammoniter.
Richter 11,29-30 NEÜ
Dabei gelobte er Jahwe: „Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Hand gibst …“
Es verging also eine ganze Menge Zeit dazwischen. Und was bedeutet es, dass ‚der Geist Jahres über Jiftach‘ kam? Dass er ab sofort nur noch Gottes Weisheit von sich gab und ein vorbildliches, gottesfürchtiges Leben führte? Im Text steht, dass er begann, Truppen zu sammeln. Und hat der Geist Gottes in anderen Fällen ‚Richter‘ daran gehindert, Fehler zu machen? Wie war das bei Simson? Der wird übrigens auch in Hebräer 11,32 erwähnt.
Ist denn in Hebräer 11 die Aussage, dass diese Personen ‚Heilige‘ waren, die keine Fehler mehr machten? Schon gar keine schwerwiegenden? Nein. Es wird beschrieben, was sie aus Glauben taten. Und gegen die Ammoniter zu kämpfen, erforderte sicher Glauben.
Wird denn in dem Bericht in Richter 11 und 12 wenigstens irgendwie gesagt, wie Jahwe darüber dachte? Nein. Nichts. Gar nichts. In Kapitel 12 geht die Geschichte ja weiter, dass der Stamm Efraim wegen dem Sieg Streit anfing, was letztendlich tausende Männer des Stammes das Leben kostete. Und dann heißt es: „Sechs Jahre lang war Jiftach Israels Richter. Als er starb, wurde er in einer der Städte Gileads begraben.“
Man hat geradezu den Eindruck, als ob Jahwe in dieser Zeit keine Rolle spielt. Zumindest kommt er im Bericht einfach nicht mehr vor. Warum wohl? Und sollten wir deshalb – voreilig – annehmen, dass dies alles so lief, wie Gott es gerne gehabt hätte?
Und um deine Vorstellung von einem „Richter“ Jiftach etwas gemäß den Fakten zu korrigieren. War Jiftach ein ‚Heiliger‘ oder der Traum-Schwiegersohn? War er ein gütiger, wesensguter, sanfter Mensch, der keiner Fliege etwas antun konnte? War er überhaupt ein gläubiger Israelit? Der sich immer so genau wie möglich an das mosaische Gesetz hielt?
Auch hier versucht die Wachtturm-Gesellschaft mit Bildern in dir eine gewisse Vorstellung zu erzeugen. Der Mann auf dem Bild kann einem ja wirklich Leid tun:

Doch vergleiche auch mal diese Kunstwerke aus verschiedenen Zeiten:



Bilder sind ein mächtiges Instrument – auch zur Indoktrination. Je nachdem, welches Bild du verinnerlicht hast, denkst du ganz unterschiedlich über Jiftach. Deshalb müssen wir uns wieder dem Text zuwenden.
Zumindest wird Jiftach als „ausgezeichneter Krieger“ (NEÜ) beschrieben, der sich „in vielen Kämpfen bewährt hatte.“ (NGÜ) (Richter 11:1). Und er hatte einen schweren Start:
Nun gab es dort einen ausgezeichneten Krieger namens Jiftach. Allerdings war er der Sohn einer Prostituierten mit einem Mann namens Gilead.
Dieser Gilead hatte auch Söhne von seiner Ehefrau. Als diese herangewachsen waren, vertrieben sie Jiftach: „Du hast keinen Anteil an unserem Familienbesitz“, sagten sie, „denn du stammst von einer anderen Frau.“
So war Jiftach von seinen Brüdern weggegangen und lebte im Land Tob.[Gebiet um die Stadt Tob, nördlich vom Königreich Ammon und östlich vom Stammesgebiet Manasses.] Er sammelte Männer um sich, die nichts mehr zu verlieren hatten und ihm auf seinen Raubzügen folgten.
Doch Jiftach entgegnete: „Habt ihr mich nicht verachtet und aus dem Haus meines Vaters vertrieben? Und jetzt, wo ihr in Not seid, kommt ihr ausgerechnet zu mir?“
Richter 11,1-3,7 NEÜ
„Er sammelte Männer um sich, die nichts mehr zu verlieren hatten und ihm auf seinen Raubzügen folgten.“ Heute würde man ihn als Desperado bezeichnen. Einen Ausgestoßenen, Verzweifelten, der nichts mehr zu verlieren hat.“
Hat Jiftach denn Jahwe so angebetet, wie es im mosaischen Gesetzt vorgeschrieben war? Das erfahren wir nicht. Aber „Raubzüge“ und der Kontext deuten eher nicht darauf hin. Auch wenn man bedenkt, in welcher Gegend er dann wohnte: In der Stadt Tob, nördlich von Ammon, außerhalb der Grenzen Israels.
Kommen wir nun zu seinem Gelübde. Was hat sich Jiftach wohl dabei gedacht, als er dieses Gelübde in Richter 11,31 ausgesprochen hat? „dann soll derjenige, der mir als Erster aus meinem Zuhause entgegenkommt, Jahwe gehören; ich werde ihn Jahwe als Brandopfer darbringen.“ Meinte er vielleicht, dass ein Bündel Getreide aus seinen Toren auf ihn zugehen würde? Oder ein Kürbis auf ihn zu rollt? Oder zufällig ein Tier, das man opfern könnte? Nun gut, wenn du das glauben willst ….
Es gibt übrigens noch einen weitere unbequemen Text dazu, nämlich 2. Könige 3,26-27
Als der König von Moab sah, dass er die Stadt nicht mehr lange halten konnte, sammelte er 700 Schwertträger um sich und versuchte an der Stelle durchzubrechen, wo der König von Edom stand. Doch es gelang ihnen nicht. Da nahm er seinen erstgeborenen Sohn, der einmal nach ihm König werden sollte, und verbrannte ihn als Opfer auf der Stadtmauer, sodass ein großer Zorn über Israel kam. Sie brachen die Belagerung ab und kehrten in ihr Land zurück.
2. Könige 3, 26-27 NEÜ
Was es mit diesem „großen Zorn über Israel“ auf sich hat, darüber wird seit je her gerätselt. Wie muss das aber für die Moabiter ausgesehen haben? Ein Kindesopfer für ihren Gott – noch dazu des erstgeborenen Sohnes – brachte den Sieg und die Rettung vor den Israeliten und ihren Verbündeten. Solche Opfer sind also keine Ausnahme gewesen.
Ein weiterer Aspekt: Konnte Jiftach wirklich nicht zurück? Sicher, er konnte sein Versprechen nicht ungeschehen machen? Aber musste er es erfüllen? Wenn er nicht an ein Menschenopfer gedacht hatte, dann hätte er doch Jahwe sagen können: Oh nein, dass habe ich so ja nie gemeint! Und selbst wenn. Er hätte immer noch vor Gott bekennen können, dass er gesündigt hat, und um Vergebung bitten können. Hat nicht König David das auch gemacht?
„Aber …“, denkst du jetzt vielleicht, „… in der Bibel steht doch, dass man sein Gelübde erfüllen muss.“ Nun, da gibt es 4. Mose 30. Da zitiert der Wachtturm gerne mal nur Vers 3 (z.B. Wachtturm April 2017 S. 4 Abs. 3). Im Text steht da jedoch mittendrin: „, sich von etwas zu enthalten,“ Der Wachtturm macht daraus: „. . . [und sich dadurch ein Gelübde auferlegt],“ Das ist schon eine erstaunliche Verfälschung. Und danach wird in diesem Kapitel ausführlich geregelt, wann der Vater oder Ehemann einer Frau deren Gelübde aufheben kann! Was natürlich ignoriert wird. Dann wird auch gerne Prediger 5,4 zitiert. Doch auch hier sollte man den Kontext lesen. Und schließlich wird noch Jesus selbst gemäß Matthäus 5,33 zitiert. Auch hier ist der Kontext wichtig. Und geht es in diesem Text wirklich um „Gelübde“ oder – wie andere übersetzen – „Meineide“? Das alles sollte uns zum Nachdenken bringen: Wäre ein Gelübde gegenüber Jahwe, das den Gesetzen oder Grundsätzen Jahwes widerspricht, wirklich gültig und bindend? Und kann der Eid Jiftachs wirklich als moralisches Vorbild und Argument für uns gelten?
Und ist dir eigentlich aufgefallen, wem Jiftach in Wirklichkeit die Schuld gibt?
Als er sie sah, zerriss er vor Schmerz sein Gewand und rief: „Ach, meine Tochter, du brichst mir das Herz! Dass gerade du es sein musst, die mich ins Unglück stürzt!
Richter 11,35 NEÜ
Na klar: Die Tochter bricht ihm das Herz und stürzt ihn ins Unglück! Erinnert einen schon an Adam: „Der Mensch erwiderte: „Die Frau, die du mir zur Seite gestellt hast, gab mir etwas davon; da habe ich gegessen.““ (1. Mose 3,12) Adam hat auch der Frau – er sagt nicht ‚meine‘ Frau – und du, Gott, die Schuld gegeben.
Wenn du nun immer noch denkst: „Nein, selbst so jemand aus Israel hätte nie seine Tochter geopfert.“ Nun, dann möchte ich deine Aufmerksamkeit auf einen anderen Bericht aus dieser Zeit lenken, der nur allzu gerne und oft ignoriert wird. Wenn du starke Nerven hast, dann lies Richter 19 und 20. Ich sage nur, dass es in Israel um Homosexualität, Vergewaltigung, Massenvergewaltigung und viel Blutvergießen geht. In Israel, nicht wie bei Jiftach außerhalb von Israel.
Und dementsprechend lesen wir vor dem Bericht über Jiftach in Richter 11 dies:
Und wieder taten die Israeliten, was Jahwe als böse ansah. Sie dienten den Baalen, den Astarten, den Göttern der Syrer und Sidonier, den Göttern der Moabiter, Ammoniter und Philister. Sie kehrten Jahwe den Rücken und wollten nichts mehr von ihm wissen.
Richter 10,6 NEÜ
Sie dienten den Göttern der Ammoniter … alles klar.
Und in dem Schreiben Jiftachs an den König der Ammoniter stimmt auch schon etwas nicht: „Wenn dein Gott Kemosch jemand vor dir vertreibt, dann nimmst du doch auch sein Land in Besitz.“ (Richter 11,24 NEÜ). Nur, dass Kemosch nicht der Hauptgott der Ammoniter war, sondern Milkom. Und wem dienten die Israeliten unter anderem laut Richter 10,6: Den Göttern der Ammoniter …
Spätestens jetzt sollten wir in Betracht ziehen, dass Jiftach genau das tat, was die Israeliten gemäß dem Alten Testament oft taten: Jiftach meinte Jahwe zu dienen, tat dies aber auf die Art und Weise, wie dies bei den Ammonitern und anderen üblich war. Seine Form der Anbetung war verdreht.
Über diesen Umstand und wie diese Geschichte im Neuen Testament (Lukas 8,40-56) aufgegriffen wurde kann man im Buch I Dare You Not to Bore Me with the Bible (Ich warne dich: Langweile mich bloß nicht mit der Bibel) von Michael S. Heiser lesen.
Interessant ist auch ein Video des Wissenschaftlers Dan McClellan. Den möchte ich einmal zitieren, weil er zwar Mormone ist, aber für ihn als Bibel-Wissenschaftler die Fakten das Entscheidende sind, und er deswegen von ’seinen Leuten’ und anderen auch mal ziemlich Gegenwind bekommt. Kommt mir bekannt vor… Er kommt auch zu dem Schluß, dass Jiftach seine Tochter geopfert hat.
„Und die Moral von der Geschicht’ …“
Und damit sind wir wieder bei der Frage, die im Thema steht: Was machst du mit ‚unbequemen‘ Texten? Ich würde sagen: Sieh sie als Chance, im Glauben zu wachsen. Frage dich, welche Annahmen du mit in Interpretation des Textes steckst. Und hinterfrage, was du über die Bibel denkst, was Inspiration der Bibel bedeutet, wie viel historischer Kontext im Text enthalten ist usw.
Oder wie es Martin Luther in einer Randbemerkung zu Richter schrieb:
„Man wil / er habe sie nicht geopffert / Aber der Text stehet da klar. So sihet man auch beide an den Richtern vnd Königen / das sie nach grossen Thatten / haben auch grosse torheit müssen begehen / zuuerhüten den leidigen hohmut.“
Wikipedia, Martin Luther: Randbemerkung b zu Richter XI, in: Die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Wittenberg 1545. Transkription in 2 Bänden, Rogner & Bernhard, München 1972. Bei zeno.org als Fußnote 2.


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