Von Christian
Einer der bekanntesten deutschen Kinder-Abzählreime lautet:
Ene, Mene, Muh und raus bist du!
Kinder Abzählreim
So einfach geht das also! Oder doch nicht? Manchmal versucht jemand, diese Entscheidung hinauszuzögern. Und dann geht es so weiter:
Raus bist du noch lange nicht,
Kinder Abzählreim, zweiter Teil
sag mir erst wie alt du bist.
Und um es gleich ganz klar zu sagen: Das gilt für alle, die in hochgradig kontrollierten Gruppen (englisch: high control groups) oder Sekten sind oder waren. Ob Jehovas Zeugen, evangelikale Gruppen, Religionsorganisationen, politische oder ideologische Gruppierungen, Aktivisten usw. Insbesondere, wenn man dort sehr lange war oder sogar von Geburt an.
Das glaubst du mir nicht? Oder hältst es für nicht so dramatisch? Dann täuschst du dich gewaltig. Und deswegen müssen wir mal über PIMOs, POMOs, POMIs und deinen und meinen Glauben reden.
Gestatten, PIMO
Insbesondere im englischen Sprachraum hat sich der Begriff PIMO etabliert: Physically In, Mentally Out. Was so viel bedeutet wie: Physisch drinnen, Mental draußen.
Mittlerweile denke ich immer mehr, dass dieser Begriff auf fast schon gefährliche Weise irreführend ist. Denn er wird oft auf Menschen angewandt – ich kenne das im Kontext der Zeugen Jehovas – die noch aktiv mit den Zeugen Jehovas verbunden sind. Also zum Beispiel immer noch deren Zusammenkünfte besuchen und so weiter, aber innerlich sich distanzieren, indem sie manche Lehren ablehnen oder die Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas nicht mehr akzeptieren oder nach eigenen Aussagen sogar nicht mehr glauben. Aber sie machen halt noch mit. Und aus Angst versuchen sie, dass dies auf keinen Fall jemandem auffällt, weil sie sonst gemieden werden.
Doch sind diese wirklich ‚mental raus‘? Das mögen sie denken, doch oft nur, weil sie gar nicht erkennen, wie sehr sie noch einige der indoktrinierten Denk- und Verhaltensmuster, Gefühle und Maßstäbe, sowie Lehren und Annahmen über ‚Gott und die Welt‘ verinnerlicht haben. Kein Wunder, denn das ist ja genau eines der Ziele der Indoktrination.
Dass das so ist, erkannt man auch daran, wie totalitäre Systeme diese Methoden angewandt haben. Nachdem Adolf Hitler die verschiedenen Organisationen beschreibt, in denen die Menschen von Kindesbeinen an ihr Leben lang lückenlos geformt werden, endet er mit diesem Satz: „… und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“
„… und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“
Adolf Hitler, Zitat, in dem er die verschiedenen Organisationen zur Formung der Menschen beschrieben hat.
Woran kannst du erkennen, ob du durch eine religiöse Organisation immer noch geformt bist? Das werden wir gleich sehen. Und dein Glaube spielt da eine wesentliche Rolle.
Zunächst wenden wir uns der Weiterentwicklung des PIMO zu.
Der POMO
Wer als PIMO weiter in der Gruppe weiter macht, kann wohl kaum wirklich sagen, dass er richtig raus ist. Das denken hingegen die POMOs von sich.
Ein POMO ist jemand, der meint, mental draußen zu sein und es zumindest physisch ist: Die Person besucht keine Zusammenkünfte mehr oder hat die Organisation der Zeugen sogar offiziell verlassen, ist ausgestiegen. Bei anderen Sekten und Gruppierungen mag die Formulierung anders sein, aber im Prinzip ist die Situation die gleiche.
Tritt man zum Beispiel bei den Zeugen Jehovas offiziell aus, dann – so die offizielle Formulierung – ‚verlässt man die Gemeinschaft‘. Das ist natürlich ein Hohn, weil diejenigen die religiöse Organisation der Zeugen Jehovas verlassen, jedoch die Gemeinschaft mit ihren Freunden und Verwandten nicht aufgeben wollten. Dafür sorgen dann die Regeln der Zeugen Jehovas durch den Gemeinschaftsentzug und das Meiden und die Ächtung.
Aber ist ein POMO wirklich draußen? Geht das so schnell wie im Abzählreim? „Ene, Mene, Muh und raus bist du!“ Von wegen! „Raus bist du noch lange nicht,
sag mir erst wie alt du bist.“ Oder besser gesagt: Wie weit du ‚raus‘ bist und aktiv daran gearbeitet hast, raus zu sein. Woran kannst du feststellen, wie weit du raus bist? Dazu kommen wir gleich. Aber wir sollten noch eine dritte Gruppe kurz erwähnen.
Wen es besonders schlimm trifft: Die POMI
Über wen leider wenig gesprochen wird, sind die POMIs: Sie wurden zum Beispiel von Jehovas Zeugen ausgeschlossen oder sind leise gegangen, hängen aber mental noch drin. Jehovas Zeugen dürfen mit Ausgeschlossenen keinen Kontakt haben. Das ist auch durch die jüngsten Änderungen der Lehre nicht besser geworden: Jetzt darf so jemand zumindest im Königreichssaal kurz begrüßt werden – ach du meine Güte! Aber sonst sind sie selbst von der Familie und Freunden isoliert.
Die Ex-Zeugen Jehovas interessieren sich für diese Gruppe auch nicht so recht, weil diese ja immer noch zur Organisation zurück wollen.
Und vermutlich kann man diesen Menschen auch oft kaum helfen, solange sie das Problem bei sich suchen – Indoktrination! – und unbedingt wieder PIMI werden wollen. Also ganz drin sein wollen. Auch ein Thema für sich.
Aber wann ist man denn nun wirklich raus?
‚Draußen‘ mit ganz viel Gepäck von ‚Drinnen‘
Wenn es um physisch ‚drinnen‘ oder ‚draußen‘ geht, machen es die Zeugen Jehovas es einem schon leicht: Tritt man aus, wird man gemieden. Dann ist man von heute auf morgen physisch ‚raus‘.
Vielleicht meinen deswegen viele, dass sie mental auch raus sind. In der Tat dauert das mentale ‚raus-Sein‘ aber viel länger – Jahre. In manchen Punkten ein Leben lang. Das könnten wir jetzt ausführlich und systematisch begründen, aber ich nenne nur ein paar verschiedene Punkte. Vielleicht erkennst du dich ja wieder. Du wirst selbst noch mehr Beispiele finden.
Viele Ex-Zeugen Jehovas haben beschrieben, dass sie noch Jahre und Jahrzehnte nachdem sie die Organisation der Zeugen Jehovas verlassen hatten, immer noch dieses ‚Gefühl der Dringlichkeit‘ hatten. Diejenigen, die in den letzten Jahrzehnten mit dem Gedanken aufgewachsen sind, dass morgen Armageddon kommt und deswegen für nichts außer dem Predigen Zeit ist, empfinden eine ständige Unruhe. Und sind blockiert etwas Langfristiges wie eine Weiterbildung zu planen, weil sie das ja nie durften und taten. Wenn sie vielleicht etwas für die Entspannung planen, haben sie das Gefühl, dass sie Zeit verschwenden. Noch Jahre nach meinem Ausstieg kam es vor, dass mich zum Beispiel jemand fragte, ob ich am Sonntag kommen kann. Sofort geriet mein Körper in den Alarmzustand und der Gedanke schoß mir in den Sinn: Wie erkläre ich bloß, dass ich nicht kann, da Sonntags Versammlung ist.
Wenn du immer noch das Gefühl hast, dass du keine Zeit ‚verschwenden‘ darfst, dass du sie nicht für dich verwenden darfst, bist du vielleicht weniger ‚raus‘, also du denkst.
Bei manchen kommt selbst noch nach Jahren ein bestimmtes Thema immer wieder hoch. Ich habe das bei den Treffen der Beroean Pickets von Eric Wilson in Englisch und Deutsch beobachten können: Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas macht dieses falsch und jenes stimmt nicht. Und was haben wir damals Falsches geglaubt usw. Wenn jemand bei jedem Treffen und zu jedem Bibeltext so einen Kommentar geben kann und es auch tut, ist er dann wirklich mental draußen? Einige haben das ganz gut beschrieben: Wenn sich die Gedanken von jemanden immer noch häufig um die Zeugen Jehovas drehen, dann bist du immer noch gefangen. Ich möchte es so formulieren. Anstatt frei zu werden, lebt jemand direkt vor dem Gitter seiner Gefängniszelle und lamentiert, dass er so lange in der Zelle war. Aufarbeitung und Trauer sind notwendig, aber nicht das Ziel und der Dauerzustand. Dann ist man nicht ‚raus‘.
Es geht nicht um ‚drinnen‘ oder ‚draußen‘, sondern um immer weiter weg. Es hinter sich zu lassen. Und keine Gepäck von ‚Drinnen‘ mitzuschleppen.
Wenn du also ständig schaust, was es Neues bei jw.org gibt, und was die Organisation der Zeugen Jehovas so macht und warum das falsch ist, und du dich oft über dein vergeudetest Leben beklagst, bist du dann wirklich schon durch mit diesem Thema? Wohl kaum. Ich habe bemerkt, dass das Jahre dauert, selbst wenn man sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt. Und es gibt Trigger, welche die Dinge trotzdem immer noch hochkommen lassen.
Wenn du ständig daran denkst oder darüber redest, was die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas Falsches lehrt oder wie deine Lebenszeit vergeudet wurde, bist du noch nicht weit genug ‚raus‘.
Als mir klar wurde, dass die Lehren der Leitenden Körperschaft in die Bibel hineingelesen wurden und sie wissentlich Tatsachen verdrehen und falsch darstellen, wurde ich letztendlich als Abtrünniger gemieden. Als ich weiter die Annahmen untersuchte und feststellte, dass die Lehren der Zeugen Jehovas auch in Bezug auf den Text der Bibel, den Text des Neuen Testaments den Tatsachen widersprechen, habe ich eine Video-Serie darüber gemacht. Für manchen Ex-Zeugen Jehovas wurde ich damit wegen meiner kritischen Analyse auch eine Art Abtrünniger. Jemand Gefährliches, der den Glauben untergräbt. „Den Christian kannst du jetzt auch vergessen.“ haben wohl einige geäußert. Aber entsprach das, was ich veröffentlicht habe, nicht den Tatsachen? Woran lag es dann also? An den Fakten? Oder am ‚ich möchte diese Fakten aber lieber ignorieren, weil sie die Grundlage meines Glaubens in Frage stellen und mir Angst machen‘? Ich würde sagen, dass davon viele noch ganz schön ‚drin‘ sind. Oder zumindest noch eine Menge Lehren der Zeugen Jehovas im Gepäck mit sich rumschleppen.
Wenn du meinst, ‚den Christian kannst du jetzt vergessen‘, weil er in Videos Annahmen über die Bibel, Gott und Religion anhand der Fakten prüft und in Frage stellt, bist du noch ganz schön ‚drin‘, weil du Lehren der Organisation in deinem Gepäck mit dir rumschleppst.
Es könnte auch sein, dass du neben den Lehren der Organisation dir noch neue im gleichen Stil selbst dazu gepackt hast. Dazu gehört die Vorstellung, dass man nur um den heiligen Geist beten und die Bibel lesen muss, um ‚die Wahrheit‘ zu erkennen. Und dass die anderen an ‚falsche Lehren‘ glauben wie die Dreieinigkeit und daher nicht den heiligen Geist haben und nicht ‚die Wahrheit‘ erkennen und Teil der ‚falschen Religion‘ sind. (Siehe zum Beispiel das Video von Eric Wilson Lasse ich mich vom hl. Geist leiten, oder mache ich mir nur etwas vor? Wie kann ich mir sicher sein?). Also wenn eine Ex-Zeuge Jehovas da nicht mehrfach sogar wörtlich die Ideologie der Zeugen Jehovas erkennt … ist er noch ziemlich ‚drin‘.
Wie denkst du über andere Gläubige? Also in anderen christlichen Religionen? Würdest du zum Beispiel ein Buch eines Geistlichen lesen, der ein Kirchenamt hatte und an die Dreieinigkeit glaubt? Als ich Videos veröffentlich hatte, die auf Forschungen von N.T. Wright beruhen, fand das Eric Wilson zum Beispiel gar nicht gut: Wie kann ich nur Material von jemanden veröffentlichen, der Geistlicher in der Kirche ist und an die Dreieinigkeit glaubt! [Nebenbei: N.T. Wright ist aber auch Wissenschaftler und einer der besten Paulus-Experten unserer Zeit.] Nun kannst du aber mal überlegen, von wem die vielen Bibelübersetzungen sind, die du und andere verwenden. Je mehr du darüber nachdenkst, desto mehr wirst du als Ex-Zeuge Jehovas die Parallelen zu den Zeugen Jehovas finden.
Jetzt kommen wir aber zum vielleicht wichtigsten Punkt, an dem du erkennen kannst, ob du noch ‚drin‘ bist, wirklich weit ‚raus‘, oder wieder woanders ‚drin‘ bist.
Am Glauben zeigt sich, ob man wirklich ‚raus‘ ist – oder woanders wieder ‚drin‘
Überraschung: Es geht jetzt gar nicht darum, was du glaubst.
In einem Video von C. J. Cornthwaite bin ich auf einen ganz anderen Aspekt des Glaubens aufmerksam geworden, der mir so nicht bewusst war. Das Video hat auch eine maschinell erzeugte deutschte Tonspur, so dass du es dir selbst anschauen kannst:
Chris bezieht sich hier auf zwei Beschreibungen des Glaubens.
Die zwei Hälften des Lebens
Das erste ist Richard Roar’s Buch „Falling Upward, Revised and Updated: A Spirituality for the Two Halves of Life“.
Im ersten Teil des Lebens ist man egozentrisch. Es geht als Kind darum, selbst Laufen und Sprechen zu lernen, sich zu entwickeln, etwas zu tun und zu werden. Und der Glauben spiegelt das wider. „Er dreht sich sehr um meine persönliche Erlösung, meine persönlichen Erfahrungen mit Gott, mein Verständnis, meine Gemeinschaft und im Grunde genommen darum, dass wir Recht haben und alle anderen Unrecht.“ Könnte von einem Zeugen Jehovas sein, aber Chris wuchs in einer evangelikalen Bewegung auf. Wie sich die Dinge doch ähneln …
In der zweiten Hälfte des Lebens – und das ist jetzt nicht an das Alter gebunden – kannst du „zu einer Art von Reife gelangen, einer Art von reifer, reflexiver Spiritualität, die die Welt nicht nur in Begriffen wie diesen Dualitäten sieht, wie Schwarz und Weiß, Gut und Böse, sondern die Nuancen erkennt und erkennt, dass es eine Art spirituelles Wachstum und Reife gibt.“
Und jetzt kommt die Erkenntnis von Chris, der ich zustimme:
Alle religiösen Institutionen wurde so gestaltet, dass sie dich in der ersten Hälfte des Lebens halten. Und dass wenn du diesen Glauben verlässt, es gar kein richtiger, wahrer, echter Glaube mehr ist.
Manche Institutionen sorgen auch dafür, dass du gar nicht weißt, denkst oder glaubst, dass es diese zweite Hälfte des Lebens mit seinem reifen Glauben überhaupt gibt.
Viele religiöse Institutionen hindern uns daran, zu erkennen, dass Glaube nicht diese dogmatische, engstirnige, schwarz-weiß-Malerei sein muss, dieses Binäre, diese Dualismen. Also, als ob wir Recht hätten und alle anderen Unrecht. Der Glaube muss nicht immer so sein.
Jetzt kannst du dich fragen, zu welcher Hälfte du und dein Glaube gehören. Wirklich ‚raus‘ bist du wohl nur, wenn du zweite Hälfte erreicht hast.
Es gibt noch ein anderes Modell des Glaubens. Das hat ein Sozialwissenschaftler erarbeitet, indem er den Glauben vieler Menschen untersucht hat. Und ein Aspekt davon ist auch hier, dass sie Glaube im Laufe des Lebens ändert.
Die Fowler-Stufen des Glaubens
In einem Religionsbuch für berufliche Gymnasien heißt es:
Der US-amerikanische Forscher James Fowler hat in den 1970er- und 1980er-Jahren durch zahlreiche Interviews herausgefunden, dass sich die Einstellung von Menschen zum Thema Religion abhängig von ihrem
Evangelisch verstehen, Religionsbuch für berufliche Gymnasien, Europa Lehrmittel
Alter stark ähnelt. Fowler unterscheidet 6 Stufen des Glaubens.
Stufe 1: Der intuitiv-projektive Glaube (ca. 3-6 Jahre)
Stufe 2: Mythisch-wörtlicher Glaube (ca. 6-12 Jahre)
Stufe 3: synthetisch-konventioneller Glaube (ab ca. 12 Jahre)
Stufe 4: individuierend-reflektierender Glaube (Jugendliche, junge Erwachsene; betont das eigene ich und die kritische Distanz steht im Vordergrund)
Stufe 5: verbindender Glaube (Integration in das Selbst und in die Weltsicht von vielem, betont das Gemeinsame)
Stufe 6: universalisierender Glaube (äußerst selten; Die Menschen, die am besten durch sie beschrieben werden, haben Glaubensformen hervorgebracht, in denen ihr lebendiges Gefühl für eine letzte Umwelt alles Sein umfasst. Sie verkörpern und aktualisieren den Geist einer umfassend erfüllten menschlichen Gemeinschaft.)
Dieser Betrachtungswinkel in Bezug auf den Glauben ist dir vielleicht völlig neu. Aber auch sehr wichtig. Denn daran zeigt sich vielleicht am meisten, ob du noch ‚drin‘ bist oder nicht nur ‚raus‘, sondern weit genug weg.
Was sagt dein Glaube über dich aus?
Ich möchte noch ein paar Gedanken von Chris aus seinem Video zitieren.
Das ist der Anfang des erwachsenen Glaubens.
C. J. Cornthwaite
Wenn man diese Stufe des Glaubens erreicht, die nicht von Gewissheit und Dogmatismus geprägt ist und in der man nicht alle Antworten hat und einfach die Bibel aufschlägt und sie einem alles sagt, was man wissen muss.
Das Leben ist viel komplexer als das. Aber das ist spirituelle Reife, und sie sollte gefördert werden. Und die Tatsache, dass es einige Institutionen gibt, nicht viele, aber es gibt einige religiöse Institutionen, die dies feiern, und es gibt einige religiöse Führer, die dies feiern.
Das ist eine gute Sache.
Aber es ist auch eine Herausforderung, weil es eine Herausforderung ist, mit Menschen zu arbeiten, die nicht wissen, dass es eine zweite Hälfte des Lebens gibt. Und wie bringt man jemanden dorthin, wenn er nicht einmal weiß, dass es sie gibt? Wie feiert man, dass jemand eine spirituelle Reife erreicht hat, wenn er sozialisiert wurde, zu glauben, dass das Erreichen spiritueller Reife eigentlich der spirituelle Tod ist?
Und wie würdest du nun deinen Glauben beschreiben?
Ist dir schon dieser Gedanke in den Sinne gekommen? „Aber die Bibel sagt doch (im Neuen Testament) …“ Gut, das steht so möglicherweise im Text des Neuen Testaments, das du heute lesen kannst. Aber hast du dir schon einmal klar gemacht, wie dieser Text entstanden ist. Fiel er auf einmal von Gott geschrieben vom Himmel? Oder ist diese Idee, dass es nur einen wahren Glauben gibt mit der Zeit entstanden, um die vielen verschiedenen Auffassungen auszumerzen und die Kirche zu einen? Und genau genommen geht es hier gar nicht um Glauben, sondern Lehren, welche Interpretationen und Erklärungen sind, auf Fragen, auf die es viele verschiedene Antworten gab. Die dann durch die Institution der Kirche vereinheitlicht wurde. Das Problem ist also schon so alt wie das Christentum. Und in anderen Religionen und Organisationen entsprechend. Also noch viel älter.
‚Raus‘ und doch schon wieder woanders ‚drin‘, ohne es zu merken
Aber du bist ja nicht mehr ‚drin‘ in der Organisation, zum Beispiel bei den Zeugen Jehovas. Doch bist du vielleicht woanders ‚drin‘? Könnte es sein, dass eine andere ‚Institution‘ dir jetzt sagt, was der ‚richtige‘ Glaube ist?
Als Beispiel nehme ich jetzt einmal, weil ich das aus erster Hand kenne, die Beroean Pickets, welche Eric Wilson gestartet hat. Und nein, das ist jetzt nicht gegen diese Menschen oder Eric gerichtet. Es geht um die Mechanismen, die automatisch laufen und es auch tun, wie ich gesehen habe.
Natürlich sagen er und diejenigen, die sich bei den Beroean Pickets treffen, dass sie nicht die ganze Wahrheit kennen. Aber Eric veröffentlich halt viele Videos, in der er seine Interpretation der Bibel darlegt. Und gleichzeitig organisiert er Online Treffen, hat das auf verschiedene Sprachen ausgedehnt, tauft andere, was auch live übertragen wurde, und schreibt auf seiner Website, was die Beroean Pickets glauben:
Wir sind Christen, die nicht an die Dreifaltigkeit glauben (und denken nicht, dass Jesus Gott ist). Die meisten von uns waren früher Zeugen Jehovas, aber wir heißen alle Menschen willkommen, egal welchen Glaubens, die sich aus den Fesseln der Religion befreien wollen.
https://beroeans.net
Siehst du den Widerspruch? „Aus den Fesseln der Religion befreien“ bedeutet doch auch, dass man nicht mehr die Dogmen der Religion glauben muss. Aber davor steht, was die Beroean Pickets alle – „wir“ – glauben. Mal abgesehen davon, dass es da noch viel mehr Lehren gibt, bindet das nicht die Beroean Pickets an das, was die ‚Institution‘ Beroean Pickets oder Eric Wilson glaubt? Aber er zwingt das ihnen ja nicht auf. Wirklich? Das kann leider auch passiv passieren.
Als ich damals zum ersten Mal an den englischen Zusammenkünften der Beroean Pickets teilgenommen habe, kochte ein Thema hoch: Hat Jephtah (Jiftach) seine Tochter geopfert, also getötet, oder nicht. Der Text der Bibel sagt das eigentlich unmißverständlich. Ist aber ziemlich unbequem. Es gab eine ziemliche Diskussion und letztendlich meinte Eric in etwa das: Das passt nicht zu einem Gott der Liebe und wenn ihr das glaubt, dann verlässt er diese Gruppe (die er ja gegründet hatte). Und was ist dabei das Problem? Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn ihr nicht glaubt, was ich glaube, dann seid ihr nicht in meiner Gruppe.
Das ist der Anfang einer Institution, die dazu führt, dass du nicht einen reifen Glauben erlangst.
Nebenbei: Man hätte diesen Konflikt lösen können, wenn man sich der Annahmen bewusst geworden wäre, dieser hinterfragt hätte und dann die verschiedenen möglichen Erklärungen akzeptiert hätte. Aber das ist ein anderes Thema.
Später ging es bei den Beroan Pickets dann wohl um das Wesen Jesu, was zu einem erheblichen Streit und Schisma geführt hat (findest du alles im Internet, wenn du es wissen willst).
Wie gesagt: Das schreibe ich nicht, um die Beroan Pickets oder Eric Wilson schlecht zu machen. Aber an ihm und seiner Gruppe kann man die Entwicklung einer solchen Bewegung in atemberaubender Geschwindigkeit beobachten. Und wie auch in so einer Gruppe man schon wieder ‚drin‘ ist. Und ein reifer Glaube dort nicht gefördert wird.
Jetzt verstehst du vielleicht besser, warum ich keine Bibelstudiengruppe organisiere, nachdem ich schon lange Videos veröffentliche. Auch wenn ich darin nicht meine Interpretation der Bibel verkünde, sondern die aktuelle Forschung sprechen lasse.
In deiner Bibelstudiengruppe kann – und sollte – es anders sein. Das zeigt sich daran, in welche Richtung dein Glaube gefördert wird.
Du kannst es schaffen
Erfreulicherweise gibt es viele Menschen, die diese Veränderung erfolgreich hinter sich haben. Leider nicht ganz richtig: Die einen großen Teil dieser Veränderung hinter sich haben und sich dessen bewußt sind, dass diese Arbeit nicht abgeschlossen ist.
Und in diesem Sinne kann für dich der Abzählreim enden:
Ene, Mene, Muh und raus bist du!
Kinder Abzählreim
Raus bist du noch lange nicht,
sag mir erst wie alt du bist.
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7
7 ist kein Wort
und Du bist fort!
Und falls du noch ‚drin‘ bist oder wieder ‚drin‘ bist, als PIMI, PIMO, POMI oder POMO, dann lass dir nicht einreden, dass du deinen Glauben verlierst. Das ist Teil des Gepäcks ‚von drinnen‘.
Ich möchte nochmal Chris zitieren, der es in seinem Video ganz gut beschrieben hat:
Das Ironische daran ist, dass das nicht das Ende des Glaubens bedeuten muss. Das kann tatsächlich der Beginn des Glaubens sein.
C. J. Cornthwaite

