Religiöse Rückstände: Was bleibt, wenn man sich von der Religion abwendet

Von Christian / Dr. Andrew M. Henry


In meinem Artikel „Raus bist du noch lange nicht … (YouTube Video) habe ich unter anderem darüber gesprochen, was man noch lange mit sich herumträgt, nachdem man eine hochgradig kontrollierende Gruppe wie Jehovas Zeugen oder evangelikale Gruppen verlässt. Und im Artikel Warum es immer deine Schuld ist, wenn du eine hochgradig kontrollierende Gruppe verläßt (YouTube Video) haben wir die Mechanismen dieser Gruppen beleuchtet.

In diesem Artikel schauen wir uns die Ergebnisse einer Reihe von wissenschaftlichen Studien an, die erforscht haben, wie sich Menschen ändern, wenn sie eine Religion verlassen – oder was sich eben auch nicht ändert. Ich fasse hier zusammen, was Dr. Andrew M. Henry in seinem Video Religious Residue: What Sticks After You Leave Religion erläutert.

Religious Residue: What Sticks After You Leave Religion (Dr. Andrew M. Henry)

Das es sich um allgemeineres Phänomen handelt, erkennt man schon an den fiktiven Beispielen, die er anführt:

Stell dir eine hypothetische Frau vor, die vor etwa 12 Jahren die Southern Baptist Church verlassen hat. Sie verließ die Religion ganz allmählich und irgendwann, plötzlich auf einmal … vielleicht hat sie zuerst aufgehört, an die Hölle zu glauben. Dann hat sie aufgehört, an die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift zu glauben, und dann ist sie an einem Sonntag einfach nicht mehr in die Kirche gegangen, und am nächsten Sonntag auch nicht, und am nächsten auch nicht, und das war’s dann. Sie bezeichnet sich jetzt als Nichtgläubige, und wenn Leute sie nach ihrer Religion fragen, sagt sie, sie habe keine. Aber jetzt kommt es: Es ist ihr immer noch unangenehm, „Oh my God“ zu sagen. Wenn du Baptist bist, weißt du, wovon ich rede. Das bedeutet, den Namen des Herrn zu missbrauchen. Sie ertappt sich dabei und ersetzt es stattdessen durch „Oh my gosh“, weil ihr Mund die Worte einfach nicht formen kann, ohne dass sie sich dabei zutiefst unwohl fühlt. Sie merkte, wie ihr die Tränen kamen, als eine alte Spotify-Playlist ein zeitgenössisches christliches Lied spielte, das sie seit 2003 nicht mehr gesungen hatte. Und sie bringt es beim besten Willen nicht über sich, sonntags zu arbeiten. Ähnliche Versionen dieser Geschichte spielen sich überall auf der Welt ab. Der Ex-Katholik, der seit 20 Jahren nicht mehr in der Messe war, aber immer noch das Kreuzzeichen macht, wenn das Flugzeug abhebt. Der Ex-Muslim, der seit Jahrzehnten nicht mehr im Ramadan gefastet hat, sich aber immer noch seltsam fühlt, wenn er am ersten Tag zu Mittag isst.

Dr. Andrew M. Henry

Solche Dinge haben einige Forscher als „Religiöse Rückstände“ bezeichnet. Es bezieht sich auf das Fortbestehen religiöser Überzeugungen, Emotionen und Verhaltensweisen nach der Abkehr von der Religion.

Religiöse Überzeugungen

Zuerst betrachten wir eine große interkulturelle Studie von 2021 (Journal of Personality and Social Psycholog, Titel „Religious Residue: Cross-Cultural Evidence That Religious Psychology and Behavior Persist Following Deidentification“). Die Wissenschaftler fragten nach vielen Dingen: nach der Einstellung zu Gott, nicht nur, ob die Teilnehmer glaubten, sondern wie sie über Gott dachten, mit separaten Skalen für positive und negative Gefühle. Sie maßen, wie oft die Leute religiöse Praktiken ausübten. Und sie ließen die Teilnehmer etwas machen, das man implizite Assoziationstests nennt. Dabei unterschieden sie zwischen 3 Gruppen: Derzeit religiöse Menschen, solche, die ihre Religion verlassen haben und denen, die nie in einer Religion waren. Als sie diese drei Gruppen in einer Messung nach der anderen verglichen, landeten die ehemals religiösen, in der Mitte – nicht ganz bei den derzeit religiösen, aber auch nicht ganz bei den nie religiös Gewesenen. Auch bei den impliziten Assoziationstests, deren schnelle Antworten Dinge zu Tage fördern, bevor das Bewusstsein eine Chance hat, die Antworte zu verändern, war das so. Selbst unterhalb der Ebene des erklärten Glaubens zeigten die ehemals religiösen Menschen also immer noch positivere implizite Assoziationen mit Gott als die nie religiösen Menschen. Und bei den Verhaltensweisen war es nicht anderes: Diejenigen, welche die Religion verlassen hatten, übten immer noch mehr als doppelt so häufig religiöse Praktiken aus wie Menschen, die nie religiös gewesen waren.

Wenn jemand die Religion verlässt, bleibt etwas zurück: „Religiöse Rückstände.“

Woraus bestehen diese „religiösen Rückstände“ und warum bleiben sie über Jahre und Jahrzehnte zurück?

Kognitive Schema

Psychologen haben dieses Konzept, das man Schema nennt. Ein Schema ist im Grunde ein mentales Gerüst, das dir hilft, die Welt zu verstehen, ohne darüber nachdenken zu müssen. Wenn du eine Schema hast, was eine Restaurant ist, wirst du in jedem Restaurant der Welt klarkommen. Und wir haben ganz viele solche Schema: Was ist eine Freundschaft, was ist faires Verhalten usw.

Du hast ein Schema für Religion. Oder besser gesagt: Wenn du religiös aufgewachsen bist, ist dein Schema für einen großen Teil der Realität religiös geprägt. Dein Schema für Moral, für Leiden, dafür, was einen guten Mensch ausmacht, und wie du dich im Umgang mit dem Heiligen verhalten solltest.

Und Schemata sind wirklich schwer zu ändern, selbst wenn man will, dass sie sich ändern, und selbst wenn man es aktiv versucht. Egal, wie bewusst du es loswerden willst, dein religiöses Schema weiß nicht, dass du aufgehört hast. Es läuft einfach weiter im Hintergrund.

Dr. Andrew M. Henry

Und das hat man sogar bei ganz anderen Schemata nachweisen können, wie zum Beispiel Depressionen. Menschen, die früher an Depressionen gelitten haben, zeigten auch nach ihrer Genesung latente depressive Schemata – und zwar in der Art und Weise, wie sie Informationen verarbeiteten.

Verhalten und Gewohnheiten

Der zweite Bereich, mit dem wir uns beschäftigen müssen, sind Gewohnheiten. Religion ist nicht nur etwas, das du denkst. Es ist etwas, das du ständig wiederholt mit deinem Körper tust, angefangen von der Zeit, als du noch sehr klein warst.

Hier ein Beispiel: Überlege dir, was ein gläubiges katholisches Kind bis zum Alter von 10 Jahren getan hat. Es hat wahrscheinlich etwa 500 Mal die Messe besucht. Es hat tausende Male das Kreuzzeichen gemacht. Es hat in genau abgestimmten Abläufen mit einem Raum voller anderer Menschen gekniet, gestanden und gesessen – ein Rhythmus, den es gelernt hat, bevor es überhaupt verstanden hat, was das alles wirklich bedeutet. Es hat Gebete auswendig gelernt. Es weiß, wie eine Hostie schmeckt. Es hat beobachtet, wie seine Eltern und Großeltern jede Woche ihres Lebens zur gleichen Zeit dieselben Dinge mit denselben Gesten getan haben.

Und das verinnerlichen Kinder dann auch wirklich in Bezug auf die Religion und deren Gewohnheiten:

Die Idee dahinter ist im Grunde, dass Kinder, wenn es darum geht herauszufinden, was glaubwürdig ist, mehr darauf achten, was Erwachsene tatsächlich tun, als darauf, was sie tatsächlich sagen.

Ein Elternteil, der behauptet, religiös zu sein, aber nie zum Gottesdienst geht, nie betet, nie etwas für die Religion aufgibt, sich nicht so verhält, als ob Gott real wäre – das ist nur Gerede. Das Gehirn eines Kindes erkennt diese Inkonsistenz und wertet die gesamte Botschaft ab. Aber ein Elternteil, der 10 % seines Einkommens als Zehnten abgibt oder vor seiner Familie für den Ramadan fastet oder jeden Herbst im Garten eine Sukka für Sukkot baut und eine Woche lang jede Mahlzeit darin einnimmt. Du weißt schon, Eltern, die Zeit, Geld und Bequemlichkeit für ihre Religion opfern. Das ist aufwendig. Das ist glaubwürdig. Das prägt sich tief ein.

Die tiefsten, hartnäckigsten Teile der Religion sind nicht die Lehren, die du in der Sonntagsschule gelernt hast. Es sind die Dinge, die du seit deinem fünften Lebensjahr immer wieder bei deiner Mutter oder deinem Vater beobachtet hast, und zwar mit echtem Einsatz oder persönlichen Opfern.

Dr. Andrew M. Henry

Andrew Henry fasst die Ergebnisse so zusammen:

Wenn man das alles zusammenfasst, weisen Van Tongrren und sein Team auf mindestens drei Ebenen der Religion hin. Sie lebt im Bewusstsein als erklärte Überzeugungen und Identität. Sie lebt in kognitiven Schemata, tiefen automatischen Rahmenwerken zur Interpretation der Welt, die durch jahrelangen Gebrauch aufgebaut wurden. Und sie lebt im Körper als Gewohnheiten, als trainierte Reflexe, als rituelle Muster, die automatisch ablaufen, wenn sie durch den Kontext ausgelöst werden, verankert durch die verinnerlichte Beobachtung von Zeit- oder Kosten-aufwendigem Verhalten seit der Kindheit.

Und wenn jemand sagt: „Ich bin nicht mehr religiös“, spricht er oft von dieser ersten Ebene.

Aber die darunter liegenden Schemata wissen nichts von dieser Entscheidung. Sie laufen immer noch im Hintergrund.

Und dem Körper, der diese religiöse Sache seit 30 oder 40 Jahren macht, ist es egal, dass du beschlossen hast, nicht mehr religiös zu sein. Der Körper zuckt immer noch bei Blasphemie zusammen. Der Körper will immer noch das Gefühl spüren, wenn die Pfeifenorgel während deiner ehemals liebsten Hymne eine bestimmte Saite anschlägt.

Religiöse Rückstände sind immer noch in Körper und Geist eingeprägt

Dr. Andrew M. Henry

Zu diesem Thema gibt es noch viele weitere Studien mit interessanten Details. Zuerst einmal eine gute Nachricht:

Viele religiöse Rückstände schwinden, aber sehr langsam.

Wie immer ist es aber komplizierter – und interessanter:

Manche religiösen Rückstände verblassen mit der Zeit, manche verblassen kaum und manche nehmen sogar zu.

Betrachten wir zum Beispiel das Ergebnis einer Längsschnittstudie mit einem riesigen Datensatz namens „National Study of Youth and Religion“, der über 2.000 Amerikaner vom Jugendalter bis Mitte 20 begleitete.

Dabei stachen zwei Ergebnisse besonders hervor. In Bezug auf Schaden und Fairness unterschieden sich die drei Gruppen kaum. Derzeit religiöse, ehemals religiöse und nie religiöse Menschen waren im Grunde identisch darin, wie sehr es ihnen wichtig war, andere nicht zu verletzen und fair zu sein.

Aber bei den verbindenden Grundlagen – Loyalität, Autorität und Reinheit – sahen die drei Gruppen ganz anders aus. Derzeit religiöse Menschen erzielten die höchsten Werte, nie religiöse Menschen die niedrigsten, und die ‚ehemals religiösen‘ lagen irgendwo dazwischen.

Da die Forscher diese Menschen jedoch über ein Jahrzehnt lang begleitet hatten, konnten sie diese danach sortieren, wann sie der Religion den Rücken gekehrt hatten. Einige waren zum Zeitpunkt der Studie schon fast 10 Jahre aus der Religion ausgestiegen. Andere hatten sie erst vor ein paar Jahren verlassen. Und als sie diese Gruppen verglichen, stellten sie fest, dass Menschen, die die Religion erst kürzlich verlassen hatten, in Bezug auf Autorität und Reinheit immer noch sehr ähnlich wie derzeit religiöse Menschen abschnitten. Menschen, die am frühesten ausgestiegen waren, lagen viel näher an den nie-religiösen. Mit anderen Worten: Je länger jemand schon aus der Religion ausgestiegen war, desto mehr waren die religiösen Überreste seiner moralischen Intuitionen verschwunden.

Dr. Andrew M. Henry

Eine andere Studie wies dies nach:

Wenn Menschen die Religion verlassen, welche dieser Werte verändern sich dann und welche bleiben bestehen? Und sie fanden heraus, dass ehemalige Gläubige an Bewahrungswerten wie Tradition und Konformität in einem Maße festhielten, das viel näher an dem von derzeit religiösen Menschen lag als an dem von nie religiösen Menschen. Am stärksten war dieser Effekt bei ehemaligen evangelikalen Protestanten.

Sie fand auch heraus, dass religiöse Menschen nicht nur an religiös anmutenden Werten festhalten. Sie schienen in einigen Fällen auch bei Werten zu steigen, die mit persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung verbunden sind, und lagen in manchen Fällen sogar über dem Niveau der nie religiösen Menschen. Das Team vermutet, dass dies zuvor unterdrückte Werte sind, die hochschossen, als religiöse Zwänge wegfielen.

Die Studie legt also nahe, dass der Austritt aus der Religion das gesamte Wertesystem neu ordnet. Die konservativen Werte bleiben bestehen, verblassen aber langsam. Die Werte der Selbstentfaltung steigen manchmal über das Niveau hinaus, das sie gehabt hätten, wenn man nicht-religiös aufgewachsen wäre.

Dr. Andrew M. Henry

Dann gibt es noch eine dritte Erkenntnis neuerer Forschungen:

Die dritte Erkenntnis aus neueren Forschungen ist, dass religiöse Prägungen eine Grenze haben – und diese Grenze ist die Politik.

„Aber religiöse Rückstände sind nicht einheitlich. Sie folgen bestimmten Mustern. Sie zeigen sich an manchen Stellen und an anderen nicht. Sie zeigen sich in bestimmten Arten moralischer Intuitionen, aber nicht in der Politik. Das bringt uns zu einer letzten Erkenntnis, denn bisher haben wir hauptsächlich über klinische Umfrageergebnisse und statistische Muster gesprochen. Aber es gibt einen Teil der Forschung, der darauf hinweist, was emotional passiert, wenn jemand einer Religion den Rücken kehrt. In der ursprünglichen Studie von 2021 fand das Team etwas, das es nicht vorhergesehen hatte. Ehemalige Gläubige und derzeit Gläubige berichteten von einer stärkeren negativen Einstellung gegenüber Gott als Menschen, die nie religiös waren.“

Wie kann das sein? „In ihrem Diskussionsteil spekulierten die Autoren, dass ehemals religiöse Menschen eine längere, intensivere Beziehung zu ihrer Religionsgemeinschaft und zu Gott hatten, was naturgemäß sowohl positive als auch negative Gefühle hervorrief. Nie religiöse Menschen hingegen hatten nie einen Gott oder eine Religionsgemeinschaft, gegenüber der sie negative Gefühle hegen konnten.“

Warum das so ist, liegt in der „religiösen kognitive Dissonanz“: Die Kluft zwischen dem, was einer Person beigebracht wurde oder was sie von Gott erwartete, und dem, was sie tatsächlich erlebte.

Diese „kognitive Dissonanz“ bildet sich besonders stark über Jahre und Jahrzehnte bei vielen aus, die in einer hochgradig kontrollierenden Gruppe sind oder gar aufgewachsen sind: Wie Jehovas Zeugen oder evangelikale Gruppen. Der Widerspruch, zwischen dem was gelehrt und gesagt wird, aber was in Wirklichkeit erwartet wird. Oder der Öffentlichkeit und Gerichten gesagt wird im Gegensatz zu dem, was intern gelehrt wird – insbesondere wenn es wie bei den Zeugen Jehovas geheime Lehrbücher für Älteste gibt. Oder wenn Liebe gepredigt wird, aber sie nicht praktiziert wird, wenn man sie am dringendsten braucht. Zum Beispiel, wenn erkennt, dass in abertausenden von Fällen von Kindesmissbrauch dieser jahrelang vertuscht wurde und die Organisation die Täter schützte, indem sie bis heute die vorhandenen Unterlagen geheimhält und sich weigert, mit Gerichten zusammenzuarbeiten.

Dieser Widerspruch, diese ‚kognitive Dissonanz‘ erreicht dann einen Höhepunkt, wenn du solche Themen ansprichst oder Lehren in Frage stellst und man dich dann meidet, ausgrenzt, als gefährlich brandmarkt und schließlich jeden Kontakt abbricht – obwohl du doch keiner Fliege was zu Leide getan hast und immer von der Gemeinschaft und Liebe untereinander gesprochen wird. Mehr dazu im Beitrag Warum es immer deine Schuld ist, wenn du eine hochgradig kontrollierende Gruppe verläßt (YouTube).

Das erklärt einige der Hintergründe, warum die meisten, welchen zum Beispiel Jehovas Zeugen verlassen haben, von Religion und auch Gott überhaupt nichts mehr wissen wollen.

Selbst wenn sich jemand von Religion vollständig trennt, wird des nachgewiesenermaßen lange dauern, bis die religiösen Rückstände verwinden. Unterschiedlich lange und manche vielleicht gar nicht. Und bei einigen Themen geht der Weg vielleicht sogar erstmal weiter in die andere Richtung, als bei nicht religiösen Menschen.

Wenn du also denkst und sagst, dass du ‚deine Religion verlassen hast‘, trifft das am ehesten auf Lehren und Dogmen zu. Und selbst dort erfordert es, sich lange mit diesen Lehren auseinanderzusetzen. Grundlegende Überzeugungen, Schema und Gewohnheiten überdauern noch viel länger. Sich das bewußt zu machen, ist der erste Schritt vorwärts.

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