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  • Gottes Bild sein – Teil 6

    Gottes Bild sein – Teil 6

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im fünften Teil angekündigt, beschäftigen wir uns im Rest der Serie mit ‚Menschsein in Gottes neuer Welt‘.

    Menschsein in Gottes neuer Welt

    1. Mose 1 vermittelt unsere grundlegende menschliche Identität als Bild Gottes und führt damit ein wichtiges Thema der Heiligen Schrift ein. Der Ausdruck „Bild Gottes“ kommt jedoch nur in 1. Mose 1, 5 und 9 vor. Danach rückt das Thema in den Vordergrund, Gottes Namen zu tragen.

    Wenn wir dann zum Neuen Testament übergehen, finden wir einige weitere Passgen, in denen vom Bild Gottes gesprochen wird. Auffallend ist, dass sie sich alle auf Jesus beziehen. Und jetzt kommt der Knaller:

    Jesus, der Mensch

    Jesus ist nicht das Ebenbild Gottes, weil er Gott ist. Jesus ist das Ebenbild Gottes, weil er ein Mensch ist.

    Sein Eintritt in die Menschheitsgeschichte ist kein Plan B, sondern die Krönung von Plan A. Und so erklärt sich auch, warum das Johannes Evangelium mit Worten wie in 1. Mose 1:1 beginnt: „Am Anfang war …“ Jeder Mensch ist das Ebenbild Gottes, aber Jesus erfüllt Gottes Absichten für die Berufung, die diese Identität mit sich bringt, perfekt. „Er ist das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens.“ (Hebräer 1:3 NGÜ) Die Vater-Sohn-Sprache füllt das erste Kapitel des Hebräerbriefs und bezeichnet Jesus als Gottes erhabenen Bundespartner, der in seinem Namen regieren wird. Das heißt, er sorgt dafür, dass die Familie Gottes wieder in eine rechte Beziehung zu ihm kommt, damit auch wir Gottes Herrlichkeit ausstrahlen können.

    Jeder Aspekt des Dienstes von Jesus lehrt uns etwas darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Warum hat Jesus zum Beispiel Menschen geheilt? Da Jesus das menschliche Vorbild ist, müssen wir das richtig verstehen. In Johannes 9 heilt Jesus einen Mann, der blind geboren wurde. Die Blindheit des Mannes war ein Anlass für Jesu öffentliche Machtdemonstration, um seine messianische Identität zu offenbaren. Gleichzeitig stellte Jesus die problematische Theologie seiner Jünger und der jüdischen Religionsführer bloß. In der Geschichte geht es nicht darum, die Schwäche des Mannes hervorzuheben, sondern vielmehr darum, die Identität Jesu im Licht der Hartherzigkeit Israels zu enthüllen. Die Heilung des blind geborenen Mannes durch Jesus war nicht nur ein Akt des Mitleids. Jesus „reparierte“ nicht einfach das Problem dieses Mannes. Vielmehr entlarvte er den Unglauben und machte seine Identität als derjenige deutlich, der gekommen war, um die Prophezeiungen Jesajas zu erfüllen.

    Der Tod Jesu war die Vollendung des Ziels der Menschheit. Er war „gehorsam bis zum Tod“ – er weigerte sich, an Macht oder Autonomie festzuhalten (siehe Philipper 2:8). Vor die gleiche Wahl gestellt wie die ersten Menschen, hat Jesus Sünde und Tod besiegt, indem er sich ihnen frontal stellte und das Urteil empfing, das die Menschheit verdient hatte. Er tat dies aus freien Stücken und nahm stellvertretend für uns die volle Strafe für die menschliche Rebellion auf sich. Dieser Akt der Selbstaufopferung repariert schließlich die Zerrissenheit des Gartens. Jesus ist die Umkehrung der ersten Menschen.

    Die Erkenntnisse von Johannes sind für die Frage dieser Reihe besonders relevant: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Als zweiter Adam lebt Jesus die Entscheidung der ersten Menschen nach. Anstatt seinen eigenen Weg zur Herrlichkeit zu finden, vertraut sich Jesus dem Vater an. Sein letzter Akt am Kreuz verbindet seine eigene Mutter mit Johannes, dem geliebten Jünger (Johannes 19,25-27). Auf diese Weise schafft er eine neue menschliche Familie, in der „Eltern“ und „Kinder“ nicht durch das Blut, sondern durch liebevolle Hingabe verbunden sind.

    Die letzten Worte Jesu am Kreuz im Johannesevangelium bringen sein wichtiges Werk zum Abschluss: „Es ist vollbracht“ (Johannes 19:30). All dies geschah am „Tag der Vorbereitung, und der nächste Tag sollte ein besonderer Sabbat sein“ (Johannes 19:31; vgl. 19:14). So wie Gott sein Schöpfungswerk vor dem Sabbat vollendet hatte (1. Mose 2:2), vollendet Jesus sein Werk, die neue Schöpfung einzuläuten, indem er die Bestimmung der Menschheit durch selbstlose Liebe und vollen Gehorsam gegenüber Gottes Gebot erfüllt.

    Jesus starb als der ultimative Mensch, indem er die Strafe, die wir verdienen, freiwillig auf sich nahm.

    Eine neue Menschheit

    Im Bericht der Genesis enden alle Tage der Schöpfung mit „und es war Abend, und es war Morgen, der … Tag“. Der siebente Tag endete allerdings nicht. Am siebten Tag ruhte Gott von seiner schöpferischen Tätigkeit … bis zu diesem Zeitpunkt. Mit Jesu Auferstehung signalisiert Johannes den Beginn einer neuen Woche, einer neuen Schöpfung.

    Im Johannes Brief spricht Jesus Maria Magdalena mit „Frau“ an (Johannes 20:15), was uns unwillkürlich an den Garten Eden erinnert. Im Gegensatz zu Eva werde Marias Augen geöffnet und sie erkennt Jesus. Dann ruft Jesus sie beim Namen und beauftragt sie, den anderen Jüngern zu sagen, dass er lebt. Dieser Moment ist eine wunderbare Wiederherstellung der partnerschaftlichen Schöpfung, die im Gegensatz zur kulturellen Überzeugung des ersten Jahrhunderts steht.

    Die leibliche Auferstehung Jesu zeigt, was Gott mit den verkörperten Menschen auf der Erde vorhat. Die Beauftragung Marias mit der Nachricht von der Auferstehung bekräftigt Gottes Absichten für die Partnerschaft von Männern und Frauen im Dienst des Evangeliums.

    Vielen Christen haben die Vorstellung, dass sie nach dem Tod in den Himmel kommen. Doch wenn Jesus schon vorher im Himmel existierte und dann auf die Erde die kam, warum wurde er nach seinem Tod nicht sogleich im Himmel auferweckt? Solche fragen haben schon seine Nachfolger in den ersten Jahrzehnten beschäftigt und viel mehr in den Jahrhunderten danach. Die Evangelien sagen, dass er drei Tage tot war, bevor er auferweckt wurde und als Mensch wieder erschien. Wo war in der Zwischenzeit? Lebte er als Mensch wieder oder war er ein Geist, der nur einen anderen menschlichen Körper zeitweise verwendete? Oder ist er gar nicht am Kreuz gestorben, sondern ist es so – wie viele Muslie heute glauben – dass die Juden nur meinten, sie hätten ihn getötet? Ziemlich viele und tiefgehende Fragen, die wir hier gar nicht beantworten können, ohne zu weit vom Thema abzukommen.

    Doch gemäß den Evanglien hat er ja nicht nur irgendeinen menschlichen Körper angenommen, sondern zumindest einmal einen, der dem bei seinem Tod einschließlich der Wunden glich. Warum? Die Kontinuität zwischen seiner Menschwerdung und dem Auferstehungsleib deutet darauf hin, dass auch wir in der neuen Schöpfung unser verkörpertes Selbst sein werden. Wir werden in der Auferstehung wir selbst sein – du wirst mich wieder erkennen können.

    Das ist für manchen vielleicht ein ziemlich überraschender oder sogar abwegiger Gedanke. Und er verdient es, genauer betrachtet zu werden. Was wir in späteren Videos tun werden.

    Die Narben Jesu unterstreichen die Kontinuität zwischen unserem jetzigen Körper und unserem auferstandenen Körper.

    Warum ist es aber überhaupt so wichtig, über Jesu Auferstehung zu sprechen und sie nicht an den Rand zu drängen? Wenn wir die Himmelfahrt Jesu verpassen, laufen wir Gefahr, seinen und unseren eigenen Dienst zu sehr zu spiritualisieren. Die Heilige Schrift sagt uns, dass Jesus auf dieselbe Weise wiederkommen wird, wie er weggegangen ist – leibhaftig und sichtbar – um seine Herrschaft auf die Erde zu bringen (Apostelgeschichte 1:11). Und gemäß dem Johannes Evanglium beschreibt Jesus seine geistige Wiedergeburt als „wiedergeboren“ oder genauer übersetzt „von oben geboren“ (Johannes 3:3-8) Was bedeutet das für uns Menschen?

    N. T. Wright sagt: „Echte christliche Hoffnung, die in der Auferstehung Jesu wurzelt, ist die Hoffnung auf Gottes Erneuerung aller Dinge, auf seine Überwindung von Verderbnis, Verfall und Tod, auf seine Erfüllung des ganzen Kosmos mit seiner Liebe und Gnade, seiner Macht und Herrlichkeit.“ Das werden in späteren Videos vertiefen.

    Hier nur ein Hinweis. Warum spricht Paulus in 1. Korinther 15:19-22 im Kontext von Jesu Auferstehung davon, dass er eine „Ertlingsfrucht“ ist? „Indem Paulus den auferstandenen Leib Christi als Erstlingsfrucht bezeichnet, deutet er an, dass seine Auferstehung kein einzigartiges, einmaliges Ereignis ist, sondern ein Vorgeschmack auf das, was jedem Gläubigen bevorsteht.“

    Carmen Imes schließt dieses Kapitel mit zwei weiteren interessanten Schlüsselgedanken ab:

    Jesu Auferstehung eröffnet sein Amt als Richter und Hoherpriester und ermächtigt uns, sein Werk fortzuführen.

    Unsere Sterblichkeit ist ein Wegweiser auf dem Weg in eine Zukunft, in der alles wiederhergestellt sein wird.

    Die geliebte Gemeinschaft

    Wer heute in der christlich geprägten Welt aufgewachsen ist, kennt in der Regel den Kontext, in dem das Evangelium verkündet wurde, nicht. Die damalige Menschheit war auf alle erdenklichen Weisen strikt getrennt: Nach Klasse, Sprache, Ethnie, Bürgerschaft, Religion, Geschlecht usw. In den Briefen des Paulus zum Beispiel wird einer Unterscheidung aus Sicht der Juden immer wieder klar: Wir – als auserwähltes Volk Gottes – und die anderen, die Heiden. Wir können uns vermutlich gar nicht vorstellen, wie tief dies im Leben eines Menschen verankert war, der aufrichtig nach dem Bund vom Sinai Jahwe anbeten wollte. Und nun kommt mit dem Evangelium das: „In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, vernommen habt, in ihm seid ihr als Glaubende auch versiegelt worden durch den Geist der Verheissung, den heiligen Geist.“ (Epheser 1:13 Züricher) Für sie war das eine schockierende Neuigkeit: Die geistigen Segnungen standen nun auch den Heiden offen. Daher bezeichnet Paulus nun alle – Juden wie auch Heiden – als den Leib Christi. Alle können nun Teil der Menschen des Bundes sein. Und auch andere trennende Grenzen werden eingerissen, was die Hoffnung der Menscheit betrifft: Gegenseitige Unterordnung (Epheser 5:21), das Verhältnis von Ehefrauen und Ehemännern (Epheser 5:22-23), Sklaven und Freie (Epheser 6:5-9). „Doch im Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann noch ist der Mann etwas ohne die Frau.“ (1. Korinther 11:11 Züricher). „Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ (Galater 3:27,28 Züricher) In der christlichen Gemeinschaft sind alle gleichwertig. Alles zurück auf Anfang.

    Das Evangelium ermöglicht eine menschliche Gemeinschaft, die weder nach Rasse noch nach körperlichen oder kognitiven Fähigkeiten getrennt ist.

    Mit diesem Gedanken im Sinn können wir auch darüber nachdenken, warum Jesus seine Nachfolger aufforderte, ihm zu Gedenken, indem man von Brot und Wein gemeinsam nimmt. Im Leib Christi gibt es keine ‚Beobachter‘. Wir sind eine Familie.

    Wahre Gemeinschaft wird durch physische Präsenz und gemeinsame Teilnahme an der Kommunion ermöglicht.

    Es geht nicht darum, dass Gott einzelnen Menschen Gaben gegeben hat, sondern dass wir Gaben für andere sind (Epheser 4:11-12). Jesus war das vollkommene Bild Gottes. Die Schrift lädt uns ein, auf Christus zu schauen, um zu lernen, wie wir selbst sein können. Dann macht auch die von der Gelehrten Haley Goranson Jacob vorgeschlagene Übersetzung von Römer 8:28 Sinn: „Gott wirkt alles zum Guten mit denen, die Gott lieben und die nach seinem Vorsatz berufen sind.“ Wir warten nicht einfach auf die Erlösung. Stattdessen arbeiten wir aktiv mit Gott zusammen an diesem Werk der Veränderung.

    Zu unserer Zukunft gehört die Wiedererlangung und Verherrlichung unseres Körpers, wenn wir die volle Adoption in Gottes königliche Familie erleben.

    Von der Schöpfung zur neuen Schöpfung

    Abschließend geht Carmen Imes noch auf zwei unter Christen weit verbreitete Vorstellungen ein, die sich allerdings nicht im Neuen Testament finden und erst viel später in das Christentum Eingang fanden: Die Vorstellung, dass unsere Zukunft im Himmel ist, die Erde zerstört wird und die Gläubigen zuvor entrückt werden.

    Wenn wir das Neue Testament aber vorbehaltlos lesen, werden wir diese Gedanken nicht so finden. Sondern die Wiederherstellung der Schöpfung und Gottes Herrschaft auf der Erde.

    Die Wiederkehr Jesu wird nicht die Zerstörung dieses Planeten oder die geheime Entrückung der Gläubigen bedeuten, sondern seine Herrschaft als König auf der Erde einleiten.

    Sagte Jesus nicht selbst im sogenannten Vater-Unser: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ (Matthäus 6:10 Züricher). Daher fasst Carmen Imes die Gedanken wie folgt zusammen:

    Die rebellischen Mächte des Himmels und der Erde werden endgültig besiegt, und diese Welt wird gereinigt und wiederhergestellt werden.

    Das sollte uns aber nicht dazu veranlassen, einfach passiv abzuwarten:

    Jesus ruft uns auf, uns von der Sünde abzuwenden, uns zu ihm zu bekennen und auf seine Rückkehr zu warten. Während wir warten, sollen wir unsere menschliche Berufung als Verwalter der Schöpfung ausüben.

    Die letzten Gedanken kamen jetzt ohne weitergehende Begründung und mögen für dich unerwartet gewesen sein. Dann empfehle ich dir dazu die Video Serie „Von Hoffnung überrascht“.

  • Gottes Bild sein – Teil 5

    Gottes Bild sein – Teil 5

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im vierten Teil angekündigt haben, werden wir uns nur mit dem „Weg der Weisheit“ beschäftigen.

    Die Suche des Menschen

    Könnte man den Weihnachtsmann fragen, was am häufigsten auf der Wunschliste der Menschen steht, wird er wohl kaum antworten: Weisheit. Dabei ist Weisheit doch eigentlich mit das Wichtigste, was man im Leben erlangen sollte.

    Gemäß der Bibel können wir Weisheit auf zwei Weisen kultivieren: Indem wir Gott als Quelle von Weisheit vertrauen. Und zweitens, indem du sorgfältig beobachtest, wie die Welt funktioniert, und dich für das Gute entscheidest.

    Dementsprechend haben wir in der Bibel die Bücher Sprüche, Prediger und Hoheslied. Interessanterweise behaupten die Weisen hier nicht, dass sie im Namen Gottes sprechen.

    Weisheit ist etwas, das wir wollen müssen. Wir müssen sie lieben und alles, was wir haben, für sie aufwenden, sie wertschätzen und umarmen. Wenn wir das nicht tun, könnte unsere Geschichte so enden wie die Salomos: Es beweist, dass Weisheit keine Leistung ist, über die man sich freuen kann, sondern ein Muskel, den man trainieren muss. Oder wie N.T. Wright sagt: „Die Liebe ist die schärfste Form der Erkenntnis, weil die Liebe es ist, die, während sie sich mit einer anderen Wirklichkeit als der eigenen identifiziert, die andere Wirklichkeit als die eigene bejaht und feiert.“

    Wenn du jetzt den Eindruck gewonnen hast, dass das eine ziemlich schwierige Aufgabe für schlaue Leute ist, dann rückt die Bibel dieses Bild gerade: „Ihr Anfänger, lernt, was Klugheit ist! / Ihr Tagträumer, werdet endlich wach! Hört zu, ich gebe euch einen wertvollen Rat! / Die Wahrheitsliebe öffnet mir den Mund.“ (Sprüche 8:5,6 NEÜ) Ironischerweise liegt der Schlüssel zur Entdeckung von Weisheit in der Erkenntnis, dass wir keine Antworten haben und nicht wissen können, was das Beste ist. Darum geht es eigentlich – dass wir lernen, uns auf Gott zu verlassen, der uns den Weg zum Leben zeigt.

    Menschliche Schwäche und Sterblichkeit disqualifizieren uns nicht, unseren menschlichen Daseinszweck zu erfüllen. Sich durch ehrliches Gebet auf Gott zu verlassen, ist der Weg zur Weisheit. Das Buch der Psalmen enthält viele solche Gebete.

    Menschliches Leiden

    Vielleicht ist dir aber schon der Gedanke gekommen, dass das Buch Prediger doch eher deprimierend ist: „ Alles Reden müht sich ab, keiner kommt damit zum Ziel. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr wird vom Hören nicht voll. Was einmal geschah, wird wieder geschehen, und was einmal getan wurde, wieder getan, und nichts ist wirklich neu unter der Sonne. An die Früheren erinnert man sich nicht, und an die Späteren, die kommen werden, auch an sie wird man sich nicht erinnern bei denen, die zuletzt sein werden.“ (Prediger 1:8,9,11)

    Und anscheinend beginnt das Buch Prediger nicht mit Weisheit sondern mit einer klaren Ansage, was für eine deprimierende Aussicht uns erwartet: „“Bedeutungslos! Bedeutungslos!“, sagt der Prediger. „Völlig bedeutungslos! Alles ist bedeutungslos.““ (Prediger 1:2 NIV) Aber wer sagte das und sagte die Person das wirklich so, wie es übersetzt wird?

    Die Person wird ‚Prediger‘ im Deutschen genannt. Daher auch der Name des Buches. Im Hebräischen steht dort Kohelet. Das bedeutet „Versammler, Gemeindeleiter“. In der Septuaginta wurde es mit Ekklesiastes übersetzt, was „Redner in einer Volksversammlung“ bedeutet und woraus derm Name des Buches im englischen Sprachraum ableitet.

    Was er in Prediger 1:2 sagt ist: „Hevel, hevel. Alles ist vollständig hevel“. Hevel bedeutet soviel wie Dunst. Es wird als eine Methapher verwendet. „Alles ist wie ein Dunst.“ In Prediger wird nicht gesagt, dass alles sinnlos ist oder ‚nichtig‘ wie es manchmal übersetzt wird. Sondern eher ‚flüchtig‘. Die Weisheit besteht darin, zu erkennen, dass es jenseits unsere Fähigkeiten liegt, den Sinn des Leben vollständig zu verstehen. Und dass wenn wir immer nur in die Zukunft schauen, auf das, was wir nicht haben, was vergehen wird, dann übersehen wir das ganze Leben was Gutes direkt vor unseren Augen ist.

    Der Prediger fordert uns auf, die Reise zu genießen. Hör auf, so fieberhaft zu versuchen, das Leben zu verstehen, sondern sei dankbar für Momente der Freude und Zufriedenheit – Essen, Trinken, Freunde – das sind Geschenke unseres Schöpfers.

    Wir Menschen sind nicht in der Lage, Gottes Wege zu verstehen. Gott ist uns keine Erklärung schuldig. Er lädt uns einfach ein, ihm zu vertrauen. Schlechte Dinge passieren guten Menschen, weil wir in einer Welt leben, die von Gebrochenheit gezeichnet ist. Wir müssen lernen, mit dem Unbekannten zu leben. Die menschliche Sterblichkeit und die Zerbrochenheit unserer Welt bedeuten, dass wir lernen müssen, innerhalb von Grenzen freudig zu leben.

    Das ist heute Teil unseres Sein, unsere Bestimmung, Bilder Gottes zu sein und entsprechend zu leben. Doch so wird es nicht bleiben. Im nächsten Teil beschäftigen wir uns mit den Menschen in Gottes neuer Welt.

  • Gottes Bild sein – Teil 4

    Gottes Bild sein – Teil 4

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den dritten Teil hatten wir mit der Frage abgeschlossen, wie es sich auf unser Leben und Verhalten auswirken sollte, dass wir all imago Dei, das Bild Gottes sind.

    Das Projekt Mensch

    Schon Adams Reaktion auf Gottes Frage zeigte, dass es mit der Erkenntnis von Gut und Böse nicht weit her war. Ihr Sohn Kain tötet seinen Bruder aus Hass. Dann baut er eine Stadt. Sein Nachkomme Lamech nahm sich mehrere Frauen, tyrranisierte seine Familie und verdreht die Geschichte um seinen Vorfahren Kain, um eine Rechtfertigung für Mord zu erfinden. (1. Mose 4:19-24). In 1. Mose 6 erfahren wir dann, dass sogar ‚Söhne Gottes‘ wie Adam und Eva die ihnen von Gott gesetzen Grenzen überschritten. Die meiner Meinung nach schlüssigste Erklärung ist, dass diese ‚Söhne Gottes‘ von Gott geschaffene Geistweisen waren. Die Situation wird so schlimm, dass Gott dem mit der Flut ein Ende bereitet. War also ‚das Projekt Mensch‘ gescheitert?

    In diesen ersten Kapitel der Genesis finden wir auch Abel, Enosch, Noah und andere, die ‚den Namen Jahwes anriefen‘. (1. Mose 4:26) Was war bei diesen anders?

    Ein Mensch zu sein bedeutet, seinen Platz in der Schöpfungsordnung zu kennen.

    Die Sünde löscht unsere Identität als imago Dei nicht aus, aber sie hindert uns daran, Gottes Herrlichkeit vollständig widerzuspiegeln.

    Being God’s image, Carmen Joy Imes

    Tatsächlich war die Situation so schlimm, dass Jahwe einen Neuanfang des ‚Projekt Mensch‘ startete. Wer den Bericht über die Sintflut liest, übersieht vielleicht diesen Aspekt: Der Bericht in 1. Mose 6-9 ist so gestaltet, dass er eine Umkehr der Erschaffung der Erde darstellt, indem Wasser von oben das Land überflutet und bedeckt und damit 1. Mose 1 ungeschehen gemacht wird. Ein Neuanfang. Und das spiegelt sich auch in dem kunstvollen Chiasmus dieses Berichts wieder. Der zweite Teil des Berichts spiegelt den ersten wieder:

    Being God’s image, Carmen Joy Imes

    Die Menschen bekommen das bewohnbare Land wieder. Gott hat denjenigen nicht vergessen, dessen Gehorsam eine göttliche Rettung ermöglicht hatte. Aber die Flut hatte die Menschheit an sich nicht repariert, das Problem der Rebellion und den zebrochenen Beziehungen war nicht gelöst. Doch ganz im Gegensatz dazu, hatte sich auch die menschliche Identität als Bild Gottes nicht geändert. Gottes Segen ist immer noch intakt: „Dann segnete Gott Noah und seine Söhne. Er sagte: „Seid fruchtbar, vermehrt euch und füllt die Erde.“ (1. Mose 9). Interessanteweise wird aber der Teil „unterwerft sie euch“ aus 1. Mose 1:28 nicht mehr erwähnt. Im hebräischen steht dort kabash, was ein sehr starkes Wort ist, das mögliche Anwendung von Kraft und Macht beinhaltet. Aber das Anwenden von Gewalt war ja eines der Übel, welche die Menschen davon abhielt, sich wirklich als Bild Gottes zu erweisen. Daher setzt Gott nun klare Grenzen, was das Töten von Tieren und Menschen betrifft. (1. Mose 9).

    Wer hat das sagen?

    Damit hat Jahwe zum zweiten Mal für einen guten Start für seine Bilder gesorgt. Das nächste Kapitel – 1. Mose 10 – enthält die sogenannte Völkertafel der Nachkommen Noahs, die in anderem Zusammenhang eine interessante Rolle spielt. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass direkt danach in 1. Mose 11 die Geschichte vom Turmbau zu Babel zu finden ist. Gott hatte die Menschen mit Fähigkeiten und Macht ausgestattet, um seinen Auftrag zu erfüllen. 1. Mose 11 zeigt seine Reaktion darauf, dass die Menschen diese Fähigkeiten missbrauchen, um eine nicht erlaubte zentrale Macht zu errichten.

    Aber der Bericht über den Turmbau in Babel lehrt uns etwas Wichtiges in Bezug darauf, was es bedeutet Gottes Bild zu sein – oder besser gesagt, davon abzuweichen.

    Warum wollten sie einen Turm bauen, „dessen Spitze bis an den Himmel reicht“ (1. Mose 11:4)?

    Viele denken, dass die Menschen in den Himmel hinaufsteigen wollten, um göttlichen Status zu erreichen. Aber das wird im Text nicht gesagt. Was sie wollten, war, nicht über die Erde verstreut zu werden – was aber Gottes Auftrag für seine Bilder war.

    Berücksichtigt man den biblischen und historischen Kontext, dann ist eine zweite Interpretation wahrscheinlicher. Solche Türme oder Ziggurate sollten den Göttern ermöglichen, sich zwischen Himmel und Erde zu bewegen! Kommt dir das merkwürdig vor? Dann lies einmal Jakobs Traum in 1. Mose 28. Und dann macht auch 1. Mose 11:5 Sinn. Der Turm hat seinen Zweck gewissermaßen erfüllt – nur überhaupt nicht so, wie sie es dachten: „Jahwe kam herab, um sich anzusehen, was die Menschen da bauten – eine Stadt mit einem Turm!“ (1. Mose 11:5, NEÜ). „Da stieg der HERR herab …“ (1. Mose 11:5 Züricher). Sie stellten sich vor, dass die Götter herabsteigen würden. Und der biblische Text nimmt diese Vorstellung auf und lässt sozusagen Jahwe herabsteigen. Den Ausgang kennen wir.

    Es gibt noch (mindestens) eine dritte Möglichkeit, da in Verbindung mit Babel nicht von einem Tempel gesprochen wird. Der Turm war als das gedacht, was im Hebräischen als migdal bezeichnet wird: Es ist eine Art Wachtturm. Vor diesem Bericht wird in 1. Mose 10:8-12 von Nimrod gesprochen, einem gewalttätigen Krieger dessen Name „wir mögen rebellieren“ bedeutet. Ein Wachtturm, der ihnen helfen soll, feindliche Krieger schon von weiterm zu sehen. Dazu passt auch die Bemerkung, dass sie „eine Sprache“ hatten. In assyrischen Texten wird diese Formulierung dafür verwendet, dass den Besiegten eine einfache Zweitsprache aufgezwungen wurde. Daher auch der sich reimende Text in 1. Mose 11:3 „Komm, lass uns Ziegel ziegelmachen, und lass [sie] mit Feuer befeuern.“

    Wie dem auch sei, der Name der Stadt sollte nicht vergessen werden: Babel. Einige Übersetzungen übersetzen in 1. Mose 10:10 hier Babylon. Babylon ist später die Stadt, welche Jerusalem zerstört und Gottes Volk in Gefangenschaft bringt und unterdrückt. Aber Gott toleriert keine Mächte, die sich gegen das stellen, was Gott für seine Bilder geboten hat. Das zeigt er in Babel und später in Babylon. Auch wegem dem Götzendienst, der so konträr dazu steht, dass Menschen keine Bilder von Göttern anbeten sollten, weil sie selbst die Bilder des einen wahren Gottes sind!

    Gott zeigt in 1. Mose 11 den Menschen, wer das Sagen hat! Jahwe hat das Projekt Mensch zum zweiten mal auf Null zurückgesetzt.

    Gottes Bild sein und seinen Namen tragen

    An dieser Stelle wird es interessant (als ob es das nicht schon gewesen wäre). Das Buch 1. Mose wird 10 mal vom hebräischen Wort toledot unterbrochen, das soviel wie „Generationen“ oder „Aufzeichnungen“ bedeutet. Dadurch werden Abschnitte hervorgehoben, in denen auf die nachfolgendenen Generationen fokussiert wird. Toledot findet sich 5 mal in den bisher betrachteten Kapitel 1. Mose 1-11 und dann 5 mal in 1. Mose 12-50.

    So, wie Gott Adam in den Garten setzt, um seinen Auftrag zu erfüllen, so bringt er Abram aus Mesepotamien – das Herzstück der menschlichen Rebellion – in das Zentrum des verheißenen Landes, um das wiederherzustellen, was verloren ging:

    Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dir fluchen. Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet sein.

    1. Mose 12:3 NEÜ

    Dieses Versprechen ist die Schlüsselverbindung von 1. Mose 1-11 zu 1. Mose 12-50. Und hier beginnt das Konzept, Gottes Namen zu tragen. Ab diesem Punkt – 1. Mose 12 – ist der Fokus der biblischen Erzählung Gottes Namen zu tragen, während des Konzept Gottes Bild zu sein in den Hintergrund rückt.

    Dieses Konzept habe ich ausführlich in der Serie „Gottes Namen tragen“ besprochen, das ich vor dieser Serie veröffentlich habe und welches sich auf das entsprechende Buch von Carmen Joy Imes bezieht.

    Es wäre daher gut – falls noch nicht gesehen – sich mit den Gedanken der Serie „Gottes Namen tragen“ auseinanderzusetzen. In den nächsten Teilen dieser Serie werden wir diese Gedanken voraussetzen und machen mit dem „Weg der Weisheit“ weiter.

  • Gottes Bild sein – Teil 3

    Gottes Bild sein – Teil 3

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den zweiten Teil hatten wir mit der Ankündigung abgeschlossen, dass es nun mit der Arbeit losgeht, als imago Dei, Bild Gottes.

    An die Arbeit gehen

    Was bedeutet das für uns Menschen als Bild Gottes, als imago Dei? Ich zitiere mal einen Satz aus Carmen Imes Buch:

    Gute Arbeit zu leisten ist eine Möglichkeit, unsere Bestimmung zum Ausdruck zu bringen.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Ich hoffe doch sehr, dass ich damit allerlei Gedanken zum Thema, Werke, Glaube, Erlösung, Gerechtigkeit durch Werke usw. ausgelöst habe. Und möchte gleich anschließen: Damit hat das überhaupt nichts zu tun. Sondern vielmehr damit, dass wir als Bild Gottes sinnvolle Arbeit tun möchten und uns das uns gut tut. Es ist Teil unserer Bestimmung. Nehmen wir zum Beispiel 3. Mose 19:9-10 Landwirte sollten nicht alles am Feld oder Weinberg ernten. Dieser Teil als Frucht ihrer Arbeit würde ihnen schon genügen. Aber Arme und Fremde ohne Land, sollten auch die Möglichkeit haben, mit eigener Arbeit zu ernten und daraus ein Selbstwertgefühl zu erhalten. Sie sollten keine Allmosenempfänger sein, auf die man herabblickt.

    Bei der Arbeit, die Gott für seine Bilder vorgesehen hat, geht es aber nicht um uns.

    „Das Bild Gottes zu sein bedeutet, dass wir in eine besondere Beziehung zu Gott, zueinander und zum Rest der Schöpfung gestellt werden, um als seine königlichen Vertreter zu herrschen.“

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Welche Konsequenzen hat das?

    Wenn ich wirklich glaube, dass jeder Mensch das Bild Gottes ist und geschaffen wurde, um der Welt die Gegenwart Gottes zu signalisieren, dann sollte mich dieser Glaube dazu verpflichten, meine Mitmenschen mit Würde zu behandeln.

    Frauen sind Gottes Bild, haben die gleiche Würde und tragen die gleiche Verantwortung dafür, Gott gegenüber der Schöpfung zu vertreten.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Nun sind wir an dem Punkt, wo wir uns mit gewissen Voreingenommenheiten gegenüber Frauen beschäftigen sollten, die manche aus dem Bibelbericht über den Sündenfall abzuleiten glauben zu können.

    Stellen wir uns einmal die Situation mit Eva und der Schlange vor. Wenn du dir dazu ein Bild vorstellst, bin ich mir ziemlich sicher, dass es in etwa so aufgebaut ist:

    Albrecht Dürer, „Der Sündenfall der Menschheit (Adam und Eva)“ 1504

    Alle Bilder dazu, an die Carmen Imes sich (und auch ich mich) erinnern kann, sehen so ähnlich aus. Und damit liegen alle in ein paar Punkten falsch, weil das so überhaupt nicht in der Bibel steht: Nirgends steht, dass Eva und die Schlange direkt unter dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse standen. Warum würde Eva gemäß dem Bericht in 1. Mose 3:3 nicht einfach von „diesem Baum“ sprechen, sondern von „dem Baum in der Mitte des Gartens“. Es muss sich also nicht um eine spontane Entscheidung gehandelt haben, sondern die Schlange hat den Samen des Zweifels gesät. Und der wirkte: „Als die Frau nun sah, wie gut von dem Baum zu essen wäre, was für eine Augenweide er war und wie viel Einsicht er versprach, da nahm sie eine Frucht und aß.“ (1. Mose 3:6 NEÜ) Etwas ist auf dem Bild aber richtig dargestellt, was manche Männer allerdings lieber verdrängen: Gemäß 1. Mose 3:6 war Adam dann dabei, als Eva von der Frucht nahm: „Sie gab auch ihrem Mann davon, der neben ihr stand. Auch er aß.“ Eva wird manchmal als Ursache des Übels abgestempelt. Aber warum ist Adam nicht vehement eingeschritten? Er war doch direkt daneben, als sie von der Frucht aß. Und warum waren sie beide dann bei dem Baum in der Mitte des Gartens? Vielleicht war er ja schlau, und hat erstmal abgewartet, ob sie nicht doch sofort tot umfällt. Und als das nicht der Fall war … Wer weiß.

    So haben sich also beide dafür entschieden, nicht wie das Bild Gottes zu handeln. Und in einem hatte die Schlange recht: „Da gingen beiden die Augen auf.“ Was sie erkannten, war aber nur, dass sie nackt waren. Eine Erkenntnis von Gut und Böse wie Gott kann man kaum erkennen, wenn Adam als Ausrede in 1. Mose 3:12 erst Eva die Schuld gibt, und gleich darauf Gott selbst, weil er sie ihm ja schließlich gegeben hat.

    Carmen Imes fasst die Situation so zusammen:

    Ihr Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot und ihr Unvermögen, Gottes guten Absichten zu vertrauen, lassen ihre Beziehung zu Gott, zueinander und zu der von Gott geschaffenen Welt sofort zerbrechen.

    Die ersten Menschen verloren das gegenseitige Vertrauen, den gegenseitigen Respekt, die Unschuld und die Vertrautheit mit Gott und den anderen Menschen. Das Schlimmste aber war, dass sie den Zugang zur Gegenwart Gottes im Garten verloren.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    War es nun damit vorbei, dass Menschen das ‚Bild Gottes‘ sind? Carmen Imes argumentiert – wie auch andere Gelehrte – dass die erneute Erwähnung in 1. Mose 5:1-3 („nach seinem Bild“) und 1. Mose 9:6 („Denn als Bild Gottes / hat er den Menschen gemacht.“, Einheitsübersetzung 2016) der menschliche Status als Gottes Bild wiederholt wird.

    Weil das Wesentliche daran, Gottes Ebenbild zu sein, eine Aussage über unsere Identität ist und nicht eine Fähigkeit oder Funktion, können wir es nicht verlieren.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Und damit wären wir bei der Frage, wie sich diese Erkenntnis, dass wir ‚imago Dei‘, also das Bild Gottes sind, auf unser Verhalten und unser Leben auswirken sollte. Damit werden wir uns im nächsten Teil beschäftigen.

  • Gottes Bild sein – Teil 2

    Gottes Bild sein – Teil 2

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den ersten Teil hatten wir mit dieser Aussage abgeschlossen

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darum geht es in diesem zweiten Teil der Serie.

    Die Krone der Schöpfung – Bild Gottes

    Warum habe ich hier von den Menschen als Bilder Gottes gesprochen? Das wird schon ab 1. Mose 1:26,27 deutlich, wenn der Höhepunkt der Schöpfung beschrieben wird:

    Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde regen. Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

    1. Mose 1:26, 27 Züricher

    So übersetzen mittlerweile die meisten Übersetzungen. Vielleicht hast du dich aber auch gewundert, weil du den Text anders in Erinnerung hast:

    Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich; … Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

    1. Mose 1:26,27 Schlachter 2000

    Sind wir jetzt im Bild Gottes erschaffen oder als Bild Gottes? Welcher Gedanke kommt dem Text am nächsten? Am besten finden wir das heraus, wenn wir (1) die antike Kultur und (2) andere Passagen der Bibel verwenden. In lateinischen Bibelübersetzungen wird hier der Begriff ‚imago Dei‚ verwendet: Bild Gottes. Im Hebräischen steht das Wort tselem. Dieses hat in verwandten antiken Sprachen eine klare Bedeutung: Es ist die Statue eines Gottes in seinem Tempel. Damit sind wir wieder bei der Tempel-Symbolik der Bibel, von der wir schon gesprochen hatten. Wir sind also erschaffen worden, um Gottes Bild zu sein:

    So wie eine Götterstatue den Anspruch dieses Gottes auf ein bestimmtes Gebiet repräsentieren soll, so sind die Menschen die physische Repräsentation des Schöpfergottes auf der Erde. Und so wie ein Götzenbild den Lobpreis auf die eigentliche Gottheit lenken soll, so sollen die Menschen den Lobpreis auf Jahwe lenken. Der Theologe Marc Cortez nennt dies „repräsentative Präsenz“: „Wir müssen imago Dei als eine Erklärung ansehen, dass Gott beabsichtigte, die Menschen als das physische Mittel zu erschaffen, durch das er seine eigene göttliche Gegenwart in der Welt manifestieren würde.“

    N. T. Wright sagt, wir sollen ein „abgewinkelter Spiegel sein, der Gottes weise Anordnung in die Welt reflektiert und das Lob der ganzen Schöpfung auf den Schöpfer zurückwirft.“

    Wir sind Gottes Familie. Gottes Bild zu sein, beinhaltet sowohl Verwandtschaft als auch Königtum. Wir sind Teil der königlichen Familie.

    Obwohl der Schöpfungsbericht mit dem Erscheinen der Menschen seinen Höhepunkt erreicht, sind wir nicht das Zentrum des Universums. Gott ist es.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    „Mensch zu sein bedeutet, im Namen Gottes an der Bewahrung der Schöpfung teilzunehmen. Unsere Aufgabe ist es, die Erde so zu pflegen, wie es der Schöpfer tun würde. Wir setzen Gottes schöpferisches Werk fort.“

    Vermutlich denkst du jetzt schon daran, wie du das umsetzen kannst. An und für sich ist es ja gut, sich Gedanken zu machen, was man selbst tun kann. Andererseits ist es auch sein Sympton vieler christlicher Glaubensrichtungen, sich sehr auf das Individuum zu fokusieren.

    Gemeinsam sind wir Gottes Ebenbild. Gott hat Männer und Frauen dazu geschaffen, sich gegenseitig zu begleiten und Seite an Seite in der Welt zu arbeiten.“

    Selbst in bezug auf Yahwe selbst wird das im Bibelbericht in 1. Mose 1:26 deutlich: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich.“ (Züricher). Die Verwendung des Plurals hier ist weder eine ehrfüchtige Bezeichnung für Gott noch ein Bezug auf die Trinität. „In einem altorientalischen Kontext hätten die ersten Zuhörer dies als Verweis auf Gottes himmlischen Gerichtshof, seinen göttlichen Rat, verstanden. (z.B. Hiob 1:6-12; Psalm 82; Jesaja 6:8)“ Die Menschheit als Bild Gottes wurde von Gott als Teil einer Gemeinschaft erschaffen.

    Nachdem das nun geklärt ist, können wir ja in 1. Mose 2 weiter lesen. Und da stolpern die meisten. Weil es ab Vers 4 anscheinend nochmal, aber anders erzählt wird. Das hat aber einen Grund: In 1. Mose 1 steht Gott im Mittelpunkt. In 1. Mose 2 geht es um die Menschheit:

    „1. Mose 2 untersucht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – in Beziehung zu Gott, zur Erde, zu den Pflanzen, zu den Tieren und zueinander.“ Daher konzentriert sich der zweite Schöpfungsbericht auf die menschliche Identität und Berufung. Dieses Kapitel lässt uns entdecken, dass Menschen eigentlich Gärtner sein sollten. Das wird duch 1. Mose 2:5 deutlich, wo zwei Gründe dafür genannt werden, dass die Erde noch nicht fruchtbar war: 1. Gott hatte es noch nicht regnen lassen, 2. Es gab noch keine Menschen, die das Land bebauten. „Diese Aussage impliziert, dass der beabsichtigte Entwurf eine Partnerschaft zwischen Gott und den Menschen ist, um die Erde zu bebauen.“ Die ganze Erde sollte mit Hilfe der Menschen wie Eden werden.

    In diesem Zusammenhang sollten wir auch kurz klären, warum in Übersetzungen die Frau Eva als eine „Hilfe“ oder „Gehilfin“ Adams bezeichnet wird. War sie nur als so etwas wie ein Hilfsarbeiter gedacht, nicht gleichwertig mit Adam? Keineswegs, wie der Text zeigt. In 1. Mose 2:18,20 wird das hebräische Wort kenegdo gebraucht, welches korrekt mit ‚ebenbürtig‘ oder ‚genau entsprechen‘ übersetzt wird. ‚Hilfe‘ ist die Übersetzung des hebräischen ‚ezer. Es kommt im alten Testament über 90 Mal als Hauptwort vor und hauptsächlich auf zwei Arten verwendet: (1) Für alliierte Soldaten und (2) für Gott als Israels Hilfe. Es wird nie in Bezug auf einen Diener oder Untergebenen gebraucht. Seine hauptsächliche Verwendung ist militärisch und wird am besten als ‚Alliierter‘ übersetzt. Tatsächlich gab es vor der Rebellion Adams und Evas gegenüber Gott keine Hierarchie, welche die beiden trennte.

    Wir alle – unabhängig vom Geschlecht – sind das Bild Gottes, um seinen Auftrag zu erfüllen. Niemand ist davon ausgeschlossen. Und keiner von uns kann diese Aufgabe alleine erfüllen. Keiner muss diese Aufgabe alleine erfüllen. Um Gottes Auftrag zu erfüllen, brauchen wir uns gegenseitig.

    Und damit möchte ich es in dieser Folge belassen. Denn wenn dieser Teil auch nicht lange war, enthielt er eine Menge von Gedanken, die es wert sind, darüber nachzudenken. Im nächsten Teil fangen wir dann mit der Arbeit an – als imago Dei, Bild Gottes.

    An die Arbeit gehen

    Was bedeutet das für uns Menschen als Bild Gottes, als imago Dei?

    Gute Arbeit zu leisten ist eine Möglichkeit, unsere Bestimmung zum Ausdruck zu bringen.

    „Das Bild Gottes zu sein bedeutet, dass wir in eine besondere Beziehung zu Gott, zueinander und zum Rest der Schöpfung gestellt werden, um als seine königlichen Vertreter zu herrschen.“

    Wenn ich wirklich glaube, dass jeder Mensch das Bild Gottes ist und geschaffen wurde, um der Welt die Gegenwart Gottes zu signalisieren, dann sollte mich dieser Glaube dazu verpflichten, meine Mitmenschen mit Würde zu behandeln.

    Frauen sind Gottes Bild, haben die gleiche Würde und tragen die gleiche Verantwortung dafür, Gott gegenüber der Schöpfung zu vertreten.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes
  • Gottes Bild sein – Teil 1

    Gottes Bild sein – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Um unsere Berufung und Zukunft als Menschen aus biblischer Sicht besser verstehen zu können, müssen wir in Genesis beim Bericht über die Schöpfung in 1. Mose anfangen. Doch das ist heutzutage ein denkbar schlechter Startpunkt für ein Video, weil praktisch jeder schon eine Meinung dazu hat und damit abschaltet: Von streng wörtlicher Auslegung bis zur völligen Ablehnung gibt es alles.

    Worum es in der Genesis aber geht, kann man nur richtig verstehen, wenn wir unseren Kontext des 21. Jahrhundert vergessen – soweit das überhaupt möglich ist – und die Worte mit dem Kontext der Israeliten vor 3500 Jahren lesen. Mindestens drei wesentliche Unterschiede müssen wir berücksichtigen:

    1. Die Menschen damals interessierte nicht „was die Welt im Innersten zusammenhält“, also der heutige wissenschaftliche Ansatz. Sondern wer die Welt ordnet und für ihre Funktionieren verantwortlich ist und sorgt.
    2. Die damalige Vorstellung von Himmel und Erde war eine ganz andere als heute. Nein, es geht nicht darum, dass sie irgendwie beschränkter oder ‚primitiver‘ war. Da die ‚Welt‘ dieser Menschen auf einen sehr überschaubaren Teil der Erde beschränkt war, war so etwas wie ein Globus oder eine Weltkarte unwichtig. Was sie interessierte war eine Beschreibung der ‚Welt‘, in welcher der Bereich der Menschen, der geistigen Wesen, der Toten und die Ordnung des Ganzen einfach verständlich war. Und so waren auch die Weltbilder oder Modelle anderer Völker aufgebaut. Wer heute diese als unwissenschaftlich belächelt, hat deren eigentlichen Zweck nicht verstanden.
    3. Die Israeliten kannten die Weltbilder und Schöpfungsgeschichten aus Ägypten und Mesepotamien. Daher ist ein Vergleich der Genesis mit diesen sehr aufschlußreich.

    Muster im biblischen Schöpfungsbericht

    Carmen Imes bezieht sich hier auf die Arbeiten verschiedener Gelehrter, insbesondere auf John H. Waltons Arbeiten, die man zum Beispiel in seinem Buch The Lost World of Genesis One finden kann:

    The Lost World of Genesis One von John H. Walton

    Jascha Schmitz hatte den Inhalt in seiner Video Serie Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt schon ausführlich erläutert. Daher werde ich hier das Ergebnis nur sehr kurz zusammenfassen.

    Kurz gesagt geht es im Schöpfungsbericht in der Genesis (1. Mose) nicht darum, wie Gott alles gemacht hat, sondern warum.

    Carmen Joy Imes, Being God’s Image

    Um das Risiko zu minimieren, unsere eigenen Ideen dem Text der Bibel hinzuzufügen, ist es wichtig, nach Mustern Ausschau zu halten, die der Author verwendet, um Dinge zu betonen. Was in einer Übersetzung meist verloren geht, ist der Rhythmus und die Wiederholung bestimmter Wörter oder Bilder in der Originalsprache des Textes. So ist es auch hier: „Gott sagte“ wird 3 mal für Menschen und 7 mal alles andere verwendet, also 10 mal. „Es werde …“ wird 3 mal für die Himmel und 7 mal für die Erde verwendet, also 10 mal. „machen“ wird 10 mal verwendet, „gemäß ihrer Art“ 10 mal, „Gott sah, dass es gut war“ 7mal usw. Es gibt noch mehr davon. Und wir finden dieses Muster:

    Die Symmetrie des Schöpfungsberichts in der Genesis

    In die Welt, die in 1. Mose 1:2 noch „formlos und leer“ ist, bringt Jahwe die Ordnung, die wir kennen. Am ersten Tag trennt Jahwe Licht von Dunkelheit, welche dann am vierten Tag mit Sonne, Mond und Sternen bevölkert werden. Am zweiten Tag trennt Jahwe die Wasser – oberhalb und unterhalb – und erschafft so den Himmel dazwischen. Am fünften Tag bevölkert Jahwe diese mit Vögeln und Fischen. Am dritten Tag trennt Jahwe trockenes Land ab und am sechsten Tag werden diese mit Landtieren und Menschen bevölkert.

    Menschen der Antike waren nicht daran interessiert, wie die Dinge ins Dasein kamen, sondern warum. Und der Schöpfungsbericht der Genesis in 1. Mose 1 gibt die Gründe an, das Warum: An Tag 1 sorgt Jahwe für Licht und an Tag 4 Himmelskörper, mit denen die Israeliten Zeit messen konnten, was nicht nur für den Ackerbau wichtig war, sondern auch für die Einhaltung der Festtage, welche den Israeliten auch gemäß den Büchern Mose mitgeteilt wurden. An Tag 2 sorgt Jahwe für den Bereich der Luft zwischen den Wassern, damit an Tag 5 Fische und Vögel darin leben können und später noch mehr. An Tag 3 wird das trockenes Land und Vegetation erwähnt, damit am Tag 6 darin Landtiere und der Mensch leben können.

    Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nicht um die wissenschaftliche Beschreibung einer zeitlichen Reihenfolge geht, sondern an Tag 1, 2 und 3 die Bereiche erwähnt werden und symmetrisch dazu an Tag 4, 5 und 6 die ‚Bewohner‘ dieser Bereiche. Auch wenn der 7. Tag danach kommt, geht es hier primär nicht um eine zeitliche Abfolge, sondern den Zweck, das Warum: Alles war gut und Jahwe konnte nun ‚ruhen‘. Nicht im Sinne von ‚ausruhen‘, sondern dass die Ordnung nun hergestellt war. Auch dazu gibt es ausführlichere Erklärungen. Das hier gebrauchte Worte für ‚ruhen‘ wird aber auch in dem Sinne gebraucht, dass die Vorbereitungen jetzt erledigt sind und mit dem eigentlichen Regieren begonnen werden kann.

    Sind wir Gedanklich immer noch bei den Israeliten in der Wüste vor 3500 Jahren? Das wurde über Jahwe gesagt, der Gott, der sie aus Ägypten gebracht hat und einen Bund mit ihnen schließen will: Das ist Jahwe, der euer Gott sein wird und ihr sein Volk, das seinen Namen tragen soll. Vergessen wir nicht, die Bericht der Genesis in diesem Kontext zu lesen und zu sehen. Deswegen ist der Bericht so geschrieben worden, wie er ist.

    In Verbindung mit dem Schöpfungsbericht, dem Ruhetag Gottes und der späteren Sabbath-Vorkehrung können wir auch schon einmal etwas für unser Leben ableiten:

    Der Sabbath ruft uns dazu auf, aufzuhören, wie Sklaven zu arbeiten, sondern anzufangen wie Mitglieder der königlichen Familie zu leben.

    Warum hier von einer königlichen Familie gesprochen wird, werden wir im Laufe der Serie noch besser verstehen. Es geht hier um ein weiteres Muster im Text der Bibel, eine Metapher, die den Israeliten gut bekannt war: Die Familienmitglieder des Königs hatten einen anderen Status als alle anderen Menschen. Nicht nur in Bezug auf das Erbe des Königtums, sondern während ihres ganzen Lebens. Dieses Muster taucht in der Bibel immer wieder auf, um unser Verhältnis zu Gott zu beschreiben.

    Welche Vorstellung von der Welt hatten denn die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, wo und warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe meine Video Serie Gottes Namen Tragen).

    Der biblische Schöpfungsbericht ist dagegen so komponiert, dass einige Gelehrte ihn für eine Art Liturgie halten: Der 7-Tage Rahmen des Schöpfungsberichts wurde so angelegt, damit er ein Must für die Arbeitswoche der Israeliten ist. Ein Zyklus von 7 Tagen findet sich nicht in anderen antiken Kalendern, die von Himmelskörpern abgeleitet ist. Er kommt gemäß den Büchern Mose aus einem Gebot Gottes und daher ist im hebräischen die 7 eine Zahl für Vollständigkeit. Die Bezeichnung des 7. Tages als Ruhetag findet seinen Anklang in Pslam 132:7-8 oder Jesaja 66:1,2 wo von Gottes Ruheort gesprochen wird. Viele Gelehrte halten 1. Mose 1 (Genesis 1) daher für einen Tempel-Einweihungstext – für den kosmischen Tempel Gottes. Aber das ist ein anderes spannendes Thema, das Jascha Schmitz in einer längeren Video-Serie betrachtet hat: Kosmischer Tempel – Zentrales Thema der Bibel

    Dabei geht es jetzt nicht um eine geheime Botschaft, die in der Bibel versteckt ist. Es geht um das Muster eines Tempels, das im Text der Bibel immer wieder verwendet wird. Eine Metapher, mit der die Israeliten und Menschen der Antike völlig vertraut waren. Ein Tempel war der Ort der Präsenz eines Gottes oder einer Göttin. In der Kosmologie der Israeliten war der Bereich Jahwes und der der Menschen getrennt. In Verbindung mit dem Sinai, der Bundeslade und später dem Tempel wird aber im Alten Testament von der Gegenwart oder Präsenz Jahwes gesprochen. Und so auch in der Genesis – im Schöpfungsbericht in 1. Mose. Und zwar in Verbindung mit dem Garten Eden im Paradies und den Menschen. Dieses Muster von Eden findet sich später wieder in der Konstruktion und den Darstellungen in der Stiftshütte, dem Tempel und weiter bis zu Offenbarung.

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Eine interessante Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darauf gehen wir im nächsten Teil ein.

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 8

    Von Hoffnung überrascht – Teil 8

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Fegefeuer, Paradies, Hölle

    Im letzten Teil hatten wir im Abschnitt „Die Erlösung unseres Körpers“ die Bedeutung unserer heutigen und des zukünftigen Körpers geklärt. Nun stellt sich natürlich die Frage: Und was ist dazwischen?

    Zum Fegefeuer ist zu sagen, dass es grundsätzlich eine römisch-katholische Lehre ist, die von der orthodoxen Kirche nicht vertreten wird und von der Reformation zurückgewiesen wurde. Interessant ist, dass sogar ein Kardinal Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) und andere bedeutende Theologen sich sehr stark von dem zurückzogen, was die katholische Kirche lange Zeit dazu lehrte. Mit dieser Lehre geht aber auch der Glaube einher, dass die „Heiligen“ bereits im Himmel sind und alle anderen … eben halt noch nicht.

    Diese Vorstellung stellt N. T. Wright in vier Punkten in Frage.

    1. Die mehrheitliche Lehrmeinung aller orthodoxen Theologen ist, dass die Auferstehung noch nicht stattgefunden hat. Auferstehung ist nicht dassselbe wie Leben nach dem Tod; sie bezeichnet das Leben nach dem Leben nach dem Tod.

    2. Das Neue Testament enthält keinen Grund zur Annahme, dass es irgendwelche unterschiedlichen Kategorien von Christen im Himmel gibt, während sie auf die Auferstehung warten.

    3. N. T. Wright „glaubt nicht an das Fegefeuer als einen Ort, eine Zeit oder einen Zustand. Das Fegefeuer war in jedem Fall eine späte westliche Erfindung, die keine biblische Grundlage hat, und ihre angeblichen theologischen Grundlagen werden nun, wie wir sahen, sogar von führenden römisch-katholischen Theologen infrage gestellt.“

    4. „Ich gelange damit viertens zu folgender Ansicht: Alle verstorbenen Christen sind substanziell im gleichen Zustand, im Zustand erholsamen Glücks.“ (S. 201) „Allerdings finde ich weder im Neuen Testament noch in den ganz frühen Kirchenvätern irgendeinen Hinweis darauf, dass diejenigen, die gegenwärtig im Himmel oder (wer das bevorzugt) im Paradies sind, aktiv damit beschäftigt sind, für uns hier in diesem Leben zu beten.“ (S. 202) „Insbesondere sollten wir der mittelalterlichen Vorstellung mit Argwohn begegnen, dass die Heiligen wie Freunde bei Hofe fungieren: Wir scheuen uns zwar, uns dem König selbst zu nahen, aber wir kennen jemanden, der sozusagen einer von uns ist, zu dem wir offen reden können und der vielleicht ein gutes Wort für uns einlegt.“ (S. 202)

    Was N. T. Wright vermutlich nicht weiß, ist, wie sehr bei den Zeugen Jehovas die sogenannten ‚Gesalbten‘, der sogenannte ‚Überrest der 144.00‘, die sich selbst als die Heiligen betrachten, genau diese Rolle heute und in Zukunft einfordern. Alle anderen Zeugen Jehovas – die sogenannten ‚anderen Schafe‘ – werden nur überleben und leben, wenn sie dieser Gruppe von Heiligen gehorchen und sie ehren.

    Mit der Vorstellung einer Hölle verhält es sich nicht anders. „Das Wort Hölle beschwört Bilder herauf, die stärker von der mittelalterlichen Bilderwelt als von den frühchristlichen Schriften geprägt ist.“ (S. 204) „Das gebräuchlichste neutestamentliche Wort, das manchmal mit Hölle übersetzt wird, ist Gehenna. Gehenna war ein Ort, nicht bloß eine Vorstellung: Es war die Müllhalde außerhalb der südwestlichen Ecke der Jerusalemer Altstadt. Bis zum heutigen Tag befindet sich an dem Ort ein Tal mit Namen Ge Hinnom“. Diese Wort steht auch im Urtext zum Beispiel Lukas 12:5, wird aber gerne mit Hölle übersetzt: „Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der, nachdem er getötet hat, die Macht hat, in die Hölle Gehenna zu stossen. Ja, ich sage euch: Den fürchtet!“ (Züricher) Was Jesus aber an dieser und anderen Stellen immer wieder betont ist, „dass zählt, was auf der Erde geschieht, nicht irgendwo anders.“ (S. 205) Und daher sagte er nach Lukas 13:3 „Nein, sage ich euch; aber wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.“ (Züricher)

    Auch das Gleichnis – Gleichnis! – von Abraham und Lazarus sagt nichts über eine Hölle aus. „Die Szene mit Abraham, dem reichen Mann, und Lazarus wörtlich zu nehmen, ist ungefähr so sinnvoll, wie der Versuch, den Namen des verlorenen Sohnes ausfindig zu machen. Jesus hat einfach nicht viel über das zukünftige Leben gesagt; immerhin war er in erster Linie darum besorgt, das Kommen von Gottes Königreich anzukündigen, „wie im Himmel , so auf Erden.“ (S. 206) Wenn wir bedenken, dass Jesus hier Juden zurechtwies, überrascht es ja nicht, dass er gerade Abraham anführte, den sie doch als ihren Vater ansahen.

    Andererseits ist diese Hoffnung vielleicht für manchen überraschend, weil sie keine Allversöhnung oder ein liberales Hinwegsehen über alle Sünde und das Böse beinhaltet. Auch wenn wir in den Übersetzungen von 1. Timotheus 2:4 durchgängig finden, dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden, indem sie die Wahrheit erkennen.“ (NEÜ). So entspricht diese Übersetzung einer Überzeugung, aber nicht dem Text des Neuen Testaments. Aus vielen Abschnitten des Neuen Testaments geht klar hervor, „dass er nicht „alle einzelnen Menschen“ meint, sondern „alle Arten von Menschen.““ (S. 213). Zum Beispiel sagt Paulus klar:

    Den anderen aber, die nur an sich selbst denken und sich weigern, der Wahrheit zu gehorchen, stattdessen aber dem Unrecht gehorsam sind, gilt sein grimmiger Zorn.

    Römer 2:8 NEÜ

    Auch in der Johannes-Offenbarung sieht man in der Beschreibung des neuen Jerusalem in Kapitel 21 und 22 klar, dass einige Kategorien von Menschen draußen bleiben. Bevor wir aber vorschnell „ein Bild von zwei schönen und ordentlichen Kategorien im Kopf haben, sollten wir auch daran denken, dass der Fluss des Wassers des Leben aus der Stadt heraus fließt; dass auf jeder Seite der Baum des Lebens wächst, und zwar kein einzelner Baum, sondern sehr viele; und dass „die Blätter der Bäume zur Heilung der Nationen“ sind. Dies ist ein großes Geheimnis, dem all unser Reden über Gottes letztendliche Zukunft Platz einräumen muss. Damit soll auf keinen Fall die Wirklichkeit des Endgerichtes über diejenigen bezweifelt werden, die resolut Götzen angebetet und dem gedient haben, was uns entmenschlicht und Gottes Welt entstellt. Es soll nur gesagt werden, dass Gott immer ein Gott der Überaschungen ist.“ (S. 213)

    Fazit

    Fürwahr, wir sind „von Hoffnung überrascht“ worden. Zumindest ging es mir in manchen Punkten so. Da N. T. Wright aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung schöpft und dies mit vielen Beispielen belegt, ist das gewiss für die meisten Christen so.

    Aufgrund meiner persönlichen Lebensgeschichte als jemandem, der in der Religion der Zeugen Jehovas aufgewachsen ist, Jahrzehnte ‚vorbildlich gedient hat‘ und schließlich bewußt aus dieser Kirche ausgetreten ist, ist mir klar, dass diese Hoffnung auch für viele ehemalige Zeugen Jehovas überraschend sein wird.

    Was viele ehemalige Zeugen Jehovas verabeiten müssen, sind nicht nur die Folgen der Indoktrination und die Behandlung durch die Führung und Mitglieder dieser Sekte. Und auch nicht nur die Erkenntnis, dass viele für Zeugen Jehovas spezifische Lehren Erfindungen von Menschen waren, die keine Basis in der Bibel haben. Lehren, welche immer mehr von der aktuellen ‚Leitenden Körperschaft‘ der Zeugen Jehovas aufgegeben, aufgeweicht oder verschwiegen werden.

    Vielleicht am schwierigsten ist es für ehemalige Zeugen Jehovas, die Bibel ganz neu zu lesen und auch Erkenntnisse zu akzeptieren, in denen die Aussagen und Lehren ihrer früheren Religion doch nicht ganz falsch lagen. Wahrscheinlich hast du geglaubt, dass du als ‚anderes Schaf‘ eine irdische Hoffnung hast und nur mit größter Anstrengung Harmagedon überleben kannst und nach 1000 Jahren und noch einer weiteren Schlussprüfung dann ewig auf der Erde leben kannst. Ok, die wenigen ‚gesalbten Glieder des Überrest‘ haben es einfacher – sie sterben und sind nach der Lehre der Zeugen Jehovas gleich im Himmel mit Super-Power und Unsterblichkeit ausgestattet. Dann hast du erkannt, dass das ein Schwindel war. Es gibt im Neuen Testament nur eine Hoffnung für alle Christen. Und damit warst du der Meinung, dass du wie alle ‚Kinder Gottes‘ in den Himmel kommst – so wie die 144.000 der Zeugen Jehovas oder alle Katholiken und Protestanten. Nun bist du von ‚der Hoffnung überrascht‘ worden, dass das mit dem Himmel vielleicht doch nichts wird. Oder zumindest ganz anders, als du gedacht hast.

    Wenn du als ehemaliger Zeuge Jehovas erkennst, welche Lehren der Zeugen Jehovas nicht auf der Bibel beruhen sondern ein Schwindel sind, bist du erst auf halbem Weg. Das Glaubens-Haus ist eingestürzt und weitgehend abgerissen. Nun geht es darum, deinen Glauben aufzubauen. Es ist nicht einfach, etwas Neues zu lernen. Noch schwieriger ist es, etwas Falsch-Gelerntes zu korrigieren. Mit dieser Serie möchte ich dazu einen Beitrag leisten.

    Die Dinge neu zu durchdenken ist für jeden für uns eine wichtige Aufgabe. Daher enthält N. T. Wrights Buch noch einen dritten Teil: Auferstehung und der Auftrag der Kirche. Diesen werde ich aber in dieser Serie nicht mehr betrachten. Dazu wünsche ich dir viel Freude beim Lesen und Nachdenken.

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 7

    Von Hoffnung überrascht – Teil 7

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Jesus, der kommende Richter

    Ein anderer – für manchen auch überraschende – Aspekt der Hoffnung ist dies: „Das Bild von Jesus als kommendem Richter ist das zentrale Merkmal einer anderen, absolut entscheidenden und nicht verhandelbaren christlichen Glaubensüberzeugung: dass es in der Tat ein Gericht geben wird, in dem der Schöpfergott die Welt ein für alle Mal ins Lot bringen wird.“ (S. 167) Auch hier müssen wir aufpassen, dass wir mit dem Begriff „Gericht“ nicht das verbinden, was wir heute Gericht nennen und damit verbinden. Der biblische Kontext des Begriffs „Gericht“ ist entscheidend und der ist nicht Verurteilung, sondern eine durchgängig gute Sache, wie wir es auch in den Psalmen finden: Alles jubelt, weil Gott die Dinge zum Guten bringt.

    Die ersten Jünger Jesu waren nach der Auferstehung Jesu davon überzeugt, dass er der Messias ist. „Ihr Glaub an Jesu Messianität könnte ein entscheidender Faktor für das Aufkommen des Glaubens an sein letztendliches Kommen als Richter gewesen sein. Dieser Glaube ist zur der Zeit, als Paulus auftrat, bereits sicher etabliert.“

    Hier zeigt sich eine weitere, weit verbreitete aber falsche Annahme über die Lehren des Paulus: „Weil Paulus Rechtfertigung aus Glauben lehrte, nicht aus Werken, ist keine Raum für ein zukünftiges Gericht „nach Werken“. Doch das zeigt nur, wie sehr ihn viele Menschen missverstanden haben.

    Das zukünftige Gericht nach Werken, ein Gericht, das Jesus auf seinem „Richterstuhl“ halten wird, wird ganz klar z. B. in Römer 14:9-10; 2. Korinther 5:10 und answerswo gelehrt. …. Dieses Bild vom zukünftigen Gericht nach Werken ist in der Tat die Grundlage der paulinischen Theologie der Rechtfertigung aus Glauben.

    Rechtfertigung aus Glauben ist das, was in der gegenwärtigen Zeit geschieht, in Erwartung des Urteils des zukünftigen Tages, an dem Gott die Welt richten wird. Sie ist Gottes vorweggenommene Deklaration, dass die Person, die an das Evangelium glaubt, bereits jetzt ein Mitglied seiner Familie ist, egal ihre Eltern waren, dass ihre Sünden aufgrund des Todes Jesu vergeben sind und das es an jenem zukünftigen Tag, wie Paulus sagt, „keine Verdammnis gibt“ (Römer 8:1).

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 169, 170

    Das dürften jetzt erst einmal genug interessante Gedanken gewesen sein, über die man in Ruhe nachdenken sollte. Vielleicht bist auch du jetzt „von Hoffnung überrascht“. Und das wird vermutlich im Folgenden nicht weniger der Fall sein, wenn es um die Erlösung unseres Körpers, das Fegefeuer, Paradies und die Hölle gehen wird.

    Die Erlösung unseres Körpers

    Was geschieht nach dem Tod? Die Ansichten der Menschen – selbst der Christen – gehen weit auseinander. Doch die Hoffnung im Neuen Testament ist kristallklar, wenn auch vielleicht überraschend:

    Doch nicht nur dies; nein, auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe empfangen haben, auch wir seufzen miteinander und warten auf unsere Anerkennung als Söhne und Töchter, auf die Erlösung unseres Leibes.

    Römer 8:23 Züricher

    Was soll daran überraschend sein? Lies den Text bitte noch einmal genau. Welche Vorstellung hattest du? Diese: „wir warten auf die Erlösung unseres Leibes“. Oder doch diese: „wir warten auf die Erlösung von unserem Leib“? Das steht aber gar nicht im Text! In diesem Text sagt Paulus eben nicht, dass wir vom Leib erlöst werden, sondern dass unsere Leiber erlöst werden. Überraschung!

    N. T. Wright betrachtet dazu in Kapitel 10 viele Passagen des Neuen Testaments. Ich möchte hier nur wenige aufgreifen. Wer mehr wissen möchte, dem empfehle ich das Buch in Ruhe zu lesen.

    „Die klarste und stärkste Passage, die oft ignoriert wird, ist Römer 8:9-11“ (S. 178):

    Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn wirklich Gottes Geist in euch wohnt; wer aber den Geist des Christus nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn aber der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird derselbe, der Christus aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

    Römer 8:9-11 Schlachter 2000

    Doch wie ist dann Jesu Aussage gemäß Johannes 14:2 zu verstehen?

    Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, dann hätte ich es euch gesagt. Ich gehe jetzt voraus, um dort einen Platz für euch vorzubereiten.

    Johannes 14:2 NEÜ

    Das wird ja oft so verstanden, dass man nach dem Tod in den Himmel kommt, wo Jesus schon für einen Platz gesorgt hat. Wir dürfen aber die Texte nicht mit unserer Auffassung der deutschen Wörter lesen. „Das Wort für „Wohnungen“ an dieser Stelle, monai, wird überlicherweise im Griechischen nicht für einen endgültigen Ruheplatz verwendet, sondern für einen kurzen Halt auf der Reise, die dich auf lange Sicht woanders hinführt.“ (S. 179)

    „Dies passt gut zu Jesu Worten an den sterbenden Verbrecher im Lukasevangelium: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Trotz einer langen Tradition des Missverständnisses ist das Paradies hier wie auch in einigen anderen jüdischen Schriften kein endgültiger Bestimmungsort, sondern der glückselige Garten, die Parklandschaft der Ruhe und Stille, wo die Toten erfrischt werden, während sie den Anbruch des neues Tages erwarten. Der Hauptpunkt des Satzes liegt in dem scheinbaren Kontrast zwischen der Bitte des Verbrechers und der Erwiderung Jesu: „Erinnere dich an mich“, so sagt er, „wenn du in dein Königreich kommst“, wobei er impliziert (ob ironisch oder nicht ist jetzt nicht von Belang), dass das in einer weit entfernten Zukunft sein wird. Jesus bringt diese Zukunftshoffnung in die Gegenwart, wobei er natürlich andeutet, dass das Königreich mit seinem Tod in der Tat kommt, auch wenn es nicht so ausseht wie das, was man sich vorgesetellt hatte. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Es wird natürlich noch eine zukünftige Vollendung geben, die die ultimative Auferstehung beinhaltet; Lukas’ theologisches Gesamtverständnis lässt daran keinen Zweifel. Jesus wurde schließlicht nicht „heute“ auferweckt, also am Karfreitag. Lukas muss Jesus so verstanden haben, dass er auf einen Zustand des Seins-im-Paradies verwies, der für ihn und den sterbenden Mann neben ihm sofort, am selben Tage, wahr werden würde – mit anderen Worten: vor der Auferstehung. Mit Jesus ist die Zukunftshoffnung in die Gegenwart vorgerückt. Für diejenigen, die im Glauben sterben, vor jener letztendlichen Auferweckung, besteht die zentrale Verheißung darin, sofort „bei Jesus“ zu sein. „Mein Verlangen ist es, zu sterben“, schrieb Paulus, „und bei Christus zu sein, was viel besser ist.““ (S. 179,180)

    In Bezug auf den 1. Petrusbrief hebt N. T. Wright hervor, was wir uns beim Begriff „Seele“ vorstellen müssen: „Das Wort psyche scheint sich hier wie das Hebräische nephesch nicht auf einen unkörperlichen inneren Teil des Menschen zu beziehen, sondern auf das, was wir die Person oder sogar die Persönlichkeit nennen können.“ (S. 181)

    Denn die Übersetzungen haben hier oft für Verwirrung gesorgt, wie auch in 1. Korinther 15:44

    Gesät wird ein natürlicher Leib, auferweckt wird ein geistlicher Leib. Wenn es einen natürlichen Leib gibt, dann gibt es auch einen geistlichen.

    1. Korinther 15:44 Züricher

    „Mehrere gängige Übersetzungen, insbesondere die Revised Standard Version und ihre Ableger, übersetzen Paulus’ Schlüsselbegriffe mit „ein physischer Körper“ und „ein geistlicher Körper“. Schon im Hinblick auf die griechischen Wörter, die Paulus benutzt, kann das nicht stimmen. Die technischen Argumente sind überwältigend und eindeutig. Der Kontrast besteht zwischem dem gegenwärtigen Körper, der vergänglich, verweslich und zum Sterben verurteilt ist, und em zukünftigen Körper, der unvergänglich, unverweslich ist und niemals sterben wird. Die Schlüsselajektive, die in Diskussionen dieses Themas endlos zitiert werden, verweisen nicht auf einen physischen Körper und einen nicht physischen Körper. Doch genau so werden Menschen in unserer Kultur die Wörter physisch und geistlich hören.

    Das erste Wort, psychikos, bedeutet auf keinen Fall so etwas wie „physisch“ in unserem Sinne. Für Griechisch sprechende Menschen zur Zeit des Paulus bezeichnete das Wort psych, von dem das Wort stammt, die Seele, nicht den Körper.

    Doch der tiefer gehende, unterschwellige Punkt besteht darin, dass Adjektive dieser Art, griechische Adjektive, die auf ikos enden, nicht das Material beschreiben, aus dem die Dinge gemacht werden, sondern die Kraft oder Energie, die diese Dinge belebt. Es geht um den Unterschied zwischen der Frage: „Ist dies ein hölzernes oder eisernes Schiff?“ (das Material, aus dem es geamcht ist) und der Frage: „Ist dies ein Dampfschiff oder ein Segelschiff?“ (die Energie, die es antreibtI. Paulus redet vom gegenwärtigen Körper, der von der normalen menschlichen psyche belebt wurde (die Lebenskraft, die wir alle hier und jetzt besitzen, die uns im gegenwärtigen Leben über die Runden bringt, die aber letztendlich gegen Krankheit, Verletzung, Verfall und Tod machtlos ist), und er redet vom zukünftigen Körper, der von Gottes pneuma belebt wird, Gottes Atem des neuen Lebens, die treibende Kraft der neuen Schöpfung Gottes.“ (S. 184, 185)

    In diesem Sinne können „Fleisch und Blut das Königreich Gottes nicht erben“. „„Fleisch und Blut“ ist ein Fachbegriff für das, was vergänglich ist, vorübergehen und dem Tode entgegengeht.“ (S. 185)

    Ich denke, es wird immer klarer, warum der Titel des Buches lautet: Von Hoffnung überrascht.

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 6

    Von Hoffnung überrascht – Teil 6

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Wenn er kommt

    Wie unterschiedliche die christlichen Glaubensrichtungen auch sein mögen, so haben Gläubige doch oft den Wunsch, hin zu Jesus zu gehen. Die Hauptwahrheit, auf der die frühen Christen immer wieder bestanden, ist jedoch, dass Jesus zu uns zurückkommt.

    Kommen, Erscheinen, Offenbaren und die königliche Gegenwart

    Interessanterweise ist der Begriff des ‚zweiten Kommens‘ oder der ‚Wiederkunft Christi‘ heute oft Gegenstand der Diskussion, obwohl dieser Begriff nur sehr selten im Neuen Testament vorkommt.

    Daher mag es für manchen überraschend sein, zu hören, dass „trotz der weitverbreiteten gegenteiligen Meinung Jesus während seines irdischen Wirkens nichts zu seiner Wiederkunft sagte.“ (S. 154)

    ‚Moment mal‘, magst du denken und auf Texte wie Markus 13:26 verweisen wollen: „Dann werden sie den Menschensohn in Wolken kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit.“ (NEÜ) Oder Markus 14:62 „“Ich bin es!“, erwiderte Jesus. „Und ihr werdet den Menschensohn sehen, wie er an der rechten Seite des Allmächtigen sitzt und mit den Wolken des Himmels kommt.““ Aber hier zitiert Jesus aus Daniel 7. Daher spricht Jesus hier nicht von seiner Wiederkunft sondern seiner Rehabilitierung nach dem Leiden. „Das „Kommen“ ist eine Aufwärtsbewegung, keine Abwärtsbewegung. In ihrem Kontext bedeuten die Schlüsseltexte: Obwohl Jesus in seinen Tod geht, wird er durch Ereignisse rehabilitiert werden, die danach stattfinden.“ (S. 154) Und so hat es auch die frühe Kirche gesehen.

    Und was ist mit den Gleichnissen von einem König, der weggeht, seinen Untertanen es überässt, in seiner Abwesenheit zu wirtschaften bis er wiederkommt? Auch wenn diese Gleichnisse auch schon früh so ausgelegt wurden, so „gehören sie in die jüdische Welt des ersten Jahrhunderts, in der jedermann dieses Gleichnis als Geschichte über Gott selbst gehört haben wird, der zur Zeit des Exils Israel und den Tempel verlassen hatte und der endlich zurückkehrte, wie es die nach-exilischen Propheten gesagt hatten, zurück nach Israel, zurück zum Zion, zurück zum Tempel. … In ihrer ursprünglichen Situation … handeln sie nicht vom zweiten Kommen Jesu, sondern seinem ersten.“ (S. 155)

    Auch wenn Jesus nicht über seine Wiederkunft gelehrt hat, bedeutet das aber natürlich nicht, dass es nicht wahr ist. Bei dieser Thematik ist es besonders wichtig, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Wir müssen aufpassen, weil die Gleichnisse nicht ganz auf die Wiederkunft passen.

    Wenn die Texte, die vom „Kommen des Menschensohnes auf Wolken“ sprechen, auf das Jahr 70 n. Chr. verweisen, was sie meiner Argumentation zufolge (zum Teil) tun, dann heitß das nicht, dass 70 n. Chr. das „zweite Kommen“ war , weil die „Menschensohn“-Texte überhaupt keine Texte über die Wiederkunft sind.“

    Die Wiederkunft Christi hat noch nicht stattgefunden.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 156

    Wenn wir aber in Jesu Worten in den Evangelien nichts von der Wiederkunft Jesu lesen, woher kommt dann diese Lehre? Aus dem Rest des Neuen Testaments nach Jesus Auferstehung: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird genauso wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.“ (Apostelgeschichte 1:11 NEÜ)

    Insbesondere in den Briefen des Paulus finden wir Gedanken zur Wiederkunft Jesus. Und bei auch ein griechisches Wort, das sowohl Laien wie auch Gelehrte in die Irre geführt hat: parousia. „Es wird üblicherweise mit ‚Kommen‘ übersetzt, aber wörtlich bedeutet es ‚Gegenwart‘ – also Anwesenheit im Gegensatz zu Abwesenheit. Es erscheint in zwei Schlüsselabschnitten bei Paulus (1. Thessalonicher 4:15 und 1. Korinther 15:2,3).

    Insbesondere 1. Thessalonicher 4:17 hat die Phantasie beflügelt: „ Danach werden wir, die noch am Leben sind, mit ihnen zusammen in Wolken fortgerissen werden zur Begegnung mit dem Herrn in der Luft. Und dann werden wir für immer bei ihm sein.“ (NEÜ) Aber da steht doch gar nichts davon, dass Menschen nach der ‚Begegnung‘ in den Himmel kommen!

    Tatsächlich hatte parousia in der nicht-christlichen Welt damals zwei Bedeutungen.

    Die erste war die mysteriöse Gegenwart einer Gottheit. „Josephus benutzt dieses Wort manchmal, wenn er davon spricht, dass JHWH kommt, um Israel zu retten.“ (S. 158)

    „Die zweite Bedeutung taucht auf, wenn eine hochrangige Persönlichkeit einem unterworfenen Staat einen Besuch abstattet, insbesondere, wenn der König oder Erobeer eine Kolonie oder Provinz besucht. Das Wort für solch einen Besuch lautet königliche Gegenwart: auf Griechisch, parousia.“ (S. 158)

    „Es sei angemerkt, dass wir in keinem dieser Kontexte auch nur die geringste Andeutung finden, dass irgendjemand auf einer Wolke umherfliegt. Es gibt auch keinerlei Hinweis auf den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch oder die Zerstörung des Universums.“ (S. 158)

    Was wollten Paulus und der Rest der frühen Kirche sagen?

    Dass Jesus, den sie anbeteten, im Geiste nahe war, aber körperlich abwesend, dass er aber eines Tages körperlich gegenwärtig sein würde und dass dann die ganze Welt, sie selbst inbegriffen, die plötzliche transformierende Kraft dieser Gegenwart erkennen würde.

    Ein Wort, welches sich dafür ganz natürlich anbietet, wäre parousia.

    Sie wollten sagen, dass Jesus, der von den Toten auferweckt und zur Rechten Gottes erhöht worden war, der rechtmäßige Herr der Welt war, der wahre Herrscher, vor dem alle anderen Herrscher erzittern würden und vor dem sie ihre Knie ängstlich und staunend beugen würden.

    Und sie wollten sagen: So, wie der Kaiser eines Tages eine Kolonie wie Philippi oder Thessaloniki oder Korinth besuchen könnte (der normalerweise abwesende, aber herrschende Machthaber, der nun persönlich erscheint und herrscht), so würde eines Tages der abwesende, aber herrschende Herr der Welt erscheinen und perönlich innerhalb dieser Welt herrschen, mit allen Konsequenzen, die das hätte.“

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 158

    1. Thessalonicher 4 erklärt N. T. Wright in seinem Buch viel detailreicher. Betrachten wir nochmal 1. Thessalonicher 4:16-17:

    Denn der Herr selbst wird beim Erschallen des Befehlswortes, bei der Stimme des Erzengels und der Posaune Gottes vom Himmel herabsteigen. Und die, die in Christus gestorben sind, werden zuerst auferstehen, danach werden wir, die wir noch am Leben sind, mit ihnen zusammen hinweggerissen und auf Wolken emporgetragen werden in die Höhe, zur Begegnung mit dem Herrn. Und so werden wir allezeit beim Herrn sein.

    1. Thessalonicher 4:16-17 Züricher

    Vor allem soll zuerst nochmals betont werden, dass dieser Text klar sagt, dass die Auferstandenen nicht im Himmel auf Jesus treffen. Das wir aus dem letzten Teil des Verses abgeleitet, denn der Herr wird doch im Himmel sein. Aber das sagt dieser Text nicht aus. „Der Punkt, der im Blick auf diese kniffligen Verse vor allem zu beachten ist, besteht darin, dass sie nicht als wörtliche Beschreibung dessen zu verstehen sind, was laut Paulus passieren wird. Sie sind schlicht eine andere Art, das auszudrücken, was Paulus in 1. Korinther 15:23-27 und 51-54 sowie in Philipper 3:20-21 sagt.“ Wo die Züricher Übersetzung in 1. Thessalonicher 4:17 „hinweggerissen“ sagt, verwendet Paulus in 1. Korinther 15:51 den Begriff „transformiert“, in der Züricher als „verwandelt“ übersettzt. Auch in Philipper 3:21 wir von dieser Transformation als „verwandeln“ gesprochen.

    Interessant ist, dass in Philipper 3:20 in der Züricher so übersetzt wird: „Denn unsere Heimat ist im Himmel; von dort erwarten wir auch als Retter den Herrn Jesus Christus“. Kein Wunder, wenn dann jemand meint, dass er in den Himmel kommt. Aber diese Übersetzung gibt leider eine religiöse Überzeung und nicht den Urtext wieder. Im Urtext steht hier πολίτευμα (politeuma), was Bürgerrecht bedeutet: „Doch wir haben unser Bürgerrecht im Himmel.“ übersetzt die NEÜ korrekt.

    Was wollte Paulus damit sagen? Eine wörtliche Beschreibung war es bestimmt nicht, denn im nächsten Kapitel 1. Thessalonicher 5 spricht er davon, „dass der Dieb in der Nacht kommen wird, sodass die Frau Wehen haben wird, sodass du dich nicht betrinken sollst, sondern wach bleiben und die Waffenrüstung anlegen musst.“ (S. 161) Wenn das Methaphern sind, dann haben wir es auch in Kapitel 4 mit einer Metapher zu tun.

    Und zwar sogar drei Geschichten in einer Metapher. Paulus war gut darin, Dinge so kompakt zu vernküpfen. Paulus verknüpft hier die Geschichte von Moses, wie er vom Berg herabkommt (auch hier erschallt eine Trompete). Das verknüpft er mit Daniel 7. Und dazu kommt noch eine Situation aus dem Leben der Philipper.

    Wenn der Kaiser eine Kolonie oder Provinz besuchte, dann würde die Bürger der Stadt losgehen und ihm in einiger Entfernung vor den Toren der Stadt begegnen. Es wäre respektlos, würde man ihn tatsächlich am Stadttor ankommen lassen, als ob seine Untertanen keine Lust hätten, ihn angemessen zu begrüßen. Wenn sie ihn trafen, dann blieben sie nicht draußen auf dem offenen Feld; sie würden ihn königlich bist in die Stadt begleiten. Wenn Paulus von der „Begegnung“ mit dem Herrn „in der Luft“ spricht, dann geht es gerade nicht darum, dass die geretteten Gläubigen irgendwo in der Lauft schweben bleiben, von der Erde entfernt, wie wir es in der populären Entrückungstheologie finden. Es geht um Folgendes: Nachdem sie herausgegangen sind, um ihrem Herrn zu begegnen, werden sie ihn königlich in seinen Herrschaftsbereich begleiten, also zurück dan den Ort, von dem sie kommen.

    Selbst wenn wir feststellen, dass es sich hier um eine bedeutsame Metapher handelt, nicht um eine wörtliche Beschreibung, ist die Bedeutung dieselbe wie in der Parallelstelle in Philipper 3:20. Wie die Philipper wussten, bedeutete „Bürger des Himmels“ zu sein nicht, dass man erwartete, in die Heimatstadt zurückzukehren, sondern dass man erwartete, dass der Herrscher aus der Heimatstadt kam, um der Kolonie ihre volle Würde zu geben, um sie – wenn nötig – zu retten, um Feinde zu besiegen und alles ins Lot zu bringen.

    Die Wirklichkeit, auf die die Rhetorik verweist, ist diese: Jesus wird persönlich gegenwärtig sein, die Toten werden auferweckt werden, und die dann lebenden Christen werden transformiert werden.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 162

    Und so überrascht es dann auch nicht mehr, wenn am Ende des 1. Korinther Briefes plötzlich ein aramäischer Ausdruck erscheint. Wohlgemerkt, ein aramäischer Ausdruck im griechischen Text. Manche Übersetzungen lassen ihn stehen, und man versteht gar nicht, was damit gemeint ist. In 1. Korinther 16:22 finden wir „Marána thá – Unser Herr, komm!“ (Einheitsübersetzung 2016), was auf die sehr frühe aramäisch sprechende Kirche zurückgeht.

    In Kolosser 3:4 verwendet Paulus übrigens das Wort „erscheinen“ und nicht „kommen“. „Jesus muss nicht wie ein Raumfahrer vom Himmel herabschweben. … Wenn Himmel und Erde auf die neue Weise verbunden werden, die Gott verheißen hat, dann wir Jesus uns erscheinen – und wir werden ihm erscheinen und auch uns gegenseitig, und zwar in usnerer eigenen wahrhaftigen Identität.“ (S. 164)

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 5

    Von Hoffnung überrascht – Teil 5

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Jesus, der Himmel und die neue Schöpfung

    1. Himmelfahrt

    Für die Nachfolger Jesu im ersten Jahrhundert waren die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu zwei völlig verschiedene Dinge: „Jesus sagt zu ihr: Fass mich nicht an! Denn noch bin ich nicht hinaufgegangen zum Vater.“ (Johannes 20:17 Züricher). Und auch Paulus unterscheidet das (Römer 8:34; Epheser 1:20,2:6).

    Wenn in Johannes 20:17 von „hinaufgegangen“ gesprochen wird, dann müssen wir das jedoch im Kontext der biblischen Kosmologie verstehen:

    Grundsätzlich gilt: Himmel und Erde sind in der biblischen Kosmologie nicht zwei unterschiedliche Orte innerhalb desselben Kontinuums aus Raum oder Materie. Sie sind zwei unterschiedliche Dimensionen der guten Schöpfung Gottes.

    Der Himmel steht indirekt mit der Erde in Beziehung, sodass jemand, der im Himmel ist, gleichzeitig überall auf der Erde gegenwärtig sein kann. Daher bedeutet die Himmelfahrt, dass Jesus verfügbar und zugänglich ist, ohne dass man zu einem bestimmten Ort auf Erden reisen muss, um ihn zu finden.

    Der Himmel ist sozusagen der Kontrollraum für die Erde; er ist das Büro des Geschäftsführers, der Ort, von dem aus alle Anweisungen ausgehen. „Mir ist alle Macht gegeben“, sagte Jesus am Ende des Matthäusevangeliums, „im Himmel und auf Erden.“

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139

    Gemäß dem Text des neuen Testaments, ist Jesus also eben nicht bei seiner Auferstehung in den Himmel gekommen und auch nicht seine Seele. Welche Vorstellung vermittelt der Text des Neuen Testaments?

    Die Vorstellung vom Menschen Jesus, der jetzt im Himmel ist, in seinem durch und durch verkörperten Auferstehungszustand, ist für viele Menschen ein Schock, auch für viele Christen.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139

    Warum das so ist, erklärt er gleich danach:

    Manchmal liegt das daran, dass viele Menschen meinen, Jesus sei göttlich gewesen, hätte dann aufgehört, göttlich zu sein, und sei Mensch geworden, um dann nach einer Weile des Menschseins wieder aufzuhören, Mensch zu sein, um in den göttlichen Existenzmodus zurückzukehren (das ist zumindest das, was Christen nach Meinung vieler Menschen angeblich glauben).

    Häufiger liegt das jedoch daran, dass unsere Kultur derart stark an die platonische Vorstellung gewähnt ist, dass der Himmel per Definition ein Ort „geistlicher“, nicht materieller Wirklichkeit ist, sodass ihnen die Vorstellung von einem richtigen Körper, der nicht nur im Himmel gegenwärtig, sondern dort durch und durch zu Hause ist, wie eine Verwechslung von Kategorien, also philosophisch definierten Zustandsformen, vorkommt.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139

    Und wenn jetzt auch du überrascht bist: „Die Himmelfahrt lädt uns ein, all diese Dinge neu zu durchdenken; und überhaupt: Warum haben wir angenommen, wir wüssten, was der Himmel ist?“ (N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139)

    So durchdacht macht der Gedanke der Wiederkunft Christi Sinn:

    Doch das Neue Testament besteht im Gegenteil darauf, dass derjenige, der in den Himmel gegangen ist, wiederkommen wird. In den Evangelien oder in der Apostelgeschichte fällt nirgendwo auch nur entfernt ein Satz wie folgender: „Jesus ist in den Himmel gegangen, also lasst uns sicherstellen, dass wir ihm dahin folgen.“ Vielmehr heißt es: „Jesus ist im Himmel, er regiert die Welt, und er wird eines Tages wiederkommen, um seine Herrschaft in Vollkommenheit aufzurichten.“

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 145

    2. Was hat es mit der Wiederkunft Christi auf sich?

    Steuern wir jetzt auf Vorstellungen zu, wie sie sich seit den milleniaristischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts weit verbreitet haben? Dahinter verbirgt sich ja oft die Vorstellung, dass Jesus seit fast 2000 Jahren irgendwie ‚weg‘ war und dann in einer dramatischen Endzeit wiederkommt. Und dass „diese Wiederkunft teil eines Szenarios ist, in dem die gegenwärtige Welt dem Untergang geweiht ist, während die wenigen Erwählten in den Himmel fortgerissen werden.“ (S. 148)

    Wir haben jedoch schon gesehen, dass diese Vorstellung nicht mit der biblischen Kosmologie und der Vorstellung im ersten Jahrhundert übereinstimmt, die wir im Neuen Testament finden. Schon in den Psalmen hatte das Richten der Welt eine positive Bedeutung: „Für Gott bedeutet das Richten der Welt, dass er sie am Ende ins Lot bringen wird, dass er sie in Ordnung bringt und damit nicht nur ein allseitiges erleichterndes Aufatmen hervorruft, sondern Jubelrufe von Bäumen und Felder, vom Meer und den Fluten.“ (Psalm 96, Psalm 98)

    Was ist dann mit Eschatologie gemeint?

    Das Wort Eschatologie, das wörtlich „die Lehre von den letzten Dingen“ bedeutet, verweist nicht nur auf Tod, Gericht, Himmel und Hölle, wie üblicherweise gedacht (und wie das Wort in vielen Wörterbüchern immer noch definiert wird). Der Begriff verweist auch auf den leidenschaftlich festgehaltenen Glauben der meisten Juden des 1. Jahrhunderts und fast aller frühen Christen, dass die Geschichte unter der Leitung Gottes in eine bestimmte Richtung ging, und dass diese Richttung in der neuen Welt Gottes bestand, der Welt der Gerechtigkeit, Heilung und Hoffnung. Der Übergang von der gegenwärtigen Welt zur neuen Welt würde keine Sache der Zerstörung des gegenwärtigen raum-zeitlichen Universums sein, sondern eine Sache der radikalen Heilung dieses Universums.

    Wenn ich (und viele andere) also das Wort Eschatologie benutze, dann meinen wir damit nicht einfach die Wiederkunft Christi und noch weniger eine bestimmte Theorie über diese Wiederkunft; wir meinen vielmehr die gesamte Bedeutung der Zukunft Gottes für die Welt und wir meinen den Glauben, dass diese Zukunft bereits begonnen hat, um uns in der Gegenwart zu begegnen.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 151