Von Christian / Tom Wright
Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).


Jesus, der Himmel und die neue Schöpfung
1. Himmelfahrt
Für die Nachfolger Jesu im ersten Jahrhundert waren die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu zwei völlig verschiedene Dinge: „Jesus sagt zu ihr: Fass mich nicht an! Denn noch bin ich nicht hinaufgegangen zum Vater.“ (Johannes 20:17 Züricher). Und auch Paulus unterscheidet das (Römer 8:34; Epheser 1:20,2:6).
Wenn in Johannes 20:17 von „hinaufgegangen“ gesprochen wird, dann müssen wir das jedoch im Kontext der biblischen Kosmologie verstehen:
Grundsätzlich gilt: Himmel und Erde sind in der biblischen Kosmologie nicht zwei unterschiedliche Orte innerhalb desselben Kontinuums aus Raum oder Materie. Sie sind zwei unterschiedliche Dimensionen der guten Schöpfung Gottes.
Der Himmel steht indirekt mit der Erde in Beziehung, sodass jemand, der im Himmel ist, gleichzeitig überall auf der Erde gegenwärtig sein kann. Daher bedeutet die Himmelfahrt, dass Jesus verfügbar und zugänglich ist, ohne dass man zu einem bestimmten Ort auf Erden reisen muss, um ihn zu finden.
Der Himmel ist sozusagen der Kontrollraum für die Erde; er ist das Büro des Geschäftsführers, der Ort, von dem aus alle Anweisungen ausgehen. „Mir ist alle Macht gegeben“, sagte Jesus am Ende des Matthäusevangeliums, „im Himmel und auf Erden.“
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139
Gemäß dem Text des neuen Testaments, ist Jesus also eben nicht bei seiner Auferstehung in den Himmel gekommen und auch nicht seine Seele. Welche Vorstellung vermittelt der Text des Neuen Testaments?
Die Vorstellung vom Menschen Jesus, der jetzt im Himmel ist, in seinem durch und durch verkörperten Auferstehungszustand, ist für viele Menschen ein Schock, auch für viele Christen.
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139
Warum das so ist, erklärt er gleich danach:
Manchmal liegt das daran, dass viele Menschen meinen, Jesus sei göttlich gewesen, hätte dann aufgehört, göttlich zu sein, und sei Mensch geworden, um dann nach einer Weile des Menschseins wieder aufzuhören, Mensch zu sein, um in den göttlichen Existenzmodus zurückzukehren (das ist zumindest das, was Christen nach Meinung vieler Menschen angeblich glauben).
Häufiger liegt das jedoch daran, dass unsere Kultur derart stark an die platonische Vorstellung gewähnt ist, dass der Himmel per Definition ein Ort „geistlicher“, nicht materieller Wirklichkeit ist, sodass ihnen die Vorstellung von einem richtigen Körper, der nicht nur im Himmel gegenwärtig, sondern dort durch und durch zu Hause ist, wie eine Verwechslung von Kategorien, also philosophisch definierten Zustandsformen, vorkommt.
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139
Und wenn jetzt auch du überrascht bist: „Die Himmelfahrt lädt uns ein, all diese Dinge neu zu durchdenken; und überhaupt: Warum haben wir angenommen, wir wüssten, was der Himmel ist?“ (N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139)
So durchdacht macht der Gedanke der Wiederkunft Christi Sinn:
Doch das Neue Testament besteht im Gegenteil darauf, dass derjenige, der in den Himmel gegangen ist, wiederkommen wird. In den Evangelien oder in der Apostelgeschichte fällt nirgendwo auch nur entfernt ein Satz wie folgender: „Jesus ist in den Himmel gegangen, also lasst uns sicherstellen, dass wir ihm dahin folgen.“ Vielmehr heißt es: „Jesus ist im Himmel, er regiert die Welt, und er wird eines Tages wiederkommen, um seine Herrschaft in Vollkommenheit aufzurichten.“
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 145
2. Was hat es mit der Wiederkunft Christi auf sich?
Steuern wir jetzt auf Vorstellungen zu, wie sie sich seit den milleniaristischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts weit verbreitet haben? Dahinter verbirgt sich ja oft die Vorstellung, dass Jesus seit fast 2000 Jahren irgendwie ‚weg‘ war und dann in einer dramatischen Endzeit wiederkommt. Und dass „diese Wiederkunft teil eines Szenarios ist, in dem die gegenwärtige Welt dem Untergang geweiht ist, während die wenigen Erwählten in den Himmel fortgerissen werden.“ (S. 148)
Wir haben jedoch schon gesehen, dass diese Vorstellung nicht mit der biblischen Kosmologie und der Vorstellung im ersten Jahrhundert übereinstimmt, die wir im Neuen Testament finden. Schon in den Psalmen hatte das Richten der Welt eine positive Bedeutung: „Für Gott bedeutet das Richten der Welt, dass er sie am Ende ins Lot bringen wird, dass er sie in Ordnung bringt und damit nicht nur ein allseitiges erleichterndes Aufatmen hervorruft, sondern Jubelrufe von Bäumen und Felder, vom Meer und den Fluten.“ (Psalm 96, Psalm 98)
Was ist dann mit Eschatologie gemeint?
Das Wort Eschatologie, das wörtlich „die Lehre von den letzten Dingen“ bedeutet, verweist nicht nur auf Tod, Gericht, Himmel und Hölle, wie üblicherweise gedacht (und wie das Wort in vielen Wörterbüchern immer noch definiert wird). Der Begriff verweist auch auf den leidenschaftlich festgehaltenen Glauben der meisten Juden des 1. Jahrhunderts und fast aller frühen Christen, dass die Geschichte unter der Leitung Gottes in eine bestimmte Richtung ging, und dass diese Richttung in der neuen Welt Gottes bestand, der Welt der Gerechtigkeit, Heilung und Hoffnung. Der Übergang von der gegenwärtigen Welt zur neuen Welt würde keine Sache der Zerstörung des gegenwärtigen raum-zeitlichen Universums sein, sondern eine Sache der radikalen Heilung dieses Universums.
Wenn ich (und viele andere) also das Wort Eschatologie benutze, dann meinen wir damit nicht einfach die Wiederkunft Christi und noch weniger eine bestimmte Theorie über diese Wiederkunft; wir meinen vielmehr die gesamte Bedeutung der Zukunft Gottes für die Welt und wir meinen den Glauben, dass diese Zukunft bereits begonnen hat, um uns in der Gegenwart zu begegnen.
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 151


Kommentar verfassen