Gottes Bild sein – Teil 4

Von Christian / Carmen Joy Imes


In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

Den dritten Teil hatten wir mit der Frage abgeschlossen, wie es sich auf unser Leben und Verhalten auswirken sollte, dass wir all imago Dei, das Bild Gottes sind.

Das Projekt Mensch

Schon Adams Reaktion auf Gottes Frage zeigte, dass es mit der Erkenntnis von Gut und Böse nicht weit her war. Ihr Sohn Kain tötet seinen Bruder aus Hass. Dann baut er eine Stadt. Sein Nachkomme Lamech nahm sich mehrere Frauen, tyrranisierte seine Familie und verdreht die Geschichte um seinen Vorfahren Kain, um eine Rechtfertigung für Mord zu erfinden. (1. Mose 4:19-24). In 1. Mose 6 erfahren wir dann, dass sogar ‚Söhne Gottes‘ wie Adam und Eva die ihnen von Gott gesetzen Grenzen überschritten. Die meiner Meinung nach schlüssigste Erklärung ist, dass diese ‚Söhne Gottes‘ von Gott geschaffene Geistweisen waren. Die Situation wird so schlimm, dass Gott dem mit der Flut ein Ende bereitet. War also ‚das Projekt Mensch‘ gescheitert?

In diesen ersten Kapitel der Genesis finden wir auch Abel, Enosch, Noah und andere, die ‚den Namen Jahwes anriefen‘. (1. Mose 4:26) Was war bei diesen anders?

Ein Mensch zu sein bedeutet, seinen Platz in der Schöpfungsordnung zu kennen.

Die Sünde löscht unsere Identität als imago Dei nicht aus, aber sie hindert uns daran, Gottes Herrlichkeit vollständig widerzuspiegeln.

Being God’s image, Carmen Joy Imes

Tatsächlich war die Situation so schlimm, dass Jahwe einen Neuanfang des ‚Projekt Mensch‘ startete. Wer den Bericht über die Sintflut liest, übersieht vielleicht diesen Aspekt: Der Bericht in 1. Mose 6-9 ist so gestaltet, dass er eine Umkehr der Erschaffung der Erde darstellt, indem Wasser von oben das Land überflutet und bedeckt und damit 1. Mose 1 ungeschehen gemacht wird. Ein Neuanfang. Und das spiegelt sich auch in dem kunstvollen Chiasmus dieses Berichts wieder. Der zweite Teil des Berichts spiegelt den ersten wieder:

Being God’s image, Carmen Joy Imes

Die Menschen bekommen das bewohnbare Land wieder. Gott hat denjenigen nicht vergessen, dessen Gehorsam eine göttliche Rettung ermöglicht hatte. Aber die Flut hatte die Menschheit an sich nicht repariert, das Problem der Rebellion und den zebrochenen Beziehungen war nicht gelöst. Doch ganz im Gegensatz dazu, hatte sich auch die menschliche Identität als Bild Gottes nicht geändert. Gottes Segen ist immer noch intakt: „Dann segnete Gott Noah und seine Söhne. Er sagte: „Seid fruchtbar, vermehrt euch und füllt die Erde.“ (1. Mose 9). Interessanteweise wird aber der Teil „unterwerft sie euch“ aus 1. Mose 1:28 nicht mehr erwähnt. Im hebräischen steht dort kabash, was ein sehr starkes Wort ist, das mögliche Anwendung von Kraft und Macht beinhaltet. Aber das Anwenden von Gewalt war ja eines der Übel, welche die Menschen davon abhielt, sich wirklich als Bild Gottes zu erweisen. Daher setzt Gott nun klare Grenzen, was das Töten von Tieren und Menschen betrifft. (1. Mose 9).

Wer hat das sagen?

Damit hat Jahwe zum zweiten Mal für einen guten Start für seine Bilder gesorgt. Das nächste Kapitel – 1. Mose 10 – enthält die sogenannte Völkertafel der Nachkommen Noahs, die in anderem Zusammenhang eine interessante Rolle spielt. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass direkt danach in 1. Mose 11 die Geschichte vom Turmbau zu Babel zu finden ist. Gott hatte die Menschen mit Fähigkeiten und Macht ausgestattet, um seinen Auftrag zu erfüllen. 1. Mose 11 zeigt seine Reaktion darauf, dass die Menschen diese Fähigkeiten missbrauchen, um eine nicht erlaubte zentrale Macht zu errichten.

Aber der Bericht über den Turmbau in Babel lehrt uns etwas Wichtiges in Bezug darauf, was es bedeutet Gottes Bild zu sein – oder besser gesagt, davon abzuweichen.

Warum wollten sie einen Turm bauen, „dessen Spitze bis an den Himmel reicht“ (1. Mose 11:4)?

Viele denken, dass die Menschen in den Himmel hinaufsteigen wollten, um göttlichen Status zu erreichen. Aber das wird im Text nicht gesagt. Was sie wollten, war, nicht über die Erde verstreut zu werden – was aber Gottes Auftrag für seine Bilder war.

Berücksichtigt man den biblischen und historischen Kontext, dann ist eine zweite Interpretation wahrscheinlicher. Solche Türme oder Ziggurate sollten den Göttern ermöglichen, sich zwischen Himmel und Erde zu bewegen! Kommt dir das merkwürdig vor? Dann lies einmal Jakobs Traum in 1. Mose 28. Und dann macht auch 1. Mose 11:5 Sinn. Der Turm hat seinen Zweck gewissermaßen erfüllt – nur überhaupt nicht so, wie sie es dachten: „Jahwe kam herab, um sich anzusehen, was die Menschen da bauten – eine Stadt mit einem Turm!“ (1. Mose 11:5, NEÜ). „Da stieg der HERR herab …“ (1. Mose 11:5 Züricher). Sie stellten sich vor, dass die Götter herabsteigen würden. Und der biblische Text nimmt diese Vorstellung auf und lässt sozusagen Jahwe herabsteigen. Den Ausgang kennen wir.

Es gibt noch (mindestens) eine dritte Möglichkeit, da in Verbindung mit Babel nicht von einem Tempel gesprochen wird. Der Turm war als das gedacht, was im Hebräischen als migdal bezeichnet wird: Es ist eine Art Wachtturm. Vor diesem Bericht wird in 1. Mose 10:8-12 von Nimrod gesprochen, einem gewalttätigen Krieger dessen Name „wir mögen rebellieren“ bedeutet. Ein Wachtturm, der ihnen helfen soll, feindliche Krieger schon von weiterm zu sehen. Dazu passt auch die Bemerkung, dass sie „eine Sprache“ hatten. In assyrischen Texten wird diese Formulierung dafür verwendet, dass den Besiegten eine einfache Zweitsprache aufgezwungen wurde. Daher auch der sich reimende Text in 1. Mose 11:3 „Komm, lass uns Ziegel ziegelmachen, und lass [sie] mit Feuer befeuern.“

Wie dem auch sei, der Name der Stadt sollte nicht vergessen werden: Babel. Einige Übersetzungen übersetzen in 1. Mose 10:10 hier Babylon. Babylon ist später die Stadt, welche Jerusalem zerstört und Gottes Volk in Gefangenschaft bringt und unterdrückt. Aber Gott toleriert keine Mächte, die sich gegen das stellen, was Gott für seine Bilder geboten hat. Das zeigt er in Babel und später in Babylon. Auch wegem dem Götzendienst, der so konträr dazu steht, dass Menschen keine Bilder von Göttern anbeten sollten, weil sie selbst die Bilder des einen wahren Gottes sind!

Gott zeigt in 1. Mose 11 den Menschen, wer das Sagen hat! Jahwe hat das Projekt Mensch zum zweiten mal auf Null zurückgesetzt.

Gottes Bild sein und seinen Namen tragen

An dieser Stelle wird es interessant (als ob es das nicht schon gewesen wäre). Das Buch 1. Mose wird 10 mal vom hebräischen Wort toledot unterbrochen, das soviel wie „Generationen“ oder „Aufzeichnungen“ bedeutet. Dadurch werden Abschnitte hervorgehoben, in denen auf die nachfolgendenen Generationen fokussiert wird. Toledot findet sich 5 mal in den bisher betrachteten Kapitel 1. Mose 1-11 und dann 5 mal in 1. Mose 12-50.

So, wie Gott Adam in den Garten setzt, um seinen Auftrag zu erfüllen, so bringt er Abram aus Mesepotamien – das Herzstück der menschlichen Rebellion – in das Zentrum des verheißenen Landes, um das wiederherzustellen, was verloren ging:

Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dir fluchen. Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet sein.

1. Mose 12:3 NEÜ

Dieses Versprechen ist die Schlüsselverbindung von 1. Mose 1-11 zu 1. Mose 12-50. Und hier beginnt das Konzept, Gottes Namen zu tragen. Ab diesem Punkt – 1. Mose 12 – ist der Fokus der biblischen Erzählung Gottes Namen zu tragen, während des Konzept Gottes Bild zu sein in den Hintergrund rückt.

Dieses Konzept habe ich ausführlich in der Serie „Gottes Namen tragen“ besprochen, das ich vor dieser Serie veröffentlich habe und welches sich auf das entsprechende Buch von Carmen Joy Imes bezieht.

Es wäre daher gut – falls noch nicht gesehen – sich mit den Gedanken der Serie „Gottes Namen tragen“ auseinanderzusetzen. In den nächsten Teilen dieser Serie werden wir diese Gedanken voraussetzen und machen mit dem „Weg der Weisheit“ weiter.

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