Von Hoffnung überrascht – Teil 6

Von Christian / Tom Wright


Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

Wenn er kommt

Wie unterschiedliche die christlichen Glaubensrichtungen auch sein mögen, so haben Gläubige doch oft den Wunsch, hin zu Jesus zu gehen. Die Hauptwahrheit, auf der die frühen Christen immer wieder bestanden, ist jedoch, dass Jesus zu uns zurückkommt.

Kommen, Erscheinen, Offenbaren und die königliche Gegenwart

Interessanterweise ist der Begriff des ‚zweiten Kommens‘ oder der ‚Wiederkunft Christi‘ heute oft Gegenstand der Diskussion, obwohl dieser Begriff nur sehr selten im Neuen Testament vorkommt.

Daher mag es für manchen überraschend sein, zu hören, dass „trotz der weitverbreiteten gegenteiligen Meinung Jesus während seines irdischen Wirkens nichts zu seiner Wiederkunft sagte.“ (S. 154)

‚Moment mal‘, magst du denken und auf Texte wie Markus 13:26 verweisen wollen: „Dann werden sie den Menschensohn in Wolken kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit.“ (NEÜ) Oder Markus 14:62 „“Ich bin es!“, erwiderte Jesus. „Und ihr werdet den Menschensohn sehen, wie er an der rechten Seite des Allmächtigen sitzt und mit den Wolken des Himmels kommt.““ Aber hier zitiert Jesus aus Daniel 7. Daher spricht Jesus hier nicht von seiner Wiederkunft sondern seiner Rehabilitierung nach dem Leiden. „Das „Kommen“ ist eine Aufwärtsbewegung, keine Abwärtsbewegung. In ihrem Kontext bedeuten die Schlüsseltexte: Obwohl Jesus in seinen Tod geht, wird er durch Ereignisse rehabilitiert werden, die danach stattfinden.“ (S. 154) Und so hat es auch die frühe Kirche gesehen.

Und was ist mit den Gleichnissen von einem König, der weggeht, seinen Untertanen es überässt, in seiner Abwesenheit zu wirtschaften bis er wiederkommt? Auch wenn diese Gleichnisse auch schon früh so ausgelegt wurden, so „gehören sie in die jüdische Welt des ersten Jahrhunderts, in der jedermann dieses Gleichnis als Geschichte über Gott selbst gehört haben wird, der zur Zeit des Exils Israel und den Tempel verlassen hatte und der endlich zurückkehrte, wie es die nach-exilischen Propheten gesagt hatten, zurück nach Israel, zurück zum Zion, zurück zum Tempel. … In ihrer ursprünglichen Situation … handeln sie nicht vom zweiten Kommen Jesu, sondern seinem ersten.“ (S. 155)

Auch wenn Jesus nicht über seine Wiederkunft gelehrt hat, bedeutet das aber natürlich nicht, dass es nicht wahr ist. Bei dieser Thematik ist es besonders wichtig, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Wir müssen aufpassen, weil die Gleichnisse nicht ganz auf die Wiederkunft passen.

Wenn die Texte, die vom „Kommen des Menschensohnes auf Wolken“ sprechen, auf das Jahr 70 n. Chr. verweisen, was sie meiner Argumentation zufolge (zum Teil) tun, dann heitß das nicht, dass 70 n. Chr. das „zweite Kommen“ war , weil die „Menschensohn“-Texte überhaupt keine Texte über die Wiederkunft sind.“

Die Wiederkunft Christi hat noch nicht stattgefunden.

N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 156

Wenn wir aber in Jesu Worten in den Evangelien nichts von der Wiederkunft Jesu lesen, woher kommt dann diese Lehre? Aus dem Rest des Neuen Testaments nach Jesus Auferstehung: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird genauso wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.“ (Apostelgeschichte 1:11 NEÜ)

Insbesondere in den Briefen des Paulus finden wir Gedanken zur Wiederkunft Jesus. Und bei auch ein griechisches Wort, das sowohl Laien wie auch Gelehrte in die Irre geführt hat: parousia. „Es wird üblicherweise mit ‚Kommen‘ übersetzt, aber wörtlich bedeutet es ‚Gegenwart‘ – also Anwesenheit im Gegensatz zu Abwesenheit. Es erscheint in zwei Schlüsselabschnitten bei Paulus (1. Thessalonicher 4:15 und 1. Korinther 15:2,3).

Insbesondere 1. Thessalonicher 4:17 hat die Phantasie beflügelt: „ Danach werden wir, die noch am Leben sind, mit ihnen zusammen in Wolken fortgerissen werden zur Begegnung mit dem Herrn in der Luft. Und dann werden wir für immer bei ihm sein.“ (NEÜ) Aber da steht doch gar nichts davon, dass Menschen nach der ‚Begegnung‘ in den Himmel kommen!

Tatsächlich hatte parousia in der nicht-christlichen Welt damals zwei Bedeutungen.

Die erste war die mysteriöse Gegenwart einer Gottheit. „Josephus benutzt dieses Wort manchmal, wenn er davon spricht, dass JHWH kommt, um Israel zu retten.“ (S. 158)

„Die zweite Bedeutung taucht auf, wenn eine hochrangige Persönlichkeit einem unterworfenen Staat einen Besuch abstattet, insbesondere, wenn der König oder Erobeer eine Kolonie oder Provinz besucht. Das Wort für solch einen Besuch lautet königliche Gegenwart: auf Griechisch, parousia.“ (S. 158)

„Es sei angemerkt, dass wir in keinem dieser Kontexte auch nur die geringste Andeutung finden, dass irgendjemand auf einer Wolke umherfliegt. Es gibt auch keinerlei Hinweis auf den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch oder die Zerstörung des Universums.“ (S. 158)

Was wollten Paulus und der Rest der frühen Kirche sagen?

Dass Jesus, den sie anbeteten, im Geiste nahe war, aber körperlich abwesend, dass er aber eines Tages körperlich gegenwärtig sein würde und dass dann die ganze Welt, sie selbst inbegriffen, die plötzliche transformierende Kraft dieser Gegenwart erkennen würde.

Ein Wort, welches sich dafür ganz natürlich anbietet, wäre parousia.

Sie wollten sagen, dass Jesus, der von den Toten auferweckt und zur Rechten Gottes erhöht worden war, der rechtmäßige Herr der Welt war, der wahre Herrscher, vor dem alle anderen Herrscher erzittern würden und vor dem sie ihre Knie ängstlich und staunend beugen würden.

Und sie wollten sagen: So, wie der Kaiser eines Tages eine Kolonie wie Philippi oder Thessaloniki oder Korinth besuchen könnte (der normalerweise abwesende, aber herrschende Machthaber, der nun persönlich erscheint und herrscht), so würde eines Tages der abwesende, aber herrschende Herr der Welt erscheinen und perönlich innerhalb dieser Welt herrschen, mit allen Konsequenzen, die das hätte.“

N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 158

1. Thessalonicher 4 erklärt N. T. Wright in seinem Buch viel detailreicher. Betrachten wir nochmal 1. Thessalonicher 4:16-17:

Denn der Herr selbst wird beim Erschallen des Befehlswortes, bei der Stimme des Erzengels und der Posaune Gottes vom Himmel herabsteigen. Und die, die in Christus gestorben sind, werden zuerst auferstehen, danach werden wir, die wir noch am Leben sind, mit ihnen zusammen hinweggerissen und auf Wolken emporgetragen werden in die Höhe, zur Begegnung mit dem Herrn. Und so werden wir allezeit beim Herrn sein.

1. Thessalonicher 4:16-17 Züricher

Vor allem soll zuerst nochmals betont werden, dass dieser Text klar sagt, dass die Auferstandenen nicht im Himmel auf Jesus treffen. Das wir aus dem letzten Teil des Verses abgeleitet, denn der Herr wird doch im Himmel sein. Aber das sagt dieser Text nicht aus. „Der Punkt, der im Blick auf diese kniffligen Verse vor allem zu beachten ist, besteht darin, dass sie nicht als wörtliche Beschreibung dessen zu verstehen sind, was laut Paulus passieren wird. Sie sind schlicht eine andere Art, das auszudrücken, was Paulus in 1. Korinther 15:23-27 und 51-54 sowie in Philipper 3:20-21 sagt.“ Wo die Züricher Übersetzung in 1. Thessalonicher 4:17 „hinweggerissen“ sagt, verwendet Paulus in 1. Korinther 15:51 den Begriff „transformiert“, in der Züricher als „verwandelt“ übersettzt. Auch in Philipper 3:21 wir von dieser Transformation als „verwandeln“ gesprochen.

Interessant ist, dass in Philipper 3:20 in der Züricher so übersetzt wird: „Denn unsere Heimat ist im Himmel; von dort erwarten wir auch als Retter den Herrn Jesus Christus“. Kein Wunder, wenn dann jemand meint, dass er in den Himmel kommt. Aber diese Übersetzung gibt leider eine religiöse Überzeung und nicht den Urtext wieder. Im Urtext steht hier πολίτευμα (politeuma), was Bürgerrecht bedeutet: „Doch wir haben unser Bürgerrecht im Himmel.“ übersetzt die NEÜ korrekt.

Was wollte Paulus damit sagen? Eine wörtliche Beschreibung war es bestimmt nicht, denn im nächsten Kapitel 1. Thessalonicher 5 spricht er davon, „dass der Dieb in der Nacht kommen wird, sodass die Frau Wehen haben wird, sodass du dich nicht betrinken sollst, sondern wach bleiben und die Waffenrüstung anlegen musst.“ (S. 161) Wenn das Methaphern sind, dann haben wir es auch in Kapitel 4 mit einer Metapher zu tun.

Und zwar sogar drei Geschichten in einer Metapher. Paulus war gut darin, Dinge so kompakt zu vernküpfen. Paulus verknüpft hier die Geschichte von Moses, wie er vom Berg herabkommt (auch hier erschallt eine Trompete). Das verknüpft er mit Daniel 7. Und dazu kommt noch eine Situation aus dem Leben der Philipper.

Wenn der Kaiser eine Kolonie oder Provinz besuchte, dann würde die Bürger der Stadt losgehen und ihm in einiger Entfernung vor den Toren der Stadt begegnen. Es wäre respektlos, würde man ihn tatsächlich am Stadttor ankommen lassen, als ob seine Untertanen keine Lust hätten, ihn angemessen zu begrüßen. Wenn sie ihn trafen, dann blieben sie nicht draußen auf dem offenen Feld; sie würden ihn königlich bist in die Stadt begleiten. Wenn Paulus von der „Begegnung“ mit dem Herrn „in der Luft“ spricht, dann geht es gerade nicht darum, dass die geretteten Gläubigen irgendwo in der Lauft schweben bleiben, von der Erde entfernt, wie wir es in der populären Entrückungstheologie finden. Es geht um Folgendes: Nachdem sie herausgegangen sind, um ihrem Herrn zu begegnen, werden sie ihn königlich in seinen Herrschaftsbereich begleiten, also zurück dan den Ort, von dem sie kommen.

Selbst wenn wir feststellen, dass es sich hier um eine bedeutsame Metapher handelt, nicht um eine wörtliche Beschreibung, ist die Bedeutung dieselbe wie in der Parallelstelle in Philipper 3:20. Wie die Philipper wussten, bedeutete „Bürger des Himmels“ zu sein nicht, dass man erwartete, in die Heimatstadt zurückzukehren, sondern dass man erwartete, dass der Herrscher aus der Heimatstadt kam, um der Kolonie ihre volle Würde zu geben, um sie – wenn nötig – zu retten, um Feinde zu besiegen und alles ins Lot zu bringen.

Die Wirklichkeit, auf die die Rhetorik verweist, ist diese: Jesus wird persönlich gegenwärtig sein, die Toten werden auferweckt werden, und die dann lebenden Christen werden transformiert werden.

N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 162

Und so überrascht es dann auch nicht mehr, wenn am Ende des 1. Korinther Briefes plötzlich ein aramäischer Ausdruck erscheint. Wohlgemerkt, ein aramäischer Ausdruck im griechischen Text. Manche Übersetzungen lassen ihn stehen, und man versteht gar nicht, was damit gemeint ist. In 1. Korinther 16:22 finden wir „Marána thá – Unser Herr, komm!“ (Einheitsübersetzung 2016), was auf die sehr frühe aramäisch sprechende Kirche zurückgeht.

In Kolosser 3:4 verwendet Paulus übrigens das Wort „erscheinen“ und nicht „kommen“. „Jesus muss nicht wie ein Raumfahrer vom Himmel herabschweben. … Wenn Himmel und Erde auf die neue Weise verbunden werden, die Gott verheißen hat, dann wir Jesus uns erscheinen – und wir werden ihm erscheinen und auch uns gegenseitig, und zwar in usnerer eigenen wahrhaftigen Identität.“ (S. 164)

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