Von Christian / Tom Wright
Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).


Jesus, der kommende Richter
Ein anderer – für manchen auch überraschende – Aspekt der Hoffnung ist dies: „Das Bild von Jesus als kommendem Richter ist das zentrale Merkmal einer anderen, absolut entscheidenden und nicht verhandelbaren christlichen Glaubensüberzeugung: dass es in der Tat ein Gericht geben wird, in dem der Schöpfergott die Welt ein für alle Mal ins Lot bringen wird.“ (S. 167) Auch hier müssen wir aufpassen, dass wir mit dem Begriff „Gericht“ nicht das verbinden, was wir heute Gericht nennen und damit verbinden. Der biblische Kontext des Begriffs „Gericht“ ist entscheidend und der ist nicht Verurteilung, sondern eine durchgängig gute Sache, wie wir es auch in den Psalmen finden: Alles jubelt, weil Gott die Dinge zum Guten bringt.
Die ersten Jünger Jesu waren nach der Auferstehung Jesu davon überzeugt, dass er der Messias ist. „Ihr Glaub an Jesu Messianität könnte ein entscheidender Faktor für das Aufkommen des Glaubens an sein letztendliches Kommen als Richter gewesen sein. Dieser Glaube ist zur der Zeit, als Paulus auftrat, bereits sicher etabliert.“
Hier zeigt sich eine weitere, weit verbreitete aber falsche Annahme über die Lehren des Paulus: „Weil Paulus Rechtfertigung aus Glauben lehrte, nicht aus Werken, ist keine Raum für ein zukünftiges Gericht „nach Werken“. Doch das zeigt nur, wie sehr ihn viele Menschen missverstanden haben.
Das zukünftige Gericht nach Werken, ein Gericht, das Jesus auf seinem „Richterstuhl“ halten wird, wird ganz klar z. B. in Römer 14:9-10; 2. Korinther 5:10 und answerswo gelehrt. …. Dieses Bild vom zukünftigen Gericht nach Werken ist in der Tat die Grundlage der paulinischen Theologie der Rechtfertigung aus Glauben.
Rechtfertigung aus Glauben ist das, was in der gegenwärtigen Zeit geschieht, in Erwartung des Urteils des zukünftigen Tages, an dem Gott die Welt richten wird. Sie ist Gottes vorweggenommene Deklaration, dass die Person, die an das Evangelium glaubt, bereits jetzt ein Mitglied seiner Familie ist, egal ihre Eltern waren, dass ihre Sünden aufgrund des Todes Jesu vergeben sind und das es an jenem zukünftigen Tag, wie Paulus sagt, „keine Verdammnis gibt“ (Römer 8:1).
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 169, 170
Das dürften jetzt erst einmal genug interessante Gedanken gewesen sein, über die man in Ruhe nachdenken sollte. Vielleicht bist auch du jetzt „von Hoffnung überrascht“. Und das wird vermutlich im Folgenden nicht weniger der Fall sein, wenn es um die Erlösung unseres Körpers, das Fegefeuer, Paradies und die Hölle gehen wird.
Die Erlösung unseres Körpers
Was geschieht nach dem Tod? Die Ansichten der Menschen – selbst der Christen – gehen weit auseinander. Doch die Hoffnung im Neuen Testament ist kristallklar, wenn auch vielleicht überraschend:
Doch nicht nur dies; nein, auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe empfangen haben, auch wir seufzen miteinander und warten auf unsere Anerkennung als Söhne und Töchter, auf die Erlösung unseres Leibes.
Römer 8:23 Züricher
Was soll daran überraschend sein? Lies den Text bitte noch einmal genau. Welche Vorstellung hattest du? Diese: „wir warten auf die Erlösung unseres Leibes“. Oder doch diese: „wir warten auf die Erlösung von unserem Leib“? Das steht aber gar nicht im Text! In diesem Text sagt Paulus eben nicht, dass wir vom Leib erlöst werden, sondern dass unsere Leiber erlöst werden. Überraschung!
N. T. Wright betrachtet dazu in Kapitel 10 viele Passagen des Neuen Testaments. Ich möchte hier nur wenige aufgreifen. Wer mehr wissen möchte, dem empfehle ich das Buch in Ruhe zu lesen.
„Die klarste und stärkste Passage, die oft ignoriert wird, ist Römer 8:9-11“ (S. 178):
Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn wirklich Gottes Geist in euch wohnt; wer aber den Geist des Christus nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn aber der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird derselbe, der Christus aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.
Römer 8:9-11 Schlachter 2000
Doch wie ist dann Jesu Aussage gemäß Johannes 14:2 zu verstehen?
Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, dann hätte ich es euch gesagt. Ich gehe jetzt voraus, um dort einen Platz für euch vorzubereiten.
Johannes 14:2 NEÜ
Das wird ja oft so verstanden, dass man nach dem Tod in den Himmel kommt, wo Jesus schon für einen Platz gesorgt hat. Wir dürfen aber die Texte nicht mit unserer Auffassung der deutschen Wörter lesen. „Das Wort für „Wohnungen“ an dieser Stelle, monai, wird überlicherweise im Griechischen nicht für einen endgültigen Ruheplatz verwendet, sondern für einen kurzen Halt auf der Reise, die dich auf lange Sicht woanders hinführt.“ (S. 179)
„Dies passt gut zu Jesu Worten an den sterbenden Verbrecher im Lukasevangelium: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Trotz einer langen Tradition des Missverständnisses ist das Paradies hier wie auch in einigen anderen jüdischen Schriften kein endgültiger Bestimmungsort, sondern der glückselige Garten, die Parklandschaft der Ruhe und Stille, wo die Toten erfrischt werden, während sie den Anbruch des neues Tages erwarten. Der Hauptpunkt des Satzes liegt in dem scheinbaren Kontrast zwischen der Bitte des Verbrechers und der Erwiderung Jesu: „Erinnere dich an mich“, so sagt er, „wenn du in dein Königreich kommst“, wobei er impliziert (ob ironisch oder nicht ist jetzt nicht von Belang), dass das in einer weit entfernten Zukunft sein wird. Jesus bringt diese Zukunftshoffnung in die Gegenwart, wobei er natürlich andeutet, dass das Königreich mit seinem Tod in der Tat kommt, auch wenn es nicht so ausseht wie das, was man sich vorgesetellt hatte. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Es wird natürlich noch eine zukünftige Vollendung geben, die die ultimative Auferstehung beinhaltet; Lukas’ theologisches Gesamtverständnis lässt daran keinen Zweifel. Jesus wurde schließlicht nicht „heute“ auferweckt, also am Karfreitag. Lukas muss Jesus so verstanden haben, dass er auf einen Zustand des Seins-im-Paradies verwies, der für ihn und den sterbenden Mann neben ihm sofort, am selben Tage, wahr werden würde – mit anderen Worten: vor der Auferstehung. Mit Jesus ist die Zukunftshoffnung in die Gegenwart vorgerückt. Für diejenigen, die im Glauben sterben, vor jener letztendlichen Auferweckung, besteht die zentrale Verheißung darin, sofort „bei Jesus“ zu sein. „Mein Verlangen ist es, zu sterben“, schrieb Paulus, „und bei Christus zu sein, was viel besser ist.““ (S. 179,180)
In Bezug auf den 1. Petrusbrief hebt N. T. Wright hervor, was wir uns beim Begriff „Seele“ vorstellen müssen: „Das Wort psyche scheint sich hier wie das Hebräische nephesch nicht auf einen unkörperlichen inneren Teil des Menschen zu beziehen, sondern auf das, was wir die Person oder sogar die Persönlichkeit nennen können.“ (S. 181)
Denn die Übersetzungen haben hier oft für Verwirrung gesorgt, wie auch in 1. Korinther 15:44
Gesät wird ein natürlicher Leib, auferweckt wird ein geistlicher Leib. Wenn es einen natürlichen Leib gibt, dann gibt es auch einen geistlichen.
1. Korinther 15:44 Züricher
„Mehrere gängige Übersetzungen, insbesondere die Revised Standard Version und ihre Ableger, übersetzen Paulus’ Schlüsselbegriffe mit „ein physischer Körper“ und „ein geistlicher Körper“. Schon im Hinblick auf die griechischen Wörter, die Paulus benutzt, kann das nicht stimmen. Die technischen Argumente sind überwältigend und eindeutig. Der Kontrast besteht zwischem dem gegenwärtigen Körper, der vergänglich, verweslich und zum Sterben verurteilt ist, und em zukünftigen Körper, der unvergänglich, unverweslich ist und niemals sterben wird. Die Schlüsselajektive, die in Diskussionen dieses Themas endlos zitiert werden, verweisen nicht auf einen physischen Körper und einen nicht physischen Körper. Doch genau so werden Menschen in unserer Kultur die Wörter physisch und geistlich hören.
Das erste Wort, psychikos, bedeutet auf keinen Fall so etwas wie „physisch“ in unserem Sinne. Für Griechisch sprechende Menschen zur Zeit des Paulus bezeichnete das Wort psych, von dem das Wort stammt, die Seele, nicht den Körper.
Doch der tiefer gehende, unterschwellige Punkt besteht darin, dass Adjektive dieser Art, griechische Adjektive, die auf ikos enden, nicht das Material beschreiben, aus dem die Dinge gemacht werden, sondern die Kraft oder Energie, die diese Dinge belebt. Es geht um den Unterschied zwischen der Frage: „Ist dies ein hölzernes oder eisernes Schiff?“ (das Material, aus dem es geamcht ist) und der Frage: „Ist dies ein Dampfschiff oder ein Segelschiff?“ (die Energie, die es antreibtI. Paulus redet vom gegenwärtigen Körper, der von der normalen menschlichen psyche belebt wurde (die Lebenskraft, die wir alle hier und jetzt besitzen, die uns im gegenwärtigen Leben über die Runden bringt, die aber letztendlich gegen Krankheit, Verletzung, Verfall und Tod machtlos ist), und er redet vom zukünftigen Körper, der von Gottes pneuma belebt wird, Gottes Atem des neuen Lebens, die treibende Kraft der neuen Schöpfung Gottes.“ (S. 184, 185)
In diesem Sinne können „Fleisch und Blut das Königreich Gottes nicht erben“. „„Fleisch und Blut“ ist ein Fachbegriff für das, was vergänglich ist, vorübergehen und dem Tode entgegengeht.“ (S. 185)
Ich denke, es wird immer klarer, warum der Titel des Buches lautet: Von Hoffnung überrascht.


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