Von Christian / Tom Wright
Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).


Die merkwürdige Ostergeschichte
Wie am Ende des letzten Teils angekündigt, wollen wir uns nur kurz damit befassen, warum wir den Berichten in den Evangelien über die Auferstehung Jesu Glauben schenken können.
Zum einen argumentiert N. T. Wright, dass Diskrepanzen an der Oberfläche nicht bedeuten, dass nichts geschehen ist. So wie das bei voneinander abweichenden Zeugenaussagen auch nicht der Fall ist. Er erläutert auch vier Merkmale dieser Erzählungen, die so außergewöhnlich sind, dass sie uns dazu drängen, diese Erzählungen als sehr frühe Berichte ernst zu nehmen, nicht als spätere Erfindungen, wie oft behauptet wird.
1. Die Bibel wird an dieser Stelle kaum zitiert
Bis zur Auferstehung „stützen sich alle vier Evangelisten stark auf biblische Zitate, auf Anspielungen und Echos, um klarzustellen, dass Jesu Tod „schriftgemäß“ ist. … Auch wenn diese Storys viel später niedergeschrieben wurden, gehen sie doch auf sehr, sehr frühe mündliche Traditionen zurück, die in der Erinnerung verschiedener Geschichtenerzähler geformt und fest geprägt wurden, noch bevor Zeit zur biblischen Reflexion war.“
2. Frauen als erste Zeugen
Frauen wurden in der Antike nicht als glaubwürdige Zeugen angesehen. Später wurden die Frauen leider auch in den christlichen Schriften und Gemeindeleben fallen gelassen – in allen vier Evangelien tauchen sie aber auf und stehen im Mittelpunkt. Warum sollte jemand also ausgerechnet das erfinden?
3. Die Darstellung Jesu
Hätte man einen Messias erfunden, der zu den vorhandenen Schriften passt, hätte man ihn anders dargestellt. Der auferstandene Jesus hätte ein leuchtender Stern sein müssen – aber „der auferstandene Jesus wird als Mensch mit einem Körper dargestellt, der in gewisser Hinsicht recht normal ist und mit einem Gärtner oder einem Mitreisenden auf der Straße verwechselt werden kann. Dennoch enthalten die Geschichten auch deutliche Anzeichen dafür, dass dieser Körper transformiert wurde. … Diese Art von Bericht hat keinen Vorläufer.“
4. Die Auferstehungsberichte enthalten niemals die christliche Zukunftshoffnung
Fast überall sonst im Neuen Testament wird die Auferstehung Jesu in Verbindung mit der letztendlichen Hoffnung erwähnt, dass diejenigen, die zu Jesus gehören, eines Tages so auferweckt werden, wie er auferweckt wurde, und es wird hinzugefügt, dass dies in der Gegenwart in der Taufe und im Verhalten antizipiert werden müsse.“
Jedes Evangelium hat zwar seine eigenen theologischen Interessen. Man könnte es mit vier Künstlern vergleichen, welche die selbe Person porträtieren. Mit unterschiedlichen Akzenten, aber die Person ist als dieselbe zu erkennen.
Die Berichte der Auferstehung haben aber eine gemeinsame „auf das gegenwärtige Zeitalter bezogene Bedeutung: Jesus ist auferstanden, also ist er der Messias und daher der wahre Herr der Welt; Jesus ist auferstanden, also hat Gottes neue Schöpfung begonnen – und wir, seine Nachfolger, haben einen Job zu erledigen!“
Aber was ist ‚Gottes neue Schöpfung‘ und welchen Job haben wir zu erledigen?
Teil II Gottes Zukunftsplan
Die Zukunft des Kosmos: Fortschritt oder Verzweiflung?
Ist denn nicht jedem klar, worin die Zukunft des Kosmos besteht? Damit ist keine astrophysikalische Frage gemeint. Sondern was Gott mit seiner Schöpfung vorhat. Und da könnte uns unser kultureller Kontext im Wege stehen.
In den letzten zweihundert Jahren hat das westliche Denken das Individuum auf Kosten des größeren Bildes von Gottes Schöpfung überbetont. Mehr noch: In einem Großteil der westlichen Frömmigkeit, wenigstens seit dem Mittelalter, war der Einfluss der griechischen Philosophie sehr ausgeprägt. Das führte zu einer Zukunftserwartung, die viel mehr Ähnlichkeit mit Platons Vision aufweist, in der Seelen in eine unkörperliche Glückseligkeit eingehen, als mit dem biblischen Bild des neuen Himmels und der neuen Erde.
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 108
Dadurch sind zwei große Strömungen entstanden:
- Der Mythos vom Fortschritt
Entstanden in der Renaissance und befördert in der europäischen Aufklärung gibt es den utopischen Traum, dass es immer weiteren Fortschritt gibt und die Welt immer besser wird. Neben dem sozialen Evangelium gab es auch andere christliche Strömungen, deren Ziel es war, die Welt immer besser zu machen, bis Gott zufrieden ist. Das wahre Problem des Mythos des Fortschritts besteht aber darin, dass er nicht mit der Existenz des Bösen fertig wird.
„Der Optimist, der Evolutionist, die Schule des Fortschrittsmythos sagen alle, dass dies nur die Wachstumsschmerzen von etwas Größeren und Besseren seien.“ - Seelen auf der Durchreise
Der Platoniker, der Hindu, der Muslim und in der Nachfolge Platons der Gnostiker, der Manichäer und zahllose andere Varianten innerhalb der christlichen und jüdischen Traditionen sagen alle, dass dies Anzeichen dafür sind, dass wir für etwas ganz anderes geschaffen wurden, für eine Welt, die nicht aus Raum, Zeit und Materie geschaffen ist, eine Welt der reinen spirituellen Existenz, in der wir glücklich die Fesseln der Sterblichkeit ein für alle Mal hinter uns lassen.
„Dieser platonische Zug Gericht sehr früh ins christliche Denken, nicht zuletzt mit dem als Gnostizismus bekannten Phänomen.“
Worauf die ganze Welt wartet
Das alles glaubten die frühen Christen nicht. „Da die meisten Menschen, die heute über diese Dinge nachdenken, der einen oder anderen dieser Ansichten zuneigen, ist es eine gewisse Überraschung, wenn sie entdecken, dass die frühen Christen ein ziemlich andere Ansicht vertraten. Sie glaubten, dass Gott für den ganzen Kosmos das tun würde, was er Ostern für Jesus getan hatte.“ Was bitte schön ist denn damit gemeint? Das werden wir uns jetzt schrittweise erarbeiten.
Grundlegende Strukturen der Hoffnung
Die Hoffnung der ältesten uns bekannten Christenheit zeichnet sich durch einige grundlegende Strukturen aus.
Erstens waren die Jünger vom Gutsein der Schöpfung überzeugt. In keinem Punkt wurde ein kosmologischer Dualismus akzeptiert, also eine Trennung in eine geschöpfliche Welt, die nicht wirklich gut ist und nicht von geschenkt ist, und eine gute geistige. „Die Welt ist als Schöpfung gut, nicht als unabhängige oder selbstgenügsame „Natur“. Es gibt keine Anzeichen für Pantheismus oder Panentheismus.“ Dann führt N. T. Wright einen Punkt an, den wir in einer anderen Video-Serie genauer betrachten werden:
Auf dem Höhepunkt der Schöpfung, der laut Genesis 1 in der Erschaffung der Menschen besteht, war die Schöpfung dazu gedacht, Gott widerzuspiegeln, Gott in der Anbetung auf Gott zurückzuspiegeln und ih in den Rest der Schöpfung hineinzureflektieren. Letzteres soll in der Verwaltung der Schöpfung durch den Menschen geschehen.
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 122
Zweitens gab es eine bestimmte Vorstellung vom Wesen des Bösen. „Das Böse ist innerhalb einer biblischen Theologie real und mächtig, aber es besteht weder in der Geschöpflichkeit noch in der Andersartigkeit gegenüber Gott. … Das Böse besteht auch nicht – das ist entscheidend! – in der Vergänglichkeit, im Verfall. … Die Vergänglichkeit fungiert als ein von Gott gegebenes Zeichen, das nicht von der materiellen Welt weg auf eine nichtmaterielle Welt weist, sonder von einer Welt, wie sie ist auf eine Welt wie sie eines Tages sein soll – mit anderen Worten: Sie verweist von der Gegenwart auf die Zukunft, die Gott vorbereitet hat.“
Was zählt, ist eschatologischer Dualismus (das gegenwärtige und das zukünftige Zeitalter), nicht ontologischer Dualismus (eine böse „Erde“ und ein guter „Himmel“).
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 123
Drittens enthielt die Hoffnung eine Vorstellung von Gottes Erlösungsplan.
Erlösung bedeutet nicht eine „Verschrottung“ dessen, was vorhanden ist, um von all dem befreit neu zu beginnen, sondern vielmehr Befreiung dessen, was in die Versklavung geraten ist. Wenn man das Böse nun nicht als Materialist, sondern als Rebellion versteht, besteht die Versklavung der Menschen und der Welt nicht in der Verkörperung. Erlösung von Verkörperung würde bedeuten: Tod des Körpers und das nachfolgende Freisetzen der Seele oder des Geistes. Die Versklavung besteht jedoch vielmehr in der Sünde. Erlösung von Sünde muss letztendlich nicht nur das Gutsein der Seele oder des Geistes einbeziehen, sondern auch einneues körperliches Leben.
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 123, 124
Dabei spielte Jesus für seine Jünger eine zentrale doppelte Rolle, welche in lyrischer Form in Kolosser 1:15-20 zu finden ist. Eine aufschlußreiche Passage, deren Besprechung hier aber zu weit führen würde. Was wir aber noch festhalten sollten: „Erlösung ist die Neuschaffung der Schöpfung, nachdem mit dem Bösen abgerechnet worden ist, das die Schöpfung entstellt und deformiert hatte. Und sie wird von demselben Gotte bewerkstelligt, der nun in Jesus Christus erkannt wird, durch die die Schöpfung überhaupt geschaffen wurde.“
Die grundlegende Struktur und die kosmischen Dimensionen der christlichen Hoffnung schlüsselt N. T. Wright in sechs Themen auf:
Saat und Ernte
In 1. Korinther 15 benutzt Paulus das Bild von den Erstlingsfrüchten. Jesus ist der Erste, der von den Toten auferstanden ist. Bei den Erstlingsfrüchten geht es darum, dass es viele weitere Früchte geben wird.
Die siegreiche Schlacht
Paulus fährt im 1. Korinther Brief mit einem ganz anderen Bild fort, das viele biblische Vorläufer hat: das Bild vom König, der sein Königreich aufrichtet, indem er alle Feinde unterwirft. „Paulus artikuliert hier ganz klar eine Theologie der neuen Schöpfung“. „Das Evangelium von Jesus Christus verkündigt, dass Gott das, was er an Ostern für Christus tat, nicht nur für alle tune wird, die „in Christus“ sind, sondern auch für den gesamten Kosmos. Es wird sich um einen Akt der Neuschöpfung handeln, parallel zu und abgeleitet von dem Akt der Neuschöpfung, als Gott Jesus von den Toten auferweckte.“ Und damit kommt etwas schon Gesagtes in den Blick: „Jesus wurde körperlich von den Toten auferweckt, im Gegensatz zu der Auffassung, die sagt, dass er nach seinem Tod begann, in einem neuen, nichtkörperlichen Modus zu existieren. … Wenn Jesus nach seinem Tod in irgendeine Art immaterielle Existenz übergegangen wäre, dann wäre der Tod nicht besiegt. Er würde intakt bleiben; er würde nur neu beschrieben. … Aber genau das leugnet Paulus gerade. Der Tod, wie wir ihn kennen, ist der letzte Feind, er ist kein guter Teil der guten Schöpfung; und daher muss der Tod besiegt werden, wenn der lebenswendende Gott als der wahre Herr der Welt geehrt werden soll. Wenn dies geschehen ist, und erst dann, wird Jesus, der Messias, der Herr der Welt, die Herrschaft des Königreiches seinem Vater übergeben, und Gott wird alles in allem sein.“
Himmelsbürger auf Erden
Ein anderes königliches Bild finden wir in Philipper 3:20,21. Das ist wichtig für unsere Hoffnung, weil dort ein Begriff verwendet wird, der viele dazu veranlasst, zu denken, dass sie in den Himmel kommen. Hier ist ist wieder einmal wichtig, den historischen Kontext im Sinn zu haben: „Philippi war eine römische Kolonie. Augustus hatte seine Veteranen nach den Schlachten von Philippi (42 v. Chr.) und Actium (31 v. Chr.) dort angesiedelt. Wenn es auch nicht alle hatten, jeder wußte was das römische Bürgerrecht bedeutete. Es war das römische Bürgerrecht, aber sie lebten nicht in Rom. Augustus hatte es ihnen verliehen, damit sie in Philippi blieben.
„Wenn Paulus also sagt: „Wir sind Bürger des Himmels“, dann meint er damit keinesfalls, dass wir in den Himmel gehen, um dort zu leben, nachdem wir dieses Leben hinter uns gebracht haben. Er meint damit Folgendes: Der Retter, der Herr, Jesus, der König – all das waren natürlich kaiserliche Titel – wird vom Himmel zur Erde kommen, um die gegenwärtige Lage und den Zustand seines Volkes zu verändern. Das Schlüsselwort ist hier Transformation: „Er wird unsere gegenwärtigen bescheidenen Körper transformieren, damit sie wie sein herrlicher Körper sein werden.“
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 128, 129
Jesus wird den gegenwärtigen menschenlichen Körper verwandeln.
Gott wird alles in allem sein
In 1. Korinther 15:28 findest sich eine der klarsten Aussagen über das absolute Zentrum der zukunftsorientierten neutestamentlichen Weltanschauung: Gott wird als Ziel der gesamten Geschichte „alles in allem sein“. „Gott beabsichtigt letztendlich, die ganze Schöpfung mit seiner eigenen Gegenwart und Liebe zu erfüllen.“
Die Welt wurde gut, aber unvollständig geschaffen. Eines Tages, wenn die Kräfte der Rebellion besiegt sind und die Schöpfung frei und fröhlich auf die Liebe ihres Schöpfers antwortet, wir der Schöpfer die Schöpfung mit sich selbst erfüllen, sodass sie sowohl ein unabhängiges Wesen bleibt, etwas anderes als Gott, als auch von Gottes eigenem Leben durchflutet wird.
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 131
Eine neue Geburt
In Römer Kapitel 8 greift Paulus ein weiteres Bild auf: Das Bild der neuen Geburt. Die Schöpfung befindet sich in einem Zustand der Sklaverei, wie die Kinder Israels in Ägypten (Römer 8:21). „Gottes Plan bestand darin, die Schöpfung durch seine Ebenbilder, die menschlichen Geschöpfe, mit lebensspendender Weisheit zu regieren. Das war jedoch immer eine Zukunftsverheißung. …. Unterdessen war die Schöpfung der Vergänglichkeit und dem Verfall unterworfen.“ Wie kommt die Schöpfung aus diesem Zustand heraus? Paulus verwendet in Römer 8:22 das Bild einer neuen Geburt für den ganzen Kosmos selbst.
Die Hochzeit von Himmel und Erde
Offenbarung 21 und 22 wird schließlich das Bild einer Hochzeit verwendet: „Das Neue Jerusalem kommt aus dem Himmel herab wie eine Braut, die siech für ihren Bräutigam geschmückt hat. Wir stellen sofort fest, wir stark sich dieses Bild von all den vermeintlich christlichen Szenarien unterscheidet, die damit enden, dass der Christ als Seele in den Himmel geht, nackt und ungeschminkt, um mit Angst und Zittern seinem Schöpfer zu begegnen.“
„Das Ende der Offenbarung beschreibt die endgültige Beantwortung des Vaterunsers, dass Gottes Königreich kommen und sein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Darüber redet auch Paulus in Epheser 1:10: Gottes Plan und seine Verheißung bestand darin, alle Dinge in Christus zusammenzufassen, die himmlischen wie auch die irdischen Dinge.“
Hier haben wir ein Zeichen für die zukünftige Aufgabe, die letztlich in Gottes neuer Welt auf die Erlösten wartet. Weit entfernt von der oft verbreiteten Vorstellung, dass man auf Wolken sitzen und Harfe spielen wird, wird das erlöste Gottesvolk in der neuen Welt de Vermittler der Liebe Gottes sein, die auf neuen Wegen ausströmt, um neue kreative Aufgaben zu erfüllen, um die Herrlichkeit seiner Liebe zu feiern und zu verbreiten.
N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 134
Fazit
Warum werden im Neuen Testament nun all diese Bilder und Metaphern verwendet? Weil wir uns nur mithilfe dieser eine gewisse Vorstellung machen können. „Was wir über die Zukunft sagen können, ist wie eine Reihe von Schildern, die in einen hellen Nebel weisen. Wir haben keine Fotographie von dem, was wir finden werden, wenn wir ankommen.“
In der nächsten Folge betrachten wir einige dieser ‚Schilder‘, die wir in der Bibel finden.













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