Von Christian / Tom Wright
Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).


Fegefeuer, Paradies, Hölle
Im letzten Teil hatten wir im Abschnitt „Die Erlösung unseres Körpers“ die Bedeutung unserer heutigen und des zukünftigen Körpers geklärt. Nun stellt sich natürlich die Frage: Und was ist dazwischen?
Zum Fegefeuer ist zu sagen, dass es grundsätzlich eine römisch-katholische Lehre ist, die von der orthodoxen Kirche nicht vertreten wird und von der Reformation zurückgewiesen wurde. Interessant ist, dass sogar ein Kardinal Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) und andere bedeutende Theologen sich sehr stark von dem zurückzogen, was die katholische Kirche lange Zeit dazu lehrte. Mit dieser Lehre geht aber auch der Glaube einher, dass die „Heiligen“ bereits im Himmel sind und alle anderen … eben halt noch nicht.
Diese Vorstellung stellt N. T. Wright in vier Punkten in Frage.
1. Die mehrheitliche Lehrmeinung aller orthodoxen Theologen ist, dass die Auferstehung noch nicht stattgefunden hat. Auferstehung ist nicht dassselbe wie Leben nach dem Tod; sie bezeichnet das Leben nach dem Leben nach dem Tod.
2. Das Neue Testament enthält keinen Grund zur Annahme, dass es irgendwelche unterschiedlichen Kategorien von Christen im Himmel gibt, während sie auf die Auferstehung warten.
3. N. T. Wright „glaubt nicht an das Fegefeuer als einen Ort, eine Zeit oder einen Zustand. Das Fegefeuer war in jedem Fall eine späte westliche Erfindung, die keine biblische Grundlage hat, und ihre angeblichen theologischen Grundlagen werden nun, wie wir sahen, sogar von führenden römisch-katholischen Theologen infrage gestellt.“
4. „Ich gelange damit viertens zu folgender Ansicht: Alle verstorbenen Christen sind substanziell im gleichen Zustand, im Zustand erholsamen Glücks.“ (S. 201) „Allerdings finde ich weder im Neuen Testament noch in den ganz frühen Kirchenvätern irgendeinen Hinweis darauf, dass diejenigen, die gegenwärtig im Himmel oder (wer das bevorzugt) im Paradies sind, aktiv damit beschäftigt sind, für uns hier in diesem Leben zu beten.“ (S. 202) „Insbesondere sollten wir der mittelalterlichen Vorstellung mit Argwohn begegnen, dass die Heiligen wie Freunde bei Hofe fungieren: Wir scheuen uns zwar, uns dem König selbst zu nahen, aber wir kennen jemanden, der sozusagen einer von uns ist, zu dem wir offen reden können und der vielleicht ein gutes Wort für uns einlegt.“ (S. 202)
Was N. T. Wright vermutlich nicht weiß, ist, wie sehr bei den Zeugen Jehovas die sogenannten ‚Gesalbten‘, der sogenannte ‚Überrest der 144.00‘, die sich selbst als die Heiligen betrachten, genau diese Rolle heute und in Zukunft einfordern. Alle anderen Zeugen Jehovas – die sogenannten ‚anderen Schafe‘ – werden nur überleben und leben, wenn sie dieser Gruppe von Heiligen gehorchen und sie ehren.
Mit der Vorstellung einer Hölle verhält es sich nicht anders. „Das Wort Hölle beschwört Bilder herauf, die stärker von der mittelalterlichen Bilderwelt als von den frühchristlichen Schriften geprägt ist.“ (S. 204) „Das gebräuchlichste neutestamentliche Wort, das manchmal mit Hölle übersetzt wird, ist Gehenna. Gehenna war ein Ort, nicht bloß eine Vorstellung: Es war die Müllhalde außerhalb der südwestlichen Ecke der Jerusalemer Altstadt. Bis zum heutigen Tag befindet sich an dem Ort ein Tal mit Namen Ge Hinnom“. Diese Wort steht auch im Urtext zum Beispiel Lukas 12:5, wird aber gerne mit Hölle übersetzt: „Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der, nachdem er getötet hat, die Macht hat, in die Hölle Gehenna zu stossen. Ja, ich sage euch: Den fürchtet!“ (Züricher) Was Jesus aber an dieser und anderen Stellen immer wieder betont ist, „dass zählt, was auf der Erde geschieht, nicht irgendwo anders.“ (S. 205) Und daher sagte er nach Lukas 13:3 „Nein, sage ich euch; aber wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.“ (Züricher)
Auch das Gleichnis – Gleichnis! – von Abraham und Lazarus sagt nichts über eine Hölle aus. „Die Szene mit Abraham, dem reichen Mann, und Lazarus wörtlich zu nehmen, ist ungefähr so sinnvoll, wie der Versuch, den Namen des verlorenen Sohnes ausfindig zu machen. Jesus hat einfach nicht viel über das zukünftige Leben gesagt; immerhin war er in erster Linie darum besorgt, das Kommen von Gottes Königreich anzukündigen, „wie im Himmel , so auf Erden.“ (S. 206) Wenn wir bedenken, dass Jesus hier Juden zurechtwies, überrascht es ja nicht, dass er gerade Abraham anführte, den sie doch als ihren Vater ansahen.
Andererseits ist diese Hoffnung vielleicht für manchen überraschend, weil sie keine Allversöhnung oder ein liberales Hinwegsehen über alle Sünde und das Böse beinhaltet. Auch wenn wir in den Übersetzungen von 1. Timotheus 2:4 durchgängig finden, dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden, indem sie die Wahrheit erkennen.“ (NEÜ). So entspricht diese Übersetzung einer Überzeugung, aber nicht dem Text des Neuen Testaments. Aus vielen Abschnitten des Neuen Testaments geht klar hervor, „dass er nicht „alle einzelnen Menschen“ meint, sondern „alle Arten von Menschen.““ (S. 213). Zum Beispiel sagt Paulus klar:
Den anderen aber, die nur an sich selbst denken und sich weigern, der Wahrheit zu gehorchen, stattdessen aber dem Unrecht gehorsam sind, gilt sein grimmiger Zorn.
Römer 2:8 NEÜ
Auch in der Johannes-Offenbarung sieht man in der Beschreibung des neuen Jerusalem in Kapitel 21 und 22 klar, dass einige Kategorien von Menschen draußen bleiben. Bevor wir aber vorschnell „ein Bild von zwei schönen und ordentlichen Kategorien im Kopf haben, sollten wir auch daran denken, dass der Fluss des Wassers des Leben aus der Stadt heraus fließt; dass auf jeder Seite der Baum des Lebens wächst, und zwar kein einzelner Baum, sondern sehr viele; und dass „die Blätter der Bäume zur Heilung der Nationen“ sind. Dies ist ein großes Geheimnis, dem all unser Reden über Gottes letztendliche Zukunft Platz einräumen muss. Damit soll auf keinen Fall die Wirklichkeit des Endgerichtes über diejenigen bezweifelt werden, die resolut Götzen angebetet und dem gedient haben, was uns entmenschlicht und Gottes Welt entstellt. Es soll nur gesagt werden, dass Gott immer ein Gott der Überaschungen ist.“ (S. 213)
Fazit
Fürwahr, wir sind „von Hoffnung überrascht“ worden. Zumindest ging es mir in manchen Punkten so. Da N. T. Wright aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung schöpft und dies mit vielen Beispielen belegt, ist das gewiss für die meisten Christen so.
Aufgrund meiner persönlichen Lebensgeschichte als jemandem, der in der Religion der Zeugen Jehovas aufgewachsen ist, Jahrzehnte ‚vorbildlich gedient hat‘ und schließlich bewußt aus dieser Kirche ausgetreten ist, ist mir klar, dass diese Hoffnung auch für viele ehemalige Zeugen Jehovas überraschend sein wird.
Was viele ehemalige Zeugen Jehovas verabeiten müssen, sind nicht nur die Folgen der Indoktrination und die Behandlung durch die Führung und Mitglieder dieser Sekte. Und auch nicht nur die Erkenntnis, dass viele für Zeugen Jehovas spezifische Lehren Erfindungen von Menschen waren, die keine Basis in der Bibel haben. Lehren, welche immer mehr von der aktuellen ‚Leitenden Körperschaft‘ der Zeugen Jehovas aufgegeben, aufgeweicht oder verschwiegen werden.
Vielleicht am schwierigsten ist es für ehemalige Zeugen Jehovas, die Bibel ganz neu zu lesen und auch Erkenntnisse zu akzeptieren, in denen die Aussagen und Lehren ihrer früheren Religion doch nicht ganz falsch lagen. Wahrscheinlich hast du geglaubt, dass du als ‚anderes Schaf‘ eine irdische Hoffnung hast und nur mit größter Anstrengung Harmagedon überleben kannst und nach 1000 Jahren und noch einer weiteren Schlussprüfung dann ewig auf der Erde leben kannst. Ok, die wenigen ‚gesalbten Glieder des Überrest‘ haben es einfacher – sie sterben und sind nach der Lehre der Zeugen Jehovas gleich im Himmel mit Super-Power und Unsterblichkeit ausgestattet. Dann hast du erkannt, dass das ein Schwindel war. Es gibt im Neuen Testament nur eine Hoffnung für alle Christen. Und damit warst du der Meinung, dass du wie alle ‚Kinder Gottes‘ in den Himmel kommst – so wie die 144.000 der Zeugen Jehovas oder alle Katholiken und Protestanten. Nun bist du von ‚der Hoffnung überrascht‘ worden, dass das mit dem Himmel vielleicht doch nichts wird. Oder zumindest ganz anders, als du gedacht hast.
Wenn du als ehemaliger Zeuge Jehovas erkennst, welche Lehren der Zeugen Jehovas nicht auf der Bibel beruhen sondern ein Schwindel sind, bist du erst auf halbem Weg. Das Glaubens-Haus ist eingestürzt und weitgehend abgerissen. Nun geht es darum, deinen Glauben aufzubauen. Es ist nicht einfach, etwas Neues zu lernen. Noch schwieriger ist es, etwas Falsch-Gelerntes zu korrigieren. Mit dieser Serie möchte ich dazu einen Beitrag leisten.
Die Dinge neu zu durchdenken ist für jeden für uns eine wichtige Aufgabe. Daher enthält N. T. Wrights Buch noch einen dritten Teil: Auferstehung und der Auftrag der Kirche. Diesen werde ich aber in dieser Serie nicht mehr betrachten. Dazu wünsche ich dir viel Freude beim Lesen und Nachdenken.


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