Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 3: Die inadäquaten Antworten

Von Christian / N. T. Wright



Im diesem Teil werden wir uns mit Antworten beschäftigen, warum es den ‚Mittelteil‘ der Evangelien überhaupt gibt. Indem wir uns mit diesen näher beschäftigen, werden wir erkennen, warum sie nicht ganz falsch liegen, aber dennoch inadäquat sind. Nachdem wir so verschiedene Vorstellungen erkannt haben, die uns auch unbewusst die Sicht versperren können, sind wir dann in der Lage, mit den Ohren der Jünger im ersten Jahrhundert die Evangelien zu hören. Dabei verwende ich das Buch von N.T. Wright: How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien)

N.T. Wright hat diese Frage, wofür der ‚Mittelteil‘ der Evangelien gut sei, zu verschiedenen Gelegenheiten Gelehrten, Pastoren und Laien wiederholt gestellt. Die Antworten waren aufschlußreich und lassen sich in etwa wie folgt gruppieren.

In den Himmel kommen

Die erste Antwort ist oft: Jesus kam, um den Menschen zu erklären, wie sie in den Himmel kommen.

Kein Zweifel, das Neue Testament geht davon aus, dass Gott für uns Menschen nach dem körperlichen Tod eine wundervolle Zukunft vorbereitet hat. Aber letztendlich geht es um eine Auferstehung einer neuen Welt. Darüber habe ich anhand eines anderen Buches von N.T. Wright in der Serie „Von Hoffnung überrascht“ ausführlich gesprochen.

Aber darum geht es nachweislich in den vier Evangelien nicht.

Wie kam es dann dazu, dass diese Vorstellung in der westlichen Kirche sich so verbreitet hat? Wie haben Übersetzungen der Evangelien dazu beigetragen?

Seit der Entstehung des Kanon des Neuen Testaments befindet sich das Matthäus-Evangelium am Anfang. Und dort wird häufig der Ausdruck „Königreich des Himmels“ verwendet, wohingegen die anderen Evangelien von „Gottes Königreich“ sprechen. Manche deutsche Übersetzungen verstärken dies noch, indem sie etwa so übersetzen:

Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird ins Himmelreich hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.

Matthäus 7:21 Züricher

Im Deutschen ist das Problem durch Verwendung von „Himmelreich“ also noch größer als im Englischen, wo seit der Jahrhunderten seit der King James Version mit „kingdom of heaven“ übersetzt wird. Wer liest, dass man ins „Himmelreich“ kommt und gleich danach vom „Vater im Himmel“ wird denken, dass sie oder er auch in den Himmel kommen.

Aber das war nicht das, was Matthäus und Jesus meinten. Im Zentrum der Bergpredigt in Matthäus 5-7 spricht Jesus im sogenannten ‚Vater-Unser‘ davon, dass „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ (Matthäus 6:10 Züricher).

Beim „Königreich des Himmels“ geht es nicht darum, dass Menschen in den Himmel kommen. Es geht darum, dass die Herrschaft des Himmels auf die Erde kommt.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

Es ist das „Königreich des Himmels“, weil seine Autorität von Gott im Himmel kommt.

Auch wenn sich diese Vorstellung vom Himmelreich schon früh in der Geschichte der Kirche – siehe zum Beispiel das Te Deum Laudamus aus dem vierten Jahrhundert – verbreitet hat, so weicht sie dennoch völlig vom Verständnis im ersten Jahrhundert ab.

Eine zweite Formulierung, welche üblicherweise mißverstanden wird, ist die des „ewigen Lebens“. Wer von „ewigem Leben“ und „Ewigkeit“ liest, wird in der Regel an ein Leben der Seele im Himmel denken. Aber das ist Plato und nicht die Evangelien aus dem ersten Jahrhundert! So lesen wir:

Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.

Johannes 3:16 Züricher

Im griechischen steht hier αἰώνιον ζωὴν aiōnion zōēn. Aber welche Vorstellung hatten sowohl die Schreiber wie Matthäus und Paulus also auch die Zuhörer bei dem Begriff zoe aionios im ersten Jahrhundert? Die Verwendung von aion bezog sich auf die jüdische Vorstellung eines Zeitalters: ha-olam hazeh, das gegenwärtige Zeitalter und ha-olam ha-ba, das kommende Zeitalter. In diesem kommenden Zeitalter würde Gott Gerechtigkeit und Frieden bringen und die Welt heilen. Paulus verwendet in Galater 1:4 dasselbe Wort, aber die Übersetzungen verschleiern das häufig:

der sich selbst für unsere Sünden geopfert hat, um uns aus der gegenwärtigen bösen Welt herauszureißen. So wollte es Gott, unser Vater.

Galater 1:4 NEÜ

Eine andere Übersetzung gibt das besser wider:

der sich hingegeben hat um unserer Sünden willen, um uns herauszureissen aus der gegenwärtigen bösen Weltzeit nach dem Willen Gottes, unseres Vaters.

Galater 1:4 Züricher

Mit anderen Worten hat Jesus das „kommende Zeitalter“ eingeleitet, eingeläutet. Aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass dieses „kommende Zeitalter“ „ewig“ ist, im Sinne von außerhalb von Raum, Zeit und Materie. Ganz im Gegenteil. Die alten Juden waren Schöpfungsmonotheisten. Für sie bestand Gottes großes zukünftiges Ziel nicht darin, die Menschen aus der Welt zu retten, sondern die Welt selbst, einschließlich der Menschen, aus ihrem gegenwärtigen Zustand der Verderbtheit und des Verfalls zu retten.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

Tatsächlich wird dieses Verständnis von aion von vielen Forschern bestätigt. Wer mehr darüber wissen möchte, den verweise ich gerne auf Jascha Schmitzs Video-Serie „Ewigkeit in der Bibel. Was ist gemeint?“.

Die ethische Lehre Jesu

Eine zweite populäre Herangehensweise an den Stoff ‚in der Mitte‘ der Evangelien ist auf die Lehren Jesu hinzuweisen, insbesondere das, was wir als Ethik bezeichnen. Und das trifft in gewissem Maß auch zu.

„Jesu Aufforderung an Israel, tatsächlich Israel zu sein, jetzt, da er da war, wird direkt zu einer Herausforderung und Einladung zu einer völlig neuen Art, Mensch zu sein. Dieser Weg zeichnet sich besonders durch Vergebung aus, durch Gottes Vergebung der Menschen und unsere gegenseitige Vergebung. All das bildete für die meisten Zuhörer Jesu ein völlig neues Programm. Es musste dargelegt, erklärt, wiederholt, veranschaulicht und allgemein gelehrt werden. Also ja, Jesus war zweifellos ein „Lehrer“. In der Tat wurde er manchmal von den Menschen als solcher angesprochen, und Jesus sagte ihnen nie, dass sie damit falsch lagen.“

Aber von Jesus nur als „Lehrer“ zu sprechen verfehlt bei weitem das, was er tat. Unter ‚Lehrer‘ verstehen wir meist jemanden, der anderen bereits vorhandenes Wissen vermittelt, wie ein Klavierlehrer oder Schullehrer. Doch Jesus tat viel mehr:

Jesus verkündete, dass eine völlig neue Welt geboren wurde, und er „lehrte“ die Menschen, wie sie in dieser völlig neuen Welt leben sollten. Insofern sollten wir die Idee, ihn als „Lehrer“ zu betrachten, sowohl annehmen als auch radikal einschränken oder modifizieren. Tatsächlich sollte die Modifizierung vor der Annahme stattfinden. Man versteht den Sinn des „Lehrens“ erst, wenn man das Gesamtbild dessen versteht, was Jesus getan hat.

Ohne dieses größere Bild kann das Wort „Lehrer“ oder „Lehren“ dazu führen, dass die Botschaft der Evangelien über Jesus stark verfälscht wird. Der Begriff „Lehren“ kann leicht auf das gängige Bild von Jesus als einem der großen „religiösen Lehrer“ der Welt neben Buddha, Mohammed usw. reduziert werden. Mit anderen Worten: Es gibt einige Dinge, die als „religiöse Wahrheiten“ bezeichnet werden und die einige große Seelen entdeckt und gelehrt haben, und Jesus war einfach eine dieser großen Seelen, einer dieser großen Lehrer.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

Jesus, das moralische Vorbild

Ein drittes populäres Erklärungsmodell dafür, warum die Evangelien so viel über die öffentliche Laufbahn Jesu schreiben, ist, dass sie uns damit ein Vorbild geben wollen, wie wir leben sollen.

Aber ist das wirklich sonderlich ermutigend, den als vollkommen dargestellten Jesus sich als Vorbild zu nehmen? Ist das nicht eher frustrierend, weil wir das so nie erreichen können? „Hast du jemals versucht, Jesus nachzuahmen, nicht nur in seiner erstaunlichen Großzügigkeit und Freundlichkeit, sondern auch in seinen scharfsinnigen, farbenfrohen kleinen Geschichten? Nur sehr wenige Menschen in der Geschichte waren in der Lage, so kurze und doch so vollständige Geschichten zu erzählen. … Immer wieder stellen wir in den Evangelien fest, dass Jesus sich in Wirklichkeit nicht als Vorbild hinstellt, dem man folgen oder das man kopieren sollte.. … Seine Aufgabe ist einzigartig.“

Auch das ist also kein zufrieden stellender Ansatz, um den Aufbau der Evangelien zu erklären.

Jesus das vollkommene Opfer 

„Eine vierte unzureichende Antwort hat versucht, die erste und die dritte miteinander zu verbinden. Das Ziel ist immer noch, uns in den Himmel zu bringen, aber Jesus ist nicht nur das moralische Vorbild – sein vollkommenes Leben bedeutet, dass er das vollkommene Opfer sein kann.“

„Also, ja, die moralische Vollkommenheit Jesu spielt in Bezug auf seinen Tod eine Rolle. Aber abgesehen von diesen Passagen zeigen die Evangelien keinerlei Interesse daran, die Verbindung herzustellen, die in vielen traditionellen Lehren verwendet wird. Wenn es das war, was sie sagen wollten, hätte man meinen können, dass sie es etwas deutlicher gemacht hätten.“

Geschichten, mit denen wir uns identifizieren können

N.T. Wright weist noch auf einen fünften Punkt hin: „Eine fünfte unzureichende Antwort schlägt einen ganz anderen Weg ein. „Die Evangelien sind geschrieben worden“, haben mir die Leute gesagt, „damit wir uns mit den Figuren in der Geschichte identifizieren und unseren eigenen Weg finden können, indem wir sehen, was ihnen widerfahren ist.““

Solche Geschichten sind zwar Bestandteil der Evangelien und wertvoll, aber soll das der ganze Grund sein, warum die Evangelien geschrieben wurden? Und was ist dann mit der Geburt, dem Tod und der Auferstehung Jesu? Warum dann die Verflechtung mit dem Alten Testament?

Beweise für die Göttlichkeit Jesu

„Die sechste gängige Meinung besagt, dass die Evangelien geschrieben wurden, um die Göttlichkeit Jesu zu beweisen.“ Das dürften viele Christen als Hauptgrund für die Evangelien anführen, vielleicht noch mit der Anmerkung, dass auch seine Menschlichkeit gleichzeitig gezeigt wird.“

Doch war das die Frage, welche im ersten Jahrhundert für die Jünger wichtig war?

Wann haben die Menschen angefangen, auf diese Weise über die „Menschlichkeit“ und „Göttlichkeit“ Jesu zu sprechen? Ich denke nicht im ersten Jahrhundert. Versteh mich nicht falsch. Wie wir sehen werden, waren sich die Autoren des Neuen Testaments, wenn die Frage aufgeworfen wurde, ziemlich sicher, dass Jesus tatsächlich vollständig menschlich und – irgendwie seltsam, aber definitiv – wahrhaft göttlich war. Aber das scheint nicht ihr Hauptanliegen zu sein. Selbst Johannes, der seinen Prolog, der die Bühne bereitet, auf den Höhepunkt bringt, indem er davon spricht, dass das Wort Fleisch wird, macht dies nicht zum Hauptstrang der Geschichte, die er erzählt. Erst später, als die Kirche in die weite Welt der griechischen Philosophie hinauszieht, wird die Frage abstrakt gestellt. In der Mitte des fünften Jahrhunderts verkündete die chalzedonische Christologie in klingenden, runden und offen gesagt sehr paradoxen Tönen, dass Jesus tatsächlich sowohl göttlich als auch menschlich war. Diese abstrakten Kategorien standen damals im Mittelpunkt der Diskussion, und das nicht ohne Grund. Aber wenn man Chalcedon mit den vier Evangelien vergleicht, stellt man fest, dass es sich um sehr unterschiedliche Arten von Dokumenten handelt und dass die Evangelien, obwohl Jesus tatsächlich einerseits bemerkenswerte Dinge tut, und sich andererseits wie ein gewöhnlicher Mensch verhält, nicht geschrieben zu sein scheinen, um diesen Punkt zu beweisen.

Der Punkt ist, um es noch einmal zu wiederholen, nicht, ob Jesus Gott ist, sondern was Gott in und durch Jesus tut.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

N.T. Wright geht dann auf einige Texte näher ein, was hier aber zu weit führen würde. Wir werden darauf zurück kommen, wenn wir die verschiedenen Erklärungen zu einem überraschenden Gesamtbild zusammenfügen werden.

Verdrängungsaktivitäten

Das Material der Evangelien ist so reichhaltig, dass man sich mit jedem dieser Themen intensiv beschäftigen kann. Doch dabei scheint der Blick auf das zugrundeliegende zentrale Thema verloren gegangen zu sein.

Das Ergebnis war eine Reihe von Verdrängungsaktivitäten. Die Kirche hat im wesentlichen Folgendes gesagt: (a) Wir wissen, dass die Evangelien wichtig sind, weil sie das inspirierte apostolische Zeugnis von Jesus sind; und (b) wir wissen, was in der christlichen Theologie wichtig ist, nämlich die Göttlichkeit Jesu und sein erlösender Tod oder, wenn man so will, seine moralische Lehre und sein Beispiel; also (c) nehmen wir an, dass dies die Hauptbotschaft der Evangelien ist.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

Und was ist nun die zentrale Botschaft der Evangelien. Dies, und darüber sprechen wir in den nächsten Folgen:

Um den Vorschlag, an dem ich gearbeitet habe, zusammenzufassen: Die vier Evangelien versuchen zu sagen, dass Gott auf diese Weise König wurde

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

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