Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 4: Die Story Israels

Von Christian / N. T. Wright



Um das Evangelium der Evangelien zu hören, also die eigentliche Story der Evangelien, müssen wir über vier Stränge oder Ebenen der Evangelien sprechen, die entweder raumgreifend in den Vordergrund oder fast unsichtbar in den Hintergrund gerückt wurden. Durch diese Verzerrung fällt uns es schwer, die Story selbst zu erkennen. Ich bleibe hier übrigens beim englischen Begriff Story, weil Geschichte im Deutschen nicht das trifft, was N.T. Wright damit meint. Denn es geht nicht darum, dass die Evangelien irgendwelche Erzählungen oder Geschichten beinhalten und auch nicht darum, was die Geschichte Israels im Sinne von Historie ist.

Im vierten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es um die Story Israels. Also nicht um eine historische Gliederung der Ereignisse, sondern die Story, den tieferen Inhalt, der uns vermittelt werden soll.

Die Evangelien als Biographien

Die Zeiten, in denen Gelehrte verkünden konnten, dass die Evangelien keine Biographien Jesu seien, sind schon langer wieder vergangen. Sie sind keine Biographien, wie sie heute geschrieben werden, sondern gleichen antiken griechischen oder römischen Biographien. Und die vier Evangelien sind unterschiedlich, weil sie eben nicht nur Biographien der Person Jesu sind, sondern eine viel größere Story vermitteln wollen. Und das aus verschiedenen Blickwinkeln und mit verschiedenen Schwerpunkten.

Die vier Evangelien stellen sich selbst als den Höhepunkt der Story Israels dar. Ich behaupte, dass alle vier Evangelisten ihr Material bewusst so gestalten, dass dies deutlich wird.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

Leider haben Generationen von christlichen Lesern diesen Kontext und Zusammenhang praktisch ignoriert. Auch wir werden diesen Punkt nur verstehen können, wenn wir uns explizit bewusst machen, wie die Story Israels zur damaligen Zeit erzählt wurde.

Die seltsame Story Israels

N.T. Wright fasst es wie folgt zusammen:

Auch die Story Israels ist ein Thema für ein ganzes Buch. Aber wir können sie so zusammenfassen: Die alten Schriften Israels sind von einer Erzählung umrahmt, einer unvollendeten Erzählung von einer bestimmten Form und Art. Ob man das Alte Testament nun so liest, wie es in den meisten englischen Bibeln von der Genesis bis zu Maleachi abgedruckt ist, oder ob man es im hebräischen Kanon von der Genesis bis zu den Chroniken mit den Propheten in der Mitte liest, man hat immer noch das Gefühl, dass diese Geschichte irgendwo hinführen soll, aber noch nicht dort angekommen ist. Es ist eine unvollendete Erzählung, eine unvollendete Agenda. Es sollen Dinge geschehen, die noch nicht geschehen sind.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

Genau wie Genesis 1–3 die Story der menschlichen Notlage anhand des Musters glorreicher Anfänge, reicher Berufungen und dann schrecklichen Scheiterns und Exils erzählt, so finden wir zwischen Genesis 12 und Chronik bzw. Maleachi dieselbe Story in Bezug auf Israel. Aber ist ist genau diese Story von Israel, welche von den meisten modernen Lesern der Bibel heute links liegen gelassen wird.

Und die Glaubensbekenntnisse haben einen wesentlichen Anteil daran, weil sie Israel überhaupt nicht erwähnen. Im Gegenteil, sie vermitteln den Eindruck, dass mit Jesus ein neuer Anfang gemacht wurde.

Die Evangelisten haben das aber ganz anders gesehen.

Matthäus: Die Story erreicht ihr Ziel

Das Matthäus Evangelium, das schon immer am Anfang des Kanons stand, beginnt mit was? Dem Stammbaum Jesu von Abraham an. Es umfasst also die Zeit noch vor Israel von dessen Stammvater Abraham an bis nach dem Exil in die Zeit Jesu. Jetzt muss man wissen, dass in Jesu Tagen die meisten Juden selbst ein halbes Jahrtausend nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil der Meinung waren, dass das Exil noch nicht wirklich beendet ist (siehe Nehemia 9:36). Die großen Prophezeiungen Jesajas, Jeremias, Hesekiels und Daniels mussten sich noch erfüllen.

In Daniel 9 fragt der Prophet, wie lange es denn noch dauern wird, bis Jeremias Prophezeiung über die 70 Jahre erfüllt haben würde. Und die Antwort ist: Nicht 70 Jahre sondern 70 Wochen von Jahren. Aber diese Formulierung erinnerte auch an die Sabbat- und Jubeljahre, die Freilassung aller Sklaven und Rückgabe des Erbbesitzes. 70 mal 7 ist dann zwar eine lange Zeit aber deutet eine großartige Befreiung an.

Und Matthäus macht jedem, der in dieser Zeit jüdisch denkt, unmissverständlich klar, dass der Moment mit Jesus gekommen war. Anstatt von Jahren spricht er von Generationen, den Generationen der gesamten Geschichte Israels von Abraham bis zur Gegenwart. Alle Generationen bis zu diesem Zeitpunkt waren vierzehn mal drei, also sechs mal sieben – mit Jesus erhalten wir die siebte Sieben. Er ist das Jubeljahr in Person. Er ist derjenige, der Israel aus seinem lang anhaltenden Albtraum retten wird. „Er“, sagt der Engel zu Joseph, ‚ist derjenige, der sein Volk von seinen Sünden erlösen wird‘ (1:21). Für jeden Juden im ersten Jahrhundert bedeutete dies nicht nur, dass sich Einzelpersonen an ihn wenden und persönliche Vergebung finden konnten, obwohl dies natürlich auch zutraf. Lies Jesaja 40 und Klagelieder 4 nochmal und sieh es selbst. (Jesaja 40:1,2 Klagelieder 4:22)

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

Damit haben wir eine Idee erkannt, die auch Matthäus hervorhebt: Das Leben Jesus rekapituliert Schlüsselereignisse in der Story Israels! Jesus hält eine Predigt auf einem Berg, und ist für diesen Moment Moses. Als er seinen Kritikern wegen dem Sabbath antwortet ist er David. Er wählt 12 als Apostel aus, man denkt an Jakob und die 12 Patriarchen. Er heilt Kranke und weckt Tote auf wie Elia und Elisa. In der Umgestaltung begegnet er sogar Elia und Moses.

Aber viel wichtiger als Rückblenden, als das Aufgreifen losgelöster Themen und Andeutungen von vor langer Zeit, ist das überwältigende Gefühl, dass eine einzige Story nun endlich zu ihrem Abschluss kommt.

Die Verfasser der Evangelien betrachteten die Ereignisse um Jesus, insbesondere sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung, die die Herrschaft des Königreichs einläuteten, nicht nur als isolierte Ereignisse, auf die entfernte Propheten vielleicht in weiter Ferne hingewiesen hatten. Sie betrachteten diese Ereignisse als das eigentliche Ziel der langen Story Israels, auch wenn diese lange Story anscheinend verloren gegangen war, feststeckte und fast vergessen war.

In den heiligen Schriften Israels wird die Bedeutung der Story Israels damit begründet, dass der Schöpfer der Welt Israel auserwählt und berufen hat, das Volk zu sein, durch das er die Welt erlösen wird.

Was Gott für Israel tut, ist das, was Gott in Bezug auf die ganze Welt tut. Das bedeutete es, Israel zu sein, das Volk zu sein, das im Guten wie im Schlechten das Schicksal der Welt auf seinen Schultern trug. Begreife das, und du hast einen Weg ins Herz des Neuen Testaments gefunden.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

Markus: Jesus und das Hereinbrechen der neuen Welt Gottes

Im Markus Evangelium wird dies gleich in den ersten Versen klar gemacht:

1 Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. 2 Wie geschrieben steht beim Propheten Jesaja: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten wird. 3 Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade seine Strassen!

9 Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus aus Nazaret in Galiläa kam und sich von Johannes im Jordan taufen liess. 10 Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er den Himmel sich teilen und den Geist wie eine Taube auf sich herabsteigen. 11 Und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

Markus 1:1-3;9-11 Züricher

Es geht also gleich mit einem Bezug auf eine alte Prophezeiung Jesajas los. Müssen wir also nur in das Alte Testament schauen, um darin die Geschichte Jesu zu finden?

Hier haben wir es mit einem Paradoxon zu tun, das uns im gesamten Neuen Testament begegnet: Gott handelt völlig unerwartet – wie er es immer gesagt hat. Nur weil die neuen Ereignisse als Erfüllung alter Prophezeiungen angesehen werden können (und Markus, wie die anderen Evangelisten, deutlich macht, dass dies die einzig richtige Sichtweise ist), bedeutet das nicht, dass man eine glatte, einfache Linie von den alten Texten zur modernen Erfüllung ziehen kann. Im Gegenteil, was sich erfüllt, ist genau die Verheißung eines drastischen, unerwarteten und vielleicht sogar unwillkommenen Gerichts und Erbarmens.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

Jetzt werden im Markus Evangelium aber nicht einfach ein paar Erfüllungen konstruiert. Schon in Vers 15 des ersten Kapitels wird Jesus selbst zitiert: „Erfüllt ist die Zeit, und nahe gekommen ist das Reich Gottes.“ (Markus 1:15 Züricher). Markus baut die dramatischen Ereignisse auf bis 8:29, in der Petrus feststellt, dass Jesus der Messias ist. Und gleich im nächsten Kapitel folgt die Verklärung Jesu. Jesus spricht über seinen Tod in 10:45 (in Anspielung auf Daniel 7 und Jesaja 53). „Jesus erfüllt die Story Israels, auch wenn dies von den Lesern verlangt, die Story Israels auf eine neue Art und Weise zu verstehen.“

Lukas: Die Schriften müssen erfüllt werden

Das sich die Schriften so erfüllen müssen, ist auch genau der Punkt, den Lukas in Schlüsselpassagen bringt. Das beginnt schon im ersten Kapitel in den Worten Marias (1:46-55) und Zacharias (1:68-79). Und geht weiter bis es zum Beispiel in 22:37 von Jesus selbst betont wird: „Denn das sage ich euch: Auch dieses Schriftwort muss sich noch an mir erfüllen: ‚Er wurde unter die Verbrecher gezählt.‘ Und das trifft jetzt ein.“ (NEÜ). Doch selbst seine Jünger konnten in Jesu Tod zuerst keine Erfüllung der Story Israels erkennen: „Dabei haben wir gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen würde.“ (24:21) sagen die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus. In diesem Bereich lässt Lukas keinen Zweifel, welchen Gedanken er transportieren möchte:

Da sagte Jesus zu ihnen: „Was seid ihr doch schwer von Begriff! Warum fällt es euch nur so schwer, an alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben? Musste nicht der Messias das alles erleiden, um dann in seine Herrlichkeit einzutreten?“ Danach erklärte er ihnen in der ganzen Schrift alles, was sich auf ihn bezog; er fing bei Mose an und ging durch sämtliche Propheten.

Lukas 24:25-27 NEÜ

Es war also nicht selbstverständlich, diese überraschende Erfüllung der Schriften zu verstehen. Jesus musste ihnen „die Schriften erklären“ (24:27) und „dann öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften“ (24:45)

Der Punkt, den die Verfasser der Evangelien unbedingt vermitteln wollen – dass das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu in der Tat der Höhepunkt der Geschichte Israels sind, auch wenn niemand damit gerechnet hat und viele nicht begeistert waren, als es ihnen präsentiert wurde – ist etwas, das, wie der auferstandene Jesus selbst, für das Auge des Glaubens sichtbar ist. Die Geschichte ergibt als Ganzes einen Sinn oder gar keinen.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

Johannes: Schöpfung und neue Schöpfung

Das Johannes Evangelium bildet hier keine Ausnahme: Die Ereignisse in Bezug auf Jesus sind die Erfüllung der Story Israels – auch wenn diese eine solche ‚Erfüllung‘ weder erwartet noch gewünscht hatten. Das Evangelium beginnt mit Bezugnahmen auf 1. und 2. Mose. „Im Anfang war …“ (1:1) ist ein Echo der Schöpfungsgeschichte. In Vers 14 fällt uns im Deutschen vielleicht nichts sofort auf: „Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns,…“. Das Wort für „wohnte“ bedeutet eigentlich: Er schlug sein Zelt auf, sein Tabernakel oder Stiftshütte. Und damit bezieht er sich auf die Gegenwart Gottes unter den Israeliten aus 2. Mose.

Und auch im Johannes Evangelium endet schon das erste Kapitel nicht ohne den nachdrücklichen Hinweis, worum es geht:

Philippus findet Natanael und sagt zu ihm: Den, von dem Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben, den haben wir gefunden, Jesus, den Sohn Josefs, aus Nazaret. Und Natanael sagte zu ihm: Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen? Philippus sagt zu ihm: Komm und sieh!

Johannes 1:45,46

Und so taucht dieses Thema immer wieder auf (5:39-40;7:31-52;10:22-30;5:46;8:30-59). Kajafas will die Nation Israel und den Tempel retten, indem Jesus töten lassen will. Doch Johannes gibt dem eine andere Bedeutung, die Erfüllung der Story Israels:

Das aber sagte er nicht aus sich selbst, sondern als Hoher Priester jenes Jahres weissagte er, dass Jesus für das Volk sterben sollte, und nicht nur für das Volk, sondern auch, um die zerstreuten Kinder Gottes zusammenzuführen.

Johannes 11:51,52 Züricher

Das Paradoxon der beiden Geschichten bleibt durchgehend bestehen, und Johannes behauptet, dass Jesus mit den alten Prophezeiungen übereinstimmte, die immer Prophezeiungen über Israels Unfähigkeit zu sehen, zu hören und zu verstehen beinhalteten (12:37-41).

Das Ergebnis – der Höhepunkt des Evangeliums und für Johannes der Höhepunkt der gesamten Story Israels – ist die paradoxe „Inthronisierung“ Jesu am Kreuz, der letzte Moment der Erfüllung der großen biblischen Story (19:19, 24, 28). Jesu letztes Wort, tetelestai, „Es ist vollbracht!“, sagt es deutlich. Die Story ist vollendet – die Story der Schöpfung, die Story von Gottes Bund mit Israel. Jetzt kann eine neue Schöpfung beginnen, wie es unmittelbar danach mit der Auferstehung Jesu geschieht. Jetzt kann der neue Bund geschlossen werden, indem die Jünger mit Jesu eigenem Geist in die Welt ausgesandt werden (20:19–23). So hat die Story Israels ihr Ziel erreicht und kann nun in der ganzen Welt Früchte tragen.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

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