Autor: φιλαλήθης

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 3

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 3

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 3

    Thema: Waren die Bündnisse, die Gott mit Abraham und David geschlossen hat, und der Neue Bund (Jeremia 31:31-34) an Bedingungen geknüpft? Sind diese Bündnisse bedingt oder bedingungslos? Die Frage ist entscheidend, um zu wissen, ob die Bündnisse (die mit dem Landversprechen verbunden sind) noch in Kraft sind oder nicht (und somit von der Kirche erfüllt wurden).

    Bisher haben wir über einen einzigen Streitpunkt gesprochen, der Bibelwissenschaftler und -studenten in der Eschatologie entzweit: ob Israel und die Kirche bei der Auslegung der Prophezeiungen getrennt betrachtet werden sollten oder nicht. Die Frage ist von Bedeutung, da jede Position, die eine buchstäbliche tausendjährige Herrschaft Christi in der Zukunft befürwortet, (um kohärent zu sein) argumentieren muss, dass die Landverheißungen, die Abraham und seinen Nachkommen gegeben wurden, immer noch in Kraft sind – und daher eine buchstäbliche Erfüllung erwartet wird. Wenn die Kirche Israel als Volk Gottes ersetzt hat und wenn die Landverheißungen nun durch den Missionsbefehl erfüllt werden, die Erde mit Gottes Volk zu übersäen (d. h. die Kirche ist das Königreich), dann wäre kein buchstäbliches Millennium zu erwarten.

    So heißt es jedenfalls.

    Um genauer zu sein, hat das bisher behandelte Thema sowohl bei mir als auch bei den Kommentatoren Fragen aufgeworfen. Und es gibt einige Fragen, die sich aus dem Problem „Israel und/oder die Kirche: Ja oder Nein?“ ergeben und die ich noch nicht angesprochen habe. Zum Beispiel:

    1. Während Galater 3 ausdrücklich besagt, dass die Kirche (Christen) die Abraham gegebenen Versprechen geerbt haben, beschränkt Paulus diese Versprechen auf diejenigen, die einen Samen (Nachkommen – buchstäblich und/oder geistlich) versprechen, aber das Land ausschließen? Mit anderen Worten, da das Land in Galater 3 nicht erwähnt wird, könnte dieser Teil der Versprechen immer noch für das nationale Israel gelten?

    2. Es ist zwar sinnvoll, dass der Missionsbefehl die Erfüllung des Landelements bedeutet – die Evangelisierung der Nationen, um die verlorenen Nationen zurückzugewinnen –, aber was halten wir von der Tatsache, dass es keinen Vers gibt, der diese explizite Verbindung herstellt?

    3. Da Paulus in Römer 9–11 klarstellt, dass

    (a) „Israel“ sich auf „natürliche Israeliten (Juden)“ bezieht und

    (b) „Israel“ sich auch auf „geistliche Israeliten“ (Gläubige) bezieht; und

    (c) „ganz Israel ist nicht Israel“ (dass es innerhalb des nationalen Israels ein geistliches Israel gibt, das aus Juden und Nichtjuden besteht); und

    (d) es gibt diese Sache, die man Kirche nennt (Juden und Nichtjuden)

    … können wir dann diese Gruppen in Bezug auf die Prophezeiung wirklich sauber trennen ODER zusammenführen? Einige würden sagen ja, andere nein. Und DAS ist das Problem. Man kann in jeder Hinsicht einen schlüssigen Fall vorbringen. Alles, was wir wirklich sagen können, ist, dass Paulus (und andere Autoren) in Bezug auf das Neue Testament „Israel“ nicht nur auf ethnische Israeliten beschränken – der Begriff bedeutet jetzt viel mehr.

    Die Frage läuft wirklich darauf hinaus: Würde Paulus (oder andere Autoren des Neuen Testaments) sagen, dass das nationale Israel keine eschatologische Zukunft hat, außer als Mitglieder des neuen, geistlichen Israel, der Kirche? Sind die Schicksale der Kirche und des nationalen Israel in toto miteinander verbunden, oder können sie „größtenteils“ miteinander verbunden sein und es dennoch eine eschatologische Zukunft geben, die das nationale Israel einschließt?

    Noch einmal: Wir können es nicht mit Sicherheit wissen. Also muss jeder demütig sein (oder sollte sein). Dies ist nur einer von vielen Gründen (eine ganze Liste, an der ich hier arbeite), warum ich erschaudere, wenn ich eine E-Mail von jemandem erhalte, der völlig von seiner eschatologischen Position eingenommen ist und keine andere akzeptiert (und wahrscheinlich nicht einmal weiß, dass es andere gibt). Ich bete und hoffe, dass der Glaube dieser Person nicht wirklich auf dem neuesten lauen Prophezeiungsroman oder dem Fernsehprediger für Prophezeiungen beruht.

    All das führt uns zum heutigen Thema: Waren die Bündnisse, die Gott mit Abraham und David geschlossen hat, und der Neue Bund (Jeremia 31:31-34) an Bedingungen geknüpft? Sind diese Bündnisse bedingt oder bedingungslos?

    Erfahrene Prophezeiungsfreaks wissen, dass diese Frage wichtig ist, denn wenn diese Bündnisse an Bedingungen geknüpft waren, bestand die Möglichkeit, dass sie aufgelöst oder für ungültig erklärt wurden, weil Israel die Bedingungen nicht erfüllte. Die Lage sieht auch düster aus. Da Israel (alle 12 Stämme) ins Exil geschickt wurde, könnte man leicht argumentieren, dass die Verheißungen für das nationale Israel aufgehoben und an die Kirche als Empfänger der Erfüllung übergeben wurden. Die Art von vollkommenem Gehorsam, die die Bündnisse erfordern, würde in und durch Jesus erfüllt werden. Er ist der ultimative Sohn Abrahams, der König in der Linie Davids, und er war es, der nach seiner Auferstehung den Geist sandte, um gemäß dem Neuen Bund in den Herzen der Gläubigen zu wohnen. Sieht ziemlich ordentlich aus. Aber das würde bedeuten, dass die Kirche das nationale Israel in seiner Gesamtheit verdrängt hat. Israel war (offen gesagt) nicht mehr nützlich. Der Knecht aus Jesaja – und Kapitel 53 ist der einzige Ort in Jesaja, an dem der Knecht eine einzelne Person ist – ist eigentlich der Vertreter des kollektiven Knechts in Jesaja – Israel (die restlichen Vorkommen von „Knecht“ in Jesaja beziehen sich auf die Nation Israel – schlag es nach). Daher ist Jesus alles und alle Bündnisse finden in Ihm Erfüllung. Und Sein Körper ist die Kirche. Wieder ein sehr ordentliches Bild – eines, das die Anhänger der „Left Behind“-Bücher ziemlich mürrisch machen würde, da es dann kein buchstäbliches Königreich braucht und ohne dieses die ganze Idee der Entrückung nicht einmal auf den Tisch kommt.

    Ich hoffe, du siehst (wieder), wie dünn der gesamte Rahmen für diese unbestreitbar weit verbreitete Ansicht über die Endzeit ist. Es ist weit davon entfernt, selbstverständlich zu sein. Aber auch die anderen Ansichten können keine absolute Gewissheit für sich beanspruchen. Wir werden auf sie zurückkommen. Lasst uns jetzt über das Problem der Bedingtheit (B) und Unbedingtheit (UB) sprechen.

    Die kurze Antwort auf meine Frage lautet „Ja“ – die Bündnisse sind sowohl B als auch UB. Diejenigen, die an eine Entrückung glauben, wurden gelehrt, dass sie bedingungslos sind. Falsch. Fangen wir also damit an.1

    Der Bund mit Abraham (1. Mose 12:1-3; 1. Mose 15)

    In diesem Bund gibt es mit Sicherheit Elemente des Unbedingten. Gott initiiert den Bund und seine Verheißungen. Die ersten sechs Verse handeln von der Verheißung von Nachkommen (1. Mose 15:1-7). In 1. Mose 15:7-16 geht es um die Verheißung des Landes. Dann geht Gott allein durch die rituell geschlachteten und zubereiteten Tiere, um den Bund zu besiegeln (1. Mose 15:17-21). Die Erfüllung der Verheißungen des Bundes hängt also allein von Jahwe ab. Fall abgeschlossen, oder? Falsch.

    Die Erfüllung der Versprechen hängt zwar von der Fähigkeit Jahwes ab, aber es ist eine ganz andere Frage, WER die Empfänger der von Jahwe erfüllten Versprechen sein werden. Hier kommen die bedingten Elemente ins Spiel. Kurz gesagt hängt der Erhalt der Versprechen von einer spirituellen Beziehung zu Jahwe ab – dem Gehorsam gegenüber seiner Offenbarung.

    In 1. Mose 12:1-3, der ersten Passage über den Bund mit Abraham, sehen wir, wie Abraham gehorcht, was ihm gesagt wird („und er [Abraham] ging“; 1. Mose 12:4). Nach der Bundeszeremonie in 1. Mose 15 bekräftigt Gott den Bund in 1. Mose 17:2. Aber 1. Mose 17:1 legt eine klare Bedingung fest. Hier sind die beiden Verse zusammen:

    Als Abram 99 Jahre alt war, erschien ihm Jahwe und sagte: „Ich bin El-Schaddai, ‚Gott, der Allmächtige‘, geh deinen Weg vor mir und halte dich ganz an mich! Ich schließe meinen Bund mit dir und werde dir unermesslich viele Nachkommen geben.“

    1. Mose 17:1,2 NEÜ

    Beachte, dass die Sprache von Vers 2 eindeutig aus dem Bund von 1. Mose 12 und 15 stammt. Aber dieses Mal gibt es eine klare Bedingung. Gott fährt in 1. Mose 17 fort und wiederholt alle Elemente des ursprünglichen Bundes. Dann fordert er, dass Abraham und alle in seinem Haushalt beschnitten werden. Hier ist der Punkt: Nur Abrahams beschnittene Nachkommen – diejenigen, die gehorchen – sind berechtigt, die Versprechen zu erhalten, die Jahwe geben wird. Die Weigerung zu gehorchen bedeutete, dass man nicht an den Verheißungen teilhaben würde. Gott würde dafür sorgen, dass die Verheißungen erfüllt wurden, aber die Person, die sich weigerte zu gehorchen, würde nicht davon profitieren. Wir sehen mehr von dieser Bedingtheit in 1. Mose 18. Die beiden Elemente sind glasklar:

    17 Der HERR aber dachte: Soll ich vor Abraham geheim halten, was ich tun will? 18 Abraham soll zu einem grossen und mächtigen Volk werden, und durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. 19 Denn ich habe ihn erkoren, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm gebiete, den Weg des HERRN einzuhalten und Gerechtigkeit und Recht zu üben, damit der HERR über Abraham kommen lasse, was er ihm gesagt hat.

    1. Mose 18:17-19 NEÜ

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jahwe sich einseitig dazu verpflichtet hat, bestimmte Dinge zu tun, die er Abraham versprochen hat. Diese Versprechen gelten jedoch nur für Abrahams geistige Nachkommen – diejenigen, die wie er Jahwe folgen würden. Zunächst galt dies im Grunde nur innerhalb Israels, Abrahams physischem Samen. Schließlich weitete es sich auf Nichtjuden aus. Aber die Prämisse war dieselbe: Der „Gehorsam des Glaubens“, wie die Apostel es gerne nannten, war notwendig, um die Versprechen zu erhalten. Der Bund mit Abraham war sowohl an Bedingungen geknüpft als auch bedingungslos.

    Und nun zu den Fragen: Hat das nationale Israel als Körperschaft die Verheißungen verwirkt? Da diejenigen, die glauben, die Verheißungen erben, ergibt das, was Paulus in Galater 3 sagt, durchaus Sinn – aber ist das das Ende der Geschichte? Ist das Königreich die Kirche? Aus welchen Gründen sollten wir in Zukunft auf ein nationales Königreich in Israel hoffen? Wenn es so ist, dann nicht, weil der Bund bedingungslos an DIE NATION Israel gegeben wurde. Beide Testamente stimmen darin überein, dass diejenigen, denen die Verheißungen gegeben wurden, diejenigen waren, die GLAUBEN.

    Es geht um den Gehorsam des Glaubens, nicht um die Nationalität. So viel ist zumindest klar. Wir können also jetzt aufhören, ein buchstäbliches Millennium auf der Grundlage der Unbedingtheit des Bundes zu verteidigen. Für diese Idee braucht man ein anderes Argument. Dieses ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

    Als Nächstes der davidische Bund.

    1. Leser, die sich für eine eher technische Diskussion dieses Themas interessieren, werden auf Bruce K. Waltke, „The Phenomenon of Conditionality within Unconditional Covenants“, in Israel’s Apostasy and Restoration: Essays in Honor of Roland K. Harrison, Hrsg. Avraham Gileadi, Baker: 1988, S. 123-140, verwiesen. ↩︎
  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 2

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 2

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 2

    Thema: Die Notwendigkeit, dass Israel und die Kirche unterschiedlich sind, ergibt sich zum Teil aus der Annahme, dass das den Patriarchen verheißene Land nie vererbt wurde und die Verheißung daher noch erfüllt werden muss. Es gibt jedoch bestimmte Hinweise in der Heiligen Schrift, die darauf hindeuten könnten, dass die Landverheißungen tatsächlich erfüllt wurden – was wäre, wenn sich herausstellen würde, dass dies der Fall ist?

    Im ersten Teil dieser Serie habe ich darüber gesprochen, dass bestimmte eschatologische Systeme das Neue Testament benötigen, um zwischen der Kirche und dem nationalen Israel zu unterscheiden, damit bestimmte Elemente ihres eschatologischen Systems funktionieren. Lasst mich das hier noch einmal ein wenig ausführen, um es zu wiederholen.

    Bestimmte Systeme der Eschatologie (Standard-Prämillennialismus, jede Ansicht einer Entrückung) erfordern eine Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche. Für den Prämillennialisten muss sich das nationale Israel von der Kirche unterscheiden, damit die Verheißung eines buchstäblichen Landes (und damit eines buchstäblichen tausendjährigen Königreichs auf Erden) immer noch „da draußen“ ist – eine noch unerfüllte Prophezeiung. Sie muss noch unerfüllt sein, sonst hat es keinen Sinn, auf ein buchstäbliches Jahrtausend zu warten. Wenn Israel das Land, das ihm im Zeitalter des Alten Testaments versprochen wurde, erhalten hat, dann kann man den Bund mit Abraham (1. Mose 12:1-3; 1. Mose 15:1-6) nicht als Grundlage dafür heranziehen, zu sagen: „Es gibt noch ein buchstäbliches Königreich im Land, das noch kommen wird.“ Alle Positionen zur Entrückung außer der posttribulationistischen Version müssen zwischen Israel und der Kirche unterscheiden, weil sie sehen, dass die Kirche in Offenbarung 4 von der Erde entfernt wird – und dann wird argumentiert, dass all die schlimmen Dinge in der Offenbarung, die Trübsalperiode, der „Zeit der Not Jakobs“ im Alten Testament entsprechen – spezifische Flüche, die noch auf ISRAEL (nicht auf die Kirche) lasten. Dann kehrt der jüdische Messias zurück, um ISRAEL zu retten und das buchstäbliche tausendjährige Königreich einzuleiten. (Für Anhänger der Präterismus-Theorie erleidet die Kirche die Trübsal mit Israel, unterscheidet aber dennoch zwischen der Kirche und Israel, weil sie ein buchstäbliches tausendjähriges Königreich haben muss). Man geht davon aus, dass Daniels 70 Wochen, die in Bezug auf Jerusalem und Israel prophezeit werden, diese Unterscheidung deutlich machen. Da diese „Wochen“ (eigentlich Zeiträume von sieben Jahren) für Israel bestimmt sind und davon ausgegangen wird, dass eine 70. Woche noch in der Zukunft liegt, muss es eine prophetische Rolle für das nationale Israel geben. Die fehlende 70. Woche wird als die oben erwähnte siebenjährige Trübsalszeit angesehen (es gibt jedoch keinen Vers in der Bibel, der diese Gleichung herstellt – darauf werden wir in zukünftigen Beiträgen eingehen).

    Es ist also offensichtlich, dass eine Unterscheidung notwendig ist. Diese Notwendigkeit wird durch bestimmte Annahmen genährt (und begründet): Israel hat das Landversprechen nie erfüllt bekommen, also ist es immer noch da draußen. Und die Landversprechen müssen erfüllt werden, sonst hat Gott versagt. Daniels Prophezeiung erzwingt eine Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche. Mehrere klare NT-Passagen trüben die Sauberkeit all dessen. Ich habe mich ein wenig auf Galater 3 konzentriert, in dem die Kirche ausdrücklich als Erbin der Verheißungen an Abraham bezeichnet wird und somit das nationale Israel als Empfänger dieser Verheißungen ablöst. Die Aussage des Paulus, dass Christen (einschließlich Nichtjuden) Erben der Verheißungen Abrahams sind, lässt das Gespenst aufkommen, dass das nationale Israel durch die Kirche verdrängt wird. Daraufhin wird in der Regel eingewandt: „Nun, wann hat die Kirche das verheißene Land bekommen?“ Das ist für Befürworter der Gleichsetzung von Israel und Kirche eigentlich leicht zu beantworten. Sie argumentieren:

    (1) Die Parameter des Königreichs Salomo entsprechen den Parametern der Landverheißungen, die Abraham gegeben wurden, sodass Israel diese Verheißung erhalten hat;

    (2) Das Land wurde nicht nur als Wohnort für das Volk Gottes versprochen, sondern auch als Ort, an dem Jahwe bei seinem Volk wohnen sollte (zunächst in einem Tabernakel und dann im Tempel). Im Neuen Testament wird deutlich, dass dieser Ort nun die ganze Welt ist. Wie? Der Geist Christi (der Jahwe ist) kam zu Pfingsten herab (Apostelgeschichte 2) und wohnt nun in jedem Gläubigen (Eph 2:22; 2 Tim 1:4; Jakobus 4:5; Römer 8:9-11). Jeder Gläubige ist nun der Tempel Jahwes (Tempel des Heiligen Geistes), ebenso wie der gesamte Leib Christi (1 Kor 3:16; 6:19). Das bedeutet, dass Jahwe überall dort ist, wo Christen sind. Und Christen haben die Erde überzogen. Das war der Sinn des großen Auftrags – die Nationen für Jahwe zurückzugewinnen. Das verheißene Land ist jetzt die ganze Erde, nicht nur ein Stück Land von der Größe New Jerseys. Und das Volk Gottes bewohnt dieses Land. Die Kirche hat die Verheißungen, die Abraham gegeben wurden, geerbt. Gottes Plan wurde erfüllt.

    Und wenn das oben Gesagte wahr ist, auf welcher Grundlage sollten wir dann ein buchstäbliches irdisches Tausendjähriges Reich erwarten? Ist das Königreich der ganzen Erde nicht gut genug?

    Nun gibt es Möglichkeiten, ein buchstäbliches Jahrtausend immer noch zu argumentieren oder zu rechtfertigen, aber es geht mir nicht darum, dafür zu argumentieren. Es geht nur darum zu zeigen, dass diese Position alles andere als selbstverständlich ist.

    Als Nächstes: die Bündnisse. Wie wir bereits gesehen haben, ist einer der Gründe, warum Israel und die Kirche unterschieden werden, der Bund mit Abraham. Diejenigen, die Israel und die Kirche getrennt halten, argumentieren ihre Position auf der Grundlage, dass Israel das Land nie erhalten hat. Warum ist das wichtig? Weil, so wird argumentiert, der Bund mit Abraham, der Israel das Land gab, bedingungslos war – er wurde versprochen, egal was passiert. Gott schloss auch einen Bund mit David, dass seine Dynastie niemals enden würde (oder dass jemals jemand auf dem Thron Israels sitzen würde, der nicht Davids Nachkomme war). Dieser Bund war ebenfalls bedingungslos. Daher, so wird argumentiert, MUSS Israel das Land noch erhalten, und ein Nachkomme Davids MUSS auf dem buchstäblichen Thron in einem buchstäblichen Königreich in diesem buchstäblichen Land sitzen, damit diese Versprechen erfüllt werden. Es wird argumentiert, dass die Versprechen bezüglich des Landes und des Throns unerfüllt bleiben – also blicken wir in die Zukunft, um all das zu erreichen.

    Der Landteil davon wird, wie wir gesehen haben, durch Galater 3 untergraben. Er würde auch (möglicherweise) untergraben, wenn der Bund an Bedingungen geknüpft wäre. Viele Theologen argumentieren, dass der Bund mit Gehorsamsbedingungen verbunden war, Bedingungen, die durch den Abfall Israels gebrochen wurden. Daher sind die Verheißungen null und nichtig (tatsächlich wurden sie nach dieser Ansicht durch den Neuen Bund aus Jeremia 31 an die Kirche weitergegeben). Es wird auch argumentiert, dass Jesus das Versprechen der „Herrschaft der davidischen Dynastie“ des davidischen Bundes bereits erfüllt hat. In Zukunft besteht keine Notwendigkeit mehr dafür im wörtlichen Sinne. Wer hat also recht? Sind die Bündnisse an Bedingungen geknüpft? Ist der Thron Davids bereits vom Messias besetzt?

    Mit anderen Worten: Gibt es mehr als eine Möglichkeit, all dies zu betrachten, sodass kein prophetisches System selbstverständlich ist (d. h. den Anspruch hat, „biblisch“ zu sein)? Nun, du weißt, dass ich das mit Ja beantworten werde, aber warum?

    Seid gespannt.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 1

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 1

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 1

    Thema: Unterscheiden sich Israel und die Kirche voneinander, oder ersetzt die Kirche Israel in Gottes Programm für die Zeitalter? Woher sollen wir das wissen? Warum erbt die Kirche in Galater 3 die Verheißungen, die Abraham gegeben wurden? Warum werden die Gläubigen in 1. Korinther 3 und 6 als Tempel Gottes bezeichnet, wenn der Tempel wiederaufgebaut werden soll? Wenn Israel und die Kirche unterschiedlich sind, könnte es sein, dass Israel noch eine nationale Zukunft hat, unabhängig von der Kirche. Die Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche ist der Schlüssel zu jeder Vorstellung von einer Entrückung (denn die Kirche wird entrückt, nicht Israel).

    Freunde (und -verächter) des Naked Bibel Podcasts werden sich vielleicht daran erinnern, dass ich vor langer Zeit eine Liste mit den Voraussetzungen veröffentlicht habe, die man der Bibel aufzwingt und die letztlich die eigene Position zur Eschatologie („Endzeit“) bestimmen. Ich habe diese Liste veröffentlicht, weil allzu viele Christen davon ausgehen, dass sich ihre Sichtweise von selbst aus der Bibel ergibt (d. h., dass sie so klar gelehrt wird, dass sie sich fragen, wie jemand anderes die Endzeit anders sehen kann). Ich würde sagen, die Position, die am meisten Schuld auf sich geladen hat, ist die der pre-tribulational rapture (Entrückung vor der Trübsal) (wie sie in der Left Behind-Romanreihe dargestellt wird).

    In den folgenden Beiträgen möchte ich meine ursprüngliche Liste näher erläutern und die einzelnen Punkte ein wenig ausfalten. Mein Ziel ist es nicht, irgendeine Position zu leugnen oder zu befürworten. Ich mag oder hasse keine von ihnen. Es gibt Dinge, die ich an allen von ihnen mag. Ich höre schon die, die mit einer Ansicht verheiratet sind: „Wie kann er das sagen?! Das ist doch nicht möglich! Doch, das ist es. Und es ist die beste Perspektive. (Ich bin mir sicher, dass das jemanden ärgern wird). Ich werde meine eigene Denkweise am Ende der Serie erklären. Aber jetzt … Trommelwirbel, bitte … lasst uns eintauchen.

    Vorbedingung Punkt 1 – Sind Israel und die Kirche voneinander zu unterscheiden, oder tritt die Kirche in Gottes Programm für die Zeitalter an die Stelle Israels? Wenn sie sich voneinander unterscheiden, dann könnte es sein, dass Israel auch ohne die Kirche eine nationale Zukunft hat. Die Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche ist der Schlüssel zu jeder Vorstellung von einer Entrückung (denn die Kirche wird entrückt, nicht Israel).

    Lasst uns das genauer erklären.

    Das „Volk Gottes“ im ersten Teil der Bibel (dem Alten Testament) war Israel (und hier und da ein paar heidnische Bekehrte, die sich der Nation als Israeliten – Anhänger Jahwes – anschließen mussten). Gott schloss eine Reihe von Bündnissen mit Israel, um diese Bindung herzustellen und zu bestätigen. Diese Bündnisse enthielten alle bestimmte Verheißungen. Als Israel aus Ägypten auszog und das Gelobte Land betrat, erbte das Volk einige dieser Verheißungen – oder waren es ALLE? (das ist Thema Nr. 2 für das nächste Mal). Hier ist eine Liste der Verheißungen:

    Abrahams Bund (1. Mose 12,1-3; 1. Mose 15,6-7)

    1. Sie sollten ein Volk werden, dessen Bevölkerung so groß ist wie der Sand am Meer und die Sterne am Himmel.
    2. Sie würden gedeihen und ein Segen für alle sein, die sie segnen (oder ein Fluch für diejenigen, die sie verfluchen).
    3. Sie würden ein Land erben, das ihnen versprochen wurde („vom Euphrat bis zum Strom von Ägypten“ – mehr dazu in anderen Teilen).

    Der Bund vom Sinai („mosaische Bund“) (2 Mose 20-24)

    Der Bund Gottes mit dem Volk am Sinai wird in 2. Mose 20-24 beschrieben. Im Mittelpunkt steht das mosaische Gesetz. Gott bezeichnete Israel als einen besonderen Schatz, ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk und gab ihnen die Bestimmungen (Gesetze), die den Fortbestand der Gemeinschaft zwischen ihnen und ihrem Gott garantieren sollten (Fortsetzung des Abrahams-Bundes). Der Bund wurde durch ein Bundesopfer und die Besprengung mit Blut ratifiziert (2. Mose 24,48). Im Alten Testament werden verschiedene Verlängerungen des Sinai-Bundes aufgezeichnet. Die wichtigsten waren die auf den Ebenen von Moab (5. Mose. 29), in Sichem in den Tagen Josuas (Josua 24), als Jojada die davidische Königslinie unter Joasch wiederherstellen konnte (2. Könige 11), in den Tagen Hiskias (2. Könige 29,10) und in den Tagen unter der Herrschaft Josias (2. Könige 23,3).

    Der davidische Bund (2. Samuel 7)

    Gott versprach David, dass seine Nachkommen eine ewige dynastische Herrschaft über das gelobte Land haben und als seine Söhne bekannt sein sollten (2 Samuel 7,12-17; Psalm 89; Jesaja 55).

    Der Neue Bund

    An mehreren Stellen in den Propheten, vor allem aber bei Jeremia, ist von einem neuen Bund im messianischen Zeitalter die Rede (Jes 42:6; Jes 49:68; Jes 55:3; Jes 59:21; Jes 61:8; Jer 31:31, 33; Jer 32:40; Jer 50:5; Hes 16:60, 62; Hes 34:25; Hes 37:26).

    Diese Passagen gehen von einem Volk aus, das aufgrund seiner Sünden – seiner Verstöße gegen den Sinai-Bund – im Exil ist. Dieser Bund besagt, dass der Sinai-Bund zwar gebrochen wurde, die Verheißung Gottes aber nicht hinfällig wird. Es würde einen Überrest geben, durch den Gott seine Verheißungen einlösen würde. Er würde einen neuen Bund schließen. Sein Gesetz würde in die Herzen der Menschen geschrieben werden. An jenem Tag würde der Thron Davids von einem aus dem Geschlecht Davids besetzt werden (dies setzt voraus, dass dies nicht der Fall ist – wie z. B. im Exil) und das Volk würde sich eines ewigen Friedensbundes erfreuen, an dem auch die Nationen teilhaben würden (Jes 42,6; Jes 49,6; Jes 55,35; vgl. Sach 2,11; Sach 8,20-23; 14,16; usw.). In jenen Tagen wird die Anbetung gereinigt (Hes. 40:48), eine wahre theokratische Regierung eingesetzt und allgemeiner Frieden herrschen.

    Hast du das alles verstanden? Gut! Jetzt kommt die Frage: Steht das Volk Israel (die nationale ethnische Einheit) immer noch im Mittelpunkt dieser Bundesverheißungen (vor und nach dem endgültigen Neuen Bund) oder ist die Kirche jetzt der Mittelpunkt?

    Man kann für beide Seiten argumentieren – je nachdem, welche Voraussetzungen man mitbringt. Wir werden in den Punkten 2 und 3 ins Detail gehen, also lasst uns einen Blick auf diese Punkte werfen. Die beiden Seiten der Frage Nr. 1 hängen davon ab, ob man glaubt, dass die Verheißungen des abrahamitischen, des Sinai- und des davidischen Bundes BEDINGUNGEN waren. Das heißt, ob der Erhalt der Verheißungen an Bedingungen geknüpft war („Israel muss X tun/werden“) oder ob die Verheißungen ohne Bedingungen gegeben wurden („egal, was Israel an Sünden begeht, Gott wird ihm die Verheißungen trotzdem geben“). Wenn es Bedingungen gab, ist es offensichtlich, dass Israel versagt hat (sie gingen durch Gottes Hand ins Exil). Wenn es keine Bedingungen gab, ist es dann das, worum es beim Neuen Bund geht? Ist der Neue Bund die Antwort?

    Diese Fragen sind für die Nummer 1 wichtig, weil sie ein Konstrukt schaffen, mit dem wir die Frage des ersten Punktes analysieren können: Sind Israel und die Kirche voneinander zu unterscheiden, oder ersetzt die Kirche Israel in Gottes Programm für die Zeitalter?

    Jesus kam ganz klar, um den Neuen Bund zu errichten („das ist der neue Bund in meinem Blut“ – siehe Lukas 22,20; 1 Kor 11,25; 2 Kor 3,6; Hebr 8,13; Hebr 12,24). Und der Geist kam auf die Jünger und ihre Bekehrten nach dem Pfingsttag (Apostelgeschichte 2; siehe die weietern Kapitel der Apostelgeschichte danach). Die Kirche war „beschneidungsneutral“ – sie bestand nicht nur aus Juden, sondern auch aus Heiden, die ebenfalls ein Element des Neuen Bundes waren. Aber wenn die Kirche – und nicht Israel als Nation – im Mittelpunkt des Neuen Bundes stand, welchen Zweck hat dann das nationale Israel (außer Jesus anzunehmen und in die Kirche aufgenommen zu werden)? Das bedeutet auch, dass der davidische Herrscher Jesus ist und das Gelobte Land größer ist als Israel – es ist die ganze Welt – daher der Missionsbefehl. Lasst uns die Frage so stellen: Gibt es irgendeinen Teil des Neuen Bundes, den die Kirche nicht beantworten kann? Man könnte sagen, der Teil „alle Völker“ – aber genau darum geht es im Missionsbefehl, der an die junge KIRCHE und nicht an Israel gerichtet ist (Mt 28,18-20).

    An dieser Stelle wird häufig eingewendet, dass die Kirche kein theokratisches Reich ist. Das ist sie aber – ihr Haupt ist Christus und ihr Land ist die ganze Erde (zurück zum Missionsbefehl). Warum sollten wir darauf bestehen, dass die Landverheißungen in einem winzigen Teil der Erde (Israel) erfüllt werden müssen und nicht in der ganzen Erde? Die Antwort wäre: „Nun, der abrahamitische Bund garantierte das verheißene Land und hatte bestimmte Dimensionen, und Israel hat nie das ganze Land bekommen … also bekommen sie entweder das Land als nationale Einheit, oder Gottes Verheißungen sind gescheitert. Auch das ist eine Vorbedingung. Sie setzt voraus, dass Gottes Plan durch den Neuen Bund und die weltweite Kirche, die die Heiden mit einschließt, nicht erfüllt wird. Sie setzt auch voraus, dass Israel das Land nie in den Dimensionen von 1. Mose 15 bekommen hat (dazu später mehr). Wenn die Bündnisse jedoch an Bedingungen geknüpft waren, dann hat Israel die Landverheißungen versäumt (sie haben versagt, Gott nicht), und der Einwand eines buchstäblichen Königreichs innerhalb der Parameter von 1. Mose 15 könnte völlig überflüssig sein.

    Noch eine Anmerkung zum Unterschied und zur Gleichheit von Israel und der Kirche: Galater 3 (lies das ganze Kapitel) macht deutlich, dass die Christen – die Kirche – die Verheißungen Abrahams „geerbt“ haben. Sollten wir dieses Land vom Land ausschließen? Wenn „das verheißene Land“ durch „die ganze Erde“ ersetzt wurde, dann lautet die Antwort ja – und das ist das Hauptargument dafür, dass wir keinen Grund haben, in der Zukunft ein buchstäbliches Königreich in Israel (ein Millennium) zu erwarten.

    Gibt es also einen Unterschied zwischen Israel und der Kirche? Ja, das eine ist nicht gleichzusetzen mit dem anderen. Aber ersetzt die Kirche Israel als das Volk Gottes? In gewisser Weise ist das eindeutig der Fall, denn die Kirche erbt die Verheißungen, die Israel durch Christus gegeben wurden (Galater 3). Aber was ist mit dem Land? Wenn die Landverheißung immer noch da ist und auf ihre Erfüllung wartet, dann ist Israel als nationales Gebilde in Bezug auf die Reichsprophetie immer noch anders. Wenn die Landverheißung ‚weggesündigt‘ wurde und nun durch die ganze Erde ersetzt wird, dann spielt das Volk Israel selbst keine besondere Rolle in der biblischen Prophetie – es geht nur um die Kirche.

    Und ob du es glaubst oder nicht: Wenn es nur um die Kirche geht, gibt es keine siebenjährige Trübsal und keine Entrückung, denn erstere basiert vollständig auf der 70-Wochen-Prophezeiung, die Jerusalem und Israel gegeben wurde, während letztere wiederum auf der buchstäblichen Trübsal basiert.

    Bleib dran.

    Bis zum nächsten Mal.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Die Jagd nach dem Snark

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Die Jagd nach dem Snark

    Von Christian


    Falls du noch nie von Eschatologie gehört hast und auch keine Ahnung hast, was der Snark ist und erst recht nicht, was die Suche nach diesem Snark sein sollte: Keine Sorge, es ist alles in Ordnung mit dir. Du solltest dir eher Sorgen machen, wenn du auf dieser Jagd bist. Warum, wird gleich klar.

    Zuerst einmal zu diesem schönen Fremdwort aus dem Griechischen: Eschatologie

    Eschatologie ([ɛsça-], aus altgriechisch τὰ ἔσχατα ta és-chata ‚die äußersten Dinge‘, ‚die letzten Dinge‘ und λόγος lógos ‚Lehre‘) ist ein theologischer Begriff, der das religiöse Konzept des Endzeitlichen, insbesondere die prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen (individuelle Eschatologie) und der gesamten Schöpfung (universale Eschatologie) beschreibt.

    Wikipedia

    Ok. Das könnte dich also schon einmal beschäftigt haben. „Wann kommt die Endzeit?“ „Wann kommt Harmagedon?“ „Für wann ist die Wiederkunft Christi zu erwarten?“ „Wann kommt das Ende?“ Und so weiter. Wenn ich alle Formulierungen auflisten würde, wäre die Zeit für diesen Teil der Serie schon vorbei.

    Und um es klar zu sagen: Wenn es um so etwas Wichtiges für das eigene Leben wie das Ende der Welt geht, ist es schon verständlich, wenn man darüber mehr wissen möchte.

    Die Frage ist nur: Wieviel können wir denn darüber wissen? Steht dazu etwas in der Bibel? Nun, wohl nichts so Offensichtliches wie ein Datum, sonst wäre es ja allen klar. Aber vielleicht müssen wir nur die verschlüsselten Begriffe im Bibelbuch Daniel, dem Neuen Testament und insbesondere der Offenbarung verstehen und kombinieren, um dieses Geheimnis zu lüften? Es soll sogar Zeichen geben, die wir nur entschlüsseln müssten. Und viele geben vor, dies tun zu können! Bei der Übersetzung des Buches „Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ war ich über die lange Liste der vorhergesagten Daten der Endzeit gelinde gesagt schockiert: Alleine von der Reformation bis heute führt er Dutzende von Vorhersagen und Jahren an.

    Und damit kommen wir zu dieser merkwürdigen Jagd nach dem Snark. Außerhalb des englischsprachigen Raumes kennt man diese Geschichte von Lewis Carrol kaum (Wikipedia). Aber Alice im Wunderland kennst du doch, oder? Ist auch von ihm. Die Geschichte The Hunting of the Snark (An Agony in Eight Fits) (engl. für „Die Jagd nach dem Snark – eine Agonie in acht Anfällen“ oder „– eine Agonie in acht Abschnitten“) wurde 1876 veröffentlicht:

    Von Henry Holiday – bookcover front of „The Hunting of the Snark“, Gemeinfrei

    Was hat diese Ballade mit Eschatologie zu tun? Nun, unsere Beschäftigung mit dem Thema Eschatologie sollte sich nie zu einem solchen Abenteuer entwickeln:

    Das Gedicht ist eine Ballade über eine seltsame Jagd-Expedition, die sich mit Sorgfalt, Hoffnung und einer völlig leeren Meereskarte aufmacht, ein mysteriöses Wesen namens Snark zu fangen. Was genau sie mit dem Snark anfangen wollen, bleibt offen, doch werden einige Eigenschaften aufgezählt.

    Die Besatzung wird vom Bellman (Ausrufer) mit seiner Glocke geleitet. 

    Eine der Figuren (Der Bäcker) hatte an dem Tag, als das Schiff der Jagdgesellschaft in See stach, die Warnung empfangen, dass manche Snarks Boojums sind, und wer das Pech hat, ein Boojum zu treffen, der wird sofort „sachte und plötzlich“ verschwinden. Genau dieses Pech hat der Bäcker am Ende der Ballade, denn der von ihm schließlich gefundene Snark war ein Boojum.

    Die Jagd auf den Snark (Wikipedia)

    Siehst du die Parallelen? Ich passe die Beschreibung einmal an das Thema an:

    Das Finden der einen richtigen biblischen Eschatologie ist eine seltsame Unternehmung, die manche mit akribischer Sorgfalt und großen Hoffnungen durchführen, aber nur mit einer vagen Beschreibung in sehr wenigen Bibeltexten. Was sie mit dieser Eschatologie dann anfangen sollen, ist offen.

    Die Suchenden werden von charismatischen Anführern oder Lehren motiviert.

    Auf dieser Suche kann man, wenn man Pech hat, „sachte und plötzlich“ verschwinden.

    Die Jagd nach der einzig wahren Eschatologie (Christian)

    Jetzt will ich nicht sagen, dass wir in der Bibel gar nichts zur Eschatologie finden. Doch eine obsessive Suche, die Aussagen der Bibel zur ‚Endzeit‘ und dem weiteren Verlauf der Geschichte ganz genau und ‚richtig‘ zu verstehen oder gar ein Datum vorherzusagen, hat sich wie die Suche nach dem Snark erwiesen. Es gibt endlose Interpretationen, Spekulationen und man kann sehr viel Zeit darauf verwenden. Und manche sind dabei aus der Realität sozusagen verschwunden.

    Was dabei leider oft übersehen wird, ist, welche entscheidende Rolle die eigenen Annahmen und Interpretationen spielen.

    Genau mit diesem Thema hat sich der Bibelwissenschaftler Dr. Michael S. Heiser in einer Blog-Serie über Eschatologie gewidment, die ich ins Deutsche übersetzt einmal wieder geben möchte.

    Dabei verwendet er einige Begriffe in Bezug auf Eschatologie, die dir vielleicht nicht bekannt sind. Die folgenden Erklärungen und Schaubilder sind aus der Wikipedia.

    Zuerst einmal werden wir den Begriff des Millenniums öfters hören. Das Wort ist vom lateinischen Wort für 1000 abgeleitet und bezeichnet eine Zeitspanne von 1000 Jahren. Als Millenarismus (oder vom Griechischen Wort abgeleitet Chiliasmus) wird die Überzeugung bezeichnet, die sich auf eine 1000 jährige (buchstäbliche oder symbolische) Herrschaft Jesu Christi bezieht, welche in Offenbarung 20:1-10 zu finden ist.

    Im Wesentlichen gibt es diese Hauptrichtungen des Millenniarismus:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus

    Nach dem ersten Kommen Christi vor rund 2000 Jahren würde gemäß den wichtigsten Hauptströmungen Folgendes geschehen:

    Prämillenarismus

    Die lateinsiche Silbe prä bedeutet „vor“. Die Vorstellung ist, dass wir in der Bibel lesen, dass es eine ‚große Trübsal‘ geben wird, danach Jesu zweites Kommen. Darauf schließt sich das Millennium an und dann das Endgericht.

    Dispensationalismus

    Der modernere Dispensationalimus sieht ein vorangegangenes zweites Kommen Christi für die Kirche vor. Damit einhergehend kann es eine ‚Entrückung‘ (Englisch rapture) geben, in der die Gläubigen von der Erde genommen werden.

    Postmillenarismus

    Die lateinische Silbe post bedeutet „danach“. In dieser Glaubensrichtung kommt Jesus erst nach dem Millennium zum zweiten Mal und führt dann das Endgericht durch.

    Amillennialismus

    Die Vorsilbe ‚a‘ bedeutet hier so viel wie nie „nicht“ oder „kein“. Also Kein-Millennium. Die Zahl 1000 wird symbolisch verstanden und die ganze Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kommen Christi werden als das Millennium angesehen.

    Zusätzlich zu diesen Ansichten gibt es noch eine fast unüberschaubare Anzahl von solchen, die sich in gewissen Details unterscheiden.

    Aber warum gibt es denn solch verschiedene Ansichten, obwohl der Text des Alten und Neuen Testaments der selbe ist? Das erklärt Dr. Heiser in seinem Blog, mit dem wir im nächsten Teil anfangen werden.

  • Gottes Bild sein – Teil 6

    Gottes Bild sein – Teil 6

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im fünften Teil angekündigt, beschäftigen wir uns im Rest der Serie mit ‚Menschsein in Gottes neuer Welt‘.

    Menschsein in Gottes neuer Welt

    1. Mose 1 vermittelt unsere grundlegende menschliche Identität als Bild Gottes und führt damit ein wichtiges Thema der Heiligen Schrift ein. Der Ausdruck „Bild Gottes“ kommt jedoch nur in 1. Mose 1, 5 und 9 vor. Danach rückt das Thema in den Vordergrund, Gottes Namen zu tragen.

    Wenn wir dann zum Neuen Testament übergehen, finden wir einige weitere Passgen, in denen vom Bild Gottes gesprochen wird. Auffallend ist, dass sie sich alle auf Jesus beziehen. Und jetzt kommt der Knaller:

    Jesus, der Mensch

    Jesus ist nicht das Ebenbild Gottes, weil er Gott ist. Jesus ist das Ebenbild Gottes, weil er ein Mensch ist.

    Sein Eintritt in die Menschheitsgeschichte ist kein Plan B, sondern die Krönung von Plan A. Und so erklärt sich auch, warum das Johannes Evangelium mit Worten wie in 1. Mose 1:1 beginnt: „Am Anfang war …“ Jeder Mensch ist das Ebenbild Gottes, aber Jesus erfüllt Gottes Absichten für die Berufung, die diese Identität mit sich bringt, perfekt. „Er ist das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens.“ (Hebräer 1:3 NGÜ) Die Vater-Sohn-Sprache füllt das erste Kapitel des Hebräerbriefs und bezeichnet Jesus als Gottes erhabenen Bundespartner, der in seinem Namen regieren wird. Das heißt, er sorgt dafür, dass die Familie Gottes wieder in eine rechte Beziehung zu ihm kommt, damit auch wir Gottes Herrlichkeit ausstrahlen können.

    Jeder Aspekt des Dienstes von Jesus lehrt uns etwas darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Warum hat Jesus zum Beispiel Menschen geheilt? Da Jesus das menschliche Vorbild ist, müssen wir das richtig verstehen. In Johannes 9 heilt Jesus einen Mann, der blind geboren wurde. Die Blindheit des Mannes war ein Anlass für Jesu öffentliche Machtdemonstration, um seine messianische Identität zu offenbaren. Gleichzeitig stellte Jesus die problematische Theologie seiner Jünger und der jüdischen Religionsführer bloß. In der Geschichte geht es nicht darum, die Schwäche des Mannes hervorzuheben, sondern vielmehr darum, die Identität Jesu im Licht der Hartherzigkeit Israels zu enthüllen. Die Heilung des blind geborenen Mannes durch Jesus war nicht nur ein Akt des Mitleids. Jesus „reparierte“ nicht einfach das Problem dieses Mannes. Vielmehr entlarvte er den Unglauben und machte seine Identität als derjenige deutlich, der gekommen war, um die Prophezeiungen Jesajas zu erfüllen.

    Der Tod Jesu war die Vollendung des Ziels der Menschheit. Er war „gehorsam bis zum Tod“ – er weigerte sich, an Macht oder Autonomie festzuhalten (siehe Philipper 2:8). Vor die gleiche Wahl gestellt wie die ersten Menschen, hat Jesus Sünde und Tod besiegt, indem er sich ihnen frontal stellte und das Urteil empfing, das die Menschheit verdient hatte. Er tat dies aus freien Stücken und nahm stellvertretend für uns die volle Strafe für die menschliche Rebellion auf sich. Dieser Akt der Selbstaufopferung repariert schließlich die Zerrissenheit des Gartens. Jesus ist die Umkehrung der ersten Menschen.

    Die Erkenntnisse von Johannes sind für die Frage dieser Reihe besonders relevant: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Als zweiter Adam lebt Jesus die Entscheidung der ersten Menschen nach. Anstatt seinen eigenen Weg zur Herrlichkeit zu finden, vertraut sich Jesus dem Vater an. Sein letzter Akt am Kreuz verbindet seine eigene Mutter mit Johannes, dem geliebten Jünger (Johannes 19,25-27). Auf diese Weise schafft er eine neue menschliche Familie, in der „Eltern“ und „Kinder“ nicht durch das Blut, sondern durch liebevolle Hingabe verbunden sind.

    Die letzten Worte Jesu am Kreuz im Johannesevangelium bringen sein wichtiges Werk zum Abschluss: „Es ist vollbracht“ (Johannes 19:30). All dies geschah am „Tag der Vorbereitung, und der nächste Tag sollte ein besonderer Sabbat sein“ (Johannes 19:31; vgl. 19:14). So wie Gott sein Schöpfungswerk vor dem Sabbat vollendet hatte (1. Mose 2:2), vollendet Jesus sein Werk, die neue Schöpfung einzuläuten, indem er die Bestimmung der Menschheit durch selbstlose Liebe und vollen Gehorsam gegenüber Gottes Gebot erfüllt.

    Jesus starb als der ultimative Mensch, indem er die Strafe, die wir verdienen, freiwillig auf sich nahm.

    Eine neue Menschheit

    Im Bericht der Genesis enden alle Tage der Schöpfung mit „und es war Abend, und es war Morgen, der … Tag“. Der siebente Tag endete allerdings nicht. Am siebten Tag ruhte Gott von seiner schöpferischen Tätigkeit … bis zu diesem Zeitpunkt. Mit Jesu Auferstehung signalisiert Johannes den Beginn einer neuen Woche, einer neuen Schöpfung.

    Im Johannes Brief spricht Jesus Maria Magdalena mit „Frau“ an (Johannes 20:15), was uns unwillkürlich an den Garten Eden erinnert. Im Gegensatz zu Eva werde Marias Augen geöffnet und sie erkennt Jesus. Dann ruft Jesus sie beim Namen und beauftragt sie, den anderen Jüngern zu sagen, dass er lebt. Dieser Moment ist eine wunderbare Wiederherstellung der partnerschaftlichen Schöpfung, die im Gegensatz zur kulturellen Überzeugung des ersten Jahrhunderts steht.

    Die leibliche Auferstehung Jesu zeigt, was Gott mit den verkörperten Menschen auf der Erde vorhat. Die Beauftragung Marias mit der Nachricht von der Auferstehung bekräftigt Gottes Absichten für die Partnerschaft von Männern und Frauen im Dienst des Evangeliums.

    Vielen Christen haben die Vorstellung, dass sie nach dem Tod in den Himmel kommen. Doch wenn Jesus schon vorher im Himmel existierte und dann auf die Erde die kam, warum wurde er nach seinem Tod nicht sogleich im Himmel auferweckt? Solche fragen haben schon seine Nachfolger in den ersten Jahrzehnten beschäftigt und viel mehr in den Jahrhunderten danach. Die Evangelien sagen, dass er drei Tage tot war, bevor er auferweckt wurde und als Mensch wieder erschien. Wo war in der Zwischenzeit? Lebte er als Mensch wieder oder war er ein Geist, der nur einen anderen menschlichen Körper zeitweise verwendete? Oder ist er gar nicht am Kreuz gestorben, sondern ist es so – wie viele Muslie heute glauben – dass die Juden nur meinten, sie hätten ihn getötet? Ziemlich viele und tiefgehende Fragen, die wir hier gar nicht beantworten können, ohne zu weit vom Thema abzukommen.

    Doch gemäß den Evanglien hat er ja nicht nur irgendeinen menschlichen Körper angenommen, sondern zumindest einmal einen, der dem bei seinem Tod einschließlich der Wunden glich. Warum? Die Kontinuität zwischen seiner Menschwerdung und dem Auferstehungsleib deutet darauf hin, dass auch wir in der neuen Schöpfung unser verkörpertes Selbst sein werden. Wir werden in der Auferstehung wir selbst sein – du wirst mich wieder erkennen können.

    Das ist für manchen vielleicht ein ziemlich überraschender oder sogar abwegiger Gedanke. Und er verdient es, genauer betrachtet zu werden. Was wir in späteren Videos tun werden.

    Die Narben Jesu unterstreichen die Kontinuität zwischen unserem jetzigen Körper und unserem auferstandenen Körper.

    Warum ist es aber überhaupt so wichtig, über Jesu Auferstehung zu sprechen und sie nicht an den Rand zu drängen? Wenn wir die Himmelfahrt Jesu verpassen, laufen wir Gefahr, seinen und unseren eigenen Dienst zu sehr zu spiritualisieren. Die Heilige Schrift sagt uns, dass Jesus auf dieselbe Weise wiederkommen wird, wie er weggegangen ist – leibhaftig und sichtbar – um seine Herrschaft auf die Erde zu bringen (Apostelgeschichte 1:11). Und gemäß dem Johannes Evanglium beschreibt Jesus seine geistige Wiedergeburt als „wiedergeboren“ oder genauer übersetzt „von oben geboren“ (Johannes 3:3-8) Was bedeutet das für uns Menschen?

    N. T. Wright sagt: „Echte christliche Hoffnung, die in der Auferstehung Jesu wurzelt, ist die Hoffnung auf Gottes Erneuerung aller Dinge, auf seine Überwindung von Verderbnis, Verfall und Tod, auf seine Erfüllung des ganzen Kosmos mit seiner Liebe und Gnade, seiner Macht und Herrlichkeit.“ Das werden in späteren Videos vertiefen.

    Hier nur ein Hinweis. Warum spricht Paulus in 1. Korinther 15:19-22 im Kontext von Jesu Auferstehung davon, dass er eine „Ertlingsfrucht“ ist? „Indem Paulus den auferstandenen Leib Christi als Erstlingsfrucht bezeichnet, deutet er an, dass seine Auferstehung kein einzigartiges, einmaliges Ereignis ist, sondern ein Vorgeschmack auf das, was jedem Gläubigen bevorsteht.“

    Carmen Imes schließt dieses Kapitel mit zwei weiteren interessanten Schlüsselgedanken ab:

    Jesu Auferstehung eröffnet sein Amt als Richter und Hoherpriester und ermächtigt uns, sein Werk fortzuführen.

    Unsere Sterblichkeit ist ein Wegweiser auf dem Weg in eine Zukunft, in der alles wiederhergestellt sein wird.

    Die geliebte Gemeinschaft

    Wer heute in der christlich geprägten Welt aufgewachsen ist, kennt in der Regel den Kontext, in dem das Evangelium verkündet wurde, nicht. Die damalige Menschheit war auf alle erdenklichen Weisen strikt getrennt: Nach Klasse, Sprache, Ethnie, Bürgerschaft, Religion, Geschlecht usw. In den Briefen des Paulus zum Beispiel wird einer Unterscheidung aus Sicht der Juden immer wieder klar: Wir – als auserwähltes Volk Gottes – und die anderen, die Heiden. Wir können uns vermutlich gar nicht vorstellen, wie tief dies im Leben eines Menschen verankert war, der aufrichtig nach dem Bund vom Sinai Jahwe anbeten wollte. Und nun kommt mit dem Evangelium das: „In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, vernommen habt, in ihm seid ihr als Glaubende auch versiegelt worden durch den Geist der Verheissung, den heiligen Geist.“ (Epheser 1:13 Züricher) Für sie war das eine schockierende Neuigkeit: Die geistigen Segnungen standen nun auch den Heiden offen. Daher bezeichnet Paulus nun alle – Juden wie auch Heiden – als den Leib Christi. Alle können nun Teil der Menschen des Bundes sein. Und auch andere trennende Grenzen werden eingerissen, was die Hoffnung der Menscheit betrifft: Gegenseitige Unterordnung (Epheser 5:21), das Verhältnis von Ehefrauen und Ehemännern (Epheser 5:22-23), Sklaven und Freie (Epheser 6:5-9). „Doch im Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann noch ist der Mann etwas ohne die Frau.“ (1. Korinther 11:11 Züricher). „Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ (Galater 3:27,28 Züricher) In der christlichen Gemeinschaft sind alle gleichwertig. Alles zurück auf Anfang.

    Das Evangelium ermöglicht eine menschliche Gemeinschaft, die weder nach Rasse noch nach körperlichen oder kognitiven Fähigkeiten getrennt ist.

    Mit diesem Gedanken im Sinn können wir auch darüber nachdenken, warum Jesus seine Nachfolger aufforderte, ihm zu Gedenken, indem man von Brot und Wein gemeinsam nimmt. Im Leib Christi gibt es keine ‚Beobachter‘. Wir sind eine Familie.

    Wahre Gemeinschaft wird durch physische Präsenz und gemeinsame Teilnahme an der Kommunion ermöglicht.

    Es geht nicht darum, dass Gott einzelnen Menschen Gaben gegeben hat, sondern dass wir Gaben für andere sind (Epheser 4:11-12). Jesus war das vollkommene Bild Gottes. Die Schrift lädt uns ein, auf Christus zu schauen, um zu lernen, wie wir selbst sein können. Dann macht auch die von der Gelehrten Haley Goranson Jacob vorgeschlagene Übersetzung von Römer 8:28 Sinn: „Gott wirkt alles zum Guten mit denen, die Gott lieben und die nach seinem Vorsatz berufen sind.“ Wir warten nicht einfach auf die Erlösung. Stattdessen arbeiten wir aktiv mit Gott zusammen an diesem Werk der Veränderung.

    Zu unserer Zukunft gehört die Wiedererlangung und Verherrlichung unseres Körpers, wenn wir die volle Adoption in Gottes königliche Familie erleben.

    Von der Schöpfung zur neuen Schöpfung

    Abschließend geht Carmen Imes noch auf zwei unter Christen weit verbreitete Vorstellungen ein, die sich allerdings nicht im Neuen Testament finden und erst viel später in das Christentum Eingang fanden: Die Vorstellung, dass unsere Zukunft im Himmel ist, die Erde zerstört wird und die Gläubigen zuvor entrückt werden.

    Wenn wir das Neue Testament aber vorbehaltlos lesen, werden wir diese Gedanken nicht so finden. Sondern die Wiederherstellung der Schöpfung und Gottes Herrschaft auf der Erde.

    Die Wiederkehr Jesu wird nicht die Zerstörung dieses Planeten oder die geheime Entrückung der Gläubigen bedeuten, sondern seine Herrschaft als König auf der Erde einleiten.

    Sagte Jesus nicht selbst im sogenannten Vater-Unser: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ (Matthäus 6:10 Züricher). Daher fasst Carmen Imes die Gedanken wie folgt zusammen:

    Die rebellischen Mächte des Himmels und der Erde werden endgültig besiegt, und diese Welt wird gereinigt und wiederhergestellt werden.

    Das sollte uns aber nicht dazu veranlassen, einfach passiv abzuwarten:

    Jesus ruft uns auf, uns von der Sünde abzuwenden, uns zu ihm zu bekennen und auf seine Rückkehr zu warten. Während wir warten, sollen wir unsere menschliche Berufung als Verwalter der Schöpfung ausüben.

    Die letzten Gedanken kamen jetzt ohne weitergehende Begründung und mögen für dich unerwartet gewesen sein. Dann empfehle ich dir dazu die Video Serie „Von Hoffnung überrascht“.

  • Gottes Bild sein – Teil 5

    Gottes Bild sein – Teil 5

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im vierten Teil angekündigt haben, werden wir uns nur mit dem „Weg der Weisheit“ beschäftigen.

    Die Suche des Menschen

    Könnte man den Weihnachtsmann fragen, was am häufigsten auf der Wunschliste der Menschen steht, wird er wohl kaum antworten: Weisheit. Dabei ist Weisheit doch eigentlich mit das Wichtigste, was man im Leben erlangen sollte.

    Gemäß der Bibel können wir Weisheit auf zwei Weisen kultivieren: Indem wir Gott als Quelle von Weisheit vertrauen. Und zweitens, indem du sorgfältig beobachtest, wie die Welt funktioniert, und dich für das Gute entscheidest.

    Dementsprechend haben wir in der Bibel die Bücher Sprüche, Prediger und Hoheslied. Interessanterweise behaupten die Weisen hier nicht, dass sie im Namen Gottes sprechen.

    Weisheit ist etwas, das wir wollen müssen. Wir müssen sie lieben und alles, was wir haben, für sie aufwenden, sie wertschätzen und umarmen. Wenn wir das nicht tun, könnte unsere Geschichte so enden wie die Salomos: Es beweist, dass Weisheit keine Leistung ist, über die man sich freuen kann, sondern ein Muskel, den man trainieren muss. Oder wie N.T. Wright sagt: „Die Liebe ist die schärfste Form der Erkenntnis, weil die Liebe es ist, die, während sie sich mit einer anderen Wirklichkeit als der eigenen identifiziert, die andere Wirklichkeit als die eigene bejaht und feiert.“

    Wenn du jetzt den Eindruck gewonnen hast, dass das eine ziemlich schwierige Aufgabe für schlaue Leute ist, dann rückt die Bibel dieses Bild gerade: „Ihr Anfänger, lernt, was Klugheit ist! / Ihr Tagträumer, werdet endlich wach! Hört zu, ich gebe euch einen wertvollen Rat! / Die Wahrheitsliebe öffnet mir den Mund.“ (Sprüche 8:5,6 NEÜ) Ironischerweise liegt der Schlüssel zur Entdeckung von Weisheit in der Erkenntnis, dass wir keine Antworten haben und nicht wissen können, was das Beste ist. Darum geht es eigentlich – dass wir lernen, uns auf Gott zu verlassen, der uns den Weg zum Leben zeigt.

    Menschliche Schwäche und Sterblichkeit disqualifizieren uns nicht, unseren menschlichen Daseinszweck zu erfüllen. Sich durch ehrliches Gebet auf Gott zu verlassen, ist der Weg zur Weisheit. Das Buch der Psalmen enthält viele solche Gebete.

    Menschliches Leiden

    Vielleicht ist dir aber schon der Gedanke gekommen, dass das Buch Prediger doch eher deprimierend ist: „ Alles Reden müht sich ab, keiner kommt damit zum Ziel. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr wird vom Hören nicht voll. Was einmal geschah, wird wieder geschehen, und was einmal getan wurde, wieder getan, und nichts ist wirklich neu unter der Sonne. An die Früheren erinnert man sich nicht, und an die Späteren, die kommen werden, auch an sie wird man sich nicht erinnern bei denen, die zuletzt sein werden.“ (Prediger 1:8,9,11)

    Und anscheinend beginnt das Buch Prediger nicht mit Weisheit sondern mit einer klaren Ansage, was für eine deprimierende Aussicht uns erwartet: „“Bedeutungslos! Bedeutungslos!“, sagt der Prediger. „Völlig bedeutungslos! Alles ist bedeutungslos.““ (Prediger 1:2 NIV) Aber wer sagte das und sagte die Person das wirklich so, wie es übersetzt wird?

    Die Person wird ‚Prediger‘ im Deutschen genannt. Daher auch der Name des Buches. Im Hebräischen steht dort Kohelet. Das bedeutet „Versammler, Gemeindeleiter“. In der Septuaginta wurde es mit Ekklesiastes übersetzt, was „Redner in einer Volksversammlung“ bedeutet und woraus derm Name des Buches im englischen Sprachraum ableitet.

    Was er in Prediger 1:2 sagt ist: „Hevel, hevel. Alles ist vollständig hevel“. Hevel bedeutet soviel wie Dunst. Es wird als eine Methapher verwendet. „Alles ist wie ein Dunst.“ In Prediger wird nicht gesagt, dass alles sinnlos ist oder ‚nichtig‘ wie es manchmal übersetzt wird. Sondern eher ‚flüchtig‘. Die Weisheit besteht darin, zu erkennen, dass es jenseits unsere Fähigkeiten liegt, den Sinn des Leben vollständig zu verstehen. Und dass wenn wir immer nur in die Zukunft schauen, auf das, was wir nicht haben, was vergehen wird, dann übersehen wir das ganze Leben was Gutes direkt vor unseren Augen ist.

    Der Prediger fordert uns auf, die Reise zu genießen. Hör auf, so fieberhaft zu versuchen, das Leben zu verstehen, sondern sei dankbar für Momente der Freude und Zufriedenheit – Essen, Trinken, Freunde – das sind Geschenke unseres Schöpfers.

    Wir Menschen sind nicht in der Lage, Gottes Wege zu verstehen. Gott ist uns keine Erklärung schuldig. Er lädt uns einfach ein, ihm zu vertrauen. Schlechte Dinge passieren guten Menschen, weil wir in einer Welt leben, die von Gebrochenheit gezeichnet ist. Wir müssen lernen, mit dem Unbekannten zu leben. Die menschliche Sterblichkeit und die Zerbrochenheit unserer Welt bedeuten, dass wir lernen müssen, innerhalb von Grenzen freudig zu leben.

    Das ist heute Teil unseres Sein, unsere Bestimmung, Bilder Gottes zu sein und entsprechend zu leben. Doch so wird es nicht bleiben. Im nächsten Teil beschäftigen wir uns mit den Menschen in Gottes neuer Welt.

  • Gottes Bild sein – Teil 4

    Gottes Bild sein – Teil 4

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den dritten Teil hatten wir mit der Frage abgeschlossen, wie es sich auf unser Leben und Verhalten auswirken sollte, dass wir all imago Dei, das Bild Gottes sind.

    Das Projekt Mensch

    Schon Adams Reaktion auf Gottes Frage zeigte, dass es mit der Erkenntnis von Gut und Böse nicht weit her war. Ihr Sohn Kain tötet seinen Bruder aus Hass. Dann baut er eine Stadt. Sein Nachkomme Lamech nahm sich mehrere Frauen, tyrranisierte seine Familie und verdreht die Geschichte um seinen Vorfahren Kain, um eine Rechtfertigung für Mord zu erfinden. (1. Mose 4:19-24). In 1. Mose 6 erfahren wir dann, dass sogar ‚Söhne Gottes‘ wie Adam und Eva die ihnen von Gott gesetzen Grenzen überschritten. Die meiner Meinung nach schlüssigste Erklärung ist, dass diese ‚Söhne Gottes‘ von Gott geschaffene Geistweisen waren. Die Situation wird so schlimm, dass Gott dem mit der Flut ein Ende bereitet. War also ‚das Projekt Mensch‘ gescheitert?

    In diesen ersten Kapitel der Genesis finden wir auch Abel, Enosch, Noah und andere, die ‚den Namen Jahwes anriefen‘. (1. Mose 4:26) Was war bei diesen anders?

    Ein Mensch zu sein bedeutet, seinen Platz in der Schöpfungsordnung zu kennen.

    Die Sünde löscht unsere Identität als imago Dei nicht aus, aber sie hindert uns daran, Gottes Herrlichkeit vollständig widerzuspiegeln.

    Being God’s image, Carmen Joy Imes

    Tatsächlich war die Situation so schlimm, dass Jahwe einen Neuanfang des ‚Projekt Mensch‘ startete. Wer den Bericht über die Sintflut liest, übersieht vielleicht diesen Aspekt: Der Bericht in 1. Mose 6-9 ist so gestaltet, dass er eine Umkehr der Erschaffung der Erde darstellt, indem Wasser von oben das Land überflutet und bedeckt und damit 1. Mose 1 ungeschehen gemacht wird. Ein Neuanfang. Und das spiegelt sich auch in dem kunstvollen Chiasmus dieses Berichts wieder. Der zweite Teil des Berichts spiegelt den ersten wieder:

    Being God’s image, Carmen Joy Imes

    Die Menschen bekommen das bewohnbare Land wieder. Gott hat denjenigen nicht vergessen, dessen Gehorsam eine göttliche Rettung ermöglicht hatte. Aber die Flut hatte die Menschheit an sich nicht repariert, das Problem der Rebellion und den zebrochenen Beziehungen war nicht gelöst. Doch ganz im Gegensatz dazu, hatte sich auch die menschliche Identität als Bild Gottes nicht geändert. Gottes Segen ist immer noch intakt: „Dann segnete Gott Noah und seine Söhne. Er sagte: „Seid fruchtbar, vermehrt euch und füllt die Erde.“ (1. Mose 9). Interessanteweise wird aber der Teil „unterwerft sie euch“ aus 1. Mose 1:28 nicht mehr erwähnt. Im hebräischen steht dort kabash, was ein sehr starkes Wort ist, das mögliche Anwendung von Kraft und Macht beinhaltet. Aber das Anwenden von Gewalt war ja eines der Übel, welche die Menschen davon abhielt, sich wirklich als Bild Gottes zu erweisen. Daher setzt Gott nun klare Grenzen, was das Töten von Tieren und Menschen betrifft. (1. Mose 9).

    Wer hat das sagen?

    Damit hat Jahwe zum zweiten Mal für einen guten Start für seine Bilder gesorgt. Das nächste Kapitel – 1. Mose 10 – enthält die sogenannte Völkertafel der Nachkommen Noahs, die in anderem Zusammenhang eine interessante Rolle spielt. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass direkt danach in 1. Mose 11 die Geschichte vom Turmbau zu Babel zu finden ist. Gott hatte die Menschen mit Fähigkeiten und Macht ausgestattet, um seinen Auftrag zu erfüllen. 1. Mose 11 zeigt seine Reaktion darauf, dass die Menschen diese Fähigkeiten missbrauchen, um eine nicht erlaubte zentrale Macht zu errichten.

    Aber der Bericht über den Turmbau in Babel lehrt uns etwas Wichtiges in Bezug darauf, was es bedeutet Gottes Bild zu sein – oder besser gesagt, davon abzuweichen.

    Warum wollten sie einen Turm bauen, „dessen Spitze bis an den Himmel reicht“ (1. Mose 11:4)?

    Viele denken, dass die Menschen in den Himmel hinaufsteigen wollten, um göttlichen Status zu erreichen. Aber das wird im Text nicht gesagt. Was sie wollten, war, nicht über die Erde verstreut zu werden – was aber Gottes Auftrag für seine Bilder war.

    Berücksichtigt man den biblischen und historischen Kontext, dann ist eine zweite Interpretation wahrscheinlicher. Solche Türme oder Ziggurate sollten den Göttern ermöglichen, sich zwischen Himmel und Erde zu bewegen! Kommt dir das merkwürdig vor? Dann lies einmal Jakobs Traum in 1. Mose 28. Und dann macht auch 1. Mose 11:5 Sinn. Der Turm hat seinen Zweck gewissermaßen erfüllt – nur überhaupt nicht so, wie sie es dachten: „Jahwe kam herab, um sich anzusehen, was die Menschen da bauten – eine Stadt mit einem Turm!“ (1. Mose 11:5, NEÜ). „Da stieg der HERR herab …“ (1. Mose 11:5 Züricher). Sie stellten sich vor, dass die Götter herabsteigen würden. Und der biblische Text nimmt diese Vorstellung auf und lässt sozusagen Jahwe herabsteigen. Den Ausgang kennen wir.

    Es gibt noch (mindestens) eine dritte Möglichkeit, da in Verbindung mit Babel nicht von einem Tempel gesprochen wird. Der Turm war als das gedacht, was im Hebräischen als migdal bezeichnet wird: Es ist eine Art Wachtturm. Vor diesem Bericht wird in 1. Mose 10:8-12 von Nimrod gesprochen, einem gewalttätigen Krieger dessen Name „wir mögen rebellieren“ bedeutet. Ein Wachtturm, der ihnen helfen soll, feindliche Krieger schon von weiterm zu sehen. Dazu passt auch die Bemerkung, dass sie „eine Sprache“ hatten. In assyrischen Texten wird diese Formulierung dafür verwendet, dass den Besiegten eine einfache Zweitsprache aufgezwungen wurde. Daher auch der sich reimende Text in 1. Mose 11:3 „Komm, lass uns Ziegel ziegelmachen, und lass [sie] mit Feuer befeuern.“

    Wie dem auch sei, der Name der Stadt sollte nicht vergessen werden: Babel. Einige Übersetzungen übersetzen in 1. Mose 10:10 hier Babylon. Babylon ist später die Stadt, welche Jerusalem zerstört und Gottes Volk in Gefangenschaft bringt und unterdrückt. Aber Gott toleriert keine Mächte, die sich gegen das stellen, was Gott für seine Bilder geboten hat. Das zeigt er in Babel und später in Babylon. Auch wegem dem Götzendienst, der so konträr dazu steht, dass Menschen keine Bilder von Göttern anbeten sollten, weil sie selbst die Bilder des einen wahren Gottes sind!

    Gott zeigt in 1. Mose 11 den Menschen, wer das Sagen hat! Jahwe hat das Projekt Mensch zum zweiten mal auf Null zurückgesetzt.

    Gottes Bild sein und seinen Namen tragen

    An dieser Stelle wird es interessant (als ob es das nicht schon gewesen wäre). Das Buch 1. Mose wird 10 mal vom hebräischen Wort toledot unterbrochen, das soviel wie „Generationen“ oder „Aufzeichnungen“ bedeutet. Dadurch werden Abschnitte hervorgehoben, in denen auf die nachfolgendenen Generationen fokussiert wird. Toledot findet sich 5 mal in den bisher betrachteten Kapitel 1. Mose 1-11 und dann 5 mal in 1. Mose 12-50.

    So, wie Gott Adam in den Garten setzt, um seinen Auftrag zu erfüllen, so bringt er Abram aus Mesepotamien – das Herzstück der menschlichen Rebellion – in das Zentrum des verheißenen Landes, um das wiederherzustellen, was verloren ging:

    Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dir fluchen. Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet sein.

    1. Mose 12:3 NEÜ

    Dieses Versprechen ist die Schlüsselverbindung von 1. Mose 1-11 zu 1. Mose 12-50. Und hier beginnt das Konzept, Gottes Namen zu tragen. Ab diesem Punkt – 1. Mose 12 – ist der Fokus der biblischen Erzählung Gottes Namen zu tragen, während des Konzept Gottes Bild zu sein in den Hintergrund rückt.

    Dieses Konzept habe ich ausführlich in der Serie „Gottes Namen tragen“ besprochen, das ich vor dieser Serie veröffentlich habe und welches sich auf das entsprechende Buch von Carmen Joy Imes bezieht.

    Es wäre daher gut – falls noch nicht gesehen – sich mit den Gedanken der Serie „Gottes Namen tragen“ auseinanderzusetzen. In den nächsten Teilen dieser Serie werden wir diese Gedanken voraussetzen und machen mit dem „Weg der Weisheit“ weiter.

  • Gottes Bild sein – Teil 3

    Gottes Bild sein – Teil 3

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den zweiten Teil hatten wir mit der Ankündigung abgeschlossen, dass es nun mit der Arbeit losgeht, als imago Dei, Bild Gottes.

    An die Arbeit gehen

    Was bedeutet das für uns Menschen als Bild Gottes, als imago Dei? Ich zitiere mal einen Satz aus Carmen Imes Buch:

    Gute Arbeit zu leisten ist eine Möglichkeit, unsere Bestimmung zum Ausdruck zu bringen.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Ich hoffe doch sehr, dass ich damit allerlei Gedanken zum Thema, Werke, Glaube, Erlösung, Gerechtigkeit durch Werke usw. ausgelöst habe. Und möchte gleich anschließen: Damit hat das überhaupt nichts zu tun. Sondern vielmehr damit, dass wir als Bild Gottes sinnvolle Arbeit tun möchten und uns das uns gut tut. Es ist Teil unserer Bestimmung. Nehmen wir zum Beispiel 3. Mose 19:9-10 Landwirte sollten nicht alles am Feld oder Weinberg ernten. Dieser Teil als Frucht ihrer Arbeit würde ihnen schon genügen. Aber Arme und Fremde ohne Land, sollten auch die Möglichkeit haben, mit eigener Arbeit zu ernten und daraus ein Selbstwertgefühl zu erhalten. Sie sollten keine Allmosenempfänger sein, auf die man herabblickt.

    Bei der Arbeit, die Gott für seine Bilder vorgesehen hat, geht es aber nicht um uns.

    „Das Bild Gottes zu sein bedeutet, dass wir in eine besondere Beziehung zu Gott, zueinander und zum Rest der Schöpfung gestellt werden, um als seine königlichen Vertreter zu herrschen.“

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Welche Konsequenzen hat das?

    Wenn ich wirklich glaube, dass jeder Mensch das Bild Gottes ist und geschaffen wurde, um der Welt die Gegenwart Gottes zu signalisieren, dann sollte mich dieser Glaube dazu verpflichten, meine Mitmenschen mit Würde zu behandeln.

    Frauen sind Gottes Bild, haben die gleiche Würde und tragen die gleiche Verantwortung dafür, Gott gegenüber der Schöpfung zu vertreten.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Nun sind wir an dem Punkt, wo wir uns mit gewissen Voreingenommenheiten gegenüber Frauen beschäftigen sollten, die manche aus dem Bibelbericht über den Sündenfall abzuleiten glauben zu können.

    Stellen wir uns einmal die Situation mit Eva und der Schlange vor. Wenn du dir dazu ein Bild vorstellst, bin ich mir ziemlich sicher, dass es in etwa so aufgebaut ist:

    Albrecht Dürer, „Der Sündenfall der Menschheit (Adam und Eva)“ 1504

    Alle Bilder dazu, an die Carmen Imes sich (und auch ich mich) erinnern kann, sehen so ähnlich aus. Und damit liegen alle in ein paar Punkten falsch, weil das so überhaupt nicht in der Bibel steht: Nirgends steht, dass Eva und die Schlange direkt unter dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse standen. Warum würde Eva gemäß dem Bericht in 1. Mose 3:3 nicht einfach von „diesem Baum“ sprechen, sondern von „dem Baum in der Mitte des Gartens“. Es muss sich also nicht um eine spontane Entscheidung gehandelt haben, sondern die Schlange hat den Samen des Zweifels gesät. Und der wirkte: „Als die Frau nun sah, wie gut von dem Baum zu essen wäre, was für eine Augenweide er war und wie viel Einsicht er versprach, da nahm sie eine Frucht und aß.“ (1. Mose 3:6 NEÜ) Etwas ist auf dem Bild aber richtig dargestellt, was manche Männer allerdings lieber verdrängen: Gemäß 1. Mose 3:6 war Adam dann dabei, als Eva von der Frucht nahm: „Sie gab auch ihrem Mann davon, der neben ihr stand. Auch er aß.“ Eva wird manchmal als Ursache des Übels abgestempelt. Aber warum ist Adam nicht vehement eingeschritten? Er war doch direkt daneben, als sie von der Frucht aß. Und warum waren sie beide dann bei dem Baum in der Mitte des Gartens? Vielleicht war er ja schlau, und hat erstmal abgewartet, ob sie nicht doch sofort tot umfällt. Und als das nicht der Fall war … Wer weiß.

    So haben sich also beide dafür entschieden, nicht wie das Bild Gottes zu handeln. Und in einem hatte die Schlange recht: „Da gingen beiden die Augen auf.“ Was sie erkannten, war aber nur, dass sie nackt waren. Eine Erkenntnis von Gut und Böse wie Gott kann man kaum erkennen, wenn Adam als Ausrede in 1. Mose 3:12 erst Eva die Schuld gibt, und gleich darauf Gott selbst, weil er sie ihm ja schließlich gegeben hat.

    Carmen Imes fasst die Situation so zusammen:

    Ihr Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot und ihr Unvermögen, Gottes guten Absichten zu vertrauen, lassen ihre Beziehung zu Gott, zueinander und zu der von Gott geschaffenen Welt sofort zerbrechen.

    Die ersten Menschen verloren das gegenseitige Vertrauen, den gegenseitigen Respekt, die Unschuld und die Vertrautheit mit Gott und den anderen Menschen. Das Schlimmste aber war, dass sie den Zugang zur Gegenwart Gottes im Garten verloren.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    War es nun damit vorbei, dass Menschen das ‚Bild Gottes‘ sind? Carmen Imes argumentiert – wie auch andere Gelehrte – dass die erneute Erwähnung in 1. Mose 5:1-3 („nach seinem Bild“) und 1. Mose 9:6 („Denn als Bild Gottes / hat er den Menschen gemacht.“, Einheitsübersetzung 2016) der menschliche Status als Gottes Bild wiederholt wird.

    Weil das Wesentliche daran, Gottes Ebenbild zu sein, eine Aussage über unsere Identität ist und nicht eine Fähigkeit oder Funktion, können wir es nicht verlieren.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Und damit wären wir bei der Frage, wie sich diese Erkenntnis, dass wir ‚imago Dei‘, also das Bild Gottes sind, auf unser Verhalten und unser Leben auswirken sollte. Damit werden wir uns im nächsten Teil beschäftigen.

  • Gottes Bild sein – Teil 2

    Gottes Bild sein – Teil 2

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den ersten Teil hatten wir mit dieser Aussage abgeschlossen

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darum geht es in diesem zweiten Teil der Serie.

    Die Krone der Schöpfung – Bild Gottes

    Warum habe ich hier von den Menschen als Bilder Gottes gesprochen? Das wird schon ab 1. Mose 1:26,27 deutlich, wenn der Höhepunkt der Schöpfung beschrieben wird:

    Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde regen. Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

    1. Mose 1:26, 27 Züricher

    So übersetzen mittlerweile die meisten Übersetzungen. Vielleicht hast du dich aber auch gewundert, weil du den Text anders in Erinnerung hast:

    Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich; … Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

    1. Mose 1:26,27 Schlachter 2000

    Sind wir jetzt im Bild Gottes erschaffen oder als Bild Gottes? Welcher Gedanke kommt dem Text am nächsten? Am besten finden wir das heraus, wenn wir (1) die antike Kultur und (2) andere Passagen der Bibel verwenden. In lateinischen Bibelübersetzungen wird hier der Begriff ‚imago Dei‚ verwendet: Bild Gottes. Im Hebräischen steht das Wort tselem. Dieses hat in verwandten antiken Sprachen eine klare Bedeutung: Es ist die Statue eines Gottes in seinem Tempel. Damit sind wir wieder bei der Tempel-Symbolik der Bibel, von der wir schon gesprochen hatten. Wir sind also erschaffen worden, um Gottes Bild zu sein:

    So wie eine Götterstatue den Anspruch dieses Gottes auf ein bestimmtes Gebiet repräsentieren soll, so sind die Menschen die physische Repräsentation des Schöpfergottes auf der Erde. Und so wie ein Götzenbild den Lobpreis auf die eigentliche Gottheit lenken soll, so sollen die Menschen den Lobpreis auf Jahwe lenken. Der Theologe Marc Cortez nennt dies „repräsentative Präsenz“: „Wir müssen imago Dei als eine Erklärung ansehen, dass Gott beabsichtigte, die Menschen als das physische Mittel zu erschaffen, durch das er seine eigene göttliche Gegenwart in der Welt manifestieren würde.“

    N. T. Wright sagt, wir sollen ein „abgewinkelter Spiegel sein, der Gottes weise Anordnung in die Welt reflektiert und das Lob der ganzen Schöpfung auf den Schöpfer zurückwirft.“

    Wir sind Gottes Familie. Gottes Bild zu sein, beinhaltet sowohl Verwandtschaft als auch Königtum. Wir sind Teil der königlichen Familie.

    Obwohl der Schöpfungsbericht mit dem Erscheinen der Menschen seinen Höhepunkt erreicht, sind wir nicht das Zentrum des Universums. Gott ist es.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    „Mensch zu sein bedeutet, im Namen Gottes an der Bewahrung der Schöpfung teilzunehmen. Unsere Aufgabe ist es, die Erde so zu pflegen, wie es der Schöpfer tun würde. Wir setzen Gottes schöpferisches Werk fort.“

    Vermutlich denkst du jetzt schon daran, wie du das umsetzen kannst. An und für sich ist es ja gut, sich Gedanken zu machen, was man selbst tun kann. Andererseits ist es auch sein Sympton vieler christlicher Glaubensrichtungen, sich sehr auf das Individuum zu fokusieren.

    „Gemeinsam sind wir Gottes Ebenbild. Gott hat Männer und Frauen dazu geschaffen, sich gegenseitig zu begleiten und Seite an Seite in der Welt zu arbeiten.“

    Selbst in bezug auf Yahwe selbst wird das im Bibelbericht in 1. Mose 1:26 deutlich: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich.“ (Züricher). Die Verwendung des Plurals hier ist weder eine ehrfüchtige Bezeichnung für Gott noch ein Bezug auf die Trinität. „In einem altorientalischen Kontext hätten die ersten Zuhörer dies als Verweis auf Gottes himmlischen Gerichtshof, seinen göttlichen Rat, verstanden. (z.B. Hiob 1:6-12; Psalm 82; Jesaja 6:8)“ Die Menschheit als Bild Gottes wurde von Gott als Teil einer Gemeinschaft erschaffen.

    Nachdem das nun geklärt ist, können wir ja in 1. Mose 2 weiter lesen. Und da stolpern die meisten. Weil es ab Vers 4 anscheinend nochmal, aber anders erzählt wird. Das hat aber einen Grund: In 1. Mose 1 steht Gott im Mittelpunkt. In 1. Mose 2 geht es um die Menschheit:

    „1. Mose 2 untersucht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – in Beziehung zu Gott, zur Erde, zu den Pflanzen, zu den Tieren und zueinander.“ Daher konzentriert sich der zweite Schöpfungsbericht auf die menschliche Identität und Berufung. Dieses Kapitel lässt uns entdecken, dass Menschen eigentlich Gärtner sein sollten. Das wird duch 1. Mose 2:5 deutlich, wo zwei Gründe dafür genannt werden, dass die Erde noch nicht fruchtbar war: 1. Gott hatte es noch nicht regnen lassen, 2. Es gab noch keine Menschen, die das Land bebauten. „Diese Aussage impliziert, dass der beabsichtigte Entwurf eine Partnerschaft zwischen Gott und den Menschen ist, um die Erde zu bebauen.“ Die ganze Erde sollte mit Hilfe der Menschen wie Eden werden.

    In diesem Zusammenhang sollten wir auch kurz klären, warum in Übersetzungen die Frau Eva als eine „Hilfe“ oder „Gehilfin“ Adams bezeichnet wird. War sie nur als so etwas wie ein Hilfsarbeiter gedacht, nicht gleichwertig mit Adam? Keineswegs, wie der Text zeigt. In 1. Mose 2:18,20 wird das hebräische Wort kenegdo gebraucht, welches korrekt mit ‚ebenbürtig‘ oder ‚genau entsprechen‘ übersetzt wird. ‚Hilfe‘ ist die Übersetzung des hebräischen ‚ezer. Es kommt im alten Testament über 90 Mal als Hauptwort vor und hauptsächlich auf zwei Arten verwendet: (1) Für alliierte Soldaten und (2) für Gott als Israels Hilfe. Es wird nie in Bezug auf einen Diener oder Untergebenen gebraucht. Seine hauptsächliche Verwendung ist militärisch und wird am besten als ‚Alliierter‘ übersetzt. Tatsächlich gab es vor der Rebellion Adams und Evas gegenüber Gott keine Hierarchie, welche die beiden trennte.

    Wir alle – unabhängig vom Geschlecht – sind das Bild Gottes, um seinen Auftrag zu erfüllen. Niemand ist davon ausgeschlossen. Und keiner von uns kann diese Aufgabe alleine erfüllen. Keiner muss diese Aufgabe alleine erfüllen. Um Gottes Auftrag zu erfüllen, brauchen wir uns gegenseitig.

    Und damit möchte ich es in dieser Folge belassen. Denn wenn dieser Teil auch nicht lange war, enthielt er eine Menge von Gedanken, die es wert sind, darüber nachzudenken. Im nächsten Teil fangen wir dann mit der Arbeit an – als imago Dei, Bild Gottes.

    An die Arbeit gehen

    Was bedeutet das für uns Menschen als Bild Gottes, als imago Dei?

    Gute Arbeit zu leisten ist eine Möglichkeit, unsere Bestimmung zum Ausdruck zu bringen.

    „Das Bild Gottes zu sein bedeutet, dass wir in eine besondere Beziehung zu Gott, zueinander und zum Rest der Schöpfung gestellt werden, um als seine königlichen Vertreter zu herrschen.“

    Wenn ich wirklich glaube, dass jeder Mensch das Bild Gottes ist und geschaffen wurde, um der Welt die Gegenwart Gottes zu signalisieren, dann sollte mich dieser Glaube dazu verpflichten, meine Mitmenschen mit Würde zu behandeln.

    Frauen sind Gottes Bild, haben die gleiche Würde und tragen die gleiche Verantwortung dafür, Gott gegenüber der Schöpfung zu vertreten.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes
  • Gottes Bild sein – Teil 1

    Gottes Bild sein – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Um unsere Berufung und Zukunft als Menschen aus biblischer Sicht besser verstehen zu können, müssen wir in Genesis beim Bericht über die Schöpfung in 1. Mose anfangen. Doch das ist heutzutage ein denkbar schlechter Startpunkt für ein Video, weil praktisch jeder schon eine Meinung dazu hat und damit abschaltet: Von streng wörtlicher Auslegung bis zur völligen Ablehnung gibt es alles.

    Worum es in der Genesis aber geht, kann man nur richtig verstehen, wenn wir unseren Kontext des 21. Jahrhundert vergessen – soweit das überhaupt möglich ist – und die Worte mit dem Kontext der Israeliten vor 3500 Jahren lesen. Mindestens drei wesentliche Unterschiede müssen wir berücksichtigen:

    1. Die Menschen damals interessierte nicht „was die Welt im Innersten zusammenhält“, also der heutige wissenschaftliche Ansatz. Sondern wer die Welt ordnet und für ihre Funktionieren verantwortlich ist und sorgt.
    2. Die damalige Vorstellung von Himmel und Erde war eine ganz andere als heute. Nein, es geht nicht darum, dass sie irgendwie beschränkter oder ‚primitiver‘ war. Da die ‚Welt‘ dieser Menschen auf einen sehr überschaubaren Teil der Erde beschränkt war, war so etwas wie ein Globus oder eine Weltkarte unwichtig. Was sie interessierte war eine Beschreibung der ‚Welt‘, in welcher der Bereich der Menschen, der geistigen Wesen, der Toten und die Ordnung des Ganzen einfach verständlich war. Und so waren auch die Weltbilder oder Modelle anderer Völker aufgebaut. Wer heute diese als unwissenschaftlich belächelt, hat deren eigentlichen Zweck nicht verstanden.
    3. Die Israeliten kannten die Weltbilder und Schöpfungsgeschichten aus Ägypten und Mesepotamien. Daher ist ein Vergleich der Genesis mit diesen sehr aufschlußreich.

    Muster im biblischen Schöpfungsbericht

    Carmen Imes bezieht sich hier auf die Arbeiten verschiedener Gelehrter, insbesondere auf John H. Waltons Arbeiten, die man zum Beispiel in seinem Buch The Lost World of Genesis One finden kann:

    The Lost World of Genesis One von John H. Walton

    Jascha Schmitz hatte den Inhalt in seiner Video Serie Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt schon ausführlich erläutert. Daher werde ich hier das Ergebnis nur sehr kurz zusammenfassen.

    Kurz gesagt geht es im Schöpfungsbericht in der Genesis (1. Mose) nicht darum, wie Gott alles gemacht hat, sondern warum.

    Carmen Joy Imes, Being God’s Image

    Um das Risiko zu minimieren, unsere eigenen Ideen dem Text der Bibel hinzuzufügen, ist es wichtig, nach Mustern Ausschau zu halten, die der Author verwendet, um Dinge zu betonen. Was in einer Übersetzung meist verloren geht, ist der Rhythmus und die Wiederholung bestimmter Wörter oder Bilder in der Originalsprache des Textes. So ist es auch hier: „Gott sagte“ wird 3 mal für Menschen und 7 mal alles andere verwendet, also 10 mal. „Es werde …“ wird 3 mal für die Himmel und 7 mal für die Erde verwendet, also 10 mal. „machen“ wird 10 mal verwendet, „gemäß ihrer Art“ 10 mal, „Gott sah, dass es gut war“ 7mal usw. Es gibt noch mehr davon. Und wir finden dieses Muster:

    Die Symmetrie des Schöpfungsberichts in der Genesis

    In die Welt, die in 1. Mose 1:2 noch „formlos und leer“ ist, bringt Jahwe die Ordnung, die wir kennen. Am ersten Tag trennt Jahwe Licht von Dunkelheit, welche dann am vierten Tag mit Sonne, Mond und Sternen bevölkert werden. Am zweiten Tag trennt Jahwe die Wasser – oberhalb und unterhalb – und erschafft so den Himmel dazwischen. Am fünften Tag bevölkert Jahwe diese mit Vögeln und Fischen. Am dritten Tag trennt Jahwe trockenes Land ab und am sechsten Tag werden diese mit Landtieren und Menschen bevölkert.

    Menschen der Antike waren nicht daran interessiert, wie die Dinge ins Dasein kamen, sondern warum. Und der Schöpfungsbericht der Genesis in 1. Mose 1 gibt die Gründe an, das Warum: An Tag 1 sorgt Jahwe für Licht und an Tag 4 Himmelskörper, mit denen die Israeliten Zeit messen konnten, was nicht nur für den Ackerbau wichtig war, sondern auch für die Einhaltung der Festtage, welche den Israeliten auch gemäß den Büchern Mose mitgeteilt wurden. An Tag 2 sorgt Jahwe für den Bereich der Luft zwischen den Wassern, damit an Tag 5 Fische und Vögel darin leben können und später noch mehr. An Tag 3 wird das trockenes Land und Vegetation erwähnt, damit am Tag 6 darin Landtiere und der Mensch leben können.

    Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nicht um die wissenschaftliche Beschreibung einer zeitlichen Reihenfolge geht, sondern an Tag 1, 2 und 3 die Bereiche erwähnt werden und symmetrisch dazu an Tag 4, 5 und 6 die ‚Bewohner‘ dieser Bereiche. Auch wenn der 7. Tag danach kommt, geht es hier primär nicht um eine zeitliche Abfolge, sondern den Zweck, das Warum: Alles war gut und Jahwe konnte nun ‚ruhen‘. Nicht im Sinne von ‚ausruhen‘, sondern dass die Ordnung nun hergestellt war. Auch dazu gibt es ausführlichere Erklärungen. Das hier gebrauchte Worte für ‚ruhen‘ wird aber auch in dem Sinne gebraucht, dass die Vorbereitungen jetzt erledigt sind und mit dem eigentlichen Regieren begonnen werden kann.

    Sind wir Gedanklich immer noch bei den Israeliten in der Wüste vor 3500 Jahren? Das wurde über Jahwe gesagt, der Gott, der sie aus Ägypten gebracht hat und einen Bund mit ihnen schließen will: Das ist Jahwe, der euer Gott sein wird und ihr sein Volk, das seinen Namen tragen soll. Vergessen wir nicht, die Bericht der Genesis in diesem Kontext zu lesen und zu sehen. Deswegen ist der Bericht so geschrieben worden, wie er ist.

    In Verbindung mit dem Schöpfungsbericht, dem Ruhetag Gottes und der späteren Sabbath-Vorkehrung können wir auch schon einmal etwas für unser Leben ableiten:

    Der Sabbath ruft uns dazu auf, aufzuhören, wie Sklaven zu arbeiten, sondern anzufangen wie Mitglieder der königlichen Familie zu leben.

    Warum hier von einer königlichen Familie gesprochen wird, werden wir im Laufe der Serie noch besser verstehen. Es geht hier um ein weiteres Muster im Text der Bibel, eine Metapher, die den Israeliten gut bekannt war: Die Familienmitglieder des Königs hatten einen anderen Status als alle anderen Menschen. Nicht nur in Bezug auf das Erbe des Königtums, sondern während ihres ganzen Lebens. Dieses Muster taucht in der Bibel immer wieder auf, um unser Verhältnis zu Gott zu beschreiben.

    Welche Vorstellung von der Welt hatten denn die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, wo und warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe meine Video Serie Gottes Namen Tragen).

    Der biblische Schöpfungsbericht ist dagegen so komponiert, dass einige Gelehrte ihn für eine Art Liturgie halten: Der 7-Tage Rahmen des Schöpfungsberichts wurde so angelegt, damit er ein Must für die Arbeitswoche der Israeliten ist. Ein Zyklus von 7 Tagen findet sich nicht in anderen antiken Kalendern, die von Himmelskörpern abgeleitet ist. Er kommt gemäß den Büchern Mose aus einem Gebot Gottes und daher ist im hebräischen die 7 eine Zahl für Vollständigkeit. Die Bezeichnung des 7. Tages als Ruhetag findet seinen Anklang in Pslam 132:7-8 oder Jesaja 66:1,2 wo von Gottes Ruheort gesprochen wird. Viele Gelehrte halten 1. Mose 1 (Genesis 1) daher für einen Tempel-Einweihungstext – für den kosmischen Tempel Gottes. Aber das ist ein anderes spannendes Thema, das Jascha Schmitz in einer längeren Video-Serie betrachtet hat: Kosmischer Tempel – Zentrales Thema der Bibel

    Dabei geht es jetzt nicht um eine geheime Botschaft, die in der Bibel versteckt ist. Es geht um das Muster eines Tempels, das im Text der Bibel immer wieder verwendet wird. Eine Metapher, mit der die Israeliten und Menschen der Antike völlig vertraut waren. Ein Tempel war der Ort der Präsenz eines Gottes oder einer Göttin. In der Kosmologie der Israeliten war der Bereich Jahwes und der der Menschen getrennt. In Verbindung mit dem Sinai, der Bundeslade und später dem Tempel wird aber im Alten Testament von der Gegenwart oder Präsenz Jahwes gesprochen. Und so auch in der Genesis – im Schöpfungsbericht in 1. Mose. Und zwar in Verbindung mit dem Garten Eden im Paradies und den Menschen. Dieses Muster von Eden findet sich später wieder in der Konstruktion und den Darstellungen in der Stiftshütte, dem Tempel und weiter bis zu Offenbarung.

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Eine interessante Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darauf gehen wir im nächsten Teil ein.