Autor: φιλαλήθης

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 1

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 1

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 1

    Thema: Unterscheiden sich Israel und die Kirche voneinander, oder ersetzt die Kirche Israel in Gottes Programm für die Zeitalter? Woher sollen wir das wissen? Warum erbt die Kirche in Galater 3 die Verheißungen, die Abraham gegeben wurden? Warum werden die Gläubigen in 1. Korinther 3 und 6 als Tempel Gottes bezeichnet, wenn der Tempel wiederaufgebaut werden soll? Wenn Israel und die Kirche unterschiedlich sind, könnte es sein, dass Israel noch eine nationale Zukunft hat, unabhängig von der Kirche. Die Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche ist der Schlüssel zu jeder Vorstellung von einer Entrückung (denn die Kirche wird entrückt, nicht Israel).

    Freunde (und -verächter) des Naked Bibel Podcasts werden sich vielleicht daran erinnern, dass ich vor langer Zeit eine Liste mit den Voraussetzungen veröffentlicht habe, die man der Bibel aufzwingt und die letztlich die eigene Position zur Eschatologie („Endzeit“) bestimmen. Ich habe diese Liste veröffentlicht, weil allzu viele Christen davon ausgehen, dass sich ihre Sichtweise von selbst aus der Bibel ergibt (d. h., dass sie so klar gelehrt wird, dass sie sich fragen, wie jemand anderes die Endzeit anders sehen kann). Ich würde sagen, die Position, die am meisten Schuld auf sich geladen hat, ist die der pre-tribulational rapture (Entrückung vor der Trübsal) (wie sie in der Left Behind-Romanreihe dargestellt wird).

    In den folgenden Beiträgen möchte ich meine ursprüngliche Liste näher erläutern und die einzelnen Punkte ein wenig ausfalten. Mein Ziel ist es nicht, irgendeine Position zu leugnen oder zu befürworten. Ich mag oder hasse keine von ihnen. Es gibt Dinge, die ich an allen von ihnen mag. Ich höre schon die, die mit einer Ansicht verheiratet sind: „Wie kann er das sagen?! Das ist doch nicht möglich! Doch, das ist es. Und es ist die beste Perspektive. (Ich bin mir sicher, dass das jemanden ärgern wird). Ich werde meine eigene Denkweise am Ende der Serie erklären. Aber jetzt … Trommelwirbel, bitte … lasst uns eintauchen.

    Vorbedingung Punkt 1 – Sind Israel und die Kirche voneinander zu unterscheiden, oder tritt die Kirche in Gottes Programm für die Zeitalter an die Stelle Israels? Wenn sie sich voneinander unterscheiden, dann könnte es sein, dass Israel auch ohne die Kirche eine nationale Zukunft hat. Die Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche ist der Schlüssel zu jeder Vorstellung von einer Entrückung (denn die Kirche wird entrückt, nicht Israel).

    Lasst uns das genauer erklären.

    Das „Volk Gottes“ im ersten Teil der Bibel (dem Alten Testament) war Israel (und hier und da ein paar heidnische Bekehrte, die sich der Nation als Israeliten – Anhänger Jahwes – anschließen mussten). Gott schloss eine Reihe von Bündnissen mit Israel, um diese Bindung herzustellen und zu bestätigen. Diese Bündnisse enthielten alle bestimmte Verheißungen. Als Israel aus Ägypten auszog und das Gelobte Land betrat, erbte das Volk einige dieser Verheißungen – oder waren es ALLE? (das ist Thema Nr. 2 für das nächste Mal). Hier ist eine Liste der Verheißungen:

    Abrahams Bund (1. Mose 12,1-3; 1. Mose 15,6-7)

    1. Sie sollten ein Volk werden, dessen Bevölkerung so groß ist wie der Sand am Meer und die Sterne am Himmel.
    2. Sie würden gedeihen und ein Segen für alle sein, die sie segnen (oder ein Fluch für diejenigen, die sie verfluchen).
    3. Sie würden ein Land erben, das ihnen versprochen wurde („vom Euphrat bis zum Strom von Ägypten“ – mehr dazu in anderen Teilen).

    Der Bund vom Sinai („mosaische Bund“) (2 Mose 20-24)

    Der Bund Gottes mit dem Volk am Sinai wird in 2. Mose 20-24 beschrieben. Im Mittelpunkt steht das mosaische Gesetz. Gott bezeichnete Israel als einen besonderen Schatz, ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk und gab ihnen die Bestimmungen (Gesetze), die den Fortbestand der Gemeinschaft zwischen ihnen und ihrem Gott garantieren sollten (Fortsetzung des Abrahams-Bundes). Der Bund wurde durch ein Bundesopfer und die Besprengung mit Blut ratifiziert (2. Mose 24,48). Im Alten Testament werden verschiedene Verlängerungen des Sinai-Bundes aufgezeichnet. Die wichtigsten waren die auf den Ebenen von Moab (5. Mose. 29), in Sichem in den Tagen Josuas (Josua 24), als Jojada die davidische Königslinie unter Joasch wiederherstellen konnte (2. Könige 11), in den Tagen Hiskias (2. Könige 29,10) und in den Tagen unter der Herrschaft Josias (2. Könige 23,3).

    Der davidische Bund (2. Samuel 7)

    Gott versprach David, dass seine Nachkommen eine ewige dynastische Herrschaft über das gelobte Land haben und als seine Söhne bekannt sein sollten (2 Samuel 7,12-17; Psalm 89; Jesaja 55).

    Der Neue Bund

    An mehreren Stellen in den Propheten, vor allem aber bei Jeremia, ist von einem neuen Bund im messianischen Zeitalter die Rede (Jes 42:6; Jes 49:68; Jes 55:3; Jes 59:21; Jes 61:8; Jer 31:31, 33; Jer 32:40; Jer 50:5; Hes 16:60, 62; Hes 34:25; Hes 37:26).

    Diese Passagen gehen von einem Volk aus, das aufgrund seiner Sünden – seiner Verstöße gegen den Sinai-Bund – im Exil ist. Dieser Bund besagt, dass der Sinai-Bund zwar gebrochen wurde, die Verheißung Gottes aber nicht hinfällig wird. Es würde einen Überrest geben, durch den Gott seine Verheißungen einlösen würde. Er würde einen neuen Bund schließen. Sein Gesetz würde in die Herzen der Menschen geschrieben werden. An jenem Tag würde der Thron Davids von einem aus dem Geschlecht Davids besetzt werden (dies setzt voraus, dass dies nicht der Fall ist – wie z. B. im Exil) und das Volk würde sich eines ewigen Friedensbundes erfreuen, an dem auch die Nationen teilhaben würden (Jes 42,6; Jes 49,6; Jes 55,35; vgl. Sach 2,11; Sach 8,20-23; 14,16; usw.). In jenen Tagen wird die Anbetung gereinigt (Hes. 40:48), eine wahre theokratische Regierung eingesetzt und allgemeiner Frieden herrschen.

    Hast du das alles verstanden? Gut! Jetzt kommt die Frage: Steht das Volk Israel (die nationale ethnische Einheit) immer noch im Mittelpunkt dieser Bundesverheißungen (vor und nach dem endgültigen Neuen Bund) oder ist die Kirche jetzt der Mittelpunkt?

    Man kann für beide Seiten argumentieren – je nachdem, welche Voraussetzungen man mitbringt. Wir werden in den Punkten 2 und 3 ins Detail gehen, also lasst uns einen Blick auf diese Punkte werfen. Die beiden Seiten der Frage Nr. 1 hängen davon ab, ob man glaubt, dass die Verheißungen des abrahamitischen, des Sinai- und des davidischen Bundes BEDINGUNGEN waren. Das heißt, ob der Erhalt der Verheißungen an Bedingungen geknüpft war („Israel muss X tun/werden“) oder ob die Verheißungen ohne Bedingungen gegeben wurden („egal, was Israel an Sünden begeht, Gott wird ihm die Verheißungen trotzdem geben“). Wenn es Bedingungen gab, ist es offensichtlich, dass Israel versagt hat (sie gingen durch Gottes Hand ins Exil). Wenn es keine Bedingungen gab, ist es dann das, worum es beim Neuen Bund geht? Ist der Neue Bund die Antwort?

    Diese Fragen sind für die Nummer 1 wichtig, weil sie ein Konstrukt schaffen, mit dem wir die Frage des ersten Punktes analysieren können: Sind Israel und die Kirche voneinander zu unterscheiden, oder ersetzt die Kirche Israel in Gottes Programm für die Zeitalter?

    Jesus kam ganz klar, um den Neuen Bund zu errichten („das ist der neue Bund in meinem Blut“ – siehe Lukas 22,20; 1 Kor 11,25; 2 Kor 3,6; Hebr 8,13; Hebr 12,24). Und der Geist kam auf die Jünger und ihre Bekehrten nach dem Pfingsttag (Apostelgeschichte 2; siehe die weietern Kapitel der Apostelgeschichte danach). Die Kirche war „beschneidungsneutral“ – sie bestand nicht nur aus Juden, sondern auch aus Heiden, die ebenfalls ein Element des Neuen Bundes waren. Aber wenn die Kirche – und nicht Israel als Nation – im Mittelpunkt des Neuen Bundes stand, welchen Zweck hat dann das nationale Israel (außer Jesus anzunehmen und in die Kirche aufgenommen zu werden)? Das bedeutet auch, dass der davidische Herrscher Jesus ist und das Gelobte Land größer ist als Israel – es ist die ganze Welt – daher der Missionsbefehl. Lasst uns die Frage so stellen: Gibt es irgendeinen Teil des Neuen Bundes, den die Kirche nicht beantworten kann? Man könnte sagen, der Teil „alle Völker“ – aber genau darum geht es im Missionsbefehl, der an die junge KIRCHE und nicht an Israel gerichtet ist (Mt 28,18-20).

    An dieser Stelle wird häufig eingewendet, dass die Kirche kein theokratisches Reich ist. Das ist sie aber – ihr Haupt ist Christus und ihr Land ist die ganze Erde (zurück zum Missionsbefehl). Warum sollten wir darauf bestehen, dass die Landverheißungen in einem winzigen Teil der Erde (Israel) erfüllt werden müssen und nicht in der ganzen Erde? Die Antwort wäre: „Nun, der abrahamitische Bund garantierte das verheißene Land und hatte bestimmte Dimensionen, und Israel hat nie das ganze Land bekommen … also bekommen sie entweder das Land als nationale Einheit, oder Gottes Verheißungen sind gescheitert. Auch das ist eine Vorbedingung. Sie setzt voraus, dass Gottes Plan durch den Neuen Bund und die weltweite Kirche, die die Heiden mit einschließt, nicht erfüllt wird. Sie setzt auch voraus, dass Israel das Land nie in den Dimensionen von 1. Mose 15 bekommen hat (dazu später mehr). Wenn die Bündnisse jedoch an Bedingungen geknüpft waren, dann hat Israel die Landverheißungen versäumt (sie haben versagt, Gott nicht), und der Einwand eines buchstäblichen Königreichs innerhalb der Parameter von 1. Mose 15 könnte völlig überflüssig sein.

    Noch eine Anmerkung zum Unterschied und zur Gleichheit von Israel und der Kirche: Galater 3 (lies das ganze Kapitel) macht deutlich, dass die Christen – die Kirche – die Verheißungen Abrahams „geerbt“ haben. Sollten wir dieses Land vom Land ausschließen? Wenn „das verheißene Land“ durch „die ganze Erde“ ersetzt wurde, dann lautet die Antwort ja – und das ist das Hauptargument dafür, dass wir keinen Grund haben, in der Zukunft ein buchstäbliches Königreich in Israel (ein Millennium) zu erwarten.

    Gibt es also einen Unterschied zwischen Israel und der Kirche? Ja, das eine ist nicht gleichzusetzen mit dem anderen. Aber ersetzt die Kirche Israel als das Volk Gottes? In gewisser Weise ist das eindeutig der Fall, denn die Kirche erbt die Verheißungen, die Israel durch Christus gegeben wurden (Galater 3). Aber was ist mit dem Land? Wenn die Landverheißung immer noch da ist und auf ihre Erfüllung wartet, dann ist Israel als nationales Gebilde in Bezug auf die Reichsprophetie immer noch anders. Wenn die Landverheißung ‚weggesündigt‘ wurde und nun durch die ganze Erde ersetzt wird, dann spielt das Volk Israel selbst keine besondere Rolle in der biblischen Prophetie – es geht nur um die Kirche.

    Und ob du es glaubst oder nicht: Wenn es nur um die Kirche geht, gibt es keine siebenjährige Trübsal und keine Entrückung, denn erstere basiert vollständig auf der 70-Wochen-Prophezeiung, die Jerusalem und Israel gegeben wurde, während letztere wiederum auf der buchstäblichen Trübsal basiert.

    Bleib dran.

    Bis zum nächsten Mal.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Die Jagd nach dem Snark

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Die Jagd nach dem Snark

    Von Christian


    Falls du noch nie von Eschatologie gehört hast und auch keine Ahnung hast, was der Snark ist und erst recht nicht, was die Suche nach diesem Snark sein sollte: Keine Sorge, es ist alles in Ordnung mit dir. Du solltest dir eher Sorgen machen, wenn du auf dieser Jagd bist. Warum, wird gleich klar.

    Zuerst einmal zu diesem schönen Fremdwort aus dem Griechischen: Eschatologie

    Eschatologie ([ɛsça-], aus altgriechisch τὰ ἔσχατα ta és-chata ‚die äußersten Dinge‘, ‚die letzten Dinge‘ und λόγος lógos ‚Lehre‘) ist ein theologischer Begriff, der das religiöse Konzept des Endzeitlichen, insbesondere die prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen (individuelle Eschatologie) und der gesamten Schöpfung (universale Eschatologie) beschreibt.

    Wikipedia

    Ok. Das könnte dich also schon einmal beschäftigt haben. „Wann kommt die Endzeit?“ „Wann kommt Harmagedon?“ „Für wann ist die Wiederkunft Christi zu erwarten?“ „Wann kommt das Ende?“ Und so weiter. Wenn ich alle Formulierungen auflisten würde, wäre die Zeit für diesen Teil der Serie schon vorbei.

    Und um es klar zu sagen: Wenn es um so etwas Wichtiges für das eigene Leben wie das Ende der Welt geht, ist es schon verständlich, wenn man darüber mehr wissen möchte.

    Die Frage ist nur: Wieviel können wir denn darüber wissen? Steht dazu etwas in der Bibel? Nun, wohl nichts so Offensichtliches wie ein Datum, sonst wäre es ja allen klar. Aber vielleicht müssen wir nur die verschlüsselten Begriffe im Bibelbuch Daniel, dem Neuen Testament und insbesondere der Offenbarung verstehen und kombinieren, um dieses Geheimnis zu lüften? Es soll sogar Zeichen geben, die wir nur entschlüsseln müssten. Und viele geben vor, dies tun zu können! Bei der Übersetzung des Buches „Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ war ich über die lange Liste der vorhergesagten Daten der Endzeit gelinde gesagt schockiert: Alleine von der Reformation bis heute führt er Dutzende von Vorhersagen und Jahren an.

    Und damit kommen wir zu dieser merkwürdigen Jagd nach dem Snark. Außerhalb des englischsprachigen Raumes kennt man diese Geschichte von Lewis Carrol kaum (Wikipedia). Aber Alice im Wunderland kennst du doch, oder? Ist auch von ihm. Die Geschichte The Hunting of the Snark (An Agony in Eight Fits) (engl. für „Die Jagd nach dem Snark – eine Agonie in acht Anfällen“ oder „– eine Agonie in acht Abschnitten“) wurde 1876 veröffentlicht:

    Von Henry Holiday – bookcover front of „The Hunting of the Snark“, Gemeinfrei

    Was hat diese Ballade mit Eschatologie zu tun? Nun, unsere Beschäftigung mit dem Thema Eschatologie sollte sich nie zu einem solchen Abenteuer entwickeln:

    Das Gedicht ist eine Ballade über eine seltsame Jagd-Expedition, die sich mit Sorgfalt, Hoffnung und einer völlig leeren Meereskarte aufmacht, ein mysteriöses Wesen namens Snark zu fangen. Was genau sie mit dem Snark anfangen wollen, bleibt offen, doch werden einige Eigenschaften aufgezählt.

    Die Besatzung wird vom Bellman (Ausrufer) mit seiner Glocke geleitet. 

    Eine der Figuren (Der Bäcker) hatte an dem Tag, als das Schiff der Jagdgesellschaft in See stach, die Warnung empfangen, dass manche Snarks Boojums sind, und wer das Pech hat, ein Boojum zu treffen, der wird sofort „sachte und plötzlich“ verschwinden. Genau dieses Pech hat der Bäcker am Ende der Ballade, denn der von ihm schließlich gefundene Snark war ein Boojum.

    Die Jagd auf den Snark (Wikipedia)

    Siehst du die Parallelen? Ich passe die Beschreibung einmal an das Thema an:

    Das Finden der einen richtigen biblischen Eschatologie ist eine seltsame Unternehmung, die manche mit akribischer Sorgfalt und großen Hoffnungen durchführen, aber nur mit einer vagen Beschreibung in sehr wenigen Bibeltexten. Was sie mit dieser Eschatologie dann anfangen sollen, ist offen.

    Die Suchenden werden von charismatischen Anführern oder Lehren motiviert.

    Auf dieser Suche kann man, wenn man Pech hat, „sachte und plötzlich“ verschwinden.

    Die Jagd nach der einzig wahren Eschatologie (Christian)

    Jetzt will ich nicht sagen, dass wir in der Bibel gar nichts zur Eschatologie finden. Doch eine obsessive Suche, die Aussagen der Bibel zur ‚Endzeit‘ und dem weiteren Verlauf der Geschichte ganz genau und ‚richtig‘ zu verstehen oder gar ein Datum vorherzusagen, hat sich wie die Suche nach dem Snark erwiesen. Es gibt endlose Interpretationen, Spekulationen und man kann sehr viel Zeit darauf verwenden. Und manche sind dabei aus der Realität sozusagen verschwunden.

    Was dabei leider oft übersehen wird, ist, welche entscheidende Rolle die eigenen Annahmen und Interpretationen spielen.

    Genau mit diesem Thema hat sich der Bibelwissenschaftler Dr. Michael S. Heiser in einer Blog-Serie über Eschatologie gewidment, die ich ins Deutsche übersetzt einmal wieder geben möchte.

    Dabei verwendet er einige Begriffe in Bezug auf Eschatologie, die dir vielleicht nicht bekannt sind. Die folgenden Erklärungen und Schaubilder sind aus der Wikipedia.

    Zuerst einmal werden wir den Begriff des Millenniums öfters hören. Das Wort ist vom lateinischen Wort für 1000 abgeleitet und bezeichnet eine Zeitspanne von 1000 Jahren. Als Millenarismus (oder vom Griechischen Wort abgeleitet Chiliasmus) wird die Überzeugung bezeichnet, die sich auf eine 1000 jährige (buchstäbliche oder symbolische) Herrschaft Jesu Christi bezieht, welche in Offenbarung 20:1-10 zu finden ist.

    Im Wesentlichen gibt es diese Hauptrichtungen des Millenniarismus:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus

    Nach dem ersten Kommen Christi vor rund 2000 Jahren würde gemäß den wichtigsten Hauptströmungen Folgendes geschehen:

    Prämillenarismus

    Die lateinsiche Silbe prä bedeutet „vor“. Die Vorstellung ist, dass wir in der Bibel lesen, dass es eine ‚große Trübsal‘ geben wird, danach Jesu zweites Kommen. Darauf schließt sich das Millennium an und dann das Endgericht.

    Dispensationalismus

    Der modernere Dispensationalimus sieht ein vorangegangenes zweites Kommen Christi für die Kirche vor. Damit einhergehend kann es eine ‚Entrückung‘ (Englisch rapture) geben, in der die Gläubigen von der Erde genommen werden.

    Postmillenarismus

    Die lateinische Silbe post bedeutet „danach“. In dieser Glaubensrichtung kommt Jesus erst nach dem Millennium zum zweiten Mal und führt dann das Endgericht durch.

    Amillennialismus

    Die Vorsilbe ‚a‘ bedeutet hier so viel wie nie „nicht“ oder „kein“. Also Kein-Millennium. Die Zahl 1000 wird symbolisch verstanden und die ganze Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kommen Christi werden als das Millennium angesehen.

    Zusätzlich zu diesen Ansichten gibt es noch eine fast unüberschaubare Anzahl von solchen, die sich in gewissen Details unterscheiden.

    Aber warum gibt es denn solch verschiedene Ansichten, obwohl der Text des Alten und Neuen Testaments der selbe ist? Das erklärt Dr. Heiser in seinem Blog, mit dem wir im nächsten Teil anfangen werden.

  • Gottes Bild sein – Teil 6

    Gottes Bild sein – Teil 6

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im fünften Teil angekündigt, beschäftigen wir uns im Rest der Serie mit ‚Menschsein in Gottes neuer Welt‘.

    Menschsein in Gottes neuer Welt

    1. Mose 1 vermittelt unsere grundlegende menschliche Identität als Bild Gottes und führt damit ein wichtiges Thema der Heiligen Schrift ein. Der Ausdruck „Bild Gottes“ kommt jedoch nur in 1. Mose 1, 5 und 9 vor. Danach rückt das Thema in den Vordergrund, Gottes Namen zu tragen.

    Wenn wir dann zum Neuen Testament übergehen, finden wir einige weitere Passgen, in denen vom Bild Gottes gesprochen wird. Auffallend ist, dass sie sich alle auf Jesus beziehen. Und jetzt kommt der Knaller:

    Jesus, der Mensch

    Jesus ist nicht das Ebenbild Gottes, weil er Gott ist. Jesus ist das Ebenbild Gottes, weil er ein Mensch ist.

    Sein Eintritt in die Menschheitsgeschichte ist kein Plan B, sondern die Krönung von Plan A. Und so erklärt sich auch, warum das Johannes Evangelium mit Worten wie in 1. Mose 1:1 beginnt: „Am Anfang war …“ Jeder Mensch ist das Ebenbild Gottes, aber Jesus erfüllt Gottes Absichten für die Berufung, die diese Identität mit sich bringt, perfekt. „Er ist das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens.“ (Hebräer 1:3 NGÜ) Die Vater-Sohn-Sprache füllt das erste Kapitel des Hebräerbriefs und bezeichnet Jesus als Gottes erhabenen Bundespartner, der in seinem Namen regieren wird. Das heißt, er sorgt dafür, dass die Familie Gottes wieder in eine rechte Beziehung zu ihm kommt, damit auch wir Gottes Herrlichkeit ausstrahlen können.

    Jeder Aspekt des Dienstes von Jesus lehrt uns etwas darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Warum hat Jesus zum Beispiel Menschen geheilt? Da Jesus das menschliche Vorbild ist, müssen wir das richtig verstehen. In Johannes 9 heilt Jesus einen Mann, der blind geboren wurde. Die Blindheit des Mannes war ein Anlass für Jesu öffentliche Machtdemonstration, um seine messianische Identität zu offenbaren. Gleichzeitig stellte Jesus die problematische Theologie seiner Jünger und der jüdischen Religionsführer bloß. In der Geschichte geht es nicht darum, die Schwäche des Mannes hervorzuheben, sondern vielmehr darum, die Identität Jesu im Licht der Hartherzigkeit Israels zu enthüllen. Die Heilung des blind geborenen Mannes durch Jesus war nicht nur ein Akt des Mitleids. Jesus „reparierte“ nicht einfach das Problem dieses Mannes. Vielmehr entlarvte er den Unglauben und machte seine Identität als derjenige deutlich, der gekommen war, um die Prophezeiungen Jesajas zu erfüllen.

    Der Tod Jesu war die Vollendung des Ziels der Menschheit. Er war „gehorsam bis zum Tod“ – er weigerte sich, an Macht oder Autonomie festzuhalten (siehe Philipper 2:8). Vor die gleiche Wahl gestellt wie die ersten Menschen, hat Jesus Sünde und Tod besiegt, indem er sich ihnen frontal stellte und das Urteil empfing, das die Menschheit verdient hatte. Er tat dies aus freien Stücken und nahm stellvertretend für uns die volle Strafe für die menschliche Rebellion auf sich. Dieser Akt der Selbstaufopferung repariert schließlich die Zerrissenheit des Gartens. Jesus ist die Umkehrung der ersten Menschen.

    Die Erkenntnisse von Johannes sind für die Frage dieser Reihe besonders relevant: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Als zweiter Adam lebt Jesus die Entscheidung der ersten Menschen nach. Anstatt seinen eigenen Weg zur Herrlichkeit zu finden, vertraut sich Jesus dem Vater an. Sein letzter Akt am Kreuz verbindet seine eigene Mutter mit Johannes, dem geliebten Jünger (Johannes 19,25-27). Auf diese Weise schafft er eine neue menschliche Familie, in der „Eltern“ und „Kinder“ nicht durch das Blut, sondern durch liebevolle Hingabe verbunden sind.

    Die letzten Worte Jesu am Kreuz im Johannesevangelium bringen sein wichtiges Werk zum Abschluss: „Es ist vollbracht“ (Johannes 19:30). All dies geschah am „Tag der Vorbereitung, und der nächste Tag sollte ein besonderer Sabbat sein“ (Johannes 19:31; vgl. 19:14). So wie Gott sein Schöpfungswerk vor dem Sabbat vollendet hatte (1. Mose 2:2), vollendet Jesus sein Werk, die neue Schöpfung einzuläuten, indem er die Bestimmung der Menschheit durch selbstlose Liebe und vollen Gehorsam gegenüber Gottes Gebot erfüllt.

    Jesus starb als der ultimative Mensch, indem er die Strafe, die wir verdienen, freiwillig auf sich nahm.

    Eine neue Menschheit

    Im Bericht der Genesis enden alle Tage der Schöpfung mit „und es war Abend, und es war Morgen, der … Tag“. Der siebente Tag endete allerdings nicht. Am siebten Tag ruhte Gott von seiner schöpferischen Tätigkeit … bis zu diesem Zeitpunkt. Mit Jesu Auferstehung signalisiert Johannes den Beginn einer neuen Woche, einer neuen Schöpfung.

    Im Johannes Brief spricht Jesus Maria Magdalena mit „Frau“ an (Johannes 20:15), was uns unwillkürlich an den Garten Eden erinnert. Im Gegensatz zu Eva werde Marias Augen geöffnet und sie erkennt Jesus. Dann ruft Jesus sie beim Namen und beauftragt sie, den anderen Jüngern zu sagen, dass er lebt. Dieser Moment ist eine wunderbare Wiederherstellung der partnerschaftlichen Schöpfung, die im Gegensatz zur kulturellen Überzeugung des ersten Jahrhunderts steht.

    Die leibliche Auferstehung Jesu zeigt, was Gott mit den verkörperten Menschen auf der Erde vorhat. Die Beauftragung Marias mit der Nachricht von der Auferstehung bekräftigt Gottes Absichten für die Partnerschaft von Männern und Frauen im Dienst des Evangeliums.

    Vielen Christen haben die Vorstellung, dass sie nach dem Tod in den Himmel kommen. Doch wenn Jesus schon vorher im Himmel existierte und dann auf die Erde die kam, warum wurde er nach seinem Tod nicht sogleich im Himmel auferweckt? Solche fragen haben schon seine Nachfolger in den ersten Jahrzehnten beschäftigt und viel mehr in den Jahrhunderten danach. Die Evangelien sagen, dass er drei Tage tot war, bevor er auferweckt wurde und als Mensch wieder erschien. Wo war in der Zwischenzeit? Lebte er als Mensch wieder oder war er ein Geist, der nur einen anderen menschlichen Körper zeitweise verwendete? Oder ist er gar nicht am Kreuz gestorben, sondern ist es so – wie viele Muslie heute glauben – dass die Juden nur meinten, sie hätten ihn getötet? Ziemlich viele und tiefgehende Fragen, die wir hier gar nicht beantworten können, ohne zu weit vom Thema abzukommen.

    Doch gemäß den Evanglien hat er ja nicht nur irgendeinen menschlichen Körper angenommen, sondern zumindest einmal einen, der dem bei seinem Tod einschließlich der Wunden glich. Warum? Die Kontinuität zwischen seiner Menschwerdung und dem Auferstehungsleib deutet darauf hin, dass auch wir in der neuen Schöpfung unser verkörpertes Selbst sein werden. Wir werden in der Auferstehung wir selbst sein – du wirst mich wieder erkennen können.

    Das ist für manchen vielleicht ein ziemlich überraschender oder sogar abwegiger Gedanke. Und er verdient es, genauer betrachtet zu werden. Was wir in späteren Videos tun werden.

    Die Narben Jesu unterstreichen die Kontinuität zwischen unserem jetzigen Körper und unserem auferstandenen Körper.

    Warum ist es aber überhaupt so wichtig, über Jesu Auferstehung zu sprechen und sie nicht an den Rand zu drängen? Wenn wir die Himmelfahrt Jesu verpassen, laufen wir Gefahr, seinen und unseren eigenen Dienst zu sehr zu spiritualisieren. Die Heilige Schrift sagt uns, dass Jesus auf dieselbe Weise wiederkommen wird, wie er weggegangen ist – leibhaftig und sichtbar – um seine Herrschaft auf die Erde zu bringen (Apostelgeschichte 1:11). Und gemäß dem Johannes Evanglium beschreibt Jesus seine geistige Wiedergeburt als „wiedergeboren“ oder genauer übersetzt „von oben geboren“ (Johannes 3:3-8) Was bedeutet das für uns Menschen?

    N. T. Wright sagt: „Echte christliche Hoffnung, die in der Auferstehung Jesu wurzelt, ist die Hoffnung auf Gottes Erneuerung aller Dinge, auf seine Überwindung von Verderbnis, Verfall und Tod, auf seine Erfüllung des ganzen Kosmos mit seiner Liebe und Gnade, seiner Macht und Herrlichkeit.“ Das werden in späteren Videos vertiefen.

    Hier nur ein Hinweis. Warum spricht Paulus in 1. Korinther 15:19-22 im Kontext von Jesu Auferstehung davon, dass er eine „Ertlingsfrucht“ ist? „Indem Paulus den auferstandenen Leib Christi als Erstlingsfrucht bezeichnet, deutet er an, dass seine Auferstehung kein einzigartiges, einmaliges Ereignis ist, sondern ein Vorgeschmack auf das, was jedem Gläubigen bevorsteht.“

    Carmen Imes schließt dieses Kapitel mit zwei weiteren interessanten Schlüsselgedanken ab:

    Jesu Auferstehung eröffnet sein Amt als Richter und Hoherpriester und ermächtigt uns, sein Werk fortzuführen.

    Unsere Sterblichkeit ist ein Wegweiser auf dem Weg in eine Zukunft, in der alles wiederhergestellt sein wird.

    Die geliebte Gemeinschaft

    Wer heute in der christlich geprägten Welt aufgewachsen ist, kennt in der Regel den Kontext, in dem das Evangelium verkündet wurde, nicht. Die damalige Menschheit war auf alle erdenklichen Weisen strikt getrennt: Nach Klasse, Sprache, Ethnie, Bürgerschaft, Religion, Geschlecht usw. In den Briefen des Paulus zum Beispiel wird einer Unterscheidung aus Sicht der Juden immer wieder klar: Wir – als auserwähltes Volk Gottes – und die anderen, die Heiden. Wir können uns vermutlich gar nicht vorstellen, wie tief dies im Leben eines Menschen verankert war, der aufrichtig nach dem Bund vom Sinai Jahwe anbeten wollte. Und nun kommt mit dem Evangelium das: „In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, vernommen habt, in ihm seid ihr als Glaubende auch versiegelt worden durch den Geist der Verheissung, den heiligen Geist.“ (Epheser 1:13 Züricher) Für sie war das eine schockierende Neuigkeit: Die geistigen Segnungen standen nun auch den Heiden offen. Daher bezeichnet Paulus nun alle – Juden wie auch Heiden – als den Leib Christi. Alle können nun Teil der Menschen des Bundes sein. Und auch andere trennende Grenzen werden eingerissen, was die Hoffnung der Menscheit betrifft: Gegenseitige Unterordnung (Epheser 5:21), das Verhältnis von Ehefrauen und Ehemännern (Epheser 5:22-23), Sklaven und Freie (Epheser 6:5-9). „Doch im Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann noch ist der Mann etwas ohne die Frau.“ (1. Korinther 11:11 Züricher). „Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ (Galater 3:27,28 Züricher) In der christlichen Gemeinschaft sind alle gleichwertig. Alles zurück auf Anfang.

    Das Evangelium ermöglicht eine menschliche Gemeinschaft, die weder nach Rasse noch nach körperlichen oder kognitiven Fähigkeiten getrennt ist.

    Mit diesem Gedanken im Sinn können wir auch darüber nachdenken, warum Jesus seine Nachfolger aufforderte, ihm zu Gedenken, indem man von Brot und Wein gemeinsam nimmt. Im Leib Christi gibt es keine ‚Beobachter‘. Wir sind eine Familie.

    Wahre Gemeinschaft wird durch physische Präsenz und gemeinsame Teilnahme an der Kommunion ermöglicht.

    Es geht nicht darum, dass Gott einzelnen Menschen Gaben gegeben hat, sondern dass wir Gaben für andere sind (Epheser 4:11-12). Jesus war das vollkommene Bild Gottes. Die Schrift lädt uns ein, auf Christus zu schauen, um zu lernen, wie wir selbst sein können. Dann macht auch die von der Gelehrten Haley Goranson Jacob vorgeschlagene Übersetzung von Römer 8:28 Sinn: „Gott wirkt alles zum Guten mit denen, die Gott lieben und die nach seinem Vorsatz berufen sind.“ Wir warten nicht einfach auf die Erlösung. Stattdessen arbeiten wir aktiv mit Gott zusammen an diesem Werk der Veränderung.

    Zu unserer Zukunft gehört die Wiedererlangung und Verherrlichung unseres Körpers, wenn wir die volle Adoption in Gottes königliche Familie erleben.

    Von der Schöpfung zur neuen Schöpfung

    Abschließend geht Carmen Imes noch auf zwei unter Christen weit verbreitete Vorstellungen ein, die sich allerdings nicht im Neuen Testament finden und erst viel später in das Christentum Eingang fanden: Die Vorstellung, dass unsere Zukunft im Himmel ist, die Erde zerstört wird und die Gläubigen zuvor entrückt werden.

    Wenn wir das Neue Testament aber vorbehaltlos lesen, werden wir diese Gedanken nicht so finden. Sondern die Wiederherstellung der Schöpfung und Gottes Herrschaft auf der Erde.

    Die Wiederkehr Jesu wird nicht die Zerstörung dieses Planeten oder die geheime Entrückung der Gläubigen bedeuten, sondern seine Herrschaft als König auf der Erde einleiten.

    Sagte Jesus nicht selbst im sogenannten Vater-Unser: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ (Matthäus 6:10 Züricher). Daher fasst Carmen Imes die Gedanken wie folgt zusammen:

    Die rebellischen Mächte des Himmels und der Erde werden endgültig besiegt, und diese Welt wird gereinigt und wiederhergestellt werden.

    Das sollte uns aber nicht dazu veranlassen, einfach passiv abzuwarten:

    Jesus ruft uns auf, uns von der Sünde abzuwenden, uns zu ihm zu bekennen und auf seine Rückkehr zu warten. Während wir warten, sollen wir unsere menschliche Berufung als Verwalter der Schöpfung ausüben.

    Die letzten Gedanken kamen jetzt ohne weitergehende Begründung und mögen für dich unerwartet gewesen sein. Dann empfehle ich dir dazu die Video Serie „Von Hoffnung überrascht“.

  • Gottes Bild sein – Teil 5

    Gottes Bild sein – Teil 5

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im vierten Teil angekündigt haben, werden wir uns nur mit dem „Weg der Weisheit“ beschäftigen.

    Die Suche des Menschen

    Könnte man den Weihnachtsmann fragen, was am häufigsten auf der Wunschliste der Menschen steht, wird er wohl kaum antworten: Weisheit. Dabei ist Weisheit doch eigentlich mit das Wichtigste, was man im Leben erlangen sollte.

    Gemäß der Bibel können wir Weisheit auf zwei Weisen kultivieren: Indem wir Gott als Quelle von Weisheit vertrauen. Und zweitens, indem du sorgfältig beobachtest, wie die Welt funktioniert, und dich für das Gute entscheidest.

    Dementsprechend haben wir in der Bibel die Bücher Sprüche, Prediger und Hoheslied. Interessanterweise behaupten die Weisen hier nicht, dass sie im Namen Gottes sprechen.

    Weisheit ist etwas, das wir wollen müssen. Wir müssen sie lieben und alles, was wir haben, für sie aufwenden, sie wertschätzen und umarmen. Wenn wir das nicht tun, könnte unsere Geschichte so enden wie die Salomos: Es beweist, dass Weisheit keine Leistung ist, über die man sich freuen kann, sondern ein Muskel, den man trainieren muss. Oder wie N.T. Wright sagt: „Die Liebe ist die schärfste Form der Erkenntnis, weil die Liebe es ist, die, während sie sich mit einer anderen Wirklichkeit als der eigenen identifiziert, die andere Wirklichkeit als die eigene bejaht und feiert.“

    Wenn du jetzt den Eindruck gewonnen hast, dass das eine ziemlich schwierige Aufgabe für schlaue Leute ist, dann rückt die Bibel dieses Bild gerade: „Ihr Anfänger, lernt, was Klugheit ist! / Ihr Tagträumer, werdet endlich wach! Hört zu, ich gebe euch einen wertvollen Rat! / Die Wahrheitsliebe öffnet mir den Mund.“ (Sprüche 8:5,6 NEÜ) Ironischerweise liegt der Schlüssel zur Entdeckung von Weisheit in der Erkenntnis, dass wir keine Antworten haben und nicht wissen können, was das Beste ist. Darum geht es eigentlich – dass wir lernen, uns auf Gott zu verlassen, der uns den Weg zum Leben zeigt.

    Menschliche Schwäche und Sterblichkeit disqualifizieren uns nicht, unseren menschlichen Daseinszweck zu erfüllen. Sich durch ehrliches Gebet auf Gott zu verlassen, ist der Weg zur Weisheit. Das Buch der Psalmen enthält viele solche Gebete.

    Menschliches Leiden

    Vielleicht ist dir aber schon der Gedanke gekommen, dass das Buch Prediger doch eher deprimierend ist: „ Alles Reden müht sich ab, keiner kommt damit zum Ziel. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr wird vom Hören nicht voll. Was einmal geschah, wird wieder geschehen, und was einmal getan wurde, wieder getan, und nichts ist wirklich neu unter der Sonne. An die Früheren erinnert man sich nicht, und an die Späteren, die kommen werden, auch an sie wird man sich nicht erinnern bei denen, die zuletzt sein werden.“ (Prediger 1:8,9,11)

    Und anscheinend beginnt das Buch Prediger nicht mit Weisheit sondern mit einer klaren Ansage, was für eine deprimierende Aussicht uns erwartet: „“Bedeutungslos! Bedeutungslos!“, sagt der Prediger. „Völlig bedeutungslos! Alles ist bedeutungslos.““ (Prediger 1:2 NIV) Aber wer sagte das und sagte die Person das wirklich so, wie es übersetzt wird?

    Die Person wird ‚Prediger‘ im Deutschen genannt. Daher auch der Name des Buches. Im Hebräischen steht dort Kohelet. Das bedeutet „Versammler, Gemeindeleiter“. In der Septuaginta wurde es mit Ekklesiastes übersetzt, was „Redner in einer Volksversammlung“ bedeutet und woraus derm Name des Buches im englischen Sprachraum ableitet.

    Was er in Prediger 1:2 sagt ist: „Hevel, hevel. Alles ist vollständig hevel“. Hevel bedeutet soviel wie Dunst. Es wird als eine Methapher verwendet. „Alles ist wie ein Dunst.“ In Prediger wird nicht gesagt, dass alles sinnlos ist oder ‚nichtig‘ wie es manchmal übersetzt wird. Sondern eher ‚flüchtig‘. Die Weisheit besteht darin, zu erkennen, dass es jenseits unsere Fähigkeiten liegt, den Sinn des Leben vollständig zu verstehen. Und dass wenn wir immer nur in die Zukunft schauen, auf das, was wir nicht haben, was vergehen wird, dann übersehen wir das ganze Leben was Gutes direkt vor unseren Augen ist.

    Der Prediger fordert uns auf, die Reise zu genießen. Hör auf, so fieberhaft zu versuchen, das Leben zu verstehen, sondern sei dankbar für Momente der Freude und Zufriedenheit – Essen, Trinken, Freunde – das sind Geschenke unseres Schöpfers.

    Wir Menschen sind nicht in der Lage, Gottes Wege zu verstehen. Gott ist uns keine Erklärung schuldig. Er lädt uns einfach ein, ihm zu vertrauen. Schlechte Dinge passieren guten Menschen, weil wir in einer Welt leben, die von Gebrochenheit gezeichnet ist. Wir müssen lernen, mit dem Unbekannten zu leben. Die menschliche Sterblichkeit und die Zerbrochenheit unserer Welt bedeuten, dass wir lernen müssen, innerhalb von Grenzen freudig zu leben.

    Das ist heute Teil unseres Sein, unsere Bestimmung, Bilder Gottes zu sein und entsprechend zu leben. Doch so wird es nicht bleiben. Im nächsten Teil beschäftigen wir uns mit den Menschen in Gottes neuer Welt.

  • Gottes Bild sein – Teil 4

    Gottes Bild sein – Teil 4

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den dritten Teil hatten wir mit der Frage abgeschlossen, wie es sich auf unser Leben und Verhalten auswirken sollte, dass wir all imago Dei, das Bild Gottes sind.

    Das Projekt Mensch

    Schon Adams Reaktion auf Gottes Frage zeigte, dass es mit der Erkenntnis von Gut und Böse nicht weit her war. Ihr Sohn Kain tötet seinen Bruder aus Hass. Dann baut er eine Stadt. Sein Nachkomme Lamech nahm sich mehrere Frauen, tyrranisierte seine Familie und verdreht die Geschichte um seinen Vorfahren Kain, um eine Rechtfertigung für Mord zu erfinden. (1. Mose 4:19-24). In 1. Mose 6 erfahren wir dann, dass sogar ‚Söhne Gottes‘ wie Adam und Eva die ihnen von Gott gesetzen Grenzen überschritten. Die meiner Meinung nach schlüssigste Erklärung ist, dass diese ‚Söhne Gottes‘ von Gott geschaffene Geistweisen waren. Die Situation wird so schlimm, dass Gott dem mit der Flut ein Ende bereitet. War also ‚das Projekt Mensch‘ gescheitert?

    In diesen ersten Kapitel der Genesis finden wir auch Abel, Enosch, Noah und andere, die ‚den Namen Jahwes anriefen‘. (1. Mose 4:26) Was war bei diesen anders?

    Ein Mensch zu sein bedeutet, seinen Platz in der Schöpfungsordnung zu kennen.

    Die Sünde löscht unsere Identität als imago Dei nicht aus, aber sie hindert uns daran, Gottes Herrlichkeit vollständig widerzuspiegeln.

    Being God’s image, Carmen Joy Imes

    Tatsächlich war die Situation so schlimm, dass Jahwe einen Neuanfang des ‚Projekt Mensch‘ startete. Wer den Bericht über die Sintflut liest, übersieht vielleicht diesen Aspekt: Der Bericht in 1. Mose 6-9 ist so gestaltet, dass er eine Umkehr der Erschaffung der Erde darstellt, indem Wasser von oben das Land überflutet und bedeckt und damit 1. Mose 1 ungeschehen gemacht wird. Ein Neuanfang. Und das spiegelt sich auch in dem kunstvollen Chiasmus dieses Berichts wieder. Der zweite Teil des Berichts spiegelt den ersten wieder:

    Being God’s image, Carmen Joy Imes

    Die Menschen bekommen das bewohnbare Land wieder. Gott hat denjenigen nicht vergessen, dessen Gehorsam eine göttliche Rettung ermöglicht hatte. Aber die Flut hatte die Menschheit an sich nicht repariert, das Problem der Rebellion und den zebrochenen Beziehungen war nicht gelöst. Doch ganz im Gegensatz dazu, hatte sich auch die menschliche Identität als Bild Gottes nicht geändert. Gottes Segen ist immer noch intakt: „Dann segnete Gott Noah und seine Söhne. Er sagte: „Seid fruchtbar, vermehrt euch und füllt die Erde.“ (1. Mose 9). Interessanteweise wird aber der Teil „unterwerft sie euch“ aus 1. Mose 1:28 nicht mehr erwähnt. Im hebräischen steht dort kabash, was ein sehr starkes Wort ist, das mögliche Anwendung von Kraft und Macht beinhaltet. Aber das Anwenden von Gewalt war ja eines der Übel, welche die Menschen davon abhielt, sich wirklich als Bild Gottes zu erweisen. Daher setzt Gott nun klare Grenzen, was das Töten von Tieren und Menschen betrifft. (1. Mose 9).

    Wer hat das sagen?

    Damit hat Jahwe zum zweiten Mal für einen guten Start für seine Bilder gesorgt. Das nächste Kapitel – 1. Mose 10 – enthält die sogenannte Völkertafel der Nachkommen Noahs, die in anderem Zusammenhang eine interessante Rolle spielt. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass direkt danach in 1. Mose 11 die Geschichte vom Turmbau zu Babel zu finden ist. Gott hatte die Menschen mit Fähigkeiten und Macht ausgestattet, um seinen Auftrag zu erfüllen. 1. Mose 11 zeigt seine Reaktion darauf, dass die Menschen diese Fähigkeiten missbrauchen, um eine nicht erlaubte zentrale Macht zu errichten.

    Aber der Bericht über den Turmbau in Babel lehrt uns etwas Wichtiges in Bezug darauf, was es bedeutet Gottes Bild zu sein – oder besser gesagt, davon abzuweichen.

    Warum wollten sie einen Turm bauen, „dessen Spitze bis an den Himmel reicht“ (1. Mose 11:4)?

    Viele denken, dass die Menschen in den Himmel hinaufsteigen wollten, um göttlichen Status zu erreichen. Aber das wird im Text nicht gesagt. Was sie wollten, war, nicht über die Erde verstreut zu werden – was aber Gottes Auftrag für seine Bilder war.

    Berücksichtigt man den biblischen und historischen Kontext, dann ist eine zweite Interpretation wahrscheinlicher. Solche Türme oder Ziggurate sollten den Göttern ermöglichen, sich zwischen Himmel und Erde zu bewegen! Kommt dir das merkwürdig vor? Dann lies einmal Jakobs Traum in 1. Mose 28. Und dann macht auch 1. Mose 11:5 Sinn. Der Turm hat seinen Zweck gewissermaßen erfüllt – nur überhaupt nicht so, wie sie es dachten: „Jahwe kam herab, um sich anzusehen, was die Menschen da bauten – eine Stadt mit einem Turm!“ (1. Mose 11:5, NEÜ). „Da stieg der HERR herab …“ (1. Mose 11:5 Züricher). Sie stellten sich vor, dass die Götter herabsteigen würden. Und der biblische Text nimmt diese Vorstellung auf und lässt sozusagen Jahwe herabsteigen. Den Ausgang kennen wir.

    Es gibt noch (mindestens) eine dritte Möglichkeit, da in Verbindung mit Babel nicht von einem Tempel gesprochen wird. Der Turm war als das gedacht, was im Hebräischen als migdal bezeichnet wird: Es ist eine Art Wachtturm. Vor diesem Bericht wird in 1. Mose 10:8-12 von Nimrod gesprochen, einem gewalttätigen Krieger dessen Name „wir mögen rebellieren“ bedeutet. Ein Wachtturm, der ihnen helfen soll, feindliche Krieger schon von weiterm zu sehen. Dazu passt auch die Bemerkung, dass sie „eine Sprache“ hatten. In assyrischen Texten wird diese Formulierung dafür verwendet, dass den Besiegten eine einfache Zweitsprache aufgezwungen wurde. Daher auch der sich reimende Text in 1. Mose 11:3 „Komm, lass uns Ziegel ziegelmachen, und lass [sie] mit Feuer befeuern.“

    Wie dem auch sei, der Name der Stadt sollte nicht vergessen werden: Babel. Einige Übersetzungen übersetzen in 1. Mose 10:10 hier Babylon. Babylon ist später die Stadt, welche Jerusalem zerstört und Gottes Volk in Gefangenschaft bringt und unterdrückt. Aber Gott toleriert keine Mächte, die sich gegen das stellen, was Gott für seine Bilder geboten hat. Das zeigt er in Babel und später in Babylon. Auch wegem dem Götzendienst, der so konträr dazu steht, dass Menschen keine Bilder von Göttern anbeten sollten, weil sie selbst die Bilder des einen wahren Gottes sind!

    Gott zeigt in 1. Mose 11 den Menschen, wer das Sagen hat! Jahwe hat das Projekt Mensch zum zweiten mal auf Null zurückgesetzt.

    Gottes Bild sein und seinen Namen tragen

    An dieser Stelle wird es interessant (als ob es das nicht schon gewesen wäre). Das Buch 1. Mose wird 10 mal vom hebräischen Wort toledot unterbrochen, das soviel wie „Generationen“ oder „Aufzeichnungen“ bedeutet. Dadurch werden Abschnitte hervorgehoben, in denen auf die nachfolgendenen Generationen fokussiert wird. Toledot findet sich 5 mal in den bisher betrachteten Kapitel 1. Mose 1-11 und dann 5 mal in 1. Mose 12-50.

    So, wie Gott Adam in den Garten setzt, um seinen Auftrag zu erfüllen, so bringt er Abram aus Mesepotamien – das Herzstück der menschlichen Rebellion – in das Zentrum des verheißenen Landes, um das wiederherzustellen, was verloren ging:

    Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dir fluchen. Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet sein.

    1. Mose 12:3 NEÜ

    Dieses Versprechen ist die Schlüsselverbindung von 1. Mose 1-11 zu 1. Mose 12-50. Und hier beginnt das Konzept, Gottes Namen zu tragen. Ab diesem Punkt – 1. Mose 12 – ist der Fokus der biblischen Erzählung Gottes Namen zu tragen, während des Konzept Gottes Bild zu sein in den Hintergrund rückt.

    Dieses Konzept habe ich ausführlich in der Serie „Gottes Namen tragen“ besprochen, das ich vor dieser Serie veröffentlich habe und welches sich auf das entsprechende Buch von Carmen Joy Imes bezieht.

    Es wäre daher gut – falls noch nicht gesehen – sich mit den Gedanken der Serie „Gottes Namen tragen“ auseinanderzusetzen. In den nächsten Teilen dieser Serie werden wir diese Gedanken voraussetzen und machen mit dem „Weg der Weisheit“ weiter.

  • Gottes Bild sein – Teil 3

    Gottes Bild sein – Teil 3

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den zweiten Teil hatten wir mit der Ankündigung abgeschlossen, dass es nun mit der Arbeit losgeht, als imago Dei, Bild Gottes.

    An die Arbeit gehen

    Was bedeutet das für uns Menschen als Bild Gottes, als imago Dei? Ich zitiere mal einen Satz aus Carmen Imes Buch:

    Gute Arbeit zu leisten ist eine Möglichkeit, unsere Bestimmung zum Ausdruck zu bringen.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Ich hoffe doch sehr, dass ich damit allerlei Gedanken zum Thema, Werke, Glaube, Erlösung, Gerechtigkeit durch Werke usw. ausgelöst habe. Und möchte gleich anschließen: Damit hat das überhaupt nichts zu tun. Sondern vielmehr damit, dass wir als Bild Gottes sinnvolle Arbeit tun möchten und uns das uns gut tut. Es ist Teil unserer Bestimmung. Nehmen wir zum Beispiel 3. Mose 19:9-10 Landwirte sollten nicht alles am Feld oder Weinberg ernten. Dieser Teil als Frucht ihrer Arbeit würde ihnen schon genügen. Aber Arme und Fremde ohne Land, sollten auch die Möglichkeit haben, mit eigener Arbeit zu ernten und daraus ein Selbstwertgefühl zu erhalten. Sie sollten keine Allmosenempfänger sein, auf die man herabblickt.

    Bei der Arbeit, die Gott für seine Bilder vorgesehen hat, geht es aber nicht um uns.

    „Das Bild Gottes zu sein bedeutet, dass wir in eine besondere Beziehung zu Gott, zueinander und zum Rest der Schöpfung gestellt werden, um als seine königlichen Vertreter zu herrschen.“

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Welche Konsequenzen hat das?

    Wenn ich wirklich glaube, dass jeder Mensch das Bild Gottes ist und geschaffen wurde, um der Welt die Gegenwart Gottes zu signalisieren, dann sollte mich dieser Glaube dazu verpflichten, meine Mitmenschen mit Würde zu behandeln.

    Frauen sind Gottes Bild, haben die gleiche Würde und tragen die gleiche Verantwortung dafür, Gott gegenüber der Schöpfung zu vertreten.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Nun sind wir an dem Punkt, wo wir uns mit gewissen Voreingenommenheiten gegenüber Frauen beschäftigen sollten, die manche aus dem Bibelbericht über den Sündenfall abzuleiten glauben zu können.

    Stellen wir uns einmal die Situation mit Eva und der Schlange vor. Wenn du dir dazu ein Bild vorstellst, bin ich mir ziemlich sicher, dass es in etwa so aufgebaut ist:

    Albrecht Dürer, „Der Sündenfall der Menschheit (Adam und Eva)“ 1504

    Alle Bilder dazu, an die Carmen Imes sich (und auch ich mich) erinnern kann, sehen so ähnlich aus. Und damit liegen alle in ein paar Punkten falsch, weil das so überhaupt nicht in der Bibel steht: Nirgends steht, dass Eva und die Schlange direkt unter dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse standen. Warum würde Eva gemäß dem Bericht in 1. Mose 3:3 nicht einfach von „diesem Baum“ sprechen, sondern von „dem Baum in der Mitte des Gartens“. Es muss sich also nicht um eine spontane Entscheidung gehandelt haben, sondern die Schlange hat den Samen des Zweifels gesät. Und der wirkte: „Als die Frau nun sah, wie gut von dem Baum zu essen wäre, was für eine Augenweide er war und wie viel Einsicht er versprach, da nahm sie eine Frucht und aß.“ (1. Mose 3:6 NEÜ) Etwas ist auf dem Bild aber richtig dargestellt, was manche Männer allerdings lieber verdrängen: Gemäß 1. Mose 3:6 war Adam dann dabei, als Eva von der Frucht nahm: „Sie gab auch ihrem Mann davon, der neben ihr stand. Auch er aß.“ Eva wird manchmal als Ursache des Übels abgestempelt. Aber warum ist Adam nicht vehement eingeschritten? Er war doch direkt daneben, als sie von der Frucht aß. Und warum waren sie beide dann bei dem Baum in der Mitte des Gartens? Vielleicht war er ja schlau, und hat erstmal abgewartet, ob sie nicht doch sofort tot umfällt. Und als das nicht der Fall war … Wer weiß.

    So haben sich also beide dafür entschieden, nicht wie das Bild Gottes zu handeln. Und in einem hatte die Schlange recht: „Da gingen beiden die Augen auf.“ Was sie erkannten, war aber nur, dass sie nackt waren. Eine Erkenntnis von Gut und Böse wie Gott kann man kaum erkennen, wenn Adam als Ausrede in 1. Mose 3:12 erst Eva die Schuld gibt, und gleich darauf Gott selbst, weil er sie ihm ja schließlich gegeben hat.

    Carmen Imes fasst die Situation so zusammen:

    Ihr Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot und ihr Unvermögen, Gottes guten Absichten zu vertrauen, lassen ihre Beziehung zu Gott, zueinander und zu der von Gott geschaffenen Welt sofort zerbrechen.

    Die ersten Menschen verloren das gegenseitige Vertrauen, den gegenseitigen Respekt, die Unschuld und die Vertrautheit mit Gott und den anderen Menschen. Das Schlimmste aber war, dass sie den Zugang zur Gegenwart Gottes im Garten verloren.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    War es nun damit vorbei, dass Menschen das ‚Bild Gottes‘ sind? Carmen Imes argumentiert – wie auch andere Gelehrte – dass die erneute Erwähnung in 1. Mose 5:1-3 („nach seinem Bild“) und 1. Mose 9:6 („Denn als Bild Gottes / hat er den Menschen gemacht.“, Einheitsübersetzung 2016) der menschliche Status als Gottes Bild wiederholt wird.

    Weil das Wesentliche daran, Gottes Ebenbild zu sein, eine Aussage über unsere Identität ist und nicht eine Fähigkeit oder Funktion, können wir es nicht verlieren.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Und damit wären wir bei der Frage, wie sich diese Erkenntnis, dass wir ‚imago Dei‘, also das Bild Gottes sind, auf unser Verhalten und unser Leben auswirken sollte. Damit werden wir uns im nächsten Teil beschäftigen.

  • Gottes Bild sein – Teil 2

    Gottes Bild sein – Teil 2

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den ersten Teil hatten wir mit dieser Aussage abgeschlossen

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darum geht es in diesem zweiten Teil der Serie.

    Die Krone der Schöpfung – Bild Gottes

    Warum habe ich hier von den Menschen als Bilder Gottes gesprochen? Das wird schon ab 1. Mose 1:26,27 deutlich, wenn der Höhepunkt der Schöpfung beschrieben wird:

    Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde regen. Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

    1. Mose 1:26, 27 Züricher

    So übersetzen mittlerweile die meisten Übersetzungen. Vielleicht hast du dich aber auch gewundert, weil du den Text anders in Erinnerung hast:

    Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich; … Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

    1. Mose 1:26,27 Schlachter 2000

    Sind wir jetzt im Bild Gottes erschaffen oder als Bild Gottes? Welcher Gedanke kommt dem Text am nächsten? Am besten finden wir das heraus, wenn wir (1) die antike Kultur und (2) andere Passagen der Bibel verwenden. In lateinischen Bibelübersetzungen wird hier der Begriff ‚imago Dei‚ verwendet: Bild Gottes. Im Hebräischen steht das Wort tselem. Dieses hat in verwandten antiken Sprachen eine klare Bedeutung: Es ist die Statue eines Gottes in seinem Tempel. Damit sind wir wieder bei der Tempel-Symbolik der Bibel, von der wir schon gesprochen hatten. Wir sind also erschaffen worden, um Gottes Bild zu sein:

    So wie eine Götterstatue den Anspruch dieses Gottes auf ein bestimmtes Gebiet repräsentieren soll, so sind die Menschen die physische Repräsentation des Schöpfergottes auf der Erde. Und so wie ein Götzenbild den Lobpreis auf die eigentliche Gottheit lenken soll, so sollen die Menschen den Lobpreis auf Jahwe lenken. Der Theologe Marc Cortez nennt dies „repräsentative Präsenz“: „Wir müssen imago Dei als eine Erklärung ansehen, dass Gott beabsichtigte, die Menschen als das physische Mittel zu erschaffen, durch das er seine eigene göttliche Gegenwart in der Welt manifestieren würde.“

    N. T. Wright sagt, wir sollen ein „abgewinkelter Spiegel sein, der Gottes weise Anordnung in die Welt reflektiert und das Lob der ganzen Schöpfung auf den Schöpfer zurückwirft.“

    Wir sind Gottes Familie. Gottes Bild zu sein, beinhaltet sowohl Verwandtschaft als auch Königtum. Wir sind Teil der königlichen Familie.

    Obwohl der Schöpfungsbericht mit dem Erscheinen der Menschen seinen Höhepunkt erreicht, sind wir nicht das Zentrum des Universums. Gott ist es.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    „Mensch zu sein bedeutet, im Namen Gottes an der Bewahrung der Schöpfung teilzunehmen. Unsere Aufgabe ist es, die Erde so zu pflegen, wie es der Schöpfer tun würde. Wir setzen Gottes schöpferisches Werk fort.“

    Vermutlich denkst du jetzt schon daran, wie du das umsetzen kannst. An und für sich ist es ja gut, sich Gedanken zu machen, was man selbst tun kann. Andererseits ist es auch sein Sympton vieler christlicher Glaubensrichtungen, sich sehr auf das Individuum zu fokusieren.

    „Gemeinsam sind wir Gottes Ebenbild. Gott hat Männer und Frauen dazu geschaffen, sich gegenseitig zu begleiten und Seite an Seite in der Welt zu arbeiten.“

    Selbst in bezug auf Yahwe selbst wird das im Bibelbericht in 1. Mose 1:26 deutlich: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich.“ (Züricher). Die Verwendung des Plurals hier ist weder eine ehrfüchtige Bezeichnung für Gott noch ein Bezug auf die Trinität. „In einem altorientalischen Kontext hätten die ersten Zuhörer dies als Verweis auf Gottes himmlischen Gerichtshof, seinen göttlichen Rat, verstanden. (z.B. Hiob 1:6-12; Psalm 82; Jesaja 6:8)“ Die Menschheit als Bild Gottes wurde von Gott als Teil einer Gemeinschaft erschaffen.

    Nachdem das nun geklärt ist, können wir ja in 1. Mose 2 weiter lesen. Und da stolpern die meisten. Weil es ab Vers 4 anscheinend nochmal, aber anders erzählt wird. Das hat aber einen Grund: In 1. Mose 1 steht Gott im Mittelpunkt. In 1. Mose 2 geht es um die Menschheit:

    „1. Mose 2 untersucht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – in Beziehung zu Gott, zur Erde, zu den Pflanzen, zu den Tieren und zueinander.“ Daher konzentriert sich der zweite Schöpfungsbericht auf die menschliche Identität und Berufung. Dieses Kapitel lässt uns entdecken, dass Menschen eigentlich Gärtner sein sollten. Das wird duch 1. Mose 2:5 deutlich, wo zwei Gründe dafür genannt werden, dass die Erde noch nicht fruchtbar war: 1. Gott hatte es noch nicht regnen lassen, 2. Es gab noch keine Menschen, die das Land bebauten. „Diese Aussage impliziert, dass der beabsichtigte Entwurf eine Partnerschaft zwischen Gott und den Menschen ist, um die Erde zu bebauen.“ Die ganze Erde sollte mit Hilfe der Menschen wie Eden werden.

    In diesem Zusammenhang sollten wir auch kurz klären, warum in Übersetzungen die Frau Eva als eine „Hilfe“ oder „Gehilfin“ Adams bezeichnet wird. War sie nur als so etwas wie ein Hilfsarbeiter gedacht, nicht gleichwertig mit Adam? Keineswegs, wie der Text zeigt. In 1. Mose 2:18,20 wird das hebräische Wort kenegdo gebraucht, welches korrekt mit ‚ebenbürtig‘ oder ‚genau entsprechen‘ übersetzt wird. ‚Hilfe‘ ist die Übersetzung des hebräischen ‚ezer. Es kommt im alten Testament über 90 Mal als Hauptwort vor und hauptsächlich auf zwei Arten verwendet: (1) Für alliierte Soldaten und (2) für Gott als Israels Hilfe. Es wird nie in Bezug auf einen Diener oder Untergebenen gebraucht. Seine hauptsächliche Verwendung ist militärisch und wird am besten als ‚Alliierter‘ übersetzt. Tatsächlich gab es vor der Rebellion Adams und Evas gegenüber Gott keine Hierarchie, welche die beiden trennte.

    Wir alle – unabhängig vom Geschlecht – sind das Bild Gottes, um seinen Auftrag zu erfüllen. Niemand ist davon ausgeschlossen. Und keiner von uns kann diese Aufgabe alleine erfüllen. Keiner muss diese Aufgabe alleine erfüllen. Um Gottes Auftrag zu erfüllen, brauchen wir uns gegenseitig.

    Und damit möchte ich es in dieser Folge belassen. Denn wenn dieser Teil auch nicht lange war, enthielt er eine Menge von Gedanken, die es wert sind, darüber nachzudenken. Im nächsten Teil fangen wir dann mit der Arbeit an – als imago Dei, Bild Gottes.

    An die Arbeit gehen

    Was bedeutet das für uns Menschen als Bild Gottes, als imago Dei?

    Gute Arbeit zu leisten ist eine Möglichkeit, unsere Bestimmung zum Ausdruck zu bringen.

    „Das Bild Gottes zu sein bedeutet, dass wir in eine besondere Beziehung zu Gott, zueinander und zum Rest der Schöpfung gestellt werden, um als seine königlichen Vertreter zu herrschen.“

    Wenn ich wirklich glaube, dass jeder Mensch das Bild Gottes ist und geschaffen wurde, um der Welt die Gegenwart Gottes zu signalisieren, dann sollte mich dieser Glaube dazu verpflichten, meine Mitmenschen mit Würde zu behandeln.

    Frauen sind Gottes Bild, haben die gleiche Würde und tragen die gleiche Verantwortung dafür, Gott gegenüber der Schöpfung zu vertreten.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes
  • Gottes Bild sein – Teil 1

    Gottes Bild sein – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Um unsere Berufung und Zukunft als Menschen aus biblischer Sicht besser verstehen zu können, müssen wir in Genesis beim Bericht über die Schöpfung in 1. Mose anfangen. Doch das ist heutzutage ein denkbar schlechter Startpunkt für ein Video, weil praktisch jeder schon eine Meinung dazu hat und damit abschaltet: Von streng wörtlicher Auslegung bis zur völligen Ablehnung gibt es alles.

    Worum es in der Genesis aber geht, kann man nur richtig verstehen, wenn wir unseren Kontext des 21. Jahrhundert vergessen – soweit das überhaupt möglich ist – und die Worte mit dem Kontext der Israeliten vor 3500 Jahren lesen. Mindestens drei wesentliche Unterschiede müssen wir berücksichtigen:

    1. Die Menschen damals interessierte nicht „was die Welt im Innersten zusammenhält“, also der heutige wissenschaftliche Ansatz. Sondern wer die Welt ordnet und für ihre Funktionieren verantwortlich ist und sorgt.
    2. Die damalige Vorstellung von Himmel und Erde war eine ganz andere als heute. Nein, es geht nicht darum, dass sie irgendwie beschränkter oder ‚primitiver‘ war. Da die ‚Welt‘ dieser Menschen auf einen sehr überschaubaren Teil der Erde beschränkt war, war so etwas wie ein Globus oder eine Weltkarte unwichtig. Was sie interessierte war eine Beschreibung der ‚Welt‘, in welcher der Bereich der Menschen, der geistigen Wesen, der Toten und die Ordnung des Ganzen einfach verständlich war. Und so waren auch die Weltbilder oder Modelle anderer Völker aufgebaut. Wer heute diese als unwissenschaftlich belächelt, hat deren eigentlichen Zweck nicht verstanden.
    3. Die Israeliten kannten die Weltbilder und Schöpfungsgeschichten aus Ägypten und Mesepotamien. Daher ist ein Vergleich der Genesis mit diesen sehr aufschlußreich.

    Muster im biblischen Schöpfungsbericht

    Carmen Imes bezieht sich hier auf die Arbeiten verschiedener Gelehrter, insbesondere auf John H. Waltons Arbeiten, die man zum Beispiel in seinem Buch The Lost World of Genesis One finden kann:

    The Lost World of Genesis One von John H. Walton

    Jascha Schmitz hatte den Inhalt in seiner Video Serie Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt schon ausführlich erläutert. Daher werde ich hier das Ergebnis nur sehr kurz zusammenfassen.

    Kurz gesagt geht es im Schöpfungsbericht in der Genesis (1. Mose) nicht darum, wie Gott alles gemacht hat, sondern warum.

    Carmen Joy Imes, Being God’s Image

    Um das Risiko zu minimieren, unsere eigenen Ideen dem Text der Bibel hinzuzufügen, ist es wichtig, nach Mustern Ausschau zu halten, die der Author verwendet, um Dinge zu betonen. Was in einer Übersetzung meist verloren geht, ist der Rhythmus und die Wiederholung bestimmter Wörter oder Bilder in der Originalsprache des Textes. So ist es auch hier: „Gott sagte“ wird 3 mal für Menschen und 7 mal alles andere verwendet, also 10 mal. „Es werde …“ wird 3 mal für die Himmel und 7 mal für die Erde verwendet, also 10 mal. „machen“ wird 10 mal verwendet, „gemäß ihrer Art“ 10 mal, „Gott sah, dass es gut war“ 7mal usw. Es gibt noch mehr davon. Und wir finden dieses Muster:

    Die Symmetrie des Schöpfungsberichts in der Genesis

    In die Welt, die in 1. Mose 1:2 noch „formlos und leer“ ist, bringt Jahwe die Ordnung, die wir kennen. Am ersten Tag trennt Jahwe Licht von Dunkelheit, welche dann am vierten Tag mit Sonne, Mond und Sternen bevölkert werden. Am zweiten Tag trennt Jahwe die Wasser – oberhalb und unterhalb – und erschafft so den Himmel dazwischen. Am fünften Tag bevölkert Jahwe diese mit Vögeln und Fischen. Am dritten Tag trennt Jahwe trockenes Land ab und am sechsten Tag werden diese mit Landtieren und Menschen bevölkert.

    Menschen der Antike waren nicht daran interessiert, wie die Dinge ins Dasein kamen, sondern warum. Und der Schöpfungsbericht der Genesis in 1. Mose 1 gibt die Gründe an, das Warum: An Tag 1 sorgt Jahwe für Licht und an Tag 4 Himmelskörper, mit denen die Israeliten Zeit messen konnten, was nicht nur für den Ackerbau wichtig war, sondern auch für die Einhaltung der Festtage, welche den Israeliten auch gemäß den Büchern Mose mitgeteilt wurden. An Tag 2 sorgt Jahwe für den Bereich der Luft zwischen den Wassern, damit an Tag 5 Fische und Vögel darin leben können und später noch mehr. An Tag 3 wird das trockenes Land und Vegetation erwähnt, damit am Tag 6 darin Landtiere und der Mensch leben können.

    Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nicht um die wissenschaftliche Beschreibung einer zeitlichen Reihenfolge geht, sondern an Tag 1, 2 und 3 die Bereiche erwähnt werden und symmetrisch dazu an Tag 4, 5 und 6 die ‚Bewohner‘ dieser Bereiche. Auch wenn der 7. Tag danach kommt, geht es hier primär nicht um eine zeitliche Abfolge, sondern den Zweck, das Warum: Alles war gut und Jahwe konnte nun ‚ruhen‘. Nicht im Sinne von ‚ausruhen‘, sondern dass die Ordnung nun hergestellt war. Auch dazu gibt es ausführlichere Erklärungen. Das hier gebrauchte Worte für ‚ruhen‘ wird aber auch in dem Sinne gebraucht, dass die Vorbereitungen jetzt erledigt sind und mit dem eigentlichen Regieren begonnen werden kann.

    Sind wir Gedanklich immer noch bei den Israeliten in der Wüste vor 3500 Jahren? Das wurde über Jahwe gesagt, der Gott, der sie aus Ägypten gebracht hat und einen Bund mit ihnen schließen will: Das ist Jahwe, der euer Gott sein wird und ihr sein Volk, das seinen Namen tragen soll. Vergessen wir nicht, die Bericht der Genesis in diesem Kontext zu lesen und zu sehen. Deswegen ist der Bericht so geschrieben worden, wie er ist.

    In Verbindung mit dem Schöpfungsbericht, dem Ruhetag Gottes und der späteren Sabbath-Vorkehrung können wir auch schon einmal etwas für unser Leben ableiten:

    Der Sabbath ruft uns dazu auf, aufzuhören, wie Sklaven zu arbeiten, sondern anzufangen wie Mitglieder der königlichen Familie zu leben.

    Warum hier von einer königlichen Familie gesprochen wird, werden wir im Laufe der Serie noch besser verstehen. Es geht hier um ein weiteres Muster im Text der Bibel, eine Metapher, die den Israeliten gut bekannt war: Die Familienmitglieder des Königs hatten einen anderen Status als alle anderen Menschen. Nicht nur in Bezug auf das Erbe des Königtums, sondern während ihres ganzen Lebens. Dieses Muster taucht in der Bibel immer wieder auf, um unser Verhältnis zu Gott zu beschreiben.

    Welche Vorstellung von der Welt hatten denn die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, wo und warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe meine Video Serie Gottes Namen Tragen).

    Der biblische Schöpfungsbericht ist dagegen so komponiert, dass einige Gelehrte ihn für eine Art Liturgie halten: Der 7-Tage Rahmen des Schöpfungsberichts wurde so angelegt, damit er ein Must für die Arbeitswoche der Israeliten ist. Ein Zyklus von 7 Tagen findet sich nicht in anderen antiken Kalendern, die von Himmelskörpern abgeleitet ist. Er kommt gemäß den Büchern Mose aus einem Gebot Gottes und daher ist im hebräischen die 7 eine Zahl für Vollständigkeit. Die Bezeichnung des 7. Tages als Ruhetag findet seinen Anklang in Pslam 132:7-8 oder Jesaja 66:1,2 wo von Gottes Ruheort gesprochen wird. Viele Gelehrte halten 1. Mose 1 (Genesis 1) daher für einen Tempel-Einweihungstext – für den kosmischen Tempel Gottes. Aber das ist ein anderes spannendes Thema, das Jascha Schmitz in einer längeren Video-Serie betrachtet hat: Kosmischer Tempel – Zentrales Thema der Bibel

    Dabei geht es jetzt nicht um eine geheime Botschaft, die in der Bibel versteckt ist. Es geht um das Muster eines Tempels, das im Text der Bibel immer wieder verwendet wird. Eine Metapher, mit der die Israeliten und Menschen der Antike völlig vertraut waren. Ein Tempel war der Ort der Präsenz eines Gottes oder einer Göttin. In der Kosmologie der Israeliten war der Bereich Jahwes und der der Menschen getrennt. In Verbindung mit dem Sinai, der Bundeslade und später dem Tempel wird aber im Alten Testament von der Gegenwart oder Präsenz Jahwes gesprochen. Und so auch in der Genesis – im Schöpfungsbericht in 1. Mose. Und zwar in Verbindung mit dem Garten Eden im Paradies und den Menschen. Dieses Muster von Eden findet sich später wieder in der Konstruktion und den Darstellungen in der Stiftshütte, dem Tempel und weiter bis zu Offenbarung.

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Eine interessante Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darauf gehen wir im nächsten Teil ein.

  • The Zoom Congregation: Text, Context, Consequences – Part 8

    The Zoom Congregation: Text, Context, Consequences – Part 8

    By Christian


    In the last two parts of this series, we will deal with the consequences of wanting to shape our Zoom community ‚exactly like the first Christians‘. In the last part, we had already covered these topics:

    • ‚They devoted themselves to the apostles‘ teaching‘
    • ‚Sharing a meal together‘
    • ‚Breaking bread together‘
    • Baptism
    • Finances, donations, property
    • Apostles, overseers, elders, deacons
    • Women as overseers, elders and deacons

    I would like to take up three further points that pose an enormous challenge for a Zoom community, even more so than for others.

    Doctrines

    What was it like when the first congregation in Jerusalem was founded? Well, actually there was no such moment. At least not like in other congregations that were founded by missionaries like Paul. Was it clear from the beginning what everyone had to believe? Or to put it another way: Was there a list of doctrines that ‚we in this congregation‘ believe? Do these considerations and questions seem strange to you? That’s perfectly fine, because the historical development was different. The first disciples all came from the Jewish religion. And whichever direction they leaned, they had a common foundation. To this were added the teachings of Jesus Christ and the conviction that he had risen from the dead. There was not much more when the Holy Spirit was poured out at Pentecost. What was the central message? “Philip went to a city in Samaria and proclaimed the Messiah Jesus.” (Acts 8:5 NEÜ) And shortly thereafter: ‘Philip began with that very passage of Scripture and told the Ethiopian the good news about Jesus.’ (Acts 8:35 NEÜ) What else did he have to learn and accept as binding beliefs before he was baptized? “As they traveled along the road, they came to some water. ‚There is water here,‘ said the eunuch, ’so why can’t I be baptized?’” (Acts 8:36 NEÜ). Nothing, because we read that he was baptized.

    Why did I mention this? For one thing, it shows us the basic teachings of the first congregations. The scriptures (what is today called the Old Testament) and the gospel of Jesus. Were details asked about or difficult theological questions? Was there a fixed creed? It is interesting here that Acts 8:36,37 is rendered differently in different translations:

    As they traveled along the road, they came to some water. “There is water here,” said the eunuch, “what stands in the way of my baptism?”

    Footnote: Later manuscripts add: “If you believe with all your heart,” Philip said, “you may be baptized.” – “Yes,” said the Ethiopian, “I believe that Jesus Christ is the Son of God.” (This question and answer corresponded to the practice of the early church and probably came from there into some manuscripts.)

    Acts 8:36,37 NEÜ

    Over time, central doctrines of the faith were formalized so that they could be learned by heart. Writings such as the Didaché served as instruction after baptism. But there were already oral creeds that found their way into the text of the New Testament:

    For what I received I passed on to you as of first importance: that Christ died for our sins according to the Scriptures, that he was buried, that he was raised on the third day according to the Scriptures, and that he appeared to Cephas, and then to the Twelve. After that, he appeared to more than five hundred of the brothers and sisters at the same time, most of whom are still living, though some have fallen asleep. Then he appeared to James, then to all the apostles, and last of all he appeared to me also, as to one abnormally born.

    1 Corinthians 15:3-7 NIV

    Beyond all question, the mystery from which true godliness springs is great:

    He appeared in the flesh,
    was vindicated by the Spirit,
    was seen by angels,
    was preached among the nations,
    was believed on in the world,
    was taken up in glory.

    1 Timothy 3:16 NIV

    Who, being in very nature a God,
    did not consider equality with God something to be used to his own advantage;
    rather, he made himself nothing
    by taking the very nature b of a servant,
    being made in human likeness.
    And being found in appearance as a man,
    he humbled himself
    by becoming obedient to death —
    even death on a cross!
    Therefore God exalted him to the highest place
    and gave him the name that is above every name,
    that at the name of Jesus every knee should bow,
    in heaven and on earth and under the earth,
    and every tongue acknowledge that Jesus Christ is Lord,
    to the glory of God the Father.

    Philippians 2:6-11 NIV

    In the last two quotations, the text of the New Testament itself uses an interesting verse form that facilitates memorization and repetition in the congregations. And if we think of the instructions in Acts 15, they were also very concise.

    Now compare that with your Zoom congregation or one you know. Do they think they are doing everything the way the first century congregation did? And in terms of beliefs, are they doing it the way we just read about? Then maybe you should have thoughts like those quoted in the Bible texts, right? Compare it, for example, with this description of a Zoom congregation:

    We are non-Trinitarian Christians.

    Our beliefs are: [I have left out the detailed sub-points]:
    There is only one true God, the Father of all, the Creator of all.
    Jesus is our Lord, King and only Leader.
    The Holy Spirit is used by God to accomplish His will.
    The Bible is God’s inspired word.
    The dead are non-existent; the hope for the dead is resurrection.
    Jesus Christ came to open the way for believers to become God’s children.
    Satan (also known as the devil) was a son of God’s angels before he sinned.
    There is only one Christian hope and only one Christian baptism.

    A Zoom Congregation’s Own Description of Its Core Beliefs

    Do you see the difference? As I said at the beginning of this series, the consequences only really become apparent when you look closely at how it is lived in practice.

    If you ask someone from this Zoom congregation about who is allowed to attend their meetings, you will probably get an answer like, “Anyone can come to our meetings.” And why is it mentioned right away that they are “non-Trinitarian Christians”? Can someone who only agrees with the fundamental teachings that we have just read in the creeds in the New Testament participate repeatedly, but otherwise has different views? What if the person repeatedly comments on texts and expresses an opinion that corresponds to a Trinitarian doctrine? Will he then be allowed to continue to participate in the Lord’s Supper or even remain?

    Now we must not make it easy for ourselves by telling ourselves that the person can go elsewhere. For if the members of the Zoom congregation are convinced that they are led by the Holy Spirit and that their views are part of biblical truth – and the doctrine of the Trinity is not – do we not then exclude the person from the ‚true‘ Christian congregation?

    Who then has established these teachings? The description suggests that everyone is of the same conviction. But did it come about that a group of people unanimously came to this conclusion through the Holy Spirit (as described in Acts 15)? Or did the founder of this Zoom congregation first proclaim his views and then only those who thought similarly joined him? And later it is made clear that in the future only those who agree with certain views are welcome?

    “Christian, aren’t you overdoing it a bit now? Then let them stay in their Zoom congregation and the others in their own. What’s the problem?” Coming right up. We look further into the future. In the non-Trinitarian Zoom congregation, someone expresses the thought that Jesus was a human being and was taken up by God because of his faithfulness to him. ‘No, absolutely not,’ we hear, ”Jesus came from heaven.” Can both views be tolerated? Or does one or the other view also become part of the belief system? Well then, let them give it a rest and divide into two Zoom congregations… And don’t say history doesn’t repeat itself. Isn’t that exactly what happened in the first centuries?

    Is this the model for first-century congregations, or the beginning of the development of the first congregation in Jerusalem into the church? Is it not becoming clear, at the latest now, that we are automatically running into the same problems as the congregations in the first centuries after Christ? Perhaps we should also compare the origin and development of one of the numerous Christian movements in the 19th century. Then we can see even better the mechanisms and circumstances that have been repeated over and over again.

    Who belongs to the Zoom Congregation?

    The question of which teachings are or are not “permissible” also raises another point: Who belongs to the congregation and who does not? Who decides whether and when to exclude someone from the meetings?

    Imagine that at some point, someone starts mentioning more and more often that the relevant Bible texts do in fact speak in favor of the Trinity. Or that women in the Zoom congregation should not pray in public. Or that heaven is not the hope for Christians. Or… you’re sure to come up with more.

    Is it then already a ’sin‘ that is to be dealt with according to Jesus‘ words in Matthew 18? Some say no, and I will address this in the next section. So how did the first-century congregations proceed? I mean, practically, not in the sense of advice and instructions in a letter from Paul or something. Although one should also ask oneself whether one is not putting oneself on a par with a church planter and missionary like Paul when quoting such texts to oneself.

    Does the Zoom Congregation decide then? By majority vote? Absolute or relative majority? And who actually ‚belongs‘ to the Zoom Congregation? Or does the moderator decide alone? If there were elders and overseers, then maybe they? Or is it better to ask the founder of the Zoom Congregation?

    Some have brought up the idea of some kind of ‚domiciliary right‘: whoever organizes the Zoom meeting has the domiciliary right, so to speak, and can decide.

    Good. So that would correspond to the congregation in Rome in the 1st century, which met in the house of Priscilla and her husband Aquila, according to Romans 16:3-5. This would give them the ‚domestic authority‘ to decide who could come and who could not. If the apostle Paul were to write about this in a letter or were even present, would his words only have an advisory function, or? After all, he does not have the authority over the household. So they could have turned Paul out of their house as well – their house. It’s interesting to see what happens when you think through such ideas in concrete terms.

    In other areas, this may be understandable. Take a YouTube channel, for example. If someone feels that it is actually his or her channel and her or she is identified with it, then he or she may decide to delete posts that do not correspond to their views. Or posts from someone who is no longer actually part of the Zoom congregation or no longer wants to be. Although, what does that have to do with the content? Never mind, that’s still understandable.

    But how is that with a Zoom congregation? You can’t think on the one hand that the Zoom congregation is a congregation like the first-century one, but at the same time claim ‚domiciliary rights‘ for yourself, as if you have invited guests into your living room.

    If this matter is complicated, then how much more so when it comes to ’sinners’…

    Dealing with ’sinners‘

    Let us return to the question of how to deal with ’sinners‘. According to some, Jesus‘ words in Matthew 18 are the only relevant statement here. Let us read them in context:

    “If your brother or sister sins, go and point out their fault, just between the two of you. If they listen to you, you have won them over. But if they will not listen, take one or two others along, so that ‘every matter may be established by the testimony of two or three witnesses.’ If they still refuse to listen, tell it to the church; and if they refuse to listen even to the church, treat them as you would a pagan or a tax collector. “Truly I tell you, whatever you bind on earth will be e bound in heaven, and whatever you loose on earth will be f loosed in heaven. “Again, truly I tell you that if two of you on earth agree about anything they ask for, it will be done for them by my Father in heaven. For where two or three gather in my name, there am I with them.”

    Matthew 18:15-20 NEÜ

    I deliberately quoted the second part from verse 18 as context, because there are many very different interpretations of it. And Jesus’s reference to being with his disciples when even two or three come together. So not an easy text if you want to ‚do it exactly as in the 1st century‘. When does a brother ’sin‘ according to Jesus‘ words? Jesus does not elaborate on this. So is that decided in the Zoom congregation? Each person for themselves? Well, then some might think that this is a sin and others don’t? Do you then start to make a list… Well, but I don’t want to go into that at all. I also marked another sentence.

    Even if you ignore the ‚little sins‘ of imperfect people – although Jesus makes no distinction here – then sooner or later there will be someone in a Zoom congregation who does something that quite a few people consider a sin. Then ‚bring the matter before the congregation‘, Jesus says. How should I imagine that in the Zoom congregation? If you claim to do it exactly as in the 1st century or as Jesus said, you would have to do it, wouldn’t you? Who then belongs to the ‚congregation‘? All those who are in the Zoom meeting more or less regularly? Are others allowed to join at this time? Or do you prevent that? Is video recording allowed? Feel free to think about this for a while and then reflect on the statement to ‚do it exactly as in the 1st century‘. If you don’t even know how it was done in the 1st century.

    I think it has become clear that due to the past 2000 years, the different culture and today’s technology, there are new questions and challenges that did not exist back then. But if there can be no concrete derivation from the congregations in the 1st century, then the whole idea of doing it ‚exactly as in the 1st century‘ does not make much sense, does it?

    Conclusion

    As we have seen, it is not possible to ‚do exactly as the first-century church did‘, because the one church did not exist. And the different congregations did not always and everywhere do everything the same way. That would not have made sense either, because the context and circumstances were different and changed.

    Why did we even bother with this claim then? Because the claim “we do it like the congregation of the early Christians” often carries other ulterior motives: Because we do it like the early Christians, we do it right. Emphasis on right. Or also: Because we do it like the early Christians, we do it right. Emphasis on ‚we‘. And that implies that ‚the others‘ are not doing it right. And that creates a boundary in space that strengthens the sense of ‚us‘, but does not necessarily have a biblical basis. And at some point, one might even speak (again) of ‚true‘ and ‚false‘ religion.

    This raises the question of whether, two thousand years later in the internet age, in countries where Christian religions are widespread or predominant, the context is not so different from the first century that the scant information we have cannot be directly applied to our situation. Especially since there is no instruction for this in the New Testament.

    Does it even make sense to try to do it ‚exactly like the congregation of the early Christians‘? Didn’t the believers in the first century and in the time after that have to think again and again about how to organize themselves? Of course. Because if you read the New Testament, as we have done in this series, you will notice that they were supported by the Holy Spirit, but he did not dictate or inspire every little detail. And actually, Jesus leads his church. And sometimes he also used angels for this. The Holy Spirit came into play when it went beyond what they could have done themselves. Peter would never have come up with the idea of baptizing the Gentiles on his own. He would never have taken it upon himself, as his responses to his vision show. And Paul was determined to evangelize in a certain area, until he was clearly directed in a different direction in a nocturnal vision. But otherwise, they had to use what their Creator had given them: their minds.

    In any case, it can’t hurt to broaden your view to include the accounts of the believers in the New Testament and also in the Old Testament. And there is also a lot to be learned from the history of the disciples and the Christians up to the early churches. Yes, even from the further historical development. And the movements that emerged in the 19th century. Ultimately, you will find that the New Testament is not a manual for organizing the meeting. Pretty soon you are faced with questions and decisions, as have all followers of Christ over the centuries. And there are no easy and clear answers in the New Testament. Since our context today is quite different – especially in the case of a Zoom congregation – we need to rethink things. In doing so, we should learn from the decisions and developments of the past. 

  • Die Zoom-Gemeinde: Text, Kontext, Konsequenzen – Teil 8

    Die Zoom-Gemeinde: Text, Kontext, Konsequenzen – Teil 8

    Von Christian


    In den letzten beiden Teilen dieser Serie beschäftigen wir uns mit den Konsequenzen, wenn wir unsere Zoom-Gemeinde ‚genauso wie die ersten Christen‘ gestalten wollen. Im letzten Teil hatten wir schon diese Themen behandelt:

    • ‚Sie hielten beharrlich an der Lehre der Apostel fest‘
    • ‚Gemeinsame Mahlzeiten‘
    • ‚Gemeinsames Brechen des Brotes‘
    • Taufe
    • Finanzierung, Spenden, Eigentum
    • Apostel, Aufseher, Älteste, Diener
    • Frauen als Aufseher, Älteste und Diener

    Ich möchte noch drei weitere Punkte aufgreifen, die für eine Zoom-Gemeinde – noch mehr als für andere – eine enorme Herausforderung darstellen.

    Glaubenslehren

    Wir war das, als die erste Gemeinde in Jerusalem gegründet wurde? Nun ja, eigentlich gab es diesen Moment ja nicht. Zumindest nicht so, wie bei anderen Gemeinden, die von Missionaren wie Paulus gegründet wurden. Stand da von Anfang an fest, an was jeder zu glauben hat? Oder anders formuliert: Gab es eine Liste von Lehren, die ‚wir in dieser Gemeinde‘ glauben? Kommen dir diese Überlegungen und Fragen vielleicht merkwürdig vor? Das ist völlig in Ordnung, denn die historische Entwicklung war eine andere. Die ersten Jünger kamen alle aus der jüdischen Religion. Und welcher Richtung sie auch zuneigten, so hatten sie eine gemeinsame Grundlage. Dazu kamen nun die Lehren Jesu Christi und die Überzeugung, dass er von den Toten auferstanden ist. Viel mehr gab es nicht, als zu Pfingsten der heilige Geist ausgegossen wurde. Welche Botschaft stand im Zentrum? „Philippus zum Beispiel ging in eine Stadt von Samarien und predigte, dass Jesus der Messias ist.“ (Apg 8:5 NEÜ) Und kurz darauf: „Da begann Philippus zu reden. Er knüpfte an dieses Schriftwort an und erklärte dem Äthiopier das Evangelium von Jesus.“ (Apg 8:35 NEÜ) Was musste er noch alles lernen und als verbindliche Glaubenssätze akzeptieren, bevor er getauft wurde? „Als sie nun so auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Gewässer. „Hier gibt es Wasser“, sagte der Eunuch, „was steht meiner Taufe noch im Weg?“ (Apg 8:36 NEÜ). Nichts, denn danach lesen wir, dass er getauft wurde.

    Warum habe ich das angeführt? Zum einen zeigt es uns die grundlegenden Lehren der ersten Gemeinden auf. Die Schriften (was heute Altes Testament genannt wird) und das Evangelium von Jesus. Wurden Details dazu abgefragt oder schwierige theologische Fragen? Gab es ein festes Glaubensbekenntnis? Hier ist schon spannend, dass Apostelgeschichte 8:36,37 in verschiedenen Übersetzungen unterschiedlich wiedergegeben wird:

    Als sie nun so auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Gewässer. „Hier gibt es Wasser“, sagte der Eunuch, „was steht meiner Taufe noch im Weg?“

    Fußnote: Spätere Handschriften fügen hinzu: „Wenn du von ganzem Herzen glaubst“, sagte Philippus, „kannst du getauft werden.“ – „Ja“, sagte der Äthiopier, „ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist.“ (Diese Frage und die Antwort entsprachen der altkirchlichen Praxis und sind wahrscheinlich von daher in einige Handschriften hineingeraten.)

    Apostelgeschichte 8:36,37 NEÜ

    Im Laufe der Zeit wurden zentrale Glaubenslehren formalisiert, damit man sie auswendig lernen konnten. Schriften wie die Didachḕ dienten der Belehrung nach der Taufe. Es gab vorher aber schon mündliche Glaubensbekenntnisse, die ihren Weg in den Text des Neuen Testaments gefunden haben:

    Ich habe euch in erster Linie das weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es die Schriften gesagt haben. Er wurde begraben und am dritten Tag auferweckt, wie es die Schriften gesagt haben. Er ist dem Kephas erschienen, dann dem Kreis der Zwölf. Danach erschien er mehr als 500 Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch am Leben sind; nur einige sind schon gestorben. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln.

    1. Korinther 15:3-7 NEÜ

    Und niemand kann bestreiten, wie groß und einzigartig die geheimnisvolle Wahrheit unseres Glaubens ist: Er hat sich gezeigt in Fleisch und Blut / und wurde beglaubigt durch Gottes Geist, / und so haben ihn die Engel gesehen. / Er wird gepredigt unter den Völkern / und findet Glauben in aller Welt / und ist im Himmel mit Ehre gekrönt.

    1. Timotheus 3:16 NEÜ

    Er war in Gottes Gestalt, / nutzte es aber nicht aus, Gott gleich zu sein,
    sondern beraubte sich selbst / und wurde einem Sklaven gleich. / Er wurde Mensch / und alle sahen ihn auch so.
    Er erniedrigte sich selbst / und gehorchte Gott bis zum Tod – zum Verbrechertod am Kreuz.
    Darum hat Gott ihn über alles erhöht / und ihm den Namen geschenkt, / der über allen Namen steht:
    Denn vor dem Namen Jesus wird einmal jedes Knie gebeugt; / von allen, ob sie im Himmel sind, auf der Erde oder unter ihr.
    Und jeder Mund wird anerkennen: / „Jesus Christus ist der Herr!“ / So wird Gott, der Vater, geehrt.

    Philipper 2:6-11 NEÜ

    In den beiden letzten Zitaten findet sich sogar noch im Text des Neuen Testaments eine interessante Versform, welche das Auswendiglernen und Wiederholen in den Gemeinden erleichtert. Und wenn wir an die Anweisungen in Apostelgeschichte 15 denken, waren die auch sehr knapp gehalten.

    Nun vergleiche das einmal mit deiner Zoom-Gemeinde oder einer, die du kennst. Denkt man dort, dass man alles nach dem Vorbild der Gemeinde im 1. Jahrhundert macht? Und machen sie es dann in Bezug auf Glaubenslehren so, wie wir es gerade gelesen haben? Dann sollte man doch vielleicht Gedanken wie aus den gerade zitierten Bibeltexten finden, nicht wahr? Vergleiche es zum Beispiel einmal mit dieser Beschreibung einer Zoom-Gemeinde:

    Wir sind nicht-trinitarische Christen.

    Unsere Überzeugungen sind: [Ich habe die detaillierten Unterpunkte weggelassen]:
    Es gibt nur einen wahren Gott, den Vater von allem, den Schöpfer von allem.
    Jesus ist unser Herr, König und einziger Führer.
    Der Heilige Geist wird von Gott benutzt, um seinen Willen zu erfüllen.
    Die Bibel ist Gottes inspiriertes Wort.
    Die Toten sind nicht existent; die Hoffnung für die Toten ist die Auferstehung.
    Jesus Christus kam, um den Weg für gläubige Menschen zu öffnen, damit sie Gottes Kinder werden können.
    Satan (auch bekannt als der Teufel) war ein Engelssohn Gottes, bevor er sündigte.
    Es gibt nur eine christliche Hoffnung und nur eine christliche Taufe.

    Eigene Beschreibung der zentralen Glaubenslehren einer Zoom-Gemeinde

    Siehst du den Unterschied? Wie ich am Anfang dieser Serie gesagt hatte, zeigen sich die Konsequenzen erst richtig, wenn man genau hinschaut, wie es in der Praxis gelebt wird.

    Wenn du jemanden aus dieser Zoom-Gemeinde fragen wirst, wer bei ihren Zusammenkünften dabei sein darf, bekommst du vermutlich so eine Antwort: „Bei uns kann jeder zu unseren Zusammenkünften kommen.“ Und warum wird dann gleich erwähnt, dass es „nicht-trinitarische Christen“ sind? Kann jemand auch immer wieder teilnehmen, der nur in den grundlegenden Lehren übereinstimmt, die wir eben in den Glaubensbekenntnissen im Neuen Testament gelesen haben, aber sonst abweichende Auffassungen hat? Was, wenn die Person immer wieder Texte kommentiert und dabei ein Ansicht äußert, die einer trinitarischen Lehre entspricht? Darf er dann weiter beim Abendmahl dabei sein oder überhaupt bleiben?

    Jetzt dürfen wir es uns nicht so einfach machen, uns zu sagen, dass die Person ja woanders hingehen kann. Denn wenn die Mitglieder in der Zoom-Gemeinde der Überzeugung sind, dass sie vom heiligen Geist geleitet werden und ihre Auffassungen Teil der biblischen Wahrheit sind – und die Trinitätslehre eben nicht – schließt man die Person dann nicht aus der ‚wahren‘ christlichen Gemeinde aus?

    Wer hat denn diese Lehren festgelegt? Die Beschreibung suggeriert ja, dass alle derselben Überzeugung sind. Aber kam das so zustande, dass eine Gruppe von Menschen einmütig durch den heiligen Geist zu diesem Schluss gekommen ist (wie die Darstellung in Apostelgeschichte 15)? Oder hat der Gründer dieser Zoom-Gemeinde seine Auffassung zuerst verkündet und dann haben sich nur solche ihm angeschlossen, die ähnlich dachten? Und später wird dann klar gemacht, dass in Zukunft nur solche willkommen sind, die mit bestimmten Auffassungen übereinstimmen?

    „Christian, übertreibst du es jetzt nicht ein bisschen? Dann sollen die einen halt in ihrer Zoom-Gemeinde bleiben und die anderen in einer eigenen. Wo ist das Problem?“ Kommt gleich. Wir schauen weiter in die Zukunft. In der nicht-trinitarischen Zoom-Gemeinde äußert jemand den Gedanken, dass Jesus ein Mensch war, und von Gott wegen seiner Treue zu sich genommen wurde. „Nein, auf keinen Fall“, hören wir, „Jesus kam vom Himmel“. Kann man beide Ansichten tolerieren? Oder wird die eine oder andere Ansicht auch Teil der Glaubensüberzeugung? Nun gut, dann sollen sie halt Ruhe geben und sich aufteilen in zwei Zoom-Gemeinden … Und da soll einer sagen, Geschichte wiederhole sich nicht. Ist nicht genau das in den ersten Jahrhunderten geschehen?

    Ist hier das Vorbild der Gemeinden im 1. Jahrhundert zu erkennen, oder den Anfang der Entwicklung von der ersten Gemeinde in Jerusalem zur Kirche? Wird nicht spätestens jetzt langsam klar, dass man automatisch in die selben Probleme läuft, wie die Gemeinden in den ersten Jahrhunderten nach Christus? Vielleicht sollten wir auch die Entstehung und Entwicklung einer der zahlreichen christlichen Bewegungen im 19. Jahrhundert einmal zum Vergleich heranziehen. Dann erkennt man noch besser Mechanismen und Umstände, die sich immer wieder wiederholt haben.

    Wer gehört zur Zoom-Gemeinde?

    Mit der Frage, welche Lehren ‚erlaubt‘ sind oder nicht, haben wir auch schon einen weiteren Punkt angesprochen: Wer gehört zur Gemeinde und wer nicht? Wer entscheidet, ob und wann man jemanden von den Zusammenkünften ausschließt?

    Stell dir vor, dass jemand irgendwann immer öfter bei den entsprechenden Bibeltexten erwähnt, dass dieser Text doch für die Trinität spricht. Oder dass Frauen in der Zoom-Gemeinde nicht öffentlich beten sollten. Oder dass die Hoffnung für Christen nicht ein Leben im Himmel ist. Oder … dir wird sicher noch mehr einfallen.

    Handelt es sich dann schon um eine ‚Sünde‘, die gemäß Jesu Worten in Matthäus 18 zu behandeln ist? Einige verneinen das und deswegen gehe ich im nächsten Abschnitt darauf ein. Wie sind dann die Gemeinden im 1. Jahrhundert vorgegangen? Also jetzt ganz praktisch, nicht im Sinne von Rat und Anweisungen in einem Brief von Paulus oder so. Wobei man sich da auch fragen sollten, ob man sich nicht auf eine Stufe mit einem Gemeindegründer und Missionar wie Paulus stellt, wenn man solche Texte für sich zitiert.

    Entscheidet dann die Zoom-Gemeinde? Mehrheitlich? Absolute oder relative Mehrheit? Und wer ‚gehört‘ eigentlich zur Zoom-Gemeinde? Oder entscheidet der Moderator oder die Moderatorin alleine? Wenn es denn Älteste und Aufseher gäbe, dann vielleicht die? Oder fragt man besser beim Gründer der Zoom-Gemeinde nach?

    Einige haben den Gedanken einer Art ‚Hausrecht‘ ins Spiel gebracht: Wer das Zoom-Meeting organisiert, hat sozusagen das Hausrecht und kann entscheiden.

    Gut. Das entspräche also im 1. Jahrhundert der Gemeinde in Rom, die sich im Haus von Priska und ihrem Mann Aquila gemäß Römer 16:3-5 sich traf. Damit hätten die beiden das ‚Hausrecht‘ zu entscheiden, wer kommen darf und wer nicht. Wenn der Apostel Paulus dazu in einem Brief etwas schreiben würde oder gar anwesend wäre, kämen seinen Worten dann doch nur eine beratende Funktion zu, oder? Denn er hat ja nicht das Hausrecht. Sie hätten also auch Paulus vor die Tür setzen können – vor ihre Tür. Ist doch interessant, was passiert, wenn man solche Ideen einmal konkret durchdenkt.

    In anderen Bereichen mag das ja nachvollziehbar sein. Nehmen wir zum Beispiel einen YouTube Kanal. Wenn jemand der Meinung ist, dass das eigentlich sein Kanal ist und er damit identifiziert wird, dann mag er sich dazu entschließen, Beiträge, die nicht seiner Auffassung entsprechen zu löschen. Oder Beiträge von jemandem, der eigentlich gar nicht Teil der Zoom-Gemeinde mehr ist oder sein will. Obwohl, was hat das denn mit dem Inhalt zu tun? Egal, da kann man das ja noch nachvollziehen.

    Aber wie ist das bei einer Zoom-Gemeinde? Man kann doch nicht auf der einen Seite denken, dass die Zoom-Gemeinde eine Gemeinde wie die im 1. Jahrhundert ist, gleichzeitig aber das ‚Hausrecht‘ für sich beanspruchen, als ob man Gäste in sein Wohnzimmer eingeladen hat.

    Wenn diese Sache schon kompliziert ist, wie wird es dann erst bei ‚Sündern‘ sein …

    Umgang mit ‚Sündern‘

    Kommen wir nochmals darauf zurück, wie mit ‚Sündern‘ umgegangen wird. Nach Ansicht mancher sind hier Jesu Worte in Matthäus 18 die einzig maßgebliche Aussage. Lesen wir sie einmal im Kontext:

    „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und stell ihn unter vier Augen zur Rede. Wenn er mit sich reden lässt, hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Wenn er nicht auf dich hört, dann nimm einen oder zwei andere mit und geh noch einmal zu ihm, damit alles von zwei oder drei Zeugen bestätigt wird. Wenn er auch dann nicht hören will, bring die Angelegenheit vor die Gemeinde. Wenn er nicht einmal auf die Gemeinde hört, dann behandelt ihn wie einen Gottlosen oder Betrüger. Ich versichere euch: Alles, was ihr hier auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein und was ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein. Und auch das versichere ich euch: Wenn zwei von euch hier auf der Erde eins werden über irgendeine Sache, die sie erbitten wollen, dann wird sie ihnen von meinem Vater im Himmel gegeben werden. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich in ihrer Mitte.“

    Matthäus 18:15-20 NEÜ

    Ich habe bewusst als Kontext auch den zweiten Teil ab Vers 18 mit zitiert, weil es darüber viele sehr verschiedene Auffassungen gibt. Und Jesu Hinweis, dass er bei seinen Jüngern wäre, wenn sogar nur zwei oder drei zusammenkommen. Also kein einfacher Text, wenn man es ‚genau so machen möchte wie im 1. Jahrhundert‘. Wann ‚sündigt ein Bruder‘ gemäß Jesu Worten? Jesus führt das nicht weiter aus. Also wird das in der Zoom-Gemeinde entschieden? Jeder persönlich für sich? Nun, dann könnte der eine der Meinung sein, dass es sich um eine Sünde handelt und andere nicht? Fängt man dann an, eine Liste anzulegen … Nun gut, aber darauf will ich gar nicht weiter eingehen. Ich habe ja auch einen anderen Satz markiert.

    Selbst wenn man von den ‚kleinen Sünden‘ unvollkommener Menschen einmal absieht – obwohl Jesus hier keine Unterscheidung macht – dann wird in einer Zoom-Gemeinde über kurz oder lang auch jemand dabei sein, der etwas tut, was ziemlich viele als Sünde betrachten. Dann ‚bring die Angelegenheit vor die Gemeinde‘ sagt Jesus. Wie muss ich mir das in der Zoom-Gemeinde vorstellen? Wer den Anspruch hat, es genau so zu machen, wie im 1. Jahrhundert oder wie Jesus es sagte, müsste das doch auch tun, oder nicht? Wer gehört dann zur ‚Gemeinde’? Alle, die mehr oder weniger regelmäßig im Zoom-Meeting dabei sind? Dürfen zu diesem Termin dann auch andere dazu kommen? Oder verhindert man das? Darf es Video-Aufzeichnungen geben? Mal dir das ruhig noch etwas aus und denke dann nochmal über die Aussage nach, es ‚genauso zu machen wie im 1. Jahrhundert‘. Wenn du gar nicht weißt, wie es im 1. Jahrhundert gemacht wurde.

    Ich denke, es ist klar geworden, dass es aufgrund der vergangenen 2000 Jahre, der anderen Kultur und der Technik von heute neue Fragen und Herausforderungen gibt, die es damals noch nicht gab. Wenn es dafür aber keine konkrete Ableitung aus den Gemeinden im 1. Jahrhundert geben kann, dann ist doch die ganze Idee, dass man es ‚genauso macht wie im 1. Jahrhundert‘ gar nicht so sinnvoll, nicht wahr?

    Fazit

    Wir wir gesehen haben, ist es gar nicht möglich, es ‚genau so zu machen wie die Gemeinde im 1. Jahrhundert‘, weil es die eine Gemeinde gar nicht gab. Und die verschiedenen Gemeinden nicht immer und überall alles gleich gemacht haben. Das wäre auch nicht sinnvoll gewesen, weil der Kontext und die Umstände andere waren und sich änderten.

    Warum haben wir uns dann überhaupt mit dieser Behauptung beschäftigt? Weil mit der Behauptung „wir machen es wie die Gemeinde der Urchristen“ oft andere Hintergedanken mit transportiert werden: Weil wir das so wie die Urchristen machen, machen wir es richtig. Betonung auf richtig. Oder auch: Weil wir das so wie die Urchristen machen, machen wir es richtig. Betonung auf ‚wir‘. Und das impliziert, dass es ‚die anderen‘ nicht richtig machen. Und damit ist eine Abgrenzung im Raum, welche das Wir-Gefühl bestärkt, aber nicht unbedingt biblische Grundlagen hat. Und irgendwann spricht man dann vielleicht sogar (wieder) von ‚wahrer‘ und ‚falscher‘ Religion.

    Dabei stellt sich doch die Frage, ob zweitausend Jahre später im Internet-Zeitalter in Ländern, in denen christliche Religionen verbreitet sind oder überwiegen, der Kontext nicht so anders als im 1. Jahrhundert ist, dass man die spärlichen Informationen, die wir haben, gar nicht direkt auf unsere Situation übertragen kann. Zumal es dafür auch keinen Auftrag im Neuen Testament gibt.

    Macht es überhaupt Sinn, zu versuchen, es ‚genauso wie die Gemeinde der Urchristen‘ zu machen? Mussten die Gläubigen nicht schon im 1. Jahrhundert und in der Zeit danach sich immer wieder Gedanken machen, wie sie sich organisieren? Natürlich. Denn wenn du das Neue Testament liest, wie wir es auch in dieser Serie getan haben, dann wirst du feststellen, dass sie vom Heiligen Geist unterstützt wurden, dieser ihnen aber nicht jede Kleinigkeit vorgegeben oder eingegeben hat. Und eigentlich leitet ja Jesus seine Versammlung. Und manchmal hat er auch Engel dazu eingesetzt. Der Heilige Geist kam dann zum Einsatz, wenn es über das hinausging, was sie selbst geschafft hätten. Ein Petrus wäre damals nie von sich aus auf die Idee gekommen, die Heiden zu taufen. Das hätte er sich nie herausgenommen, wie seine Antworten auf seine Vision zeigen. Und Paulus wollte unbedingt in einem anderen Gebiet missionieren, bis er in einer nächtlichen Vision deutlich in eine andere Richtung gelenkt wurde. Aber sonst mussten sie das nutzen, was ihr Schöpfer ihnen gegeben hatte: Ihren Verstand.

    Auf jeden Fall kann es nicht schaden, den Blick zu erweitern auf die Berichte über die Gläubigen im Neuen Testament und auch im Alten Testament. Und auch aus der Geschichte der Jünger und der Christen bis zu den frühen Kirchen kann man einiges lernen. Ja sogar aus der weiteren geschichtlichen Entwicklung. Und den Bewegungen, die im 19. Jahrhunderts entstanden sind. Letztendlich wirst du feststellen, dass das Neue Testament kein Handbuch für die Organisation der Versammlung ist. Ziemlich bald steht man vor Fragen und Entscheidungen, wie alle Nachfolger Christi im Laufe der Jahrhunderte. Und es gibt keine einfachen und klaren Antworten im Neuen Testament. Da unser Kontext heute ein ganz anderer ist – insbesondere im Falle einer Zoom-Gemeinde – müssen wir die Dinge neu überdenken. Dabei sollten wir aus den Entscheidungen und Entwicklungen der Vergangenheit lernen.