Diese 13-teilige Serie schaut sich die wichtigsten Elemente des christlichen Lebens an und wie wir sie aus einer einzigartigen christlichen Perspektive betrachten können, damit sie unser Leben in der Welt verändern. Wir werden alles abdecken, von typischen christlichen Aktivitäten wie Gebet, Taufe und Kirchgang bis hin zu allgemeineren menschlichen Erfahrungen wie Arbeit, Erholung und Trauer.
Am Ende des Matthäusevangeliums sagt Jesus seinen Jüngern, sie sollen überall auf der Welt „Jünger machen“. Dieser Auftrag, den Christen als „den Missionsauftrag“ kennen, ist ziemlich klar. Wie man das genau macht, ist aber nicht so einfach. In diesem Video schaut sich Prof. Wright den Auftrag Jesu als Ausdruck seiner weltweiten Autorität an. Wir werden die größere Mission des Zeugnisses entdecken, die sich aus dieser Erkenntnis ergibt, und all die Möglichkeiten, wie sie in unserem Leben sichtbar werden kann.
In dieser neuen Serie von N.T. Wright Online schauen wir uns die transformativen Elemente unseres christlichen Glaubens an und wie wir sie auf einzigartige Weise betrachten und unseren Lebensstil durch sie verändern lassen können.
Viele Christen lesen, wenn sie anfangen, selbst in der Bibel zu lesen, zuerst das Matthäusevangelium, weil es am Anfang des Neuen Testaments steht. Nun ist das Matthäusevangelium lang, behandelt sehr viele Dinge auf einmal und bewegt sich durch viele verschiedene Themen, aber es wird von vorne bis hinten durch die Einführung Jesu als Immanuel am Anfang des ersten Kapitels zusammengehalten. Und dann durch den Missionsauftrag am Ende des 28. Kapitels.
Kapitel 1 beginnt damit, dass Jesus geboren werden soll, und sein Name soll Jesus sein, weil er sein Volk von seinen Sünden erlösen und die Prophezeiung Jesajas erfüllen wird, die besagt, dass eine Jungfrau schwanger werden und einen Sohn gebären wird, dessen Name Immanuel sein wird, was „Gott mit uns“ bedeutet. Und am Ende des Evangeliums sagt der auferstandene Jesus zu seinen Jüngern: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende des Zeitalters.“
In diesem Zusammenhang haben wir also diese außergewöhnliche Offenbarung darüber, wer Jesus ist, wer Jesus war und ist. Und wir haben diesen letzten kurzen Absatz des Matthäusevangeliums, der manchmal als der große Missionsauftrag bezeichnet wird, weil der auferstandene Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Macht ist mir gegeben worden, im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht Jünger aus allen Völkern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und seht, ich bin immer bei euch, bis zum Ende des Zeitalters.“ Da ist die Verheißung des Immanuel.
Aber jetzt hat sie sich in dieses Gefäß der Autorität Jesu verwandelt. Alle Macht ist ihm gegeben, im Himmel und auf Erden. Ich habe oft gedacht, dass wir westlichen Christen ziemlich daran gewöhnt sind, uns vorzustellen, dass Jesus alle Macht im Himmel hat. Wir sind nicht so gut darin, uns vorzustellen, was es bedeuten könnte, dass er auch alle Macht auf Erden hat. Aber Jesus greift hier insbesondere zwei Passagen auf.
In Daniel 7 wird der Menschensohn oder einer, der wie ein Menschensohn aussieht, erhöht, um Herrschaft zu haben über die vier Tiere, die vertrieben worden sind, die Mächte der Finsternis und des Bösen, die Gottes Welt verwüstet haben. Und der Menschensohn steigt auf und sitzt zur Rechten des Alten der Tage. Und ihm wird Macht und Herrschaft und Kraft gegeben, damit alle Völker und Nationen und Sprachen ihm dienen.
Und dann am Ende des Buches Chronik, wo Cyrus der Perser sagt: Ich habe alle Macht. Jetzt beauftrage ich das jüdische Volk, den Tempel zu bauen. Es ist, als würde Matthäus sagen, dass es so ist, nur viel, viel mehr. Jesus ist die Realität. Kyrus war in gewisser Weise eine Parodie dieser kommenden Realität. Jesus hat alle Macht.
Aber wie sieht das aus? Nun, in unserer Welt schickt jemand, der das Sagen hat, die Polizei und setzt seinen Willen durch. Oder in den internationalen Beziehungen, Gott bewahre, schicken sie Panzer und setzen ihren Willen durch. Aber das ist nicht der Weg der Bergpredigt. Und das ist nicht der Weg des Missionsauftrags.
Jesus erreicht seine Ziele, indem er seine weltweite Herrschaft durch die Bergpredigt in die Tat umsetzt. Durch die Menschen, die dazu berufen sind, Friedensstifter zu sein, rein im Herzen. Die Menschen, die dazu berufen sind, nach Gerechtigkeit zu hungern, die dazu berufen sind, eine Vision von Gottes Güte zu haben, die sogar diejenigen erreicht, die nicht an Gott denken oder ihn sogar hassen.
Und das Beispiel Jesu in seinem eigenen öffentlichen Wirken, in dem er heilte und mit Sündern feierte, weist den Weg. Geht hinaus in alle Welt und macht Menschen zu Jüngern. Wie hat Jesus das gemacht? So solltet ihr es auch machen. Das ist die Einweihung einer neuen Welt. Menschen zu Jüngern machen.
Natürlich gehört dazu auch, zu verkünden, dass Jesus der Herr ist. Wenn die Leute sehen, wie die Nachfolger Jesu diese seltsamen Dinge tun, wie heilen und feiern und gemeinsam essen, an den ungewöhnlichsten Orten und auf die ungewöhnlichsten Arten, werden sie fragen: Warum macht ihr das? Und die Antwort lautet: Wir folgen diesem Mann namens Jesus, der umherging, Menschen heilte und neues Leben brachte, wo es keine Hoffnung gab, und so weiter. Der Schwerpunkt liegt also darauf, Jünger zu machen, die Lernende sind. Jünger bedeutet Lernende. Sie lernen, wie Jesus gelebt hat. Sie lernen, wie Jesus das Königreich Gottes verwirklicht hat.
Und dabei werden sie getauft. Wenn sie entdecken, wer Jesus ist, werden sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft und bringen so die ganze Wahrheit darüber, wer Gott ist und was mit Jesus passiert ist, seinen Tod und seine Auferstehung, in ihrem Leben zur Realität. Und wenn sie sich dann mit ihren Mitjüngern in einer Gemeinschaft treffen, die nach diesem Glauben gestaltet ist, dem Glauben an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, dem Glauben, dass durch den Tod und die Auferstehung Jesu Gottes neue Welt entstanden ist und dass er selbst bei ihnen ist, Immanuel.
Wie passt das zu dem, was wir in den westlichen Kirchen unter Evangelisation verstanden haben? Nun, Mission – und der Auftrag zu dieser Mission – ist die größere Realität, in der Evangelisation ein wichtiger Schwerpunkt ist. Mission bedeutet, alles zu tun, wozu uns der Geist leitet, nämlich das neue Leben Gottes, die neue Schöpfung, in Gottes Welt Wirklichkeit werden zu lassen.
Das kann bedeuten, Tafeln zu betreiben. Es könnte bedeuten, in Afrika Brunnen zu graben. Es könnte bedeuten, alle möglichen Dinge zu tun, die neues Leben in Gemeinschaften bringen, die fast, wenn nicht sogar ganz, ohne Hoffnung waren.
Aber inmitten all dessen wird es auch – und das ist manchmal die besondere Berufung einiger Menschen, die, wie wir sagen, von Gott speziell für diese Aufgabe berufen oder auserwählt sind – darum gehen, den Menschen ausdrücklich von Jesus zu erzählen, ihnen Jesus vorzustellen, wie man einen lieben Freund vorstellt.
Mission ist also das ganze Werk der neuen Schöpfung. Evangelisation ist ein wichtiger Schwerpunkt davon.
Natürlich bedeutet das, Jesus nicht nur als Freund, sondern auch als Meister und Herrn zu verkünden. Er ist derjenige, dem alle Macht gegeben ist. Das ist das Paradoxon, das im Zentrum der Erkenntnis Jesu steht. Dass er sowohl souverän ist als auch unser Freund. Das sieht man immer wieder. Wenn du dir das nur schwer vorstellen kannst, lies das Matthäusevangelium und schau dir Jesus als souveränen Lehrer, als Meister an, als den, der den Mächtigen und Tyrannen mit der Botschaft begegnet, dass Gott eine andere Art hat, Dinge zu tun, aber gleichzeitig sanft und demütig ist und, wie er sagt, von Herzen demütig. Und wenn du ihm folgst, wirst du Ruhe für dein ganzes Leben finden.
In der Kraft des Heiligen Geistes bedeutet Evangelisation also, Menschen dazu aufzurufen, Jesus als Herrn anzubeten, ihn als Freund kennenzulernen und ihm zu folgen. Dadurch werden sie Teil des viel größeren Großen Missionarauftrags, die je nach Kontext, Kultur und vielen anderen Faktoren variiert. Evangelisation passt also in den Missionsauftrag, aber der Missionsauftrag ist umfassender und spiegelt Matthäus Gesamtvision der Bergpredigt wider, nämlich ein Volk zu bilden, durch das die Welt zu einem anderen Ort wird. Und Jesus als den Immanuel im Herzen dieser Welt zu erkennen.
Kann es sein, dass die Grammatik der hebräischen Sprache und deren Übersetzung entscheidend beeinflusst, was du glaubst?
Ja, und zwar schon im ersten Vers der Bibel. Wie kann das sein? Praktisch jede Übersetzung gibt den Vers doch so wieder:
Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
1. Mose 1,1 Züricher
Und aufgrund dessen glauben viele Menschen, dass Gott die Erde, das Sonnensystem, die Sterne und so weiter aus dem Nichts erschaffen hat.
Das nennt man Creatio ex nihilo (lateinisch, Schöpfung aus dem Nichts) und wurde in der frühchristlichen Theologie in Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie entwickelt.
Aber sagen die ersten Verse der Genesis im Hebräischen das wirklich aus? Ist das die einzig mögliche Übersetzung?
Zuerst einmal müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass das Hebräisch, in dem das Alte Testament geschrieben wurde, spätestens seit dem Exil stark durch das Aramäische beeinflußt wurde und im 3. Jahrhundert n. Chr. aufhörte, Alltags- und Muttersprache zu sein. Das moderne Hebräisch wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt, um das seit 1700 Jahren kaum noch gesprochene Hebräisch wieder zu beleben. [Mehr Details finden sich in der Endnote 1 dieses Artikels.]
Aus dem vorhandenen Text des Alten Testaments und anderen Quellen kann man jedoch die Grammatik des alten Hebräisch erforschen. Und schon im ersten Vers wird es interessant.
Dr. Michael Heiser hat das einmal ziemlich gut in Seminaren erklärt. Wer Englisch gut versteht, sollte sich die Videos, die ich gleich noch anführen werde, selbst anschauen.
Und hier die Kurzfassung für Ungeduldige:
„Traditionell wurde Genesis 1:1 bis 3 so verstanden. Vers zwei ist das Ergebnis von Vers eins. Das ist die traditionelle Interpretation. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das wird als der erste Schöpfungsakt angesehen.“
So weit, so gut. Aber „wenn du dir die Übersetzung der Jewish Publication Society von Genesis 1:1 ansiehst, dann findest du genau dies: „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen.“ Die ersten Verse lauten dann etwa so:
„Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen – nun war die Erde wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern – da sprach Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht.”
1. Mose 1, 1-3 Alternative Übersetzung gemäß der hebräischen Grammatik
„Es hat wirklich eine andere Wirkung. Es klingt, als seien die Verse 1 und 2 nur Vorbereitung. Sie finden nicht wirklich statt. Der Verfasser beschreibt darin die Bedingungen, die bereits bestehen, bevor Gott tatsächlich etwas erschafft. Bevor Gott tatsächlich etwas ins Leben ruft. Mit anderen Worten: Die Verse 1 und 2 führen zu Vers 3. Sie bereiten ihn vor. Der erste Schöpfungsakt, das erste, was Gott in Genesis 1:1 bis 3 in dieser Sichtweise tut, ist nicht Vers 1. Es ist Vers 3. Das ist das allererste, was Gott ins Dasein bringt.“
Das ist jetzt keine willkürliche Übersetzung mit einer gewissen Absicht dahinter. Sondern ergibt sich aus der hebräischen Grammatik.
Damit lösen sich eine Menge der logischen Probleme mit der Reihenfolge der Schöpfungsereignisse auf, welche sich aus der traditionellen Übersetzung ergeben und zu Recht von Kritikern vorgebracht werden, um zu zeigen, dass dieser Schöpfungsbericht keinen Sinn macht.
Gott kann immer noch Alles aus dem Nichts erschaffen haben. Aber wir sollten die ersten Verse der Bibel nicht dazu verwenden, dies zu behaupten. Wir würden dann in den Text etwas hineinlegen, was unserer Vorstellung entspricht, also Eisegese betreiben.
Vielmehr zeigt es, dass der Schöpfungsbericht in Genesis nicht in einer extremem Wort-für-Wort Bedeutung interpretiert werden sollte, sondern viel mehr enthält: Eine weitreichende, symbolische Bedeutung. Siehe auch die Serie Gottes Bild sein – Warum die Schöpfung immer noch wichtig ist.
Das ist ein Video eines seiner Vorträge zum Thema. Die Übersetzung findet sich in der Endnote 2 dieses Beitrags.
Have we Translated Genesis 1 Wrong All this Time?!
In diesem Video hat Dr. Heiser ausgeführt, was es bedeutet, dass Genesis 1 anders übersetzt werden kann:
What If Genesis 1 Could Be Translated Differently? — Part 1 | Michael Heiser
Und in diesem Video geht er auf die Frage ein, ob Genesis 1 bedeutet, dass die Schöpfung „aus dem Nichts“ erfolgt sein muss. Er zeigt, dass die früher weitgehend geteilte Meinung, dass bara‘ immer Schöpfung aus dem Nichts bedeutet, einfach nicht wahr ist. Damit fällt auch dieses Argument weg.
Does Genesis 1 mean Creation „Out of Nothing“?
Ein anderer Wissenschaftler ist Dr. James Tabor, der es in diesem Video folgendes erklärt:
Der allererste Vers der Bibel – Genesis 1:1 –, den Millionen auswendig zitieren können, ist in fast allen großen Übersetzungen und Sprachen falsch übersetzt – mit ganz wenigen Ausnahmen. Die Gründe dafür sind einfach: Marketing und Kommerz. Wer würde schon eine Bibelübersetzung kaufen, die nicht mit „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ anfängt? In dieser kurzen Erklärung zeige ich, wie das hebräische Original eine ganz andere Bedeutung hat. Es ist keine philosophische oder wissenschaftliche Aussage, sondern eher eine Beschreibung der Ordnung des chaotischen, leeren, von Wasser bedeckten, vom Wind umwehten Ödlands, das der Planet Erde war, ALS die „Kraft aller Kräfte“ (Elohim) begann, Ordnung in das zufällige Chaos zu bringen.
James Tabor Lost in Translation: Genesis 1 is NOT About the Creation of the World!
Und dann ist da noch der Wissenschaftler Dan McClellan. Er bringt es in gut einer Minute auf den Punkt:
Hey Leute. Habt ihr schon mal gehört, dass jemand gesagt hat, das allererste Wort der Bibel bedeute eigentlich „am Anfang“? Das ist technisch gesehen richtig, aber irreführend, weil es nur deshalb so ist, weil es in einem Zusammenhang mit dem Rest des Verses steht, der besagt, dass Gott Himmel und Erde geschaffen hat. Das allererste Wort kann also nicht isoliert betrachtet werden und sollte auch nicht isoliert übersetzt werden, weil es die Bestimmtheit dessen übernimmt, was folgt, in diesem Fall die Beschreibung eines Ereignisses, das eine Bestimmtheit hat. Eine wörtlichere Übersetzung wäre also: „Am Anfang davon schuf Gott Himmel und Erde“ oder, etwas idiomatischer, „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen, …“. Genesis 1:1 ist also ein zeitlicher Satzteil, und Genesis 2 beschreibt dann die Umstände, die herrschten, als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen, und das ist grammatikalisch parallel zu dem, was wir in der zweiten Hälfte von Genesis 2:4 und in Genesis 5:1 sehen, nur dass dort anstatt „bereshit” steht: „Darüber hinaus, als Gott die Erde und den Himmel erschuf und die Menschen schuf.“ Nun kann man in Genesis 1 nicht „Darüber hinaus” verwenden, weil man einen mehrtägigen Schöpfungsprozess beschreibt. Ich würde also sagen, dass Genesis 1 später aus diesen drei Einleitungen zusammengesetzt wurde, die alle zeitliche Nebensätze sein sollen, aber Genesis 1:1 konnte nicht „am Tag von” sagen und musste daher ein anderes Wort wählen und entschied sich für „am Anfang von”.
Is Genesis 1:1 mistranslated in your Bible?
Kürzlich hat er noch dieses Video veröffentlicht:
This famous passage isn’t about creation out of nothing
In diesem Video geht er auf eine ähnliche Formulierung in Makaber 7:23 ein. Diese findet sich auch in anderen antiken Texten. Unter anderem bei Xenophon und Aristoteles. Im Wesentlichen geht es um die antike Vorstellung dahinter: Es gibt die unstrukturierten, formlosen Dinge, ohne Funktion. Das ist Nichtexistenz. Daraus hat Gott Dinge ‚ins Dasein gebracht‘, ihnen eines Existenz gegeben, indem er die ungeordnete, chaotische Masse ohne Funktion in Form brachte und eine Funktion gab. Und das wird in einigen dieser Texte auch in Bezug auf Eltern verwendet: So ‚erschaffen‘ sie Kinder. Aus Ungeordnetem ohne Funktion – zumindest ohne die Funktion, die es später hat – erzeugen sie Kinder. Die Vorstellung ist vergleichbar mit der Schöpfung eines Kuchens: Die Zutaten sind ungeordnet und ohne Funktion. Dann werden sie geordnet und in Funktion gebracht und es entsteht ein Kuchen. Und das war die antike Vorstellung der Erschaffung von Himmel und Erde und auch der Menschheit. Nicht eine Erschaffung ‚aus dem Nichts‘ (ex nihilo). Diese Gedanken haben Christen im zweiten Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit griechischen und römischen Philosophen entwickelt. Und seitdem haben wird das.
Wer das genauer untersuchen möchte: Im Text zum Video sind die Quellen angeführt. Eine wissenschaftliche Arbeit wurde auch ursprünglich in Deutsch veröffentlicht.
Bevor wir also denken, dass wir genau wüßten, was ein Bibelvers exakt aussagt, wäre es besser, demütig auch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Insbesondere, wenn es um so einen zentralen Bestandteil unseres Glaubens geht. Es wäre doch schade, wenn unser Glaube nur auf vielen solcher möglichen, aber nicht eindeutigen Interpretationen und Annahmen beruht. Das Alte und das Neue Testament entwerfen ein größeres, komplexeres, aber in Details halt unscharfes Bild, das es zu verstehen gilt.
Die Basis aller späteren Entwicklungsformen des Hebräischen ist die Sprache der heiligen Schrift der Juden, der hebräischen Bibel, deren Quellschriften im Laufe des 1. Jahrtausends v. Chr. entstanden und kontinuierlich redigiert und erweitert und schließlich um die Zeitenwende kodifiziert wurden. (Alt-)Hebräisch wird daher oft mit dem Begriff „Biblisch-Hebräisch“ gleichgesetzt, selbst wenn dies weniger sprachhistorisch als literaturhistorisch begründet ist: Althebräisch als die Sprache des größten Teiles des Alten Testamentes. … Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch Nebukadnezar II. im Jahre 586 v. Chr. und dem darauf folgenden Babylonischen Exil kam die dortige Amtssprache Aramäisch unter den Juden in Umlauf, sodass das Hebräische fortan in Konkurrenz zum Aramäischen stand und viele Einflüsse von ihm aufnahm.
Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels zu Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. verlagerte sich das Zentrum jüdischen Lebens von Judäa nach Galiläa und ins Exil. Etwa im 3. Jahrhundert n. Chr. hörte Hebräisch auf, Alltags- und Muttersprache zu sein. Es blieb indessen eine Sakralsprache, wurde jedoch nie ausschließlich zu liturgischen Zwecken benutzt, sondern auch zur Abfassung von philosophischen, medizinischen, juristischen und poetischen Texten, so dass sich das Vokabular des Mittelhebräischen im Laufe der Jahrhunderte erweitern konnte, während die Grammatik weitgehend unverändert blieb. Es ist ebenfalls bezeugt, dass sich die verstreuten jüdischen Gemeinden zur Verständigung untereinander des Hebräischen bedienten.
Die Erneuerung des Hebräischen mit dem Ziel seiner Etablierung als jüdische Nationalsprache in Palästina begann im späten 19. Jahrhundert auf Initiative von Eliezer Ben-Jehuda. 1889 gründete er in Jerusalem den „Rat der hebräischen Sprache“, den Vorläufer der heutigen Akademie für die hebräische Sprache, mit dem Ziel, die seit etwa 1700 Jahren kaum noch gesprochene Sprache der Bibel wiederzubeleben. In der Folgezeit entstand das moderne Hebräisch, dessen Unterschiede zum biblischen Hebräisch im Schriftbild und der Morphologie äußerst gering, in der Syntax und dem Vokabular zum Teil erheblich sind.
(2) Dr. Michael Heiser „Have we Translated Genesis 1 Wrong All this Time?!“
Die Satzstruktur ist der Schlüssel zum Verständnis, warum Genesis 1:1-3 auf verschiedene Weise interpretiert werden kann. Das ist der Schlüssel, und das ist das, worauf niemand achtet, es sei denn, man ist ein Grammatikfreak, okay? Es sei denn, man ist jemand, der sich mit hebräischen Dingen beschäftigt, mit hebräischen Texten arbeitet. Dann wird man sofort damit konfrontiert. Aber in englischen Bibeln hängt es einfach von der Übersetzung ab. Ein Satzteil ist, so wie wir ihn uns vorstellen, ein Satz, eine Gruppe zusammenhängender Wörter, die ein Subjekt und ein Verb enthalten. Er kann einen vollständigen Gedanken ausdrücken oder auch nicht. Ein Verb kann vorhanden sein oder auch nur impliziert werden. Sie kennen sich mit impliziten Subjekten und impliziten Verben aus, also Dingen, die im Text nicht vorkommen, die Sie aber aufgrund Ihrer Englischkenntnisse als dazugehörig erkennen. Das Gleiche gilt für das Hebräische. Es gibt unabhängige Nebensätze, die ein Subjekt und ein Verb enthalten und einen vollständigen Gedanken ausdrücken. Sie stehen für sich allein. Sie benötigen nichts anderes, um den vollständigen Gedanken auszudrücken. Beispiel: „Jim lernte in seinem Zimmer für seine Chemieprüfung.“ Das ist ein vollständiger Gedanke. Man hat nicht den Eindruck, dass Informationen fehlen, um ihn vollständig zu verstehen. Es gibt jedoch abhängige Sätze, die nicht für sich allein stehen. „Als Jim in seinem Zimmer für seine Chemieprüfung lernte …“ Was? Man hat das Gefühl, dass noch etwas kommen muss, um den Gedanken zu vervollständigen. Allein durch das Hinzufügen dieses einen Wortes entsteht ein Gefühl der Unvollständigkeit. Es entsteht das Gefühl, dass etwas fehlt. „Als Jim in seinem Zimmer für seine Chemieprüfung lernte, konnte er sich konzentrieren.“ Jetzt haben wir das vollständige Bild. Wir haben den vollständigen Gedanken. Und tatsächlich könnte der zugrunde liegende Teil „er konnte sich konzentrieren“ für sich allein stehen. Man könnte auch etwas davor setzen. „Sein Bruder blieb weg, als Jim in seinem Zimmer für seine Chemieprüfung lernte.“ Das ergibt ein vollständiges Bild und vermittelt ein Gefühl der Vollständigkeit. Man sucht nicht nach etwas anderem, was die Grundidee ist. In einer abhängigen Situation, einem abhängigen Satzteil, hat man das Gefühl, dass man noch etwas anderes braucht, um die Idee vollständig zu verstehen. Die gleiche Situation findet sich in den ersten drei Versen der Genesis. Es gibt eine Reihe von Sätzen, und die Frage ist, welche davon für sich allein stehen können und welche in ihrer Bedeutung von den anderen abhängen. Die Frage ist also, ob sie unabhängig oder abhängig sind. Und sobald wir das wissen, wissen wir, was die Hauptidee, die vollständige Idee, der vollständige Satz oder die vollständigen Sätze sind. Wir wissen, was die Hauptidee ist oder nicht ist. Hier ist eine Möglichkeit, die ersten drei Verse zu betrachten. Ich habe den zweiten Vers aus einem bestimmten Grund blau markiert. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Welche Rolle spielt Vers zwei? Folgt er aus Vers eins oder hat er eine andere Funktion? Haben wir eine Abfolge, eine Chronologie, oder haben wir … Okay, zuerst geschieht Vers eins, Gott schafft Himmel und Erde. Dann war die Erde wüst und leer, als wäre das das Ergebnis von Vers eins. Und dann folgt Vers drei. Es ist eine lineare Abfolge. Zwei ist das Ergebnis von eins, drei folgt auf zwei. Kein Scherz, Mike. Es ist eins, zwei, drei. In Ordnung. Ist das die Art und Weise, wie wir es betrachten sollten? Traditionell wurde Genesis 1:1 bis 3 so verstanden. Zwei ist das Ergebnis von Vers eins. Das ist die traditionelle Interpretation. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das wird als der erste Schöpfungsakt angesehen. Gott tut etwas in Vers eins. Das Ergebnis davon sind die Bedingungen, die wir in Vers zwei sehen. Der Verfasser lässt uns wissen, was das Ergebnis von Gottes Schöpfung in Vers 1 war. Und dann fährt er fort mit Gottes Werk in Vers 3. Gott schuf also Himmel und Erde. Und übrigens, als er das tat, war die Erde formlos und leer, wissen Sie, und all diese Bedingungen. Und dann sprach Gott: Es werde Licht, und wir kommen zur Sache. Okay, das ist die traditionelle Sichtweise. Wir haben also unabhängige Satzteile in den Versen eins und drei und einen abhängigen in Vers zwei, und der abhängige Satzteil ist das Ergebnis. Das ist die Beziehung. Hier haben wir also, ich habe es grau hinterlegt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das ist die Übersetzung, die wir gewohnt sind. Aber jetzt wollen wir ein wenig damit spielen. Was wäre, wenn ich es so übersetzen würde? „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen.“ Sie sagen: „Das ist Betrug. Das kann man nicht machen!“ Doch, das kann ich. Ich habe einen Doktortitel in Hebräisch. Ich kann machen, was ich will. Nein, im Ernst, wenn Sie sich die Übersetzung der Jewish Publication Society von Genesis 1:1 ansehen, dann ist es genau das. „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen.“ Ist das nun ein vollständiger oder ein unvollständiger Gedanke? Dieser ist sicherlich unvollständig, weil er auf etwas vorbereitet, das noch folgt. Als Leser werden Sie darauf vorbereitet. Wenn Sie also das Wort „als“ davor setzen, wissen Sie, dass es nur zu etwas führt. Es ist kein unabhängiger Gedanke oder eine unabhängige Handlung. Es führt zu etwas, zu dem Sie noch nicht gekommen sind. Lassen Sie uns nun beide Verse nebeneinanderstellen … Ich werde irgendwann dorthin kommen. Wir haben „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Auch das ist die traditionelle Übersetzung, an die die meisten von uns gewöhnt sind. Hebräisch wurde natürlich ohne Vokale geschrieben. Ich habe hier einen Vokal in Rot hinzugefügt. Wenn ich ein hebräischer Schreiber wäre, der das um das 8. Jahrhundert n. Chr. erfundene Vokalsystem verwendet, wären das die einzigen Vokale, die wir hätten. Sie wissen schon, diese kleinen Punkte und Schnörkel, die man in hebräischen Texten sieht, das Vokalsystem. Wenn ich sichergehen wollte, dass mein Leser mich versteht, dass ich von DEM Anfang spreche, würde ich „Am Anfang“ sagen und dieses kleine Zeichen verwenden, das wie ein großes T aussieht, und es würde Bareshit ausgesprochen werden. Das nennt man im Hebräischen den bestimmten Artikel, genau wie im Englischen, das Wort für „der“. Wenn ich mich nun für „als Gott begann“ entscheiden würde, würde es so aussehen. Es wären zwei Punkte darunter. Und das bedeutet, dass es keinen bestimmten Artikel gibt. Es ist ein Vokalzeichen, das uns sagt, dass wir hier keinen bestimmten Artikel haben. Das wäre Bereshit. Was glauben Sie, steht in Ihrer hebräischen Bibel? Die hebräische Bibel, die heute jeder benutzt und die uns seit Jahrhunderten überliefert ist. Die Schriftrollen vom Toten Meer haben keine Vokale. Vokale kamen erst im Mittelalter auf. Was glauben Sie, was in hebräischen Texten mit Vokalen steht? Es ist Bereshit. Die Übersetzung „als Gott zu schaffen begann“ ist eine völlig legitime Übersetzung. Kehren wir also zurück. Wir haben zwei mögliche Übersetzungen. Wenn wir uns für die Übersetzung mit „als“ entscheiden. Sehen Sie, ich habe die Farben geändert. Jetzt haben wir abhängige Nebensätze. Wir haben keine Reihe unabhängiger Ideen. Wir haben zwei vollständige Verse mit Nebensätzen, die auf etwas hinauslaufen. Und dieses Etwas ist Vers 3. Und das ist die Hauptidee. Das ist der unabhängige Gedanke. Denken Sie also hier einmal darüber nach. Lesen Sie mit mir oder in Gedanken mit. Und denken Sie darüber nach, wie es klingt. „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen – nun war die Erde wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern – da sprach Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht.” Es hat wirklich eine andere Wirkung. Es klingt, als seien die Verse 1 und 2 nur Vorbereitung. Sie finden nicht wirklich statt. Der Verfasser beschreibt darin die Bedingungen, die bereits bestehen, bevor Gott tatsächlich etwas erschafft. Bevor Gott tatsächlich etwas ins Leben ruft. Mit anderen Worten: Die Verse 1 und 2 führen zu Vers 3. Sie bereiten ihn vor. Der erste Schöpfungsakt, das erste, was Gott in Genesis 1:1 bis 3 in dieser Sichtweise tut, ist nicht Vers 1. Es ist Vers 3. Das ist das allererste, was Gott ins Dasein spricht. Da mir kein besserer Begriff einfiel, ich konnte mir nichts Witziges oder Literarisches einfallen lassen, habe ich „Hebräische Syntax-Sichtweise” gewählt, weil es sich um strenge hebräische Syntax handelt. Syntax ist Satzstruktur, Satzbeziehungen. Wenn man sich streng an das hält, was im Hebräischen steht, wie ein Eiferer, und sich streng an die Regeln der hebräischen Grammatik hält, kommt man zu diesem Ergebnis.
Diese 13-teilige Serie schaut sich die wichtigsten Elemente des christlichen Lebens an und wie wir sie aus einer einzigartigen christlichen Perspektive betrachten können, damit sie unser Leben in der Welt verändern. Wir werden alles abdecken, von typischen christlichen Aktivitäten wie Gebet, Taufe und Kirchgang bis hin zu allgemeineren menschlichen Erfahrungen wie Arbeit, Erholung und Trauer.
Die Erfahrung des Heiligen Geistes ist bei jedem Menschen ganz unterschiedlich, und die Vorstellungen über das Wirken des Heiligen Geistes sind in den verschiedenen Konfessionen genauso unterschiedlich. Aber in der Bibel geht es bei Gottes Geist mehr um seine Gegenwart als um die Erfahrung – eine Gegenwart, der wir uns bewusst sein sollen, während Gott die Welt mit unserer Hilfe neu gestaltet.
In dieser neuen Serie von N.T. Wright Online schauen wir uns die transformativen Elemente unseres christlichen Glaubens an und wie wir sie auf einzigartige Weise betrachten und unseren Lebensstil durch sie verändern lassen können.
Im achten Kapitel seines Briefes an die Römer sagt Paulus ganz klar, dass jemand, der nicht den Geist von Jesus Christus hat, nicht zu ihm gehört. Damit macht er deutlich, was bei den frühen Christen überall klar war: Ein Christ ohne den Heiligen Geist ist ein Widerspruch in sich.
Allerdings hat sich die Erfahrung des Heiligen Geistes je nach Gruppe, Persönlichkeit und Tradition sehr unterschiedlich entwickelt. Ich erinnere mich, dass ich vor langer Zeit eine Predigt von jemandem gehört habe, der über das Buch der Apostelgeschichte, Kapitel 16, sprach und sich ein Gespräch zwischen dem Gefängniswärter von Philippi, der sich bekehrt hatte, als es ein Erdbeben gab und die Mauern einstürzten, und Lydia vorstellte, einer lokalen Geschäftsfrau, die sich bekehrt hatte, als Paulus dort war, am Ort des Gebets, und der Herr ihr Herz öffnete, damit sie glauben konnte. Man kann sich dann vorstellen, wie der Gefängniswärter von Philippi zu Lydia sagt: „Aber was ist passiert, als Paulus mit dir gesprochen hat? Gab es ein Erdbeben? Hast du gespürt, wie alles um dich herum bebte? Sind irgendwelche Mauern eingestürzt?“ Und Lydia antwortet: „Nein, er hat einfach gesagt, was er gesagt hat, und ich habe es geglaubt, und es ergab Sinn, und ich habe gespürt, dass Jesus bei mir war.“ Und dann geht der Gefängniswärter von Philippi weg und sagt zu einigen Freunden: „Ich mache mir ein bisschen Sorgen um Lydia. Ich bin mir nicht sicher, ob sie die volle Erfahrung gemacht hat.“
Seht ihr, für manche kann ein neues Gebet um den Heiligen Geist, selbst nach Jahren treuen und gebetsvollen christlichen Dienstes, eine plötzliche neue Freude an Gottes Gegenwart, neue Konzentration und Energie und Zeugnis oder ein neues Verlangen nach Heiligkeit auslösen. Das bedeutet aber nicht, dass der Heilige Geist nicht schon zuvor gegenwärtig und aktiv gewesen wäre. Es bedeutet nur, dass Gott weiterhin der Gott der Überraschungen ist. Und dass die neue Schöpfung, die von Gott in Jesus und im Heiligen Geist ins Leben gerufen wurde, weiterhin neu ist, mit frischen Zeichen persönlicher Verwandlung, Heilung, Führung und Hoffnung.
Und tatsächlich kommen manche, die sehr dunkle Zeiten in ihrem Leben durchgemacht haben, scheinbar sehr trockene Zeiten, manchmal mit der Erkenntnis heraus, dass Gott in und durch seinen Heiligen Geist bei ihnen war, auch wenn sie das damals nicht spüren oder erleben konnten.
Die frühen Christen waren sich sehr bewusst, dass der Geist, von dem sie glaubten, dass er über alle Nachfolger Jesu ausgegossen worden war, derselbe Geist war, der am Anfang der Schöpfung wirkte. Genesis 1,2. Der Geist, der mächtige Wind. Das Wort für Wind und Geist ist im Griechischen und im Hebräischen dasselbe. Der Geist, der von Führern wie Gideon in Richter 6 oder David in 1. Samuel 16 und den Propheten Besitz ergriff. Jesaja konnte von der Gegenwart Gottes im Tabernakel in der Wüste in Bezug auf den Geist sprechen. Das steht in Jesaja 63.
Aber als der Geist laut Apostelgeschichte 2 auf einmal über alle Nachfolger Jesu kam, wurde dies als Erfüllung der Prophezeiung Joels angesehen. Dass Gott in den letzten Tagen seinen Geist über alle ausgießen würde, nicht nur über einige wenige Menschen, die hier und da für bestimmte Aufgaben oder Rollen ausgewählt worden waren.
Der Schöpfergeist, der Himmel und Erde erschaffen hatte, schuf Himmel und Erde neu und startete dieses Projekt mit den Menschen, die Jesus folgten.
Tatsächlich weckt Apostelgeschichte 2 Erinnerungen an zwei sehr wichtige Momente in der Geschichte Israels. Erstens beschreibt Apostelgeschichte 2 den Pfingsttag. In einigen späteren jüdischen Traditionen wurde Pfingsten als das Fest der Gesetzgebungserteilung auf dem Berg Sinai angesehen. Nach dem Passahfest, als die Israeliten aus Ägypten kamen, zählt man 50 Tage, und dann kommen sie am Berg Sinai an. Moses steigt auf den Berg und kommt mit dem Gesetz herunter. Nun ist Jesus, der gekreuzigt und dann von den Toten auferstanden ist, aufgefahren. Er ist aufgefahren, um bei Gott im Himmel zu sein, der übrigens nicht weit entfernt ist. Der Himmel ist Gottes Dimension unserer gegenwärtigen Realität. Aber dann ist Jesus mit der Gabe des Heiligen Geistes herabgestiegen und hat seine Gegenwart für alle seine Nachfolger überall Wirklichkeit werden lassen. Nicht nur für die vergleichsweise wenigen, die ihn während seines öffentlichen Wirkens getroffen hatten. Das ist also die erste Anspielung auf das Alte Testament in Apostelgeschichte 2.
Die zweite ist, dass die großartige Szene in Apostelgeschichte 2 die Szene in Exodus 40 widerspiegelt, als Gottes persönliche Gegenwart unter dem Volk Israel wohnt. Die Offenbarung auf dem Sinai und die Übergabe der Gesetzestafeln, der Zehn Gebote und so weiter, waren offenbar nur eine Vorbereitung. Das Volk wurde auf den Moment vorbereitet, in dem, nachdem die Stiftshütte gebaut worden war – mit großer Sorgfalt, weil sie etwas so Schönes sein sollte, das Gottes vollkommene Schöpfung symbolisierte, die er eines Tages vollenden würde –, als all das vollbracht war, endlich Gottes Gegenwart herabkam, um die Stiftshütte in mächtiger und herrlicher Pracht zu erfüllen. Die Art und Weise, wie Lukas die Ankunft des Heiligen Geistes am Pfingsttag beschreibt, spiegelt beides wider. Pfingsten, die Übergabe der Gesetzestafeln und dann die Ankunft der Schechina, das Tabernakel, die Gegenwart Gottes im Tempel.
Von diesem Moment an wird die frühe christliche Bewegung sozusagen zu einer Art tragbarem Tempel. Wohin auch immer sie gehen, der Geist begleitet sie. Aus diesem Grund entstehen die meisten Kontroversen und Schwierigkeiten in der Apostelgeschichte im Zusammenhang mit Tempeln. In Athen, in Ephesus und schließlich in Jerusalem selbst. Der Punkt scheint zu sein, dass die Gemeinschaft der Nachfolger Jesu eine Art bewegliche Tempelbewegung ist, mit Gottes Geist, der mit ihnen geht, sie führt, in ihrer Mitte und durch ihr Zeugnis wirkt, wohin sie auch gehen.
Was macht der Geist also eigentlich? Von den vielen möglichen Antworten stechen drei besonders hervor. Und diese drei wirken auf verschiedene Weise zusammen.
Erstens macht der Geist Jesus für Einzelpersonen und Gemeinschaften gegenwärtig und real.
Zweitens verwandelt der Geist zerbrochene und sündige Menschen in echte Ebenbilder Gottes, die Gott in der Welt widerspiegeln.
Und drittens gibt der Geist den Nachfolgern Jesu eine neue Richtung und neue Energie für Gottes Mission in der Welt und für die vielen verschiedenen persönlichen Berufungen, die dazu beitragen.
Schauen wir uns das mal genauer an. Erstens macht der Heilige Geist Jesus präsent. Im Johannesevangelium, Kapitel 13 bis 17, erklärt Jesus seinen Nachfolgern, dass er zwar weggehen wird, aber denjenigen schicken wird, den er den Beistand, den Tröster oder den Ratgeber nennt, um bei ihnen zu sein. Das gleiche griechische Wort, paracletos, kann all diese Bedeutungen haben. Der Rechtsbeistand, der kommt und seinen Arm um deine Schulter legt, oder der Ratgeber, der dir weise Ratschläge gibt. Auf diese Weise wird Jesus selbst kommen, um bei ihnen zu wohnen. Und wo Jesus kommt, kommt auch der Vater. Jesus spricht erstaunlicherweise davon, dass er und der Vater durch das Wirken des Heiligen Geistes kommen, um bei ihnen zu wohnen, und nimmt damit die Zeit in Offenbarung 21 vorweg, in der Gott bei den Menschen wohnen wird. Das Johannesevangelium hatte schließlich mit der großartigen Aussage begonnen, dass das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, wobei das Wort „gewohnt” Anklänge an die Stiftshütte oder den Tempel hat. Nun sagt Jesus, dass der Geist für die Jünger und ihre Nachfolger das tun wird, was er selbst getan hat, was er, Jesus, persönlich getan hat. Er sagt: Ich werde euch nicht verlassen. Ich werde zu euch kommen. Das ist sein Versprechen an diejenigen, die ihn lieben und ihm nachfolgen. Dass er und der Vater sie gemeinsam lieben und kommen und wieder bei ihnen wohnen werden, in und durch das Wirken des Heiligen Geistes. Das steht alles in Johannes 14. Aber in gewisser Weise bereitet uns das ganze Johannesevangelium auf dieses Thema vor und entwickelt es dann weiter.
Und Jesus verspricht nicht zuletzt, dass der Heilige Geist sie an das erinnern wird, was er ihnen gesagt hat. Und dass er sie immer tiefer in die geheimnisvollen Tiefen der Wahrheit führen wird – der Wahrheit über Gott und seine Absichten.
Erstens macht also der Geist Jesus gegenwärtig. Und zweitens erneuert der Geist zerbrochene und sündige Menschen und macht sie zu echten Ebenbildern Gottes. So lässt sich eine Reihe von Stellen zusammenfassen, in denen der heilige Paulus über das Wirken des Heiligen Geistes spricht. Zum Beispiel in Galater 5, wo er die Werke des Fleisches – all die verschiedenen Arten, wie Menschen ihr eigenes Leben und das Leben anderer Menschen vermasseln – den Früchten des Geistes gegenüberstellt, die sich in Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Großzügigkeit, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung zeigen. Der Geist, sagt Paulus in Epheser 2, wohnt in der Gemeinschaft der Nachfolger Jesu, verwandelt sie in einen lebendigen Tempel und macht die Kirche und jedes ihrer Mitglieder zu einem kleinen funktionierenden Modell der neuen Schöpfung.
Das geschieht natürlich nicht automatisch. Ein Teil davon, ein neuer Mensch zu sein, besteht darin, dass die Nachfolger Jesu Verantwortung für ihr eigenes spirituelles Wachstum und ihre Entwicklung übernehmen müssen. Sie müssen so gut sie können darüber nachdenken, was das bedeutet. Was mit ihnen passiert ist, was Gott mit ihnen vorhat. Und sie müssen das in moralische Entscheidungen und Handlungen umsetzen. Wenn Paulus also in Römer 8,16 davon spricht, dass der Geist das bezeugt, was unser eigener Geist sagt, berührt er das Geheimnis, das im Zentrum der christlichen Spiritualität steht. Dass der Geist, der uns so nah ist wie der Atem selbst – wie ich schon sagte, das griechische Wort pneuma, wie das hebräische Wort ruach, kann Geist oder Wind oder Atem bedeuten –, der Geist ist in unserem Denken und Fühlen aktiv, sanft, manchmal auch nicht so sanft, bringt Ideen in unseren Geist, warnt uns vor unangemessenen Handlungen oder Gedanken, führt uns an unerwartete Orte und zu unerwarteten Möglichkeiten, was alles dazu beiträgt, dass wir lebendige Zeugen der von Gott eingeleiteten neuen Schöpfung sein können.
Und drittens, und direkt daraus folgend, gibt der Geist den Nachfolgern Jesu eine neue Richtung und neue Energie für die Aufgaben der Mission und für die vielen persönlichen Berufungen, aus denen sie sich zusammensetzt.
Jesus verspricht direkt, dass, wenn wir, so sündig wir auch sind, wissen, wie wir unseren Kindern gute Gaben geben können, wie viel mehr wird dann Gott, der himmlische Vater, denen, die ihn darum bitten, den Heiligen Geist geben? Das steht in Lukas 11,13. So einfach ist das. Wir müssen nur bitten.
Wir dürfen aber nicht denken, dass der Heilige Geist einfach so in einen Menschen kommt und dann nichts mehr passiert. Oder, wie manchmal gesagt wird, dass der Heilige Geist in zwei Phasen kommt: Ein erster Segen, vielleicht die Bekehrung selbst, und dann ein zweiter Segen, der den Gläubigen auf eine höhere Ebene bringt, von der er nie wieder runterkommt. Nein. Vielmehr scheint das Neue Testament darauf hinzuweisen, dass wir erwarten sollten, dass der Heilige Geist ständig am Werk ist und die Gläubigen immer wieder zu neuen Aufgaben, zu neuer Heiligkeit, zu tieferem und intensiverem Gebet, zu mutigem Zeugnis und zu geduldiger Entschlossenheit beim Aufbau der christlichen Gemeinschaft herausfordert. Mit jedem solchen neuen Schritt kann ein tieferes Bewusstsein für die Gegenwart Jesu einhergehen. Oder manchmal, wie es Jesus selbst in Gethsemane und am Kreuz widerfahren ist, kann es zu einer Zeit der scheinbaren Abwesenheit kommen, die dann einen weiteren Aufruf darstellt, Gott in der Dunkelheit zu vertrauen.
Aber letztendlich geht es darum, wie in Römer 8,9-11, dass der Geist, der in uns wohnt, derjenige ist, durch dessen Wirken wir schließlich von den Toten auferstehen werden. Alles, was der Geist in unserem gegenwärtigen Leben tut, ist eine Vorwegnahme dieser endgültigen Gabe.
In diesem Artikel schauen wir uns die Ergebnisse einer Reihe von wissenschaftlichen Studien an, die erforscht haben, wie sich Menschen ändern, wenn sie eine Religion verlassen – oder was sich eben auch nicht ändert. Ich fasse hier zusammen, was Dr. Andrew M. Henry in seinem Video Religious Residue: What Sticks After You Leave Religion erläutert.
Religious Residue: What Sticks After You Leave Religion (Dr. Andrew M. Henry)
Das es sich um allgemeineres Phänomen handelt, erkennt man schon an den fiktiven Beispielen, die er anführt:
Stell dir eine hypothetische Frau vor, die vor etwa 12 Jahren die Southern Baptist Church verlassen hat. Sie verließ die Religion ganz allmählich und irgendwann, plötzlich auf einmal … vielleicht hat sie zuerst aufgehört, an die Hölle zu glauben. Dann hat sie aufgehört, an die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift zu glauben, und dann ist sie an einem Sonntag einfach nicht mehr in die Kirche gegangen, und am nächsten Sonntag auch nicht, und am nächsten auch nicht, und das war’s dann. Sie bezeichnet sich jetzt als Nichtgläubige, und wenn Leute sie nach ihrer Religion fragen, sagt sie, sie habe keine. Aber jetzt kommt es: Es ist ihr immer noch unangenehm, „Oh my God“ zu sagen. Wenn du Baptist bist, weißt du, wovon ich rede. Das bedeutet, den Namen des Herrn zu missbrauchen. Sie ertappt sich dabei und ersetzt es stattdessen durch „Oh my gosh“, weil ihr Mund die Worte einfach nicht formen kann, ohne dass sie sich dabei zutiefst unwohl fühlt. Sie merkte, wie ihr die Tränen kamen, als eine alte Spotify-Playlist ein zeitgenössisches christliches Lied spielte, das sie seit 2003 nicht mehr gesungen hatte. Und sie bringt es beim besten Willen nicht über sich, sonntags zu arbeiten. Ähnliche Versionen dieser Geschichte spielen sich überall auf der Welt ab. Der Ex-Katholik, der seit 20 Jahren nicht mehr in der Messe war, aber immer noch das Kreuzzeichen macht, wenn das Flugzeug abhebt. Der Ex-Muslim, der seit Jahrzehnten nicht mehr im Ramadan gefastet hat, sich aber immer noch seltsam fühlt, wenn er am ersten Tag zu Mittag isst.
Dr. Andrew M. Henry
Solche Dinge haben einige Forscher als „Religiöse Rückstände“ bezeichnet. Es bezieht sich auf das Fortbestehen religiöser Überzeugungen, Emotionen und Verhaltensweisen nach der Abkehr von der Religion.
Religiöse Überzeugungen
Zuerst betrachten wir eine große interkulturelle Studie von 2021 (Journal of Personality and Social Psycholog, Titel „Religious Residue: Cross-Cultural Evidence That Religious Psychology and Behavior Persist Following Deidentification“). Die Wissenschaftler fragten nach vielen Dingen: nach der Einstellung zu Gott, nicht nur, ob die Teilnehmer glaubten, sondern wie sie über Gott dachten, mit separaten Skalen für positive und negative Gefühle. Sie maßen, wie oft die Leute religiöse Praktiken ausübten. Und sie ließen die Teilnehmer etwas machen, das man implizite Assoziationstests nennt. Dabei unterschieden sie zwischen 3 Gruppen: Derzeit religiöse Menschen, solche, die ihre Religion verlassen haben und denen, die nie in einer Religion waren. Als sie diese drei Gruppen in einer Messung nach der anderen verglichen, landeten die ehemals religiösen, in der Mitte – nicht ganz bei den derzeit religiösen, aber auch nicht ganz bei den nie religiös Gewesenen. Auch bei den impliziten Assoziationstests, deren schnelle Antworten Dinge zu Tage fördern, bevor das Bewusstsein eine Chance hat, die Antworte zu verändern, war das so. Selbst unterhalb der Ebene des erklärten Glaubens zeigten die ehemals religiösen Menschen also immer noch positivere implizite Assoziationen mit Gott als die nie religiösen Menschen. Und bei den Verhaltensweisen war es nicht anderes: Diejenigen, welche die Religion verlassen hatten, übten immer noch mehr als doppelt so häufig religiöse Praktiken aus wie Menschen, die nie religiös gewesen waren.
Wenn jemand die Religion verlässt, bleibt etwas zurück: „Religiöse Rückstände.“
Woraus bestehen diese „religiösen Rückstände“ und warum bleiben sie über Jahre und Jahrzehnte zurück?
Kognitive Schema
Psychologen haben dieses Konzept, das man Schema nennt. Ein Schema ist im Grunde ein mentales Gerüst, das dir hilft, die Welt zu verstehen, ohne darüber nachdenken zu müssen. Wenn du eine Schema hast, was eine Restaurant ist, wirst du in jedem Restaurant der Welt klarkommen. Und wir haben ganz viele solche Schema: Was ist eine Freundschaft, was ist faires Verhalten usw.
Du hast ein Schema für Religion. Oder besser gesagt: Wenn du religiös aufgewachsen bist, ist dein Schema für einen großen Teil der Realität religiös geprägt. Dein Schema für Moral, für Leiden, dafür, was einen guten Mensch ausmacht, und wie du dich im Umgang mit dem Heiligen verhalten solltest.
Und Schemata sind wirklich schwer zu ändern, selbst wenn man will, dass sie sich ändern, und selbst wenn man es aktiv versucht. Egal, wie bewusst du es loswerden willst, dein religiöses Schema weiß nicht, dass du aufgehört hast. Es läuft einfach weiter im Hintergrund.
Dr. Andrew M. Henry
Und das hat man sogar bei ganz anderen Schemata nachweisen können, wie zum Beispiel Depressionen. Menschen, die früher an Depressionen gelitten haben, zeigten auch nach ihrer Genesung latente depressive Schemata – und zwar in der Art und Weise, wie sie Informationen verarbeiteten.
Verhalten und Gewohnheiten
Der zweite Bereich, mit dem wir uns beschäftigen müssen, sind Gewohnheiten. Religion ist nicht nur etwas, das du denkst. Es ist etwas, das du ständig wiederholt mit deinem Körper tust, angefangen von der Zeit, als du noch sehr klein warst.
Hier ein Beispiel: Überlege dir, was ein gläubiges katholisches Kind bis zum Alter von 10 Jahren getan hat. Es hat wahrscheinlich etwa 500 Mal die Messe besucht. Es hat tausende Male das Kreuzzeichen gemacht. Es hat in genau abgestimmten Abläufen mit einem Raum voller anderer Menschen gekniet, gestanden und gesessen – ein Rhythmus, den es gelernt hat, bevor es überhaupt verstanden hat, was das alles wirklich bedeutet. Es hat Gebete auswendig gelernt. Es weiß, wie eine Hostie schmeckt. Es hat beobachtet, wie seine Eltern und Großeltern jede Woche ihres Lebens zur gleichen Zeit dieselben Dinge mit denselben Gesten getan haben.
Und das verinnerlichen Kinder dann auch wirklich in Bezug auf die Religion und deren Gewohnheiten:
Die Idee dahinter ist im Grunde, dass Kinder, wenn es darum geht herauszufinden, was glaubwürdig ist, mehr darauf achten, was Erwachsene tatsächlich tun, als darauf, was sie tatsächlich sagen.
Ein Elternteil, der behauptet, religiös zu sein, aber nie zum Gottesdienst geht, nie betet, nie etwas für die Religion aufgibt, sich nicht so verhält, als ob Gott real wäre – das ist nur Gerede. Das Gehirn eines Kindes erkennt diese Inkonsistenz und wertet die gesamte Botschaft ab. Aber ein Elternteil, der 10 % seines Einkommens als Zehnten abgibt oder vor seiner Familie für den Ramadan fastet oder jeden Herbst im Garten eine Sukka für Sukkot baut und eine Woche lang jede Mahlzeit darin einnimmt. Du weißt schon, Eltern, die Zeit, Geld und Bequemlichkeit für ihre Religion opfern. Das ist aufwendig. Das ist glaubwürdig. Das prägt sich tief ein.
Die tiefsten, hartnäckigsten Teile der Religion sind nicht die Lehren, die du in der Sonntagsschule gelernt hast. Es sind die Dinge, die du seit deinem fünften Lebensjahr immer wieder bei deiner Mutter oder deinem Vater beobachtet hast, und zwar mit echtem Einsatz oder persönlichen Opfern.
Dr. Andrew M. Henry
Andrew Henry fasst die Ergebnisse so zusammen:
Wenn man das alles zusammenfasst, weisen Van Tongrren und sein Team auf mindestens drei Ebenen der Religion hin. Sie lebt im Bewusstsein als erklärte Überzeugungen und Identität. Sie lebt in kognitiven Schemata, tiefen automatischen Rahmenwerken zur Interpretation der Welt, die durch jahrelangen Gebrauch aufgebaut wurden. Und sie lebt im Körper als Gewohnheiten, als trainierte Reflexe, als rituelle Muster, die automatisch ablaufen, wenn sie durch den Kontext ausgelöst werden, verankert durch die verinnerlichte Beobachtung von Zeit- oder Kosten-aufwendigem Verhalten seit der Kindheit.
Und wenn jemand sagt: „Ich bin nicht mehr religiös“, spricht er oft von dieser ersten Ebene.
Aber die darunter liegenden Schemata wissen nichts von dieser Entscheidung. Sie laufen immer noch im Hintergrund.
Und dem Körper, der diese religiöse Sache seit 30 oder 40 Jahren macht, ist es egal, dass du beschlossen hast, nicht mehr religiös zu sein. Der Körper zuckt immer noch bei Blasphemie zusammen. Der Körper will immer noch das Gefühl spüren, wenn die Pfeifenorgel während deiner ehemals liebsten Hymne eine bestimmte Saite anschlägt.
Religiöse Rückstände sind immer noch in Körper und Geist eingeprägt
Dr. Andrew M. Henry
Zu diesem Thema gibt es noch viele weitere Studien mit interessanten Details. Zuerst einmal eine gute Nachricht:
Viele religiöse Rückstände schwinden, aber sehr langsam.
Wie immer ist es aber komplizierter – und interessanter:
Manche religiösen Rückstände verblassen mit der Zeit, manche verblassen kaum und manche nehmen sogar zu.
Betrachten wir zum Beispiel das Ergebnis einer Längsschnittstudie mit einem riesigen Datensatz namens „National Study of Youth and Religion“, der über 2.000 Amerikaner vom Jugendalter bis Mitte 20 begleitete.
Dabei stachen zwei Ergebnisse besonders hervor. In Bezug auf Schaden und Fairness unterschieden sich die drei Gruppen kaum. Derzeit religiöse, ehemals religiöse und nie religiöse Menschen waren im Grunde identisch darin, wie sehr es ihnen wichtig war, andere nicht zu verletzen und fair zu sein.
Aber bei den verbindenden Grundlagen – Loyalität, Autorität und Reinheit – sahen die drei Gruppen ganz anders aus. Derzeit religiöse Menschen erzielten die höchsten Werte, nie religiöse Menschen die niedrigsten, und die ‚ehemals religiösen‘ lagen irgendwo dazwischen.
Da die Forscher diese Menschen jedoch über ein Jahrzehnt lang begleitet hatten, konnten sie diese danach sortieren, wann sie der Religion den Rücken gekehrt hatten. Einige waren zum Zeitpunkt der Studie schon fast 10 Jahre aus der Religion ausgestiegen. Andere hatten sie erst vor ein paar Jahren verlassen. Und als sie diese Gruppen verglichen, stellten sie fest, dass Menschen, die die Religion erst kürzlich verlassen hatten, in Bezug auf Autorität und Reinheit immer noch sehr ähnlich wie derzeit religiöse Menschen abschnitten. Menschen, die am frühesten ausgestiegen waren, lagen viel näher an den nie-religiösen. Mit anderen Worten: Je länger jemand schon aus der Religion ausgestiegen war, desto mehr waren die religiösen Überreste seiner moralischen Intuitionen verschwunden.
Dr. Andrew M. Henry
Eine andere Studie wies dies nach:
Wenn Menschen die Religion verlassen, welche dieser Werte verändern sich dann und welche bleiben bestehen? Und sie fanden heraus, dass ehemalige Gläubige an Bewahrungswerten wie Tradition und Konformität in einem Maße festhielten, das viel näher an dem von derzeit religiösen Menschen lag als an dem von nie religiösen Menschen. Am stärksten war dieser Effekt bei ehemaligen evangelikalen Protestanten.
Sie fand auch heraus, dass religiöse Menschen nicht nur an religiös anmutenden Werten festhalten. Sie schienen in einigen Fällen auch bei Werten zu steigen, die mit persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung verbunden sind, und lagen in manchen Fällen sogar über dem Niveau der nie religiösen Menschen. Das Team vermutet, dass dies zuvor unterdrückte Werte sind, die hochschossen, als religiöse Zwänge wegfielen.
Die Studie legt also nahe, dass der Austritt aus der Religion das gesamte Wertesystem neu ordnet. Die konservativen Werte bleiben bestehen, verblassen aber langsam. Die Werte der Selbstentfaltung steigen manchmal über das Niveau hinaus, das sie gehabt hätten, wenn man nicht-religiös aufgewachsen wäre.
Dr. Andrew M. Henry
Dann gibt es noch eine dritte Erkenntnis neuerer Forschungen:
Die dritte Erkenntnis aus neueren Forschungen ist, dass religiöse Prägungen eine Grenze haben – und diese Grenze ist die Politik.
„Aber religiöse Rückstände sind nicht einheitlich. Sie folgen bestimmten Mustern. Sie zeigen sich an manchen Stellen und an anderen nicht. Sie zeigen sich in bestimmten Arten moralischer Intuitionen, aber nicht in der Politik. Das bringt uns zu einer letzten Erkenntnis, denn bisher haben wir hauptsächlich über klinische Umfrageergebnisse und statistische Muster gesprochen. Aber es gibt einen Teil der Forschung, der darauf hinweist, was emotional passiert, wenn jemand einer Religion den Rücken kehrt. In der ursprünglichen Studie von 2021 fand das Team etwas, das es nicht vorhergesehen hatte. Ehemalige Gläubige und derzeit Gläubige berichteten von einer stärkeren negativen Einstellung gegenüber Gott als Menschen, die nie religiös waren.“
Wie kann das sein? „In ihrem Diskussionsteil spekulierten die Autoren, dass ehemals religiöse Menschen eine längere, intensivere Beziehung zu ihrer Religionsgemeinschaft und zu Gott hatten, was naturgemäß sowohl positive als auch negative Gefühle hervorrief. Nie religiöse Menschen hingegen hatten nie einen Gott oder eine Religionsgemeinschaft, gegenüber der sie negative Gefühle hegen konnten.“
Warum das so ist, liegt in der „religiösen kognitive Dissonanz“: Die Kluft zwischen dem, was einer Person beigebracht wurde oder was sie von Gott erwartete, und dem, was sie tatsächlich erlebte.
Diese „kognitive Dissonanz“ bildet sich besonders stark über Jahre und Jahrzehnte bei vielen aus, die in einer hochgradig kontrollierenden Gruppe sind oder gar aufgewachsen sind: Wie Jehovas Zeugen oder evangelikale Gruppen. Der Widerspruch, zwischen dem was gelehrt und gesagt wird, aber was in Wirklichkeit erwartet wird. Oder der Öffentlichkeit und Gerichten gesagt wird im Gegensatz zu dem, was intern gelehrt wird – insbesondere wenn es wie bei den Zeugen Jehovas geheime Lehrbücher für Älteste gibt. Oder wenn Liebe gepredigt wird, aber sie nicht praktiziert wird, wenn man sie am dringendsten braucht. Zum Beispiel, wenn erkennt, dass in abertausenden von Fällen von Kindesmissbrauch dieser jahrelang vertuscht wurde und die Organisation die Täter schützte, indem sie bis heute die vorhandenen Unterlagen geheimhält und sich weigert, mit Gerichten zusammenzuarbeiten.
Dieser Widerspruch, diese ‚kognitive Dissonanz‘ erreicht dann einen Höhepunkt, wenn du solche Themen ansprichst oder Lehren in Frage stellst und man dich dann meidet, ausgrenzt, als gefährlich brandmarkt und schließlich jeden Kontakt abbricht – obwohl du doch keiner Fliege was zu Leide getan hast und immer von der Gemeinschaft und Liebe untereinander gesprochen wird. Mehr dazu im Beitrag Warum es immer deine Schuld ist, wenn du eine hochgradig kontrollierende Gruppe verläßt (YouTube).
Das erklärt einige der Hintergründe, warum die meisten, welchen zum Beispiel Jehovas Zeugen verlassen haben, von Religion und auch Gott überhaupt nichts mehr wissen wollen.
Selbst wenn sich jemand von Religion vollständig trennt, wird des nachgewiesenermaßen lange dauern, bis die religiösen Rückstände verwinden. Unterschiedlich lange und manche vielleicht gar nicht. Und bei einigen Themen geht der Weg vielleicht sogar erstmal weiter in die andere Richtung, als bei nicht religiösen Menschen.
Wenn du also denkst und sagst, dass du ‚deine Religion verlassen hast‘, trifft das am ehesten auf Lehren und Dogmen zu. Und selbst dort erfordert es, sich lange mit diesen Lehren auseinanderzusetzen. Grundlegende Überzeugungen, Schema und Gewohnheiten überdauern noch viel länger. Sich das bewußt zu machen, ist der erste Schritt vorwärts.
Diese 13-teilige Serie schaut sich die wichtigsten Elemente des christlichen Lebens an und wie wir sie aus einer einzigartigen christlichen Perspektive betrachten können, damit sie unser Leben in der Welt verändern. Wir werden alles abdecken, von typischen christlichen Aktivitäten wie Gebet, Taufe und Kirchgang bis hin zu allgemeineren menschlichen Erfahrungen wie Arbeit, Erholung und Trauer.
Obwohl die Bibel viele Beispiele für die Taufe (in verschiedenen Formen) enthält, war das Thema für Christen über die Jahre immer wieder umstritten und verwirrend. In diesem Video erklärt Prof. Wright die Taufe als eine Art Kurzform, um über die wichtigsten Themen des christlichen Lebens zu reden. Hinter dem Akt der Taufe steckt eine ganze Welt von Bedeutungen, über die wir alle gut nachdenken müssen.
In dieser neuen Serie von NT Wright Online schauen wir uns die transformativen Elemente unseres christlichen Glaubens an und wie wir sie auf einzigartige Weise betrachten und unseren Lebensstil davon verändern lassen können.
Jesus begann seine öffentliche Laufbahn, in der er das Königreich Gottes verkündete, im Windschatten des kurzen, aber bedeutenden Wirkens seines Cousins Johannes. Johannes stammte aus einer jüdischen Priesterfamilie, aber anstatt seinem Vater in den normalen Tempeldienst zu folgen, fühlte er sich berufen, am Jordan zu leben und das jüdische Volk aufzurufen, sich in den Fluss tauchen zu lassen, als Zeichen dafür, dass sie sich von der Sünde abwandten und Teil des neuen Regierungssystems, der neuen Welt, die Gott gerade ins Leben rufen wollte, wurden.
Angesichts all dessen, was wir über die jüdische Welt jener Zeit wissen, würde dies in den Köpfen der Menschen Erinnerungen an die großen Ereignisse des Exodus wecken, der mehr als ein Jahrtausend zuvor stattgefunden hatte, aber durch Feste wie das Passahfest regelmäßig in Erinnerung gerufen wurde. Gott hatte sein Volk aus Ägypten, wo es in Sklaverei gelebt hatte, befreit, indem er es durch das Rote Meer führte. Und nachdem es durch die Wüste gewandert war, führte er es über den Jordan in das Gelobte Land. Es scheint, als hätte Johannes gesagt: Auch ihr könnt jetzt Teil des neuen Exodus, des neuen Gelobten Landes, sein.
In einer berühmten Bibelstelle, 5. Mose 30, die von einigen späteren Propheten aufgegriffen wurde, hatte Gott versprochen, dass er die Menschen ein für alle Mal wiederherstellen würde, wenn sie sich endlich von ihren Sünden abwenden würden. Und Johannes scheint gesagt zu haben: Jetzt ist die Zeit gekommen, also kommt und lasst euch taufen. Jesus selbst wurde von Johannes getauft. Und die Anhänger Jesu tauften die Menschen, die sich ihrer Bewegung anschlossen, und kennzeichneten sie damit als neues Volk des Exodus.
Und Jesus bekräftigte dieses Thema, indem er das Passahfest, das Fest des Exodus, als den Moment wählte, um endlich nach Jerusalem zu gehen und sich den Behörden zu stellen, wobei er genau wusste, was das Ergebnis sein würde. Und in der Nacht, in der er verraten wurde, feierte er mit seinen Freunden ein passahähnliches Mahl und nutzte dies, um seinen bevorstehenden Tod zu deuten. Er hatte diesen bevorstehenden Tod schon ein- oder zweimal als eine Taufe bezeichnet, die er durchlaufen musste.
Das Wort wurde also schon benutzt, um über das neue Passahfest zu reden, das aus dem Tod und der Auferstehung Jesu bestehen sollte, und darüber, wie diese schockierenden, entscheidenden Ereignisse die Bewegung des Königreiches Gottes auf neue Weise starten und das Leben ihrer Anhänger prägen würden.
Nun hatte Johannes der Täufer geheimnisvoll versprochen, dass derjenige, der nach ihm kommen würde – war das Gott selbst? Oder der Messias? Oder irgendwie beides? –, dass dieser seine Anhänger nicht mit Wasser taufen würde, sondern mit Gottes Heiligem Geist und mit Feuer. Als die ersten Anhänger Jesu kurz nach seinem Tod und seiner Auferstehung den Geist Gottes über sich kommen spürten, der ihnen Mut, Energie und Weisheit gab, um den Menschen zu erklären, was gerade passiert war, und um in die weite Welt hinauszugehen und den Menschen von Jesus zu erzählen, egal was es sie persönlich kostete, interpretierten sie dies natürlich als die versprochene Geistestaufe.
Dies war jedoch keine Alternative zur Wassertaufe. Und die Wassertaufe ist bis heute das grundlegende Zeichen der Zugehörigkeit zum Volk Jesu geblieben. Schon zur Zeit des Paulus wurde sie im Zusammenhang mit dem gesamten Ereignis von Jesu Tod und Auferstehung und der Aussendung des Geistes interpretiert. Schon damals bekannten sich die Getauften öffentlich zu Jesus als Herrn, eine Treue, die sich klar gegen die römische Behauptung richtete, dass Caesar in Rom der Herr sei.
Wie viele einfache, aber kraftvolle Symbole hatte die Taufe eine große Bedeutung, die die neuen Gläubigen nach und nach verinnerlichen würden. Paulus scheint sie manchmal anzustupsen oder zu schütteln, um ihnen zu sagen: Versteht ihr denn nicht? Ihr seid getauft worden, und das bedeutet Folgendes. Also findet es heraus und macht weiter. Aber Paulus muss die Leute in 1. Korinther 10 vor einer lockeren Haltung warnen. Okay, ihr seid getauft worden. Ihr seid theoretisch in die Familie aufgenommen worden, aber es besteht die Gefahr, dass ihr einfach so mitmacht, ohne euch wirklich bewusst zu sein, welche drastische Veränderung des Lebens die Taufe mit sich bringt.
Es geht wirklich darum, mit dem Messias zu sterben und wieder aufzuerstehen. Insbesondere in Römer 6 und Kolosser 2 und 3 spricht Paulus die Herausforderung der Heiligkeit im Zusammenhang mit der Taufe selbst an. Im Einklang mit Jesu eigener neuer Exodus-Berufung, die in seinem Tod und seiner Auferstehung gipfelt, erklärt Paulus, dass jemand, der getauft wird, in den Messias getauft wird. Er ist also mit ihm gestorben und mit ihm auferstanden, und sein Leben muss daher die Tatsache widerspiegeln, dass er die alten Wege der Sünde hinter sich gelassen hat und irgendwie in das auferstandene Leben des Messias eingehüllt und von ihm mit Energie erfüllt wurde.
Die Taufe bleibt zentral und wichtig, aber sie bleibt auch die Quelle, aus der wir noch viel lernen müssen, während wir weiterhin Jesus in die Welt von morgen nachfolgen.
In meinem Artikel „Raus bist du noch lange nicht …“ (YouTube Video) habe ich unter anderem darüber gesprochen, was man noch lange mit sich herumträgt, nachdem man eine hochgradig kontrollierende Gruppe wie Jehovas Zeugen oder evangelikale Gruppen verlässt.
Einen bestimmten Aspekt möchte ich hier etwas vertiefen: Warum es immer deine Schuld ist, wenn du eine hochgradig kontrollierende Gruppe verläßt. Zumindest sehen es die anderen in dieser Gruppe so.
Auch das kann Ursache einer kognitiven Dissonanz sein oder werden. Kognitive Dissonanz ist ein unangenehmer psychischer Zustand, der entsteht, wenn Gedanken, Überzeugungen oder Verhaltensweisen nicht miteinander vereinbar sind. Du fragst dich vielleicht, warum sonst so freundliche ‚Glaubensbrüder‘, Freunde oder Verwandte sich dir gegenüber plötzlich so feindselig und abweisend verhalten. Selbst wenn du nur eine Glaubenslehre deiner Religion hinterfragst, als Zeuge Jehovas die Autorität der Leitenden Körperschaft relativierst oder … du aus deiner Religion austreten möchtest. Wenn es dann zu Meinungsverschiedenheiten kommt, oder anderen anfangen, dich und deine Familie schief anzuschauen oder zu meiden, wer ist dann Schuld daran? Natürlich du, wer sonst denn?
Warum geben die Mitglieder mancher Gruppen immer dem die Schuld, der geht? Dieser Frage ist C. J. Conthwaite in diesem Video nachgegangen. Sowohl theoretisch als auch aus eigener Erfahrung mit Evangelikalen heraus.
The dark reason high-demand religions blame you for leaving. (C. J. Cornthwaite)
Eine Ursache ist, wie Gruppen Identität schaffen und Außenstehende positionieren, um diese Identität mitzugestalten.
Wenn du eine solche Gruppe verlassen hast, kann es gut sein, dass andere von dir verlangen, dass du ihnen eine Erklärung dafür schuldest. Oder du bekommst einen Bibelvers um die Ohren gehauen – oder es wird hinter deinem Rücken gesagt: „Weichet von mir. Ich habe euch nie gekannt.“
Vielleicht findest du dich auch in diesen Worten von Chris wieder:
Wenn du in einer streng kontrollierten Religion aufwächst, wird dir oft beigebracht, dich im Grunde nur an diese Gemeinschaftsidentität zu klammern und alle Verbindungen nach außen abzulehnen. Also kennst du oft nur sehr wenige Menschen außerhalb der Gruppe – es ist quasi deine ganze Welt – und wenn du dann versuchst, das zu verlassen, wird es vorhersehbarerweise wirklich, wirklich schwierig und wirklich, wirklich schmerzhaft, und vorhersehbarerweise wird es fast immer als deine Schuld dargestellt, und das wird auch weiterhin so passieren. Aber ich weiß trotzdem, dass die Leute es sich immer wieder wünschen, weil du dir verzweifelt jemanden in dieser Gemeinschaft wünschst – jemanden, den du liebst –, der sagt: „Ich sehe dich, ich verstehe, was du durchgemacht hast“, aber das wird wahrscheinlich nie passieren.
C. J. Cornthwaite
Warum das so ist, erklärt zum Teil die soziale Identitätstheorie. Es geht um die Art und Weise, wie wir soziale Identitäten konstruieren, und dass das oft in einer Gruppe stattfindet.
Chris erklärt das ziemlich gut. Ich möchte ihn einmal selbst sprechen lassen. Weil er aus einer evangelikalen Religion kommt. Aber ich bin mir sicher, als früherer Zeuge Jehovas kannst du das eins zu eins nachvollziehen.
Und wenn man sich diese streng kontrollierten religiösen Gruppen ansieht, ist es keine große Überraschung, dass die Art und Weise, wie man in dieser Gruppe Identität konstruiert, mit einer extremen Loyalität gegenüber der Gruppe einhergeht. Und das ist seltsam und beunruhigend, weil du tatsächlich glaubst, zu dieser Gruppe zu gehören, und du glaubst, dass die Beziehungen, die du hast, bestehen bleiben, selbst wenn du die Gruppe verläßt oder eine andere Beziehung zu ihr hast.
Aber was in vielen Fällen tatsächlich passiert, ist, dass Menschen persönliche Beziehungen opfern, um die Gruppenidentität zu bewahren.
Und genau das habe ich beobachtet: Leute gehen zu ihren Pastoren, um über die Veränderung zu sprechen, zu ihren Eltern, ihren Freunden und den Leuten in der Kirche, und sie denken: „Okay, irgendjemand wird das verstehen.“ Das tun sie fast nie. Im besten Fall trifft man vielleicht jemanden, der ein bisschen herablassend ist und vorgibt, zu verstehen. Aber in vielen Fällen endet es einfach damit, dass man ausgegrenzt und hinausgedrängt wird.
Und die Theorie der Gruppenidentität hilft irgendwie dabei, das zu verstehen. Was passiert, …, ist, dass die Leute so instinktiv wütend werden. …
Das viel Größere ist, dass die Wut daher rührt, dass diese Menschen, die gehen, die Identität der Gruppe in Frage stellen. Dass sind diese Menschen, die, wie du weißt, zu uns gehörten und aus unserer Mitte weggegangen sind, um den Bibelvers darüber zu zitieren. Diese Menschen stellen die Gruppenidentität in Frage. Und diese Infragestellung der Gruppenidentität wird als etwas angesehen, gegen das man sich wappnen und das man schützen muss, und man verstärkt die Gruppenidentität noch mehr.
Und was laut der Theorie der sozialen Identität passiert, ist: Wenn Menschen ihre Identität als Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe verstehen, werden Bedrohungen für die Gruppe als Bedrohungen für die eigene persönliche Identität wahrgenommen.
Es gibt ein verwandtes Konzept der Bedrohung der sozialen Identität, und deshalb sehen Menschen, die beobachten, wie du eine Gruppe verlässt, der sie angehören, dies nicht nur als Bedrohung für die Gruppe und nicht nur als Herausforderung für die Gruppe, und es geht nicht einmal um einen schlechten Anführer oder einen schwarzen Schaf in der Gruppe – sie sehen es als Bedrohung für sich selbst, denn wenn ihre Identität in dieser Gruppe konstruiert ist, ist die Tatsache, dass du diese Gruppe verlässt, eine Bedrohung für ihre eigene Selbstidentität, und das ist eine Art akademische Sichtweise darauf, aber gleichzeitig finde ich, dass es sehr viel Sinn ergibt.
Viele von uns haben das irgendwie schon erlebt, wenn man versucht, auszusteigen. Und du denkst: „Oh, die werden es verstehen.“ Und die Leute ziehen die streng kontrollierende Religion ihren Kindern, Eltern, Brüdern, Schwestern, Ehepartnern oder wem auch immer vor. Das kommt ziemlich oft vor.
Und ich glaube, eines der schmerzhaftesten Dinge für mich, als ich das durchgemacht habe, war einfach der Wunsch, verstanden zu werden, und Dinge auf YouTube zu stellen und zu denken: „Oh, wenn ich es wirklich erkläre, werden die Leute es verstehen. Wenn ich es wirklich erkläre, verstehen die Leute vielleicht, warum ich gegangen bin.“
Und ich sehe nicht, dass viele Leute verstehen, warum ich gegangen bin. Unter jedem Dekonstruktionsvideo, das ich je gemacht habe, gibt es Kommentare voller Leute, die sagen: „Du warst nie errettet. Du hast es nie verstanden. Du hattest nie wirklich den Geist. Du weißt schon, füll die Lücken mit all den anderen Dingen, die Leute zu denen sagen, die eine Bewegung verlassen.
Und was du erkennen musst, wenn du gehst – so schmerzhaft das auch ist –, ist, dass es hier im Grunde nicht um dich geht. Es geht im Grunde darum, was sie tun müssen, um ihre Identität in der Gruppe zu bewahren. Und in manchen Fällen bedeutet das, eine Beziehung zu dir zu opfern, um die Gruppenidentität zu bewahren.
Und das ist schrecklich. Es tut weh. Es ist nicht fair. Aber so ist es, es passiert. Es passiert ständig. Und deshalb werden die Leute, wenn du gehst, sagen, dass du sündigen wolltest oder dass du nie wirklich geglaubt hast oder was auch immer, denn eigentlich geht es darum, die Gruppe zu schützen, und beim Schutz der Gruppe geht es darum, sich selbst zu schützen. Und das ist eine giftige Art, sich zu identifizieren. Es ist eine wirklich schreckliche Erfahrung, aber es passiert ständig.
Und ich glaube, eine der Folgen davon ist – ich habe darüber nachgedacht, weil mir in den Sinn kam, wie es war, als ich in einer sehr kontrollierenden Religion war –, dass wir irgendwie ständig beweisen mussten, dass unsere Religion funktioniert. Als wollten wir immer die Glücklichsten sein. … Es gibt zwar einige wirklich glückliche Menschen in religiösen Bewegungen, aber oft hat man in einer religiösen Bewegung das Gefühl, dass man die Selbstidentifikation dieser Gruppe schützen muss, nach dem Motto: Wir haben die Freude des Herrn, wir haben das Evangelium, wir haben die Wahrheit, wir haben die Erlösung, und das macht uns glücklich, besser, was auch immer. Oft glaube ich, dass die Leute losziehen und irgendwie Beweise dafür finden müssen.
Und das macht es wiederum wirklich schwierig, wenn man austritt und die Bewegung kritisiert, weil ein Teil ihrer Selbstidentifikation tatsächlich davon herrührt, Beweise dafür zu finden, dass ihre Bewegung wirklich, wirklich gut ist. Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum – wenn man sich Bewegungen ansieht – eines der Dinge, die mich nach meiner Dekonstruktion einfach auf die Palme gebracht haben, ist, dass die Leute in einer streng kontrollierten religiösen Bewegung endlos bereit sind, das Gute in schrecklichen, furchtbaren Menschen zu finden. Solange die Leute in der Gemeinschaft sind, können sie die schlimmsten, abscheulichsten Menschen sein. Weißt du, Serienmissbraucher, sogar Pastoren, denen all die schrecklichen Dinge vergeben werden, die sie getan haben. Weil die Leute in der Bewegung Beweise für das Gute oder die Erlösbarkeit dieser Menschen oder was auch immer finden.
Als Kind wurde ich dazu erzogen, so zu denken – wir schauten auf die Welt da draußen und dachten: „Oh, die sind so unglücklich oder sie sind so elend oder sie sind, weißt du, in ihrer Sünde verloren, obwohl viele dieser Menschen einfach wunderbar waren, sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten, gute Mitglieder der Gemeinschaft waren – was auch immer. Wir mussten sie als grundlegend gebrochen und böse ansehen. Und das hatte nichts mit der Realität zu tun. Es war eine Art und Weise, wie wir die Realität konstruieren mussten, um unsere eigene Gemeinschaftsidentität zu bewahren.
Und was passiert, wenn man eine Gemeinschaft hat, die auf so etwas wie einem Beweis für Glück aufgebaut ist – einem Beweis dafür, dass man glücklicher und irgendwie erfolgreicher oder stabiler oder was auch immer ist als alle anderen –, dann destabilisieren Leute, die gehen, diese Erzählung wirklich.
Und wenn du dich fragst, warum Menschen so emotionale Reaktionen zeigen, wenn Leute eine streng kontrollierte Religion verlassen, dann muss das ein Teil davon sein – dass du die Erzählung destabilisiert hast, dass wir glücklicher und besser sind als alle anderen.
Und tatsächlich stellst du das infrage, wenn es Hashtags gibt, die den Zehntausenden von Menschen gewidmet sind, die verschiedene fundamentalistische oder evangelikale Bewegungen verlassen, und das destabilisiert wirklich die Erzählung, dass wir die Freude des Herrn haben, dass wir glücklich sind, sobald wir gerettet sind, wir sind immer gerettet.
Du kannst dir also vorstellen, welche kognitive Dissonanz das bei den Leuten verursacht, die bleiben. Man kann sogar ein gewisses Mitgefühl für die Leute haben, die bleiben, genauso wie man Mitgefühl für den Schmerz haben kann, den diese Dekonstruktion bei den Leuten verursacht, wenn sie sich an diese Gruppenidentität klammern wie an einen Rettungsring und ihre ganze Welt darin aufgebaut haben. Und in vielen Fällen, wie ich es bei stark kontrollierenden religiösen Bewegungen beobachte, werden die Menschen darin auch zu Opfern – die Menschen darin werden oft von ihnen schikaniert und verletzt, selbst wenn sie bereits Teil der Bewegung sind. Es kann also für die Menschen in der Bewegung wirklich auslösend und schwierig sein, wenn Leute wie wir sie verlassen.
Und vielleicht hast du an manchen Tagen Verständnis dafür, vielleicht auch nicht. Das hängt wahrscheinlich davon ab, wie du dich an einem bestimmten Tag fühlst.
Aber ich versuche mir vor Augen zu halten, dass, wenn ich eine Bewegung verlasse und mich öffentlich dazu äußere, weil ich denke, dass das das Richtige ist, und ich glaube, dass das gleichzeitig vielen Menschen wehtut, es für die Leute, die noch in der Bewegung sind, wirklich schwer ist und wirklich destabilisierend ist und sie reagieren natürlich mit Wut, und es gibt diese Art von, sehr instinktiver Reaktion, die ich sogar in meinen YouTube-Kommentaren sehe, und vielleicht ist das die größte Ironie: dass der Schmerz der Menschen, die noch im System sind, auch echt ist und auch berechtigt ist, und dass er uns oft daran hindern kann, diese Art von Gesprächen über die Kluft hinweg zu führen, die eigentlich wirklich heilsam wären.
Für alle Beteiligten macht es diese Gespräche wirklich schwierig, und außerdem, ich meine, wenn du dekonstruierst, bist du oft auch wütend und spürst diesen Schmerz und den institutionellen Verrat, und das macht es wirklich schwer, Beziehungen und Gespräche über die Kluft hinweg aufrechtzuerhalten, und ich sage nicht, was wir damit überhaupt tun sollen. Ich will nur anerkennen, dass es für alle Beteiligten schwer sein kann.
Das spricht auch dafür, warum wir Dekonstruktionsgespräche und Online-Dekonstruktionsgemeinschaften brauchen. Du musst andere soziale Netzwerke finden, die nicht das Netzwerk sind, aus dem du gekommen bist, denn ich glaube, um zu heilen, müssen wir irgendwie neue Identitäten bilden und Menschen haben, die uns anders sehen.
Und eines der tollsten Dinge für mich, kurz nachdem ich mich dekonstruiert hatte, war, dass ich in eine andere Stadt ging und dort mein Doktorat begann. Und plötzlich kannte mich niemand mehr als den evangelikalen baptistischen Jugendpastor. Ich konnte einfach herausfinden, wer ich sein wollte. Und das war unglaublich. Das war wirklich eines der besten Dinge: dass die Leute mich ansahen und mich liebten und Freundschaften schlossen, die nicht darauf basierten, woran ich glaubte. Sie basierten nicht darauf, wer ich war. Sie basierten einfach darauf, dass wir als Mitmenschen eine gemeinsame Reise teilten, und ich habe dabei viel gelernt und bin durch diesen Prozess sehr geheilt worden.
Also, wenn du diesen Prozess noch nicht durchlaufen hast, wenn du noch nicht an dem Punkt angekommen bist, an dem du anfangen kannst, neue soziale Netzwerke und neue Verbindungen aufzubauen, würde ich dich ermutigen, dein Bestes zu geben, um das zu versuchen. Denn viele dieser Verbindungen und diese neuen Sichtweisen von Menschen, die dich sehen und dich nicht als jemanden kennen, der diese diese streng kontrollierte Religion, ich meine, das ist immer ein Teil deiner Geschichte, aber oft können solche Verbindungen auch wirklich heilsam sein.
Das sind also nur ein paar Gedanken zu etwas, das ich auf die harte Tour gelernt habe: Wenn du eine streng kontrollierte Religion verlässt, wird es immer deine Schuld sein. Nicht, weil es tatsächlich deine Schuld ist, sondern weil die Menschen, die noch in dieser Religion sind, darauf konditioniert und darauf vorbereitet sind, es als deine Schuld zu sehen, um ihre Gruppenidentität und ihre Bewegung zu schützen. Und hoffentlich findest du draußen neue Gemeinschaften, neue Beziehungen.
Diese 13-teilige Serie schaut sich die wichtigsten Elemente des christlichen Lebens an und wie wir sie aus einer einzigartigen christlichen Perspektive betrachten können, damit sie unser Leben in der Welt verändern. Wir werden alles abdecken, von typischen christlichen Aktivitäten wie Gebet, Taufe und Kirchgang bis hin zu allgemeineren menschlichen Erfahrungen wie Arbeit, Erholung und Trauer.
Du bezeichnest dich selbst als Christ? Was bedeutet es eigentlich, sich als Christ zu bezeichnen? Das Wort „Christ“ steht im Laufe der Zeit in verschiedenen Kulturen für viele Realitäten, aber es gibt einige charakteristische Merkmale, auf die wir hinweisen können. In dieser Folge von „Thinking Through the Christian Life“ (Das christliche Leben durchdenken) betrachtet Prof. Wright, wie die Kategorien Zugehörigkeit, Glaube und Verhalten das christliche Leben prägen.
In dieser neuen Serie von N.T. Wright Online schauen wir uns die transformativen Elemente unseres christlichen Glaubens an und wie wir sie auf einzigartige Weise betrachten und unseren Lebensstil dadurch verändern können.
Was bedeutet es, Christ zu sein? Die ersten Anhänger Jesu nannten sich selbst nicht Christen. Dieser Spitzname wurde erst einige Jahre später von Menschen erfunden, die versuchten, diese seltsame neue Gruppe zu verstehen, die in ihrer Mitte entstanden war und die von demjenigen besessen zu sein schien, den sie Christos nannten, das griechische Wort für Messias oder Gesalbter.
Sie hörten also, wie die Leute über Christos sprachen, und sagten, sie seien Christen. Und die Anhänger Jesu selbst bezeichneten ihre Bewegung manchmal als „Der Weg”, was uns einen starken Hinweis darauf gibt, was es von Anfang an bedeutete, Christ zu sein. Es ist eine Lebensweise. Das Leben als eine Reise mit einem Ziel und Richtlinien, wie man dorthin gelangt.
Und sie konzentriert sich auf den Christos, den sie für Jesus hielten, einen realen historischen Menschen, einen palästinensischen Juden, der in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. lebte und starb und dessen Anhänger glaubten, dass er der Gesalbte, der Christos, war und ist, der vom Gott Israels verheißen worden war, der kommen und endlich die ganze Welt in Ordnung bringen würde.
Das eröffnet ein Bild, das viele in drei einfachen, aber tiefgründigen Aussagen skizziert haben. Jede dieser Aussagen muss noch viel genauer erklärt werden, aber sie sind ein Anfang.
Christ zu sein bedeutet, zu einer Familie zu gehören.
Es bedeutet, an den Gott zu glauben, der sich in Jesus offenbart hat.
Und es bedeutet, sich so zu verhalten, wie er es gelehrt und vorgelebt hat.
Die ersten Anhänger Jesu dachten nicht, dass sie etwas völlig Neues begannen. Wie mehrere andere jüdische Gruppen jener Zeit glaubten sie, dass der Gott Israels, der Schöpfer der Welt, das getan hatte, was er seit langem versprochen hatte, und seinen alten Bund mit den Nachkommen Abrahams vor zwei Jahrtausenden erneuert hatte.
Jesus selbst hatte aber versprochen, dass diese erneuerte Familie nicht auf das beschränkt wäre, was wir eine ethnische Gruppe oder eine bestimmte soziale Klasse nennen. Innerhalb von zwanzig Jahren nach Jesu Zeit konnte der Apostel Paulus schreiben, dass die Zugehörigkeit zum Volk des Messias nichts damit zu tun habe, ob man Jude oder Nichtjude, Sklave oder Freier, Mann oder Frau sei. Es war eine neue Art von Familie.
Wie kam man dann zu dieser Familie? Jesus selbst sprach davon, dass Menschen wiedergeboren werden müssten. Er verband dies mit der Taufe, die sein Cousin Johannes als Zeichen dafür eingeführt hatte, dass Gott seinen Bund, sein altes Abkommen, mit seinem Volk erneuerte. Jesus und seine ersten Jünger verbanden dies auch direkt mit dem Glauben. Und das bringt uns zum zweiten Punkt.
Zweitens also: Der Glaube an den Gott, der sich in Jesus offenbart hat.
Die meisten Menschen zu Jesu Zeiten glaubten an eine Art göttliches Wesen oder Wesen. Das jüdische Volk glaubte an den einen und einzigen Gott Abrahams, den Schöpfer der Welt. Sie glaubten, dass dieser Gott einst mit seinem Volk im Tempel in Jerusalem gelebt hatte und dass er versprochen hatte, nach langer Abwesenheit zurückzukehren und alles in Ordnung zu bringen.
Die Anhänger Jesu glaubten, dass er genau das in der Person Jesu selbst getan hatte und dass er dann gekommen war, um in jedem einzelnen von ihnen zu leben, in der persönlich erneuernden Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes.
Diese dicht gepackte Reihe von Überzeugungen bedeutete, dass die Anhänger Jesu an den einen Gott Israels glaubten, aber auch daran, dass dieser Gott auf neue und unerwartete Weise entschlossen und dramatisch gehandelt hatte.
Der Glaube konnte also nicht einfach eine Frage der intellektuellen Zustimmung sein, obwohl auch das eine Rolle spielte. Es ging darum, sich von Gott angesprochen, von Gott verwandelt, in das Leben und die fortwährenden Absichten Gottes hineingezogen zu fühlen, mit einem Gefühl der geheimnisvollen Gegenwart Jesu selbst, der sie herausforderte und tröstete, ermutigte, warnte und leitete.
All dies bedeutete, alles hinter sich zu lassen, was in andere Richtungen ging. Für Nichtjuden bedeutete das, die weit verbreitete traditionelle Götzenverehrung und die damit verbundene Lebensweise aufzugeben. Für Juden bedeutete es, die Träume von einem militärischen Aufstand gegen Rom aufzugeben und darauf zu vertrauen, dass ihr Gott sein Reich auf ganz neue Weise errichtete, mit Jesus an der Spitze.
Zugehörigkeit und Glaube führen also gemeinsam zum dritten Punkt, nämlich zum Verhalten.
Von Anfang an wurden Christen nicht durch ihr Verhalten definiert, aber sie verstanden, dass ihr Verhalten durch ihre neue Identität definiert werden musste. Jesus hatte nun verkündet, dass Gott endlich König werde, und damit das biblische Thema des Königreiches Gottes aufgegriffen, dass Gott zurückkehre, um alles in Ordnung zu bringen. Jesus nachzufolgen bedeutete also von Anfang an, zu lernen, ein Mensch des Königreiches Gottes zu sein, sich selbst in Ordnung zu bringen und Teil von Gottes Plan zu werden, die Welt in Ordnung zu bringen. Und in Ordnung gebracht zu werden bedeutete, eine neue Vision davon anzunehmen, was Menschen ursprünglich sein sollten, nämlich dazu berufen, die Liebe und Weisheit Gottes in der Welt widerzuspiegeln.
Die Bergpredigt, die berühmte Ansprache Jesu in Matthäus 5, 6 und 7, konzentriert sich auf die Herausforderung, die Jesus seinen Zuhörern stellte. Jesus forderte sie zu einer Veränderung ihres Herzens auf, damit sie aufrichtig liebevoll und vergebungsbereit werden, reine Motive haben und darauf bedacht sind, Gottes mächtige, rettende Liebe in die Welt zu bringen.
Die Lehrer und Prediger der ersten Generation von Christen entwickelten verschiedene praktische Lehren in Bezug auf Bereiche wie die Fürsorge für die Armen, die Achtung der Ehe, soziale und bürgerliche Pflichten und so weiter. Aber all das entsprang Jesu Vision vom Königreich Gottes, seinem Plan, die Welt zu verbessern, wobei seine eigenen Anhänger sowohl als Werkzeuge als auch als Vorbilder für dieses Ziel der neuen Schöpfung dienten.
Also Zugehörigkeit, Glaube, Verhalten.
Im Laufe der Geschichte haben verschiedene christliche Gruppen und Bewegungen in sehr unterschiedlichen sozialen, politischen und kulturellen Umfeldern das eine oder andere betont und auf unterschiedliche Weise interpretiert. Schon in den Briefen des Paulus aus den 40er und 50er Jahren des ersten Jahrhunderts sehen wir einige, die zwar dazugehörten, aber anscheinend nicht verstanden hatten, was Glauben und Verhalten bedeuten. Paulus musste sie zurechtweisen. Umgekehrt mussten einige frühe Lehrer davor warnen, die Kirche zu spalten, als ob der Glaube an dieses oder jenes zu einer Spaltung führen könnte, als ob Zugehörigkeit keine Rolle spielte.
Solche Probleme bestehen tragischerweise bis heute fort, wo das Christsein beispielsweise in Teilen Afrikas oder Südostasiens manchmal ganz anders aussieht als in Europa oder Nordamerika. Das ist vielleicht unvermeidlich für eine weltweite und multikulturelle Bewegung, die „auf dem Weg” ist und in der alle voneinander lernen müssen, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen.
Denn das ist schließlich der Kern des Ganzen.
Die persönliche Gegenwart Jesu zu erfahren, die die frühen Christen mit verschiedenen Bildern beschrieben haben, zum Beispiel mit Jesus als dem Weinstock und wir als den Reben. Oder Jesus als der ganze Leib und wir selbst als Glieder, Gliedmaßen und Organe dieses Leibes. Diese persönliche Gegenwart Jesu und das Erleben seines Lebens in uns bleibt bestehen, das lebendige Herz, das in das Gemeinschaftsleben, den Glauben und das Verhalten einfließt.
In diesem Video geht es um die Frage, wann denn die Auffassungen der Moderne in der Bibelwissenschaft angefangen haben. Das ist nicht nur von historischem Interesse, sondern ist ein Aspekt des kulturellen Kontexts. Und damit kann man auch die Motivation dahinter besser verstehen.
Professor Brian Doak spricht in diesem Video über drei Ideen dazu:
Idee Nr.1
Erste Option: Die Moderne fängt im Jahr 1440 mit Lorenzo Vallas Text über die Konstantinische Schenkung an. Professor Doak erklärt uns, was das ist.
„Vielleicht hast du noch nie von Lorenzo Valla oder der Konstantinischen Schenkung gehört. Ich erzähle dir kurz was dazu. Die Konstantinische Schenkung war ein Dokument, das angeblich im 4. Jahrhundert n. Chr. von Kaiser Konstantin geschrieben wurde und im Wesentlichen das Eigentumsrecht an Rom und großen Teilen des Weströmischen Reiches an den Papst und die katholische Kirche übertrug. Das wäre ziemlich erstaunlich, wenn es wahr wäre. Und dieses Dokument wurde viele Jahrhunderte lang verwendet, obwohl seine Echtheit im Laufe der Geschichte immer wieder in Frage gestellt wurde. Ich glaube, besonders im 12. und 13. Jahrhundert wurde es besonders stark herangezogen. Es gibt wissenschaftliche Abhandlungen dazu, und du kannst dich damit beschäftigen. Ich werde unten ein paar Links einfügen, damit du mehr darüber erfahren kannst. Aber im Grunde genommen hat Lorenzo Valla, ein Priester aus dem 15. Jahrhundert, eine sehr strenge philologische und linguistische Analyse dieses Dokuments gemacht und durch seine Untersuchung der lateinischen Sprache herausgefunden, dass es nicht im 4. Jahrhundert n. Chr. verfasst worden sein kann, nicht von Konstantin verfasst worden sein kann, sondern wahrscheinlich etwa 500 Jahre später, vielleicht im 7. oder 8. Jahrhundert n. Chr. Im Grunde hat er also bewiesen, dass es sich um eine Fälschung handelt.“
„Warum nenne ich das einen Anfangsmoment der Moderne in der Bibelwissenschaft? Es hat nichts mit der Bibel zu tun. Ich weiß, ich weiß. Aber es ist einfach ein lustiger Moment, über den man nachdenken kann. Und es ist einfach ein interessanter Moment in der Geschichte des westlichen Denkens, denn was haben wir hier? Wir haben hier jemanden, der mit der Kirche verbunden ist, jemanden, der sehr klug ist und linguistische und philologische Werkzeuge einsetzt, die Geschichte der lateinischen Sprache, Ausdrücke, die in dieser Zeit beliebt waren, aber offenbar nicht in dieser Zeit erfunden wurden, usw., was an Schritte erinnert, die Bibelwissenschaftler in der Moderne zu unternehmen begannen und tatsächlich Hunderte von Jahren später unternahmen, indem sie Dinge wie Quellenkritik und Textanalysen verschiedener Art durchführten. Die Tatsache, dass Lorenzo Valla diese Art von Analyse eines Textes auf diese linguistische Weise durchgeführt hat, spiegelt meiner Meinung nach etwas vom Geist der Moderne wider, und er tat dies nicht nur, um die kirchliche Tradition zu unterstützen, sondern um sich ihr zu widersetzen. Es gibt also in gewisser Weise ein wachsendes Bewusstsein für die Kritik, für die Autonomie des Individuums, die Tradition zu kritisieren. Und ich finde, das ist einfach ein schöner Moment für die Moderne. Okay. Aber ich würde nicht sagen, dass das wirklich der Beginn ist.“
Idee Nr. 2
„Hier ist noch ein Moment, über den wir nachdenken könnten. Wie wäre es mit Erasmus? Erasmus, ein bedeutender Gelehrter des 16. Jahrhunderts, veröffentlichte 1516 seine Ausgabe des griechischen Neuen Testaments. Diese Ausgabe wäre in mehrfacher Hinsicht ein wichtiger Meilenstein für den Beginn der Moderne in der Bibelwissenschaft. Beachte, dass es sich hierbei nicht um seinen sogenannten Textus Receptus handelt. Diese von ihm zusammengestellte Version des griechischen Neuen Testaments wurde später zur Grundlage für die King-James-Bibel des Neuen Testaments und für diesen Textus Receptus. Auch heute noch gibt es einige Leute, die fast mystisch daran glauben, dass der Textus Receptus die ursprünglichen Worte der Autoren des Neuen Testaments wiedergibt. Das ist historisch gesehen wahrscheinlich nicht wahr. Es ist ein erstaunliches Artefakt der Geschichte und so weiter. Aber es gibt da ein paar Probleme mit den Manuskripten. Aber das überlasse ich den Textkritikern des Neuen Testaments. Wie auch immer, nein, diese Version des griechischen Neuen Testaments von 1516 war älter als das. Und sie enthielt im Wesentlichen eine lateinische Übersetzung, ich glaube, eine überarbeitete lateinische Übersetzung von Erasmus selbst, mit dem griechischen Text daneben. Der beste griechische Text, den er finden konnte oder den er für das Neue Testament für richtig hielt, damit du als Leser die lateinische Übersetzung mit dem Original vergleichen konntest.
Warum sage ich, dass dies ein wichtiger Anfang für die Moderne in der Bibelwissenschaft sein könnte?
Nun, zunächst einmal stellt es auf einer grundlegenden textuellen Ebene so etwas wie einen Höhepunkt des Aufstiegs der Manuskriptkultur dar. Aus dem Mittelalter kommend, als wir viele Kommentare und Philologie und Linguistik und Wortstudien und solche Sachen hatten, die jetzt, wirklich sehr beliebt werden, vor allem seit der Erfindung der Druckerpresse in den 1440er Jahren. Ja, ich glaube, es war genau diese griechische Version, diese griechisch-lateinische Version des Neuen Testaments, von der zu Erasmus‘ Lebzeiten etwa 300.000 Exemplare veröffentlicht wurden. Das zeigt die Macht der Massenproduktion von Material für die Menschen. Dieser Aufstieg der Textkultur und diese Aufmerksamkeit, die jetzt der Textkritik, den Manuskripten und einer bestimmten Art von Archäologie der Vergangenheit geschenkt werden muss, trägt meiner Meinung nach die Handschrift der Moderne.
Aber ich meine, noch mehr sagt Erasmus dem Leser, dass er sagt: Geh zurück und schau dir die Originalquelle an, geh zurück und schau dir das Griechische an, und dieser Ruf, diese Tendenz ad fontes in der Sprache des Renaissance-Humanismus, zurück zu den Quellen, ist auch ein Kennzeichen der Moderne und insbesondere sogar der späteren Romantik. Diese Idee, dass wir zu den ursprünglichen Autoren zurückkehren müssen, zu ihrem Kontext, zu dem, was sie dachten, was sie sagten, was sie schrieben.
Nicht nur das, sondern Erasmus hatte verschiedene, du weißt schon, Arten von Textapparaten rund um diese Version des Neuen Testaments. Zum Beispiel hatte er Anmerkungen zum Text, die größtenteils philologische Notizen waren, aber auch theologische Fragen behandelten. Man hat also wieder als Auswuchs des Mittelalters einen Anstieg der Kommentarkultur, in der man diese Originalquellen heranziehen muss. Man geht zurück zu ihnen, man nimmt sie und muss sie dann transformieren und etwas über sie sagen.
Aber insbesondere hatte er ein Vorwort zu dieser Ausgabe des Neuen Testaments, in dem er auf eine für seine Zeit etwas radikale Weise sogar Laienleser, also durchschnittliche, gebildete Menschen, wenn vielleicht auch nicht den Durchschnittsmenschen, dazu aufrief, die Bibel zu persönlichen Andachtszwecken zu lesen. Wir sehen hier also zumindest einen Hinweis, keine voll entwickelte Version, aber einen Hinweis auf die Idee des Interpreten als autonomes Individuum, als jemand, der individuell vor Gott oder einfach vor einer Art Rationalität verantwortlich ist, sich mit dem Text auseinanderzusetzen und als Interpret zu fungieren. Und das erscheint mir wirklich bedeutsam im Hinblick auf diese großen Themen, diese großen intellektuellen Themen der Moderne.“
Idee Nr. 3
Damit kommt Brian Doak zur dritten Idee, die ihm von diesen drei als die Überzeugendste erscheint. Und das hat mit Martin Luther zu tun.
„Ich würde sagen, dass Martin Luther derjenige ist, der die Moderne in der Bibelwissenschaft eingeleitet hat. Und ich würde echt gern wissen, was du davon hältst. Findest du, dass ich damit richtig liege? Ich möchte auf seine Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche aus dem Jahr 1522 hinweisen, vor allem auf die Vorworte, die er vor den Büchern geschrieben hat, insbesondere auf eines davon, das Vorwort zu den Briefen des Heiligen Jakobus und des Heiligen Judas. Ich werde unten einen Link dazu einfügen, alle Vorworte Luthers sind in einem öffentlich zugänglichen Dokument verfügbar, damit du dir selbst ein Bild machen kannst. Aber ich lese hier aus dieser aktualisierten Übersetzung vor.
Luther hatte sich, glaube ich, in informellen Disputationen um das Jahr 1519 von der Kirche losgesagt, als er sagte: „Der Papst und die Katholische Kirche sind nicht mehr die einzigen unfehlbaren Ausleger der Heiligen Schrift.“ Und 1521 wurde er offiziell exkommuniziert.
Dieses Vorwort zu Jakobus und Judas wurde 1522 geschrieben. Es handelt sich also um ein sehr frühes Dokument in Luthers Karriere als Ketzer, könnte man sagen. Ich möchte nur ein paar Auszüge daraus vorlesen. Wenn du das noch nie gehört oder gelesen hast, finde ich es wirklich schockierend, wenn man bedenkt, was Luther gesagt hat. Und wir können kurz darüber nachdenken, was ihn wirklich modern macht. Er beginnt so. Sein Vorwort zu Jakobus und Judas.
„Ich schätze den Jakobusbrief sehr und halte ihn für wertvoll, obwohl er früher abgelehnt wurde.“
Er bezieht sich auf frühere Debatten über den Kanon, vielleicht sogar in Eusebius und einigen anderen Dokumenten, von Leuten, die Jakobus in Frage stellen würden.
„Jakobus legt keine menschlichen Lehren dar, sondern legt großen Wert auf Gottes Gesetz, ohne meine eigene Meinung vorzubringen, ohne die Meinung anderer zu beeinträchtigen.“
Beachte dieses starke Thema der Autonomie des individuellen Auslegers: „ohne meine eigene Meinung vorzubringen, ohne die Meinung anderer zu beeinträchtigen.“
„Ich halte ihn aus den folgenden Gründen nicht für eine apostolische Schrift: Erstens, weil er in direktem Gegensatz zu Paulus und dem Rest der Bibel steht, indem er die Rechtfertigung den Werken zuschreibt und erklärt, dass Abraham durch seine Werke gerechtfertigt wurde, als er seinen Sohn opferte.“
Okay, er sieht darin also einen thematischen, spirituellen und theologischen Widerspruch zum Rest der Bibel und insbesondere zu Paulus.
“Zweitens, weil es in seiner gesamten Lehre den Christen nicht ein einziges Mal eine Anweisung oder Erinnerung an das Leiden, die Auferstehung oder den Geist Christi gibt.“
Hier führt er sein berühmtes Kriterium des Kanons innerhalb des Kanons ein. Wahre Schrift ist nur das, was Christus predigt. Richtig? Er stellt also den Kanon selbst in Frage. Und er fährt fort, verschiedene Dinge zu sagen. Ich lese dir seine Zusammenfassung vor.
„In einigen Fällen wollte Jakobus diejenigen warnen, die sich auf den Glauben verließen, ohne Werke zu vollbringen. Aber er hatte weder den Geist noch den Verstand noch die Beredsamkeit, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Er vergewaltigt die Heilige Schrift und widerspricht damit Paulus und der gesamten Heiligen Schrift, indem er das Gesetz betont, was die Apostel erreichen, indem sie die Menschen zur Liebe anziehen. Ich verweigere ihm daher einen Platz unter den Verfassern des wahren Kanons meiner Bibel.“
Meiner Bibel.
„Aber ich würde niemanden daran hindern, ihn dort zu platzieren oder zu erheben, wo er möchte, denn der Brief enthält viele hervorragende Passagen. Ein einzelner Mensch zählt selbst in den Augen der Welt nicht als Mensch. Wie sollte dann dieser einzelne und isolierte Schriftsteller gegen Paulus und den Rest der Bibel zählen?“
Er sagt nicht, man solle eine Schere nehmen, Jakobus aus der Bibel herausschneiden und ihn wegwerfen. Genauso wenig, wie er meiner Meinung nach gefordert hat, die kanonischen oder apokryphen Werke aus der Bibel zu streichen, sondern nur deren Authentizität in Frage gestellt hat. Oh, lass mich dir seine Anmerkung zum Vorwort des Judasbriefes vorlesen. Judas, ein sehr kurzes Buch direkt vor der Offenbarung. Einige dieser Themen werden fortgesetzt.
„Niemand kann leugnen, dass dieser Judasbrief ein Auszug aus oder eine Kopie des zweiten Petrusbriefes ist. Denn alles, was er sagt, ist fast dasselbe wie zuvor. Außerdem spricht er von den Aposteln wie ein Jünger aus einer viel späteren Zeit. Er zitiert Worte und Ereignisse, die nirgendwo in der Heiligen Schrift zu finden sind und die die Kirchenväter dazu veranlassten, diesen Brief aus dem Kanon zu streichen. Außerdem ging der Apostel Judas nicht in griechische Länder, sondern nach Persien.“
Ich denke, er bezieht sich also auf eine historische Überlieferung über Judas, die besagt, dass es sich nicht um diesen Mann handelt.
„Und es heißt, er habe kein Griechisch schreiben können. Daher schätze ich das Buch zwar, aber es ist nicht unbedingt notwendig, es zu den kanonischen Büchern zu zählen, die die Grundlage des Glaubens bilden.“
Wow. Ich meine, was für Dinge sehen wir hier? Was ist so modern an dieser Einleitung, dass sie wirklich den Beginn der Moderne in der Bibelauslegung markiert? Zusammenfassend lässt sich sagen: die Autonomie des Interpreten, das Gefühl, dass ein Individuum ein Schiedsrichter der Vernunft sein und seinen eigenen Weg gehen kann. Das Gefühl, dass die Wahrheit im Inneren liegt, dass die Wahrheit erfahrbar ist, dass Luther damit ringt und sagt: „Ah, ich weiß es einfach nicht. Ich weiß nicht, das ist meine… Er spricht über meine Bibel, richtig? Ich meine, das ist ein toller Ausdruck. Die Idee des Kanons innerhalb des Kanons, also die Sammlung der maßgeblichen Bücher, ist ein sehr moderner kritischer wissenschaftlicher Ansatz und nicht einfach etwas, das dir von einer kirchlichen Tradition vorgegeben wird. Du akzeptierst nicht einfach, was du in einer gebundenen Bibel findest, weil die Kirchenbehörden beschlossen haben, diese bestimmte Bibel so zusammenzustellen. Nein, man hinterfragt es auf einer anderen theologischen Grundlage, was er auch tut. Oder aus einer säkularen Perspektive könnte man es auf einer historischen Grundlage hinterfragen.
Eine Ablehnung harmonisierender Tendenzen. Ja, Luther lässt Unterschiede in Spannung zueinander bestehen. Tatsächlich empfehle ich dieses Buch sehr, es heißt „Reading the Bible with Martin Luther” von Timothy Wingert, ein kurzes kleines Buch, aber eine großartige Einführung in das Lesen von Martin Luther als Bibelausleger. In einem seiner Essays in diesem Buch sagt er etwas sehr Einprägsames: „Luther hat nie einen Widerspruch gesehen, den er nicht mochte.” Warum hat Luther Widersprüche so sehr geliebt? Ich meine, wir sehen darin die Qual der Moderne, Widersprüche zu finden und aus unterschiedlichen Stimmen irgendeine Art von Sinn zu machen. Das ist Moderne, Baby. Okay, also freu dich darauf. Er liebte es, weil dies der Kern seiner Theologie, seines Gesetzes und seines Evangeliums war. Diejenigen unter euch, die Lutheraner und Luther-Gelehrte sind, wissen besser als ich, wie sehr er diese Art von schwarz-weißer These und Antithese schätzte, die zu etwas Neuem führt. Wann immer Luther das in der Bibel finden konnte, versuchte er nicht einfach, es zu übertünchen oder zu harmonisieren, wie es ein alter Ausleger vielleicht getan hätte. Vielmehr hob er es hervor, oder? Er verstärkte die Spannung dort. Harmonie ist nicht unbedingt gut. Unterschiede sind gut. Spannung ist gut.
Es gibt Misstrauen und Ablehnung gegenüber Autorität.
Und die Bibel ist für Luther in Bezug auf seine Kritik an Jakobus und seine Ablehnung der apostolischen Urheberschaft. Hier gibt es einen Hinweis darauf, dass die Bibel ein grundlegend historisches Dokument ist, das einen historischen Kontext hat. Natürlich war sie für Luther ein göttliches Dokument und Gottes Wort und all diese Dinge, aber die Schrift ist ein historischer Zeuge und kann unter Berufung auf historische Umstände kritisiert werden.
Deshalb werde ich in diesem Wettbewerb der drei Stimmen, Lorenzo, Erasmus und Luther, Luther zum König und Begründer der Moderne in der Bibelwissenschaft krönen. Sag mir, was du davon hältst.“
Jetzt stellen wir uns einmal die Frage, die du dir vielleicht schon selbst gestellt hast: Wer hat die Bibel nun richtig verstanden – die Leser der Antike, des Mittelalters oder der Moderne?
Darauf geht Professor Brian Doak in diesem Video ein:
Einige Leser der Antike und des Mittelalters dachten, dass die Bibel zwei Interpretationen hat: Die wörtliche und die geistige, symbolische, allegorische. Andere wie Origenes von Alexandria dachten, dass es drei Bedeutungen hat: Die wörtliche, die allegorische und die moralische oder tropologische [„Tropologisch“ bezieht sich auf die Interpretation von Texten oder Bildern, die sich auf eine moralische oder ethische Botschaft konzentriert.]. Andere gingen von vier Bedeutungsebenen aus, wie wir im Video Bibel lesen und interpretieren: War die mittelalterliche Bibelauslegung schlecht oder nur mittelmäßig? gesehen haben: Die wörtliche, die allegorische, die moralische oder tropologische und die anagogische. Im Mittelalter dachten einige, dass es noch mehr Bedeutungsebenen geben müsste, sieben zum Beispiel. Und noch andere scheinen gedacht zu haben, dass es sogar eine unendliche Zahl an Bedeutungsebenen gibt!
Aber ist das für uns überhaupt wichtig? Zum einen ist es gut, die verschiedensten Auffassungen zu kennen, damit man besser sieht, wo man selbst steht. Und ob man vielleicht etwas Wesentliches noch nie selbst gesehen hat. Und einen Punkt übersehen wir vielleicht immer noch.
Brian Doak zitiert hier Gregor den Großen aus dem 6. Jahrhundert (zumindest meint er, dass dieses Zitat von ihm ist):
Der Text wächst mit dem Leser.
Vermutlich von Gregor dem Großen (6. Jahrhundert)
Und was soll das bedeuten? Der Text wächst mit dem Leser und der Leser wächst mit dem Text. In dem Sinne, dass die Zahl der Bedeutungsebenen und der Horizont mit uns wächst, mit unserem intellektuellem und spirituellem Wachstum.
Und so sind alle, von denen wir bisher gesprochen haben, davon ausgegangen, dass es auf jeden Fall mehr als nur eine Bedeutungsebene für den biblischen Text gibt. Alle, über die wir bisher gesprochen haben. Das änderte sich mit der Moderne. Zum Beispiel schrieb Benjamin Jowett (Professor in Oxford im 19. Jahrhundert):
Die Heilige Schrift hat eine Bedeutung, nämlich die, die sie im Kopf des Propheten oder Evangelisten hatte, der sie zuerst gesagt oder geschrieben hat, für die Zuhörer oder Leser, die sie zuerst gehört oder gelesen haben.
Der eigentliche Sinn von Interpretationen ist es, Interpretationen loszuwerden und uns allein mit dem Autor zu lassen.
Benjamin Jowett, On the interpretation of scripture
Und das ist auch das, was viele meinen, wenn sie sagen, dass wir ‚die Bibel im Kontext lesen müssen‘.
Jetzt gibt es aber ein Problem mit dieser Theorie: Sie ist nicht offenkundig einleuchtend. Warum kann man das sagen? Wenn es nur diese eine Bedeutungsebene des Textes gibt, die es im Kopf der Person gab, die etwas gesagt oder geschrieben hat, im historischen Kontext, was machen wir dann damit? Wenn wir auch das Gelesene auch nur irgendwie mit uns in Verbindung bringen wollen, müssen wir es in unseren Kontext übersetzen oder anwenden. Wir müssen den Text aus der Vergangenheit in unser Leben bringen. Die Frage ist doch: Und was bedeutet das heute?
Warum wurde und wird dann so ein Standpunkt überhaupt vertreten? Seit der Zeit der Reformation wurde diese Argumentation auch wie folgt verwendet: Zu sagen, dass es nur genau diese eine wörtliche Bedeutung im biblischen Text gibt, könnte verwendet werden, um sich gegen eine anderen Religion zu wenden, die sich, wie zum Beispiel die katholische Kirche, auf eine lange Tradition oder Überlieferung und die Kirchenväter stützt. Der theologische Grundsatz der Reformation sola scriptura (allein durch die Schrift) wurde so verwendet, auch wenn es schon seit Luther dabei nicht direkt um die Bedeutungsebenen des Textes ging.
Diese Vorstellung, dass es nur diese eine Bedeutungsebene des biblischen Textes gibt, hat auch etwas mit der Kritik an der Exegese der Antike und des Mittelalters zu tun: Übermäßig spirituell, willkürlich, eigenwillig oder sogar komplett verrückt. Und er zitiert hier einen anderen Gelehrten des 19. Jahrhunderts.
Wir werden schnell mal viele Jahrhunderte der Auslegung durchgehen und müssen feststellen, dass es im Großen und Ganzen, also in der Antike, Jahrhunderte waren, in denen die Auslegung der Heiligen Schrift von unbewiesenen Theorien dominiert und mit unhaltbaren Ergebnissen überladen war.
Frederic Farrar, Oxford Bampton lecture 1885
Aber auch die gegensätzliche Vorstellung von nur der einen Bedeutung des Textes kann kritisiert werden:
Hat Geschichte eine Bedeutung und Verständlichkeit, die einfach in sich selbst steckt?
Und Brian Doag fügt hinzu: „Die Antwort wäre wohl nein. Das tut es nicht. Es ist etwas, das wir ihm durch Interpretation beim Erzeugen des Narrativs geben. Richtig? Mit anderen Worten: Dieser historische Kontext, der eigentlich ein leuchtendes, objektives Objekt sein soll, das auf dem Grund liegt und sozusagen Bedeutung ausstrahlt, liegt in Wirklichkeit nicht einfach objektiv auf dem Grund und strahlt Bedeutung aus. Es ist eine Bedeutung, die wir dem Text tatsächlich geben. Hier gibt es also ein Problem für den modernen Wunsch, die moderne Fantasie, könnte man sagen, dass dieser historische Kontext einfach alle Probleme klärt.“
Dann fasst Brian Doak ein bekanntes Essay von 1980 zusammen:
Jede Art von christlicher Predigt muss diesen alten Text nehmen und ihn in einen zeitgemäßen Kontext setzen, damit wir ihn überhaupt anwenden oder uns dafür interessieren können.
Wenn du nicht zu den wenigen Leuten gehörst, die sich in einer total abstrakten philosophischen Welt nur an der Vergangenheit als Vergangenheit erfreuen, wirst du eine Art zeitgenössische Anwendung wollen.
Wie Steinmetz sagt, sind alle Schriften dazu da, die Kirche zu stärken und die theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe zu fördern.
Wir müssen uns von der Vergangenheit lösen, sonst müssten wir zugeben, dass viele Teile der Bibel einfach nichts bedeuten. Du weißt schon, die Trunkenheit von Noah, der Mord an Abel, der Ochsenstecken von Schamgar, Sohn des Anath. Wenn es auf der Ebene der Erzählung nicht zu finden ist, schreibt Steinmetz, dann muss es auf der Ebene der Allegorie, Metapher, Typologie und so weiter zu finden sein.
Er sagt dann, dass er echt dazu neigt, CS Lewis‘ berühmtem Zitat aus „Till We Have Faces“ zuzustimmen. Ein Autor versteht die Bedeutung seiner eigenen Geschichte nicht unbedingt besser als andere. „Der Akt des Schaffens“, schreibt Steinmetz, „gibt Autoren keine besonderen Privilegien, wenn es um die ganz andere, wenn auch weniger wichtige Aufgabe der Interpretation geht.“ Steinmetz sagt, er stimmt Jowett zu, dass die Bibel wie jedes andere Buch gelesen werden sollte. Die Frage ist, wie liest man andere Bücher? Okay. Wie liest man andere Bücher? Am Ende schlägt Simon dann diese Hypothese vor. Er sagt, dass die Tatsache, dass die historisch-kritische Methode nach 200 Jahren immer noch um mehr als einen prekären Halt in derselben Religionsgemeinschaft kämpft, im Allgemeinen der Ignoranz und dem Konservatismus der christlichen Lehre sowie der Trägheit oder moralischen Feigheit ihrer Pastoren angelastet wird. Mit anderen Worten: Warum hat die historisch-kritische Methode immer noch so große Schwierigkeiten, sich in den Köpfen vieler Menschen durchzusetzen? „Liegt es einfach daran, dass die Menschen in der Kirche dumm sind? Liegt es daran, dass Pastoren Weicheier und Babys sind, die Angst haben, ihrer Gemeinde die wahre Geschichte zu erzählen? Nein.“ Er sagt: „Ich möchte eine alternative Hypothese vorschlagen. Die mittelalterliche Theorie der Bedeutungsebenen im biblischen Text mit all ihren unbestreitbaren Mängeln hat sich durchgesetzt, weil sie wahr ist. Die moderne Theorie einer einzigen Bedeutung mit all ihren nachweisbaren Vorzügen ist dagegen falsch. Solange die historisch-kritische Methode ihre eigenen theoretischen Grundlagen nicht kritisch hinterfragt und eine hermeneutische Theorie entwickelt, die der Natur des Textes, den sie interpretiert, angemessen ist, wird sie zu Recht auf die Zunft und die Akademie beschränkt bleiben, wo die Frage nach der Wahrheit endlos aufgeschoben werden kann.“ In Glaubensgemeinschaften und theologischen Gemeinschaften hingegen kann die Frage nach der Wahrheit nicht endlos aufgeschoben werden oder einfach in der Vergangenheit bleiben.
Über Superiority of Pre-Critical Exegesis (Die Vorzüge der vorkritischen Exegese), Professor David Curtis Steinmetz, Duke Divinity School
„Also, wenn du sagen willst, dass die antike und mittelalterliche, also die Auslegung der Bibel vor der Zeit der modernen Textkritik einfach besser ist als die Art und Weise, wie man das heute in der modernen säkularen Wissenschaft macht. Aus diesem Grund haben die antiken und mittelalterlichen Ausleger den Text als etwas viel Reichhaltigeres gesehen als nur den ursprünglichen Kontext der Urheberschaft. Und sie erkannten als grundlegende Lesetheorie, eine Lesetheorie, die wir heute vielleicht wieder erkennen, dass ein Text mit uns als Lesern wächst und viele Bedeutungen annehmen kann. … Wie du den Text mit 18, mit 30, mit 45, mit 70 und später in deinem Leben lesen könntest. Und der Text hat immer wieder eine andere Bedeutung. Er ist nicht nur in der Situation seiner Entstehung gefangen, noch ist er in deinem Kopf als 18-Jähriger gefangen, sondern er ist etwas, das weiter wächst. Es scheint, dass Autoren der Antike und des Mittelalters dies besser verstanden haben, und das könnte ein Vorteil ihrer Interpretationsweise sein, unabhängig davon, welche anderen Nachteile wir darin sehen mögen.“
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