Von Christian / Brian Doak / Origenes
Wenn du jetzt aufgrund des Titels erwartest, dass ich hier über eine sensationelle neue Entdeckung einer antiken christlichen Schrift spreche, dann stimmt das nur teilweise: Für dich kann es eine neue Entdeckung sein. Aber auch wenn du von der Existenz dieses fast 2000 Jahre alten Text schon wusstest, wird es interessant sein zu sehen, dass sich im 3. Jahrhundert Christen schon die selben Fragen wie wir gestellt haben. Und dann deren Antworten zu hören.
Es geht um das Werk De principiis von Origenes von Alexandria, dass er im Jahr 231 in Alexandria geschrieben hat. Der Originaltitel ist: Περὶ ἀρχῶν Perì archōn „Über die Grundlagen“).

Wenn du jetzt denkst, dass das einer der sogenannten Kirchenväter ist – und mit Kirche willst du doch nichts zu tun haben – dann liegst du nicht ganz richtig. In der römisch-katholischen Patristik wird er nur als Kirchenschriftsteller anerkannt! Wenn du einen Hintergrund als Zeuge Jehovas hast, dann hast du vielleicht die Argumentation im Hinterkopf, dass nach der Offenbarung des Johannes und dem Jahr 100 eh alles zum vorhergesagten Abfall vom Glauben und der ‚falschen Religion‘ gehört und zu ignorieren ist. So einfach ist es allerdings nicht …
Origines war ein außergewöhnlich intelligenter Zeitgenosse, der schon Lehraufgaben und eine eigene Schule hatte als er um die 18 Jahre als war. In seinen 20ern war er schon als außergewöhnlicher Lehrer bekannt. Origenes wurde wegen Verweigerung des Opfers für den Kaiser unter Decius gefoltert und starb 69-jährig an den Folgen. Auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 wurde er dann wegen anderer Lehren, die aus seinen weiterentwickelt worden waren, gleich mit als Herätiker gebrandmarkt und die kaiserliche Polizei zog seine Schriften ein und vernichtete sie.

Natürlich hat Origenes auch einige ‚wilde‘ spekulative Ideen vertreten. Zum Beispiel eine Vorstellung der Emanation: Alles kommt aus Gott und kehrt zu Gott wieder zurück. Und dass alle erlöst werden, inklusive den Dämonen und Satan. Aber wenn wir bedenken, wie nahe er noch zu der Zeit Jesu und der Apostel war und was in dieser Zeit alles überlegt und diskutiert wurde, sind wir in unserem Urteil über ihn vielleicht etwas gnädiger.
Warum befassen wir uns mit seinem Buch? Nicht weil dessen Aussagen und Lehren verbindlich für uns sind. Wir sollten es eher als Teil einer Serie sehen, die heißen könnte: Antworten schlauer Christen auf Fragen, die wir heute noch haben.
Dann schauen wir uns doch mal drei Lektionen zum Thema Wie sollte man die Bibel lesen an, denn es ist das oder eines der ältesten christlichen Handbücher zu diesem Thema. Diese Punkte hat Professor Brian Doak in einem seiner vor kurzem veröffentlichten Videos erwähnt. Wer Englisch versteht, kann sich gerne mal das Video anhören. Ich finde seine Begeisterung für ein Thema immer wieder ansteckend 😀:
Gut, was sagt Origenes in seinem Buch Über die Grundlagen denn zum Thema, wie man die Bibel lesen sollte? Das findet man in Buch 4, Kapitel 1 bis 3. Und dieses kohärente Handbuch zur Interpretation ist etwa einhundert Jahre älter als die Schriften des Augustinus, die sonst üblicherweise angeführt werden. Nun also zu den Punkten, die auch für uns heute noch nützlich sind.
Warum sollten wir überhaupt sagen, dass die Bibel göttlich ist?
Im Prinzip sagt Origenes: Wir wissen, dass die Bibel göttlich ist, weil so viele Menschen an sie glauben. Und weil sie sich so schnell sogar unter ganz anderen Kulturen verbreitet hat. Und so viele Prophezeiungen haben sich erfüllt. Daher muss dieses Buch göttlichen Ursprungs sein.
Damit möchte er eine Grundlage legen, warum man die Bibel überhaupt lesen sollte. Interessant ist für uns, dass diese Argumente gar nicht neu sind, sondern quasi so alt wie das Christentum. Und doch sind diese Argumente im Kontext des 3. Jahrhunderts zu sehen. Nehmen wir zum Beispiel das Argument, die Bibel ist göttlich, weil sie sich so schnell auch unteren Kulturen verbreitet hat. Diese Argument wird Jahrhunderte später auch in Bezug auf den Koran gebraucht. Und man könnte es auch auf Das Kapital von Karl Marx anwenden, obwohl hier wohl nur wenige von göttlicher Inspiration ausgehen werden.
Damit kommt Origenes aber zu einer interessanten Aussage über die Bibel.
Was machen wir, wenn der Text der Bibel unlogisch, schockierend oder falsch ist?
Manche würden schon das bestreiten. Aber es gibt bestimmt genügend Stellen, welche dir beim Lesen als unlogisch, widersprüchlich, schockierend oder falsch erschienen sind. Und damit ist es dann egal, wie andere damit umgehen. Du musst das für dich klären.
Origenes sagt weiter, dass der größte Fehler, den man als Leser und Ausleger der Bibel machen kann, ist, sie nur wörtlich zu lesen. Jeder Teil der Bibel hat eine spirituelle Interpretation, etwas tiefer Liegendes! In Buch 4, Kapitel 2, Teil 9 sagt er:
Aber wenn die Nützlichkeit des Gesetzes und die Abfolge und der Fall der Erzählung auf den ersten Blick durchgehend klar erkennbar wären [wenn wir sie nur leicht verstehen könnten], wären wir uns nicht bewusst, dass es in den Schriften etwas gibt, das über die offensichtliche Bedeutung hinausgeht, die wir verstehen müssen.
Folglich hat das Wort Gottes sozusagen gewisse Stolpersteine, Hindernisse und Unmöglichkeiten in das Gesetz und die Geschichte eingefügt, damit wir nicht vollständig von der bloßen Attraktivität der Sprache mitgerissen werden.
Und so lehnen wir entweder die wahren Lehren gänzlich ab, weil wir aus den Schriften nichts lernen, was Gottes würdig wäre, oder wir entfernen uns nie vom Buchstaben und lernen so nichts über das göttlichere Element.
Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9
Brian Doak sagt dazu: „Ich meine, stell dir mal vor, wie seltsam die Vorstellung ist, dass der Heilige Geist, dass Gott absichtlich Stolpersteine in den Text eingebaut hat, die dich ins Straucheln bringen, die dich innehalten lassen, die dich zum Stehenbleiben bringen. Ich finde, das hat eigentlich etwas wirklich Wunderbares an sich.“
Bei Origenes steht weiter:
Die Bibel hat in die Geschichte etwas eingebaut, das nicht oft passiert ist, etwas, das eigentlich nicht passieren konnte, Unmögliches und manchmal etwas, das vielleicht passiert sein könnte, aber in Wirklichkeit nicht passiert ist. Manchmal werden ein paar Worte eingefügt, die im physischen Sinne nicht stimmen.
Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9
Und dazu sagt Brian Doak dann: „Er meint also: Wenn man die Bibel so liest, gibt’s da echt Sachen, die nicht stimmen. Diese Sachen sollen dich aufhalten. Sie sind wie Stolpersteine für dich als Leser. Und ich liebe diese Idee, dass es so eine Art Theologie des Mysteriums gibt, eine Theologie des Stolperns, eine Theologie des Anhaltens, eine Theologie der unwahren Dinge, mit denen man sich vielleicht auseinandersetzen muss, um wirklich zu verstehen, was die Bibel sagt. Ich finde das wirklich erstaunlich. Eine Art Theologie der Verschleierung, könnte man sogar sagen, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.“
Nun zum nächsten Punkt.
Das Problem beginnt schon gleich am Anfang …
Welcher kluge Mensch glaubt denn, dass es den ersten, zweiten und dritten Tag sowie den Abend und den Morgen gab? [Er redet über die Schöpfungsgeschichte.] Wer würde glauben, dass es Abend und Morgen gab, ohne dass es Sonne, Mond und Sterne gab? Und dass es am ersten Tag, wenn man ihn so nennen kann, noch nicht mal einen Himmel gab. Und wer ist so naiv zu glauben, dass Gott wie ein Bauer ein Paradies im Osten in Eden angelegt und darin einen sichtbaren und greifbaren Baum des Lebens gepflanzt hat, von dem jeder, der mit seinen körperlichen Zähnen von dessen Früchten kostete, das Leben erlangte?
Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3
Im Prinzip sagt Origenes: Wenn du an eine wörtliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte glaubst, bist du dumm. Das sagt er jetzt nicht, weil er die Bibel oder andere verächtlich machen will. Ganz im Gegenteil. Origenes glaubt zutiefst an die Bibel und dass es der vollständige Vorrat göttlicher Gedanken ist. Und er war bereit, dafür zu sterben. Es geht ihm darum, dass die Bibel in einer gewissen Weise gelesen werden muss.
Origenes sagt ganz klar, dass es Stellen gibt, die wörtlich zu lesen sind. Aber wenn das nicht funktioniert, dann lies sie nicht auf diese Weise! Alles hat auch eine symbolische Bedeutung.
Es ist also erstaunlich, dass schon unter den frühen Kirchenvätern nicht alle an eine buchstäbliche Schöpfungsgeschichte glaubten. Aus guten Gründen. Und dass man dann diesen Text nicht einfach abtuen sollte, sondern die symbolische Bedeutung suchen sollte.
Und nun zum dritten Punkt.
Wir können alles in der Bibel verstehen…
Dazu hat Origenes Folgendes zu sagen:
Aber bei all dem sollten wir uns einfach daran halten, was die Frömmigkeit sagt, und die Worte des Heiligen Geistes nicht als etwas sehen, das von schwacher menschlicher Redekunst abhängt, sondern als etwas, das mit den Aussagen der Heiligen Schrift übereinstimmt. Die ganze Herrlichkeit des Königs ist in ihm. [Er zitiert Psalm 45.] Und ein Schatz göttlicher Bedeutungen liegt in den schwachen Gefäßen der armseligen Buchstaben verborgen. [Er zitiert 2 Korinther 4.] Wenn ein Leser aber neugieriger ist und darauf besteht, eine Erklärung für jedes Detail zu bekommen, soll er kommen und mit uns hören, wie der Apostel Paulus mit Hilfe des Heiligen Geistes, der sogar die Tiefen Gottes erforscht, sucht und doch nicht in der Lage ist, das Ende zu erreichen und, wenn ich so sagen darf, eine innerste Erkenntnis zu erlangen, und in seiner Verzweiflung und seinem Staunen über diese Aufgabe ausruft und sagt [in Römer 11]: „O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!“ Und in welcher Verzweiflung, ein vollkommenes Verständnis zu erlangen, stieß er diesen Schrei aus. Hört, wie er es uns selbst sagt. Wie unergründlich sind seine Urteile und seine Wege, die sich nicht erforschen lassen.
Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3, Teil 14
Für Origenes können wir nicht alles über Gott verstehen, und damit bleiben auch Lücken in dem, was wir in der Bibel lesen. Wenn selbst einem Paulus dies trotz aller Anstrengungen verwehrt bliebe.
Und für Origenes hört dieses Lernen auch nie auf, selbst wenn wir wieder ‚bei Gott‘ sein werden.
Und das ist doch eine sehr demütige Einstellung, um biblische Studien anzustellen. Der Gedanke, dass es da immer noch mehr gibt.















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