Von Christian
Ich bin mir sicher, dass einige bei diesem Titel gedacht haben: „Ich interpretiere die Bibel nicht! Ich bete um den Heiligen Geist und lese dann. Das ist alles, was ich brauche, um die Bibel zu verstehen.“ Nun gut. Gib mir noch ein paar Sekunden, um zu zeigen warum diese Serie trotzdem für dich wichtig ist. Oder vielleicht gerade für dich. Und für jeden, der die Bibel liest.
Für diejenigen, die „nur mit Heiligem Geist lesen“: Es geht um das, was du beim Lesen und Verstehen der Bibel tust, ohne dir dessen überhaupt bewusst zu sein. Oder was vielleicht notwendig wäre, damit der Heilige Geist etwas bewirken und keine Wunder vollbringen muss.
Und wer sich dessen schon etwas mehr bewusst ist: Was haben die ersten Christen und andere in den vergangenen zweitausend Jahren dazu zu sagen? Vielleicht haben sie ja Dinge beobachtet, verstanden oder hatten einfach nur Vorstellungen, die uns nie in den Sinn gekommen wären. Schauen wir sozusagen einmal über den Tellerrand. Das hilft, besser zu verstehen, wo man selbst steht. Und ob man daran vielleicht etwas ändern möchte.
Wenn du in der Bibel liest …
Zuerst einmal möchte ich kurz auf ein Diagramm hinweisen, das ich in der Reihe über den Kanon des Neuen Testaments gleich anfangs verwendet habe:

Schon in jener Serie ging es mir darum, uns bewusst zu machen, was alles zwischen dem Schreiben des Neuen Testaments und uns als Lesern passiert. Aber es kommt noch mehr dazu.
Wenn du in der Bibel liest, hat dir jemand das Lesen beigebracht. In der Regel ist das nicht der heilige Geist gewesen.
Ich persönlich kenne niemanden, der durch eine Wundergabe des Heiligen Geistes lesen kann. Oder vielleicht in einer anderen Sprache lesen kann. Das wäre natürlich toll, wenn man so das Griechisch, Aramäisch, Hebräisch oder Latein der Antike lesen könnte. Was uns zum nächsten Punkt bringt.
Wenn du in der Bibel liest, liest du höchstwahrscheinlich eine Übersetzung. Der Heilige Geist muss also nicht nur dir helfen, sondern auch den Übersetzern.
Die Herausforderung der Überlieferung der Texte brauche ich hier nicht nochmals zu beschreiben, sondern möchte auf die Serie Der Kanon des Neuen Testaments verweisen. Aber ein Aspekt ist ziemlich wichtig:
Wenn du in der Bibel liest, liest du mit deinem kulturellen Kontext eine Schrift, die in einem völlig anderen kulturellen Kontext verfasst wurde.
Und der Text wurde nicht an dich geschrieben.
Beim Schreiben wurden Konzepte und Vorstellungen der damaligen Zeit verwendet, die uns nicht bekannt oder sogar verloren gegangen sind. Das ist einer der Gründe, warum manche Passagen der Bibel für uns schwer zu verstehen oder unverständlich sind.
Wer schon einmal Texte übersetzt hat, wird spätestens bei Redewendungen und Vergleichen merken, dass eine wörtliche Übersetzung nicht immer funktioniert. Vermutlich kennst du das aus dem Englischen: „Gestern regnete es Katzen und Hunde.“ Auf Deutsch könnte die Reaktion sein: „Das ist doch Unsinn, völliger Quark.“
Wenn du in der Bibel liest, kannst du die Worte und Sätze zwar immer wörtlich nehmen, aber es könnte sich auch um eine Redewendung oder eine symbolische Darstellung handeln.
Oder könnte es auch beides zugleich sein? Zu verschiedenen Zeiten? … Damit werden wir uns noch beschäftigen.
Auf die Sache mit dem Heiligen Geist muss ich aber zumindest kurz eingehen.
Die Rolle des Heiligen Geistes …
Auch wenn es in dieser Serie nicht primär um die Rolle des Heiligen Geistes beim Lesen der Bibel geht, stellen sich in diesem Kontext einige Fragen: Hilft der Heilige Geist jedem beim Lesen der Bibel? Inwieweit? Beim Lesen, Lesen antiker Sprachen, dem Verstehen des anderen kulturellen Kontextes? Oder nur beim Verstehen des ‚Inhalts‘? Woher können wir das wissen?
Wenn du nun denkst: „Das steht doch in der Bibel!“ Dann hat das etwas von einem Zirkelschluss. Das Argument ist doch, dass die Bibel selbst aussagt, dass der Heilige Geist zum Lesen und Verstehen der Bibel ausreicht. Aber um das zu wissen, musst du doch zuerst … die Bibel lesen und verstehen, nicht wahr? Und dazu bräuchtest du … den Heiligen Geist, oder nicht?
Ich könnte das Argument auch etwas raffinierter (und komplizierter) machen: Es gibt Teile der Bibel, die sagen, dass man zum Verstehen der Bibel nur den Heiligen Geist braucht. Und diese Teile kann jeder auch ohne Heiligen Geist verstehen. Der hilft dann bei den restlichen Teilen der Bibel. Klingt dann vielleicht doch etwas konstruiert.
Aber ohne so eine Konstruktion landen wir schnell bei einem anderen Problem. Besonders, wenn jemand sein Leben lang die Interpretation der geistlichen Führung einer Konfession übernommen hat, nur um festzustellen, dass er betrogen wurde. Dann möchte man nie wieder sich so von der Interpretation anderer beeinflussen oder gar indoktrinieren lassen. Und dann bleibt einem doch nur, für sich selbst die Bibel ohne die Meinung anderer mit Hilfe des Heiligen Geistes zu lesen, oder?
Der nächste Schritt ist dann nicht mehr weit: „Nur wer den Heiligen Geist hat, kann die Bibel richtig lesen und verstehen und dann auch darin die Zusage erkennen, dass der Heilige Geist ausreicht, um die Bibel richtig zu lesen und zu verstehen.“ Mit anderen Worten: Für alle, die dazugehören, ist es klar, und alle anderen können es nicht verstehen.
Jetzt sollten bei dir die Alarmglocken angehen. Diese Argumentation wird gerne von Gruppen verwendet, um gewisse Privilegien nur für sich zu beanspruchen. Bei den Zeugen Jehovas gab und gibt es die privilegierte Klasse der sogenannten ‚Gesalbten‘. Woran erkennt man diese? Seit fast einhundert Jahren ist die Erklärung, dass Gott ihnen diese Überzeugung gibt, sie es aber anderen nicht einmal erklären können, weil diese es gar nicht verstehen können. Und weil das mit der immer kleiner werdenden Zahl dieses ‚Überrests‘ nicht mehr klappt, und sich wieder mehr zu dieser Gruppe rechnen, hat sich die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die das Privileg der Deutungshoheit des Verständnisses der Bibel nicht teilen möchte, sich etwas einfallen lassen und veröffentlicht: Eigentlich kann man diese Personen auch nicht an mehr Bibelwissen, mehr Verständnis, mehr Ausharren, mehr Erfolg im Predigtdienst usw. erkennen. Sie unterscheiden sich in all diesen Dingen überhaupt nicht von anderen. Indirekt wird gesagt: Nur bei uns, der Leitenden Körperschaft, könnt ihr euch sicher sein und dass müsst ihr so akzeptieren.
Warum habe ich das ausgeführt? Weil man in Bezug auf das Lesen und Verstehen der Bibel leicht genauso denken könnte: Wir haben den Heiligen Geist. Andere vertreten ‚falsche Lehren‘ und können daher den Heiligen Geist nicht haben. Doch was sind denn falsche Lehren? Nun, dass erkennen wir, weil wir die Bibel mit Heiligem Geist lesen. Die anderen können das nicht erkennen, weil sie nicht den Heilgen Geist haben … Erkennst du den Zirkelschluss?
Woher kommt denn die Idee, dass nur eine bestimmte Gruppe oder Menschen den Heiligen Geist haben und deswegen nur sie die Bibel richtige verstehen können, und die anderen nicht? Also Schwarz oder Weiss. Alles oder nichts? Könnte es nicht ganz anders sein? Dass Gott und Jesus vielen Menschen durch den Heiligen Geist hilft, jeweils einen Teil zu verstehen? Und bei manchen, auch zentralen Themen, können sie trotzdem zu verschiedenen Interpretationen kommen? Und bisher haben wir noch gar nicht den so wichtigen Aspekt berücksichtigt, wie sicher oder gut belegt eine Interpretation ist. Denn bei unsicherer Quellenlage oder sehr wenigen Texten zum Thema kann es doch verschiedene Interpretation geben. Hilft dann der Heilige Geist gewissen Menschen, die ‚richtige‘ Interpretation zu finden? Die Apostelgeschichte und Briefe des Neuen Testaments zeigen, dass dies schon im ersten Jahrhundert in der Regel nicht so war. Und was wir heute erwarten dürfen, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Man setzt ja so schnell voraus, dass für uns das selbe gilt, wie für die ersten Nachfolger Jesu.
Ich behaupte jetzt einmal:
Beim Lesen der Bibel sollten wir alles lesen – und nicht Teile ignorieren, die unverständlich, widersprüchlich, fremd oder schockierend (für uns) sind.
Vor dem Verstehen müssen wir das Gelesene interpretieren. Nur manche Teile sind direkt zu verstehen. Bei anderen ist viel Arbeit erforderlich. Und das können andere Menschen für uns schon getan haben oder tun. Und der Heilige Geist kann auch ihnen helfen. Nirgends wird uns zugesichert, dass jeder alles selbst durch Heiligen Geist verstehen kann. Auch nicht als Gruppe, Bewegung oder Konfession.
Wieso kann ich das behaupten? Weil ich den Heiligen Geist habe. Und wenn du das nicht so siehst, hast du den Heiligen Geist vermutlich nicht … 😉
Ich denke, ich habe diesen Punkt jetzt klar genug gemacht …
Muss das alles so kompliziert sein?
Und wie so oft frage ich mich am Ende: Christian, machst du es dir nicht wieder viel zu kompliziert? Mittlerweile würde ich sagen: Ein gottgefälliges Leben zu führen, so gut man es kann, ist nicht kompliziert – wenn auch nicht leicht und mühelos. Aber hier geht es um ein anderes Thema: Das Lesen und Verstehen der Bibel. Und das ist kompliziert. Außer du wendest dieses Motto von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf auf das Lesen der Bibel an:

Diesen Spruch darf Gott für sich beanspruchen: „Ich mach die Welt, wie sie mir gefällt“. Und das Ergebnis war gut. Und was Astrid Lindgren damit meinte, ist eine Sache für sich. Aber sich von der Welt oder auch nur dem Lesen der Bibel eine Vorstellung zu machen, die nur dann etwas mit der Realität zu tun hat, wenn uns das gefällt, ist keine so gute Idee.
Doch nun genug der Vorrede. Nächstes mal geht es damit los, was frühe Christen zum Lesen und Interpretieren der Bibel zu sagen hatten.













Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.