Autor: φιλαλήθης

  • Bibel lesen und interpretieren: War die mittelalterliche Bibelauslegung schlecht oder nur mittelmäßig?

    Bibel lesen und interpretieren: War die mittelalterliche Bibelauslegung schlecht oder nur mittelmäßig?

    Von Christian / Brian Doak


    Zum Thema „Bibel lesen und interpretieren“ hatten wir Argumente von zwei frühen Kirchenvätern der patristischen Zeit (1. bis 7. Jahrhundert) angeführt: Origenes in Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte und Augustinus von Hippo in Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Wie hat man die Bibel danach gelesen und interpretiert? Also im Mittelalter, womit ich hier ganz grob die tausend Jahre nach 500 bis 1500 meine. Wir können hier natürlich nur ganz spezielle Punkte herausgreifen, weil in 1000 Jahren schon eine Menge passiert. Selbst wenn es vielleicht viel langsamer als in den ersten 4 Jahrhunderten geschah.

    Aber diese Videos sollen auch keinen Überblick geben oder eine Anleitung sein. Es geht mir darum, interessante Aspekte aufzuzeigen, die uns bisher vielleicht völlig unbekannt waren. Vielleicht hast du dann auch einen „Aha“-Moment: So habe ich das ja noch nie gesehen!

    Und falls deine Gedanken noch beim Titel dieses Beitrags sind, weil du denkst: Ich lese in der Bibel ohne zu interpretieren oder auszulegen! Dann ist das schlichtweg unmöglich. Außer du liest laut vor, ohne über den Inhalt nachzudenken. Was du nämlich sonst machst, wird so definiert:

    Die Hermeneutik (altgriechisch ἑρμηνεύειν hermēneúein, deutsch ‚erklären‘, ‚auslegen‘, ‚übersetzen‘) ist die Theorie der Interpretation von Texten und des Verstehens. Beim Verstehen verwendet der Mensch Symbole. Er ist in eine Welt von Zeichen und in eine Gemeinschaft eingebunden, die eine gemeinsame Sprache verwendet. Nicht nur in Texten, sondern in allen menschlichen Schöpfungen ist Sinn. Diesen zu erschließen, ist eine hermeneutische Aufgabe.

    In der Antike und im Mittelalter diente die Hermeneutik als Wissenschaft und Kunst der Auslegung (Exegese) grundlegender Texte, besonders der Bibel und von Gesetzen.

    Wikipedia

    Das wäre also schon einmal geklärt. Jetzt aber zum eigentlichen Thema.

    Auch dieser Beitrag beruht auf einem Video von Professor Brian Doak, der uns an seiner Vorbereitung für seine nächste Lehrveranstaltung teilhaben lässt:

    Im Mittelalter hatte man diese Vorstellung der Interpretation der Bibel. Professor Doak zitiert hier ein Gedicht in der englischen Übersetzung:

    Littera gesta docet, quid credas allegoria; Moralis quid agas, quo tendas anagogia. [Latein]

    The letter teaches what happened, allegory what you believe, the moral what you should do, anagogy where you are going. [Englisch]

    Der Brief lehrt, was geschehen ist, die Allegorie, woran du glaubst, die Moral, was du tun solltest, die Anagogie, wohin du gehst. [Deutsch]

    Mittelalterliches Gedicht, unbekannter Verfasser

    Im Mittelalter gehen viele also von vier Ebenen der Interpretation der Bibel aus.

    Die erste ist die wörtliche Bedeutung oder Interpretation des Textes. Wobei diese wörtliche Interpretation für viele Gelehrte damals die wichtigste Bedeutung hatte. Je mehr Klöster und Ausbildung es gab, wurde ein formelles Studium des Textes der Bibel möglich und verbreiterter. Wörterbücher und Kommentare wurden geschrieben und verwendet. Die Verwendung von Wörtern wurde untersucht. Und die wörtliche Bedeutung des Textes. Damit war allerdings nicht die Frage nach der Historizität gemeint. Zum Beispiel ist die wörtliche Bedeutung des Textes, als die Israeliten durch das Rote Meer oder Schilfmeer gingen, dass die Wasser geteilt wurden und Menschen zu Fuß hindurch gingen. Es ging den Menschen damals nicht um die Frage, ob das historisch genau so geschehen ist. Es geht um die Bedeutungsebene. Wenn ein Text nur eine wörtliche Bedeutung hat, dann gibt es keine weiteren Bedeutungsebenen. Also zum Beispiel nicht das, was Paulus mit dieser Begebenheit macht (in 1. Korinther 10). Diese wörtliche Interpretation oder Aussage des Textes ist also die Basis für die anderen.

    Wir wir im vorherigen Teil dieser Serie gesehen haben, finden wir das schon bei Augustinus von Hippo. Für ihn ist es so: Wenn man einen Text schon gemäß der wörtliche Deutung des Textes lesen kann und sie uns zur Liebe zu Gott und dem Nächsten führt, dann gibt es keine weiteren Deutungsebenen. Origenes von Alexandria hingegen sagt das Gegenteil (siehe zweiter Teil dieser Serie): Jeder Text hat eine symbolische Bedeutung, und manche auch eine wörtliche.

    Die zweite, nächsthöhere Bedeutungsebene ist daher die Allegorie. Diese symbolische Bedeutung trägt zu unserem Glauben bei.

    Die dritte, nächsthöhere Bedeutungsebene ist die moralische. Die Texte haben auch eine moralische Deutung, die bestimmt, wie wir handeln sollten. Die praktische Anwendung. Auch heute überspringen Pastoren oft genug die beiden vorangegangenen Ebenen und präsentieren den Gläubigen gleich moralische Anwendungen.

    Die höchste Bedeutungsebene, die vierte, ist heute nicht sehr bekannt. Die Grundbedeutung des Wortes ist soviel wie hinaufblicken oder hinaufheben.

    Anagogie bezeichnet eine geistige oder mystische Erhebung, die vom wörtlichen Sinn eines Textes oder Symbols zu einer höheren, spirituellen oder himmlischen Bedeutung führt. Es ist eine Auslegungsmethode, die eine „Hinaufführung“ oder „Aufstieg“ von einer niedrigeren zur höheren Ebene anstrebt, typischerweise in religiösen oder philosophischen Kontexten.

    Theologische Auslegung: In der christlichen Theologie ist die Anagogie die höchste der vier Auslegungsebenen von Texten, die von der wörtlichen zur allegorischen, moralischen und schließlich zur anagogischen Ebene aufsteigt.

    Google KI Übersicht

    Diese Deutung hatte oft etwas mit dem zukünftigen Leben der Christen oder dem zweiten Kommen Jesu usw. zu tun.

    Die Vorstellung im Mittelalter war, dass man jeden Text auf diesen 4 Ebenen deuten kann. Versuchen wir es einmal mit der Szene am roten Meer. Oder besser noch, lassen wir es den Professor versuchen:

    Nehmen wir also ein ganz einfaches Beispiel, mit dem ich bereits begonnen habe, nämlich die Idee, dass Israel das Rote Meer überquert. Wie könnte das aussehen? Gehen wir diese drei Ebenen durch.

    Die wörtliche Ebene wäre einfach Israel, das Volk, das in dem Bericht das Rote Meer überquert. Sie sind den Ägyptern entkommen.

    Allegorie oder Typologie, was eigentlich ein griechisches Wort ist, das der Apostel Paulus im Römerbrief verwendet, um zu beschreiben, äh, entschuldige, nicht im Römerbrief 1, sondern im 1. Korintherbrief, Kapitel 10, um diese Art der Interpretation zu beschreiben, würde es anders sehen, dass nämlich das Rote Meer, das sie durchqueren, ein Symbol, ein Typus, eine Allegorie für die Idee ist, dass wir die Taufe empfangen würden. Siehst du den Zusammenhang? Wir sind wie Israel und das Wasser des Roten Meeres ist das Wasser der Taufe, richtig? Eine spirituelle Bedeutung.

    Ähm, eine moralische Anwendungen, ich weiß nicht. Überlege dir selbst etwas. Sag mir, was deiner Meinung nach eine gute moralische Anwendung wäre. Ich meine, vielleicht könnte die Idee einer moralischen Anwendung der Durchquerung des Roten Meeres so etwas sein wie, ähm, weißt du, wenn wir Feinde in dieser Welt haben, so wie Israel Ägypten als Feind hatte, und diese Feinde uns verfolgen und unser Leben unerträglich machen. Und gerade wenn wir denken, dass wir keine Optionen mehr haben, wird Gott einen Weg bereiten. Ähm, und vielleicht wird es sogar so sein, dass wir uns auf andere Menschen verlassen, so wie Israel sich auf Moses verlassen hat. Da hast du es. Das ist nur eine freie Interpretation des sogenannten tropologischen oder moralischen Sinns des Textes.

    Anagogie, da bin ich etwas ratlos. Was könnte das bedeuten? Könnte das Wasser irgendwie unsere Reise zu Christus symbolisieren? Wenn Christus wiederkommt, werden wir durch eine Art Leidenszeit mit Christus vereint. Das Wasser, ich weiß nicht. Sagt mir in den Kommentaren, was eurer Meinung nach eine bessere anagogische Interpretation der Passage wäre.

    Brian Doak

    So einfach ist es halt dann doch nicht. Nicht einmal im Mittelalter wandte man alle 4 Ebenen auf jeden Text an. Und es wurden verschiedene Schwerpunkte gesetzt. Gelehrte und Hochschulen befassten sich viel mit dem Text an sich, der ersten Ebene. Das war auch die Zeit, in der die Einteilung in Kapitel eingeführt wurden. Für Mönche wurde die moralische Bedeutung betont, wie sie leben sollten.

    Es gab aber auch Gelehrte, welche die wörtliche Deutung als die zentrale auffassten. Gemäß Thomas von Aquin braucht man diese vier Deutungsebenen und man sollte sie kennen. Brian Doak zitiert nun aus dem Werk Summa Theologica von Thomas von Aquin:

    „Sollte die Heilige Schrift Metaphern verwenden?“ Er antwortet: Ja. Es ist völlig in Ordnung, wenn die Heilige Schrift Metaphern verwendet. Unsere Wahrnehmung orientiert sich an den Sinnen, und deshalb sollten wir durch materielle Dinge gelehrt werden, die wir mit unseren Sinnen buchstäblich erfassen können. Aber, so sagt er, wir werden niemals durch Metaphern etwas gelehrt, was nicht an anderer Stelle auch buchstäblich gelehrt wird.

    „Aus diesem Grund werden Dinge, die in einem Abschnitt der Heiligen Schrift anhand von Metaphern beschrieben werden, in anderen Abschnitten ausführlicher erläutert. Tatsächlich ist gerade die Unklarheit der Bilder nützlich, um den Verstand zu schulen, und sie ist auch nützlich, um dem Spott der Ungläubigen entgegenzuwirken, von dem in Matthäus 7:6 die Rede ist. Gebt das Heilige nicht den Hunden.“

    „Hat die Heilige Schrift mehrere Bedeutungen für einen einzigen Abschnitt?“ Seine Antwort lautet ja. Aber er sagt, dass es sogar mehrere wörtliche Bedeutungen für einen Abschnitt geben kann. Er möchte jedoch betonen, dass die wörtliche Bedeutung die Grundlage für alle anderen ist.

    „In der Heiligen Schrift gibt es keine Verwirrung, da alle Sinne auf einem einzigen Sinn beruhen, nämlich dem wörtlichen Sinn. Und wie Augustinus in Contra incentium donatist erklärt, kann ein Argument nur aus dem wörtlichen Sinn abgeleitet werden.“

    Er geht sogar so weit zu sagen, dass wir Metaphern oder Symbole wörtlich nehmen sollten. Was würde das überhaupt bedeuten? „Der Sinn einer Parabel ist im wörtlichen Sinn enthalten. Denn in einer Parabel wird etwas durch die Worte richtig bezeichnet und etwas bildlich bezeichnet. Und der wörtliche Sinn ist nicht die Figur selbst, sondern das, wofür die Figur steht. Wenn beispielsweise in der Heiligen Schrift vom Arm Gottes die Rede ist, dann ist der wörtliche Sinn nicht, dass Gott tatsächlich einen Körperteil in Form des betreffenden Schwertes hat. Es ist also nicht das, was man wörtlich verstehen würde. Vielmehr ist der wörtliche Sinn, dass Gott das hat, was durch diesen Körperteil symbolisiert wird, nämlich operative Kraft.“

    Mit anderen Worten, meine Erklärung dessen, was er sagt, ist, dass wenn man eine Metapher oder ein Symbol wörtlich liest, man es als Symbol liest.

    Damit macht Thomas von Aquin deutlich, dass nichts Falsches die Grundlage des wörtlichen Sinns der Heiligen Schrift bilden kann. Mit anderen Worten: Die wörtliche Auslegung eines Symbols ist lediglich das richtige Verständnis dessen, was das Symbol bedeutet. Ich weiß, dass dies wie eine Art Zirkelschluss oder eine Art Rundum-Argumentation wirkt, da ein Interpret in vielen Fällen wissen möchte, ob es sich um ein Symbol für etwas anderes handelt oder ob es wörtlich oder auf andere Weise zu verstehen ist.

    Brian Doak; Thomas Aquinas, Summa Theologica, trans. Alfred J. Freddoso. Part 1, Q1, The Nature and Extent of Doctrine:

    Alles klar? Also das nächste mal, wenn jemand denkt, dass ich hier die Sache kompliziert mache …

    Aber im Ernst, hältst du das für eine Art der Deutung, der Interpretation des biblischen Textes, die nun auch wieder rund ein Jahrtausend zurückliegt? Das gibt es doch heute nicht mehr?

    Nun, die wörtliche Interpretation eines biblischen Textes gibt es auf jeden Fall und dir fallen bestimmt auch ganz viele Stellen ein.

    Was ist mit der nächsten, der allegorischen Deutungsebene? Das findet sich im Neuen Testament selbst schon. Wir hatten schon 1. Korinther 10:1,2 angesprochen: „Denn das sollte euch klar sein, Geschwister: Unsere Vorfahren waren alle unter dem Schutz der Wolke und gingen alle durchs Meer. Und alle wurden in der Wolke und dem Meer auf Mose getauft.“

    Konfessionen habe aber auch heute noch weitere Allegorien oder Vor- und Gegenbilder (englisch types / antitypes) erfunden. Ich erinnere mich an viele solcher Gegenbilder, die Jehovas Zeugen über hundert Jahre eifrig verwendet haben, bis dies in den 2010er Jahren dann als veraltet bezeichnet wurde. Also eigentlich als falsch, aber so deutlich steht das im Wachtturm selbstverständlich nicht. Zumindest stand das dort:

    In der Vergangenheit war es in unseren Veröffentlichungen eher üblich, an die in der Bibel aufgezeichneten Berichte mit der Vorbild-Gegenbild-Methode heranzugehen. Die biblische Erzählung war das prophetische Vorbild und jede Erfüllung davon war das Gegenbild.

    Heißt das aber, dass jede Person, jedes Ereignis und jeder Gegenstand, von denen die Bibel berichtet, auf jemand oder etwas hinweist?  In der Vergangenheit hat man so gedacht. Da wäre der Bericht über Naboth. … Im Jahr 1932 wurde der Bericht als ein prophetisches Drama erklärt: Ahab und Isebel stellten Satan und seine Organisation dar. Naboth stand für Jesus. Folglich wies der Tod Naboths auf Jesu Hinrichtung hin. Doch Jahrzehnte später hieß es in dem 1961 veröffentlichten Buch „Dein Name werde geheiligt“, Naboth stelle die Gesalbten dar und Isebel die Christenheit. Die Verfolgung Naboths durch Isebel stehe daher für die Verfolgung der Gesalbten in den letzten Tagen. Viele Jahre lang fand Gottes Volk diese Herangehensweise an Bibelberichte glaubensstärkend.

    Der Wachtturm, 15.3.2015, S. 9, Abs. 7-9, Fettdruck von mir

    Je länger die Veröffentlichung zurück lag, um so häufiger und oft absurder sind diese allegorischen Auslegungen.

    Das hat sich dann geändert, und die dritte Ebene, die moralische Auslegung steht im Vordergrund. Der selbe Wachtturm schreibt:

    Was aber noch bedenklicher ist: Bei der Suche nach möglichen gegenbildlichen Erfüllungen gehen die moralischen und praktischen Lehren aus den Bibelberichten womöglich ganz oder teilweise unter. Heute konzentriert man sich deshalb in den Veröffentlichungen mehr auf die einfachen und praktischen Lehren in Bezug auf Glauben, Ausharren, Gottergebenheit und andere wichtige Eigenschaften, über die wir etwas lernen können.

    Der Wachtturm, 15.3.2015, S. 9, Abs. 10

    Natürlich war die Begründung neues Licht und dass Gott die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas anleitet. Und warum diese Kehrtwende in der Interpretation der Bibel besser ist. Für die alte, nun falsche Interpretation hat man sich aber nicht entschuldigt. Nachdem ein bisschen zugegeben wurde, was so alles als Vorbild diente (und das ist nur die Spitze des Eisbergs), steht das:

    Fragen von Lesern: In der Vergangenheit wurde in unseren Veröffentlichungen oft von Vorbildern und Gegenbildern gesprochen. In den letzten Jahren geschah das jedoch kaum noch. Warum eigentlich?

    … In den Jahrhunderten nach Christi Tod haben Gelehrte den Fehler gemacht, überall nach Bildern zu suchen. Bezüglich der Lehren von Origenes, Ambrosius und Hieronymus … Augustinus von Hippo kommentierte ausgiebig  … Erscheinen uns solche Deutungen abwegig? Dann verstehen wir die Problematik. Menschen können nicht wissen, welche Bibelberichte für etwas Künftiges stehen und welche nicht. Am besten ist: Wo die Bibel lehrt, dass eine Person, ein Ereignis oder ein Gegenstand ein Bild für etwas anderes ist, akzeptieren wir das. Wo es jedoch keine eindeutige biblische Grundlage gibt, werden wir einer Person oder einem Bericht nicht voreilig eine gegenbildliche Anwendung zuweisen.

    Der Wachtturm, 15.3.2015, S. 17, Fettdruck von mir

    Ist es dir aufgefallen? Nicht, dass im Artikel von „wir“ und „uns“ gesprochen wird, als wäre diese Auslegung irgendwelchen Mitgliedern der Zeugen Jehovas eingefallen. Dafür war schon die Leitende Körperschaft alleine verantwortlich. Bevor gesagt wird, dass solche „Deutungen abwegig erscheinen“ wird noch schnell auf die Kirchenväter abgelenkt. Schaut mal, die haben es doch auch so gemacht. Als wären die Kirchenväter sonst als Vorbilder für die Zeugen Jehovas betrachtet worden.

    Aber was ist mit der vierten Ebene, der Anagogie? „Anagogie bezeichnet eine geistige oder mystische Erhebung, die vom wörtlichen Sinn eines Textes oder Symbols zu einer höheren, spirituellen oder himmlischen Bedeutung führt.“ Dafür gibt es bei den Zeugen Jehovas auch viele Beispiele, wie wäre es damit?

    Aaron, Moses’ Bruder, stellt treffend die geistigen Brüder des größeren Moses dar, im besonderen den Überrest, der sich heute noch auf der Erde befindet. Aaron diente Moses als Wortführer, weil dieser wahrscheinlich sprachbehindert war; er war, wie er selbst schrieb, „unbeschnitten an Lippen“, das heißt, seine Lippen hatten gleichsam eine Vorhaut und waren deshalb zu dick und zu groß, so daß sie ihn am fließenden Sprechen hinderten. (2. Mose 6:12 [Siehe NW, englische Ausgabe 1953, Fußnote.]) Das veranschaulicht daß Jesus Christus in der Stellung eines herrlichen Geistgeschöpfes im Himmel gleichsam sprachbehindert ist, indem er den Menschen auf der Erde Gottes Botschaft nicht persönlich überbringen kann, sondern den Überrest seiner geistigen Brüder, den neuzeitlichen Aaron, als Wortführer gebraucht. Das Volk Israel stellt das ganze Volk Gottes dar, das von Satan, dem Teufel, und seiner Organisation bedrückt wird.

    Der Wachtturm, w65 15. 8. S. 496-497 Abs. 8

    Das stand da wirklich so im Wachtturm! Das kannst du (noch) in der Online-Bibliothek der Zeugen Jehovas selbst finden. Und bei solchen atemberaubenden Anagogien und einem so wörtlich „gleichsam sprachbehinderten Jesus Christus in der Stellung eines herrlichen Geistgeschöpfes im Himmel“ fällt einem doch nichts mehr ein. Ich glaube, Professor Doak hätte seine Freude daran.

  • Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Von Christian / Brian Doak / Augustinus von Hippo


    Das ist ein weiteres Video, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man die Bibel lesen und interpretieren sollte. Ob man das alleine tun kann. Vielleicht nur mit dem Heiligen Geist? Oder braucht es Lehrer? Und ob all dieses Lesen, Forschen und Auslegen letztendlich überhaupt so wichtig ist, wie wir das vielleicht denken – oder uns gesagt wurde. Und was es sonst noch dabei zu beachten gilt.

    Diesmal schauen wir einmal, was einer der sogenannten Kirchenväter mit Namen Augustinus von Hippo dazu zu sagen hat. Er ist einer der einflußreichsten Kirchenväter, erst als Erwachsener nach einer spirituellen Suche zum Glauben gekommen und hat viel bewirkt. Er ist der große spirituelle Vater der westlichen Kirche. Seine Spuren wirken bis heute nach – wie auch immer man sie im Nachhinein bewertet.

    Heute geht es um einige Gedanken aus seinem Werk Über die christliche Lehre, lateinischer Titel De doctrina christiana, das etwa um das Jahr 400 entstand.

    Warum befassen wir uns mit so einem alten Buch? Nicht weil dessen Aussagen und Lehren verbindlich für uns sind. Wir sollten es eher als Teil einer Serie sehen, die heißen könnte: Antworten schlauer Christen auf Fragen, die wir heute noch haben.

    Auch dieser Beitrag beruht auf einem Video von Professor Brian Doak:

    Augustinus geht es nicht nur um die christliche Lehre, obwohl sein Buch so heißt. Sondern auch darum, wie man diese verstehen und weiter geben kann. Und er beginnt damit.

    Brauchst du einen Lehrer?

    Auch damals gab es schon Leute, die dachten und sagten, dass sie keine Lehrer bräuchten. Weil sie beim Lesen durch ein besonderes Geschenk Gottes das selbst interpretieren und verstehen könnten. Kommt dir das bekannt vor? Klar. Steht doch so in der Bibel:

    Für euch aber gilt: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist lehrt euch das alles. Und was er lehrt, ist wahr, es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch lehrt, und lebt mit Christus vereint.

    1.Johannes 2,27 NEÜ

    Ganz unbewusst haben wir hier aber einige Annahmen getroffen: Mit ‚euch‘ sind nicht nur die direkten Adressaten des Briefes gemeint, sondern auch andere Christen oder alle oder zumindest einige, die heute leben. Und wir nehmen an, dass diese Aussage für alle Zeit danach gilt, oder zumindest für unsere.

    Ist dieser Text denn so einfach anzuwenden? Schließlich steht da: „der Geist lehrt euch das alles“. Ist dir aufgefallen, dass hier ‚das‘ gesagt wird? Auf welche Dinge bezieht sich denn der Text? Geht es vielleicht doch nur um Vers 22: Dass Jesus der Christus, der Messias ist? Und was bedeutet ‚alles‘? Dann müssten ja diejenigen, welche durch den Geist so belehrt werden, alles verstehen? Aber, das tun sie doch gar nicht. Müsste man dann nicht logischerweise schlußfolgern, dass sie nicht zu diesem erlauchten Kreis gehören?

    Zurück zu Augustinus. Wenn jemand meint, er braucht keine Lehrer, antwortet Augustinus: Von wegen! Du hast schon so etwas einfaches wie das Alphabet von einem Lehrer beigebracht bekommen!

    Und Augustinus fährt fort: Und wenn du meinst, dass die Interpretation einfach eine Gabe Gottes ist, wie steht es dann damit: Wie wäre es damit, dass ich diese Gabe Gottes habe, die Schrift zu interpretieren, und du hörst einfach auf zu reden?

    Ich persönlich würde hinzufügen: Wenn die Interpretation der Schriften eine Gabe Gottes ist, warum gibt es dann verschiedene Auslegungen? Und wenn schon in deiner Gruppe alle sagen, dass sie diese Gabe Gottes haben und trotzdem zu verschiedenen Auslegungen kommen, zum Beispiel in Bezug auf die Natur Jesu im Verhältnis zu Gott, was ist dann? Haben manche dann doch nicht die Gabe Gottes (oder des heiligen Geistes) und täuschen sich und andere? Was zu beweisen wäre. Oder kann es durch diese Gabe Gottes verschiedene Auslegungen geben? Zumindest momentan?

    Wenn es keine verschiedenen Auslegungen durch die Gabe Gottes gibt, dann genügt es ja, wenn wenige – die Lehrer – diese besitzen. Oder wenn viele von sich annehmen, dass sie diese Gabe haben und doch zu verschiedenen Auslegungen kommen, dann sind unter diesen vielleicht doch nur ein paar richtige Lehrer?

    Nun gut, Christian. Was soll das? Ich möchte nur betonen, dass es immer wieder Zeiten gab, wo Menschen in einer kirchlichen Hierarchie von sich behauptet haben, dass sie – und nur sie – den Geist haben oder durch Gottes Gabe die wahre Auslegungen erkennen. Bischöfe, Päpste, die Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas und so weiter.

    Wer das erlebt und bemerkt hat, dass er getäuscht wurde, wird schon bei dem Gedanken, dass jemand anderes ihm sagt, was die richtige Lehre ist, rot sehen. Wobei man aber unterscheiden sollte, ob es um einen Gelehrten geht, der Wissen erarbeitet, oder jemanden, der verbindliche Glaubenslehren für die Gemeinschaft aufstellt.

    Das Problem verschwindet leider nicht, wenn man austritt und meint, dass in einer Gruppe jeder durch den Geist Gottes oder als Gabe Gottes die richtige Auslegung der Schriften erkennt. Sobald es verschiedene Auslegungen gibt, landet man entweder bei ‚wir‘ gegen ‚sie‘ (die haben eine falsche Auslegung, haben nicht diese Gabe, haben nicht den Geist, sind ‚Teil der falschen Religion‘). Oder man muss anerkennen, dass man verschiedene Auslegungen durch Gottes Gabe haben kann.

    Oder man akzeptiert, dass das mit der Gabe Gottes weder damals noch heute so einfach funktioniert hat.

    Und damit kommen wir zu Augustinus zurück, der unsere Aufmerksamkeit auf etwas viel Wichtigeres hinlenkt: Wir Menschen sind Gottes Tempel, um zu lernen.

    Er zitiert 1. Korinther 3. Das ist ein ziemlich tiefer Gedanke in Bezug auf das Thema Inkarnation. Gott hat so viel in die Menschheit als sein Bild und Jesus investiert. Wenn wir also Gottes Tempel sind, dann sind wir ein göttlicher und heiliger Bereich zum Lernen. Und deshalb sollten wir in einem akademischen Sinne die Schriften, die Bibel, studieren und Theologie studieren.

    Und was die Schriften betrifft, müssen wir uns eines bewusst sein:

    Es gibt Sachen, lateinisch res (Plural) und es gibt Zeichen, lateinisch signa (Plural). Diese Zeichen deuten auf Sachen hin. Zum Beispiel ist ein Fußabdruck eine Sache, aber auch ein Zeichen, weil es auf einen Fuß hinweist, der diesen Abdruck erzeugt hat. Der Fußabdruck ist aber nicht der Fuß. Das klingt erst einmal nach Plato und ist es auch.

    Er fügt aber hinzu, dass es die eine ‚Sache‘ gibt, lateinisch res (Singular), die Gottheit. Und die Schriften alles in Zeichen signa auf diese eine Sache res hinweisen und darüber lehren, weil wir es nur so verstehen können.

    Und Augustinus sagt noch mehr: Zeichen (signa) sind eigentlich keine natürlichen Dinge. Das ist etwas, was wir erfinden. Und zwar in Gemeinschaften. Und daher gibt es nicht nur Sachen res oder die Sache res (Gott) und Zeichen signa, sondern auch Gemeinschaften, die diese Zeichen gemeinsam verwenden. Es sind also 3 Elemente beteiligt. Das geht über Plato hinaus.

    Und es sind Zeichen, die in einer Gemeinschaft gemeinsam verwendet werden, um zu den Sachen zu gelangen.

    Und dabei müssen wir aufpassen, dass wir die Zeichen nicht mit den Dingen verwechseln oder gar identifizieren. Denn das wäre eine Art Götzendienst.

    Die Schriften enthalten nur signa, Zeichen, die auf die res, Sachen, hindeuten. Letztendlich auf das eine res, Gott.

    Wenn wir die Schriften überbetonen, als Maß aller Dinge, und sie damit auf die Stufe Gottes erhöhen oder sie zwischen Gott und uns stellen, dann begehen wir Götzendienst.

    „Wie könnten wir denn je die Bibel mit Gott gleichsetzen, niemals!“ Diesen Gedanken sollten wir nicht so schnell zu Seit wischen. Überlegen wir einmal, welchen Stellenwert die Bibel für uns einnimmt. Auch im Vergleich zu Gebet und Vertrauen auf Gott? Was machst du, wenn du eine Frage zum Glauben oder Leben hast? Suchst du einen genau passenden Text und denkst dann: „Die Bibel sagt das so!“ Und das war es dann? Dann wäre die Bibel die höchste Autorität für dich …

    Augustinus kommt nun zu einer weiteren interessanten Schlussfolgerung:

    Brauchst du die Schriften überhaupt, um ein guter Gläubiger zu sein?

    Ich gebe mal Brian’s Zusammenfassung wieder:

    Was ist dann der Kern von Augustinus‘ Vorstellung davon, was die Bibel ist und was sie lehrt? Er hat ein berühmtes Doppelgebot. Er übernimmt das berühmte Doppelgebot Jesu. Was ist das wichtigste Gebot? Liebe den Herrn, deinen Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Richtig? Diese doppelte Liebe zu Gott und zum Nächsten ist also tatsächlich der Kern seiner biblischen Theologie und der Schlüssel zu seiner biblischen Hermeneutik. Die Bibel lehrt uns, Gott zu lieben und unseren Nächsten zu lieben. Und wenn man das durch den Text erreichen kann, sagt er etwas später in Buch drei, dann ist das alles. Dann ist man auf dem richtigen Weg. Man braucht keine spirituelle Lektüre oder sonst etwas. Man kann einfach eine wörtliche Lektüre an der Oberfläche vornehmen. Das ist also wirklich sein Kernpunkt. Diese doppelte Liebe. Die Bibel lehrt uns zu lieben und lehrt uns, die Lust zu vermeiden. Für ihn ist das in gewisser Weise so einfach, obwohl es auch sehr kompliziert ist. Er kehrt übrigens sogar zu dieser Vorstellung zurück, dass die Bibel ein Zeichen ist und Gott eine Sache ist und die Bibel auf Gott hinweist, so wie ein Zeichen auf eine Sache hinweist. Augustinus macht eine Aussage über die Bibel, die für manche Christen heute vielleicht schockierend wäre. Er spricht von Menschen, die durch Glauben, Hoffnung und Liebe gestärkt sind und die unbeirrt an diesen Dingen festhalten. Er sagt, dass diese Menschen, wenn man selbst dieser Mensch wäre, gestärkt durch Glauben, Hoffnung und Liebe, der unbeirrt an ihnen festhält, dass dieser Mensch die Schriften nicht braucht, außer um andere zu unterweisen. Deshalb leben viele Menschen, die sich auf diese drei Dinge verlassen, Glauben, Hoffnung und Liebe, tatsächlich in Einsamkeit ohne jegliche Texte aus der Heiligen Schrift. Sie sind, glaube ich, eine Erfüllung des Sprichworts: Wenn es Propheten gibt, wenn es Prophezeiungen gibt, sie werden ihre Bedeutung verlieren. Wenn es Sprachen gibt, sie werden aufhören. Wenn es Wissen gibt, wird auch das seine Bedeutung verlieren. 1. Korinther, Kapitel 13, richtig? Also, ich denke, diese Vorstellung, dass ein Mensch tatsächlich spirituell über die Bibel hinauswachsen kann, indem er an einen Punkt gelangt, an dem er als Zeichen auf das Wahre hinweist, ist meiner Meinung nach sehr anschaulich für die Art und Weise, wie Augustinus die Heilige Schrift sah. Natürlich spielt er hier die Heilige Schrift nicht herunter. Er sagt nur: Vergesst nicht, dass dies Zeichen sind, die auf etwas hinweisen.

    Und das ist für viele, die sich für sich nicht den Weg durch ein akademisches Studium der Schriften, der Bibel, erkennen können, eine große Erleichterung:

    Augustinus sagt, dass diese Menschen, gestärkt durch Glauben, Hoffnung und Liebe, die unbeirrt an ihnen festhalten, dass diese Menschen die Schriften nicht brauchen, außer um andere zu unterweisen.

    Das passt auch zu der Vorstellung, dass Gott uns als Bilder Gottes gemacht hat. Wenn jemand also durch Glauben, Hoffnung und Liebe so lebt, dass man dadurch Gott erkennen kann, dann ist man nach Augustinus auch ein signum, ein Zeichen, das auf diese eine Sache, res, Gott, hinweist.

    Hier könnten wir eigentlich eine Pause machen oder aufhören.

    Aber wegen all den Leuten, die es mit dem akademischen Studium der Schriften nicht lassen können, mache ich halt weiter. 😆

    Arbeitest du mit den Schriften, und wenn ja, wie und mit welchen?

    Was die Schwierigkeiten und Mehrdeutigkeiten in den Schriften betrifft, denkt Augustinus ähnlich wie Origenes (siehe letztes Video Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte): Gott möchte, dass wir uns Mühe geben. Augustinus sagt das so: „Die Gefahr ist Lethargie. Wir müssen vor Langeweile gerettet werden.“ Er spricht von sieben Stufen der Annäherung an Gott durch akademisches Studium der Schriften. Und dass das anstrengend ist. Und als dritte Stufe erwähnt er, dass man tatsächlich auch die Schriften lesen muss.

    Du kannst nicht einfach ein paar Bücher lesen, ein paar YouTube oder TikTok Videos sehen, ein paar (emotionale) Predigten hören und die Schriften wirklich verstehen. Du musst sie selbst lesen. Nichts kann das tatsächliche Lesen ersetzen.

    Bei Augustinus finden wir auch einen Kanon des Neuen Testaments. Über den Kanon des Neuen Testaments hatte ich eine ganze Serie veröffentlicht. Interessanterweise unterscheidet sich der bei Augustinus aber von vielen heutigen Ausgaben der Bibel. Er enthält nämlich auch sogenannte Apokryphen oder deuterokanonische Bücher. In römisch-katholischen, orthodoxen oder alt-orientalischen Ausgaben kann man einige finden, im Judentum oder Kirchen der Reformation nicht.

    Augustinus möchte auch, dass man die Sprachen lernt, dass man die Schriften im Original liest. Und dass das, was wir heute Text-Kritik nennen, zuerst kommt. Sich kritisch mit dem vorhandenen Text und eventuellen Übersetzungen auseinandersetzten.

    „Er zeigt sogar in Buch zwei, dass er an das Besondere der Septuaginta-Übersetzung glaubt. Und er scheint dieser Idee der Vorrangstellung der Septuaginta, die bei Christen in unterschiedlicher Weise beliebt ist, ein wenig zuzustimmen. Nämlich: Wenn die Autoren des Neuen Testaments auf Griechisch geschrieben haben und wenn sie das Alte Testament in dieser sogenannten Septuaginta auf Griechisch zitieren, warum lesen wir es dann nicht auch in Griechisch?“

    Augustinus formuliert auch diese Überzeugung: Alle Wahrheit, die wir finden können, ist Wahrheit von Gott. Auch wenn er dann irgendwie doch kritisch gegenüber weltlichem Lernen ist, verwendet er wie andere Kirchenväter den Vergleich, dass beim Exodus die Israeliten die Ägypter ausplünderten (2. Mose 12): Christen sollten nicht-christliches Lernen und Wissen für sich verwenden.

    Und zwar, um ihre Leben und Glauben zu vertiefen und verbessern. Für Augustinus kommt ‚Heiligkeit‘ übrigens zuerst, also richtig zu leben.

    Für Augustinus ist übrigens auch die kirchliche Tradition wichtig, die uns anleitet. Und auch bei der Auslegung der Schriften anleitet. Weil man sonst bei Mehrdeutigkeiten Texte falsch auslegen würde, wie die Herätiker. Aber auch der Kontext der Texte muss betrachtet werden. Interessant, dass das schon damals klar war, und dann immer wieder ignoriert wurde.

    Woher wissen wir, ob das, was wir lesen, wörtlich oder spirituell oder symbolisch zu verstehen ist? Für Origenes hatte alles eine spirituelle Bedeutung, und manches auch eine wörtliche. Für Augustinus ist es genau umgekehrt: Alles hat eine wörtliche Bedeutung, und manches eine spirituelle. Brian fasst das so zusammen: „Texte, die einfach nur gute Moral oder wahren Glauben lehren, kann man einfach wörtlich lesen, das ist überhaupt kein Problem. Wenn die Botschaft klar ist, mit anderen Worten, wenn sie nicht bildlich ist. Bei einem bildlichen Text jedoch, etwas Schwierigem, etwas Nicht-Offensichtlichem, ermutigt er uns, ihn so lange zu studieren, bis er mit dem Bereich der Liebe in Verbindung gebracht werden kann. Mit anderen Worten: Studiere ihn so lange, bis du zur doppelten Liebe gelangst, zur Liebe zu Gott und zur Liebe zum Nächsten. Wenn ein Text präskriptiv ist, wenn er etwas verbietet oder vorschreibt, ist er wörtlich zu nehmen. Okay. Er sagt, dass fast alles im Alten Testament wörtlich und bildlich zu nehmen ist, aber dass wir nach dem Neuen Testament urteilen sollten. Diese christozentrische oder neutestamentliche Auslegung ist natürlich unter christlichen Auslegern sehr verbreitet.“

    Für Augustinus ist auch klar, dass man sich des historischen und kulturellen Kontextes bewusst sein muss, insbesondere beim Lesen im Alten Testament.

    Er unterscheidet Lehrer von Predigern. Das entspricht in etwa Gelehrten, die Wissen erarbeiten, und anderen, die das dann vermitteln.

    Wenn du nun den Eindruck gewonnen hast, dass dies doch auch ein ziemlich akademisches Werk ist, dann hast du nicht Unrecht. Allerdings schließt Augustinus dann mit einer Art Beispiel-Predigt ab, um diesen Gedanken mit Lehrern und Predigern zu erklären. Was er da schreibt, würden wir aber vielleicht eher als Polemik beschreiben, bei der es darum geht, ob Frauen kosmetisches Makeup tragen dürfen. Nun ja, das hilft uns auch, einen Autor wie Augustinus und seine Werke besser einzuschätzen.

    Zumindest möchte er klar machen, dass die Schönheit und der Stil der Schriften sich auch in den Predigen widerspiegeln sollte. Wie recht er doch schon vor 1500 Jahren hatte … (ausgenommen sind natürlich meine Texte 😂).

  • Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte

    Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte

    Von Christian / Brian Doak / Origenes


    Wenn du jetzt aufgrund des Titels erwartest, dass ich hier über eine sensationelle neue Entdeckung einer antiken christlichen Schrift spreche, dann stimmt das nur teilweise: Für dich kann es eine neue Entdeckung sein. Aber auch wenn du von der Existenz dieses fast 2000 Jahre alten Text schon wusstest, wird es interessant sein zu sehen, dass sich im 3. Jahrhundert Christen schon die selben Fragen wie wir gestellt haben. Und dann deren Antworten zu hören.

    Es geht um das Werk De principiis von Origenes von Alexandria, dass er im Jahr 231 in Alexandria geschrieben hat. Der Originaltitel ist: Περὶ ἀρχῶν Perì archōn „Über die Grundlagen“).

    Der Anfang von Origenes’ De principiis in einem karolingischen Manuskript des 10. Jahrhunderts: Liber primus Periarcon Origenis emendatum(Herzog August Bibliothek Cod. Guelf. 57 Weiss., fol. 3 r)

    Wenn du jetzt denkst, dass das einer der sogenannten Kirchenväter ist – und mit Kirche willst du doch nichts zu tun haben – dann liegst du nicht ganz richtig. In der römisch-katholischen Patristik wird er nur als Kirchenschriftsteller anerkannt! Wenn du einen Hintergrund als Zeuge Jehovas hast, dann hast du vielleicht die Argumentation im Hinterkopf, dass nach der Offenbarung des Johannes und dem Jahr 100 eh alles zum vorhergesagten Abfall vom Glauben und der ‚falschen Religion‘ gehört und zu ignorieren ist. So einfach ist es allerdings nicht …

    Origines war ein außergewöhnlich intelligenter Zeitgenosse, der schon Lehraufgaben und eine eigene Schule hatte als er um die 18 Jahre als war. In seinen 20ern war er schon als außergewöhnlicher Lehrer bekannt. Origenes wurde wegen Verweigerung des Opfers für den Kaiser unter Decius gefoltert und starb 69-jährig an den Folgen. Auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 wurde er dann wegen anderer Lehren, die aus seinen weiterentwickelt worden waren, gleich mit als Herätiker gebrandmarkt und die kaiserliche Polizei zog seine Schriften ein und vernichtete sie.

    Natürlich hat Origenes auch einige ‚wilde‘ spekulative Ideen vertreten. Zum Beispiel eine Vorstellung der Emanation: Alles kommt aus Gott und kehrt zu Gott wieder zurück. Und dass alle erlöst werden, inklusive den Dämonen und Satan. Aber wenn wir bedenken, wie nahe er noch zu der Zeit Jesu und der Apostel war und was in dieser Zeit alles überlegt und diskutiert wurde, sind wir in unserem Urteil über ihn vielleicht etwas gnädiger.

    Warum befassen wir uns mit seinem Buch? Nicht weil dessen Aussagen und Lehren verbindlich für uns sind. Wir sollten es eher als Teil einer Serie sehen, die heißen könnte: Antworten schlauer Christen auf Fragen, die wir heute noch haben.

    Dann schauen wir uns doch mal drei Lektionen zum Thema Wie sollte man die Bibel lesen an, denn es ist das oder eines der ältesten christlichen Handbücher zu diesem Thema. Diese Punkte hat Professor Brian Doak in einem seiner vor kurzem veröffentlichten Videos erwähnt. Wer Englisch versteht, kann sich gerne mal das Video anhören. Ich finde seine Begeisterung für ein Thema immer wieder ansteckend 😀:

    Gut, was sagt Origenes in seinem Buch Über die Grundlagen denn zum Thema, wie man die Bibel lesen sollte? Das findet man in Buch 4, Kapitel 1 bis 3. Und dieses kohärente Handbuch zur Interpretation ist etwa einhundert Jahre älter als die Schriften des Augustinus, die sonst üblicherweise angeführt werden. Nun also zu den Punkten, die auch für uns heute noch nützlich sind.

    Warum sollten wir überhaupt sagen, dass die Bibel göttlich ist?

    Im Prinzip sagt Origenes: Wir wissen, dass die Bibel göttlich ist, weil so viele Menschen an sie glauben. Und weil sie sich so schnell sogar unter ganz anderen Kulturen verbreitet hat. Und so viele Prophezeiungen haben sich erfüllt. Daher muss dieses Buch göttlichen Ursprungs sein.

    Damit möchte er eine Grundlage legen, warum man die Bibel überhaupt lesen sollte. Interessant ist für uns, dass diese Argumente gar nicht neu sind, sondern quasi so alt wie das Christentum. Und doch sind diese Argumente im Kontext des 3. Jahrhunderts zu sehen. Nehmen wir zum Beispiel das Argument, die Bibel ist göttlich, weil sie sich so schnell auch unteren Kulturen verbreitet hat. Diese Argument wird Jahrhunderte später auch in Bezug auf den Koran gebraucht. Und man könnte es auch auf Das Kapital von Karl Marx anwenden, obwohl hier wohl nur wenige von göttlicher Inspiration ausgehen werden.

    Damit kommt Origenes aber zu einer interessanten Aussage über die Bibel.

    Was machen wir, wenn der Text der Bibel unlogisch, schockierend oder falsch ist?

    Manche würden schon das bestreiten. Aber es gibt bestimmt genügend Stellen, welche dir beim Lesen als unlogisch, widersprüchlich, schockierend oder falsch erschienen sind. Und damit ist es dann egal, wie andere damit umgehen. Du musst das für dich klären.

    Origenes sagt weiter, dass der größte Fehler, den man als Leser und Ausleger der Bibel machen kann, ist, sie nur wörtlich zu lesen. Jeder Teil der Bibel hat eine spirituelle Interpretation, etwas tiefer Liegendes! In Buch 4, Kapitel 2, Teil 9 sagt er:

    Aber wenn die Nützlichkeit des Gesetzes und die Abfolge und der Fall der Erzählung auf den ersten Blick durchgehend klar erkennbar wären [wenn wir sie nur leicht verstehen könnten], wären wir uns nicht bewusst, dass es in den Schriften etwas gibt, das über die offensichtliche Bedeutung hinausgeht, die wir verstehen müssen.

    Folglich hat das Wort Gottes sozusagen gewisse Stolpersteine, Hindernisse und Unmöglichkeiten in das Gesetz und die Geschichte eingefügt, damit wir nicht vollständig von der bloßen Attraktivität der Sprache mitgerissen werden.

    Und so lehnen wir entweder die wahren Lehren gänzlich ab, weil wir aus den Schriften nichts lernen, was Gottes würdig wäre, oder wir entfernen uns nie vom Buchstaben und lernen so nichts über das göttlichere Element.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9

    Brian Doak sagt dazu: „Ich meine, stell dir mal vor, wie seltsam die Vorstellung ist, dass der Heilige Geist, dass Gott absichtlich Stolpersteine in den Text eingebaut hat, die dich ins Straucheln bringen, die dich innehalten lassen, die dich zum Stehenbleiben bringen. Ich finde, das hat eigentlich etwas wirklich Wunderbares an sich.“

    Bei Origenes steht weiter:

    Die Bibel hat in die Geschichte etwas eingebaut, das nicht oft passiert ist, etwas, das eigentlich nicht passieren konnte, Unmögliches und manchmal etwas, das vielleicht passiert sein könnte, aber in Wirklichkeit nicht passiert ist. Manchmal werden ein paar Worte eingefügt, die im physischen Sinne nicht stimmen.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9

    Und dazu sagt Brian Doak dann: „Er meint also: Wenn man die Bibel so liest, gibt’s da echt Sachen, die nicht stimmen. Diese Sachen sollen dich aufhalten. Sie sind wie Stolpersteine für dich als Leser. Und ich liebe diese Idee, dass es so eine Art Theologie des Mysteriums gibt, eine Theologie des Stolperns, eine Theologie des Anhaltens, eine Theologie der unwahren Dinge, mit denen man sich vielleicht auseinandersetzen muss, um wirklich zu verstehen, was die Bibel sagt. Ich finde das wirklich erstaunlich. Eine Art Theologie der Verschleierung, könnte man sogar sagen, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.“

    Nun zum nächsten Punkt.

    Das Problem beginnt schon gleich am Anfang …

    Welcher kluge Mensch glaubt denn, dass es den ersten, zweiten und dritten Tag sowie den Abend und den Morgen gab? [Er redet über die Schöpfungsgeschichte.] Wer würde glauben, dass es Abend und Morgen gab, ohne dass es Sonne, Mond und Sterne gab? Und dass es am ersten Tag, wenn man ihn so nennen kann, noch nicht mal einen Himmel gab. Und wer ist so naiv zu glauben, dass Gott wie ein Bauer ein Paradies im Osten in Eden angelegt und darin einen sichtbaren und greifbaren Baum des Lebens gepflanzt hat, von dem jeder, der mit seinen körperlichen Zähnen von dessen Früchten kostete, das Leben erlangte?

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3

    Im Prinzip sagt Origenes: Wenn du an eine wörtliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte glaubst, bist du dumm. Das sagt er jetzt nicht, weil er die Bibel oder andere verächtlich machen will. Ganz im Gegenteil. Origenes glaubt zutiefst an die Bibel und dass es der vollständige Vorrat göttlicher Gedanken ist. Und er war bereit, dafür zu sterben. Es geht ihm darum, dass die Bibel in einer gewissen Weise gelesen werden muss.

    Origenes sagt ganz klar, dass es Stellen gibt, die wörtlich zu lesen sind. Aber wenn das nicht funktioniert, dann lies sie nicht auf diese Weise! Alles hat auch eine symbolische Bedeutung.

    Es ist also erstaunlich, dass schon unter den frühen Kirchenvätern nicht alle an eine buchstäbliche Schöpfungsgeschichte glaubten. Aus guten Gründen. Und dass man dann diesen Text nicht einfach abtuen sollte, sondern die symbolische Bedeutung suchen sollte.

    Und nun zum dritten Punkt.

    Wir können alles in der Bibel verstehen…

    Dazu hat Origenes Folgendes zu sagen:

    Aber bei all dem sollten wir uns einfach daran halten, was die Frömmigkeit sagt, und die Worte des Heiligen Geistes nicht als etwas sehen, das von schwacher menschlicher Redekunst abhängt, sondern als etwas, das mit den Aussagen der Heiligen Schrift übereinstimmt. Die ganze Herrlichkeit des Königs ist in ihm. [Er zitiert Psalm 45.] Und ein Schatz göttlicher Bedeutungen liegt in den schwachen Gefäßen der armseligen Buchstaben verborgen. [Er zitiert 2 Korinther 4.] Wenn ein Leser aber neugieriger ist und darauf besteht, eine Erklärung für jedes Detail zu bekommen, soll er kommen und mit uns hören, wie der Apostel Paulus mit Hilfe des Heiligen Geistes, der sogar die Tiefen Gottes erforscht, sucht und doch nicht in der Lage ist, das Ende zu erreichen und, wenn ich so sagen darf, eine innerste Erkenntnis zu erlangen, und in seiner Verzweiflung und seinem Staunen über diese Aufgabe ausruft und sagt [in Römer 11]: „O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!“ Und in welcher Verzweiflung, ein vollkommenes Verständnis zu erlangen, stieß er diesen Schrei aus. Hört, wie er es uns selbst sagt. Wie unergründlich sind seine Urteile und seine Wege, die sich nicht erforschen lassen.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3, Teil 14

    Für Origenes können wir nicht alles über Gott verstehen, und damit bleiben auch Lücken in dem, was wir in der Bibel lesen. Wenn selbst einem Paulus dies trotz aller Anstrengungen verwehrt bliebe.

    Und für Origenes hört dieses Lernen auch nie auf, selbst wenn wir wieder ‚bei Gott‘ sein werden.

    Und das ist doch eine sehr demütige Einstellung, um biblische Studien anzustellen. Der Gedanke, dass es da immer noch mehr gibt.

  • Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Von Christian


    Ich bin mir sicher, dass einige bei diesem Titel gedacht haben: „Ich interpretiere die Bibel nicht! Ich bete um den Heiligen Geist und lese dann. Das ist alles, was ich brauche, um die Bibel zu verstehen.“ Nun gut. Gib mir noch ein paar Sekunden, um zu zeigen warum diese Serie trotzdem für dich wichtig ist. Oder vielleicht gerade für dich. Und für jeden, der die Bibel liest.

    Für diejenigen, die „nur mit Heiligem Geist lesen“: Es geht um das, was du beim Lesen und Verstehen der Bibel tust, ohne dir dessen überhaupt bewusst zu sein. Oder was vielleicht notwendig wäre, damit der Heilige Geist etwas bewirken und keine Wunder vollbringen muss.

    Und wer sich dessen schon etwas mehr bewusst ist: Was haben die ersten Christen und andere in den vergangenen zweitausend Jahren dazu zu sagen? Vielleicht haben sie ja Dinge beobachtet, verstanden oder hatten einfach nur Vorstellungen, die uns nie in den Sinn gekommen wären. Schauen wir sozusagen einmal über den Tellerrand. Das hilft, besser zu verstehen, wo man selbst steht. Und ob man daran vielleicht etwas ändern möchte.

    Wenn du in der Bibel liest …

    Zuerst einmal möchte ich kurz auf ein Diagramm hinweisen, das ich in der Reihe über den Kanon des Neuen Testaments gleich anfangs verwendet habe:

    Schon in jener Serie ging es mir darum, uns bewusst zu machen, was alles zwischen dem Schreiben des Neuen Testaments und uns als Lesern passiert. Aber es kommt noch mehr dazu.

    Wenn du in der Bibel liest, hat dir jemand das Lesen beigebracht. In der Regel ist das nicht der heilige Geist gewesen.

    Ich persönlich kenne niemanden, der durch eine Wundergabe des Heiligen Geistes lesen kann. Oder vielleicht in einer anderen Sprache lesen kann. Das wäre natürlich toll, wenn man so das Griechisch, Aramäisch, Hebräisch oder Latein der Antike lesen könnte. Was uns zum nächsten Punkt bringt.

    Wenn du in der Bibel liest, liest du höchstwahrscheinlich eine Übersetzung. Der Heilige Geist muss also nicht nur dir helfen, sondern auch den Übersetzern.

    Die Herausforderung der Überlieferung der Texte brauche ich hier nicht nochmals zu beschreiben, sondern möchte auf die Serie Der Kanon des Neuen Testaments verweisen. Aber ein Aspekt ist ziemlich wichtig:

    Wenn du in der Bibel liest, liest du mit deinem kulturellen Kontext eine Schrift, die in einem völlig anderen kulturellen Kontext verfasst wurde.

    Und der Text wurde nicht an dich geschrieben.

    Beim Schreiben wurden Konzepte und Vorstellungen der damaligen Zeit verwendet, die uns nicht bekannt oder sogar verloren gegangen sind. Das ist einer der Gründe, warum manche Passagen der Bibel für uns schwer zu verstehen oder unverständlich sind.

    Wer schon einmal Texte übersetzt hat, wird spätestens bei Redewendungen und Vergleichen merken, dass eine wörtliche Übersetzung nicht immer funktioniert. Vermutlich kennst du das aus dem Englischen: „Gestern regnete es Katzen und Hunde.“ Auf Deutsch könnte die Reaktion sein: „Das ist doch Unsinn, völliger Quark.“

    Wenn du in der Bibel liest, kannst du die Worte und Sätze zwar immer wörtlich nehmen, aber es könnte sich auch um eine Redewendung oder eine symbolische Darstellung handeln.

    Oder könnte es auch beides zugleich sein? Zu verschiedenen Zeiten? … Damit werden wir uns noch beschäftigen.

    Auf die Sache mit dem Heiligen Geist muss ich aber zumindest kurz eingehen.

    Die Rolle des Heiligen Geistes …

    Auch wenn es in dieser Serie nicht primär um die Rolle des Heiligen Geistes beim Lesen der Bibel geht, stellen sich in diesem Kontext einige Fragen: Hilft der Heilige Geist jedem beim Lesen der Bibel? Inwieweit? Beim Lesen, Lesen antiker Sprachen, dem Verstehen des anderen kulturellen Kontextes? Oder nur beim Verstehen des ‚Inhalts‘? Woher können wir das wissen?

    Wenn du nun denkst: „Das steht doch in der Bibel!“ Dann hat das etwas von einem Zirkelschluss. Das Argument ist doch, dass die Bibel selbst aussagt, dass der Heilige Geist zum Lesen und Verstehen der Bibel ausreicht. Aber um das zu wissen, musst du doch zuerst … die Bibel lesen und verstehen, nicht wahr? Und dazu bräuchtest du … den Heiligen Geist, oder nicht?

    Ich könnte das Argument auch etwas raffinierter (und komplizierter) machen: Es gibt Teile der Bibel, die sagen, dass man zum Verstehen der Bibel nur den Heiligen Geist braucht. Und diese Teile kann jeder auch ohne Heiligen Geist verstehen. Der hilft dann bei den restlichen Teilen der Bibel. Klingt dann vielleicht doch etwas konstruiert.

    Aber ohne so eine Konstruktion landen wir schnell bei einem anderen Problem. Besonders, wenn jemand sein Leben lang die Interpretation der geistlichen Führung einer Konfession übernommen hat, nur um festzustellen, dass er betrogen wurde. Dann möchte man nie wieder sich so von der Interpretation anderer beeinflussen oder gar indoktrinieren lassen. Und dann bleibt einem doch nur, für sich selbst die Bibel ohne die Meinung anderer mit Hilfe des Heiligen Geistes zu lesen, oder?

    Der nächste Schritt ist dann nicht mehr weit: „Nur wer den Heiligen Geist hat, kann die Bibel richtig lesen und verstehen und dann auch darin die Zusage erkennen, dass der Heilige Geist ausreicht, um die Bibel richtig zu lesen und zu verstehen.“ Mit anderen Worten: Für alle, die dazugehören, ist es klar, und alle anderen können es nicht verstehen.

    Jetzt sollten bei dir die Alarmglocken angehen. Diese Argumentation wird gerne von Gruppen verwendet, um gewisse Privilegien nur für sich zu beanspruchen. Bei den Zeugen Jehovas gab und gibt es die privilegierte Klasse der sogenannten ‚Gesalbten‘. Woran erkennt man diese? Seit fast einhundert Jahren ist die Erklärung, dass Gott ihnen diese Überzeugung gibt, sie es aber anderen nicht einmal erklären können, weil diese es gar nicht verstehen können. Und weil das mit der immer kleiner werdenden Zahl dieses ‚Überrests‘ nicht mehr klappt, und sich wieder mehr zu dieser Gruppe rechnen, hat sich die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die das Privileg der Deutungshoheit des Verständnisses der Bibel nicht teilen möchte, sich etwas einfallen lassen und veröffentlicht: Eigentlich kann man diese Personen auch nicht an mehr Bibelwissen, mehr Verständnis, mehr Ausharren, mehr Erfolg im Predigtdienst usw. erkennen. Sie unterscheiden sich in all diesen Dingen überhaupt nicht von anderen. Indirekt wird gesagt: Nur bei uns, der Leitenden Körperschaft, könnt ihr euch sicher sein und dass müsst ihr so akzeptieren.

    Warum habe ich das ausgeführt? Weil man in Bezug auf das Lesen und Verstehen der Bibel leicht genauso denken könnte: Wir haben den Heiligen Geist. Andere vertreten ‚falsche Lehren‘ und können daher den Heiligen Geist nicht haben. Doch was sind denn falsche Lehren? Nun, dass erkennen wir, weil wir die Bibel mit Heiligem Geist lesen. Die anderen können das nicht erkennen, weil sie nicht den Heilgen Geist haben … Erkennst du den Zirkelschluss?

    Woher kommt denn die Idee, dass nur eine bestimmte Gruppe oder Menschen den Heiligen Geist haben und deswegen nur sie die Bibel richtige verstehen können, und die anderen nicht? Also Schwarz oder Weiss. Alles oder nichts? Könnte es nicht ganz anders sein? Dass Gott und Jesus vielen Menschen durch den Heiligen Geist hilft, jeweils einen Teil zu verstehen? Und bei manchen, auch zentralen Themen, können sie trotzdem zu verschiedenen Interpretationen kommen? Und bisher haben wir noch gar nicht den so wichtigen Aspekt berücksichtigt, wie sicher oder gut belegt eine Interpretation ist. Denn bei unsicherer Quellenlage oder sehr wenigen Texten zum Thema kann es doch verschiedene Interpretation geben. Hilft dann der Heilige Geist gewissen Menschen, die ‚richtige‘ Interpretation zu finden? Die Apostelgeschichte und Briefe des Neuen Testaments zeigen, dass dies schon im ersten Jahrhundert in der Regel nicht so war. Und was wir heute erwarten dürfen, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Man setzt ja so schnell voraus, dass für uns das selbe gilt, wie für die ersten Nachfolger Jesu.

    Ich behaupte jetzt einmal:

    Beim Lesen der Bibel sollten wir alles lesen – und nicht Teile ignorieren, die unverständlich, widersprüchlich, fremd oder schockierend (für uns) sind.

    Vor dem Verstehen müssen wir das Gelesene interpretieren. Nur manche Teile sind direkt zu verstehen. Bei anderen ist viel Arbeit erforderlich. Und das können andere Menschen für uns schon getan haben oder tun. Und der Heilige Geist kann auch ihnen helfen. Nirgends wird uns zugesichert, dass jeder alles selbst durch Heiligen Geist verstehen kann. Auch nicht als Gruppe, Bewegung oder Konfession.

    Wieso kann ich das behaupten? Weil ich den Heiligen Geist habe. Und wenn du das nicht so siehst, hast du den Heiligen Geist vermutlich nicht … 😉

    Ich denke, ich habe diesen Punkt jetzt klar genug gemacht …

    Muss das alles so kompliziert sein?

    Und wie so oft frage ich mich am Ende: Christian, machst du es dir nicht wieder viel zu kompliziert? Mittlerweile würde ich sagen: Ein gottgefälliges Leben zu führen, so gut man es kann, ist nicht kompliziert – wenn auch nicht leicht und mühelos. Aber hier geht es um ein anderes Thema: Das Lesen und Verstehen der Bibel. Und das ist kompliziert. Außer du wendest dieses Motto von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf auf das Lesen der Bibel an:

    Diesen Spruch darf Gott für sich beanspruchen: „Ich mach die Welt, wie sie mir gefällt“. Und das Ergebnis war gut. Und was Astrid Lindgren damit meinte, ist eine Sache für sich. Aber sich von der Welt oder auch nur dem Lesen der Bibel eine Vorstellung zu machen, die nur dann etwas mit der Realität zu tun hat, wenn uns das gefällt, ist keine so gute Idee.

    Doch nun genug der Vorrede. Nächstes mal geht es damit los, was frühe Christen zum Lesen und Interpretieren der Bibel zu sagen hatten.

  • Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 9

    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 9

    By Dr. Michael S. Heiser


    This series contains the blog articles by biblical scholar Dr Michael S. Heiser in his blog series on eschatology.


    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 9

    Focus: Continuation of the 70th week of Daniel 9.

    In the last post we jumped into Daniel 9:24-27 and saw (to the surprise of some I am sure) that, although so many people are sure that the 70 weeks prophecy was about a timeline that had the 69th week end with the crucifixion, no New Testament writer ever quotes Daniel 9:24-27 as a fulfillment of the crucifixion (or resurrection). If that prophecy was so incredibly accurate on that point and for that reason then it seems nothing short of amazing that no NT writer ever put that together.

    As we proceed, I’m going to ask a series of questions about how to interpret Daniel 9:24-27. Here’s the first:

    Does the text of Daniel 9:24-27 have the mashiach (“anointed one”) coming after the first seven weeks, followed by 62 more (=69) before the 70th week, or does the “anointed one” come in conjunction with / toward the end of the 69th?

    To many readers this no doubt sounds like a dumb question, since many will consider the second option to be self-evident from the passage. That is because they assume that the “anointed one” in the passage is the messiah, Jesus. No way he could have come only 49 years after Daniel has the prophecy beginning (which most take to be around the time of Nehemiah. I should say here that it is not self evident that the “anointed one” here is Jesus the messiah. As we go through some other posts it will become clear why this is the case. It is also not self evidence that the 70 weeks is to begin at the time or Nehemiah’s rebuilding — or ANY rebuilding. That may sound amazing, but we’ll hit that on in the next post. For now, we’ll stick to one issue — the question posed above: Does the text of Daniel 9:24-27 have the mashiach (“anointed one”) coming after the first seven weeks, followed by 62 more (=69) before the 70th week, or does the “anointed one” come in conjunction with / toward the end of the 69th?

    This question arises from how the text of Daniel 9:24-27 was accented by the Masoretic scribes.

    In Dan 9:25 the Massoretic tradition places what is called a disjunctive accent (atnah) between the words for “seven sevens / weeks” and “sixty-two sevens.” A disjunctive accent served to separate items on either side of the accent. That means the Masoretes saw a break (a disjunction) between the 7 weeks and the following 62. This in turn means that the “anointed one” comes at the end of the seven weeks, before the other 62 occur. The ESV, RSV, and NRSV translate the text according to this Masoretic division. Here they are — note how these translations (due to the accenting) has the “anointed one” coming in conjunction with the end of the first seven weeks:

    25 Know therefore and understand that from the going out of the word to restore and build Jerusalem to the coming of an anointed one, a prince, there shall be seven weeks. Then for sixty-two weeks it shall be built again with squares and moat, but in a troubled time.

    ESV

    25 Know therefore and understand that from the going forth of the word to restore and build Jerusalem to the coming of an anointed one, a prince, there shall be seven weeks. Then for sixty-two weeks it shall be built again with squares and moat, but in a troubled time.

    RSV

    25 Know therefore and understand: from the time that the word went out to restore and rebuild Jerusalem until the time of an anointed prince, there shall be seven weeks; and for sixty-two weeks it shall be built again with streets and moat, but in a troubled time.

    NRSV

    This understanding of the verse is known from early Christian sources (e.g., Eusebius) so it is not coherent to chalk this up to an anti-Jesus fiddling with the text by Jewish scribes, as some have charged. Besides, the accents were added centuries after the church began, making the presence of this translation / interpretation of the verse in early Christian sources all the more striking.

    Other English translations ignore the Masoretic accent (for one reason or another). Here are some examples. Note how in these translations the “anointed one” comes after the 69 weeks (7 + 62).

    “Know and understand this: From the time the word goes out to restore and rebuild Jerusalem until the Anointed One, the ruler, comes, there will be seven ‘sevens,’ and sixty-two ‘sevens.’ It will be rebuilt with streets and a trench, but in times of trouble.

    NIV

    Now listen and understand! Seven sets of seven plus sixty-two sets of seven will pass from the time the command is given to rebuild Jerusalem until a ruler—the Anointed One—comes. Jerusalem will be rebuilt with streets and strong defenses, despite the perilous times.

    NLT

    Know therefore and understand, that from the going forth of the commandment to restore and to build Jerusalem unto the Messiah the Prince shall be seven weeks, and threescore and two weeks: the street shall be built again, and the wall, even in troublous times.

    KJV

    Getting back to our question, here’s the point. The neat 69 weeks from (whatever starting point) that culminate in the ministry and crucifixion of Jesus, assumed by so many end times teachers, may not be the intended meaning of the prophecy at all. In fact, if the Masoretic accenting of the text is accurate, then the prophecy isn’t even messianic (or at least that idea is weakened considerably). The ‚anointed one‘ would not be Jesus the messiah, but another ‚anointed one‘ (and there were a number of these in the OT, even pagans, like Cyrus the Persian king – cf. Isa 45:1).

    So . . . which is it?  Does Daniel 9:25 have the “anointed one” coming after the first seven weeks, or after the 69 weeks? And how can we know for sure? Answer: we can’t know for sure.  It would sure have been nice for at least one NT writer to quote the passage in such a way that we could know. Granted, in my first post on this I sketched out the speculation that Luke may have been seeing Daniel 9 that way, but that doesn’t actually help those who want the 69th week to end with the crucifixion (when the “anointed one” is “cut off”). If Luke was angling for what I sketched out, to him the 69th week went up to the birth of Jesus, not the death. That seems incongruous with the “cut off” language (but maybe . . . just maybe . . . the “anointed one” WAS a figure in the past — not Jesus — but the NT writers see an analogy . . . that’s future fodder). I hope you see that there is more to this than you’ve been told in the Left Behind novels and XYZ (take your pick) prophecy book.

  • Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Conclusion

    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Conclusion

    By Christian


    This series contains the blog articles by biblical scholar Dr Michael S. Heiser in his blog series on eschatology.


    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Conclusion

    I can well imagine that one or the other thought from time to time: “Hopefully this confusing series will end soon.” If you’ve stuck with me this far, I’m especially happy. But of course everyone else is also very welcome 🤗. Now, instead of a summary (“oh no, not that again…”), here’s a conclusion.

    It was about eschatology…

    Eschatology ([ɛsça-], from ancient Greek τὰ ἔσχατα ta és-chata ‚the outermost things‘, ‚the last things‘ and λόγος lógos ‚teaching‘) is a theological term that describes the religious concept of the end times, in particular the prophetic teaching of the hopes for the completion of the individual (individual eschatology) and of the whole of creation (universal eschatology).

    In short, it is about the ‚end times‘. And that is something you can think about – or maybe even should think about? What does the Bible say about it?

    Well, probably nothing as obvious as a date, otherwise it would be clear to everyone. But perhaps we just have to understand and combine the encrypted terms in the Bible book of Daniel, the New Testament and especially Revelation to unravel this mystery? There are even supposed to be signs that we just have to decode. And many claim to be able to do this! When translating Carl Olof Jonsson’s book “The Gentile Times Reconsidered: Chronology and Christ’s Return,” I was shocked, to say the least, by the long list of predicted dates of the end times: from the Reformation to the present day alone, he cites dozens of predictions and years.

    The Jehovah’s Witnesses are a good example of how people can go completely astray and still stubbornly cling to an interpretation even when the predictions have not been fulfilled. I have shown the chronological order of the prophecies and their failure in my video “This Generation…”, using the example of their doctrine of “the generation of 1914”.

    The late M. James Penton had already covered this in a book many years ago: “Apocalypse Delayed: The Story of Jehovah’s Witnesses”:

    The central conclusion is therefore:

    What is unfortunately often overlooked in teachings on eschatology is the crucial role played by one’s own assumptions and interpretations.

    We cannot derive exactly one eschatology from the Bible with certainty and without our own assumptions.

    That is why there are so many different trends, some of which may materialize, or many:

    Ultimately, all these interpretations are based on relatively few and short passages, mainly in the New Testament. Some ideas are based on only a few verses, or even just one.

    If there is so little and so little clear in the New Testament, then it is hardly the core message of this text. Should our focus not rather be on the gospel, its meaning and how it can be implemented in our lives?

    Those who focus too much on ‚the end‘ lose their focus on their own lives in the time before that – on the here and now.

  • Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 14

    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 14

    By Dr. Michael S. Heiser


    This series contains the blog articles by biblical scholar Dr Michael S. Heiser in his blog series on eschatology.


    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 14

    Focus: Was the book of Revelation written before or after 70 A.D.?  Any view of a rapture depends on a date after 70; any non-rapture view must assume a pre-70 date. How can we know which is right? Good question.

    Nearing the end of this (have to check my list).

    It’s time for “when was the book of Revelation written?” The two candidates are, of course, before or after 70 AD (the latter in the 90s). I think the most thorough recent discussion on this is by Greg Beale in his massive commentary on Revelation in the New International Greek Text Commentary.  I have attached his discussion here (19 pages). I’ve highlighted a few items under each side that I think are the most important arguments.

    I think you’ll see that the question is a toss-up. Like everything else, each side needs to make a couple of assumptions along the way. I’m sure many of you heard in Sunday School (if anyone still does things like book studies in Sunday School) that the book was written in the 90s. Could be. But there’s a lot they don’t tell you in Sunday School.

    My opinion is that the evidence for a late date (90s) seems to outweigh the pre-70 AD date. Beale thinks so as well. Note that he’s an “idealist amillennialist,” so don’t conclude that a 90 AD date adds up to a pre-mill argument (something else they may have told you in Sunday School).

    Enjoy!


    I am quoting the sentences that Michael Heiser marked in the article:

    Introduction

    There are no single arguments that point clearly to the early or the late date. The early date could be right, but the cumulative weight of evidence points to the late date.

    Arguments for a Late Date

    “Babylon”

    Those preferring a pre–70 A.D. date for Revelation regard “Babylon” as a symbolic name for apostate Jerusalem, but John’s use of the name may be the strongest internal evidence for a post-70 date. “Babylon” refers to Rome in Jewish literature after 70 A.D. and roughly contemporary with the Apocalypse. Jewish commentators called Rome “Babylon” because the Roman armies destroyed Jerusalem and its temple in 70 A.D., just as Babylon had done in the sixth century B.C. This use of the name probably influenced John, as did other Jewish traditions.
    But Jews do not appear to have labeled Rome “Babylon” until after 70 A.D. In fact, the only early metaphorical uses of “Babylon” occur, besides in Revelation, in 4 Ezra, 2 Baruch, and the Sibylline Oracles, which are clearly post-70.

    The Earliest Traditions

    The testimony of the earliest patristic authors supports a date during the time of Domitian. The most important of these witnesses are Irenaeus, Victorinus of Pettau, Eusebius, and possibly Clement of Alexandria and Origen.

    Arguments for an Early Date

    The Temple and Jerusalem

    That the temple in Jerusalem is spoken of in Rev. 11:1–2 as still standing is sometimes taken as evidence of a pre-70 A.D. date, since it is unlikely that a Christian or Jewish author could mention such a thing after the destruction of the temple in that year.

    But this assumes a literal reading of 11:1–2 — and that it refers to the first-century Herodian temple. The literal reading should be questioned in the light of the symbolism throughout the book and in ch. 11 in particular (e.g., vv 3–7).

    The Seven Kings (Rev 17)

    There are questions facing any historical identification …

    “666”

    Some contend that the numerical value of the name Nero(n) Caesar was intended to be calculated according to Hebrew transcription, since it adds up to 666, the number of the beast’s name in 13:18. This would suggest that the book was written before 70 A.D., since the beast of Revelation appears to be active at the time of writing (though some view ch. 13 as purely prophetic).

    “Babylon”

    “Babylon” is thought to represent Jerusalem in Revelation for at least two reasons. First, 11:8 refers to the place “where their Lord was crucified” as “the great city,” and in the following chapters “the great city” is also called “Babylon” (18:10, 16, 18, 19, 21; cf. 14:8; 17:5). However, this is a correct identification only if the crucial reference to Jerusalem in 11:8 is to be understood literally. This is unlikely, since “where also their Lord was crucified” is introduced by “which spiritually is called.”


  • Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 13

    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 13

    By Dr. Michael S. Heiser


    This series contains the blog articles by biblical scholar Dr Michael S. Heiser in his blog series on eschatology.


    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 13

    Focus: Are you a splitter or a joiner? ANY view of a rapture is heavily dependent on splitting up passages that speak of the return of Jesus into two categories (one of which = a rapture). The splitting is done along the lines of slight “discrepancies” between all the “return of Jesus” passages, assuming that they describe two events, not one. But why split these when we JOIN such passages everywhere else in the gospels (we harmonize so as to remove disagreement rather than highlighting disagreements)? Who made up the rule that the return passages should be split to produce a rapture? Why not harmonize? Maybe the answer is because then the rapture disappears. Ultimately, splitting or joining is our guess.

    I want to start this post with something I’d do in class during my teaching days at Christian colleges that I think will make this post — which is about the question of whether there is such a thing as a rapture or not — more comprehensible.

    When I taught through New Testament Survey or Bibliology I’d invariably need to talk about how the gospels disagreed with each other on many occasions. This of course is a favorite launching pad for biblical skeptics, who love to talk about the contradictions in the gospel stories about Jesus. I used to give some illustrative examples of where Matthew, Mark, and Luke (and occasionally John) would have slightly different details of the same story, or different dialogue, or present items in a different order. I’d ask the question, “which one is wrong — or are all of them wrong?” (I liked to push buttons in class — I’ve walked into many a freshman Bible class and looked at dozens of faces that were all expressing the same sentiment: we dare you not to bore us with the Bible).

    Anyway, it was always fun to get feedback in that session to my questions. After watching them squirm for a while I’d point out the obvious — there was another alternative: they could all be right, yet disagreeing. I’d pull out a newspaper story on something they’d no doubt heard of (some great tragedy or current event) and show them that any given national newspaper could (and did) run a story on that event but they would invariably disagree, even when the reporter had asked the same questions (sometimes even of the same person at the same press conference). But differences in wordings, the way the writer arranged the information, and presentation of dialogue (they were invariably snippets, though germane) did not compromise accuracy. Even when one included something the other didn’t, students could see that was part of the journalistic enterprise — selection of material depending on audience, space constraints, “angle”, etc.  But none of that meant that something that wasn’t identical had to be wrong.

    It was easy to apply this to the gospels. Given that more than one story about the same person, events, and places could differ, yet that should not be presumed to mean there were errors, maybe it was a good idea to try and harmonize the stories first and see how they could all be parts of a greater whole. Mark that thought.

    So what’s the point?

    Well, among Christians who have some sense of obligation or interest in ideas like the inspiration of the Bible and its inerrancy, the idea of harmonizing material in the gospels — and in the Bible in general — is second nature. It’s part of the “interpret the Bible with the Bible” approach to hermeneutics. Point A is harmonized with point B. Passage A is better understood by merging it or harmonizing its content with passage B — putting things together gives us a fuller picture of what the Bible says about XYZ.  Harmonizing apparently contradictory items is so common, so accepted as an interpretive technique, that it’s hard to imagine the opposite — keeping passages apart, as though they taught opposite ideas, as a way to get a full picture of something.  JOINING is much more common than SPLITTING.

    And yet SPLITTING is precisely the hermeneutical approach that *must* be employed to have a rapture.  Sound odd?  Then you haven’t read much about the doctrine.  Here is a short list of examples. My point is that IF you separate (split) these items, you come out with the idea that the second coming and a rapture are two different events, BUT if you merge all these events — if you harmonize (join) them to remove contradictions — then there is no rapture.

    RAPTURE: Meets believers in the air. 1 Thes 4:15-17; Acts 1:9-11

    SECOND COMING: Meets Israel on earth, Zech 14:4-5; Rev 19.

    RAPTURE: Christ does not touch earth.  Acts 1:11

    SECOND COMING: Christ comes to stay for 1000 years. Rev 20; Mal 3:2-4

    RAPTURE: For the church. 1 Thes 4:15-17; 1 Cor 15:51-55

    SECOND COMING: For Israel and tribulation saints. Rev 19; Mal 3:2-4

    [On this one, recall the obvious — that Galatians 3 says the church has inherited the promise that Abraham would have a seed – a spiritual seed – the “Israel that is real Israel, but not ethnic Israel – Romans 9:1-6]

    RAPTURE: To keep promises to the church.  John 14:1-3

    SECOND COMING: To keep promises to Israel through OT prophets.

    [ditto the above on whether the Church and Israel can really be split like this coherently.]

    RAPTURE: With souls of saints to get bodies. 1 Thess 4:14-18

    SECOND COMING: With: saints and angelic armies. Rev 19

    So, are you a splitter or a joiner?  You cannot have a rapture if you employ the JOINING hermeneutic that is so commonly used to avoid contradiction in the gospels (and throughout the Bible).  For those who believe in a rapture the question is therefore simple:  why would you want to harmonize the gospels to avoid contradictions, but then not harmonize passages about the return of Jesus to avoid contradiction?

    In other words, WHY is splitting prophecy texts the better interpretive strategy than joining, like basically everywhere else? Is the text driving that approach or is it a theology brought to the text that drivews the decision? This is a fundamental question that everyone who embraces a rapture must coherently answer (but few have ever even considered since it doesn’t appear in popular prophecy books).

  • Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 12

    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 12

    By Dr. Michael S. Heiser


    This series contains the blog articles by biblical scholar Dr Michael S. Heiser in his blog series on eschatology.


    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 12

    Focus: Continuation of the 70th week of Daniel 9. (Last one – features a scholarly article defending a non-Left Behind view so you know the issues involved.

    [Note: The book ‚Left Behind‘, published 25 years ago, was the first in a whole series of books and movies and a movement that is about God suddenly taking the true believers to paradise before the end of the world. Those left behind must suffer the great tribulation and the end of the world.]

    Before leaving Daniel 9 I wanted to comment on Peter Gentry’s very recent article, as well as two others.  All three take Daniel 9:24-27 as messianic (i.e., that the anointed one who is cut off is indeed Jesus the Messiah), though they do not take all elements of the outworking of the 70 weeks the same way.

    Gentry’s article was everything I’ve come to expect from anything Peter writes. It was clear, cogent, and thorough. Frankly, it’s the most coherent explanation I’ve read on Daniel 9:24-27. I’m quite glad that a reader brought it to our attention. All of you should give it a close read.

    Before anyone says, ‚wait a minute Mike, Peter takes positions in the article with which  your previous posts have disagreed, what’s up?‘ What’s up is that you haven’t been paying attention (or I haven’t repeated it sufficiently!). I wasn’t taking any positions in my prior posts (none of them), only bringing to your attention the interpretive difficulties and ambiguities in the passage.

    I’ll summarize how Peter handles the specific issues we’ve been chatting about below. In a nutshell, he sees Daniel 9:24-27 as entirely messianic – no antichrist is in view – and already fulfilled. Again, this is well presented and well-argued (that is, every element has exegetical support). What this means is that, for Peter, the passage is about Jesus, his first coming, his vicarious death, and the destruction of the temple that was Jesus‘ body AND the Jerusalem temple in 70 AD.

    Peter’s article covers every facet of Daniel 9:24-27, but if we zero in on how exactly he sees what’s going on in those verses, this is his most crucial note:

    Verses 25-27 are not to be read in a linear manner according to the logic of prose in the western world based upon a Greek and Roman heritage. Instead, the approach in ancient Hebrew literature is to take up a topic and develop it from a particular perspective and then to stop and start anew, taking up the same theme again from another point of view. This approach is kaleidoscopic and recursive … First, v. 25 introduces the first period of seven weeks and the gap of sixty-two weeks to the climactic seventieth week. This last week is described twice in verses 26 and 27. Verses 26a and 27a describe the work of the Messiah in dying vicariously to uphold a covenant with many and deal decisively with sin, thus ending the sacrificial system. Verses 26b and 27b show that ironically, supreme sacrilege against the temple at this time will result in the destruction of the city of Jerusalem. Thus verses 26-27 have an A-B-A´-B´ structure:

    A 26a the beneficial work of the Messiah

    B 26b ruin / spoliation of the city by his people and its desolation by war

    A´ 27a the beneficial work of the Messiah

    B´ 27b abominations resulting in destruction of the city by one causing desolation

    KEY THOUGHT at this point. Gentry argues that since the 70th week is really about the ending of the ultimate exile (the spiritual exile) of Israel and its solution – the coming of the messiah), only the events in verse 24-27 that deal specifically with the messiah are to be viewed as occurring WITHIN the last seven year period.  Other events that are fallout from what happened with Jesus can (and he says do) happen outside the last seven year week.  This is essential for his view that vv. 24-27 (in places) deals with the fall of Jerusalem at the hand of the Romans. You’d have to read the whole article for how he builds this case. *This* is the key place where Peter has to do some presupposing / make some assumptions that are critical to his own view. The literary structuring above seems to support him, though some could argue that he is using his assumption to ‚create‘ the structure as opposed to deriving his from an intended authorial structure. The real question would be this: does Peter’s structuring make better sense than someone else’s – someone who would want to take Daniel 9:24-27 as a linear chronology from v. 25 through the end of v. 27?

    Here is the interpretation that results from Peter’s approach (and which is supported by a number of other items throughout the 19 page article):

    v. 25

    The anointed one, the Leader = THE messiah, Jesus

    v. 26a (the beneficial work of the Messiah)

    Sometime after the 69th week ends, this same anointed one (messiah, Jesus) will be “cut off” but “not for himself” (= a vicarious death not for his own benefit, but for his people).

    These events occur in the last seven (week).

    v. 26b (ruin / spoliation of the city by his people and its desolation by war)

    These events are NOT within the last seven year period, but follow sometime after (note that Jesus himself had the abomination being fulfilled yet future to his own ministry in Matt 24).

    The people of this Leader (the messiah) will be responsible , in the same seven year period (years 27-34 AD), for despoiling the city and the sanctuary. In other words, the Jewish people bear the responsibility for the pollution of the sanctuary (Gentry mentions a specific historical circumstance here) and the destruction of Jerusalem by the Romans.

    v. 27a (the beneficial work of the Messiah)

    This same Leader (Jesus) will “uphold a covenant with the many” (Israel).  At the halfway point of the seven (between 27-34 AD) he will cause sacrifice and offering to cease – by virtue of his vicarious sacrifice (sacrifices are no longer necessary).

    v. 27b (abominations resulting in destruction of the city by one causing desolation)

    Again, these events are NOT within the last seven year period, but follow sometime after (note that Jesus himself had the abomination being fulfilled yet future to his own ministry in Matt 24).

    The ‚abominations‘ refer to the sacrilege which resulted from the struggle for the control of Jerusalem in the first century prior to 70 AD and after Jesus‘ crucifixion. Gentry writes:

    „The ‚war‘ to refers to the destruction of Jerusalem and Temple by Vespasian / Titus (the ‚one causing desolation‘). The ‚one causing desolation‘ (Titus) comes ‚on the wing of‘, i.e., in connection with, those causing ‚abominations‘ (Jews), the one (i.e., people) being desolated. Jesus‘ mention of the ‚abomination of desolation‘ in the Olivet Discourse supports this understanding since he is probably speaking of the sacrilege of John of Gischala as the ‚abomination‘ which forewarns of the impending ‚desolation‘ of Jerusalem and the Temple by the Romans.“

    In regard to an antichrist figure being the referent of v. 27, Gentry does a good job showing how the language used to support that from Daniel 7 and 8 confuses and interchanges the third and fourth kingdoms of Daniel 2 and 7. His thoughts here are brief but, in my view, very damaging to an antichrist identification.

    While I’m sure many readers will be quite enthusiastic about the way Peter establishes the messianic character of Daniel 9:24-27, they should fully realize what it means is he is correct:

    1. Jesus us the point of reference through the entirety of Dan 9:24-27 with respect to any mention of an anointed one and a prince (‚leader‘) – that means there is NO BAD GUY in the passage CONNECTED TO A 70TH WEEK. The ‚desolation‘ occurring in v. 27 refers to activity AFTER the 70 weeks prophecy is history.
    2. There is no future 70th week (which pre-tribbers identify with the Great Tribulation). The 70 weeks are over.
    3. If there is an antichrist figure, that idea cannot be argued or produced from Daniel 9:24-27. That means that all the looking forward (or reading a newspaper) for the signing of a covenant with Israel to start the 70th week and ‚term‘ of the antichrist is pointless.  There may be an antichrist, but he’d sneak up on you if you were looking for him to do things described in Daniel 9. You’d never see him coming.
    4. With no seven year tribulation pending, there’s no rapture pending, since all views of the rapture see it as logically having something to do with escaping a great tribulation or separating the Church from Israel. A post-tribber might be able to weasel his/her way into viability if Gentry is right, but it would prompt the obvious question: why do you need a rapture when the old historic premill view accounts for everything here? (Historic premillennialism is the view that there is no rapture and tribulation – there is just the return of Christ to set up a literal earthly kingdom; post-tribbers would add a rapture right before the second coming – so believers go up and come right back down – seems kind of pointless, especially if there is no 70th week to account for).

    So, in a nutshell, Gentry’s view is quite workable with preterism (even full preterism), as well as what used to be called ‚historic premillennialism‘.

    Again, I highly recommend reading his article.

    I also mentioned two other articles that defend a messianic view. These are both by J. Paul Tanner and appear in Dallas Seminary’s journal, BibSac. Obviously, the writer would need to be pre-trib and pre-mill if writing for Dallas on prophecy, though Tanner doesn’t really get into all that in his articles. His focus is the messianic nature of Daniel 9:24-27. His articles are:

    „Is Daniel’s Seventy Weeks Prophecy Messianic?“ Part 1 BibSac 166 (April-June 2009): 181-200

    „Is Daniel’s Seventy Weeks Prophecy Messianic?“ Part 2 BibSac 166 (July-September 2009): 319-335

    Next up: presuppositions and the rapture — are you a splitter or a joiner? (I’ll leave you wonder what I mean by that for now).

  • Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 11

    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 11

    By Dr. Michael S. Heiser


    This series contains the blog articles by biblical scholar Dr Michael S. Heiser in his blog series on eschatology.


    Why an Obsession with Eschatology is a Waste of Time, Part 11

    Focus: Continuation of the 70th week of Daniel 9.

    As you read this, bear in mind again I am not taking a position or describing where I’m at with all this. My goal is to show the ins-and-outs of how Daniel 9:24-27 could be viewed (i.e., the “self evident” problem).

    Taking another look at Daniel 9…

    25 Know therefore and understand that from the going out of the word to restore and build Jerusalem to the coming of an anointed one, a prince, there shall be seven weeks. Then for sixty-two weeks it shall be built again with squares and moat, but in a troubled time. 26 And after the sixty-two weeks, an anointed one shall be cut off and shall have nothing. And the people of the prince who is to come shall destroy the city and the sanctuary. Its end shall come with a flood, and to the end there shall be war. Desolations are decreed. 27 And he shall make a strong covenant with many for one week, and for half of the week he shall put an end to sacrifice and offering. And on the wing of abominations shall come one who makes desolate, until the decreed end is poured out on the desolator.

    Daniel 9:25-27

    Our focus this time around is the “anointed prince” (or is it princes?).

    In verse 25: “an anointed one, a prince” shall come (after either the first seven weeks, followed by 62 more, or after the 69 weeks)

    • Let’s assume (with the standard pre-trib view) that “the anointed one, the prince” comes after the 69 weeks.

    In verse 26a: after the 62 weeks (69 in total by the above reckoning), “an anointed one” shall be “cut off” and “have nothing”

    QUESTION: Is the “anointed one / the prince” in verse 26 the same as the one in verse 25?  This is certainly possible (and probably the easiest reading) if one presumes the 7 + 62 weeks are not to be split up via the Masoretic accenting.

    In verse 26b: now we read of “the people of the prince who shall come”…

    QUESTION: Is this prince (26b) the same as the anointed prince in 26a?

    If YES — then …

    (1) the same prince who is “cut off” in 26a is still alive in 26b to “come and destroy the city and the sanctuary.”  That would mean “cutting off” cannot refer to death (ruling out crucifixion).

    (2) if one wants to identify the prince of 26a as Jesus (interpreting the “cutting off” with the crucifixion), then if one wants the prince of 26a to be the same prince of 26b, one has to posit a resurrection in between. That might sound good, but look at what it produces — the people of the prince of 26b (meaning, the followers of the resurrected Jesus) then destroy the city (Jerusalem) and the temple (sanctuary). Not only did this not happen in history, but it would be completley out of character for the followers of Jesus.

    CONCLUSION: If you want Jesus to be the prince of 26a, you cannot also have him be the prince of 26b. There must be two different princes. This is the way most pre-tribbers take the passage, assuming the second prince to be the antichrist, since “his people” destroy Jerusalem and the temple.

    So is there a problem with that?  To say the least, it’s an odd reading because we aren’t TOLD there are two princes — that has to be read INTO the passage. Rather, there is one prince mentioned (v. 26a) and then we meet “the people of the prince who is to come” (and since the prince we’re actually told about is being predicted as coming, one would more naturally assume the same prince is in view). In other words, one can ASSUME that these “people” and their “prince” are separate characters (and chronologically separated to boot), but it would be very easy (and natural), since we just read about a coming prince to assume that “the people of this prince that will come” refers to the same prince in 26a. But again, if they are the same, we cannot be talking about Jesus.

    But let’s assume that we have a separation. The prince of 26a is Jesus, who is “cut off.” Then there is a second prince (with “his people”) who destroys Jerusalem and the temple, and then, in v. 27 “HE” (the second prince – the bad one, the antichrist — makes a covenant with many for one seven … and then we get the abomination. Standard pre-trib reading.

    How could that be a problem for the standard pre-trib view? I’d say it can work, but it needs to work WITHOUT verse 24 — and verse 24 is the main reason anyone is thinking of Jesus as a candidate to be the prince of verse 26. Why do I say this? Look at verse 24 (note my boldfacing):

    Seventy weeks are decreed about your people and your holy city, to finish the transgression, to put an end to sin, and to atone for iniquity, to bring in everlasting righteousness, to seal both vision and prophet, and to anoint a most holy place.”

    Here’s the point:  All of these conditions only happen AFTER all 70 weeks. Pre-tribbers assume that some of them are accomplished at the end point of verse 26a, when the anointed prince [Jesus in that view] is “cut off” — but the text doesn’t say that. The natural (literal? face value? plain?) reading of verse 24 is that when the 70 weeks are up, all these things will be true. We have no warrant for attaching *some* of them to a time before the 70 weeks are fulfilled.  It’s just done to make the system work.

    And think about the list. Did ANY of them come to pass with the crucifixion?

    — was all transgression and sin ended at the cross? No. We all still sin.

    — to atone for iniquity — one could argue that was accomplished, but since it is the ONLY possible connection to the cross (the others didn’t happen with the cross as we’ll see below), one ought to wonder if the phrase was intended to speak of the crucifixion. (Why would one work well and not the others?) Maybe it referred to the sacrificial system or Yom Kippur. If Jerusalem and the temple were destroyed (see vv. 25-26) you would need an end to those circumstances to be able to make atonement for iniquity again. And that would certainly be the case after the 70 weeks were done.

    — “to bring in everlasting righteousness” — did that happen at the cross? This is kingdom language, but only an amillennialist *might* say that the cross and resurrection brought the kingdom about in this way. And one wonders, if everlasting righteousness was brought in at the cross, what’s left to bring about in terms of righteousness? I don’t know what we’d be waiting for if it was already accomplished. It seems if you’re premill, you can’t equate this with the cross event.

    — to seal the vision — this couldn’t be done with the cross event since there were events still subsequent to the cross that had to come to pass (like antichrist and what he does).

    — “to anoint a most holy place” – I don’t know how the crucifixion did this. It reads like the holy place had been desecrated and needed to be sanctified.  That would be the case after the 70 weeks horror (all of it) were over — and that speaks to interpreting the atonement language the way I outline above — not having to do with the crucifixion.

    This is why I think if you’re going to take the standard pre-trib view of Daniel 9:25-26, you need to forget verse 24, but that amounts to dispensing with the very thing that fuels your view.

    More briefly to the point: If you think the standard pre-trib view is a straightforward reading that is completely clear and coherent, think again. You would need to account for all these issues that arise from the text.  It might be possible, but it isn’t self-evident. To me the biggest issue is the arbitrariness of having two princes. Again, that’s possible, but it feels dicey.

    Next up – last post on Daniel 9. I’ll finish up the Gentry article and have some notes on it, as well as two others. Then (finally) on to the rapture idea.