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  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 11: Wie man Gottes Story feiert

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 11: Wie man Gottes Story feiert

    Von Christian / N. T. Wright


    Im elften Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es zum Abschluss darum, wie man in Anbetracht der Evangelien die Glaubensbekenntnisse besser lesen und verstehen sollte.

    Das Ganze und seine Teile

    Als ganz gewöhnliche Christen haben wir das Neue Testament vor uns und freuen uns über diesen wundervollen Text. Aber uns ist auch bewusst, dass wir manches nicht verstehen, die Bedeutung im Kontext und in der Sprache des ersten Jahrhunderts uns fremd sind und wir manche Zusammenhänge noch nicht einmal erahnen. Aber das sollte doch alles kein Problem sein, denn über zwei Jahrtausende haben Bibelgelehrte diese Texte analysiert, in Teile auseinandergenommen, repariert und poliert und uns dann diese wundervollen Teil präsentiert und ausführlich erklärt.

    Dabei haben Gelehrte und Konfessionen jeweils verschiedene Texte unterschiedlich interpretiert und unterschiedliche Teile des Neuen Testaments hervorgehoben. Und auch wenn wir die Bemühungen der Gelehrten schätzen, fragen wir uns vielleicht manchmal, ob diese wirklich über den selben Text des Neuen Testaments sprechen.

    Was wir aber brauchen, sind nicht die hervorragend präsentierte Einzelteile, sondern das wieder zusammengesetzte Ganze: „Der Text wurde schließlich geschrieben, um Teil des Lebenselixiers einer Gemeinschaft zu sein.“ Die späteren Glaubensbekenntnisse, wie zum Beispiel das Nizänische Glaubensbekenntnis, waren historische Meilensteine der christlichen Gemeinschaft – auf Grundlage und zusammen mit den Evangelien. Sie dürfen kein Ersatz dafür sein und waren so auch nicht gedacht.

    Betrachten wir zum Beispiel noch einmal das sogenannte Apostolische Glaubensbekenntnis oder Apostolikum (lateinisch Symbolum Apostolorum or Symbolum Apostolicum), wie man es lesen könnte und wie man es vielleicht besser lesen sollte.

    Eine Art, wie man das Glaubensbekenntnis lesen kann

    Im Folgenden verwende ich die deutsche ökumenische Fassung anstatt einer eigenen Übersetzung der englischen Version, die N.T. Wright im Buch verwendet

    Ich glaube an Gott,
    den Vater, den Allmächtigen,
    den Schöpfer des Himmels und der Erde.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Hier sollten wir nicht sofort in eine Schöpfung-versus-Evolution Diskussion abgleiten. Doch möglicherweise geht man hier schnell weiter, ohne sich bewusst zu machen, welche bedeutende Aussage das ist: Die Welt ist kein düsterer Platz, der von niedrigeren Gottheit gemacht wurde, wie dies zum Beispiel Marcion und andere lehrten. Viele werden (zu) schnell zum nächsten Teil weitergehen …

    Und an Jesus Christus,
    seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Viele Christen tun dies und pflegen so ihren stillen und unerkannten Marcionismus: Dass das Alte Testament nur eine Art Unterbrechung in der Geschichte ist zwischen Schöpfung und Jesus. N.T. Wright formuliert die Gedanken vieler so: „„Ja, Gott hat die Welt erschaffen, aber wir sind Sünder, und deshalb hat Gott Jesus gesandt, um uns von unseren Sünden zu erlösen.““

    Aber das Wort Christus in ‚Jesus Christus‘ ist kein zweiter Vorname sondern der Titel: „Jesus, der jüdische Messias“. Und mit ‚unser Herr‘ ist nicht vage gemeint ‚den wir verehren und anrufen‘. Herr hat hier die Bedeutung eines echten Herrschers.

    Der nächste Teil im Glaubensbekenntnis ist derjenige, den wir schon am Anfang der Serie angesprochen haben und der den größten Teil der Evangelien ignoriert:

    empfangen durch den Heiligen Geist,
    geboren von der Jungfrau Maria,
    gelitten unter Pontius Pilatus,
    gekreuzigt, gestorben und begraben,

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Und warum? Interessanterweise werden hier viele an etwas denken, was erstaunlicherweise nicht in diese frühen Glaubensbekenntnissen hier steht: „Das Apostolische Glaubensbekenntnis erwähnt den Zweck des Todes nicht, ebenso wenig wie das Nizänische Glaubensbekenntnis – „der für uns Menschen und zu unserem Heil gestorben ist“ –, aber die meisten modernen Christen, die ein Glaubensbekenntnis haben, werden an dieser Stelle daran denken und zu Recht dankbar sein.“ Und man muss sich wie N.T. Wright diese Fragen stellen: „Aber werden sie die Menschwerdung so verstehen, dass Gott Mensch wird, um König zu werden? Werden sie das Kreuz als das Mittel verstehen, mit dem Gott sein Werk des fleischgewordenen Königreichs vollendete? Ziemlich sicher nicht.“

    Tatsächlich kann ich N. T. Wright hier gut verstehen: „Tatsächlich habe ich manchmal Angst, dass die Menschen umso eifriger darauf bedacht sind, die offiziellen Lehren in diesem verkürzten Sinne zu bestätigen, um die Implikationen, dass Gott tatsächlich König auf Erden wie im Himmel ist, sorgfältig zu vermeiden. Es ist viel sicherer, einen Supermann Jesus zu haben, der in die Welt hinabsteigt, um uns von ihr zu befreien.“

    Den nächsten Teil im Glaubensbekenntnis werden wohl auch die wenigsten verstehen und schnell übergeben:

    hinabgestiegen in das Reich des Todes [lateinisch descendit ad inferos, oft als Hölle übersetzt],

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Warum sollte Jesus in die Hölle hinabsteigen? Oder in des Reich des Todes? ‚Hinabsteigen‘ ist ja eine aktive Tätigkeit, die sonst nur Lebende durchführen können, aber davor heißt es doch, er sei gestorben gewesen. Wie gut, dass gleich danach ein vertrauter schöner Gedanke kommt:

    am dritten Tage auferstanden von den Toten,
    aufgefahren in den Himmel;
    er sitzt zur Rechten Gottes,
    des allmächtigen Vaters;

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Sind wir uns der symbolischen Bedeutung dieser Beschreibung bewusst? Oder bleibt nur der Eindruck, dass Jesus einfach weit weg ist? Aber dann kommt das, worauf viele Christen warten:

    von dort wird er kommen,
    zu richten die Lebenden und die Toten.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    „Gut, denken Christen, für die das Glaubensbekenntnis zentral ist. Das Jüngste Gericht mag eine beängstigende Aussicht sein, aber wir wissen, dass wir, da wir durch den Glauben gerechtfertigt sind, „keine Verdammnis“ zu fürchten brauchen, wie Paulus sagt (Römer 8,1).“ Und beutet das nicht, dass wir dann in den Himmel kommen? Da steht allerdings nicht da.

    Damit könnte das Apostolische Glaubensbekenntnis doch aufhören, doch es tut es nicht:

    Ich glaube an den Heiligen Geist,
    die heilige katholische (christliche/allgemeine)[11] Kirche,
    Gemeinschaft der Heiligen,
    Vergebung der Sünden,
    Auferstehung der Toten[12]
    und das ewige Leben.
    Amen.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Nun gilt es zum einen festzuhalten, dass das lateinische „sanctam Ecclesiam catholicam“ sich nicht auf die heutige Katholische Kirche bezieht. Sondern mit catholicam allgemein gemeint ist. Also eine ganz andere Aussage. Und was ist die „Gemeinschaft der Heiligen“? Und spätestens bei der „Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ werden viele meinen, dass damit des ewige Leben im Himmel gemeint ist. Diesen Gedanken haben die Christen damals aber nicht in den Evangelien gefunden und auch nicht ins Apostolischen Glaubensbekenntnis hineingeschrieben.

    Wir sehen, dass ein Glaubensbekenntnis vielleicht hilfreich sein kein, einige wesentlich Kernelemente des Glaubens im Sinn zu behalten. Aber ohne die Grundlage der Evangelien man gar nicht richtig weiß, was damit gemeint ist.

    Eine andere Art, das Glaubensbekenntnis zu lesen

    Gehen wir das Apostolische Glaubensbekenntnis also nochmal durch:

    Ich glaube an Gott,
    den Vater, den Allmächtigen,
    den Schöpfer des Himmels und der Erde.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    „Hier wird der weise Anbeter den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs feiern, weil er weiß, dass dieses Bekenntnis zu ihm als „Vater“ auf die jüdischen Schriften zurückgeht und dass die Freude an ihm als Schöpfer von allem, Himmel und Erde, uns nicht nur auf eine Stufe mit dem Autor von Genesis 1 stellt, sondern auch mit so majestätischen Schriften wie Psalm 19 … Jesaja 40 … Psalm 96.“

    Vielleicht denkst du jetzt: ‚Moment mal, Gott wird im Alten Testament doch nicht als Vater bezeichnet!‘ Tatsächlich nicht? Nehmen wir zum Beispiel 2. Mose 4::22-23 „Dann wirst du dem Pharao verkünden: ‚So spricht Jahwe: Israel ist mein erstgeborener Sohn. Und ich sage dir: Lass meinen Sohn ziehen, dass er mir dient. …‘“ (NEÜ) Hier spricht er doch von der engen Beziehung wie zwischen Vater und Sohn, uns so haben es die Israeliten auch im Schma Israel nach 5. Mose 6:4-9 empfunden.

    Und so wird die ganze Schöpfung – Himmel und Erde – ein Tempel für Gott werden, wie Paulus schrieb: „Er will dann, wenn die richtige Zeit dafür gekommen ist, seinen Plan ausführen und alles unter ‹das Haupt von› Christus bringen, alles, was im Himmel und auf der Erde existiert.“ (Epheser 1:10, NEÜ) Was uns gleich zum nächsten Punkte im Glaubensbekenntnis bringt.

    Und an Jesus Christus,
    seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Wie schon gesagt, ist Christus in ‚Jesus Christus‘ ist kein zweiter Vorname sondern der Titel: „Jesus, der jüdische Messias“ Und mit ‚unser Herr‘ ist nicht vage gemeint ‚den wir verehren und anrufen‘. Herr hat hier die Bedeutung eines echten Herrschers. Was uns an Psalm 2 erinnern sollte. „Und ihn als „Herr“ zu bezeichnen, war im Kanon nie eine bloße Ehrenbezeichnung. Es war einer der regulären kaiserlichen Titel.“

    empfangen durch den Heiligen Geist,
    geboren von der Jungfrau Maria,
    gelitten unter Pontius Pilatus,
    gekreuzigt, gestorben und begraben,

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Die Geburt Jesu war ein hoch politischer Moment, wie es auch Matthäus und Lukas so darstellen. Er ist es, der das Königreich des einen wahren Gottes etablieren wird.

    Das Nizänische Glaubensbekenntnis fügt hier hinzu: „Für uns Menschen, und unsere Rettung“. Aber das legt einen Schwerpunkt auf etwas ganz anderes, als das, was davor über das Königreich Gottes gesagt wurde. N.T. Wright schreibt dazu: „Ja, in der Tat, aber diese „Rettung“ ist nicht eine Rettung von der Erde, von Gottes Schöpfung, sondern in und für die Erde und für uns als Geschöpfe der Erde.“

    hinabgestiegen in das Reich des Todes [lateinisch descendit ad inferos, oft als Hölle übersetzt],

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Wo kommt eigentlich dieser eine Gedanke her, dass Jesus nach seiner Hinrichtung und vor der Auferstehung, in das „Reich des Todes“ oder die „Hölle“, wie oft übersetzt wurde, hinabgestiegen ist? Es gibt nur einen Bibelvers dazu: „So ist er auch zu den Geistern im Gefängnis hinabgefahren und hat ihnen die Botschaft verkündigt,“ (1. Petrus 3:19 Züricher) Warum ist das so wichtig, dass es im Glaubensbekenntnis steht? Vielleicht hilft uns auch hier N.T. Wrights Erklärung: „Es ist vor allem eine Aussage Jesu, der den „Geistern im Gefängnis“ verkündet, dass Gott durch seinen Tod den endgültigen Sieg errungen hat.“

    am dritten Tage auferstanden von den Toten,
    aufgefahren in den Himmel;
    er sitzt zur Rechten Gottes,
    des allmächtigen Vaters;

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Die volle Bedeutung dieser Passage fasst N.T. Wright wie folgt zusammen: „Wenn Jesus derjenige ist, der das Schicksal Israels trägt, und wenn Israel das Volk ist, das die ultimativen Absichten Gottes trägt, seine Gerechtigkeit und neue Schöpfung zur Welt zu bringen, dann ist die Auferstehung Jesu der Startschuss für die neue Welt, in der diese Gerechtigkeit und neue Schöpfung endlich angekommen sind, auf der Erde wie im Himmel. „Manche Menschen, die hier stehen“, sagte Jesus, “werden den Tod nicht erleben, bevor sie sehen, dass Gottes Reich in Kraft tritt.“ Ja, und das haben sie jetzt. Und die Himmelfahrt ist dann, wie Lukas sicherlich beabsichtigt und Johannes und Matthäus andeuten, kein „Weggehen“ Jesu in dem Sinne, dass er aus den Augen und aus dem Sinn ist. Der Himmel ist im biblischen Denken schließlich der „Kontrollraum“ für die Erde. Dass Jesus jetzt „zur Rechten Gottes“ ist, bedeutet, dass ihm die volle Autorität über Himmel und Erde übertragen wurde, wie Jesus bei Matthäus ausdrücklich sagt. Jede Zeile in diesem Abschnitt des Glaubensbekenntnisses spricht also kraftvoll über das Königreich Gottes.“

    von dort wird er kommen,
    zu richten die Lebenden und die Toten.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Das Nizänische Glaubensbekenntnis fügt hier hinzu: „uns sein Königreich wird nie enden“. „Das Reich (das Jesus in seiner öffentlichen Karriere eingeführt und durch seinen Tod und seine Auferstehung errichtet hat) wird niemals enden.“

    Ich glaube an den Heiligen Geist,
    die heilige katholische (christliche/allgemeine)[11] Kirche,
    Gemeinschaft der Heiligen,
    Vergebung der Sünden,
    Auferstehung der Toten[12]
    und das ewige Leben.
    Amen.

    Apostolische Glaubensbekenntnis

    Mit den Gedanken zum Königreich Gottes im Sinn erkennt man besser, warum der heilige Geist gegeben wurde: Es gibt klar einen missionarischen Auftrag, der durch den heiligen Geist ermöglicht wird. (Johannes 20:19-24) Es geht nicht primär darum, dass sich Gottes erlöstes Volk durch seine Präsenz und Liebe wohl fühlt, sondern was wir daraus machen. Die „heilige katholische Kirche“ ist nicht die Institution, in der wir uns niederlassen und sicher fühlen können. Es ist die weltweite Gemeinschaft, welche aus ihrem Missionsauftrag heraus besteht. Es geht darum, dass wir mit diesen ‚Königreichs Leuten‘ aller Zeiten eine Gemeinschaft bilden und uns solidarisch fühlen.

    Und schließlich endet das Glaubensbekenntnis mit einer wirklich bewegenden Aussage.

    Und so kommen wir schließlich zu der „Auferstehung des Leibes und dem ewigen Leben“. Hier müssen wir um die bekannten Worte die große neutestamentliche Hoffnung „festmachen“: „das Leben des kommenden Zeitalters“, das „kommende Zeitalter“, in dem die ganze Schöpfung verwandelt wird, um die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes zu teilen. Und in dieser neuen Schöpfung, dem Zusammenkommen von Himmel und Erde, von dem Paulus sprach (Eph. 1:10), wird Gottes Volk ein neuer Körper versprochen. Ich habe darüber schon an anderer Stelle geschrieben, aber es lohnt sich vielleicht, es noch einmal zu wiederholen. Wenn du zu Jesus, dem Messias, gehörst, wenn sein Geist in dir wohnt, wenn du ein Anbeter des einen wahren Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erde, bist – dann bist du, egal wie du dich im Moment fühlst, ob du krank oder gesund bist, ob du handzahm oder müde bist, nur ein Schatten deines zukünftigen Selbst. Gott hat vor, das „Du“, das du im Moment bist, in ein Wesen zu verwandeln – ein volles, herrliches, körperliches Wesen – das viel mehr „Du“ sein wird, als du es je zuvor warst.

    N.T. Wright

    Zusammenfassung

    An dieser Stelle möchte ich N.T. Wright selbst seine Gedanken zusammenfassen lassen:

    Ich verstehe die Frustration derjenigen, die jetzt sagen, dass wir sozusagen mit den Glaubensbekenntnissen beginnen sollten, damit wir die Bibel wenigstens auf eine „gläubige“ Weise lesen können. Aber wenn wir mit den Glaubensbekenntnissen beginnen, so wie unser westliches Christentum sie heute mehr oder weniger lesen muss, werden wir die Evangelien und damit den ganzen Kanon nicht verstehen. Wenn wir jedoch mit den Evangelien beginnen, die das Herz und den Mittelpunkt des gesamten christlichen Kanons bilden, und wenn wir sie so verstehen, dass sie die Story erzählen, wie Gott, der Schöpfergott, Israels Gott, in und durch Jesus zum König der ganzen Welt wurde, dann können wir zu den Glaubensbekenntnissen zurückkehren und sie in einem ganz anderen Geist sprechen. Wenn wir die Tradition an die erste Stelle setzen, wird die Heilige Schrift mundtot gemacht und verblasst. Stelle die Schrift an die erste Stelle, und die Tradition wird zu neuem Leben erwachen. Noch besser ist es, wie Jesus selbst sagte, Gottes Königreich an die erste Stelle zu setzen – an die erste Stelle die Offenbarung, dass dies die Story ist, wie Gott König wurde, wie uns die Evangelien eifrig erzählen! – und all das wird euch hinzugefügt werden.

    N.T. Wright

    In diesem Buch geht es um eine neue Realität, die neue Realität Jesu und die Einführung des Königreiches Gottes. Die neue Realität einer Story, die so explosiv ist (im Gegensatz zu der verworrenen, trüben „Selbsthilfe“-Welt der nicht-kanonischen Evangelien!), dass die Kirche in vielen Generationen damit überfordert war und sie verwässert, in kleine Teile zerlegt und in kleine Lektionen verwandelt hat, anstatt ihre volle Wirkung zu entfalten. Ein Teil der Tragödie der modernen Kirche besteht meiner Meinung nach darin, dass die „Orthodoxen“ das Glaubensbekenntnis dem Königreich Gottes vorgezogen haben und die „Unorthodoxen“ versucht haben, ein Königreich Gottes ohne Glaubensbekenntnis zu erlangen. Es ist an der Zeit, wieder zusammenzufügen, was niemals hätte getrennt werden dürfen. In Jesus ist der lebendige Gott zum König der ganzen Welt geworden. Diese Bücher erzählen nicht nur die Story, wie das passiert ist. Sie sind das zentrale Mittel, mit dem diejenigen, die sie lesen und beten, dazu beitragen können, dieses Reich in der Welt von morgen Wirklichkeit werden zu lassen. Wir haben die Evangelien viel zu lange missverstanden. Es ist an der Zeit, in der Kraft und Freude des Heiligen Geistes wieder auf den richtigen Weg zu kommen.

    N.T. Wright
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 10: Königreich und Kreuz: Die Umdeutung von Bedeutungen

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 10: Königreich und Kreuz: Die Umdeutung von Bedeutungen

    Von Christian / N. T. Wright


    Im zehnten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) wird erläutert, warum Königreich und Kreuz keine völlig unabhängigen Themen sind, wie wir vielleicht denken. Ich möchte seine Einleitung des Kapitels direkt zitieren:

    In Teil I dieses Buches haben wir festgestellt, wie wir darauf konditioniert wurden, die Evangelien so zu lesen, als ob die Themen des Königreiches Gottes und des Kreuzes auf Distanz zueinander gehalten werden könnten. Wie wir gesehen haben, wird die Story, die die Evangelien erzählen, häufig so verstanden, dass die öffentliche Karriere Jesu mit einer Zeit der glücklichen, frühen Erfüllung begann, in der alles gut zu laufen schien, dass sie dann aber eine dunkle Wendung nahm und in Opposition, Unbeliebtheit und schließlich in Verhaftung, Prozess, Folter und Tod mündete. Wie ich versucht habe zu erklären, ist diese Aufspaltung der Story in den vier Evangelien zustande gekommen, weil die Story, die die Schreiber tatsächlich erzählen, einfach nicht in die Kategorien passte, die Leser über die Jahrhunderte hinweg, darunter auch einige sehr gläubige, mitbrachten. Aber wir sollten keinen Zweifel daran haben, dass es für die Verfasser der Evangelien selbst nie eine Botschaft vom Königreich Gottes ohne ein Kreuz gab und dass die Kreuzigung Jesu nie eine Bedeutung hatte, die von der Einführung des Königreiches Gottes getrennt war. Unsere Aufgabe ist es nun, nachdem wir uns in die Evangelien zurückgearbeitet haben, indem wir die Lautstärke der vier entscheidenden Lautsprecher angepasst haben, eine positive Aussage darüber zu machen, was passiert, wenn wir Königreiche und Kreuz nicht als zwei Themen behandeln, sondern im Wesentlichen als eins. Wir beginnen mit zwei Szenen, die mehr oder weniger den Anfang und Abschluss der gesamten Darstellung in jedem der Evangelien bilden: Jesu Taufe und der „Titel“ am Kreuz. In jeder dieser Szenen – und jede ist ein entscheidender Hinweis auf die Bedeutung, welche die Autoren ihr geben wollten – sehen wir genau die Kombination von Königreiche und Kreuz, die sich in der Geschichte der Auslegung als so schwer fassbar erwiesen hat.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Das zehnte Kapitel ist ziemlich lang – etwa 15% des Buches! Daher werde ich nur einige der Hauptpunkte zitieren und die Argumentation, welche zu diesen Aussagen führt, nicht oder nur sehr knapp erwähnen. Da es das Buch auch in deutscher Übersetzung gibt, möchte auf dieses dafür verweisen.

    Taufe und Königreich

    Die Beschreibung der Taufe Jesu in Johannes 1 verknüpft diese beiden Themen:

    Jesus ist nicht einfach als „Übermensch“ gekommen, als „göttlicher Held“, der mit dem Fallschirm in der Welt landet, um das Chaos zu beseitigen. Er ist gekommen – und die Story des Evangeliums macht nur Sinn, wenn wir das sehr ernst nehmen – als derjenige, der Israels ultimative Berufung in sich selbst verkörpern wird.

    Der Titel „Sohn Gottes“ drückt beide Hälften dieses komplexen und fein austarierten Bildes aus.

    Die himmlische Ankündigung, dass Jesus „mein Sohn, mein Geliebter“ ist, derjenige, an dem Gott seine Freude hat, bedeutet für diejenigen, die biblisch aufmerksame Ohren haben, dass Jesus als der König aus Psalm 2 und der Knecht aus Jesaja 42 gekennzeichnet ist.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Dieser Bezug auf Psalm 2 und Jesaja 42 lassen uns das Königreichs-Thema nicht ignorieren, da es darin doch so prominent vorkommt.

    Vielmehr deuten alle Zeichen darauf hin, dass das Ziel der Inkarnation und des Kreuzes genau darin besteht, Gottes Königreich zu errichten; das ist es schließlich, was Jesus zu sagen beginnt, als er nicht lange nach seiner Taufe seine öffentliche Laufbahn beginnt (Mt. 4,17 und Parallelen).

    Mit anderen Worten: Mit dem Echo der Anfangsworte des ersten „Knecht“-Gedichts laden die synoptischen Autoren ihre Leser nicht nur dazu ein, Jesus als denjenigen zu betrachten, der stirbt, damit Sündern vergeben werden kann. Sie berufen sich auf eine der wichtigsten Schriftstellen, in der der Gott Israels, JHWH, seine Herrschaft über die ganze Welt begründet, obwohl sein eigenes Volk nicht an ihn glaubt. Er wird sie durch die Arbeit des Knechtes retten, aber das zu tun, ist „zu leicht“. Er wird durch den Knecht „ein Licht für die Völker sein, damit sein Heil bis an das Ende der Erde reicht“ (49,6). Im Zentrum all dessen steht die ultimative gute Nachricht: „Dein Gott regiert“, malak elohayik (52:7). Er ist König und hat das bewiesen, indem er die heidnischen Königreiche und ihre Götzen gestürzt, seine weltweite Gerechtigkeit enthüllt und alle und jeden eingeladen hat, sich ihm zuzuwenden und die Vorteile seines erneuerten Bundes und seiner erneuerten Schöpfung zu genießen (Jes. 54-55).

    Bei der Tauferzählung in allen Evangelien geht es also nicht einfach nur um die „göttliche Identität“ Jesu einerseits oder um ein bestimmtes „Sühneprogramm“ im Sinne einer Rettung aus der Welt der Schöpfung andererseits. Ja, die Evangelien bekräftigen die göttliche Identität Jesu. Ja, sie bekräftigen seinen Tod am Kreuz als den Höhepunkt von Gottes altem Heilsplan. Aber der Grund, warum Gott inkognito in und als Jesus kam und warum dieser Jesus am Kreuz starb, war – so erzählen es uns die Evangelien – um Gottes Königreich, seine Gerechtigkeit, auf Erden wie im Himmel zu errichten. Wie in Psalm 2 geht es darum, dass die Völker auf diese Weise zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Auf diese Weise bringt der Schöpfer seine Schöpfung wieder in die richtige Form.

    Ich denke an die Geschichte auf dem Emmausweg, in der der auferstandene Jesus erklärt, dass der göttliche Plan immer vorsah, dass der Messias leidet und dann „in seine Herrlichkeit kommt“ (Lukas 24,26). Wir stellen fest, dass „in seine Herrlichkeit kommen“ nicht einfach „in den Himmel kommen“ im normalen Sinne bedeutet; „Herrlichkeit“ ist eine Art, „souveräne Majestät“ zu sagen, so dass der Spruch genau die beiden Themen verbindet, die wir betrachten. Die Kreuzigung war der angemessene und lange prophezeite Weg, auf dem der Messias zum König der ganzen Welt werden würde, und Lukas‘ zweiter Band, die Apostelgeschichte, beschreibt, wie das ablief.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Der „Titel“ am Kreuz

    Das lateinische Wort titulus wurde verwendet, um die öffentliche Bekanntmachung zu beschreiben, was die hingerichtete Person sich zu schulden hat kommen lassen. Und Pilatus lies dies verkünden: „Jesus von Nazareth, König der Juden“

    Im Johannes Evangelium wird immer wieder klar gemacht, dass Jesus der „Messias“ ist. Dieser Titel ist im Johannes Evangelium daher der Gegenpol zur Erkenntnis der ersten Jünger Jesu in Kapitel 1. Natürlich ist dieser Titel auch äußerst ironisch. Pilatus weiß, dass Jesus mit keiner der Bedeutungen von „König“ konform geht, die Pilatus kennt. Er hat die Bedeutung von „König sein“ neu definiert. In Johannes geht es hier um eine Theologie des Königreiches. Wie Paulus schreibt, hatten die Herrscher der Welt keine Ahnung davon, was sie bei der Kreuzigung taten. (1. Korinther 2:8)

    Der springende Punkt ist, dass die Leser in allen vier Evangelien nachdrücklich aufgefordert werden, den Tod Jesu als ausdrücklich „königlich“, ausdrücklich „messianisch“ zu betrachten – mit anderen Worten, er hat ausdrücklich mit dem Kommen des „Königreiches“ zu tun.

    Jesus, so sagt Johannes, ist der wahre König, dessen Königreich auf völlig unerwartete Weise kommt – eine Torheit für den römischen Statthalter und ein Skandal für die jüdischen Führer.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    „Du bist der Messias“

    Markus 8:27-30 ist hier eine Schlüsselpassage, in der Petrus diese Worte sagt: „Du bist der Messias“.

    Dies ist der Mittelpunkt des Markus Evangeliums, der auf die Stimme bei der Taufe zurückblickt und auf die paradoxe Frage des Kaiphas bei der Gerichtsverhandlung vorausschaut („Bist du der Messias, der Sohn des Gesegneten?“ 14:61, was im Griechischen eine Aussage ist, wird durch die Interpunktion und vermutlich den Tonfall in eine Frage umgewandelt) und dann die Aussage des Hauptmanns am Fuß des Kreuzes („Dieser Mann war wirklich Gottes Sohn“, 15:39). 

    Der Messias wird durch einen schrecklichen Tod in sein Reich kommen, und diejenigen, die ihm nicht nur folgen, sondern dazu berufen sind, sein Werk zu vollenden, müssen damit rechnen, dass ihre königliche Aufgabe – denn das ist sie – auf dieselbe Weise und mit denselben Mitteln erfüllt wird. Alles deutet darauf hin, dass die frühe Kirche dies sehr wohl verstanden hat, genauso wie es (leider) Anzeichen dafür gibt, dass die heutige Kirche dies nicht tut – außer natürlich in den Teilen der Welt, wie China und dem Sudan, wo es keine andere Wahl gab.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Petrus Worte „Du bist der Messias“ bedeuten also, „du bist Israels’ Messias“, wie Paulus in Römer 8:3-4 und Galater 4:4-7 bestätigt.

    Die vier Evangelien wollen uns also sagen, dass das messianische Reich, das Jesus herbeiführen will, durch sein Leiden und das Leiden seiner Jünger entstehen wird. Aber es ist vor allem Jesu eigenes Leiden, das im Laufe der Evangelien als einzigartig und einzigartig wirksam herausgestellt wird. Der Schlüsseltext in Markus 9,1 und den Parallelen, der so oft als unerfüllte Vorhersage eines bevorstehenden „zweiten Kommens“ oder sogar des „Endes der Welt“ gelesen wird, war von den Evangelisten oder, wie ich glaube, von ihren Quellen oder früheren Überlieferungen nie so gemeint. Am Ende der Vorhersage Jesu, dass er und seine Jünger leiden werden, heißt es in diesem Text:

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie das Reich Gottes sehen, wenn es gekommen ist mit Macht.

    Markus 9:1 Züricher

    Aber scheint der Paralleltext in Matthäus 16:28 nicht etwas anderes auszusagen?

    Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.

    Matthäus 16:28 Züricher

    Aber dieses Verständnis basiert auf einer Annahme, die zwar alltäglich, aber zutiefst falsch ist, nämlich dass sich das „Kommen des Menschensohns“ im Neuen Testament auf das „Kommen“ desjenigen bezieht, der gerade im Himmel ist. 

    In Daniel „kommt einer wie ein Menschensohn“, also eine „menschliche Gestalt“, von der Erde in den Himmel, um vor dem „Alten der Tage“ präsentiert zu werden. Es ist ein Wechsel vom Leiden und der Erniedrigung zur Inthronisierung und Herrschaft.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Matthäus denkt nicht, dass sich die Worte aus Matthäus 16:28 auf eine Zeit weit in der Zukunft bezieht, sondern auf Jesus Tod und Auferstehung, auf die sich Jesus nur wenige Verse vorher bezogen hat. Markus fügt in 9:1 noch „in Macht“ hinzu und Lukas spricht in 9:27 von „Gottes Königreich“.

    Diese parallelen Verse lassen sich in der Absicht aller drei Evangelisten am besten so lesen, dass sie auf die Erfüllung des Reiches Gottes hinweisen, die nach Meinung der Autoren der betreffenden Evangelien bereits mit dem Tod und der Auferstehung Jesu eingetreten ist. 

    Sie glaubten dies natürlich wegen der Auferstehung Jesu – genauso wie es der Unglaube an die leibliche Auferstehung war, der Gelehrte von Reimarus bis Bultmann und darüber hinaus zu der Annahme veranlasste, dass es noch ein großes kommendes Ereignis geben muss, auf das sich die Evangelisten beziehen. Diese Gelehrten haben normalerweise angenommen, dass dieses große kommende Ereignis die Parusie ist. Das Wort Parusie ist ein griechischer Begriff und bedeutet „königliche Gegenwart“ oder „göttliches Erscheinen“, vielleicht auch beides. Er wird von den Gelehrten des Neuen Testaments regelmäßig als Fachbegriff für das „zweite Kommen“ Jesu und die damit verbundenen Phänomene verwendet, von denen die frühe Kirche glaubte, dass sie „unmittelbar bevorstehen“. Die frühen Christen glaubten, dass die Parusie der endgültige Zeitpunkt für die Einführung des Königreiches Gottes sein würde. Dieser wissenschaftliche Irrtum hat sich mit dem Dispensationalismus der populären (meist amerikanischen) Subkultur und Spekulationen vermischt und zu der heutigen Verwirrung über die „Endzeit“ geführt, die das heutige amerikanische Kirchenleben so stark prägt.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Die Erzählung vom Kreuz

    Es wird oft angenommen, dass die vier Evangelisten bei der Schilderung der Ereignisse, die zur Kreuzigung Jesu führten, kaum die Absicht haben, eine theologische Interpretation dieser Ereignisse zu geben. Um noch einmal einen Schritt zurück zu gehen: Wenn man über „Sühnetheologie“ schreibt, neigt man dazu, sich auf Paulus und den Hebräerbrief zu stützen und die Evangelien nur für die losgelösten Phrasen heranzuziehen, die (so scheint es) das „theologische“ Konstrukt stützen, das man bereits aus Paulus entnommen hat. Die eigentlichen Erzählungen von der Verhaftung, dem Prozess und der Kreuzigung Jesu wurden natürlich nach Hinweisen auf die „Bedeutung“ durchforstet, und dies wurde nicht zuletzt in der Verwendung des Alten Testaments, von Passagen wie Psalm 22,1, gefunden.

    Mit anderen Worten: Die Prüfungen befassen sich mit dem theologischen und soteriologischen „Warum“ des Kreuzes, nicht nur mit dem „Wie“. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Die großartige Szene in Johannes mit Jesus und Pilatus gibt uns die Gründe für das Kreuz, und das sind Königreichs-Gründe. N.T. Wright weist hier allerdings auch auf ein weit verbreitetes Missverständnis hin:

    Jesus ergreift erneut die Initiative in dem Gespräch und führt die Diskussion über verschiedene Arten von „Königreichen“ ein. „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“, sagt er (18:36). (An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die übliche Übersetzung „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“ zu zahlreichen Fehlinterpretationen in allen vier Evangelien beigetragen hat, die den Eindruck erwecken, dass Jesu „Königreich“ einfach „jenseitig“ ist. Das griechische Wort für „von dieser Welt“ ist ek toukosmou toutou; das ek, das „heraus“ oder „von“ bedeutet, ist das entscheidende Wort). Es steht außer Frage, dass Jesus von einem „Königreich“ in und für diese Welt spricht.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Und so betont Jesus, dass genau das geschehen muss, wenn Gottes Königreich erfolgreich seinen Weg bahnt – und zwar nicht mit Gewalt sondern gewaltlos. „Und in der weiteren johanneischen Perspektive entdecken wir, dass das einzige Wort, das dieser Kombination aus Königreich und Kreuz gerecht wird, agape, „Liebe“, ist.“

    Ich lasse jetzt einmal die Analyse von Johannes 19 aus und gebe nur sein Resume wieder:

    Allmählich, Stück für Stück, entdecken wir in einer Erzählung voller ironischer Königreichstheologie das theologische „Warum“ des Kreuzes im historischen „Wie“. Wie wir schon die ganze Zeit erkannt haben sollten, ist die „Erhöhung“ Jesu am Kreuz seine Verherrlichung als „König der Juden“, denn das Königreich, das auf diese Weise verwirklicht wird, ist der Sieg der Liebe Gottes. Königreich und Kreuz sind vollständig verbunden.

    Das berühmte tetelestai in 19,30 („Es ist vollbracht!“) entspricht dem synetelesen in Genesis 2,2 („Gott vollendete das Werk, das er getan hatte“); 

    Das Kreuz dient dem Ziel des Reiches Gottes, so wie das Reich Gottes durch den Sieg Jesu am Kreuz vollendet wird.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Tempel, Königreich und Kreuz

    Die zentrale Bedeutung eines Tempels und insbesondere des Tempels in Jerusalem für gläubige Juden ist für uns nur schwer zu erfassen. Sollten wir uns diesen wie ein heutiges religiöses Gebäude vorstellen – zum Beispiel eine Kathedrale oder eine Moschee – dann liegen wir ziemlich daneben. Mittlerweile ist heute weitgehend anerkannt, dass es in der Antike keine Trennung von ‚Religion‘ und anderen Dingen wir ‚Politik‘, ‚Kultur‘ oder ‚Ökonomie‘ gab.

    Gerade im Judentum hätte das keinen Sinn gemacht. Der Tempel war nicht nur das Zentrum des gesamten nationalen Lebens. Die Juden glaubten (wie viele andere alte Völker auch), dass der Tempel der Ort war, an dem Himmel und Erde miteinander verbunden waren und sich überschnitten. 

    Der „Himmel“ wurde schließlich als der Thronsaal angesehen, der Ort, von dem aus die „Erde“ regiert werden sollte. Aber wenn der „Himmel“ mit einem bestimmten Punkt auf der „Erde“ in Verbindung gebracht wurde, dann war dieser Punkt der Ort, an dem die Macht konzentriert war. Göttliche Macht. Theokratie. Das Königreich Gottes.

    Und die Evangelien erzählen die Geschichte von Jesus als die Geschichte eines wandelnden Ein-Mann-Tempels. Schon früh in der Geschichte finden wir die Andeutungen. „Wer ist das?“, fragen die Menschen, als Jesus bemerkenswerte Dinge tut, mit Autorität spricht und handelt und sich so verhält, als ob er derjenige wäre, der jetzt das Sagen hat. Jesus wird in den Evangelien als Ein-Mann-Apokalypse dargestellt, als der Ort, an dem sich Himmel und Erde treffen, als der Ort und das Mittel, durch das die Menschen kommen und sich als Volk des einen Gottes erneuert und wiederhergestellt finden, als der Ort, an dem die Macht neu definiert, auf den Kopf gestellt oder vielleicht auch richtig herum gestellt wird. 

    Die Evangelisten haben keinen Zweifel: Jesus ist die Realität, der Ort, an dem Israels Gott jetzt wohnt, der Mensch, in dem und durch den derjenige, der Abraham rief und seine Stimme vom Sinai ausstieß, jetzt zurückgekehrt ist, um zu richten und zu retten. Jesus ist die Realität, und der gegenwärtige Tempel und seine offiziellen Sprecher müssen vor ihm weichen. Aus Sicht der Evangelisten ist es kein Zufall, dass der Vorhang des Tempels von oben bis unten zerrissen wird, als Jesus schließlich seinen letzten Atemzug tut (Markus 15,38)

    Für eine wahrhaft jüdische Vision der Theokratie braucht man Gott in der Mitte. Was uns die Evangelien bieten – vor allem Johannes, aber eigentlich alle – ist ein Gott, der in und als Jesus, dem Messias, in der Mitte ist, und ein Gott, der sich verpflichtet, durch Jesus in der Person des Geistes in der Mitte zu bleiben. Jesus selbst ist der neue Tempel im Herzen der neuen Schöpfung, für den Tag, an dem die ganze Erde von der Herrlichkeit Gottes erfüllt sein wird, wie das Wasser das Meer bedeckt. 

    Es ist viel, viel mehr. Es ist der Moment, in dem die Story Israels ihren Höhepunkt erreicht; der Moment, in dem die Wächter auf den Mauern Jerusalems endlich ihren Gott in seinem Königreich kommen sehen; der Moment, in dem das Volk Gottes erneuert wird, um endlich die königliche Priesterschaft zu sein, die die Welt nicht mit der Liebe zur Macht, sondern mit der Macht der Liebe erobern wird; der Moment, in dem das Königreich Gottes die Reiche der Welt überwindet. Es ist der Moment, in dem eine große alte Tür, die seit unserem ersten Ungehorsam verschlossen und verriegelt war, plötzlich aufschwingt und nicht nur den Garten offenbart, der zu unserer Freude wieder geöffnet ist, sondern die kommende Stadt, die Gartenstadt, die Gott schon immer geplant hatte und uns nun einlädt, durch die Tür zu gehen und mit ihm zu bauen. Die dunkle Macht, die sich dieser Vision des Königreichs in den Weg stellte, wurde besiegt, gestürzt und für null und nichtig erklärt. Ihre Legionen werden immer noch viel Lärm machen und viel Kummer verursachen, aber der endgültige Sieg ist jetzt gesichert. Das ist die Vision, die uns die Evangelisten bieten, wenn sie das Königreich Gottes und das Kreuz zusammenbringen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Königreich und Kreuz in gegenseitiger Interpretation

    Sobald man erkannt hat, dass Königreich und Kreuz in den Evangelien verknüpft sind, ist es möglich das eine aus dem Blickwinkel des anderen zu betrachten. N.T. Wright führt hier jeweils drei Reflexionen an. Zuerst einmal das Königreich aus Sicht des Kreuzes:

    Erstens bestehen die Evangelisten darauf, dass das Königreich Gottes wirklich von Jesus in seiner aktiven öffentlichen Laufbahn, in der Zeit zwischen seiner Taufe und dem Kreuz, eingesetzt wurde. Die gesamte Erzählung der Evangelien ist die Story, „wie Gott in und durch Jesus König wurde“.

    Zweitens wird dieses Königreich radikal in Bezug auf die gesamte Leidensgeschichte Jesu definiert, die zum Kreuz führt. 

    Drittens ist das Königreich, das Jesus eingesetzt hat und das durch sein Kreuz verwirklicht wird, ausdrücklich für diese Welt bestimmt. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    „Was lernen wir also über das Kreuz, wenn wir entdecken, dass es in den Evangelien als das Mittel dargestellt wird, mit dem Gott (in Jesus) zum König der Welt wird? “

    Erstens: Die Art und Weise, wie wir normalerweise die Optionen in der Sühnetheologie aufgelistet haben, reicht einfach nicht aus. Unsere Fragen waren falsch gestellt, denn sie drehten sich nicht um das Königreich. Es ging nicht um die souveräne, rettende Herrschaft Gottes, die auf der Erde wie im Himmel herrscht. Stattdessen drehten sich unsere Fragen um eine „Erlösung“, die die Menschen von der Welt rettet, anstatt für die Welt. „Es geht darum, in den Himmel zu kommen (zumindest in der westlichen Kirche seit dem Mittelalter); die Sünde ist das, was uns daran hindert, dorthin zu gelangen. Das Kreuz muss also die Sünde beseitigen, damit wir diese Welt verlassen und in die viel bessere Welt im Himmel oder in der „Ewigkeit“ oder wo auch immer gehen können. Aber das entspricht einfach nicht der Story, die die Evangelien erzählen – was wiederum erklärt, warum wir alle diese wunderbaren Texte falsch gelesen haben. … Aber die Idee des messianischen Sieges als neue Interpretation eines alten jüdischen Themas ist genau das, was die vier Evangelien im Sinn haben.

    Zweitens: Wenn wir das Kreuz im Licht des Königreichs sehen, entdecken wir einen neuen und hilfreichen Rahmen für das Verständnis der schwierigen Fragen, die mit der stellvertretenden Sühne verbunden sind. … Was die Evangelien selbst angeht, sollte kein Zweifel daran bestehen, dass sie dieser Linie folgen. Für sie stirbt Jesus den stellvertretenden Tod für die Schuldigen, für das schuldige Israel und die schuldige Menschheit. Durch seinen Tod, so sagen die Evangelisten ihren Lesern, wird das Jubel-Ereignis kommen, die große Erlösung, die Freiheit von Schulden jeder Art, die er zuvor angekündigt hatte und die das zentrale Merkmal des Königreichs ist.

    Drittens: Wenn das Kreuz als das Kommen des Königreichs auf Erden wie im Himmel gedeutet werden soll, in dessen Mittelpunkt eine Art messianischer Sieg steht, mit einer Art Stellvertretung im Zentrum, die durch eine Art Repräsentation einen Sinn ergibt, dann finden wir in den vier Evangelien die Hauptanwendung des Kreuzes nicht in abstrakten Predigten darüber, „wie dir deine Sünden vergeben werden“ oder „wie du in den Himmel kommst“, sondern in einer Agenda, in der den vergeben wordenden Menschen an die Arbeit gehen und die Übel der Welt im Licht des Sieges von Golgatha angehen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Königreich, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt

    Neben Königreich und Kreuz finden wir in den Evangelien jedoch auch noch die Auferstehung und Himmelfahrt. Was die Auferstehung betrifft, hat N.T. Wright dazu in seinem Buch Suprised by Hope (Von Hoffnung überrascht) ausführlicher geschrieben und ich hatte dazu eine Serie veröffentlicht. In diesem Kontext ist die Auferstehung natürlich wichtig, weil die Evangelisten ohne Auferstehung keine Story zu erzählen gehabt hätten. Denn gekreuzigt wurden auch Tausende andere junger Juden. Die Evangelisten heben dabei noch weitere, verschiedene Aspekte hervor:

    Aus der Sicht von Markus ist die Auferstehung der Moment, in dem Gottes Königreich „in Kraft tritt“. Aus der Sicht des Johannes ist sie der Beginn der neuen Schöpfung, der neuen Genesis. Aus der Sicht von Matthäus bringt es Jesus in die Position, für die er schon immer bestimmt war, nämlich die des rechtmäßigen Herrn der Welt, der seine Anhänger aussendet (so wie ein neuer römischer Kaiser seine Abgesandten aussenden könnte, aber mit Methoden, die der Botschaft entsprechen), um die Welt aufzurufen, ihm zu folgen und seine Art des Menschseins zu lernen. Aus der Sicht des Lukas ist die Auferstehung der Moment, in dem Israels Messias „in seine Herrlichkeit kommt“, so dass die „Buße zur Vergebung der Sünden“ nun der ganzen Welt als Lebensweg verkündet werden kann, ja, wie es in der Apostelgeschichte heißt, als Der Weg.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Tatsächlich hat die Auferstehung weitere Konsequenzen.

    Himmel und Erde sind jetzt in der Person – im auferstandenen Leib! – von Jesus selbst vereint.

    Deshalb sendet er seine Anhänger aus, ausgerüstet mit seinem eigenen Geist (wenn die Himmelfahrt einen Teil der „Erde“ im „Himmel“ verortet, sendet Pfingsten den Atem des Himmels auf die Erde), um seine Souveränität über die Welt zu feiern und sie durch die Gründung von Gemeinschaften zu verwirklichen, die durch seine Liebe gerettet, durch seine Kraft erneuert und seinem Namen treu sind. 

    Wenn die Jünger Jesus zu Beginn der Apostelgeschichte fragen, ob es an der Zeit sei, „das Königreich Israel wiederherzustellen“ (1,6), ist seine Antwort nicht (wie oft angenommen) ein „Nein“. Sie ist ein „Ja“. Aber wie so oft ist es ein „Ja, aber“: …

    Und bei diesem „Zeugnis“ geht es nicht darum, „den Leuten von deiner neuen religiösen Erfahrung zu erzählen“ oder ihnen mitzuteilen, dass es jetzt eine neue Aussicht auf ein viel besseres jenseitiges Schicksal gibt als alles, was die düstere heidnische Welt zu bieten hatte. Das „Zeugnis“ der Jünger Jesu ist die Botschaft, dass es jetzt „einen anderen König gibt, Jesus“ (Apostelgeschichte 17,7). Es ist das Zeugnis, das besagt, dass die gegenwärtig existierenden Tempel, ob in Jerusalem, Athen, Ephesus oder anderswo, bestenfalls als überflüssig (Apg. 7) und schlimmstenfalls als blasphemischer Kategorienfehler (Apg. 17; 19) anzusehen sind. Jesus ist der wahre Tempel, der jetzt als der Gekreuzigte über die Welt herrscht; 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

    Und damit sind wir am Ende des Kapitels 10 angekommen. Vermutlich waren einige neue, ungewohnte Gedanken dabei. Die Begründungen mittels des Textes des Neuen Testaments habe ich weitgehend weggelassen, damit dieser Text nicht zu lang wird. Und vermutlich ist es auch besser, diese in seinem Buch zu lesen und in Ruhe nachzuvollziehen. Hier sollte es vor allem darum gehen, diese neuen – oder eigentlich sehr alten und nur für uns neuen – Gedanken zu vermitteln. Eine erneuerte Sicht auf die Evangelien, die man erkennen kann, wenn man die überlieferten Erklärungen, Einordnungen und Interpretationen weglässt und sich direkt mit dem Text der Evangelien beschäftigt. Dass damit sogar die alten Glaubensbekenntnisse wieder in Übereinstimmung und auf der Grundlage der Evangelien gelesen und verstanden werden können, werden im nächsten Teil sehen.

  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 9: Königreich und Kreuz in vier Dimensionen

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 9: Königreich und Kreuz in vier Dimensionen

    Von Christian / N. T. Wright


    Im neunten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) kommen wir nun zur zentralen Aussage seines Buches:

    Alle vier Evangelien erzählen die Story, wie Gott in und durch diese Story von Jesus von Nazareth König wurde.

    Die Geschichte, die Matthäus, Markus, Lukas und Johannes erzählen, ist die Story davon, wie Gott König wurde – in und durch Jesus, sowohl in seiner öffentlichen Laufbahn als auch in seinem Tod.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Da dies schon Folge 9 dieser Serie sind, wir aber erst gut die Hälfte der über der 300 Seiten behandelt haben, werde ich mich nun kürzer fassen. Es gibt das englische Buch mittlerweile auch in deutscher Übersetzung.

    Königreich, Kreuz und Israel

    Wenn die Verfasser der Evangelien also, wie wir bereits angedeutet haben, die Story von Jesus als Vollendung der Story Israels anbieten, in welchem Sinne ist sie dann jetzt vollständig? Wie hat sie sich erfüllt? Die Antwort scheint für die Verfasser der Evangelien selbst in dem dunklen Strang zu liegen, der in verschiedenen Phasen der Tradition des alten Israel auftaucht. Während die Psalmen und Propheten ihre Vision davon schärfen, wie Gottes Königreich in die Welt kommen soll, taucht ein seltsames und zunächst verwirrendes Thema auf: Israel selbst wird in diese Dunkelheit eintreten müssen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Als Beleg dafür führt N.T. Wright Psalm 22 an. Und dass sowohl Matthäus (27:46) und Markus (15:34) die Anfangsworte von Psalm 22 als Jesus Worte am Kreuz anführen. Dieses Leiden ist auch in Jesaja 52 und 53 zu finden, welche vom wahren Triumph in 54 und 55 gefolgt wird.

    Wenn wir die Story von Jesus als Höhepunkt der Story Israels betrachten, sollten wir nicht überrascht sein, wenn wir feststellen, dass das Leiden Israels und seines obersten Vertreters als Teil der umfassenderen und größeren Absichten des Gottes Israels zu verstehen ist, mit anderen Worten, der Errichtung seiner weltweiten heilenden Souveränität. Umgekehrt sollten wir nicht überrascht sein, wenn wir feststellen, dass dieser Gott, wenn er die Nationen schließlich als sein Eigentum beansprucht und sie von ihren bösen Wegen befreit, dies durch das Leiden seines Volkes tut – oder, wie in der Story, die die Evangelien selbst erzählen, durch das Leiden des offiziellen, von Gott ernannten Vertreters seines Volkes.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Königreich, Kreuz und Gott

    Dass Gott der Retter seines Volkes ist belegt N.T. Wright mit Jesaja 63 und Hesekiel 34. Der Bezug findet sich vor allem in Johannes 10 (aber auch Lukas 15:3-7 zum Beispiel). So, wie die Story Jesu entwickelt wird, spiegelt sie exakt das Zurückkommen des Gottes Israel wieder. Wie ist das zu verstehen?

    Weder Johannes noch einer der anderen macht den Fehler, den man oft im Volksmund hört, nämlich „Jesus ist Gott“ ohne Einschränkung zu sagen. Jesus bezieht sich ständig auf „den Vater“, sowohl als von ihm verschieden als auch als mit ihm in einem engen Band der Liebe und des Gehorsams verbunden. Und der Punkt, der hier für unsere gegenwärtigen Zwecke hervorgehoben werden soll, ist, dass in dieser zentralen „Inkarnations“-Passage die Themen Kreuz und Königreich wieder eng miteinander verwoben sind. Dies bekräftigt die Warnung, die wir zuvor ausgesprochen haben, dass es möglich ist, die Lehre von der „Gottheit“ Jesu so darzustellen, dass sie sowohl vom Reich als auch vom Kreuz losgelöst ist, aber das ist es, was das Neue Testament niemals tut. Der „Gott“, der in Jesus Mensch geworden ist, ist der Gott, der, wie er es immer versprochen hatte, zurückkehrt, um seine Herrschaft über die ganze Welt zu beanspruchen (beachte die „anderen Schafe“ in Johannes 10,16) und dies tun würde, indem er selbst den Schmerz und das Leid seines Volkes teilt und „sein Leben für die Schafe hingibt“. 

    Wie können wir das überhaupt verstehen? Vielleicht sollten wir sagen, dass Gott Israel im Rückblick, den uns die Evangelisten bieten, dazu berufen hat, das Mittel zur Rettung der Welt zu sein, damit er selbst allein die Welt retten kann, indem er Israel in der Person seines repräsentativen Messias wird.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Für die weiteren Erläuterungen und Belege möchte ich auf das Buch von N.T. Wright verweisen (es sind nämlich einige Seiten …).

    Königreich, Kreuz und Kirche

    Die Tätigkeit Jesu wird in den Evangelien wie bei den früheren Propheten dargestellt: Israel muss umkehren und gemäß seiner wahren Berufung leben. Seine Nachfolger waren der Überzeugung, dass diese Erneuerung tatsächlich begonnen hatte. „Israel war nicht verworfen worden. Es ist nicht „ersetzt“ worden. Es war transformiert worden.“ Seine ersten Jünger habe das nicht verstanden:

    Ein Teil der Bedeutung des Königreichs in den vier Evangelien ist genau die Tatsache, dass es für die ersten Anhänger Jesu so schockierend und unverständlich ist.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    So brauchte es seinen Tod, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt und die dramatischen Ereignisse zu Pfingsten. „Die Story des Evangeliums von Jesus, der als der Beginn des erneuerten Volkes Gottes gesehen wird, beinhaltet als zentrales Element das Unverständnis, das Versagen und die Rebellion dieses Volkes, bis es durch die Auferstehung in einen neuen Glauben versetzt und durch den Geist zu neuem Gehorsam angeregt wird.“ Es ging nicht um abstrakte Theologie, sondern ein Muster für ihre Leben. Und sie waren sich sehr wohl bewusst, dass dieses Muster auch Leiden als zentrales und bedeutungsschweres Element beinhalten würde: Unverständnis, eigenes Leiden und vielleicht so gar der Tod.

    Diesen Gedanken führt N.T. Wright im Buch noch mit vielen Details aus.

    Königreich und Kreuz in der Welt des Kaisers

    „Aus allem, was wir in Kapitel 7 untersucht haben, geht klar hervor, dass alle vier Evangelien die Story von Jesus nicht nur als die Konfrontation zwischen dem Königreich Gottes und dem Königreich Cäsars betrachten, sondern auch als den Sieg des ersteren über das letztere.“

    Jesus ist schließlich nach Jerusalem gekommen und hat festgestellt, dass der Tempel nicht mehr der Ort ist, an dem Himmel und Erde zusammenkommen, sondern der Ort, an dem Mammon und Gewalt ungehindert herrschen und mit der Herrschaft Cäsars unter einer Decke stecken. Jesus selbst, so sagen die Evangelisten, ist nun der Ort, an dem Himmel und Erde zusammenkommen, und das Ereignis, bei dem dies in höchstem Maße geschieht, ist die Kreuzigung selbst. Das Kreuz soll der Sieg des „Menschensohnes“, des Messias, über die Monster sein; der Sieg des Reiches Gottes über die Königreiche der Welt; der Sieg Gottes selbst über alle menschlichen und übermenschlichen Mächte, die Gottes Herrschaft über die Welt an sich gerissen haben. Eine Theokratie, eine echte Theokratie nach israelitischem Vorbild, wird erst dann entstehen, wenn die anderen „Herren“ gestürzt worden sind.

    Ohne das Kreuz bleibt die satanische Herrschaft bestehen. Deshalb ist das Kreuz für alle vier Evangelien (und, wie ich an anderer Stelle argumentiert habe, für Jesus selbst) die ultimative messianische Aufgabe, die letzte Schlacht. Die Evangelisten gehen nicht davon aus, dass das Kreuz eine Niederlage ist, mit der Auferstehung als überraschendem Sieg in der Verlängerung. Der Sinn der Auferstehung besteht darin, dass sie das unmittelbare Ergebnis der Tatsache ist, dass der Sieg bereits errungen wurde. Die Sünde wurde überwunden. Der „Ankläger“ hat nichts mehr zu sagen. Der Schöpfer kann nun seine neue Schöpfung ins Leben rufen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

    Auch das ist natürlich ausführlicher begründet und ich möchte daher auf das Buch selbst verweisen.

  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 8: Wo wir nicht weiterkommen: Aufklärung, Macht und Imperium

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 8: Wo wir nicht weiterkommen: Aufklärung, Macht und Imperium

    Von Christian / N. T. Wright


    Im achten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es darum, sich des vielschichtigen, komplexen und reichhaltigen Inhalts der Evangelien bewusst zu werden. Denn in der Vergangenheit ist genau das Gegenteil geschehen.

    Die Evangelien alltäglich machen

    N.T. Wright formuliert das Problem so:

    Einer der Hauptgründe für dieses Buch ist es, darauf hinzuweisen, dass wir die Evangelien nicht nur falsch verstanden haben, sondern dass wir sie banalisiert haben, sie zurechtgestutzt haben, ihnen nur erlaubt haben, über die wenigen Anliegen zu sprechen, die uns ohnehin schon beschäftigen, anstatt sie freizulassen, um eine ganze Welt der Bedeutung in alle Richtungen zu erschaffen, eine neue Welt, in der wir nicht nur neues Leben, sondern auch eine neue Berufung entdecken würden.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Das geschah zum Beispiel deswegen, weil die Themen „Königreich“ und „Kreuz“ getrennt betrachtet werden, obwohl die Evangelien doch beides zusammen führen.

    Die Trennung von Königreich und Kreuz

    Zuerst einmal müssen wir festhalten, dass die vier Evangelien mühelos viele Dinge zu einer reichhaltigen Einheit zusammenführen, welche spätere Traditionen voneinander getrennt haben. So gibt es schon lange Zeit die entgegengesetzten Positionen der „Königreichs-Christen“ mit ihrem sozialem Evangelium und die „Kreuz-Christen“ mit ihrer Seelen-für-den-Himmel-Retten Agenda.

    Griechen, Römer und Juden im ersten Jahrhundert dachten aber nicht in getrennten Kategorien wie Politik und Religion.

    Ebenso trennen moderne Philosophen heute die Frage des „Problem des Bösen“ von dem, was moderne Theologen „Sühne“ (engl. atonement) nennen. In den Evangelien sind beide Themen verknüpft. Darüber hat N.T. Wright in seinem Buch Evil and the Justice of God (Das Böse und die Gerechtigkeit Gottes) geschrieben, über das ich vielleicht auch einmal eine Serie mache.

    „Aber das Problem, mit dem wir konfrontiert sind, liegt tiefer in der Denkweise der kritischen Wissenschaft der letzten zweihundert Jahre.“ Wenn Jesus über Gottes Königreich sprach, wurde dies in Begriffen der üblichen bewaffneten Revolution verstanden, und damit konnte es noch nicht gekommen sein. Und verstand man es als Hinweis auf das Ende der Welt – nun ja, das war auch noch nicht gekommen. Obwohl die Worte in Markus 9:1 doch recht klar sind: „Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie das Reich Gottes sehen, wenn es gekommen ist mit Macht.“ (Züricher)

    Was die Kritiker nicht erkannten – nicht weil es zu obskur war, sondern weil die Philosophie der europäischen Aufklärung verlangte, dass sie ihre Augen davor verschlossen – war, dass Jesus eine Vision des Reiches Gottes verkündete und einführte, die er durch Handlungen und Gleichnisse ständig neu definierte und die durch seine eigene Rechtfertigung eingeleitet werden würde. Die Bedeutung von Daniel 7, der Erhöhung und Rechtfertigung des „Einen wie ein Menschensohn“, kann hier nicht genug betont werden – und natürlich hat die kritische Wissenschaft gerade an diesem Punkt wieder ihr Bestes getan, um ein zentrales Element der Beweislage zu neutralisieren.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Die Schreiber des Neuen Testaments taten dagegen ihr Bestes, damit dieser Punkt klar und deutlich verstanden werden konnte. Matthäus dachte, dass Jesus das schon erreicht hätte: „Und Jesus trat zu ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“ (Matthäus 28:18 Züricher) Man kann Briefe des Paulus wie Römer, 1. Korinther und Philipper nicht verstehen, wenn man dieses Verständnis nicht zugrunde legt. Und in der Offenbarung des Johannes wird die Souveränität Jesu von der ersten bis zur letzen Seite gefeiert. Aber selbstverständlich hat keiner dieser Autoren auch nur eine Sekunde gedacht, dass Utopia schon angekommen wäre.

    Die frühen christlichen Schriftsteller legten natürlich eine Eschatologie dar, die eingeleitet, aber noch nicht vollständig vollzogen war; sie feierten (Paulus ist in diesem Punkt in 1. Korinther 15:20-28 recht deutlich) etwas, das bereits geschehen war, aber gleichzeitig etwas, das noch in der Zukunft geschehen musste. Sie glaubten, dass sie zwischen der Vollendung der Herrschaft Gottes durch Jesus und ihrer vollständigen Umsetzung lebten. 

    Die neue Schöpfung hat bereits begonnen, sagen sie, und wird vollendet werden. Jesus herrscht über diese neue Schöpfung und lässt sie durch das Zeugnis seiner Kirche Wirklichkeit werden. „Der Herrscher dieser Welt“ wurde gestürzt; die Mächte der Welt wurden als besiegte, zerlumpte Bande hinter Jesu Triumphzug hergeführt. Und so wird Gott König auf Erden wie im Himmel. Das ist die Wahrheit, die uns die Evangelien unbedingt mitteilen wollen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Für die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert war das also der Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Das Christentum sollte eine Eschatologie sein: „So sollte die Geschichte verlaufen, trotz allem Anschein!“. Da für die Denker der Aufklärung bis heute aber ihre Zeit der Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit ist, nach dem alles besser wird, wurde die Christentum auf eine Religion reduziert: „Hier ist ein Weg, spirituell zu sein.“

    Wie haben Christen darauf reagiert?

    Reaktionen der Christen

    Ein Reaktion in den vergangenen zweihundert Jahren war, dass das alles doch gar nicht so wichtig ist, weil wir sowieso in den Himmel kommen werden. Das ist aber überhaupt nicht das, was die Evangelisten dachten, sondern ist näher am Gnostizimus. Näheres dazu ist in der Serie über N.T. Wrights Buch „Von Hoffnung überrascht“ zu finden.

    Eine andere Richtung sagt, dass die Kirche einfach ihren Laden sauber halten und ein leuchtendes Beispiel für andere sein soll. Und sich sonst Bitteschön nicht an der Welt beteiligen soll. Das passt aber weder zu Jesus Anspruch in Matthäus 28 und birgt die Gefahr, den Teil des christlichen Denkens in Bezug auf die Schöpfung zu ignorieren.

    Eine dritte und vierte Reaktion hat einfach den rechten oder linken Flügel des politischen Spektrums (insbesondere in den USA) abgesegnet.

    Hinter diesen verschiedenen Reaktionen kann man aber auch einen der modernen Kontexte erkennen, mit dem dann die Evangelien gelesen werden. Wenn wir die Evangelien aber für sich sprechen lassen wollen, dann müssen wir sie in ihrem Kontext lesen.

    Macht und Herrschaft im Judentum des ersten Jahrhunderts

    Die Juden hatten in der Zeit nach dem Exil und bis zum ersten Jahrhundert eine ziemlich klare Vorstellung der Beziehung zwischen Gott und Reich: Auch wenn viele auf die vorhergesagte, vollständige Herrschaft Gottes warteten, glaubten sie auch, dass er schon jetzt irgendwie Souverän über die Nationen war. Da Gott nicht wollte, dass die Welt ins völlige Chaos stürzt, erlaubt er den Königen zu regieren. Auch wenn er sie wie im Falle von Nebukadnezzar und Belschazzar aus dem Buch Daniel zurechtstutzt.

    Die Juden gingen aufgrund ihrer starken Schöpfungstheologie davon aus, dass der Schöpfer die Welt so geschaffen hatte, dass sie von Menschen ordnungsgemäß geordnet und verwaltet werden konnte. Die jüdische Vision der Theokratie, in der Gott die Verantwortung trägt, war immer eine Herrschaft, die durch seine Ebenbilder, d. h. durch Menschen, vermittelt wurde.

    In einem wahrhaft auf Schöpfung beruhenden Monotheismus funktioniert die Welt am besten, wenn sie von weisen Verwaltern regiert wird, von Menschen, die demütig vor Gott sind und daher erfolgreich eine fruchtbare Ordnung in seine Welt bringen. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Die Juden scheinen auch nicht sonderlich daran interessiert gewesen zu sein, auf welche Weise eine Herrscher an die Macht gekommen war, sondern vielmehr daran, was er danach tat. Und auch die Juden im ersten Jahrhundert wussten schon alles über schlechte Herrscher – jüdische oder heidnische. Was viele wollten, war eine Theokratie. Das war aber weder ein ‚Gottesstaat‘, wie ihn Calvin in Genf erzwang, noch wie ihn heute nicht weniger radikale Muslime erzwingen. In den Psalmen, Jesaja und vielen anderen biblischen und späteren Texten ist der Messias, der gesalbte König, die zentrale Figur. Und in Psalm 2, 72 und ähnlichen Passagen wird deutlich, dass dies der Messias nicht nur für Gottes Volk der Juden der gesalbte König würde.

    N.T. Wright fasst es wie folgt zusammen:

    Um diese sehr lange, aber notwendige Einführung zusammenzufassen: Das Judentum ging immer davon aus, dass der Schöpfergott wollte, dass die Welt von Menschen, die sein Ebenbild tragen, geordnet und regiert wird. Die Welt, Himmel und Erde, wurde als Gottes Tempel erschaffen, und seine Ebenbilder waren die Schlüsselelemente in diesem Tempel. Aber die Welt geriet durch das Versagen der Menschen im Allgemeinen und Israels im Besonderen aus den Fugen, sodass Gott, der Schöpfer, in Gericht und Gerechtigkeit handeln musste, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Und das Zeichen dieses kommenden Gerichts war, dass Gott sein Bundesvolk im Herzen der Welt um den Tempel versammelt hatte, der der Mikrokosmos der Schöpfung war, um seine wahre Ordnung zu feiern und dafür zu beten, dass sie auf Erden wie im Himmel herrschen möge.

    Die Bedeutung des Tempels als Dreh- und Angelpunkt der alten jüdischen Theokratie, sowohl in der Realität als auch in der Eschatologie, kann nicht genug betont werden. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8

    Das ist der Kontext der Menschen, mit denen Jesus sprach, und der Kontext der Jünger Jesu und der Evangelisten.

    Wenn wir uns nun, nicht zu früh, den Themen Königreich und Kreuz zuwenden, stellen wir fest, dass es für alle Evangelisten, wie für Paulus, keinen Grund gibt, das Königreich Gottes nicht als gekommen zu betrachten. Ja, es wurde neu definiert. Ja, es gibt noch mehr zu tun, solange das Böse weiterhin auf der Erde umgeht. Aber die ersten Christen glaubten alle, dass mit dem Tod und der Auferstehung Jesu das Königreich tatsächlich an die Macht gekommen war, auch wenn es nicht so aussah, wie sie es sich vorgestellt hatten. Die Hoffnung hatte sich erfüllt, auch wenn sie im Laufe des Prozesses ziemlich drastisch neu definiert worden war. Eine neue Theokratie war tatsächlich errichtet worden, weil der Tempel, in dem Gott unter seinem Volk lebte, radikal neu definiert worden war. Ein neues Reich war entstanden, das das Reich Cäsars und alle ähnlichen Reiche übertrumpfen würde, nicht durch überlegene Gewalt, sondern durch eine völlig andere Art von Macht. Und der Ort, an dem diese Vision dargelegt wird, ist zur großen Überraschung vieler, die diese Dokumente auf einer Ebene gut kennen, die Sammlung der vier Evangelien, die wir im Neuen Testament finden.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 7: Der Zusammenstoß der Königreiche

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 7: Der Zusammenstoß der Königreiche

    Von Christian / N. T. Wright


    Im siebten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es um ein Thema, das meistens überhaupt nicht zur Sprache kommt – obwohl die Evangelien davon berichten:

    Ein weiteres Thema ist die Story Jesu, die als die Story des Königreich Gottes erzählt wird, welches mit dem Königreich des Cäsars zusammenprallt.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Gott und Cäsar

    Bevor wir über diesen Zusammenstoß dieser beiden Königreiche sprechen können, ist es wichtig zu verstehen, dass in der Bibel, im Neuen Testament und auch in den Evangelien selbst etwas deutlich gesagt wird, was heute selbst viele Christen nicht glauben:

    Die Evangelien sind sich der dunklen Kräfte sehr bewusst, die letztlich ihren Ursprung und ihre Stärke der Macht verdanken, die manchmal als „Satan“ oder „Ankläger“ bezeichnet wird. Die Verfasser der Evangelien haben viel über diese dunklen Kräfte, diese dunkle Macht zu sagen. Sie sind sich völlig im Klaren darüber, wo der ultimative Feind zu finden ist. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Wir werden darauf noch eingehen. Fürs erste sei nur einmal auf die Versuchungen Jesu hingewiesen. Der Teufel konnte Jesus nicht weniger als alle Königreiche dieser Welt anbieten und Jesus hat das nicht als Lüge abgetan (Matthäus 4:8-10).

    Insofern haben diese Worte Jesu möglicherweise eine andere Bedeutung, als wir dachten: „Habt keine Angst vor denen, die nur den Leib töten, der Seele aber nichts anhaben können. Fürchtet aber den, der Seele und Leib dem Verderben in der Hölle ausliefern kann.“ (Matthäus 10:28; Lukas 12:4-5) Aber Seele, Leib und Hölle würden uns jetzt zu weit vom Thema weg bringen.

    Wenn Juden dieser Zeit über ihre Geschichte sprachen, ging es auch immer um die Frage, wie ihr Gott sie von der Herrschaft der bösen und mächtigen heidnischen Imperien befreien würde – wie beim Exodus aus Ägypten. Und wenn im Alten Testament davon gesprochen wird, dass der Gott Israels für sein Volk gegen anderen Mächte kämpft, geht es auch immer um deren Götter (siehe auch Jesaja 40-55).

    Gott und die Mächte in der jüdischen Tradition

    Das Alte Testament verliert keine Zeit, um gleich nach der Rebellion der Menschen schon im vierten Kapitel unser Augenmerk auf Mächte zu lenken: Kains Reaktion auf seine Verurteilung wegen des Mordes an seinem Bruder ist, eine Stadt zu bauen (1. Mose 4:17). Danach folgt die Beschreibung der Rebellion der „Gottessöhne“ (1. Mose 6:2) zusammen mit den Menschen, die Gott mit einer Flut beenden muss. Um dann schon im 11. Kapitel die dritte Rebellion in Babel zu beschreiben, die Gott durch die Verwirrung der Sprachen bekämpft.

    Im 12. Kapitel erfahren wir dann schon, dass Gott Abram beruft, um in seiner Gnade das zu tun, was Menschen mit ihrer arroganten Macht selbst erreichen wollen. Vor dem Bericht über den Exodus finden wir in 2. Mose 1:11, dass der Herrscher des mächtigen ägyptischen Reiches die Israeliten zwingt, etwas zu bauen: Städte. Analysiert man die 10 Plagen und die vernichtende Niederlage der angreifenden ägyptischen Armee im Meer etwas näher, erkennt man, dass es jeweils auch ein Schlag gegen einen Gott der Ägypter war. Einschließlich des als Gott geltenden Pharao.

    Die weitere Geschichte Israels bis David und Salomo zeichnet sich dadurch aus, dass Israel immer wieder unter die Herrschaft anderer Mächte kommt, bis Jahwe sie befreit. Erst in dieser Zeit gibt es einen sicheren Ort für die Bundeslade und das Zelt der Zusammenkunft im Tempel in Jerusalem, damit Gott inmitten seines Volkes wohnen kann.

    Als ‚Höhepunkt‘ dieses Zusammenpralls des Königreiches Gottes und der Mächte geht Gottes Volk allerdings ins Exil, wie wir zum Beispiel in Jesaja 40-55 und Daniel lesen können – beides Bücher, aus welchen die frühen Christen viel schöpften. Und auch wenn Israel aus dem Exil zurückkehrt, so sind sie immer noch unter der Herrschaft der anderen Mächte. Das konnte also noch nicht das Ende der Story sein:

    Gott wird sein Volk rechtfertigen, es aus dem Exil befreien (Jes 52; Dan 9), es zu seiner Rechten erhöhen (Dan 7) und ein unerschütterliches Königreich errichten (Dan 2), das wahre davidische Königreich, das auf der Erneuerung des Bundes beruht und nichts Geringeres als eine neue Schöpfung sein wird (Jes 54-55). Bei Jesaja wird dies durch das Werk des „Dieners des Herrn“ erreicht; bei Daniel wird es durch das Leiden und die Treue des Volkes Gottes erreicht. Es ist durchweg dieselbe Story. Und es besteht kein Zweifel daran, dass dies die Story ist, die die Verfasser der Evangelien auf ihre unterschiedliche Weise in der grundlegenden Story von Jesus selbst nacherzählen wollen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Weitere Texte wie Psalm 2 und Psalm 89 bestärkten die Juden darin, dass sie noch nicht am Ende ihrer Story sind. Das ist der Kontext, in dem die Evangelien sich ereigneten und geschrieben wurden.

    Gott und Cäsar in den Evangelien

    „Aber die Evangelien enthalten doch eine friedliche Botschaft, oder?“, denkst du vielleicht. „Und sagte nicht Jesus selbst: „Dann gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.““ (Matthäus 22:21 NEÜ). Es geht hier jedoch nicht um das Verhalten jedes Einzelnen, sondern das Verhältnis zwischen Gott und den Mächten. Vielleicht beruht unsere Ansicht mehr auf einigen wenigen Versen, während andere Teile der Evangelien zu wenig Beachtung finden?

    Tatsächlich wird gleich zu Beginn des Lukas Evangeliums auch vom Kaiser gesprochen:

    Es geschah aber in jenen Tagen, dass ein Erlass ausging vom Kaiser Augustus, alle Welt solle sich in Steuerlisten eintragen lassen. Dies war die erste Erhebung; sie fand statt, als Quirinius Statthalter in Syrien war.

    Lukas 2:1,2 Züricher

    Erwähnt Lukas das nur, um den historischen Zeitpunkt festzuhalten? Oder um zu erklären, warum Josef und Maria in Bethlehem sind? Übersehen wir dann nicht etwas? „Steuerlisten“ – jeder wusste, was das bedeutet. Für uns ist das Zahlen von Steuern so alltäglich, dass wir kaum darüber nachdenken. Insbesondere für jeden jüdischen Zuhörer bedeutete dies: Eintragung als Unterworfene in einem Königreich, das von eine fremden Macht beherrscht wurde. Weit hergeholt? Josephus berichtet über mehrere Aufstände aufgrund von solchen Einschreibungen. Und am Ende von Lukas finden wir diese Anklage:

    Und sie erhoben Anklage gegen ihn und sagten: Wir haben festgestellt, dass dieser unser Volk verführt und es davon abhält, dem Kaiser Steuern zu zahlen, und dass er von sich behauptet, er sei der Gesalbte, ein König.

    Lukas 23:2 Züricher

    Es geht also auch um die Frage, wer der rechtmäßige König über Israel ist. Und es überrascht daher nicht, wenn Lukas seinen zweiten Band – die Apostelgeschichte – so aufhören lässt: „[Paulus] verkündigte das Reich Gottes und lehrte über Jesus Christus, den Herrn, in aller Offenheit und ungehindert.“ (Apg 28:31).

    Matthäus enthält ähnliche Hinweise, nur ist sein Fokus im zweiten Kapitel „König Herodes“, Herodes der Große, und seine Dynastie. Immer wieder taucht Herodes Antipas während der Jesu öffentlicher Tätigkeit auf und tötet sogar seinen Cousin Johannes. Und so findet man am Ende von Lukas, dass Herodes Antipas und Pontius Pilatus als Vertreter der Mächte der Welt durch ihren Umgang mit Jesus sogar Freunde werden: „Pilatus und Herodes Antipas, die bisher verfeindet gewesen waren, wurden an diesem Tag Freunde.“ (Lukas 23:12)

    In Markus 10:35-45 finden wir auch eine prägnante Passage zum diesem Thema:

    Und Jesus ruft sie zu sich und sagt zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken sie, und ihre Grossen setzen ihre Macht gegen sie ein. Unter euch aber sei es nicht so, sondern: Wer unter euch gross sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

    Markus 10:42-45 Züricher

    In der Darstellung des Markus wird man an den „Diener Jahwes“ aus Jesaja 40-55 erinnert und wir haben den „Menschensohn“ aus Daniel. Und damit werden die Zuhörer daran erinnert, dass der Gott Israels zurück kommt und die Herrschaft über sein Volk und sogar alle Nationen beansprucht.

    Mit anderen Worten gibt es eine klare Verbindung von Genesis 11 über Jesaja 40-55 und Daniel 7 bis hin zu Markus 10 und damit wiederum zu Markus 14-15, wo Jesus seinen Häschern, seinen Richtern und seinem Tod begegnet. Er theoretisiert nicht nur über den Unterschied zwischen heidnischer Macht und der Art von Macht, die er beansprucht, er setzt sie in die Tat um. Die gerade zitierte Passage ist keine „politische“ Aussage (über verschiedene Arten von Macht), auf die eine „Sühne“-Aussage (darüber, wie Sünden vergeben werden) folgt, als ob die beiden völlig getrennte Dinge wären. Wie wir im nächsten Teil des Buches sehen werden, etabliert Jesus, wenn wir „Königreich“ und „Kreuz“ auf eine Weise zusammenfügen, wie es nur wenige Leser der Evangelien versucht haben, die neue Art von Macht – Gottes Königreich im Gegensatz zu Cäsars – auf Erden wie im Himmel – und zwar genau durch seinen (gemäß der Schrift ausgelegten) Tod. Und umgekehrt rettet Gott sein Volk durch das Wirken des „Dieners“ aus Jesaja von seinen Sünden, um seine Herrschaft, seine ganz andere Art von Macht, auf der ganzen Welt zu errichten.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Auch im Johannes Evangelium findet sich ein ähnlicher Gedankengang:

    Jesus entgegnete: Nicht um meinetwillen ist diese Stimme ergangen, sondern um euretwillen. Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt, jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich von der Erde weggenommen und erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das aber sagte er, um anzudeuten, welchen Tod er sterben sollte.

    Johannes 12:30-33 Züricher

    Später betont er wieder, dass der Sieg des Königreiches Gottes erstaunlicherweise nicht durch Krieg sondern durch seinen Tod erreicht werden wird:

    Und ich habe es euch schon jetzt gesagt, bevor es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es dann geschieht. Ich kann euch nicht mehr viel sagen, denn es kommt der Fürst der Welt. Über mich hat er keine Macht, sondern es geschieht, damit die Welt erkennt, dass ich den Vater liebe und tue, was mir der Vater geboten hat. Steht auf, lasst uns von hier aufbrechen!

    Johannes 14:29-31 Zürcher

    N.T. Wright ist sich völlig bewusst, dass diese Verbindung für viele außerhalb ihres gewohnten Umfelds ist:

    Dies wird viele moderne westliche Christen zweifellos bereits weit über ihren normalen Horizont hinausführen. Aber es gibt noch mehr. In Kapitel 16 erklärt Jesus, dass der „Geist der Wahrheit“, von dem er gesprochen hat, eine außergewöhnliche, komplexe und gefährlich klingende Aufgabe zu erfüllen hat, wenn der „Helfer“ kommt. Der Geist, sagt Jesus, „wird die Welt in drei Punkten eines Besseren belehren: Sünde, Gerechtigkeit und Gericht“ (16:8). 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Und das sagt Jesus gemäß dem Johannes Evangelium:

    der Sünde, weil sie nicht an mich glauben; der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht; des Gerichts, weil der Herrscher dieser Welt gerichtet ist.

    Johannes 16:9-11 Einheitsübersetzung 2016

    Wie ist das zu verstehen?

    Wir können vielleicht noch ein paar kurze weitere Erklärungen hinzufügen. Erstens glaubt die Welt (zu der tragischerweise die meisten der damaligen jüdischen Landsleute Jesu gehören) nicht an Jesus. Sie ist daher auf dem falschen Weg und verfehlt das Ziel. Der Fachbegriff dafür lautet „Sünde“. Zweitens wird Jesus bestätigt werden, es wird sich auf dramatische Weise herausstellen, dass er im Recht ist. Dies wird Gottes großer Akt der „Gerechtigkeit“ sein, der alles ins Lot bringt und so die Ungerechtigkeit, das Nicht-ins-Lot-Bringen oder das aktive Unrecht des Rests der Welt aufzeigt. Mit anderen Worten: Die Welt ist zutiefst und radikal aus den Fugen geraten, und alles Mögliche läuft schief; Gott wird alles ins Lot bringen. Drittens wird Gott ein Urteil der Verdammnis über den „Herrscher dieser Welt“ fällen („Gericht“).

    Wie wird all dies geschehen? Durch das Wirken des Geistes, den Jesus seinen Jüngern zu senden verspricht. Mit anderen Worten, es wird durch das vom Geist geleitete Wirken der Nachfolger Jesu geschehen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Im Buch führ N.T. Wright das noch weiter aus, aber für eine solche Menge an Stoff braucht es halt ein Buch.

    Schließlich erklärt Jesus noch, dass sein Königreich zwar für diese Welt ist, aber nicht von dieser Welt (18:36). Es kommt vom Himmel, von Gott. Auch Johannes lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Gott und Cäsar:

    „Nach unserem Gesetz muss er sterben“, hielten ihm die Juden entgegen, „denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“ Als Pilatus das hörte, erschrak er noch mehr.

    Johannes 19:7,8a NEÜ

    Erschrak Pilatus noch mehr, weil es um das mosaische Gesetz ging? Wohl kaum, denn in seiner Welt bedeutet „Sohn Gottes“ nichts weniger als Cäsar! Es geht also um Macht, griechisch exousia, was auch die Bedeutung trägt von Autorität und Berechtigung. Jesus Antwort ist aufschlussreich:

    „Willst du denn nicht mit mir reden?“, sagte Pilatus zu ihm. „Weißt du nicht, dass ich die Macht habe, dich freizulassen? Ich kann dich aber auch kreuzigen lassen!“ „Du hättest keine Macht über mich“, erwiderte Jesus, „wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre. Deshalb hat der, der mich dir ausgeliefert hat, größere Schuld.“

    Johannes 19:10,11 NEÜ

    Die Macht des Pilatus, die Herrscher der Welt, haben ihr Macht und Autorität von Gott? Im damaligen jüdischen Kontext ergibt sich das aus der Vorstellung, dass Gott als Schöpfer beabsichtigt hat, dass sich Menschen um die Welt kümmern, selbst wenn sich die dazu berufenen Menschen als egoistische Rohlinge erweisen. Gott lässt die Dinge nicht einfach laufen, sondern wird jeden dafür zur Rechenschaft ziehen, wie er diese Berufung lebt. Und das zeigt sich im weiteren Verlauf des Evangeliums.

    In einer erstaunlichen Parallele zu 1. Samuel 8:4,20 wollen die religiösen Führer „sein wie die Nationen“. Sie sind müde, auf den „Sohn des Menschen“ zu warten: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“ (Johannes 19:15) Dass Pilatus Jesus mit einem Schild „Jesus von Nazaret, König der Juden“ töten lies, war sowohl ein Schlag ins Gesicht der Pharisäer und auch eine Verhöhnung Jesu. Aber es entsprach auch wie bei Kaiphas viel mehr der Wahrheit, als sie dachten. Jesus ist nicht nur König der Juden, sondern wird bei seinem Tod und Auferstehung König der ganzen Welt, durch einen Akt der Liebe (13:1)

    Dem Cäsar dienen?

    Und wie sollten wir uns nun verhalten? Vielleicht denken wir immer noch an diese Begebenheit mit der Münze (Markus 12:13-17, Lukas 20:20-36; Matthäus 22:15-22). Dass Jesus hier von einer Trennung von Kirche und Staat spricht, ist eine Idee, die nicht vor Ende des 18. Jahrhunderts aufkam.

    Zuerst einmal müssen wir uns vergegenwärtigen, dass diese Frage zur Zeit Jesu eine extrem gefährliche Frage war. Jeder wusste, dass Leute dafür gekreuzigt worden waren, weil sie zur Rebellion gegen diese Steuern anstachelten. In Anbetracht dessen und im Angesicht eines feindlich gesinnten Mobs sollten wir von Jesus kaum ein lange, detaillierte Erklärung erwarten. Trotzdem gibt es interessante Einzelheiten:

    Als ich das Neue Testament übersetzte, hatte ich nicht den Mut, diesen Vers so zu übersetzen, wie ich vermute, dass er lautet: „Also, du solltest Cäsar besser mit seiner eigenen Münze zurückzahlen – und Gott mit seiner eigenen Münze!“ Dieses Sprichwort würde dann ein Sprichwort wiedergeben, das bereits zwei Jahrhunderte zuvor nach dem Makkabäeraufstand in jüdischen Kreisen berühmt geworden war. „Zahlt den Heiden alles zurück“, sagte der alte Mattathias zu Judas Makkabäus und seinen Brüdern, ‚und befolgt die Gebote des Gesetzes‘ (1 Makk. 2:68). Und er war nicht dabei, ihnen etwas über das Zahlen der Steuern an die Heiden zu sagen. Das betreffende griechische Wort verwendet den selben Wortstamm für ‚zurückzahlen‘, antapodote, verwandt mit dem apodote, das wir an dieser Stelle in allen drei synoptischen Evangelien finden. Ich vermute, dass das doppelte Gebot des Mattathias bereits sprichwörtlich war. Jesus könnte es absichtlich wiederholt haben.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Es ist auch nicht so, dass Jesus einfach clever dem Problem aus dem Weg gehen wollte, dass er entweder für die Rebellion oder Rom wäre. Seine Antwort zielt mehr darauf ab, ihnen zu zeigen, dass die Antwort eine ganz andere ist:

    Vielleicht ist es an der Zeit, dass Gott – dessen Ebenbild in jedem Menschen zu finden ist und dessen „Inschrift“ auf den Seiten der Schöpfung und der Story Israels geschrieben steht – das erhält, was ihm zusteht. Das ist die Botschaft von Gottes Königreich, aber sie spielt sich nicht auf eine der offensichtlichen, simplen Arten ab, weder als „jenseitiges“ Königreich, das völlig getrennt von dem des Kaisers ist, noch als direkte, altmodische gewaltsame Revolution. Für Matthäus, Markus und Lukas ist die Geschichte nach dem triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem und vor seiner Verhaftung und seinem Tod einer der wichtigsten Hinweise darauf, was währenddessen „vor sich geht“: Dies ist die Story, wie Gott wahrhaftig König wurde, als Jesus Gott in seinem gehorsamen Leiden und Sterben das zurückgab, was ihm gehörte. Und in der neuen Welt, die dadurch geschaffen wurde, sieht die Frage nach Cäsar, seiner Macht und seinen Münzen völlig anders aus. Es mag eine Zeit für Konfrontation geben; es mag eine Zeit für angemessene Zusammenarbeit geben.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 7

    Alle vier Aspekte der Evangelien zusammen

    An dieser Stelle sollten wir die vier Aspekte der Evangelien, über die wir in Teil 4 bis 7 gesprochen haben, kurz zusammenfassen:

    • Die lange Story Israels mit dem Exodus in Begriffen von Rettung und ihrer Reise. Diese lange Story, so sagen die Evangelisten, ist zur ihrem Ende, ist ans Ziel gekommen.
    • Der Exodus ist auch die Story des Gottes Israels Jahwe, der lebendige Gott, der seinem Volk seine Identität auf neue Weise zeigt und mit ihnen wohnt. Erst im Zelt der Zusammenkunft oder Stiftshütte, dann im Tempel. In der Person Jesus ist der lebendige Gott erneut in ihre Mitte gekommen als Erfüllung der Prophezeiungen Jesajas und Hesekiels.
    • Die Evangelien erzählen auch die Story des erneuerten Volkes Gottes, was uns an zwei Elemente der Exodus Story erinnert: Israels Berufung als königliche Priesterschaft und das Geschenk der Torah, durch das die Berufung Realität werden könnte.
    • Und wie beim Exodus geht es um die Mächte dieser Welt und Gotte Königreich. Die Story des Exodus ist die Story, „wie Gott König wurde“, wie Moses und die Israeliten sangen (2. Mose 15:1-3,18). Die Story von Jesus ist der neue und ultimative Exodus.

    Als nächstes werden wir die Fäden unserer Argumentation zusammenführen, während wir uns mit der zentralen Herausforderung befassen, die das Evangelium darstellt, der dramatischen und explosiven Kombination von Königreich und Kreuz.

  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 6: Der Start von Gottes erneuertem Volk

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 6: Der Start von Gottes erneuertem Volk

    Von Christian / N. T. Wright


    Im sechsten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht um eine Erklärung des Inhalts der Evangelien, die öfters in der modernen Bibelwissenschaft alle anderen Sichten verdeckt hat: Die Evangelien wären nur Reflexionen des Lebens der frühen Kirche, gelegt in den Mund eines fiktiven Jesus.

    Diesen Standpunkt diskutiert N.T. Wright in seinem Buch, ich möchte mich hier aber auf die Evangelien konzentrieren.

    Die Schreiber der Evangelien haben also nicht einfach die Story von Jesus in einer „neutralen“, „objektiven“ Art von Reportage erzählt. Wie ich und andere schon oft betont haben, gibt es so etwas wie eine „neutrale“ Reportage nicht. Alle Geschichten werden aus einem bestimmten Blickwinkel erzählt; ohne diesen gibt es kein Auswahlprinzip und es bleibt ein unsortiertes Sammelsurium von Informationen. Nein, die Schreiber der Evangelien erzählten die Story Jesu ganz bewusst so, dass sie das Leben und das Zeugnis ihrer eigenen Gemeinden prägten. … Wir sollten jedoch Folgendes bedenken: Nur weil die Schreiber der Evangelien die Story Jesu bewusst als Gründungsgeschichte der Kirche erzählten, heißt das nicht, dass sie nicht auch die Story von Jesus selbst erzählten. Nur weil ein Sportreporter die eine Mannschaft mehr unterstützt als die andere, heißt das nicht, dass er sich im Ergebnis irren darf.

    Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit werden die Evangelien als die Story von Jesus wahrgenommen und gelesen, der die christliche Bewegung ins Leben rief, die ersten Christen (und damit auch ihre Nachfolger) lehrte und dann starb und auferstand, um sie zu retten.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 6

    Gründungsdokumente

    Die vier Evangelien wurden bewußt als Gründungsdokumente für die neue Bewegung verfasst:

    Als sie die Geschichten in den Evangelien erzählten, taten sie das nicht nur, um sich gegenseitig an Dinge zu erinnern, die passiert waren, egal wie interessant sie waren. Sie erinnerten sich gegenseitig an Dinge, die passiert waren, durch die die neue Bewegung, zu der sie gehörten, entstanden war und durch die sie ihre Richtung gefunden hatte. Ihre ganze Daseinsberechtigung hing von diesen Geschichten ab.

    Die frühen Christen glaubten, dass Jesus der Messias Israels war, nicht, wie einige jüdische Apologeten heute absurderweise sagen, „der christliche Messias“. Es gab und gibt keine solche unabhängige Sache. Die Erfüllung der Story Israels in der Story des Messias ist die Gründungsurkunde der Kirche.

    Deshalb spreche ich davon, dass die Evangelien die Story des Starts von Gottes erneuertem Volk erzählen. Es ist falsch, sich vorzustellen, dass es den Evangelien (oder Jesus selbst) darum ging, „die Kirche zu gründen“, wie manche Leute es ausdrücken. Es gab bereits ein „Volk Gottes“.

    Vielmehr erzählen die Evangelien bewusst die Story, wie Gottes einmaliges Handeln in Jesus, dem Messias, eine neue Weltordnung einleitete, innerhalb derer eine neue Lebensweise für die Anhänger Jesu nicht nur möglich, sondern zwingend erforderlich war.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 6

    Das Ende ist der Anfang

    Die Evangelien hören allerdings nicht so auf, wie viele Geschichten enden. Markus arbeitet sich mit seinen „unverzüglich“ rasant auf einen Schluß hin – der leider verloren gegangen ist. Matthäus endet damit, dass er seine Jünger in der Gewissheit, dass er bereits als der rechtmäßige Herr inthronisiert ist, auf ihre Mission schickt. Und Johannes endet mit der Aufforderung, ihm zu folgen und dem Gefühl, nochmal von vorne zu lesen … dieses Mal mit dem Gedanken, dass so alles begann.

    Wenn wir über … die vielen anderen Momente in allen vier Evangelien nachdenken, die die gleiche Wirkung haben, erkennen wir, dass die Gelehrten mit ihrem Instinkt genau richtig lagen: Die vier Evangelien waren nie als „historische Reminiszenz“ um ihrer selbst willen gedacht. Nur weil wir (meiner Meinung nach) zu Recht darauf bestehen, dass die Evangelien, indem sie das Leben der frühen Kirche unterstützen und aufrechterhalten, genau die Story Jesu erzählen, dürfen wir uns nicht einbilden, dass sich ihre Verfasser nicht ständig ihrer Aufgabe bewusst sind, grundlegende Dokumente für Gottes erneuertes Volk zu schreiben. Die Evangelien sind und wurden geschrieben, um die Story Jesu neu zu erzählen und die Charta der Gemeinschaft der ersten Anhänger Jesu und derer, die sich durch ihr Zeugnis damals und später angeschlossen und gelernt haben, Jesus in Wort und Sakrament zu hören, zu sehen und zu kennen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 6
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 5: Die Story Jesu als Story des Gottes Israels

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 5: Die Story Jesu als Story des Gottes Israels

    Von Christian / N. T. Wright


    Im fünften Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es darum, dass die Story Jesu die Story des Gottes Israels ist, der zu seinem Volk zurückkommt, wie er es immer versprochen hatte.

    Das Problem ist, dass ein bestimmter Aspekt davon so sehr in der westlichen Kirche in den vergangenen Jahrhunderten überbetont wurde, dass wir die leiseren Töne der Evangelisten nicht mehr hören.

    Wir waren so sehr darauf bedacht, uns von den Evangelien sagen zu lassen, dass die Story von Jesus die Story des menschgewordenen Gottes ist, dass wir nicht in der Lage waren, den Evangelisten genauer zuzuhören, die uns erzählen, von welchem Gott sie sprechen und was genau dieser Gott jetzt tut.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Schon viel zu lange haben Christen die Story Jesu so erzählt, als wäre sie direkt mit der Story der menschlichen Sünde in 1. Mose 3 verknüpft und die Story Israels wurde übersprungen. Als wäre dieser Teil ein Fehlversuch Gottes und mit Jesus begann Plan B sozusagen. Aber das ist nicht die Aussage der Bibel.

    Die biblische Story von Gott

    Der Bund Gottes mit Abraham und das Versprechen, durch ihn alle Familien der Erde zu segnen, ist eine direkt Antwort auf die Schlechtigkeit der Menschen, die in 1. Mose 3 bis 11 beschrieben wird und in der Zerstreuung der Menschen von Babel aus mündet.

    Berücksichtigt man die Weltsicht der frühen Antike, dann wird in 1. Mose die Schöpfung so beschrieben, als ob sie eine Art Tempel ist, in der Gott unter den Menschen lebt. (Siehe die Serie „Gottes Bild sein“). Während es dafür in den antiken Tempeln ein Bild des Gottes oder Göttin gab, war dies in Eden und im Tempel in Jerusalem nicht der Fall: Die Menschen sollen als Bild Gottes diese Aufgabe erfüllen. Das ist der Kern der Story, was aber durch die Rebellion der Gottes-Bild-tragenden Geschöpfe ruiniert wird.

    Dieser Gedanke scheint im weiteren zu verschwinden, um dann aber nur um so deutlicher wieder aufzutauchen:

    Aber das Erstaunliche am Buch Exodus (2. Mose), wie sich herausstellt, ist, dass Gott selbst das Volk auf seiner Reise begleitet und dann Anweisungen für das „Tabernakel“ (Stiftshütte), das heilige Zelt oder „Zelt der Begegnung“, gibt, wo er in ihrer Mitte gegenwärtig sein wird und wo er insbesondere Mose selbst treffen wird. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Doch schon sehr bald rebellieren auch die Israeliten. Das bringt Gottes Absicht nicht zum scheitern, sondern ein Muster wird erkennbar:

    Dieses Muster – Gott beabsichtigt, unter seinem Volk zu leben, ist aber aufgrund ihrer Rebellion dazu nicht in der Lage, kehrt aber in Gnade zurück, um dies endlich zu tun – ist in gewisser Weise die Story des gesamten Alten Testaments. 

    Vergrößere diese Exodus-Story, projiziere sie auf die Leinwand von Hunderten von Jahren Geschichte, und du hast die größere Story. Salomo baut den Tempel, nachfolgende Generationen verderben ihn entweder oder versuchen, ihn zu reformieren, aber schließlich, angesichts einer überwältigenden Rebellion und Götzenanbetung, gibt Gott den Tempel endgültig auf und überlässt ihn seinem Schicksal, als die Babylonier näher rücken. (Man beachte die Ironie: Babylon, „Babel“, ist der Ort des menschlichen Stolzes und des Götzendienstes, im Gegensatz zu dem Gott Abraham ursprünglich berufen hatte.) Die gesamte Zeit, die wir als die Zeit des Zweiten Tempels bezeichnen, etwa ab 538 v. Chr., ist von diesem Gefühl der göttlichen Abwesenheit geprägt; Gott ist fort, und er ist nicht zurückgekehrt.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Aber dabei wird es nicht bleiben, wie zum Beispiel der Prophet Maleachi dann sagt:

    „Siehe, ich sende meinen Boten“, sagt Jahwe, der allmächtige Gott. „Er wird mir den Weg bahnen.“ Und plötzlich wird der Herr, auf den ihr wartet, zu seinem Tempel kommen. Ja, der Bote des Bundes, den ihr herbeisehnt, wird kommen.

    Maleachi 3:1 NEÜ

    Und das ist die Story, welche die Evangelien uns sagen wollen: Wie kam Jahwe schließlich zurück zu seinem Volk.

    Auf der Suche nach dem Richtigen

    Und das findet man in allen Evangelien, wenn man nach dem Richtigen sucht. Geht man zum Beispiel aufgrund der Tradition davon aus, dass man in Johannes eines hohe Christologie findet und in den synoptischen Evangelien nur eine niedere, dann wird es schwierig zu erkennen sein.

    In Markus wird jedoch genau Maleachi 3:1 zitiert und mit Jesaja 40:3-11 verknüpft. Bei genauerer Betrachtung findet man daher schon bei Markus auf den ersten Seiten eine Christologie, allerdings eine jüdische Christologie.

    In Markus tut und sagt Jesus Dinge, die verkünden, dass der Gott Israels nun König wird – Israels Traum wird wahr. Aber Jesus spricht davon, dass Gott König wird, um die Dinge zu erklären, die er selbst tut. Er weist nicht von sich weg auf Gott hin. Er weist auf Gott hin, um seine eigenen Handlungen zu erklären. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Nehmen wir zum Beispiel wie Jesus in Markus 4:35-41 handelt und vergleichen es mit Aussagen aus dem Alten Testament:

    Da stand er auf, schrie den Wind an und sprach zum See: Schweig, verstumme! Und der Wind legte sich, und es trat eine grosse Windstille ein.

    der das Brausen der Meere stillt / und den Aufruhr der Völker.

    Jahwe, Gott, Allmächtiger, wer ist stark wie du? / Mächtig bist du, Jahwe, und die Treue in Person. Du beherrschst das Ungestüm des Meeres, / wenn seine Wogen toben, glättest du sie.

    Sie schrien zu Jahwe in ihrer Not, / der rettete sie aus ihrer Bedrängnis und brachte den Sturm zur Stille, / und die Wellen beruhigten sich. Sie freuten sich, dass es still geworden war / und er sie in den ersehnten Hafen führte.

    Markus 4:39 Züricher; Psalm 65:8;89:9,10;107:28-30 NEÜ

    Die aufmerksamen Leser von Markus könnten sich bei solchen Passagen schon fragen: Ist es möglich, dass Gott auf diese Weise zurück kommt?

    Schließlich finden wir am Ende einen weiteren interessanten Hinweis:

    [In der neunten Stunde] schrie Jesus laut: „Eloi, Eloi, lema sabachthani?“ Das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ …

    Als der Hauptmann, der vor dem Kreuz stand, Jesus so sterben sah, sagte er: „Dieser Mann war wirklich Gottes Sohn.“

    Markus 15:34, 39 NEÜ

    Bei der Bezeichnung „Gottes Sohn“ werden wir natürlich an Gottes Stimme bei Jesu Taufe in Markus 1:11 erinnert. Aber sollte ein römischer Centurio sich darauf bezogen haben? Würden ihm nicht vielmehr als Sohn Gottes Tiberius Cäsar, der Sohn des ‚göttlichen‘ Augustus einfallen? Immerhin stand das sogar auf den Münzen – wie die, welche sie Jesus einige Tage zuvor gezeigt hatten (12:15-17).

    Für Markus und andere Christen konnte ‚Gottes Sohn‘ vier Bedeutungen haben:

    1. Im Alten Testament ist Israel selbst Gottes Sohn (2. Mose 4:22; Jeremia 31:9)
    2. Der Messias, Gottes gesalbter König, ist Gottes Sohn (2. Samuel 7:12-14; Psalm 2:7;89:26-27); das scheint die Hauptbedeutung in der Tauf-Geschichte zu sein.
    3. „Sohn Gottes“ wurde seit Augustus der regelmäßige und vorrangige Titel der römischen Imperatoren.
    4. Aber viertens, und das stand hinter all dem und ging darüber hinaus, war da das Gefühl, das wir in den frühesten christlichen Dokumenten finden, dass all dies auf eine seltsame neue Realität hindeutete: dass in Jesus der Gott Israels gegenwärtig geworden war, menschlich geworden war, gekommen war, um inmitten seines Volkes zu leben, um sein Königreich zu errichten, um das ganze Grauen ihrer Notlage auf sich zu nehmen und um seine lang erwartete neue Welt zu verwirklichen. Der Ausdruck „Sohn Gottes“ war griffbereit, um diese gewaltige, bewegende, beängstigende Möglichkeit auszudrücken, ohne dabei andere Bedeutungen außer Acht zu lassen. Wir können dies bereits in den Schriften des Paulus erkennen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Markus davon ausging, dass seine ersten Leser dieselbe Kombination von Themen im Sinn hatten.

    Als Nebengedanken möchte ich noch etwas erwähnen, auf das N.T. Wright in seinem Buch nicht eingeht. Es gibt alle möglichen Erklärungen, warum Jesus in Markus 15:34 sagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Verschiedene Gelehrte haben zu Recht darauf hingewiesen, dass Jesus hier anscheinend Psalm 22 zitiert, der genau so beginnt. Was wollte Jesus bzw. Markus seinen Lesern in Erinnerung rufen? Die den Psalm 22 gut kannten? Schauen wir mal uns das Ende an:

    Mein Gott, mein Gott! / Warum hast du mich verlassen?

    Denn Jahwe gehört das Königtum. / Er ist der Herrscher über jede Nation.
    Nur vor ihm beugen sich alle Großen der Erde; / und alle, die in den Todesstaub sinken, knien vor ihm, alle, deren Leben zu Ende geht.
    Die Nachkommen werden ihm dienen / und einem neuen Geschlecht erzählen vom Herrn.
    Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit schildern / dem Volk, das noch geboren wird; ja, er hat es vollbracht.

    Psalm 22:1;29-32 NEÜ

    Na wenn das nicht zu unserem Thema passt …

    Matthäus und Lukas: Jesus sehen, Gott denken

    Nachdem wir gesehen haben, wie Markus die Sache angeht, ist es leichter, das Gleiche bei Matthäus und Lukas zu entdecken. Nach der Genealogie geht es bei Matthäus gleich mit diesem Thema los:

    Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den du Jesus, Retter, nennen sollst, denn er wird sein Volk von Sünden retten.

    Das alles ist geschehen, damit in Erfüllung geht, was der Herr durch den Propheten angekündigt hat: Seht, das unberührte Mädchen wird schwanger sein und einen Sohn zur Welt bringen, den man Immanuël nennen wird.‘ “ Immanuël bedeutet: Gott ist mit uns.

    Matthäus 1:21-23 NEÜ

    Der Name Jesus wird hier gemäß dem hebräischen bzw. aramäischen Namen als „Jahwe rettet“ interpretiert. Und Matthäus verknüpft dies mit dem Gedanken – so merkwürdig er auch erscheinen mag – dass Israels Gott persönlich unter seinem Volk anwesend ist, um sie zu retten.

    Das spiegelt sich auch am Ende des Matthäus Evangeliums:

    Jesus kam auf sie zu und sprach sie an: „Alle Macht im Himmel und auf Erden“, sagte er, „ist mir gegeben! Deshalb müsst ihr hingehen und alle Völker zu Jüngern machen. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch befohlen habe. Und seht: Ich bin bei euch, jeden einzelnen Tag, bis ans Ende des Zeitalters.“

    Matthäus 28:18-20 N.T. Wright

    Aus „Gott ist mit uns“ ist ‚Jesus ist mit uns‘ geworden. Wenn wir wie die ersten Jünger Jesus denken, welche alle gläubige Juden waren, und darauf warteten, dass ihr Gott wieder unter ihnen wäre, dann würden wir manche Begebenheit aus einer anderen Perspektive sehen. Wie zum Beispiel diese, nachdem Petrus fast untergegangen wäre: „Und alle, die im Boot waren, warfen sich vor ihm nieder. „Du bist wirklich Gottes Sohn!“, sagten sie.“ (Matthäus 14:33 NEÜ)

    Und so machen auch viele Gleichnisse Jesu viel mehr Sinn, wenn er in Lukas 19:11-27 von einem vornehmen Mann spricht, der fort ging, um Königswürde zu erlangen. In Lukas 19:44 spricht Jesus davon , „weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“ (Einheitsübersetzung 2016). Das klingt schon ziemlich merkwürdig. Die NEÜ übersetzt hingegen so: „weil du die Gelegenheit, in der Gott dich besuchte, verpasst hast.“ Der Gott Israels Jahwe hat sein Volk ‚besucht‘, indem Jesus da war. Ist das ein tendenziöse Übersetzung?

    Eigentlich heißt es im Griechischen einfach ton kairon tes episkopes sou, „der Tag deiner Besichtigung“. Aber das Wort „Besichtigung“ hat hier nur eine mögliche Bedeutung. Es ist die Zeit, in der Gott zurückkommt, um endlich zu sehen, wie sein Volk seinen jahrhundertealten Auftrag erfüllt hat. Das ist für Lukas die Bedeutung des Gleichnisses. Jesus erzählt eine Geschichte über Israels Gott, der zu seinem Volk zurückkehrt, um zu erklären, was vor sich ging, als er selbst in Jerusalem ankam.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Und so lenkte gemäß Lukas Jesus die Aufmerksamkeit immer wieder auf diesen Punkt:

    „Geh nach Hause und erzähle, wie viel Gott an dir getan hat!“ Der Mann gehorchte und verbreitete in der ganzen Stadt, was Jesus an ihm getan hatte.

    Lukas 8:39 NEÜ

    Die Herrlichkeit enthüllt: Die Tempel-Christologie des Johannes

    In Eden, beim Zelt der Zusammenkunft oder Stiftshütte und beim Jerusalemer Tempel ging es immer um einen Ort, durch den Gott bei den Menschen wohnt. Daher war die Zerstörung des Tempels 587 v.Chr. das größte Disaster für sein Volk. Und Jahwe war trotz dem Wiederaufbau des zweiten Tempels noch nicht zurückgekehrt.

    Und deutlicher als die anderen betont Johannes von Anfang an, dass sich diese Verheißung in Jesus erfüllt hat. Das Wort wurde Fleisch und kai eskenosen en hemin, „errichtete unter uns sein skene“, sein „Zelt“ (das ist das Wort, von dem wir „Szene“ ableiten; eine Theaterkulisse ist eine Art „Zelt“, in dem die Handlung stattfindet). Das griechische Wort „skene“ ist (zufällig?) ein Anklang an das hebräische Wort „shakan“, das „wohnen“ oder „bleiben“ bedeutet; wenn wir später bei Johannes von Menschen lesen, die bei Jesus „bleiben“, oder davon, dass er bei ihnen „bleibt“, sollten wir dieses Echo mit Sicherheit erkennen. Insbesondere in den nachbiblischen jüdischen Schriften wurde die Vorstellung von der Gegenwart Gottes im Tempel mit dem Namen Schekinah bezeichnet, die „wohnende, bleibende göttliche Gegenwart“, die persönliche Gegenwart der Herrlichkeit Gottes. Wenn Johannes also fortfährt und sagt: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit wie die des einzigen Sohnes des Vaters, voller Gnade und Wahrheit“ (1,14), dann sollten wir das laut und deutlich verstehen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Was das Verhältnis von Jesus zu Jahwe betrifft, sollten wir allerdings keine voreiligen Schlüsse ziehen:

    All das bedeutet, dass wir in der Lage sein sollten, Johannes mit mehr Sensibilität für das Wesen seiner „hohen Christologie“ zu lesen. Offensichtlich ist er der Meinung, dass Jesus vollkommen göttlich war und ist (ebenso wie vollkommen menschlich, aber das muss er nicht auf die gleiche Weise betonen). Das bedeutet aber nicht, dass er einfach sagt: „Jesus ist Gott“, wie es manche rationalistische Apologeten tun. Die „hohe Christologie“ des Johannes bleibt sehr, sehr jüdisch, sehr stark in den Schriften Israels verwurzelt. Das von ihm gewählte Vehikel für seine unvergleichliche Eröffnungsaussage, der Logos, stützt sich weniger auf platonische oder stoische Ideen als vielmehr auf das lebendige Wort des Alten Testaments, wie z. B. in Jesaja 55, wo das Wort wie Regen oder Schnee hinausgeht und Gottes Werk vollbringt (55,10-11). Dieses Werk, Gottes große Rettungstat, die in der Vollendung des „Knechtes des Herrn“ in Kapitel 53 und der Erneuerung des Bundes in 54 wurzelt, bewirkt in 55 die neue Schöpfung. Die Dornen und Disteln aus 1. Mose 3 und Jesaja 5 werden durch wunderbare Bäume und Sträucher ersetzt (55:12-13). Es ist (mit anderen Worten) der Schöpfergott, und es ist Israels Gott, der in und als Jesus von Nazareth Mensch geworden ist. 

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5

    Zusammenfassend beschreibt N.T. Wright seine Vorschlag wie folgt:

    Die Evangelien bieten uns nicht so sehr eine andere Art von Mensch, sondern eine andere Art von Gott: einen Gott, der die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat und sich ganz natürlich in und als dieses Ebenbild ausdrückt; einen Gott, der Israel geschaffen hat, um den Schmerz und das Grauen der Welt zu teilen und zu ertragen, und sich ganz natürlich in und als dieses schmerztragende, dem Grauen zugewandte Geschöpf ausdrückt. Das ist vielleicht das Schwierigste, was wir uns vor Augen halten müssen, obwohl die Evangelien uns auf jeder Seite dazu auffordern.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 5
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 4: Die Story Israels

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 4: Die Story Israels

    Von Christian / N. T. Wright



    Um das Evangelium der Evangelien zu hören, also die eigentliche Story der Evangelien, müssen wir über vier Stränge oder Ebenen der Evangelien sprechen, die entweder raumgreifend in den Vordergrund oder fast unsichtbar in den Hintergrund gerückt wurden. Durch diese Verzerrung fällt uns es schwer, die Story selbst zu erkennen. Ich bleibe hier übrigens beim englischen Begriff Story, weil Geschichte im Deutschen nicht das trifft, was N.T. Wright damit meint. Denn es geht nicht darum, dass die Evangelien irgendwelche Erzählungen oder Geschichten beinhalten und auch nicht darum, was die Geschichte Israels im Sinne von Historie ist.

    Im vierten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es um die Story Israels. Also nicht um eine historische Gliederung der Ereignisse, sondern die Story, den tieferen Inhalt, der uns vermittelt werden soll.

    Die Evangelien als Biographien

    Die Zeiten, in denen Gelehrte verkünden konnten, dass die Evangelien keine Biographien Jesu seien, sind schon langer wieder vergangen. Sie sind keine Biographien, wie sie heute geschrieben werden, sondern gleichen antiken griechischen oder römischen Biographien. Und die vier Evangelien sind unterschiedlich, weil sie eben nicht nur Biographien der Person Jesu sind, sondern eine viel größere Story vermitteln wollen. Und das aus verschiedenen Blickwinkeln und mit verschiedenen Schwerpunkten.

    Die vier Evangelien stellen sich selbst als den Höhepunkt der Story Israels dar. Ich behaupte, dass alle vier Evangelisten ihr Material bewusst so gestalten, dass dies deutlich wird.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Leider haben Generationen von christlichen Lesern diesen Kontext und Zusammenhang praktisch ignoriert. Auch wir werden diesen Punkt nur verstehen können, wenn wir uns explizit bewusst machen, wie die Story Israels zur damaligen Zeit erzählt wurde.

    Die seltsame Story Israels

    N.T. Wright fasst es wie folgt zusammen:

    Auch die Story Israels ist ein Thema für ein ganzes Buch. Aber wir können sie so zusammenfassen: Die alten Schriften Israels sind von einer Erzählung umrahmt, einer unvollendeten Erzählung von einer bestimmten Form und Art. Ob man das Alte Testament nun so liest, wie es in den meisten englischen Bibeln von der Genesis bis zu Maleachi abgedruckt ist, oder ob man es im hebräischen Kanon von der Genesis bis zu den Chroniken mit den Propheten in der Mitte liest, man hat immer noch das Gefühl, dass diese Geschichte irgendwo hinführen soll, aber noch nicht dort angekommen ist. Es ist eine unvollendete Erzählung, eine unvollendete Agenda. Es sollen Dinge geschehen, die noch nicht geschehen sind.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Genau wie Genesis 1–3 die Story der menschlichen Notlage anhand des Musters glorreicher Anfänge, reicher Berufungen und dann schrecklichen Scheiterns und Exils erzählt, so finden wir zwischen Genesis 12 und Chronik bzw. Maleachi dieselbe Story in Bezug auf Israel. Aber ist ist genau diese Story von Israel, welche von den meisten modernen Lesern der Bibel heute links liegen gelassen wird.

    Und die Glaubensbekenntnisse haben einen wesentlichen Anteil daran, weil sie Israel überhaupt nicht erwähnen. Im Gegenteil, sie vermitteln den Eindruck, dass mit Jesus ein neuer Anfang gemacht wurde.

    Die Evangelisten haben das aber ganz anders gesehen.

    Matthäus: Die Story erreicht ihr Ziel

    Das Matthäus Evangelium, das schon immer am Anfang des Kanons stand, beginnt mit was? Dem Stammbaum Jesu von Abraham an. Es umfasst also die Zeit noch vor Israel von dessen Stammvater Abraham an bis nach dem Exil in die Zeit Jesu. Jetzt muss man wissen, dass in Jesu Tagen die meisten Juden selbst ein halbes Jahrtausend nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil der Meinung waren, dass das Exil noch nicht wirklich beendet ist (siehe Nehemia 9:36). Die großen Prophezeiungen Jesajas, Jeremias, Hesekiels und Daniels mussten sich noch erfüllen.

    In Daniel 9 fragt der Prophet, wie lange es denn noch dauern wird, bis Jeremias Prophezeiung über die 70 Jahre erfüllt haben würde. Und die Antwort ist: Nicht 70 Jahre sondern 70 Wochen von Jahren. Aber diese Formulierung erinnerte auch an die Sabbat- und Jubeljahre, die Freilassung aller Sklaven und Rückgabe des Erbbesitzes. 70 mal 7 ist dann zwar eine lange Zeit aber deutet eine großartige Befreiung an.

    Und Matthäus macht jedem, der in dieser Zeit jüdisch denkt, unmissverständlich klar, dass der Moment mit Jesus gekommen war. Anstatt von Jahren spricht er von Generationen, den Generationen der gesamten Geschichte Israels von Abraham bis zur Gegenwart. Alle Generationen bis zu diesem Zeitpunkt waren vierzehn mal drei, also sechs mal sieben – mit Jesus erhalten wir die siebte Sieben. Er ist das Jubeljahr in Person. Er ist derjenige, der Israel aus seinem lang anhaltenden Albtraum retten wird. „Er“, sagt der Engel zu Joseph, ‚ist derjenige, der sein Volk von seinen Sünden erlösen wird‘ (1:21). Für jeden Juden im ersten Jahrhundert bedeutete dies nicht nur, dass sich Einzelpersonen an ihn wenden und persönliche Vergebung finden konnten, obwohl dies natürlich auch zutraf. Lies Jesaja 40 und Klagelieder 4 nochmal und sieh es selbst. (Jesaja 40:1,2 Klagelieder 4:22)

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Damit haben wir eine Idee erkannt, die auch Matthäus hervorhebt: Das Leben Jesus rekapituliert Schlüsselereignisse in der Story Israels! Jesus hält eine Predigt auf einem Berg, und ist für diesen Moment Moses. Als er seinen Kritikern wegen dem Sabbath antwortet ist er David. Er wählt 12 als Apostel aus, man denkt an Jakob und die 12 Patriarchen. Er heilt Kranke und weckt Tote auf wie Elia und Elisa. In der Umgestaltung begegnet er sogar Elia und Moses.

    Aber viel wichtiger als Rückblenden, als das Aufgreifen losgelöster Themen und Andeutungen von vor langer Zeit, ist das überwältigende Gefühl, dass eine einzige Story nun endlich zu ihrem Abschluss kommt.

    Die Verfasser der Evangelien betrachteten die Ereignisse um Jesus, insbesondere sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung, die die Herrschaft des Königreichs einläuteten, nicht nur als isolierte Ereignisse, auf die entfernte Propheten vielleicht in weiter Ferne hingewiesen hatten. Sie betrachteten diese Ereignisse als das eigentliche Ziel der langen Story Israels, auch wenn diese lange Story anscheinend verloren gegangen war, feststeckte und fast vergessen war.

    In den heiligen Schriften Israels wird die Bedeutung der Story Israels damit begründet, dass der Schöpfer der Welt Israel auserwählt und berufen hat, das Volk zu sein, durch das er die Welt erlösen wird.

    Was Gott für Israel tut, ist das, was Gott in Bezug auf die ganze Welt tut. Das bedeutete es, Israel zu sein, das Volk zu sein, das im Guten wie im Schlechten das Schicksal der Welt auf seinen Schultern trug. Begreife das, und du hast einen Weg ins Herz des Neuen Testaments gefunden.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Markus: Jesus und das Hereinbrechen der neuen Welt Gottes

    Im Markus Evangelium wird dies gleich in den ersten Versen klar gemacht:

    1 Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. 2 Wie geschrieben steht beim Propheten Jesaja: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten wird. 3 Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade seine Strassen!

    9 Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus aus Nazaret in Galiläa kam und sich von Johannes im Jordan taufen liess. 10 Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er den Himmel sich teilen und den Geist wie eine Taube auf sich herabsteigen. 11 Und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

    Markus 1:1-3;9-11 Züricher

    Es geht also gleich mit einem Bezug auf eine alte Prophezeiung Jesajas los. Müssen wir also nur in das Alte Testament schauen, um darin die Geschichte Jesu zu finden?

    Hier haben wir es mit einem Paradoxon zu tun, das uns im gesamten Neuen Testament begegnet: Gott handelt völlig unerwartet – wie er es immer gesagt hat. Nur weil die neuen Ereignisse als Erfüllung alter Prophezeiungen angesehen werden können (und Markus, wie die anderen Evangelisten, deutlich macht, dass dies die einzig richtige Sichtweise ist), bedeutet das nicht, dass man eine glatte, einfache Linie von den alten Texten zur modernen Erfüllung ziehen kann. Im Gegenteil, was sich erfüllt, ist genau die Verheißung eines drastischen, unerwarteten und vielleicht sogar unwillkommenen Gerichts und Erbarmens.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Jetzt werden im Markus Evangelium aber nicht einfach ein paar Erfüllungen konstruiert. Schon in Vers 15 des ersten Kapitels wird Jesus selbst zitiert: „Erfüllt ist die Zeit, und nahe gekommen ist das Reich Gottes.“ (Markus 1:15 Züricher). Markus baut die dramatischen Ereignisse auf bis 8:29, in der Petrus feststellt, dass Jesus der Messias ist. Und gleich im nächsten Kapitel folgt die Verklärung Jesu. Jesus spricht über seinen Tod in 10:45 (in Anspielung auf Daniel 7 und Jesaja 53). „Jesus erfüllt die Story Israels, auch wenn dies von den Lesern verlangt, die Story Israels auf eine neue Art und Weise zu verstehen.“

    Lukas: Die Schriften müssen erfüllt werden

    Das sich die Schriften so erfüllen müssen, ist auch genau der Punkt, den Lukas in Schlüsselpassagen bringt. Das beginnt schon im ersten Kapitel in den Worten Marias (1:46-55) und Zacharias (1:68-79). Und geht weiter bis es zum Beispiel in 22:37 von Jesus selbst betont wird: „Denn das sage ich euch: Auch dieses Schriftwort muss sich noch an mir erfüllen: ‚Er wurde unter die Verbrecher gezählt.‘ Und das trifft jetzt ein.“ (NEÜ). Doch selbst seine Jünger konnten in Jesu Tod zuerst keine Erfüllung der Story Israels erkennen: „Dabei haben wir gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen würde.“ (24:21) sagen die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus. In diesem Bereich lässt Lukas keinen Zweifel, welchen Gedanken er transportieren möchte:

    Da sagte Jesus zu ihnen: „Was seid ihr doch schwer von Begriff! Warum fällt es euch nur so schwer, an alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben? Musste nicht der Messias das alles erleiden, um dann in seine Herrlichkeit einzutreten?“ Danach erklärte er ihnen in der ganzen Schrift alles, was sich auf ihn bezog; er fing bei Mose an und ging durch sämtliche Propheten.

    Lukas 24:25-27 NEÜ

    Es war also nicht selbstverständlich, diese überraschende Erfüllung der Schriften zu verstehen. Jesus musste ihnen „die Schriften erklären“ (24:27) und „dann öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften“ (24:45)

    Der Punkt, den die Verfasser der Evangelien unbedingt vermitteln wollen – dass das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu in der Tat der Höhepunkt der Geschichte Israels sind, auch wenn niemand damit gerechnet hat und viele nicht begeistert waren, als es ihnen präsentiert wurde – ist etwas, das, wie der auferstandene Jesus selbst, für das Auge des Glaubens sichtbar ist. Die Geschichte ergibt als Ganzes einen Sinn oder gar keinen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4

    Johannes: Schöpfung und neue Schöpfung

    Das Johannes Evangelium bildet hier keine Ausnahme: Die Ereignisse in Bezug auf Jesus sind die Erfüllung der Story Israels – auch wenn diese eine solche ‚Erfüllung‘ weder erwartet noch gewünscht hatten. Das Evangelium beginnt mit Bezugnahmen auf 1. und 2. Mose. „Im Anfang war …“ (1:1) ist ein Echo der Schöpfungsgeschichte. In Vers 14 fällt uns im Deutschen vielleicht nichts sofort auf: „Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns,…“. Das Wort für „wohnte“ bedeutet eigentlich: Er schlug sein Zelt auf, sein Tabernakel oder Stiftshütte. Und damit bezieht er sich auf die Gegenwart Gottes unter den Israeliten aus 2. Mose.

    Und auch im Johannes Evangelium endet schon das erste Kapitel nicht ohne den nachdrücklichen Hinweis, worum es geht:

    Philippus findet Natanael und sagt zu ihm: Den, von dem Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben, den haben wir gefunden, Jesus, den Sohn Josefs, aus Nazaret. Und Natanael sagte zu ihm: Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen? Philippus sagt zu ihm: Komm und sieh!

    Johannes 1:45,46

    Und so taucht dieses Thema immer wieder auf (5:39-40;7:31-52;10:22-30;5:46;8:30-59). Kajafas will die Nation Israel und den Tempel retten, indem Jesus töten lassen will. Doch Johannes gibt dem eine andere Bedeutung, die Erfüllung der Story Israels:

    Das aber sagte er nicht aus sich selbst, sondern als Hoher Priester jenes Jahres weissagte er, dass Jesus für das Volk sterben sollte, und nicht nur für das Volk, sondern auch, um die zerstreuten Kinder Gottes zusammenzuführen.

    Johannes 11:51,52 Züricher

    Das Paradoxon der beiden Geschichten bleibt durchgehend bestehen, und Johannes behauptet, dass Jesus mit den alten Prophezeiungen übereinstimmte, die immer Prophezeiungen über Israels Unfähigkeit zu sehen, zu hören und zu verstehen beinhalteten (12:37-41).

    Das Ergebnis – der Höhepunkt des Evangeliums und für Johannes der Höhepunkt der gesamten Story Israels – ist die paradoxe „Inthronisierung“ Jesu am Kreuz, der letzte Moment der Erfüllung der großen biblischen Story (19:19, 24, 28). Jesu letztes Wort, tetelestai, „Es ist vollbracht!“, sagt es deutlich. Die Story ist vollendet – die Story der Schöpfung, die Story von Gottes Bund mit Israel. Jetzt kann eine neue Schöpfung beginnen, wie es unmittelbar danach mit der Auferstehung Jesu geschieht. Jetzt kann der neue Bund geschlossen werden, indem die Jünger mit Jesu eigenem Geist in die Welt ausgesandt werden (20:19–23). So hat die Story Israels ihr Ziel erreicht und kann nun in der ganzen Welt Früchte tragen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 4
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 3: Die inadäquaten Antworten

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 3: Die inadäquaten Antworten

    Von Christian / N. T. Wright



    Im diesem Teil werden wir uns mit Antworten beschäftigen, warum es den ‚Mittelteil‘ der Evangelien überhaupt gibt. Indem wir uns mit diesen näher beschäftigen, werden wir erkennen, warum sie nicht ganz falsch liegen, aber dennoch inadäquat sind. Nachdem wir so verschiedene Vorstellungen erkannt haben, die uns auch unbewusst die Sicht versperren können, sind wir dann in der Lage, mit den Ohren der Jünger im ersten Jahrhundert die Evangelien zu hören. Dabei verwende ich das Buch von N.T. Wright: How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien)

    N.T. Wright hat diese Frage, wofür der ‚Mittelteil‘ der Evangelien gut sei, zu verschiedenen Gelegenheiten Gelehrten, Pastoren und Laien wiederholt gestellt. Die Antworten waren aufschlußreich und lassen sich in etwa wie folgt gruppieren.

    In den Himmel kommen

    Die erste Antwort ist oft: Jesus kam, um den Menschen zu erklären, wie sie in den Himmel kommen.

    Kein Zweifel, das Neue Testament geht davon aus, dass Gott für uns Menschen nach dem körperlichen Tod eine wundervolle Zukunft vorbereitet hat. Aber letztendlich geht es um eine Auferstehung einer neuen Welt. Darüber habe ich anhand eines anderen Buches von N.T. Wright in der Serie „Von Hoffnung überrascht“ ausführlich gesprochen.

    Aber darum geht es nachweislich in den vier Evangelien nicht.

    Wie kam es dann dazu, dass diese Vorstellung in der westlichen Kirche sich so verbreitet hat? Wie haben Übersetzungen der Evangelien dazu beigetragen?

    Seit der Entstehung des Kanon des Neuen Testaments befindet sich das Matthäus-Evangelium am Anfang. Und dort wird häufig der Ausdruck „Königreich des Himmels“ verwendet, wohingegen die anderen Evangelien von „Gottes Königreich“ sprechen. Manche deutsche Übersetzungen verstärken dies noch, indem sie etwa so übersetzen:

    Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird ins Himmelreich hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.

    Matthäus 7:21 Züricher

    Im Deutschen ist das Problem durch Verwendung von „Himmelreich“ also noch größer als im Englischen, wo seit der Jahrhunderten seit der King James Version mit „kingdom of heaven“ übersetzt wird. Wer liest, dass man ins „Himmelreich“ kommt und gleich danach vom „Vater im Himmel“ wird denken, dass sie oder er auch in den Himmel kommen.

    Aber das war nicht das, was Matthäus und Jesus meinten. Im Zentrum der Bergpredigt in Matthäus 5-7 spricht Jesus im sogenannten ‚Vater-Unser‘ davon, dass „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ (Matthäus 6:10 Züricher).

    Beim „Königreich des Himmels“ geht es nicht darum, dass Menschen in den Himmel kommen. Es geht darum, dass die Herrschaft des Himmels auf die Erde kommt.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    Es ist das „Königreich des Himmels“, weil seine Autorität von Gott im Himmel kommt.

    Auch wenn sich diese Vorstellung vom Himmelreich schon früh in der Geschichte der Kirche – siehe zum Beispiel das Te Deum Laudamus aus dem vierten Jahrhundert – verbreitet hat, so weicht sie dennoch völlig vom Verständnis im ersten Jahrhundert ab.

    Eine zweite Formulierung, welche üblicherweise mißverstanden wird, ist die des „ewigen Lebens“. Wer von „ewigem Leben“ und „Ewigkeit“ liest, wird in der Regel an ein Leben der Seele im Himmel denken. Aber das ist Plato und nicht die Evangelien aus dem ersten Jahrhundert! So lesen wir:

    Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.

    Johannes 3:16 Züricher

    Im griechischen steht hier αἰώνιον ζωὴν aiōnion zōēn. Aber welche Vorstellung hatten sowohl die Schreiber wie Matthäus und Paulus also auch die Zuhörer bei dem Begriff zoe aionios im ersten Jahrhundert? Die Verwendung von aion bezog sich auf die jüdische Vorstellung eines Zeitalters: ha-olam hazeh, das gegenwärtige Zeitalter und ha-olam ha-ba, das kommende Zeitalter. In diesem kommenden Zeitalter würde Gott Gerechtigkeit und Frieden bringen und die Welt heilen. Paulus verwendet in Galater 1:4 dasselbe Wort, aber die Übersetzungen verschleiern das häufig:

    der sich selbst für unsere Sünden geopfert hat, um uns aus der gegenwärtigen bösen Welt herauszureißen. So wollte es Gott, unser Vater.

    Galater 1:4 NEÜ

    Eine andere Übersetzung gibt das besser wider:

    der sich hingegeben hat um unserer Sünden willen, um uns herauszureissen aus der gegenwärtigen bösen Weltzeit nach dem Willen Gottes, unseres Vaters.

    Galater 1:4 Züricher

    Mit anderen Worten hat Jesus das „kommende Zeitalter“ eingeleitet, eingeläutet. Aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass dieses „kommende Zeitalter“ „ewig“ ist, im Sinne von außerhalb von Raum, Zeit und Materie. Ganz im Gegenteil. Die alten Juden waren Schöpfungsmonotheisten. Für sie bestand Gottes großes zukünftiges Ziel nicht darin, die Menschen aus der Welt zu retten, sondern die Welt selbst, einschließlich der Menschen, aus ihrem gegenwärtigen Zustand der Verderbtheit und des Verfalls zu retten.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    Tatsächlich wird dieses Verständnis von aion von vielen Forschern bestätigt. Wer mehr darüber wissen möchte, den verweise ich gerne auf Jascha Schmitzs Video-Serie „Ewigkeit in der Bibel. Was ist gemeint?“.

    Die ethische Lehre Jesu

    Eine zweite populäre Herangehensweise an den Stoff ‚in der Mitte‘ der Evangelien ist auf die Lehren Jesu hinzuweisen, insbesondere das, was wir als Ethik bezeichnen. Und das trifft in gewissem Maß auch zu.

    „Jesu Aufforderung an Israel, tatsächlich Israel zu sein, jetzt, da er da war, wird direkt zu einer Herausforderung und Einladung zu einer völlig neuen Art, Mensch zu sein. Dieser Weg zeichnet sich besonders durch Vergebung aus, durch Gottes Vergebung der Menschen und unsere gegenseitige Vergebung. All das bildete für die meisten Zuhörer Jesu ein völlig neues Programm. Es musste dargelegt, erklärt, wiederholt, veranschaulicht und allgemein gelehrt werden. Also ja, Jesus war zweifellos ein „Lehrer“. In der Tat wurde er manchmal von den Menschen als solcher angesprochen, und Jesus sagte ihnen nie, dass sie damit falsch lagen.“

    Aber von Jesus nur als „Lehrer“ zu sprechen verfehlt bei weitem das, was er tat. Unter ‚Lehrer‘ verstehen wir meist jemanden, der anderen bereits vorhandenes Wissen vermittelt, wie ein Klavierlehrer oder Schullehrer. Doch Jesus tat viel mehr:

    Jesus verkündete, dass eine völlig neue Welt geboren wurde, und er „lehrte“ die Menschen, wie sie in dieser völlig neuen Welt leben sollten. Insofern sollten wir die Idee, ihn als „Lehrer“ zu betrachten, sowohl annehmen als auch radikal einschränken oder modifizieren. Tatsächlich sollte die Modifizierung vor der Annahme stattfinden. Man versteht den Sinn des „Lehrens“ erst, wenn man das Gesamtbild dessen versteht, was Jesus getan hat.

    Ohne dieses größere Bild kann das Wort „Lehrer“ oder „Lehren“ dazu führen, dass die Botschaft der Evangelien über Jesus stark verfälscht wird. Der Begriff „Lehren“ kann leicht auf das gängige Bild von Jesus als einem der großen „religiösen Lehrer“ der Welt neben Buddha, Mohammed usw. reduziert werden. Mit anderen Worten: Es gibt einige Dinge, die als „religiöse Wahrheiten“ bezeichnet werden und die einige große Seelen entdeckt und gelehrt haben, und Jesus war einfach eine dieser großen Seelen, einer dieser großen Lehrer.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    Jesus, das moralische Vorbild

    Ein drittes populäres Erklärungsmodell dafür, warum die Evangelien so viel über die öffentliche Laufbahn Jesu schreiben, ist, dass sie uns damit ein Vorbild geben wollen, wie wir leben sollen.

    Aber ist das wirklich sonderlich ermutigend, den als vollkommen dargestellten Jesus sich als Vorbild zu nehmen? Ist das nicht eher frustrierend, weil wir das so nie erreichen können? „Hast du jemals versucht, Jesus nachzuahmen, nicht nur in seiner erstaunlichen Großzügigkeit und Freundlichkeit, sondern auch in seinen scharfsinnigen, farbenfrohen kleinen Geschichten? Nur sehr wenige Menschen in der Geschichte waren in der Lage, so kurze und doch so vollständige Geschichten zu erzählen. … Immer wieder stellen wir in den Evangelien fest, dass Jesus sich in Wirklichkeit nicht als Vorbild hinstellt, dem man folgen oder das man kopieren sollte.. … Seine Aufgabe ist einzigartig.“

    Auch das ist also kein zufrieden stellender Ansatz, um den Aufbau der Evangelien zu erklären.

    Jesus das vollkommene Opfer 

    „Eine vierte unzureichende Antwort hat versucht, die erste und die dritte miteinander zu verbinden. Das Ziel ist immer noch, uns in den Himmel zu bringen, aber Jesus ist nicht nur das moralische Vorbild – sein vollkommenes Leben bedeutet, dass er das vollkommene Opfer sein kann.“

    „Also, ja, die moralische Vollkommenheit Jesu spielt in Bezug auf seinen Tod eine Rolle. Aber abgesehen von diesen Passagen zeigen die Evangelien keinerlei Interesse daran, die Verbindung herzustellen, die in vielen traditionellen Lehren verwendet wird. Wenn es das war, was sie sagen wollten, hätte man meinen können, dass sie es etwas deutlicher gemacht hätten.“

    Geschichten, mit denen wir uns identifizieren können

    N.T. Wright weist noch auf einen fünften Punkt hin: „Eine fünfte unzureichende Antwort schlägt einen ganz anderen Weg ein. „Die Evangelien sind geschrieben worden“, haben mir die Leute gesagt, „damit wir uns mit den Figuren in der Geschichte identifizieren und unseren eigenen Weg finden können, indem wir sehen, was ihnen widerfahren ist.““

    Solche Geschichten sind zwar Bestandteil der Evangelien und wertvoll, aber soll das der ganze Grund sein, warum die Evangelien geschrieben wurden? Und was ist dann mit der Geburt, dem Tod und der Auferstehung Jesu? Warum dann die Verflechtung mit dem Alten Testament?

    Beweise für die Göttlichkeit Jesu

    „Die sechste gängige Meinung besagt, dass die Evangelien geschrieben wurden, um die Göttlichkeit Jesu zu beweisen.“ Das dürften viele Christen als Hauptgrund für die Evangelien anführen, vielleicht noch mit der Anmerkung, dass auch seine Menschlichkeit gleichzeitig gezeigt wird.“

    Doch war das die Frage, welche im ersten Jahrhundert für die Jünger wichtig war?

    Wann haben die Menschen angefangen, auf diese Weise über die „Menschlichkeit“ und „Göttlichkeit“ Jesu zu sprechen? Ich denke nicht im ersten Jahrhundert. Versteh mich nicht falsch. Wie wir sehen werden, waren sich die Autoren des Neuen Testaments, wenn die Frage aufgeworfen wurde, ziemlich sicher, dass Jesus tatsächlich vollständig menschlich und – irgendwie seltsam, aber definitiv – wahrhaft göttlich war. Aber das scheint nicht ihr Hauptanliegen zu sein. Selbst Johannes, der seinen Prolog, der die Bühne bereitet, auf den Höhepunkt bringt, indem er davon spricht, dass das Wort Fleisch wird, macht dies nicht zum Hauptstrang der Geschichte, die er erzählt. Erst später, als die Kirche in die weite Welt der griechischen Philosophie hinauszieht, wird die Frage abstrakt gestellt. In der Mitte des fünften Jahrhunderts verkündete die chalzedonische Christologie in klingenden, runden und offen gesagt sehr paradoxen Tönen, dass Jesus tatsächlich sowohl göttlich als auch menschlich war. Diese abstrakten Kategorien standen damals im Mittelpunkt der Diskussion, und das nicht ohne Grund. Aber wenn man Chalcedon mit den vier Evangelien vergleicht, stellt man fest, dass es sich um sehr unterschiedliche Arten von Dokumenten handelt und dass die Evangelien, obwohl Jesus tatsächlich einerseits bemerkenswerte Dinge tut, und sich andererseits wie ein gewöhnlicher Mensch verhält, nicht geschrieben zu sein scheinen, um diesen Punkt zu beweisen.

    Der Punkt ist, um es noch einmal zu wiederholen, nicht, ob Jesus Gott ist, sondern was Gott in und durch Jesus tut.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    N.T. Wright geht dann auf einige Texte näher ein, was hier aber zu weit führen würde. Wir werden darauf zurück kommen, wenn wir die verschiedenen Erklärungen zu einem überraschenden Gesamtbild zusammenfügen werden.

    Verdrängungsaktivitäten

    Das Material der Evangelien ist so reichhaltig, dass man sich mit jedem dieser Themen intensiv beschäftigen kann. Doch dabei scheint der Blick auf das zugrundeliegende zentrale Thema verloren gegangen zu sein.

    Das Ergebnis war eine Reihe von Verdrängungsaktivitäten. Die Kirche hat im wesentlichen Folgendes gesagt: (a) Wir wissen, dass die Evangelien wichtig sind, weil sie das inspirierte apostolische Zeugnis von Jesus sind; und (b) wir wissen, was in der christlichen Theologie wichtig ist, nämlich die Göttlichkeit Jesu und sein erlösender Tod oder, wenn man so will, seine moralische Lehre und sein Beispiel; also (c) nehmen wir an, dass dies die Hauptbotschaft der Evangelien ist.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3

    Und was ist nun die zentrale Botschaft der Evangelien. Dies, und darüber sprechen wir in den nächsten Folgen:

    Um den Vorschlag, an dem ich gearbeitet habe, zusammenzufassen: Die vier Evangelien versuchen zu sagen, dass Gott auf diese Weise König wurde

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 3
  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 2: Alles außer der Mitte

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 2: Alles außer der Mitte

    Von Christian / N. T. Wright


    Im ersten Teil der Serie haben wir festgestellt, dass die wesentliche Story der Evangelien vergessen worden ist und welche Rolle dabei zum Beispiel die Glaubensbekenntnisse gespielt haben. Dabei verwende ich das Buch von N.T. Wright: How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien)

    In diesem Teil geht es darum, wie verschiedene Überbetonungen oder Fixierungen auf bestimmte Aspekte der Evangelien zwar populär wurden, aber nicht zu einem zufrieden stellenden Gesamtverständnis der Evangelien führten.

    Jesus ohne die Glaubensbekenntnisse?

    In den Glaubensbekenntnissen werden vor allem Jesu Geburt, sein Tod und die Auferstehung und damit zusammenhängende Lehren adressiert. Was bleibt, als versucht wurde, alle anderen Teile der Evangelien wieder mehr Gewicht zu verleihen? Seit dem 18. Jahrhundert ist es in Mode gekommen, an die Evangelien mit der ‚historischen Frage‘ heranzugehen: Ist es wirklich so geschehen? Das ist die Frage bis heute. Und die intellektuelle Antwort war und ist oft bis heute: Ja, es hat ihn gegeben, den sogenannten ‚historischen Jesus‘. Aber der Rest ist nie geschehen. All die Wunder und was die Glaubensbekenntnisse beinhalten stammt von der Kirche, die ihren eigenen Glauben ausdrücken wollte. Was dann von Jesus übrig bleibt ist eine von drei Möglichkeiten:

    1. Ein Revolutionär, der sich mit dem römischen Imperium anlegte, um einen jüdischen Staat wieder zu errichten.
    2. Oder ein wilder, apokalyptischer Visionär, der das Ende der Welt erwartete.
    3. Oder ein mild-gestimmter, vernünftig denkender Lehrer, der die Bruderschaft aller Menschen unter dem Vater Gott lehrte.

    Oder eine Kombination von allem. Wie auch immer, er hat sich getäuscht. Die Römer haben ihn umgebracht, das Ende der Welt kam nicht und selbst seine Jünger haben sich in den Jahrhunderten danach nicht unbedingt durch mildes, vernünftiges Denken hervorgetan. Und das ist im Wesentlichen auch die Richtung der Skeptiker oder liberalen Denker der letzten zweihundert Jahre und tausender Fachbücher und populären Büchern gewesen. Für viele ist das der neue ‚orthodoxe‘ Glaube.

    Die Vorstellung, dass Jesus kam, um eine neue, einfache, klare Ethik zu lehren, die darin besteht, nett zu den Menschen zu sein, ohne jegliche „dogmatische“ Ansprüche oder „übernatürliche“ Elemente, ist so tief in der westlichen Kultur verankert, dass man manchmal verzweifelt, wie ein Gärtner, der mit Gundermann konfrontiert ist, daran, ihn jemals auszurotten. Bis heute scheint es in der gesamten westlichen Welt einen Markt für Bücher zu geben, die behaupten, dass Jesus nur ein guter jüdischer Junge war, der entsetzt gewesen wäre, wenn er gesehen hätte, dass eine „Kirche“ in seinem Namen gegründet wurde, der sich selbst nicht als „Gott“ oder gar als „Sohn Gottes“ betrachtete und der nicht die Absicht hatte, für die Sünden anderer zu sterben – die Kirche hat alles falsch verstanden. Die Autoren solcher Bücher bezeichnen sich regelmäßig als „neutral“, „unvoreingenommen“, „unparteiisch“ oder „unabhängig“. Von wegen.

    N.T. Wright How God Became King, Kapitel 2

    Das soziale Evangelium Jesu?

    Immerhin hat diese Sicht auf das Leben Jesu ohne die übernatürlichen Elemente, die sich in den Glaubensbekenntnissen finden, auch eine positive Seite. Hat Jesus in Vorschau dessen, was das ‚Königreich Gottes“ tun wird, nicht auch die Kranken geheilt, die Hungernden gespeist, den Armen aus ihrer Not befreit und Witwen und Waisen zu ihrem Recht verholfen? Und daraus wurde gegen Ende des 19. Jahrhundert die Bewegung des „christlichen Sozialismus“. Das Problem damit ist nicht nur theologischer Art – warum pickt man sich manche Aspekte aus den Evangelien heraus und ignoriert andere? Sondern der Höhepunkt dieser Bewegung ist längst überschritten und trotzdem gibt es noch dieselben Probleme – auch in der westlichen, christlichen Welt.

    Vielleicht sollten wir doch versuchen, den ‚Mittelteil‘ der Evangelien über das Leben Jesu mit dem anderen Teil, der in den Glaubensbekenntnissen hervorgehoben wird, zu verbinden.

    Hat Jesus über sich selbst gesprochen?

    Die ‚liberale‘ Lesart der Evangelien hat heute noch zu einer weiteren Vorstellung geführt: Jesus scheint über Gott gesprochen zu haben, seine Nachfolger und die frühe Kirche sprachen dann über Jesus. Insbesondere scheinen die Glaubensbekenntnisse auf die präzise ontologische Beziehung Jesu zu Gott, dem Vater, fixiert zu sein. Etwas, was Jesus gemäß den Evangelien nicht auf diese Weise getan hätte. Das kann sich soweit steigern, dass eine gewisse Überlegenheit dieses Standpunkts empfunden wird. N. T. Wright formuliert das prägnant so:

    „Ihr Möchtegern-Orthodoxen steckt eure Nasen in die Luft, weil ihr an die Göttlichkeit Jesu glaubt, während wir modernen geschichtsbewussten Leser unsere Nasen in die Luft stecken können, weil wir herausgefunden haben, dass Jesus selbst nie so gedacht hat!“ Die kirchliche Verehrung Jesu kann also als Verfälschung dessen, was Jesus selbst gesagt oder gedacht hätte, „entlarvt“ werden, so denkt man.

    N.T.Wright How God Became King, Kapitel 2

    Wie so oft steckt in dieser Behauptung ein Funke Wahrheit. Allerdings hält sie einer genaueren Analyse der Texte nicht stand. Dies Haltung suggeriert ja unter der Oberfläche, dass Jesus überhaupt nichts über sich und seine Rolle sagte, weil er über Gott sprach. Was aber nicht der Fall ist. Beim Lesen der Evangelien müssen wir unbedingt nicht nur oberflächlich die Worte sondern auch die tieferen Bedeutungsebenen berücksichtigen. Das wird klarer, wenn wir später darüber sprechen, wie die Evangelisten sich auf das Alte Testament bezogen haben und was Jesu Worte in diesem Kontext bedeuten.

    Die verborgene Herausforderung: Theokratie

    Unsere Wahrnehmung der Evangelien könnte unbewusst auch stark vom Zeitalter der Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert geprägt sein. Im Laufe der Zeit wurde Gott – was auch immer Gott sein mag – immer weiter ‚nach oben‘ entrückt. Bestenfalls auf einen Ehrenplatz, aber weit weg. Weit weg davon, die Geschicke der Menschen zu lenken. Das taten die Menschen jetzt selbst. Mit anderen Worten: Auf keinen Fall wollte man irgend einen Hauch von Theokratie – einer Regierung Gottes – haben. Diese Trennung von Kirche und Staat mag nach den Erfahrungen der Geschichte plausibel erscheinen. Sie führte aber noch stärker dazu, dass Glaube oder Religion eine Sache der privaten Lebensführung ist.

    Das kannst du selbst feststellen, wenn du über das Gebet Jesu nachdenkst: „Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden.“ (Matthäus 6:10) Wie soll das auf der Erde geschehen? Wie weit beeinflusst die Aufklärung unser Denken? Und wie weit die Evangelien? Der Text lautet ja vollständig: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ (Matthäus 6:10 Züricher). Für berühmte Denker der Aufklärung ging es dabei entweder um eine gewalttätige militärische Revolution oder das Ende der Welt. Diese Vorstellungen könnten uns also unbewusst daran hindern, die Botschaft zu erkennen, welche die Evangelisten aber unbedingt vermitteln wollten.

    Die orthodoxe Antwort

    Die Aufklärung und der allgemeine Skeptizismus drängte die Kirche in die Defensive. Die Frage im Raum war: War Jesus wirklich göttlich? Das Ergebnis war dann, dass man die Evangelien las, um einen Beweis zu finden. Und man fand ihn: Wunder! Zumindest dachte man das und manche argumentieren heute noch so. Aber sind ‚Wunder‘ wirklich ein Beweis für die Göttlichkeit Jesu? Ist das der wesentliche Grund für den Text der Evangelien zwischen Geburt und Kreuz? Was auf den ersten Blick vielleicht überzeugend klingt, übersieht jedoch die Tatsache, dass schon im Alten Testament von Wundern durch Moses, Elia und Elisa geschrieben wird, ohne auch nur im Geringsten den Anspruch zu erheben, dass einer von diesen göttlich gewesen wäre.

    Es gab und gibt also eine Menge verschiedene Antworten auf die Frage, warum die Evangelisten ihre Evangelien so und nicht anders geschrieben haben. Und obwohl sie sich so unterscheiden und zum Teil konträr sind, erscheinen sie eher als Reaktion auf den Kontext und Entwicklungen ihrer Zeit, als inadäquate Antworten.

    Im nächsten Teil werden wir uns daher mit weiteren Antworten beschäftigen, warum es den ‚Mittelteil‘ der Evangelien überhaupt gibt. Indem wir uns mit diesen näher beschäftigen, werden wir erkennen, warum diese Antworten nicht ganz falsch liegen, aber dennoch inadäquat sind. Nachdem wir so verschiedene Vorstellungen erkannt haben, die uns auch unbewusst die Sicht versperren können, sind wir dann in der Lage, mit den Ohren der Jünger im ersten Jahrhundert die Evangelien zu hören.