Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 10: Königreich und Kreuz: Die Umdeutung von Bedeutungen

Von Christian / N. T. Wright


Im zehnten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) wird erläutert, warum Königreich und Kreuz keine völlig unabhängigen Themen sind, wie wir vielleicht denken. Ich möchte seine Einleitung des Kapitels direkt zitieren:

In Teil I dieses Buches haben wir festgestellt, wie wir darauf konditioniert wurden, die Evangelien so zu lesen, als ob die Themen des Königreiches Gottes und des Kreuzes auf Distanz zueinander gehalten werden könnten. Wie wir gesehen haben, wird die Story, die die Evangelien erzählen, häufig so verstanden, dass die öffentliche Karriere Jesu mit einer Zeit der glücklichen, frühen Erfüllung begann, in der alles gut zu laufen schien, dass sie dann aber eine dunkle Wendung nahm und in Opposition, Unbeliebtheit und schließlich in Verhaftung, Prozess, Folter und Tod mündete. Wie ich versucht habe zu erklären, ist diese Aufspaltung der Story in den vier Evangelien zustande gekommen, weil die Story, die die Schreiber tatsächlich erzählen, einfach nicht in die Kategorien passte, die Leser über die Jahrhunderte hinweg, darunter auch einige sehr gläubige, mitbrachten. Aber wir sollten keinen Zweifel daran haben, dass es für die Verfasser der Evangelien selbst nie eine Botschaft vom Königreich Gottes ohne ein Kreuz gab und dass die Kreuzigung Jesu nie eine Bedeutung hatte, die von der Einführung des Königreiches Gottes getrennt war. Unsere Aufgabe ist es nun, nachdem wir uns in die Evangelien zurückgearbeitet haben, indem wir die Lautstärke der vier entscheidenden Lautsprecher angepasst haben, eine positive Aussage darüber zu machen, was passiert, wenn wir Königreiche und Kreuz nicht als zwei Themen behandeln, sondern im Wesentlichen als eins. Wir beginnen mit zwei Szenen, die mehr oder weniger den Anfang und Abschluss der gesamten Darstellung in jedem der Evangelien bilden: Jesu Taufe und der „Titel“ am Kreuz. In jeder dieser Szenen – und jede ist ein entscheidender Hinweis auf die Bedeutung, welche die Autoren ihr geben wollten – sehen wir genau die Kombination von Königreiche und Kreuz, die sich in der Geschichte der Auslegung als so schwer fassbar erwiesen hat.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Das zehnte Kapitel ist ziemlich lang – etwa 15% des Buches! Daher werde ich nur einige der Hauptpunkte zitieren und die Argumentation, welche zu diesen Aussagen führt, nicht oder nur sehr knapp erwähnen. Da es das Buch auch in deutscher Übersetzung gibt, möchte auf dieses dafür verweisen.

Taufe und Königreich

Die Beschreibung der Taufe Jesu in Johannes 1 verknüpft diese beiden Themen:

Jesus ist nicht einfach als „Übermensch“ gekommen, als „göttlicher Held“, der mit dem Fallschirm in der Welt landet, um das Chaos zu beseitigen. Er ist gekommen – und die Story des Evangeliums macht nur Sinn, wenn wir das sehr ernst nehmen – als derjenige, der Israels ultimative Berufung in sich selbst verkörpern wird.

Der Titel „Sohn Gottes“ drückt beide Hälften dieses komplexen und fein austarierten Bildes aus.

Die himmlische Ankündigung, dass Jesus „mein Sohn, mein Geliebter“ ist, derjenige, an dem Gott seine Freude hat, bedeutet für diejenigen, die biblisch aufmerksame Ohren haben, dass Jesus als der König aus Psalm 2 und der Knecht aus Jesaja 42 gekennzeichnet ist.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Dieser Bezug auf Psalm 2 und Jesaja 42 lassen uns das Königreichs-Thema nicht ignorieren, da es darin doch so prominent vorkommt.

Vielmehr deuten alle Zeichen darauf hin, dass das Ziel der Inkarnation und des Kreuzes genau darin besteht, Gottes Königreich zu errichten; das ist es schließlich, was Jesus zu sagen beginnt, als er nicht lange nach seiner Taufe seine öffentliche Laufbahn beginnt (Mt. 4,17 und Parallelen).

Mit anderen Worten: Mit dem Echo der Anfangsworte des ersten „Knecht“-Gedichts laden die synoptischen Autoren ihre Leser nicht nur dazu ein, Jesus als denjenigen zu betrachten, der stirbt, damit Sündern vergeben werden kann. Sie berufen sich auf eine der wichtigsten Schriftstellen, in der der Gott Israels, JHWH, seine Herrschaft über die ganze Welt begründet, obwohl sein eigenes Volk nicht an ihn glaubt. Er wird sie durch die Arbeit des Knechtes retten, aber das zu tun, ist „zu leicht“. Er wird durch den Knecht „ein Licht für die Völker sein, damit sein Heil bis an das Ende der Erde reicht“ (49,6). Im Zentrum all dessen steht die ultimative gute Nachricht: „Dein Gott regiert“, malak elohayik (52:7). Er ist König und hat das bewiesen, indem er die heidnischen Königreiche und ihre Götzen gestürzt, seine weltweite Gerechtigkeit enthüllt und alle und jeden eingeladen hat, sich ihm zuzuwenden und die Vorteile seines erneuerten Bundes und seiner erneuerten Schöpfung zu genießen (Jes. 54-55).

Bei der Tauferzählung in allen Evangelien geht es also nicht einfach nur um die „göttliche Identität“ Jesu einerseits oder um ein bestimmtes „Sühneprogramm“ im Sinne einer Rettung aus der Welt der Schöpfung andererseits. Ja, die Evangelien bekräftigen die göttliche Identität Jesu. Ja, sie bekräftigen seinen Tod am Kreuz als den Höhepunkt von Gottes altem Heilsplan. Aber der Grund, warum Gott inkognito in und als Jesus kam und warum dieser Jesus am Kreuz starb, war – so erzählen es uns die Evangelien – um Gottes Königreich, seine Gerechtigkeit, auf Erden wie im Himmel zu errichten. Wie in Psalm 2 geht es darum, dass die Völker auf diese Weise zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Auf diese Weise bringt der Schöpfer seine Schöpfung wieder in die richtige Form.

Ich denke an die Geschichte auf dem Emmausweg, in der der auferstandene Jesus erklärt, dass der göttliche Plan immer vorsah, dass der Messias leidet und dann „in seine Herrlichkeit kommt“ (Lukas 24,26). Wir stellen fest, dass „in seine Herrlichkeit kommen“ nicht einfach „in den Himmel kommen“ im normalen Sinne bedeutet; „Herrlichkeit“ ist eine Art, „souveräne Majestät“ zu sagen, so dass der Spruch genau die beiden Themen verbindet, die wir betrachten. Die Kreuzigung war der angemessene und lange prophezeite Weg, auf dem der Messias zum König der ganzen Welt werden würde, und Lukas‘ zweiter Band, die Apostelgeschichte, beschreibt, wie das ablief.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Der „Titel“ am Kreuz

Das lateinische Wort titulus wurde verwendet, um die öffentliche Bekanntmachung zu beschreiben, was die hingerichtete Person sich zu schulden hat kommen lassen. Und Pilatus lies dies verkünden: „Jesus von Nazareth, König der Juden“

Im Johannes Evangelium wird immer wieder klar gemacht, dass Jesus der „Messias“ ist. Dieser Titel ist im Johannes Evangelium daher der Gegenpol zur Erkenntnis der ersten Jünger Jesu in Kapitel 1. Natürlich ist dieser Titel auch äußerst ironisch. Pilatus weiß, dass Jesus mit keiner der Bedeutungen von „König“ konform geht, die Pilatus kennt. Er hat die Bedeutung von „König sein“ neu definiert. In Johannes geht es hier um eine Theologie des Königreiches. Wie Paulus schreibt, hatten die Herrscher der Welt keine Ahnung davon, was sie bei der Kreuzigung taten. (1. Korinther 2:8)

Der springende Punkt ist, dass die Leser in allen vier Evangelien nachdrücklich aufgefordert werden, den Tod Jesu als ausdrücklich „königlich“, ausdrücklich „messianisch“ zu betrachten – mit anderen Worten, er hat ausdrücklich mit dem Kommen des „Königreiches“ zu tun.

Jesus, so sagt Johannes, ist der wahre König, dessen Königreich auf völlig unerwartete Weise kommt – eine Torheit für den römischen Statthalter und ein Skandal für die jüdischen Führer.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

„Du bist der Messias“

Markus 8:27-30 ist hier eine Schlüsselpassage, in der Petrus diese Worte sagt: „Du bist der Messias“.

Dies ist der Mittelpunkt des Markus Evangeliums, der auf die Stimme bei der Taufe zurückblickt und auf die paradoxe Frage des Kaiphas bei der Gerichtsverhandlung vorausschaut („Bist du der Messias, der Sohn des Gesegneten?“ 14:61, was im Griechischen eine Aussage ist, wird durch die Interpunktion und vermutlich den Tonfall in eine Frage umgewandelt) und dann die Aussage des Hauptmanns am Fuß des Kreuzes („Dieser Mann war wirklich Gottes Sohn“, 15:39). 

Der Messias wird durch einen schrecklichen Tod in sein Reich kommen, und diejenigen, die ihm nicht nur folgen, sondern dazu berufen sind, sein Werk zu vollenden, müssen damit rechnen, dass ihre königliche Aufgabe – denn das ist sie – auf dieselbe Weise und mit denselben Mitteln erfüllt wird. Alles deutet darauf hin, dass die frühe Kirche dies sehr wohl verstanden hat, genauso wie es (leider) Anzeichen dafür gibt, dass die heutige Kirche dies nicht tut – außer natürlich in den Teilen der Welt, wie China und dem Sudan, wo es keine andere Wahl gab.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Petrus Worte „Du bist der Messias“ bedeuten also, „du bist Israels’ Messias“, wie Paulus in Römer 8:3-4 und Galater 4:4-7 bestätigt.

Die vier Evangelien wollen uns also sagen, dass das messianische Reich, das Jesus herbeiführen will, durch sein Leiden und das Leiden seiner Jünger entstehen wird. Aber es ist vor allem Jesu eigenes Leiden, das im Laufe der Evangelien als einzigartig und einzigartig wirksam herausgestellt wird. Der Schlüsseltext in Markus 9,1 und den Parallelen, der so oft als unerfüllte Vorhersage eines bevorstehenden „zweiten Kommens“ oder sogar des „Endes der Welt“ gelesen wird, war von den Evangelisten oder, wie ich glaube, von ihren Quellen oder früheren Überlieferungen nie so gemeint. Am Ende der Vorhersage Jesu, dass er und seine Jünger leiden werden, heißt es in diesem Text:

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie das Reich Gottes sehen, wenn es gekommen ist mit Macht.

Markus 9:1 Züricher

Aber scheint der Paralleltext in Matthäus 16:28 nicht etwas anderes auszusagen?

Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.

Matthäus 16:28 Züricher

Aber dieses Verständnis basiert auf einer Annahme, die zwar alltäglich, aber zutiefst falsch ist, nämlich dass sich das „Kommen des Menschensohns“ im Neuen Testament auf das „Kommen“ desjenigen bezieht, der gerade im Himmel ist. 

In Daniel „kommt einer wie ein Menschensohn“, also eine „menschliche Gestalt“, von der Erde in den Himmel, um vor dem „Alten der Tage“ präsentiert zu werden. Es ist ein Wechsel vom Leiden und der Erniedrigung zur Inthronisierung und Herrschaft.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Matthäus denkt nicht, dass sich die Worte aus Matthäus 16:28 auf eine Zeit weit in der Zukunft bezieht, sondern auf Jesus Tod und Auferstehung, auf die sich Jesus nur wenige Verse vorher bezogen hat. Markus fügt in 9:1 noch „in Macht“ hinzu und Lukas spricht in 9:27 von „Gottes Königreich“.

Diese parallelen Verse lassen sich in der Absicht aller drei Evangelisten am besten so lesen, dass sie auf die Erfüllung des Reiches Gottes hinweisen, die nach Meinung der Autoren der betreffenden Evangelien bereits mit dem Tod und der Auferstehung Jesu eingetreten ist. 

Sie glaubten dies natürlich wegen der Auferstehung Jesu – genauso wie es der Unglaube an die leibliche Auferstehung war, der Gelehrte von Reimarus bis Bultmann und darüber hinaus zu der Annahme veranlasste, dass es noch ein großes kommendes Ereignis geben muss, auf das sich die Evangelisten beziehen. Diese Gelehrten haben normalerweise angenommen, dass dieses große kommende Ereignis die Parusie ist. Das Wort Parusie ist ein griechischer Begriff und bedeutet „königliche Gegenwart“ oder „göttliches Erscheinen“, vielleicht auch beides. Er wird von den Gelehrten des Neuen Testaments regelmäßig als Fachbegriff für das „zweite Kommen“ Jesu und die damit verbundenen Phänomene verwendet, von denen die frühe Kirche glaubte, dass sie „unmittelbar bevorstehen“. Die frühen Christen glaubten, dass die Parusie der endgültige Zeitpunkt für die Einführung des Königreiches Gottes sein würde. Dieser wissenschaftliche Irrtum hat sich mit dem Dispensationalismus der populären (meist amerikanischen) Subkultur und Spekulationen vermischt und zu der heutigen Verwirrung über die „Endzeit“ geführt, die das heutige amerikanische Kirchenleben so stark prägt.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Die Erzählung vom Kreuz

Es wird oft angenommen, dass die vier Evangelisten bei der Schilderung der Ereignisse, die zur Kreuzigung Jesu führten, kaum die Absicht haben, eine theologische Interpretation dieser Ereignisse zu geben. Um noch einmal einen Schritt zurück zu gehen: Wenn man über „Sühnetheologie“ schreibt, neigt man dazu, sich auf Paulus und den Hebräerbrief zu stützen und die Evangelien nur für die losgelösten Phrasen heranzuziehen, die (so scheint es) das „theologische“ Konstrukt stützen, das man bereits aus Paulus entnommen hat. Die eigentlichen Erzählungen von der Verhaftung, dem Prozess und der Kreuzigung Jesu wurden natürlich nach Hinweisen auf die „Bedeutung“ durchforstet, und dies wurde nicht zuletzt in der Verwendung des Alten Testaments, von Passagen wie Psalm 22,1, gefunden.

Mit anderen Worten: Die Prüfungen befassen sich mit dem theologischen und soteriologischen „Warum“ des Kreuzes, nicht nur mit dem „Wie“. 

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Die großartige Szene in Johannes mit Jesus und Pilatus gibt uns die Gründe für das Kreuz, und das sind Königreichs-Gründe. N.T. Wright weist hier allerdings auch auf ein weit verbreitetes Missverständnis hin:

Jesus ergreift erneut die Initiative in dem Gespräch und führt die Diskussion über verschiedene Arten von „Königreichen“ ein. „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“, sagt er (18:36). (An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die übliche Übersetzung „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“ zu zahlreichen Fehlinterpretationen in allen vier Evangelien beigetragen hat, die den Eindruck erwecken, dass Jesu „Königreich“ einfach „jenseitig“ ist. Das griechische Wort für „von dieser Welt“ ist ek toukosmou toutou; das ek, das „heraus“ oder „von“ bedeutet, ist das entscheidende Wort). Es steht außer Frage, dass Jesus von einem „Königreich“ in und für diese Welt spricht.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Und so betont Jesus, dass genau das geschehen muss, wenn Gottes Königreich erfolgreich seinen Weg bahnt – und zwar nicht mit Gewalt sondern gewaltlos. „Und in der weiteren johanneischen Perspektive entdecken wir, dass das einzige Wort, das dieser Kombination aus Königreich und Kreuz gerecht wird, agape, „Liebe“, ist.“

Ich lasse jetzt einmal die Analyse von Johannes 19 aus und gebe nur sein Resume wieder:

Allmählich, Stück für Stück, entdecken wir in einer Erzählung voller ironischer Königreichstheologie das theologische „Warum“ des Kreuzes im historischen „Wie“. Wie wir schon die ganze Zeit erkannt haben sollten, ist die „Erhöhung“ Jesu am Kreuz seine Verherrlichung als „König der Juden“, denn das Königreich, das auf diese Weise verwirklicht wird, ist der Sieg der Liebe Gottes. Königreich und Kreuz sind vollständig verbunden.

Das berühmte tetelestai in 19,30 („Es ist vollbracht!“) entspricht dem synetelesen in Genesis 2,2 („Gott vollendete das Werk, das er getan hatte“); 

Das Kreuz dient dem Ziel des Reiches Gottes, so wie das Reich Gottes durch den Sieg Jesu am Kreuz vollendet wird.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Tempel, Königreich und Kreuz

Die zentrale Bedeutung eines Tempels und insbesondere des Tempels in Jerusalem für gläubige Juden ist für uns nur schwer zu erfassen. Sollten wir uns diesen wie ein heutiges religiöses Gebäude vorstellen – zum Beispiel eine Kathedrale oder eine Moschee – dann liegen wir ziemlich daneben. Mittlerweile ist heute weitgehend anerkannt, dass es in der Antike keine Trennung von ‚Religion‘ und anderen Dingen wir ‚Politik‘, ‚Kultur‘ oder ‚Ökonomie‘ gab.

Gerade im Judentum hätte das keinen Sinn gemacht. Der Tempel war nicht nur das Zentrum des gesamten nationalen Lebens. Die Juden glaubten (wie viele andere alte Völker auch), dass der Tempel der Ort war, an dem Himmel und Erde miteinander verbunden waren und sich überschnitten. 

Der „Himmel“ wurde schließlich als der Thronsaal angesehen, der Ort, von dem aus die „Erde“ regiert werden sollte. Aber wenn der „Himmel“ mit einem bestimmten Punkt auf der „Erde“ in Verbindung gebracht wurde, dann war dieser Punkt der Ort, an dem die Macht konzentriert war. Göttliche Macht. Theokratie. Das Königreich Gottes.

Und die Evangelien erzählen die Geschichte von Jesus als die Geschichte eines wandelnden Ein-Mann-Tempels. Schon früh in der Geschichte finden wir die Andeutungen. „Wer ist das?“, fragen die Menschen, als Jesus bemerkenswerte Dinge tut, mit Autorität spricht und handelt und sich so verhält, als ob er derjenige wäre, der jetzt das Sagen hat. Jesus wird in den Evangelien als Ein-Mann-Apokalypse dargestellt, als der Ort, an dem sich Himmel und Erde treffen, als der Ort und das Mittel, durch das die Menschen kommen und sich als Volk des einen Gottes erneuert und wiederhergestellt finden, als der Ort, an dem die Macht neu definiert, auf den Kopf gestellt oder vielleicht auch richtig herum gestellt wird. 

Die Evangelisten haben keinen Zweifel: Jesus ist die Realität, der Ort, an dem Israels Gott jetzt wohnt, der Mensch, in dem und durch den derjenige, der Abraham rief und seine Stimme vom Sinai ausstieß, jetzt zurückgekehrt ist, um zu richten und zu retten. Jesus ist die Realität, und der gegenwärtige Tempel und seine offiziellen Sprecher müssen vor ihm weichen. Aus Sicht der Evangelisten ist es kein Zufall, dass der Vorhang des Tempels von oben bis unten zerrissen wird, als Jesus schließlich seinen letzten Atemzug tut (Markus 15,38)

Für eine wahrhaft jüdische Vision der Theokratie braucht man Gott in der Mitte. Was uns die Evangelien bieten – vor allem Johannes, aber eigentlich alle – ist ein Gott, der in und als Jesus, dem Messias, in der Mitte ist, und ein Gott, der sich verpflichtet, durch Jesus in der Person des Geistes in der Mitte zu bleiben. Jesus selbst ist der neue Tempel im Herzen der neuen Schöpfung, für den Tag, an dem die ganze Erde von der Herrlichkeit Gottes erfüllt sein wird, wie das Wasser das Meer bedeckt. 

Es ist viel, viel mehr. Es ist der Moment, in dem die Story Israels ihren Höhepunkt erreicht; der Moment, in dem die Wächter auf den Mauern Jerusalems endlich ihren Gott in seinem Königreich kommen sehen; der Moment, in dem das Volk Gottes erneuert wird, um endlich die königliche Priesterschaft zu sein, die die Welt nicht mit der Liebe zur Macht, sondern mit der Macht der Liebe erobern wird; der Moment, in dem das Königreich Gottes die Reiche der Welt überwindet. Es ist der Moment, in dem eine große alte Tür, die seit unserem ersten Ungehorsam verschlossen und verriegelt war, plötzlich aufschwingt und nicht nur den Garten offenbart, der zu unserer Freude wieder geöffnet ist, sondern die kommende Stadt, die Gartenstadt, die Gott schon immer geplant hatte und uns nun einlädt, durch die Tür zu gehen und mit ihm zu bauen. Die dunkle Macht, die sich dieser Vision des Königreichs in den Weg stellte, wurde besiegt, gestürzt und für null und nichtig erklärt. Ihre Legionen werden immer noch viel Lärm machen und viel Kummer verursachen, aber der endgültige Sieg ist jetzt gesichert. Das ist die Vision, die uns die Evangelisten bieten, wenn sie das Königreich Gottes und das Kreuz zusammenbringen.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Königreich und Kreuz in gegenseitiger Interpretation

Sobald man erkannt hat, dass Königreich und Kreuz in den Evangelien verknüpft sind, ist es möglich das eine aus dem Blickwinkel des anderen zu betrachten. N.T. Wright führt hier jeweils drei Reflexionen an. Zuerst einmal das Königreich aus Sicht des Kreuzes:

Erstens bestehen die Evangelisten darauf, dass das Königreich Gottes wirklich von Jesus in seiner aktiven öffentlichen Laufbahn, in der Zeit zwischen seiner Taufe und dem Kreuz, eingesetzt wurde. Die gesamte Erzählung der Evangelien ist die Story, „wie Gott in und durch Jesus König wurde“.

Zweitens wird dieses Königreich radikal in Bezug auf die gesamte Leidensgeschichte Jesu definiert, die zum Kreuz führt. 

Drittens ist das Königreich, das Jesus eingesetzt hat und das durch sein Kreuz verwirklicht wird, ausdrücklich für diese Welt bestimmt. 

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

„Was lernen wir also über das Kreuz, wenn wir entdecken, dass es in den Evangelien als das Mittel dargestellt wird, mit dem Gott (in Jesus) zum König der Welt wird? “

Erstens: Die Art und Weise, wie wir normalerweise die Optionen in der Sühnetheologie aufgelistet haben, reicht einfach nicht aus. Unsere Fragen waren falsch gestellt, denn sie drehten sich nicht um das Königreich. Es ging nicht um die souveräne, rettende Herrschaft Gottes, die auf der Erde wie im Himmel herrscht. Stattdessen drehten sich unsere Fragen um eine „Erlösung“, die die Menschen von der Welt rettet, anstatt für die Welt. „Es geht darum, in den Himmel zu kommen (zumindest in der westlichen Kirche seit dem Mittelalter); die Sünde ist das, was uns daran hindert, dorthin zu gelangen. Das Kreuz muss also die Sünde beseitigen, damit wir diese Welt verlassen und in die viel bessere Welt im Himmel oder in der „Ewigkeit“ oder wo auch immer gehen können. Aber das entspricht einfach nicht der Story, die die Evangelien erzählen – was wiederum erklärt, warum wir alle diese wunderbaren Texte falsch gelesen haben. … Aber die Idee des messianischen Sieges als neue Interpretation eines alten jüdischen Themas ist genau das, was die vier Evangelien im Sinn haben.

Zweitens: Wenn wir das Kreuz im Licht des Königreichs sehen, entdecken wir einen neuen und hilfreichen Rahmen für das Verständnis der schwierigen Fragen, die mit der stellvertretenden Sühne verbunden sind. … Was die Evangelien selbst angeht, sollte kein Zweifel daran bestehen, dass sie dieser Linie folgen. Für sie stirbt Jesus den stellvertretenden Tod für die Schuldigen, für das schuldige Israel und die schuldige Menschheit. Durch seinen Tod, so sagen die Evangelisten ihren Lesern, wird das Jubel-Ereignis kommen, die große Erlösung, die Freiheit von Schulden jeder Art, die er zuvor angekündigt hatte und die das zentrale Merkmal des Königreichs ist.

Drittens: Wenn das Kreuz als das Kommen des Königreichs auf Erden wie im Himmel gedeutet werden soll, in dessen Mittelpunkt eine Art messianischer Sieg steht, mit einer Art Stellvertretung im Zentrum, die durch eine Art Repräsentation einen Sinn ergibt, dann finden wir in den vier Evangelien die Hauptanwendung des Kreuzes nicht in abstrakten Predigten darüber, „wie dir deine Sünden vergeben werden“ oder „wie du in den Himmel kommst“, sondern in einer Agenda, in der den vergeben wordenden Menschen an die Arbeit gehen und die Übel der Welt im Licht des Sieges von Golgatha angehen.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Königreich, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt

Neben Königreich und Kreuz finden wir in den Evangelien jedoch auch noch die Auferstehung und Himmelfahrt. Was die Auferstehung betrifft, hat N.T. Wright dazu in seinem Buch Suprised by Hope (Von Hoffnung überrascht) ausführlicher geschrieben und ich hatte dazu eine Serie veröffentlicht. In diesem Kontext ist die Auferstehung natürlich wichtig, weil die Evangelisten ohne Auferstehung keine Story zu erzählen gehabt hätten. Denn gekreuzigt wurden auch Tausende andere junger Juden. Die Evangelisten heben dabei noch weitere, verschiedene Aspekte hervor:

Aus der Sicht von Markus ist die Auferstehung der Moment, in dem Gottes Königreich „in Kraft tritt“. Aus der Sicht des Johannes ist sie der Beginn der neuen Schöpfung, der neuen Genesis. Aus der Sicht von Matthäus bringt es Jesus in die Position, für die er schon immer bestimmt war, nämlich die des rechtmäßigen Herrn der Welt, der seine Anhänger aussendet (so wie ein neuer römischer Kaiser seine Abgesandten aussenden könnte, aber mit Methoden, die der Botschaft entsprechen), um die Welt aufzurufen, ihm zu folgen und seine Art des Menschseins zu lernen. Aus der Sicht des Lukas ist die Auferstehung der Moment, in dem Israels Messias „in seine Herrlichkeit kommt“, so dass die „Buße zur Vergebung der Sünden“ nun der ganzen Welt als Lebensweg verkündet werden kann, ja, wie es in der Apostelgeschichte heißt, als Der Weg.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Tatsächlich hat die Auferstehung weitere Konsequenzen.

Himmel und Erde sind jetzt in der Person – im auferstandenen Leib! – von Jesus selbst vereint.

Deshalb sendet er seine Anhänger aus, ausgerüstet mit seinem eigenen Geist (wenn die Himmelfahrt einen Teil der „Erde“ im „Himmel“ verortet, sendet Pfingsten den Atem des Himmels auf die Erde), um seine Souveränität über die Welt zu feiern und sie durch die Gründung von Gemeinschaften zu verwirklichen, die durch seine Liebe gerettet, durch seine Kraft erneuert und seinem Namen treu sind. 

Wenn die Jünger Jesus zu Beginn der Apostelgeschichte fragen, ob es an der Zeit sei, „das Königreich Israel wiederherzustellen“ (1,6), ist seine Antwort nicht (wie oft angenommen) ein „Nein“. Sie ist ein „Ja“. Aber wie so oft ist es ein „Ja, aber“: …

Und bei diesem „Zeugnis“ geht es nicht darum, „den Leuten von deiner neuen religiösen Erfahrung zu erzählen“ oder ihnen mitzuteilen, dass es jetzt eine neue Aussicht auf ein viel besseres jenseitiges Schicksal gibt als alles, was die düstere heidnische Welt zu bieten hatte. Das „Zeugnis“ der Jünger Jesu ist die Botschaft, dass es jetzt „einen anderen König gibt, Jesus“ (Apostelgeschichte 17,7). Es ist das Zeugnis, das besagt, dass die gegenwärtig existierenden Tempel, ob in Jerusalem, Athen, Ephesus oder anderswo, bestenfalls als überflüssig (Apg. 7) und schlimmstenfalls als blasphemischer Kategorienfehler (Apg. 17; 19) anzusehen sind. Jesus ist der wahre Tempel, der jetzt als der Gekreuzigte über die Welt herrscht; 

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 10

Und damit sind wir am Ende des Kapitels 10 angekommen. Vermutlich waren einige neue, ungewohnte Gedanken dabei. Die Begründungen mittels des Textes des Neuen Testaments habe ich weitgehend weggelassen, damit dieser Text nicht zu lang wird. Und vermutlich ist es auch besser, diese in seinem Buch zu lesen und in Ruhe nachzuvollziehen. Hier sollte es vor allem darum gehen, diese neuen – oder eigentlich sehr alten und nur für uns neuen – Gedanken zu vermitteln. Eine erneuerte Sicht auf die Evangelien, die man erkennen kann, wenn man die überlieferten Erklärungen, Einordnungen und Interpretationen weglässt und sich direkt mit dem Text der Evangelien beschäftigt. Dass damit sogar die alten Glaubensbekenntnisse wieder in Übereinstimmung und auf der Grundlage der Evangelien gelesen und verstanden werden können, werden im nächsten Teil sehen.

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