Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 9: Königreich und Kreuz in vier Dimensionen

Von Christian / N. T. Wright


Im neunten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) kommen wir nun zur zentralen Aussage seines Buches:

Alle vier Evangelien erzählen die Story, wie Gott in und durch diese Story von Jesus von Nazareth König wurde.

Die Geschichte, die Matthäus, Markus, Lukas und Johannes erzählen, ist die Story davon, wie Gott König wurde – in und durch Jesus, sowohl in seiner öffentlichen Laufbahn als auch in seinem Tod.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

Da dies schon Folge 9 dieser Serie sind, wir aber erst gut die Hälfte der über der 300 Seiten behandelt haben, werde ich mich nun kürzer fassen. Es gibt das englische Buch mittlerweile auch in deutscher Übersetzung.

Königreich, Kreuz und Israel

Wenn die Verfasser der Evangelien also, wie wir bereits angedeutet haben, die Story von Jesus als Vollendung der Story Israels anbieten, in welchem Sinne ist sie dann jetzt vollständig? Wie hat sie sich erfüllt? Die Antwort scheint für die Verfasser der Evangelien selbst in dem dunklen Strang zu liegen, der in verschiedenen Phasen der Tradition des alten Israel auftaucht. Während die Psalmen und Propheten ihre Vision davon schärfen, wie Gottes Königreich in die Welt kommen soll, taucht ein seltsames und zunächst verwirrendes Thema auf: Israel selbst wird in diese Dunkelheit eintreten müssen.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

Als Beleg dafür führt N.T. Wright Psalm 22 an. Und dass sowohl Matthäus (27:46) und Markus (15:34) die Anfangsworte von Psalm 22 als Jesus Worte am Kreuz anführen. Dieses Leiden ist auch in Jesaja 52 und 53 zu finden, welche vom wahren Triumph in 54 und 55 gefolgt wird.

Wenn wir die Story von Jesus als Höhepunkt der Story Israels betrachten, sollten wir nicht überrascht sein, wenn wir feststellen, dass das Leiden Israels und seines obersten Vertreters als Teil der umfassenderen und größeren Absichten des Gottes Israels zu verstehen ist, mit anderen Worten, der Errichtung seiner weltweiten heilenden Souveränität. Umgekehrt sollten wir nicht überrascht sein, wenn wir feststellen, dass dieser Gott, wenn er die Nationen schließlich als sein Eigentum beansprucht und sie von ihren bösen Wegen befreit, dies durch das Leiden seines Volkes tut – oder, wie in der Story, die die Evangelien selbst erzählen, durch das Leiden des offiziellen, von Gott ernannten Vertreters seines Volkes.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

Königreich, Kreuz und Gott

Dass Gott der Retter seines Volkes ist belegt N.T. Wright mit Jesaja 63 und Hesekiel 34. Der Bezug findet sich vor allem in Johannes 10 (aber auch Lukas 15:3-7 zum Beispiel). So, wie die Story Jesu entwickelt wird, spiegelt sie exakt das Zurückkommen des Gottes Israel wieder. Wie ist das zu verstehen?

Weder Johannes noch einer der anderen macht den Fehler, den man oft im Volksmund hört, nämlich „Jesus ist Gott“ ohne Einschränkung zu sagen. Jesus bezieht sich ständig auf „den Vater“, sowohl als von ihm verschieden als auch als mit ihm in einem engen Band der Liebe und des Gehorsams verbunden. Und der Punkt, der hier für unsere gegenwärtigen Zwecke hervorgehoben werden soll, ist, dass in dieser zentralen „Inkarnations“-Passage die Themen Kreuz und Königreich wieder eng miteinander verwoben sind. Dies bekräftigt die Warnung, die wir zuvor ausgesprochen haben, dass es möglich ist, die Lehre von der „Gottheit“ Jesu so darzustellen, dass sie sowohl vom Reich als auch vom Kreuz losgelöst ist, aber das ist es, was das Neue Testament niemals tut. Der „Gott“, der in Jesus Mensch geworden ist, ist der Gott, der, wie er es immer versprochen hatte, zurückkehrt, um seine Herrschaft über die ganze Welt zu beanspruchen (beachte die „anderen Schafe“ in Johannes 10,16) und dies tun würde, indem er selbst den Schmerz und das Leid seines Volkes teilt und „sein Leben für die Schafe hingibt“. 

Wie können wir das überhaupt verstehen? Vielleicht sollten wir sagen, dass Gott Israel im Rückblick, den uns die Evangelisten bieten, dazu berufen hat, das Mittel zur Rettung der Welt zu sein, damit er selbst allein die Welt retten kann, indem er Israel in der Person seines repräsentativen Messias wird.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

Für die weiteren Erläuterungen und Belege möchte ich auf das Buch von N.T. Wright verweisen (es sind nämlich einige Seiten …).

Königreich, Kreuz und Kirche

Die Tätigkeit Jesu wird in den Evangelien wie bei den früheren Propheten dargestellt: Israel muss umkehren und gemäß seiner wahren Berufung leben. Seine Nachfolger waren der Überzeugung, dass diese Erneuerung tatsächlich begonnen hatte. „Israel war nicht verworfen worden. Es ist nicht „ersetzt“ worden. Es war transformiert worden.“ Seine ersten Jünger habe das nicht verstanden:

Ein Teil der Bedeutung des Königreichs in den vier Evangelien ist genau die Tatsache, dass es für die ersten Anhänger Jesu so schockierend und unverständlich ist.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

So brauchte es seinen Tod, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt und die dramatischen Ereignisse zu Pfingsten. „Die Story des Evangeliums von Jesus, der als der Beginn des erneuerten Volkes Gottes gesehen wird, beinhaltet als zentrales Element das Unverständnis, das Versagen und die Rebellion dieses Volkes, bis es durch die Auferstehung in einen neuen Glauben versetzt und durch den Geist zu neuem Gehorsam angeregt wird.“ Es ging nicht um abstrakte Theologie, sondern ein Muster für ihre Leben. Und sie waren sich sehr wohl bewusst, dass dieses Muster auch Leiden als zentrales und bedeutungsschweres Element beinhalten würde: Unverständnis, eigenes Leiden und vielleicht so gar der Tod.

Diesen Gedanken führt N.T. Wright im Buch noch mit vielen Details aus.

Königreich und Kreuz in der Welt des Kaisers

„Aus allem, was wir in Kapitel 7 untersucht haben, geht klar hervor, dass alle vier Evangelien die Story von Jesus nicht nur als die Konfrontation zwischen dem Königreich Gottes und dem Königreich Cäsars betrachten, sondern auch als den Sieg des ersteren über das letztere.“

Jesus ist schließlich nach Jerusalem gekommen und hat festgestellt, dass der Tempel nicht mehr der Ort ist, an dem Himmel und Erde zusammenkommen, sondern der Ort, an dem Mammon und Gewalt ungehindert herrschen und mit der Herrschaft Cäsars unter einer Decke stecken. Jesus selbst, so sagen die Evangelisten, ist nun der Ort, an dem Himmel und Erde zusammenkommen, und das Ereignis, bei dem dies in höchstem Maße geschieht, ist die Kreuzigung selbst. Das Kreuz soll der Sieg des „Menschensohnes“, des Messias, über die Monster sein; der Sieg des Reiches Gottes über die Königreiche der Welt; der Sieg Gottes selbst über alle menschlichen und übermenschlichen Mächte, die Gottes Herrschaft über die Welt an sich gerissen haben. Eine Theokratie, eine echte Theokratie nach israelitischem Vorbild, wird erst dann entstehen, wenn die anderen „Herren“ gestürzt worden sind.

Ohne das Kreuz bleibt die satanische Herrschaft bestehen. Deshalb ist das Kreuz für alle vier Evangelien (und, wie ich an anderer Stelle argumentiert habe, für Jesus selbst) die ultimative messianische Aufgabe, die letzte Schlacht. Die Evangelisten gehen nicht davon aus, dass das Kreuz eine Niederlage ist, mit der Auferstehung als überraschendem Sieg in der Verlängerung. Der Sinn der Auferstehung besteht darin, dass sie das unmittelbare Ergebnis der Tatsache ist, dass der Sieg bereits errungen wurde. Die Sünde wurde überwunden. Der „Ankläger“ hat nichts mehr zu sagen. Der Schöpfer kann nun seine neue Schöpfung ins Leben rufen.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 9

Auch das ist natürlich ausführlicher begründet und ich möchte daher auf das Buch selbst verweisen.

Kommentare

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Entdecke mehr von Beröer Suche

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen