Von Christian / N. T. Wright
Im achten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht es darum, sich des vielschichtigen, komplexen und reichhaltigen Inhalts der Evangelien bewusst zu werden. Denn in der Vergangenheit ist genau das Gegenteil geschehen.


Die Evangelien alltäglich machen
N.T. Wright formuliert das Problem so:
Einer der Hauptgründe für dieses Buch ist es, darauf hinzuweisen, dass wir die Evangelien nicht nur falsch verstanden haben, sondern dass wir sie banalisiert haben, sie zurechtgestutzt haben, ihnen nur erlaubt haben, über die wenigen Anliegen zu sprechen, die uns ohnehin schon beschäftigen, anstatt sie freizulassen, um eine ganze Welt der Bedeutung in alle Richtungen zu erschaffen, eine neue Welt, in der wir nicht nur neues Leben, sondern auch eine neue Berufung entdecken würden.
N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8
Das geschah zum Beispiel deswegen, weil die Themen „Königreich“ und „Kreuz“ getrennt betrachtet werden, obwohl die Evangelien doch beides zusammen führen.
Die Trennung von Königreich und Kreuz
Zuerst einmal müssen wir festhalten, dass die vier Evangelien mühelos viele Dinge zu einer reichhaltigen Einheit zusammenführen, welche spätere Traditionen voneinander getrennt haben. So gibt es schon lange Zeit die entgegengesetzten Positionen der „Königreichs-Christen“ mit ihrem sozialem Evangelium und die „Kreuz-Christen“ mit ihrer Seelen-für-den-Himmel-Retten Agenda.
Griechen, Römer und Juden im ersten Jahrhundert dachten aber nicht in getrennten Kategorien wie Politik und Religion.
Ebenso trennen moderne Philosophen heute die Frage des „Problem des Bösen“ von dem, was moderne Theologen „Sühne“ (engl. atonement) nennen. In den Evangelien sind beide Themen verknüpft. Darüber hat N.T. Wright in seinem Buch Evil and the Justice of God (Das Böse und die Gerechtigkeit Gottes) geschrieben, über das ich vielleicht auch einmal eine Serie mache.
„Aber das Problem, mit dem wir konfrontiert sind, liegt tiefer in der Denkweise der kritischen Wissenschaft der letzten zweihundert Jahre.“ Wenn Jesus über Gottes Königreich sprach, wurde dies in Begriffen der üblichen bewaffneten Revolution verstanden, und damit konnte es noch nicht gekommen sein. Und verstand man es als Hinweis auf das Ende der Welt – nun ja, das war auch noch nicht gekommen. Obwohl die Worte in Markus 9:1 doch recht klar sind: „Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie das Reich Gottes sehen, wenn es gekommen ist mit Macht.“ (Züricher)
Was die Kritiker nicht erkannten – nicht weil es zu obskur war, sondern weil die Philosophie der europäischen Aufklärung verlangte, dass sie ihre Augen davor verschlossen – war, dass Jesus eine Vision des Reiches Gottes verkündete und einführte, die er durch Handlungen und Gleichnisse ständig neu definierte und die durch seine eigene Rechtfertigung eingeleitet werden würde. Die Bedeutung von Daniel 7, der Erhöhung und Rechtfertigung des „Einen wie ein Menschensohn“, kann hier nicht genug betont werden – und natürlich hat die kritische Wissenschaft gerade an diesem Punkt wieder ihr Bestes getan, um ein zentrales Element der Beweislage zu neutralisieren.
N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8
Die Schreiber des Neuen Testaments taten dagegen ihr Bestes, damit dieser Punkt klar und deutlich verstanden werden konnte. Matthäus dachte, dass Jesus das schon erreicht hätte: „Und Jesus trat zu ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“ (Matthäus 28:18 Züricher) Man kann Briefe des Paulus wie Römer, 1. Korinther und Philipper nicht verstehen, wenn man dieses Verständnis nicht zugrunde legt. Und in der Offenbarung des Johannes wird die Souveränität Jesu von der ersten bis zur letzen Seite gefeiert. Aber selbstverständlich hat keiner dieser Autoren auch nur eine Sekunde gedacht, dass Utopia schon angekommen wäre.
Die frühen christlichen Schriftsteller legten natürlich eine Eschatologie dar, die eingeleitet, aber noch nicht vollständig vollzogen war; sie feierten (Paulus ist in diesem Punkt in 1. Korinther 15:20-28 recht deutlich) etwas, das bereits geschehen war, aber gleichzeitig etwas, das noch in der Zukunft geschehen musste. Sie glaubten, dass sie zwischen der Vollendung der Herrschaft Gottes durch Jesus und ihrer vollständigen Umsetzung lebten.
Die neue Schöpfung hat bereits begonnen, sagen sie, und wird vollendet werden. Jesus herrscht über diese neue Schöpfung und lässt sie durch das Zeugnis seiner Kirche Wirklichkeit werden. „Der Herrscher dieser Welt“ wurde gestürzt; die Mächte der Welt wurden als besiegte, zerlumpte Bande hinter Jesu Triumphzug hergeführt. Und so wird Gott König auf Erden wie im Himmel. Das ist die Wahrheit, die uns die Evangelien unbedingt mitteilen wollen.
N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8
Für die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert war das also der Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Das Christentum sollte eine Eschatologie sein: „So sollte die Geschichte verlaufen, trotz allem Anschein!“. Da für die Denker der Aufklärung bis heute aber ihre Zeit der Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit ist, nach dem alles besser wird, wurde die Christentum auf eine Religion reduziert: „Hier ist ein Weg, spirituell zu sein.“
Wie haben Christen darauf reagiert?
Reaktionen der Christen
Ein Reaktion in den vergangenen zweihundert Jahren war, dass das alles doch gar nicht so wichtig ist, weil wir sowieso in den Himmel kommen werden. Das ist aber überhaupt nicht das, was die Evangelisten dachten, sondern ist näher am Gnostizimus. Näheres dazu ist in der Serie über N.T. Wrights Buch „Von Hoffnung überrascht“ zu finden.
Eine andere Richtung sagt, dass die Kirche einfach ihren Laden sauber halten und ein leuchtendes Beispiel für andere sein soll. Und sich sonst Bitteschön nicht an der Welt beteiligen soll. Das passt aber weder zu Jesus Anspruch in Matthäus 28 und birgt die Gefahr, den Teil des christlichen Denkens in Bezug auf die Schöpfung zu ignorieren.
Eine dritte und vierte Reaktion hat einfach den rechten oder linken Flügel des politischen Spektrums (insbesondere in den USA) abgesegnet.
Hinter diesen verschiedenen Reaktionen kann man aber auch einen der modernen Kontexte erkennen, mit dem dann die Evangelien gelesen werden. Wenn wir die Evangelien aber für sich sprechen lassen wollen, dann müssen wir sie in ihrem Kontext lesen.
Macht und Herrschaft im Judentum des ersten Jahrhunderts
Die Juden hatten in der Zeit nach dem Exil und bis zum ersten Jahrhundert eine ziemlich klare Vorstellung der Beziehung zwischen Gott und Reich: Auch wenn viele auf die vorhergesagte, vollständige Herrschaft Gottes warteten, glaubten sie auch, dass er schon jetzt irgendwie Souverän über die Nationen war. Da Gott nicht wollte, dass die Welt ins völlige Chaos stürzt, erlaubt er den Königen zu regieren. Auch wenn er sie wie im Falle von Nebukadnezzar und Belschazzar aus dem Buch Daniel zurechtstutzt.
Die Juden gingen aufgrund ihrer starken Schöpfungstheologie davon aus, dass der Schöpfer die Welt so geschaffen hatte, dass sie von Menschen ordnungsgemäß geordnet und verwaltet werden konnte. Die jüdische Vision der Theokratie, in der Gott die Verantwortung trägt, war immer eine Herrschaft, die durch seine Ebenbilder, d. h. durch Menschen, vermittelt wurde.
In einem wahrhaft auf Schöpfung beruhenden Monotheismus funktioniert die Welt am besten, wenn sie von weisen Verwaltern regiert wird, von Menschen, die demütig vor Gott sind und daher erfolgreich eine fruchtbare Ordnung in seine Welt bringen.
N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8
Die Juden scheinen auch nicht sonderlich daran interessiert gewesen zu sein, auf welche Weise eine Herrscher an die Macht gekommen war, sondern vielmehr daran, was er danach tat. Und auch die Juden im ersten Jahrhundert wussten schon alles über schlechte Herrscher – jüdische oder heidnische. Was viele wollten, war eine Theokratie. Das war aber weder ein ‚Gottesstaat‘, wie ihn Calvin in Genf erzwang, noch wie ihn heute nicht weniger radikale Muslime erzwingen. In den Psalmen, Jesaja und vielen anderen biblischen und späteren Texten ist der Messias, der gesalbte König, die zentrale Figur. Und in Psalm 2, 72 und ähnlichen Passagen wird deutlich, dass dies der Messias nicht nur für Gottes Volk der Juden der gesalbte König würde.
N.T. Wright fasst es wie folgt zusammen:
Um diese sehr lange, aber notwendige Einführung zusammenzufassen: Das Judentum ging immer davon aus, dass der Schöpfergott wollte, dass die Welt von Menschen, die sein Ebenbild tragen, geordnet und regiert wird. Die Welt, Himmel und Erde, wurde als Gottes Tempel erschaffen, und seine Ebenbilder waren die Schlüsselelemente in diesem Tempel. Aber die Welt geriet durch das Versagen der Menschen im Allgemeinen und Israels im Besonderen aus den Fugen, sodass Gott, der Schöpfer, in Gericht und Gerechtigkeit handeln musste, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Und das Zeichen dieses kommenden Gerichts war, dass Gott sein Bundesvolk im Herzen der Welt um den Tempel versammelt hatte, der der Mikrokosmos der Schöpfung war, um seine wahre Ordnung zu feiern und dafür zu beten, dass sie auf Erden wie im Himmel herrschen möge.
Die Bedeutung des Tempels als Dreh- und Angelpunkt der alten jüdischen Theokratie, sowohl in der Realität als auch in der Eschatologie, kann nicht genug betont werden.
N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8
Das ist der Kontext der Menschen, mit denen Jesus sprach, und der Kontext der Jünger Jesu und der Evangelisten.
Wenn wir uns nun, nicht zu früh, den Themen Königreich und Kreuz zuwenden, stellen wir fest, dass es für alle Evangelisten, wie für Paulus, keinen Grund gibt, das Königreich Gottes nicht als gekommen zu betrachten. Ja, es wurde neu definiert. Ja, es gibt noch mehr zu tun, solange das Böse weiterhin auf der Erde umgeht. Aber die ersten Christen glaubten alle, dass mit dem Tod und der Auferstehung Jesu das Königreich tatsächlich an die Macht gekommen war, auch wenn es nicht so aussah, wie sie es sich vorgestellt hatten. Die Hoffnung hatte sich erfüllt, auch wenn sie im Laufe des Prozesses ziemlich drastisch neu definiert worden war. Eine neue Theokratie war tatsächlich errichtet worden, weil der Tempel, in dem Gott unter seinem Volk lebte, radikal neu definiert worden war. Ein neues Reich war entstanden, das das Reich Cäsars und alle ähnlichen Reiche übertrumpfen würde, nicht durch überlegene Gewalt, sondern durch eine völlig andere Art von Macht. Und der Ort, an dem diese Vision dargelegt wird, ist zur großen Überraschung vieler, die diese Dokumente auf einer Ebene gut kennen, die Sammlung der vier Evangelien, die wir im Neuen Testament finden.
N.T. Wright How God Became King, Kapitel 8


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