Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 6: Der Start von Gottes erneuertem Volk

Von Christian / N. T. Wright


Im sechsten Kapitel des Buches von N.T. Wright How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels (Deutsche Übersetzung: Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Die vergessene Story der Evangelien) geht um eine Erklärung des Inhalts der Evangelien, die öfters in der modernen Bibelwissenschaft alle anderen Sichten verdeckt hat: Die Evangelien wären nur Reflexionen des Lebens der frühen Kirche, gelegt in den Mund eines fiktiven Jesus.

Diesen Standpunkt diskutiert N.T. Wright in seinem Buch, ich möchte mich hier aber auf die Evangelien konzentrieren.

Die Schreiber der Evangelien haben also nicht einfach die Story von Jesus in einer „neutralen“, „objektiven“ Art von Reportage erzählt. Wie ich und andere schon oft betont haben, gibt es so etwas wie eine „neutrale“ Reportage nicht. Alle Geschichten werden aus einem bestimmten Blickwinkel erzählt; ohne diesen gibt es kein Auswahlprinzip und es bleibt ein unsortiertes Sammelsurium von Informationen. Nein, die Schreiber der Evangelien erzählten die Story Jesu ganz bewusst so, dass sie das Leben und das Zeugnis ihrer eigenen Gemeinden prägten. … Wir sollten jedoch Folgendes bedenken: Nur weil die Schreiber der Evangelien die Story Jesu bewusst als Gründungsgeschichte der Kirche erzählten, heißt das nicht, dass sie nicht auch die Story von Jesus selbst erzählten. Nur weil ein Sportreporter die eine Mannschaft mehr unterstützt als die andere, heißt das nicht, dass er sich im Ergebnis irren darf.

Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit werden die Evangelien als die Story von Jesus wahrgenommen und gelesen, der die christliche Bewegung ins Leben rief, die ersten Christen (und damit auch ihre Nachfolger) lehrte und dann starb und auferstand, um sie zu retten.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 6

Gründungsdokumente

Die vier Evangelien wurden bewußt als Gründungsdokumente für die neue Bewegung verfasst:

Als sie die Geschichten in den Evangelien erzählten, taten sie das nicht nur, um sich gegenseitig an Dinge zu erinnern, die passiert waren, egal wie interessant sie waren. Sie erinnerten sich gegenseitig an Dinge, die passiert waren, durch die die neue Bewegung, zu der sie gehörten, entstanden war und durch die sie ihre Richtung gefunden hatte. Ihre ganze Daseinsberechtigung hing von diesen Geschichten ab.

Die frühen Christen glaubten, dass Jesus der Messias Israels war, nicht, wie einige jüdische Apologeten heute absurderweise sagen, „der christliche Messias“. Es gab und gibt keine solche unabhängige Sache. Die Erfüllung der Story Israels in der Story des Messias ist die Gründungsurkunde der Kirche.

Deshalb spreche ich davon, dass die Evangelien die Story des Starts von Gottes erneuertem Volk erzählen. Es ist falsch, sich vorzustellen, dass es den Evangelien (oder Jesus selbst) darum ging, „die Kirche zu gründen“, wie manche Leute es ausdrücken. Es gab bereits ein „Volk Gottes“.

Vielmehr erzählen die Evangelien bewusst die Story, wie Gottes einmaliges Handeln in Jesus, dem Messias, eine neue Weltordnung einleitete, innerhalb derer eine neue Lebensweise für die Anhänger Jesu nicht nur möglich, sondern zwingend erforderlich war.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 6

Das Ende ist der Anfang

Die Evangelien hören allerdings nicht so auf, wie viele Geschichten enden. Markus arbeitet sich mit seinen „unverzüglich“ rasant auf einen Schluß hin – der leider verloren gegangen ist. Matthäus endet damit, dass er seine Jünger in der Gewissheit, dass er bereits als der rechtmäßige Herr inthronisiert ist, auf ihre Mission schickt. Und Johannes endet mit der Aufforderung, ihm zu folgen und dem Gefühl, nochmal von vorne zu lesen … dieses Mal mit dem Gedanken, dass so alles begann.

Wenn wir über … die vielen anderen Momente in allen vier Evangelien nachdenken, die die gleiche Wirkung haben, erkennen wir, dass die Gelehrten mit ihrem Instinkt genau richtig lagen: Die vier Evangelien waren nie als „historische Reminiszenz“ um ihrer selbst willen gedacht. Nur weil wir (meiner Meinung nach) zu Recht darauf bestehen, dass die Evangelien, indem sie das Leben der frühen Kirche unterstützen und aufrechterhalten, genau die Story Jesu erzählen, dürfen wir uns nicht einbilden, dass sich ihre Verfasser nicht ständig ihrer Aufgabe bewusst sind, grundlegende Dokumente für Gottes erneuertes Volk zu schreiben. Die Evangelien sind und wurden geschrieben, um die Story Jesu neu zu erzählen und die Charta der Gemeinschaft der ersten Anhänger Jesu und derer, die sich durch ihr Zeugnis damals und später angeschlossen und gelernt haben, Jesus in Wort und Sakrament zu hören, zu sehen und zu kennen.

N.T. Wright How God Became King, Kapitel 6

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