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  • Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Von Christian


    Ich bin mir sicher, dass einige bei diesem Titel gedacht haben: „Ich interpretiere die Bibel nicht! Ich bete um den Heiligen Geist und lese dann. Das ist alles, was ich brauche, um die Bibel zu verstehen.“ Nun gut. Gib mir noch ein paar Sekunden, um zu zeigen warum diese Serie trotzdem für dich wichtig ist. Oder vielleicht gerade für dich. Und für jeden, der die Bibel liest.

    Für diejenigen, die „nur mit Heiligem Geist lesen“: Es geht um das, was du beim Lesen und Verstehen der Bibel tust, ohne dir dessen überhaupt bewusst zu sein. Oder was vielleicht notwendig wäre, damit der Heilige Geist etwas bewirken und keine Wunder vollbringen muss.

    Und wer sich dessen schon etwas mehr bewusst ist: Was haben die ersten Christen und andere in den vergangenen zweitausend Jahren dazu zu sagen? Vielleicht haben sie ja Dinge beobachtet, verstanden oder hatten einfach nur Vorstellungen, die uns nie in den Sinn gekommen wären. Schauen wir sozusagen einmal über den Tellerrand. Das hilft, besser zu verstehen, wo man selbst steht. Und ob man daran vielleicht etwas ändern möchte.

    Wenn du in der Bibel liest …

    Zuerst einmal möchte ich kurz auf ein Diagramm hinweisen, das ich in der Reihe über den Kanon des Neuen Testaments gleich anfangs verwendet habe:

    Schon in jener Serie ging es mir darum, uns bewusst zu machen, was alles zwischen dem Schreiben des Neuen Testaments und uns als Lesern passiert. Aber es kommt noch mehr dazu.

    Wenn du in der Bibel liest, hat dir jemand das Lesen beigebracht. In der Regel ist das nicht der heilige Geist gewesen.

    Ich persönlich kenne niemanden, der durch eine Wundergabe des Heiligen Geistes lesen kann. Oder vielleicht in einer anderen Sprache lesen kann. Das wäre natürlich toll, wenn man so das Griechisch, Aramäisch, Hebräisch oder Latein der Antike lesen könnte. Was uns zum nächsten Punkt bringt.

    Wenn du in der Bibel liest, liest du höchstwahrscheinlich eine Übersetzung. Der Heilige Geist muss also nicht nur dir helfen, sondern auch den Übersetzern.

    Die Herausforderung der Überlieferung der Texte brauche ich hier nicht nochmals zu beschreiben, sondern möchte auf die Serie Der Kanon des Neuen Testaments verweisen. Aber ein Aspekt ist ziemlich wichtig:

    Wenn du in der Bibel liest, liest du mit deinem kulturellen Kontext eine Schrift, die in einem völlig anderen kulturellen Kontext verfasst wurde.

    Und der Text wurde nicht an dich geschrieben.

    Beim Schreiben wurden Konzepte und Vorstellungen der damaligen Zeit verwendet, die uns nicht bekannt oder sogar verloren gegangen sind. Das ist einer der Gründe, warum manche Passagen der Bibel für uns schwer zu verstehen oder unverständlich sind.

    Wer schon einmal Texte übersetzt hat, wird spätestens bei Redewendungen und Vergleichen merken, dass eine wörtliche Übersetzung nicht immer funktioniert. Vermutlich kennst du das aus dem Englischen: „Gestern regnete es Katzen und Hunde.“ Auf Deutsch könnte die Reaktion sein: „Das ist doch Unsinn, völliger Quark.“

    Wenn du in der Bibel liest, kannst du die Worte und Sätze zwar immer wörtlich nehmen, aber es könnte sich auch um eine Redewendung oder eine symbolische Darstellung handeln.

    Oder könnte es auch beides zugleich sein? Zu verschiedenen Zeiten? … Damit werden wir uns noch beschäftigen.

    Auf die Sache mit dem Heiligen Geist muss ich aber zumindest kurz eingehen.

    Die Rolle des Heiligen Geistes …

    Auch wenn es in dieser Serie nicht primär um die Rolle des Heiligen Geistes beim Lesen der Bibel geht, stellen sich in diesem Kontext einige Fragen: Hilft der Heilige Geist jedem beim Lesen der Bibel? Inwieweit? Beim Lesen, Lesen antiker Sprachen, dem Verstehen des anderen kulturellen Kontextes? Oder nur beim Verstehen des ‚Inhalts‘? Woher können wir das wissen?

    Wenn du nun denkst: „Das steht doch in der Bibel!“ Dann hat das etwas von einem Zirkelschluss. Das Argument ist doch, dass die Bibel selbst aussagt, dass der Heilige Geist zum Lesen und Verstehen der Bibel ausreicht. Aber um das zu wissen, musst du doch zuerst … die Bibel lesen und verstehen, nicht wahr? Und dazu bräuchtest du … den Heiligen Geist, oder nicht?

    Ich könnte das Argument auch etwas raffinierter (und komplizierter) machen: Es gibt Teile der Bibel, die sagen, dass man zum Verstehen der Bibel nur den Heiligen Geist braucht. Und diese Teile kann jeder auch ohne Heiligen Geist verstehen. Der hilft dann bei den restlichen Teilen der Bibel. Klingt dann vielleicht doch etwas konstruiert.

    Aber ohne so eine Konstruktion landen wir schnell bei einem anderen Problem. Besonders, wenn jemand sein Leben lang die Interpretation der geistlichen Führung einer Konfession übernommen hat, nur um festzustellen, dass er betrogen wurde. Dann möchte man nie wieder sich so von der Interpretation anderer beeinflussen oder gar indoktrinieren lassen. Und dann bleibt einem doch nur, für sich selbst die Bibel ohne die Meinung anderer mit Hilfe des Heiligen Geistes zu lesen, oder?

    Der nächste Schritt ist dann nicht mehr weit: „Nur wer den Heiligen Geist hat, kann die Bibel richtig lesen und verstehen und dann auch darin die Zusage erkennen, dass der Heilige Geist ausreicht, um die Bibel richtig zu lesen und zu verstehen.“ Mit anderen Worten: Für alle, die dazugehören, ist es klar, und alle anderen können es nicht verstehen.

    Jetzt sollten bei dir die Alarmglocken angehen. Diese Argumentation wird gerne von Gruppen verwendet, um gewisse Privilegien nur für sich zu beanspruchen. Bei den Zeugen Jehovas gab und gibt es die privilegierte Klasse der sogenannten ‚Gesalbten‘. Woran erkennt man diese? Seit fast einhundert Jahren ist die Erklärung, dass Gott ihnen diese Überzeugung gibt, sie es aber anderen nicht einmal erklären können, weil diese es gar nicht verstehen können. Und weil das mit der immer kleiner werdenden Zahl dieses ‚Überrests‘ nicht mehr klappt, und sich wieder mehr zu dieser Gruppe rechnen, hat sich die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die das Privileg der Deutungshoheit des Verständnisses der Bibel nicht teilen möchte, sich etwas einfallen lassen und veröffentlicht: Eigentlich kann man diese Personen auch nicht an mehr Bibelwissen, mehr Verständnis, mehr Ausharren, mehr Erfolg im Predigtdienst usw. erkennen. Sie unterscheiden sich in all diesen Dingen überhaupt nicht von anderen. Indirekt wird gesagt: Nur bei uns, der Leitenden Körperschaft, könnt ihr euch sicher sein und dass müsst ihr so akzeptieren.

    Warum habe ich das ausgeführt? Weil man in Bezug auf das Lesen und Verstehen der Bibel leicht genauso denken könnte: Wir haben den Heiligen Geist. Andere vertreten ‚falsche Lehren‘ und können daher den Heiligen Geist nicht haben. Doch was sind denn falsche Lehren? Nun, dass erkennen wir, weil wir die Bibel mit Heiligem Geist lesen. Die anderen können das nicht erkennen, weil sie nicht den Heilgen Geist haben … Erkennst du den Zirkelschluss?

    Woher kommt denn die Idee, dass nur eine bestimmte Gruppe oder Menschen den Heiligen Geist haben und deswegen nur sie die Bibel richtige verstehen können, und die anderen nicht? Also Schwarz oder Weiss. Alles oder nichts? Könnte es nicht ganz anders sein? Dass Gott und Jesus vielen Menschen durch den Heiligen Geist hilft, jeweils einen Teil zu verstehen? Und bei manchen, auch zentralen Themen, können sie trotzdem zu verschiedenen Interpretationen kommen? Und bisher haben wir noch gar nicht den so wichtigen Aspekt berücksichtigt, wie sicher oder gut belegt eine Interpretation ist. Denn bei unsicherer Quellenlage oder sehr wenigen Texten zum Thema kann es doch verschiedene Interpretation geben. Hilft dann der Heilige Geist gewissen Menschen, die ‚richtige‘ Interpretation zu finden? Die Apostelgeschichte und Briefe des Neuen Testaments zeigen, dass dies schon im ersten Jahrhundert in der Regel nicht so war. Und was wir heute erwarten dürfen, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Man setzt ja so schnell voraus, dass für uns das selbe gilt, wie für die ersten Nachfolger Jesu.

    Ich behaupte jetzt einmal:

    Beim Lesen der Bibel sollten wir alles lesen – und nicht Teile ignorieren, die unverständlich, widersprüchlich, fremd oder schockierend (für uns) sind.

    Vor dem Verstehen müssen wir das Gelesene interpretieren. Nur manche Teile sind direkt zu verstehen. Bei anderen ist viel Arbeit erforderlich. Und das können andere Menschen für uns schon getan haben oder tun. Und der Heilige Geist kann auch ihnen helfen. Nirgends wird uns zugesichert, dass jeder alles selbst durch Heiligen Geist verstehen kann. Auch nicht als Gruppe, Bewegung oder Konfession.

    Wieso kann ich das behaupten? Weil ich den Heiligen Geist habe. Und wenn du das nicht so siehst, hast du den Heiligen Geist vermutlich nicht … 😉

    Ich denke, ich habe diesen Punkt jetzt klar genug gemacht …

    Muss das alles so kompliziert sein?

    Und wie so oft frage ich mich am Ende: Christian, machst du es dir nicht wieder viel zu kompliziert? Mittlerweile würde ich sagen: Ein gottgefälliges Leben zu führen, so gut man es kann, ist nicht kompliziert – wenn auch nicht leicht und mühelos. Aber hier geht es um ein anderes Thema: Das Lesen und Verstehen der Bibel. Und das ist kompliziert. Außer du wendest dieses Motto von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf auf das Lesen der Bibel an:

    Diesen Spruch darf Gott für sich beanspruchen: „Ich mach die Welt, wie sie mir gefällt“. Und das Ergebnis war gut. Und was Astrid Lindgren damit meinte, ist eine Sache für sich. Aber sich von der Welt oder auch nur dem Lesen der Bibel eine Vorstellung zu machen, die nur dann etwas mit der Realität zu tun hat, wenn uns das gefällt, ist keine so gute Idee.

    Doch nun genug der Vorrede. Nächstes mal geht es damit los, was frühe Christen zum Lesen und Interpretieren der Bibel zu sagen hatten.

  • „Raus bist du noch lange nicht …“

    „Raus bist du noch lange nicht …“

    Von Christian


    Einer der bekanntesten deutschen Kinder-Abzählreime lautet:

    Ene, Mene, Muh und raus bist du!

    Kinder Abzählreim

    So einfach geht das also! Oder doch nicht? Manchmal versucht jemand, diese Entscheidung hinauszuzögern. Und dann geht es so weiter:

    Raus bist du noch lange nicht,
    sag mir erst wie alt du bist. 

    Kinder Abzählreim, zweiter Teil

    Und um es gleich ganz klar zu sagen: Das gilt für alle, die in hochgradig kontrollierten Gruppen (englisch: high control groups) oder Sekten sind oder waren. Ob Jehovas Zeugen, evangelikale Gruppen, Religionsorganisationen, politische oder ideologische Gruppierungen, Aktivisten usw. Insbesondere, wenn man dort sehr lange war oder sogar von Geburt an.

    Das glaubst du mir nicht? Oder hältst es für nicht so dramatisch? Dann täuschst du dich gewaltig. Und deswegen müssen wir mal über PIMOs, POMOs, POMIs und deinen und meinen Glauben reden.

    Gestatten, PIMO

    Insbesondere im englischen Sprachraum hat sich der Begriff PIMO etabliert: Physically In, Mentally Out. Was so viel bedeutet wie: Physisch drinnen, Mental draußen.

    Mittlerweile denke ich immer mehr, dass dieser Begriff auf fast schon gefährliche Weise irreführend ist. Denn er wird oft auf Menschen angewandt – ich kenne das im Kontext der Zeugen Jehovas – die noch aktiv mit den Zeugen Jehovas verbunden sind. Also zum Beispiel immer noch deren Zusammenkünfte besuchen und so weiter, aber innerlich sich distanzieren, indem sie manche Lehren ablehnen oder die Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas nicht mehr akzeptieren oder nach eigenen Aussagen sogar nicht mehr glauben. Aber sie machen halt noch mit. Und aus Angst versuchen sie, dass dies auf keinen Fall jemandem auffällt, weil sie sonst gemieden werden.

    Doch sind diese wirklich ‚mental raus‘? Das mögen sie denken, doch oft nur, weil sie gar nicht erkennen, wie sehr sie noch einige der indoktrinierten Denk- und Verhaltensmuster, Gefühle und Maßstäbe, sowie Lehren und Annahmen über ‚Gott und die Welt‘ verinnerlicht haben. Kein Wunder, denn das ist ja genau eines der Ziele der Indoktrination.

    Dass das so ist, erkannt man auch daran, wie totalitäre Systeme diese Methoden angewandt haben. Nachdem Adolf Hitler die verschiedenen Organisationen beschreibt, in denen die Menschen von Kindesbeinen an ihr Leben lang lückenlos geformt werden, endet er mit diesem Satz: „… und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“

    „… und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“

    Adolf Hitler, Zitat, in dem er die verschiedenen Organisationen zur Formung der Menschen beschrieben hat.

    Woran kannst du erkennen, ob du durch eine religiöse Organisation immer noch geformt bist? Das werden wir gleich sehen. Und dein Glaube spielt da eine wesentliche Rolle.

    Zunächst wenden wir uns der Weiterentwicklung des PIMO zu.

    Der POMO

    Wer als PIMO weiter in der Gruppe weiter macht, kann wohl kaum wirklich sagen, dass er richtig raus ist. Das denken hingegen die POMOs von sich.

    Ein POMO ist jemand, der meint, mental draußen zu sein und es zumindest physisch ist: Die Person besucht keine Zusammenkünfte mehr oder hat die Organisation der Zeugen sogar offiziell verlassen, ist ausgestiegen. Bei anderen Sekten und Gruppierungen mag die Formulierung anders sein, aber im Prinzip ist die Situation die gleiche.

    Tritt man zum Beispiel bei den Zeugen Jehovas offiziell aus, dann – so die offizielle Formulierung – ‚verlässt man die Gemeinschaft‘. Das ist natürlich ein Hohn, weil diejenigen die religiöse Organisation der Zeugen Jehovas verlassen, jedoch die Gemeinschaft mit ihren Freunden und Verwandten nicht aufgeben wollten. Dafür sorgen dann die Regeln der Zeugen Jehovas durch den Gemeinschaftsentzug und das Meiden und die Ächtung.

    Aber ist ein POMO wirklich draußen? Geht das so schnell wie im Abzählreim? „Ene, Mene, Muh und raus bist du!“ Von wegen! „Raus bist du noch lange nicht,
    sag mir erst wie alt du bist.“ Oder besser gesagt: Wie weit du ‚raus‘ bist und aktiv daran gearbeitet hast, raus zu sein. Woran kannst du feststellen, wie weit du raus bist? Dazu kommen wir gleich. Aber wir sollten noch eine dritte Gruppe kurz erwähnen.

    Wen es besonders schlimm trifft: Die POMI

    Über wen leider wenig gesprochen wird, sind die POMIs: Sie wurden zum Beispiel von Jehovas Zeugen ausgeschlossen oder sind leise gegangen, hängen aber mental noch drin. Jehovas Zeugen dürfen mit Ausgeschlossenen keinen Kontakt haben. Das ist auch durch die jüngsten Änderungen der Lehre nicht besser geworden: Jetzt darf so jemand zumindest im Königreichssaal kurz begrüßt werden – ach du meine Güte! Aber sonst sind sie selbst von der Familie und Freunden isoliert.

    Die Ex-Zeugen Jehovas interessieren sich für diese Gruppe auch nicht so recht, weil diese ja immer noch zur Organisation zurück wollen.

    Und vermutlich kann man diesen Menschen auch oft kaum helfen, solange sie das Problem bei sich suchen – Indoktrination! – und unbedingt wieder PIMI werden wollen. Also ganz drin sein wollen. Auch ein Thema für sich.

    Aber wann ist man denn nun wirklich raus?

    ‚Draußen‘ mit ganz viel Gepäck von ‚Drinnen‘

    Wenn es um physisch ‚drinnen‘ oder ‚draußen‘ geht, machen es die Zeugen Jehovas es einem schon leicht: Tritt man aus, wird man gemieden. Dann ist man von heute auf morgen physisch ‚raus‘.

    Vielleicht meinen deswegen viele, dass sie mental auch raus sind. In der Tat dauert das mentale ‚raus-Sein‘ aber viel länger – Jahre. In manchen Punkten ein Leben lang. Das könnten wir jetzt ausführlich und systematisch begründen, aber ich nenne nur ein paar verschiedene Punkte. Vielleicht erkennst du dich ja wieder. Du wirst selbst noch mehr Beispiele finden.

    Viele Ex-Zeugen Jehovas haben beschrieben, dass sie noch Jahre und Jahrzehnte nachdem sie die Organisation der Zeugen Jehovas verlassen hatten, immer noch dieses ‚Gefühl der Dringlichkeit‘ hatten. Diejenigen, die in den letzten Jahrzehnten mit dem Gedanken aufgewachsen sind, dass morgen Armageddon kommt und deswegen für nichts außer dem Predigen Zeit ist, empfinden eine ständige Unruhe. Und sind blockiert etwas Langfristiges wie eine Weiterbildung zu planen, weil sie das ja nie durften und taten. Wenn sie vielleicht etwas für die Entspannung planen, haben sie das Gefühl, dass sie Zeit verschwenden. Noch Jahre nach meinem Ausstieg kam es vor, dass mich zum Beispiel jemand fragte, ob ich am Sonntag kommen kann. Sofort geriet mein Körper in den Alarmzustand und der Gedanke schoß mir in den Sinn: Wie erkläre ich bloß, dass ich nicht kann, da Sonntags Versammlung ist.

    Wenn du immer noch das Gefühl hast, dass du keine Zeit ‚verschwenden‘ darfst, dass du sie nicht für dich verwenden darfst, bist du vielleicht weniger ‚raus‘, also du denkst.

    Bei manchen kommt selbst noch nach Jahren ein bestimmtes Thema immer wieder hoch. Ich habe das bei den Treffen der Beroean Pickets von Eric Wilson in Englisch und Deutsch beobachten können: Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas macht dieses falsch und jenes stimmt nicht. Und was haben wir damals Falsches geglaubt usw. Wenn jemand bei jedem Treffen und zu jedem Bibeltext so einen Kommentar geben kann und es auch tut, ist er dann wirklich mental draußen? Einige haben das ganz gut beschrieben: Wenn sich die Gedanken von jemanden immer noch häufig um die Zeugen Jehovas drehen, dann bist du immer noch gefangen. Ich möchte es so formulieren. Anstatt frei zu werden, lebt jemand direkt vor dem Gitter seiner Gefängniszelle und lamentiert, dass er so lange in der Zelle war. Aufarbeitung und Trauer sind notwendig, aber nicht das Ziel und der Dauerzustand. Dann ist man nicht ‚raus‘.

    Es geht nicht um ‚drinnen‘ oder ‚draußen‘, sondern um immer weiter weg. Es hinter sich zu lassen. Und keine Gepäck von ‚Drinnen‘ mitzuschleppen.

    Wenn du also ständig schaust, was es Neues bei jw.org gibt, und was die Organisation der Zeugen Jehovas so macht und warum das falsch ist, und du dich oft über dein vergeudetest Leben beklagst, bist du dann wirklich schon durch mit diesem Thema? Wohl kaum. Ich habe bemerkt, dass das Jahre dauert, selbst wenn man sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt. Und es gibt Trigger, welche die Dinge trotzdem immer noch hochkommen lassen.

    Wenn du ständig daran denkst oder darüber redest, was die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas Falsches lehrt oder wie deine Lebenszeit vergeudet wurde, bist du noch nicht weit genug ‚raus‘.

    Als mir klar wurde, dass die Lehren der Leitenden Körperschaft in die Bibel hineingelesen wurden und sie wissentlich Tatsachen verdrehen und falsch darstellen, wurde ich letztendlich als Abtrünniger gemieden. Als ich weiter die Annahmen untersuchte und feststellte, dass die Lehren der Zeugen Jehovas auch in Bezug auf den Text der Bibel, den Text des Neuen Testaments den Tatsachen widersprechen, habe ich eine Video-Serie darüber gemacht. Für manchen Ex-Zeugen Jehovas wurde ich damit wegen meiner kritischen Analyse auch eine Art Abtrünniger. Jemand Gefährliches, der den Glauben untergräbt. „Den Christian kannst du jetzt auch vergessen.“ haben wohl einige geäußert. Aber entsprach das, was ich veröffentlicht habe, nicht den Tatsachen? Woran lag es dann also? An den Fakten? Oder am ‚ich möchte diese Fakten aber lieber ignorieren, weil sie die Grundlage meines Glaubens in Frage stellen und mir Angst machen‘? Ich würde sagen, dass davon viele noch ganz schön ‚drin‘ sind. Oder zumindest noch eine Menge Lehren der Zeugen Jehovas im Gepäck mit sich rumschleppen.

    Wenn du meinst, ‚den Christian kannst du jetzt vergessen‘, weil er in Videos Annahmen über die Bibel, Gott und Religion anhand der Fakten prüft und in Frage stellt, bist du noch ganz schön ‚drin‘, weil du Lehren der Organisation in deinem Gepäck mit dir rumschleppst.

    Es könnte auch sein, dass du neben den Lehren der Organisation dir noch neue im gleichen Stil selbst dazu gepackt hast. Dazu gehört die Vorstellung, dass man nur um den heiligen Geist beten und die Bibel lesen muss, um ‚die Wahrheit‘ zu erkennen. Und dass die anderen an ‚falsche Lehren‘ glauben wie die Dreieinigkeit und daher nicht den heiligen Geist haben und nicht ‚die Wahrheit‘ erkennen und Teil der ‚falschen Religion‘ sind. (Siehe zum Beispiel das Video von Eric Wilson Lasse ich mich vom hl. Geist leiten, oder mache ich mir nur etwas vor? Wie kann ich mir sicher sein?). Also wenn eine Ex-Zeuge Jehovas da nicht mehrfach sogar wörtlich die Ideologie der Zeugen Jehovas erkennt … ist er noch ziemlich ‚drin‘.

    Wie denkst du über andere Gläubige? Also in anderen christlichen Religionen? Würdest du zum Beispiel ein Buch eines Geistlichen lesen, der ein Kirchenamt hatte und an die Dreieinigkeit glaubt? Als ich Videos veröffentlich hatte, die auf Forschungen von N.T. Wright beruhen, fand das Eric Wilson zum Beispiel gar nicht gut: Wie kann ich nur Material von jemanden veröffentlichen, der Geistlicher in der Kirche ist und an die Dreieinigkeit glaubt! [Nebenbei: N.T. Wright ist aber auch Wissenschaftler und einer der besten Paulus-Experten unserer Zeit.] Nun kannst du aber mal überlegen, von wem die vielen Bibelübersetzungen sind, die du und andere verwenden. Je mehr du darüber nachdenkst, desto mehr wirst du als Ex-Zeuge Jehovas die Parallelen zu den Zeugen Jehovas finden.

    Jetzt kommen wir aber zum vielleicht wichtigsten Punkt, an dem du erkennen kannst, ob du noch ‚drin‘ bist, wirklich weit ‚raus‘, oder wieder woanders ‚drin‘ bist.

    Am Glauben zeigt sich, ob man wirklich ‚raus‘ ist – oder woanders wieder ‚drin‘

    Überraschung: Es geht jetzt gar nicht darum, was du glaubst.

    In einem Video von C. J. Cornthwaite bin ich auf einen ganz anderen Aspekt des Glaubens aufmerksam geworden, der mir so nicht bewusst war. Das Video hat auch eine maschinell erzeugte deutschte Tonspur, so dass du es dir selbst anschauen kannst:

    Chris bezieht sich hier auf zwei Beschreibungen des Glaubens.

    Die zwei Hälften des Lebens

    Das erste ist Richard Roar’s Buch „Falling Upward, Revised and Updated: A Spirituality for the Two Halves of Life“.

    Im ersten Teil des Lebens ist man egozentrisch. Es geht als Kind darum, selbst Laufen und Sprechen zu lernen, sich zu entwickeln, etwas zu tun und zu werden. Und der Glauben spiegelt das wider. „Er dreht sich sehr um meine persönliche Erlösung, meine persönlichen Erfahrungen mit Gott, mein Verständnis, meine Gemeinschaft und im Grunde genommen darum, dass wir Recht haben und alle anderen Unrecht.“ Könnte von einem Zeugen Jehovas sein, aber Chris wuchs in einer evangelikalen Bewegung auf. Wie sich die Dinge doch ähneln …

    In der zweiten Hälfte des Lebens – und das ist jetzt nicht an das Alter gebunden – kannst du „zu einer Art von Reife gelangen, einer Art von reifer, reflexiver Spiritualität, die die Welt nicht nur in Begriffen wie diesen Dualitäten sieht, wie Schwarz und Weiß, Gut und Böse, sondern die Nuancen erkennt und erkennt, dass es eine Art spirituelles Wachstum und Reife gibt.“

    Und jetzt kommt die Erkenntnis von Chris, der ich zustimme:

    Alle religiösen Institutionen wurde so gestaltet, dass sie dich in der ersten Hälfte des Lebens halten. Und dass wenn du diesen Glauben verlässt, es gar kein richtiger, wahrer, echter Glaube mehr ist.

    Manche Institutionen sorgen auch dafür, dass du gar nicht weißt, denkst oder glaubst, dass es diese zweite Hälfte des Lebens mit seinem reifen Glauben überhaupt gibt.

    Viele religiöse Institutionen hindern uns daran, zu erkennen, dass Glaube nicht diese dogmatische, engstirnige, schwarz-weiß-Malerei sein muss, dieses Binäre, diese Dualismen. Also, als ob wir Recht hätten und alle anderen Unrecht. Der Glaube muss nicht immer so sein.

    Jetzt kannst du dich fragen, zu welcher Hälfte du und dein Glaube gehören. Wirklich ‚raus‘ bist du wohl nur, wenn du zweite Hälfte erreicht hast.

    Es gibt noch ein anderes Modell des Glaubens. Das hat ein Sozialwissenschaftler erarbeitet, indem er den Glauben vieler Menschen untersucht hat. Und ein Aspekt davon ist auch hier, dass sie Glaube im Laufe des Lebens ändert.

    Die Fowler-Stufen des Glaubens

    In einem Religionsbuch für berufliche Gymnasien heißt es:

    Der US-amerikanische Forscher James Fowler hat in den 1970er- und 1980er-Jahren durch zahlreiche Interviews herausgefunden, dass sich die Einstellung von Menschen zum Thema Religion abhängig von ihrem
    Alter stark ähnelt. Fowler unterscheidet 6 Stufen des Glaubens.

    Evangelisch verstehen, Religionsbuch für berufliche Gymnasien, Europa Lehrmittel

    Stufe 1: Der intuitiv-projektive Glaube (ca. 3-6 Jahre)
    Stufe 2: Mythisch-wörtlicher Glaube (ca. 6-12 Jahre)
    Stufe 3: synthetisch-konventioneller Glaube (ab ca. 12 Jahre)
    Stufe 4: individuierend-reflektierender Glaube (Jugendliche, junge Erwachsene; betont das eigene ich und die kritische Distanz steht im Vordergrund)
    Stufe 5: verbindender Glaube (Integration in das Selbst und in die Weltsicht von vielem, betont das Gemeinsame)
    Stufe 6: universalisierender Glaube (äußerst selten; Die Menschen, die am besten durch sie beschrieben werden, haben Glaubensformen hervorgebracht, in denen ihr lebendiges Gefühl für eine letzte Umwelt alles Sein umfasst. Sie verkörpern und aktualisieren den Geist einer umfassend erfüllten menschlichen Gemeinschaft.)

    Dieser Betrachtungswinkel in Bezug auf den Glauben ist dir vielleicht völlig neu. Aber auch sehr wichtig. Denn daran zeigt sich vielleicht am meisten, ob du noch ‚drin‘ bist oder nicht nur ‚raus‘, sondern weit genug weg.

    Was sagt dein Glaube über dich aus?

    Ich möchte noch ein paar Gedanken von Chris aus seinem Video zitieren.

    Das ist der Anfang des erwachsenen Glaubens.
    Wenn man diese Stufe des Glaubens erreicht, die nicht von Gewissheit und Dogmatismus geprägt ist und in der man nicht alle Antworten hat und einfach die Bibel aufschlägt und sie einem alles sagt, was man wissen muss.
    Das Leben ist viel komplexer als das. Aber das ist spirituelle Reife, und sie sollte gefördert werden. Und die Tatsache, dass es einige Institutionen gibt, nicht viele, aber es gibt einige religiöse Institutionen, die dies feiern, und es gibt einige religiöse Führer, die dies feiern.
    Das ist eine gute Sache.
    Aber es ist auch eine Herausforderung, weil es eine Herausforderung ist, mit Menschen zu arbeiten, die nicht wissen, dass es eine zweite Hälfte des Lebens gibt. Und wie bringt man jemanden dorthin, wenn er nicht einmal weiß, dass es sie gibt? Wie feiert man, dass jemand eine spirituelle Reife erreicht hat, wenn er sozialisiert wurde, zu glauben, dass das Erreichen spiritueller Reife eigentlich der spirituelle Tod ist?

    C. J. Cornthwaite

    Und wie würdest du nun deinen Glauben beschreiben?

    Ist dir schon dieser Gedanke in den Sinne gekommen? „Aber die Bibel sagt doch (im Neuen Testament) …“ Gut, das steht so möglicherweise im Text des Neuen Testaments, das du heute lesen kannst. Aber hast du dir schon einmal klar gemacht, wie dieser Text entstanden ist. Fiel er auf einmal von Gott geschrieben vom Himmel? Oder ist diese Idee, dass es nur einen wahren Glauben gibt mit der Zeit entstanden, um die vielen verschiedenen Auffassungen auszumerzen und die Kirche zu einen? Und genau genommen geht es hier gar nicht um Glauben, sondern Lehren, welche Interpretationen und Erklärungen sind, auf Fragen, auf die es viele verschiedene Antworten gab. Die dann durch die Institution der Kirche vereinheitlicht wurde. Das Problem ist also schon so alt wie das Christentum. Und in anderen Religionen und Organisationen entsprechend. Also noch viel älter.

    ‚Raus‘ und doch schon wieder woanders ‚drin‘, ohne es zu merken

    Aber du bist ja nicht mehr ‚drin‘ in der Organisation, zum Beispiel bei den Zeugen Jehovas. Doch bist du vielleicht woanders ‚drin‘? Könnte es sein, dass eine andere ‚Institution‘ dir jetzt sagt, was der ‚richtige‘ Glaube ist?

    Als Beispiel nehme ich jetzt einmal, weil ich das aus erster Hand kenne, die Beroean Pickets, welche Eric Wilson gestartet hat. Und nein, das ist jetzt nicht gegen diese Menschen oder Eric gerichtet. Es geht um die Mechanismen, die automatisch laufen und es auch tun, wie ich gesehen habe.

    Natürlich sagen er und diejenigen, die sich bei den Beroean Pickets treffen, dass sie nicht die ganze Wahrheit kennen. Aber Eric veröffentlich halt viele Videos, in der er seine Interpretation der Bibel darlegt. Und gleichzeitig organisiert er Online Treffen, hat das auf verschiedene Sprachen ausgedehnt, tauft andere, was auch live übertragen wurde, und schreibt auf seiner Website, was die Beroean Pickets glauben:

    Wir sind Christen, die nicht an die Dreifaltigkeit glauben (und denken nicht, dass Jesus Gott ist). Die meisten von uns waren früher Zeugen Jehovas, aber wir heißen alle Menschen willkommen, egal welchen Glaubens, die sich aus den Fesseln der Religion befreien wollen.

    https://beroeans.net

    Siehst du den Widerspruch? „Aus den Fesseln der Religion befreien“ bedeutet doch auch, dass man nicht mehr die Dogmen der Religion glauben muss. Aber davor steht, was die Beroean Pickets alle – „wir“ – glauben. Mal abgesehen davon, dass es da noch viel mehr Lehren gibt, bindet das nicht die Beroean Pickets an das, was die ‚Institution‘ Beroean Pickets oder Eric Wilson glaubt? Aber er zwingt das ihnen ja nicht auf. Wirklich? Das kann leider auch passiv passieren.

    Als ich damals zum ersten Mal an den englischen Zusammenkünften der Beroean Pickets teilgenommen habe, kochte ein Thema hoch: Hat Jephtah (Jiftach) seine Tochter geopfert, also getötet, oder nicht. Der Text der Bibel sagt das eigentlich unmißverständlich. Ist aber ziemlich unbequem. Es gab eine ziemliche Diskussion und letztendlich meinte Eric in etwa das: Das passt nicht zu einem Gott der Liebe und wenn ihr das glaubt, dann verlässt er diese Gruppe (die er ja gegründet hatte). Und was ist dabei das Problem? Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn ihr nicht glaubt, was ich glaube, dann seid ihr nicht in meiner Gruppe.

    Das ist der Anfang einer Institution, die dazu führt, dass du nicht einen reifen Glauben erlangst.

    Nebenbei: Man hätte diesen Konflikt lösen können, wenn man sich der Annahmen bewusst geworden wäre, dieser hinterfragt hätte und dann die verschiedenen möglichen Erklärungen akzeptiert hätte. Aber das ist ein anderes Thema.

    Später ging es bei den Beroan Pickets dann wohl um das Wesen Jesu, was zu einem erheblichen Streit und Schisma geführt hat (findest du alles im Internet, wenn du es wissen willst).

    Wie gesagt: Das schreibe ich nicht, um die Beroan Pickets oder Eric Wilson schlecht zu machen. Aber an ihm und seiner Gruppe kann man die Entwicklung einer solchen Bewegung in atemberaubender Geschwindigkeit beobachten. Und wie auch in so einer Gruppe man schon wieder ‚drin‘ ist. Und ein reifer Glaube dort nicht gefördert wird.

    Jetzt verstehst du vielleicht besser, warum ich keine Bibelstudiengruppe organisiere, nachdem ich schon lange Videos veröffentliche. Auch wenn ich darin nicht meine Interpretation der Bibel verkünde, sondern die aktuelle Forschung sprechen lasse.

    In deiner Bibelstudiengruppe kann – und sollte – es anders sein. Das zeigt sich daran, in welche Richtung dein Glaube gefördert wird.

    Du kannst es schaffen

    Erfreulicherweise gibt es viele Menschen, die diese Veränderung erfolgreich hinter sich haben. Leider nicht ganz richtig: Die einen großen Teil dieser Veränderung hinter sich haben und sich dessen bewußt sind, dass diese Arbeit nicht abgeschlossen ist.

    Und in diesem Sinne kann für dich der Abzählreim enden:

    Ene, Mene, Muh und raus bist du!
    Raus bist du noch lange nicht,
    sag mir erst wie alt du bist.
    1, 2, 3, 4, 5, 6, 7
    7 ist kein Wort
    und Du bist fort!

    Kinder Abzählreim

    Und falls du noch ‚drin‘ bist oder wieder ‚drin‘ bist, als PIMI, PIMO, POMI oder POMO, dann lass dir nicht einreden, dass du deinen Glauben verlierst. Das ist Teil des Gepäcks ‚von drinnen‘.

    Ich möchte nochmal Chris zitieren, der es in seinem Video ganz gut beschrieben hat:

    Das Ironische daran ist, dass das nicht das Ende des Glaubens bedeuten muss. Das kann tatsächlich der Beginn des Glaubens sein.

    C. J. Cornthwaite
  • Den eigenen Horizont erweitern

    Den eigenen Horizont erweitern

    Von Christian


    Nach der Serie Das vergessene Evangelium der Evangelien, das auf einem Buch von N.T. Wright beruht, möchte ich einen kurzen Ausblick darauf geben, was in den nächsten Monaten voraussichtlich noch kommen wird. Und warum.

    Nicht, dass jemand noch auf die Idee kommt, dass ich N.T. Wright und seine Erklärungen als „die Wahrheit“ propagieren möchte – was auch gar nicht in seinem Sinne wäre. Er und andere haben jedoch als Wissenschaftler einige wichtige Punkte herausgearbeitet, die nicht der Hauptrichtung der großen Kirchen und der Tradition entspricht.

    Und darum wird es weiter gehen: Den eigenen Horizont erweitern.

    Tatsächlich ist es für viele schon ein weiter Weg, um an diesem Punkt anzukommen. Die Situation, in der sich viele befanden oder noch befinden, entspricht diesen Bildern. Und das trifft nicht nur auf den Glauben von Menschen zu, welche in einer Bewegung mit hochgradiger Kontrolle (englisch high control group) waren, wozu nicht nur Jehovas Zeugen und viele fundamentale evangelikale Gruppen gehören. Dort geht es einem so:

    close up of a brown horse in a cobblestone square
    Photo by Warre Van de Wouwer on Pexels.com

    Nicht dass ich jemanden mit Pferden vergleichen will. Jemand hat diesen Pferden sogenannte Scheuklappen angelegt. Die Pferde sehen also fast nichts, obwohl sie sich doch anscheinend in einer Stadt bewegen sollen – was für ein Widerspruch! „Nein!“, denkst du vielleicht. Der Name „Scheuklappen“ sagt es doch schon:

    Scheuklappen sind seitliche Lederstücke am Pferdezaumzeug, die das Blickfeld einschränken, um das Pferd vor Ablenkungen zu schützen und seine Konzentration zu fördern,

    KI Zusammenfassung

    Und die Pferde können doch nach vorne schauen:

    close up of horse eye with blinkers detailed view
    Photo by Ali Bensoula on Pexels.com

    Und durch die Zügel werden sie in die richtige Richtung gelenkt.

    Welcher Mensch möchte schon so leben? Zumindest wird das kaum einer sagen, wenn man die Person fragt. Doch übertragen wir das einmal auf das Leben von Menschen – insbesondere den Bereich Glauben und Religion:

    • Dir wird gesagt, dass du die nicht mit den Gedanken und Lehren anderer beschäftigen sollst. Nichts, was von den Lehren, Dogmen und Praktiken deiner Religion abweicht.
    • Dir wird sogar verboten, dich mit bestimmten Büchern, Websites und Menschen auseinanderzusetzen – zum Beispiel diesen bösen Abtrünnigen.
    • Am besten ist, du schränkst auch die Nutzung von Nachrichtenkanälen und sozialen Medien stark ein, denn es gibt doch den einen echten ‚Kanal‘ zu Gott und deine Gemeinschaft.
    • Das dient alles natürlich nur zu deinem ‚geistigen‘ Schutz, damit du nicht erschrickst und scheu oder verwirrt wirst.
    • Schließlich kannst du den geraden Weg doch klar sehen!
    • Und wenn der Weg doch aufgrund von ‚neuem Licht‘ abbiegt, dann wirst du fürsorglich durch die Zügel dorthin geleitet.

    Der eine oder andere hat hier vielleicht schon Anspielungen auf die kodierte interne Sprechweise der Zeugen Jehovas herausgehört. Aber hätte ich Wendungen wir ‚Christus im Herzen‘, oder ‚wiedergeboren‘ verwendet, würden andere das genauso erkannt haben. Als ich noch aktiver Zeuge Jehovas war, wurde mir von der Leitenden Körperschaft eingeprägt, dass Jehovas Zeugen etwas Besonderes sind: Nur sie kennen ‚die Wahrheit‘, alle anderen sind Teil der ‚falschen Religion‘. Nach meinem Austritt war ich noch lange unbewusst überzeugt, dass Jehovas Zeugen in einigen Lehren, Gebräuchen und der Abschottung ihrer Mitglieder einzigartig sind. Und das denkst du vielleicht jetzt noch. Aber auch darin sind Jehovas Zeugen nicht völlig anders – die Erfahrungen von Menschen aus fundamentalen, evangelikalen Gruppen hören sich in vielen Punkten genau so an, wie von Aussteigern bei den Zeugen Jehovas. ‚Scheuklappen‘ gibt wohl überall.

    Wenn man das erkannt und angefangen hat, es zu verarbeiten, kommt man der nächsten Stufe näher: Den eigenen Horizont erweitern!

    Aber wie soll das gehen? Ist der Horizont nicht durch die Erde bestimmt und für alle Menschen gleich? Nein. Und wie das Bild zeigt: Der Horizont ändert er sich, wenn wir uns bewegen:

    Die Redewendung „den eigenen Horizont erweitern“ bedeutet, sich neuen Erfahrungen, Wissen und Perspektiven zu öffnen, über den eigenen gewohnten Rahmen (den „Tellerrand“) hinauszuschauen und dadurch den eigenen Blickwinkel zu weiten, um die Welt umfassender zu verstehen. Es geht darum, Neugier zu zeigen, Neues zu lernen und weltoffener zu werden, anstatt in Enge und vorgefertigten Meinungen zu verharren.

    KI Zusammenfassung

    Und daher werden die kommen Videos divers – ach, auch so ein Trigger-Wort unserer Zeit. Und diese Erkenntnis erweitert schon unseren Horizont: Einschränkende Kulte müssen keinen religiösen Hintergrund haben – können sich aber der selben Methoden bedienen.

    Bei einigen Beiträgen, werden manche vielleicht noch so denken: „Also ich verstehe den Christian nicht. Zum einen hat er Beiträge, die meinen Glauben stärken. Und dann hat er wieder Sachen, die meinen Glauben schwächen.“ Ist das nicht noch in Kategorien wie mit ‚Scheuklappen‘ gedacht?

    Es wird Beiträge geben, die deine Auffassungen bestätigen werden und einige, die Dinge in Frage stellen. Mit am Interessantesten finde ich Themen, bei denen mir nicht einmal bewusst war, dass man das überhaupt anders sehen könnte. Weil ich sie noch nie hinterfragt habe. Und es hängt von deinen Überzeugungen ab, in welche Richtung das geht. Und es kann in verschiedene Richtungen gehen. Wer also meint, dass man auf diesem Weg nur seinen Glauben verlieren kann, den möchte ich bitten, nochmal von vorne zu lesen oder zuzuhören: Das behaupten religiöse Gruppen (als Warnung) aber auch Atheisten (weil auch da viele meinen, ‚die Wahrheit‘ gepachtet zu haben).

    Wenn alles wie geplant klappt, wird es daher in nächster Zeit Beiträge zu diesen Themen geben. Und zwar mehr oder weniger abwechselnd – wegen der Ausgewogenheit und so 😀

    • Was sagt der Historiker Josephus über Jesus und ist das authentisch?
    • Was haben Gläubige in den letzten 2000 Jahren zum Thema Lesen und Interpretieren der Bibel gedacht? Das eine oder andere könnte deinen Horizont erweitern …
    • Was zeichnet das Leben eines Christen aus? Das ist eine Serie von Videos von N.T. Wright, die das nicht dogmatisch beantwortet, sondern interessante Fragen aufwirft und deinen Horizont … du kennst das nun schon. In diesem Fall habe ich den Text übersetzt und mit einer computer-erzeugten Stimme aufgezeichnet. Die Technik ist mittlerweile so gut, dass man die etwa 10 Minuten jeweils zuhören kann.
    • Was sind die aktuellen Forschungsergebnisse zur Entstehung des Christentums und des Kanons der Bibel? Die Beiträge ergänzen die Serie über den Kanon des Neuen Testaments.
    • Was passiert, wenn jemand in einer evangelikalen Gruppe aufwächst und sich dann mit den Fakten der Geschichte und Bibelwissenschaft beschäftigt. Und welche sind das? Wer möchte, kann schonmal im YouTube Kanal von C. J. Cornthwaite reinschauen. Google bietet mittlerweile automatische erzeugte deutsche Tonspuren an.
  • Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? Nicht was du denkst (oder Jehovas Zeugen) – Teil 2

    Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? Nicht was du denkst (oder Jehovas Zeugen) – Teil 2

    Von Christian / Dr. Michael Heiser / Dr. Andrew M. Henry / Dr. Tom Schmidt


    Im ersten Teil dieses Videos habe ich gezeigt, wie Jehovas Zeugen noch heute über Weihnachten denken und warum diese Argumente ziemlich schwach sind. Offen blieb, ob deren Aussagen zur Herkunft von Weihnachten und zum Datum dem 25. Dezember mit dem aktuellen Stand Forschung und den historischen Fakten übereinstimmen. Dazu habe ich dieses Gespräche von Dr. Andrew M. Henry und Dr. Tom Schmidt übersetzt:

    Am Ende habe ich die ausführliche Analyse von Dr. Heiser angehängt. In Englisch und in einer automatischen deutschen Übersetzung. Das is das Transkript eines Podcast von Dr. Heiser, das auch etwa eine Stunde geht. Da gibt es noch mehr Details.

    Weihnachten, das Datum 25. Dezember und die historischen Fakten

    Hier nun die Übersetzung des Gesprächs von:

    Dr. Andrew M. Henry
    Dr. Tom Schmidt

    Dr. Andrew M. Henry

    Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? In der Bibel steht kein Datum, und jedes Jahr hört man in den sozialen Medien Theorien, dass es der Geburtstag des Sonnengottes Sol Invictus oder Mithras war. Aber die wahre Geschichte ist ehrlich gesagt viel spannender. Bei mir ist Dr. Tom Schmidt, ein in Yale ausgebildeter Wissenschaftler für frühes Christentum und das Neue Testament, der Forschungen über die Ursprünge von Weihnachten veröffentlicht hat. Wir werden alle Beweise durchgehen, den römischen Sonnengott, die Wintersonnenwende und eine faszinierende griechische Inschrift, die in eine Statue des Bischofs Hippolyt gemeißelt ist und hilft zu erklären, warum der 25. Dezember Sinn ergibt. Also, fangen wir an.

    Statue des Hippolyt von Rom mit der seitlichen Inschrift

    Dr. Andrew M. Henry

    Okay, ich bin hier mit Dr. Tom Schmidt. Willkommen in der Sendung.

    Dr. Tom Schmidt

    Andrew, es ist toll, wieder hier zu sein.

    Dr. Andrew M. Henry

    Es ist wieder die Zeit, über das Datum von Weihnachten zu reden. Und du hast einen relativ neuen Artikel dazu. Ich sag relativ neu, weil er, glaube ich, aus dem Jahr 2015 ist. In der Welt der Wissenschaft ist das also ein neuer Artikel über das Datum von Weihnachten. Der 25. Dezember. Warum ist es der 25. Dezember? Ich habe bereits zuvor in diesem Kanal darüber gesprochen, über die These der Religionsgeschichte und die These der Berechnung. Ich möchte, dass wir den Zuschauern alle Argumente dafür näherbringen, warum wir glauben, dass sich die frühen Christen weitgehend auf den 25. Dezember geeinigt haben. Und wir können auch darauf eingehen, warum ich hier das Wort „weitgehend” verwende. Beginnen wir vielleicht dort, wo du es für am sinnvollsten hältst.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich denke, es macht vielleicht am meisten Sinn, mit den sichereren Daten zu beginnen, die wir haben, denn bei so vielen historischen Untersuchungen gibt es vieles, was unklar und vage ist. Vielleicht fangen wir also mit dem an, was klar ist und worüber sich alle einig sind, und gehen dann von dort aus weiter. Worin alle sich einig sind, ist, dass Johannes Chrysostomos, eine sehr berühmte christliche Persönlichkeit, im Jahr 386 n. Chr war. Im Jahr 386 n. Chr. ist er Bischof von Antiochia und hält eine Weihnachtspredigt, die uns überliefert ist, und zwar am 25. Dezember. Darin sagt er: „Leute, dieses Datum ist neu für uns. Wir feiern dieses Datum erst seit weniger als 10 Jahren“, sagt er. Das bringt uns zurück ins Jahr 376. Und er sagt, dass sich dieses Datum gerade im ganzen Römischen Reich verbreitet. Und wir wissen, dass er damit Recht hat, weil wir noch andere Weihnachtspredigten von berühmten Leuten aus ungefähr derselben Zeit haben. Und dann sagt Johannes was echt Interessantes. Er sagt: „Aber wir haben dieses Datum von der Kirche in Rom gelernt, und die feiern es schon seit langer Zeit an diesem Tag.“ Er sagt das mehrmals. So wissen wir, dass im Osten, in Antiochia, im römischen Osten, Weihnachten in den 370er und 380er Jahren gefeiert wurde, und dass es damals neu war, und dass sie von denen in Rom übernommen hatten, und die in Rom feierten es sogar noch früher. Interessanterweise war zur gleichen Zeit, in den 360er Jahren, der Kaiser von Rom, Julian der Abtrünnige, ein Christ, der dann zum Heidentum, zum griechisch-römischen Heidentum, zurückkehrte. Deshalb wird er Julian der Abtrünnige genannt. Er schreibt eine Hymne an den Sonnengott, den Gott der Sonne. Und er erwähnt, dass es am 25. Dezember ein großes, wichtiges Fest zu Ehren des Sonnengottes gibt. Da stellt sich die Frage: Was ist hier los? Wurde Weihnachten gewählt, weil es mit dem Fest des Sonnengottes und in einigen Quellen mit der Geburt des Sonnengottes zusammenfiel? Oder war es einfach Zufall, dass diese Daten zufällig übereinstimmten? Oder ist das Gegenteil der Fall, dass Julian in seinem Bestreben, das griechisch-römische Heidentum wiederzubeleben, das in so schwere Zeiten geraten war, dass einige heidnische Priester beschlossen, die Weihnachtsfeierlichkeiten zu übernehmen? Das ist die große Frage.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ich wusste echt nichts von diesem Zitat von Johannes Chrysostomos. Ich bin ein großer Fan von Johannes Chrysostomos. Ich beschäftige mich mit frühchristlicher Magie, und in seinen Predigten beschwert er sich oft über Magie. Die Leute in seiner Gemeinde benutzten Amulette und solche Sachen. Aber wir reden hier von den 370er, 380er Jahren, also ziemlich spät. Wir sind, weißt du, ein halbes Jahrhundert nach Konstantin, 350 Jahre nach Jesus. Und Johannes sagt so etwas wie: „Oh wow, das ist unser neues Datum, der 25. Dezember.“ Aber das sagt uns auch etwas über die wilde, wilde Zeit des frühen Christentums, in der es etwas Überraschendes war, das wir heute für selbstverständlich halten: „Oh, Weihnachten ist am 25. Dezember.“ Selbst für einen bekannten Bischof in einer Großstadt wie Antiochia stand das Datum noch nicht fest.

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Ja. Und das sehen wir auch. Nicht nur Johannes erzählt uns das. Wir wissen aus vielen Quellen, dass das Datum noch nicht festgelegt war. Es dauerte lange, bis es festgelegt wurde. Es gab einige Neinsager, Leute, die dagegen argumentierten. Ein weiteres wichtiges Datum war der 6. Januar, der heute noch in der armenischen Kirche gefeiert wird. Und es gab noch andere Daten. Wenn man zurückgeht und die Aufzeichnungen durchforstet, sieht man, dass einige Leute den 28. November oder den 25. März als Datum nannten. Auch der 25. Dezember war natürlich ein Datum. Es gab also eine Vielzahl von Möglichkeiten. Und der 25. Dezember war eine davon, und diese hat sich durchgesetzt.

    Dr. Andrew M. Henry

    Beginnen wir also, in der Zeit zurückzugehen und versuchen, noch weiter zurückzukommen. Woher hatte Johannes diese Idee? Konzentrieren wir uns vielleicht zuerst auf den Sonnengott, da du gerade den Sonnengott erwähnt hast. Es gibt offenbar einen kleinen Hinweis darauf, dass es am 25. Dezember eine Art Sonnengottfest gab. Das führt uns zu der sogenannten Religionsgeschichtstheorie, dass es am 25. Dezember eine Art großes Fest gegeben haben muss. Ich glaube, es gibt eine etwas faule Twitter-Meme-Variante davon, die besagt: Oh, sie wollten den Feiertag stehlen oder ihn irgendwie christianisieren. Man könnte auch ein akademischeres Argument vorbringen und sagen, dass es einen Prozess der Christianisierung gab, bei dem die Leute diesen Tag schon gefeiert haben. Warum sollte man ihm dann nicht ein christliches Etikett verpassen? Und diese Theorie ist, soweit ich weiß, in den letzten Jahren nicht mehr so beliebt. Kannst du uns die These der Religionsgeschichte, Sola Invictus, Sonnengott und den aktuellen Stand der Forschung dazu erklären?

    Dr. Tom Schmidt

    Du hast es richtig zusammengefasst. Die These lautet in etwa, dass es in Rom, der Stadt Rom, am 25. Dezember ein Fest zu Ehren des Sonnengottes, der Geburt des Sonnengottes, gab, mit entsprechenden Spielen, Wagenrennen und ähnlichen Veranstaltungen. Das war ein großes Ereignis, das den Christen gefiel, und sie dachten sich, wir feiern die Geburt unseres Sohnes Gottes, und zwar am 25. Dezember. Das war tatsächlich lange Zeit die Meinung der meisten Gelehrten, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte, dass also der 25. Dezember ursprünglich ein heidnischer Feiertag war, den die Kirche aus welchen Gründen auch immer übernommen hatte. Das war für sie einfach, denn wenn man das Neue und das Alte Testament liest, wird Jesus mit dem Bringen des Lichts in die Welt in Verbindung gebracht. Tatsächlich gibt es sogar eine Prophezeiung des Propheten Maleachi, der vom Sonne der Gerechtigkeit spricht, die Sonne der Gerechtigkeit wird kommen [Maleachi 3:20], was als messianische Prophezeiung Jesu angesehen wurde. Daher war es für sie einfach, das Argument vorzubringen, dass vielleicht unser Licht der Welt am 25. Dezember zu leuchten begann und es diesen anderen Feiertag einfach ersetzen würde. Das Problem dabei ist, dass wir eigentlich kaum Beweise für ein römisches Fest zu Ehren des Sonnengottes am 25. Dezember haben. Es gibt einen Grund, warum Julian der Abtrünnige unser frühester Beweis aus den 360er Jahren ist, denn wir wissen sehr viel über die römische Religion. Wir haben viele Quellen, die darüber berichten. Wir haben sogar römische religiöse Kalender, die erhalten geblieben sind, und keiner von ihnen erwähnt ein Datum für die Geburt des Sonnengottes am 25. Dezember. Das, was Julian am nächsten kommt, ist ein Manuskript namens Chronographie von 354 n. Chr. Das ist also nicht viel früher als Julian. Julian lebte in den 360er Jahren. Das hier ist in den 350er Jahren.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, und auch nur etwa 20 Jahre vor Johannes Chrysostomos. Das ist also auch ziemlich spät. Nach Konstantin, ja.

    Dr. Tom Schmidt

    Und es heißt, die Geburt von Invictus sei am 25. Dezember gewesen. Aber es heißt nicht „die Sonne”. Nun wurde der Sonnengott oft Sol Invictus genannt, die unbesiegte Sonne. Invictus bedeutet „unbesiegt”. Die meisten Gelehrten haben diese Passage so verstanden, dass sie sich auf die Geburt des Sonnengottes am 25. Dezember bezieht. Aber so oder so, ich meine, das bringt uns nur zurück in die 350er, 330er Jahre. Die meisten Gelehrten denken also, dass es hier darum geht, dass Kaiser Aurelian in den 270er Jahren ein Verehrer des Sonnengottes war. Er hat 274 n. Chr. in Rom einen Sonnentempel gebaut. Und es gibt ein paar gute, wenn auch nur indirekte, Gründe zu glauben, dass er 274 n. Chr. ein Fest zu Ehren des Sonnengottes eingeführt hat, das am 25. Dezember gefeiert wurde. Und selbst mit diesem Datum kann man immer noch das religionsgeschichtliche Argument anführen, dass dieses Fest dann sehr populär wurde und die Kirche es in gewisser Weise nutzte oder übernahm oder was auch immer. Das bringt uns jedoch zu einer alternativen Theorie, der Berechnungstheorie.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, und bevor wir uns damit beschäftigen, möchte ich die Religionstheorie erläutern. Das ist nur fair. Ich glaube, ich war etwas leichtfertig, nur weil es sich um Memes handelt, die jedes Jahr auftauchen. TikTok ist voll von Leuten, die sagen, das Christentum würde dies und das von den Heiden stehlen. Und ich beschäftige mich mit Synkretismus. Ich verstehe also, dass das Christentum, das Judentum und alle Religionen ihre Religionen aus der verfügbaren Kultur heraus aufbauen. Ich glaube, es war Gregor, ein westlicher Bischof aus dem 7. Jahrhundert, der ganz offen sagte: Lasst uns die Tempel christianisieren, lasst uns die Feiertage christianisieren. Es gibt tatsächlich einen Bischof, der das gesagt hat. Aber wenn es um Sol geht, das war erst später Gregor. Ich habe ein Video über Sol Invictus gemacht, daher glaube ich, dass ich mich mit diesem Thema gut auskenne. Nach meinem Verständnis war Sol in den frühen Jahrhunderten der Römischen Republik und dann im frühen Römischen Reich ein relativ unbedeutender Gott. Und dann hatte Aurelian wirklich seinen großen Moment, von 270 bis in die 300er Jahre. Konstantin selbst war offenbar ein Fan des Sonnengottes. Also, um das, was du gesagt hast, noch mal zu wiederholen: Das Argument ist, dass das Sonnengottfest am 25. Dezember nicht besonders alt zu sein scheint, sondern wohl aus dem späten 3. Jahrhundert stammt und auf keinen Fall ein wichtiger Feiertag war, so wichtig, dass Christen überall, christliche Autoritäten überall, gesagt hätten: Ach du meine Güte, wir müssen das so schnell wie möglich christianisieren. Auch, um diese Heiden in die Schranken zu weisen. Es kann nicht als Bedrohung angesehen worden sein, weil es einfach keine war, es war neu und nicht besonders bedeutend.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich stimme zu. Ein weiterer Punkt ist einfach, dass wir alle Menschen sind, auf dieser Erde leben und alle die Sonne und den Mond beobachten. Vor dem Internet und vor dem Fernsehen haben wir das ständig gemacht. Wir wissen genau, wie die Muster und Phasen von Mond und Sonne ablaufen und dass die Sonne auf der Nordhalbkugel im Sommer länger scheint und höher am Himmel steht und im Winter das Gegenteil passiert. Und es ist eine natürliche menschliche Reaktion, zu erkennen, wann die Wintersonnenwende stattfindet und dass die Sonne jetzt länger scheint. Das sehen wir in allen Kulturen. Wir sehen es in der jüdischen Kultur. Wir sehen es in der christlichen Kultur. Wir sehen es im Grunde in jeder Kultur, von der wir Kenntnis haben. Ein weiterer Faktor, der die Sache kompliziert macht, ist also, dass es sehr gut möglich ist, dass Menschen dasselbe beobachten und diese Daten unabhängig voneinander parallel markieren. Und wir wissen, dass zum Beispiel die Juden das gemacht haben. Die Tagundnachtgleiche im Frühling war für die Juden wichtig. Sie war auch für die Christen wichtig. Und wenn die Tagundnachtgleiche im Frühling wichtig ist, dann sind auch die Sonnenwenden und die Tagundnachtgleiche im Herbst wichtig.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, das ist ein wirklich guter Punkt. Und ich denke, Len erklärt irgendwie, warum die Theorie der Religionsgeschichte so beliebt war, denn die Sonnenwende und die Tagundnachtgleiche scheinen hier Teil der Geschichte zu sein. Also ist das Argument zur Widerlegung der These der Religionsgeschichte etwas nuanciert. Wir müssen sagen: Ja, die Sonnenwende hatte etwas damit zu tun. Nein, Sol Invictus hatte wahrscheinlich nichts damit zu tun. Es ist also differenziert. Da wir jetzt über Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen sprechen, ist es meiner Meinung nach ein guter Zeitpunkt, uns mit der Berechnungstheorie zu befassen, für die wir meiner Meinung nach einige Grundlagen schaffen müssen, um dieses Argument zu verstehen.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, die Berechnungstheorie führt uns in eine ganz andere Gedankenwelt. Es ist die Welt der antiken christlichen Chronisten. Das sind antike Christen, die versuchen herauszufinden, wann biblische Ereignisse stattfanden, wie die Kreuzigung Jesu, die Auferstehung Jesu, andere Ereignisse in der biblischen Vergangenheit und natürlich die Geburt Jesu. Wir sehen, dass dies im 2. und 3. Jahrhundert begann, als Christen damit begannen. Und um die wichtigsten Daten im christlichen Kalender zu ermitteln, nämlich die Kreuzigung und Auferstehung Jesu, muss man das Passahfest bestimmen können. Das Passahfest ist ein jüdischer Feiertag und ein Mondfest. Es richtet sich nach den Mondphasen. Und laut biblischen Anweisungen und jüdischen talmudischen Dokumenten soll man das Passahfest am ersten Vollmond nach der Tagundnachtgleiche feiern. Das bringt zwei Probleme für Chronographen mit sich. Das erste ist: Wann ist die Tagundnachtgleiche? Das ist echt schwierig. Wir könnten natürlich einfach raten und sagen, dass es Ende März ist, aber es ist echt schwierig, genau zu bestimmen, wann die Tagundnachtgleiche ist. Und dann ist da noch das Passahfest, das jedes Jahr stattfindet. Es ist einfach, nach draußen zu gehen, in den Himmel zu schauen und zu sehen, ob Vollmond ist oder nicht. Aber es ist echt schwierig, vorherzusagen, wann in der Vergangenheit Vollmond war. Technisch ist das möglich, aber es ist echt schwer, weil sich der Mond ein bisschen bewegt und unregelmäßig ist und sich über den gesamten Sonnenkalender erstreckt. Wenn man also verfolgt, wann jedes Jahr das Passahfest oder Ostern stattfindet, merkt man, dass sich diese Daten im Kalender verschieben und manchmal einen Monat auseinander liegen. Das ist wichtig, denn um die Kreuzigung Jesu zu bestimmen, muss man all diese Dinge wissen. Sonst landet man bei dem falschen Datum. Um den Kreis zur Geburt Jesu zu schließen: Es stellt sich heraus, dass die frühen Christen aus verschiedenen Gründen glaubten, Jesus sei am Passahfest gezeugt worden. Sie glaubten also, dass er am Passahfest verhaftet und gekreuzigt wurde. Sie glaubten auch, dass er am Passahfest gezeugt wurde. Und wenn man weiß, wann jemand gezeugt wurde, kann man natürlich zumindest grob schätzen, wann er geboren wurde.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Gehen wir also ein bisschen zurück. Stellen wir uns vor, es sind die ersten Jahrhunderte des Christentums. Es gibt diese extrem gelehrten, extrem klugen frühen christlichen Theologen, die sich auf die Mission begeben, die wichtigsten Meilensteine im Leben Jesu zu berechnen. Die Evangelien liefern uns viele Daten zu vielen Dingen. Sie erwähnen jedoch nicht sehr oft Zeiten und Daten. Sie erwähnen nicht, wann Jesus geboren wurde, aber wir erhalten einige Details darüber, wann er gekreuzigt wurde, nämlich um die Zeit des Passahfestes. Das Passahfest ändert sich von Jahr zu Jahr aufgrund der Mondphasen. Es verschiebt sich also zwischen April und März. Das stellt ein Problem für diese Chronographen dar, sagen wir mal 200 n. Chr., 300 n. Chr., sie sind Hunderte, Hunderte von Jahren nach der Kreuzigung Jesu. Also versuchen sie, das Datum zurückzurechnen. Sie rechnen buchstäblich Jahrhunderte zurück. Wann war Vollmond? Irgendwann um 30 n. Chr., als Jesus ihrer Meinung nach gekreuzigt wurde. Das ist also das Problem, das sie hier zu lösen versuchen, richtig?

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, und das Problem wird noch komplizierter, weil Jesus laut den Evangelien an einem Freitag gekreuzigt wurde. Der Vollmond muss also auch mit einem Wochentag übereinstimmen, was die Sache noch komplizierter macht.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Ich meine, Hut ab vor ihnen, dass sie es versuchen, aber man sieht das Problem, das sie hier haben. Es ist ein kalendarisches Problem. Es ist ein astronomisches Problem. Sie versuchen, die Mondphasen anhand der Daten zu berechnen. Das ist also die Aufgabe, die vor ihnen liegt. Kommen wir nun zu dem, was du kurz angedeutet hast, nämlich was das mit der Geburt Jesu zu tun hat. Wir reden hier viel über die Kreuzigung Jesu. Warum hat die Geburt Jesu etwas damit zu tun? Und du hast erwähnt, dass sie glauben, dass die Empfängnis Jesu etwa im März oder zur gleichen Zeit wie das Passahfest stattfand, zu der er gekreuzigt wurde.

    Dr. Tom Schmidt

    Die frühen Christen, insgesamt gesehen, es ist nicht ganz einheitlich, aber es ist eine Mehrheitsmeinung, fast einheitlich. Sie scheinen geglaubt zu haben, dass Jesus entweder zu Passah oder zur Frühlings-Tagundnachtgleiche oder zu beiden Terminen gezeugt wurde, weil diese Daten gelegentlich zusammenfallen. Und warum sie das glauben, ist eine andere Frage. Sie nennen dafür verschiedene Gründe, auf die wir eingehen könnten. Einer davon ist, dass ihnen die Vorstellung gefiel, dass das Leben Jesu mit dem Zeitpunkt übereinstimmte, an dem Gott ihrer Meinung nach das Universum erschuf. Es gibt einen weiteren allgemeinen Glauben, dass Gott das Universum zur Tagundnachtgleiche erschuf. Wenn man davon ausgeht, dass Gott alles auf einmal ins Leben gerufen hat, muss man einen Tag auswählen, an dem dies geschehen ist. Nicht alle Christen glaubten, dass Gott das Universum auf diese Weise erschaffen hat, aber einige von ihnen, einige antike Christen, taten dies. Und wenn man einen Tag auswählt, muss man auch eine Mondphase auswählen. Man muss einen Tag auswählen. Und natürlich haben sie sich verschiedene Optionen angesehen und dachten, dass die Tagundnachtgleiche im Frühling die beste ist, weil sie ein perfektes Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen allem, darstellt. Und dann passt es einfach. Es passt einfach.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Kosmische, kosmische Perfektion für den Retter des Universums. Also lass uns ein paar Namen dafür finden. Lass uns ein paar harte Fakten sammeln. Wir haben erwähnt, dass die frühen Christen dies und das sagen. Haben wir irgendwelche konkreten Zitate oder frühe christliche Theologen, die genau das über die Empfängnis sagen? Am Passahfest, zur Frühlings-Tagundnachtgleiche.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, genau. Unsere früheste Quelle dafür ist ein apokrypher Text, das Kindheitsevangelium des Jakobus und das Protoevangelium des Jakobus, die darauf hindeuten, dass die Empfängnis am Passahfest stattfand. Es ist nicht ganz eindeutig, aber es handelt sich um ein Dokument aus dem 2. Jahrhundert. Wir haben andere Aussagen von anderen Christen, die eindeutig sind. Eine davon stammt aus dem Jahr 222 n. Chr. und findet sich in einer wunderschönen christlichen Inschrift auf einer Statue einer sitzenden Figur, die heute am Eingang der Apostolischen Bibliothek in der Vatikanischen Bibliothek zu sehen ist. Für die Zuschauer, im Gegensatz zu den Zuhörern, werde ich ein Bild davon zeigen.

    Dr. Andrew M. Henry

    Super. Beschreib doch vielleicht für die Zuhörer, was wir hier sehen.

    Statue des Hippolyt von Rom mit der seitlichen Inschrift

    Dr. Tom Schmidt

    Wir sehen eine wunderschöne lebensgroße Marmorstatue einer sitzenden Figur auf einem Stuhl, eigentlich einem Thron, der auf beiden Seiten der Armlehnen kleine Löwenköpfe hat. An der Seite des Throns sind lange Inschriften eingraviert. Die Inschriften sind schwer zu lesen, aber wenn man sie aus der Nähe betrachtet – ich habe diese Statue selbst gesehen –, sind sie relativ gut zu erkennen. Es stellt sich heraus, dass es sich bei dieser Inschrift um einen Passahkalender handelt. Es ist ein Kalender, mit dem versucht wird, herauszufinden, wann frühere Passahfeste stattfanden, damit der Autor des Kalenders herausfinden konnte, wann bestimmte biblische Ereignisse stattfanden. Der Autor des Kalenders ist ein Mann namens Hippolyt, Hippolyt von Rom, und der Kalender stammt aus dem Jahr 222 n. Chr.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ich habe das in einem meiner Videos erwähnt. Ich benutze die Analogie einer Excel-Tabelle. Man kann sich das so vorstellen, dass Hippolyt, ich meine, du bist damit besser vertraut, aber er versucht im Grunde genommen, die Mondphasen etwa 150 Jahre vor seiner Zeit zu berechnen, richtig?

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Ja. Er versucht herauszufinden, wann das Passahfest vor fast 200 Jahren stattfand. Und tatsächlich geht er sogar noch weiter zurück. Er versucht herauszufinden, wann die Passahfeste mit Moses stattfanden. Er geht also mehr als 1000 Jahre in der Zeit zurück. Um zu erklären, wie das funktioniert, zeige ich euch ein weiteres Bild. Das ist eine Transkription, die viel leichter zu lesen ist. Es ist eine Abschrift von dieser Seite des Stuhls. Es ist alles in griechischen Buchstaben. Die Griechen haben alphabetische Zeichen benutzt, um Zahlen anzuzeigen. Das ist also ein Kalender. Es ist ein ziemlich komplizierter Kalender. Für uns ist interessant, dass er versucht, vorherzusagen, wann verschiedene Passahfeste stattfinden, und wenn er auf ein Passahfest stößt, von dem der Autor Hippolyt glaubt, dass es mit einem bestimmten sehr wichtigen Ereignis in der jüdisch-christlichen Geschichte zusammenfällt, markiert er es mit einer Notiz. Wenn wir hier reinzoomen, sehen wir eine Notiz, die auf Griechisch „die Genesis oder die Genesis Christi” sagt.

    Er benutzt eine Abkürzung für Christus. Das ist der Strich über der Linie, der zeigt, dass es sich um eine Abkürzung handelt. Die Genesis Christi. Mit anderen Worten, der Anfang oder das Entstehen Christi. Und er glaubt, dass dies am Passahfest 2 v. Chr. passiert ist. In unserem Kalender würden wir sagen, am Passahfest 2 v. Chr., dem 2. April. Und das ist interessant, denn was auch immer er mit Genesis meint, er glaubt, dass entweder die Geburt von Christus am Passahfest, dem 2. April, stattfand, oder es kann auch so interpretiert werden, dass die Empfängnis von Jesus am Passahfest stattfand. Es hängt alles davon ab, wie wir dieses griechische Wort interpretieren. Es ist dasselbe Wort wie im Buch Genesis, also der Anfang oder das Entstehen. In meinem Artikel zeige ich, dass in der zeitgenössischen griechischen medizinischen Literatur, die im 2. Jahrhundert geschrieben wurde, das Wort „Genesis” einer Person sich auf ihre Empfängnis bezieht. Und so scheint es, als würde Hippolyt genau das tun. Er glaubt, dass Jesus am Passahfest am 2. April gezeugt wurde. Logischerweise muss er dann geglaubt haben, dass Jesus etwa neun Monate später geboren wurde, und natürlich ist etwa neun Monate später nach dem 2. April der 25. Dezember. Wenn es genau neun Monate sind, ist es der 2. Januar.

    Dr. Andrew M. Henry

    Kommen wir jetzt mal zurück zu Johannes Chrysostomos. Also, zurück zum Anfang unserer Diskussion. Du hast gesagt, dass Johannes Chrysostomos in den 380er Jahren n. Chr. geschrieben hat, dass wir gerade erst angefangen haben, Weihnachten am 25. Dezember zu feiern. Das haben wir von den Christen in Rom übernommen. Wir sind also in Antiochia, das ist die heutige Türkei, ziemlich weit im Osten. Und dann erwähnt er, dass die Christen in Rom dieses Fest schon seit langer Zeit an diesem Datum feiern. Und hier haben wir Daten, vermutlich aus Rom. Hippolyt lebte also in Rom, richtig? Ab 222, das ist also ziemlich früh. Das ist lange vor Johannes Chrysostomos.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, und die Statue wurde in Rom gefunden, und Hippolyt stammte ebenfalls aus Rom. Es handelt sich also um römische Daten aus dem Jahr 222 n. Chr., wie du sagtest, wonach sie offenbar die Empfängnis Jesu feierten oder begingen. Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass es keine Beweise dafür gibt, dass es tatsächlich kirchliche Feierlichkeiten gab. Das ist rein chronologische Spekulation, aber er glaubt, dass Jesus am Passahfest am 2. April 222 n. Chr. in Rom empfangen wurde. Das ist seine Überzeugung, das ist es, was er dokumentiert.

    Dr. Andrew M. Henry

    Okay, dann lass uns jetzt weitermachen, denn wir beschäftigen uns immer noch mit der Tagundnachtgleiche im Frühling. Wir sind im März, wir sind im April. Bring uns jetzt zum Dezember. Was sagt Hippolyt uns darüber, oder was sind deine Theorien darüber, was Hippolyt damals über die Geburt Jesu dachte? Wenn er glaubt, dass die Empfängnis am 2. April, an einem Passahfest, 2 v. Chr., stattfand, wann glaubte er dann, dass Jesus geboren wurde?

    Dr. Tom Schmidt

    Das ist natürlich die naheliegende Frage. Er hat noch ein anderes Werk geschrieben, das wir haben, und zwar einen Kommentar zu Daniel. Es ist tatsächlich der früheste vollständige christliche Kommentar zu einem Buch der Heiligen Schrift. Und wenn man das liest, sagt er, dass Jesus am 25. Dezember geboren wurde. Das Problem dabei ist, dass das nur in einigen der erhaltenen Manuskripte dieses Kommentars steht. Es gibt andere Manuskripte, die überhaupt kein Datum enthalten oder etwas anderes sagen, zum Beispiel etwas, das mit dem April zu tun hat. Es ist eine verfälschte Lesart. Das ergibt eigentlich keinen Sinn. Man kann es nicht wirklich lesen. Deshalb haben Gelehrte immer darüber diskutiert. Und was glaubte er eigentlich über die Geburt Jesu? Es ist natürlich möglich, dass er nichts gesagt hat oder dass er ein anderes Datum als den 25. Dezember genannt hat und dass ein mittelalterlicher Schreiber später etwas in der Manuskripttradition geändert hat. Die Gelehrten waren also uneinig darüber, was Hippolyt glaubte. Was mir aufgefallen ist und was ich in meinem Artikel veröffentlicht habe, ist, dass er noch ein weiteres Werk hat, in dem er chronologische Berechnungen anstellt. Er spricht über die Erschaffung der Welt und glaubt, dass diese am 25. März stattfand. Er erstellt eine ausführliche Chronologie, in der er biblische Ereignisse seit der Erschaffung, also seit dem 25. März, datiert. Und er hat eine Passage darin, in der er anscheinend sagt, dass Jesus neun Monate nach dem Jahrestag der Erschaffung der Welt geboren wurde. Und wenn er denkt, was er anscheinend tut, dass die Welt am 25. März, dem Frühlingsanfang im römischen Kalender, erschaffen wurde, dann sind neun Monate, genau neun Monate später, der 25. Dezember. Ich behaupte also, dass er meiner Meinung nach den 25. Dezember als Geburtstag Jesu gewählt hat. Aber er hat das gemacht, weil er jongliert hat, indem er herausgefunden hat, wann das Passahfest stattfand und wann die Welt erschaffen wurde. Er dachte, es sei die Tagundnachtgleiche. Das sind seine Annahmen. Mit anderen Worten, es scheint keine alte christliche Tradition zu sein, die ihm den Geburtstag Jesu überliefert hat. Es scheint auch nicht auf dem Geburtstag von Sol Invictus oder dem Sonnengott oder so was zu basieren.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, lass uns kurz darauf zurückkommen. Wie wir schon gesagt haben, hatte Sol Invictus offenbar um 270 n. Chr. unter Kaiser Aurelian seine Blütezeit. Und dann haben wir diesen Kalender aus dem Jahr 354, in dem eine Art Fest am 25. Dezember für Invictus erwähnt wird, was nach Meinung von Wissenschaftlern eine Anspielung auf Sol Invictus ist. Also ist 270 das früheste Datum, das wir theoretisch annehmen können. Wenn Kaiser Aurelian tatsächlich am 25. Dezember einen wichtigen Feiertag zu Ehren von Sol Invictus eingeführt hat, dann wäre das um 270 gewesen. Aber selbst das ist nur Spekulation. Wir haben erst Daten ab 354. Wir reden hier aber von 222. Wir sind weit vor Aurelian, weit vor Sol Invictus. Es scheint also, dass zumindestens ein Christ so dachte. Aber vielleicht können wir das noch weiter ausführen, wer sonst noch um dieses Datum herum war? Mindestens ein Christ in den frühen 200er Jahren begann, den 25. Dezember als Geburtstag Jesu zu betrachten, aufgrund dessen, was wir als gekünstelte Versuche betrachten würden, das Leben Jesu mit kosmischer Perfektion in Einklang zu bringen. Das Universum wurde zur Frühlings-Tagundnachtgleiche erschaffen. Jesus wurde zu Passah empfangen und dann zu Passah gekreuzigt. Das ist irgendwie praktisch, aber es lohnt sich, hier in die Gedankenwelt von Hippolyt einzutauchen.

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Hippolyt war nicht der Einzige, der das tat. Es gibt noch andere Beispiele dafür. Es gibt einen noch früheren Autor namens Clemens von Alexandria. Er schrieb in Alexandria, Ägypten, in den 190er Jahren, vielleicht 200, 205, so ungefähr. Er ist also älter als Hippolyt. Auch er beschäftigt sich mit Chronologie. Und er gibt eine Chronologie zum Leben Jesu an, in der ähnliche Annahmen enthalten sind, wo er anscheinend denkt, dass Jesus am Passahfest empfangen und etwa 9 Monate später geboren wurde. Der Unterschied ist, dass er andere Daten für das Passahfest hat. Daher scheinen auch seine entsprechenden Daten für die Geburt Jesu anders zu sein. Es gibt noch einen anderen Autor namens Julius Africanus. Er schreibt tatsächlich ein Jahr vor Hippolyt, im Jahr 221. Und er könnte auch in Rom gewesen sein. Wir wissen nicht, ob er eine Zeit lang in Rom gelebt hat, aber er ist auch durch den gesamten Mittelmeerraum gereist. Wir wissen also nicht, wann er sein wichtigstes chronologisches Werk geschrieben hat, ob es in Rom war oder nicht. Aber es ist denkbar, dass er buchstäblich in Rom mit Hippolyt zusammen war und sie über diese Dinge gesprochen haben. Wir wissen es nicht. Aber auch er scheint zu glauben, dass die Welt am Frühlingsäquinoktium, dem 25. März, erschaffen wurde. Und er sagt in einer rätselhaften Aussage, dass die Inkarnation, das griechische Wort dafür ist „sarcosis”, die Menschwerdung Jesu, am 25. März stattfand. Die Frage ist: Was meint er damit? Meint er die Geburt Jesu oder die Empfängnis Jesu? Aber siehst du, es handelt sich um denselben Denkprozess. All diese Personen sind vielleicht zu leicht unterschiedlichen Daten gelangt, aber die Zutaten und die Denkprozesse dahinter scheinen alle dieselben zu sein.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, das ist eine gute Formulierung, dass die Zutaten vorhanden sind. Sie alle kreisen um die Tagundnachtgleiche im Frühling. Im März und April passiert viel. Die Erschaffung des Universums, die mögliche Empfängnis Jesu, möglicherweise die Geburt Jesu, wenn Africanus mit „Menschwerdung” die Geburt meint, oder vielleicht meint er auch die Empfängnis. Aber die Tatsache, dass es um diese Daten herum so viele Spekulationen und Berechnungen gab, scheint zu günstig, um nicht die Erklärung zu sein, dass man, wenn man neun Monate vorwärts rechnet, Ende Dezember landet.

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir versuchen, uns auf eine sehr enge Sache zu konzentrieren. Wir stellen nur die Frage, wann der 25. Dezember zum ersten Mal als Geburtstag Jesu gewählt wurde. Aber es gibt noch eine ganz andere Diskussion darüber, warum dieses Datum gewählt wurde. Wie hat es sich im Römischen Reich verbreitet? Ich meine, das sind alles mögliche Untersuchungsansätze. Und hier konzentrieren wir uns nur darauf, wann dieses Datum zum ersten Mal gewählt wurde und warum es zum ersten Mal gewählt wurde. Ich denke, die Antwort ist, dass es anscheinend in den frühen 200er Jahren ausgewählt wurde, wahrscheinlich von Hippolyt, vielleicht von Julius Africanus, und dass es auf chronologischen Annahmen darüber beruhte, wann Gott das Universum erschuf, sowie auf dem Passahfest und der Tagundnachtgleiche, die wichtige Punkte in der jüdisch-christlichen Tradition darstellen, vor allem aber im Leben und Tod Jesu.

    Dr. Andrew M. Henry

    Das ist echt faszinierend. Und für mich ist es so, dass ich sofort, ich meine, du hast vielleicht Hippolyt erwähnt, aber wenn wir irgendwelche möglichen Beweise dafür haben, dass das Kindheitsevangelium des Jakobus bereits die Vorstellung von der Empfängnis Jesu am Passahfest oder zur Frühlings-Tagundnachtgleiche verbreitet, dann scheint es, als hätten die Zutaten für diese Berechnung schon lange vor Hippolyt existiert.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich denke schon. Ich glaube, man kann Hinweise darauf finden, dass Christen, aus welchen Gründen auch immer, dachten, dass Jesus am Passahfest oder zur Frühlings-Tagundnachtgleiche oder zu beiden Anlässen gezeugt wurde, noch bevor Hippolyt lebte. Wir haben viele Hinweise darauf, und ich denke, dass Hippolyt diese Tradition übernommen hat und sie nur nutzt, um herauszufinden, wann Jesus geboren wurde, und dass er diese Berechnungen anstellt, um das zu tun.

    Dr. Andrew M. Henry

    Vielleicht sollten wir dann zu deinen Theorien übergehen, wie dieses Datum dann zum vorherrschenden Datum wurde und wie es sich im Mittelmeerraum verbreitete, denn anscheinend dauerte das Jahrzehnte. Wenn die römischen Christen dies bereits in den frühen 200er Jahren taten und der Bischof von Antiochia es in den späten 300er Jahren als eine Art Neuheit bezeichnete. Das ist ein ganzes Jahrhundert für etwas, das Christen heute als selbstverständlich ansehen, nämlich dass es natürlich der 25. Dezember ist. Die Christen, die um 370 in Antiochia lebten, hätten sich gefragt: Was? Warum der 25. Dezember?

    Dr. Tom Schmidt

    Man muss unbedingt bedenken, dass bei diesen Berechnungen nicht nur viele Annahmen eine Rolle spielen, sondern dass man auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, je nachdem, wann man glaubt, dass Jesus gezeugt wurde. Und wenn man denkt, dass es das Passahfest am 25. März oder am 2. April oder am 6. April war, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Und dabei ist die ungewisse Dauer der Schwangerschaft noch nicht mal berücksichtigt. Ich meine, wir wissen alle, dass hier viele versteckte Annahmen im Spiel sind. Wie dieses Datum von Hippolyt stammt und wie es in die größere Kirche gelangt ist, ist eine gute Frage. Das ist ein wenig unklar. Was wir sagen können, ist, dass Hippolyte Kalender auf der Seite der Statue zu finden ist, über die wir gesprochen haben. Es ist ein faszinierender Kalender. Leider ist er aus chronologischer Sicht ein sehr, sehr schlechter Kalender, weil er völlig falsch liegt. Er schreibt diesen Kalender im Jahr 222 n. Chr. Und wenn man sich ansieht, wann er glaubt, dass das Passahfest in der Vergangenheit stattgefunden hat und wann er glaubt, dass es in der Zukunft stattfinden wird, hat er nur für zwei oder drei Jahre vor und nach 222 n. Chr. Recht. Der Kalender ist nur für etwa 7 Jahre korrekt. Danach driftet er einfach ab. Und das ist ganz offensichtlich. Man muss kein Astronom sein. Man muss nur nach draußen gehen und merkt, dass das nicht der Vollmond ist, den man gerade sieht. Das kann jeder erkennen. Es scheint also, dass Hippolyts Berechnungen zu Recht beiseite geschoben wurden, weil sie falsch waren. Es gab einige Versuche, sie zu korrigieren. Es gibt einen lateinischen Autor aus den 240er Jahren, der versucht, sie zu korrigieren. Er macht das besser, aber auch er liegt falsch. Und irgendwann tauchen in den 300er Jahren Diskussionen darüber auf, wann Jesus geboren wurde. Diese Diskussionen stützen sich zwar auf diese Art von Berechnungshypothese und das Passahfest, aber sie stützen sich auch auf die Idee, die ich bereits erwähnt habe, dass Jesus das Licht der Welt ist. Jesus sagte: „Ich bin das Licht der Welt.“ Und sie liebten einfach dieses Bild, dass das Licht der Welt am dunkelsten Tag des Jahres, zur Wintersonnenwende, sichtbar wird. Dieses Bild sprach sie sehr tief an. Und wir sehen, dass dies in Weihnachtspredigten und anderen Themen rund um Weihnachten immer wieder auftaucht. Und ich denke, das war der Grund, warum der 25. Dezember gegenüber anderen möglichen Daten den Vorzug bekam. Aus ihrer Sicht gab es eine schöne, tiefgründige Symmetrie und Bildsprache, die mit diesem Datum verbunden war. Das hat allerdings etwas Ironisches. Wie einige deiner Zuschauer wissen, ist der 25. Dezember eigentlich nicht die Wintersonnenwende. Die Römer dachten, es sei die Wintersonnenwende. Das war die offizielle Bezeichnung dafür. Aber natürlich findet die tatsächliche Wintersonnenwende ein paar Tage vor dem 25. Dezember statt. Ich denke also, dass die römische Kirche dieses Datum schließlich übernommen hat. Und sie tun dies wegen Hippolyt, aber auch wegen dieser Art von saisonaler Symbolik, der Sonnensymbolik, die sich mit der zunehmenden Stärke der Sonne entwickelt und mit dem Licht der Welt korrespondiert, das Jesus in die Schöpfung bringt oder in der Schöpfung sichtbar macht. Und die Kirche in Rom liebt das. Und die anderen Kirchen schließen sich schließlich an. Es dauert eine Weile, aber schließlich schließen sie sich an. Und es war nicht so, dass sie allzu viel anpassen mussten, denn viele der anderen Kirchen feierten die Geburt Jesu am 6. Januar. Es war also eine Anpassung, aber es ist dieselbe Jahreszeit, nur ein paar Wochen früher.

    Dr. Andrew M. Henry

    Nur um das noch mal zu betonen: Du hast vollkommen Recht. Und der 25. Dezember war nicht die Wintersonnenwende. Und die Römer waren gute Astronomen und wussten das. Es scheint sich fast wie ein traditionelles Datum etabliert zu haben. Ich sage das nur, weil es bei zwei verschiedenen römischen Autoren erwähnt wird, nämlich bei Plinius dem Älteren und Columella, zwei frühen, sogar noch früheren römischen Autoren als Hippolyt, die ausdrücklich erwähnen, dass der 25. Dezember die Wintersonnenwende ist. Es ist unklar, ob sie damit das tatsächliche Datum meinen, was es nicht war, oder ob sie damit meinen, dass es zu diesem Zeitpunkt markiert oder anerkannt wurde. Es scheint also eine kosmische Symbolik in der Bedeutung der Geburt Jesu zu stecken. Und ich denke, das ist teilweise der Grund, warum es so schwierig ist, sich mit der Geschichte der Religionstheorie auseinanderzusetzen, denn die Sonnenwende scheint Teil der Geschichte zu sein. Ich finde es schlicht zu einfach, Begriffe wie „die Christen haben einen wichtigen Feiertag geklaut” zu benutzen. Ich denke, dass jeder im Römischen Reich diesen Tag als einen wichtigen Tag ansah, den kürzesten Tag des Jahres, an dem es danach jeden Tag länger und länger wird, die Sonne immer mehr scheint, und jeder würde das als einen kosmisch bedeutsamen Tag ansehen. Und warum sollte man seine Gottheit nicht mit diesem Tag verbinden?

    Dr. Tom Schmidt

    Ich stimme zu. Und ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Wir haben darüber gesprochen, wann der 25. Dezember tatsächlich zum ersten Mal ausgewählt wurde und warum, mit Hippolyt, vielleicht Julius Africanus. Und dann haben wir uns damit beschäftigt, warum die Kirche dieses Datum angenommen hat, warum die breite Kirche dieses Datum gegenüber anderen möglichen Daten bevorzugt hat. Aber es gibt noch eine weitere Frage, nämlich die ganz praktische Frage, was die normalen Christen im ganzen Reich machen. Was denken sie, wenn ihnen gesagt wird oder sie entscheiden, wann sie die Geburt Jesu feiern sollen? Das ist eine viel, viel schwierigere Frage, die zu beantworten ist. Aber wir wissen ganz klar, dass es im 4. Jahrhundert am 25. Dezember einige heidnische Feste zu Ehren des Sonnengottes gab. Und so ist es natürlich sehr gut möglich, dass es im Römischen Reich einige Menschen gab, die keine Christen waren, die dann zum Christentum konvertierten und begeistert waren, weil sie einfach nur ihre Feiertage umstellen mussten. Sie feierten am 25. Dezember den Sonnengott und jetzt haben sie Weihnachten. Aber ich glaube nicht, dass Autoren wie Johannes Chrysostomos und einige andere wichtige Persönlichkeiten, die Weihnachtspredigten zum 25. Dezember verfasst haben, zu den Menschen gehörten, die ein solches Motiv gehabt hätten. Diese Einstellung findet man später bei Papst Gregor im Jahr 600 n. Chr. oder in den 580er Jahren oder so. Aber 200 Jahre zuvor halte ich das für kein sehr wahrscheinliches Motiv. Aber es ist natürlich sehr schwer, die Motive von Menschen zu erkennen, die man kennt, und wir versuchen, Hunderte von Jahren zurückzugehen zu einer Kultur, die nicht unsere eigene ist und über die wir nur sehr bruchstückhafte Beweise haben. Aber es scheint, als wären die wichtigsten Faktoren einfach chronologische Faktoren gewesen, plus die kosmische Sonnensymbolik des Auf und Ab von Licht und Dunkelheit in der Welt.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Und das ist eher eine Spekulation meinerseits, aber ich vermute, dass sich das über die Liturgie verbreitet hat. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein zufälliger, ungebildeter Christ im Hinterland Syriens sich groß für die Geburt Jesu interessiert hätte, es sei denn, er wäre in eine Basilika gegangen und der Bischof hätte gesagt: „Oh, heute feiern wir die Liturgie der Geburt Jesu, und zwar am 25. Dezember.“ Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Mechanismus war, um die Christianisierung voranzutreiben. Ich versuche immer, mir Mechanismen der Christianisierung vorzustellen, zum Beispiel, wie dieser bestimmte Feiertag entstanden ist. Wie hat sich diese bestimmte Praxis entwickelt? Das ist reine Spekulation meinerseits, aber dass jemand wie Johannes Chrysostomos in einer Predigt vor den Menschen in seiner Kirche darüber spricht, scheint mir der Ausgangspunkt für die Verbreitung zu sein.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich denke, du hast Recht. Wahrscheinlich gab es einen Briefwechsel zwischen wichtigen Bischöfen, in dem sie versuchten, sich abzustimmen. Wir wissen, dass diese Bischöfe den Wunsch hatten, ihre Feierlichkeiten aufeinander abzustimmen. Wir wissen, dass es große Debatten darüber gab, wann Karfreitag und Ostern gefeiert werden sollten, weil dies mit dem Passahfest zusammenhängt, und dass sie darüber viele Briefe austauschten. Wir haben keine solchen Briefe zu Weihnachten, daher ist das reine Spekulation, aber ich denke, dass es wahrscheinlich so abgelaufen ist. Ich denke, du hast auch Recht, was die Bauern im Hinterland Syriens angeht. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie nicht nur kein Internet, keine Enzyklopädien und solche Dinge hatten, sondern auch keine Kalender. Ich meine, sie hatten keinen Kalender an der Wand hängen. Sie waren sich zwar der Jahreszeiten sehr bewusst, aber was bestimmte Daten anging, waren sich viele Menschen vielleicht nicht so ganz im Klaren darüber. Damals haben die Menschen in der Regel nicht ihre Geburtstage aufgezeichnet und beachtet. Daher war dies wahrscheinlich eine kirchliche Angelegenheit, und ihr Bischof hätte gesagt: „Hey, wir feiern in ein paar Wochen die Geburt Jesu.“ Und sie hätten gesagt: „Okay, super, klingt gut.“ Ich sollte erwähnen, dass ich zwei Artikel zu diesem Thema geschrieben habe, die frei verfügbar sind. Wenn man sich also wirklich damit beschäftigen möchte, kann man einen davon lesen, der sehr technisch ist, aber frei verfügbar ist. Er ist auf meiner Website zu finden. Man kann ihn herunterladen, und es gibt auch einen Link zu einer anderen, populäreren Version auf der Website.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ich möchte das Publikum dazu einladen, sich auf jeden Fall den wissenschaftlichen Artikel anzuschauen, weil du dich darin wirklich intensiv mit dem Wort „Genesis” beschäftigst, das wir nur kurz angeschnitten haben, aber du hast ziemlich gründliche Argumente dafür, warum du denkst, dass Hippolytus damit die Empfängnis und nicht die Geburt gemeint hat. Und du vergleichst das mit anderen frühen christlichen Schriftstellern, die dieses Wort speziell für die Empfängnis verwenden, darunter auch Nichtchristen, oder? Wie Galen, der Arzt?

    Dr. Tom Schmidt

    Richtig, ja, richtig. Und das konnte ich mit der Datenbank „Thesaurus Linguae Graecae” machen. Das ist eine Datenbank mit griechischen Wörtern. Da kann man umfangreiche Recherchen durchführen. Und ich will betonen, dass selbst wenn ich falsch liege und Genesis sich auf die Geburt bezieht, die Berechnungstheorie in vielerlei Hinsicht trotzdem stimmt, weil sie zeigt, dass Christen unbedingt den Beginn von Jesu Leben genau bestimmen wollen. Am Passahfest oder zur Tagundnachtgleiche oder beidem. Und dass diese Art von Denkprozess sozusagen der Motor war, der all diese anderen Daten hervorgebracht hat. Einige dachten, es sei die Geburt Jesu am Passahfest. Andere dachten, es sei die Empfängnis Jesu am Passahfest. Und man kann sehen, wie sich aus diesen Annahmen ganz leicht das Datum des 25. Dezembers ableiten lässt.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Und wie oft kommt der 25. März vor. Es scheint, als käme der 25. März mehrmals vor, entweder für Geburten oder Todesfälle oder die Erschaffung des Universums. Und genau die perfekte Berechnung, die perfekten neun Monate nach vorne, impliziert einfach den Dezember.

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Wenn man sich ansieht, wann die frühen Christen dachten, dass Jesus gekreuzigt wurde, kann man eine umfassende Bestandsaufnahme machen. Und fast immer, wir haben Dutzende von Beispielen dafür, sagen sie fast immer, dass er am 25. März, dem Frühlingsäquinoktium, gekreuzigt wurde. Oder sie sagen, nein, am 25. März sei er auferstanden. Und es ist eines dieser beiden Daten, die sie fast immer wählen. Und dazu kommt noch die Annahme, dass Jesus genau 30 oder 31 oder 33 Jahre alt war, auf den Tag genau. Mit anderen Worten, er wurde an seinem Geburtstag gekreuzigt, oder zumindest an dem Tag, an dem er gezeugt wurde. Das ist eine weitere Annahme, die sich aus diesen anderen Berechnungen ergibt. Es sind also andere Wege, die die Christen eingeschlagen haben, aber es sind immer noch ähnliche Denkprozesse, die die Chronologie betreffen.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Gab es deiner Erfahrung nach erheblichen Widerstand gegen diese Theorie? Ich weiß, dass es in den letzten 10 oder 15 Jahren mehrere wichtige Artikel gegeben hat, darunter auch deinen, die diese Theorie meiner Meinung nach sehr klar darlegen. Als Wissenschaftler, der sich mit dem frühen Christentum beschäftigt, bin ich davon überzeugt, aber einige dieser Dinge erfordern Annahmen, wie zum Beispiel, dass es meines Wissens nach keine explizite Aussage gibt. Ich glaube, der heilige Augustinus sagt tatsächlich ausdrücklich, dass es ein perfektes Leben gibt, wenn jemand am selben Tag geboren und gekreuzigt oder empfangen und gekreuzigt wurde, aber es gibt einen talmudischen Verweis auf Propheten wie Moses, die am selben Tag geboren wurden und starben, und es ist etwas weit hergeholt zu sagen, dass diese talmudische Idee aus, sagen wir, 500 n. Chr. Hippolyt um 200 n. Chr. irgendwie beeinflusst hat. Es gibt also hier und da Vermutungen, und ich kann mir vorstellen, dass jemand das gegen die Berechnungstheorie verwenden könnte.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, es gibt viele Vermutungen. Das Problem ist, dass es bei jeder Theorie diese ganzen Vermutungen gibt. Auch bei der Theorie zur Religionsgeschichte, die besagt, dass die Christen sich irgendwie bei Sol Invictus bedient haben, gibt es Vermutungen. Wir haben keine Beweise, die das eindeutig belegen. Wir müssen quasi zwischen den Zeilen lesen. Man kommt also so oder so zu Annahmen. Was wir sicher wissen, ist, dass Hippolyt glaubte, die Genesis Christi habe sich am Passahfest ereignet, was auch immer Genesis bedeutet. Und er glaubte, dass Jesus am Passahfest gekreuzigt wurde. Und das ist 222 n. Chr. in Rom in Stein gemeißelt worden. Julius Africanus sagt dasselbe. Er datiert die Auferstehung auf den 25. März und die Sarkosis, die Menschwerdung oder Inkarnation, auf den 25. März. Das ist es, das ist 221 n. Chr., Hippolytus ist 222. Das steht also fest. Wir wissen, dass es da ist. Es gibt noch ein paar andere Annahmen, die auch mit reinspielen. Das ist also einfach die wahrscheinlichste Hypothese, die wir meiner Meinung nach aufstellen können, und ich stimme ihr zu. Ich bin mir dessen sicher. Du hast andere Gelehrte erwähnt und was andere Gelehrte gesagt haben. Ein weiterer führender Gelehrter ist Philip Nothaft, und auch er hat Artikel veröffentlicht. Er ist ein ausgezeichneter, ausgezeichneter Gelehrter. Und ich zögere zu sagen, dass er mir zustimmt. Es wäre vielleicht genauer zu sagen, dass ich mit ihm übereinstimme, weil er zuvor einige Dinge veröffentlicht hat. Er hat sich auf ähnliche Ideen konzentriert und scheint überzeugt zu sein, warum der 25. Dezember ursprünglich gewählt wurde. Was die Frage angeht, warum dieses Datum dann allgemein akzeptiert wurde, neigt er vielleicht eher zu der Idee, dass die Feierlichkeiten zu Sol Invictus etwas damit zu tun hatten. Aber was die Frage angeht, warum ursprünglich der 25. Dezember ausgewählt wurde, scheint er zu 100 % ein Berechnungstheoretiker zu sein. Diese Berechnungen stammen von Hippolytus und anderen. Ein weiterer Wissenschaftler, den Ihre Zuschauer vielleicht interessieren könnte, ist Steven Hijmans. Er ist ein Wissenschaftler, der sich mit Sol Invictus, der Verehrung des Sonnengottes im alten Römischen Reich, beschäftigt. Er war es, der vor etwa 20 Jahren damit angefangen hat, als er eine Dissertation schrieb und feststellte, dass es vor Julian dem Abtrünnigen und vielleicht der Chronographie von 354 tatsächlich keine eindeutigen Beweise dafür gibt, dass es am 25. Dezember ein Fest zu Ehren des Sonnengottes gab. Er untersucht Münzen, was faszinierend ist, Münzfunde, künstlerische Funde, Inschriften und literarische Zeugnisse. Die beiden sind sich also einig. Ich habe noch nicht viel formelle Kritik an dieser Idee gesehen. Wenn ich davon höre, geht die Kritik meist in die Richtung, dass diese Berechnungstheorie, um es ganz offen zu sagen, einfach absurd ist. Es ist unmöglich, dass sie die Geburt Jesu auf der Grundlage dieser Theorie ausgewählt haben. Meine Antwort darauf lautet: Es geht nicht darum, ob es absurd ist oder nicht. Es geht darum, ob sie daran geglaubt haben. Und ich denke, das haben sie. Sie haben daran geglaubt. Und ich denke, dafür gibt es reichlich Beweise. In gewisser Weise kann man also glauben, dass es, wie ein Wissenschaftler sagte, atemberaubende mentale Akrobatik erfordert. Und natürlich kann man diesen Standpunkt vertreten, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht so gedacht haben.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, und ich denke, es ist kein Diebstahl. Vielleicht warst du es, aber jemand hat gesagt, nennen wir es die „Erfindungsgabe-Theorie” und nicht die „Berechnungs-Theorie”. Denn ja, ich würde zu 100 % sagen, dass Leute wie Hippolyt versucht haben, die Beweise so zu manipulieren, dass sie zu diesen beiden kosmischen Wegweisern, der Tagundnachtgleiche und der Sonnenwende, passen. Wenn man sagen will, dass das Universum an diesem Tag erschaffen wurde und Jesus an diesem Tag gekreuzigt und an diesem Tag gezeugt wurde, dann ist das einfach zu bequem. Sie zwingen die Beweise in ihre Theorie. Also ja, nennen wir es eine konstruierte Theorie, wenn wir ein bisschen gemein sein wollen. Ich denke, wenn jemand das absurd nennt, könnte man einfach sagen: Ja, ich finde es auch ein bisschen absurd, aber anscheinend haben sie daran geglaubt.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich stimme zu. Ich stimme zu.

    Dr. Andrew M. Henry

    Und ich möchte nur sagen, dass Dr. Hijman Recht hat, der das Buch „Sol Invictus” geschrieben hat. Dieses Buch war entscheidend für mein Video über Sol Invictus, und ich möchte nur noch einmal betonen, dass er wirklich tief in die Geschichte der Sonnengötterverehrung im Römischen Reich eintaucht und wirklich zeigt, wie unbedeutend dieser Gott im frühen Römischen Reich war. Es gab mehrere verschiedene Sonnengötterfeste, die gefeiert wurden. Ich glaube, es gab eines im August und eines im Oktober, und es scheint, dass dies die wichtigsten Feste für diesen unbedeutenden Gott in den frühen Jahrhunderten des Römischen Reiches waren. Und dann tauchte plötzlich, anscheinend im späten 3. Jahrhundert, der 25. Dezember auf. Für mich war das auch ziemlich überzeugend, dass der Sonnengott damit vielleicht nicht viel zu tun hatte. Ich könnte mir eine Theorie vorstellen, nach der dies dazu beigetragen haben könnte, es im Laufe der 300er Jahre zu verstärken. Wenn Menschen dieses Datum feiern, sagen wir mal im Jahr 340 n. Chr. im östlichen Mittelmeerraum, dann denke ich mir: Okay, ich werde wohl weiterhin den 25. Dezember feiern. Aber es scheint kein Faktor bei der Festlegung des Datums für Jesus gewesen zu sein, denn das liegt vor dem großen Moment des Sonnengottes.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja. Und Andrew, vielleicht könnte ich ein paar Worte zu anderen römischen Feiertagen sagen, die manchmal als Anstoß für die Wahl des 25. Dezembers als Geburtstag Jesu genannt werden. Also Feiertage wie die Saturnalien oder der Callens-Feiertag oder die Brumalien, das ist ein weiterer. Sol Invictus ist natürlich der, über den wir gesprochen haben. Aber normalerweise hört man, dass die Saturnalien der Feiertag sind, von dem es abgeleitet wurde. Und die Saturnalien sind dieses Fest, diese Zeit der Ausgelassenheit und Fröhlichkeit, des Schenkens und ähnlicher Dinge. Sie scheinen ein wirklich guter Kandidat für den Ursprung des christlichen Weihnachtsfestes zu sein. Das Problem dabei ist, dass es nicht am 25. Dezember gefeiert wurde. Es wurde am 17. Dezember gefeiert. Und dann gab es Zeiten in der römischen Geschichte, in denen es um einige Tage nach vorne verschoben wurde und manchmal sogar bis zum 23. Dezember. Aber es scheint nie tatsächlich auf den 25. Dezember gefallen zu sein. Das gilt auch für einen anderen Feiertag, Singularia, der meiner Meinung nach der letzte Tag der Saturnalien war. Also wieder der 23. oder 22., je nachdem, um welche Phase der römischen Geschichte es geht. Diese Daten stimmen also nicht mit dem tatsächlichen Datum überein. Andere Möglichkeiten sind die Kalenden. kalendae ist ein weiterer Feiertag im römischen Reich, aber er ist im Januar. Er ist Anfang Januar. Er markiert das neue Jahr. Und er war ursprünglich ein bürgerlicher Feiertag. Er war nicht wirklich ein religiöser Feiertag, sozusagen, aber dieses Datum passt nicht wirklich. Ein Datum, das passt, ist Brumalia, und das markierte die römische Wintersonnenwende, die am 25. Dezember war, was astronomisch gesehen nicht wirklich die Wintersonnenwende war, aber in ihrem Kalender stand. Und dieses Datum passt. Und wir wissen, dass es ein Feiertag war. Es war ein religiöser Feiertag. Das Problem dabei ist jedoch, dass es ursprünglich nur ein astronomischer Marker gewesen zu sein scheint. Es dauerte lange, bis er zu einem religiösen Feiertag für die griechisch-römischen Anhänger des griechisch-römischen Polytheismus wurde. Tatsächlich gibt es einen Chronisten namens Johannes von Lydos, der im 6. Jahrhundert schrieb und über römische Kalenderdaten, Feiertage und andere Dinge berichtete. Er erwähnt Brumalia und sagt, dass die Menschen diesen Feiertag erst seit kurzem begehen. Und das sagt er in den 500er Jahren. Es scheint also, dass das beste Datum Sol Invictus ist. Das ist das bestmögliche Datum, wie es die Religionsgeschichtstheorie sagt. Aber wie wir in unserer gemeinsamen Zeit besprochen haben, passt das immer noch nicht zu dem, was wir sehen, warum ursprünglich der 25. Dezember als Geburtstag Jesu gewählt wurde.

    Dr. Andrew M. Henry

    Richtig. Hippolyt ist also immer noch älter als unsere Daten über Bromalia.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja. Nun, er ist nicht älter als der Begriff Bromalia, der sich nur auf ein astronomisches Ereignis der Sonnenwende bezieht, aber er ist älter als das, was anscheinend eine Art religiöses Fest ist, das damit verbunden ist.

    Dr. Andrew M. Henry

    Also, Dr. Schmidt, das war eine echt spannende Reise durch die Berechnungstheorie. Vielen Dank, dass du bei uns warst.

    Dr. Tom Schmidt

    Andrew, ich möchte dir frohe Weihnachten wünschen.

    Dr. Andrew M. Henry

    Dir auch frohe Weihnachten. Mach’s gut.

    Dr. Andrew M. Henry

    Vielen Dank fürs Zuschauen und nochmals ein großes Dankeschön an Dr. Schmidt für seine Teilnahme. Wenn du „Religion for Breakfast“ unterstützen möchtest, ist Patreon der wichtigste Weg, dies zu tun. Patreon ist die finanzielle Grundlage von „Religion for Breakfast“, und die rund 700 Leute, die mich auf Patreon unterstützen, bilden diese Grundlage. Mein Ziel ist es, diesen Kanal akademisch anspruchsvoll und kritisch zu halten, und das bedeutet, dass wir Experten bezahlen müssen. Wir bezahlen Experten für Recherchen und die Überprüfung von Fakten. Wir bezahlen Redakteure, die diese Folgen so schneiden, dass sie für euch interessant sind. Patreon macht das möglich und sorgt dafür, dass dieser Kanal Monat für Monat stabil bleibt. Kein Druck, aber wenn du etwas beitragen kannst und Religion for Breakfast für wertvoll hältst, geh auf patreon.com/Religion for Breakfast. Der Link ist in den Kommentaren unten angeheftet. Wie auch immer, danke fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.

    Dr. Michael Heisers Analyse

    Jetzt ist schon fast eine Stunde vergangen und das Gespräch von Dr. Heiser würde nochmal so lange dauern. Und daher habe ich nur das Transkript der Folge 195 „Ist Weihnachten ein heidnisches Fest?“ hier angefügt. Viele Freude beim Lesen über die Weihnachtszeit!

  • Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? Nicht was du denkst (oder Jehovas Zeugen)

    Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? Nicht was du denkst (oder Jehovas Zeugen)

    Von Christian


    Eigentlich wollte ich ja nur einen Artikel darüber schreiben, was die aktuelle Forschung zum Thema Weihnachten zu sagen hat. Warum findet es am 25. Dezember statt? Sind seine Wurzeln wirklich ein heidnisches Fest? Aber auch aufgrund meiner eigenen Lebensgeschichte muss ich erst noch auf etwas anderes eingehen.

    Weihnachten und die Zeugen Jehovas

    Wer als Zeuge Jehovas aufgewachsen ist, hat kein Weihnachten feiern dürfen. Keine ‚vorbildliche Familie‘ hätte das gemacht, geschweige denn die Familie eines Ältesten. Warum ist das so, obwohl Weihnachten in der Anfangszeit der Bewegung sogar noch im ‚Bethel‘ (dem Hauptbüro der Wachtturm-Gesellschaft in den USA) gefeiert wurde. Beruhen die Argumente auf historischen Fakten, auf dem Stand der aktuellen Forschung?

    Interessanterweise fährt die Leitung der Zeugen Jehovas – die sogenannte Leitende Körperschaft – in den letzten Jahren in manchen Punkten einen sanfteren Kurs. Und obwohl das Weihnachtsfest immer noch abgelehnt und nicht gefeiert wird, können sie es nicht lassen, den jährlichen Rummel im Dezember für ihre Zwecke zu verwenden. So sieht im Dezember 2025 die offizielle Website der Zeugen Jehovas aus:

    Jesus als Blickfang und darunter die Themen „Das wachsende Problem der Einsamkeit – was sagt die Bibel?“ , „Wie sollte man beten, damit man erhört wird?“ und „Welchen Ursprung hat Weihnachten?“ Warum geht es darin? Die Beschreibung lautet:„Dieses Video geht darauf ein, wie nicht christliche Bräuche und Feste das Weihnachtsfest geprägt haben und warum sich viele dazu entschieden haben, Weihnachten nicht zu feiern.“ Wer wohl diese „viele“ sind? Darunter ist ein Verweis auf den Artikel „Warum feiern Jehovas Zeugen kein Weihnachten?“ Der Artikel ist wieder einmal ein schönes Beispiel, wie man manipulativen Antworten geben kann, denn er beginnt so:

    Verbreitete Irrtümer
    Was man so hört: Jehovas Zeugen glauben nicht an Jesus, deswegen feiern sie kein Weihnachten.
    Wie es wirklich ist: Wir sind Christen. Und wir sind davon überzeugt, dass Rettung nur durch Jesus Christus möglich ist (Apostelgeschichte 4:12).
    Was man so hört: Jehovas Zeugen treiben damit einen Keil in die Familien, dass sie kein Weihnachten feiern.
    Wie es wirklich ist: Die Familie ist uns sehr wichtig. Uns liegt daher viel daran, durch unsere Bibelarbeit die Familien zu stärken und allen in der Familie zu helfen, enger zusammenzurücken.

    Jehovas Zeugen, jw.org „Warum feiern Jehovas Zeugen kein Weihnachten?“

    Also den ersten ‚Irrtum‘ habe ich in meinen Jahrzehnten als Zeuge Jehovas nie gehört. Zweck ist wohl, dass wir das als einen unsinnigen Vorwurf wahrnehmen und das bereitet den Boden für den nächsten Punkt: Jehovas Zeugen würden durch die Ablehnung von Weihnachten einen Keil in die Familien treiben. Und dann kommt die ausweichende – besser gesagt irreführende – Antwort. Denn selbstverständlich hat es über fast 100 Jahre Familien und Verwandte getrennt, wenn die Zeugen Jehovas nicht mit ihnen zu Weihnachten zusammen waren. In Anbetracht dessen ist der Abschluss des Artikels schon ein Hohn:

    Auch wenn wir als Zeugen Jehovas entschieden haben, kein Weihnachten zu feiern, respektieren wir das Recht anderer, ihre eigene Entscheidung zu treffen. Möchten sie Weihnachten feiern, mischen wir uns nicht ein.

    Jehovas Zeugen, jw.org „Warum feiern Jehovas Zeugen kein Weihnachten?“

    Man fragt sich: Und was ist mit Familien und Verwandten, bei denen nur ein Teil Zeugen Jehovas sind? Tja, das wird nicht angesprochen … Zumindest nicht nach draußen … Das geheime Ältesten-Buch „Hütet die Herde Gottes“ ist auch in der Ausgabe von 2023 noch ziemlich eindeutig, wenn es darum geht, wann ein Rechtskomitee – heute aus juristischen Gründen nur Komitee genannt – gebildet werden muss. Was letztendlich dazu führt, dass jemand aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und von allen geächtet wird:

    Abtrünnigkeit:
    Abtrünnigkeit bedeutet, sich von der wahren Anbetung abzuwenden, davon abzufallen, sie vollständig aufzugeben und dagegen zu rebellieren. Darunter fällt:
    (1) Festtage der falschen Religion feiern (2. Mo. 32:4-6; Jer. 7:16-19): Nicht alle Feiertage haben direkt mit der falschen Religion zu tun. Deshalb ist nicht immer ein Rechtskomiteeverfahren nötig.
    (2) Beteiligung an Aktivitäten anderer Religionen (2. Kor. 6:14, 15, 17 , 18): Abtrünnigkeit schließt ein, sich vor Altären, Schreinen, Götzen und Bildern niederzubeugen, Lieder der falschen Religion mitzusingen und gemeinsam zu beten (Offb. 18:2, 4).

    Jehovas Zeugen, „Hütet die Herde Gottes“ (2023), Kapitel 12

    Abtrünnigkeit ist unter Jehovas Zeugen so ziemlich das Schlimmste, was man machen kann, und das regelmäßig zur Ächtung der Person führt. Als Zeuge Jehovas sollte man also besser aufpassen, ob man mit anderen Weihnachtslieder mitsingt …

    Aber warum feiern Jehovas Zeugen denn keine Weihnachten? Die Begründung ist in diesem Artikel ziemlich dünn, nämlich ganze 4 Punkte lang:

    • „Jesus hat geboten, seinen Todestag zu begehen, aber nirgendwo geboten, seinen Geburtstag zu feiern (Lukas 22:19, 20).“
    • „Die Apostel und die ersten Jünger Jesu kannten kein Weihnachten. In dem Werk Religion in Geschichte und Gegenwart heißt es: „Christi Geburtstag als liturgische Feier am 25. 12. ist erstmals im röm. Chronographen von 354 bezeugt“. Wie weiter erklärt wird, „begann Rom in der Ära Konstantins … das Natalis Christi“ oder die Geburt Christi zu feiern – sprich erst rund dreihundert Jahre nach dem Tod der Apostel Jesu.“
    • „Es gibt keinen Beleg dafür, dass Jesus am 25. Dezember geboren wurde. An welchem Tag Jesus zur Welt kam, sagt die Bibel nicht.“
    • „Weihnachten hat seine Wurzeln in heidnischen Bräuchen und Riten und ist daher nach unserem Bibelverständnis für Gott nicht akzeptabel (2. Korinther 6:17).“

    Was für „heidnische Bräuche und Riten“ sind hier gemeint? Im Jahr 1988 wurde in der Zeitschrift Erwachet! dies dazu veröffentlicht:

    Wo hat dann Weihnachten seinen Ursprung? Darüber ist man sich im allgemeinen einig. Die Zeitschrift U.S. Catholic sagt: „Es ist unmöglich, Weihnachten von seinen heidnischen Ursprüngen zu trennen.“ Sie führt weiter aus: „Das beliebteste Fest der Römer waren die Saturnalien, die am 17. Dezember begannen und mit dem ‚Geburtstag der unbesiegten Sonne‘ (Natalis solis invicti) am 25. Dezember endeten. Irgendwann im zweiten Viertel des 4. Jahrhunderts kamen findige Vertreter der Kirche von Rom zu dem Schluß, daß sich der 25. Dezember hervorragend als Tag der Feier des Geburtstages der ‚Sonne der Gerechtigkeit‘ eignen würde. Weihnachten war geboren.“

    Jehovas Zeugen, Erwachet 8.12.1988 Weihnachten — Ein christliches Fest?

    Ist das der aktuelle Stand der Forschung und der Fakten? Das werden wir uns gleich anschauen.

    Warum dieses Thema für Zeugen Jehovas über Jahrzehnte so wichtig war, erkennt man an einer früheren die Beschreibung des Weihnachtsfestes:

    Während der Weihnachtszeit Geschenke zu geben ist zu einer gesellschaftlichen Notwendigkeit geworden. Um die Gunst von Politikern und einflußreichen Menschen zu erbetteln, ist das Geben zu Weihnachten geradezu ideal, denn es ist gesetzlich gestattet, und man runzelt nicht die Stirn dabei, wie wenn z. B. als Bestechungsmittel Pelzmäntel verschenkt werden. Eigennützige Geber sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. … Die Selbstsucht zu Weihnachten kommt besonders dadurch zum Ausdruck, daß die Spender geben, um etwas zurückzuerhalten. Ein solches Geben wird von Christus verurteilt. — Luk. 14:12-14.
    Weihnachten beruht auf Selbstsucht, weil es eine Zeit ist, da man fleischliche Wünsche befriedigt. Es ist eine Zeit, jemandem sittliche Unarten zu verzeihen. Es ist eine Zeit der Ausgelassenheit, eine Zeit, da der Bauch zu einem Gott wird und da viel Trunkenheit und Schwelgerei herrscht. Und doch ist es der Apostel Christi, der zeigt, daß jene, die solches tun, Gottes Königreich nicht ererben werden! (Gal. 5:19, 21; Phil. 3:19) Weihnachten beruht auf Selbstsucht und ist zu einer Posse geworden.
    Die Kirchen machen aus Weihnachten ein Geschäft, wie sie es aus dem Worte Gottes machen. Da gibt es besondere Gebete, Messen und Predigten. Und auch besondere Kollekten! Weihnachten zeitigt üblen Willen, weil es von Selbstsucht beherrscht ist.
    Über diese heidnischen Feiertage sagt die „New Funk & Wagnalls Encyclopedia“ (S. 10 790): „Während der Saturnalien waren die Gerichte und Schulen geschlossen und militärische Operationen aufgehoben, so daß das Heer feiern konnte. Es war eine Zeit guten Willens und der Fröhlichkeit, die Banketten gewidmet wurde, dem Austausch von Besuchen und dem Geben von Geschenken.“ Wie kann die Lustbarkeit eines heidnischen Feiertages Christus ehren? Sie ehrt ihn tatsächlich nicht! Selbst der „Sankt Nikolaus“ oder „St. Nick“ ist, wie das Century Dictionary sagt, kein anderer als der Gegner Christi, nämlich Satan, der Teufel!

    Der Wachtturm 1954, w54 15. 12. S. 739-740, Selbstsucht zu Weihnachten

    Dagegen sind die vier Argumente im aktuellen Artikel der Website der Zeugen Jehovas ziemlich schwach. Nur, weil Jesus nicht geboten hat, seinen Geburtstag zu feiern, ist es noch lange nicht falsch, dies zu tun. Nur, wenn er es verboten hätte. „Die Apostel und die ersten Jünger Jesu kannten kein Weihnachten“ – aber sie kannten auch keinen Urlaub. Und welcher Zeuge Jehovas weigert sich, Urlaub zu nehmen? Das Datum des 25. Dezember werden wir uns noch im Detail anschauen. Dass die Bibel nicht sagt, an welchem Tag Jesus geboren wurde, verbietet ja nicht, dass man einen nach bestem Wissen wählen kann. Und genau genommen wird auch nicht gesagt, an welchem Tag Jesus gestorben ist – den muss man nämlich anhand des Passah jedes Jahr neu ermitteln. Und es ist nicht der selbe Tag jedes Jahres! Bleibt noch des letzte Punkt: „Weihnachten hat seine Wurzeln in heidnischen Bräuchen und Riten.“ Ob das so stimmt, sehen wir, wenn wir uns dem Datum des 25. Dezember genauer zuwenden.

    Vorab möchte ich schon einmal so viel verraten: Was als Argument der Jehovas Zeugen übrig bleibt, aber auf der aktuellen Website nur angedeutet wird, ist, dass sie sich sowohl von der ‚falschen Religion‘ – also allen anderen – und der ‚Welt Satans‘ getrennt halten, weil nur sie das wahre Volk Gottes sind …

    Aber jetzt endlich zu …

    Weihnachten, das Datum 25. Dezember und die historischen Fakten

    Was es mit diesem Datum von Weihnachten, dem 25. Dezember, auf sich hat und was die historischen Fakten und zeigen, haben in einem kürzlich erschienen Video Dr. Henry und Dr. Schmidt erklärt. Das Gespräch ging fast eine Stunde. Daher habe ich ein weiteres Video dazu gemacht.

    Also dann, bis zum nächsten mal …

    Nein, es wird nicht wie üblich 2 Wochen dauern, bis das nächste Video veröffentlicht wird …

    Nicht sooooo lange …

    Nur bis zum … 25. Dezember 2025 😂

    Frohe Weihnachten!

  • Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 1: Die fehlende Mitte

    Das vergessene Evangelium der Evangelien – Teil 1: Die fehlende Mitte

    Von Christian / N. T. Wright


    Die Evangelien werden nun schon seit zwei Jahrtausenden gelesen und studiert. Da müsste doch schon längst alles dazu gesagt und geschrieben worden sein, oder? Kann man darin überhaupt noch etwas Neues entdecken? Nicht nur das. In dieser Serie werden wir Argumente betrachten, die zeigen, dass wir sogar das Evangelium selbst, die wesentliche Story der Evangelien heute wieder entdecken müssen, weil diese in Vergessenheit geraten ist. Das Gewicht und die Aufmerksamkeit sind auf verschiedene andere Themen gelegt worden, so dass die zentrale Botschaft untergegangen ist. Diese anderen Nebenstimmen sind sozusagen so laut und beliebt geworden, dass das zentrale Thema, welches von den anderen Stimmen unterstützen werden sollte, nicht mehr wahrgenommen wurde.

    Das Thema ist jedoch nicht nur in Bezug auf den persönlichen Glauben wichtig, wo doch zumindest für ‚Christen‘ die Evangelien eine zentrale Rolle spielen sollten. Es hilft uns auch, den Fokus richtig zu setzen und unterschiedliche Auffassungen zu akzeptieren. Warum sollten man anderen den Glauben absprechen, sie als Häretiker, Ketzer, Abtrünnige oder ‚falsche Religion‘ bezeichnen, wenn es bei den unterschiedlichen Auffassungen nicht einmal um die zentrale Botschaft des Evangeliums geht?

    Wie konnte es aber überhaupt soweit kommen, dass das, was die vier Evangelisten anderen unbedingt mitteilen wollten, so in Vergessenheit geriet? Dabei spielten unter anderem Glaubensbekenntnisse – so gut sie sind oder gemeint waren – eine Rolle wie wir gleich sehen werden.

    „Und warum, Bitteschön, ist das in zweitausend Jahren keinem außer dir aufgefallen?“ Ist es mir gar nicht. Was mir allerdings immer mehr bewußt wurde, ist, dass für viele Lehren oder gar Glaubenssysteme, nur ganze wenige Bibeltexte verwendet oder überbetont werden. Oder die Texte stammen überwiegend oder ausschließlich aus einem Bibelbuch, einigen Briefen des Paulus usw. Und wie passen das Alte und das Neue Testament zusammen? Jenseits von ‚alles deutet prophetisch auf Jesus‘, was gar nicht der Fall ist. Wenn sich die Texte des Neuen Testaments so oft auf das Alte beziehen oder deren Bilder und Begriffe verwenden oder umdeuten, war das dann ein Umbruch, etwas ganz Neues? Oder bilden beide eine Einheit jenseits oberflächlicher Bezugnahmen? Tatsächlich haben fleißige Bibelwissenschaftler dazu interessante Beiträge geleistet, auf die ich immer wieder eingehen werde.

    Einer davon ist N. T. Wright, der etwas immer wieder beobachtet hat, das schließlich Anlass zu diesem Buch war:

    In dieser Serie möchte ich die wichtigsten Argumente aus dem Buch aufgreifen, damit sich jeder selbst dazu eine Meinung bilden kann. Gehen wir also zurück ‚zu den Wurzeln‘ und lesen die Evangelien im Kontext der Jünger des ersten Jahrhunderts – und nicht mit unserem Kontext des 21. Jahrhunderts und keinem Glaubensbekenntnis im Hinterkopf. Denn die Gefahr ist groß, dass wir sonst etwas hineinlesen oder darin zu finden glauben, was als Lehre erst Jahrhunderte später entwickelt wurde.

    Und was geschah … dazwischen?

    Die Fragestellung dieser Serie führt N. T. Wright mit einer persönlichen Erfahrung als Jugendlicher ein, die jeder leicht nachvollziehen kann. Er wollte mit anderen eine Serie von Studien über Jesus durchführen, die alle auf Warum-Fragen beruhten: Warum wurde Jesus geboren? Warum lebte Jesus? Warum starb Jesus? Warum ist Jesus auferstanden? Warum wird er wiederkehren?

    Wenn du einen Moment inne hältst und dir Antworten auf die Fragen überlegst, wird dir bei fast allen Fragen Einiges einfallen. Und du wirst eine Verbindung zu zentralen Lehren des Christentums erkennen. Nur bei einer Frage, könnte es schwierig geworden sein: Warum lebte Jesus? Keine schwierige Frage, findest du? Nun, würde sich an deinen Antworten auf die anderen Fragen oder an deiner Hoffnung irgendetwas ändern, wenn er kurz nach der Geburt gleich ‚für unsere Sünden gestorben‘ wäre? Oder wenn er statt 3 1/2 Jahre 30 1/2 Jahre tätig gewesen wäre?

    Vielleicht hast du jetzt ein paar Gründe im Sinn. Wir werden auf einige später eingehen und sehen, dass sie bei näherer Betrachtung nicht so überzeugend sind, wie man denkt. Nehmen wir zum Beispiel die Begründung, dass Jesus trotz aller Versuchungen ein gottgefälliges Leben ohne Sünde führen musste. Gut. Das hätten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes in einem Satz festhalten können. Aber darum geht es im Großteil des Textes gar nicht. Ein anderer möglicher Grund: Jesus lebte uns vor, wie wir leben sollen. Aber auch das wird im Großteil des Textes der Evangelien gar nicht beschrieben.

    Tatsächlich zeigen schon die frühesten Glaubensbekenntnisse ein interessantes Muster. Nehmen wir zum Beispiel das kurze Glaubensbekenntnis aus dem vierten Jahrhundert, welches als das ‚Glaubensbekenntnis der Apostel‘ bekannt ist:

    Ich glaube an … Jesus Christus, Gottes einzigen Sohn, unseren Herrn;
    empfangen durch den Heiligen Geist,
    geboren von der Jungfrau Maria,
    gelitten unter Pontius Pilatus,
    gekreuzigt, gestorben und begraben,
    hinabgestiegen zur Hölle,
    am dritten Tage auferstanden von den Toten,
    aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters,
    von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

    N.T.Wright How God Became King, chapter 1, ‚Apostel’s Creed‘

    So viele Einzelheiten und doch nichts über Jesus Leben zwischen seiner Geburt und Kreuzigung! Nun vergleiche das einmal mit den vier Evangelien. Wieviel Text wird auf die Geburt und Taufe Jesus verwendet? Wieviel auf seine Kreuzigung und Auferstehung? Nur ein Bruchteil des Textes der Evangelien:

    Wie konnte es dazu kommen? Bevor jemand jetzt vorschnell auf die Idee kommt, dass der im Neuen Testament angekündigte Abfall der Grund ist, sollten wir uns einen einfachen Mechanismus bewußt machen. Anfangs wurden die Evangelien – wie auch andere Briefe – regelmäßig laut gelesen. Die Gläubigen beteten das ‚Vater-Unser‘ und kannten die Details der Evangelien, die sie als Grundlage verstanden. Die Glaubensbekenntnisse dienten nur als Rahmen, um wichtige Grundlehren klar gegen anderen Auffassungen wie die der Gnostiker abzugrenzen. Es gab zahlreiche Kontroversen zu verschiedenen Themen. Und wenn diese entschieden waren – wie auch immer – wurden diese frühen Formeln zu Bestandteilen von Glaubensbekenntnissen und sozusagen wie gewaschene Wäsche auf die Wäscheleine gehängt. N.T. Wright formuliert die Veränderung so:

    Die Kirche stellte eine „Glaubensregel“ auf, anhand derer man angeblich die heiligen Schriften verstehen sollte. Aber die fragliche „Regel“ – die sich entwickelnden Glaubensbekenntnisse und die frühen Formeln, die zu ihnen führten – ignorierte das zentrale Thema der vier Evangelien. Man beachte, was passiert. Irgendwann, vielleicht nicht lange nachdem die Glaubensbekenntnisse geschrieben wurden, wurde die ‚Wäscheleine‘ zu einem Lehrmittel. Die Liste der früheren Kontroversen wurde zum Lehrplan. „Dies“, so erklärte die Kirche, ‚sind die Dinge, die ihr über Gott, Jesus, den Heiligen Geist usw. wissen müsst. Und an diesem Punkt haben wir eine Grenze überschritten. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sagen: ‘Dies sind die Dinge, die ihr über Jesus wissen müsst.“ Die Glaubensbekenntnisse sagen, wenn man sie aus ihrem liturgischen Kontext herausnimmt, in den sie zusammen mit den Evangelien und dem Vaterunser gehören, und sie stattdessen als Grundlage für ein Lehrprogramm verwendet, Folgendes: „Nein, es gibt diese Dinge, die du wissen musst …“ 

    N.T.Wright How God Became King, chapter 1

    Mit der Zeit ging so das Zentrum – die Story der Evangelien – verloren und die Ergebnisse der Kontroversen standen im Vordergrund. Das macht die Glaubensbekenntnisse nicht für sich falsch oder unnötig oder nutzlos. Aber sie dürfen nicht die Story der Evangelien ersetzen.

    In dieser Serie verwende ich die Formulierung „Story der Evangelien“, wenn es darum geht, was uns die Evangelien zu sagen haben. Was die Autoren uns mitteilen wollen. Welche ‚Geschichte‘ sie uns darlegen. Das deutsche Wort Geschichte hat aber verschiedene Bedeutungen, weshalb „die Geschichte der Evangelien“ mißverständlich ist: Es geht nicht um Geschichte im Sinne eines historischen Berichtes, wie er in unserer Zeit verfasst würde. Eine Formulierung wie „die Evangelien erzählen eine Geschichte“ hört sich aber eher nach Märchen oder einer erfundenen Geschichte an. Daher habe ich das englische Wort „Story“ stehen lassen.

    Tatsächlich ist es so, dass viele ‚das Evangelium‘ nur mit Texten des Paulus wie Römer 3 und Galater 2-3 erklären würden – wie es die frühen Reformatoren taten – ohne sich auch nur ein einziges Mal auf eines der Evangelien zu beziehen! N.T. Wright schreibt daher:

    Es ist nicht nur so, dass wir alle die Evangelien falsch gelesen haben, obwohl ich denke, dass das im Großen und Ganzen stimmt. Es ist eher so, dass wir sie überhaupt nicht wirklich gelesen haben. Wir haben sie in den Rahmen von Ideen und Überzeugungen eingepasst, die wir aus anderen Quellen übernommen haben.

    Ich möchte, dass sie [die Evangelien] in diesem Buch, so gut wie mir das möglich ist, für sich selbst sprechen können. Das Ergebnis wird nicht jedem gefallen.

    N.T.Wright How God Became King, chapter 1

    Nun, wenn das Ergebnis nicht jedem gefallen wird, verspricht es ja ziemlich interessant zu werden – finde ich zumindest.

  • Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

    Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

    Von Christian


    Wie kann es sein, dass man „den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht“, wie ein Sprichwort sagt?

    Zum Beispiel wenn man über zu vielen Einzelheiten das größere Ganze nicht oder nicht mehr erfasst. Das kann einem sogar im aufrichtigsten Bemühen passieren, wenn man sich über Generationen hinweg immer mehr in eine Sache verrennt:

    Wehe euch, ihr Gesetzeslehrer und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt noch von Gartenminze, Dill und Kümmel den zehnten Teil, lasst aber die wichtigeren Forderungen des Gesetzes außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glaubenstreue! Das eine hättet ihr tun und das andere nicht lassen sollen! Ihr verblendeten Führer! Die Mücke siebt ihr aus, aber das Kamel verschluckt ihr.

    Matthäus 23:23,24 NEÜ

    Zumindest einem Teil dieser religiösen Menschen kann man zugute halten, dass sie sich aufrichtig darum bemühten, es ganz genau zu wissen und alles richtig zu machen, so ‚wie es im Gesetz steht‘. Und das aus gutem Grund: Das Exil war noch nicht wirklich vorüber. Das Land war nicht von fremder Herrschaft befreit. Die ‚offensichtliche‘ Erklärung war für sie: Das kann nur daran liegen, dass wir Gottes Willen immer noch nicht genau genug tun! Wir müssen also verstehen was wir noch besser, genauer und mehr machen müssen!

    Dieses Verhalten kennt man auch aus der Psychologie, was das menschliche Verhalten betrifft: „Mehr vom Gleichen“. Wenn wir etwas erreichen oder ein Problem lösen wollen, wenden wir eine gewisse Methode an. Klappt das nicht auf Anhieb, dann … macht man was? Oft ist es das Selbe, nur stärker, länger oder mehr davon. Manchmal funktioniert das auch. Oft aber auch nicht. Dann wäre es schlau, etwas anderes zu versuchen. Aber wenn wir so richtig involviert sind mit unserem ganzen Denken und Wesen, dann schalten wir oft nicht um. Und das erst recht nicht, wenn wir die gewählte Methode für die einzig richtige halten! Oder nur diese gelernt haben. Wenn du darüber nachdenkst, fallen dir bestimmt Situationen ein, in denen es dir so ergangen ist.

    Mir ist in den vergangenen Monaten aufgefallen, dass ich – wie auch so manch anderer – in Bezug auf meinen Glauben genau so gehandelt habe. Es ist nun fünf Jahre her, dass ich aus der Kirche der Zeugen Jehovas ausgetreten bin. Wer das selbst erlebt hat oder sich damit beschäftigt hat, weiß, dass mit diesem Moment alle ‚Glaubensbrüder’, Freunde und Familie einen meiden und man alleine da steht. Mittlerweile ist mir klar, dass das Menschen auch in anderen Religionen so ergeht.

    Und ich hatte bei immer mehr Glaubenslehren festgestellt, dass sie nicht biblisch, falsch oder schlicht und einfach erfunden und erlogen waren. Aber was sind denn dann die ‚richtigen‘ Lehren der Bibel? Wie finde ich das heraus? Na indem ich die Bibel lese! Und zwar noch mehr als zuvor. Mit verschiedenen Übersetzungen, Erläuterungen, Fußnoten. Mit anderen Worten: „Mehr vom Gleichen“. Ich habe im Prinzip dieselbe Methode weiter verwendet, nur intensiver.

    Das hat auch geholfen, um über die kognitive Dissonanz hinwegzukommen, die im Laufe der letzten Zeit bei den Zeugen Jehovas immer schlimmer geworden war. Zum Beispiel deswegen, weil ich mich als Leiter des Wachtturm-Studiums gut vorbereitet und die Schriftstellen alle nachgelesen habe. Dann auch mit Kontext – und der sagte oft etwas ganz anderes aus als der Text dazu im Wachtturm. Kognitive Dissonanz wird wie folgt beschrieben:

    Kognitive Dissonanz ist das psychologische Gefühl des Unbehagens, das entsteht, wenn eine Person zwei oder mehr widersprüchliche Gedanken, Überzeugungen, Einstellungen oder Verhaltensweisen hat.

    Und das wurde durch einiges bewirkt: Im Wachtturm oder von der Bühne kamen widersprüchliche Aussagen. Oder diese passten nicht zu dem, was im geheimen Ältesten-Buch (Hütet die Herde Gottes) steht. Oder was von einem in Wirklichkeit erwartet wird. Oder in Publikationen für die Öffentlichkeit steht etwas anders als in den internen. Oder es stimmt nicht mit dem Kontext des Bibelverses überein. Oder anderen Passagen der Bibel, die nicht erwähnt oder ‚wegdiskutiert’ werden. Oder ‚lebenswichtige‘ Lehren werden von heute auf morgen ohne echte Begründung geändert – schlimmer noch, manchmal mit den selben Bibelversen als Begründung. Irgendwann entdeckt man, dass hinter Veränderungen der Lehre – ‚neues Licht‘ genannt – nicht Gott und der heilige Geist hinter der ‚Leitenden Körperschaft‘ der Zeugen Jehovas steht, sondern ganz schnöde ein Gerichtsverfahren in irgendeinem Land, dass die Organisation finanziell oder sonst wie negativ beeinflussen könnte. Du könntest sicher noch weitere Punkte hinzufügen.

    Sich mehr mit der Bibel – und zwar nur der Bibel – auseinander zu setzen, schien das richtige Mittel zu sein, um diese kognitive Dissonanz aufzulösen. Zumal wenn man es zum ersten mal ‚richtig‘ ohne den Wachtturm daneben macht.

    Aber nach ein paar Jahren schien sich die kognitive Dissonanz eher wieder zu verstärken: Obwohl ich mehr und mehr über die Bibel erfuhr, hatte ich mehr grundlegende Fragen. Und mein Glaube fühlte sich zeitweise irgendwie schwächer an.

    Warum schreibe ich darüber? Weil ich festgestellt habe, dass es auch anderen so ergeht. Auch in anderen christlichen Religionen. Also auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Zeugen Jehovas …

    Ich hatte also mehr tiefgründige Fragen als zuvor. Sogar Zweifel! Ich bin mir sicher, dass dieses Wort ‚Zweifel‘ bei vielen etwas ausgelöst hat. Diese Wort ist für viele Gläubige aufgrund verschiedenster Umstände ein Trigger: Er löst eine spontane Reaktion aus: Du musst mehr beten, du hast das Falsche gelesen, hast du dich etwa mit Abtrünnigen oder Atheisten beschäftigt, du bist weltlich und selbstsüchtig geworden, du musst mehr und regelmäßig mit anderen Mitgläubigen zusammenkommen, denn ‚wer sich absondert …‘

    Ok. Über diesen letzten Punkt habe ich ein eigenes Video veröffentlicht: „Versäume keine Zusammenkunft!“. Dieser Bibeltext wurde so oft von Zeugen Jehovas verdreht, dass er ziemlich zur kognitiven Dissonanz beigetragen hat.

    Es konnte also nicht mehr schlimmer kommen, aber es kam so. Genau dieselbe Argumentation kam in dem Video Join Us on Zoom to Study the Bible, Beroean Style von Eric Wilson. Die Übersetzung ins Deutsche habe ich damals noch gemacht: Triff uns auf Zoom zum Bibelstudium, auf die Beröer Art Exakt dieselben Argumente, wie aus dem Wachtturm kopiert. Und ich hatte – wie manche wissen – lange Zeit Eric Wilsons Videos auf Deutsch synchronisiert. Und nun benutzte er dieselbe Methodik in einem Video, um zu ‚beweisen‘, dass die Zoom Meetings seiner Beroean Pickets für jeden quasi ein Muss sind. Was weder er noch ich veröffentlicht haben, ist unsere E-Mail Korrespondenz dazu und zu seinem Video, dass nur diese Gruppe – und nicht die anderen Gruppen der Christenheit – mit Gottes Geist die Bibel lesen und daher die Wahrheit erkennen: Do I have God’s Holy Spirit Guiding Me, or Am I Just Fooling Myself? How Can I Be Sure? (Video: Lasse ich mich vom hl. Geist leiten, oder mache ich mir nur etwas vor? Wie kann ich mir sicher sein?, deutsche Übersetzung Lasse ich mich von Gottes Heiligem Geist leiten, oder mache ich mir nur etwas vor? Wie kann ich mir sicher sein?) Diese und andere Argumente und die Verwendung von Bibelzitaten kam mir gleich so bekannt vor, aber es fühlte sich falsch an (kognitive Dissonanz), obwohl ich es nicht sofort biblisch begründen konnte.

    Nun ja, nachdem ich ihm geschrieben hatte, dass diese Videos Bibeltexte nicht gemäß dem Kontext verwenden und die Argumentation fehlerhaft ist, hat er mich daraufhin noch am selben Tag aus dem deutschsprachigen Youtube Kanal Beröer Bibelstudien, den ich aufgebaut hatte, ausgeschlossen, weil er Angst hatte, ich würde es mit ihm so tun. Kurz darauf hat er alle meine Videos aus dem YouTube Kanal Beröer Bibelstudien gelöscht und das war’s dann von seiner Seite aus.

    Irgendwie fühlte ich mich zum zweiten mal aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Obwohl, bei den Zeugen Jehovas sind wir ja aktiv ausgetreten (amtlich sogar, weil in Deutschland die Zeugen Jehovas eine Körperschaft des öffentlichen Rechts sein wollten, wie die katholische Kirche und andere). Und die Richtung, in der sich Eric und seine Bewegung entwickelt hatten, war uns schon länger nicht mehr ganz geheuer, auch wenn uns seine frühen Videos geholfen haben.

    Wieder kognitive Dissonanz.

    Warum schreibe ich darüber? Nicht weil ich darüber öffentlich jammern will. Sondern weil es anderen schlimmer ergangen ist. Und weil ich festgestellt habe, dass es auch in anderen Religionen und Gruppen Menschen so und schlimmer ergangen ist.

    Damit hatte ich noch mehr Fragen, welche die Bibel mir nicht so recht zu beantworten schien: Gibt es heute noch so etwas wie ‚die Gemeinde von Christen‘? Wirkt der heilige Geist heute? Wenn ja, wie? Macht dieser ganze Glaube überhaupt Sinn, wenn sich keiner daran hält, sondern darüber spricht? Macht es überhaupt noch Sinn, die Bibel noch detaillierter zu analysieren?

    Warum nochmal spreche ich jetzt darüber? Weil ich festgestellt habe, dass es auch anderen so geht. Also ist das vielleicht ein wichtigeres Thema, zu dem es Bücher gibt, die für uns hilfreich sind. Und wenn es die nur in englischer Sprache gibt, könnte ich ja über diese schreiben … Und das habe ich vor. Wenn ich Zeit und Kraft dazu habe.

    Denn man könnte sagen, dass bei mir ‚die Luft raus war‘. Daher habe ich im Dezember 2024 noch Videos aufgenommen und diese nacheinander veröffentlicht, aber das war es auch. Es gab das eine oder andere interessante Thema, aber wozu das Ganze? Was gab es noch für mich zum Nutzen anderer zu sagen?

    Wohin ich auch schaute, es wurde über Details diskutiert, über gewisse Glaubenslehren, aber es endete allermeistens damit, dass die Bibel keine klare, eindeutige, einfache Antwort dazu gibt. Wohlgemerkt: Ich sage nicht, dass Leute und Religionen keine einfachen Antworten haben. Nur die Bibel selbst … macht es einem nicht so leicht. Außer man benutzt sie als Textvorlage und pickt sich Verse heraus und bastelt ein neues Evangelium zusammen.

    Eine ganz zentrale Frage wurde daher:

    Wenn Gott wollte, dass wir etwas genau so verstehen sollen, warum lies er es nicht einfach genau so aufschreiben?

    Als Beispiel nehme ich gleich mal ein Thema mit Sprengkraft: Die Trinität.

    Wie bitte? Das steht doch ganz klar in der Bibel! Nur, dass dies von allen Vertretern der verschiedenen Lehren behauptet wird. Seit 2000 Jahren.

    Aber ich will hier das Für und Wider gar nicht diskutieren – das wäre Vermessen. Es geht mir um Gottes Rolle, wie wir gleich sehen werden.

    Viele Kirchen stellen dieses Dogma als die zentrale Lehre hin. Das kann ja für die Religion so sein. Aber ist es das zentrale Thema, das wir in der Bibel so aufgeschrieben finden? Wenn es oder das Gegenteil so eindeutig in der Bibel steht, warum gab und gibt es so viele Diskussionen und Fragen? Wonach greift denn jemand, der eine Lehre zu diesem Thema erläutert haben will? Zur Bibel, weil es da strukturiert erklärt wird, oder einem Lehrbuch? [Siehe Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 15: Ist das NT ein Lehrbuch? (Beispiel Trinität)]

    Wenn die Bibel ‚Gottes Wort‘ ist – was auch immer du genau darunter verstehst – dann sollten gläubige Christen doch eine Antwort darin finden, oder nicht? Zeitweise war auch eine schöne, einfache, eindeutige Antwort für alle Christen darin: Das Comma Johanneum. [Video: Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 5: Das Comma Johanneum]. Heute weiß man, dass dies eine Fälschung war. Es ist nicht in den besten Manuskripten enthalten. Und selbst wer behauptet, dass es ursprünglich enthalten aber schon ganz früh entfernt worden ist (was rein hypothetisch ist), dann bleibt trotzdem dieser Fakt:

    Fakt ist, dass eine einfache, präzise Aussage über die Trinität (Comma Johanneum) über Jahrhunderte nicht in Bibelübersetzungen war. Dann Jahrhunderte enthalten war. Und dann wieder nicht.

    Gott hat es offensichtlich, wie die Fakten zeigen, kein bisschen gestört, dass Millionen gläubige Christen über Jahrhunderte bei so einem zentralen Punkt, aufgrund dieses Textes einen ‚richtigen‘ Glauben gut begründet sahen. Oder eben nicht.

    Wie auch immer – Gott hat über Jahrhunderte nichts getan, um das richtig zu stellen. Und es gibt viele andere Stellen in der Bibel, die widersprüchlich sind. Zeigt das, dass die Bibel nichts wert ist, oder gehen wir völlig falsch an die Sache heran?

    Noch etwas: Andere Gruppen, wie Eric Wilsons Beroen Pickets beschreiben sich auf seiner Website vor allem als Gruppe, die nicht trinitarisch ist. Aber ist diese Unterscheidung wirklich wesentlich. Ist es das Thema für Jesus gemäß den Evangelien gewesen? Für die Apostel? Für Paulus? Im Neuen Testament? Im Alten Testament?

    Und wie geht man mit Christen um, die eine andere Auffassung haben? In den ersten Jahrhunderten des Christentums wurden die ‚anderen’ als Herätiker betrachtet. Heute stört das in den Kirchen in Deutschland meist keinen. Wie ich aber mitbekommen habe, haben einige Gruppen der Beroean Pickets angefangen, Jesus mit Gott gleich zu setzen. Die Folge war ein Schisma – man hat sich von diesen Personen getrennt und die Videos mit den Interviews mit ihnen gelöscht.

    Ich habe mich gefragt: Sollte das so sein? Sagte Jesus nicht, dass wir „unsere Feinde lieben sollen“? Und „für die beten, die uns verfolgen“? (Matthäus 5:44). Aber später sagten seine Jünger, man soll mit solchen, die die Lehre des Christus nicht bringen, nicht essen, noch nicht einmal grüßen! (2 Johannes 10,11) Ist das schon wieder ein Widerspruch? Oder hat Jesus nur Juden gemeint? Gelten manche Aussagen nur eine Zeit lang? Oder gibt es eine Abstufung: Gläubige der selben Kirche oder Gruppe, andere Christen, nette Menschen, Menschen, nicht so nette Menschen, Feinde, …, Abtrünnige? Fragen über Fragen.

    Soll ich mich überhaupt noch mit diesem Thema beschäftigen? Was stimmt denn überhaupt noch? Und wenn man solche Zweifel hat, ist das ein Zeichen eines ‚schwachen Glaubens‘?

    Es hat eine Weile (na ja, Monate) gedauert. Ich habe ein paar Bücher gelesen und nachgedacht. Und vielleicht helfen sie dem einen oder anderen, der sich ähnlich fühlt und ähnliches fragt. Zumindest helfen sie einem, das Thema ganz neu zu durchdenken.

    Kommen wir daher nochmal auf Matthäus 23:23 zurück. Wenn du gefragt würdest – also jetzt – was ‚die wichtigeren Forderungen des Gesetzes‘ sind, was hättest du geantwortet? Was fällt dir spontan ein? Die 10 Gebote? Speisevorschriften? Beschneidung? Sabbat?

    Vermutlich nicht das, was Jesus gemäß dem Matthäus Evangelium sagte: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glaubenstreue!

    Wo, bitte schön, steht das so in der Thora, im Gesetz? Schon wieder etwas Verwirrendes.

    Im griechischen steht für ‚Glaubenstreue‘ übrigens pistis. Deswegen übersetzen es andere mit Glauben. Das findet man auch in Wörterbüchern zu biblischen Begriffen. Pistis wie auch das entsprechende hebräische Wort werden oft mit Glaube oder (religiöser) Überzeugung übersetzt. Diese Worte verbinden wir heute aber eher mit Religion und deren Glaubenssätzen, auf jeden Fall bringen wir es mit unserem Wissen und Verstand in Verbindung. Unser Glaube, was die richtigen Lehren aus der Bibel über Gott sind.

    Die hebräischen und griechischen Wörter spiegeln aber Glauben in Verbindung mit etwas anderem wieder: Vertrauen. Es ist schon ziemlich aufschlussreich, die Bibeltexte zu lesen, in denen dieses Wort vorkommt, und dabei statt Glaube immer Vertrauen zu verwenden. Erstaunlich, wie sich die Perspektive dann ändert.

    Auf Gott vertrauen. Das ist wichtiger, als zu meinen, oder verbissen zu versuchen, die richtigen Lehren zu kennen.

    Nun gut. Und was hat das mit „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ zu tun? Ich bin nicht der einzige, der gehofft hat, dass Gott uns mit der Bibel eine einfache, klare Anleitung für unser Leben und unseren Glauben hat aufzeichnen lassen:

    Oder so etwas:

    Je mehr ich in der Bibel gelesen und über ihren historischen Kontext, ihre Sprachen usw. gelernt habe, desto komplexer wurde es. Aber immer noch habe ich auf so einen Moment gehofft:

    Ganz viele Bäume, aber irgendwann wird ein Muster deutlich. Ein Muster. Der richtige Glaube.

    Nur. In jedem dieser angesprochenen Punkte ging es darum, was für eine Bibel wir uns wünschen. Was Gott unserer Meinung nach uns gegeben haben sollte.

    Nur. Das hat er nicht. Was wir haben, ist eher das:

    Gott hat viele verschiedene Menschen das aufschreiben lassen, was sie in ihrer Zeit und mit ihrem Kontext ausdrücken konnten. Jede Zeichnung, jede Beschreibung würde andere Aspekte hervorheben. Aber nur mit allen, auch widersprüchlichen Beschreibungen würden wir ein Gesamtbild erhalten.

    Wenn du denkst, dass Gott jedes Wort diktiert hat (eine Möglichkeit, was inspiriert bedeuten könnte), dann bringst du die Bibel und Gott selbst in große Schwierigkeiten. Das zeigt sich schon im Neuen Testament [Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 9: Inspiration]. Und wie wir sehen werden, auch im Alten Testament. Und es hilft auch uns nicht wirklich, sondern erzeugt belastende Fragen: Warum lässt ein Gott der Liebe erst fast die komplette Menschheit vernichten, und dann alle Kaananiter mitsamt Kindern und Tieren? Oder warum widersprechen sich Anweisungen in der Thora (mosaischen Gesetz)? Wir werden noch weitere Fragen ansprechen. Und warum einfache Antworten darauf oft nicht aus der Bibel kommen, sondern ihr in den Mund gelegt werden.

    Und was ist mit uns los, wenn wir uns von Gott verlassen fühlen? Wir nicht nachvollziehen können, warum ausgerechnet uns Schlimmes widerfährt und es nicht besser wird, wo doch in der Bibel steht, dass er den Gerechten nicht im Stich lässt? Oder wir Archäologie und andere Wissenschaften nicht mit der Bibel in Einklang bekommen?

    Mit anderen Worten: Was ist mit all diesen Gründen, warum Menschen heute die Bibel und den Glauben an Gott hinter sich lassen?

    Dabei müssen wir erkennen, welches Bild wir uns von Gott und der Bibel zurechtgelegt haben. Und dafür offen sein, zu betrachten, welche Bibel uns Gott gegeben hat. Genauer: Wem er sie gegeben hat. Die Teile der Bibel wurden zu ganz unterschiedlichen Zeiten, von ganz unterschiedlichen Menschen, in ganz unterschiedlichen Kontexten, zu ganz unterschiedlichen Zwecken und für ganz unterschiedliche Menschen geschrieben. Nur nicht direkt für uns. Es ist eher so, als ob über Jahrtausende Menschen beauftragt wurden, für andere mit ihren Möglichkeiten etwas Bestimmtes darzustellen:

    Aber die Bilder zeigen doch alle etwas anderes! Die Bilder widersprechen sich in den Details. Was soll ich heute damit anfangen? So ähnlich ist es mit der Bibel.

    Deswegen möchte ich mich in den nächsten Videos mit solchen Fragen beschäftigen und werde dabei auf einige Bücher zurückgreifen:

    • Was wollen uns die Evangelien sagen, wenn fast der komplette Inhalt außer Anfang und Ende in den Glaubensbekenntnissen fehlt?
    • Ist es schlimm, Zweifel zu haben? Oder einen ‚schwachen Glauben‘?
    • Was ist die Bibel, genau genommen?
    • Wen kümmert das?
    • Was mache ich damit?
    • Wie funktioniert dieses antike, fremde und kantige Buch für Leute von heute, die in ihm nach spiritueller Anleitung suchen?
  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Fazit

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist: Fazit

    Von Christian


    Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere zwischendurch dachte: „Hoffentlich ist diese verwirrende Serie bald zu Ende.“ Falls du trotzdem bis hierher durchgehalten hast, freut mich das ganz besonders. Alle anderen sind aber natürlich auch herzlich willkommen 🤗. Jetzt kommt keine Zusammenfassung („oh nein, bitte nicht nochmal das Ganze …“), sondern ein Fazit.

    Es ging um Eschatologie …

    Eschatologie ([ɛsça-], aus altgriechisch τὰ ἔσχατα ta és-chata ‚die äußersten Dinge‘, ‚die letzten Dinge‘ und λόγος lógos ‚Lehre‘) ist ein theologischer Begriff, der das religiöse Konzept des Endzeitlichen, insbesondere die prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen (individuelle Eschatologie) und der gesamten Schöpfung (universale Eschatologie) beschreibt.

    Kurz gesagt geht es um die ‚Endzeit‘. Und das ist etwas, worüber man sich schon Gedanken machen kann – oder vielleicht sogar machen sollte? Was sagt denn die Bibel dazu?

    Nun, wohl nichts so Offensichtliches wie ein Datum, sonst wäre es ja allen klar. Aber vielleicht müssen wir nur die verschlüsselten Begriffe im Bibelbuch Daniel, dem Neuen Testament und insbesondere der Offenbarung verstehen und kombinieren, um dieses Geheimnis zu lüften? Es soll sogar Zeichen geben, die wir nur entschlüsseln müssten. Und viele geben vor, dies tun zu können! Bei der Übersetzung des Buches „Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ war ich über die lange Liste der vorhergesagten Daten der Endzeit gelinde gesagt schockiert: Alleine von der Reformation bis heute führt er Dutzende von Vorhersagen und Jahren an.

    Wie man sich dabei völlig verrennen kann und trotzdem weiter verbissen an einer Auslegung festhält, auch wenn sich die Vorhersagen nicht erfüllt haben, erkennt man gut an der adventistischen Religion der Zeugen Jehovas. Am Beispiel deren Lehre „der Generation von 1914“ habe ich die zeitliche Reihenfolge der Vorhersagen und ihres Scheiterns in meinem Beitrag „Die Generation …“ aufgezeigt.

    Der kürzlich verstorbene M. James Penton hatte dies schon vor vielen Jahren in einem Buch aufgearbeitet: „Endzeit ohne Ende“:

    M. James Penton "Endzeit ohne Ende"
    M. James Penton „Endzeit ohne Ende“

    Die zentrale Schlussfolgerung ist daher:

    Was leider oft bei den Lehren zur Eschatologie übersehen wird, ist, welche entscheidende Rolle die eigenen Annahmen und Interpretationen spielen.

    Wir können nicht mit Gewissheit und ohne eigene Annahmen genau eine Eschatologie aus der Bibel ableiten.

    Deswegen gibt es ja auch die verschiedenen Strömungen, von denen einige oder viele mehr oder weniger eintreffen können:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus

    Letztendlich basieren alle diese Auslegungen auf relativ wenigen und kurzen Passagen vor allem im Neuen Testament. Manche Idee beruht nur auf wenigen oder gar nur einem Vers.

    Wenn im Neuen Testament so wenig und wenig Eindeutiges zu finden ist, dann ist das wohl kaum die Kernbotschaft dieses Textes. Sollte unser Fokus nicht vielmehr auf dem Evangelium, dessen Bedeutung und der Umsetzung in unserem Leben liegen?

    Wer sich zu sehr auf ‚das Ende‘ konzentriert, verliert den Fokus auf das eigene Leben in der Zeit davor – auf das jetzt und heute.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 14

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 14

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 14

    Thema: Wurde das Buch der Offenbarung vor oder nach 70 n. Chr. geschrieben? Jede Ansicht über eine Entrückung hängt von einem Datum nach 70 ab; jede Ansicht, die keine Entrückung vorsieht, muss von einem Datum vor 70 ausgehen. Wie können wir wissen, welche Ansicht richtig ist? Gute Frage.

    Wir nähern uns dem Ende (ich muss meine Liste überprüfen).

    Es ist Zeit für die Frage: „Wann wurde das Buch der Offenbarung geschrieben?“ Die beiden Kandidaten sind natürlich vor oder nach 70 n. Chr. (letzteres in den 90er Jahren). Ich denke, die gründlichste aktuelle Diskussion darüber stammt von Greg Beale in seinem umfangreichen Kommentar zur Offenbarung im New International Greek Text Commentary. Ich habe seine Diskussion hier angehängt (19 Seiten). Ich habe unter jeder Seite einige Punkte hervorgehoben, die meiner Meinung nach die wichtigsten Argumente sind.

    Ich denke, du wirst sehen, dass die Frage unentschieden ist. Wie bei allem anderen muss jede Seite ein paar Annahmen treffen. Ich bin sicher, dass viele von euch in der Sonntagsschule gehört haben (falls es in der Sonntagsschule noch so etwas wie Buchstudien gibt), dass das Buch in den 90er Jahren geschrieben wurde. Könnte sein. Aber es gibt eine Menge, was sie einem in der Sonntagsschule nicht erzählen.

    Meiner Meinung nach scheint die Beweislage für ein spätes Datum (90er Jahre) das Datum vor 70 n. Chr. zu überwiegen. Beale ist auch dieser Meinung. Bedenkt, dass er ein „idealistischer Amillennialist“ ist, also schließt daraus nicht, dass ein Datum von 90 n. Chr. zu einem vor-dem-Millennium Argument passt (noch etwas, das man euch vielleicht in der Sonntagsschule erzählt hat).

    Viel Spaß!


    Ich führe hier einmal die Sätze an, die Michael Heiser in dem Artikel markiert hat:

    Einleitung

    Es gibt keine einzelnen Argumente, die eindeutig auf das frühe oder das späte Datum hinweisen. Das frühe Datum könnte richtig sein, aber die Gesamtheit der Beweise deutet auf das späte Datum hin.

    Argumente für ein spätes Datum

    “Babylon”

    Diejenigen, die ein Datum vor 70 n. Chr. für die Offenbarung bevorzugen, betrachten „Babylon“ als symbolischen Namen für das abtrünnige Jerusalem, aber die Verwendung des Namens durch Johannes könnte der stärkste interne Beweis für ein Datum nach 70 sein. „Babylon“ bezieht sich in der jüdischen Literatur nach 70 n. Chr. auf Rom und ist ungefähr zeitgleich mit der Apokalypse. Jüdische Kommentatoren nannten Rom ‚Babylon‘, weil die römischen Armeen Jerusalem und seinen Tempel im Jahr 70 n. Chr. zerstörten, genau wie es Babylon im sechsten Jahrhundert v. Chr. getan hatte. Diese Verwendung des Namens hat Johannes wahrscheinlich beeinflusst, ebenso wie andere jüdische Traditionen.
    Juden scheinen Rom jedoch erst nach 70 n. Chr. als „Babylon“ bezeichnet zu haben. Tatsächlich taucht „Babylon“ in der frühen Metaphorik nur in der Offenbarung, in 4 Esra, in 2 Baruch und in den Sibyllinischen Orakeln auf, die eindeutig nach 70 entstanden sind.

    Die frühesten Traditionen

    Die Aussagen der frühesten patristischen Autoren stützen eine Datierung in die Zeit Domitians. Die wichtigsten dieser Zeugen sind Irenäus, Victorinus von Pettau, Eusebius und möglicherweise Clemens von Alexandria und Origenes.

    Argumente für ein frühes Datum

    Der Tempel und Jerusalem

    Dass der Tempel in Jerusalem in Offenbarung 11:1–2 als noch stehend bezeichnet wird, wird manchmal als Beweis für ein Datum vor 70 n. Chr. herangezogen, da es unwahrscheinlich ist, dass ein christlicher oder jüdischer Autor nach der Zerstörung des Tempels in diesem Jahr so etwas erwähnen könnte.

    Dies setzt jedoch eine wörtliche Auslegung von 11:1–2 voraus – und dass es sich auf den herodianischen Tempel aus dem ersten Jahrhundert bezieht. Die wörtliche Auslegung sollte im Lichte der Symbolik im gesamten Buch und insbesondere in Kapitel 11 (z. B. Vv 3–7) hinterfragt werden.

    Die sieben Könige (Off 17)

    Es gibt Fragen, die sich bei jeder historischen Identifizierung stellen …

    “666”

    Einige behaupten, dass der Zahlenwert des Namens Nero(n) Caesar nach der hebräischen Transkription berechnet werden sollte, da er 666 ergibt, die Zahl des Namens des Tieres in 13:18. Dies würde darauf hindeuten, dass das Buch vor 70 n. Chr. geschrieben wurde, da das Tier der Offenbarung zum Zeitpunkt der Niederschrift aktiv zu sein scheint (obwohl einige Kapitel 13 als rein prophetisch betrachten).

    “Babylon”

    „Babylon“ wird in der Offenbarung aus mindestens zwei Gründen als Jerusalem angesehen. Erstens wird in 11:8 der Ort, ‚wo ihr Herr gekreuzigt wurde‘, als ‚die große Stadt‘ bezeichnet, und in den folgenden Kapiteln wird ‚die große Stadt‘ auch ‚Babylon‘ genannt (18:10, 16, 18, 19, 21; vgl. 14:8; 17:5). Dies ist jedoch nur dann eine korrekte Identifizierung, wenn der entscheidende Hinweis auf Jerusalem in 11:8 wörtlich zu verstehen ist. Dies ist unwahrscheinlich, da „wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde“ mit „das geistlich gesehen genannt wird“ eingeleitet wird.


  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 13

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 13

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 13

    Thema: Bist du ein Trenner oder ein Vereinender? JEDE Ansicht über eine Entrückung hängt stark davon ab, ob man die Passagen, die von der Rückkehr Jesu sprechen, in zwei Kategorien aufteilt (eine von diese Trennungen ist: eine Entrückung). Die Aufteilung erfolgt anhand von geringfügigen „Diskrepanzen“ zwischen allen Passagen über die „Wiederkunft Jesu“, wobei davon ausgegangen wird, dass sie zwei Ereignisse beschreiben, nicht eines. Aber warum diese Aufteilung, wenn wir solche Passagen überall sonst in den Evangelien zusammenfassen (wir harmonisieren, um Unstimmigkeiten zu beseitigen, anstatt sie hervorzuheben)? Wer hat die Regel aufgestellt, dass die Passagen über die Wiederkehr aufgeteilt werden sollten, um eine Entrückung zu erzeugen? Warum nicht harmonisieren? Vielleicht liegt die Antwort darin, dass dann die Entrückung verschwindet. Letztendlich ist das Aufteilen oder Zusammenfassen unsere Vermutung.

    Ich möchte diesen Beitrag mit etwas beginnen, das ich während meiner Lehrtätigkeit an christlichen Hochschulen im Unterricht gemacht habe und das diesen Beitrag – in dem es um die Frage geht, ob es so etwas wie eine Entrückung gibt oder nicht – verständlicher machen wird.

    Wenn ich im Rahmen von „Übersicht über das Neue Testament“ oder „Bibliology“ [Lehren der Schrift als Teil der systematischen Theologie] unterrichtete, musste ich immer wieder darüber sprechen, dass die Evangelien in vielen Fällen nicht übereinstimmten. Dies ist natürlich ein beliebter Aufhänger für Bibelkritiker, die gerne über die Widersprüche in den Evangelien über Jesus sprechen. Ich habe einige anschauliche Beispiele dafür angeführt, wo Matthäus, Markus und Lukas (und gelegentlich auch Johannes) leicht unterschiedliche Details derselben Geschichte oder unterschiedliche Dialoge hatten oder Dinge in einer anderen Reihenfolge präsentierten. Ich stellte dann die Frage: „Wer hat nun Unrecht – oder haben alle Unrecht?“ (Ich habe im Unterricht gerne provoziert – ich bin in so manchen Bibelkurs für Erstsemester gegangen und habe Dutzende von Gesichtern gesehen, die alle dasselbe ausdrückten: Wir fordern dich auf, uns nicht mit der Bibel zu langweilen).

    Jedenfalls hat es immer Spaß gemacht, in dieser Lehrveranstaltung Rückmeldungen zu meinen Fragen zu bekommen. Nachdem ich sie eine Weile zappeln gesehen hatte, wies ich auf das Offensichtliche hin – es gab eine andere Alternative: Sie konnten alle Recht haben und trotzdem anderer Meinung sein. Ich holte dann einen Zeitungsartikel über ein Ereignis hervor, von dem sie zweifellos gehört hatten (eine große Tragödie oder ein aktuelles Ereignis), und zeigte ihnen, dass jede beliebige nationale Zeitung einen Artikel über dieses Ereignis veröffentlichen konnte (und dies auch tat), aber sie waren sich ausnahmslos uneinig, selbst wenn der Reporter die gleichen Fragen gestellt hatte (manchmal sogar derselben Person auf derselben Pressekonferenz). Aber Unterschiede in der Wortwahl, die Art und Weise, wie der Autor die Informationen anordnete, und die Darstellung von Dialogen (es handelte sich ausnahmslos um Ausschnitte, wenn auch relevante) beeinträchtigten die Genauigkeit nicht. Selbst wenn einer etwas einfügte, was der andere nicht tat, konnten die Schüler erkennen, dass dies Teil der journalistischen Arbeit war – die Auswahl des Materials in Abhängigkeit von der Zielgruppe, den Beschränkungen bezüglich der Länge, dem „Blickwinkel“ usw. Aber nichts davon bedeutete, dass etwas, das nicht identisch war, falsch sein musste.

    Es war einfach, dies auf die Evangelien anzuwenden. Da mehr als eine Geschichte über dieselbe Person, dieselben Ereignisse und Orte unterschiedlich sein kann, sollte man nicht davon ausgehen, dass es Fehler gibt. Vielleicht war es eine gute Idee, zuerst zu versuchen, die Geschichten in Einklang zu bringen und zu sehen, wie sie alle Teile eines größeren Ganzen sein könnten. Merkt euch diesen Gedanken.

    Und was ist nun der Punkt?

    Nun, unter Christen, die ein gewisses Pflichtgefühl oder Interesse an Ideen wie der Inspiration der Bibel und ihrer Unfehlbarkeit haben, ist die Idee, Material in den Evangelien – und in der Bibel im Allgemeinen – zu harmonisieren, eine Selbstverständlichkeit. Es ist Teil des hermeneutischen Ansatzes „Interpretiere die Bibel mit der Bibel“. Punkt A wird mit Punkt B in Einklang gebracht. Passage A wird besser verstanden, wenn man sie mit Passage B zusammenführt oder ihren Inhalt mit Passage B in Einklang bringt – wenn man die Dinge zusammenfügt, erhält man ein umfassenderes Bild davon, was die Bibel über XYZ sagt. Das Harmonisieren von scheinbar widersprüchlichen Elementen ist so üblich und als Interpretationsmethode so akzeptiert, dass es schwer vorstellbar ist, das Gegenteil zu tun – nämlich Passagen getrennt zu halten, als ob sie gegensätzliche Ideen lehren würden, um sich ein vollständiges Bild von etwas zu machen. VEREINEN ist viel üblicher als TRENNEN.

    Und doch ist TRENNEN genau der hermeneutische Ansatz, der angewendet werden muss, um eine Entrückung zu ermöglichen. Klingt seltsam? Dann hast du nicht viel über diese Lehre gelesen. Hier ist eine kurze Liste mit Beispielen. Mein Punkt ist, dass, WENN du diese Elemente aufteilst (trennst), du auf die Idee kommst, dass das zweite Kommen und eine Entrückung zwei verschiedene Ereignisse sind, ABER wenn du all diese Ereignisse zusammenführst – wenn du sie harmonisierst (vereinst), um Widersprüche zu beseitigen – dann gibt es keine Entrückung.

    ENTRÜCKUNG: Trifft die Gläubigen in der Luft. 1. Thes 4:15-17; Apg 1:9-11

    ZWEITES KOMMEN: Trifft Israel auf der Erde, Sach 14:4-5; Offb 19.

    ENTRÜCKUNG: Christus berührt die Erde nicht. Apg 1:11

    ZWEITES KOMMEN: Christus kommt, um 1000 Jahre zu bleiben. Offb 20; Mal 3:2-4

    ENTRÜCKUNG: Für die Kirche. 1. Thess 4:15-17; 1. Kor 15:51-55

    ZWEITES KOMMEN: Für Israel und die Heiligen der Trübsal. Offb 19; Mal 3:2-4

    [Zu diesem Punkt sei an das Offensichtliche erinnert – dass die Kirche laut Galater 3 die Verheißung geerbt hat, dass Abraham einen Samen haben würde – einen geistlichen Samen – das „Israel, das das wahre Israel ist“, aber nicht das ethnische Israel – Römer 9:1-6]

    ENTRÜCKUNG: Um die Versprechen an die Kirche zu halten. Johannes 14:1-3

    ZWEITES KOMMEN: Um die Versprechen an Israel durch die Propheten des Alten Testaments zu halten.

    [dito oben, ob die Kirche und Israel wirklich so kohärent getrennt werden können]

    ENTRÜCKUNG: Mit Seelen der Heiligen, um Körper zu erhalten. 1 Thess 4:14-18

    ZWEITES KOMMEN: Mit: Heiligen und Engelsarmeen. Offb 19

    Bist du also ein Trenner oder ein Vereinender? Du kannst keine Entrückung haben, wenn du die HERMENEUTIK DES VEREINENS anwendest, die so häufig verwendet wird, um Widersprüche in den Evangelien (und in der gesamten Bibel) zu vermeiden. Für diejenigen, die an eine Entrückung glauben, ist die Frage daher einfach: Warum sollte man die Evangelien harmonisieren wollen, um Widersprüche zu vermeiden, aber dann die Passagen über die Wiederkunft Jesu nicht harmonisieren, um Widersprüche zu vermeiden?

    Mit anderen Worten: WARUM ist die Aufteilung von Prophezeiungstexten die bessere Interpretationsstrategie als die Zusammenführung, wie im Grunde überall sonst? Ist es der Text, der diesen Ansatz vorantreibt, oder ist es eine Theologie, die in den Text eingebracht wird, die die Entscheidung vorantreibt? Dies ist eine grundlegende Frage, die jeder, der an eine Entrückung glaubt, schlüssig beantworten muss (aber nur wenige haben dies jemals in Betracht gezogen, da es in populären Büchern über Prophezeiungen nicht vorkommt).