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  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 10

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 10

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 10

    Thema: Fortsetzung der 70. Woche in Daniel 9.

    Wir setzen unsere Serie „Warum die 70 Wochen von Daniel komplizierter sind, als die populären Prophezeiungs-Autoren es euch erzählen – oder selbst wissen“ fort.

    Dieser Aspekt von Daniel 9 erfordert besondere Aufmerksamkeit. Er steht so sehr im Gegensatz zu dem, was dir die populären Endzeitexperten eingetrichtert haben, dass er vielleicht an dir vorbeigeht. Jetzt geht es um den Kontext von Daniel 9:25 – d.h. in welchem Zusammenhang steht Daniel 9? (Was für ein neuer Gedanke – betrachte Vers 25 im Lichte dessen, was in diesem Kapitel vorausgegangen ist).

    Daniel 9 beginnt folgendermaßen:

    Im ersten Jahr, nachdem der Meder Darius, der Sohn des Ahasveros, über das Reich der Chaldäer zum König eingesetzt worden war, 2 in seinem ersten Regierungsjahr forschte ich, Daniel, in den Schriftrollen nach der Zahl der Jahre, die Jerusalem nach dem Wort Jahwes an den Propheten Jeremia in Trümmern liegen sollte; es waren siebzig. 3 Ich wandte mein Gesicht zu Gott, dem Herrn, um zu ihm zu beten und ihn anzuflehen. Dabei fastete ich, hatte den Trauersack angezogen und saß in der Asche. 4 Ich betete zu Jahwe, meinem Gott, und bekannte: …

    Daniel 9:1-4 NEÜ

    Beachte, dass Daniel uns erzählt, dass er das Buch Jeremia gelesen hat – insbesondere das Wort des Propheten über das 70-jährige Exil. Das Exil wird als eine Zeit der „Verwüstung“ für Jerusalem bezeichnet. Die Stelle, auf die sich Daniel bezieht, ist Jeremia 29,10-14:

    10 So spricht Jahwe: ‚Erst wenn siebzig Jahre für das Babylonische Reich vorüber sind, werde ich nach euch sehen und mein gutes Wort erfüllen, euch an diesen Ort zurückzubringen. 11 Denn ich weiß ja, was ich mit euch vorhabe‘, spricht Jahwe. ‚Ich habe Frieden für euch im Sinn und kein Unheil. Ich werde euch Zukunft schenken und Hoffnung geben. 12 Wenn ihr dann zu mir ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, will ich euch hören. 13 Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, 14 werde ich mich von euch finden lassen‘, spricht Jahwe. ‚Dann wende ich euer Schicksal und sammle euch aus allen Völkern und Orten, in die ich euch versprengt habe. Ich bringe euch an den Ort zurück, aus dem ich euch verschleppen ließ.‘

    Jeremia 29:10-14 NEÜ

    Schau dir nun Daniel 9:25 an: „Du musst Folgendes wissen und verstehen: Vom Erlass des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems bis zu einem Gesalbten, einem Fürsten, vergehen sieben Jahrwochen. 62 Jahrwochen lang wird es dann als wiederaufgebaute und befestigte Stadt bestehen bleiben, auch wenn es schwere Zeiten erleben muss.“ (NEÜ)

    Der Zusammenhang zwischen Daniel 9,1-4 (mit seiner Anspielung auf Jeremia 29) und Daniel 9,25 ist nicht ohne Weiteres ersichtlich. Ich will versuchen, es klar zu machen.

    Normalerweise wird Daniel 9,25 so verstanden, dass Daniel in die Zukunft blickt, in eine Zeit, in der Jerusalem von seinem Volk wieder aufgebaut wird. Diese Wiederaufbaukampagne wäre der Ausgangspunkt der Prophezeiung der 70 Wochen. Diejenigen, die eine Sichtweise der Trübsal/Prä-Milleniarismus haben, diskutieren in der Regel über ein Datum Mitte 400 v. Chr. als Zeitpunkt des Wiederaufbaus und damit des Beginns der Prophezeiung der 70 Wochen. Das bedeutet, dass die 69 Wochen mit der Kreuzigung enden und die 70. Woche in der Prophezeiung noch ausstehet.

    Was aber, wenn Daniel nicht IN DIE ZUKUNFT geschaut hat? Was wäre, wenn er den Beginn der Prophezeiung der siebzig Wochen VOR seiner eigenen Zeit sah?

    Ich meine Folgendes. Was wäre, wenn die Prophezeiung der siebzig Wochen, die Daniel von Gabriel überbracht wurde, mit dem Urteil Jeremias begann? Jeremia hätte dieses „Wort“ irgendwann vor dem Fall Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. geäußert. Das würde bedeuten, dass die 70 Wochen zu laufen begannen, sobald Jeremia prophezeite, was er in Jeremia 29 tat. Das ist mehr als ein Jahrhundert vor dem Beginn der 70 Wochen nach landläufiger Meinung und zerstört somit einen Zusammenhang mit der Kreuzigung.

    Ich weiß, dass das für viele von euch völlig ungewohnt ist. Es ist eigentlich nur eine Frage, auf welchen Satz in Daniel 9,25 man sich konzentriert. Ich möchte das veranschaulichen (beachte die fettgedruckten Worte, die den Beginn der 70 Wochen markieren):

    Populäre Ansicht, wonach die 70 Wochen mit dem Wiederaufbau durch Nehemia beginnen und mit dem Tod Jesu enden:

    Von der Verkündigung des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis zum Kommen eines Gesalbten (Maschiach), eines Fürsten (Nagid), werden sieben Wochen vergehen. Dann wird sie zweiundsechzig Wochen lang mit Plätzen und Gräben wieder aufgebaut werden, aber in einer unruhigen Zeit.

    Sicht auf Jeremia – Wenn Daniel, von dem wir wissen, dass er Jeremia gelesen hat (Dan 9,2), an Jeremias Prophezeiung über das Ende der Verwüstung Jerusalems dachte (Jer 29,10-14):

    Von der Verkündigung des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis zur Ankunft eines Gesalbten (Maschiach), eines Fürsten (Nagid), werden sieben Wochen vergehen. Dann wird sie zweiundsechzig Wochen lang mit Plätzen und Gräben wieder aufgebaut werden, aber in einer unruhigen Zeit.

    (In dieser Sichtweise ist das „Wort, das ausging“ oder „die Verkündigung des Wortes“ in Dan. 9:25 = die Prophezeiung Jeremias in Jer. 29:10-14)

    In Anbetracht des Kontextes von Daniel 9,1-4 ist es durchaus möglich, dass Daniel an die Zeit NACH Jeremias Dekret dachte – dass Gabriel ihm sagte, dass die Uhr zu ticken begann, sobald Gott Jeremia dieses Wort gab.

    Wie würde das in der Chronologie funktionieren? Das ist eigentlich ganz einfach.

    1. Nehmen wir an, Jeremia erhielt die Prophezeiung in Jeremia 29 kurz vor der Zerstörung Jerusalems, etwa 588 v. Chr. Wir wissen es nicht, aber die Logik sagt, dass es kurz vor dem Ende Jerusalems gewesen sein muss, also 586 v. Chr.

    2. Von 588 bis zur Machtergreifung von Kyrus über Babylon im Jahr 539 = 49 Jahre oder die ersten sieben Sieben aus Daniel 9,25. Cyrus war derjenige, der die Juden befreite und das Exil beendete.

    3. Wenn wir uns an die masoretische Betonung halten (siehe den Beitrag vor diesem), dann folgt der Gesalbte unmittelbar auf diese 49 Jahre. Die Identität des Gesalbten ist offensichtlich: Cyrus selbst. Und warum? Wir brauchen einen gesalbten „Fürsten“ [Herrscher] aus Daniel 9,25, und Kyrus wird von Gott in Jesaja 45,1 „mein Gesalbter“ genannt. Er ist es, der das Volk im Exil befreien wird (und das tat er auch). Das ist ziemlich eindeutig.

    4. Nach dem Erlass von Kyrus, die Juden zurückkehren zu lassen, folgen 62 weitere Siebenjahresperioden. Das bringt uns zum Jahr 104 v. Chr.

    5. Einige könnten (und haben) argumentieren, dass das Jahr 104 v. Chr. bedeutsam ist, weil es den Tod von Johannes Hyrkanus markiert, dem letzten Herrscher der Hasmonäer (Makkabäer) (Ethnarch und Hohepriester). Am Ende seiner Regierungszeit hatte Johannes Hyrkanos ein Reich aufgebaut, das mit der Größe Israels unter König Salomo konkurrierte. Nach Hyrkanos nahmen sein Sohn und sein Nachfolger (sie waren nicht davidisch) den Titel „König“ an, auf den sie keinen Anspruch hatten. Das ist nicht gut. Die Römer waren (in dieser Sichtweise) Gottes Instrument zur Bestrafung dafür.

    Jeder Versuch, die Chronologie mit den geschichtlichen Ereignissen in Einklang zu bringen, hat jedoch seine Tücken. Die Trübsal/Prä-Milleniarismus-Ansicht versucht seit dem späten 19. Jahrhundert, ihre eigene Chronologie auszuarbeiten. Andere Ansichten haben die gleiche Aufgabe.

    Es geht hier nicht darum, für eine bestimmte Chronologie zu argumentieren. Vielmehr geht es darum, darauf hinzuweisen, dass der Beginn der 70. Woche in der Mitte des 5. Jahrhunderts vor Christus kein selbstverständlicher Ausgangspunkt ist, zumal Daniel uns erzählt, dass er gerade Jeremia 29 las, als Gabriel ihn ansprach.

    Nur Allwissenheit könnte uns hier Gewissheit geben. Die ist mir aber gerade etwas ausgegangen …

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 9

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 9

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 9

    Thema: Fortsetzung der 70. Woche von Daniel 9.

    Im letzten Beitrag haben wir uns mit Daniel 9:24-27 befasst und (zur Überraschung einiger, da bin ich mir sicher) festgestellt, dass, obwohl so viele Menschen sicher sind, dass es bei der Prophezeiung der 70 Wochen um eine Zeitachse ging, bei der die 69. Woche mit der Kreuzigung endete, kein Autor des Neuen Testaments Daniel 9:24-27 jemals als Erfüllung der Kreuzigung (oder Auferstehung) zitiert hat. Wenn diese Prophezeiung in diesem Punkt und aus diesem Grund so unglaublich genau war, dann ist es geradezu erstaunlich, dass kein Verfasser des Neuen Testaments dies jemals in Zusammenhang gebracht hat.

    Im weiteren Verlauf werde ich eine Reihe von Fragen zur Auslegung von Daniel 9:24-27 stellen. Hier ist die erste:

    Kommt im Text von Daniel 9:24-27 der mashiach („der Gesalbte“) nach den ersten sieben Wochen und werden bis zur 70. Woche noch 62 weitere (= 69) Wochen folgen, oder kommt der „Gesalbte“ am Ende der 69. Woche oder gegen Ende der 69. Woche?

    Für viele Leser klingt dies zweifellos wie eine dumme Frage, da viele die zweite Option aus dem Text als selbstverständlich erachten werden. Das liegt daran, dass sie davon ausgehen, dass der „Gesalbte“ in der Passage der Messias Jesus ist. Auf keinen Fall hätte er nur 49 Jahre nach dem Beginn der Prophezeiung von Daniel kommen können (die meisten nehmen an, dass dies etwa zur Zeit Nehemias war). Ich sollte hier sagen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass der „Gesalbte“ hier Jesus der Messias ist. Wenn wir einige andere Beiträge durchgehen, wird klar, warum dies der Fall ist. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass die 70 Wochen zu der Zeit oder dem Wiederaufbau Nehemias beginnen sollen – oder JEDEM Wiederaufbau. Das mag erstaunlich klingen, aber wir werden darauf im nächsten Beitrag eingehen. Fürs Erste bleiben wir bei einem Thema – der oben gestellten Frage: Kommt im Text von Daniel 9:24-27 der mashiach („Gesalbte“) nach den ersten sieben Wochen, gefolgt von 62 weiteren (= 69) vor der 70. Woche, oder kommt der „Gesalbte“ in Verbindung mit/gegen Ende der 69.?

    Diese Frage ergibt sich aus der Betonung des Textes von Daniel 9:24-27 durch die masoretischen Schriftgelehrten.

    In Dan 9:25 setzt die masoretische Tradition einen sogenannten trennenden Akzent (atnah) zwischen den Wörtern für „sieben Siebener/Wochen“ und „zweiundsechzig Siebener“. Ein trennender Akzent diente dazu, Elemente auf beiden Seiten des Akzents zu trennen. Das bedeutet, dass die Masoreten eine Unterbrechung (eine Disjunktion) zwischen den sieben Wochen und den folgenden 62 sahen. Dies bedeutet wiederum, dass der „Gesalbte“ am Ende der sieben Wochen kommt, bevor die anderen 62 Wochen eintreten. Die ESV, RSV und NRSV übersetzen den Text gemäß dieser masoretischen Einteilung. Hier sind sie – beachte, dass in diesen Übersetzungen (aufgrund der Betonung) der „Gesalbte“ mit dem Ende der ersten sieben Wochen in Verbindung gebracht wird:

    25 So wisse nun und verstehe: Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wiederhergestellt und aufgebaut werden, bis ein Gesalbter, ein Fürst, kommt, sind es sieben Wochen. Dann wird es zweiundsechzig Wochen lang mit Plätzen und Gräben wieder aufgebaut werden, aber in einer unruhigen Zeit.

    ESV

    25 So wisse nun und verstehe: Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wiederhergestellt und aufgebaut werden, bis ein Gesalbter, ein Fürst, kommt, sind es sieben Wochen. Dann wird es für zweiundsechzig Wochen mit Plätzen und Gräben wieder aufgebaut werden, aber in einer unruhigen Zeit.

    RSV

    25 So wisse nun und gib acht: Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wiederhergestellt und aufgebaut werden, bis auf einen Gesalbten des Fürsten, sind es sieben Wochen; und zweiundsechzig Wochen lang wird es wieder aufgebaut werden mit Straßen und Gräben, wiewohl in kummervoller Zeit.

    NRSV

    Diese Auslegung des Verses ist aus frühchristlichen Quellen (z. B. Eusebius) bekannt, sodass es nicht kohärent ist, dies als eine gegen Jesus gerichtete Manipulation des Textes durch jüdische Schriftgelehrte abzutun, wie einige behauptet haben. Außerdem wurden die Akzente erst Jahrhunderte nach der Gründung der Kirche hinzugefügt, was die Präsenz dieser Übersetzung/Interpretation des Verses in frühchristlichen Quellen umso bemerkenswerter macht.

    Andere englische Übersetzungen ignorieren den masoretischen Akzent (aus dem einen oder anderen Grund). Hier sind einige Beispiele. Beachte, dass in diesen Übersetzungen der „Gesalbte“ nach den 69 Wochen (7 + 62) kommt.

    „Wisse und verstehe dies: Von dem Zeitpunkt an, an dem der Befehl ergeht, Jerusalem wiederherzustellen und wiederaufzubauen, bis der Gesalbte, der Herrscher, kommt, wird es sieben „Siebener“ und zweiundsechzig „Siebener“ geben. Es wird mit Straßen und einem Graben wiederaufgebaut werden, aber in Zeiten der Not.

    NIV

    Jetzt hört zu und versteht! Sieben mal sieben plus zweiundsechzig mal sieben werden vergehen, von dem Zeitpunkt an, an dem der Befehl zum Wiederaufbau Jerusalems gegeben wird, bis ein Herrscher – der Gesalbte – kommt. Jerusalem wird mit Straßen und starken Verteidigungsanlagen wieder aufgebaut werden, trotz der gefährlichen Zeiten.

    NLT

    So wisse nun und verstehe: Von der Zeit an, da das Wort erging, Jerusalem werde wiederhergestellt und aufgebaut, bis auf den Messias, den Fürsten, vergehen sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen. Dann wird die Straße wieder aufgebaut werden und die Mauer, selbst in unruhigen Zeiten.

    KJV

    Um auf unsere Frage zurückzukommen, hier ist der Punkt. Diese schönen 69 Wochen (ab welchem Ausgangspunkt auch immer), die im Dienst und Kreuzigung Jesu gipfeln, und die von so vielen Endzeitlehrern als gegeben angenommen werden, sind möglicherweise gar nicht die beabsichtigte Bedeutung der Prophezeiung. Tatsächlich ist die Prophezeiung nicht einmal messianisch (oder zumindest ist diese Idee erheblich abgeschwächt), wenn die masoretische Betonung des Textes korrekt ist. Der „Gesalbte“ wäre nicht Jesus der Messias, sondern ein anderer „Gesalbter“ (und davon gab es im Alten Testament eine ganze Reihe, sogar Heiden, wie Cyrus, der persische König – vgl. Jes 45,1).

    Also … was ist nun richtig? Kommt der „Gesalbte“ in Daniel 9:25 nach den ersten sieben Wochen oder nach den 69 Wochen? Und wie können wir das mit Sicherheit wissen? Antwort: Wir können es nicht mit Sicherheit wissen. Es wäre sicher schön gewesen, wenn mindestens ein Verfasser des Neuen Testaments die Passage so zitiert hätte, dass wir es wüssten. Zugegeben, in meinem ersten Beitrag zu diesem Thema habe ich die Spekulation angedeutet, dass Lukas vielleicht Daniel 9 so gesehen hat, aber das hilft denen nicht, die wollen, dass die 69. Woche mit der Kreuzigung endet (wenn der „Gesalbte“ „abgeschnitten“ wird). Wenn Lukas auf das hinauswollte, was ich angedeutet habe, dann ging für ihn die 69. Woche bis zur Geburt Jesu, nicht bis zu seinem Tod. Das scheint nicht mit der „abgeschnitten“-Sprache übereinzustimmen (aber vielleicht … nur vielleicht … war der „Gesalbte“ eine Figur in der Vergangenheit – nicht Jesus –, aber die Autoren des Neuen Testaments sehen eine Analogie … das ist Stoff für die Zukunft). Ich hoffe, ihr seht, dass es hier um mehr geht, als es dir in den „Left Behind“-Romanen und XYZ-Prophezeiungsbüchern (wähle selbst eines aus) erzählt wurde.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 8

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 8

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 8

    Thema: Die 70. Woche von Daniel 9 (sie zu identifizieren ist unsicherer, als du denkst).

    Ich wollte versuchen, Daniel 9:24-27 in einem Beitrag zu behandeln und dann auf einen anderen Punkt der Eschatologie einzugehen, aber die Kommentare haben mich davon überzeugt, dass diese Passage einer genauen Prüfung bedarf. Mein Grund dafür ist derselbe wie für diese gesamte Serie: Ich möchte, dass die Leser selbst sehen, wie weit die populäre Endzeitauffassung der 70 Wochen davon entfernt ist, selbstverständlich zu sein. Es gibt viele Aspekte in dieser Passage, von denen ich erwarte, dass die meisten Leser sie noch nie zuvor gesehen haben. Die Standardansicht vor der Trübsal (eigentlich vor jeder Trübsal) und vor der tausendjährigen Herrschaft wird den Massen auf allzu vereinfachte Weise präsentiert. Jedes Element, das ihr in diesem und anderen Beiträgen zu Dan 9:24-27 sehen werdet, muss berücksichtigt werden, bevor man entscheidet, was die Prophezeiung bedeutet und wie sie sich erfüllt hat oder erfüllen wird.

    Zu Beginn folgt eine Zusammenfassung einiger der Themen, die uns in John Goldingays „Word Biblical Commentary“-Band über Daniel begegnen werden. Jeder der unten hervorgehobenen Punkte hat auch seine eigenen Unterthemen. Goldingay schreibt:

    „Siebzig Siebener“ bezeichnet vermutlich „siebzig mal sieben Jahre“, da das ursprüngliche „siebzig“ von Jeremia ausdrücklich eine Zeitspanne von Jahren war (Vers 2). Die Zeitspanne deutet darauf hin, dass die siebzig Jahre der Bestrafung, die gemäß Jer 25:11/29:10 fällig sind, siebenfach eingefordert werden, in Übereinstimmung mit Lev 26 . . .

    Alte und moderne Interpreten haben Vv 24–27 üblicherweise so verstanden, dass sie feste chronologische Informationen vermitteln, die als solche durch chronologische Fakten, die uns zur Verfügung stehen, überprüft werden können. Dies kann dann beispielsweise durch die Feststellung bestätigt werden, dass der Zeitraum von Jeremias Prophezeiung (605 v. Chr.) bis zur Thronbesteigung von Kyros (556 v. Chr.) 49 Jahre betrug und der Zeitraum von Jeremias Prophezeiung bis zum Tod des Hohepriesters Onias III. (171 v. Chr.) 434 Jahre betrug, sodass die Summe dieser Zeiträume 483 Jahre beträgt und die letzten sieben Jahre bis zur erneuten Weihe des Tempels im Jahr 164 v. Chr. reichen (z. B. Behrmann). Oder es kann durch die Feststellung bestätigt werden, dass nach einigen Berechnungen der Zeitraum von Nehemia (445 oder 444 v. Chr.) bis zum Tod Jesu beim Passahfest 32 oder 33 n. Chr. genau 483 Jahre betrug, wobei die siebzigste Sieben verschoben wurde (Hoehner, BSac 132 [1975] 47–65; Anderson, Prince, folgt Julius Africanus, der in Eusebius berichtet wird; Driver führt andere vergleichbare Theorien an). Beide Auffassungen der siebzig Siebenen können aufgrund ihrer Willkürlichkeit beanstandet werden. Im ersten Fall ist nicht ersichtlich, warum zwei teilweise übereinstimmende Zahlen addiert werden sollten. Im zweiten Fall ist nicht klar, warum das Wort über den Bau eines wiederhergestellten Jerusalem mit dem Auftrag des Artaxerxes an Nehemia, die Mauern Jerusalems wieder aufzubauen, in Verbindung gebracht werden sollte; noch warum wir die Grundlage der Berechnung akzeptieren sollten, nämlich ein Jahr mit 360 Tagen; noch warum wir die siebzigsten sieben abtrennen sollten , wie es die Theorie erfordert; noch warum wir Nehemias Auftrag auf 444 v. Chr. oder die Kreuzigung Jesu auf 32 n. Chr. datieren sollten – die Berechnung erfordert das eine oder das andere, aber die üblicherweise bevorzugten Daten sind 445 und 30 oder 33 n. Chr. (siehe z. B. IBD 278–79; J. Finegan, Handbook of Biblical Chronology [Princeton: Princeton UP, 1964] 285–301; laut J. K. Fotheringham ist 32 n. Chr. „absolut unmöglich“! [„The Evidence of Astronomy and Technical Chronology for the Date of the Crucifixion“, JTS 35 (1934), 160]). Außerdem ist es auffällig, dass das NT selbst in diesem Zusammenhang nicht auf die siebzig Siebener verweist; Lukas 1–2 verwendet Vers 24 auf eine ganz andere Weise.

    Dieser letzte Kommentar verdient eine nähere Betrachtung. Wie bezieht sich Lukas 1–2 auf die siebzig Siebener? Verstehe die Bedeutung davon. Die Frage, die wir stellen, lautet: „Wie versteht das Neue Testament selbst die 70 Wochen?“

    Hier steckt mehr dahinter, als man auf den ersten Blick sieht.

    Zunächst müssen wir feststellen, dass die Passage über die 70 Wochen in den Evangelien nicht im Zusammenhang mit der Kreuzigung zitiert wird, die der angenommene Bezugspunkt für die Prophezeiung in der Standard-Trib/Mill-Ansicht ist. Das ist sehr merkwürdig, wenn das Ende der 69. Woche mit der Kreuzigung des Messias enden sollte. Wie konnten alle Evangelisten das übersehen haben?

    Zweitens – und hier müssen wir über die bewusste literarische EINHEIT der Bibel nachdenken – gibt es eine Reihe von Parallelen zwischen Daniel 9 und Lukas 1, und so stellt sich die Frage, ob sie beabsichtigt sind:

    a. Der Engel, der zu Zacharias spricht, um die Geburt von Johannes dem Täufer, dem eschatologischen Herold, anzukündigen, ist Gabriel. Gabriel ist derselbe Engel, der in Daniel 9 zu Daniel sprach. Er ist derselbe, der Daniel die Informationen aus Dan 9:24-27 gibt.

    b. Gabriels Erscheinen vor Daniel, als dieser betete (Dan 9:20–21). In Lukas 1:8–13 geschieht sein Erscheinen in Verbindung mit der Stunde des Weihrauchs, in der Gebete gesprochen werden.

    c. Die Beschreibung der Furcht von Daniel und Zacharias ist jeweils parallel (Lukas 1:12 entspricht der von Dan 8:17; 10:7).

    d. Das griechische Wort hoptasia (Vision) in Lukas 1:22 kommt sechsmal in Dan 9–10 (Septuaginta; Theod.) vor.

    e. Sowohl Sacharja als auch Daniel werden stumm gemacht (Lukas 1:20, 22 und Dan 10:15).

    f. Lukas gibt in seinem Evangelium chronologische Details an, die die 490 Wochen aus Daniel 9 widerspiegeln: Zwischen den beiden Geburtsankündigungen an Elisabeth und Maria liegen sechs Monate (180 Tage; Lukas 1:26); Marias Schwangerschaft dauerte neun Monate (2 70 Tage); von der Geburt bis zur Darbringung im Tempel vergingen 40 Tage [vgl. Lev 12:1-4; d. h. 7 + 33 = 40 Tage, bevor die Mutter in das Heiligtum gehen konnte]. Diese Zahlen ergeben zusammen 490 Tage, die Anzahl der Wochen in Daniel 9.

    Ist das alles nur Zufall? Vielleicht. Wenn nicht, dann haben wir es hier mit der Vorstellung von Lukas (der natürlich mit Paulus, dem Pharisäer, reiste und jüdische Quellen verwendete) zu tun, dass die Darstellung des Jesuskindes im Tempelheiligtum, als er 40 Tage alt war, das Ende oder die Erfüllung der siebzig Siebener – sowohl in Jahren als auch in Tagen – seit Gott zum ersten Mal die Erfüllung der alttestamentlichen Prophezeiung in Angriff nahm (die Ankündigung des Herolds Johannes, der „den Weg des Herrn bereiten“ würde, in Erfüllung von Jesaja 40).

    Nun, das mag sicherlich ein Zufall sein, oder es könnte mehr in Daniel 9 stecken, oder es könnte andere Möglichkeiten geben, wie Daniel 9 funktionieren könnte (einschließlich, aber auch abgesehen von der Standard-Trib/Mill-Ansicht). Aber darum geht es mir: WIE KÖNNEN WIR SICHER WISSEN, WELCHES MODELL RICHTIG IST? Das können wir nicht, und anzunehmen, dass eine Ansicht irgendwie „biblisch“ ist und die anderen nicht, ist arrogant, da es von unserer eigenen Allwissenheit abhängt.

    Mehr zu Daniel 9 folgt.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 7

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 7

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 7

    Thema: Gibt es einen biblischen Beweis dafür, dass die 70. Woche von Daniel die Trübsalszeit ist? Jeder geht davon aus, aber es gibt keinen Bibelvers, der dies besagt.

    Die Frage, die in diesem Beitrag behandelt werden soll, ist viel einfacher als andere: Gibt es einen biblischen Beweis dafür, dass die 70. Woche von Daniel = die Trübsalszeit ist?

    Diese Gleichung ist entscheidend für die Ansicht der Prätribulation und Prämillennialisten über die Entrückung. Das heißt, ohne diese Gleichung ist diese Ansicht sehr beschädigt. 

    Natürlich gibt es zahlreiche biblische Hinweise auf eine Zeit der Trübsal, „die Zeit der Not Jakobs“, und natürlich gibt es die „70 Wochen“-Prophezeiung in Daniel 9:24-27. Aber gibt es einen biblischen Beweis dafür, dass sich diese Begriffe überschneiden oder gegenseitig definiert werden müssen? Wird die 70. Woche von Daniel jemals als eine Zeit der Trübsal bezeichnet oder darauf angespielt? Man sollte meinen, dass dies wichtig wäre (zumindest ich würde das so sehen).

    Hierzu sind ein paar Beobachtungen angebracht – und ich würde mich freuen, wenn ihr alle mitmacht.

    1. Hier ist ein Link zu allen Vorkommen des Wortes, das in Matthäus 24 für „Trübsal“ (Griechisch: thlipsis) verwendet wird. Spielt eine Verwendung des Begriffs auf die 70. Woche in Daniel 9 an?

    2. Beachte, dass in Daniel 9 der einzige Hinweis auf „Trübsal“ (Vers 25) vor der 70. Woche steht. Die Septuaginta verwendet in dieser Passage nicht thlipsis, um dieses Wort zu übersetzen.

    3. Das einzige Mal, dass Daniel 9:24-27 im Neuen Testament ausdrücklich erwähnt wird, ist in Matthäus 24:15. Beachte, dass die „Trübsal“-Periode in Matthäus in Matthäus 24:21 folgt (der frühere Hinweis auf die „Trübsal“ in 24:9 ist offensichtlich für jeden der Jünger zu Jesu Zeiten persönlich). Dies deutet darauf hin, dass die Trübsalperiode nicht die 70. Woche von Daniel sein kann, obwohl ein Teil dieser 70. Woche als eine Trübsalperiode definiert ist. Dies ist eine gängige Position der Ansicht, dass die Entrückung vor dem Zorn stattfindet.

    Was ich mir also in Bezug auf die Interaktion wünsche, ist, dass diejenigen, die die 70. Woche von Daniel mit einer siebenjährigen Trübsal definieren/gleichsetzen, diese Ansicht durch Textbelege untermauern.

    Wir werden uns in Kürze mit der 70-Wochen-Prophezeiung selbst befassen.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 6

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 6

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 6

    Thema: Dieser Beitrag greift Teil Nr. 2 auf und vertieft ihn.

    Jetzt, da wir die Bündnisse hinter uns gelassen haben, ist es an der Zeit, zu anderen Themen überzugehen, die zeigen, wie die Position eines jeden zur Endzeit von Vorannahmen bestimmt wird.

    Unsere Diskussion über die Bündnisse (und einige Leserkommentare) hat deutlich gemacht, wie schnell viele Christen davon ausgehen, dass die Verheißungen eines irdischen Königreichs noch nicht erfüllt sein können. Nun habe ich bereits angemerkt, dass es mehr als eine Möglichkeit gibt, sich vorzustellen, dass die Landverheißungen noch in der Zukunft liegen, während sie gleichzeitig bereits durch die Kirche verwirklicht werden. Ich möchte noch einmal näher auf die Idee des Königreichs eingehen und zeigen, dass viele Christen der Meinung sind, dass es biblische Gründe dafür gibt, zu glauben, dass das irdische Königreich Gottes und die Landverheißungen bereits in Israel erfüllt wurden – insbesondere zur Zeit Salomos.

    Beginnen wir mit dem Bund mit Abraham:

    Nach diesen Ereignissen empfing Abram folgende Botschaft Jahwes in einer Vision: „Hab keine Angst, Abram! Ich selbst bin dein Schutz, und du wirst reich belohnt werden.“ 2 Da erwiderte Abram: „Jahwe, mein Herr, was willst du mir denn geben? Ich werde ja kinderlos sterben, und meinen Besitz erbt Eliëser von Damaskus. 3 Du hast mir doch keinen Sohn gegeben. Der Sklave, der in meinem Haus geboren wurde, wird mich beerben.“ 4 Da kam das Wort Jahwes zu ihm: „Nein, er wird nicht dein Erbe sein, sondern einer, den du zeugen wirst, der soll dich beerben.“ 5 Darauf führte er ihn ins Freie und sagte: „Blick doch zum Himmel auf und zähle die Sterne, wenn du es kannst!“ Und er fügte hinzu: „So wird deine Nachkommenschaft sein!“ 6 Abram glaubte Jahwe, und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an. 7 Dann sagte er: „Ich, Jahwe, ich habe dich aus dem Ur der Chaldäer herausgeführt, um dir dieses Land als Eigentum zu geben.“ 8 „Jahwe, mein Herr“, erwiderte Abram, „woran könnte ich erkennen, dass ich es je besitzen werde?“ 9 Da sagte er: „Bring mir eine dreijährige Kuh, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Schafbock, eine Turteltaube und eine junge Taube!“ 10 Abram holte die Tiere, zerteilte jedes in zwei Hälften und legte die Teile einander gegenüber.[6] Nur die Vögel zerteilte er nicht. Da fielen Raubvögel über die Fleischstücke her, und Abram verscheuchte sie. 12 Doch während des Sonnenuntergangs fiel ein Tiefschlaf auf Abram, und eine unheimliche, erdrückende Angst legte sich auf ihn. 13 Da sagte Jahwe zu ihm: „Du sollst jetzt erfahren, dass deine Nachkommen Fremde in einem Land sein werden, das ihnen nicht gehört. Man wird sie versklaven und unterdrücken. Das alles dauert insgesamt vierhundert Jahre. 14 Aber auch das Volk, dem sie dienen müssen, wird mein Strafgericht treffen. Und dann werden sie mit großem Besitz von dort wegziehen. 15 Du selbst wirst ein hohes Alter erreichen und in Frieden sterben und begraben werden. 16 Erst die vierte Generation wird hierher zurückkehren, denn die Schuld der Amoriter hat noch nicht ihr volles Maß erreicht.“ 17 Als dann die Sonne ganz untergegangen und es finster geworden war, fuhr auf einmal etwas zwischen den zerteilten Tieren hindurch, das wie ein rauchender Schmelzofen aussah und wie eine brennende Fackel. 18 So schloss Jahwe damals einen Bund mit Abram und versprach ihm: „Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land, vom Strom Ägyptens bis an den großen Euphratstrom, 19 das ganze Gebiet der Keniter, Kenasiter und Kadmoniter, 20 der Hetiter, Perisiter und Refaïter, 21 der Amoriter, Kanaaniter, Girgaschiter und Jebusiter.“

    1. Mose 15:1-21 NEÜ

    Beachte, dass wir in Vers 18 die Parameter des Landes erhalten, das Abraham versprochen wurde. In den Versen 19–21 werden die Details mit regionalen Beschreibungen hinzugefügt. Die Grenzen sind klar. Die Frage ist, ob dieses verheißene Land jemals von der Nation Israel gehalten wurde. Moderne dispensationalistische Evangelikale sagen nein. Das Problem ist, dass das Alte Testament etwas anderes nahelegt. 1. Könige 4:21–24 beschreibt die Grenzen des Gebiets unter Salomos Herrschaft (sie entsprechen dem Bund mit Abraham):

    1 Salomo herrschte über alle Königreiche vom Euphrat bis zum Gebiet der Philister und zur Grenze Ägyptens. Sie zahlten ihm Tribut und erkannten seine Oberherrschaft an, solange er lebte. 2 Für seine Hofhaltung benötigte Salomo täglich mehr als eine Tonne Feinmehl und das Doppelte an gewöhnlichem Mehl, 3 zehn gemästete Rinder, zwanzig Weiderinder und hundert Schafe. Dazu kamen noch Hirsche, Gazellen, Damhirsche und gemästete Vögel. 4 Salomo herrschte über das ganze Gebiet diesseits des Euphrat von Tifsach bis Gaza und über alle Könige, die dort regierten. Mit allen Völkern ringsum hatte er Frieden.

    1. Könige 5:1-4

    So würde es auf einer Karte aussehen:

    Dies passt ganz offensichtlich zu einem „nicht-tausendjährigen“ Verständnis des Abrahambundes – der Position, die besagt, dass die Landversprechen in der Vergangenheit Israels erfüllt wurden, sodass es nicht notwendig ist, eine buchstäbliche tausendjährige Königreichs-Zukunft im nationalen Israel vorauszusetzen.

    Die andere Seite würde dem widersprechen und argumentieren, dass das gesamte Gebiet außerhalb der gestrichelten Linien (wie die Küstenlinie) einbezogen werden muss, damit das Versprechen wirklich erfüllt wird. Sie würden auch argumentieren, dass es Teile des Königreichs Salomos gab, die nicht Teil der Nation Israel waren, sondern nur unter salomonischem Tribut standen. Sie glauben („setzen voraus“), dass dies nicht der Art und Weise entspricht, wie die ursprünglichen Versprechen erfüllt werden sollten.

    Welche Annahme ist also besser? Ich kann nicht sagen, dass mich das sonderlich interessiert. Der Punkt ist, dass die Idee eines zukünftigen tausendjährigen Königreichs in Israel in Bezug auf die Heilige Schrift nicht selbstverständlich ist. Das mag richtig sein oder auch nicht.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 5

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 5

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 5

    Thema: Wurde der Neue Bund von Jeremia 31 zu Pfingsten erfüllt? Wenn ja, dann ist dies ein weiterer Bund, der Israel gegeben und in der Kirche erfüllt wurde, und wir haben also keinen Grund, nach einer nationalen Endzeiterweckung in Israel zu suchen.

    In den letzten beiden Beiträgen habe ich eine einfache Beobachtung gemacht: Argumente, die ein buchstäbliches Jahrtausend verteidigen und von der Unbedingtheit der abrahamitischen und davidischen Bündnisse abhängen, sind schwach. Dafür gibt es zwei Gründe: (1) Jedes dieser Bündnisse enthält auch klare bedingte Elemente, und (2) beide Bündnisse können als erfüllt angesehen werden, obwohl dieser zweite Punkt umstritten ist. Aber genau darum geht es: Die Prämilleniums-Ansicht kann nicht als selbstverständlich verteidigt werden. Möglich, ja; selbstverständlich, nein.

    Ich werde in den folgenden Beiträgen auf die Frage der Erfüllung im Land eingehen und damit auf den Bund mit Abraham zurückkommen. Aber vorher müssen wir uns noch einen weiteren wichtigen Bund ansehen, der in der Regel als bedingungslos und letztlich zukunftsgerichtet angesehen wird, aber den gleichen beiden oben genannten Elementen unterliegt: Er hat Bedingungen und kann als erfüllt angesehen werden.

    Der Bund, von dem ich spreche, ist der Neue Bund. Hier ist die Prophezeiung aus Jeremia 31:

    31 „Passt auf! Die Zeit wird kommen“, spricht Jahwe, „da schließe ich einen neuen Bund mit Israel und Juda. 32 Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten herausführte. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war“, spricht Jahwe. 33 „Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließen werde, wird ganz anders sein“, spricht Jahwe. „Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, ich lege es tief in sie hinein. So werde ich ihr Gott sein und sie mein Volk. 34 Dann muss keiner mehr den anderen belehren, niemand muss mehr zu seinem Bruder sagen: ‚Erkenne doch Jahwe!‘ Denn alle werden mich erkennen, vom Geringsten bis zum Größten“, spricht Jahwe. „Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nie mehr denken.“

    Jeremia 31:31-34

    Lasst uns die wichtigen Elemente notieren:

    1. Der Bund wird mit „dem Haus Israel“ geschlossen (Vers 33).

    2. Das Gesetz Gottes ist dem Gläubigen/der treuen Person ins Herz geschrieben (Vers 33)

    3. „Alle“ werden den Herrn kennen – Wie sollte „alle“ verstanden werden? Premillennialisten und Prätribulationisten wollen dies als Sprache des Millennium sehen, aber in diesem Fall kann „alle“ nicht „alle“ im Sinne von „jede Person im Königreich“ bedeuten, da uns Offenbarung 20 sagt, dass es im Tausendjährigen Reich böse Menschen gibt (die Menschen, die nach dem Tausendjährigen Reich mit Satan rebellieren). Daher ist „alle“ wirklich eine Untergruppe. Amillenniaristen, die dies als in der Kirche bereits erfüllt betrachten würden, würden sagen, dass diese Teilmenge = Gläubige (d. h. jeder, dem das Gesetz ins Herz geschrieben ist, wird den Herrn kennen). Das „alle“ in dieser Ansicht = das wahre Israel des Paulus – irgendein und jeder Gläubige.

    4. Der Bund mit dem Haus Israel wird „nach jenen Tagen“ geschlossen (Vers 33). „Jene Tage“ bezieht sich auf die Zeit des Exils, wie aus jeder Zusammenfassung von Jeremia 30-31 hervorgeht (d. h. die Frage ist: ‚Wie lange nach dem Exil wird sich der Rest davon erfüllen?‘). Hier ist eine (du kannst auch in deiner eigenen Bibel oder Studienbibel nachsehen):

    • a. Rückkehr aus der Gefangenschaft (Jer. 30:13)
    • b. Die Zeit der Not Jakobs (30:4-7) – beachte, dass dieser Abschnitt von Prämillennialisten und Präteristen als zukünftig angenommen wird, aber die Verse 4-7 könnten leicht als „Rückblende“ auf das angesehen werden, was der Herr zuvor über Israel und Juda gesagt hatte, vor der Verheißung der Rückkehr. Auch hier ist eine zukünftige Auslegung keineswegs selbstverständlich.
    • c. Befreiung von der Knechtschaft der Unterdrücker (30:8-11)
    • d. Israels Wunden werden geheilt (30:12-17)
    • e. Wiederaufbau Jerusalems und seines Herrschers (30:18-22)
    • f. Gericht, dann Segen (30:23-24)
    • Der neue Bund (31:1-40)
    • a. Gottes Barmherzigkeit für Ephraim (31:1-6) – Da das nördliche Königreich Israel („Ephraim“) zu Jeremias Zeiten nicht mehr existierte, würde jede Erfüllung zu Jeremias Zeiten in der Zukunft liegen. Während die Prämillen-/Prätrib-Ansicht davon ausgeht, dass sich dies auf eine zukünftige Wiedervereinigung Israels bezieht, könnte es sich auch auf die Rückkehr der Ephraimitenstämme in das Land beziehen (es gibt solche Stammeszugehörigkeiten, die nach der Rückkehr von Esra und Nehemia erwähnt werden , und die Stämme werden nach der Rückkehr als zwölf gezählt – siehe Esra 6:17; 8:35; Lukas 2:36 [Aser]; Neh 10:28ff. [Levi]). Dennoch könnte die Tatsache, dass in dieser Passage (siehe Vers 4) vom Wiederaufbau Israels die Rede ist und Paulus das wahre Israel mit jedem Gläubigen, ob Jude oder Heide, gleichsetzt, das ganze Thema hinfällig machen.
    • b. Die Wiederherstellung Israels in Freude (31:7-14)
    • c. Israels erfreuliche Gegenwart (31:15-22)
    • d. Judas strahlende Zukunft (31:23-26)
    • e. Nationale Zunahme in der Zukunft (31:27-30)
    • f. Gottes neuer Bund (31:31-34)
    • g. Die Ewigkeit Israels (31:35-40)

    Nun zur Diskussion. Der Aspekt der Bedingtheit im neuen Bund ist das Gesetz Gottes, das in Jer. 31:33 erwähnt wird. Das Gesetz bezieht sich auf das Gesetz des Mose. Daher setzt die Beziehung des Neuen Bundes Gehorsam gegenüber dem Gesetz voraus. Und doch zeigt die Geschichte des Volkes Gottes, dass sie es nicht einhalten können. Gott muss etwas tun, das dies ermöglicht. Er legt das Gesetz „in“ ihr Herz. Im Grunde ist der Neue Bund Gottes Weg, nicht die Bedingungen dafür, sein Volk zu sein, aufzuheben, sondern die Bedingungen für Gehorsam zu erfüllen, die er vor langer Zeit für die wahren Kinder Abrahams (siehe meinen früheren Beitrag zum Bund mit Abraham) und alle Nachkommen Davids, die auf dem Thron sitzen würden, festgelegt hat (erinnere dich daran, dass sie entfernt würden, wenn sie gottlos wären, trotz des davidischen Bundes). Gott erfüllt die Anforderungen seines eigenen Bundes durch einen Überrest, den er selbst beruft und dem er sein Gesetz einflößt.

    Wann ist der Neue Bund also erfüllt? Im Neuen Testament wird der Ausdruck „neuer Bund“ mehrmals verwendet:

    Lukas 22:20 Desgleichen auch den Kelch, nach dem Mahl, und sprach: Dieser Kelch, der für euch ausgegossen wird, ist der neue Bund in meinem Blut.

    1 Kor 11:25 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr davon trinkt, zu meinem Gedächtnis.

    2 Kor 3:6 der uns befähigt hat, Diener eines Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

    Heb 8:8 Denn er tadelt sie, wenn er sagt: „Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da werde ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund schließen,

    Heb 8:13 Indem er von einem neuen Bund spricht, macht er den ersten überflüssig. Und was überflüssig wird und alt ist, ist bereit, zu verschwinden.

    Heb 9:15 Deshalb ist er der Mittler eines neuen Bundes, damit diejenigen, die berufen sind, das verheißene ewige Erbe erhalten, da ein Tod eingetreten ist, der sie von den Übertretungen erlöst, die unter dem ersten Bund begangen wurden.

    Heb 12:24 und zu Jesus, dem Mittler eines neuen Bundes, und zum besprengten Blut, das ein besseres Wort spricht als das Blut Abels.

    Das Neue Testament sieht den Neuen Bund eindeutig als erfüllt an, und zwar durch das Werk Jesu am Kreuz und durch die Kirche – nicht in einem zukünftigen Jahrtausend. Das soll nicht heißen, dass die Idee eines tausendjährigen Königreichs von der Vorstellung abhängt, dass die Erfüllung des Neuen Bundes noch in der Zukunft liegen muss. Es muss gesagt werden, dass das Argument schwach ist. Es gibt nur einen Weg, um die Erfüllung des Neuen Bundes durch die Kirche zu umgehen – man muss argumentieren, dass der neue Bund in diesen neutestamentlichen Abschnitten nicht der Neue Bund des Alten Testaments ist, sondern sich auf einen „neuen neuen Bund“ bezieht. Klingt verrückt? Dann lies nicht die Ryrie Study Bible oder Ryries berühmtes Buch „Dispensationalism Today“, denn genau das tut er, um dieses Problem zu umgehen (manche würden sagen, um das Neue Testament zu umgehen). So sehr Ryrie auch Respekt verdient, was er mit dem Neuen Bund macht, ist reine Sophisterei.

    Eine letzte Frage – und das ist die entscheidende: Wenn man so sauber argumentieren kann, mit zahlreichen neutestamentlichen Beweisen (siehe die letzten beiden Beiträge sowie die obigen Verweise auf den Neuen Bund), dass alle drei Bündnisse – das abrahamitische, das davidische und das Neue – durch das Werk Jesu am Kreuz und seine Kirche erfüllt werden, wozu braucht es dann noch etwas anderes? (oder: Warum widerstrebt man so gegenüber der Erfüllung in der Kirche? Oder: Was verlierst du?)

    Ich kann diese Frage nicht für euch beantworten. Ich spreche sie nur an, um noch einmal darauf aufmerksam zu machen, warum ich diese Serie mache. Jeder bringt seine Vorurteile in die Eschatologie ein. Es gibt KEINE selbstverständlichen Ansichten. Jeder, der etwas anderes sagt … nun, ihr wisst bereits, was ich darüber in früheren Beiträgen denke. Der einzige Weg, der Vorurteilsfalle zu entkommen (und doch nicht wirklich vollständig zu entkommen), besteht darin, die Systeme über Bord zu werfen. Das habe ich vor langer Zeit beschlossen. Zugegeben, ich muss wie alle anderen Entscheidungen auf der Grundlage von Vorannahmen treffen. Aber ich kann sagen, dass ich weitaus weniger Probleme habe (zum Teil, weil ich nicht in den Verteidigungsmodus wechsle, wenn ich über Eschatologie spreche – das brauche ich nicht). Wenn wir das alles hinter uns haben, werde ich euch sagen, wo ich stehe, aber wir haben noch einen laaaangen Weg vor uns.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 4

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 4

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 4

    Thema: Wurde der davidische Bund durch den Abfall Israels, der zum Exil führte, „weggesündigt“? Der Verfasser von Psalm 89 fragte sich das sicherlich. Wenn dem so wäre, hätte eine buchstäbliche tausendjährige Herrschaft Jesu in der Zukunft vielleicht keinen Sinn. Seine Herrschaft wäre spirituell und würde sich von der Auferstehung und Pfingsten an durch die Kirche hindurch erfüllen.

    Im letzten Beitrag haben wir darüber gesprochen, wie bestimmte Ansichten über die Endzeit mit bestimmten Ansichten über die biblischen Bündnisse mit Abraham und David sowie über den Neuen Bund verbunden sind. Viele Christen wollen auf der Grundlage der Unwiderruflichkeit des Abrahambundes für ein buchstäbliches Millennium eintreten – die Vorstellung, dass der Bund niemals rückgängig gemacht werden kann, da er bedingungslos war. Die Landversprechen müssen daher an Israel gehen, und das bedeutet, dass ein buchstäbliches Millennium in Bezug auf die biblische Prophezeiung noch in der Zukunft liegt. Wir haben jedoch gesehen, dass der Bund mit Abraham tatsächlich an Bedingungen geknüpft war und dass er nur für Abrahams „wahre“ Kinder erfüllt wurde – diejenigen, die wie Abraham glauben. Wir haben gesehen, dass die Kirche gut zu Galater 3 passt. Aber wir endeten mit diesen Fragen: Da diejenigen, die glauben, die Verheißungen erben, ergibt das, was Paulus in Galater 3 sagt, durchaus Sinn – aber ist das das Ende der Geschichte? Ist das Königreich die Kirche? Aus welchen Gründen sollten wir in Zukunft auf ein nationales Königreich in Israel hoffen?

    In diesem Beitrag betrachten wir den Bund mit David.

    Ein Königreich braucht natürlich einen König. Der israelitische König musste ein Israelit sein (ein Sohn Abrahams). Das versteht sich von selbst. Aber als David schließlich den Thron bestieg, schloss Gott auch mit ihm einen Bund, der die Kriterien für das Königtum ergänzte. Dieser Bund ist in 2. Samuel 7 festgehalten (und wird im Wesentlichen mit den gleichen Worten in Psalm 89 wiederholt):

    4 Doch in derselben Nacht kam das Wort Jahwes zu Natan: 5 „Geh zu meinem Diener David und richte ihm aus: ‚So spricht Jahwe: Du willst mir ein Haus bauen, in dem ich wohnen soll? 6 Seit ich die Söhne Israels aus Ägypten herausführte, habe ich noch nie in einem Haus gewohnt, sondern bin bis heute in einer Zeltwohnung umhergezogen. 7 Habe ich während dieser ganzen Zeit jemals zu einem der Führer Israels gesagt: „Warum baut ihr mir kein Haus aus Zedernholz?“ Ich hatte ihnen nur aufgetragen, mein Volk Israel zu weiden.‘ 8 Darum sollst du meinem Diener David ausrichten: ‚So spricht Jahwe, der Allmächtige: Ich selbst habe dich von der Schafherde weggeholt und dich zum Herrscher über mein Volk Israel gemacht. 9 Und wohin du auch gegangen bist, bin ich bei dir gewesen und habe alle deine Feinde vor dir beseitigt. Ich habe deinen Namen berühmt gemacht. Du wirst zu den Großen der Erde gezählt. 10 Ich habe meinem Volk Israel eine Heimat gegeben, ein Land, in dem es sicher leben kann und nicht mehr zittern muss. Böse Menschen werden es nicht mehr unterdrücken wie früher 11 und auch noch zu der Zeit, als ich Richter über mein Volk Israel einsetzte. Ich habe dir Ruhe vor all deinen Feinden verschafft. Und nun kündigt Jahwe dir an, dass er dir ein Haus bauen wird. 12 Wenn deine Zeit abgelaufen ist und du gestorben bist, werde ich dir einen deiner eigenen Nachkommen auf dem Thron folgen lassen und seine Herrschaft festigen. 13 Der wird dann ein Haus für meinen Namen bauen. Und seinem Königtum werde ich ewigen Bestand geben. 14 Ich werde sein Vater sein, und er soll mir Sohn sein. Wenn er Unrecht begeht, werde ich ihn mit menschlicher Rute und auf menschliche Weise züchtigen. 15 Aber meine Gnade entziehe ich ihm nicht, wie ich sie Saul entzog, den ich vor dir beseitigt habe. 16 Dein Königshaus und deine Königsherrschaft sollen für immer vor mir Bestand haben. Dein Thron steht fest auf ewig.‘“ 17 Natan gab David alles genauso weiter, wie es ihm gesagt und offenbart worden war.

    2. Samuel 7:4-17 NEÜ

    Dieser Bund ist einseitig (nur von Gott initiiert) und in seiner Sprache bedingungslos. In 2. Samuel 7:21 antwortet David: „Durch dein Wort und nach deinem Herzen hast du all diese Großartigkeit bewirkt, um es deinem Knecht kundzutun.“ David werden keine Bedingungen gestellt. Er kann in Versprechen unterteilt werden, die David zu Lebzeiten sehen würde (Verse 8–11a), und Versprechen, die nach seinem Tod erfüllt werden sollten (11b–16). Der Kerngedanke dieses Bundes ist, dass Davids Dynastie als einzige legitime Dynastie für das Königtum in Jerusalem etabliert wird. Gott garantiert, dass niemand außer einem Nachkommen Davids als König in Jerusalem regieren wird. Davids Thron ist daher ewig.

    Aber ist das alles? Wir haben gesehen, dass Abrahams Bund sowohl bedingungslos als auch bedingt war. Er war insofern bedingungslos, als Gott seine Erfüllung unabhängig vom menschlichen Verhalten garantierte. Er war insofern bedingt, als nur diejenigen, die glaubten und gehorchten („Gehorsam des Glaubens“), daraus Nutzen ziehen würden. Und er wurde schließlich in Jesus erfüllt – dem vollkommen gehorsamen Sohn Abrahams, durch den alle Nationen gesegnet werden sollten (Gen 12:3).

    Davids Bund ist derselbe – er ist sowohl bedingungslos als auch bedingt. Beachte die bedingte Sprache in 2 Samuel 7:12-15

    12 Wenn deine Zeit abgelaufen ist und du gestorben bist, werde ich dir einen deiner eigenen Nachkommen auf dem Thron folgen lassen und seine Herrschaft festigen. 13 Der wird dann ein Haus für meinen Namen bauen. Und seinem Königtum werde ich ewigen Bestand geben. 14 Ich werde sein Vater sein, und er soll mir Sohn sein. Wenn er Unrecht begeht, werde ich ihn mit menschlicher Rute und auf menschliche Weise züchtigen. 15 Aber meine Gnade entziehe ich ihm nicht, wie ich sie Saul entzog, den ich vor dir beseitigt habe.

    2. Samuel 7:12-15 NEÜ

    Der Referent ist Salomo, der Nachfolger Davids. Selbst wenn Salomo vom rechten Weg abkommt (was er tat), versprach Gott, dass er Davids Linie dennoch treu bleiben würde.

    Die bedingte Idee der Loyalität gegenüber Jahwe, um den Vorteil des bedingungslosen Bundes zu erlangen, wird in Psalm 132:11-12 belegt –

    11 und auch noch zu der Zeit, als ich Richter über mein Volk Israel einsetzte. Ich habe dir Ruhe vor all deinen Feinden verschafft. Und nun kündigt Jahwe dir an, dass er dir ein Haus bauen wird. 12 Wenn deine Zeit abgelaufen ist und du gestorben bist, werde ich dir einen deiner eigenen Nachkommen auf dem Thron folgen lassen und seine Herrschaft festigen.

    Psalm 132:11-12 NEÜ

    Es ist klar – der König sollte rechtschaffen sein, und wenn er es nicht war, konnten sie damit rechnen, dass ihre direkte Linie abgeschnitten wurde. Sie wurden ersetzt.

    Schau dir an, was in der Geschichte Israels nach Salomo geschah. Das Königreich spaltete sich in zwei Teile. Davids Linie (2 Stämme; Juda) überlebte das Rebellenkönigreich des Nordens (10 Stämme; Israel), aber es wurde tatsächlich 586 v. Chr. zerstört. Seitdem hat kein König (David oder sonst jemand) mehr den Thron von Jerusalem bestiegen … je nachdem, wie man die Dinge betrachtet.

    Was ist also mit dem Untergang des Königreichs? Das Königtum Davids muss genauer betrachtet werden. Der Bund mit David schuf tatsächlich eine „Vater-Sohn“-Beziehung zwischen Gott und dem König. Dies wird in Psalm 2:7-8, Psalm 89 angedeutet. Gott sagt über den König: „Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein.“ Aber was ist mit bösen, illoyalen Söhnen? Was ist mit israelitischen Königen, die dem Bund mit Abraham und den gerechten Forderungen Jahwes nicht gehorchten? Sie werden verstoßen, aber (wie beim Bund mit Abraham) hebt ihre Ablehnung den Bund selbst nicht auf – es bedeutet nur, dass sie das Königtum und den Segen Jahwes verwirken. Aus Passagen wie 1. Könige 6:12-13; 1. Könige 9:4-7 geht hervor, dass untreue Söhne/Könige den Segen Jahwes verlieren, selbst wenn sie aus der Linie Davids stammen. Waltke drückt es so aus:

    „Jahwe gewährte sowohl Abraham als auch David ewige Nachkommenschaft und ein Lehen. Loyale Söhne … würden das Lehen in vollen Zügen genießen; illoyale Söhne würden Jahwes Schutz und, wenn sie in ihrem Fehlverhalten verharrten, den Besitz des Lehens selbst verlieren. Das Lehen würde jedoch niemals beschlagnahmt werden – ein Versprechen, das die Hoffnung weckt, dass Jahwe einen loyalen Sohn erwecken würde.“1

    Der Sinn all dessen lässt sich in zwei Fragen zusammenfassen:

    1. Da Gott es zuließ, dass das Volk Juda und die Dynastie Davids vernichtet und vertrieben wurden, was ist dann mit dem davidischen Bund? Ist er vorbei?

    Christen beantworten diese Frage in der Regel mit „nein“, unabhängig von ihrer Sicht auf das Endzeitreich. Es herrscht Einigkeit darüber, dass „Gott einen treuen Sohn“ – Jesus – erwecken würde, um den Bund zu erfüllen. Das bringt uns zur zweiten, gewichtigeren Frage:

    2. Ist es möglich, dass der davidische Bund bereits in Jesus, dem Sohn Davids und Messias, erfüllt wurde?

    Wenn dies der Fall ist, wird der Bund von Gott vollständig eingehalten und erfüllt, und es gäbe keinen Grund, eine buchstäbliche Herrschaft Jesu auf Erden zu erwarten. Aber warum? Viele, die dies lesen, werden sagen: „Wie kann der Bund erfüllt werden, wenn Jesus nicht zurückgekehrt ist und den Thron eingenommen hat?“ Die Frage geht davon aus, dass der ABRAHAMISCHE Bund ein buchstäbliches Land und Königreich erfordert – was wir in den letzten Beiträgen gesehen haben, ist KEINE selbstverständliche Interpretation des biblischen Textes. Es kann durchaus sein, dass das Königreich = die Kirche ist. Aber wenn das der Fall ist, ist Jesus dann jetzt König?

    Ist das nicht eine interessante Frage? Will irgendjemand wirklich leugnen, dass Jesus JETZT König ist?

    Sitzt Jesus jetzt auf dem Thron? Laut Hebräer 8:1 und 12:2 ist er es. Er sitzt „zur Rechten Gottes“. Aber das reicht vielen Christen nicht. Sie wollen die buchstäbliche Herrschaft. Schön. Das ist keine Sünde. Mein Ziel hier ist es nur zu zeigen, dass die Idee, dass das davidische Königtum bereits erfüllt wurde, mit Klarheit und Kohärenz über den biblischen Text vermittelt werden kann. Die Vertreter der Amillennialisten können leicht argumentieren, dass sowohl der Bund mit Abraham als auch der Bund mit David in Jesus erfüllt wurden, Punkt. Diejenigen, die sich ein buchstäbliches Königtum in der Zukunft wünschen, können sagen: „Jesus ist jetzt König im Himmel und wird es später auf Erden sein“ – aber sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass eine solche Ansicht von der eigenen Sichtweise auf die Landverheißungen des Bundes mit Abraham abhängt! Ohne das braucht ihr das hier nicht. Da wir nicht mit absoluter Sicherheit wissen können, wie es weitergeht, sollten wir aufhören, so zu tun, als gäbe es nur eine „biblische“ Sichtweise der Eschatologie. Ich hoffe, ihr versteht, warum ich versuche, nicht mit den Augen zu rollen, wenn ich so etwas höre. Und wir haben noch einen langen Weg vor uns!

    1. Bruce K. Waltke, The Phenomenon of Conditionality within Unconditional Covenants, in Israels Apostasy and Restoration: Essays in Honor of Roland K. Harrison, ed. Avraham Gileadi, Baker: 1988, pp. 131-132 ↩︎
  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 3

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 3

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 3

    Thema: Waren die Bündnisse, die Gott mit Abraham und David geschlossen hat, und der Neue Bund (Jeremia 31:31-34) an Bedingungen geknüpft? Sind diese Bündnisse bedingt oder bedingungslos? Die Frage ist entscheidend, um zu wissen, ob die Bündnisse (die mit dem Landversprechen verbunden sind) noch in Kraft sind oder nicht (und somit von der Kirche erfüllt wurden).

    Bisher haben wir über einen einzigen Streitpunkt gesprochen, der Bibelwissenschaftler und -studenten in der Eschatologie entzweit: ob Israel und die Kirche bei der Auslegung der Prophezeiungen getrennt betrachtet werden sollten oder nicht. Die Frage ist von Bedeutung, da jede Position, die eine buchstäbliche tausendjährige Herrschaft Christi in der Zukunft befürwortet, (um kohärent zu sein) argumentieren muss, dass die Landverheißungen, die Abraham und seinen Nachkommen gegeben wurden, immer noch in Kraft sind – und daher eine buchstäbliche Erfüllung erwartet wird. Wenn die Kirche Israel als Volk Gottes ersetzt hat und wenn die Landverheißungen nun durch den Missionsbefehl erfüllt werden, die Erde mit Gottes Volk zu übersäen (d. h. die Kirche ist das Königreich), dann wäre kein buchstäbliches Millennium zu erwarten.

    So heißt es jedenfalls.

    Um genauer zu sein, hat das bisher behandelte Thema sowohl bei mir als auch bei den Kommentatoren Fragen aufgeworfen. Und es gibt einige Fragen, die sich aus dem Problem „Israel und/oder die Kirche: Ja oder Nein?“ ergeben und die ich noch nicht angesprochen habe. Zum Beispiel:

    1. Während Galater 3 ausdrücklich besagt, dass die Kirche (Christen) die Abraham gegebenen Versprechen geerbt haben, beschränkt Paulus diese Versprechen auf diejenigen, die einen Samen (Nachkommen – buchstäblich und/oder geistlich) versprechen, aber das Land ausschließen? Mit anderen Worten, da das Land in Galater 3 nicht erwähnt wird, könnte dieser Teil der Versprechen immer noch für das nationale Israel gelten?

    2. Es ist zwar sinnvoll, dass der Missionsbefehl die Erfüllung des Landelements bedeutet – die Evangelisierung der Nationen, um die verlorenen Nationen zurückzugewinnen –, aber was halten wir von der Tatsache, dass es keinen Vers gibt, der diese explizite Verbindung herstellt?

    3. Da Paulus in Römer 9–11 klarstellt, dass

    (a) „Israel“ sich auf „natürliche Israeliten (Juden)“ bezieht und

    (b) „Israel“ sich auch auf „geistliche Israeliten“ (Gläubige) bezieht; und

    (c) „ganz Israel ist nicht Israel“ (dass es innerhalb des nationalen Israels ein geistliches Israel gibt, das aus Juden und Nichtjuden besteht); und

    (d) es gibt diese Sache, die man Kirche nennt (Juden und Nichtjuden)

    … können wir dann diese Gruppen in Bezug auf die Prophezeiung wirklich sauber trennen ODER zusammenführen? Einige würden sagen ja, andere nein. Und DAS ist das Problem. Man kann in jeder Hinsicht einen schlüssigen Fall vorbringen. Alles, was wir wirklich sagen können, ist, dass Paulus (und andere Autoren) in Bezug auf das Neue Testament „Israel“ nicht nur auf ethnische Israeliten beschränken – der Begriff bedeutet jetzt viel mehr.

    Die Frage läuft wirklich darauf hinaus: Würde Paulus (oder andere Autoren des Neuen Testaments) sagen, dass das nationale Israel keine eschatologische Zukunft hat, außer als Mitglieder des neuen, geistlichen Israel, der Kirche? Sind die Schicksale der Kirche und des nationalen Israel in toto miteinander verbunden, oder können sie „größtenteils“ miteinander verbunden sein und es dennoch eine eschatologische Zukunft geben, die das nationale Israel einschließt?

    Noch einmal: Wir können es nicht mit Sicherheit wissen. Also muss jeder demütig sein (oder sollte sein). Dies ist nur einer von vielen Gründen (eine ganze Liste, an der ich hier arbeite), warum ich erschaudere, wenn ich eine E-Mail von jemandem erhalte, der völlig von seiner eschatologischen Position eingenommen ist und keine andere akzeptiert (und wahrscheinlich nicht einmal weiß, dass es andere gibt). Ich bete und hoffe, dass der Glaube dieser Person nicht wirklich auf dem neuesten lauen Prophezeiungsroman oder dem Fernsehprediger für Prophezeiungen beruht.

    All das führt uns zum heutigen Thema: Waren die Bündnisse, die Gott mit Abraham und David geschlossen hat, und der Neue Bund (Jeremia 31:31-34) an Bedingungen geknüpft? Sind diese Bündnisse bedingt oder bedingungslos?

    Erfahrene Prophezeiungsfreaks wissen, dass diese Frage wichtig ist, denn wenn diese Bündnisse an Bedingungen geknüpft waren, bestand die Möglichkeit, dass sie aufgelöst oder für ungültig erklärt wurden, weil Israel die Bedingungen nicht erfüllte. Die Lage sieht auch düster aus. Da Israel (alle 12 Stämme) ins Exil geschickt wurde, könnte man leicht argumentieren, dass die Verheißungen für das nationale Israel aufgehoben und an die Kirche als Empfänger der Erfüllung übergeben wurden. Die Art von vollkommenem Gehorsam, die die Bündnisse erfordern, würde in und durch Jesus erfüllt werden. Er ist der ultimative Sohn Abrahams, der König in der Linie Davids, und er war es, der nach seiner Auferstehung den Geist sandte, um gemäß dem Neuen Bund in den Herzen der Gläubigen zu wohnen. Sieht ziemlich ordentlich aus. Aber das würde bedeuten, dass die Kirche das nationale Israel in seiner Gesamtheit verdrängt hat. Israel war (offen gesagt) nicht mehr nützlich. Der Knecht aus Jesaja – und Kapitel 53 ist der einzige Ort in Jesaja, an dem der Knecht eine einzelne Person ist – ist eigentlich der Vertreter des kollektiven Knechts in Jesaja – Israel (die restlichen Vorkommen von „Knecht“ in Jesaja beziehen sich auf die Nation Israel – schlag es nach). Daher ist Jesus alles und alle Bündnisse finden in Ihm Erfüllung. Und Sein Körper ist die Kirche. Wieder ein sehr ordentliches Bild – eines, das die Anhänger der „Left Behind“-Bücher ziemlich mürrisch machen würde, da es dann kein buchstäbliches Königreich braucht und ohne dieses die ganze Idee der Entrückung nicht einmal auf den Tisch kommt.

    Ich hoffe, du siehst (wieder), wie dünn der gesamte Rahmen für diese unbestreitbar weit verbreitete Ansicht über die Endzeit ist. Es ist weit davon entfernt, selbstverständlich zu sein. Aber auch die anderen Ansichten können keine absolute Gewissheit für sich beanspruchen. Wir werden auf sie zurückkommen. Lasst uns jetzt über das Problem der Bedingtheit (B) und Unbedingtheit (UB) sprechen.

    Die kurze Antwort auf meine Frage lautet „Ja“ – die Bündnisse sind sowohl B als auch UB. Diejenigen, die an eine Entrückung glauben, wurden gelehrt, dass sie bedingungslos sind. Falsch. Fangen wir also damit an.1

    Der Bund mit Abraham (1. Mose 12:1-3; 1. Mose 15)

    In diesem Bund gibt es mit Sicherheit Elemente des Unbedingten. Gott initiiert den Bund und seine Verheißungen. Die ersten sechs Verse handeln von der Verheißung von Nachkommen (1. Mose 15:1-7). In 1. Mose 15:7-16 geht es um die Verheißung des Landes. Dann geht Gott allein durch die rituell geschlachteten und zubereiteten Tiere, um den Bund zu besiegeln (1. Mose 15:17-21). Die Erfüllung der Verheißungen des Bundes hängt also allein von Jahwe ab. Fall abgeschlossen, oder? Falsch.

    Die Erfüllung der Versprechen hängt zwar von der Fähigkeit Jahwes ab, aber es ist eine ganz andere Frage, WER die Empfänger der von Jahwe erfüllten Versprechen sein werden. Hier kommen die bedingten Elemente ins Spiel. Kurz gesagt hängt der Erhalt der Versprechen von einer spirituellen Beziehung zu Jahwe ab – dem Gehorsam gegenüber seiner Offenbarung.

    In 1. Mose 12:1-3, der ersten Passage über den Bund mit Abraham, sehen wir, wie Abraham gehorcht, was ihm gesagt wird („und er [Abraham] ging“; 1. Mose 12:4). Nach der Bundeszeremonie in 1. Mose 15 bekräftigt Gott den Bund in 1. Mose 17:2. Aber 1. Mose 17:1 legt eine klare Bedingung fest. Hier sind die beiden Verse zusammen:

    Als Abram 99 Jahre alt war, erschien ihm Jahwe und sagte: „Ich bin El-Schaddai, ‚Gott, der Allmächtige‘, geh deinen Weg vor mir und halte dich ganz an mich! Ich schließe meinen Bund mit dir und werde dir unermesslich viele Nachkommen geben.“

    1. Mose 17:1,2 NEÜ

    Beachte, dass die Sprache von Vers 2 eindeutig aus dem Bund von 1. Mose 12 und 15 stammt. Aber dieses Mal gibt es eine klare Bedingung. Gott fährt in 1. Mose 17 fort und wiederholt alle Elemente des ursprünglichen Bundes. Dann fordert er, dass Abraham und alle in seinem Haushalt beschnitten werden. Hier ist der Punkt: Nur Abrahams beschnittene Nachkommen – diejenigen, die gehorchen – sind berechtigt, die Versprechen zu erhalten, die Jahwe geben wird. Die Weigerung zu gehorchen bedeutete, dass man nicht an den Verheißungen teilhaben würde. Gott würde dafür sorgen, dass die Verheißungen erfüllt wurden, aber die Person, die sich weigerte zu gehorchen, würde nicht davon profitieren. Wir sehen mehr von dieser Bedingtheit in 1. Mose 18. Die beiden Elemente sind glasklar:

    17 Der HERR aber dachte: Soll ich vor Abraham geheim halten, was ich tun will? 18 Abraham soll zu einem grossen und mächtigen Volk werden, und durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. 19 Denn ich habe ihn erkoren, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm gebiete, den Weg des HERRN einzuhalten und Gerechtigkeit und Recht zu üben, damit der HERR über Abraham kommen lasse, was er ihm gesagt hat.

    1. Mose 18:17-19 NEÜ

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jahwe sich einseitig dazu verpflichtet hat, bestimmte Dinge zu tun, die er Abraham versprochen hat. Diese Versprechen gelten jedoch nur für Abrahams geistige Nachkommen – diejenigen, die wie er Jahwe folgen würden. Zunächst galt dies im Grunde nur innerhalb Israels, Abrahams physischem Samen. Schließlich weitete es sich auf Nichtjuden aus. Aber die Prämisse war dieselbe: Der „Gehorsam des Glaubens“, wie die Apostel es gerne nannten, war notwendig, um die Versprechen zu erhalten. Der Bund mit Abraham war sowohl an Bedingungen geknüpft als auch bedingungslos.

    Und nun zu den Fragen: Hat das nationale Israel als Körperschaft die Verheißungen verwirkt? Da diejenigen, die glauben, die Verheißungen erben, ergibt das, was Paulus in Galater 3 sagt, durchaus Sinn – aber ist das das Ende der Geschichte? Ist das Königreich die Kirche? Aus welchen Gründen sollten wir in Zukunft auf ein nationales Königreich in Israel hoffen? Wenn es so ist, dann nicht, weil der Bund bedingungslos an DIE NATION Israel gegeben wurde. Beide Testamente stimmen darin überein, dass diejenigen, denen die Verheißungen gegeben wurden, diejenigen waren, die GLAUBEN.

    Es geht um den Gehorsam des Glaubens, nicht um die Nationalität. So viel ist zumindest klar. Wir können also jetzt aufhören, ein buchstäbliches Millennium auf der Grundlage der Unbedingtheit des Bundes zu verteidigen. Für diese Idee braucht man ein anderes Argument. Dieses ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

    Als Nächstes der davidische Bund.

    1. Leser, die sich für eine eher technische Diskussion dieses Themas interessieren, werden auf Bruce K. Waltke, „The Phenomenon of Conditionality within Unconditional Covenants“, in Israel’s Apostasy and Restoration: Essays in Honor of Roland K. Harrison, Hrsg. Avraham Gileadi, Baker: 1988, S. 123-140, verwiesen. ↩︎
  • Gottes Bild sein – Teil 5

    Gottes Bild sein – Teil 5

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im vierten Teil angekündigt haben, werden wir uns nur mit dem „Weg der Weisheit“ beschäftigen.

    Die Suche des Menschen

    Könnte man den Weihnachtsmann fragen, was am häufigsten auf der Wunschliste der Menschen steht, wird er wohl kaum antworten: Weisheit. Dabei ist Weisheit doch eigentlich mit das Wichtigste, was man im Leben erlangen sollte.

    Gemäß der Bibel können wir Weisheit auf zwei Weisen kultivieren: Indem wir Gott als Quelle von Weisheit vertrauen. Und zweitens, indem du sorgfältig beobachtest, wie die Welt funktioniert, und dich für das Gute entscheidest.

    Dementsprechend haben wir in der Bibel die Bücher Sprüche, Prediger und Hoheslied. Interessanterweise behaupten die Weisen hier nicht, dass sie im Namen Gottes sprechen.

    Weisheit ist etwas, das wir wollen müssen. Wir müssen sie lieben und alles, was wir haben, für sie aufwenden, sie wertschätzen und umarmen. Wenn wir das nicht tun, könnte unsere Geschichte so enden wie die Salomos: Es beweist, dass Weisheit keine Leistung ist, über die man sich freuen kann, sondern ein Muskel, den man trainieren muss. Oder wie N.T. Wright sagt: „Die Liebe ist die schärfste Form der Erkenntnis, weil die Liebe es ist, die, während sie sich mit einer anderen Wirklichkeit als der eigenen identifiziert, die andere Wirklichkeit als die eigene bejaht und feiert.“

    Wenn du jetzt den Eindruck gewonnen hast, dass das eine ziemlich schwierige Aufgabe für schlaue Leute ist, dann rückt die Bibel dieses Bild gerade: „Ihr Anfänger, lernt, was Klugheit ist! / Ihr Tagträumer, werdet endlich wach! Hört zu, ich gebe euch einen wertvollen Rat! / Die Wahrheitsliebe öffnet mir den Mund.“ (Sprüche 8:5,6 NEÜ) Ironischerweise liegt der Schlüssel zur Entdeckung von Weisheit in der Erkenntnis, dass wir keine Antworten haben und nicht wissen können, was das Beste ist. Darum geht es eigentlich – dass wir lernen, uns auf Gott zu verlassen, der uns den Weg zum Leben zeigt.

    Menschliche Schwäche und Sterblichkeit disqualifizieren uns nicht, unseren menschlichen Daseinszweck zu erfüllen. Sich durch ehrliches Gebet auf Gott zu verlassen, ist der Weg zur Weisheit. Das Buch der Psalmen enthält viele solche Gebete.

    Menschliches Leiden

    Vielleicht ist dir aber schon der Gedanke gekommen, dass das Buch Prediger doch eher deprimierend ist: „ Alles Reden müht sich ab, keiner kommt damit zum Ziel. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr wird vom Hören nicht voll. Was einmal geschah, wird wieder geschehen, und was einmal getan wurde, wieder getan, und nichts ist wirklich neu unter der Sonne. An die Früheren erinnert man sich nicht, und an die Späteren, die kommen werden, auch an sie wird man sich nicht erinnern bei denen, die zuletzt sein werden.“ (Prediger 1:8,9,11)

    Und anscheinend beginnt das Buch Prediger nicht mit Weisheit sondern mit einer klaren Ansage, was für eine deprimierende Aussicht uns erwartet: „“Bedeutungslos! Bedeutungslos!“, sagt der Prediger. „Völlig bedeutungslos! Alles ist bedeutungslos.““ (Prediger 1:2 NIV) Aber wer sagte das und sagte die Person das wirklich so, wie es übersetzt wird?

    Die Person wird ‚Prediger‘ im Deutschen genannt. Daher auch der Name des Buches. Im Hebräischen steht dort Kohelet. Das bedeutet „Versammler, Gemeindeleiter“. In der Septuaginta wurde es mit Ekklesiastes übersetzt, was „Redner in einer Volksversammlung“ bedeutet und woraus derm Name des Buches im englischen Sprachraum ableitet.

    Was er in Prediger 1:2 sagt ist: „Hevel, hevel. Alles ist vollständig hevel“. Hevel bedeutet soviel wie Dunst. Es wird als eine Methapher verwendet. „Alles ist wie ein Dunst.“ In Prediger wird nicht gesagt, dass alles sinnlos ist oder ‚nichtig‘ wie es manchmal übersetzt wird. Sondern eher ‚flüchtig‘. Die Weisheit besteht darin, zu erkennen, dass es jenseits unsere Fähigkeiten liegt, den Sinn des Leben vollständig zu verstehen. Und dass wenn wir immer nur in die Zukunft schauen, auf das, was wir nicht haben, was vergehen wird, dann übersehen wir das ganze Leben was Gutes direkt vor unseren Augen ist.

    Der Prediger fordert uns auf, die Reise zu genießen. Hör auf, so fieberhaft zu versuchen, das Leben zu verstehen, sondern sei dankbar für Momente der Freude und Zufriedenheit – Essen, Trinken, Freunde – das sind Geschenke unseres Schöpfers.

    Wir Menschen sind nicht in der Lage, Gottes Wege zu verstehen. Gott ist uns keine Erklärung schuldig. Er lädt uns einfach ein, ihm zu vertrauen. Schlechte Dinge passieren guten Menschen, weil wir in einer Welt leben, die von Gebrochenheit gezeichnet ist. Wir müssen lernen, mit dem Unbekannten zu leben. Die menschliche Sterblichkeit und die Zerbrochenheit unserer Welt bedeuten, dass wir lernen müssen, innerhalb von Grenzen freudig zu leben.

    Das ist heute Teil unseres Sein, unsere Bestimmung, Bilder Gottes zu sein und entsprechend zu leben. Doch so wird es nicht bleiben. Im nächsten Teil beschäftigen wir uns mit den Menschen in Gottes neuer Welt.

  • Gottes Bild sein – Teil 1

    Gottes Bild sein – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Um unsere Berufung und Zukunft als Menschen aus biblischer Sicht besser verstehen zu können, müssen wir in Genesis beim Bericht über die Schöpfung in 1. Mose anfangen. Doch das ist heutzutage ein denkbar schlechter Startpunkt für ein Video, weil praktisch jeder schon eine Meinung dazu hat und damit abschaltet: Von streng wörtlicher Auslegung bis zur völligen Ablehnung gibt es alles.

    Worum es in der Genesis aber geht, kann man nur richtig verstehen, wenn wir unseren Kontext des 21. Jahrhundert vergessen – soweit das überhaupt möglich ist – und die Worte mit dem Kontext der Israeliten vor 3500 Jahren lesen. Mindestens drei wesentliche Unterschiede müssen wir berücksichtigen:

    1. Die Menschen damals interessierte nicht „was die Welt im Innersten zusammenhält“, also der heutige wissenschaftliche Ansatz. Sondern wer die Welt ordnet und für ihre Funktionieren verantwortlich ist und sorgt.
    2. Die damalige Vorstellung von Himmel und Erde war eine ganz andere als heute. Nein, es geht nicht darum, dass sie irgendwie beschränkter oder ‚primitiver‘ war. Da die ‚Welt‘ dieser Menschen auf einen sehr überschaubaren Teil der Erde beschränkt war, war so etwas wie ein Globus oder eine Weltkarte unwichtig. Was sie interessierte war eine Beschreibung der ‚Welt‘, in welcher der Bereich der Menschen, der geistigen Wesen, der Toten und die Ordnung des Ganzen einfach verständlich war. Und so waren auch die Weltbilder oder Modelle anderer Völker aufgebaut. Wer heute diese als unwissenschaftlich belächelt, hat deren eigentlichen Zweck nicht verstanden.
    3. Die Israeliten kannten die Weltbilder und Schöpfungsgeschichten aus Ägypten und Mesepotamien. Daher ist ein Vergleich der Genesis mit diesen sehr aufschlußreich.

    Muster im biblischen Schöpfungsbericht

    Carmen Imes bezieht sich hier auf die Arbeiten verschiedener Gelehrter, insbesondere auf John H. Waltons Arbeiten, die man zum Beispiel in seinem Buch The Lost World of Genesis One finden kann:

    The Lost World of Genesis One von John H. Walton

    Jascha Schmitz hatte den Inhalt in seiner Video Serie Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt schon ausführlich erläutert. Daher werde ich hier das Ergebnis nur sehr kurz zusammenfassen.

    Kurz gesagt geht es im Schöpfungsbericht in der Genesis (1. Mose) nicht darum, wie Gott alles gemacht hat, sondern warum.

    Carmen Joy Imes, Being God’s Image

    Um das Risiko zu minimieren, unsere eigenen Ideen dem Text der Bibel hinzuzufügen, ist es wichtig, nach Mustern Ausschau zu halten, die der Author verwendet, um Dinge zu betonen. Was in einer Übersetzung meist verloren geht, ist der Rhythmus und die Wiederholung bestimmter Wörter oder Bilder in der Originalsprache des Textes. So ist es auch hier: „Gott sagte“ wird 3 mal für Menschen und 7 mal alles andere verwendet, also 10 mal. „Es werde …“ wird 3 mal für die Himmel und 7 mal für die Erde verwendet, also 10 mal. „machen“ wird 10 mal verwendet, „gemäß ihrer Art“ 10 mal, „Gott sah, dass es gut war“ 7mal usw. Es gibt noch mehr davon. Und wir finden dieses Muster:

    Die Symmetrie des Schöpfungsberichts in der Genesis

    In die Welt, die in 1. Mose 1:2 noch „formlos und leer“ ist, bringt Jahwe die Ordnung, die wir kennen. Am ersten Tag trennt Jahwe Licht von Dunkelheit, welche dann am vierten Tag mit Sonne, Mond und Sternen bevölkert werden. Am zweiten Tag trennt Jahwe die Wasser – oberhalb und unterhalb – und erschafft so den Himmel dazwischen. Am fünften Tag bevölkert Jahwe diese mit Vögeln und Fischen. Am dritten Tag trennt Jahwe trockenes Land ab und am sechsten Tag werden diese mit Landtieren und Menschen bevölkert.

    Menschen der Antike waren nicht daran interessiert, wie die Dinge ins Dasein kamen, sondern warum. Und der Schöpfungsbericht der Genesis in 1. Mose 1 gibt die Gründe an, das Warum: An Tag 1 sorgt Jahwe für Licht und an Tag 4 Himmelskörper, mit denen die Israeliten Zeit messen konnten, was nicht nur für den Ackerbau wichtig war, sondern auch für die Einhaltung der Festtage, welche den Israeliten auch gemäß den Büchern Mose mitgeteilt wurden. An Tag 2 sorgt Jahwe für den Bereich der Luft zwischen den Wassern, damit an Tag 5 Fische und Vögel darin leben können und später noch mehr. An Tag 3 wird das trockenes Land und Vegetation erwähnt, damit am Tag 6 darin Landtiere und der Mensch leben können.

    Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nicht um die wissenschaftliche Beschreibung einer zeitlichen Reihenfolge geht, sondern an Tag 1, 2 und 3 die Bereiche erwähnt werden und symmetrisch dazu an Tag 4, 5 und 6 die ‚Bewohner‘ dieser Bereiche. Auch wenn der 7. Tag danach kommt, geht es hier primär nicht um eine zeitliche Abfolge, sondern den Zweck, das Warum: Alles war gut und Jahwe konnte nun ‚ruhen‘. Nicht im Sinne von ‚ausruhen‘, sondern dass die Ordnung nun hergestellt war. Auch dazu gibt es ausführlichere Erklärungen. Das hier gebrauchte Worte für ‚ruhen‘ wird aber auch in dem Sinne gebraucht, dass die Vorbereitungen jetzt erledigt sind und mit dem eigentlichen Regieren begonnen werden kann.

    Sind wir Gedanklich immer noch bei den Israeliten in der Wüste vor 3500 Jahren? Das wurde über Jahwe gesagt, der Gott, der sie aus Ägypten gebracht hat und einen Bund mit ihnen schließen will: Das ist Jahwe, der euer Gott sein wird und ihr sein Volk, das seinen Namen tragen soll. Vergessen wir nicht, die Bericht der Genesis in diesem Kontext zu lesen und zu sehen. Deswegen ist der Bericht so geschrieben worden, wie er ist.

    In Verbindung mit dem Schöpfungsbericht, dem Ruhetag Gottes und der späteren Sabbath-Vorkehrung können wir auch schon einmal etwas für unser Leben ableiten:

    Der Sabbath ruft uns dazu auf, aufzuhören, wie Sklaven zu arbeiten, sondern anzufangen wie Mitglieder der königlichen Familie zu leben.

    Warum hier von einer königlichen Familie gesprochen wird, werden wir im Laufe der Serie noch besser verstehen. Es geht hier um ein weiteres Muster im Text der Bibel, eine Metapher, die den Israeliten gut bekannt war: Die Familienmitglieder des Königs hatten einen anderen Status als alle anderen Menschen. Nicht nur in Bezug auf das Erbe des Königtums, sondern während ihres ganzen Lebens. Dieses Muster taucht in der Bibel immer wieder auf, um unser Verhältnis zu Gott zu beschreiben.

    Welche Vorstellung von der Welt hatten denn die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, wo und warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe meine Video Serie Gottes Namen Tragen).

    Der biblische Schöpfungsbericht ist dagegen so komponiert, dass einige Gelehrte ihn für eine Art Liturgie halten: Der 7-Tage Rahmen des Schöpfungsberichts wurde so angelegt, damit er ein Must für die Arbeitswoche der Israeliten ist. Ein Zyklus von 7 Tagen findet sich nicht in anderen antiken Kalendern, die von Himmelskörpern abgeleitet ist. Er kommt gemäß den Büchern Mose aus einem Gebot Gottes und daher ist im hebräischen die 7 eine Zahl für Vollständigkeit. Die Bezeichnung des 7. Tages als Ruhetag findet seinen Anklang in Pslam 132:7-8 oder Jesaja 66:1,2 wo von Gottes Ruheort gesprochen wird. Viele Gelehrte halten 1. Mose 1 (Genesis 1) daher für einen Tempel-Einweihungstext – für den kosmischen Tempel Gottes. Aber das ist ein anderes spannendes Thema, das Jascha Schmitz in einer längeren Video-Serie betrachtet hat: Kosmischer Tempel – Zentrales Thema der Bibel

    Dabei geht es jetzt nicht um eine geheime Botschaft, die in der Bibel versteckt ist. Es geht um das Muster eines Tempels, das im Text der Bibel immer wieder verwendet wird. Eine Metapher, mit der die Israeliten und Menschen der Antike völlig vertraut waren. Ein Tempel war der Ort der Präsenz eines Gottes oder einer Göttin. In der Kosmologie der Israeliten war der Bereich Jahwes und der der Menschen getrennt. In Verbindung mit dem Sinai, der Bundeslade und später dem Tempel wird aber im Alten Testament von der Gegenwart oder Präsenz Jahwes gesprochen. Und so auch in der Genesis – im Schöpfungsbericht in 1. Mose. Und zwar in Verbindung mit dem Garten Eden im Paradies und den Menschen. Dieses Muster von Eden findet sich später wieder in der Konstruktion und den Darstellungen in der Stiftshütte, dem Tempel und weiter bis zu Offenbarung.

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Eine interessante Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darauf gehen wir im nächsten Teil ein.