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  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 5

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 5

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 5

    Thema: Wurde der Neue Bund von Jeremia 31 zu Pfingsten erfüllt? Wenn ja, dann ist dies ein weiterer Bund, der Israel gegeben und in der Kirche erfüllt wurde, und wir haben also keinen Grund, nach einer nationalen Endzeiterweckung in Israel zu suchen.

    In den letzten beiden Beiträgen habe ich eine einfache Beobachtung gemacht: Argumente, die ein buchstäbliches Jahrtausend verteidigen und von der Unbedingtheit der abrahamitischen und davidischen Bündnisse abhängen, sind schwach. Dafür gibt es zwei Gründe: (1) Jedes dieser Bündnisse enthält auch klare bedingte Elemente, und (2) beide Bündnisse können als erfüllt angesehen werden, obwohl dieser zweite Punkt umstritten ist. Aber genau darum geht es: Die Prämilleniums-Ansicht kann nicht als selbstverständlich verteidigt werden. Möglich, ja; selbstverständlich, nein.

    Ich werde in den folgenden Beiträgen auf die Frage der Erfüllung im Land eingehen und damit auf den Bund mit Abraham zurückkommen. Aber vorher müssen wir uns noch einen weiteren wichtigen Bund ansehen, der in der Regel als bedingungslos und letztlich zukunftsgerichtet angesehen wird, aber den gleichen beiden oben genannten Elementen unterliegt: Er hat Bedingungen und kann als erfüllt angesehen werden.

    Der Bund, von dem ich spreche, ist der Neue Bund. Hier ist die Prophezeiung aus Jeremia 31:

    31 „Passt auf! Die Zeit wird kommen“, spricht Jahwe, „da schließe ich einen neuen Bund mit Israel und Juda. 32 Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten herausführte. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war“, spricht Jahwe. 33 „Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließen werde, wird ganz anders sein“, spricht Jahwe. „Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, ich lege es tief in sie hinein. So werde ich ihr Gott sein und sie mein Volk. 34 Dann muss keiner mehr den anderen belehren, niemand muss mehr zu seinem Bruder sagen: ‚Erkenne doch Jahwe!‘ Denn alle werden mich erkennen, vom Geringsten bis zum Größten“, spricht Jahwe. „Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nie mehr denken.“

    Jeremia 31:31-34

    Lasst uns die wichtigen Elemente notieren:

    1. Der Bund wird mit „dem Haus Israel“ geschlossen (Vers 33).

    2. Das Gesetz Gottes ist dem Gläubigen/der treuen Person ins Herz geschrieben (Vers 33)

    3. „Alle“ werden den Herrn kennen – Wie sollte „alle“ verstanden werden? Premillennialisten und Prätribulationisten wollen dies als Sprache des Millennium sehen, aber in diesem Fall kann „alle“ nicht „alle“ im Sinne von „jede Person im Königreich“ bedeuten, da uns Offenbarung 20 sagt, dass es im Tausendjährigen Reich böse Menschen gibt (die Menschen, die nach dem Tausendjährigen Reich mit Satan rebellieren). Daher ist „alle“ wirklich eine Untergruppe. Amillenniaristen, die dies als in der Kirche bereits erfüllt betrachten würden, würden sagen, dass diese Teilmenge = Gläubige (d. h. jeder, dem das Gesetz ins Herz geschrieben ist, wird den Herrn kennen). Das „alle“ in dieser Ansicht = das wahre Israel des Paulus – irgendein und jeder Gläubige.

    4. Der Bund mit dem Haus Israel wird „nach jenen Tagen“ geschlossen (Vers 33). „Jene Tage“ bezieht sich auf die Zeit des Exils, wie aus jeder Zusammenfassung von Jeremia 30-31 hervorgeht (d. h. die Frage ist: ‚Wie lange nach dem Exil wird sich der Rest davon erfüllen?‘). Hier ist eine (du kannst auch in deiner eigenen Bibel oder Studienbibel nachsehen):

    • a. Rückkehr aus der Gefangenschaft (Jer. 30:13)
    • b. Die Zeit der Not Jakobs (30:4-7) – beachte, dass dieser Abschnitt von Prämillennialisten und Präteristen als zukünftig angenommen wird, aber die Verse 4-7 könnten leicht als „Rückblende“ auf das angesehen werden, was der Herr zuvor über Israel und Juda gesagt hatte, vor der Verheißung der Rückkehr. Auch hier ist eine zukünftige Auslegung keineswegs selbstverständlich.
    • c. Befreiung von der Knechtschaft der Unterdrücker (30:8-11)
    • d. Israels Wunden werden geheilt (30:12-17)
    • e. Wiederaufbau Jerusalems und seines Herrschers (30:18-22)
    • f. Gericht, dann Segen (30:23-24)
    • Der neue Bund (31:1-40)
    • a. Gottes Barmherzigkeit für Ephraim (31:1-6) – Da das nördliche Königreich Israel („Ephraim“) zu Jeremias Zeiten nicht mehr existierte, würde jede Erfüllung zu Jeremias Zeiten in der Zukunft liegen. Während die Prämillen-/Prätrib-Ansicht davon ausgeht, dass sich dies auf eine zukünftige Wiedervereinigung Israels bezieht, könnte es sich auch auf die Rückkehr der Ephraimitenstämme in das Land beziehen (es gibt solche Stammeszugehörigkeiten, die nach der Rückkehr von Esra und Nehemia erwähnt werden , und die Stämme werden nach der Rückkehr als zwölf gezählt – siehe Esra 6:17; 8:35; Lukas 2:36 [Aser]; Neh 10:28ff. [Levi]). Dennoch könnte die Tatsache, dass in dieser Passage (siehe Vers 4) vom Wiederaufbau Israels die Rede ist und Paulus das wahre Israel mit jedem Gläubigen, ob Jude oder Heide, gleichsetzt, das ganze Thema hinfällig machen.
    • b. Die Wiederherstellung Israels in Freude (31:7-14)
    • c. Israels erfreuliche Gegenwart (31:15-22)
    • d. Judas strahlende Zukunft (31:23-26)
    • e. Nationale Zunahme in der Zukunft (31:27-30)
    • f. Gottes neuer Bund (31:31-34)
    • g. Die Ewigkeit Israels (31:35-40)

    Nun zur Diskussion. Der Aspekt der Bedingtheit im neuen Bund ist das Gesetz Gottes, das in Jer. 31:33 erwähnt wird. Das Gesetz bezieht sich auf das Gesetz des Mose. Daher setzt die Beziehung des Neuen Bundes Gehorsam gegenüber dem Gesetz voraus. Und doch zeigt die Geschichte des Volkes Gottes, dass sie es nicht einhalten können. Gott muss etwas tun, das dies ermöglicht. Er legt das Gesetz „in“ ihr Herz. Im Grunde ist der Neue Bund Gottes Weg, nicht die Bedingungen dafür, sein Volk zu sein, aufzuheben, sondern die Bedingungen für Gehorsam zu erfüllen, die er vor langer Zeit für die wahren Kinder Abrahams (siehe meinen früheren Beitrag zum Bund mit Abraham) und alle Nachkommen Davids, die auf dem Thron sitzen würden, festgelegt hat (erinnere dich daran, dass sie entfernt würden, wenn sie gottlos wären, trotz des davidischen Bundes). Gott erfüllt die Anforderungen seines eigenen Bundes durch einen Überrest, den er selbst beruft und dem er sein Gesetz einflößt.

    Wann ist der Neue Bund also erfüllt? Im Neuen Testament wird der Ausdruck „neuer Bund“ mehrmals verwendet:

    Lukas 22:20 Desgleichen auch den Kelch, nach dem Mahl, und sprach: Dieser Kelch, der für euch ausgegossen wird, ist der neue Bund in meinem Blut.

    1 Kor 11:25 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr davon trinkt, zu meinem Gedächtnis.

    2 Kor 3:6 der uns befähigt hat, Diener eines Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

    Heb 8:8 Denn er tadelt sie, wenn er sagt: „Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da werde ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund schließen,

    Heb 8:13 Indem er von einem neuen Bund spricht, macht er den ersten überflüssig. Und was überflüssig wird und alt ist, ist bereit, zu verschwinden.

    Heb 9:15 Deshalb ist er der Mittler eines neuen Bundes, damit diejenigen, die berufen sind, das verheißene ewige Erbe erhalten, da ein Tod eingetreten ist, der sie von den Übertretungen erlöst, die unter dem ersten Bund begangen wurden.

    Heb 12:24 und zu Jesus, dem Mittler eines neuen Bundes, und zum besprengten Blut, das ein besseres Wort spricht als das Blut Abels.

    Das Neue Testament sieht den Neuen Bund eindeutig als erfüllt an, und zwar durch das Werk Jesu am Kreuz und durch die Kirche – nicht in einem zukünftigen Jahrtausend. Das soll nicht heißen, dass die Idee eines tausendjährigen Königreichs von der Vorstellung abhängt, dass die Erfüllung des Neuen Bundes noch in der Zukunft liegen muss. Es muss gesagt werden, dass das Argument schwach ist. Es gibt nur einen Weg, um die Erfüllung des Neuen Bundes durch die Kirche zu umgehen – man muss argumentieren, dass der neue Bund in diesen neutestamentlichen Abschnitten nicht der Neue Bund des Alten Testaments ist, sondern sich auf einen „neuen neuen Bund“ bezieht. Klingt verrückt? Dann lies nicht die Ryrie Study Bible oder Ryries berühmtes Buch „Dispensationalism Today“, denn genau das tut er, um dieses Problem zu umgehen (manche würden sagen, um das Neue Testament zu umgehen). So sehr Ryrie auch Respekt verdient, was er mit dem Neuen Bund macht, ist reine Sophisterei.

    Eine letzte Frage – und das ist die entscheidende: Wenn man so sauber argumentieren kann, mit zahlreichen neutestamentlichen Beweisen (siehe die letzten beiden Beiträge sowie die obigen Verweise auf den Neuen Bund), dass alle drei Bündnisse – das abrahamitische, das davidische und das Neue – durch das Werk Jesu am Kreuz und seine Kirche erfüllt werden, wozu braucht es dann noch etwas anderes? (oder: Warum widerstrebt man so gegenüber der Erfüllung in der Kirche? Oder: Was verlierst du?)

    Ich kann diese Frage nicht für euch beantworten. Ich spreche sie nur an, um noch einmal darauf aufmerksam zu machen, warum ich diese Serie mache. Jeder bringt seine Vorurteile in die Eschatologie ein. Es gibt KEINE selbstverständlichen Ansichten. Jeder, der etwas anderes sagt … nun, ihr wisst bereits, was ich darüber in früheren Beiträgen denke. Der einzige Weg, der Vorurteilsfalle zu entkommen (und doch nicht wirklich vollständig zu entkommen), besteht darin, die Systeme über Bord zu werfen. Das habe ich vor langer Zeit beschlossen. Zugegeben, ich muss wie alle anderen Entscheidungen auf der Grundlage von Vorannahmen treffen. Aber ich kann sagen, dass ich weitaus weniger Probleme habe (zum Teil, weil ich nicht in den Verteidigungsmodus wechsle, wenn ich über Eschatologie spreche – das brauche ich nicht). Wenn wir das alles hinter uns haben, werde ich euch sagen, wo ich stehe, aber wir haben noch einen laaaangen Weg vor uns.

  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 4

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 4

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 4

    Thema: Wurde der davidische Bund durch den Abfall Israels, der zum Exil führte, „weggesündigt“? Der Verfasser von Psalm 89 fragte sich das sicherlich. Wenn dem so wäre, hätte eine buchstäbliche tausendjährige Herrschaft Jesu in der Zukunft vielleicht keinen Sinn. Seine Herrschaft wäre spirituell und würde sich von der Auferstehung und Pfingsten an durch die Kirche hindurch erfüllen.

    Im letzten Beitrag haben wir darüber gesprochen, wie bestimmte Ansichten über die Endzeit mit bestimmten Ansichten über die biblischen Bündnisse mit Abraham und David sowie über den Neuen Bund verbunden sind. Viele Christen wollen auf der Grundlage der Unwiderruflichkeit des Abrahambundes für ein buchstäbliches Millennium eintreten – die Vorstellung, dass der Bund niemals rückgängig gemacht werden kann, da er bedingungslos war. Die Landversprechen müssen daher an Israel gehen, und das bedeutet, dass ein buchstäbliches Millennium in Bezug auf die biblische Prophezeiung noch in der Zukunft liegt. Wir haben jedoch gesehen, dass der Bund mit Abraham tatsächlich an Bedingungen geknüpft war und dass er nur für Abrahams „wahre“ Kinder erfüllt wurde – diejenigen, die wie Abraham glauben. Wir haben gesehen, dass die Kirche gut zu Galater 3 passt. Aber wir endeten mit diesen Fragen: Da diejenigen, die glauben, die Verheißungen erben, ergibt das, was Paulus in Galater 3 sagt, durchaus Sinn – aber ist das das Ende der Geschichte? Ist das Königreich die Kirche? Aus welchen Gründen sollten wir in Zukunft auf ein nationales Königreich in Israel hoffen?

    In diesem Beitrag betrachten wir den Bund mit David.

    Ein Königreich braucht natürlich einen König. Der israelitische König musste ein Israelit sein (ein Sohn Abrahams). Das versteht sich von selbst. Aber als David schließlich den Thron bestieg, schloss Gott auch mit ihm einen Bund, der die Kriterien für das Königtum ergänzte. Dieser Bund ist in 2. Samuel 7 festgehalten (und wird im Wesentlichen mit den gleichen Worten in Psalm 89 wiederholt):

    4 Doch in derselben Nacht kam das Wort Jahwes zu Natan: 5 „Geh zu meinem Diener David und richte ihm aus: ‚So spricht Jahwe: Du willst mir ein Haus bauen, in dem ich wohnen soll? 6 Seit ich die Söhne Israels aus Ägypten herausführte, habe ich noch nie in einem Haus gewohnt, sondern bin bis heute in einer Zeltwohnung umhergezogen. 7 Habe ich während dieser ganzen Zeit jemals zu einem der Führer Israels gesagt: „Warum baut ihr mir kein Haus aus Zedernholz?“ Ich hatte ihnen nur aufgetragen, mein Volk Israel zu weiden.‘ 8 Darum sollst du meinem Diener David ausrichten: ‚So spricht Jahwe, der Allmächtige: Ich selbst habe dich von der Schafherde weggeholt und dich zum Herrscher über mein Volk Israel gemacht. 9 Und wohin du auch gegangen bist, bin ich bei dir gewesen und habe alle deine Feinde vor dir beseitigt. Ich habe deinen Namen berühmt gemacht. Du wirst zu den Großen der Erde gezählt. 10 Ich habe meinem Volk Israel eine Heimat gegeben, ein Land, in dem es sicher leben kann und nicht mehr zittern muss. Böse Menschen werden es nicht mehr unterdrücken wie früher 11 und auch noch zu der Zeit, als ich Richter über mein Volk Israel einsetzte. Ich habe dir Ruhe vor all deinen Feinden verschafft. Und nun kündigt Jahwe dir an, dass er dir ein Haus bauen wird. 12 Wenn deine Zeit abgelaufen ist und du gestorben bist, werde ich dir einen deiner eigenen Nachkommen auf dem Thron folgen lassen und seine Herrschaft festigen. 13 Der wird dann ein Haus für meinen Namen bauen. Und seinem Königtum werde ich ewigen Bestand geben. 14 Ich werde sein Vater sein, und er soll mir Sohn sein. Wenn er Unrecht begeht, werde ich ihn mit menschlicher Rute und auf menschliche Weise züchtigen. 15 Aber meine Gnade entziehe ich ihm nicht, wie ich sie Saul entzog, den ich vor dir beseitigt habe. 16 Dein Königshaus und deine Königsherrschaft sollen für immer vor mir Bestand haben. Dein Thron steht fest auf ewig.‘“ 17 Natan gab David alles genauso weiter, wie es ihm gesagt und offenbart worden war.

    2. Samuel 7:4-17 NEÜ

    Dieser Bund ist einseitig (nur von Gott initiiert) und in seiner Sprache bedingungslos. In 2. Samuel 7:21 antwortet David: „Durch dein Wort und nach deinem Herzen hast du all diese Großartigkeit bewirkt, um es deinem Knecht kundzutun.“ David werden keine Bedingungen gestellt. Er kann in Versprechen unterteilt werden, die David zu Lebzeiten sehen würde (Verse 8–11a), und Versprechen, die nach seinem Tod erfüllt werden sollten (11b–16). Der Kerngedanke dieses Bundes ist, dass Davids Dynastie als einzige legitime Dynastie für das Königtum in Jerusalem etabliert wird. Gott garantiert, dass niemand außer einem Nachkommen Davids als König in Jerusalem regieren wird. Davids Thron ist daher ewig.

    Aber ist das alles? Wir haben gesehen, dass Abrahams Bund sowohl bedingungslos als auch bedingt war. Er war insofern bedingungslos, als Gott seine Erfüllung unabhängig vom menschlichen Verhalten garantierte. Er war insofern bedingt, als nur diejenigen, die glaubten und gehorchten („Gehorsam des Glaubens“), daraus Nutzen ziehen würden. Und er wurde schließlich in Jesus erfüllt – dem vollkommen gehorsamen Sohn Abrahams, durch den alle Nationen gesegnet werden sollten (Gen 12:3).

    Davids Bund ist derselbe – er ist sowohl bedingungslos als auch bedingt. Beachte die bedingte Sprache in 2 Samuel 7:12-15

    12 Wenn deine Zeit abgelaufen ist und du gestorben bist, werde ich dir einen deiner eigenen Nachkommen auf dem Thron folgen lassen und seine Herrschaft festigen. 13 Der wird dann ein Haus für meinen Namen bauen. Und seinem Königtum werde ich ewigen Bestand geben. 14 Ich werde sein Vater sein, und er soll mir Sohn sein. Wenn er Unrecht begeht, werde ich ihn mit menschlicher Rute und auf menschliche Weise züchtigen. 15 Aber meine Gnade entziehe ich ihm nicht, wie ich sie Saul entzog, den ich vor dir beseitigt habe.

    2. Samuel 7:12-15 NEÜ

    Der Referent ist Salomo, der Nachfolger Davids. Selbst wenn Salomo vom rechten Weg abkommt (was er tat), versprach Gott, dass er Davids Linie dennoch treu bleiben würde.

    Die bedingte Idee der Loyalität gegenüber Jahwe, um den Vorteil des bedingungslosen Bundes zu erlangen, wird in Psalm 132:11-12 belegt –

    11 und auch noch zu der Zeit, als ich Richter über mein Volk Israel einsetzte. Ich habe dir Ruhe vor all deinen Feinden verschafft. Und nun kündigt Jahwe dir an, dass er dir ein Haus bauen wird. 12 Wenn deine Zeit abgelaufen ist und du gestorben bist, werde ich dir einen deiner eigenen Nachkommen auf dem Thron folgen lassen und seine Herrschaft festigen.

    Psalm 132:11-12 NEÜ

    Es ist klar – der König sollte rechtschaffen sein, und wenn er es nicht war, konnten sie damit rechnen, dass ihre direkte Linie abgeschnitten wurde. Sie wurden ersetzt.

    Schau dir an, was in der Geschichte Israels nach Salomo geschah. Das Königreich spaltete sich in zwei Teile. Davids Linie (2 Stämme; Juda) überlebte das Rebellenkönigreich des Nordens (10 Stämme; Israel), aber es wurde tatsächlich 586 v. Chr. zerstört. Seitdem hat kein König (David oder sonst jemand) mehr den Thron von Jerusalem bestiegen … je nachdem, wie man die Dinge betrachtet.

    Was ist also mit dem Untergang des Königreichs? Das Königtum Davids muss genauer betrachtet werden. Der Bund mit David schuf tatsächlich eine „Vater-Sohn“-Beziehung zwischen Gott und dem König. Dies wird in Psalm 2:7-8, Psalm 89 angedeutet. Gott sagt über den König: „Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein.“ Aber was ist mit bösen, illoyalen Söhnen? Was ist mit israelitischen Königen, die dem Bund mit Abraham und den gerechten Forderungen Jahwes nicht gehorchten? Sie werden verstoßen, aber (wie beim Bund mit Abraham) hebt ihre Ablehnung den Bund selbst nicht auf – es bedeutet nur, dass sie das Königtum und den Segen Jahwes verwirken. Aus Passagen wie 1. Könige 6:12-13; 1. Könige 9:4-7 geht hervor, dass untreue Söhne/Könige den Segen Jahwes verlieren, selbst wenn sie aus der Linie Davids stammen. Waltke drückt es so aus:

    „Jahwe gewährte sowohl Abraham als auch David ewige Nachkommenschaft und ein Lehen. Loyale Söhne … würden das Lehen in vollen Zügen genießen; illoyale Söhne würden Jahwes Schutz und, wenn sie in ihrem Fehlverhalten verharrten, den Besitz des Lehens selbst verlieren. Das Lehen würde jedoch niemals beschlagnahmt werden – ein Versprechen, das die Hoffnung weckt, dass Jahwe einen loyalen Sohn erwecken würde.“1

    Der Sinn all dessen lässt sich in zwei Fragen zusammenfassen:

    1. Da Gott es zuließ, dass das Volk Juda und die Dynastie Davids vernichtet und vertrieben wurden, was ist dann mit dem davidischen Bund? Ist er vorbei?

    Christen beantworten diese Frage in der Regel mit „nein“, unabhängig von ihrer Sicht auf das Endzeitreich. Es herrscht Einigkeit darüber, dass „Gott einen treuen Sohn“ – Jesus – erwecken würde, um den Bund zu erfüllen. Das bringt uns zur zweiten, gewichtigeren Frage:

    2. Ist es möglich, dass der davidische Bund bereits in Jesus, dem Sohn Davids und Messias, erfüllt wurde?

    Wenn dies der Fall ist, wird der Bund von Gott vollständig eingehalten und erfüllt, und es gäbe keinen Grund, eine buchstäbliche Herrschaft Jesu auf Erden zu erwarten. Aber warum? Viele, die dies lesen, werden sagen: „Wie kann der Bund erfüllt werden, wenn Jesus nicht zurückgekehrt ist und den Thron eingenommen hat?“ Die Frage geht davon aus, dass der ABRAHAMISCHE Bund ein buchstäbliches Land und Königreich erfordert – was wir in den letzten Beiträgen gesehen haben, ist KEINE selbstverständliche Interpretation des biblischen Textes. Es kann durchaus sein, dass das Königreich = die Kirche ist. Aber wenn das der Fall ist, ist Jesus dann jetzt König?

    Ist das nicht eine interessante Frage? Will irgendjemand wirklich leugnen, dass Jesus JETZT König ist?

    Sitzt Jesus jetzt auf dem Thron? Laut Hebräer 8:1 und 12:2 ist er es. Er sitzt „zur Rechten Gottes“. Aber das reicht vielen Christen nicht. Sie wollen die buchstäbliche Herrschaft. Schön. Das ist keine Sünde. Mein Ziel hier ist es nur zu zeigen, dass die Idee, dass das davidische Königtum bereits erfüllt wurde, mit Klarheit und Kohärenz über den biblischen Text vermittelt werden kann. Die Vertreter der Amillennialisten können leicht argumentieren, dass sowohl der Bund mit Abraham als auch der Bund mit David in Jesus erfüllt wurden, Punkt. Diejenigen, die sich ein buchstäbliches Königtum in der Zukunft wünschen, können sagen: „Jesus ist jetzt König im Himmel und wird es später auf Erden sein“ – aber sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass eine solche Ansicht von der eigenen Sichtweise auf die Landverheißungen des Bundes mit Abraham abhängt! Ohne das braucht ihr das hier nicht. Da wir nicht mit absoluter Sicherheit wissen können, wie es weitergeht, sollten wir aufhören, so zu tun, als gäbe es nur eine „biblische“ Sichtweise der Eschatologie. Ich hoffe, ihr versteht, warum ich versuche, nicht mit den Augen zu rollen, wenn ich so etwas höre. Und wir haben noch einen langen Weg vor uns!

    1. Bruce K. Waltke, The Phenomenon of Conditionality within Unconditional Covenants, in Israels Apostasy and Restoration: Essays in Honor of Roland K. Harrison, ed. Avraham Gileadi, Baker: 1988, pp. 131-132 ↩︎
  • Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 3

    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 3

    Von Dr. Michael S. Heiser


    Diese Serie ist die deutsche Übersetzung der Blogartikel des Bibelwissenschaftlers Dr. Michael S. Heiser in seiner Blog-Serie über Eschatologie.


    Warum eine obsessive Beschäftigung mit Eschatologie Zeitverschwendung ist, Teil 3

    Thema: Waren die Bündnisse, die Gott mit Abraham und David geschlossen hat, und der Neue Bund (Jeremia 31:31-34) an Bedingungen geknüpft? Sind diese Bündnisse bedingt oder bedingungslos? Die Frage ist entscheidend, um zu wissen, ob die Bündnisse (die mit dem Landversprechen verbunden sind) noch in Kraft sind oder nicht (und somit von der Kirche erfüllt wurden).

    Bisher haben wir über einen einzigen Streitpunkt gesprochen, der Bibelwissenschaftler und -studenten in der Eschatologie entzweit: ob Israel und die Kirche bei der Auslegung der Prophezeiungen getrennt betrachtet werden sollten oder nicht. Die Frage ist von Bedeutung, da jede Position, die eine buchstäbliche tausendjährige Herrschaft Christi in der Zukunft befürwortet, (um kohärent zu sein) argumentieren muss, dass die Landverheißungen, die Abraham und seinen Nachkommen gegeben wurden, immer noch in Kraft sind – und daher eine buchstäbliche Erfüllung erwartet wird. Wenn die Kirche Israel als Volk Gottes ersetzt hat und wenn die Landverheißungen nun durch den Missionsbefehl erfüllt werden, die Erde mit Gottes Volk zu übersäen (d. h. die Kirche ist das Königreich), dann wäre kein buchstäbliches Millennium zu erwarten.

    So heißt es jedenfalls.

    Um genauer zu sein, hat das bisher behandelte Thema sowohl bei mir als auch bei den Kommentatoren Fragen aufgeworfen. Und es gibt einige Fragen, die sich aus dem Problem „Israel und/oder die Kirche: Ja oder Nein?“ ergeben und die ich noch nicht angesprochen habe. Zum Beispiel:

    1. Während Galater 3 ausdrücklich besagt, dass die Kirche (Christen) die Abraham gegebenen Versprechen geerbt haben, beschränkt Paulus diese Versprechen auf diejenigen, die einen Samen (Nachkommen – buchstäblich und/oder geistlich) versprechen, aber das Land ausschließen? Mit anderen Worten, da das Land in Galater 3 nicht erwähnt wird, könnte dieser Teil der Versprechen immer noch für das nationale Israel gelten?

    2. Es ist zwar sinnvoll, dass der Missionsbefehl die Erfüllung des Landelements bedeutet – die Evangelisierung der Nationen, um die verlorenen Nationen zurückzugewinnen –, aber was halten wir von der Tatsache, dass es keinen Vers gibt, der diese explizite Verbindung herstellt?

    3. Da Paulus in Römer 9–11 klarstellt, dass

    (a) „Israel“ sich auf „natürliche Israeliten (Juden)“ bezieht und

    (b) „Israel“ sich auch auf „geistliche Israeliten“ (Gläubige) bezieht; und

    (c) „ganz Israel ist nicht Israel“ (dass es innerhalb des nationalen Israels ein geistliches Israel gibt, das aus Juden und Nichtjuden besteht); und

    (d) es gibt diese Sache, die man Kirche nennt (Juden und Nichtjuden)

    … können wir dann diese Gruppen in Bezug auf die Prophezeiung wirklich sauber trennen ODER zusammenführen? Einige würden sagen ja, andere nein. Und DAS ist das Problem. Man kann in jeder Hinsicht einen schlüssigen Fall vorbringen. Alles, was wir wirklich sagen können, ist, dass Paulus (und andere Autoren) in Bezug auf das Neue Testament „Israel“ nicht nur auf ethnische Israeliten beschränken – der Begriff bedeutet jetzt viel mehr.

    Die Frage läuft wirklich darauf hinaus: Würde Paulus (oder andere Autoren des Neuen Testaments) sagen, dass das nationale Israel keine eschatologische Zukunft hat, außer als Mitglieder des neuen, geistlichen Israel, der Kirche? Sind die Schicksale der Kirche und des nationalen Israel in toto miteinander verbunden, oder können sie „größtenteils“ miteinander verbunden sein und es dennoch eine eschatologische Zukunft geben, die das nationale Israel einschließt?

    Noch einmal: Wir können es nicht mit Sicherheit wissen. Also muss jeder demütig sein (oder sollte sein). Dies ist nur einer von vielen Gründen (eine ganze Liste, an der ich hier arbeite), warum ich erschaudere, wenn ich eine E-Mail von jemandem erhalte, der völlig von seiner eschatologischen Position eingenommen ist und keine andere akzeptiert (und wahrscheinlich nicht einmal weiß, dass es andere gibt). Ich bete und hoffe, dass der Glaube dieser Person nicht wirklich auf dem neuesten lauen Prophezeiungsroman oder dem Fernsehprediger für Prophezeiungen beruht.

    All das führt uns zum heutigen Thema: Waren die Bündnisse, die Gott mit Abraham und David geschlossen hat, und der Neue Bund (Jeremia 31:31-34) an Bedingungen geknüpft? Sind diese Bündnisse bedingt oder bedingungslos?

    Erfahrene Prophezeiungsfreaks wissen, dass diese Frage wichtig ist, denn wenn diese Bündnisse an Bedingungen geknüpft waren, bestand die Möglichkeit, dass sie aufgelöst oder für ungültig erklärt wurden, weil Israel die Bedingungen nicht erfüllte. Die Lage sieht auch düster aus. Da Israel (alle 12 Stämme) ins Exil geschickt wurde, könnte man leicht argumentieren, dass die Verheißungen für das nationale Israel aufgehoben und an die Kirche als Empfänger der Erfüllung übergeben wurden. Die Art von vollkommenem Gehorsam, die die Bündnisse erfordern, würde in und durch Jesus erfüllt werden. Er ist der ultimative Sohn Abrahams, der König in der Linie Davids, und er war es, der nach seiner Auferstehung den Geist sandte, um gemäß dem Neuen Bund in den Herzen der Gläubigen zu wohnen. Sieht ziemlich ordentlich aus. Aber das würde bedeuten, dass die Kirche das nationale Israel in seiner Gesamtheit verdrängt hat. Israel war (offen gesagt) nicht mehr nützlich. Der Knecht aus Jesaja – und Kapitel 53 ist der einzige Ort in Jesaja, an dem der Knecht eine einzelne Person ist – ist eigentlich der Vertreter des kollektiven Knechts in Jesaja – Israel (die restlichen Vorkommen von „Knecht“ in Jesaja beziehen sich auf die Nation Israel – schlag es nach). Daher ist Jesus alles und alle Bündnisse finden in Ihm Erfüllung. Und Sein Körper ist die Kirche. Wieder ein sehr ordentliches Bild – eines, das die Anhänger der „Left Behind“-Bücher ziemlich mürrisch machen würde, da es dann kein buchstäbliches Königreich braucht und ohne dieses die ganze Idee der Entrückung nicht einmal auf den Tisch kommt.

    Ich hoffe, du siehst (wieder), wie dünn der gesamte Rahmen für diese unbestreitbar weit verbreitete Ansicht über die Endzeit ist. Es ist weit davon entfernt, selbstverständlich zu sein. Aber auch die anderen Ansichten können keine absolute Gewissheit für sich beanspruchen. Wir werden auf sie zurückkommen. Lasst uns jetzt über das Problem der Bedingtheit (B) und Unbedingtheit (UB) sprechen.

    Die kurze Antwort auf meine Frage lautet „Ja“ – die Bündnisse sind sowohl B als auch UB. Diejenigen, die an eine Entrückung glauben, wurden gelehrt, dass sie bedingungslos sind. Falsch. Fangen wir also damit an.1

    Der Bund mit Abraham (1. Mose 12:1-3; 1. Mose 15)

    In diesem Bund gibt es mit Sicherheit Elemente des Unbedingten. Gott initiiert den Bund und seine Verheißungen. Die ersten sechs Verse handeln von der Verheißung von Nachkommen (1. Mose 15:1-7). In 1. Mose 15:7-16 geht es um die Verheißung des Landes. Dann geht Gott allein durch die rituell geschlachteten und zubereiteten Tiere, um den Bund zu besiegeln (1. Mose 15:17-21). Die Erfüllung der Verheißungen des Bundes hängt also allein von Jahwe ab. Fall abgeschlossen, oder? Falsch.

    Die Erfüllung der Versprechen hängt zwar von der Fähigkeit Jahwes ab, aber es ist eine ganz andere Frage, WER die Empfänger der von Jahwe erfüllten Versprechen sein werden. Hier kommen die bedingten Elemente ins Spiel. Kurz gesagt hängt der Erhalt der Versprechen von einer spirituellen Beziehung zu Jahwe ab – dem Gehorsam gegenüber seiner Offenbarung.

    In 1. Mose 12:1-3, der ersten Passage über den Bund mit Abraham, sehen wir, wie Abraham gehorcht, was ihm gesagt wird („und er [Abraham] ging“; 1. Mose 12:4). Nach der Bundeszeremonie in 1. Mose 15 bekräftigt Gott den Bund in 1. Mose 17:2. Aber 1. Mose 17:1 legt eine klare Bedingung fest. Hier sind die beiden Verse zusammen:

    Als Abram 99 Jahre alt war, erschien ihm Jahwe und sagte: „Ich bin El-Schaddai, ‚Gott, der Allmächtige‘, geh deinen Weg vor mir und halte dich ganz an mich! Ich schließe meinen Bund mit dir und werde dir unermesslich viele Nachkommen geben.“

    1. Mose 17:1,2 NEÜ

    Beachte, dass die Sprache von Vers 2 eindeutig aus dem Bund von 1. Mose 12 und 15 stammt. Aber dieses Mal gibt es eine klare Bedingung. Gott fährt in 1. Mose 17 fort und wiederholt alle Elemente des ursprünglichen Bundes. Dann fordert er, dass Abraham und alle in seinem Haushalt beschnitten werden. Hier ist der Punkt: Nur Abrahams beschnittene Nachkommen – diejenigen, die gehorchen – sind berechtigt, die Versprechen zu erhalten, die Jahwe geben wird. Die Weigerung zu gehorchen bedeutete, dass man nicht an den Verheißungen teilhaben würde. Gott würde dafür sorgen, dass die Verheißungen erfüllt wurden, aber die Person, die sich weigerte zu gehorchen, würde nicht davon profitieren. Wir sehen mehr von dieser Bedingtheit in 1. Mose 18. Die beiden Elemente sind glasklar:

    17 Der HERR aber dachte: Soll ich vor Abraham geheim halten, was ich tun will? 18 Abraham soll zu einem grossen und mächtigen Volk werden, und durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. 19 Denn ich habe ihn erkoren, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm gebiete, den Weg des HERRN einzuhalten und Gerechtigkeit und Recht zu üben, damit der HERR über Abraham kommen lasse, was er ihm gesagt hat.

    1. Mose 18:17-19 NEÜ

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jahwe sich einseitig dazu verpflichtet hat, bestimmte Dinge zu tun, die er Abraham versprochen hat. Diese Versprechen gelten jedoch nur für Abrahams geistige Nachkommen – diejenigen, die wie er Jahwe folgen würden. Zunächst galt dies im Grunde nur innerhalb Israels, Abrahams physischem Samen. Schließlich weitete es sich auf Nichtjuden aus. Aber die Prämisse war dieselbe: Der „Gehorsam des Glaubens“, wie die Apostel es gerne nannten, war notwendig, um die Versprechen zu erhalten. Der Bund mit Abraham war sowohl an Bedingungen geknüpft als auch bedingungslos.

    Und nun zu den Fragen: Hat das nationale Israel als Körperschaft die Verheißungen verwirkt? Da diejenigen, die glauben, die Verheißungen erben, ergibt das, was Paulus in Galater 3 sagt, durchaus Sinn – aber ist das das Ende der Geschichte? Ist das Königreich die Kirche? Aus welchen Gründen sollten wir in Zukunft auf ein nationales Königreich in Israel hoffen? Wenn es so ist, dann nicht, weil der Bund bedingungslos an DIE NATION Israel gegeben wurde. Beide Testamente stimmen darin überein, dass diejenigen, denen die Verheißungen gegeben wurden, diejenigen waren, die GLAUBEN.

    Es geht um den Gehorsam des Glaubens, nicht um die Nationalität. So viel ist zumindest klar. Wir können also jetzt aufhören, ein buchstäbliches Millennium auf der Grundlage der Unbedingtheit des Bundes zu verteidigen. Für diese Idee braucht man ein anderes Argument. Dieses ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

    Als Nächstes der davidische Bund.

    1. Leser, die sich für eine eher technische Diskussion dieses Themas interessieren, werden auf Bruce K. Waltke, „The Phenomenon of Conditionality within Unconditional Covenants“, in Israel’s Apostasy and Restoration: Essays in Honor of Roland K. Harrison, Hrsg. Avraham Gileadi, Baker: 1988, S. 123-140, verwiesen. ↩︎
  • Gottes Bild sein – Teil 5

    Gottes Bild sein – Teil 5

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im vierten Teil angekündigt haben, werden wir uns nur mit dem „Weg der Weisheit“ beschäftigen.

    Die Suche des Menschen

    Könnte man den Weihnachtsmann fragen, was am häufigsten auf der Wunschliste der Menschen steht, wird er wohl kaum antworten: Weisheit. Dabei ist Weisheit doch eigentlich mit das Wichtigste, was man im Leben erlangen sollte.

    Gemäß der Bibel können wir Weisheit auf zwei Weisen kultivieren: Indem wir Gott als Quelle von Weisheit vertrauen. Und zweitens, indem du sorgfältig beobachtest, wie die Welt funktioniert, und dich für das Gute entscheidest.

    Dementsprechend haben wir in der Bibel die Bücher Sprüche, Prediger und Hoheslied. Interessanterweise behaupten die Weisen hier nicht, dass sie im Namen Gottes sprechen.

    Weisheit ist etwas, das wir wollen müssen. Wir müssen sie lieben und alles, was wir haben, für sie aufwenden, sie wertschätzen und umarmen. Wenn wir das nicht tun, könnte unsere Geschichte so enden wie die Salomos: Es beweist, dass Weisheit keine Leistung ist, über die man sich freuen kann, sondern ein Muskel, den man trainieren muss. Oder wie N.T. Wright sagt: „Die Liebe ist die schärfste Form der Erkenntnis, weil die Liebe es ist, die, während sie sich mit einer anderen Wirklichkeit als der eigenen identifiziert, die andere Wirklichkeit als die eigene bejaht und feiert.“

    Wenn du jetzt den Eindruck gewonnen hast, dass das eine ziemlich schwierige Aufgabe für schlaue Leute ist, dann rückt die Bibel dieses Bild gerade: „Ihr Anfänger, lernt, was Klugheit ist! / Ihr Tagträumer, werdet endlich wach! Hört zu, ich gebe euch einen wertvollen Rat! / Die Wahrheitsliebe öffnet mir den Mund.“ (Sprüche 8:5,6 NEÜ) Ironischerweise liegt der Schlüssel zur Entdeckung von Weisheit in der Erkenntnis, dass wir keine Antworten haben und nicht wissen können, was das Beste ist. Darum geht es eigentlich – dass wir lernen, uns auf Gott zu verlassen, der uns den Weg zum Leben zeigt.

    Menschliche Schwäche und Sterblichkeit disqualifizieren uns nicht, unseren menschlichen Daseinszweck zu erfüllen. Sich durch ehrliches Gebet auf Gott zu verlassen, ist der Weg zur Weisheit. Das Buch der Psalmen enthält viele solche Gebete.

    Menschliches Leiden

    Vielleicht ist dir aber schon der Gedanke gekommen, dass das Buch Prediger doch eher deprimierend ist: „ Alles Reden müht sich ab, keiner kommt damit zum Ziel. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr wird vom Hören nicht voll. Was einmal geschah, wird wieder geschehen, und was einmal getan wurde, wieder getan, und nichts ist wirklich neu unter der Sonne. An die Früheren erinnert man sich nicht, und an die Späteren, die kommen werden, auch an sie wird man sich nicht erinnern bei denen, die zuletzt sein werden.“ (Prediger 1:8,9,11)

    Und anscheinend beginnt das Buch Prediger nicht mit Weisheit sondern mit einer klaren Ansage, was für eine deprimierende Aussicht uns erwartet: „“Bedeutungslos! Bedeutungslos!“, sagt der Prediger. „Völlig bedeutungslos! Alles ist bedeutungslos.““ (Prediger 1:2 NIV) Aber wer sagte das und sagte die Person das wirklich so, wie es übersetzt wird?

    Die Person wird ‚Prediger‘ im Deutschen genannt. Daher auch der Name des Buches. Im Hebräischen steht dort Kohelet. Das bedeutet „Versammler, Gemeindeleiter“. In der Septuaginta wurde es mit Ekklesiastes übersetzt, was „Redner in einer Volksversammlung“ bedeutet und woraus derm Name des Buches im englischen Sprachraum ableitet.

    Was er in Prediger 1:2 sagt ist: „Hevel, hevel. Alles ist vollständig hevel“. Hevel bedeutet soviel wie Dunst. Es wird als eine Methapher verwendet. „Alles ist wie ein Dunst.“ In Prediger wird nicht gesagt, dass alles sinnlos ist oder ‚nichtig‘ wie es manchmal übersetzt wird. Sondern eher ‚flüchtig‘. Die Weisheit besteht darin, zu erkennen, dass es jenseits unsere Fähigkeiten liegt, den Sinn des Leben vollständig zu verstehen. Und dass wenn wir immer nur in die Zukunft schauen, auf das, was wir nicht haben, was vergehen wird, dann übersehen wir das ganze Leben was Gutes direkt vor unseren Augen ist.

    Der Prediger fordert uns auf, die Reise zu genießen. Hör auf, so fieberhaft zu versuchen, das Leben zu verstehen, sondern sei dankbar für Momente der Freude und Zufriedenheit – Essen, Trinken, Freunde – das sind Geschenke unseres Schöpfers.

    Wir Menschen sind nicht in der Lage, Gottes Wege zu verstehen. Gott ist uns keine Erklärung schuldig. Er lädt uns einfach ein, ihm zu vertrauen. Schlechte Dinge passieren guten Menschen, weil wir in einer Welt leben, die von Gebrochenheit gezeichnet ist. Wir müssen lernen, mit dem Unbekannten zu leben. Die menschliche Sterblichkeit und die Zerbrochenheit unserer Welt bedeuten, dass wir lernen müssen, innerhalb von Grenzen freudig zu leben.

    Das ist heute Teil unseres Sein, unsere Bestimmung, Bilder Gottes zu sein und entsprechend zu leben. Doch so wird es nicht bleiben. Im nächsten Teil beschäftigen wir uns mit den Menschen in Gottes neuer Welt.

  • Gottes Bild sein – Teil 1

    Gottes Bild sein – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Um unsere Berufung und Zukunft als Menschen aus biblischer Sicht besser verstehen zu können, müssen wir in Genesis beim Bericht über die Schöpfung in 1. Mose anfangen. Doch das ist heutzutage ein denkbar schlechter Startpunkt für ein Video, weil praktisch jeder schon eine Meinung dazu hat und damit abschaltet: Von streng wörtlicher Auslegung bis zur völligen Ablehnung gibt es alles.

    Worum es in der Genesis aber geht, kann man nur richtig verstehen, wenn wir unseren Kontext des 21. Jahrhundert vergessen – soweit das überhaupt möglich ist – und die Worte mit dem Kontext der Israeliten vor 3500 Jahren lesen. Mindestens drei wesentliche Unterschiede müssen wir berücksichtigen:

    1. Die Menschen damals interessierte nicht „was die Welt im Innersten zusammenhält“, also der heutige wissenschaftliche Ansatz. Sondern wer die Welt ordnet und für ihre Funktionieren verantwortlich ist und sorgt.
    2. Die damalige Vorstellung von Himmel und Erde war eine ganz andere als heute. Nein, es geht nicht darum, dass sie irgendwie beschränkter oder ‚primitiver‘ war. Da die ‚Welt‘ dieser Menschen auf einen sehr überschaubaren Teil der Erde beschränkt war, war so etwas wie ein Globus oder eine Weltkarte unwichtig. Was sie interessierte war eine Beschreibung der ‚Welt‘, in welcher der Bereich der Menschen, der geistigen Wesen, der Toten und die Ordnung des Ganzen einfach verständlich war. Und so waren auch die Weltbilder oder Modelle anderer Völker aufgebaut. Wer heute diese als unwissenschaftlich belächelt, hat deren eigentlichen Zweck nicht verstanden.
    3. Die Israeliten kannten die Weltbilder und Schöpfungsgeschichten aus Ägypten und Mesepotamien. Daher ist ein Vergleich der Genesis mit diesen sehr aufschlußreich.

    Muster im biblischen Schöpfungsbericht

    Carmen Imes bezieht sich hier auf die Arbeiten verschiedener Gelehrter, insbesondere auf John H. Waltons Arbeiten, die man zum Beispiel in seinem Buch The Lost World of Genesis One finden kann:

    The Lost World of Genesis One von John H. Walton

    Jascha Schmitz hatte den Inhalt in seiner Video Serie Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt schon ausführlich erläutert. Daher werde ich hier das Ergebnis nur sehr kurz zusammenfassen.

    Kurz gesagt geht es im Schöpfungsbericht in der Genesis (1. Mose) nicht darum, wie Gott alles gemacht hat, sondern warum.

    Carmen Joy Imes, Being God’s Image

    Um das Risiko zu minimieren, unsere eigenen Ideen dem Text der Bibel hinzuzufügen, ist es wichtig, nach Mustern Ausschau zu halten, die der Author verwendet, um Dinge zu betonen. Was in einer Übersetzung meist verloren geht, ist der Rhythmus und die Wiederholung bestimmter Wörter oder Bilder in der Originalsprache des Textes. So ist es auch hier: „Gott sagte“ wird 3 mal für Menschen und 7 mal alles andere verwendet, also 10 mal. „Es werde …“ wird 3 mal für die Himmel und 7 mal für die Erde verwendet, also 10 mal. „machen“ wird 10 mal verwendet, „gemäß ihrer Art“ 10 mal, „Gott sah, dass es gut war“ 7mal usw. Es gibt noch mehr davon. Und wir finden dieses Muster:

    Die Symmetrie des Schöpfungsberichts in der Genesis

    In die Welt, die in 1. Mose 1:2 noch „formlos und leer“ ist, bringt Jahwe die Ordnung, die wir kennen. Am ersten Tag trennt Jahwe Licht von Dunkelheit, welche dann am vierten Tag mit Sonne, Mond und Sternen bevölkert werden. Am zweiten Tag trennt Jahwe die Wasser – oberhalb und unterhalb – und erschafft so den Himmel dazwischen. Am fünften Tag bevölkert Jahwe diese mit Vögeln und Fischen. Am dritten Tag trennt Jahwe trockenes Land ab und am sechsten Tag werden diese mit Landtieren und Menschen bevölkert.

    Menschen der Antike waren nicht daran interessiert, wie die Dinge ins Dasein kamen, sondern warum. Und der Schöpfungsbericht der Genesis in 1. Mose 1 gibt die Gründe an, das Warum: An Tag 1 sorgt Jahwe für Licht und an Tag 4 Himmelskörper, mit denen die Israeliten Zeit messen konnten, was nicht nur für den Ackerbau wichtig war, sondern auch für die Einhaltung der Festtage, welche den Israeliten auch gemäß den Büchern Mose mitgeteilt wurden. An Tag 2 sorgt Jahwe für den Bereich der Luft zwischen den Wassern, damit an Tag 5 Fische und Vögel darin leben können und später noch mehr. An Tag 3 wird das trockenes Land und Vegetation erwähnt, damit am Tag 6 darin Landtiere und der Mensch leben können.

    Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nicht um die wissenschaftliche Beschreibung einer zeitlichen Reihenfolge geht, sondern an Tag 1, 2 und 3 die Bereiche erwähnt werden und symmetrisch dazu an Tag 4, 5 und 6 die ‚Bewohner‘ dieser Bereiche. Auch wenn der 7. Tag danach kommt, geht es hier primär nicht um eine zeitliche Abfolge, sondern den Zweck, das Warum: Alles war gut und Jahwe konnte nun ‚ruhen‘. Nicht im Sinne von ‚ausruhen‘, sondern dass die Ordnung nun hergestellt war. Auch dazu gibt es ausführlichere Erklärungen. Das hier gebrauchte Worte für ‚ruhen‘ wird aber auch in dem Sinne gebraucht, dass die Vorbereitungen jetzt erledigt sind und mit dem eigentlichen Regieren begonnen werden kann.

    Sind wir Gedanklich immer noch bei den Israeliten in der Wüste vor 3500 Jahren? Das wurde über Jahwe gesagt, der Gott, der sie aus Ägypten gebracht hat und einen Bund mit ihnen schließen will: Das ist Jahwe, der euer Gott sein wird und ihr sein Volk, das seinen Namen tragen soll. Vergessen wir nicht, die Bericht der Genesis in diesem Kontext zu lesen und zu sehen. Deswegen ist der Bericht so geschrieben worden, wie er ist.

    In Verbindung mit dem Schöpfungsbericht, dem Ruhetag Gottes und der späteren Sabbath-Vorkehrung können wir auch schon einmal etwas für unser Leben ableiten:

    Der Sabbath ruft uns dazu auf, aufzuhören, wie Sklaven zu arbeiten, sondern anzufangen wie Mitglieder der königlichen Familie zu leben.

    Warum hier von einer königlichen Familie gesprochen wird, werden wir im Laufe der Serie noch besser verstehen. Es geht hier um ein weiteres Muster im Text der Bibel, eine Metapher, die den Israeliten gut bekannt war: Die Familienmitglieder des Königs hatten einen anderen Status als alle anderen Menschen. Nicht nur in Bezug auf das Erbe des Königtums, sondern während ihres ganzen Lebens. Dieses Muster taucht in der Bibel immer wieder auf, um unser Verhältnis zu Gott zu beschreiben.

    Welche Vorstellung von der Welt hatten denn die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, wo und warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe meine Video Serie Gottes Namen Tragen).

    Der biblische Schöpfungsbericht ist dagegen so komponiert, dass einige Gelehrte ihn für eine Art Liturgie halten: Der 7-Tage Rahmen des Schöpfungsberichts wurde so angelegt, damit er ein Must für die Arbeitswoche der Israeliten ist. Ein Zyklus von 7 Tagen findet sich nicht in anderen antiken Kalendern, die von Himmelskörpern abgeleitet ist. Er kommt gemäß den Büchern Mose aus einem Gebot Gottes und daher ist im hebräischen die 7 eine Zahl für Vollständigkeit. Die Bezeichnung des 7. Tages als Ruhetag findet seinen Anklang in Pslam 132:7-8 oder Jesaja 66:1,2 wo von Gottes Ruheort gesprochen wird. Viele Gelehrte halten 1. Mose 1 (Genesis 1) daher für einen Tempel-Einweihungstext – für den kosmischen Tempel Gottes. Aber das ist ein anderes spannendes Thema, das Jascha Schmitz in einer längeren Video-Serie betrachtet hat: Kosmischer Tempel – Zentrales Thema der Bibel

    Dabei geht es jetzt nicht um eine geheime Botschaft, die in der Bibel versteckt ist. Es geht um das Muster eines Tempels, das im Text der Bibel immer wieder verwendet wird. Eine Metapher, mit der die Israeliten und Menschen der Antike völlig vertraut waren. Ein Tempel war der Ort der Präsenz eines Gottes oder einer Göttin. In der Kosmologie der Israeliten war der Bereich Jahwes und der der Menschen getrennt. In Verbindung mit dem Sinai, der Bundeslade und später dem Tempel wird aber im Alten Testament von der Gegenwart oder Präsenz Jahwes gesprochen. Und so auch in der Genesis – im Schöpfungsbericht in 1. Mose. Und zwar in Verbindung mit dem Garten Eden im Paradies und den Menschen. Dieses Muster von Eden findet sich später wieder in der Konstruktion und den Darstellungen in der Stiftshütte, dem Tempel und weiter bis zu Offenbarung.

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Eine interessante Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darauf gehen wir im nächsten Teil ein.

  • Sollten wir uns Apostel nennen (lassen)?

    Sollten wir uns Apostel nennen (lassen)?

    Von Christian / Dr. Michael S. Heiser


    Das Neue Testament enthält so einige Begriffe, die in Konfessionen oder Bewegungen heute noch verwendet werden. Die wenigsten machen sich aber deren Bedeutung oder Verwendung im Text bewußt. Haben die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert diese Begriffe auch so verwendet? Auf drei Begriffe bin ich schon eingegangen:

    Und jetzt geht es um die Frage: Sollten wir uns Apostel nennen (lassen)?

    Dazu gibt es schon interessante Ausführungen in einem Blog Artikel von Dr. Michael S Heiser. Im Folgenden findest du meine Übersetzung ins Deutsche.


    Gedanken zu Zeichen und Wundern: Teil 2: Was ist ein Apostel?

    Von Dr. Michael S. Heiser

    Der Titel dieses Beitrags macht wahrscheinlich deutlich, dass ich mit „Zeichen und Wunder“ verschiedene Themen aufgreife, die etwas mit Zeichengaben zu tun haben. Ja, die Herangehensweise ist etwas willkürlich, aber ich lege den Grundstein für zukünftige Blogbeiträge. Es wird später einen Sinn ergeben.

    Was unser Thema angeht, so mag das eine dumme Frage sein, aber das ist sie nicht. In der heutigen Zeit wird viel darüber diskutiert, ob es moderne Apostel gibt oder ob es überhaupt ratsam ist, das Wort zu verwenden. Was die letztere Frage angeht, halte ich persönlich es nicht für ratsam, weil es zu Verwirrung führt (oder führen könnte). Warum ich das sage, wird in diesem Beitrag deutlich werden. Was die erste Frage angeht, so könnten wir sie heute tatsächlich verwenden, wenn (a) wir unsere Definition davon richtig gemacht hätten – d.h. wenn sie mit der Heiligen Schrift übereinstimmen würden – und (b) genug Menschen bibelkundig wären, um genau zu unterscheiden, was behauptet wird und was nicht. Da das Erste schwierig und das Zweite unwahrscheinlich ist, halte ich es für das Beste, den Begriff zu vermeiden.

    Warum klinge ich so pessimistisch? Nun, wenn sich das nächste Mal jemand als Apostel bezeichnet, frag ihn, was er meint – und vor allem, welche Art von Apostel er sein will.

    Ja, das hast du richtig gelesen. Es gibt mehr als eine Art von Apostel im Neuen Testament.

    Eine einfache Suche nach dem griechischen Lemma mit der Übersetzung „Apostel“ (ἀπόστολος / apostolos) ist ein guter Anfang. Wenn du das tust, werden dir einige Dinge klar werden – und einige Dinge werden deine Welt ins Wanken bringen. Du wirst feststellen, dass es eine Vielzahl von Bedeutungen des Begriffs im Kontext gibt. Werfen wir einen Blick auf die Daten.

    Die ursprünglichen 12

    Dies ist die einfache Kategorie. An mehreren Stellen werden die 12 Jünger Jesu aufgelistet und ihnen das Wort „Apostel“ zugeschrieben: Matthäus 10,2; Markus 3,14; Lukas 6,13. Auch außerhalb der Evangelien werden die 12 als „Apostel“ bezeichnet (Offb 21,14).

    Die Gruppe ist insofern einzigartig, als dass diese 12 direkt von Jesus berufen wurden, mit ihm reisten und direkt von ihm unterrichtet wurden. Durch ihre Berufung und die Tatsache, dass sie ausdrücklich als „die Zwölf“ bezeichnet wurden – und es gab keine Unklarheiten darüber, wer „die Zwölf“ waren (z. B. Mt 26,20; Mk 3,16; 6,7; 11,11; 14,17; Lk 22,3; Joh 6,67) –, unterschieden sie sich von anderen, die Jesus vielleicht gefolgt waren und ihm zugehört hatten.

    Als die Zahl durch Judas‘ Verrat und Tod von 12 auf 11 sank, sahen sich die ursprünglichen Jünger/Apostel gezwungen, die Zahl 12 wiederherzustellen (Apg 1:15-26). Dies ist wahrscheinlich auf die Parallele zu den 12 Stämmen zurückzuführen (vgl. Offb 21:12, 14). Die Kriterien für die Zugehörigkeit zu den 12 sind erwähnenswert. Laut Apostelgeschichte 1:21-22 mussten die Kandidaten: (a) die anderen 11 seit der Taufe Jesu begleitet haben und (b) Zeuge des auferstandenen Christus vor seiner Himmelfahrt gewesen sein.

    Es ist klar, dass diese Beschreibung auf niemanden passt, der sich heute Apostel nennt oder ein apostolisches Amt für sich beansprucht.

    Mindestens eine Rolle der ursprünglichen 12 Apostel ist aufgrund ihrer Einzigartigkeit ebenfalls von Interesse. Die ursprünglichen 12 Apostel dienten in der Jerusalemer Urgemeinde, die ethnisch gesehen jüdisch war. Der Vorfall mit Paulus und Barnabas (der „Jerusalemer Rat“) zeigt, dass sie die Autorität über den Dienst von Paulus und Barnabas außerhalb Jerusalems hatten (Apostelgeschichte 15:2, 6, 22-23). Die ursprünglichen 12 galten als die Hüter der richtigen Lehre. Nach der Vision des Petrus und seinem Dienst an dem Heiden Kornelius (Apostelgeschichte 10) und dem anschließenden Dienst des Paulus an den Heiden waren Fragen aufgetaucht. Ein Teil der Begründung für ihre Lehraufsicht ergab sich aus der Tatsache, dass sie Augenzeugen und Ersthörer dessen waren, was Jesus lehrte. Auch hier gilt: Ohne diese Zeugnisse würde man diese Rolle nicht erwarten – es gäbe keinen Grund, sich diese Autorität anzumaßen.

    Nach dem Jerusalemer Konzil gründete Paulus viele Gemeinden, deren Mitglieder gemischt waren (Juden und Nichtjuden). Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die ursprünglichen 12 irgendeine Art von Entscheidungsbefugnis über diese Gemeinden hatten. Selbst Paulus konnte das nicht behaupten, da er die Leiter in diesen Gemeinden ernannte. Wenn es Probleme mit der Lehre gab, hat Paulus mit Sicherheit Maßnahmen ergriffen, um sie zu korrigieren (und Paulus‘ Autorität, diesen Status zu haben, wurde von den ursprünglichen 12 auf dem Konzil in Jerusalem bekräftigt).

    Die Vorstellung, dass jemand heute den „Apostelstatus“ für sich beanspruchen und Autorität über andere Kirchen ausüben könnte, ist daher wenig überzeugend. Die Frage wäre wie folgt: Wenn du nicht auf der Ebene der ursprünglichen 12 wärst, auf welcher Grundlage würdest du ihren Mantel – ihre Autorität – übernehmen? Ich sehe kein schlüssiges, biblisches Argument dafür. Diese Idee kommt daher, dass der Begriff „Apostel“ an anderen Stellen mit den 12 in Verbindung gebracht wird, was (wie wir sehen werden) das Neue Testament ausdrücklich ablehnt und sogar bestreitet.

    Die „anderen Apostel“ außerhalb der ursprünglichen 12, die den auferstandenen Christus gesehen hatten

    Die Schlüsselstelle hier ist 1. Korinther 15:1-9

    1 Ich weise euch noch einmal auf die Gottesbotschaft hin, die ich euch gebracht habe, Geschwister. Ihr habt sie angenommen und steht darin fest. 2 Durch diese Botschaft werdet ihr gerettet, wenn ihr sie unverfälscht festhaltet und in keinem Punkt davon abweicht. Andernfalls wärt ihr zu einem Glauben ohne Wirkung gekommen.

    3 Ich habe euch in erster Linie das weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es die Schriften gesagt haben. 4 Er wurde begraben und am dritten Tag auferweckt, wie es die Schriften gesagt haben. 5 Er ist dem Kephas erschienen, dann dem Kreis der Zwölf. 6 Danach erschien er mehr als 500 Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch am Leben sind; nur einige sind schon gestorben. 7 Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. 8 Zuallerletzt erschien er auch mir, solch einer Missgeburt ‹von Mensch›. 9 Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln. Ich verdiene es gar nicht, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.

    1. Korinther 15:1-9 NEÜ

    In diesem Abschnitt gibt es einige sehr interessante Punkte. Einige von ihnen könnten die Leser sogar überraschen. Der Wortlaut ist an einigen Stellen merkwürdig. Nehmen wir die Passage auseinander, indem wir uns die interessanten Sätze merken:

    Erstens: Der auferstandene Christus „erschien Kephas (Petrus), dann den Zwölfen“ – Das hört sich an, als ob Petrus nicht zu den Zwölfen gehörte oder sich von ihnen unterschied. Wir wissen aber aus zahlreichen Aussagen im Neuen Testament, dass diese Vorstellungen falsch sind. Die Aussage scheint eine Anspielung auf Lukas 24:34 zu sein, wo die beiden Männer auf dem Weg nach Emmaus nach ihrer eigenen Begegnung mit dem auferstandenen Jesus nach Jerusalem zurückkehren und den elf Aposteln verkünden [an sich schon merkwürdig, da Petrus zu den elf gehörte, zu denen sie aufgeregt sprachen]: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und ist dem Simon erschienen!“ Dann berichten sie von ihrer Begegnung.1 Wenn man bedenkt, dass Judas nicht anwesend war, erscheint die Formulierung „erschien Kephas, dann den Zwölfen“ unpassend. Müsste es nicht heißen: „erschien Kephas, dann den ELFEN“ (einschließlich Petrus)? Meiner Meinung nach ist der wahrscheinliche Bezug der Formulierung in 1. Korinther 15,5, dass Paulus sich auf die relative Reihenfolge der Dinge bezieht: Der auferstandene Jesus erschien Petrus und dann später dem REST der Apostel. Ich denke, dass „die Zwölf“ hier die Formulierung auf „die ursprünglichen Apostel“ beschränken soll. Die Zahl „12“ macht das deutlich.

    Nach der obigen Diskussion haben wir eine eigenständige Gruppe von Aposteln, die den ursprünglichen Jüngern entspricht (die Elf, einschließlich Petrus). Aber jetzt schau dir an, was folgt: Jesus erschien „mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch am Leben sind, einige aber entschlafen sind. Dann erschien er Jakobus, dann allen Aposteln“. Hier haben wir eine Gruppe von „Aposteln“, bei denen es sich NICHT um die ursprünglichen 12 handelt – und auch Paulus gehört nicht zu ihnen, denn Paulus unterscheidet sich in der nächsten Zeile: „Zuallerletzt erschien er auch mir, solch einer Missgeburt ‹von Mensch›. Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln. Ich verdiene es gar nicht, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“

    Die Formulierung des Paulus wirft eine Frage auf: Zählte er sich selbst zu „allen Aposteln“ oder sah er sich im Vergleich zu den anderen Aposteln als einen geringeren Apostel – aber immer noch als einen Apostel – an? Haben wir jetzt also zwei Gruppen oder drei? Um das zu klären, müssen wir einige andere Stellen betrachten, zum Beispiel 1. Korinther 9,5:

    5 Haben wir etwa kein Recht, eine Glaubensschwester als Ehefrau ständig bei uns zu haben, wie die anderen Apostel, die Brüder des Herrn und Kephas? 6 Oder müssen nur ich und Barnabas selbst für unseren Lebensunterhalt aufkommen?

    1. Korinther 9:5,6 NEÜ

    Paulus macht hier (erneut) deutlich, dass es die ursprünglichen 12 Apostel und Apostel gab, die nicht die ursprünglichen 12 waren. Der Satz mit den „Brüdern des Herrn“ (Plural) ist interessant, weil Paulus in Gal 1:19 schreibt: „Ich sah aber keinen der anderen Apostel außer Jakobus, dem Bruder des Herrn.“ Das bedeutet, dass Jakobus, einer der leiblichen Brüder Jesu, als Apostel angesehen wurde – aber er gehörte nicht zu den ursprünglichen 12 und hätte auch nicht die Kriterien von Apostelgeschichte 1:21-22 erfüllt, um die Stelle von Judas zu besetzen, denn er hatte „die anderen 11 seit der Taufe Jesu nicht begleitet.“ Wenn man dies mit 1. Korinther 15,5 vergleicht, sieht es so aus, als ob die anderen Brüder Jesu (oder vielleicht nur Jakobus und Judas) Apostel genannt wurden. Es gibt also eine klare zweite Gruppe aufgrund dieser Verbindung. Zu den Brüdern des Herrn in dieser zweiten Gruppe gehörten auch „alle Apostel„, die in 1 Kor 15,7 erwähnt werden. Mir scheint, dass diese Passagen auch den Gedanken bekräftigen, dass diese zweite Gruppe mit der Jerusalemer Gemeinde verbunden war.

    Aber betrachtete Paulus sich selbst (und andere, die mit ihm dienten) als eine dritte Gruppe mit geringerem Status? Das ist möglich. Die Tatsache, dass Jakobus (der nicht zu den ursprünglichen 12 Aposteln gehörte) zu den anderen Aposteln gehörte, deutet darauf hin (ist aber kein Beweis), dass diese zweite Gruppe vor der Kreuzigung und Auferstehung Zeit mit Jesus verbracht hatte. Die Einbeziehung von Jakobus und die Chronologie der Apostelgeschichte deuten auch darauf hin, dass diese anderen Apostel ihr Hauptquartier in Jerusalem hatten. Paulus hatte vor dem Kreuz keine Zeit mit Jesus verbracht und war auch nicht Teil der Jerusalemer Gemeinde. Er war ein Außenseiter, der berufen wurde, den Heiden zu predigen. Paulus bezeichnet sich selbst (ist das nur selbstironische Rhetorik?) als den „Geringsten der Apostel“, wie er sagt. Und schließlich bezeichnet Paulus, wie wir gleich sehen werden, andere Dienstpartner – darunter auch Heiden – als Apostel.

    In Anbetracht der Daten denke ich, dass wir es hier mit drei Gruppen zu tun haben, aber die beiden Gruppen außerhalb der 12 hatten den gleichen Zweck und Status. Ich meine damit, dass die beiden Gruppen, die nicht zu den 12 gehörten, nicht den Status der 12 hatten, aber sie hatten die Unterstützung der 12. Die ursprünglichen 12 unterstützten sicherlich den Dienst von Jakobus und anderen Aposteln, die in der Gemeinde in Jerusalem arbeiteten. Und wir wissen aus Apostelgeschichte 15, dass sie (zusammen mit Jakobus) die Arbeit von Paulus unter den Heiden guthießen. Sie betrachteten ihn als Apostel.

    Auch Paulus‘ Formulierung in 1. Korinther 9,5-6 macht deutlich, dass er sich selbst – und Barnabas – als Apostel betrachtete. Das heißt, dass er sich selbst und seinen Partner in die „Apostel-Gleichung“ einordnete, was die Heirat und die Unterstützung des Dienstes anbelangt. Barnabas wird in Apostelgeschichte 14,4 tatsächlich als Apostel bezeichnet. Der Text beschreibt, wie die Menschen in Ikonium, die das Evangelium hörten, sich entweder auf die Seite der Juden oder auf die Seite „der Apostel“ stellten – d.h. auf die Seite von Paulus und Barnabas, die ihnen predigten und gegen die sich die Juden auflehnten. Apostelgeschichte 14,4 macht diese Identifizierung deutlich, indem sie Barnabas (und Paulus) ausdrücklich als Apostel bezeichnet: „Als aber die Apostel Barnabas und Paulus davon hörten, zerrissen sie ihre Kleider und stürzten hinaus in die Menge. . . .“

    Diese Episode hilft uns zu verstehen, warum Menschen außerhalb der ursprünglichen 12 und der Jerusalemer Gemeinde mit Recht Apostel genannt werden konnten. In Apostelgeschichte 13,2-3 waren Paulus und Barnabas vom Heiligen Geist beauftragt und gesandt worden, den Heiden zu predigen. Diese Berufung war der Auslöser für Paulus‘ Missionsreise, die erste von mehreren. Paulus und Barnabas waren Apostel – im Wesentlichen das, was wir heute Missionare nennen würden. „Apostel“ ist ein Substantiv (apostolos), dessen verwandte Verbform (apostellō) „senden“ bedeutet.2 Das Substantiv apostolos („Apostel“) „bezieht sich auf Personen, die zu einem bestimmten Zweck ausgesandt werden.3 Paulus wurde bei seiner Missionsarbeit auch von Silas (auch bekannt als Silvanus) begleitet. Das sehen wir in 1 Thess 2,6, wo Paulus über sich, Timotheus und Silvanus (vgl. 1 Thess 1,1) sagt: „Wir haben auch nicht den Ruhm von Menschen gesucht, weder von euch noch von anderen, obwohl wir als Apostel Christi Forderungen hätten stellen können.“ Nach der Apostelgeschichte war es Silas, der mit Paulus und Timotheus in Thessaloniki arbeitete (Apg 15,40; Apg 17). Deshalb halten die Gelehrten Silas und Silvanus für ein und dieselbe Person:

    „Silas, Silvanus (sī’luhs, sil-vay „nuhs), im Allgemeinen als alternative Namen für ein und dieselbe Person angesehen, war ein Leiter der frühen Kirche und ein Mitarbeiter von Paulus. Die Paulusbriefe und der 1. Petrusbrief nennen ihn Silvanus (eine Latinisierung), aber die Apostelgeschichte bevorzugt Silas (entweder eine semitische oder eine verkürzte griechische Form).“4

    Falsche Apostel

    Diese letzte Kategorie ist genauso eindeutig wie die erste. In der frühen Kirche gab es Menschen, die sich als „Apostel“ bezeichneten, aber falsche Lehrerinnen und Lehrer waren, die ein anderes Evangelium verbreiteten und die Gläubigen in die Irre führten (2. Korinther 11:5, 13; 12:11). In 2. Korinther 11 bezeichnet Paulus diese Personen als pseudapostolos (Pseudoapostel, d. h. falsche Apostel). Zuvor hatte er sie (sarkastisch) als „Super-Apostel“ (hyperlian apostolōn) bezeichnet. Sie waren Heuchler:

    Denn diese Leute sind falsche Apostel, unehrliche Arbeiter, die sich freilich als Apostel von Christus ausgeben. Aber das ist kein Wunder. Auch der Satan tarnt sich ja als Engel des Lichts.

    2. Korinther 11:13,14 NEÜ

    Weitere Gedanken

    Es ist wichtig, an dieser Stelle festzuhalten, dass Paulus zwar dem auferstandenen Christus begegnet ist, ebenso wie andere Apostel, die nicht zu den ursprünglichen 12 gehörten, aber es gibt keine biblischen Daten, die darauf hindeuten, dass Timotheus, Barnabas oder Silas jemals dem auferstandenen Christus begegnet sind. Das ist ein klarer Beweis dafür, dass eine Begegnung mit Jesus niemanden zum Apostel qualifiziert. Man konnte auch ohne dieses Ereignis als Apostel bezeichnet werden. Und warum? Weil es darauf ankommt, was diese Apostel tatsächlich waren: Um den bekannteren Begriff zu verwenden: Sie waren Missionare. Sie gründeten Gemeinden, lehrten die Gläubigen und übernahmen die Leitung und Aufsicht über diese Gemeinden (nicht nur irgendwelche Gemeinden). Dann wiederholten sie den Prozess, nachdem sie Leiter in diesen Gemeinden eingesetzt hatten (1 Tim 3, Titus 1). Und beachte, dass diese ernannten Leiter andere Titel als „Apostel“ trugen – denn sie wurden nirgendwohin gesandt.

    Die „missionarische“ Bedeutung von „Apostel“ hätte auch für andere „Apostel“ gegolten, die im Neuen Testament genannt werden, was wir angesichts der Vertrautheit des Paulus mit ihnen und ihrer Arbeit vermuten: Junia/Julia und Adronicus (Röm 16,7), Epaphroditus (Phil 2,25) und andere, möglicherweise auch Titus (2 Kor 8,23?). Aufgrund der Terminologie können wir davon ausgehen, dass diese Personen ausgesandt wurden, um entweder eine Gemeinde zu gründen oder einer Gemeinde zu helfen. Als solche übernahmen sie Führungsaufgaben: Lehren, Predigen, Evangelisieren, Jüngerschaft usw. Genau das taten und tun Kirchenführer.

    Eine weitere Erkenntnis ist, dass ein Apostel, wenn er überhaupt Autorität hatte, nur über eine Gemeinde verfügte, die er unmittelbar betreute. Es gibt keine Beweise dafür, dass Apostel Autorität über Gemeinden beanspruchen konnten, die sie nicht gegründet oder in denen sie keinen Leitungsdienst ausgeübt hatten. Die einzige denkbare Autorität auf dieser Ebene waren die ursprünglichen 12, die (offensichtlich) in der Jerusalemer Gemeinde waren und die (ebenfalls offensichtlich) als ursprüngliche Jünger Jesu einen höheren Status hatten. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass andere, die von den ursprünglichen 12 in Jerusalem ernannt wurden, Autorität über die von Paulus gegründeten Gemeinden hatten. Man kann sich nicht auf den Jerusalemer Rat berufen, da die ursprünglichen 12 Apostel, die noch am Leben waren, in dieser Kirche waren. Sie hatten diese Autorität. Möglicherweise hatte auch Jakobus diese Autorität, da er der Blutsbruder von Jesus war. Was sie dachten, hätte natürlich eine enorme Autorität gehabt. Aber nach diesen Personen – deren Status einzigartig war, weil sie den Jesus vor der Kreuzigung kannten – war die Autorität aller anderen von anderer Natur.

    Eine oft vernachlässigte Beobachtung unterstreicht diesen Gedanken der „Nicht-Autorität“. Die Gemeinden im Buch der Offenbarung wurden nicht von den ursprünglichen 12 gegründet. In der Heiligen Schrift wird nicht gesagt, wer diese Gemeinden gegründet hat. Der Apostel Johannes wurde von Jesus auserwählt, an diese Gemeinden zu schreiben, aber die Autoritätsgrundlage für das, was er ihnen schrieb, war der auferstandene Jesus. Anders als Paulus, der sich an die von ihm gegründeten Gemeinden wendet, beansprucht Johannes nie die Autorität über diese Gemeinden und beruft sich auch nicht auf die Apostel in Jerusalem oder irgendjemand anderen für ihre Leitung. Die Autorität liegt bei dem Herrn und bei niemandem sonst.

    Der neutestamentliche Gebrauch des Begriffs deutet keineswegs darauf hin, dass ein Apostel lediglich die Aufsicht über die Gemeinden ausübt – und wenig mit Evangelisation, Jüngerschaft, Lehre usw. zu tun hat. Apostel waren keine leitenden Vizepräsidenten. Sie waren keine Weisen aus der Ferne, die die Arbeit vor Ort aus der Ferne beobachteten. Sie taten die Arbeit des Dienstes und zeigten anderen, wie sie den Missionsbefehl durch ihr Beispiel erfüllen können.

    Diese wenigen Gedanken sind wichtig im Hinblick auf die modernen apostolischen Ansprüche auf regionale Autorität. Dieser Gedanke kommt im Neuen Testament nicht vor. Man kann sich in dieser Hinsicht nicht auf Epheser 4 berufen und im Lichte der vorangegangenen Diskussion sollte klar sein, warum:

    11 Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten. Er gab Evangelisten, Hirten und Lehrer, 12 damit sie die, die Gott geheiligt hat, zum Dienst ausrüsten und so der Leib des Christus aufgebaut wird 13 mit dem Ziel, dass wir alle die Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes erreichen; dass wir zu mündigen Christen heranreifen und in die ganze Fülle hineinwachsen, die Christus in sich trägt. 14 Dann sind wir keine unmündigen Kinder mehr, die sich vom Wind aller möglichen Lehren umtreiben lassen und wie Wellen hin- und hergeworfen werden. Dann fallen wir nicht mehr auf das falsche Spiel von Menschen herein, die andere hinterlistig in die Irre führen. 15 Lasst uns also in Liebe wahrhaftig sein und in jeder Hinsicht zu Christus hinwachsen, unserem Haupt. 16 Von ihm her wird nämlich der ganze Leib zusammengefügt und durch verbindende Glieder zusammengehalten. Das geschieht in der Kraft, die jedem der einzelnen Teile zugemessen ist. So bewirkt Christus das Wachstum seines Leibes: Er baut sich auf durch Liebe.

    Epheser 4:11-16

    Der Text sagt, dass Gottes Plan war, der jungen Kirche „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ zu geben. Das hat er getan. Er gab der Jerusalemer Urgemeinde Apostel. Er berief Paulus als Apostel für die Heiden. Andere Apostel (Missionare – wir reden hier über die Gründung von Gemeinden in heidnischem Gebiet) wurden beauftragt (gesandt), um Paulus zu helfen (Barnabas, Silas, usw.).

    Ich will damit sagen: Es ist eine Sache, wenn Gläubige heute den Begriff „Apostel“ aus diesem Abschnitt verwenden, wenn sie damit Missionare meinen, die Gemeinden gründen oder die ihre Gemeinde gegründet haben. Sie haben an diesen Stellen rechtmäßige Autorität. Aber es ist etwas ganz anderes, diesen Begriff aus Eph 4,11 zu nehmen und Autorität über Gemeinden in einer Stadt, einem Bezirk, einem Bundesland oder einer größeren Region zu beanspruchen. Jedes Amt in Eph 4,11ff. kann (und hat) auf der Ebene der Ortsgemeinde funktionieren. Es gibt keinen Grund, etwas anderes in diesen Abschnitt hineinzulesen. Paulus begann das Kapitel mit einer Ansprache an die Gläubigen in Ephesus („ihr“; Eph 4,1). Wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass Paulus ab V. 11 von der Weltkirche spricht, als ob Jesus regionale oder weltweite Apostel über kollektive Gruppen von Ortsgemeinden ernennen würde. Epheser 4 hat jede Ortsgemeinde und ihre eigene Leitung im Blick. Es geht nicht darum, eine kleine, elitäre Gruppe zu ernennen, die die Autorität über viele Gemeinden ausübt. Und schon gar nicht wird eine apostolische Sukzession suggeriert (als ob „Apostel“ außerhalb der 12 das Amt von den 12 erben würden). Es ist inkohärent, anzunehmen, dass alles andere in der Epistel, das Paulus den Lesern glauben machen will, zuerst eine religiöse Oligarchie im Sinn hatte und erst in zweiter Linie einzelne Ortsgemeinden. Epheser 4,11-16 ist an eine Ortsgemeinde geschrieben und richtet sich an Ortsgemeinden überall als Ortsgemeinden.

    Wenn du also jemanden triffst, dessen Titel „Apostel“ lautet, kannst du ihn fragen, was er meint. Wenn sie Leiter einer Ortsgemeinde sind, die sie gegründet haben oder mit der sie zur Arbeit ausgesandt wurden, ist der Titel nicht unberechtigt. Allerdings kann der Titel in der heutigen Zeit aufgrund von Missverständnissen oder Missbrauch zu Verwirrung führen. Wir müssen daher vorsichtig mit dem Titel umgehen.


    1. Bock merkt an, dass diese Passage aufgrund von Johannes 20 Aufmerksamkeit erregt hat. Er schreibt: „Als sie in Jerusalem ankommen, finden sie die Elf versammelt (ἀθροίζω, athroizō). . . . Der Hinweis auf die Elf, ein Sammelbegriff für die übrigen Apostel, wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis Lukas zu Johannes 20,19-29 steht. Wenn alle Elf bei der von Lukas erwähnten Versammlung waren, warum wurde Thomas dann erst eine Woche später überzeugt (Johannes 20,24-29)? Johannes deutet an, dass Thomas nicht bei der ersten Versammlung war. Der nun entlarvte Judas ist aus Gründen, die in Apostelgeschichte 1,15-26 deutlich werden, nicht anwesend.“ Darrell L. Bock, Lukas: 9,51-24,53 (Bd. 2; Baker Exegetical Commentary on the New Testament; Grand Rapids, MI: Baker Academic, 1996), 1921. ↩︎
    2. William Arndt, Frederick W. Danker, and Walter Bauer, A Greek-English Lexicon of the New Testament and Other Early Christian Literature (=BDAG; Chicago: University of Chicago Press, 2000), 120.  ↩︎
    3. BDAG, 122. ↩︎
    4. Paul J. Achtemeier, Harper & Row and Society of Biblical Literature, Harper’s Bible Dictionary (San Francisco: Harper & Row, 1985), 951. ↩︎
  • „In Geist und Wahrheit anbeten“ – Was bedeutet das?

    „In Geist und Wahrheit anbeten“ – Was bedeutet das?

    Von Christian


    Wie sollte man Gott anbeten? Vermutlich gehen dir jetzt schon einige Gedanken durch den Kopf. Vielleicht auch dieser? Gott sollten wir „in Geist und Wahrheit anbeten“. Das steht in Johannes 4:23, 24. Und vielleicht hast du dich auch schon gefragt, was denn das bitte schön bedeuten soll. Lesen wir zuerst einmal den Text und betrachten dann den Kontext:

    Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.

    Johannes 4:23, 24 Elberfelder

    Der Kontext von Johannes 4:23, 24 und die Bedeutung im griechischen Text

    Der Kontext dieser Aussage Jesu gemäß dem Johannes Evangelium wird aus dem Kontext ersichtlich. Eine Frau aus Samaria hatte ihn wie folgt angesprochen:

    Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, dass in Jerusalem der Ort sei, wo man anbeten müsse.

    Johannes 4:19,20 Elberfelder

    Mit anderen Worten fragt sie Jesus: Kannst du mir als Prophet – also jemand, der Gottes Botschaften verkündet – sagen, welche Anbetungsform die richtige ist? Dabei geht es auch nicht nur um den Ort, sondern auch die Art und Weise der Anbetung. Jesus antwortet ihr wie folgt:

    Jesus spricht zu ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil ist aus den Juden.

    Johannes 4:21, 22 Elberfelder

    Jesus kündigt eine grundlegen Änderung in Bezug auf die Anbetung an. Und danach kommen die Verse 23 und 24. Was hat es also damit auf sich, dass Jesus dann von „Geist und Wahrheit“ spricht?

    Zuerst einmal stellen wir fest, dass auch im Urtext kein bestimmter Artikel steht:

    Er spricht also nicht von „dem Geist und der Wahrheit“, auch wenn es vereinzelt so übersetzt wird. Manche übersetzen mit „Wahrhaftigkeit“ (V23 NEÜ). Wenn du dir die verschiedenen Übersetzungen und Kommentare durchliest, wirst du schnell merken, dass diese knappen Worte einen ziemlichen Interpretationsspielraum lassen.

    „Geist“

    Nehmen wir zum Beispiel Zeugen Jehovas. In deren Neuen-Welt-Übersetzung steht in den Worterklärungen:

    Gott „mit Geist anzubeten“ bedeutet daher offensichtlich, dass man sich bei der Anbetung von Gottes Geist leiten lässt. Wenn man Gottes Wort studiert und sich an das hält, was man daraus lernt, hilft einem der heilige Geist, immer mehr wie Gott zu denken. Es geht also um weit mehr, als Gott aufrichtig und mit Begeisterung zu dienen.

    Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas, Worterklärungen zu Johannes 4:23, 24

    Ist dir das Wort „offensichtlich“ aufgefallen? Das wird immer dann verwendet, wenn sie keinen biblischen Beweise für so eine Behauptung haben. Und der letzte Satz „es geht also um weit mehr, als Gott aufrichtig … zu dienen“ wurde nur eingefügt, weil der Text durchaus in diesem Sinne verstanden werden kann. Darauf kommen wir gleich zurück.

    Ist mit „Geist“ hier also wirklich der „heilige Geist“ gemeint? Soll der heilige Geist uns leiten? Dann schauen wir uns nochmal Vers 24 im Griechischen nochmal an:

    Am Anfang steht: „Geist der Gott ist“ und es wird das selbe Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet wie im Teil „Geist und Wahrheit“. Wenn es also so einfach wäre, dass in diesem Vers mit „Geist“ der „heilige Geist“ gemeint wäre, dann wäre das ein schöner ’Beweistext’ für die Trinität, zumindest dafür, dass Gott der heilige Geist ist. Das haben wohl auch die Autoren der Zeugen Jehovas bemerkt und daher entsprechend in ihren Worterklärungen erwähnt. HELPS Word-studies fasst zusammen:

    4151 pneúma – wörtlich: Geist (Spirit), Wind oder Atem. Die häufigste Bedeutung (Übersetzung) von 4151 (pneúma) im NT ist „Geist“. Nur der Kontext bestimmt, welche Bedeutung(en) gemeint sind.

    HELPS Word-studies

    Berücksichtigt man den Kontext dieser Aussage Jesu bzw. des Johannes-Evangeliums, dann steht ‚Geist‘ hier doch im Gegensatz zu ‚dieser Ort oder Jerusalem‘. Und Jesus antwortet, dass keine physischer Ort wichtig ist für die Anbetung, sondern dass dies eine geistige oder geistliche Sache ist.

    Im Text selbst gibt es aber sogar einen direkten Hinweis, dass nicht der heilige Geist gemeint sein kann. Hast du ihn entdeckt?

    Johannes 4:23 und die ‚Leitung durch den heiligen Geist‘

    Lesen wir noch einmal gründlich den Anfang von Johannes 4:23

    Doch es wird die Zeit kommen – sie hat sogar schon angefangen –, wo die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrhaftigkeit anbeten.

    Johannes 4:23 NEÜ

    Jesus sagt also, dass in jenem Moment es schon so ist, dass „Menschen in Geist anbeten“. Aber moment einmal. Der ‚heilige Geist‘ wurde doch erst viel später zu Pfingsten 33 n.Chr. ausgegossen! Dieser Text Johannes 4:23 hat also nichts mit dem Gedanken zu tun, dass der heilige Geist auf die Jünger ausgegossen wurde und dieser die Jünger anleitete, um ‚die Wahrheit‘ zu verstehen.

    Johannes 4:23,24 sagt also nichts über eine Verbindung von ‚heiligem Geist‘ und ‚Wahrheit‘ im Sinne von ‚richtigem Verständnis der biblischen Wahrheit‘ aus, das man erhält, wenn man sich vom heiligen Geist leiten lässt.

    Ist es also nicht vielmehr so, dass mit „Geist“ hier der menschliche Geist gemeint ist? Eine Anbetung, die nicht mit einem Ort, einem Tempel, mit Ritualen verbunden ist, sondern sich auf eine geistige Ebene bezieht?

    „Wahrheit“

    Und ist in Johannes 4:23, 24 mit „Wahrheit“ so etwas wie ‚richtige Lehre, Glaubenssätze, Dogmen‘ gemeint? Wer Jehovas Zeugen kennt, weiß, dass dort über Jahrzehnte die Redewendung „in der Wahrheit sein“ üblich war und ist. Es geht also nicht nur um das, was in der Bibel steht (auch wenn die Worterklärung in der Neuen-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas das erwähnt), sondern um genau die Lehren der Zeugen Jehovas. Dass nur sie „die Wahrheit“ erkennen und „besitzen“. So steht es zum Beispiel in einem aktuellen Artikel mit dem Thema: „Bist du überzeugt, die Wahrheit zu haben?

    Jesus liebte die Wahrheit – die Wahrheit über Gott und sein Vorhaben. Er lebte nach dieser Wahrheit und machte sie anderen bekannt (Joh. 18:37). Auch seine Nachfolger zeichneten sich durch diese Liebe aus (Joh. 4:23, 24).

    Jehovas Zeugen behaupten nicht, ein vollkommenes Verständnis der Wahrheit zu haben. … Jehova offenbart die Wahrheit Stück für Stück, und wir müssen geduldig darauf warten, dass das Licht der Wahrheit heller wird (Spr. 4:18).

    Der Wachtturm 2021 Oktober, S. 22, Abs. 11, 12, Bist du überzeugt, die Wahrheit zu haben?

    Es gäbe noch viele weitere Zitate, die zeigen, dass mit ‚die Wahrheit‘ die aktuellen Lehren der Zeugen Jehovas gemeint sind. Hatte Jesus wirklich das gemeint? Schauen wir uns die Bedeutung des Wortes ἀληθείᾳ (alētheia) im Griechischen an :

    Wahrheit, aber nicht nur die Wahrheit, wie sie gesprochen wird; Wahrheit der Idee, Realität, Aufrichtigkeit, Wahrheit im moralischen Bereich, göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde, Geradlinigkeit.

    Strong’s Greek 225

    225 alḗtheia (von 227 /alēthḗs, „faktengetreu“) – richtig, Wahrheit (faktengetreu), Wirklichkeit.

    [In der griechischen Kultur der Antike war 225 (alḗtheia) ein Synonym für „Realität“, das Gegenteil von Illusion, d.h. Tatsache.]

    HELPS Word-studies

    Jetzt kannst du dir die 109 Verwendungen dieses Wortes im Neuen Testament anschauen. Es gibt erstaunlicheweise nur 7 Verwendungen in den synoptischen Evangelien. Danach kommen viel mehr, nämlich 24 im Johannes Evanglium. Lukas verwendet es zum Beispiel auch so: „In Wahrheit aber sage ich euch:“ (Lukas 4:25 Elberfelder) In Johannes 8:44,45 wird Wahrheit der Lüge gegenübergestellt. Und natürlich gibt es auch Texte, in denen mit Wahrheit die „göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde“ gemeint ist, was als eine der möglichen Bedeutungen in Strong’s Greek Lexikon angegeben wird.

    Die Sache ist also wieder einmal deutlich komplizierter als wir vielleicht dachten.

    Und deswegen müssen wir uns auch einmal anschauen, inwieweit der heilige Geist eine Rolle dabei spielen sollte, das Evangelium zu verstehen. Wir können hier nur ein paar Aspekte betrachten, aber schon das wird aufschlussreich sein.

    „Der Geist der Wahrheit“

    Fangen wir mit Worten Jesu gemäß dem Johannes Evanglium an:

    Ich hätte euch noch so viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. Wenn dann jedoch der Geist der Wahrheit gekommen ist, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn er wird nicht seine eigenen Anschauungen vertreten, sondern euch nur sagen, was er ‹von mir› hören wird, und euch verkünden, was dann geschieht. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen, denn was er euch verkündigt, nimmt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört ja auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was er euch verkündigen wird, hat er von mir.“

    Johannes 16:12-15 NEÜ

    Wir lesen hier vom Geist der Wahrheit. Dabei wird für Geist das Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet. Genau das Wort, das für „Gott ist ein Geist“ und „in Geist und Wahrheit“ in Johannes 4:23,24 verwendet wurde. So einfach ist der Text aber gar nicht zu verstehen, denn wie Jesus hier vom Vater und vom heiligen Geist wie von einer Person spricht, dürfte all die irritieren, welche die Dreieinigkeitslehre bezweifeln. Das hatten wir allerdings auch schon in Johannes 4:23 bemerkt … aber wir kommen vom Thema ab.

    Interessant ist, dass der Teil „wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen“ zum einen schon recht frei übersetzt ist. Und es gibt auch noch zwei verschiedene überlieferte Formulierungen in den Manuskripten!

    Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit [andere Handschr.: in der ganzen Wahrheit] leiten; (Elberfelder)

    Doch wenn der Helfer kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit [Wörtlich: „wird er euch in der ganzen“ ( aL(2) „in die ganze“ ) „Wahrheit“.] führen. (NGÜ)

    Wenn er aber kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten; [Andere Textüberlieferung: „…, wird er euch in die ganze Wahrheit führen; …“] (Züricher)

    Johannes 16:13

    Wir können hier also nicht klar entscheiden, ob der Geist uns zum vollen Verständnis der Wahrheit leiten wird, also dass wir alles verstehen, oder nur innerhalb der vollständigen Wahrheit leiten wird, es also keinen Bereich gibt, der dem der Geist verschlossen bleibt. Aber uns gibt er nicht alles weiter. Betrachtet man den Kontext, in dem Jesus sagt, dass ihm alles gehört, spricht einiges für Letzteres.

    Betrachten wir noch einen anderen Vers zu diesem Thema.

    1. Korinther 2:10-13

    Erklärt 1. Korinther 2:10-13 den Text aus Johannes 16:12-15?

    Denn durch seinen Geist hat Gott uns dieses Geheimnis offenbart. Der Geist ergründet nämlich alles, auch das, was in den Tiefen Gottes verborgen ist. Wer von den Menschen weiß denn, was im Innern eines anderen vorgeht? Das weiß nur dessen eigener Geist. Ebenso weiß auch nur der Geist Gottes, was in Gott vorgeht. Wir haben aber nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der von Gott kommt. So können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat. Und davon reden wir auch, aber nicht in Worten, wie sie menschliche Weisheit lehrt, sondern in Worten, wie sie der Geist lehrt. Geistlichen Menschen, erklären wir geistliche Sachen.

    1. Korinther 2:10-13 NEÜ

    Auch hier müssen wir zuerst einmal deutlich sagen: Wenn hier von ‚uns‘ und ‚wir‘ gesprochen wird, dann ist damit zuerst einmal nur Paulus gemeint, der den Brief geschrieben hat, und die in der Gemeinde in Korinth im 1. Jahrhundert. Dass dies auch auf uns heute zutrifft, muss biblisch begründet werden!

    Können wir aus diesem Text ableiten, dass wir beim Lesen der Bibel durch den heiligen Geist die Wahrheit erklärt bekommen? Paulus beginnt mit dem Gedanken, dass er zu den Korinthern kam, um „das Geheimnis Gottes bekannt zu machen“ (V1, NEÜ). Nur passte die Botschaft, mit der er kam, zu keiner der Lehren der bekannten Religionen oder Philosophien. Er kam mit etwas an, auf das niemand von selbst gekommen wäre: „Denn ich hatte mich entschlossen, unter euch nichts anderes zu kennen außer Jesus Christus und ihn als gekreuzigt.“ (V2 NEÜ). Nun hat Paulus nicht einfach mit ihnen gesprochen, und dann hat ihnen der heilige Geist alles erklärt. Er sagt nach Vers 4: „Mein Wort und meine Predigt beruhten ja nicht auf der Überredungskunst menschlicher Weisheit, sondern auf der Beweisführung von Gottes Geist und Kraft.“ Und wie haben andere von dem Geheimnis Gottes erfahren? „Nein, wir predigen das Geheimnis der von Gott verborgenen Weisheit. Dass diese uns jetzt enthüllt wurde, hat Gott schon vor aller Zeit bestimmt, damit wir an seiner Herrlichkeit Anteil bekommen.“ (V7 NEÜ) Wenn Paulus davon spricht, dass sie ‚uns jetzt enthüllt wurde‘, bedeutet also nicht, dass sie jedem beim Lesen der Schriften durch den heiligen Geist enthüllt wurde. Bei einigen wie Paulus war das vielleicht so, doch den meisten wurde es durch die Predigt des Paulus enthüllt. So ist auch Vers 10 nicht so zu verstehen, dass der Heilige Geist jedem die Geheimnisse direkt enthüllt. Das geschah meistens indirekt durch die Lehren Jesu, das Predigen des Paulus usw.

    Dass die Sache komplizierter ist, zeigt sich dann gleich im ersten Vers des nächsten Kapitels: „Zu euch, Brüder, konnte ich bisher aber nicht so sprechen, wie zu geisterfüllten Menschen. Ich musste euch wie Kinder behandeln, die mehr ihren eigenen Wünschen folgen als Christus.“ (1. Korinther 3:1 NEÜ). Ließen sich die Korinther nicht vom heiligen Geist leiten? Waren sie denn nicht Gesalbte? Oder nicht mehr? Oder ist die Idee falsch, dass man sich entweder vom heiligen Geist leiten lässt und die Wahrheit entschlüsselt und erkennt oder eben nicht? Ist das überhaupt so eine Alles-oder-Nichts-Sache?

    1. Johannes 2:27

    Dann haben wir noch 1. Johannes 2:27. Vielleicht ist dir schon aufgefallen, wie oft wir hier beim Evangelium nach Johannes oder den Johannes Briefen gelandet sind. Das ist schon merkwürdig, dass es erst so spät in Schriften betont wird und dann noch aus nur einer Quelle. Aber auch das ist ein anderes Thema. Was steht also in 1. Johannes 2:27?

    Für euch aber gilt: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist[2] lehrt euch das alles. Und was er lehrt, ist wahr, es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch lehrt, und lebt mit Christus vereint.

    1. Johannes 2:27 NEÜ

    Da steht es doch! „Der Geist lehrt euch das alles“. Auch hier gilt natürlich: Wer ist ‚euch‘? Fühlst du dich angesprochen? Aber der Brief ging doch gar nicht an dich und andere 2000 Jahre später.

    Aber der Text enthält noch eine Überraschung. Es gibt in der NEÜ eine Fußnote: „Wörtlich: das Salböl. Siehe Fußnote zu Vers 20.“ Und dort steht:

    Ihr aber habt vom Heiligen selbst den Heiligen Geist [Wörtlich: das Salböl bzw. die Salbung. Im Alten Testament wurden Könige und Priester bei ihrer Einsetzung gesalbt. Diese Symbolik sollte daran erinnern, dass Gott sie berufen und für ihren Auftrag ausgerüstet hatte.] erhalten. Und durch diese Salbung wisst ihr Bescheid.

    1. Johannes 2:20 NEÜ

    Hier steht also gar nichts vom Heiligen Geist sondern vom Salböl oder der Salbung! Das verwendete Wort ist χρῖσμα (chrisma) und es kommt genau 3 mal in der Bibel vor – in diesen beiden Versen! Was bedeutet das also? Hat der Heilige Geist ihnen das eingeflüstert?

    Ich schreibe euch also nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und wisst, dass aus der Wahrheit keine Lüge hervorgehen kann.

    Doch ihr, haltet an der Botschaft fest, die ihr von Anfang an gehört habt! Wenn ihr das tut, dann bleibt ihr mit dem Sohn und mit dem Vater verbunden.

    1. Johannes 2:21, 24 NEÜ

    Die Wahrheit hatten sie also als Botschaft von Anfang an gehört, als sie gläubig und gesalbt wurden. Wenn sie an ihrerer Salbung und dieser Botschaft festhalten würden, dann bräuchten sie natürlich niemanden, der ihnen etwas anderes lehrt. Sie hatten die ‚Wahrheit‘ ja damals schon erkannt.

    Aber irgendwie muss im ersten Jahrhundert der Heilige Geist doch etwas bewirkt haben, oder nicht?

    Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes! Verachtet prophetische Aussagen nicht, prüft aber alles und behaltet das Gute!

    1. Thessalonicher 5:19-21 NEÜ

    Waren denn nicht alle prophetischen Aussagen in der Versammlung gut? Oder waren diese dann nicht vom heiligen Geist? Mir scheint, dass das mit dem heiligen Geist und dem Verständnis der Bibel doch komplizierter ist, als es vielleicht anfangs erschien.

    Wir könnten noch weitere Texte zu diesem Thema analysieren – und möglicherweise weitere Überraschungen erleben. Aber ich denke, diese wichtigen Beispiel erst einmal genügen.

    Wie weit können wir Wahrheiten Gottes erkennen?

    Inwieweit hat der Heilige Geist denn im ersten Jahrhundert die „tiefen Dinge“ erklärt? Was sagt denn gerade Paulus dazu, diesen Gedanken in 1. Korinther geschrieben hat?

    Denn wir erkennen und weissagen ja nur einzelne Dinge.

    Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, … Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, …

    1. Korinther 13:9, 12 NEÜ

    Wir sollten also nicht zu viel erwarten. Schon die ersten Nachfolger Jesu sollten sich ihrer Grenzen bewusst sein.

    Aber vielleicht sollte sich das ja im Laufe der Zeit noch ändern. Ja, aber auf diese Weise:

    Die Liebe wird niemals aufhören. Prophetische Eingebungen werden aufhören, das Reden in Sprachen wird verstummen, ‹die Gabe der› Erkenntnis wird es nicht mehr geben.

    Wenn dann aber das Ganze kommt, wird alles Unfertige beseitigt werden.

    Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, dann aber werden wir alles direkt zu Gesicht bekommen. Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, dann aber werde ich so erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin. Was bis dahin bleibt [Andere übersetzen: „Was bleibt, bis es soweit ist“. Wörtlich: „Was nun aber bleibt“. NGÜ], sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Und die größte davon ist die Liebe.

    1. Korinther 13:8, 10, 12, 13 NEÜ

    Paulus sagt, dass sie zu seiner Zeit trotz heiligem Geist und Wundergaben vieles nur bruchstückhaft verstanden haben. Und es würde weniger werden: „‹die Gabe der› Erkenntnis wird es nicht mehr geben“. Das würde sich ändern, wenn das ‚Ganze‘ oder ‚Vollkommene‘ da sein wird. Wann wäre das? Und was wäre bis dahin? In Vers 13 betont Paulus, was wir erwarten können: Glaube, Hoffnung und Liebe.

    Wenn du meinst, dass du heute vom heiligen Geist geleitet wirst, wie es in den Schriften aus dem 1. Jahrhundert erwähnt wird, akzeptierst du dann auch, dass es noch diese anderen Gaben des Geistes gibt? Was gab es denn noch?

    Dem einen nämlich wird durch den Geist die Weisheitsrede gegeben, dem anderen aber die Erkenntnisrede gemäss demselben Geist; einem wird in demselben Geist Glaube gegeben, einem anderen in dem einen Geist die Gabe der Heilung, einem anderen das Wirken von Wunderkräften, wieder einem anderen prophetische Rede und noch einem anderen die Unterscheidung der Geister; dem einen werden verschiedene Arten der Zungenrede gegeben, einem anderen aber die Übersetzung der Zungenrede. Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem auf besondere Weise zuteilt, wie er es will.

    1. Korinther 12:8-11 Züricher

    Ist das auch für unsere Zeit noch zugesagt? Oder während der vergangenen 2000 Jahre? Das steht allerdings gar nicht in diesem Text. Sondern nur, dass es damals so war. Und wenn du nun glaubst, dass du heute durch den heiligen Geist beim Lesen der Bibel geleitet wirst, um die Wahrheit zu erkennen, was ist dann mit diesen anderne Gaben? Wie begründest du anhand des Neuen Testaments, dass diese nicht mehr durch den heiligen Geist ermöglicht werden?

    Es wäre auch gut, diese Aussagen im Kontext der Kapitel 12-14 zu lesen. Darin zeigt Paulus, dass nicht alle diese Gaben hatten. Auch nicht die ‚Gabe der Erkenntnis‘. Mussten sie dann andere dazu fragen, wenn sie hörten, was aus den Schriften oder den neuen Briefen vorgelesen wurde? Interessanterweise hat Paulus in Kapitel 14 noch dies zu sagen: „Ist das Wort Gottes denn von euch ausgegangen? Oder ist es nur zu euch gekommen?“ (NEÜ). Auch wenn die Jünger in Korinth den heiligen Geist hatten, so hatte dieser ihnen die Wahrheit über das Evangelium nicht unabhängig geoffenbart. Und in den anderen Gemeinden war es nicht anders. Paulus hatte ihnen das Evanglium gepredigt – es wurde nicht jedem beim Lesen durch den heiligen Geist geoffenbart.

    Vielleicht bist du jetzt verwirrt oder siehst einen Widerspruch: Hat der Heilige Geist jetzt bewirkt, dass die heiligen Geheimnisse Gottes, die Wahrheit ganz erkannt wurde oder nicht? Wenn dir all das jetzt schon zu viel geworden ist, dann möchte ich dies sagen:

    Wichtige, zentrale Wahrheiten oder Geheimnisse Gottes sind nicht unbedingt kompliziert. Die gute Botschaft, dass Gott durch den Messias und das Königreich den von ihm gewünschten Zustand der Schöpfung wieder herstellt, dass der Messias sterben musste, dass der Tod des Messias keine Niederlage war, sondern durch seine Auferstehung alle Feinde und sogar der schlimmste, der Tod, beseitigt wurden, das war ein Geheimnis. Die Welt retten durch Leiden und Tod des Messias – das hatte keiner auch nur gedacht. Doch wir können das verstehen – auch ohne Kenntnis der Ursprachen, ausgedehnte Studien usw.. So wie diejenigen, denen Jesus, Paulus und andere gepredigt haben.

    Es gibt jedoch auch eine Menge Themen, Details und Zusammenhänge, die nur durch mühsames, zeitaufwändiges Bibelstudium, Studium der Sprache und des Kontextes usw. zu erkennen sind. Und der heilige Geist ist keine Abkürzung dafür.

    Die Idee, dass man beim Lesen in der Bibel nur um den heiligen Geist bitten muss, um die Geheimnisse Gottes zu verstehen, stößt allerdings noch in ganz anderer Hinsicht auf Probleme.

    Was liest du, wenn du in der Bibel liest?

    Die meisten werden den Text der Bibel in ihrer Muttersprache lesen, also nicht im Griechisch, Aramäisch oder Hebräisch der Antike. Zwischen dem Urtext und uns liegt also schon einmal die Übersetzung und der unterschiedliche Kontext (siehe meine Serie Der Kanon des Neuen Testaments). Hilft dir der heilige Geist auf übernatürliche Weise, die Bedeutung im Urtext richtig zu verstehen, wenn du eine Übersetzung in deiner Sprache liest? Oder nehmen wir verfälschte oder gefälschte Bibeltexte wie das Comma Johanneum. Würde der heilige Geist verhindern, dass du diese Bibeltexte in deiner Übersetzung als „tiefe Dinge Gottes“ auffassen würdest? Ich denke, das kann sich jeder selbst beantworten und die Antwort ist: Nein.

    Wie steht es aber mit denen, welche in mühevoller Arbeit die Manuskripte aufgespürt, organisiert, verglichen und übersetzt haben? Gaben sie nur vor, sich vom heiligen Geist leiten zu lassen? Kann der heilige Geist ihnen nicht geholfen haben? Gibt es tatsächlich nur ‚zwei Klassen von Christen‘, wie manche sagen? Solche, die vom heiligen Geist geleitet werden und alle anderen, welche nicht vom heiligen Geist geleitet werden? Das ist eigentlich schon eine etwas unglückliche Wortwahl. In der Vergangenheit haben zum Beispiel Jehovas Zeugen von „der Klasse des treuen und verständigen Sklaven“, der „Klasse der Gesalbten“ oder der „Klasse der anderen Schafe“ gesprochen. Es diente nur zur Unterscheidung zwischen ‚wir‘ und ‚ihr‘. Dürfen wir alle Christen einer Konfession in einen Topf werfen – oder eine Klasse? Sowohl diejenigen, welche die Lehren definieren und predigen, als auch die ‚Laien‘, die vielleicht ganz anders denken. Nur weil in einer Kirche die Dreieinigkeit gelehrt wird – und wir das für eine falsche Lehre halten? Das würde ja bedeuten, dass in keiner dieser Kirchen irgend jemand ist, in dem Gottes heiligen Geist wirken kann. Müssten wir nicht genauer darüber nachdenken, ob der heilige Geist Gottes in einem bestimmten Maße in jemandem wirken kann? Nehmen wir an, die Bibelübersetzer der Christenheit hätten den heiligen Geist nicht und dieser hätte sie nicht unterstützt, dann haben sie dennoch viel – eigentlich sogar alles – zur Grundlage heutiger Bibeln beigetragen und eine Menge ‚richtiger‘ Lehren gefunden. Dann hätte der heilige Geist beim Verständnis der Bibel wohl doch nicht eine so entscheidende Rolle, da es bei der schwierigen Aufgabe des Übersetzers auch ohne ihn gegangen ist?

    Ist es also so, dass jemand Gottes Geist hat oder nicht hat? Das ist vielleicht schon eine falsche Formulierung, weil sie sich nach Besitz anhört. Aber der heilige Geist ‚gehört‘ Gott (oder Jesus, je nach Text). Wirkt der Geist Gottes in jemandem ganz oder gar nicht? Das war doch schon bei den Berichten im Alten Testament nicht der Fall. Dabei wird die zeitliche Perspektive noch nicht einmal berücksichtigt. Der Geist könnte ja auch eine Zeit lang wirken und dann nicht mehr. Nehmen wir zum Beispiel Salomo. Er hatte Gottes Geist auf besondere Weise erhalten. Und gemäß der Bibel sind Berichte über ihn und Weisheiten von ihm in der Bibel enhalten. Gemäß 1. Könige 11:4 geschah aber das: „Als er älter wurde, brachten sie ihn dazu, andere Götter zu verehren. Da war sein Herz nicht mehr ungeteilt Jahwe, seinem Gott, ergeben wie das Herz seines Vaters David.“ (NEÜ). Götzendienst – das war das Schlimmste, was man in Gottes Augen tun konnte. Ob er dann noch ‚Gottes Geist hatte‘? Ob er sich von Gottes Geist leiten lies? In welchem Maße? Ob Gottes Geist dann noch in ihm wirkte? Die Ergebnisse aus der Zeit davor wurden aber trotzdem in den biblischen Kanon mit aufgenommen. Und war es mit David, Abraham, Mose, Richtern und Propheten?

    Können wir also beurteilen, ob sich jemand von Gottes Geist leiten lies – und unterstützt wurde – als er über ein bestimmtes biblisches Thema geforscht und geschrieben hatte? Und wenn er halt auch an eine ‚falsche Lehre‘ glaubte? Niemand von uns kann behaupten, dass er oder sie ‚die ganze Wahrheit‘ hat. Aber gibt es so etwas wie falsche Lehren, die verhindern, dass jemand etwas schreiben oder sagen kann, was wir als ‚biblische Wahrheit‘ akzeptieren würden? Wenn wir die Dreieinigkeitslehre für falsch halten, kann dann jemand, der an eine Variante dieser Lehre glaubt, gar keine anderen ‚biblischen Wahrheiten‘ erkennen? Und kann er gar nicht vom heiligen Geist geleitet werden? Vielleicht beeinflusst jahrelange Indoktrination noch unbewusst, wie wir darüber denken. Das Neue Testament vermittelt eher den Eindruck, dass die Jünger den heiligen Geist hatten und trotzdem noch ziemlich unterschiedliche und auch ‚falsche‘ Vorstellungen hatten.

    Ein Wort zur Vorsicht

    Wie muss man sich das denn nun aber vorstellen, wenn jemand sagt, dass er Gottes Geist hat und in der Bibel liest. In etwa so?

    Der heilige Geist hat uns geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen. Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. Paulus schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Korinther 2:13).

    Kling das für dich richtig? Es wurde auch schon so formuliert: „Wenn wir Gottes Atem in uns haben, seinen heiligen Geist, dann werden wir die geheime und verborgene Weisheit Gottes verstehen.“

    Jetzt vergleichen wir mal die obige Formulierung mit folgendem Text. Ich habe das hervorgehoben, was identisch mit der vorherigen Formulierung ist:

    Anzeichen für die Wirkung des heiligen Geistes. Der heilige Geist hat der leitenden Körperschaft geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen.Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. (Lies 1. Korinther 2:10.) Die leitende Körperschaft empfindet wie Paulus, der schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Kor. 2:13). Kann die schnelle Zunahme des geistigen Verständnisses seit 1919 nach Jahrhunderten des Abfalls und der geistigen Dunkelheit auf irgendetwas anderes zurückzuführen sein als auf den heiligen Geist?

    Wachtturm 2017, Februar, S. 26-27, Abs. 13 Wer führt Gottes Volk heute?

    Ob es nun wie in diesem Zitat Jehovas Zeugen oder sonst eine Gruppe ist: Es ist wahrlich keine Überraschung, dass seit zweitausend Jahren Christen behaupten, dass sie durch den heiligen Geist geleitet werden und daher die Bibel und die ‚heiligen Geheimnisse Gottes‘ verstehen. Die Frage ist: Kann das jemand beweisen? Alllerdings müssten wir diese Frage gar nicht beantworten, wenn wir heute gar nicht mehr erwarten dürften, dass uns der heilige Geist so leitet.

    Dürfen wir diese Texte einfach so auf uns beziehen?

    Wir haben diesen Punkt schon zweimal angesprochen. Können wir die Texte des Neuen Testaments immer auf uns anwenden? Wenn von ‚wir‘ und ‚euch‘ gesprochen wird, sind dann auch du und ich gemeint?

    Schon im ersten Jahrhundert haben viele Leute behauptet, von Gottes Geist geleitet zu werden:

    Ihr Lieben, glaubt nicht jedem, der behauptet, er sei mit Gottes Geist erfüllt, sondern prüft, ob er wirklich von Gott kommt. Denn überall sind falsche Propheten unterwegs.

    1. Johannes 4:1 NEÜ

    Interessanterweise werden wir aufgefordert, die Quelle des Geistes zu prüfen. Zugehörigkeit zu einer Religion, Gemeinde oder Gruppe war nicht das Kriterium. Im nächsten Vers wird übrigens ein weiteres Kriterium angegeben, woran man die Wirkung des Heiligen Geistes erkennen kann:

    Den Geist Gottes erkennt ihr daran, dass er deutlich macht: Jesus Christus kam als wirklicher Mensch in unsere Welt.

    1. Johannes 4:2 NEÜ

    Eine außerordentliche Ansage, die uns voll in die Diskussionen unter den Christen der ersten Jahrhunderte führen würde. Aber nicht jetzt.

    Schauen wir uns also einmal ein paar der Texte an, die von den Unterstützung durch den heiligen Geist an.

    Wenn ihr mich liebt, so werdet ihr meine Gebote halten; und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand [o. Fürsprecher; o. Helfer; w. der ⟨zur Unterstützung⟩ Herbeigerufene] geben, dass er bei euch ist in Ewigkeit [griech. Äon], den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn erkennt. Ihr erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

    Johannes 14:16,17 Elberfelder

    Mal abgesehen davon, dass Äon nicht die Bedeutung Ewigkeit sondern Zeitalter hat, wird hier vom paráklētos gesprochen, dem ‚Helfer‘. Ist das der ‚heilige Geist‘? Hier steht doch: ‚Geist der Wahrheit‘. Wir sollten hier keine voreiligen Schlüsse ziehen. Und wen meint er denn mit ‚euch‘? Der Kontext zeigt, dass die Apostel gemeint sind. Können wir das einfach so auf alle Nachfolger Jesu erweitern?

    Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen, ich komme zu euch. Noch eine kleine ⟨Weile⟩, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich: Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.

    Johannes 14:18, 19 Elberfelder

    Nun, wer hat Jesus gesehen? Du und ich? Nein! Die Apostel, die er in dieser Passage angesprochen hat. Viele wenden solche Texte ohne Zögern auf sich an, aber das müsste doch biblisch begründet werden!

    Denken wir doch nur noch einmal an 1. Korinther 13:8. Paulus sagt, dass diese besonderen Gaben durch den heiligen Geist aufhören werden. Bevor du dir also sagst, dass du beim Lesen der Bibel vom heiligen Geist geleitet wirst, dann solltest du anhand der Bibel beweisen können, dass das heute überhaupt noch so der Fall ist! Wenn du jetzt in deiner Überzeugung entrüstet bist, dann denke einmal über die Jahrtausende vor Jesus Christus nach. Hat der ‚heilige Geist‘ denjenigen so geholfen, die ‚Bibel‘ (was es davon überhaupt schon gab) zu verstehen, wie du das von dir annimmst? Denk nicht nur an einen Abraham oder Mose, sondern auch Hennoch oder Hiob oder diejenigen Israeliten, die ihr Bestes versuchten? Was wäre, wenn uns Gott und Jesus gar nicht zugesagt hätten, dass wir heute durch den heiligen Geist auf wundersame Weise beim Lesen der Bibel ‚die Wahrheit‘ erkennen? Wenn das nur auf das erste Jahrhundert und einige wenige beschränkt gewesen wäre? Was dann?

    Man hat dir gesagt, Mensch, was gut ist / und was Jahwe von dir erwartet: / Du musst dich nur an sein Recht halten, / es lieben, gütig zu sein, / und einsichtig gehen mit deinem Gott.

    Micha 6:8 NEÜ

    Die eigentliche Herausforderung für Jünger Jesu ist doch gar nicht ein genaues Verständnis der ‚Geheimnisse Gottes‘, die wir nur durch heiligen Geist erlangen können. Sondern im täglichen Leben so zu denken, zu sein und das zu tun, was Gott sich von uns Menschen immer gewünscht hat.

    Bibelstudium und Heiliger Geist

    Die Bibel immer besser zu verstehen, ist tatsächlich auch harte Arbeit. Echtes Bibelstudium ist weit mehr als Lesen. Wenn also Bibelwissenschaftler mühsam und sorgfältig Texte aus dem Alten und Neuen Testament vergleichen oder die Bedeutung der Begriffe im Altertum genau studieren, dann entdecken sie häufig tiefe Dinge Gottes, die uns noch nie aufgefallen sind. Und auch nicht solchen, welche sich ihrer Überzeugung nach beim Lesen der Bibel vom Heiligen Geist leiten lassen. Die Arbeiten solcher Gelehrter zu berücksichtigen, bedeutet ja nicht, dass man Lehren von Menschen folgt. Sie helfen uns, einen genaueren, tieferen Zugang zum Text zu bekommen.

    Wie ich finde, hat der leider schon verstorbene Gelehrte Dr. Michel S. Heiser einen sehr wichtigen Zusammenhang in seinem Buch The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms (Die Bibel ungefiltert: Die Heilige Schrift nach ihren eigenen Regeln verstehen) erläutert:

    Eines meiner Lieblingszitate über die harte Arbeit, sich ernsthaft mit dem biblischen Text auseinanderzusetzen – das, was wir gemeinhin als Bibelstudium bezeichnen – stammt von dem renommierten griechischen Lexikographen Frederick W. Danker (das „D“ in BDAG). Danker sagte bekanntermaßen, dass „die Aufgaben eines Gelehrten nichts für Weicheier sind“. Er hatte Recht, und ich bin dankbar, dass er bereit war, zu sagen, was gesagt werden musste. Die Wahrheit über ernsthaftes Bibelstudium ist, dass es nicht einfach ist. Es braucht viel Zeit und Mühe, oft Tage, Wochen und Monate, um wirklich zu verstehen, was ein Text bedeutet (oder wahrscheinlich bedeutet) und warum. Wenn dir das Bibelstudium nicht wie Arbeit vorkommt, hast du es nicht richtig gemacht.

    Allzu oft sind Menschen, die unbedingt das Gefühl haben wollen, die Heilige Schrift zu kennen, nicht bereit, die Zeit zu investieren, die es braucht, um dorthin zu gelangen. Stattdessen nehmen sie Abkürzungen und erwarten dann, dass der Geist die Arbeit übernimmt. Die Annahme scheint zu sein, dass das Versprechen des Geistes, uns in die Wahrheit zu leiten, bedeutet, dass er mangelnde Anstrengung entschuldigt und uns die Antworten gibt, die wir brauchen. Die dritte Person der Dreifaltigkeit ist nicht der Junge, der in der Schule neben dir sitzt und dich bei seiner Prüfung schummeln lässt. Anstatt persönliche Anstrengungen durch den Geist zu ersetzen, solltest du den Geist um Einsicht bitten, um fehlerhaftes Denken zu entlarven (dein eigenes und das derjenigen, die du liest), wenn du dich mit der Bibel beschäftigst. Je mehr du dich mit dem Wort Gottes beschäftigst, desto mehr hat der Geist zu tun.

    Michael S. Heiser, The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms, Kapitel 1
  • Ist die Erde flach und was sagt die Bibel?

    Ist die Erde flach und was sagt die Bibel?

    Von Christian


    Ist die Erde flach und was sagt die Bibel? Ich weiß, das Thema ist sozusagen ein ‚heißes Eisen‘, das man besser nicht anfassen sollte. Und es ist ein Thema, das man in einem einzelnen Video auch nicht umfassend behandeln kann. Außerdem gibt es schon mehr als genug Videos und Lesestoff dazu. Also warum noch ein weiteres Video? Weil es hier nicht darum geht, dir eine Antwort zu geben – das versuchen schon genügend Leute. Sondern wir betrachten ein paar Möglichkeiten, wie du für dich selbst Antworten finden und Erkenntnisse erlangen kannst.

    Vielleicht hast du schon einmal diesen Holzstich gesehen, der auch „Wanderer am Weltenrand“ genannt wird.

    Flammarions Holzstich – erstmals erschienen in L’atmosphère, Paris 1888, als Illustration zu La forme du ciel im Kapitel Le jour
    Flammarions Holzstich – erstmals erschienen in L’atmosphère, Paris 1888, als Illustration zu La forme du ciel im Kapitel Le jour

    Wenn du jetzt denkst, dass dies eine mittelalterliche Darstellung ist und die Menschen und die Gelehrten damals dachten, dass die Erde flach ist, …, dann solltest du für dich herausfinden, ob das richtig ist. Falls du keine größere Bibliothek mit historischen Ausgaben in der Nähe hast, schau zum Beispiel bei Wikipedia vorbei. Das Bild stammt von 1888! Aber wegen seines Stils hielten es im 20. Jahrhundert viele für eine mittelalterliche Darstellung dessen, was die Menschen glaubten. Es ist also gut, nicht vorschnell Schlüsse zu ziehen.

    Also nochmal die Frage: Ist die Erde flach und sagt das die Bibel überhaupt? Das sind eigentlich schon zwei Fragen. Und für die Ungelduldigen gebe ich schon einmal die Antworten: Ja und Nein und Ja und Nein. Wie bitte? 🤷‍♂️ Nein, das ist kein Unsinn sondern ein Hinweis darauf, dass die Frage alleine nicht anders zu beantworten ist. Es fehlt der Kontext der Frage. Und der ist entscheidend für die Antwort, wie wir sehen werden. Das sehen wir schon beim ersten Teil der Frage.

    Ist die Erde flach? Ja und Nein, irgendwie doch und aber auch wieder nicht

    Vielleicht lebst du in einer Gegend mit Hügeln und Bergen oder einer Ebene. Schauen wir uns einmal die Rhein-Neckar-Region in Deutschland an, denn da gibt es beides: Das etwa 40km breite Rheintal, welches auf beiden Seiten von Hügelketten eingerahmt ist. Und an einem Rand liegt Heidelberg mit seinem berühmte Schloss am Übergang von der Ebene zu den Hügeln:

    castle in heidelberg
    Photo by Masood Aslami on Pexels.com

    Wer mit dem Fahhrad in der Rheinebene fährt, findet es gar nicht so anstrengend, denn es ist ja eine flache Strecke. Eine flache Strecke! Wer die Rheinebene hoch- und runterschaut, für den ist die Erde flach. Flach so weit das Auge reicht! Wer aber den Philosophenweg hochläuft, dann wieder runter, über den Neckar und dann zum Heidelberger Schloß hoch, wird das nicht so empfinden. Aber das steht halt auf einem Hügel auf der ansonsten flachen Erde. Ich bin mir sogar sicher, dass jeder im täglichen Leben ständig davon ausgeht, dass die Erde flach ist. Warum? Weil man bei allem, was man so macht, aus Erfahrung davon ausgeht – und es funktioniert!

    Nehmen wir einmal die Zimmer deiner Wohnung als Beispiel. Wenn du vier gerade Wände hast, wirst du erwarten, dass die Wände in den vier Ecken jeweils in einem sogenannten rechten Winkel stehen:

    Wenn du ein Gerät wie dieses in einer Ecke an die Wände anlegst und dann in die anderen Ecken hältst, sollte sich das immer gleich anfühlen:

    Aber selbst wenn nicht alles so gerade ist, wirst du festellen können, dass die Summe der Winkel immer 360° ist. Die Mathematiker befassen sich lieber mit der Fläche mit den wenigsten Ecken. Also spannen wir ein Seil quer durch den Raum und messen nach:

    Dann ergibt sich für die Summe der Winkel in den Ecken 180°. Und zwar immer. Auch wenn dein Raum krumm ist, solange die Wände halbwegs gerade sind und es nur gerade Wände und Ecken gibt. Das hat man schon in der Antike gewusst und Euklid hat es in seinem Lehrbuch aufgeschrieben und man nennt das heute Euklidische Geometrie:

    Die Summe der Winkel eines Dreiecks ist immer 180°. Immer. Egal was du machst, solange die Seiten gerade sind.

    Euklidische Geometrie

    Das funktioniert aber nicht nur in deiner Wohnung, sondern auch zwischen Gebäuden und sogar zwischen Ortschaften. Damit haben wir nachgewiesen:

    Ist die Erde flach? Ja! Die Erde ist flach! [Kontext: Soweit dein Auge reicht …]
    Und das sagen alle Leute auf der Erde! [Kontext: Soweit ihr Auge reicht …]
    Und auch wenn du weit reist, ist deine Umgebung flach. [Kontext: Soweit dein Auge dort reicht …]

    Wenn wir jetzt uns sagen, dass wir uns nur auf unsere Sinneswahrnehmungen verlassen müssen, die doch zeigen, dass um uns herum die Erde flach ist, dann ist auch die ganze Erde flach. So ähnlich hat sich das der Herr Melchior Dönni aus Luzern überlegt und 1902 sein «Weltall-Erd-Relief» beim Amt für Geistiges Eigentum in Bern angemeldet. Wäre unsere Sehkraft besser, so glaubt er, könnten wir vom Pilatus bis nach New York schauen. Er hat mit viel Mühe und Ton sein Relief gebaut:

    Der Nordpol ist im Zentrum der Scheibe, darum die damals bekannten Kontinente und am Rand der Südpol. Etwas mutig war vielleicht die Schweizer Fahne am Nordpol, aber das ist eine andere Geschichte. Was den Südpol betrifft, hatte er ihn bestimmt nicht mit eigenen Augen gesehen. Tatsächlich hatte noch niemand den Südpol erforscht! Daher sagte Dönni 1902 voraus: Sobald die Naturforscher bis zum Südpol vorgestossen seien, werde man auf die unüberwindlichen Eismassen stossen, welche den Rand der Welt bildeten. 1911 erreichte Roald Amundsen den Südpol. Der Ring von unüberwindlichen Eismassen war nicht gefunden worden. Dönni hat das nicht mehr miterlebt – er war Jahre zuvor gestorben.

    Doch schon in der Antike konnten manche Menschen weiter als bis zur übernächsten Ortschaft reisen. Und mit der Zeit wurde die Messinstrumente auch immer genauer. Und wenn man ganze Länder oder Kontinente so vermisst … ergibt sich ein Problem. Die Messergenisse der Winkel sind immer zu groß. Egal, wie man es anstellt. Und je weiter die Abstände sind, desto schlimmer wird es! Wie kann das sein?

    Jetzt heißt es kreativ zu sein. Und es gibt eine Menge kreative Ideen. Wenn du eine gewissen Vorstellung hast, nimm sie, und überprüfe sie unter allen möglichen Umständen. Das solltest du auch von jedem erwarten, der eine andere Idee vertritt.

    Ich möchte dir einmal eine Idee vorstellen, auf die schon ein schlauer Grieche in der Antike und seitdem noch andere gekommen sind. Du kannst die Idee selbst überprüfen, wenn du zum Beispiel einen Ball zu Hause hast. Male die Linien so auf den Ball und miss den Winkel an den Ecken:

    Von einem Punkt aus bis zur ‚Mitte‘ und weiter bis zum Anfang, wie in diesem Bild. Das ergibt nicht 180° sondern 270°. Aber wenn der Ball groß und das Dreieck klein ist, dann kommst du immer näher an die 180° heran. Egal wie du das zeichnest! Schlaue Leute haben den Ball jetzt Globus genannt, ihre ganzen Messungen eingetragen und festgestellt, dass das ziemlich gut funktioniert!

    Ist die Erde flach? Nein! Sie ist eine Kugel [Kontext: Soweit die Füße tragen und du ziemlich weit laufen kannst.]

    Die schlauen Leute haben übrigens immer besser gemessen und gemerkt, dass die Erklärung mit einer perfekten Kugel nicht so perfekt ist. Aber wenn man den Globus ein bischen verformt, passt es wieder ganz gut. Und dann fragen dich Leute von der Küste, warum denn das Meer bei ihnen regelmäßig steigt und fällt. Und zwar nicht einmal am 24 Stunden Tag sondern zweimal! Zweimal Ebbe, zweimal Flut … Aber auch das ist ein anderes Thema.

    Falls dir das Beispiel zu abstrakt war. Hier ist ein anderes aus der Praxis, das ich schon selbst erlebt habe. Bekanntlich verbraucht ein Flugzeug Treibstoff. Je länger es fliegt, desto mehr verbraucht es. Solange, bis die Tanks leer sind. Das will man natürlich vermeiden, wenn man zum Beispiel Leute von Frankfurt am Main nach San Francisco bringen will. Wenn das Wetter mitspielt, versucht der Pilot auf direktem Weg von Frankfurt nach San Francisco zu fliegen, um so wenig Treibstoff wie möglich zu verbrauchen. Also hätte ich Frankreich, den Nordatlantik und die USA von der Ost bis zur Westküste sehen müssen:

    Was der Pilot angekündigt hat und ich gesehen habe, war aber eher diese Route:

    Ich sah England, Schottland, Island, Grönland, Kanada und den Westen der USA. Die Strecke erscheint viel länger, was eine längere Flugdauer und höheren Treibstoffverbrauch bedeutet. Lag das an einem Unwetter oder wollte der Pilot uns einfach diese schönen Gegenden zeigen? Auch hier gibt es neben diesen Erklärungen auch noch eine Menge andere Möglichkeiten. Wie wäre es mit dieser? Zeichnen wie einmal die Flugstrecke auf dem Globus ein, den sich Kartographen ausgedacht haben. Leider habe ich so einen kugelrunden Ball nicht bei mir zu Hause, aber am Computer kann man es so darstellen lassen, als würde man auf den Globus schauen. Du kannst das gerne an einem Globus selbst ausprobieren:

    Faszinierend, nicht wahr? Wenn ich meine Vorstellung – wir Physiker würden das Modell oder Theorie nennen – so erweitere, dass die Erde für mich flach erscheint, wenn ich zu Fuß unterwegs bin, aber auf Entfernungen, die ich mit dem Flugzeug zurücklegen kann, auf eine Kugel (Globus) zeichne, dann flog der Pilot wirklich den kürzesten Weg. Möglichst schnell und mit möglichst wenig Treibstoff, denn der kostet ja bekanntlich Geld.

    Ist die Erde flach? Nein! Sie ist insgesamt eher rund wie eine Kugel. [Kontext: Wenn du ganz viel mit dem Flugzeug kreuz und quer über alle Kontinente und Meere fliegst.]

    Wie gesagt. Es hätte auch anderen Gründe geben können. Und du kannst dir ein anderes Modell wählen, um den Flug zu erklären. Dein Modell – deine Vorstellung – sollte dann aber möglichst auch alle Flüge auf der Erde erklären können. Und dann vergleiche diese Erklärung mit der recht einfachen eines Globus. Das heißt noch nicht, dass die Erklärung mit dem Globus ‚die Richtige‘ oder ‚Wahre‘ ist, nur weil sie einfacher ist oder mehr erklären kann. Aber damit kommen wir schon in den Bereich, den man Erkenntnistheorie nennt.

    Woher können wir denn wissen, ob die Vorstellung, die wir haben, ‚real‘ ist? Manche akzeptieren nur, was sie mit ihren eigenen Sinnen erfassen können. Der Ansatz ist zwar etwas radikal, aber das kann man so für sich entscheiden. Manche starten auch mit diesem Ansatz, um zu zeigen, dass die Erde ingesammt flach ist. Jetzt sollte aber dein Verstand mit deinem kritischen Denken einsetzen und den Widerspruch erkennen: Wenn jemand nur akzeptiert, was man selbst wahrnehmen kann, dann erstreckt sich das Wissen nur soweit man sehen kann. Dann sollte man aber keine Behauptung über die ganze Erde aufstellen, wenn man nur einen Bruchteil sehen kann oder selbst gesehen hat.

    Wenn man es macht, dann sollte man diese auch mit unserer Umgebung vergleichen? Aus den Erfahrungen bildet man eine Vorstellung – ein Modell oder Hypothese – und nimmt an, dass es immer und überall gilt. Und jetzt kommt der entscheidende Teil: Wohlwissend, dass die Hypthoses vermutlich nicht mehr funktioniert, wenn man in viel größeren oder viel kleineren Bereichen misst. Und die Vorstellung sollte so konkret und überprüfbar sein, dass andere diese mit Freuden kaputt machen können, wenn sie die Vorstellung auf Bereiche ausdehnen, die über den ursprünglichen hinausgehen. Genau das passiert, wenn wir nicht mehr zu Fuß sondern mit dem Flugzeug unterwegs sind.

    Eine ganze Reihe von Argumenten für oder gegen eine flache Erde gehen auch genau in diese Richtung: Wie kann ich ermitteln, wie die Welt um uns herum ist?

    Ein gutes Modell oder Vorstellung muss möglichst einfach auch viel erklären können. Wenn wir uns eine flache Erde vorstellen, müssen auch irgendwo Sonne, Mond und Sterne sein. Wie kommt es dann zu Tag und Nacht in den verschiedenen Teilen der Welt? Und dem unterschiedlichen Sonnenstand während der Jahreszeiten? Und was ist mit den Mondphasen? Oder Sonnenfinsternissen? Lass es dir erklären oder bastle dir aus Pappe eine flache Erde und Sonne und Mond dazu und probier es aus. Wenn du einen Mechanismus gefunden hast, füge die Planeten und ihre beobachtbaren Bahnen hinzu. Zumindest einige kann man ja auch mit bloßem Auge beobachten – das haben schon die Babylonier getan und sehr präzise Aufzeichnungen darüber geführt, die bis heute erhalten sind.

    Ich habe bewußt von beobachtbaren Bahnen der Planeten gesprochen. Auch Sonnenauf- und Untergang sowie Position am Himmel kann man direkt beobachten. Die gleichen Beobachtungen sind auch beim Mond direkt möglich. Und dann hatten wir noch Ebbe und Flut angesprochen. Das ist also alles im Bereich des zu Erklärenden auch für diejenigen, die nur akzeptieren, was mit den eigenen Sinnen wahrgenommen werden kann.

    Im Prinzip ist das ja eine empirische Vorgehensweise: Mit den eigenen Sinnen Dinge wahrnehmen und die eigene Vorstellung mit den Ergebnissen der Beobachtung überprüfen. Klingt erst einmal vernünftig. Oft wird dann angeführt, dass gemäß der Beobachtungen eines jeden die Erde in der Umgebung flach ist. Das haben wir schon als richtig erkannt. Zumindest im Rahmen der Genauigkeit unserer Sinne. Und dann werden noch andere Dinge angeführt. Aber was nicht angeführt wird – und hier sollte unser kritisches Denken wieder einsetzen – sind die Beobachtungen an Sonne, Mond und Planeten und Sternen und Ebbe und Flut usw. Das kann immer noch jeder selbst mit den eigenen Sinnen beobachten. Kann das aber auch mit einer flachen Erde erklärt werden? Versuche es … Und dann versuche es mit einem Globus.

    Der Gedanke, nur zu akzeptieren, was jeder mit den eigenen Sinnen wahrnehmen kann, hat aber seine Grenzen. Hat jemand schon einmal die Erde als Ganzes auf einmal gesehen? Wenn das nicht der Fall ist, wie kann man auf dieser Basis dann behaupten, dass die ganze Erde flach ist? Da wird doch dann von einem kleinen Teil auf die ganze Erde geschlossen – im Widerspruch zu der Vorstellung, dass man nur akzeptiert, was mit den eigenen Sinnen wahrgenommen werden kann.

    Ist es denn ein Widerspruch, der jeder auf der Erde seine Umgebung als flach wahrnimmt, die ganze Erde dann aber nicht flach sein soll? Du kannst praktischen jeden auf der Erde fragen: In meiner Umgebung sprechen alle meine Sprache (ich weiß, es gibt Ausnahmen). Sprechen daher auf der ganzen Erde alle die selbe Sprache? Du musst nur weit genug von deinem Ort weggehen, und irgendwann spricht man nicht mehr deine Sprache. Und wenn du jemanden fragst (vorausgesetzt, du kannst dich mit der Person verständigen), wird sie dir sagen, dass alle dort diese Sprache sprechen. Aber noch einfacher ist es, wenn du einen großen Ball nimmst und ein flaches Stück Pappe darauf legst und genau hinschaust.

    Lebt denn irgend jemand streng nach dem Prinzip, nur zu akzeptieren, was jemand selbst mit Sinnen wahrnehmen kann? Existiert die Sonne auch nachts, wenn du sie nicht siehst? Streng genommen darf man das nicht behaupten. Wenn du mit jemandem sprichst, und die Person dann weggeht, existiert sie noch? Telefonieren gilt nicht, denn da ist ja ganz schön viel Technik mit im Spiel. Und wenn jemand noch nie persönlich in den USA war, dann ist deren Existenz und die von über 300 Millionen Menschen sowie die der Herren Trump und Biden nicht zu akzeptieren.

    Letztendlich geht es in der Diskussion doch oft darum, ob du und ich den Beweisen, die andere mit oder ohne Technik erarbeitet haben, vertrauen kannst. Und auch darin steckt ein Körnchen Wahrheit. Denn auch in der heutigen Wissenschaft akzeptiert man keine Erklärung (Theorie) oder Beobachtung (Experiment), wenn nur eine Person oder Gruppe das vorlegt. Andere müssen das nachvollziehen können. Das ist zumindest das Ideal.

    Über diese Aspekte könnten wir noch lange sprechen. Kommen wir aber zum eigentlichen Thema zurück. Warum wird überhaupt die Frage so heftig diskutiert, ob die Erde eine flache Scheibe ist oder nicht? Im täglichen Leben kann dir das doch völlig gleich sein. Es muss also um etwas anderes gehen. Könnte es sein, dass der zweite Teil der Frage für dich der Grund ist: Sagt die Bibel denn nicht, dass die Erde flach ist? Und wenn die Bibel Gottes inspiriertes Buch ist, dann muss es doch stimmen. Also geht es darum, ob man Gott und der Bibel oder der weltlichen Wissenschaft glaubt? Wir werden sehen. Und wieder die Bedeutung des Kontexts erkennen.

    Was steht im Text der Bibel?

    Um diese Frage zu beantworten, müssten wir das antike Hebräisch, Aramäisch und Griechisch der verschiedenen Epochen und Regionen verstehen. Und auch den kulturellen Kontext der Menschen, von denen und für die der Text primär geschrieben wurde. Wer kann das schon. Selbst die Experten müssen diese Informationen erst wieder so gut es geht rekonstruieren. Die Übersetzung in unsere Sprache bringt also den Text aus dem antiken Kontext in unseren Kontext und das kann die Aussage erheblich beeinflussen. Daher wollen wir erst einmal versuchen, den Text selbst besser zu verstehen. Hier ein paar Beispiele:

    Sie ziehen hin und her, wie er sie lenkt, / um alles, was er ihnen gebietet, / zu wirken auf dem Kreis der Erde.

    … über der Fläche des Erdkreises.

    … auf dem ganzen Erdenrund.

    Hiob 37:12 Einheitsübersetzung 2016, Elberfelder, NEÜ

    Und was steht nun im hebräischen Text?

    Dort steht also so etwas wie ‚das Angesicht der ganzen Erde‘. Das verwendete Wort für Erde ist אֶרֶץ erets (Strong’s 776), das gemäß diesem Lexikon 2503 mal verwendet wird und schon ab 1. Mose 1:1 mit ‚Erde‘ übersetzt wird. Im Lexikon Brown-Driver-Briggs werden die verwandten Wörter in anderen semitischen Sprachen gezeigt. Analyisiert man die vielen anderen Texte mit diesem Wort, ergibt sich diese Bedeutung:

    Erde, ganze Erde (in Gegensatz zu einem Teil)
    Erde, in Gegensatz zum Himmel, Himmel im Sinne von Firmament
    Erde, Bewohner der Erde
    Land, Region, Territorium
    usw.

    Was schließt du aus der Verwendung des Wortes in all diesen Verwendungen – ich hoffe, du hast alle 2503 Stellen gelesen – über seine Bedeutung? Du musst kein Sprachwissenschaftler sein, um zu erkennen, dass mit diesem Wort keine geometrische Form beschrieben werden sollte. Es geht um die Bezeichnung unseres Lebensraumes in Abgrenzung zu anderem.

    Schauen wir uns weitere Verwendungen an. Also am besten eine Stelle, die gerne im Rahmen dieses Themas zitiert wird:

    Er thront über dem Kreis der Erde, …

    Jesaja 40:22 Züricher

    Und im Hebräischen?

    Was liest du? Zum einen das selbe Wort für Erde. Und dann denn Zusatz ח֣וּג ḥūḡ, der mit Kreis übersetzt wird. Was bedeutet das? Auch hier musst du kein Sprachwissenschaftler sein. Wenn es in diesem Text nötig war, das Wort für ‚Kreis‘ hinzuzufügen, dann bedeutet es ja umgekehrt, dass das Wort für Erde אֶרֶץ erets gerade nichts über die Form sagt. Sonst wäre der Zusatz unnötig. Und was hat es nun mit dem Wort für Kreis auf sich? Wie oft wird es wohl in der Bibel verwendet? Was meinst du? Genau drei mal – inklusive Jesaja 40:22. Es wird daher nicht so leicht sein, die genaue Bedeutung aus der Verwendung abzuleiten. Also schauen wir uns besser die beiden anderen Texte an:

    Du aber sagst: Was weiss denn Gott? Kann er richten hinter den dunklen Wolken?  Wolken umhüllen ihn, dass er nichts sieht, und auf dem Kreis des Himmels geht er einher.

    Hiob 22:14 Züricher

    als er noch nicht gemacht die Erde und die Fluren, noch die Gesamtheit der Erdschollen des Festlandes. Als er den Himmel feststellte, war ich dabei. Als er einen Kreis abmaß über der Fläche der Tiefe, …

    Sprücher 8:26,27 Elberfelder

    Steht in der Bibel, dass die Erde flach ist? Jaein! Zumindest lesen wir von einem Kreis der Erde [Kontext: Buch Hiob] Aber auch vom Kreis des Himmels und Kreis der Fläche der Tiefe [Kontext: Buch Sprüche].

    Ist für dich die Sache damit klar? Wenn du bei diesen Texten sagst, dass damit eine Aussage über die Geometrie der Erde (flach oder Kugel) gemacht wird, dann musst du es auch bei diesem Text machen:

    Er gab der Erde ein festes Fundament, / dass sie durch nichts mehr zu erschüttern ist.

    Psalm 104:5 NEÜ

    Wieder das selbe Wort für Erde אֶרֶץ erets (Strong’s 776). Und wenn die Erde ein festes Fundament hat, dann kann es ja keine Kugel im Nichts sein, oder? Wie steht es dann mit dem Kontext dieses Verses?

    Auf, meine Seele, preise Jahwe! / Jahwe, mein Gott, du bist sehr groß, / bekleidet mit Hoheit und Pracht. Das Licht umgibt dich wie ein Gewand, / den Himmel spannst du wie ein Zeltdach aus. und baust deine Kammern über dem Wasser dort auf. / Du machst die Wolken zu deinem Wagen / und schwebst auf den Schwingen des Sturms.

    Psalm 104:1-3 NEÜ

    Der Himmel hat also die Gestalt eines Zeltdaches. Also in etwa so wie bei der Stiftshütte?

    Wikipedia

    Du kannst nicht beides haben. Vers 5 wörtlich als eine Aussage über die Form der Erde nehmen und den Vers 2 im Kontext dann nicht. Die Himmel passen dann aber eher nicht zu einer runden, kreisförmigen Erde, oder? Aber es geht in Vers 3 noch weiter, hier in der Interlinear Übersetzung:

    „der im Wasser seine Gemächer baut, der Wolken zu seinem Wagen macht, auf Flügeln des Sturms dahinfährt, …“ (Psalm 104:3 Züricher) Jahwe macht die Wolken zu seinem Streitwagen! Denkst du wirklich, dass hier gesagt wird, dass Jahwe am Himmel mit einem Wagen fährt? „Aber das ist doch eine Vision!“, denkst du vielleicht. Nein, ist es nicht. Der Psalm ist keine Vision sondern eine Beschreibung. Und alles steht im selben Kontext. Macht dann der Text überhaupt einen Sinn? Ja, aber dazu muss man verstehen, was der Kontext ist. Der Kontext ist nicht unser Wunsch, dass hier eine Aussage über die Geometrie der Erde oder Jahwes Fuhrpark enthalten ist. Der Kontext waren die Anbeter Jahwes damals. Und wenn du die Bibelgelehrten dazu befragst, dann kannst du lernen, dass es hier um eine theologische Aussage geht. Andere Nationen waren der Meinung, dass ihr Gott Baal mit seinem Wagen am Himmel fährt. Im Text der Bibel wurde den Israeliten damals versichert, dass nicht Baal für die Natur, den Regen und die Fruchtbarkeit des Landes zuständig ist. Wenn überhaupt jemand am Himmel in einem Wagen fährt, dann war es Jahwe. Ende der Metapher.

    Jetzt könnten wir noch viele andere Texte so analysieren. Aber dieses Video soll ja wie gesagt nicht für die die Schlüsse ziehen, sondern helfen, dass du das selbst tun kannst. Wichtig ist dabei, sich nicht einzelne Text, die zur eigenen Vorstellung passen, herauszupicken und die anderen zu ignorieren. Oder willkürlich Texte als ‚wörtlich‘ oder ‚symbolisch‘ oder ‚allegorisch‘ aufzufassen, schon gar nicht innerhalb eines Satzes oder einer Passage.

    Was wir uns nun anschauen wollen, ist der Kontext, in dem die Texte aufgeschrieben wurden. Was ist also der Kontext bei den Texten, in denen es um die Erde geht?

    Wie ist der Text der Bibel im historischen Kontext zu verstehen?

    Was wissen wir über den historischen und kulturellen Kontext der Menschen, welche den Text aufgeschrieben und damals gehört haben? Unterscheidet der sich denn wirklich so sehr von unserem heutigen?

    Ein Beispiel wird dich vielleicht davon überzeugen, dass hier ‚Welten‘ dazwischen liegen können. Merke dir bitte einmal, welche Gedanken dir in den ersten Sekunden in den Sinn kommen, nachdem du gleich ein Wort gelesen oder gehört hast. Welche Bilder sind danach in deinen Gedanken erschienen? Und nun das Wort: Weihnachten!

    Wenn du aus Europa oder Nordamerika kommst, hast du vielleicht sofort an dies gedacht: Bilder einer Winterlandschaft mit Schnee, ein geschmückter Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, der Duft und Geschmack von Weihnachtsgebäck. Falls du aus Australien, Südafrika oder Südamerika kommst, hast du höchstwahrscheinlich keine Schneelandschaft vor Augen gehabt. Und statt besinnlichen Weihnachtsliedern vielleicht sogar eher einen Festumzug mit Motivwagen, wie ich sie vom Karneval kenne inklusive rhythmischer Tanzmusik (habe ich so auf Fuerteventura erlebt).

    Nun schreibst du diesen Satz in einen Roman: „Es war ein schöner Tag, es fühlte sich an wie Weihnachten.“ Und wir schicken den Roman 200 Jahre zurück in die Vergangenheit. Die Menschen können den Satz lesen, aber haben keine Ahnung, was du dir vorgestellt hast. Nicht einmal, was du gemeint hast. Nun ist die Bibel uns umgekehrt aus der Vergangenheit überliefert worden. Kann die Bedeutung von Worten sich nicht auch geändert haben oder verloren gegangen sein? Nehmen wir zum Beispiel das englische Wort ‚gift‘. Das wurde vor langen Zeiten auch im Deutschen verwendet. Schließlich sprechen wir heute noch von einer Mitgift. Die Bedeutung des Wortes Gift, die es bei Goethe als „Gabe, Geschenk, Schenkung“ noch hatte, hat sich aber dramatisch verändert. Und doch denken wir bei Mitgift nicht daran, dass jemand umgebracht werden soll.

    Und welche Vorstellung von der Welt hatten denn nun die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker um sie herum und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe dazu die zukünftige Video Serie Gottes Namen tragen).

    Weitere Argumente, die für dieses Verstädnis der Genesis sprechen, finden sich bei vielen verschiedenen Gelehrten, darunter John H. Walton The Lost World of Genesis One. Jascha Schmitz hat darüber eine Video Serie veröffentlicht: Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt

    Bevor wir also Bibeltexte untersuchen, ob sie nun von einer flachen Erde sprechen oder nicht, sollten wir in Betracht ziehen, was der ursprüngliche Kontext der Texte ist:

    Ist das Ziel der Bibel, eine Aussage über die Geometrie der Erde zu verkünden? Nein! [Kontext: Der einfache Israelit in der Wüste].
    Der textuelle und historische Kontext zeigen, dass es um die Ordnung der Dinge und ihren Zweck geht. Jedes Wesen und Ding hat seinen Platz und Zweck.

    Es wäre auch gut, sich darüber Gedanken zu machen, was eine ‚wörtliche‘ Bibelauslegen wirklich ausmacht. Ich stelle mal eine Behauptung in den Raum:

    Die Bibel ‚wörtlich‘ auszulegen, bedeutet nicht, die Bibel Wort-für-Wort zu lesen und sie Wort-für-Wort mit unserem Kontext und unseren Vorstellungen von heute auszulegen.

    Auch dieser Punkt könnte unsere Auffasung davon, was die Bibel über die Erde sagt, unbewusst beeinflussen. „Wenn ich den Text der Bibel nicht wörtlich nehme, verrate ich dann nicht das inspirierte Wort Gottes?“ Nein, das würden wir doch wohl eher, wenn wir die Texte in einer Weise gebrauchen, wie Gott es gar nicht wollte. Das gilt es also, herauszufinden. Mehr darüber hatte ich in der Serie Der Kanon des Neuen Testaments gezeigt.

    Wenn du bis hierhin meinen Ausführungen gefolgt bist, dann bin ich recht zuversichtlich, dass du auch in dieser Frage bereit bist, deine Auffassungen zu überdenken, kritisch zu hinterfragen und dir selbst die Frage zu stellen: Warum glaube ich das eigentlich? Warum denke ich so? Und ich hoffe, dir hier ein paar Denkanstöße mit auf den Weg gegeben zu haben.

  • Die biblische Flut: Chronolgie und Ausdehnung

    Die biblische Flut: Chronolgie und Ausdehnung

    Von Carl Olof Jonsson


    Dieser Artikel enthält die deutsche Übersetzung des Artikels „THE BIBLICAL FLOOD: CHRONOLOGY AND EXTENSION“ von Carl Olof Jonsson aus dem Jahre 2001, den er auf der Website Christian Freedom Association veröffentlich hatte. Das englische Original ist am Ende zum Herunterladen angefügt.


    Die Chronologie des alten Mesopotamiens

    Stehen die Chronologien Mesopotamiens und Ägyptens im Widerspruch zum biblischen Datum der Sintflut, d. h. ca. 2500 v. Chr. nach dem masoretischen Text und ca. 3500 v. Chr. nach der griechischen Septuaginta-Übersetzung (LXX)? Viele scheinen zu glauben, dass die Chronologien des alten Mesopotamiens und Ägyptens sicher feststehen, während sie in Wirklichkeit nur sehr lose begründet und veränderbar sind. Die Chronologie des alten Mesopotamiens zum Beispiel wurde im letzten Jahrhundert Schritt für Schritt erheblich verkürzt, wie die folgende Tabelle zeigt, die die allmähliche Herabsetzung der Datierungen der Regierungszeiten von Sargon I. und Hammurabi zeigt. Die Chronologie des alten Ägyptens wurde im selben Zeitraum auf ähnliche Weise verkürzt.

    Chronologie des alten Mesepotamiems 

    Änderungen während des letzten Jahrhunderts (1895—1998):






    1895:        Boscawen:

    1935:        Will Durant:


    1942–1998:    
    Hohe Chronologie:
                              Mittlere Chronologie:
                              Niedrige Chronologie:

    1977:       Brinkman:

    1987:       Viele Gelehrte: 

    1998:       H. Gasche et al:

    Änderungen 1895-1998:
    SARGON I

    (Der 1. König der Dynastie von Akkad) 


    3800 – 3755 BCE
     

    2872 – 2817 BCE 






    2334 – 2279 BCE

    [2270 – 2215 BCE] 

    [2238 – 2183 BCE]

    -1562 years 
    HAMMURABI

    (Der 6. König der 1. Dynastie von Babylon)

    2235 – 2193 BCE

    2123 – 2081 BCE


    1848 – 1846 BCE
    1792 – 1750 BCE
    1728 – 1686 BCE

    1792 – 1750 BCE

    1728 – 1686 BCE

    1696 – 1654 BCE


    – 539 years

    [1992:      Professor P. James:              Eine weitere Reduktion der Chronologie um etwa 250 Jahre]

    Die Probleme mit den alten Chronologien sind noch lange nicht gelöst, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie weiter reduziert werden. Ein Problem ist, dass sie oft im Widerspruch zu den C14-Daten stehen.
    Die Cambridge Ancient History, Vol. 1:2 (1971) datiert die frühdynastische Zeit (E.D.) in Mesopotamien vorläufig auf ca. 3000-2450 v. u. Z. Es scheint daher angebracht, zu zitieren, was dieses Werk über eines der Probleme mit dieser Datierung zu sagen hat. Kapitel XVI, „Die frühe dynastische Periode in Mesopotamien“, wurde von dem berühmten britischen Archäologen Max E.L. Mallowan (gest. 1978) geschrieben, der erklärt:

    „Leider stimmt diese scheinbar zufriedenstellende Schätzung für die Länge der E.D.-Periode nicht mit den jüngsten Kohlenstoff-14-Funden überein, insbesondere mit dem kürzlich untersuchten Material aus Nippur, das eine Reduzierung der Daten des dritten Jahrtausends um bis zu sechs oder sieben Jahrhunderte erfordern könnte. Wenn das neu entdeckte Kohlenstoff-14-Muster für das dritte Jahrtausend richtig ist, müssen wir möglicherweise die gesamte bisher akzeptierte Grundlage der ägyptischen Chronologie über Bord werfen, auf der die mesopotamische zum großen Teil beruht. Aber wir sollten zögern, dies zu tun, wenn es nicht noch viel stärkere Gegenbeweise gibt, denn die ägyptischen Berechnungen, die auf schriftlichen Belegen beruhen, lassen sich aus astronomischen Gründen nur mit einer geringen Fehlermarge überprüfen [diese angebliche „astronomische“ Unterstützung für die ägyptische Chronologie wird von modernen Wissenschaftlern zunehmend abgelehnt! – Carl Olof Jonsson] und wenn wir eine niedrige Kohlenstoff-14-Chronologie für die E.D.-Periode akzeptieren, haben wir es mit einer großen und unerklärlichen Lücke zwischen dieser und der Jungsteinzeit zu tun, für die die gleiche Methode unerwartet hohe Daten liefert. Einige Autoritäten neigen daher derzeit zu der Annahme, dass es am Ende des dritten Jahrtausends eine physikalische Störung im solaren Magnetfeld gab, die sich auf das Niveau der Kohlenstoff-14-Aktivität im Kohlenstoffaustauschreservoir ausgewirkt haben könnte.“ (Seiten 242-243)

    Zugegeben, das wurde 1971 geschrieben, lange bevor die Kalibrierungskurven ausgearbeitet und auf diese frühe Periode ausgedehnt worden waren. Dennoch sind Archäologen, die die frühen Zivilisationen des Alten Orients ausgraben, in der Regel misstrauisch gegenüber Kohlenstoff-14-Daten.

    Die Assyrische Königsliste (AKL)

    Das Rückgrat der mesopotamischen Chronologie vor dem ersten Jahrtausend v. Chr. ist die Tradition der Assyrischen Königsliste. Es wurden fünf Exemplare der assyrischen Königsliste (AKL) gefunden, aber da zwei davon nur Fragmente sind, sind die drei anderen die wichtigsten. Die Liste enthält die Namen und die Regierungszeiten der assyrischen Herrscher von der Antike bis in die neuassyrische Zeit, wobei eine der Kopien mit Schalmaneser V. (726-722 v. Chr.) endet.

    Die Listen wurden zu verschiedenen Zeiten aktualisiert. Alle erhaltenen Exemplare stammen aus der Spätzeit, das älteste aus der Regierungszeit von Tiglath-Pileser II, 966-935 v. Chr. (Die „Redaktionsgeschichte“ der AKL wird von Shigeo Yamada in der Zeitschrift für Assyriologie, Band 84:1, 1994, S. 11-37, erörtert.) In den späteren Teilen kann die Liste mit dem assyrischen Eponymenkanon (der den Zeitraum 910-649 v. Chr. abdeckt) verglichen werden, und zumindest für diesen Zeitraum scheint sie zuverlässig zu sein. Von dort und bis zum Ende der kassitischen Periode, ca. 1155 v. Chr., scheint sie auch im Großen und Ganzen mit anderen Quellen übereinzustimmen.

    Es hat sich jedoch gezeigt, dass die früheren Teile der Liste alles andere als zuverlässig sind. Es wird angenommen, dass die frühesten Teile teilweise auf mündlichen Überlieferungen beruhen. Außerdem kann es sein, dass eine Reihe von Herrschern und Dynastien, die in der Liste als aufeinanderfolgend dargestellt werden, in Wirklichkeit zeitgleich waren. So stellen die Wissenschaftler Wu Yuhong und Stephanie Dalley bei der Erörterung der Beweise für gleichzeitige Könige in Kish fest: „Wenn es möglich ist, dass ein Bezirk gleichzeitig zwei Könige hatte, von denen der eine über die sesshafte, städtische Bevölkerung und der andere über die Lager in der Peripherie herrschte, ist es möglich, auf die assyrische Königsliste dieselben Kriterien anzuwenden, die heute für die sumerische Königsliste gelten, nämlich dass parallele Dynastien als aufeinanderfolgend dargestellt werden.“ (Irak, Bd. 52, 1990, S. 163)

    Man hat versucht, die erste Dynastie von Babylon (zu der Hammurabi gehört) mithilfe einer Reihe von astronomischen Texten zu datieren, die Beobachtungen des Planeten Venus enthalten. Diese Tafeln sind als die „Venustafeln von Ammisaduqa“ bekannt, weil sie auf die Regierungszeit von Ammusaduqa, dem vorletzten Herrscher der Dynastie, datiert werden. Die Beobachtungen sind jedoch schwer zu interpretieren und können mit einer Reihe von alternativen Daten versehen werden. Auf der Grundlage dieser Tafeln haben Gelehrte im Allgemeinen drei verschiedene Chronologien für die Erste Dynastie von Babylon vorgeschlagen, die sogenannte „hohe“, „mittlere“ und „niedrige“ Chronologie (siehe Tabelle oben). Der Unterschied zwischen der hohen und der niedrigen Chronologie beträgt etwa 120 Jahre, und darüber herrscht unter den Gelehrten immer noch große Uneinigkeit. Einige haben auch andere alternative Daten für die Venustafeln vorgeschlagen.

    Der aktuelle Stand der mesopotamischen Chronologie für das zweite Jahrtausend und frühere Perioden wird von Professor F. H. Cryer treffend beschrieben:

    „Im Gegensatz zur Datierung des ersten Jahrtausends sind die absoluten Daten der anderen chronologischen Perioden in Mesopotamien Vermutungen. Der Beginn des ersten Jahrtausends und der Übergang vom zweiten Jahrtausend ist in allen uns vorliegenden Quellen sehr unklar, soweit es Mesopotamien betrifft. Meist wird ein extremer Mangel an Quellen als Grund für unsere Unkenntnis angeführt, und tatsächlich sind wir weitgehend, wenn nicht sogar vollständig, auf die teilweise stark voneinander abweichenden Königslisten angewiesen, um auch nur ein schemenhaftes Bild zu erhalten. In diesem Zusammenhang werden wir durch die Tatsache behindert, dass es den lokalen Chronographen, insbesondere in Assyrien, wichtig gewesen zu sein scheint, zumindest die Illusion dynastischer Kontinuität zu skizzieren, so dass zahlreiche gleichzeitig regierende Könige rivalisierender Fürstentümer (d.h. Nebenherrschaften) in den Aufzeichnungen aufeinander zu folgen scheinen. Das Gleiche gilt auch für verschiedene antike Ausgaben der sumerischen Königsliste, einem Dokument, in dem die Stadtstaaten mit ihren aufeinanderfolgenden Herrschern aufgelistet sind, denen die Götter das Königtum verliehen haben.“ – F. H. Cryer in Civilizations of the Ancient Near East, Jack M. Sasson et al (eds.), Vol. II, 1995, S. 657.

    Diese Probleme mit der assyrischen Königslistentradition und der Chronologie für die frühe Zivilisation Mesopotamiens hat Dr. Julian Reade vom Britischen Museum kürzlich in einem ausführlichen Artikel mit dem Titel „Assyrian King-Lists, The Royal Tombs of Ur, and Indus Origins“ (Assyrische Königslisten, die Königsgräber von Ur und die Ursprünge des Indus) hervorgehoben, der im Journal of Near Eastern Studies, Vol. 60:1, Januar 2001, S. 1-29, veröffentlicht wurde. In seiner detaillierten und sehr interessanten Erörterung kommt Reade zu dem Schluss, dass die mesopotamische Chronologie für den Zeitraum 2500-1500 v. Chr. „verzerrt“ ist, und er plädiert für „viel niedrigere Chronologien als die, die gewöhnlich für diesen Zeitraum angeführt werden“. Er zeigt auch, dass eine solche Herabsetzung der Chronologie durch neuere Baumringstudien unterstützt wird. (S. 1, 10)

    Die mesopotamische Sintflut von ca. 3500 v. Chr.

    Dass eine gewaltige Sintflut, die von Geologen derzeit auf etwa 3500 v. Chr. datiert wird, die Ebene von Mesopotamien überschwemmte und die vorsumerische Ubaidenzivilisation mit sich riss, scheint nun durch geologische und geomorphologische Untersuchungen, die in den 1960er und 1970er Jahren in Mesopotamien und in der Region des Persischen Golfs durchgeführt wurden, eindeutig bewiesen zu sein. Eine Zusammenfassung der Beweise gibt Theresa Howard-Carter in ihrem Artikel „The Tangible Evidence for the Earliest Dilmun“ („Die greifbaren Beweise für das früheste Dilmun“), veröffentlicht im Journal of Cuneiform Studies, Vol. 33, 1981, S. 210-223.

    In ihrer Diskussion über die Sintflut beginnt Howard-Carter mit dem Hinweis, dass „fast alle Autoritäten, die sich in Schriften vor 1975 ernsthaft mit der Flutfrage befasst haben, im Allgemeinen insofern Recht behalten, als sie lediglich auf die Existenz von Überschwemmungen in Mesopotamien hinweisen. Aber neuere Forschungen in der Geomorphologie der Golfregion zwingen uns nun, in größeren Zusammenhängen zu denken.“ Dann stellt sie kurz die neuen Beweise für eine gewaltige Sintflut vor, die auf etwa 3500 v. Chr. datiert wird und die viel umfangreicher war als die lokalen Überschwemmungen, die in früheren Werken diskutiert wurden:

    „Bisher wurde die Sintflut immer in Bezug auf das Gebiet des Golfs, des Deltas und des unteren Mesopotamiens diskutiert. Die neuen Beweise zwingen uns, das gesamte Golfgebiet im wahrsten Sinne des Wortes in der Tiefe zu betrachten. … Diese größte aller Überschwemmungen ereignete sich genau in der Mitte des vierten Jahrtausends [ca. 3500 v. Chr.] an einem Punkt, der archäologisch bereits als Beginn der Uruk-Periode identifiziert wurde. Dies ist stratigraphisch in Eridu, Ur und Warka nachweisbar.“ (Seiten 221-222)

    Meeresmuscheln, Meeresterrassen und andere Beweise zeigen, dass die Fluten, die die Städte der Ubaid-Zivilisation ertränkten, durch eine massive Bewegung des Meeres aus dem Golf verursacht wurden. Diese Erkenntnis stimmt mit der Aussage in 1. Mose 7:11 überein, dass die Wasser der Sintflut zwei Quellen hatten: (1) „die Quellen der großen Tiefe brachen auf, und (2) die Fenster des Himmels öffneten sich.“ Die „große Tiefe“ (hebr. tehom rabba) wird in der Bibel vor allem für das Meer verwendet (z. B. Jes. 51:10; 63:3; Jona 2:4). Die Überschwemmung durch den Persischen Golf erklärt, warum die Arche Noahs (= der sumerische Ziusudra, der in der Stadt Schuruppak in Südmesopotamien gelebt haben soll) nach Norden zu den Bergen oder Hügeln in der Gegend des Ararat gebracht wurde. Wäre die Sintflut nur durch Regenfälle von oben und Überschwemmungen der Flüsse Euphrat und Tigris verursacht worden, wäre die Arche südwärts zum Golf gebracht worden.

    Die Ausdehnung der Sintflut um 3500 v. Chr.

    Es scheint offensichtlich, dass diese verheerende Katastrophe der historische Hintergrund der biblischen und mesopotamischen Sintfluttraditionen war. Wie weit nach Norden diese „riesige Flut“ reichte, ist immer noch eine offene Frage. Eine riesige Meereswelle aus dem Persischen Golf könnte sehr weit nach Norden entlang der Ebene reichen, sogar bis in die bergigen Gebiete des Nordiraks. Es ist zu bedenken, dass die meisten mesopotamischen Ebenen unterhalb dieses Gebiets sehr niedrig sind. Die gesamte Deltaniederung südlich von Bagdad zum Beispiel ist extrem flach und steigt vom Persischen Golf bis Bagdad 600 Kilometer nördlich des Golfs nur wenige Meter an, so dass Bagdad immer noch weniger als 10 (zehn) Meter über dem Meeresspiegel liegt!

    Damit eine örtliche Überschwemmung länger als ein paar Stunden oder Tage andauert, muss es ein geschlossenes Gebiet geben, das die gesamte Tigris-Euphrat-Region umfasst. Und Tatsache ist, dass der Irak oft als „Senke“ beschrieben wird. In der Encyclopaedia Britannica, Bd. 12 (1969), heißt es zum Beispiel: „Der Irak besteht aus einer Tieflandsenke, die zwischen asymmetrischen und sehr unterschiedlichen Gebirgsmassiven im Osten, Norden und Westen liegt und sich in südöstlicher Richtung bis zum Persischen Golf fortsetzt.“ (Seite 527) Ähnlich sagt Dr. Susan Pollock in ihrem neuen Werk Ancient Mesopotamia (Cambridge, 1999):

    „Mesopotamien ist, geologisch gesehen, eine Senke, die entstand, als sich der arabische Schild gegen die asiatische Landmasse drückte, das Zagros-Gebirge anhob und das Land südwestlich davon absenkte. In diesem Graben haben die Flüsse Tigris und Euphrat und ihre Nebenflüsse enorme Mengen an Schwemmsedimenten abgelagert und die untere mesopotamische Ebene (auch Schwemmlandebene genannt) gebildet. Heute erstreckt sich die untere mesopotamische Ebene über etwa 700 Kilometer, etwa von Ramadi und Baquba im Nordwesten bis zum Golf, der ihr südöstliches Ende überflutet hat.“ (Seite 29)

    Da nicht genau bekannt ist, was die massive Bewegung des Meeres zur Überflutung der mesopotamischen Ebene verursachte, könnten Umstände im Spiel gewesen sein, die uns heute unbekannt sind und die verhinderten, dass sich das Wasser zu schnell wieder ins Meer zurückdrehte. Es bleibt also noch viel zu erforschen.

    Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Sintflut mit einem Anstieg des Meeresspiegels nach dem Ende der letzten Eiszeit zusammenhing, der derzeit auf etwa 11.000 Jahre datiert wird. In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass dieses Ende viel schneller eintrat, als bisher angenommen wurde. Die Wissenschaftler Olaf Jöris und Bernard Weninger stellen zum Beispiel fest:

    „Die holozänen Klimabedingungen, wie sie sich jetzt zumindest für die nördliche Hemisphäre darstellen, sind nicht das Ergebnis langsamer, allmählicher Veränderungen. Im Gegenteil, sie sind sprunghaft und abrupt in nur wenigen Jahrzehnten entstanden.“ – Olaf Jöris & Bernhard Weninger, „14C-Alterskalibration und die Absolute Chronologie des Spätglacials,“ Archäologisches Korrespondenzblatt, Vol. 30:4, 2000, S. 461.

    In ihrem Buch Ice Ages and Astronomical Causes (Chichester, UK: Praxis Publishing Ltd, 2000) erklären die Autoren Richard A. Muller & Gordon J. MacDonald, die zu den führenden Experten für die Eiszeiten gehören, auf Seite 4 weiter:

    „Die Abruptheit des Endes ist verblüffend. Die Landwirtschaft und unsere gesamte Zivilisation haben sich seit diesem Ende entwickelt. Der riesige, mehrere Kilometer dicke Gletscher, der weite Teile Nordamerikas und Eurasiens bedeckte, schmolz schnell. Nur kleine Teile dieses Gletschers überlebten in Grönland und der Antarktis, wo sie bis heute existieren. Das Schmelzen verursachte eine Reihe von weltweiten Überschwemmungen, wie sie der Homo sapiens noch nie erlebt hatte. … Die Flut schüttete so viel Wasser in die Ozeane, dass der durchschnittliche Meeresspiegel um 110 Meter anstieg, genug, um die Küstengebiete zu überschwemmen, … . Das Wasser des schmelzenden Eises flutete wahrscheinlich in Schüben über das Land, als sich eisgestaute Seen bildeten und dann katastrophal ihr Wasser abließen. Diese Überschwemmungen hinterließen viele Spuren, darunter auch Überreste von Pfützen, die heute als Große Seen bekannt sind, und gaben möglicherweise Anlass zu Legenden, die sich viele Jahre lang hielten.“

    Dieser Anstieg des Meeresspiegels erfolgte nachweislich in mehreren plötzlichen Phasen, von denen die letzte auf etwa 3.500 v. Chr. datiert wird. Dass diese letzte Katastrophe mit der Sintflut Noahs identisch war, ist geologisch durchaus möglich und sogar wahrscheinlich.

    In gewissem Sinne kann eine solche Sintflut als weltweit angesehen werden, denn der Anstieg des Meeresspiegels betraf die Küstengebiete und das Tiefland auf der ganzen Welt. Es gibt Belege dafür, dass eine Katastrophe enormen Ausmaßes andere Gebiete außerhalb Mesopotamiens um diese Zeit entvölkerte und die sogenannte Chalkolithische Periode im Nahen Osten beendete. Margie Burton und Thomas E. Levy von der University of California, San Diego, erklären:

    „Das Ende des Chalkolithikums – der Übergang vom Chalkolithikum zur Frühbronzezeit (Early EB I oder EB IA) – wurde als sozialer, politischer, wirtschaftlicher und demografischer Zusammenbruch beschrieben (Gophna 1998). … aktuelle stratigraphische und radiometrische Beweise deuten darauf hin, dass die meisten der großen chalkolithischen Stätten um die Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. [ca. 3500 v. Chr.] aufgegeben und nicht wieder besiedelt wurden, obwohl einige möglicherweise eine begrenzte und kurzzeitige Besiedlung hatten, die bis in die Zeit der Frühbronze IA (EB IA) reichte.“ – M. Burton & T. E. Levy, „The Chalcolithic Radiocarbon Record and its Use in Southern Levantine Archaeology“, Radiocarbon, Vol. 43:3 (2001), S. 1232.

    „Erde“ oder „Land“?

    Die Beweise zeigen also, dass es tatsächlich eine Sintflut gab. Sie kann sehr wohl „lokal“ in dem Sinne gewesen sein, dass sie nicht alle Landmassen der Erde bedeckte, sondern sich auf Küstengebiete und andere tief liegende Gebiete der Erde beschränkte, also auf Orte, an denen die Menschen in der Antike gewöhnlich siedelten. Zumindest in der sumerischen Sintfluttradition wird angedeutet, dass die Sintflut als eine mehr oder weniger lokale Katastrophe gedacht war, denn es heißt, dass „die Sintflut über das Land [Sum. kalam] hinwegfegte.“ Kalam war der Name, den die Sumerer für ihr eigenes Land benutzten, das ungefähr das Gebiet vom Golf bis zum heutigen Bagdad umfasste, bevor ihr Land in der späteren akkadischen Zeit in Sumer und Akkad aufgeteilt wurde.

    Die biblische und die mesopotamische Sintfluttradition sind eng miteinander verwandt, auch wenn nicht bewiesen werden kann, dass die biblische Geschichte von der anderen abgeleitet wurde oder andersherum. Sie haben eindeutig einen gemeinsamen Ursprung und sprechen von demselben Ereignis. Aus diesem Grund ist es möglich und sogar wahrscheinlich, dass auch die Bibel wie die mesopotamischen Überlieferungen von einem lokalen Gebiet spricht, das von der Katastrophe betroffen war, wobei sie das hebräische Wort erets im Sinne von „Land“ oder „Gebiet“ und nicht von „Erde“ verwendet. Dass die biblische Geschichte der Sintflut in 1. Mose 6-8 so verstanden werden kann, zeigt zum Beispiel Professor Franz Delitzsch, ein führender konservativer Bibelwissenschaftler im 19. Jahrhundert, in seinem Werk A New Commentary on Genesis, Band 1, S. 222-282. (Dieser Kommentar wurde ursprünglich 1887 auf Deutsch veröffentlicht.)

    Es sollte betont werden, dass die Bibel das Wort erets im Allgemeinen im Sinne von „Land“ und seltener im Sinne von „Erde“ (= der Globus) verwendet. Im Theological Dictionay of the Old Testament, Vol. 1, S. 393, erklärt Dr. Magnus Ottosson: „Es ist nicht immer leicht zu bestimmen, ob erets in einem bestimmten Fall ‚Erde‘ oder ‚Land‘ bedeutet.“

    Die Übersetzer haben das gleiche Problem mit dem griechischen Wort für „Erde“, ge. Es kann entweder „Erde“ oder ein begrenzteres Gebiet, wie „Land“ oder „Bezirk“, bedeuten. In unserem Weltraumzeitalter sind wir daran gewöhnt, die „Erde“ als den gesamten Globus zu betrachten, aber in der Antike taten die Menschen das nur selten. In Colin Browns The New International Dictionary of New Testament Theology, Bd. 1, S. 518, sagt Dr. R. Morgenthaler:

    „Es ist oft schwierig zu entscheiden, ob eine bestimmte Stelle von einem bestimmten Land, insbesondere dem Land Israel, oder von der gesamten bevölkerten Erde spricht. Mit unserer modernen Weltanschauung neigen wir dazu, global und universell zu denken. Im Neuen Testament kann „die Erde“ jedoch auf eine sehr partikulare Weise verwendet werden.“

    Es ist also durchaus möglich, dass sich das erets in der biblischen Sintflutgeschichte in erster Linie auf das „Land“ oder das Gebiet Mesopotamiens bezieht, wie das sumerische Wort kalam. Der Kontext muss immer entscheiden, ob erets „Land“ oder „Erde“ bedeutet. Und wenn der biblische Kontext nicht ausreicht, um die Frage zu entscheiden, ist der historische Kontext, in dem die Geschichte entstanden ist, vielleicht unser bester Anhaltspunkt.

    Auch die späteren biblischen Hinweise auf die Sintflut müssen nicht so verstanden werden, dass sie sich auf eine Überflutung aller Landmassen der Erde beziehen. Es ist interessant zu beobachten, dass Jesus sein zweites Kommen nicht nur mit der Sintflut, sondern auch mit der Zerstörung Sodoms verglich, als er es als unerwartetes Ereignis bezeichnete. Und so wie er sagte, dass die Sintflut „sie alle vernichtete“, sagte er auch von Sodom, dass das Feuer und der Schwefel vom Himmel „sie alle vernichtete“. (Lukas 17:26-30) Das Wort „alle“ bezieht sich in beiden Fällen natürlich auf alle an der jeweiligen Katastrophe Beteiligten, nicht unbedingt auf alle Menschen auf der Erde. Auch Petrus erwähnt diese beiden Katastrophen auf ähnliche Weise. (2. Petrus 2:5-9)

    Dass sich die Juden in der Antike der Möglichkeit bewusst waren, dass es sich bei der biblischen Sintflut um eine begrenztere Katastrophe gehandelt haben könnte, geht aus der Tatsache hervor, dass die Rabbiner dem Talmud zufolge darüber diskutierten, ob die Sintflutgewässer das Land Israel erreicht hatten oder nicht. (Babyl. Talmud Zeb. 113b; Gen. Rabbah 33.6; Lev. Rabbah 31.10; Cant. Rabbah 1.15, Abs. 4; 4.1, Abs. 2)

    „Berge“ oder „Hügel“?

    Laut 1. Mose 7:19 bedeckten die Wasser der Sintflut „alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel“. Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Wasser alle hohen Berge der Erde bedeckten. „Unter dem ganzen Himmel“ kann einfach bedeuten, dass die Wasser alle Berge über dem Horizont bedeckten, die für die Menschen auf der Arche sichtbar waren.

    Außerdem kann das hebräische Substantiv harim im Plural entweder „Berge“ oder „Hügel“ bedeuten. Nicht nur die Übersetzer der King James Version, sondern auch die modernen Übersetzer der New King James Version übersetzen harim in 1. Mose 7:19 mit „hohe Hügel“. Das tut auch Bullinger in seiner The Companion Bible: „Alle hohen Hügel, die unter dem ganzen Himmel waren, wurden bedeckt.“ Auch in Ferrar Fentons The Five Books of Moses steht „all the hills“ („all die Hügel“), aber mit dem Zusatz „and mountains“ („und Berge“). Diese Übersetzer wählten das Wort „Hügel“, sicherlich nicht, weil sie glaubten, dass die Sintflut örtlich begrenzt war, sondern weil das Wort harim oft so gemeint war und weil sie es in diesem Zusammenhang für angemessen hielten, es so wiederzugeben. Das wäre besonders angemessen, wenn die Sintflutgeschichte, wie allgemein angenommen wird, in Mesopotamien entstanden wäre, wo die einzigen „Berge“, die die Bewohner sehen konnten, Hügel waren. Für jemanden, der im südlichen Mesopotamien lebte, wie Ziusudra, der in der Stadt Shuruppak zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris wohnte, war das hohe persische Gebirge im Osten 250 Kilometer entfernt und konnte aufgrund der Krümmung der Erdoberfläche nicht gesehen werden.

    Die „Berge des Ararat“

    Am Ende der Sintflut kam die Arche Noahs „auf den Bergen [oder ‚Hügeln‘] des Ararat zur Ruhe.“ (1. Mose 8:4) Ursprünglich war Ararat nicht der Name eines Berges, sondern eines geografischen Gebiets, das später, in der assyrischen Zeit, zu einem Königreich ausgebaut wurde. (Siehe 2. Könige 19:37; Jes. 37:38; Jer. 51:27.) Dieses spätere Königreich lag nördlich und nordöstlich von Mesopotamien und hatte sein Zentrum um die Meere Van und Urmia. In assyrischen Keilschriftinschriften lautet die Form des Namens Urartu. Das Königreich Urartu wurde im späten 7. Jahrhundert v. Chr. zerstört, woraufhin der Name verschwand.

    Wenn es in 1. Mose 8:4 heißt, dass die Arche „auf den Bergen [Hügeln] des Ararat“ zur Ruhe kam, bedeutet das, dass sie auf den Bergen oder Hügeln in der Gegend von Urartu zur Ruhe kam. Der Plural, „Berge, Hügel“, ist zu beachten. Erst in der späteren christlichen Tradition ab dem 11. Jahrhundert n. Chr. wurde der hohe Berg Agri Dag im Nordosten der Türkei „Ararat“ genannt und als Ort der Landung identifiziert. In der Bibel wird der Name des Berges jedoch nicht erwähnt, und es heißt auch nicht, dass es ein hoher Berg war.

    Die Targume und die frühe syrische Übersetzung (Peschitta) geben den Ararat als „Korduene“ (Karduchia) wieder, und dort befindet sich laut Josephus (Ant. I.3.6) auch der Ort der Landung, wo ihn Berossus vermutet hatte. Korduene scheint sich auf das von den Kurden besetzte Gebiet, Kurdistan, das ehemalige Armenien, zu beziehen. Die lateinischen Versionen geben Ararat als „Armenien“ wieder, dessen Gebiet ungefähr dem früheren Königreich Urartu entsprach. Ein ausgezeichnetes neueres Werk über das Königreich Urartu/Ararat ist Urartu-das Reich am Ararat, verfasst von Ralf-Bernhard Wartke (Mainz am Rhein, 1993).

    Archäologische Funde zeigen, dass sich die südliche Grenze des Königreichs Urartu bis in die Gegend von Ninive (in der Nähe des heutigen Mosul) und den Zab-Fluss erstreckte. Es ist durchaus möglich, dass das frühere geografische Gebiet namens Urartu größer war und sich weiter nach Süden und Südosten erstreckte. Weite Teile des südlichen Königreichs Urartu lagen nur zwischen 300 und 200 Metern über dem Meeresspiegel. Das Hamrin-Gebirge nordöstlich von Bagdad reicht bis auf etwa 500 Meter.

    Zur Zeit der Sintflut könnten diese Gebiete aber noch viel niedriger gelegen haben, da die Gebirgsbildung im Irak und im südwestlichen Persien seit dieser Zeit anhält. Dr. G. M. Lees und N. L. Falcon betonen:

    „Dieses Gebirgssystem hat sich aus einer breiteren Depressionszone oder Geosynklinale heraus entwickelt, durch eine relative Annäherung zwischen Zentralpersien und dem stabilen Massiv Arabiens, die den beweglichen Streifen dazwischen komprimierte und eine Reihe von riesigen Erdwellen oder Faltengebirgen bildete. Der Zeitpunkt der maximalen tangentialen Bewegung war im späten Pliozän, aber die Hebung des Gebirgsgürtels als Ganzes, im Gegensatz zu den Faltenbewegungen, setzte sich bis in die jüngste Zeit fort und ist tatsächlich immer noch aktiv.“ („The Geographical History of the Mesopotamian Plains“, The Geographical Journal, Vol. CXVIII, 1952, S. 27. Hervorhebung hinzugefügt.)

    Es gibt Gründe für die Annahme, dass der Berg, auf dem die Arche Noahs zur Ruhe kam, nicht sehr hoch gewesen sein kann. Als die Arche auf einem Berg in Urartu zur Ruhe gekommen war, schickte Noah einen Raben und dann eine Taube aus. Als er die Taube ein zweites Mal aussandte, kam sie mit einem frischen „Olivenblatt“ zurück. (1. Mose 8:11) Die Menschen im Nahen Osten wussten (und wissen immer noch) sehr genau, dass Olivenbäume nur bis zu einer Höhe von etwa 500 Metern über dem Meeresspiegel wachsen können. Die Arche kann also kaum höher als in dieser Höhe und möglicherweise viel tiefer zur Ruhe gekommen sein. Auch das spricht dafür, die Sintflut als eine mehr oder weniger lokale Katastrophe zu verstehen.

  • „Wann wurde Jerusalem in alter Zeit zerstört?“

    „Wann wurde Jerusalem in alter Zeit zerstört?“

    Von Carl Olof Jonsson


    Im Wachtturm vom Oktober und November 2011 veröffentlichte die Leitende Körpferschaft der Zeugen Jehovas nach 30 Jahren zwei Artikel mit dem Thema „Wann wurde Jerusalem in alter Zeit zerstört?“. Carlo Olof Jonsson analysierte beide Artikel und verfasste zwei ausführliche Rezensionen dazu.

    Die beiden englische Artikel ist zusammen mit anderen auf der Website Christian Freedom Association von ihm veröffentlicht worden und am Ende dieses Artikels als PDF Datei angefügt.


    Die lange und leidvolle Geschichte bis zur Veröffentlichung des Buches „Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ kann in der vierten Auflage des Buches und auch anhand des Briefwechsels von Carl Olof Jonsson mit der Wachtturm-Gesellschaft auf seiner Website (in Englisch) nachgelesen werden. Carl Olof Jonsson veröffentlichte seine Ausarbeitungen schließlich als Buch, nachdem klar wurde, dass die Leitende Körperschaft auch nach Jahren kein Interesse zeigte, auf die Tatsachen einzugehen. Vielmehr sollte er alles für sich behalten und „auf Jehova warten“ – eine bekannte Floskel, welche bedeutet, dass die Leitende Körperschaft vorgibt, was wann geglaubt wird. Schließlich wurde er auf ihre Veranlassung hin ausgeschlossen. Die Leitende Körperschaft sah sich auch genötigt, im Jahr 1981 im Anhang des Buches „Dein Königreich komme“ ihre Chronologie darzulegen – offensichtlich als eine Art Gegendarstellung. Auch dies kann in der vierten Auflage von „Die Zeiten der Heiden …“ nachgelesen werden. In der Jahren danach versuchten verschiedene Autoren, die von Jonsson vorgelegten Beweise anzugreifen. Der bedeutendste davon war sicher Rolf J. Furuli. Die Art und Weise des Umgangs mit Jonsson von Seiten der Wachtturm-Gesellschaft aber auch von Furuli entsprach keinesfalls dem, was von einem Nachfolger Christi erwartet werden kann. Schließlich veröffentlichte Rolf Furuli seine ‚Osloer Chronolgie‘ in zwei Büchern, die allerdings weder der Überprüfung durch Jonsson und anderen, noch der von Prof. Hermann Hunger standhalten konnte (siehe der Artikel Prof. Hungers Rezension von Rolf J. Furulis „Assyrian, Babylonian, and Egyptian Chronology. Volume II). Die Wachtturm-Gesellschaft war aber anscheinend von Furulis Ausführungen beeindruckt, sicher jedoch noch mehr von den vielen an sie gerichteten Fragen und Briefen gedrängt, dass sie im Wachtturm von 2011, Ausgaben für die Öffentlichkeit Oktober und November, zwei Artikel veröffentlichte, welche die Glaubwürdigkeit der Angaben und Berechnungen der Wachtturm-Gesellschaft aufzeigen sollte.

    Darauf hin hat sich Carl Olof Jonsson in hohem Alter noch die Mühe gemacht, diese Artikel zu analysieren und mit den wissenschaftlichen Fakten zu vergleichen.

    Die beiden folgenden Dokumente sind die maschinellen Übersetzungen der beiden Artikel von Carl Olof Jonsson. Die Qualität der Übersetzung und Formatierung sollte ausreichend sein, um die Argumente und Gedanken nachvollziehen zu können. Bei Unklarheiten kann die deutsche Übersetzung seines Buches zu Rate gezogen werden:

    Im Folgenden kann man die beiden englischen Artikel von Carl Olof Jonsson herunterladen: