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Gottes Eigenname im AT

  • Gottes Bild sein – Teil 6

    Gottes Bild sein – Teil 6

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im fünften Teil angekündigt, beschäftigen wir uns im Rest der Serie mit ‚Menschsein in Gottes neuer Welt‘.

    Menschsein in Gottes neuer Welt

    1. Mose 1 vermittelt unsere grundlegende menschliche Identität als Bild Gottes und führt damit ein wichtiges Thema der Heiligen Schrift ein. Der Ausdruck „Bild Gottes“ kommt jedoch nur in 1. Mose 1, 5 und 9 vor. Danach rückt das Thema in den Vordergrund, Gottes Namen zu tragen.

    Wenn wir dann zum Neuen Testament übergehen, finden wir einige weitere Passgen, in denen vom Bild Gottes gesprochen wird. Auffallend ist, dass sie sich alle auf Jesus beziehen. Und jetzt kommt der Knaller:

    Jesus, der Mensch

    Jesus ist nicht das Ebenbild Gottes, weil er Gott ist. Jesus ist das Ebenbild Gottes, weil er ein Mensch ist.

    Sein Eintritt in die Menschheitsgeschichte ist kein Plan B, sondern die Krönung von Plan A. Und so erklärt sich auch, warum das Johannes Evangelium mit Worten wie in 1. Mose 1:1 beginnt: „Am Anfang war …“ Jeder Mensch ist das Ebenbild Gottes, aber Jesus erfüllt Gottes Absichten für die Berufung, die diese Identität mit sich bringt, perfekt. „Er ist das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens.“ (Hebräer 1:3 NGÜ) Die Vater-Sohn-Sprache füllt das erste Kapitel des Hebräerbriefs und bezeichnet Jesus als Gottes erhabenen Bundespartner, der in seinem Namen regieren wird. Das heißt, er sorgt dafür, dass die Familie Gottes wieder in eine rechte Beziehung zu ihm kommt, damit auch wir Gottes Herrlichkeit ausstrahlen können.

    Jeder Aspekt des Dienstes von Jesus lehrt uns etwas darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Warum hat Jesus zum Beispiel Menschen geheilt? Da Jesus das menschliche Vorbild ist, müssen wir das richtig verstehen. In Johannes 9 heilt Jesus einen Mann, der blind geboren wurde. Die Blindheit des Mannes war ein Anlass für Jesu öffentliche Machtdemonstration, um seine messianische Identität zu offenbaren. Gleichzeitig stellte Jesus die problematische Theologie seiner Jünger und der jüdischen Religionsführer bloß. In der Geschichte geht es nicht darum, die Schwäche des Mannes hervorzuheben, sondern vielmehr darum, die Identität Jesu im Licht der Hartherzigkeit Israels zu enthüllen. Die Heilung des blind geborenen Mannes durch Jesus war nicht nur ein Akt des Mitleids. Jesus „reparierte“ nicht einfach das Problem dieses Mannes. Vielmehr entlarvte er den Unglauben und machte seine Identität als derjenige deutlich, der gekommen war, um die Prophezeiungen Jesajas zu erfüllen.

    Der Tod Jesu war die Vollendung des Ziels der Menschheit. Er war „gehorsam bis zum Tod“ – er weigerte sich, an Macht oder Autonomie festzuhalten (siehe Philipper 2:8). Vor die gleiche Wahl gestellt wie die ersten Menschen, hat Jesus Sünde und Tod besiegt, indem er sich ihnen frontal stellte und das Urteil empfing, das die Menschheit verdient hatte. Er tat dies aus freien Stücken und nahm stellvertretend für uns die volle Strafe für die menschliche Rebellion auf sich. Dieser Akt der Selbstaufopferung repariert schließlich die Zerrissenheit des Gartens. Jesus ist die Umkehrung der ersten Menschen.

    Die Erkenntnisse von Johannes sind für die Frage dieser Reihe besonders relevant: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Als zweiter Adam lebt Jesus die Entscheidung der ersten Menschen nach. Anstatt seinen eigenen Weg zur Herrlichkeit zu finden, vertraut sich Jesus dem Vater an. Sein letzter Akt am Kreuz verbindet seine eigene Mutter mit Johannes, dem geliebten Jünger (Johannes 19,25-27). Auf diese Weise schafft er eine neue menschliche Familie, in der „Eltern“ und „Kinder“ nicht durch das Blut, sondern durch liebevolle Hingabe verbunden sind.

    Die letzten Worte Jesu am Kreuz im Johannesevangelium bringen sein wichtiges Werk zum Abschluss: „Es ist vollbracht“ (Johannes 19:30). All dies geschah am „Tag der Vorbereitung, und der nächste Tag sollte ein besonderer Sabbat sein“ (Johannes 19:31; vgl. 19:14). So wie Gott sein Schöpfungswerk vor dem Sabbat vollendet hatte (1. Mose 2:2), vollendet Jesus sein Werk, die neue Schöpfung einzuläuten, indem er die Bestimmung der Menschheit durch selbstlose Liebe und vollen Gehorsam gegenüber Gottes Gebot erfüllt.

    Jesus starb als der ultimative Mensch, indem er die Strafe, die wir verdienen, freiwillig auf sich nahm.

    Eine neue Menschheit

    Im Bericht der Genesis enden alle Tage der Schöpfung mit „und es war Abend, und es war Morgen, der … Tag“. Der siebente Tag endete allerdings nicht. Am siebten Tag ruhte Gott von seiner schöpferischen Tätigkeit … bis zu diesem Zeitpunkt. Mit Jesu Auferstehung signalisiert Johannes den Beginn einer neuen Woche, einer neuen Schöpfung.

    Im Johannes Brief spricht Jesus Maria Magdalena mit „Frau“ an (Johannes 20:15), was uns unwillkürlich an den Garten Eden erinnert. Im Gegensatz zu Eva werde Marias Augen geöffnet und sie erkennt Jesus. Dann ruft Jesus sie beim Namen und beauftragt sie, den anderen Jüngern zu sagen, dass er lebt. Dieser Moment ist eine wunderbare Wiederherstellung der partnerschaftlichen Schöpfung, die im Gegensatz zur kulturellen Überzeugung des ersten Jahrhunderts steht.

    Die leibliche Auferstehung Jesu zeigt, was Gott mit den verkörperten Menschen auf der Erde vorhat. Die Beauftragung Marias mit der Nachricht von der Auferstehung bekräftigt Gottes Absichten für die Partnerschaft von Männern und Frauen im Dienst des Evangeliums.

    Vielen Christen haben die Vorstellung, dass sie nach dem Tod in den Himmel kommen. Doch wenn Jesus schon vorher im Himmel existierte und dann auf die Erde die kam, warum wurde er nach seinem Tod nicht sogleich im Himmel auferweckt? Solche fragen haben schon seine Nachfolger in den ersten Jahrzehnten beschäftigt und viel mehr in den Jahrhunderten danach. Die Evangelien sagen, dass er drei Tage tot war, bevor er auferweckt wurde und als Mensch wieder erschien. Wo war in der Zwischenzeit? Lebte er als Mensch wieder oder war er ein Geist, der nur einen anderen menschlichen Körper zeitweise verwendete? Oder ist er gar nicht am Kreuz gestorben, sondern ist es so – wie viele Muslie heute glauben – dass die Juden nur meinten, sie hätten ihn getötet? Ziemlich viele und tiefgehende Fragen, die wir hier gar nicht beantworten können, ohne zu weit vom Thema abzukommen.

    Doch gemäß den Evanglien hat er ja nicht nur irgendeinen menschlichen Körper angenommen, sondern zumindest einmal einen, der dem bei seinem Tod einschließlich der Wunden glich. Warum? Die Kontinuität zwischen seiner Menschwerdung und dem Auferstehungsleib deutet darauf hin, dass auch wir in der neuen Schöpfung unser verkörpertes Selbst sein werden. Wir werden in der Auferstehung wir selbst sein – du wirst mich wieder erkennen können.

    Das ist für manchen vielleicht ein ziemlich überraschender oder sogar abwegiger Gedanke. Und er verdient es, genauer betrachtet zu werden. Was wir in späteren Videos tun werden.

    Die Narben Jesu unterstreichen die Kontinuität zwischen unserem jetzigen Körper und unserem auferstandenen Körper.

    Warum ist es aber überhaupt so wichtig, über Jesu Auferstehung zu sprechen und sie nicht an den Rand zu drängen? Wenn wir die Himmelfahrt Jesu verpassen, laufen wir Gefahr, seinen und unseren eigenen Dienst zu sehr zu spiritualisieren. Die Heilige Schrift sagt uns, dass Jesus auf dieselbe Weise wiederkommen wird, wie er weggegangen ist – leibhaftig und sichtbar – um seine Herrschaft auf die Erde zu bringen (Apostelgeschichte 1:11). Und gemäß dem Johannes Evanglium beschreibt Jesus seine geistige Wiedergeburt als „wiedergeboren“ oder genauer übersetzt „von oben geboren“ (Johannes 3:3-8) Was bedeutet das für uns Menschen?

    N. T. Wright sagt: „Echte christliche Hoffnung, die in der Auferstehung Jesu wurzelt, ist die Hoffnung auf Gottes Erneuerung aller Dinge, auf seine Überwindung von Verderbnis, Verfall und Tod, auf seine Erfüllung des ganzen Kosmos mit seiner Liebe und Gnade, seiner Macht und Herrlichkeit.“ Das werden in späteren Videos vertiefen.

    Hier nur ein Hinweis. Warum spricht Paulus in 1. Korinther 15:19-22 im Kontext von Jesu Auferstehung davon, dass er eine „Ertlingsfrucht“ ist? „Indem Paulus den auferstandenen Leib Christi als Erstlingsfrucht bezeichnet, deutet er an, dass seine Auferstehung kein einzigartiges, einmaliges Ereignis ist, sondern ein Vorgeschmack auf das, was jedem Gläubigen bevorsteht.“

    Carmen Imes schließt dieses Kapitel mit zwei weiteren interessanten Schlüsselgedanken ab:

    Jesu Auferstehung eröffnet sein Amt als Richter und Hoherpriester und ermächtigt uns, sein Werk fortzuführen.

    Unsere Sterblichkeit ist ein Wegweiser auf dem Weg in eine Zukunft, in der alles wiederhergestellt sein wird.

    Die geliebte Gemeinschaft

    Wer heute in der christlich geprägten Welt aufgewachsen ist, kennt in der Regel den Kontext, in dem das Evangelium verkündet wurde, nicht. Die damalige Menschheit war auf alle erdenklichen Weisen strikt getrennt: Nach Klasse, Sprache, Ethnie, Bürgerschaft, Religion, Geschlecht usw. In den Briefen des Paulus zum Beispiel wird einer Unterscheidung aus Sicht der Juden immer wieder klar: Wir – als auserwähltes Volk Gottes – und die anderen, die Heiden. Wir können uns vermutlich gar nicht vorstellen, wie tief dies im Leben eines Menschen verankert war, der aufrichtig nach dem Bund vom Sinai Jahwe anbeten wollte. Und nun kommt mit dem Evangelium das: „In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, vernommen habt, in ihm seid ihr als Glaubende auch versiegelt worden durch den Geist der Verheissung, den heiligen Geist.“ (Epheser 1:13 Züricher) Für sie war das eine schockierende Neuigkeit: Die geistigen Segnungen standen nun auch den Heiden offen. Daher bezeichnet Paulus nun alle – Juden wie auch Heiden – als den Leib Christi. Alle können nun Teil der Menschen des Bundes sein. Und auch andere trennende Grenzen werden eingerissen, was die Hoffnung der Menscheit betrifft: Gegenseitige Unterordnung (Epheser 5:21), das Verhältnis von Ehefrauen und Ehemännern (Epheser 5:22-23), Sklaven und Freie (Epheser 6:5-9). „Doch im Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann noch ist der Mann etwas ohne die Frau.“ (1. Korinther 11:11 Züricher). „Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ (Galater 3:27,28 Züricher) In der christlichen Gemeinschaft sind alle gleichwertig. Alles zurück auf Anfang.

    Das Evangelium ermöglicht eine menschliche Gemeinschaft, die weder nach Rasse noch nach körperlichen oder kognitiven Fähigkeiten getrennt ist.

    Mit diesem Gedanken im Sinn können wir auch darüber nachdenken, warum Jesus seine Nachfolger aufforderte, ihm zu Gedenken, indem man von Brot und Wein gemeinsam nimmt. Im Leib Christi gibt es keine ‚Beobachter‘. Wir sind eine Familie.

    Wahre Gemeinschaft wird durch physische Präsenz und gemeinsame Teilnahme an der Kommunion ermöglicht.

    Es geht nicht darum, dass Gott einzelnen Menschen Gaben gegeben hat, sondern dass wir Gaben für andere sind (Epheser 4:11-12). Jesus war das vollkommene Bild Gottes. Die Schrift lädt uns ein, auf Christus zu schauen, um zu lernen, wie wir selbst sein können. Dann macht auch die von der Gelehrten Haley Goranson Jacob vorgeschlagene Übersetzung von Römer 8:28 Sinn: „Gott wirkt alles zum Guten mit denen, die Gott lieben und die nach seinem Vorsatz berufen sind.“ Wir warten nicht einfach auf die Erlösung. Stattdessen arbeiten wir aktiv mit Gott zusammen an diesem Werk der Veränderung.

    Zu unserer Zukunft gehört die Wiedererlangung und Verherrlichung unseres Körpers, wenn wir die volle Adoption in Gottes königliche Familie erleben.

    Von der Schöpfung zur neuen Schöpfung

    Abschließend geht Carmen Imes noch auf zwei unter Christen weit verbreitete Vorstellungen ein, die sich allerdings nicht im Neuen Testament finden und erst viel später in das Christentum Eingang fanden: Die Vorstellung, dass unsere Zukunft im Himmel ist, die Erde zerstört wird und die Gläubigen zuvor entrückt werden.

    Wenn wir das Neue Testament aber vorbehaltlos lesen, werden wir diese Gedanken nicht so finden. Sondern die Wiederherstellung der Schöpfung und Gottes Herrschaft auf der Erde.

    Die Wiederkehr Jesu wird nicht die Zerstörung dieses Planeten oder die geheime Entrückung der Gläubigen bedeuten, sondern seine Herrschaft als König auf der Erde einleiten.

    Sagte Jesus nicht selbst im sogenannten Vater-Unser: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ (Matthäus 6:10 Züricher). Daher fasst Carmen Imes die Gedanken wie folgt zusammen:

    Die rebellischen Mächte des Himmels und der Erde werden endgültig besiegt, und diese Welt wird gereinigt und wiederhergestellt werden.

    Das sollte uns aber nicht dazu veranlassen, einfach passiv abzuwarten:

    Jesus ruft uns auf, uns von der Sünde abzuwenden, uns zu ihm zu bekennen und auf seine Rückkehr zu warten. Während wir warten, sollen wir unsere menschliche Berufung als Verwalter der Schöpfung ausüben.

    Die letzten Gedanken kamen jetzt ohne weitergehende Begründung und mögen für dich unerwartet gewesen sein. Dann empfehle ich dir dazu die Video Serie „Von Hoffnung überrascht“.

  • Gottes Bild sein – Teil 5

    Gottes Bild sein – Teil 5

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Wie im vierten Teil angekündigt haben, werden wir uns nur mit dem „Weg der Weisheit“ beschäftigen.

    Die Suche des Menschen

    Könnte man den Weihnachtsmann fragen, was am häufigsten auf der Wunschliste der Menschen steht, wird er wohl kaum antworten: Weisheit. Dabei ist Weisheit doch eigentlich mit das Wichtigste, was man im Leben erlangen sollte.

    Gemäß der Bibel können wir Weisheit auf zwei Weisen kultivieren: Indem wir Gott als Quelle von Weisheit vertrauen. Und zweitens, indem du sorgfältig beobachtest, wie die Welt funktioniert, und dich für das Gute entscheidest.

    Dementsprechend haben wir in der Bibel die Bücher Sprüche, Prediger und Hoheslied. Interessanterweise behaupten die Weisen hier nicht, dass sie im Namen Gottes sprechen.

    Weisheit ist etwas, das wir wollen müssen. Wir müssen sie lieben und alles, was wir haben, für sie aufwenden, sie wertschätzen und umarmen. Wenn wir das nicht tun, könnte unsere Geschichte so enden wie die Salomos: Es beweist, dass Weisheit keine Leistung ist, über die man sich freuen kann, sondern ein Muskel, den man trainieren muss. Oder wie N.T. Wright sagt: „Die Liebe ist die schärfste Form der Erkenntnis, weil die Liebe es ist, die, während sie sich mit einer anderen Wirklichkeit als der eigenen identifiziert, die andere Wirklichkeit als die eigene bejaht und feiert.“

    Wenn du jetzt den Eindruck gewonnen hast, dass das eine ziemlich schwierige Aufgabe für schlaue Leute ist, dann rückt die Bibel dieses Bild gerade: „Ihr Anfänger, lernt, was Klugheit ist! / Ihr Tagträumer, werdet endlich wach! Hört zu, ich gebe euch einen wertvollen Rat! / Die Wahrheitsliebe öffnet mir den Mund.“ (Sprüche 8:5,6 NEÜ) Ironischerweise liegt der Schlüssel zur Entdeckung von Weisheit in der Erkenntnis, dass wir keine Antworten haben und nicht wissen können, was das Beste ist. Darum geht es eigentlich – dass wir lernen, uns auf Gott zu verlassen, der uns den Weg zum Leben zeigt.

    Menschliche Schwäche und Sterblichkeit disqualifizieren uns nicht, unseren menschlichen Daseinszweck zu erfüllen. Sich durch ehrliches Gebet auf Gott zu verlassen, ist der Weg zur Weisheit. Das Buch der Psalmen enthält viele solche Gebete.

    Menschliches Leiden

    Vielleicht ist dir aber schon der Gedanke gekommen, dass das Buch Prediger doch eher deprimierend ist: „ Alles Reden müht sich ab, keiner kommt damit zum Ziel. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr wird vom Hören nicht voll. Was einmal geschah, wird wieder geschehen, und was einmal getan wurde, wieder getan, und nichts ist wirklich neu unter der Sonne. An die Früheren erinnert man sich nicht, und an die Späteren, die kommen werden, auch an sie wird man sich nicht erinnern bei denen, die zuletzt sein werden.“ (Prediger 1:8,9,11)

    Und anscheinend beginnt das Buch Prediger nicht mit Weisheit sondern mit einer klaren Ansage, was für eine deprimierende Aussicht uns erwartet: „“Bedeutungslos! Bedeutungslos!“, sagt der Prediger. „Völlig bedeutungslos! Alles ist bedeutungslos.““ (Prediger 1:2 NIV) Aber wer sagte das und sagte die Person das wirklich so, wie es übersetzt wird?

    Die Person wird ‚Prediger‘ im Deutschen genannt. Daher auch der Name des Buches. Im Hebräischen steht dort Kohelet. Das bedeutet „Versammler, Gemeindeleiter“. In der Septuaginta wurde es mit Ekklesiastes übersetzt, was „Redner in einer Volksversammlung“ bedeutet und woraus derm Name des Buches im englischen Sprachraum ableitet.

    Was er in Prediger 1:2 sagt ist: „Hevel, hevel. Alles ist vollständig hevel“. Hevel bedeutet soviel wie Dunst. Es wird als eine Methapher verwendet. „Alles ist wie ein Dunst.“ In Prediger wird nicht gesagt, dass alles sinnlos ist oder ‚nichtig‘ wie es manchmal übersetzt wird. Sondern eher ‚flüchtig‘. Die Weisheit besteht darin, zu erkennen, dass es jenseits unsere Fähigkeiten liegt, den Sinn des Leben vollständig zu verstehen. Und dass wenn wir immer nur in die Zukunft schauen, auf das, was wir nicht haben, was vergehen wird, dann übersehen wir das ganze Leben was Gutes direkt vor unseren Augen ist.

    Der Prediger fordert uns auf, die Reise zu genießen. Hör auf, so fieberhaft zu versuchen, das Leben zu verstehen, sondern sei dankbar für Momente der Freude und Zufriedenheit – Essen, Trinken, Freunde – das sind Geschenke unseres Schöpfers.

    Wir Menschen sind nicht in der Lage, Gottes Wege zu verstehen. Gott ist uns keine Erklärung schuldig. Er lädt uns einfach ein, ihm zu vertrauen. Schlechte Dinge passieren guten Menschen, weil wir in einer Welt leben, die von Gebrochenheit gezeichnet ist. Wir müssen lernen, mit dem Unbekannten zu leben. Die menschliche Sterblichkeit und die Zerbrochenheit unserer Welt bedeuten, dass wir lernen müssen, innerhalb von Grenzen freudig zu leben.

    Das ist heute Teil unseres Sein, unsere Bestimmung, Bilder Gottes zu sein und entsprechend zu leben. Doch so wird es nicht bleiben. Im nächsten Teil beschäftigen wir uns mit den Menschen in Gottes neuer Welt.

  • Gottes Bild sein – Teil 4

    Gottes Bild sein – Teil 4

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den dritten Teil hatten wir mit der Frage abgeschlossen, wie es sich auf unser Leben und Verhalten auswirken sollte, dass wir all imago Dei, das Bild Gottes sind.

    Das Projekt Mensch

    Schon Adams Reaktion auf Gottes Frage zeigte, dass es mit der Erkenntnis von Gut und Böse nicht weit her war. Ihr Sohn Kain tötet seinen Bruder aus Hass. Dann baut er eine Stadt. Sein Nachkomme Lamech nahm sich mehrere Frauen, tyrranisierte seine Familie und verdreht die Geschichte um seinen Vorfahren Kain, um eine Rechtfertigung für Mord zu erfinden. (1. Mose 4:19-24). In 1. Mose 6 erfahren wir dann, dass sogar ‚Söhne Gottes‘ wie Adam und Eva die ihnen von Gott gesetzen Grenzen überschritten. Die meiner Meinung nach schlüssigste Erklärung ist, dass diese ‚Söhne Gottes‘ von Gott geschaffene Geistweisen waren. Die Situation wird so schlimm, dass Gott dem mit der Flut ein Ende bereitet. War also ‚das Projekt Mensch‘ gescheitert?

    In diesen ersten Kapitel der Genesis finden wir auch Abel, Enosch, Noah und andere, die ‚den Namen Jahwes anriefen‘. (1. Mose 4:26) Was war bei diesen anders?

    Ein Mensch zu sein bedeutet, seinen Platz in der Schöpfungsordnung zu kennen.

    Die Sünde löscht unsere Identität als imago Dei nicht aus, aber sie hindert uns daran, Gottes Herrlichkeit vollständig widerzuspiegeln.

    Being God’s image, Carmen Joy Imes

    Tatsächlich war die Situation so schlimm, dass Jahwe einen Neuanfang des ‚Projekt Mensch‘ startete. Wer den Bericht über die Sintflut liest, übersieht vielleicht diesen Aspekt: Der Bericht in 1. Mose 6-9 ist so gestaltet, dass er eine Umkehr der Erschaffung der Erde darstellt, indem Wasser von oben das Land überflutet und bedeckt und damit 1. Mose 1 ungeschehen gemacht wird. Ein Neuanfang. Und das spiegelt sich auch in dem kunstvollen Chiasmus dieses Berichts wieder. Der zweite Teil des Berichts spiegelt den ersten wieder:

    Being God’s image, Carmen Joy Imes

    Die Menschen bekommen das bewohnbare Land wieder. Gott hat denjenigen nicht vergessen, dessen Gehorsam eine göttliche Rettung ermöglicht hatte. Aber die Flut hatte die Menschheit an sich nicht repariert, das Problem der Rebellion und den zebrochenen Beziehungen war nicht gelöst. Doch ganz im Gegensatz dazu, hatte sich auch die menschliche Identität als Bild Gottes nicht geändert. Gottes Segen ist immer noch intakt: „Dann segnete Gott Noah und seine Söhne. Er sagte: „Seid fruchtbar, vermehrt euch und füllt die Erde.“ (1. Mose 9). Interessanteweise wird aber der Teil „unterwerft sie euch“ aus 1. Mose 1:28 nicht mehr erwähnt. Im hebräischen steht dort kabash, was ein sehr starkes Wort ist, das mögliche Anwendung von Kraft und Macht beinhaltet. Aber das Anwenden von Gewalt war ja eines der Übel, welche die Menschen davon abhielt, sich wirklich als Bild Gottes zu erweisen. Daher setzt Gott nun klare Grenzen, was das Töten von Tieren und Menschen betrifft. (1. Mose 9).

    Wer hat das sagen?

    Damit hat Jahwe zum zweiten Mal für einen guten Start für seine Bilder gesorgt. Das nächste Kapitel – 1. Mose 10 – enthält die sogenannte Völkertafel der Nachkommen Noahs, die in anderem Zusammenhang eine interessante Rolle spielt. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass direkt danach in 1. Mose 11 die Geschichte vom Turmbau zu Babel zu finden ist. Gott hatte die Menschen mit Fähigkeiten und Macht ausgestattet, um seinen Auftrag zu erfüllen. 1. Mose 11 zeigt seine Reaktion darauf, dass die Menschen diese Fähigkeiten missbrauchen, um eine nicht erlaubte zentrale Macht zu errichten.

    Aber der Bericht über den Turmbau in Babel lehrt uns etwas Wichtiges in Bezug darauf, was es bedeutet Gottes Bild zu sein – oder besser gesagt, davon abzuweichen.

    Warum wollten sie einen Turm bauen, „dessen Spitze bis an den Himmel reicht“ (1. Mose 11:4)?

    Viele denken, dass die Menschen in den Himmel hinaufsteigen wollten, um göttlichen Status zu erreichen. Aber das wird im Text nicht gesagt. Was sie wollten, war, nicht über die Erde verstreut zu werden – was aber Gottes Auftrag für seine Bilder war.

    Berücksichtigt man den biblischen und historischen Kontext, dann ist eine zweite Interpretation wahrscheinlicher. Solche Türme oder Ziggurate sollten den Göttern ermöglichen, sich zwischen Himmel und Erde zu bewegen! Kommt dir das merkwürdig vor? Dann lies einmal Jakobs Traum in 1. Mose 28. Und dann macht auch 1. Mose 11:5 Sinn. Der Turm hat seinen Zweck gewissermaßen erfüllt – nur überhaupt nicht so, wie sie es dachten: „Jahwe kam herab, um sich anzusehen, was die Menschen da bauten – eine Stadt mit einem Turm!“ (1. Mose 11:5, NEÜ). „Da stieg der HERR herab …“ (1. Mose 11:5 Züricher). Sie stellten sich vor, dass die Götter herabsteigen würden. Und der biblische Text nimmt diese Vorstellung auf und lässt sozusagen Jahwe herabsteigen. Den Ausgang kennen wir.

    Es gibt noch (mindestens) eine dritte Möglichkeit, da in Verbindung mit Babel nicht von einem Tempel gesprochen wird. Der Turm war als das gedacht, was im Hebräischen als migdal bezeichnet wird: Es ist eine Art Wachtturm. Vor diesem Bericht wird in 1. Mose 10:8-12 von Nimrod gesprochen, einem gewalttätigen Krieger dessen Name „wir mögen rebellieren“ bedeutet. Ein Wachtturm, der ihnen helfen soll, feindliche Krieger schon von weiterm zu sehen. Dazu passt auch die Bemerkung, dass sie „eine Sprache“ hatten. In assyrischen Texten wird diese Formulierung dafür verwendet, dass den Besiegten eine einfache Zweitsprache aufgezwungen wurde. Daher auch der sich reimende Text in 1. Mose 11:3 „Komm, lass uns Ziegel ziegelmachen, und lass [sie] mit Feuer befeuern.“

    Wie dem auch sei, der Name der Stadt sollte nicht vergessen werden: Babel. Einige Übersetzungen übersetzen in 1. Mose 10:10 hier Babylon. Babylon ist später die Stadt, welche Jerusalem zerstört und Gottes Volk in Gefangenschaft bringt und unterdrückt. Aber Gott toleriert keine Mächte, die sich gegen das stellen, was Gott für seine Bilder geboten hat. Das zeigt er in Babel und später in Babylon. Auch wegem dem Götzendienst, der so konträr dazu steht, dass Menschen keine Bilder von Göttern anbeten sollten, weil sie selbst die Bilder des einen wahren Gottes sind!

    Gott zeigt in 1. Mose 11 den Menschen, wer das Sagen hat! Jahwe hat das Projekt Mensch zum zweiten mal auf Null zurückgesetzt.

    Gottes Bild sein und seinen Namen tragen

    An dieser Stelle wird es interessant (als ob es das nicht schon gewesen wäre). Das Buch 1. Mose wird 10 mal vom hebräischen Wort toledot unterbrochen, das soviel wie „Generationen“ oder „Aufzeichnungen“ bedeutet. Dadurch werden Abschnitte hervorgehoben, in denen auf die nachfolgendenen Generationen fokussiert wird. Toledot findet sich 5 mal in den bisher betrachteten Kapitel 1. Mose 1-11 und dann 5 mal in 1. Mose 12-50.

    So, wie Gott Adam in den Garten setzt, um seinen Auftrag zu erfüllen, so bringt er Abram aus Mesepotamien – das Herzstück der menschlichen Rebellion – in das Zentrum des verheißenen Landes, um das wiederherzustellen, was verloren ging:

    Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dir fluchen. Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet sein.

    1. Mose 12:3 NEÜ

    Dieses Versprechen ist die Schlüsselverbindung von 1. Mose 1-11 zu 1. Mose 12-50. Und hier beginnt das Konzept, Gottes Namen zu tragen. Ab diesem Punkt – 1. Mose 12 – ist der Fokus der biblischen Erzählung Gottes Namen zu tragen, während des Konzept Gottes Bild zu sein in den Hintergrund rückt.

    Dieses Konzept habe ich ausführlich in der Serie „Gottes Namen tragen“ besprochen, das ich vor dieser Serie veröffentlich habe und welches sich auf das entsprechende Buch von Carmen Joy Imes bezieht.

    Es wäre daher gut – falls noch nicht gesehen – sich mit den Gedanken der Serie „Gottes Namen tragen“ auseinanderzusetzen. In den nächsten Teilen dieser Serie werden wir diese Gedanken voraussetzen und machen mit dem „Weg der Weisheit“ weiter.

  • Gottes Bild sein – Teil 3

    Gottes Bild sein – Teil 3

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den zweiten Teil hatten wir mit der Ankündigung abgeschlossen, dass es nun mit der Arbeit losgeht, als imago Dei, Bild Gottes.

    An die Arbeit gehen

    Was bedeutet das für uns Menschen als Bild Gottes, als imago Dei? Ich zitiere mal einen Satz aus Carmen Imes Buch:

    Gute Arbeit zu leisten ist eine Möglichkeit, unsere Bestimmung zum Ausdruck zu bringen.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Ich hoffe doch sehr, dass ich damit allerlei Gedanken zum Thema, Werke, Glaube, Erlösung, Gerechtigkeit durch Werke usw. ausgelöst habe. Und möchte gleich anschließen: Damit hat das überhaupt nichts zu tun. Sondern vielmehr damit, dass wir als Bild Gottes sinnvolle Arbeit tun möchten und uns das uns gut tut. Es ist Teil unserer Bestimmung. Nehmen wir zum Beispiel 3. Mose 19:9-10 Landwirte sollten nicht alles am Feld oder Weinberg ernten. Dieser Teil als Frucht ihrer Arbeit würde ihnen schon genügen. Aber Arme und Fremde ohne Land, sollten auch die Möglichkeit haben, mit eigener Arbeit zu ernten und daraus ein Selbstwertgefühl zu erhalten. Sie sollten keine Allmosenempfänger sein, auf die man herabblickt.

    Bei der Arbeit, die Gott für seine Bilder vorgesehen hat, geht es aber nicht um uns.

    „Das Bild Gottes zu sein bedeutet, dass wir in eine besondere Beziehung zu Gott, zueinander und zum Rest der Schöpfung gestellt werden, um als seine königlichen Vertreter zu herrschen.“

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Welche Konsequenzen hat das?

    Wenn ich wirklich glaube, dass jeder Mensch das Bild Gottes ist und geschaffen wurde, um der Welt die Gegenwart Gottes zu signalisieren, dann sollte mich dieser Glaube dazu verpflichten, meine Mitmenschen mit Würde zu behandeln.

    Frauen sind Gottes Bild, haben die gleiche Würde und tragen die gleiche Verantwortung dafür, Gott gegenüber der Schöpfung zu vertreten.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Nun sind wir an dem Punkt, wo wir uns mit gewissen Voreingenommenheiten gegenüber Frauen beschäftigen sollten, die manche aus dem Bibelbericht über den Sündenfall abzuleiten glauben zu können.

    Stellen wir uns einmal die Situation mit Eva und der Schlange vor. Wenn du dir dazu ein Bild vorstellst, bin ich mir ziemlich sicher, dass es in etwa so aufgebaut ist:

    Albrecht Dürer, „Der Sündenfall der Menschheit (Adam und Eva)“ 1504

    Alle Bilder dazu, an die Carmen Imes sich (und auch ich mich) erinnern kann, sehen so ähnlich aus. Und damit liegen alle in ein paar Punkten falsch, weil das so überhaupt nicht in der Bibel steht: Nirgends steht, dass Eva und die Schlange direkt unter dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse standen. Warum würde Eva gemäß dem Bericht in 1. Mose 3:3 nicht einfach von „diesem Baum“ sprechen, sondern von „dem Baum in der Mitte des Gartens“. Es muss sich also nicht um eine spontane Entscheidung gehandelt haben, sondern die Schlange hat den Samen des Zweifels gesät. Und der wirkte: „Als die Frau nun sah, wie gut von dem Baum zu essen wäre, was für eine Augenweide er war und wie viel Einsicht er versprach, da nahm sie eine Frucht und aß.“ (1. Mose 3:6 NEÜ) Etwas ist auf dem Bild aber richtig dargestellt, was manche Männer allerdings lieber verdrängen: Gemäß 1. Mose 3:6 war Adam dann dabei, als Eva von der Frucht nahm: „Sie gab auch ihrem Mann davon, der neben ihr stand. Auch er aß.“ Eva wird manchmal als Ursache des Übels abgestempelt. Aber warum ist Adam nicht vehement eingeschritten? Er war doch direkt daneben, als sie von der Frucht aß. Und warum waren sie beide dann bei dem Baum in der Mitte des Gartens? Vielleicht war er ja schlau, und hat erstmal abgewartet, ob sie nicht doch sofort tot umfällt. Und als das nicht der Fall war … Wer weiß.

    So haben sich also beide dafür entschieden, nicht wie das Bild Gottes zu handeln. Und in einem hatte die Schlange recht: „Da gingen beiden die Augen auf.“ Was sie erkannten, war aber nur, dass sie nackt waren. Eine Erkenntnis von Gut und Böse wie Gott kann man kaum erkennen, wenn Adam als Ausrede in 1. Mose 3:12 erst Eva die Schuld gibt, und gleich darauf Gott selbst, weil er sie ihm ja schließlich gegeben hat.

    Carmen Imes fasst die Situation so zusammen:

    Ihr Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot und ihr Unvermögen, Gottes guten Absichten zu vertrauen, lassen ihre Beziehung zu Gott, zueinander und zu der von Gott geschaffenen Welt sofort zerbrechen.

    Die ersten Menschen verloren das gegenseitige Vertrauen, den gegenseitigen Respekt, die Unschuld und die Vertrautheit mit Gott und den anderen Menschen. Das Schlimmste aber war, dass sie den Zugang zur Gegenwart Gottes im Garten verloren.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    War es nun damit vorbei, dass Menschen das ‚Bild Gottes‘ sind? Carmen Imes argumentiert – wie auch andere Gelehrte – dass die erneute Erwähnung in 1. Mose 5:1-3 („nach seinem Bild“) und 1. Mose 9:6 („Denn als Bild Gottes / hat er den Menschen gemacht.“, Einheitsübersetzung 2016) der menschliche Status als Gottes Bild wiederholt wird.

    Weil das Wesentliche daran, Gottes Ebenbild zu sein, eine Aussage über unsere Identität ist und nicht eine Fähigkeit oder Funktion, können wir es nicht verlieren.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    Und damit wären wir bei der Frage, wie sich diese Erkenntnis, dass wir ‚imago Dei‘, also das Bild Gottes sind, auf unser Verhalten und unser Leben auswirken sollte. Damit werden wir uns im nächsten Teil beschäftigen.

  • Gottes Bild sein – Teil 2

    Gottes Bild sein – Teil 2

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Den ersten Teil hatten wir mit dieser Aussage abgeschlossen

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darum geht es in diesem zweiten Teil der Serie.

    Die Krone der Schöpfung – Bild Gottes

    Warum habe ich hier von den Menschen als Bilder Gottes gesprochen? Das wird schon ab 1. Mose 1:26,27 deutlich, wenn der Höhepunkt der Schöpfung beschrieben wird:

    Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde regen. Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

    1. Mose 1:26, 27 Züricher

    So übersetzen mittlerweile die meisten Übersetzungen. Vielleicht hast du dich aber auch gewundert, weil du den Text anders in Erinnerung hast:

    Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich; … Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

    1. Mose 1:26,27 Schlachter 2000

    Sind wir jetzt im Bild Gottes erschaffen oder als Bild Gottes? Welcher Gedanke kommt dem Text am nächsten? Am besten finden wir das heraus, wenn wir (1) die antike Kultur und (2) andere Passagen der Bibel verwenden. In lateinischen Bibelübersetzungen wird hier der Begriff ‚imago Dei‚ verwendet: Bild Gottes. Im Hebräischen steht das Wort tselem. Dieses hat in verwandten antiken Sprachen eine klare Bedeutung: Es ist die Statue eines Gottes in seinem Tempel. Damit sind wir wieder bei der Tempel-Symbolik der Bibel, von der wir schon gesprochen hatten. Wir sind also erschaffen worden, um Gottes Bild zu sein:

    So wie eine Götterstatue den Anspruch dieses Gottes auf ein bestimmtes Gebiet repräsentieren soll, so sind die Menschen die physische Repräsentation des Schöpfergottes auf der Erde. Und so wie ein Götzenbild den Lobpreis auf die eigentliche Gottheit lenken soll, so sollen die Menschen den Lobpreis auf Jahwe lenken. Der Theologe Marc Cortez nennt dies „repräsentative Präsenz“: „Wir müssen imago Dei als eine Erklärung ansehen, dass Gott beabsichtigte, die Menschen als das physische Mittel zu erschaffen, durch das er seine eigene göttliche Gegenwart in der Welt manifestieren würde.“

    N. T. Wright sagt, wir sollen ein „abgewinkelter Spiegel sein, der Gottes weise Anordnung in die Welt reflektiert und das Lob der ganzen Schöpfung auf den Schöpfer zurückwirft.“

    Wir sind Gottes Familie. Gottes Bild zu sein, beinhaltet sowohl Verwandtschaft als auch Königtum. Wir sind Teil der königlichen Familie.

    Obwohl der Schöpfungsbericht mit dem Erscheinen der Menschen seinen Höhepunkt erreicht, sind wir nicht das Zentrum des Universums. Gott ist es.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes

    „Mensch zu sein bedeutet, im Namen Gottes an der Bewahrung der Schöpfung teilzunehmen. Unsere Aufgabe ist es, die Erde so zu pflegen, wie es der Schöpfer tun würde. Wir setzen Gottes schöpferisches Werk fort.“

    Vermutlich denkst du jetzt schon daran, wie du das umsetzen kannst. An und für sich ist es ja gut, sich Gedanken zu machen, was man selbst tun kann. Andererseits ist es auch sein Sympton vieler christlicher Glaubensrichtungen, sich sehr auf das Individuum zu fokusieren.

    Gemeinsam sind wir Gottes Ebenbild. Gott hat Männer und Frauen dazu geschaffen, sich gegenseitig zu begleiten und Seite an Seite in der Welt zu arbeiten.“

    Selbst in bezug auf Yahwe selbst wird das im Bibelbericht in 1. Mose 1:26 deutlich: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich.“ (Züricher). Die Verwendung des Plurals hier ist weder eine ehrfüchtige Bezeichnung für Gott noch ein Bezug auf die Trinität. „In einem altorientalischen Kontext hätten die ersten Zuhörer dies als Verweis auf Gottes himmlischen Gerichtshof, seinen göttlichen Rat, verstanden. (z.B. Hiob 1:6-12; Psalm 82; Jesaja 6:8)“ Die Menschheit als Bild Gottes wurde von Gott als Teil einer Gemeinschaft erschaffen.

    Nachdem das nun geklärt ist, können wir ja in 1. Mose 2 weiter lesen. Und da stolpern die meisten. Weil es ab Vers 4 anscheinend nochmal, aber anders erzählt wird. Das hat aber einen Grund: In 1. Mose 1 steht Gott im Mittelpunkt. In 1. Mose 2 geht es um die Menschheit:

    „1. Mose 2 untersucht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – in Beziehung zu Gott, zur Erde, zu den Pflanzen, zu den Tieren und zueinander.“ Daher konzentriert sich der zweite Schöpfungsbericht auf die menschliche Identität und Berufung. Dieses Kapitel lässt uns entdecken, dass Menschen eigentlich Gärtner sein sollten. Das wird duch 1. Mose 2:5 deutlich, wo zwei Gründe dafür genannt werden, dass die Erde noch nicht fruchtbar war: 1. Gott hatte es noch nicht regnen lassen, 2. Es gab noch keine Menschen, die das Land bebauten. „Diese Aussage impliziert, dass der beabsichtigte Entwurf eine Partnerschaft zwischen Gott und den Menschen ist, um die Erde zu bebauen.“ Die ganze Erde sollte mit Hilfe der Menschen wie Eden werden.

    In diesem Zusammenhang sollten wir auch kurz klären, warum in Übersetzungen die Frau Eva als eine „Hilfe“ oder „Gehilfin“ Adams bezeichnet wird. War sie nur als so etwas wie ein Hilfsarbeiter gedacht, nicht gleichwertig mit Adam? Keineswegs, wie der Text zeigt. In 1. Mose 2:18,20 wird das hebräische Wort kenegdo gebraucht, welches korrekt mit ‚ebenbürtig‘ oder ‚genau entsprechen‘ übersetzt wird. ‚Hilfe‘ ist die Übersetzung des hebräischen ‚ezer. Es kommt im alten Testament über 90 Mal als Hauptwort vor und hauptsächlich auf zwei Arten verwendet: (1) Für alliierte Soldaten und (2) für Gott als Israels Hilfe. Es wird nie in Bezug auf einen Diener oder Untergebenen gebraucht. Seine hauptsächliche Verwendung ist militärisch und wird am besten als ‚Alliierter‘ übersetzt. Tatsächlich gab es vor der Rebellion Adams und Evas gegenüber Gott keine Hierarchie, welche die beiden trennte.

    Wir alle – unabhängig vom Geschlecht – sind das Bild Gottes, um seinen Auftrag zu erfüllen. Niemand ist davon ausgeschlossen. Und keiner von uns kann diese Aufgabe alleine erfüllen. Keiner muss diese Aufgabe alleine erfüllen. Um Gottes Auftrag zu erfüllen, brauchen wir uns gegenseitig.

    Und damit möchte ich es in dieser Folge belassen. Denn wenn dieser Teil auch nicht lange war, enthielt er eine Menge von Gedanken, die es wert sind, darüber nachzudenken. Im nächsten Teil fangen wir dann mit der Arbeit an – als imago Dei, Bild Gottes.

    An die Arbeit gehen

    Was bedeutet das für uns Menschen als Bild Gottes, als imago Dei?

    Gute Arbeit zu leisten ist eine Möglichkeit, unsere Bestimmung zum Ausdruck zu bringen.

    „Das Bild Gottes zu sein bedeutet, dass wir in eine besondere Beziehung zu Gott, zueinander und zum Rest der Schöpfung gestellt werden, um als seine königlichen Vertreter zu herrschen.“

    Wenn ich wirklich glaube, dass jeder Mensch das Bild Gottes ist und geschaffen wurde, um der Welt die Gegenwart Gottes zu signalisieren, dann sollte mich dieser Glaube dazu verpflichten, meine Mitmenschen mit Würde zu behandeln.

    Frauen sind Gottes Bild, haben die gleiche Würde und tragen die gleiche Verantwortung dafür, Gott gegenüber der Schöpfung zu vertreten.

    Being God’s Image, Carmen Joy Imes
  • Gottes Bild sein – Teil 1

    Gottes Bild sein – Teil 1

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie werden wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes beschäftigen. Da es leider keine deutsche Übersetzung gibt, wollen wir uns wenigstens auszugsweise mit ihrer Darlegung beschäftigen.

    Um unsere Berufung und Zukunft als Menschen aus biblischer Sicht besser verstehen zu können, müssen wir in Genesis beim Bericht über die Schöpfung in 1. Mose anfangen. Doch das ist heutzutage ein denkbar schlechter Startpunkt für ein Video, weil praktisch jeder schon eine Meinung dazu hat und damit abschaltet: Von streng wörtlicher Auslegung bis zur völligen Ablehnung gibt es alles.

    Worum es in der Genesis aber geht, kann man nur richtig verstehen, wenn wir unseren Kontext des 21. Jahrhundert vergessen – soweit das überhaupt möglich ist – und die Worte mit dem Kontext der Israeliten vor 3500 Jahren lesen. Mindestens drei wesentliche Unterschiede müssen wir berücksichtigen:

    1. Die Menschen damals interessierte nicht „was die Welt im Innersten zusammenhält“, also der heutige wissenschaftliche Ansatz. Sondern wer die Welt ordnet und für ihre Funktionieren verantwortlich ist und sorgt.
    2. Die damalige Vorstellung von Himmel und Erde war eine ganz andere als heute. Nein, es geht nicht darum, dass sie irgendwie beschränkter oder ‚primitiver‘ war. Da die ‚Welt‘ dieser Menschen auf einen sehr überschaubaren Teil der Erde beschränkt war, war so etwas wie ein Globus oder eine Weltkarte unwichtig. Was sie interessierte war eine Beschreibung der ‚Welt‘, in welcher der Bereich der Menschen, der geistigen Wesen, der Toten und die Ordnung des Ganzen einfach verständlich war. Und so waren auch die Weltbilder oder Modelle anderer Völker aufgebaut. Wer heute diese als unwissenschaftlich belächelt, hat deren eigentlichen Zweck nicht verstanden.
    3. Die Israeliten kannten die Weltbilder und Schöpfungsgeschichten aus Ägypten und Mesepotamien. Daher ist ein Vergleich der Genesis mit diesen sehr aufschlußreich.

    Muster im biblischen Schöpfungsbericht

    Carmen Imes bezieht sich hier auf die Arbeiten verschiedener Gelehrter, insbesondere auf John H. Waltons Arbeiten, die man zum Beispiel in seinem Buch The Lost World of Genesis One finden kann:

    The Lost World of Genesis One von John H. Walton

    Jascha Schmitz hatte den Inhalt in seiner Video Serie Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt schon ausführlich erläutert. Daher werde ich hier das Ergebnis nur sehr kurz zusammenfassen.

    Kurz gesagt geht es im Schöpfungsbericht in der Genesis (1. Mose) nicht darum, wie Gott alles gemacht hat, sondern warum.

    Carmen Joy Imes, Being God’s Image

    Um das Risiko zu minimieren, unsere eigenen Ideen dem Text der Bibel hinzuzufügen, ist es wichtig, nach Mustern Ausschau zu halten, die der Author verwendet, um Dinge zu betonen. Was in einer Übersetzung meist verloren geht, ist der Rhythmus und die Wiederholung bestimmter Wörter oder Bilder in der Originalsprache des Textes. So ist es auch hier: „Gott sagte“ wird 3 mal für Menschen und 7 mal alles andere verwendet, also 10 mal. „Es werde …“ wird 3 mal für die Himmel und 7 mal für die Erde verwendet, also 10 mal. „machen“ wird 10 mal verwendet, „gemäß ihrer Art“ 10 mal, „Gott sah, dass es gut war“ 7mal usw. Es gibt noch mehr davon. Und wir finden dieses Muster:

    Die Symmetrie des Schöpfungsberichts in der Genesis

    In die Welt, die in 1. Mose 1:2 noch „formlos und leer“ ist, bringt Jahwe die Ordnung, die wir kennen. Am ersten Tag trennt Jahwe Licht von Dunkelheit, welche dann am vierten Tag mit Sonne, Mond und Sternen bevölkert werden. Am zweiten Tag trennt Jahwe die Wasser – oberhalb und unterhalb – und erschafft so den Himmel dazwischen. Am fünften Tag bevölkert Jahwe diese mit Vögeln und Fischen. Am dritten Tag trennt Jahwe trockenes Land ab und am sechsten Tag werden diese mit Landtieren und Menschen bevölkert.

    Menschen der Antike waren nicht daran interessiert, wie die Dinge ins Dasein kamen, sondern warum. Und der Schöpfungsbericht der Genesis in 1. Mose 1 gibt die Gründe an, das Warum: An Tag 1 sorgt Jahwe für Licht und an Tag 4 Himmelskörper, mit denen die Israeliten Zeit messen konnten, was nicht nur für den Ackerbau wichtig war, sondern auch für die Einhaltung der Festtage, welche den Israeliten auch gemäß den Büchern Mose mitgeteilt wurden. An Tag 2 sorgt Jahwe für den Bereich der Luft zwischen den Wassern, damit an Tag 5 Fische und Vögel darin leben können und später noch mehr. An Tag 3 wird das trockenes Land und Vegetation erwähnt, damit am Tag 6 darin Landtiere und der Mensch leben können.

    Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nicht um die wissenschaftliche Beschreibung einer zeitlichen Reihenfolge geht, sondern an Tag 1, 2 und 3 die Bereiche erwähnt werden und symmetrisch dazu an Tag 4, 5 und 6 die ‚Bewohner‘ dieser Bereiche. Auch wenn der 7. Tag danach kommt, geht es hier primär nicht um eine zeitliche Abfolge, sondern den Zweck, das Warum: Alles war gut und Jahwe konnte nun ‚ruhen‘. Nicht im Sinne von ‚ausruhen‘, sondern dass die Ordnung nun hergestellt war. Auch dazu gibt es ausführlichere Erklärungen. Das hier gebrauchte Worte für ‚ruhen‘ wird aber auch in dem Sinne gebraucht, dass die Vorbereitungen jetzt erledigt sind und mit dem eigentlichen Regieren begonnen werden kann.

    Sind wir Gedanklich immer noch bei den Israeliten in der Wüste vor 3500 Jahren? Das wurde über Jahwe gesagt, der Gott, der sie aus Ägypten gebracht hat und einen Bund mit ihnen schließen will: Das ist Jahwe, der euer Gott sein wird und ihr sein Volk, das seinen Namen tragen soll. Vergessen wir nicht, die Bericht der Genesis in diesem Kontext zu lesen und zu sehen. Deswegen ist der Bericht so geschrieben worden, wie er ist.

    In Verbindung mit dem Schöpfungsbericht, dem Ruhetag Gottes und der späteren Sabbath-Vorkehrung können wir auch schon einmal etwas für unser Leben ableiten:

    Der Sabbath ruft uns dazu auf, aufzuhören, wie Sklaven zu arbeiten, sondern anzufangen wie Mitglieder der königlichen Familie zu leben.

    Warum hier von einer königlichen Familie gesprochen wird, werden wir im Laufe der Serie noch besser verstehen. Es geht hier um ein weiteres Muster im Text der Bibel, eine Metapher, die den Israeliten gut bekannt war: Die Familienmitglieder des Königs hatten einen anderen Status als alle anderen Menschen. Nicht nur in Bezug auf das Erbe des Königtums, sondern während ihres ganzen Lebens. Dieses Muster taucht in der Bibel immer wieder auf, um unser Verhältnis zu Gott zu beschreiben.

    Welche Vorstellung von der Welt hatten denn die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, wo und warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe meine Video Serie Gottes Namen Tragen).

    Der biblische Schöpfungsbericht ist dagegen so komponiert, dass einige Gelehrte ihn für eine Art Liturgie halten: Der 7-Tage Rahmen des Schöpfungsberichts wurde so angelegt, damit er ein Must für die Arbeitswoche der Israeliten ist. Ein Zyklus von 7 Tagen findet sich nicht in anderen antiken Kalendern, die von Himmelskörpern abgeleitet ist. Er kommt gemäß den Büchern Mose aus einem Gebot Gottes und daher ist im hebräischen die 7 eine Zahl für Vollständigkeit. Die Bezeichnung des 7. Tages als Ruhetag findet seinen Anklang in Pslam 132:7-8 oder Jesaja 66:1,2 wo von Gottes Ruheort gesprochen wird. Viele Gelehrte halten 1. Mose 1 (Genesis 1) daher für einen Tempel-Einweihungstext – für den kosmischen Tempel Gottes. Aber das ist ein anderes spannendes Thema, das Jascha Schmitz in einer längeren Video-Serie betrachtet hat: Kosmischer Tempel – Zentrales Thema der Bibel

    Dabei geht es jetzt nicht um eine geheime Botschaft, die in der Bibel versteckt ist. Es geht um das Muster eines Tempels, das im Text der Bibel immer wieder verwendet wird. Eine Metapher, mit der die Israeliten und Menschen der Antike völlig vertraut waren. Ein Tempel war der Ort der Präsenz eines Gottes oder einer Göttin. In der Kosmologie der Israeliten war der Bereich Jahwes und der der Menschen getrennt. In Verbindung mit dem Sinai, der Bundeslade und später dem Tempel wird aber im Alten Testament von der Gegenwart oder Präsenz Jahwes gesprochen. Und so auch in der Genesis – im Schöpfungsbericht in 1. Mose. Und zwar in Verbindung mit dem Garten Eden im Paradies und den Menschen. Dieses Muster von Eden findet sich später wieder in der Konstruktion und den Darstellungen in der Stiftshütte, dem Tempel und weiter bis zu Offenbarung.

    Die Schöpfung ist der kosmische Tempel Jahwes, in dem er angebetet werden soll. Gott hat den Vorsitz über seine Schöpfung durch seine Bilder, die er als Herrscher über die Schöpfung berufen hat, damit sie die Ordnung darin pflegen.

    Eine interessante Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Aber was ist hier mit ‚seine Bilder‘ gemeint? Darauf gehen wir im nächsten Teil ein.

  • Gottes Namen Tragen – Teil 5

    Gottes Namen Tragen – Teil 5

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie befassen wir uns mit Gedanken aus dem Buch Bearing God’s Name – Why Sinai still matters (Gottes Namen tragen – warum der Sinai noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    In Anbetracht dessen, was wir in den ersten 4 Teilen betrachtet haben, stellt sich um so mehr die Frage: War es das nun mit dem Bund zwischen Gott und den Israeliten? Aber was ist dann mit der Verheißung, die er schon Abraham gegeben hatte, dass dies ein Segen für alle Menschen würde?

    Wer hat euch denn reingelassen? – Heiden und Gottes Mission

    In 1. Petrus 2:9-10 finden wir die Antwort, obwohl sie jemand leicht übersehen könnte, der nur das Neue Testament kennt. Da wir uns nun aber mit diesem Thema im Alten Testament schon beschäftigt haben, können wir das erkennen, was Juden-Christen im ersten Jahrhundert beim Hören dieser Passage in den Sinn kam:

    Aber ihr seid ein ausgewähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, das Gott sich selbst erworben hat. Er hat euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen, damit ihr verkündigt, wie unübertrefflich er ist. Früher wart ihr nicht sein Volk, aber jetzt seid ihr Gottes Volk, früher gab es für euch kein Erbarmen, aber jetzt erfahrt ihr seine Barmherzigkeit.

    1. Petrus 2:9-10 NEÜ

    Kommen uns die Worte bekannt vor? Wie haben sie schon einmal zitiert:

    Wenn ihr nun auf mich hört und meinen Bund haltet, dann sollt ihr unter allen Völkern mein persönliches Eigentum sein. Denn mir gehört die ganze Erde. Ihr sollt mir ein Königsvolk von Priestern sein, eine heilige Nation!‘ Das sollst du den Israeliten sagen!

    2. Mose 19:5,6 NEÜ

    Duch die Nennung der Titel aus dem Bündniss und damit dem Bezug auf 2. Mose 19:5 haben wir auch einen Bezug auf Jahwes segullah – sein persönliches, besonderes Eigentum Doch an wen sind die Worte in 1. Petrus gerichtet? An die Jünger Jesu in Kleinasien, die Heiden sind! Daher haben wir auch gelesen: „Früher wart ihr nicht sein Volk.“.

    Aber 1. Petrus legt noch eins drauf: „ihr seid ein ausgewähltes Geschlecht“. γένος (genos) „Nachkommen, Rasse, Volk, Nation“ Wo kommt das her und auf wen bezog sich das bisher ausschließlich?

    Die Tiere des Feldes werden mich preisen, die Schakale und Strauße, weil ich Wasser gegeben habe in der Wüste und Ströme in der Einöde, um mein Volk zu tränken, mein auserwähltes, das Volk, das ich mir gebildet habe, damit sie meinen Ruhm verkündigen.

    Jesaja 43:20,21 Schlachter 2000

    Der Grund für die Erwählung ist immer noch der selbe: Gottes Namen tragen und so seinen Ruhm verkünden.

    Und es gibt noch einen weiteren Bezug, nämlich auf Hosea. Hosea sollte einen Sohn so wie folgt nennen: „Und er sprach: Gib ihm den Namen Lo-Ammi[Der Name Lo-Ammi bedeutet ‚Nicht mein Volk‘.], denn ihr seid nicht mein Volk, und ich gehöre nicht zu euch [Möglicherweise hörte man bei „ich gehöre nicht zu euch“ im Hebräischen eine Anspielung an die Erklärung des Gottesnamens JHWH aus Ex 3,14 („ich werde sein“).]!“ (Hosea 1:9 Züricher) Erst später sollte er das ändern: „Und ich werde sie für mich aussäen im Land, und über Lo-Ruchama werde ich mich erbarmen, und zu Lo-Ammi werde ich sagen: Du bist mein Volk!, und es wird sagen: Mein Gott!“ (Hosea 2:25 Züricher) Petrus argumentiert: Wenn Gott sein rebellisches Volk wieder adoptiert, warum sollte er das nicht auch mit Menschen aus den Heiden tun?

    1. Petrus 2:9 enthält deswegen eine kühne Formulierung: λαὸς εἰς περιποίησιν (laos eis peripoiēsin) „ein Volk für seinen persönlichen Besitz“. Wobei das griechische λαὸς (laos) und das entsprechende hebräische ‘am vorher in den Schriften ausschließlich für Israel verwendet wurde. Doch nun haben auch die Heiden den selben Auftrag: „Wenn ihr beschimpft werdet, weil ihr zu Christus gehört, seid ihr glücklich zu nennen, denn dann ruht der Geist der Herrlichkeit Gottes auf euch. … Er preise vielmehr Gott, dass er diesen Namen tragen darf.“ (1. Petrus 4:14,16)

    Wenn Petrus von einer „königlichen Priesterschaft“ und „heiligen Nation“ spricht, entspricht seine Formulierung exakt der griechischen Übersetzung von 2. Mose 19:5,6. Nicht so aber bei „kostbarem Besitz“. Carmen Imes schreibt dazu:

    Petrus verwendet nicht das griechische Wort, das das hebräische segullah in jeder anderen Passage übersetzt (periousios), was die Einzigartigkeit des Schatzes selbst hervorheben würde. Stattdessen betont Petrus den Prozess, Jahwes Besitz zu werden, indem er eine etwas andere Formulierung (eis peripoiēsin) verwendet, die nur in Maleachi 3:17 vorkommt. Diese leichte Verschiebung der Formulierung eröffnet eine tiefgreifende theologische Möglichkeit.

    Petrus zitiert Maleachi, weil es die einzige Stelle im Alten Testament ist, in der sich der Begriff „segullah“ auf einen gerechten Überrest bezieht und nicht auf das gesamte Volk Israel. Angesichts der Untreue Israels gegenüber dem Bund hatte der Prophet Maleachi einen zukünftigen Tag vorausgesehen, an dem Jahwe ein neues segullah auswählen würde, das nur aus denen besteht, die seinen Namen fürchten. Maleachi hatte gesagt: „‚Sie werden mein sein‘, sagt Jahwe der Heerscharen, ‚an dem Tag, an dem ich ein segullah bereite’“ (Maleachi 3:17, Übersetzung der Autorin).

    Indem er Maleachi direkt zitiert, zeigt uns Petrus, dass er genau diese Verheißung in der gläubigen Gemeinde, die aus Juden und Heiden besteht, erfüllt sieht.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Wie kommt Petrus zu diesem Schluß? In 1. Petrus wird das nicht weiter erklärt. Doch für den Apostel Petrus war das gemäß dem Bericht in der Apostelgeschichte klar. Gemäß der Vision des Petrus in Apostelgeschichte 10 sollte er nichts mehr unrein nennen, was für Gott nicht mehr unrein ist. Und wenn Gott seinen Geist auf die Heiden ausgegossen hat, dann sind sie Teil seines Volkes. Es gibt keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden mehr. Der einzige Unterschied, der nun existiert, ist der in Maleachi 3:17,18 was Gottes segullah betrifft: Nicht jeder in der Gemeinschaft gehört automatisch zu Gottes segullah.

    „Sie werden mein persönliches Eigentum sein. An dem Tag, an dem ich eingreife, werde ich sie verschonen, wie ein Mann seinen gehorsamen Sohn verschont“, spricht Jahwe, der allmächtige Gott. „Dann werdet ihr wieder den Unterschied zwischen Gerechten und Ungerechten sehen, zwischen denen, die Gott dienen und denen, die es nicht tun.

    Maleachi 3:17,18 NEÜ

    Und entsprechend argumentiert Petrus bei der Zusammenkunft in Jerusalem gemäß Apostelgeschichte 15:

    Und Gott, der die Herzen kennt, hat das beglaubigt, indem er ihnen den heiligen Geist gab, so wie er ihn uns gegeben hat. Er hat zwischen uns und ihnen keinen Unterschied gemacht, denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt.

    Apostelgeschichte 15:8,9 Züricher

    Und Jakobus pflichtet ihm bei:

    Simeon [Petrus aramäischer Name] hat erzählt, wie Gott von Anfang an darauf bedacht war, aus allen Völkern ein Volk für seinen Namen zu gewinnen.

    Apostelgeschichte 15:14 Züricher

    Das muss eine Überraschung für seine Zuhörer gewesen sein: Denn bisher wurde immer klar zwischen „Gottes Volk“ und den Heiden unterschieden. Entweder man ist ein Teil des Volkes Jahwes oder nicht. Und Jakobus begründet dies mit einem Zitat aus Amos 9:12, dem Text im alten Testament, der darauf hindeutet, dass Heiden einmal ohne zum Judentum zu konvertieren mit in den Bund mit eingeschlossen werden. Zu diesem Text erklärt Carmen Imes:

    Im Hebräischen heißt es: „damit sie den Rest von Edom und alle Völker, über die mein Name angerufen wird, in Besitz nehmen“ (Übersetzung des Autors). Das könnte auf eine militärische Herrschaft hindeuten. In der griechischen Septuaginta heißt es: „damit der Überrest der Menschheit und alle Heiden, die nach meinem Namen gerufen werden, mich ernsthaft suchen“. Die griechische Übersetzung suggeriert keine militärische Vorherrschaft, sondern eine weltweite Bekehrung. Dennoch bezeichnen beide Versionen die Heiden als diejenigen, „über die mein Name angerufen wird“, und das ist der wichtigste Punkt, auf den es Jakobus ankommt. Im Hebräischen sind „Edom“ und „Menschen“ fast identisch, ebenso wie „besitzen“ und „suchen“, was die griechische Übersetzung teilweise erklärt.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Mit dem, was die Apostel, die Ältesten und die ganze Versammlung in Jerusalem dann beschließen, schieben sie den Sinai nicht beiseite. Was sie aufheben sind die Gesetze, deren Zweck es war, die Israeliten ethnisch von den Heiden zu unterscheiden. Was das für die Jünger aus den Heiden bedeutet haben mag, als sie von dem Beschluss hörten, verstehen wir vielleicht besser, wenn wir Carmen Imes Formulierung betrachten:

    Ihr seid eingeladen! Ihr könnt Jesus folgen, so wie ihr seid. Wir haben entdeckt, dass die Propheten schon vor Hunderten von Jahren auf diesen Tag vorausgeschaut haben und von euch sprachen, die ihr Jahwes Namen tragt – Heiden, die dazugehören. Willkommen in der Familie!

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Das ist auch das Ziel des Dienstes des Paulus, wie er zum Beipsiel in Römer 1:5-8 sagt indem er bekannte Formulierungen aus dem Alten Testament einfließen lässt. Und Paulus predigt auch kein neues Evangelium, wie wir in der Serie „Die neue Sicht auf Paulus“ gesehen haben.

    Unser Auftrag

    Was bedeutet dies für uns heute? Carmen Imes fasst es so zusammen:

    Aufgrund der Treue Jesu können wir mit Gottes Namen gekennzeichnet werden und an seiner Mission teilnehmen, allen Völkern Segen zu bringen.

    Anstatt zu fragen, ob wir das alttestamentliche Gesetz befolgen müssen, sollten wir uns fragen, wie unsere Beziehung zum Bund Israels aussieht.

    Durch das Leben, den Tod und die Auferstehung von Jesus, dem Messias Israels, sind wir in den Bund aufgenommen worden. Wir sind in seine erneuerte Bundesgemeinschaft aufgenommen worden. Sein Opfer hat eine neue Ära eingeläutet. Diese Tatsache, gepaart mit unserer veränderten kulturellen Situation, bedeutet, dass viele der alttestamentlichen Gesetze für uns nicht mehr so funktionieren wie für Israel. Sie buchstabengetreu zu befolgen, würde den Zweck, für den sie gegeben wurden, nicht aufrechterhalten.

    Die Notwendigkeit eines Tempels ist verschwunden, da sie in Christus erfüllt wurde, und deshalb sind Opfer nicht mehr notwendig.

    Gesetze, die Israel als ethnische Gruppe getrennt halten sollten, wurden ebenfalls außer Kraft gesetzt.

    Als Mitglieder seiner neuen Bundesgemeinschaft haben wir das Privileg – die Gnade –, als sein wertvolles Volk zu leben.

    Die Geschichte des Alten Testaments ist keineswegs irrelevant oder obsolet, sondern sie sagt uns, wer wir sind. Mehr noch: Sie sagt uns, wessen wir sind. Und das ändert alles.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
  • Gottes Namen Tragen – Teil 4

    Gottes Namen Tragen – Teil 4

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie befassen wir uns mit Gedanken aus dem Buch Bearing God’s Name – Why Sinai still matters (Gottes Namen tragen – warum der Sinai noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    In den ersten drei Teilen haben wir darüber gesprochen, wie die Israeliten von Jahwe als Volk organisiert und geschult wurden, seinen Namen zu tragen. Ihre Aufgabe war es, dass durch sie alle Nationen erkennen können, was für ein Gott Jahwe ist. Gottes Namen zu tragen war ihre freie Entscheidung und sie sagten am Sinai, dass sie alles tun wollen. Nach 40 Jahren Wanderung in der Wüste tat die nächste Generation das selbe. Und nochmal bestätigen sie ihr Versprechen als sie im verheißenen Land sind (Josua 8:30-35).

    Danach lesen wir vom Sinai kaum noch etwas, obowhl doch das ‚Erinnern‘ ein Schlüsselthema biblischer Theologie ist. Das ist schon überraschend, wenn man die Bedeutung der Ereignisse berücksichtigt. Aber der Schwerpunkt sollte auf der Erinnerung an die Befreiung liegen, und nicht etwa eine Pilgerreise zum Sinai oder so etwas ähnliches.

    Ist das Thema damit beendet? Wohl kaum, denn jetzt kommt die Zeit, in der sie wie versprochen den Namen Gottes tragen sollten, damit alle Nationen sehen, dass Jahwe über allen anderen steht und wie überlegen seine Herrschaft ist. Darauf geht Carmen Imes in der zweiten Hälfte ihres Buches ein. Ich möchte hier aber nur einige der vielen interessanten Punkte erwähnen.

    Feind Nummer 1

    Feindlich gesinnt waren den Hebräern einige: Zuerst Ägyptens Pharao und seine Arme, dann einige Völker auf der Wanderung und schließlich die Könige im verheißenen Land. Aber das war nicht ihr gefährlichster Feind. Ihr gefährlichster Feind sind sie selbst. Immer wieder murren sie, rebellieren oder wollen gar nicht mehr ins verheißene Land. Ihre Angst vor den Völkern ist so ansteckend, dass das ganz Volk in Panik ist. Was ist das Problem? Sie lehnen es ab, darauf zu vertrauen, was Jahwe ihnen versprochen hat.

    Das erklärt auch, warum Jahwe auf ähnliche Situationen vor dem Sinai mit Gnade reagiert. Seine Erwartungen an das Volk sind gering. Nach dem Sinai hat er sich nicht geändert. Doch seine Erwartungen durften zurecht höher sein. Ein Jahr hatte er ihnen Zeit gegeben, zu lernen, ihn zu ehren und sich gegenseit zu respektieren. Doch er sieht wenig Fortschritte. Das Muster ist daher nach dem Sinai immer das gleiche: Murren und Rebellion hat Bestrafung zur Folge, ein Gebet bringt Hilfe.

    Der Anfang der Erfüllung – und was Jahwe sieht

    Doch schließlich sind sie im verheißenen Land. Das Buch Josua illustriert die Erfüllung des Versprechen Jahwes.

    Dann werden alle Völker auf der Erde sehen, dass der Name Jahwes über dir ausgerufen wird, und sie werden dich fürchten.

    5. Mose 28:10 Carmen Imes

    Doch schon hier deutet sich an, dass sie zwar ins verheißene Land gekommen sind, aber ihre Aufgabe nicht erfüllen, den Namen Gottes zu tragen. Wir lesen von der Kanaaniterin Rahab, die voller Glauben ist, und im Gegensatz dazu auch vom untreuen Israeliten Achan. Die Gibeoniter sind mehr davon überzeugt, dass Jahwe den Israeliten das Land geben wird als sie selbst. „Die nächste Generation hat einen wackeligen Start hingelegt.“

    Schnell verlieren sie den Blick auf die Tatsache, dass sie Jahwe sie aus den Nationen genommen hat, um ihm zu gehören. Sie wollen lieber so sein, wie alle anderen auch. In 1. Samuel erfahren wir, dass sogar die Priester, deren Aufgabe es gerade ist, den Bund mit Jahwe hochzuhalten, ihre heiligen Aufgaben so mißachten, dass Jahwe ankündigt, diese Priesterlinie auszulöschen. Als nächstes möchten sie einen König wie die anderen auch – und zwar jetzt, zu dem Zeitpunkt, zu dem sie es wollten. Aus dem Buch Richter erfahren wir, dass sie Jahwes Auftrag, das verhießene Land zu erobern nicht vollständig ausführten. Es läuft immer wieder nach diesem Muster:

    Der Engel Jahwes kam von Gilgal nach Bochim herauf und sagte zu den Israeliten: „Ich habe euch aus Ägypten herausgeführt und euch in das Land gebracht, das ich euren Vätern unter Eid zugesichert hatte. Ich hatte gesagt: ‚Niemals werde ich meinen Bund mit euch brechen, nie! Aber ihr dürft keinen Bund mit den Bewohnern dieses Landes schließen und müsst ihre Altäre niederreißen.‘ Doch ihr habt mir nicht gehorcht. Wie konntet ihr das nur tun? So muss ich euch jetzt sagen: ‚Ich werde die Bewohner dieses Landes nicht vor euch vertreiben! Sie werden euch Widerstand leisten und ihre Götter werden zur Falle für euch.‘“ Als der Engel Jahwes das gesagt hatte, schrien die Israeliten auf und begannen zu weinen.

    Richter 2:1-4 NEÜ

    Und sobald Josua gestorben war, geschah dies:

    Schließlich starb jene ganze ältere Generation und es wuchs eine neue heran, die Jahwe nicht kannte und seine großen Taten für Israel nicht miterlebt hatte. Da fingen die Israeliten an, den Baalen zu dienen, was Jahwe als sehr böse ansah.

    Richter 2:10,11 NEÜ

    Jahwe sandte immer wieder Richter, um sie zu befreien. Doch selbst das half nicht auf Dauer:

    Doch sobald der Richter gestorben war, wurden die Israeliten rückfällig und trieben es noch schlimmer als ihre Vorfahren. In ihrem Trotz hörten sie einfach nicht auf, den anderen Göttern nachzurennen, sie zu verehren und sich vor ihnen niederzuwerfen. Da flammte Jahwes Zorn gegen Israel auf. Er fasste den Beschluss: „Weil dieses Volk ständig den Bund bricht, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe, weil es mir einfach nicht gehorchen will, werde auch ich kein einziges Volk mehr vor ihnen vertreiben. Die Völker, die Josua bis zu seinem Tod nicht vertreiben konnte, lasse ich im Land, um die Israeliten auf die Probe zu stellen, ob sie wie ihre Vorfahren auf meinem Weg bleiben oder nicht.“

    Richter 2:19-22 NEÜ

    Wurde es in der Zeit der Könige Israels denn besser? Es gab nur wenige gute Könige. Als Salomo den Tempel einweiht, spricht er in seinem Gebet davon, dass so alle Völker den Namen Jahwes kennenlernen mögen. Dass Jahwe den Tempel mit seiner Herrlichkeit füllt, zeigt, dass er zu seinem Bund mit Israel steht.

    Der erste bedeutende Prophet der Zeit der Könige ist Elia. Er muss sich nicht nur dem König und den Anbetern Baals gegenüberstellen, sondern hat schließlich den Eindruck, dass sein Dienst völlig umsonst war. Interessanterweise läuft er bis zum Berg Sinai, wo Jahwe ihm versichert, dass dem nicht so ist. Er ist nicht allein. Es gibt noch einige wenige, die keinen Götzendienst verrichten.

    Schließlich war es so schlimm, dass Jahwe sie aus dem Land vertreiben musste – wie er sie schon am Sinai gewarnt hatte.

    Aber wohin sie auch kamen, brachten sie meinen heiligen Namen in Verruf, denn die Leute dort sagten: ‚Das ist das Volk Jahwes, aber sie mussten aus seinem Land weg!‘ Da tat es mir um meinen heiligen Namen leid, denn die Leute von Israel entweihten ihn, wohin sie auch kamen.

    Ich werde meinen großen Namen, den ihr unter den Völkern entweiht habt, wieder zu Ehren bringen. Und wenn ich mich vor den Augen der Völker an euch als heilig erweise, spricht Jahwe, der Herr, werden auch sie erkennen, dass ich es bin – Jahwe!

    Hesekiel 36:20,21,23 NEÜ

    Das war der Tiefpunkt. Anstatt Gottes Namen zu tragen und seinen heiligen Namen hochzuhalten, haben sie ihn überall in Verruf gebracht. Man könnte sich sogar fragen, ob der Bund, den sie so oft gebrochen hatten, überhaupt noch bestand. War die Situation nach Jahrhunderten nicht so sinnlos, dass ein Weitermachen keinen sein mehr ergab. Sollte er nicht einfach … neu anfangen? Ein neuer Bund?

    Ein neuer Bund – oder der erneuerte Bund?

    Manchmal ist ein Neuanfang das Beste. Das erbittet Jesaja in Jesaja 63: Zurück zum Sinai. Der Prophet Jeremia spricht darüber in Jeremiah 31. Falls du gedanklich jetzt schon beim neuen Testament bist, dann lies aufmerksam Jeremiah 31:31-32:

    Sieh, es kommen Tage, Spruch des HERRN, da schliesse ich einen neuen Bund mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe an dem Tag, da ich sie bei der Hand nahm, um sie herauszuführen aus dem Land Ägypten; denn sie, sie haben meinen Bund gebrochen, obwohl doch ich mich als Herr über sie erwiesen hatte! Spruch des HERRN.

    Jeremia 31:31-32 Züricher

    Ein neuer Bund anders als der vom Sinai? Nun, die Bündnispartner sind die selben. Und der Grund ist nicht, dass der Bund vom Sinai schlecht war, sondern weil sie ihn gebrochen haben. Das Neue beschreibt Jeremia in den nächsten beiden Versen:

    Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließen werde, wird ganz anders sein“, spricht Jahwe. „Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, ich lege es tief in sie hinein. So werde ich ihr Gott sein und sie mein Volk. Dann muss keiner mehr den anderen belehren, niemand muss mehr zu seinem Bruder sagen: ‚Erkenne doch Jahwe!‘ Denn alle werden mich erkennen, vom Geringsten bis zum Größten“, spricht Jahwe. „Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nie mehr denken.

    Jeremiah 31:33-34 NEÜ

    Das neue ist, dass jeder Israelit in der Lage sein wird, diesen Bund zu verinnerlichen. Der Bund vom Sinai wurde mehrmals von den Israeliten wieder bestätigt. Auch weil eine neue Generation nachgewachsen war. Doch ein Bund mit einem Volk, von Generation zu Generation durch die Abstammung weitergegeben, hat nicht gerade gut funktioniert. Dieser erneuerte Bund zielt daher auf Einzelpersonen ab, die den aufrichtigen Wunsch haben, Gottes Namen zu tragen – so wie Jahwe es gesagt hatte.

    Überstrapazieren wir damit den Begriff ‚neu‘ in Jeremia 31? Nun, der selbe Prophet verwendet diesen Begriff auch in den Klageliedern:

    Die Güte Jahwes ist nicht zu Ende, / sein Erbarmen hört nicht auf. An jedem Morgen ist es neu. / Deine Treue ist groß!

    Klagelieder 3:22,23 NEÜ

    Und als Verb verwendet er das Wort so: „ Bring uns zurück, HERR, zu dir, wir wollen umkehren. Mach unsere Tage neu, wie sie einst waren.“ (Klagelieder 5:21 Züricher). In ähnlicher Weise spricht Hesekiel von einem „neuen Geist“ für seine Volk (Hesekiel 11:17-20), einem „neuen Herz“ (Hesekiel 18:31) und „neuem Geist“ (Hesekiel 36:24-28).

    Aber wird in Hebräer 8 nicht gerade auf Jeremia 31 bezug genommen und dann gesagt:

    Indem er von einem neuen Bund spricht, hat er den ersten für veraltet erklärt. Was aber veraltet und überlebt ist, das ist dem Verschwinden nahe.

    Hebräer 8:13 Züricher

    Aber lassen wir uns hier nicht vom Ende des Kapitels davon abhalten, den Kontext zu betrachten:

    Aber der Autor fährt fort zu beschreiben, was genau verschwinden wird: nämlich das Opfersystem. Opfer brachten zwar Vergebung, aber sie konnten das schuldige Gewissen nie reinigen, weil die Menschen immer wieder sündigten. Das erste Opfersystem, das am Sinai eingeführt wurde, war nur vorübergehend. Jetzt, da Jesus sich ein für alle Mal hingegeben hat, ist der irdische Tempel nicht mehr nötig. Opfer sind überflüssig.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Hat sich also mit dem Erscheinen Jesu Christi diese Sinai-Geschichte erledigt? Welche Aussagen finden wir im Neuen Testament und inbesondere in den Evanglien?

    Gib mir einfach Jesus – Das Zeugnis des Evangeliums

    In den Texten aus dem Alten Testament, die wir in dieser Serie im Zusammenhang mit dem Bündnis vom Sinai gelesen haben, haben wir in er Regel den Namen Gottes Jahwe gelesen. Wenn wir nun mit den Evangelien im Neuen Testament fortfahren, fällt ein enormer Unterschied auf: Jahwe scheint nicht mehr vorzukommen – zumindest nicht in den uns überlieferten Manuskripten. Stattdessen geht es immer um Jesus.

    Gerade das Matthäus Evangelium ist aber so geschrieben worden, dass hier eine Kontinuität aufgezeigt wird: Das Kind Jesus wird der Christus genannt. (Matthäus 1:16), die griechische Form von Messias, dem Gesalbten. Aber seine Name ist Jesus, der die Bedeutung hat: „Jahwe rettet.“ (Matthäus 1:21,25). Würden wir den Namen in Hebräisch oder Aramäisch gehört und gelesen haben, in der Sprache, in der Matthäus möglicherweise zuerst geschrieben wurde, wäre uns vielleicht schon eine Parallele zu Zeit des Sinai aufgefallen: Am Sinai hat Moses Hoschea als ‚rechte Hand‘, dessen Name die Bedeutung hat: „er rettet.“ (4. Mose 13:8). Moses änderte seinen Namen auf Jeshua, was „Jahwe rettet“ bedeutet (4. Mose 14:6). Und Jesus ist nichts anderes als die lateinische Form des griechieschen Iesou, das die Übersetzung des hebräischen Jehsua ist: „Jahwe rettet“.

    Doch das ist noch lange nicht alles. Das Matthäus Evangelium wurde so kreativ strukturiert und geschrieben, dass der Berg Sinai und die Ereignisse eine große Rolle spielen. Hier nur ein kurzer Überblick:

    • Das Matthäus-Evangelium gliedert sich in 5 Blöcke, welche die 5 Bücher Mose nachahmen.
    • Davor findet sich eine Einleitung mit der Geschichte der Flucht Jesu Eltern nach … wohin? Ägypten! Es ist eine umgekehrte Exodus-Geschichte.
    • Als die Lage wieder sicher ist, kehren sie aus Ägypten ins verheißene Land zurück und wiederholen sozuagen Israels Auszug aus Ägypten und den Einzugs in das verheißene Land.
    • Als nächstes lesen wir, dass er sich in den Wassern des Jordan taufen lässt. Das erinnert uns daran, dass die Israeliten erst das Schilf-Meer und dann den Jordan durchquert haben.
    • Dann wird Jesus vom Geist wohin gesandt? In die Wüste. Für wie lange? 40 Tage.
    • Dort wurden die Isarealiten versucht, sich von Jahwe abzuwenden. Und dort wird Jesus versucht. Und woraus zitiert Jesus? „Jesus wählt genau die Kapitel des 5. Buches Mose aus, in denen Mose die Israeliten an die Lektionen erinnert, die sie in der Wüste hätten lernen sollen – Lektionen, die Jesus auswendig kennt.“

    Welche Lektion erteilt Jesus durch seine Antworten auf die Versuchungen? „Kein Weg zum Erfolg ist der richtige Weg, wenn er gegen den Bund verstößt. … Der Messiahs hat die Prüfung bestanden, in der Israel gescheitert ist.“

    Der Fokus im Matthäus-Evangelium liegt auf fünf Predigten Jesus. Und so ist der erste Block der Lehren Jesu bekannt als die Bergpredigt. Ein Berg ist der Kontext, den Matthäus uns hier nicht umsonst erwähnt. Und Jesus knüpft auch an den Sinai an: „Denkt nicht, dass ich gekommen bin, um das Gesetz oder die ‹Worte der› Propheten außer Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen, um sie aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen.“ (Matthäus 5:17) Jemand mag denken, dass mit ‚erfüllen‘ gemeint sei, dass Jesus sozusagen eine Bedingung ‚erüllt‘ hat und das Gesetz damit abgeschafft hat. Aber als das Gesetz am Sinai Israel gegeben wurde, gab es doch nie eine Klausel wie folgende: Sollte irgendjemand einmal das Gesetz vollständig halten, dann ist es abgeschafft, erledigt, veraltet. Erinnern wir uns: Es ging darum, dass sie als Bilder Gottes seinen Namen tragen! Und für die Übertretung des Gesetzes gab es das System der Opfer. Es gibt keine Klausel, mit der das Bündnis endete. Daher gibt die Neue Genfer Übersetzung in der Fußnote an: „sondern um volle Geltung zu verschaffen.“ Sollte jemand gedacht haben, dass sich das mit dem Sinai und dem Gesetzt jetzt erledigt hat, den lehrt Jesus etwas anderes. Ganz im Gegenteil geht er sehr unbequem darauf ein, dass die Israeliten es haben schleifen lassen und hebt die Messlatte auf den Stand, den Jahwe mit dem Gesetz beabsichtigt hatte: Glaubt nicht, es reicht, wenn ihr gemäß dem Buchstaben nicht gegen das Gesetz verstoßen habt, denn Jahwe möchte, dass ihr im Herzen nicht so denkt und fühlt!

    Ist Jesus nun „der Prophet gleich Mose“, der kommen soll, wie es in 5. Mose 18:15 steht? Berücksichtigt man den Kontext in 5. Mose 18, dann erkannt man, dass Jahwe nicht nur einen Propheten senden würde, um Anleitung im Angesicht des Götzendienstes zu geben. Und dass es auch falsche Propheten geben würde, und wie man sie erkennen kann. Apostelgeschichte 3 und 7 wenden diesen Text auch entsprechend an. Jesus ist auch nicht nur ein Prophet wie Moses – er ist größer. Er ist der ’Sohn des Menschen’, der Herr des Sabbats zum Beispiel (Matthäus 12:8)

    In der Umgestaltungszene in Matthäus 17 finden sich wieder viele Bezugnahmen auf den Sinai. Es geschieht … auf einem Berg. Das Angesicht Jesus leuchtet. Ein Wolke, Herrlichkeit, die Stimme Gottes. Moses und Elia, die beide Gottes Herrlichkeit sahen – am Sinai.

    Liest man weiter im Neuen Testament stellt man erstaunt fest: „Die Ehrfurcht ging nahtlos von Jahwe auf Jesus über, ohne Erklärung oder Entschuldigung.“

    Und Jesus führt die Dinge so weiter, wie Jahwe sie begonnen hat:

    „Der Herr aber sagte zu ihm: Geh hin, denn gerade er ist mein auserwähltes Werkzeug, meinen Namen zu tragen vor den Augen von Völkern und Königen und vor den Augen der Israeliten.“

    Apostelgeschichte 9:15

    Und das war nicht nur die Aufgabe des Paulus. Immer wieder findet sicht der Gedanke im Neuen Testament, dass die Jünger Jesus ‚seinen Namen tragen‘ sollten, so wie die Israeliten ‚den Namen Gottes tragen‘ sollten. In Jakobus 2:7 heißt es: „Sind nicht sie es, die den guten Namen, der über euch ausgerufen ist, lästern?“ Diese Satz ist im griechischen Text ziemlich ungelenkt, weil der die hebräische Phrase widerspiegelt, die dafür verwendet wird, dass Jahwes Name über Israel ausgerufen wird (5. Mose 28:10).

  • Gottes Namen Tragen – Teil 3

    Gottes Namen Tragen – Teil 3

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie befassen wir uns mit Gedanken aus dem Buch Bearing God’s Name – Why Sinai still matters (Gottes Namen tragen – warum der Sinai noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Im zweiten Teil sprachen wir darüber, was sich am Sinai geändert hat. Die Hebräer wurden Gottes „persönliches Eigentum“, „sein geschätzter Besitz“. Aus der Verwandtschaft des hebräischen Worts segullha mit anderen Sprachen jener Zeit zeigt sich allerdings, dass dieser auch auf jemanden angewandt wurde, der in einem besonderen Beziehung zum König steht. “Sie haben eine Rolle, die ihrem Status entspricht. Ihr Status ist es, ein besonderer Schatz zu sein. Ihre Rolle ist es, eine priesterliche und heilige Gemeinschaft inmitten der Völker zu sein.” (J. T. Wright, aus Carmen Imes Buch).

    Das kommt auch in den ‚10 Geboten‘ zum Ausdruck, die in der Torah als ‚10 Wörter‘ bezeichnet werden und die eher Unterweisungen als Gesetze im heutigen Sinne sind. Schon die ersten beiden ‚Worte‘ zeigen, was die Aufgabe der Hebräer war: 1. Bete nur Jahwe an. 2. Vertritt ihn gut. Wer die Hebräer kennenlernt, soll Gott kennenlernen. So würden sie den Namen Jahwes unter die Völker tragen.

    Und nun?

    Mit ‚dem Gesetz‘ ist nicht alles gesagt. Sie brauchen weitere, fortwährende Anleitung von Jahwe:

    Pass auf! Ich werde einen Engel vor dir her schicken, der dich unterwegs behütet und dich an den Ort bringt, den ich für dich bestimmt habe. Hüte dich vor ihm, und hör auf das, was er sagt! Lehn dich nicht gegen ihn auf! Er würde euch das nicht vergeben, denn mein Name ist in ihm.

    2. Mose 23:20,21 NEÜ

    Vermutlich möchtest du jetzt gerne erfahren, was es mit diesem Engel auf sich hat. Aber nach dieser Passage wird nur sehr wenig über ihn gesagt. Aber das ist ja auch nicht das Wichtige in dieser Passage. Yahwe sorgt für sein segullha.

    Wird deswegen das Gesetz in 5. Mose wiederholt? Ein Grund war bestimmt, dass 40 Jahre vergangen waren und eine andere Generation lebte als am Sinai. Interessant ist aber auch, dass die Struktur von 5. Mose einige Gemeinsamkeiten mit antiken Abkommen hat. Zum Beispiel zwischen dem Groß-König und den Vasallen-Königen. Das Abkommen, der Bund, zwischen Jahwe und den Hebräern wird nocheinmal bestätigt.

    Das ist schon deswegen interessant, weil der Bund von den Hebräern schon gebrochen wurde, kaum nachdem sie zugestimmt hatten, alles zu halten: Moses war mit den beiden Steintafeln noch nicht vom Berg herunter, verstießen sie gegen das erste Gebot und machten ein goldenes Kalb. Das Moses die Steintafeln des Bündnisses zerschmetterte war ein deutchliches Zeichen dafür, dass der Bund gebrochen worden war.

    War Jahwe jetzt völlig überrascht, dass die Hebräer sich so bald nicht mehr an ihre Worte hielten?

    Anschließend nahm er die Schriftrolle mit dem Bundesgesetz in die Hand und las alles dem Volk vor. Es erwiderte: „Alles, was Jahwe gesagt hat, wollen wir gehorsam tun.“

    2. Mose 24:7 NEÜ

    Hat Jahwe jetzt gerecht aber hart die Strafe vollzogen, die auf den Bruch des Bündnisses stand? So haben es damalige Groß-Könige gemacht. Und er wäre gemäß 2. Mose 32 auch bereit dazu gewesen. So stellen sich auch viele den ‚Gott des Alten Testaments‘ vor. Tatsächlich haben wir aber zwischen Kapitel 24 und 32 einige Kapitel übersprungen, die etwas anderes zeigen: Gnade!

    Gnade? Zwischen 2. Mose 24 vor 2. Mose 32 sind 7 Kapitel, die einmal mehr Yahwes Gnade im ‚Gesetz‘, im Bündnis mit den Hebräern zeigen. Diese enthalten detailierte Pläne für das Heiligtum. Gottes erste Reaktion auf die Zustimmung der Hebräer waren also 7 Kapitel mit den Anweisungen für sein Heiligtum, das Mittel, mit denen sie Vergebung erlangen können, wenn sie das Bündniss brechen. Das ist Gnade.

    Und das ist noch nicht alles: 3. Mose 1-7 enthält die Anweisungen für Priester. Anstrengend zu lesen, wenn du keiner bist. Doch übersehen wir nicht den immer wieder wiederholten Refrain: „und es wird … vergeben werden“.

    Noch ein Nebengedanke: Das Bündnis Jahwes mit den Hebräern, das Gesetz, zeichnet sich also durch Gnade aus. Ein großer Teil der Bestimmungen dreht sich darum, wie vergeben werden kann. Keiner ist ausgenommen. Die Bestimmungen sind für jeden im Volk bis zum Hohepriester selbst. Wie sollte man also auf die Idee kommen, dass man ohne dies aber durch seine eigenen Werke vor Jahwe gerecht stehen würde? Und wenn die Hebräer das nicht dachten, worüber diskutiert Paulus dann? Das hatten wir in der vorherigen Serie „Die neue Sicht auf Paulus“ betrachtet.

    Waren die Hebräer nun schon bereit für das verheißene Land?

    Fertig zum Aufbrechen

    Moses selbst war da anderer Meinung:

    Mose sagte zu Jahwe: „Du befiehlst mir, dieses Volk in sein Land zu führen, aber du hast mir nicht offenbart, wen du mitschicken wirst. Dabei hast du mir doch gesagt, dass du mich mit Namen kennst und mir deine Gunst geschenkt hast. Wenn ich also wirklich deine Gunst genieße, dann lass mich doch erkennen, was du vorhast. Ich möchte dich besser verstehen und auch weiter in deiner Gunst bleiben. Und denk bitte daran: Diese Nation ist dein Volk!“ Jahwe erwiderte: „Wenn ich mitgehe, würde dich das dann beruhigen?“ Mose entgegnete: „Wenn du nicht mitgehst, dann bring uns lieber nicht von hier weg! Woran soll man denn sonst erkennen, dass wir in deiner Gnade stehen, ich und dein Volk? Doch nur daran, dass du mit uns ziehst und uns dadurch vor allen anderen Völkern der Welt auszeichnest, mich und dein Volk!“ Jahwe erwiderte: „Auch diese Bitte werde ich dir erfüllen, denn du stehst in meiner Gunst und ich kenne dich genau!“

    2. Mose 33:12-17 NEÜ

    Mose hatte die Lektion verinnerlicht: Ohne Jahwe waren sie nichts. „Alles, was sie waren, verdankten sie dem, was er war. Das Gleiche gilt für dich und mich. Das Wichtigste ist, zu wem wir gehören.“

    Was fehlte den Hebräern noch? 4. Mose (Numeri). Es beginnt mit der Anweisung Jahews, das Volk zu zählen. Dann kommt die Ordnung des Lagers Israels usw. … Kaum jemand liest 4. Mose. Aber vergessen wir nicht: Diese Buch wurde nicht für uns geschrieben, sondern für sie!

    Gottes Vision nimmt auf den Seiten von 4. Mose (Numeri) konkrete Gestalt an. Sie ist praktisch. Für Menschen, die bisher nur ein Leben als Sklaven kannten und wenig Übung in Selbstbestimmung hatten, begegnet Gott ihnen dort, wo sie sind, und macht ihre Aufgabe ganz einfach. Folgt mir. Zelte hier. Esst das. Stellt euch in dieser Reihenfolge auf.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Die Aufzählung hat noch eine ganz andere Wirkung. Die Hebräer waren einfach nur Sklaven. Der Namen der herrschenden Familien Ägyptens wurde gedacht. Jetzt ist es aber ganz anders. Es ist, also ob Jahwe ihnen sagt: Ihr gehört nich mehr Pharao. Ihr gehört mir. Ihr seid nicht bedeutungslos. Eurer Familien wird von nun an als Anfang einer neuen Nation gedacht werden.

    Was fehlt ihnen noch? Der priesterliche Segen Jahwes.

    Jahwe befahl Mose, Aaron und seinen Söhnen zu sagen: „So sollt ihr die Israeliten segnen. Sagt: Jahwe segne dich / und behüte dich! Jahwe lasse sein Angesicht leuchten über dir / und sei dir gnädig! Jahwe wende dir sein Angesicht zu / und gebe dir Frieden! So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, und ich werde sie segnen.“

    4. Mose 6: 22-27 NEÜ

    Indem er sie mit seinem Namen segnet, legt er seinen Namen ganz bewusst auf sein Volk. Jahwe hatte sie bereits am Sinai als sein Volk anerkannt. Jetzt segnet er sie offiziell, um sie regelmäßig daran zu erinnern. Von diesem Moment an sind sie als sein Volk identifiziert.

    Es ist der deutlichste Hinweis in der Heiligen Schrift, dass Jahwe seinen Namen auf sein Volk legt.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Nebenbei bemerkt, wird in der Zählung in 4. Mose des hebräische Wort eleph verwendet, dass meist mit ‚Tausend‘ übersetzt wird. Nur dass im hebräischen Text keine Zahlen stehen, wie wir sie kennen. Die sich daraus ergebende große Anzahl Hebräer von über 2 Millionen stimmt aber weder mit der Archäologie, den Platzverhältnissen auf ihrer Reise und vor allem mit der Bibel selbst überein. In 4. Mose 3:43 wird die Gesamtzahl der Erstgeborenen mit nur 22.273 angegeben. Das ergibt ein Verhältnis von 1:50 und jede israelische Mutter hätte durchschnittlich 100 Kinder haben müssen. Das Wort eleph wird an anderer Stelle auch nicht mit 1000 sondern ‚Clan‘ oder militärischer Einheit wiedergegeben. Eine Anzahl von etwa 10 Männern pro eleph stimmt mit anderen Angaben in 4. Mose und historischen Quellen überein. Damit kommt man auf vielleicht etwa 22.000 Männer, Frauen und Kinder.

    Immer noch eine stattliche Menge. Und mehr als genug für den Grundstock dieser neuen Nation Jahwes. Unter seiner Führung und mit seinem Segen würden sie weiter wachsen. Und damit sie all das, was wir bisher besprochen haben, nicht vergessen, hat Jahwe einen spektakulären Plan: Jedes Jahr sollen die Israeliten einen Tag dafür reservieren, der letzten Nacht in Ägypten zu gedenken. Das ist für Jahwe so wichtig, dass jeder, der das nicht mit feiern konnte, dies im folgenden Monat tun soll.

    Indem sie sich so immer wieder an all die Geschehnisse erinnern und was Jahwe für sie getan hat, wird ihnen eines eingeprägt: Sie tragen Jahwes Namen.

  • Gottes Namen Tragen – Teil 2

    Gottes Namen Tragen – Teil 2

    Von Christian / Carmen Joy Imes


    In dieser Serie befassen wir uns mit Gedanken aus dem Buch Bearing God’s Name – Why Sinai still matters (Gottes Namen tragen – warum der Sinai noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.

    Im ersten Teil haben wir gesehen, wie Ereignisse am Sinai literarisch in den Büchern Mose eingerahmt sind, um deren Bedeutung hervorzueben. Und dass die Israeliten zuvor erst einmal Jahwe kennenlernen und Vertrauen zu ihm aufbauen mussten.

    Was sich am Sinai ändert

    Nun sind die Israeliten schon drei Monate durch die Wüste gewandert, bis sie den Sinai erreichen. Was kommt nun? Was haben sie erwartet? Hatte Moses ihnen davon berichtet, was Jahwe Jahre zuvor am brennenden Dornbusch gesagt hatte?

    „Ich werde dir ja beistehen“, sagte Gott. „Und daran wirst du erkennen, dass ich dich gesandt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr an diesem Berg Gott anbeten.“

    2. Mose 3:12 NEÜ

    Für Mose war der entscheidende Teil: „Ich werde dir beistehen“. Entscheidend war nicht, wer Moses war, sondern wessen er war. In jener Situation offenbarte Gott Moses deswegen auch seinen Namen. Das ist für manchen vielleicht keine große Sache, damals war es da aber. Die meisten anderen Götter waren unter einem Pseudonym bekannt, um die Menschen auf Distanz zu halten.

    Am Sinai ändert sich alles.
    Am Sinai entdecken die Hebräer, wer sie sind und, was noch wichtiger ist, wem sie gehören.

    Am Sinai geht es um Anbetung. Gottes erste Anweisung am Sinai legt die Grundlage, eine neue geistige Route. Wenn wir sie nicht verstehen, kann es gut sein, dass wir alles Weitere missverstehen.

    Mose stieg hinauf, um Gott zu begegnen. Da rief ihm Jahwe vom Berg aus zu: „Sage es den Nachkommen Jakobs, rede zu den Israeliten: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern gemacht habe. Ihr habt erlebt, dass ich euch wie auf Adlerflügeln getragen und bis hierher zu mir gebracht habe. Wenn ihr nun auf mich hört und meinen Bund haltet, dann sollt ihr unter allen Völkern mein persönliches Eigentum sein. Denn mir gehört die ganze Erde. Ihr sollt mir ein Königsvolk von Priestern sein, eine heilige Nation!‘ Das sollst du den Israeliten sagen!“

    2. Mose 19:3-6 NEÜ

    Jahwe beginnt mit einer Beschreibung seiner Gnade! Gnade in den Büchern Mose? Vielleicht sind wir zu sehr auf die Gesetze fixiert – und unser heutiges Verständnis von Gesetzen. Darauf kommen wir nochmals zurück. Aber hier geht es um Jahwes Gnade. Er macht den Hebräern keine Vorwürfe wegen ihrem Verhalten bisher. Er zeigt, dass es sein Wunsch war, sie zu ihm zu bringen, und nicht ihr Verdienst. Und dann kommt dieses hebräische Wort: segullah (Aussprache SEH-gull-ah).

    Um die Bedeutung von Israels neuem Status zu begreifen, muss ich dir mein hebräisches Lieblingswort beibringen: segullah (ausgesprochen SEH-gull-ah). In der NIV wird es passenderweise mit „geschätzter Besitz“ übersetzt, aber es hilft, wenn wir die weitere Verwendung dieses Wortes verstehen. … Sehgullah kommt acht Mal im Alten Testament vor.

    Die verwandten alten Sprachen Ugaritisch und Akkadisch verwenden beide ein ähnliches Wort, um jemanden zu bezeichnen, der in der Beziehung zum König einen besonderen Status genießt, einen Bündnispartner, der besonders geschätzt und mit größerer Verantwortung betraut wird.

    In den aramäischen Übersetzungen des Alten Testaments wird der Segullah als „Geliebter“ beschrieben.

    Sie sollen ein „Königreich von Priestern“ sein, das als Botschafter bei den Völkern dient, und ein „heiliges Volk“, das für Gottes Zwecke ausgesondert ist. In meinem Lieblingsbuch, The Mission of God, betont Christopher J. H. Wright, dass Israel auserwählt wurde, um die Völker zu segnen. Er sagt: „Sie haben eine Rolle, die ihrem Status entspricht. Ihr Status ist es, ein besonderer Schatz zu sein. Ihre Rolle ist es, eine priesterliche und heilige Gemeinschaft inmitten der Völker zu sein.“

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Das Gesetz Mose war für die Hebräer ein Geschenk. Das zeigt ihre Antwort. Und wie Moses darüber sprach oder später Psalm 119. Andere Götter antworteten Menschen nicht. Man wusste nie so recht, was sie wollen oder warum sie zornig zu sein scheinen. Man musste sie besänftigen. Jahwe ist ganz anders: Er spricht sogar direkt zu den Hebräern. Er sagt klar, was er möchte und was nicht akzeptabel ist. Das Gesetz ist wie ein Zaun, der sie beschützt und hilft, darin ein florierendes Leben zu führen.

    Noch ein Hinweis zu dem Wort ‚Gesetz‘:

    Das deutsche Wort ‚Gesetz‘ ist sowohl zu eng als auch zu irreführend, um das hebräische Wort torah richtig zu übersetzen. Es wird besser mit „Unterweisung“ übersetzt. Die Tora umfasst ein breiteres Spektrum als nur Gesetze. Und ‚Gesetz‘ ist nicht das beste Wort, um zu beschreiben, was die Tora enthält.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Die Zehn Gebote – Gebote?

    Die Zehn Gebote stehen in der Bibel – nur werden sie darin nie so genannt! Wie bitte? Tatsächlich wird in 2. Mose 34:28 von 10 ‚Wörtern‘ gesprochen:

    Das hebräische Wort dabar kann neben ‚Wort‘ auch ‚Sache‘ oder ‚Ding‘ bedeuten. Das passt, denn darin sind nicht nur Gebote enthalten, wie wir gleich sehen werden.

    Kommen wir zur zweiten falschen Vorstellung, die man oft antrifft: Wieviele Tafeln waren es? Und wie wurden sie beschrieben? Im Internet finden sich viele Abbildungen davon. Ich habe einmal eine von Jehovas Zeugen aus dem Jahr 2020 genommen, weil sie immer wieder betonen, wie gründlich sie für ihre Bilder ‚nachforschen‘:

    Jehovas Zeugen, Leben und Dienst Zusammenkunft, Arbeitsheft August 2020 S. 7
    Wieviele Wörter kannst du erkennen?

    Vergleichen wir das einmal mit dem Bericht der Bibel:

    „Und Mose wandte sich um und stieg vom Berg hinab, und die beiden Tafeln der Bundesurkunde [eduth] waren in seiner Hand, Tafeln, die auf beiden Seiten beschriftet waren, beschriftet auf Vorder- und Rückseite“ (Exodus 32,15, Übersetzung des Autors).

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Wir sehen zwei Tafeln, aber sehr wenige Worte. Im hebräischen bestehen die ‚10 Worte‘ aus 171 Worten. Da muss auf der Rückseite aber noch viel stehen. Nun ja, ist halt nur eine Illustration. Wichtiger aber ist, dass wir auch hier die Vorstellung wiederfinden, dass zwei Tafeln notwendig waren, weil der Text nicht auf eine gepasst hätte. Dem ist nicht so. Vielmehr hat das hebräische Wort eduth, das hier mit Bundesurkunde übersetzt ist, eine besondere Bedeutung und findet sich so ähnliche in anderen Sprachen des alten Orients wieder. Wenn es um solche Urkunden ging, wurden die Tafel und eine exakte Kopie erstellt. Ging es um einen Vertrag zwischen zwei Völkern, wurde je eine Kopie in den Tempel des eigenen Gottes gelegt, damit dieser über die Einhaltung wacht. In diesem Fall war der Bund aber zwischen Jahwe und Israel. Daher wurde beide Tafeln in das Heiligtum gelegt.

    Kommen wir zum dritten, häufigen Missverständnis: Die 10 ‚Gebote‘ lassen sich klar in zwei Gruppen von Gesetzen unterteilen. Eine, die Gott betrifft, und eine, die die Menschen betrifft. Das ist aber keine adäquate Sicht auf diese Unterweisungen. Auch wenn Israeliten gegen ein ‚Gebot‘ aus der zweiten Gruppe verstießen, sprachen sie davon, dass sie gegen Gott sündigten (siehe 2. Samuel 12:13, Psalm 51:4)

    In der Bundesgemeinschaft ist jeder Teil des Lebens ein Ausdruck der Anbetung und Loyalität gegenüber dem Gott, der sich diesen Menschen verpflichtet hat. Wie sie andere behandeln, verrät wie ihr Herz zu Gott steht.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Gelten die ‚10 Gebote‘ jetzt für immer, weil sie sogar buchstäblich ‚in Stein gemeißelt‘ sind? Direkt davor spricht Jahwe davon, an wen sie gerichtet sind: „“Ich bin Jahwe, dein Gott! Ich habe dich aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit. Du darfst …““ (2. Mose 20:2 NEÜ). Sie verwenden oft einen spezifischen antiken Kontext und Wortschatz. Und sie wurden nie anderen Nationen kommuniziert.

    Die Gebote in diesem antiken Kontext sind allein für die Israeliten bestimmt. Die Tora war ein Geschenk an Israel, das Volk Jahwes.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Daher macht es am meisten Sinn, die ersten drei Sätze zusammen als erstes ‚Wort‘ zu lesen. Das zeigt an dem verwendeten Chiasma (2. Mose 20:2-6, 5. Mose 5:6-10):

    A Ich bin Jahwe dein Gott (Vers 2)

    B Du darfst keine anderen Götter haben neben mir! (Vers 3) Plural

    C Du darfst dir kein Götterbild machen (Vers 4) Singular

    B Wirf dich niemals vor ihnen nieder und verehre sie auf keinen Fall! (Vers 5a) Plural

    A Denn ich, Jahwe, ich, dein Gott (Vers 5b)

    2. Mose 20:2-6 NEÜ

    Der Sinn von Bildern ist die Anbetung.
    Die Mittel der Anbetung sind Bilder.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Damit kommen wir zum zweiten Gebot, aus dem sich auch der Titel des Buches von Carmen Imes ableitet.

    Ein unsichtbares Tattoo: Das zweite Gebot

    Du sollst den Namen Jahwes, deines Gottes, nicht vergebens tragen, denn Jahwe wird niemanden für schuldlos erklären, der seinen Namen vergebens trägt. (Exodus 20:7, Übersetzung des Autors)

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Viele Übersetzungen geben das anders wieder, weil die Übersetzer und Theologen meinten. dass dies sonst keinen Sinn macht. Wie sieht es aber aus, wenn man versucht, die Bibel exegetisch sich selbst erklären zu lassen? Der nächste Kontext ist 2. Mose 28: „So soll Aaron auf der Brusttasche für den Schiedsspruch die Namen der Söhne Israels zur ständigen Erinnerung vor Jahwe auf seinem Herzen tragen, wenn er ins Heiligtum hineingeht.“ (2. Mose 28:29). Und der Hohepriester hat auch einen Namen auf der Stirn: qodesh layahweh. „heilig, zu Jahwe gehörend“. Dabei wird der Buchstabe lamed vor Yahweh verwendet, wie er auch sonst in antiken Siegeln verwendet wurde, um das Eigentum anzugeben.

    Die zwölf Edelsteine zeigen an, dass der Hohepriester das ganze Volk vor Jahwe vertritt. Das Medaillon auf seiner Stirn zeigt an, dass er Jahwes Bevollmächtigter für das Volk ist. Erinnere dich an die dramatische Erklärung in Exodus 19, als Israel zum ersten Mal auf dem Berg Sinai ankam. Dort verlieh Gott seinem Volk Titel wie „geschätzter Besitz“, „Königreich der Priester“ und „heiliges Volk“. Als sein geschätzter Besitz ist es Israels Berufung – die Aufgabe, zu der sie geboren wurden -, ihren Gott gegenüber dem Rest der Menschheit zu vertreten. Sie haben eine priesterliche Funktion und vermitteln zwischen Jahwe und allen anderen. Sie sind für seinen Dienst auserwählt.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Durch den Blick auf Aaron wird jeder Israelit an seine Berufung als Volk erinnert. So wie er für den Dienst auserwählt („heilig“) ist, so sind auch sie („ein heiliges Volk“). Am Sinai erhebt Jahwe Anspruch auf dieses Volk und entlässt es in die Freiheit, seine Berufung zu erfüllen. Diese Berufung besteht darin, Jahwes Namen unter den Völkern zu tragen, d. h. ihn gut zu vertreten.

    Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)

    Kurz gesagt besagen die ersten beiden Gebote also: 1. Bete nur Jahwe an. 2. Vertritt ihn gut.

    Damit wird nun klar, warum der Begriff ‚Gesetz‘ als Übersetzung für das hebräische Thora ungenügend und sogar irreführend ist: Es geht nicht in unserem modernen Sinne um eine Sammlung von Vorschriften und Gesetzen, sondern Charakterbildung.