Von Christian / Carmen Joy Imes
In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen aus dem Buch Being God’s image – Why creation still matters (Gottes Bild sein – warum die Schöpfung noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.
Wie im fünften Teil angekündigt, beschäftigen wir uns im Rest der Serie mit ‚Menschsein in Gottes neuer Welt‘.
Menschsein in Gottes neuer Welt
1. Mose 1 vermittelt unsere grundlegende menschliche Identität als Bild Gottes und führt damit ein wichtiges Thema der Heiligen Schrift ein. Der Ausdruck „Bild Gottes“ kommt jedoch nur in 1. Mose 1, 5 und 9 vor. Danach rückt das Thema in den Vordergrund, Gottes Namen zu tragen.
Wenn wir dann zum Neuen Testament übergehen, finden wir einige weitere Passgen, in denen vom Bild Gottes gesprochen wird. Auffallend ist, dass sie sich alle auf Jesus beziehen. Und jetzt kommt der Knaller:
Jesus, der Mensch
Jesus ist nicht das Ebenbild Gottes, weil er Gott ist. Jesus ist das Ebenbild Gottes, weil er ein Mensch ist.
Sein Eintritt in die Menschheitsgeschichte ist kein Plan B, sondern die Krönung von Plan A. Und so erklärt sich auch, warum das Johannes Evangelium mit Worten wie in 1. Mose 1:1 beginnt: „Am Anfang war …“ Jeder Mensch ist das Ebenbild Gottes, aber Jesus erfüllt Gottes Absichten für die Berufung, die diese Identität mit sich bringt, perfekt. „Er ist das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens.“ (Hebräer 1:3 NGÜ) Die Vater-Sohn-Sprache füllt das erste Kapitel des Hebräerbriefs und bezeichnet Jesus als Gottes erhabenen Bundespartner, der in seinem Namen regieren wird. Das heißt, er sorgt dafür, dass die Familie Gottes wieder in eine rechte Beziehung zu ihm kommt, damit auch wir Gottes Herrlichkeit ausstrahlen können.
Jeder Aspekt des Dienstes von Jesus lehrt uns etwas darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Warum hat Jesus zum Beispiel Menschen geheilt? Da Jesus das menschliche Vorbild ist, müssen wir das richtig verstehen. In Johannes 9 heilt Jesus einen Mann, der blind geboren wurde. Die Blindheit des Mannes war ein Anlass für Jesu öffentliche Machtdemonstration, um seine messianische Identität zu offenbaren. Gleichzeitig stellte Jesus die problematische Theologie seiner Jünger und der jüdischen Religionsführer bloß. In der Geschichte geht es nicht darum, die Schwäche des Mannes hervorzuheben, sondern vielmehr darum, die Identität Jesu im Licht der Hartherzigkeit Israels zu enthüllen. Die Heilung des blind geborenen Mannes durch Jesus war nicht nur ein Akt des Mitleids. Jesus „reparierte“ nicht einfach das Problem dieses Mannes. Vielmehr entlarvte er den Unglauben und machte seine Identität als derjenige deutlich, der gekommen war, um die Prophezeiungen Jesajas zu erfüllen.
Der Tod Jesu war die Vollendung des Ziels der Menschheit. Er war „gehorsam bis zum Tod“ – er weigerte sich, an Macht oder Autonomie festzuhalten (siehe Philipper 2:8). Vor die gleiche Wahl gestellt wie die ersten Menschen, hat Jesus Sünde und Tod besiegt, indem er sich ihnen frontal stellte und das Urteil empfing, das die Menschheit verdient hatte. Er tat dies aus freien Stücken und nahm stellvertretend für uns die volle Strafe für die menschliche Rebellion auf sich. Dieser Akt der Selbstaufopferung repariert schließlich die Zerrissenheit des Gartens. Jesus ist die Umkehrung der ersten Menschen.
Die Erkenntnisse von Johannes sind für die Frage dieser Reihe besonders relevant: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Als zweiter Adam lebt Jesus die Entscheidung der ersten Menschen nach. Anstatt seinen eigenen Weg zur Herrlichkeit zu finden, vertraut sich Jesus dem Vater an. Sein letzter Akt am Kreuz verbindet seine eigene Mutter mit Johannes, dem geliebten Jünger (Johannes 19,25-27). Auf diese Weise schafft er eine neue menschliche Familie, in der „Eltern“ und „Kinder“ nicht durch das Blut, sondern durch liebevolle Hingabe verbunden sind.
Die letzten Worte Jesu am Kreuz im Johannesevangelium bringen sein wichtiges Werk zum Abschluss: „Es ist vollbracht“ (Johannes 19:30). All dies geschah am „Tag der Vorbereitung, und der nächste Tag sollte ein besonderer Sabbat sein“ (Johannes 19:31; vgl. 19:14). So wie Gott sein Schöpfungswerk vor dem Sabbat vollendet hatte (1. Mose 2:2), vollendet Jesus sein Werk, die neue Schöpfung einzuläuten, indem er die Bestimmung der Menschheit durch selbstlose Liebe und vollen Gehorsam gegenüber Gottes Gebot erfüllt.
Jesus starb als der ultimative Mensch, indem er die Strafe, die wir verdienen, freiwillig auf sich nahm.
Eine neue Menschheit
Im Bericht der Genesis enden alle Tage der Schöpfung mit „und es war Abend, und es war Morgen, der … Tag“. Der siebente Tag endete allerdings nicht. Am siebten Tag ruhte Gott von seiner schöpferischen Tätigkeit … bis zu diesem Zeitpunkt. Mit Jesu Auferstehung signalisiert Johannes den Beginn einer neuen Woche, einer neuen Schöpfung.
Im Johannes Brief spricht Jesus Maria Magdalena mit „Frau“ an (Johannes 20:15), was uns unwillkürlich an den Garten Eden erinnert. Im Gegensatz zu Eva werde Marias Augen geöffnet und sie erkennt Jesus. Dann ruft Jesus sie beim Namen und beauftragt sie, den anderen Jüngern zu sagen, dass er lebt. Dieser Moment ist eine wunderbare Wiederherstellung der partnerschaftlichen Schöpfung, die im Gegensatz zur kulturellen Überzeugung des ersten Jahrhunderts steht.
Die leibliche Auferstehung Jesu zeigt, was Gott mit den verkörperten Menschen auf der Erde vorhat. Die Beauftragung Marias mit der Nachricht von der Auferstehung bekräftigt Gottes Absichten für die Partnerschaft von Männern und Frauen im Dienst des Evangeliums.
Vielen Christen haben die Vorstellung, dass sie nach dem Tod in den Himmel kommen. Doch wenn Jesus schon vorher im Himmel existierte und dann auf die Erde die kam, warum wurde er nach seinem Tod nicht sogleich im Himmel auferweckt? Solche fragen haben schon seine Nachfolger in den ersten Jahrzehnten beschäftigt und viel mehr in den Jahrhunderten danach. Die Evangelien sagen, dass er drei Tage tot war, bevor er auferweckt wurde und als Mensch wieder erschien. Wo war in der Zwischenzeit? Lebte er als Mensch wieder oder war er ein Geist, der nur einen anderen menschlichen Körper zeitweise verwendete? Oder ist er gar nicht am Kreuz gestorben, sondern ist es so – wie viele Muslie heute glauben – dass die Juden nur meinten, sie hätten ihn getötet? Ziemlich viele und tiefgehende Fragen, die wir hier gar nicht beantworten können, ohne zu weit vom Thema abzukommen.
Doch gemäß den Evanglien hat er ja nicht nur irgendeinen menschlichen Körper angenommen, sondern zumindest einmal einen, der dem bei seinem Tod einschließlich der Wunden glich. Warum? Die Kontinuität zwischen seiner Menschwerdung und dem Auferstehungsleib deutet darauf hin, dass auch wir in der neuen Schöpfung unser verkörpertes Selbst sein werden. Wir werden in der Auferstehung wir selbst sein – du wirst mich wieder erkennen können.
Das ist für manchen vielleicht ein ziemlich überraschender oder sogar abwegiger Gedanke. Und er verdient es, genauer betrachtet zu werden. Was wir in späteren Videos tun werden.
Die Narben Jesu unterstreichen die Kontinuität zwischen unserem jetzigen Körper und unserem auferstandenen Körper.
Warum ist es aber überhaupt so wichtig, über Jesu Auferstehung zu sprechen und sie nicht an den Rand zu drängen? Wenn wir die Himmelfahrt Jesu verpassen, laufen wir Gefahr, seinen und unseren eigenen Dienst zu sehr zu spiritualisieren. Die Heilige Schrift sagt uns, dass Jesus auf dieselbe Weise wiederkommen wird, wie er weggegangen ist – leibhaftig und sichtbar – um seine Herrschaft auf die Erde zu bringen (Apostelgeschichte 1:11). Und gemäß dem Johannes Evanglium beschreibt Jesus seine geistige Wiedergeburt als „wiedergeboren“ oder genauer übersetzt „von oben geboren“ (Johannes 3:3-8) Was bedeutet das für uns Menschen?
N. T. Wright sagt: „Echte christliche Hoffnung, die in der Auferstehung Jesu wurzelt, ist die Hoffnung auf Gottes Erneuerung aller Dinge, auf seine Überwindung von Verderbnis, Verfall und Tod, auf seine Erfüllung des ganzen Kosmos mit seiner Liebe und Gnade, seiner Macht und Herrlichkeit.“ Das werden in späteren Videos vertiefen.
Hier nur ein Hinweis. Warum spricht Paulus in 1. Korinther 15:19-22 im Kontext von Jesu Auferstehung davon, dass er eine „Ertlingsfrucht“ ist? „Indem Paulus den auferstandenen Leib Christi als Erstlingsfrucht bezeichnet, deutet er an, dass seine Auferstehung kein einzigartiges, einmaliges Ereignis ist, sondern ein Vorgeschmack auf das, was jedem Gläubigen bevorsteht.“
Carmen Imes schließt dieses Kapitel mit zwei weiteren interessanten Schlüsselgedanken ab:
Jesu Auferstehung eröffnet sein Amt als Richter und Hoherpriester und ermächtigt uns, sein Werk fortzuführen.
Unsere Sterblichkeit ist ein Wegweiser auf dem Weg in eine Zukunft, in der alles wiederhergestellt sein wird.
Die geliebte Gemeinschaft
Wer heute in der christlich geprägten Welt aufgewachsen ist, kennt in der Regel den Kontext, in dem das Evangelium verkündet wurde, nicht. Die damalige Menschheit war auf alle erdenklichen Weisen strikt getrennt: Nach Klasse, Sprache, Ethnie, Bürgerschaft, Religion, Geschlecht usw. In den Briefen des Paulus zum Beispiel wird einer Unterscheidung aus Sicht der Juden immer wieder klar: Wir – als auserwähltes Volk Gottes – und die anderen, die Heiden. Wir können uns vermutlich gar nicht vorstellen, wie tief dies im Leben eines Menschen verankert war, der aufrichtig nach dem Bund vom Sinai Jahwe anbeten wollte. Und nun kommt mit dem Evangelium das: „In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, vernommen habt, in ihm seid ihr als Glaubende auch versiegelt worden durch den Geist der Verheissung, den heiligen Geist.“ (Epheser 1:13 Züricher) Für sie war das eine schockierende Neuigkeit: Die geistigen Segnungen standen nun auch den Heiden offen. Daher bezeichnet Paulus nun alle – Juden wie auch Heiden – als den Leib Christi. Alle können nun Teil der Menschen des Bundes sein. Und auch andere trennende Grenzen werden eingerissen, was die Hoffnung der Menscheit betrifft: Gegenseitige Unterordnung (Epheser 5:21), das Verhältnis von Ehefrauen und Ehemännern (Epheser 5:22-23), Sklaven und Freie (Epheser 6:5-9). „Doch im Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann noch ist der Mann etwas ohne die Frau.“ (1. Korinther 11:11 Züricher). „Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ (Galater 3:27,28 Züricher) In der christlichen Gemeinschaft sind alle gleichwertig. Alles zurück auf Anfang.
Das Evangelium ermöglicht eine menschliche Gemeinschaft, die weder nach Rasse noch nach körperlichen oder kognitiven Fähigkeiten getrennt ist.
Mit diesem Gedanken im Sinn können wir auch darüber nachdenken, warum Jesus seine Nachfolger aufforderte, ihm zu Gedenken, indem man von Brot und Wein gemeinsam nimmt. Im Leib Christi gibt es keine ‚Beobachter‘. Wir sind eine Familie.
Wahre Gemeinschaft wird durch physische Präsenz und gemeinsame Teilnahme an der Kommunion ermöglicht.
Es geht nicht darum, dass Gott einzelnen Menschen Gaben gegeben hat, sondern dass wir Gaben für andere sind (Epheser 4:11-12). Jesus war das vollkommene Bild Gottes. Die Schrift lädt uns ein, auf Christus zu schauen, um zu lernen, wie wir selbst sein können. Dann macht auch die von der Gelehrten Haley Goranson Jacob vorgeschlagene Übersetzung von Römer 8:28 Sinn: „Gott wirkt alles zum Guten mit denen, die Gott lieben und die nach seinem Vorsatz berufen sind.“ Wir warten nicht einfach auf die Erlösung. Stattdessen arbeiten wir aktiv mit Gott zusammen an diesem Werk der Veränderung.
Zu unserer Zukunft gehört die Wiedererlangung und Verherrlichung unseres Körpers, wenn wir die volle Adoption in Gottes königliche Familie erleben.
Von der Schöpfung zur neuen Schöpfung
Abschließend geht Carmen Imes noch auf zwei unter Christen weit verbreitete Vorstellungen ein, die sich allerdings nicht im Neuen Testament finden und erst viel später in das Christentum Eingang fanden: Die Vorstellung, dass unsere Zukunft im Himmel ist, die Erde zerstört wird und die Gläubigen zuvor entrückt werden.
Wenn wir das Neue Testament aber vorbehaltlos lesen, werden wir diese Gedanken nicht so finden. Sondern die Wiederherstellung der Schöpfung und Gottes Herrschaft auf der Erde.
Die Wiederkehr Jesu wird nicht die Zerstörung dieses Planeten oder die geheime Entrückung der Gläubigen bedeuten, sondern seine Herrschaft als König auf der Erde einleiten.
Sagte Jesus nicht selbst im sogenannten Vater-Unser: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ (Matthäus 6:10 Züricher). Daher fasst Carmen Imes die Gedanken wie folgt zusammen:
Die rebellischen Mächte des Himmels und der Erde werden endgültig besiegt, und diese Welt wird gereinigt und wiederhergestellt werden.
Das sollte uns aber nicht dazu veranlassen, einfach passiv abzuwarten:
Jesus ruft uns auf, uns von der Sünde abzuwenden, uns zu ihm zu bekennen und auf seine Rückkehr zu warten. Während wir warten, sollen wir unsere menschliche Berufung als Verwalter der Schöpfung ausüben.
Die letzten Gedanken kamen jetzt ohne weitergehende Begründung und mögen für dich unerwartet gewesen sein. Dann empfehle ich dir dazu die Video Serie „Von Hoffnung überrascht“.


















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