Von Christian / Carmen Joy Imes
In dieser Serie befassen wir uns mit Gedanken aus dem Buch Bearing God’s Name – Why Sinai still matters (Gottes Namen tragen – warum der Sinai noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.
Im ersten Teil haben wir gesehen, wie Ereignisse am Sinai literarisch in den Büchern Mose eingerahmt sind, um deren Bedeutung hervorzueben. Und dass die Israeliten zuvor erst einmal Jahwe kennenlernen und Vertrauen zu ihm aufbauen mussten.
Was sich am Sinai ändert
Nun sind die Israeliten schon drei Monate durch die Wüste gewandert, bis sie den Sinai erreichen. Was kommt nun? Was haben sie erwartet? Hatte Moses ihnen davon berichtet, was Jahwe Jahre zuvor am brennenden Dornbusch gesagt hatte?
„Ich werde dir ja beistehen“, sagte Gott. „Und daran wirst du erkennen, dass ich dich gesandt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr an diesem Berg Gott anbeten.“
2. Mose 3:12 NEÜ
Für Mose war der entscheidende Teil: „Ich werde dir beistehen“. Entscheidend war nicht, wer Moses war, sondern wessen er war. In jener Situation offenbarte Gott Moses deswegen auch seinen Namen. Das ist für manchen vielleicht keine große Sache, damals war es da aber. Die meisten anderen Götter waren unter einem Pseudonym bekannt, um die Menschen auf Distanz zu halten.
Am Sinai ändert sich alles.
Am Sinai entdecken die Hebräer, wer sie sind und, was noch wichtiger ist, wem sie gehören.
Am Sinai geht es um Anbetung. Gottes erste Anweisung am Sinai legt die Grundlage, eine neue geistige Route. Wenn wir sie nicht verstehen, kann es gut sein, dass wir alles Weitere missverstehen.
Mose stieg hinauf, um Gott zu begegnen. Da rief ihm Jahwe vom Berg aus zu: „Sage es den Nachkommen Jakobs, rede zu den Israeliten: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern gemacht habe. Ihr habt erlebt, dass ich euch wie auf Adlerflügeln getragen und bis hierher zu mir gebracht habe. Wenn ihr nun auf mich hört und meinen Bund haltet, dann sollt ihr unter allen Völkern mein persönliches Eigentum sein. Denn mir gehört die ganze Erde. Ihr sollt mir ein Königsvolk von Priestern sein, eine heilige Nation!‘ Das sollst du den Israeliten sagen!“
2. Mose 19:3-6 NEÜ
Jahwe beginnt mit einer Beschreibung seiner Gnade! Gnade in den Büchern Mose? Vielleicht sind wir zu sehr auf die Gesetze fixiert – und unser heutiges Verständnis von Gesetzen. Darauf kommen wir nochmals zurück. Aber hier geht es um Jahwes Gnade. Er macht den Hebräern keine Vorwürfe wegen ihrem Verhalten bisher. Er zeigt, dass es sein Wunsch war, sie zu ihm zu bringen, und nicht ihr Verdienst. Und dann kommt dieses hebräische Wort: segullah (Aussprache SEH-gull-ah).
Um die Bedeutung von Israels neuem Status zu begreifen, muss ich dir mein hebräisches Lieblingswort beibringen: segullah (ausgesprochen SEH-gull-ah). In der NIV wird es passenderweise mit „geschätzter Besitz“ übersetzt, aber es hilft, wenn wir die weitere Verwendung dieses Wortes verstehen. … Sehgullah kommt acht Mal im Alten Testament vor.
Die verwandten alten Sprachen Ugaritisch und Akkadisch verwenden beide ein ähnliches Wort, um jemanden zu bezeichnen, der in der Beziehung zum König einen besonderen Status genießt, einen Bündnispartner, der besonders geschätzt und mit größerer Verantwortung betraut wird.
In den aramäischen Übersetzungen des Alten Testaments wird der Segullah als „Geliebter“ beschrieben.
Sie sollen ein „Königreich von Priestern“ sein, das als Botschafter bei den Völkern dient, und ein „heiliges Volk“, das für Gottes Zwecke ausgesondert ist. In meinem Lieblingsbuch, The Mission of God, betont Christopher J. H. Wright, dass Israel auserwählt wurde, um die Völker zu segnen. Er sagt: „Sie haben eine Rolle, die ihrem Status entspricht. Ihr Status ist es, ein besonderer Schatz zu sein. Ihre Rolle ist es, eine priesterliche und heilige Gemeinschaft inmitten der Völker zu sein.“
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Das Gesetz Mose war für die Hebräer ein Geschenk. Das zeigt ihre Antwort. Und wie Moses darüber sprach oder später Psalm 119. Andere Götter antworteten Menschen nicht. Man wusste nie so recht, was sie wollen oder warum sie zornig zu sein scheinen. Man musste sie besänftigen. Jahwe ist ganz anders: Er spricht sogar direkt zu den Hebräern. Er sagt klar, was er möchte und was nicht akzeptabel ist. Das Gesetz ist wie ein Zaun, der sie beschützt und hilft, darin ein florierendes Leben zu führen.
Noch ein Hinweis zu dem Wort ‚Gesetz‘:
Das deutsche Wort ‚Gesetz‘ ist sowohl zu eng als auch zu irreführend, um das hebräische Wort torah richtig zu übersetzen. Es wird besser mit „Unterweisung“ übersetzt. Die Tora umfasst ein breiteres Spektrum als nur Gesetze. Und ‚Gesetz‘ ist nicht das beste Wort, um zu beschreiben, was die Tora enthält.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Die Zehn Gebote – Gebote?
Die Zehn Gebote stehen in der Bibel – nur werden sie darin nie so genannt! Wie bitte? Tatsächlich wird in 2. Mose 34:28 von 10 ‚Wörtern‘ gesprochen:

Das hebräische Wort dabar kann neben ‚Wort‘ auch ‚Sache‘ oder ‚Ding‘ bedeuten. Das passt, denn darin sind nicht nur Gebote enthalten, wie wir gleich sehen werden.
Kommen wir zur zweiten falschen Vorstellung, die man oft antrifft: Wieviele Tafeln waren es? Und wie wurden sie beschrieben? Im Internet finden sich viele Abbildungen davon. Ich habe einmal eine von Jehovas Zeugen aus dem Jahr 2020 genommen, weil sie immer wieder betonen, wie gründlich sie für ihre Bilder ‚nachforschen‘:

Wieviele Wörter kannst du erkennen?
Vergleichen wir das einmal mit dem Bericht der Bibel:
„Und Mose wandte sich um und stieg vom Berg hinab, und die beiden Tafeln der Bundesurkunde [eduth] waren in seiner Hand, Tafeln, die auf beiden Seiten beschriftet waren, beschriftet auf Vorder- und Rückseite“ (Exodus 32,15, Übersetzung des Autors).
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Wir sehen zwei Tafeln, aber sehr wenige Worte. Im hebräischen bestehen die ‚10 Worte‘ aus 171 Worten. Da muss auf der Rückseite aber noch viel stehen. Nun ja, ist halt nur eine Illustration. Wichtiger aber ist, dass wir auch hier die Vorstellung wiederfinden, dass zwei Tafeln notwendig waren, weil der Text nicht auf eine gepasst hätte. Dem ist nicht so. Vielmehr hat das hebräische Wort eduth, das hier mit Bundesurkunde übersetzt ist, eine besondere Bedeutung und findet sich so ähnliche in anderen Sprachen des alten Orients wieder. Wenn es um solche Urkunden ging, wurden die Tafel und eine exakte Kopie erstellt. Ging es um einen Vertrag zwischen zwei Völkern, wurde je eine Kopie in den Tempel des eigenen Gottes gelegt, damit dieser über die Einhaltung wacht. In diesem Fall war der Bund aber zwischen Jahwe und Israel. Daher wurde beide Tafeln in das Heiligtum gelegt.
Kommen wir zum dritten, häufigen Missverständnis: Die 10 ‚Gebote‘ lassen sich klar in zwei Gruppen von Gesetzen unterteilen. Eine, die Gott betrifft, und eine, die die Menschen betrifft. Das ist aber keine adäquate Sicht auf diese Unterweisungen. Auch wenn Israeliten gegen ein ‚Gebot‘ aus der zweiten Gruppe verstießen, sprachen sie davon, dass sie gegen Gott sündigten (siehe 2. Samuel 12:13, Psalm 51:4)
In der Bundesgemeinschaft ist jeder Teil des Lebens ein Ausdruck der Anbetung und Loyalität gegenüber dem Gott, der sich diesen Menschen verpflichtet hat. Wie sie andere behandeln, verrät wie ihr Herz zu Gott steht.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Gelten die ‚10 Gebote‘ jetzt für immer, weil sie sogar buchstäblich ‚in Stein gemeißelt‘ sind? Direkt davor spricht Jahwe davon, an wen sie gerichtet sind: „“Ich bin Jahwe, dein Gott! Ich habe dich aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit. Du darfst …““ (2. Mose 20:2 NEÜ). Sie verwenden oft einen spezifischen antiken Kontext und Wortschatz. Und sie wurden nie anderen Nationen kommuniziert.
Die Gebote in diesem antiken Kontext sind allein für die Israeliten bestimmt. Die Tora war ein Geschenk an Israel, das Volk Jahwes.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Daher macht es am meisten Sinn, die ersten drei Sätze zusammen als erstes ‚Wort‘ zu lesen. Das zeigt an dem verwendeten Chiasma (2. Mose 20:2-6, 5. Mose 5:6-10):
A Ich bin Jahwe dein Gott (Vers 2)
B Du darfst keine anderen Götter haben neben mir! (Vers 3) Plural
C Du darfst dir kein Götterbild machen (Vers 4) Singular
B Wirf dich niemals vor ihnen nieder und verehre sie auf keinen Fall! (Vers 5a) Plural
A Denn ich, Jahwe, ich, dein Gott (Vers 5b)
2. Mose 20:2-6 NEÜ
Der Sinn von Bildern ist die Anbetung.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Die Mittel der Anbetung sind Bilder.
Damit kommen wir zum zweiten Gebot, aus dem sich auch der Titel des Buches von Carmen Imes ableitet.
Ein unsichtbares Tattoo: Das zweite Gebot
Du sollst den Namen Jahwes, deines Gottes, nicht vergebens tragen, denn Jahwe wird niemanden für schuldlos erklären, der seinen Namen vergebens trägt. (Exodus 20:7, Übersetzung des Autors)
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Viele Übersetzungen geben das anders wieder, weil die Übersetzer und Theologen meinten. dass dies sonst keinen Sinn macht. Wie sieht es aber aus, wenn man versucht, die Bibel exegetisch sich selbst erklären zu lassen? Der nächste Kontext ist 2. Mose 28: „So soll Aaron auf der Brusttasche für den Schiedsspruch die Namen der Söhne Israels zur ständigen Erinnerung vor Jahwe auf seinem Herzen tragen, wenn er ins Heiligtum hineingeht.“ (2. Mose 28:29). Und der Hohepriester hat auch einen Namen auf der Stirn: qodesh layahweh. „heilig, zu Jahwe gehörend“. Dabei wird der Buchstabe lamed vor Yahweh verwendet, wie er auch sonst in antiken Siegeln verwendet wurde, um das Eigentum anzugeben.
Die zwölf Edelsteine zeigen an, dass der Hohepriester das ganze Volk vor Jahwe vertritt. Das Medaillon auf seiner Stirn zeigt an, dass er Jahwes Bevollmächtigter für das Volk ist. Erinnere dich an die dramatische Erklärung in Exodus 19, als Israel zum ersten Mal auf dem Berg Sinai ankam. Dort verlieh Gott seinem Volk Titel wie „geschätzter Besitz“, „Königreich der Priester“ und „heiliges Volk“. Als sein geschätzter Besitz ist es Israels Berufung – die Aufgabe, zu der sie geboren wurden -, ihren Gott gegenüber dem Rest der Menschheit zu vertreten. Sie haben eine priesterliche Funktion und vermitteln zwischen Jahwe und allen anderen. Sie sind für seinen Dienst auserwählt.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Durch den Blick auf Aaron wird jeder Israelit an seine Berufung als Volk erinnert. So wie er für den Dienst auserwählt („heilig“) ist, so sind auch sie („ein heiliges Volk“). Am Sinai erhebt Jahwe Anspruch auf dieses Volk und entlässt es in die Freiheit, seine Berufung zu erfüllen. Diese Berufung besteht darin, Jahwes Namen unter den Völkern zu tragen, d. h. ihn gut zu vertreten.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Kurz gesagt besagen die ersten beiden Gebote also: 1. Bete nur Jahwe an. 2. Vertritt ihn gut.
Damit wird nun klar, warum der Begriff ‚Gesetz‘ als Übersetzung für das hebräische Thora ungenügend und sogar irreführend ist: Es geht nicht in unserem modernen Sinne um eine Sammlung von Vorschriften und Gesetzen, sondern Charakterbildung.


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