Von Christian / T. C. Schmidt
Jesus Christus ist eine, wenn nicht sogar die zentrale Person im Glauben von Milliarden von Menschen. Was diejenigen betrifft, die sich Christen nennen, ist dies ziemlich offensichtlich. Aber auch im Koran wird Christus zumindest als herausragender Prophet beschrieben und sollte daher auch für Muslime wichtig sein. Und selbst wenn jemand einen anderen Glauben hat oder Agnostiker oder Atheist ist, könnte er Christus als großen Lehrer der Menschheitsgeschichte betrachten.
Aber gab es diesen Christus als reale Person der Geschichte überhaupt? Während wohl kaum jemand die Existenz des ersten römischen Kaisers Julius Cäsar (damals vermutlich Kaisar ausgesprochen) verneint, gehen aus den verschiedensten Gründen bei Jesus Christus die Meinungen extrem weit auseinander: Von „Gott ist als Christus auf die Erde gekommen“ bis „Es gab überhaupt nie den einen Mensch Christus, der in den Evangelien beschrieben wird.“
Die früheste uns erhaltene Erwähnung von Jesus Christus außerhalb des Neuen Testaments stammt von Flavius Josephus aus dem 1. Jahrhundert. Ich wiederhole: Dem 1. Jahrhundert. Viel näher kann man eigentlich kaum dran sein.
Reicht das nicht als sicherer Beweis, dass Jesus Christus eine historische Person war? Warum gingen die Meinungen auch der Fachleute hier soweit auseinander? Darüber wurden schon eine Menge an Literatur und andere Materialien veröffentlicht.
Ein erst vor kurzem erschienenes Buch enthält interessante neue Evidenzen: T. C. Schmidt Josephus and Jesus – New Evidence for the One Called Christ (Oxford University Press):

Das englische Buch gibt es als PDF Dokument, welches ich am Ende der Seite eingefügt habe. Für dieses Video werde ich Teile davon ins Deutsch übersetzen.
Worum es geht und welche Bedeutung dieses Buch hat, zeigt sich schon in einem Kommentar:
Dieses Buch ist eine außergewöhnliche wissenschaftliche Leistung und hat das Potenzial, die Diskussion über das Testimonium Flavianum und seinen Wert als historische Informationsquelle neu zu definieren. Mit beeindruckender philologischer Scharfsinnigkeit schlägt Schmidt eine überzeugende Lesart des Textes vor, die dessen Authentizität bestätigt. Seine Argumentation für die Existenz einer überraschend engen Verbindung zwischen Josephus und den an der Hinrichtung Jesu Beteiligten sollte von allen Wissenschaftlern, die sich mit dem historischen Jesus beschäftigen, ernst genommen werden.
Tobias Hägerland, Reader in New Testament Studies, University of Gothenburg, Sweden
Wer Englisch versteht kann auch ein Interview mit dem Author im YouTube Kanal „Religion for Breakfast“ von Dr. Andrew M. Henry anhören. The Most Famous Extrabiblical Reference to Jesus: Authentic or Not? (Interview w/ Dr. Tom Schmidt) [Der berühmteste außerbiblische Hinweis auf Jesus: Authentisch oder nicht? (Interview mit Dr. Tom Schmidt)]
Am besten lasse ich aber nun Dr. Tom Schmidt selbst sprechen.
Einführung
Irgendwann in den Jahren 93 oder 94 n. Chr. vollendete der jüdische Schriftsteller Flavius Josephus seine Geschichte des jüdischen Volkes mit dem Titel Antiquitates. Er hatte bereits die ferne Vergangenheit behandelt und befasste sich nun mit den jüngeren Ereignissen des Jahres 30 n. Chr. Dort beschloss er, über Jesus von Nazareth zu schreiben. Seine Worte sind von enormer Bedeutung, da sie die früheste Beschreibung Jesu durch einen Nichtchristen darstellen. Was Josephus sagte, ist so berühmt, dass Wissenschaftler seinem Bericht über Jesus einen eigenen Namen gegeben haben: das Testimonium Flavianum. Aber es gibt ein Problem. Obwohl das Testimonium Flavianum in allen Manuskripten von Josephus Antiquitates zu finden ist, haben Wissenschaftler aufgrund der vermeintlich pro-christlichen Aussagen, die es enthält, lange Zeit an seiner Echtheit gezweifelt. Im Folgenden gebe ich die erhaltene griechische Version des Testimonium Flavianum zusammen mit einer Übersetzung wieder, die der gängigsten Interpretation moderner Gelehrter entspricht.


Und in dieser Zeit lebte Jesus, ein weiser Mann, wenn man ihn überhaupt als Mann bezeichnen kann, denn er vollbrachte Wunder, lehrte Menschen, die die Wahrheit gerne annahmen. Und er führte viele Juden und viele Griechen zu sich. Er war der Christus. Und als Pilatus ihn auf Anklage der ersten Männer unter uns zum Tod am Kreuz verurteilte, hörten diejenigen, die ihn zuerst geliebt hatten, nicht auf, ihn zu lieben, denn er erschien ihnen am dritten Tag wieder lebendig, da die göttlichen Propheten solche Dinge und Tausende anderer wunderbarer Dinge über ihn gesagt hatten. Und bis heute ist der Stamm der Christen, die nach ihm benannt wurden, nicht verschwunden.
Wenn dieser Absatz authentisch wäre, wäre er nicht nur das früheste Zeugnis über Jesus außerhalb der christlichen Tradition, sondern auch eine bemerkenswerte Bestätigung des christlichen Glaubens an ihn, insbesondere in Bezug auf seine Auferstehung, seinen messianischen Status und die Erfüllung der Prophezeiung – zumindest so, wie das Testimonium Flavianum (TF) üblicherweise verstanden wird. Aus diesem Grund haben Wissenschaftler das TF in der Regel so interpretiert, dass es mehrere Behauptungen enthält, die für einen Juden des ersten Jahrhunderts unwahrscheinlich sind: Jesus wird als etwas mehr als ein Mensch dargestellt, er soll Wunder gewirkt haben, er wird als „der Christus” bezeichnet, sein Tod wird den Juden angelastet, ihm wird die Erfüllung hebräischer Prophezeiungen zugeschrieben, und es wird sogar behauptet, dass er von den Toten auferstanden sei. Auch die Beschreibung der Anhänger Jesu im TF gibt Anlass zu Zweifeln, da das TF offenbar die sehr christlich klingenden Begriffe „Wahrheit” und „Liebe” verwendet, um die Jünger Jesu zu charakterisieren.
Zu der Unwahrscheinlichkeit, dass ein nichtchristlicher Schriftsteller wie Josephus solche Dinge festhalten würde, kommt hinzu, dass der frühchristliche Theologe Origenes von Alexandria ausdrücklich feststellt, dass Josephus „selbst nicht an Jesus als den Christus glaubte“, wie er in seinem apologetischen Werk Gegen Celsus (248 n. Chr.) und erneut in seinem Kommentar zu Matthäus (248 n. Chr.) schreibt. In einem Fall bekräftigt Origenes den Unglauben Josephus‘ an Jesus, indem er eine Passage aus Josephus‘ Antiquitates zitiert, die sich in der Nähe der Stelle befindet, an der TF (angeblich) erklärt haben soll, dass Jesus tatsächlich der Christus sei. Da Origenes etwa achthundert Jahre vor der Abschrift der frühesten erhaltenen Manuskripte der Antiquitates schrieb, gab es offensichtlich genügend Zeit, so die Überlegung, für einen christlichen Schreiber, das TF einzufügen, und für diese Einfügung, sich in den übrigen Manuskripten, die heute erhalten sind, zu verbreiten. Aus diesen Gründen haben viele, wenn auch nicht alle Wissenschaftler die erhaltene Version des TF als eine spätere pro-christliche Interpolation angesehen, entweder ganz oder teilweise. Dies hat wiederum zu vielen Versuchen geführt, mutmaßliche Korrekturen (d. h. hypothetische Überarbeitungen) an dem TF vorzunehmen, in der Hoffnung, das, was Josephus ursprünglich gesagt haben könnte, wiederherzustellen oder neu zu interpretieren.
Diese Zweifel an der Authentizität des TF werfen jedoch mehrere Probleme auf, was von Wissenschaftlern zunehmend anerkannt wird. Das geringste davon ist, dass es viele Diskussionen über das TF von frühen und mittelalterlichen Christen gibt, die älter sind als unsere griechischen Manuskripte der Antiquitates, und obwohl diese Christen dieselbe Form des TF zitieren, wie sie in unseren heutigen Manuskripten zu finden ist, scheinen die meisten das TF überhaupt nicht als pro-christliche Aussage interpretiert zu haben. Stattdessen scheinen sie sie als neutrale, mehrdeutige oder sogar leicht negative Darstellung Jesu angesehen zu haben.
Hinzu kommt, dass das TF durchweg von Parallelen, Redewendungen und Stilmitteln des Josephus geprägt ist, von denen viele inhaltlich anderen skeptischen nichtchristlichen Berichten über Jesus sehr ähnlich sind – so sehr, dass es unwahrscheinlich erscheint, dass das TF in nennenswertem Umfang interpoliert worden sein könnte. Einige Wissenschaftler haben sogar ihre Überraschung darüber zum Ausdruck gebracht, dass sie so viele Parallelen in Josephus‘ Werk gefunden haben. Über diese Punkte hinaus zeigt eine kontextbezogene Lektüre mehrere Aussagen innerhalb des TF, die sogar als kritisch gegenüber Jesus verstanden werden können und die ein späterer christlicher Interpolator höchstwahrscheinlich nicht zurückgelassen hätte, was wiederum von Wissenschaftlern zunehmend anerkannt wird. All dies legt die Vermutung nahe, dass das TF von modernen Wissenschaftlern möglicherweise falsch interpretiert wurde: Vielleicht handelt es sich gar nicht um eine pro-christliche Aussage, sondern um eine allgemein neutrale oder sogar leicht skeptische Darstellung Jesu.
Und genau das ist es, was ich in diesem Buch behaupte. Ich behaupte, dass das TF, die in den erhaltenen Manuskripten der Antiquitates zu finden ist, im Wesentlichen authentisch ist und dass lediglich zwei oder drei Wörter verloren gegangen sind, die noch in griechischen, lateinischen, syrischen, arabischen und armenischen Textzeugen erhalten sind. Dazu gehören das griechische Wort „gewiss“ (τις) und der syrische Ausdruck mestabrā itaw, der in dem TF mit „für den Christus gehalten“ übersetzt werden kann. Das Syrische bedeutet also, dass das ursprüngliche TF nicht sagte, dass Jesus „der Christus war”, sondern nur, dass er „als der Christus angesehen wurde”. Die lateinische Version des TF sagt ebenfalls, dass Jesus „als der Christus angesehen wurde” (credebatur esse).
Es ist jedoch bemerkenswert, dass selbst ohne diese fehlenden Wörter der allgemeine Sinn des TF in den erhaltenen griechischen Manuskripten erhalten geblieben ist, zumindest aus der Sicht vieler antiker Leser. Diese Leser scheinen das erhaltene TF nicht so verstanden zu haben, dass Jesus „der Christus war“, sondern vielmehr, dass Jesus „Christus war“, wobei sie das Wort „Christus“ als einen alternativen Namen für Jesus interpretierten und nicht als einen religiösen Titel.
Ein wesentlicher Vorteil meiner Position besteht darin, dass sie sich nicht auf spekulative Textkorrekturen stützt, die darauf abzielen, das, was Josephus geschrieben haben könnte, neu zu formulieren. Sie ignoriert weder den auffallend josephianischen Charakter des TF, noch die Tatsache, dass so viele Christen der Antike das TF nicht als positive Bewertung Jesu betrachteten, noch die Tatsache, dass es in dem TF Aussagen gibt, die sogar als Kritik an Jesus verstanden werden können. Stattdessen stützt sich die Theorie auf die besten Textbelege und interpretiert das TF in Übereinstimmung mit dem Stil von Josephus, den Vorlieben anderer früher nichtchristlicher Schriftsteller und der Rezeptionsgeschichte des TF selbst. Das Ergebnis ist eine relativ mehrdeutiges TF, das plausibel negativ oder neutral interpretiert werden kann und etwa wie folgt lautet (Abweichungen vom obigen Text und der Übersetzung sind fett gedruckt):

Und zu dieser Zeit lebte ein gewisser Jesus, ein weiser Mann, wenn man ihn überhaupt als Menschen bezeichnen kann, denn er vollbrachte unglaubliche Taten und lehrte Menschen, die gerne Weisheiten annahmen. Und er bekehrte viele Juden und viele Griechen. Er galt als der Christus. Und als Pilatus ihn auf Anklage der ersten Männer unter uns zum Tod am Kreuz verurteilte, hörten diejenigen, die ihm zunächst ergeben waren, nicht auf, ihm ergeben zu sein, denn am dritten Tag schien es ihnen, als sei er wieder lebendig, da die göttlichen Propheten solche Dinge und Tausende anderer wunderbarer Dinge über ihn gesagt hatten. Und bis heute ist der Stamm der Christen, die nach ihm benannt wurden, nicht verschwunden.
So interpretiert, ist klar, dass das TF nichts Verdächtiges an sich hat.
T. C. Schmidt geht dann auf weitere Fragen ein und liefert weitere Evidenz für denjenigen, den man Christus nannte. Das werden wir im zweiten Teil sehen.
Hier ist das PDF Dokument des Buches (in Englisch):













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