Von Hoffnung überrascht – Teil 3

Von Christian / Tom Wright


Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright auch Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

Der überraschende Charakter der frühchristlichen Hoffnung

Es zeigt sich, dass der frühchristliche Glaube an eine Hoffnung jenseits des Todes sich nachweislich auf das Judentum und nicht das Heidentum bezog. N. T. Wright führt dann sieben wichtige Kernaussagen an, in denen sich die frühchristliche Hoffnung jedoch von der des Judentum deutlich unterscheidet.

Zuerst einmal bildete „die Auferstehung das Zentrum der frühchristlichen Zukunftshoffnung.“ Diesen Satz überliest man vielleicht schnell. Vermutlich erkennst du die Tragweite nicht. N. T. Wright fasst nun viel ausführlichere Begründungen zusammen:

Die ersten Christen glaubten nicht einfach an ein Leben nach dem Tod; sie sprachen mehr oder weniger nie davon, nach dem Tod in den Himmel zu gehen. Wenn sie aber vom Himmel als einem Ziel sprachen, das nach dem Tod auf einen wartet, dann schienen sie dieses himmlische Leben als ein zeitlich begrenztes Stadium angesehen zu haben, auf dem Weg zur letztendlichen Auferstehung des Leibes. Als Jesus dem Schächer am Kreuz sagte, sie würden sich am sleben Tag noch im Paradies treffen (Lukas 23:43), dann kann das Paradies ganz klar nicht das endgültige Ziel sein, wie Lukas im nächsten Kapitel deutlich werden lässt. Das Paradies ist vielmehr der herrliche Garten, in dem sich Gottes Volk vor der Auferstehung ausruht.

Als Jesus erklärte, in seinem Vaterhaus gäbe es viele Wohnungen, benutze der für „Wohnung“ das Worte mone, das eine vorübergehende Unterkunft bezeichnet. (Johannes 14:2)

Wenn Paulus sagt, sein Verlangen sei es, „zu sterben und bei Christus zu sein, was viel besser ist“, dann denkt er in der Tat an ein glückseliges Leben bei seinem Herrn unmittelbar nach dem Tod, aber das ist nur ein Vorspiel vor der Auferstehung. (Philipper 1:23;3:9-11;3:20-21)

In der Begrifflichkeit der Diskussion des vorhergehenden Kapitels hielten die ersten Christen an einem zweistufigen Zukunftsglauben fest. Zunächst kommt der Tod und was auch immer unmittelbar danach kommt; danach gibt es eine neue körperliche Existenz in einer neu erschaffenen Welt.

N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 67

Es würde mich nicht wundern, wenn das auch für dich ziemlich überraschend war. Und das war es auch damals. „Im Heidentum gibt es nichts, was diesem Glauben auch nur entfernt nahe kommt. Dieser Glaube ist so jüdisch wie er nur sein kann.“ Aber die ersten Christen nahmen Modifikationen vor, die sich alle bei so unterschiedlichen Autoren wir Paulus, Johannes von Patmos, Lukas und Justin dem Märtyrer, Matthäus und Irenäus finden.

1. Innerhalb der frühen Christenheit gibt es mehr oder weniger kein Spektrum an Glaubensüberzeugungen über das Leben jenseits des Todes

„Das Christentum sieht insofern wie eine Spielart des pharisäischen Judentums aus. Es gibt keine Spur einer sadduzäischen Weltanschauung oder einer die zur Denkschule Philos past.“ „Erst im späten zweiten Jahrhundert, gute 150 Jahre nach der Zeit Jesu, finden wir Menschen, die dem Wort Auferstehung eine ganz andere Bedeutung zuweisen als das, was es im Judentum und frühen Christentum bedeutete, nämlich eine spirituelle Erfahrung in der Gegenwart, die zu einer unkörperlichen Zukunftshoffnung führt.“

2. Im frühen Christentum bewegte sich die Auferstehung vom Rand zum Zentrum

„Man kann sich das paulinischen Denken nicht ohen sie vorstellen. Man sollte sich auch das johanneische Denken nicht ohne sie vorstellen …. Auferstehung ist von enormer Bedeutung bei Klemens und Ignatius, Justin und Irenäus. Sie ist eine der Schlüsselglaubensüberzeugungen, die die Heiden in Lyons im Jahre 177 n. Chr. wütend machte und sie dazu trieb, mehrere Christen abzuschlachten, inklusive des Bischofs, der dem großen Irenäus vorausging. Der Glaube an die körperliche Aufersthung war eines von zwei zentralen Dingen, die der heidnische Arzt Galen in Bezug auf die Christen vermerkte (das andere war ihre bemerkenswerte sexuelle Zurückhaltung). Nimm die Auferstehung weg, und du verlierst das ganze Neue Testament, ebenso wie die Theologie der meisten Kirchenväter des zweiten Jahrhunderts.“

3. Die Auferstehung eines transformierten Körpers

„Innerhalb der frühen Christenheit gehörte es von Anfang an zum Kern des Glaubens an die Auferstehung, dass der neue Körper zwar mit Sicherheit ein Körper im Sinne eines physischen Objekte sein würde, der Raum und Zeit beansprucht, dass es sich aber auch um einen transformierten Körper handeln würde, ein Körper, dessen Material aus dem alten Material erschaffen wird, aber neue Eigenschaften haben wird.“

Aber was ist mit Paulus in 1. Korinther 15? Eine oft missverstandene Passage. Eigentlich erklärt er es ganz gut und die meisten späteren Autoren blicken darauf zurück. „Doch unglücklicherweiese verstehen viele Übersetzungen Paulus hier völlig falsch und verwenden Formulierungen, die zur weit verbreiteten Annahme führen, dass Paulus hier von einem geistlichen Körper im Sinne eines nicht materiellen Körpers spricht.“ Aber dann hätte Jesus doch eben kein leeres Grab hinterlassen. „Man kan in allen Einzelheiten zeigen, philologisch wie auch exegetisch, dass diese Sicht exakt nicht das ist, was Paulus meinte.“

Der Gegensatz, den er aufbaut, besteht nicht zwischen dem, was wir unter einem gegenwärtigen physischen Körper verstehen, und dem, was wir unter einem zukünftigen geistlichen Körper verstehen, sondern zwischen einem gegenwärtigen Körper, der von der normalen menschlichen Seele belebt ist, und einem zukünftigen Körper, der von Gottes Geist belebt wird.

N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 70

„Der Punkt, um den es ihm dabei geht, ist, dass der zukünftige Körper unvergänglich ist. Das gegenwärtige Fleisch und Blut ist vergänglich, dazu verurteilt, zu verfallen und zu sterben. Darum sagt Paulus, „Fleisch und Blut können das Köngreich Gottes nicht erben.“ Der neue Körper wird unvergänglich sein. Das gesamte Kapitel, eine der längsten durchgängigen Diskussionen bei Paulus und der entscheidende Höhepunkt des ganzen Briefes, handelt von der neuen Schöpfung, vom Schöpfergott, der die Schöpfung erneuert und sie nicht aufgibt, wie es Platoniker aller Couleur inklusve der Gnostiker gerne hätten.“

„Aber diese transformierte Physikalität … schließt keine Transformation ins Lichtförmige ein. Auch an dieser Stelle gehen viele in die Irre und missverstehen das Wort Herrlichkeit, als würde es ein physisches Leuchten implizieren statt einen Status innerhalb der Welt, die Gott gehört. Das ist umso bemerkenswerter, da der bekannteste der biblischen Auferstehungstexte, Daniel 12, von den auferstandenen Gerechten sagt, sie würden leuchten wie die Sterne. Überraschenderweise wir dieser Text nirgendwo im Neuen Testament zitiert, wenn es um den Auferstehungskörper geht, abgesehen von der Interpretation eines Gleichnisses. Dort, wo wir den Text finden, wird er metaphorisch für das gegenwärtige christliche Zeugnis in der Welt gebraucht.“

4. Die Auferstehung ist ein Ereignis in zwei Teilen

Auch das wird durch 1. Korinther 15 zentral belegt und diese Aspekt wird in den ersten beiden Jahrhunderten durchgängig angenommen. „Kein Jude des ersten Jahrhunderts erwartet vor Ostern, dass die Auferstehung irgendetwas anderes sei als das groß angelegte Ereignis, das dem gesamten Gottesvolk widerfahren würde, oder vielleicht sogar der ganzen Menschheit. Es würde ein Teil des plötzlichen Ereignisses sein, während dem Gottes Königreich wie im Himmel letztendlich auch auf Erden kommt.“

Da dies der Kontext ist, in dem Jesus, die Apostel und andere die uns überlieferten Worte sagten und schrieben, ist das auch der Schlüssel für eine Interpretation: „Auferstehung, daran müssen wir uns immer wieder erinnern, bedeutete nicht, in den Himmel zu kommen oder dem Tod zu entfliehen oder eine herrliche Existenz nach dem Tod zu haben, sondern nach dem körperlichen Tod wieder zu neuem körperlichen Leben zu kommen.“

Daher wird dies zu einem zentralen Merkmal der überraschenden Hoffnung der ersten Christen: „Der Glaube, dass der Anfang des Königreiches Gottes in der Auferstehung selbst bestand, die einer einzigen Person mitten in der Geschichte der Menschheit widerfurh, und zwar in Vorwegnahme der großen, endgültigen Auferstehung. Die Auferstehung Jesu garantiert und deutet bereits auf jene endgültige Auferstehung des Gottesvolkes am Ende der Geschichte hin.“

5. Unsere Aufgabe zwischen der Auferstehung Jesu und der allgemeinen Auferstehung

Die ersten Christen glaubten, dass die Auferstehung mit Jesus begonnen hatte und in der letzten großen Auferstehung am jüngsten Tag vollendet werden würde. Daher glaubten sie auch, dass Gott sie berufen hatte, mit ihm in der Kraft des Heiligen Geistes zu arbeiten, um das was Jesus erreicht hatte, umzusetzen und dadurch die endgültige Auferstehung anzudeuten. „Es ging nicht bloß darum, dass Gott „das Ende“, sein Königreich, schon eingeläutet hatte; wenn Jesus, der Messias, das Ende in person war, Gottes in der Gegenwart angekomme Zukunft, dann hatten diejenigen, die zu Jesus gehörten, ihm nachfolgten und von seinem Geist bevollmächtigt waren, den Auftrag, so weit es ihnen möglich war, die Gegenwart im Lichte jener Zukunft zu verändern.“

6. Die Auferstehung als Methapher

„Innerhalb des Judentums konnte die Auferstehung sowohl als Metapher als auch Metonymie für die Rückkehr aus dem Exil verwendet werden. … Wenn Auferstehung im Judentum also metaphorisch gebraucht wird, verweist sie auf die Wiederherstellung Israels; aber von den ersten Tagen der Christenheit an – und das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, wie das Christentum als jüdische messianische Bewegung begann – ist diese Bedeutung verschwunden;“

Die neue metaphorische Bedeutung hatte schon zur Zeit des Paulus kräftige Wurzeln geschlagen: Auferstehung als metaphorischer Verweis auf die Taufe (ein Sterben und Auferstehen mit Christus), und Auferstehung als Verweis auf das neue Leben in unermüdlichem ethischem Gehorsam, befähigt durch den Heiligen Geist, das Leben, zu dem sich der Gläubige verpflichtet.

7. Auferstehung und Messianität

Die Verknüpfung der Auferstehung mit der Messianität war völlig neu. „Im Judentum hatte niemand erwartet, dass der Messias sterben würden, und daher hat sich natürlich auch niemand vorgestellt, dass der Messias von den Toten auferstehen würde.“

„Aber von den ersten Anfängen an, bezeugt in Texten, die vorpaulinische Fragmente ganz früher Glaubensbekenntnisse sein können, behaupteten die ersten Christen, dass Jesus in der Tat der Messias war, und zwar genau wegen seiner Auferstehung.“

In Vebindung mit der eigentlichen Aufgabe, die Israel am Sinai bekommen hatte (siehe die Serie Gottes Namen Tragen – Warum der Sinai immer noch wichtig ist) und den Prophezeiungen über den Messias, machte die Auferstehung des Messias absolut Sinn. Es erfüllte sich das, was Gott geplant und vorgesehen hatte – auch wenn Menschen sich das ganz anders vorgestellt hatten.

„Das bedeutet, dass wir bereits die revisionistischen Positionen zur Auferstehung Jesu ausschließen können, die so viele Autoren in den letzten Jahren vertreten haben. Viele schlagen vor, dass die ersten Jünger angesichts des Todes Jesu derart von Trauer überwältigt waren, dass sie die Vorstellung von der Auferstehung aus der umliegenden Kultur aufgegriffen, in ihr festhielten und sich selbst überzeugten, dass Jesus von den Toten auferweckt worden sein, obwohl sie natürlich wussten, dass er nicht auferweckt worden war.“

„Aufgrund des frühchristlichen Glaubens an Jesus als Messias entwickelte sich sehr früh der Glaube: Jesus ist der Herr, und der Kaiser ist es daher nicht. Doch bereits bei Paulus ist sowhl Jesu Auferstehung als auch die zukünftige Auferstehung seiner Volkes die Grundlage der christlichen Loyalität gegenüber einem anderen König, einem anderen Herren. Der Tod ist die letzte Waffe des Tyrannen.“ Und damit hat die Auferstehung für die Christen nicht nur die Bedeutung eines ‚Lebens nach dem Tod‘.

Auferstehung ist keine neue Beschreibung des Todes; sie ist die Überwindung des Todes und damit die Überwindung derjenigen, deren Macht vom Tod abhängt.

Dem Hohn und Spott einiger moderner Wissenschaftler zum Trotz waren diejenigen, die auf dem Scheiterhaufen brannten und den Löwen vorgeworfen wurden, Menschen, die an die körperliche Auferstehung glaubten. Auferstehung war niemals ein Weg, es sich gemütich zu machen und Ansehen zu gewinnen; … Es waren die Gnostiker, welche die Sprache der Auferstehung in eine private Spiritualität und eine dualistische Kosmologie übersetzten und die Bedeutung der Auferstehung dabei mehr oder weniger in ihr Gegenteil verkehrten. Es waren auch die Gnostiker, die ihrer Verfolgung entgingen. Welcher Machthaber hätte schlaflose Nächte, in denen er sich ängstigt, weil seine Untertanen das Thomasevangelium lesen? Die Auferstehung war immer geradezu prädestiniert, einen in Schwierigkeiten zu bringen, und sie tat das auch regelmäßig.“

N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 77

Ich denke, so langsam ist dir klar, warum N. T. Wright von einer überraschenden Hoffnung sprach. Nicht nur, weil sie im ersten Jahrhundert überraschend war. Sondern vermutlich auch für dich – sogar wenn du dich als Christ betrachtest. Auch bei diesem Thema kann es also gut sein, dass dir beim Lesen der Bibel klar wird, dass bei der Interpretation so mancher Passage nicht der textuelle oder historische Kontext ausschlaggebend war, sondern von uns oder anderen hineingelegte Annahmen und Vorstellungen – also Eisegese. Nimm dir Zeit, darüber nachzudenken.

Da die Auferstehung also eine viel weitreichendere Bedeutung hat als nur, dass Jesus wieder lebte, ist es gut, sich kurz damit zu beschäftigen, ob wir diesen Berichten Glauben schenken können. Danach werden wir uns damit befassen, welche überraschende Hoffnung in Bezug auf Gottes Zukunftsplan es noch gibt. Und beides im nächsten Teil 4.

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