Von Christian
In den letzten beiden Teilen dieser Serie beschäftigen wir uns mit den Konsequenzen, wenn wir unsere Zoom-Gemeinde ‚genauso wie die ersten Christen‘ gestalten wollen. Im letzten Teil hatten wir schon diese Themen behandelt:
- ‚Sie hielten beharrlich an der Lehre der Apostel fest‘
- ‚Gemeinsame Mahlzeiten‘
- ‚Gemeinsames Brechen des Brotes‘
- Taufe
- Finanzierung, Spenden, Eigentum
- Apostel, Aufseher, Älteste, Diener
- Frauen als Aufseher, Älteste und Diener
Ich möchte noch drei weitere Punkte aufgreifen, die für eine Zoom-Gemeinde – noch mehr als für andere – eine enorme Herausforderung darstellen.
Glaubenslehren
Wir war das, als die erste Gemeinde in Jerusalem gegründet wurde? Nun ja, eigentlich gab es diesen Moment ja nicht. Zumindest nicht so, wie bei anderen Gemeinden, die von Missionaren wie Paulus gegründet wurden. Stand da von Anfang an fest, an was jeder zu glauben hat? Oder anders formuliert: Gab es eine Liste von Lehren, die ‚wir in dieser Gemeinde‘ glauben? Kommen dir diese Überlegungen und Fragen vielleicht merkwürdig vor? Das ist völlig in Ordnung, denn die historische Entwicklung war eine andere. Die ersten Jünger kamen alle aus der jüdischen Religion. Und welcher Richtung sie auch zuneigten, so hatten sie eine gemeinsame Grundlage. Dazu kamen nun die Lehren Jesu Christi und die Überzeugung, dass er von den Toten auferstanden ist. Viel mehr gab es nicht, als zu Pfingsten der heilige Geist ausgegossen wurde. Welche Botschaft stand im Zentrum? „Philippus zum Beispiel ging in eine Stadt von Samarien und predigte, dass Jesus der Messias ist.“ (Apg 8:5 NEÜ) Und kurz darauf: „Da begann Philippus zu reden. Er knüpfte an dieses Schriftwort an und erklärte dem Äthiopier das Evangelium von Jesus.“ (Apg 8:35 NEÜ) Was musste er noch alles lernen und als verbindliche Glaubenssätze akzeptieren, bevor er getauft wurde? „Als sie nun so auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Gewässer. „Hier gibt es Wasser“, sagte der Eunuch, „was steht meiner Taufe noch im Weg?“ (Apg 8:36 NEÜ). Nichts, denn danach lesen wir, dass er getauft wurde.
Warum habe ich das angeführt? Zum einen zeigt es uns die grundlegenden Lehren der ersten Gemeinden auf. Die Schriften (was heute Altes Testament genannt wird) und das Evangelium von Jesus. Wurden Details dazu abgefragt oder schwierige theologische Fragen? Gab es ein festes Glaubensbekenntnis? Hier ist schon spannend, dass Apostelgeschichte 8:36,37 in verschiedenen Übersetzungen unterschiedlich wiedergegeben wird:
Als sie nun so auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Gewässer. „Hier gibt es Wasser“, sagte der Eunuch, „was steht meiner Taufe noch im Weg?“
Fußnote: Spätere Handschriften fügen hinzu: „Wenn du von ganzem Herzen glaubst“, sagte Philippus, „kannst du getauft werden.“ – „Ja“, sagte der Äthiopier, „ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist.“ (Diese Frage und die Antwort entsprachen der altkirchlichen Praxis und sind wahrscheinlich von daher in einige Handschriften hineingeraten.)
Apostelgeschichte 8:36,37 NEÜ
Im Laufe der Zeit wurden zentrale Glaubenslehren formalisiert, damit man sie auswendig lernen konnten. Schriften wie die Didachḕ dienten der Belehrung nach der Taufe. Es gab vorher aber schon mündliche Glaubensbekenntnisse, die ihren Weg in den Text des Neuen Testaments gefunden haben:
Ich habe euch in erster Linie das weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es die Schriften gesagt haben. Er wurde begraben und am dritten Tag auferweckt, wie es die Schriften gesagt haben. Er ist dem Kephas erschienen, dann dem Kreis der Zwölf. Danach erschien er mehr als 500 Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch am Leben sind; nur einige sind schon gestorben. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln.
1. Korinther 15:3-7 NEÜ
Und niemand kann bestreiten, wie groß und einzigartig die geheimnisvolle Wahrheit unseres Glaubens ist: Er hat sich gezeigt in Fleisch und Blut / und wurde beglaubigt durch Gottes Geist, / und so haben ihn die Engel gesehen. / Er wird gepredigt unter den Völkern / und findet Glauben in aller Welt / und ist im Himmel mit Ehre gekrönt.
1. Timotheus 3:16 NEÜ
Er war in Gottes Gestalt, / nutzte es aber nicht aus, Gott gleich zu sein,
Philipper 2:6-11 NEÜ
sondern beraubte sich selbst / und wurde einem Sklaven gleich. / Er wurde Mensch / und alle sahen ihn auch so.
Er erniedrigte sich selbst / und gehorchte Gott bis zum Tod – zum Verbrechertod am Kreuz.
Darum hat Gott ihn über alles erhöht / und ihm den Namen geschenkt, / der über allen Namen steht:
Denn vor dem Namen Jesus wird einmal jedes Knie gebeugt; / von allen, ob sie im Himmel sind, auf der Erde oder unter ihr.
Und jeder Mund wird anerkennen: / „Jesus Christus ist der Herr!“ / So wird Gott, der Vater, geehrt.
In den beiden letzten Zitaten findet sich sogar noch im Text des Neuen Testaments eine interessante Versform, welche das Auswendiglernen und Wiederholen in den Gemeinden erleichtert. Und wenn wir an die Anweisungen in Apostelgeschichte 15 denken, waren die auch sehr knapp gehalten.
Nun vergleiche das einmal mit deiner Zoom-Gemeinde oder einer, die du kennst. Denkt man dort, dass man alles nach dem Vorbild der Gemeinde im 1. Jahrhundert macht? Und machen sie es dann in Bezug auf Glaubenslehren so, wie wir es gerade gelesen haben? Dann sollte man doch vielleicht Gedanken wie aus den gerade zitierten Bibeltexten finden, nicht wahr? Vergleiche es zum Beispiel einmal mit dieser Beschreibung einer Zoom-Gemeinde:
Wir sind nicht-trinitarische Christen.
Unsere Überzeugungen sind: [Ich habe die detaillierten Unterpunkte weggelassen]:
Eigene Beschreibung der zentralen Glaubenslehren einer Zoom-Gemeinde
Es gibt nur einen wahren Gott, den Vater von allem, den Schöpfer von allem.
Jesus ist unser Herr, König und einziger Führer.
Der Heilige Geist wird von Gott benutzt, um seinen Willen zu erfüllen.
Die Bibel ist Gottes inspiriertes Wort.
Die Toten sind nicht existent; die Hoffnung für die Toten ist die Auferstehung.
Jesus Christus kam, um den Weg für gläubige Menschen zu öffnen, damit sie Gottes Kinder werden können.
Satan (auch bekannt als der Teufel) war ein Engelssohn Gottes, bevor er sündigte.
Es gibt nur eine christliche Hoffnung und nur eine christliche Taufe.
Siehst du den Unterschied? Wie ich am Anfang dieser Serie gesagt hatte, zeigen sich die Konsequenzen erst richtig, wenn man genau hinschaut, wie es in der Praxis gelebt wird.
Wenn du jemanden aus dieser Zoom-Gemeinde fragen wirst, wer bei ihren Zusammenkünften dabei sein darf, bekommst du vermutlich so eine Antwort: „Bei uns kann jeder zu unseren Zusammenkünften kommen.“ Und warum wird dann gleich erwähnt, dass es „nicht-trinitarische Christen“ sind? Kann jemand auch immer wieder teilnehmen, der nur in den grundlegenden Lehren übereinstimmt, die wir eben in den Glaubensbekenntnissen im Neuen Testament gelesen haben, aber sonst abweichende Auffassungen hat? Was, wenn die Person immer wieder Texte kommentiert und dabei ein Ansicht äußert, die einer trinitarischen Lehre entspricht? Darf er dann weiter beim Abendmahl dabei sein oder überhaupt bleiben?
Jetzt dürfen wir es uns nicht so einfach machen, uns zu sagen, dass die Person ja woanders hingehen kann. Denn wenn die Mitglieder in der Zoom-Gemeinde der Überzeugung sind, dass sie vom heiligen Geist geleitet werden und ihre Auffassungen Teil der biblischen Wahrheit sind – und die Trinitätslehre eben nicht – schließt man die Person dann nicht aus der ‚wahren‘ christlichen Gemeinde aus?
Wer hat denn diese Lehren festgelegt? Die Beschreibung suggeriert ja, dass alle derselben Überzeugung sind. Aber kam das so zustande, dass eine Gruppe von Menschen einmütig durch den heiligen Geist zu diesem Schluss gekommen ist (wie die Darstellung in Apostelgeschichte 15)? Oder hat der Gründer dieser Zoom-Gemeinde seine Auffassung zuerst verkündet und dann haben sich nur solche ihm angeschlossen, die ähnlich dachten? Und später wird dann klar gemacht, dass in Zukunft nur solche willkommen sind, die mit bestimmten Auffassungen übereinstimmen?
„Christian, übertreibst du es jetzt nicht ein bisschen? Dann sollen die einen halt in ihrer Zoom-Gemeinde bleiben und die anderen in einer eigenen. Wo ist das Problem?“ Kommt gleich. Wir schauen weiter in die Zukunft. In der nicht-trinitarischen Zoom-Gemeinde äußert jemand den Gedanken, dass Jesus ein Mensch war, und von Gott wegen seiner Treue zu sich genommen wurde. „Nein, auf keinen Fall“, hören wir, „Jesus kam vom Himmel“. Kann man beide Ansichten tolerieren? Oder wird die eine oder andere Ansicht auch Teil der Glaubensüberzeugung? Nun gut, dann sollen sie halt Ruhe geben und sich aufteilen in zwei Zoom-Gemeinden … Und da soll einer sagen, Geschichte wiederhole sich nicht. Ist nicht genau das in den ersten Jahrhunderten geschehen?
Ist hier das Vorbild der Gemeinden im 1. Jahrhundert zu erkennen, oder den Anfang der Entwicklung von der ersten Gemeinde in Jerusalem zur Kirche? Wird nicht spätestens jetzt langsam klar, dass man automatisch in die selben Probleme läuft, wie die Gemeinden in den ersten Jahrhunderten nach Christus? Vielleicht sollten wir auch die Entstehung und Entwicklung einer der zahlreichen christlichen Bewegungen im 19. Jahrhundert einmal zum Vergleich heranziehen. Dann erkennt man noch besser Mechanismen und Umstände, die sich immer wieder wiederholt haben.
Wer gehört zur Zoom-Gemeinde?
Mit der Frage, welche Lehren ‚erlaubt‘ sind oder nicht, haben wir auch schon einen weiteren Punkt angesprochen: Wer gehört zur Gemeinde und wer nicht? Wer entscheidet, ob und wann man jemanden von den Zusammenkünften ausschließt?
Stell dir vor, dass jemand irgendwann immer öfter bei den entsprechenden Bibeltexten erwähnt, dass dieser Text doch für die Trinität spricht. Oder dass Frauen in der Zoom-Gemeinde nicht öffentlich beten sollten. Oder dass die Hoffnung für Christen nicht ein Leben im Himmel ist. Oder … dir wird sicher noch mehr einfallen.
Handelt es sich dann schon um eine ‚Sünde‘, die gemäß Jesu Worten in Matthäus 18 zu behandeln ist? Einige verneinen das und deswegen gehe ich im nächsten Abschnitt darauf ein. Wie sind dann die Gemeinden im 1. Jahrhundert vorgegangen? Also jetzt ganz praktisch, nicht im Sinne von Rat und Anweisungen in einem Brief von Paulus oder so. Wobei man sich da auch fragen sollten, ob man sich nicht auf eine Stufe mit einem Gemeindegründer und Missionar wie Paulus stellt, wenn man solche Texte für sich zitiert.
Entscheidet dann die Zoom-Gemeinde? Mehrheitlich? Absolute oder relative Mehrheit? Und wer ‚gehört‘ eigentlich zur Zoom-Gemeinde? Oder entscheidet der Moderator oder die Moderatorin alleine? Wenn es denn Älteste und Aufseher gäbe, dann vielleicht die? Oder fragt man besser beim Gründer der Zoom-Gemeinde nach?
Einige haben den Gedanken einer Art ‚Hausrecht‘ ins Spiel gebracht: Wer das Zoom-Meeting organisiert, hat sozusagen das Hausrecht und kann entscheiden.
Gut. Das entspräche also im 1. Jahrhundert der Gemeinde in Rom, die sich im Haus von Priska und ihrem Mann Aquila gemäß Römer 16:3-5 sich traf. Damit hätten die beiden das ‚Hausrecht‘ zu entscheiden, wer kommen darf und wer nicht. Wenn der Apostel Paulus dazu in einem Brief etwas schreiben würde oder gar anwesend wäre, kämen seinen Worten dann doch nur eine beratende Funktion zu, oder? Denn er hat ja nicht das Hausrecht. Sie hätten also auch Paulus vor die Tür setzen können – vor ihre Tür. Ist doch interessant, was passiert, wenn man solche Ideen einmal konkret durchdenkt.
In anderen Bereichen mag das ja nachvollziehbar sein. Nehmen wir zum Beispiel einen YouTube Kanal. Wenn jemand der Meinung ist, dass das eigentlich sein Kanal ist und er damit identifiziert wird, dann mag er sich dazu entschließen, Beiträge, die nicht seiner Auffassung entsprechen zu löschen. Oder Beiträge von jemandem, der eigentlich gar nicht Teil der Zoom-Gemeinde mehr ist oder sein will. Obwohl, was hat das denn mit dem Inhalt zu tun? Egal, da kann man das ja noch nachvollziehen.
Aber wie ist das bei einer Zoom-Gemeinde? Man kann doch nicht auf der einen Seite denken, dass die Zoom-Gemeinde eine Gemeinde wie die im 1. Jahrhundert ist, gleichzeitig aber das ‚Hausrecht‘ für sich beanspruchen, als ob man Gäste in sein Wohnzimmer eingeladen hat.
Wenn diese Sache schon kompliziert ist, wie wird es dann erst bei ‚Sündern‘ sein …
Umgang mit ‚Sündern‘
Kommen wir nochmals darauf zurück, wie mit ‚Sündern‘ umgegangen wird. Nach Ansicht mancher sind hier Jesu Worte in Matthäus 18 die einzig maßgebliche Aussage. Lesen wir sie einmal im Kontext:
„Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und stell ihn unter vier Augen zur Rede. Wenn er mit sich reden lässt, hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Wenn er nicht auf dich hört, dann nimm einen oder zwei andere mit und geh noch einmal zu ihm, damit alles von zwei oder drei Zeugen bestätigt wird. Wenn er auch dann nicht hören will, bring die Angelegenheit vor die Gemeinde. Wenn er nicht einmal auf die Gemeinde hört, dann behandelt ihn wie einen Gottlosen oder Betrüger. Ich versichere euch: Alles, was ihr hier auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein und was ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein. Und auch das versichere ich euch: Wenn zwei von euch hier auf der Erde eins werden über irgendeine Sache, die sie erbitten wollen, dann wird sie ihnen von meinem Vater im Himmel gegeben werden. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich in ihrer Mitte.“
Matthäus 18:15-20 NEÜ
Ich habe bewusst als Kontext auch den zweiten Teil ab Vers 18 mit zitiert, weil es darüber viele sehr verschiedene Auffassungen gibt. Und Jesu Hinweis, dass er bei seinen Jüngern wäre, wenn sogar nur zwei oder drei zusammenkommen. Also kein einfacher Text, wenn man es ‚genau so machen möchte wie im 1. Jahrhundert‘. Wann ‚sündigt ein Bruder‘ gemäß Jesu Worten? Jesus führt das nicht weiter aus. Also wird das in der Zoom-Gemeinde entschieden? Jeder persönlich für sich? Nun, dann könnte der eine der Meinung sein, dass es sich um eine Sünde handelt und andere nicht? Fängt man dann an, eine Liste anzulegen … Nun gut, aber darauf will ich gar nicht weiter eingehen. Ich habe ja auch einen anderen Satz markiert.
Selbst wenn man von den ‚kleinen Sünden‘ unvollkommener Menschen einmal absieht – obwohl Jesus hier keine Unterscheidung macht – dann wird in einer Zoom-Gemeinde über kurz oder lang auch jemand dabei sein, der etwas tut, was ziemlich viele als Sünde betrachten. Dann ‚bring die Angelegenheit vor die Gemeinde‘ sagt Jesus. Wie muss ich mir das in der Zoom-Gemeinde vorstellen? Wer den Anspruch hat, es genau so zu machen, wie im 1. Jahrhundert oder wie Jesus es sagte, müsste das doch auch tun, oder nicht? Wer gehört dann zur ‚Gemeinde’? Alle, die mehr oder weniger regelmäßig im Zoom-Meeting dabei sind? Dürfen zu diesem Termin dann auch andere dazu kommen? Oder verhindert man das? Darf es Video-Aufzeichnungen geben? Mal dir das ruhig noch etwas aus und denke dann nochmal über die Aussage nach, es ‚genauso zu machen wie im 1. Jahrhundert‘. Wenn du gar nicht weißt, wie es im 1. Jahrhundert gemacht wurde.
Ich denke, es ist klar geworden, dass es aufgrund der vergangenen 2000 Jahre, der anderen Kultur und der Technik von heute neue Fragen und Herausforderungen gibt, die es damals noch nicht gab. Wenn es dafür aber keine konkrete Ableitung aus den Gemeinden im 1. Jahrhundert geben kann, dann ist doch die ganze Idee, dass man es ‚genauso macht wie im 1. Jahrhundert‘ gar nicht so sinnvoll, nicht wahr?
Fazit
Wir wir gesehen haben, ist es gar nicht möglich, es ‚genau so zu machen wie die Gemeinde im 1. Jahrhundert‘, weil es die eine Gemeinde gar nicht gab. Und die verschiedenen Gemeinden nicht immer und überall alles gleich gemacht haben. Das wäre auch nicht sinnvoll gewesen, weil der Kontext und die Umstände andere waren und sich änderten.
Warum haben wir uns dann überhaupt mit dieser Behauptung beschäftigt? Weil mit der Behauptung „wir machen es wie die Gemeinde der Urchristen“ oft andere Hintergedanken mit transportiert werden: Weil wir das so wie die Urchristen machen, machen wir es richtig. Betonung auf richtig. Oder auch: Weil wir das so wie die Urchristen machen, machen wir es richtig. Betonung auf ‚wir‘. Und das impliziert, dass es ‚die anderen‘ nicht richtig machen. Und damit ist eine Abgrenzung im Raum, welche das Wir-Gefühl bestärkt, aber nicht unbedingt biblische Grundlagen hat. Und irgendwann spricht man dann vielleicht sogar (wieder) von ‚wahrer‘ und ‚falscher‘ Religion.
Dabei stellt sich doch die Frage, ob zweitausend Jahre später im Internet-Zeitalter in Ländern, in denen christliche Religionen verbreitet sind oder überwiegen, der Kontext nicht so anders als im 1. Jahrhundert ist, dass man die spärlichen Informationen, die wir haben, gar nicht direkt auf unsere Situation übertragen kann. Zumal es dafür auch keinen Auftrag im Neuen Testament gibt.
Macht es überhaupt Sinn, zu versuchen, es ‚genauso wie die Gemeinde der Urchristen‘ zu machen? Mussten die Gläubigen nicht schon im 1. Jahrhundert und in der Zeit danach sich immer wieder Gedanken machen, wie sie sich organisieren? Natürlich. Denn wenn du das Neue Testament liest, wie wir es auch in dieser Serie getan haben, dann wirst du feststellen, dass sie vom Heiligen Geist unterstützt wurden, dieser ihnen aber nicht jede Kleinigkeit vorgegeben oder eingegeben hat. Und eigentlich leitet ja Jesus seine Versammlung. Und manchmal hat er auch Engel dazu eingesetzt. Der Heilige Geist kam dann zum Einsatz, wenn es über das hinausging, was sie selbst geschafft hätten. Ein Petrus wäre damals nie von sich aus auf die Idee gekommen, die Heiden zu taufen. Das hätte er sich nie herausgenommen, wie seine Antworten auf seine Vision zeigen. Und Paulus wollte unbedingt in einem anderen Gebiet missionieren, bis er in einer nächtlichen Vision deutlich in eine andere Richtung gelenkt wurde. Aber sonst mussten sie das nutzen, was ihr Schöpfer ihnen gegeben hatte: Ihren Verstand.
Auf jeden Fall kann es nicht schaden, den Blick zu erweitern auf die Berichte über die Gläubigen im Neuen Testament und auch im Alten Testament. Und auch aus der Geschichte der Jünger und der Christen bis zu den frühen Kirchen kann man einiges lernen. Ja sogar aus der weiteren geschichtlichen Entwicklung. Und den Bewegungen, die im 19. Jahrhunderts entstanden sind. Letztendlich wirst du feststellen, dass das Neue Testament kein Handbuch für die Organisation der Versammlung ist. Ziemlich bald steht man vor Fragen und Entscheidungen, wie alle Nachfolger Christi im Laufe der Jahrhunderte. Und es gibt keine einfachen und klaren Antworten im Neuen Testament. Da unser Kontext heute ein ganz anderer ist – insbesondere im Falle einer Zoom-Gemeinde – müssen wir die Dinge neu überdenken. Dabei sollten wir aus den Entscheidungen und Entwicklungen der Vergangenheit lernen.










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