Von Christian
Nachdem wir in den ersten sechs Teilen dieser Serie sowohl den Text des Neuen Testaments in Bezug auf die Gemeinden im 1. Jahrhundert untersucht und den historischen Kontext betrachtet haben, können wir uns nun einmal fragen, ob man die Behauptung überhaupt umsetzen kann: „Wir machen das genauso wie die Gemeinde im 1. Jahrhundert“. Einmal abgesehen davon, dass wir schon aus den Schriften erkannt haben, dass es nicht ‚die eine Gemeinde‘ gab.
Nach den Abschnitten „Text“ und „Kontext“ beschäftigen wir uns jetzt also mit den „Konsequenzen“.
Konsequenzen
Was vielleicht nicht so oft bedacht wird, sind die Konsequenzen, die sich ergeben, wenn man tatsächlich versucht das Muster des 1. Jahrhunderts umzusetzen – oder besser gesagt die Muster.
Erinnern wir uns an Apostelgeschichte 2:41-47. Über die Anfänge der Jerusalemer Gemeinde hatten wir gelesen: (1) Sie hielten beharrlich an der Lehre der Apostel fest, (2) sie brachen das Brot (Abendmahl, Eucharistie), (3) hatten gemeinsame Gebete, (4) gemeinsame Mahlzeiten, (5) hatten alles gemeinsam. Und später gab es bei den Gemeinden dann einige Veränderungen.
Jetzt schauen wir einmal, was davon in einer Zoom-Gemeinde tatsächlich umgesetzt wird.
‚Sie hielten beharrlich an der Lehre der Apostel fest‘
‚Das machen wir selbstverständlich auch‘, könnte jemand denken. Beachten wir aber, dass in diesem Zitat aus der Apostelgeschichte die 11 treuen Apostel gemeint waren. Doch du wirst vermutlich auch die Briefe des Paulus, Jakobus oder Judas lesen, nicht wahr? Aber wir wollen nicht kleinlich sein. Zumindest als Ziel in Bezug auf die Lehren lassen wir das mal durchgehen.
‚Gemeinsame Mahlzeiten‘
Wer sagt, dass er es genau so wie die Gemeinde im 1. Jahrhundert macht, kann das vielleicht im Hauskreis noch umsetzten. Für die Zoom-Gemeinde dürfte das schon schwieriger sein und wird so wohl auch kaum durchgeführt: Gemeinsame Mahlzeiten. Da haben wir also schon eine erste Abweichung von ‚dem Muster des 1. Jahrhunderts‘.
‚Gemeinsames Brechen des Brotes‘
Dieses Abendmahl in Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu war eigentlich Teil des gemeinsamen Essens und damit haben wir die selbe Problematik. Für eine Zoom-Gemeinde ist es aber noch schwieriger. Nicht wegen der physischen Trennung. Und weil man ja kaum einen gemeinsamen Kelch und das selbe Brot herumreichen kann. Sondern wegen den Anwesenden. War darf denn nun dabei sein und von Brot und Wein nehmen? Nur Getaufte? Oder mussten weitere andere Anforderungen erfüllt sein? Im Text des Neuen Testaments wird das nicht klar gesagt. In der Didachḕ wurde aber schon klar gesagt, dass nur essen darf, wer in den Namen Jesu getauft ist. Konnte jemand beim gemeinsamen Essen dabei sein und dann an diesen Symbolen Brot und Wein teilhaben, auch wenn er ‚neu‘ war? Oder sollte er dann nur zusehen? Wenn bei einer Zoom-Gemeinde regelmäßig Menschen zum ersten mal dabei sind, was macht man dann? Gibt es ‚Beobachter‘ wie bei den Zeugen Jehovas? Oder dürfen nur ‚Teilnehmer‘ dabei sein?
Dann gibt es natürlich noch die Fragen, von welcher Art Brot und Wein sein sollten? Im Neuen Testament steht dazu nichts. Und wie handhabt das deine Zoom-Gemeinde? Wie die Gemeinden im 1. Jahrhundert? Was immer für Vorschläge oder Regeln es gibt – auf die Gemeinde im 1. Jahrhundert kann man sie aufgrund des Textes nicht zurückführen.
Taufe
Wird in deiner Zoom-Gemeinde getauft? Von wem? Kann das jeder machen, oder nur ‚Älteste‘? In den Berichten des Neuen Testament wird nicht viel gesagt, aber wie bei Johannes dem Täufer geschah dies auch an einem Gewässer und damit in der Öffentlichkeit. In der Didachḕ gab es dann schon klare Anweisungen bezüglich des Wassers. Und vorher sollte gefastet werden. Das haben Gemeinden im 1. Jahrhundert so gemacht. Nun, ‚wir machen das genau so wie im 1. Jahrhundert‘ … Dann solltest du beim nächsten mal wegen dem Wasser und dem Fasten nachfragen.
Wurde denn im 1. Jahrhundert nochmals getauft, weil jemand seine Taufe als ungültig empfand? Worum ging es damals überhaupt bei der Taufe? „Was steht meiner Taufe noch im Weg?“ fragt der Äthiopier in Apostelgeschichte 8. Was wusste er und warum wollte er sich taufen lassen? Was steht im Text? Du wirst vielleicht überrascht sein. Und deswegen kommen wir später nochmal auf diesen Text zurück.
Sollte man so eine Taufe weltweit über das Internet in die Zoom-Gemeinden übertragen? Erinnere dich einmal an das, was du darüber im Neuen Testament gelesen hast: Wer taufte? Und was sagte Paulus zu dem Thema im 1. Korinther Brief? „Ich danke Gott dafür, dass ich niemanden von euch getauft habe ausser Krispus und Gaius – so kann niemand sagen, ihr wärt auf meinen Namen getauft worden.“ Wenn jemand also eine Zoom-Gemeinde oder Gemeinden gegründet hat oder darin bekannt ist, dann wäre es vielleicht ein Zeichen von Weisheit, sich zu überlegen, ob man selbst andere tauft und dies auch noch weltweit überträgt. Was im 1. Jahrhundert natürlich noch überhaupt nicht ging und wir wieder beim Thema wären: „Wir machen es ganz genauso wie …“.
Und erinnern wir uns an die Worte des Paulus, die wir im zweiten Teil der Serie schon gelesen hatten:
Ist der Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Wurdet ihr auf den Namen des Paulus getauft? Ich danke Gott dafür, dass ich niemanden von euch getauft habe ausser Krispus und Gaius – so kann niemand sagen, ihr wärt auf meinen Namen getauft worden. Das Haus des Stephanas habe ich zwar auch noch getauft, im Übrigen aber wüsste ich nicht, dass ich noch jemanden getauft hätte. Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen – nicht mit beredter Weisheit, damit das Kreuz Christi nicht seines Sinnes entleert werde.
1. Korinther 1:13-17 NEÜ
Finanzierung, Spenden, Eigentum
Es gab und gibt Gruppen, in denen dazu aufgefordert wird, alles persönliche Eigentum der Gemeinschaft zu übergeben. Angeblich so, wie die erste Gemeinde in Jerusalem in ihren Anfängen. In den meisten Zoom-Gemeinden oder Hauskreisen ist das aber nicht so. Und es war ja im 1. Jahrhundert in den anderen Gemeinden auch nicht so. Damit hält man sich also entweder an die eine oder die andere Gemeinde im 1. Jahrhundert.
Wie hält man es in deiner Gruppe aber mit Spenden? Im Neuen Testament haben wir gelesen, dass Paulus an die Armen denken sollte – die Armen in Jerusalem. Und wie die Spenden für diese Notleidenden in Judäa organisiert wurde. Weil sie aufgrund ihrer Freigibigkeit nach Pfingsten, durch Verfolgung oder Naturkatastrophen verarmt waren. Und dass Paulus in Ephesus selbst gearbeitet hat und nichts für sich wollte. Dass er sich unterstützen lies, war die Ausnahme.
Was sollten wir also von Spenden für andere Zwecke halten? Wenn wir den genauen Grund gar nicht kennen? Nur vage für die ‚Förderung der Tätigkeit‘? Oder für Reisen zu anderen Personen der Gruppe? Selbstverständlich kann das jeder so machen, wie er will. Doch wenn die Spenden vor allem dafür und nicht für Armen sind, passt das dann noch zum Vorbild aus dem 1. Jahrhundert? Wir betrachten dies ja im Hinblick auf die Aussage: „Wir machen das genauso wie die Gemeinde im 1. Jahrhundert“.
Schon im 1. Jahrhundert muss die Unterstützung von reisenden Predigern (Aposteln, wir würden heute eher Missionare sagen) aber häufiger mißbraucht worden sein. Sonst wäre diese nicht so explizit schon in der Didachḕ erwähnt worden, wie wir im 3. Teil gelesen hatten: „Jeder Apostel, der zu euch kommt, soll aufgenommen werden wie der Herr; er soll aber nicht länger als einen Tag bleiben; wenn’s nötig ist, noch den zweiten; drei Tage aber wenn er bleibt, ist er ein falscher Prophet.“ Das hätte ich früher als Zeuge Jehovas mal einem Kreis- oder Bezirksaufseher vorlesen sollen …
Apostel, Aufseher, Älteste, Diener
Ich frage einmal gerade heraus: Gibt es in deiner Zoom-Gemeinde … Apostel? Aufseher, Älteste, Diener? Wenn es sie nicht gibt, dann entspricht das doch nicht den Gemeinden im 1. Jahrhundert. Da ist der Text im Neuen Testament unmissverständlich. Und wenn doch, wie werden sie ernannt? Durch ‚Auflegen der Hände‘ durch die Apostel? Wohl kaum, denn die sind schon lange tot. Oder ‚durch heiligen Geist‘? Inwiefern? Oder werden Älteste von der Gemeinde gewählt? Da wird es schon ziemlich schwierig, weil wir im Neuen Testament dazu nichts finden nach dem Tod der Apostel (der ursprünglichen und solchen wie Paulus und Barnabas).
Ich gehe auf diesen Teil mal nicht weiter ein, denn die Zoom Gemeinden und Hausgemeinden, von denen ich Kenntnis habe, folgen hier gerade nicht dem Beispiel des 1. Jahrhunderts. Da will man doch eher anders organisiert sein. Alle sollen gleich sein – auch vielleicht wegen leidvoller Erfahrungen in einer Religion, der man früher angehörte.
Frauen als Aufseher, Älteste und Diener
Das ist schon deswegen ein spannendes Thema, weil es bis heute unter Gelehrten wie auch Laien hitzige Diskussionen gibt, ob Frauen Aufseher, Älteste und Diener sein dürfen. Und wie die entsprechenden Texte zu verstehen sind. Jetzt glaub bloß nicht, dass wir das hier in ein paar Sätzen klären können. Diese Thema zeigt aber, dass es gar nicht so einfach ist, es genauso wie im 1. Jahrhundert zu machen, wenn man gar nicht sicher weiß, wie das damals gehandhabt wurde. Und möglicherweise sogar unterschiedlich aufgrund des kulturellen und historischen Kontextes.
Außerdem ist das Thema interessant, weil man es nicht einfach so ignorieren kann – außer es gibt in der Zoom-Gemeinde nur Männer, was aber wohl eher ungewöhnlich wäre … Und ganz gewiss nicht den Gemeinden im 1. Jahrhundert entspricht!
Wenn nun Frauen dabei sind, und einige haben das Verständnis, dass Frauen Aufseher sein oder beten dürfen, andere aber sind vom Gegenteil überzeugt, was macht die Zoom-Gemeinde dann? Müssen dann die einen die Entscheidung zugunsten der anderen Auffassung ertragen? Wer entscheidet dann? Die Mehrheit der Anwesenden, also der regelmäßig Anwesenden oder der zufällig Anwesenden? Oder die Aufseher? Wenn es denn Aufseher oder Älteste überhaupt gibt, was oft nicht der Fall ist.
Oder doch die Person, welche die Zoom-Gemeinde gegründet hat? Oder moderiert? Die oder der hat doch das ‚Hausrecht‘, nicht wahr? Also dann hätte Priska und ihr Mann Aquila gemäß Römer 16:3-5 das Hausrecht für die Versammlung in ihrem Haus gehabt? Und entschieden, was gelehrt wird und ob Frauen beten dürfen usw.? Ich verstehe ja, dass jemand, der eine Zoom-Zusammenkunft organisiert, das anfangs wie eine Einladung in sein Wohnzimmer versteht. Aber das ist dann keine Gemeinde wie bei den Jüngern im 1. Jahrhundert.
Das sind aber bei weitem noch nicht alle Herausforderungen, denen man sich beim Wachstum einer Zoom-Gemeinde gegenüber sieht. Ein paar weitere und ein Fazit kommen in der nächsten und letzten Folge.


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