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  • Von Hoffnung überrascht – Teil 8

    Von Hoffnung überrascht – Teil 8

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Fegefeuer, Paradies, Hölle

    Im letzten Teil hatten wir im Abschnitt „Die Erlösung unseres Körpers“ die Bedeutung unserer heutigen und des zukünftigen Körpers geklärt. Nun stellt sich natürlich die Frage: Und was ist dazwischen?

    Zum Fegefeuer ist zu sagen, dass es grundsätzlich eine römisch-katholische Lehre ist, die von der orthodoxen Kirche nicht vertreten wird und von der Reformation zurückgewiesen wurde. Interessant ist, dass sogar ein Kardinal Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) und andere bedeutende Theologen sich sehr stark von dem zurückzogen, was die katholische Kirche lange Zeit dazu lehrte. Mit dieser Lehre geht aber auch der Glaube einher, dass die „Heiligen“ bereits im Himmel sind und alle anderen … eben halt noch nicht.

    Diese Vorstellung stellt N. T. Wright in vier Punkten in Frage.

    1. Die mehrheitliche Lehrmeinung aller orthodoxen Theologen ist, dass die Auferstehung noch nicht stattgefunden hat. Auferstehung ist nicht dassselbe wie Leben nach dem Tod; sie bezeichnet das Leben nach dem Leben nach dem Tod.

    2. Das Neue Testament enthält keinen Grund zur Annahme, dass es irgendwelche unterschiedlichen Kategorien von Christen im Himmel gibt, während sie auf die Auferstehung warten.

    3. N. T. Wright „glaubt nicht an das Fegefeuer als einen Ort, eine Zeit oder einen Zustand. Das Fegefeuer war in jedem Fall eine späte westliche Erfindung, die keine biblische Grundlage hat, und ihre angeblichen theologischen Grundlagen werden nun, wie wir sahen, sogar von führenden römisch-katholischen Theologen infrage gestellt.“

    4. „Ich gelange damit viertens zu folgender Ansicht: Alle verstorbenen Christen sind substanziell im gleichen Zustand, im Zustand erholsamen Glücks.“ (S. 201) „Allerdings finde ich weder im Neuen Testament noch in den ganz frühen Kirchenvätern irgendeinen Hinweis darauf, dass diejenigen, die gegenwärtig im Himmel oder (wer das bevorzugt) im Paradies sind, aktiv damit beschäftigt sind, für uns hier in diesem Leben zu beten.“ (S. 202) „Insbesondere sollten wir der mittelalterlichen Vorstellung mit Argwohn begegnen, dass die Heiligen wie Freunde bei Hofe fungieren: Wir scheuen uns zwar, uns dem König selbst zu nahen, aber wir kennen jemanden, der sozusagen einer von uns ist, zu dem wir offen reden können und der vielleicht ein gutes Wort für uns einlegt.“ (S. 202)

    Was N. T. Wright vermutlich nicht weiß, ist, wie sehr bei den Zeugen Jehovas die sogenannten ‚Gesalbten‘, der sogenannte ‚Überrest der 144.00‘, die sich selbst als die Heiligen betrachten, genau diese Rolle heute und in Zukunft einfordern. Alle anderen Zeugen Jehovas – die sogenannten ‚anderen Schafe‘ – werden nur überleben und leben, wenn sie dieser Gruppe von Heiligen gehorchen und sie ehren.

    Mit der Vorstellung einer Hölle verhält es sich nicht anders. „Das Wort Hölle beschwört Bilder herauf, die stärker von der mittelalterlichen Bilderwelt als von den frühchristlichen Schriften geprägt ist.“ (S. 204) „Das gebräuchlichste neutestamentliche Wort, das manchmal mit Hölle übersetzt wird, ist Gehenna. Gehenna war ein Ort, nicht bloß eine Vorstellung: Es war die Müllhalde außerhalb der südwestlichen Ecke der Jerusalemer Altstadt. Bis zum heutigen Tag befindet sich an dem Ort ein Tal mit Namen Ge Hinnom“. Diese Wort steht auch im Urtext zum Beispiel Lukas 12:5, wird aber gerne mit Hölle übersetzt: „Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der, nachdem er getötet hat, die Macht hat, in die Hölle Gehenna zu stossen. Ja, ich sage euch: Den fürchtet!“ (Züricher) Was Jesus aber an dieser und anderen Stellen immer wieder betont ist, „dass zählt, was auf der Erde geschieht, nicht irgendwo anders.“ (S. 205) Und daher sagte er nach Lukas 13:3 „Nein, sage ich euch; aber wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.“ (Züricher)

    Auch das Gleichnis – Gleichnis! – von Abraham und Lazarus sagt nichts über eine Hölle aus. „Die Szene mit Abraham, dem reichen Mann, und Lazarus wörtlich zu nehmen, ist ungefähr so sinnvoll, wie der Versuch, den Namen des verlorenen Sohnes ausfindig zu machen. Jesus hat einfach nicht viel über das zukünftige Leben gesagt; immerhin war er in erster Linie darum besorgt, das Kommen von Gottes Königreich anzukündigen, „wie im Himmel , so auf Erden.“ (S. 206) Wenn wir bedenken, dass Jesus hier Juden zurechtwies, überrascht es ja nicht, dass er gerade Abraham anführte, den sie doch als ihren Vater ansahen.

    Andererseits ist diese Hoffnung vielleicht für manchen überraschend, weil sie keine Allversöhnung oder ein liberales Hinwegsehen über alle Sünde und das Böse beinhaltet. Auch wenn wir in den Übersetzungen von 1. Timotheus 2:4 durchgängig finden, dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden, indem sie die Wahrheit erkennen.“ (NEÜ). So entspricht diese Übersetzung einer Überzeugung, aber nicht dem Text des Neuen Testaments. Aus vielen Abschnitten des Neuen Testaments geht klar hervor, „dass er nicht „alle einzelnen Menschen“ meint, sondern „alle Arten von Menschen.““ (S. 213). Zum Beispiel sagt Paulus klar:

    Den anderen aber, die nur an sich selbst denken und sich weigern, der Wahrheit zu gehorchen, stattdessen aber dem Unrecht gehorsam sind, gilt sein grimmiger Zorn.

    Römer 2:8 NEÜ

    Auch in der Johannes-Offenbarung sieht man in der Beschreibung des neuen Jerusalem in Kapitel 21 und 22 klar, dass einige Kategorien von Menschen draußen bleiben. Bevor wir aber vorschnell „ein Bild von zwei schönen und ordentlichen Kategorien im Kopf haben, sollten wir auch daran denken, dass der Fluss des Wassers des Leben aus der Stadt heraus fließt; dass auf jeder Seite der Baum des Lebens wächst, und zwar kein einzelner Baum, sondern sehr viele; und dass „die Blätter der Bäume zur Heilung der Nationen“ sind. Dies ist ein großes Geheimnis, dem all unser Reden über Gottes letztendliche Zukunft Platz einräumen muss. Damit soll auf keinen Fall die Wirklichkeit des Endgerichtes über diejenigen bezweifelt werden, die resolut Götzen angebetet und dem gedient haben, was uns entmenschlicht und Gottes Welt entstellt. Es soll nur gesagt werden, dass Gott immer ein Gott der Überaschungen ist.“ (S. 213)

    Fazit

    Fürwahr, wir sind „von Hoffnung überrascht“ worden. Zumindest ging es mir in manchen Punkten so. Da N. T. Wright aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung schöpft und dies mit vielen Beispielen belegt, ist das gewiss für die meisten Christen so.

    Aufgrund meiner persönlichen Lebensgeschichte als jemandem, der in der Religion der Zeugen Jehovas aufgewachsen ist, Jahrzehnte ‚vorbildlich gedient hat‘ und schließlich bewußt aus dieser Kirche ausgetreten ist, ist mir klar, dass diese Hoffnung auch für viele ehemalige Zeugen Jehovas überraschend sein wird.

    Was viele ehemalige Zeugen Jehovas verabeiten müssen, sind nicht nur die Folgen der Indoktrination und die Behandlung durch die Führung und Mitglieder dieser Sekte. Und auch nicht nur die Erkenntnis, dass viele für Zeugen Jehovas spezifische Lehren Erfindungen von Menschen waren, die keine Basis in der Bibel haben. Lehren, welche immer mehr von der aktuellen ‚Leitenden Körperschaft‘ der Zeugen Jehovas aufgegeben, aufgeweicht oder verschwiegen werden.

    Vielleicht am schwierigsten ist es für ehemalige Zeugen Jehovas, die Bibel ganz neu zu lesen und auch Erkenntnisse zu akzeptieren, in denen die Aussagen und Lehren ihrer früheren Religion doch nicht ganz falsch lagen. Wahrscheinlich hast du geglaubt, dass du als ‚anderes Schaf‘ eine irdische Hoffnung hast und nur mit größter Anstrengung Harmagedon überleben kannst und nach 1000 Jahren und noch einer weiteren Schlussprüfung dann ewig auf der Erde leben kannst. Ok, die wenigen ‚gesalbten Glieder des Überrest‘ haben es einfacher – sie sterben und sind nach der Lehre der Zeugen Jehovas gleich im Himmel mit Super-Power und Unsterblichkeit ausgestattet. Dann hast du erkannt, dass das ein Schwindel war. Es gibt im Neuen Testament nur eine Hoffnung für alle Christen. Und damit warst du der Meinung, dass du wie alle ‚Kinder Gottes‘ in den Himmel kommst – so wie die 144.000 der Zeugen Jehovas oder alle Katholiken und Protestanten. Nun bist du von ‚der Hoffnung überrascht‘ worden, dass das mit dem Himmel vielleicht doch nichts wird. Oder zumindest ganz anders, als du gedacht hast.

    Wenn du als ehemaliger Zeuge Jehovas erkennst, welche Lehren der Zeugen Jehovas nicht auf der Bibel beruhen sondern ein Schwindel sind, bist du erst auf halbem Weg. Das Glaubens-Haus ist eingestürzt und weitgehend abgerissen. Nun geht es darum, deinen Glauben aufzubauen. Es ist nicht einfach, etwas Neues zu lernen. Noch schwieriger ist es, etwas Falsch-Gelerntes zu korrigieren. Mit dieser Serie möchte ich dazu einen Beitrag leisten.

    Die Dinge neu zu durchdenken ist für jeden für uns eine wichtige Aufgabe. Daher enthält N. T. Wrights Buch noch einen dritten Teil: Auferstehung und der Auftrag der Kirche. Diesen werde ich aber in dieser Serie nicht mehr betrachten. Dazu wünsche ich dir viel Freude beim Lesen und Nachdenken.

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 7

    Von Hoffnung überrascht – Teil 7

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Jesus, der kommende Richter

    Ein anderer – für manchen auch überraschende – Aspekt der Hoffnung ist dies: „Das Bild von Jesus als kommendem Richter ist das zentrale Merkmal einer anderen, absolut entscheidenden und nicht verhandelbaren christlichen Glaubensüberzeugung: dass es in der Tat ein Gericht geben wird, in dem der Schöpfergott die Welt ein für alle Mal ins Lot bringen wird.“ (S. 167) Auch hier müssen wir aufpassen, dass wir mit dem Begriff „Gericht“ nicht das verbinden, was wir heute Gericht nennen und damit verbinden. Der biblische Kontext des Begriffs „Gericht“ ist entscheidend und der ist nicht Verurteilung, sondern eine durchgängig gute Sache, wie wir es auch in den Psalmen finden: Alles jubelt, weil Gott die Dinge zum Guten bringt.

    Die ersten Jünger Jesu waren nach der Auferstehung Jesu davon überzeugt, dass er der Messias ist. „Ihr Glaub an Jesu Messianität könnte ein entscheidender Faktor für das Aufkommen des Glaubens an sein letztendliches Kommen als Richter gewesen sein. Dieser Glaube ist zur der Zeit, als Paulus auftrat, bereits sicher etabliert.“

    Hier zeigt sich eine weitere, weit verbreitete aber falsche Annahme über die Lehren des Paulus: „Weil Paulus Rechtfertigung aus Glauben lehrte, nicht aus Werken, ist keine Raum für ein zukünftiges Gericht „nach Werken“. Doch das zeigt nur, wie sehr ihn viele Menschen missverstanden haben.

    Das zukünftige Gericht nach Werken, ein Gericht, das Jesus auf seinem „Richterstuhl“ halten wird, wird ganz klar z. B. in Römer 14:9-10; 2. Korinther 5:10 und answerswo gelehrt. …. Dieses Bild vom zukünftigen Gericht nach Werken ist in der Tat die Grundlage der paulinischen Theologie der Rechtfertigung aus Glauben.

    Rechtfertigung aus Glauben ist das, was in der gegenwärtigen Zeit geschieht, in Erwartung des Urteils des zukünftigen Tages, an dem Gott die Welt richten wird. Sie ist Gottes vorweggenommene Deklaration, dass die Person, die an das Evangelium glaubt, bereits jetzt ein Mitglied seiner Familie ist, egal ihre Eltern waren, dass ihre Sünden aufgrund des Todes Jesu vergeben sind und das es an jenem zukünftigen Tag, wie Paulus sagt, „keine Verdammnis gibt“ (Römer 8:1).

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 169, 170

    Das dürften jetzt erst einmal genug interessante Gedanken gewesen sein, über die man in Ruhe nachdenken sollte. Vielleicht bist auch du jetzt „von Hoffnung überrascht“. Und das wird vermutlich im Folgenden nicht weniger der Fall sein, wenn es um die Erlösung unseres Körpers, das Fegefeuer, Paradies und die Hölle gehen wird.

    Die Erlösung unseres Körpers

    Was geschieht nach dem Tod? Die Ansichten der Menschen – selbst der Christen – gehen weit auseinander. Doch die Hoffnung im Neuen Testament ist kristallklar, wenn auch vielleicht überraschend:

    Doch nicht nur dies; nein, auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe empfangen haben, auch wir seufzen miteinander und warten auf unsere Anerkennung als Söhne und Töchter, auf die Erlösung unseres Leibes.

    Römer 8:23 Züricher

    Was soll daran überraschend sein? Lies den Text bitte noch einmal genau. Welche Vorstellung hattest du? Diese: „wir warten auf die Erlösung unseres Leibes“. Oder doch diese: „wir warten auf die Erlösung von unserem Leib“? Das steht aber gar nicht im Text! In diesem Text sagt Paulus eben nicht, dass wir vom Leib erlöst werden, sondern dass unsere Leiber erlöst werden. Überraschung!

    N. T. Wright betrachtet dazu in Kapitel 10 viele Passagen des Neuen Testaments. Ich möchte hier nur wenige aufgreifen. Wer mehr wissen möchte, dem empfehle ich das Buch in Ruhe zu lesen.

    „Die klarste und stärkste Passage, die oft ignoriert wird, ist Römer 8:9-11“ (S. 178):

    Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn wirklich Gottes Geist in euch wohnt; wer aber den Geist des Christus nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn aber der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird derselbe, der Christus aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

    Römer 8:9-11 Schlachter 2000

    Doch wie ist dann Jesu Aussage gemäß Johannes 14:2 zu verstehen?

    Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, dann hätte ich es euch gesagt. Ich gehe jetzt voraus, um dort einen Platz für euch vorzubereiten.

    Johannes 14:2 NEÜ

    Das wird ja oft so verstanden, dass man nach dem Tod in den Himmel kommt, wo Jesus schon für einen Platz gesorgt hat. Wir dürfen aber die Texte nicht mit unserer Auffassung der deutschen Wörter lesen. „Das Wort für „Wohnungen“ an dieser Stelle, monai, wird überlicherweise im Griechischen nicht für einen endgültigen Ruheplatz verwendet, sondern für einen kurzen Halt auf der Reise, die dich auf lange Sicht woanders hinführt.“ (S. 179)

    „Dies passt gut zu Jesu Worten an den sterbenden Verbrecher im Lukasevangelium: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Trotz einer langen Tradition des Missverständnisses ist das Paradies hier wie auch in einigen anderen jüdischen Schriften kein endgültiger Bestimmungsort, sondern der glückselige Garten, die Parklandschaft der Ruhe und Stille, wo die Toten erfrischt werden, während sie den Anbruch des neues Tages erwarten. Der Hauptpunkt des Satzes liegt in dem scheinbaren Kontrast zwischen der Bitte des Verbrechers und der Erwiderung Jesu: „Erinnere dich an mich“, so sagt er, „wenn du in dein Königreich kommst“, wobei er impliziert (ob ironisch oder nicht ist jetzt nicht von Belang), dass das in einer weit entfernten Zukunft sein wird. Jesus bringt diese Zukunftshoffnung in die Gegenwart, wobei er natürlich andeutet, dass das Königreich mit seinem Tod in der Tat kommt, auch wenn es nicht so ausseht wie das, was man sich vorgesetellt hatte. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Es wird natürlich noch eine zukünftige Vollendung geben, die die ultimative Auferstehung beinhaltet; Lukas’ theologisches Gesamtverständnis lässt daran keinen Zweifel. Jesus wurde schließlicht nicht „heute“ auferweckt, also am Karfreitag. Lukas muss Jesus so verstanden haben, dass er auf einen Zustand des Seins-im-Paradies verwies, der für ihn und den sterbenden Mann neben ihm sofort, am selben Tage, wahr werden würde – mit anderen Worten: vor der Auferstehung. Mit Jesus ist die Zukunftshoffnung in die Gegenwart vorgerückt. Für diejenigen, die im Glauben sterben, vor jener letztendlichen Auferweckung, besteht die zentrale Verheißung darin, sofort „bei Jesus“ zu sein. „Mein Verlangen ist es, zu sterben“, schrieb Paulus, „und bei Christus zu sein, was viel besser ist.““ (S. 179,180)

    In Bezug auf den 1. Petrusbrief hebt N. T. Wright hervor, was wir uns beim Begriff „Seele“ vorstellen müssen: „Das Wort psyche scheint sich hier wie das Hebräische nephesch nicht auf einen unkörperlichen inneren Teil des Menschen zu beziehen, sondern auf das, was wir die Person oder sogar die Persönlichkeit nennen können.“ (S. 181)

    Denn die Übersetzungen haben hier oft für Verwirrung gesorgt, wie auch in 1. Korinther 15:44

    Gesät wird ein natürlicher Leib, auferweckt wird ein geistlicher Leib. Wenn es einen natürlichen Leib gibt, dann gibt es auch einen geistlichen.

    1. Korinther 15:44 Züricher

    „Mehrere gängige Übersetzungen, insbesondere die Revised Standard Version und ihre Ableger, übersetzen Paulus’ Schlüsselbegriffe mit „ein physischer Körper“ und „ein geistlicher Körper“. Schon im Hinblick auf die griechischen Wörter, die Paulus benutzt, kann das nicht stimmen. Die technischen Argumente sind überwältigend und eindeutig. Der Kontrast besteht zwischem dem gegenwärtigen Körper, der vergänglich, verweslich und zum Sterben verurteilt ist, und em zukünftigen Körper, der unvergänglich, unverweslich ist und niemals sterben wird. Die Schlüsselajektive, die in Diskussionen dieses Themas endlos zitiert werden, verweisen nicht auf einen physischen Körper und einen nicht physischen Körper. Doch genau so werden Menschen in unserer Kultur die Wörter physisch und geistlich hören.

    Das erste Wort, psychikos, bedeutet auf keinen Fall so etwas wie „physisch“ in unserem Sinne. Für Griechisch sprechende Menschen zur Zeit des Paulus bezeichnete das Wort psych, von dem das Wort stammt, die Seele, nicht den Körper.

    Doch der tiefer gehende, unterschwellige Punkt besteht darin, dass Adjektive dieser Art, griechische Adjektive, die auf ikos enden, nicht das Material beschreiben, aus dem die Dinge gemacht werden, sondern die Kraft oder Energie, die diese Dinge belebt. Es geht um den Unterschied zwischen der Frage: „Ist dies ein hölzernes oder eisernes Schiff?“ (das Material, aus dem es geamcht ist) und der Frage: „Ist dies ein Dampfschiff oder ein Segelschiff?“ (die Energie, die es antreibtI. Paulus redet vom gegenwärtigen Körper, der von der normalen menschlichen psyche belebt wurde (die Lebenskraft, die wir alle hier und jetzt besitzen, die uns im gegenwärtigen Leben über die Runden bringt, die aber letztendlich gegen Krankheit, Verletzung, Verfall und Tod machtlos ist), und er redet vom zukünftigen Körper, der von Gottes pneuma belebt wird, Gottes Atem des neuen Lebens, die treibende Kraft der neuen Schöpfung Gottes.“ (S. 184, 185)

    In diesem Sinne können „Fleisch und Blut das Königreich Gottes nicht erben“. „„Fleisch und Blut“ ist ein Fachbegriff für das, was vergänglich ist, vorübergehen und dem Tode entgegengeht.“ (S. 185)

    Ich denke, es wird immer klarer, warum der Titel des Buches lautet: Von Hoffnung überrascht.

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 6

    Von Hoffnung überrascht – Teil 6

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Wenn er kommt

    Wie unterschiedliche die christlichen Glaubensrichtungen auch sein mögen, so haben Gläubige doch oft den Wunsch, hin zu Jesus zu gehen. Die Hauptwahrheit, auf der die frühen Christen immer wieder bestanden, ist jedoch, dass Jesus zu uns zurückkommt.

    Kommen, Erscheinen, Offenbaren und die königliche Gegenwart

    Interessanterweise ist der Begriff des ‚zweiten Kommens‘ oder der ‚Wiederkunft Christi‘ heute oft Gegenstand der Diskussion, obwohl dieser Begriff nur sehr selten im Neuen Testament vorkommt.

    Daher mag es für manchen überraschend sein, zu hören, dass „trotz der weitverbreiteten gegenteiligen Meinung Jesus während seines irdischen Wirkens nichts zu seiner Wiederkunft sagte.“ (S. 154)

    ‚Moment mal‘, magst du denken und auf Texte wie Markus 13:26 verweisen wollen: „Dann werden sie den Menschensohn in Wolken kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit.“ (NEÜ) Oder Markus 14:62 „“Ich bin es!“, erwiderte Jesus. „Und ihr werdet den Menschensohn sehen, wie er an der rechten Seite des Allmächtigen sitzt und mit den Wolken des Himmels kommt.““ Aber hier zitiert Jesus aus Daniel 7. Daher spricht Jesus hier nicht von seiner Wiederkunft sondern seiner Rehabilitierung nach dem Leiden. „Das „Kommen“ ist eine Aufwärtsbewegung, keine Abwärtsbewegung. In ihrem Kontext bedeuten die Schlüsseltexte: Obwohl Jesus in seinen Tod geht, wird er durch Ereignisse rehabilitiert werden, die danach stattfinden.“ (S. 154) Und so hat es auch die frühe Kirche gesehen.

    Und was ist mit den Gleichnissen von einem König, der weggeht, seinen Untertanen es überässt, in seiner Abwesenheit zu wirtschaften bis er wiederkommt? Auch wenn diese Gleichnisse auch schon früh so ausgelegt wurden, so „gehören sie in die jüdische Welt des ersten Jahrhunderts, in der jedermann dieses Gleichnis als Geschichte über Gott selbst gehört haben wird, der zur Zeit des Exils Israel und den Tempel verlassen hatte und der endlich zurückkehrte, wie es die nach-exilischen Propheten gesagt hatten, zurück nach Israel, zurück zum Zion, zurück zum Tempel. … In ihrer ursprünglichen Situation … handeln sie nicht vom zweiten Kommen Jesu, sondern seinem ersten.“ (S. 155)

    Auch wenn Jesus nicht über seine Wiederkunft gelehrt hat, bedeutet das aber natürlich nicht, dass es nicht wahr ist. Bei dieser Thematik ist es besonders wichtig, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Wir müssen aufpassen, weil die Gleichnisse nicht ganz auf die Wiederkunft passen.

    Wenn die Texte, die vom „Kommen des Menschensohnes auf Wolken“ sprechen, auf das Jahr 70 n. Chr. verweisen, was sie meiner Argumentation zufolge (zum Teil) tun, dann heitß das nicht, dass 70 n. Chr. das „zweite Kommen“ war , weil die „Menschensohn“-Texte überhaupt keine Texte über die Wiederkunft sind.“

    Die Wiederkunft Christi hat noch nicht stattgefunden.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 156

    Wenn wir aber in Jesu Worten in den Evangelien nichts von der Wiederkunft Jesu lesen, woher kommt dann diese Lehre? Aus dem Rest des Neuen Testaments nach Jesus Auferstehung: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird genauso wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.“ (Apostelgeschichte 1:11 NEÜ)

    Insbesondere in den Briefen des Paulus finden wir Gedanken zur Wiederkunft Jesus. Und bei auch ein griechisches Wort, das sowohl Laien wie auch Gelehrte in die Irre geführt hat: parousia. „Es wird üblicherweise mit ‚Kommen‘ übersetzt, aber wörtlich bedeutet es ‚Gegenwart‘ – also Anwesenheit im Gegensatz zu Abwesenheit. Es erscheint in zwei Schlüsselabschnitten bei Paulus (1. Thessalonicher 4:15 und 1. Korinther 15:2,3).

    Insbesondere 1. Thessalonicher 4:17 hat die Phantasie beflügelt: „ Danach werden wir, die noch am Leben sind, mit ihnen zusammen in Wolken fortgerissen werden zur Begegnung mit dem Herrn in der Luft. Und dann werden wir für immer bei ihm sein.“ (NEÜ) Aber da steht doch gar nichts davon, dass Menschen nach der ‚Begegnung‘ in den Himmel kommen!

    Tatsächlich hatte parousia in der nicht-christlichen Welt damals zwei Bedeutungen.

    Die erste war die mysteriöse Gegenwart einer Gottheit. „Josephus benutzt dieses Wort manchmal, wenn er davon spricht, dass JHWH kommt, um Israel zu retten.“ (S. 158)

    „Die zweite Bedeutung taucht auf, wenn eine hochrangige Persönlichkeit einem unterworfenen Staat einen Besuch abstattet, insbesondere, wenn der König oder Erobeer eine Kolonie oder Provinz besucht. Das Wort für solch einen Besuch lautet königliche Gegenwart: auf Griechisch, parousia.“ (S. 158)

    „Es sei angemerkt, dass wir in keinem dieser Kontexte auch nur die geringste Andeutung finden, dass irgendjemand auf einer Wolke umherfliegt. Es gibt auch keinerlei Hinweis auf den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch oder die Zerstörung des Universums.“ (S. 158)

    Was wollten Paulus und der Rest der frühen Kirche sagen?

    Dass Jesus, den sie anbeteten, im Geiste nahe war, aber körperlich abwesend, dass er aber eines Tages körperlich gegenwärtig sein würde und dass dann die ganze Welt, sie selbst inbegriffen, die plötzliche transformierende Kraft dieser Gegenwart erkennen würde.

    Ein Wort, welches sich dafür ganz natürlich anbietet, wäre parousia.

    Sie wollten sagen, dass Jesus, der von den Toten auferweckt und zur Rechten Gottes erhöht worden war, der rechtmäßige Herr der Welt war, der wahre Herrscher, vor dem alle anderen Herrscher erzittern würden und vor dem sie ihre Knie ängstlich und staunend beugen würden.

    Und sie wollten sagen: So, wie der Kaiser eines Tages eine Kolonie wie Philippi oder Thessaloniki oder Korinth besuchen könnte (der normalerweise abwesende, aber herrschende Machthaber, der nun persönlich erscheint und herrscht), so würde eines Tages der abwesende, aber herrschende Herr der Welt erscheinen und perönlich innerhalb dieser Welt herrschen, mit allen Konsequenzen, die das hätte.“

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 158

    1. Thessalonicher 4 erklärt N. T. Wright in seinem Buch viel detailreicher. Betrachten wir nochmal 1. Thessalonicher 4:16-17:

    Denn der Herr selbst wird beim Erschallen des Befehlswortes, bei der Stimme des Erzengels und der Posaune Gottes vom Himmel herabsteigen. Und die, die in Christus gestorben sind, werden zuerst auferstehen, danach werden wir, die wir noch am Leben sind, mit ihnen zusammen hinweggerissen und auf Wolken emporgetragen werden in die Höhe, zur Begegnung mit dem Herrn. Und so werden wir allezeit beim Herrn sein.

    1. Thessalonicher 4:16-17 Züricher

    Vor allem soll zuerst nochmals betont werden, dass dieser Text klar sagt, dass die Auferstandenen nicht im Himmel auf Jesus treffen. Das wir aus dem letzten Teil des Verses abgeleitet, denn der Herr wird doch im Himmel sein. Aber das sagt dieser Text nicht aus. „Der Punkt, der im Blick auf diese kniffligen Verse vor allem zu beachten ist, besteht darin, dass sie nicht als wörtliche Beschreibung dessen zu verstehen sind, was laut Paulus passieren wird. Sie sind schlicht eine andere Art, das auszudrücken, was Paulus in 1. Korinther 15:23-27 und 51-54 sowie in Philipper 3:20-21 sagt.“ Wo die Züricher Übersetzung in 1. Thessalonicher 4:17 „hinweggerissen“ sagt, verwendet Paulus in 1. Korinther 15:51 den Begriff „transformiert“, in der Züricher als „verwandelt“ übersettzt. Auch in Philipper 3:21 wir von dieser Transformation als „verwandeln“ gesprochen.

    Interessant ist, dass in Philipper 3:20 in der Züricher so übersetzt wird: „Denn unsere Heimat ist im Himmel; von dort erwarten wir auch als Retter den Herrn Jesus Christus“. Kein Wunder, wenn dann jemand meint, dass er in den Himmel kommt. Aber diese Übersetzung gibt leider eine religiöse Überzeung und nicht den Urtext wieder. Im Urtext steht hier πολίτευμα (politeuma), was Bürgerrecht bedeutet: „Doch wir haben unser Bürgerrecht im Himmel.“ übersetzt die NEÜ korrekt.

    Was wollte Paulus damit sagen? Eine wörtliche Beschreibung war es bestimmt nicht, denn im nächsten Kapitel 1. Thessalonicher 5 spricht er davon, „dass der Dieb in der Nacht kommen wird, sodass die Frau Wehen haben wird, sodass du dich nicht betrinken sollst, sondern wach bleiben und die Waffenrüstung anlegen musst.“ (S. 161) Wenn das Methaphern sind, dann haben wir es auch in Kapitel 4 mit einer Metapher zu tun.

    Und zwar sogar drei Geschichten in einer Metapher. Paulus war gut darin, Dinge so kompakt zu vernküpfen. Paulus verknüpft hier die Geschichte von Moses, wie er vom Berg herabkommt (auch hier erschallt eine Trompete). Das verknüpft er mit Daniel 7. Und dazu kommt noch eine Situation aus dem Leben der Philipper.

    Wenn der Kaiser eine Kolonie oder Provinz besuchte, dann würde die Bürger der Stadt losgehen und ihm in einiger Entfernung vor den Toren der Stadt begegnen. Es wäre respektlos, würde man ihn tatsächlich am Stadttor ankommen lassen, als ob seine Untertanen keine Lust hätten, ihn angemessen zu begrüßen. Wenn sie ihn trafen, dann blieben sie nicht draußen auf dem offenen Feld; sie würden ihn königlich bist in die Stadt begleiten. Wenn Paulus von der „Begegnung“ mit dem Herrn „in der Luft“ spricht, dann geht es gerade nicht darum, dass die geretteten Gläubigen irgendwo in der Lauft schweben bleiben, von der Erde entfernt, wie wir es in der populären Entrückungstheologie finden. Es geht um Folgendes: Nachdem sie herausgegangen sind, um ihrem Herrn zu begegnen, werden sie ihn königlich in seinen Herrschaftsbereich begleiten, also zurück dan den Ort, von dem sie kommen.

    Selbst wenn wir feststellen, dass es sich hier um eine bedeutsame Metapher handelt, nicht um eine wörtliche Beschreibung, ist die Bedeutung dieselbe wie in der Parallelstelle in Philipper 3:20. Wie die Philipper wussten, bedeutete „Bürger des Himmels“ zu sein nicht, dass man erwartete, in die Heimatstadt zurückzukehren, sondern dass man erwartete, dass der Herrscher aus der Heimatstadt kam, um der Kolonie ihre volle Würde zu geben, um sie – wenn nötig – zu retten, um Feinde zu besiegen und alles ins Lot zu bringen.

    Die Wirklichkeit, auf die die Rhetorik verweist, ist diese: Jesus wird persönlich gegenwärtig sein, die Toten werden auferweckt werden, und die dann lebenden Christen werden transformiert werden.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 162

    Und so überrascht es dann auch nicht mehr, wenn am Ende des 1. Korinther Briefes plötzlich ein aramäischer Ausdruck erscheint. Wohlgemerkt, ein aramäischer Ausdruck im griechischen Text. Manche Übersetzungen lassen ihn stehen, und man versteht gar nicht, was damit gemeint ist. In 1. Korinther 16:22 finden wir „Marána thá – Unser Herr, komm!“ (Einheitsübersetzung 2016), was auf die sehr frühe aramäisch sprechende Kirche zurückgeht.

    In Kolosser 3:4 verwendet Paulus übrigens das Wort „erscheinen“ und nicht „kommen“. „Jesus muss nicht wie ein Raumfahrer vom Himmel herabschweben. … Wenn Himmel und Erde auf die neue Weise verbunden werden, die Gott verheißen hat, dann wir Jesus uns erscheinen – und wir werden ihm erscheinen und auch uns gegenseitig, und zwar in usnerer eigenen wahrhaftigen Identität.“ (S. 164)

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 5

    Von Hoffnung überrascht – Teil 5

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Jesus, der Himmel und die neue Schöpfung

    1. Himmelfahrt

    Für die Nachfolger Jesu im ersten Jahrhundert waren die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu zwei völlig verschiedene Dinge: „Jesus sagt zu ihr: Fass mich nicht an! Denn noch bin ich nicht hinaufgegangen zum Vater.“ (Johannes 20:17 Züricher). Und auch Paulus unterscheidet das (Römer 8:34; Epheser 1:20,2:6).

    Wenn in Johannes 20:17 von „hinaufgegangen“ gesprochen wird, dann müssen wir das jedoch im Kontext der biblischen Kosmologie verstehen:

    Grundsätzlich gilt: Himmel und Erde sind in der biblischen Kosmologie nicht zwei unterschiedliche Orte innerhalb desselben Kontinuums aus Raum oder Materie. Sie sind zwei unterschiedliche Dimensionen der guten Schöpfung Gottes.

    Der Himmel steht indirekt mit der Erde in Beziehung, sodass jemand, der im Himmel ist, gleichzeitig überall auf der Erde gegenwärtig sein kann. Daher bedeutet die Himmelfahrt, dass Jesus verfügbar und zugänglich ist, ohne dass man zu einem bestimmten Ort auf Erden reisen muss, um ihn zu finden.

    Der Himmel ist sozusagen der Kontrollraum für die Erde; er ist das Büro des Geschäftsführers, der Ort, von dem aus alle Anweisungen ausgehen. „Mir ist alle Macht gegeben“, sagte Jesus am Ende des Matthäusevangeliums, „im Himmel und auf Erden.“

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139

    Gemäß dem Text des neuen Testaments, ist Jesus also eben nicht bei seiner Auferstehung in den Himmel gekommen und auch nicht seine Seele. Welche Vorstellung vermittelt der Text des Neuen Testaments?

    Die Vorstellung vom Menschen Jesus, der jetzt im Himmel ist, in seinem durch und durch verkörperten Auferstehungszustand, ist für viele Menschen ein Schock, auch für viele Christen.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139

    Warum das so ist, erklärt er gleich danach:

    Manchmal liegt das daran, dass viele Menschen meinen, Jesus sei göttlich gewesen, hätte dann aufgehört, göttlich zu sein, und sei Mensch geworden, um dann nach einer Weile des Menschseins wieder aufzuhören, Mensch zu sein, um in den göttlichen Existenzmodus zurückzukehren (das ist zumindest das, was Christen nach Meinung vieler Menschen angeblich glauben).

    Häufiger liegt das jedoch daran, dass unsere Kultur derart stark an die platonische Vorstellung gewähnt ist, dass der Himmel per Definition ein Ort „geistlicher“, nicht materieller Wirklichkeit ist, sodass ihnen die Vorstellung von einem richtigen Körper, der nicht nur im Himmel gegenwärtig, sondern dort durch und durch zu Hause ist, wie eine Verwechslung von Kategorien, also philosophisch definierten Zustandsformen, vorkommt.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139

    Und wenn jetzt auch du überrascht bist: „Die Himmelfahrt lädt uns ein, all diese Dinge neu zu durchdenken; und überhaupt: Warum haben wir angenommen, wir wüssten, was der Himmel ist?“ (N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 139)

    So durchdacht macht der Gedanke der Wiederkunft Christi Sinn:

    Doch das Neue Testament besteht im Gegenteil darauf, dass derjenige, der in den Himmel gegangen ist, wiederkommen wird. In den Evangelien oder in der Apostelgeschichte fällt nirgendwo auch nur entfernt ein Satz wie folgender: „Jesus ist in den Himmel gegangen, also lasst uns sicherstellen, dass wir ihm dahin folgen.“ Vielmehr heißt es: „Jesus ist im Himmel, er regiert die Welt, und er wird eines Tages wiederkommen, um seine Herrschaft in Vollkommenheit aufzurichten.“

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 145

    2. Was hat es mit der Wiederkunft Christi auf sich?

    Steuern wir jetzt auf Vorstellungen zu, wie sie sich seit den milleniaristischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts weit verbreitet haben? Dahinter verbirgt sich ja oft die Vorstellung, dass Jesus seit fast 2000 Jahren irgendwie ‚weg‘ war und dann in einer dramatischen Endzeit wiederkommt. Und dass „diese Wiederkunft teil eines Szenarios ist, in dem die gegenwärtige Welt dem Untergang geweiht ist, während die wenigen Erwählten in den Himmel fortgerissen werden.“ (S. 148)

    Wir haben jedoch schon gesehen, dass diese Vorstellung nicht mit der biblischen Kosmologie und der Vorstellung im ersten Jahrhundert übereinstimmt, die wir im Neuen Testament finden. Schon in den Psalmen hatte das Richten der Welt eine positive Bedeutung: „Für Gott bedeutet das Richten der Welt, dass er sie am Ende ins Lot bringen wird, dass er sie in Ordnung bringt und damit nicht nur ein allseitiges erleichterndes Aufatmen hervorruft, sondern Jubelrufe von Bäumen und Felder, vom Meer und den Fluten.“ (Psalm 96, Psalm 98)

    Was ist dann mit Eschatologie gemeint?

    Das Wort Eschatologie, das wörtlich „die Lehre von den letzten Dingen“ bedeutet, verweist nicht nur auf Tod, Gericht, Himmel und Hölle, wie üblicherweise gedacht (und wie das Wort in vielen Wörterbüchern immer noch definiert wird). Der Begriff verweist auch auf den leidenschaftlich festgehaltenen Glauben der meisten Juden des 1. Jahrhunderts und fast aller frühen Christen, dass die Geschichte unter der Leitung Gottes in eine bestimmte Richtung ging, und dass diese Richttung in der neuen Welt Gottes bestand, der Welt der Gerechtigkeit, Heilung und Hoffnung. Der Übergang von der gegenwärtigen Welt zur neuen Welt würde keine Sache der Zerstörung des gegenwärtigen raum-zeitlichen Universums sein, sondern eine Sache der radikalen Heilung dieses Universums.

    Wenn ich (und viele andere) also das Wort Eschatologie benutze, dann meinen wir damit nicht einfach die Wiederkunft Christi und noch weniger eine bestimmte Theorie über diese Wiederkunft; wir meinen vielmehr die gesamte Bedeutung der Zukunft Gottes für die Welt und wir meinen den Glauben, dass diese Zukunft bereits begonnen hat, um uns in der Gegenwart zu begegnen.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 151
  • Von Hoffnung überrascht – Teil 4

    Von Hoffnung überrascht – Teil 4

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Die merkwürdige Ostergeschichte

    Wie am Ende des letzten Teils angekündigt, wollen wir uns nur kurz damit befassen, warum wir den Berichten in den Evangelien über die Auferstehung Jesu Glauben schenken können.

    Zum einen argumentiert N. T. Wright, dass Diskrepanzen an der Oberfläche nicht bedeuten, dass nichts geschehen ist. So wie das bei voneinander abweichenden Zeugenaussagen auch nicht der Fall ist. Er erläutert auch vier Merkmale dieser Erzählungen, die so außergewöhnlich sind, dass sie uns dazu drängen, diese Erzählungen als sehr frühe Berichte ernst zu nehmen, nicht als spätere Erfindungen, wie oft behauptet wird.

    1. Die Bibel wird an dieser Stelle kaum zitiert

    Bis zur Auferstehung „stützen sich alle vier Evangelisten stark auf biblische Zitate, auf Anspielungen und Echos, um klarzustellen, dass Jesu Tod „schriftgemäß“ ist. … Auch wenn diese Storys viel später niedergeschrieben wurden, gehen sie doch auf sehr, sehr frühe mündliche Traditionen zurück, die in der Erinnerung verschiedener Geschichtenerzähler geformt und fest geprägt wurden, noch bevor Zeit zur biblischen Reflexion war.“

    2. Frauen als erste Zeugen

    Frauen wurden in der Antike nicht als glaubwürdige Zeugen angesehen. Später wurden die Frauen leider auch in den christlichen Schriften und Gemeindeleben fallen gelassen – in allen vier Evangelien tauchen sie aber auf und stehen im Mittelpunkt. Warum sollte jemand also ausgerechnet das erfinden?

    3. Die Darstellung Jesu

    Hätte man einen Messias erfunden, der zu den vorhandenen Schriften passt, hätte man ihn anders dargestellt. Der auferstandene Jesus hätte ein leuchtender Stern sein müssen – aber „der auferstandene Jesus wird als Mensch mit einem Körper dargestellt, der in gewisser Hinsicht recht normal ist und mit einem Gärtner oder einem Mitreisenden auf der Straße verwechselt werden kann. Dennoch enthalten die Geschichten auch deutliche Anzeichen dafür, dass dieser Körper transformiert wurde. … Diese Art von Bericht hat keinen Vorläufer.“

    4. Die Auferstehungsberichte enthalten niemals die christliche Zukunftshoffnung

    Fast überall sonst im Neuen Testament wird die Auferstehung Jesu in Verbindung mit der letztendlichen Hoffnung erwähnt, dass diejenigen, die zu Jesus gehören, eines Tages so auferweckt werden, wie er auferweckt wurde, und es wird hinzugefügt, dass dies in der Gegenwart in der Taufe und im Verhalten antizipiert werden müsse.“

    Jedes Evangelium hat zwar seine eigenen theologischen Interessen. Man könnte es mit vier Künstlern vergleichen, welche die selbe Person porträtieren. Mit unterschiedlichen Akzenten, aber die Person ist als dieselbe zu erkennen.

    Die Berichte der Auferstehung haben aber eine gemeinsame „auf das gegenwärtige Zeitalter bezogene Bedeutung: Jesus ist auferstanden, also ist er der Messias und daher der wahre Herr der Welt; Jesus ist auferstanden, also hat Gottes neue Schöpfung begonnen – und wir, seine Nachfolger, haben einen Job zu erledigen!“

    Aber was ist ‚Gottes neue Schöpfung‘ und welchen Job haben wir zu erledigen?

    Teil II Gottes Zukunftsplan

    Die Zukunft des Kosmos: Fortschritt oder Verzweiflung?

    Ist denn nicht jedem klar, worin die Zukunft des Kosmos besteht? Damit ist keine astrophysikalische Frage gemeint. Sondern was Gott mit seiner Schöpfung vorhat. Und da könnte uns unser kultureller Kontext im Wege stehen.

    In den letzten zweihundert Jahren hat das westliche Denken das Individuum auf Kosten des größeren Bildes von Gottes Schöpfung überbetont. Mehr noch: In einem Großteil der westlichen Frömmigkeit, wenigstens seit dem Mittelalter, war der Einfluss der griechischen Philosophie sehr ausgeprägt. Das führte zu einer Zukunftserwartung, die viel mehr Ähnlichkeit mit Platons Vision aufweist, in der Seelen in eine unkörperliche Glückseligkeit eingehen, als mit dem biblischen Bild des neuen Himmels und der neuen Erde.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 108

    Dadurch sind zwei große Strömungen entstanden:

    1. Der Mythos vom Fortschritt
      Entstanden in der Renaissance und befördert in der europäischen Aufklärung gibt es den utopischen Traum, dass es immer weiteren Fortschritt gibt und die Welt immer besser wird. Neben dem sozialen Evangelium gab es auch andere christliche Strömungen, deren Ziel es war, die Welt immer besser zu machen, bis Gott zufrieden ist. Das wahre Problem des Mythos des Fortschritts besteht aber darin, dass er nicht mit der Existenz des Bösen fertig wird.
      „Der Optimist, der Evolutionist, die Schule des Fortschrittsmythos sagen alle, dass dies nur die Wachstumsschmerzen von etwas Größeren und Besseren seien.“
    2. Seelen auf der Durchreise
      Der Platoniker, der Hindu, der Muslim und in der Nachfolge Platons der Gnostiker, der Manichäer und zahllose andere Varianten innerhalb der christlichen und jüdischen Traditionen sagen alle, dass dies Anzeichen dafür sind, dass wir für etwas ganz anderes geschaffen wurden, für eine Welt, die nicht aus Raum, Zeit und Materie geschaffen ist, eine Welt der reinen spirituellen Existenz, in der wir glücklich die Fesseln der Sterblichkeit ein für alle Mal hinter uns lassen.
      „Dieser platonische Zug Gericht sehr früh ins christliche Denken, nicht zuletzt mit dem als Gnostizismus bekannten Phänomen.“

    Worauf die ganze Welt wartet

    Das alles glaubten die frühen Christen nicht. „Da die meisten Menschen, die heute über diese Dinge nachdenken, der einen oder anderen dieser Ansichten zuneigen, ist es eine gewisse Überraschung, wenn sie entdecken, dass die frühen Christen ein ziemlich andere Ansicht vertraten. Sie glaubten, dass Gott für den ganzen Kosmos das tun würde, was er Ostern für Jesus getan hatte.“ Was bitte schön ist denn damit gemeint? Das werden wir uns jetzt schrittweise erarbeiten.

    Grundlegende Strukturen der Hoffnung

    Die Hoffnung der ältesten uns bekannten Christenheit zeichnet sich durch einige grundlegende Strukturen aus.

    Erstens waren die Jünger vom Gutsein der Schöpfung überzeugt. In keinem Punkt wurde ein kosmologischer Dualismus akzeptiert, also eine Trennung in eine geschöpfliche Welt, die nicht wirklich gut ist und nicht von geschenkt ist, und eine gute geistige. „Die Welt ist als Schöpfung gut, nicht als unabhängige oder selbstgenügsame „Natur“. Es gibt keine Anzeichen für Pantheismus oder Panentheismus.“ Dann führt N. T. Wright einen Punkt an, den wir in einer anderen Video-Serie genauer betrachten werden:

    Auf dem Höhepunkt der Schöpfung, der laut Genesis 1 in der Erschaffung der Menschen besteht, war die Schöpfung dazu gedacht, Gott widerzuspiegeln, Gott in der Anbetung auf Gott zurückzuspiegeln und ih in den Rest der Schöpfung hineinzureflektieren. Letzteres soll in der Verwaltung der Schöpfung durch den Menschen geschehen.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 122

    Zweitens gab es eine bestimmte Vorstellung vom Wesen des Bösen. „Das Böse ist innerhalb einer biblischen Theologie real und mächtig, aber es besteht weder in der Geschöpflichkeit noch in der Andersartigkeit gegenüber Gott. … Das Böse besteht auch nicht – das ist entscheidend! – in der Vergänglichkeit, im Verfall. … Die Vergänglichkeit fungiert als ein von Gott gegebenes Zeichen, das nicht von der materiellen Welt weg auf eine nichtmaterielle Welt weist, sonder von einer Welt, wie sie ist auf eine Welt wie sie eines Tages sein soll – mit anderen Worten: Sie verweist von der Gegenwart auf die Zukunft, die Gott vorbereitet hat.“

    Was zählt, ist eschatologischer Dualismus (das gegenwärtige und das zukünftige Zeitalter), nicht ontologischer Dualismus (eine böse „Erde“ und ein guter „Himmel“).

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 123

    Drittens enthielt die Hoffnung eine Vorstellung von Gottes Erlösungsplan.

    Erlösung bedeutet nicht eine „Verschrottung“ dessen, was vorhanden ist, um von all dem befreit neu zu beginnen, sondern vielmehr Befreiung dessen, was in die Versklavung geraten ist. Wenn man das Böse nun nicht als Materialist, sondern als Rebellion versteht, besteht die Versklavung der Menschen und der Welt nicht in der Verkörperung. Erlösung von Verkörperung würde bedeuten: Tod des Körpers und das nachfolgende Freisetzen der Seele oder des Geistes. Die Versklavung besteht jedoch vielmehr in der Sünde. Erlösung von Sünde muss letztendlich nicht nur das Gutsein der Seele oder des Geistes einbeziehen, sondern auch einneues körperliches Leben.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 123, 124

    Dabei spielte Jesus für seine Jünger eine zentrale doppelte Rolle, welche in lyrischer Form in Kolosser 1:15-20 zu finden ist. Eine aufschlußreiche Passage, deren Besprechung hier aber zu weit führen würde. Was wir aber noch festhalten sollten: „Erlösung ist die Neuschaffung der Schöpfung, nachdem mit dem Bösen abgerechnet worden ist, das die Schöpfung entstellt und deformiert hatte. Und sie wird von demselben Gotte bewerkstelligt, der nun in Jesus Christus erkannt wird, durch die die Schöpfung überhaupt geschaffen wurde.“

    Die grundlegende Struktur und die kosmischen Dimensionen der christlichen Hoffnung schlüsselt N. T. Wright in sechs Themen auf:

    Saat und Ernte

    In 1. Korinther 15 benutzt Paulus das Bild von den Erstlingsfrüchten. Jesus ist der Erste, der von den Toten auferstanden ist. Bei den Erstlingsfrüchten geht es darum, dass es viele weitere Früchte geben wird.

    Die siegreiche Schlacht

    Paulus fährt im 1. Korinther Brief mit einem ganz anderen Bild fort, das viele biblische Vorläufer hat: das Bild vom König, der sein Königreich aufrichtet, indem er alle Feinde unterwirft. „Paulus artikuliert hier ganz klar eine Theologie der neuen Schöpfung“. „Das Evangelium von Jesus Christus verkündigt, dass Gott das, was er an Ostern für Christus tat, nicht nur für alle tune wird, die „in Christus“ sind, sondern auch für den gesamten Kosmos. Es wird sich um einen Akt der Neuschöpfung handeln, parallel zu und abgeleitet von dem Akt der Neuschöpfung, als Gott Jesus von den Toten auferweckte.“ Und damit kommt etwas schon Gesagtes in den Blick: „Jesus wurde körperlich von den Toten auferweckt, im Gegensatz zu der Auffassung, die sagt, dass er nach seinem Tod begann, in einem neuen, nichtkörperlichen Modus zu existieren. … Wenn Jesus nach seinem Tod in irgendeine Art immaterielle Existenz übergegangen wäre, dann wäre der Tod nicht besiegt. Er würde intakt bleiben; er würde nur neu beschrieben. … Aber genau das leugnet Paulus gerade. Der Tod, wie wir ihn kennen, ist der letzte Feind, er ist kein guter Teil der guten Schöpfung; und daher muss der Tod besiegt werden, wenn der lebenswendende Gott als der wahre Herr der Welt geehrt werden soll. Wenn dies geschehen ist, und erst dann, wird Jesus, der Messias, der Herr der Welt, die Herrschaft des Königreiches seinem Vater übergeben, und Gott wird alles in allem sein.“

    Himmelsbürger auf Erden

    Ein anderes königliches Bild finden wir in Philipper 3:20,21. Das ist wichtig für unsere Hoffnung, weil dort ein Begriff verwendet wird, der viele dazu veranlasst, zu denken, dass sie in den Himmel kommen. Hier ist ist wieder einmal wichtig, den historischen Kontext im Sinn zu haben: „Philippi war eine römische Kolonie. Augustus hatte seine Veteranen nach den Schlachten von Philippi (42 v. Chr.) und Actium (31 v. Chr.) dort angesiedelt. Wenn es auch nicht alle hatten, jeder wußte was das römische Bürgerrecht bedeutete. Es war das römische Bürgerrecht, aber sie lebten nicht in Rom. Augustus hatte es ihnen verliehen, damit sie in Philippi blieben.

    „Wenn Paulus also sagt: „Wir sind Bürger des Himmels“, dann meint er damit keinesfalls, dass wir in den Himmel gehen, um dort zu leben, nachdem wir dieses Leben hinter uns gebracht haben. Er meint damit Folgendes: Der Retter, der Herr, Jesus, der König – all das waren natürlich kaiserliche Titel – wird vom Himmel zur Erde kommen, um die gegenwärtige Lage und den Zustand seines Volkes zu verändern. Das Schlüsselwort ist hier Transformation: „Er wird unsere gegenwärtigen bescheidenen Körper transformieren, damit sie wie sein herrlicher Körper sein werden.“

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 128, 129

    Jesus wird den gegenwärtigen menschenlichen Körper verwandeln.

    Gott wird alles in allem sein

    In 1. Korinther 15:28 findest sich eine der klarsten Aussagen über das absolute Zentrum der zukunftsorientierten neutestamentlichen Weltanschauung: Gott wird als Ziel der gesamten Geschichte „alles in allem sein“. „Gott beabsichtigt letztendlich, die ganze Schöpfung mit seiner eigenen Gegenwart und Liebe zu erfüllen.“

    Die Welt wurde gut, aber unvollständig geschaffen. Eines Tages, wenn die Kräfte der Rebellion besiegt sind und die Schöpfung frei und fröhlich auf die Liebe ihres Schöpfers antwortet, wir der Schöpfer die Schöpfung mit sich selbst erfüllen, sodass sie sowohl ein unabhängiges Wesen bleibt, etwas anderes als Gott, als auch von Gottes eigenem Leben durchflutet wird.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 131

    Eine neue Geburt

    In Römer Kapitel 8 greift Paulus ein weiteres Bild auf: Das Bild der neuen Geburt. Die Schöpfung befindet sich in einem Zustand der Sklaverei, wie die Kinder Israels in Ägypten (Römer 8:21). „Gottes Plan bestand darin, die Schöpfung durch seine Ebenbilder, die menschlichen Geschöpfe, mit lebensspendender Weisheit zu regieren. Das war jedoch immer eine Zukunftsverheißung. …. Unterdessen war die Schöpfung der Vergänglichkeit und dem Verfall unterworfen.“ Wie kommt die Schöpfung aus diesem Zustand heraus? Paulus verwendet in Römer 8:22 das Bild einer neuen Geburt für den ganzen Kosmos selbst.

    Die Hochzeit von Himmel und Erde

    Offenbarung 21 und 22 wird schließlich das Bild einer Hochzeit verwendet: „Das Neue Jerusalem kommt aus dem Himmel herab wie eine Braut, die siech für ihren Bräutigam geschmückt hat. Wir stellen sofort fest, wir stark sich dieses Bild von all den vermeintlich christlichen Szenarien unterscheidet, die damit enden, dass der Christ als Seele in den Himmel geht, nackt und ungeschminkt, um mit Angst und Zittern seinem Schöpfer zu begegnen.“

    „Das Ende der Offenbarung beschreibt die endgültige Beantwortung des Vaterunsers, dass Gottes Königreich kommen und sein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Darüber redet auch Paulus in Epheser 1:10: Gottes Plan und seine Verheißung bestand darin, alle Dinge in Christus zusammenzufassen, die himmlischen wie auch die irdischen Dinge.“

    Hier haben wir ein Zeichen für die zukünftige Aufgabe, die letztlich in Gottes neuer Welt auf die Erlösten wartet. Weit entfernt von der oft verbreiteten Vorstellung, dass man auf Wolken sitzen und Harfe spielen wird, wird das erlöste Gottesvolk in der neuen Welt de Vermittler der Liebe Gottes sein, die auf neuen Wegen ausströmt, um neue kreative Aufgaben zu erfüllen, um die Herrlichkeit seiner Liebe zu feiern und zu verbreiten.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 134

    Fazit

    Warum werden im Neuen Testament nun all diese Bilder und Metaphern verwendet? Weil wir uns nur mithilfe dieser eine gewisse Vorstellung machen können. „Was wir über die Zukunft sagen können, ist wie eine Reihe von Schildern, die in einen hellen Nebel weisen. Wir haben keine Fotographie von dem, was wir finden werden, wenn wir ankommen.“

    In der nächsten Folge betrachten wir einige dieser ‚Schilder‘, die wir in der Bibel finden.

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 3

    Von Hoffnung überrascht – Teil 3

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright auch Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Der überraschende Charakter der frühchristlichen Hoffnung

    Es zeigt sich, dass der frühchristliche Glaube an eine Hoffnung jenseits des Todes sich nachweislich auf das Judentum und nicht das Heidentum bezog. N. T. Wright führt dann sieben wichtige Kernaussagen an, in denen sich die frühchristliche Hoffnung jedoch von der des Judentum deutlich unterscheidet.

    Zuerst einmal bildete „die Auferstehung das Zentrum der frühchristlichen Zukunftshoffnung.“ Diesen Satz überliest man vielleicht schnell. Vermutlich erkennst du die Tragweite nicht. N. T. Wright fasst nun viel ausführlichere Begründungen zusammen:

    Die ersten Christen glaubten nicht einfach an ein Leben nach dem Tod; sie sprachen mehr oder weniger nie davon, nach dem Tod in den Himmel zu gehen. Wenn sie aber vom Himmel als einem Ziel sprachen, das nach dem Tod auf einen wartet, dann schienen sie dieses himmlische Leben als ein zeitlich begrenztes Stadium angesehen zu haben, auf dem Weg zur letztendlichen Auferstehung des Leibes. Als Jesus dem Schächer am Kreuz sagte, sie würden sich am sleben Tag noch im Paradies treffen (Lukas 23:43), dann kann das Paradies ganz klar nicht das endgültige Ziel sein, wie Lukas im nächsten Kapitel deutlich werden lässt. Das Paradies ist vielmehr der herrliche Garten, in dem sich Gottes Volk vor der Auferstehung ausruht.

    Als Jesus erklärte, in seinem Vaterhaus gäbe es viele Wohnungen, benutze der für „Wohnung“ das Worte mone, das eine vorübergehende Unterkunft bezeichnet. (Johannes 14:2)

    Wenn Paulus sagt, sein Verlangen sei es, „zu sterben und bei Christus zu sein, was viel besser ist“, dann denkt er in der Tat an ein glückseliges Leben bei seinem Herrn unmittelbar nach dem Tod, aber das ist nur ein Vorspiel vor der Auferstehung. (Philipper 1:23;3:9-11;3:20-21)

    In der Begrifflichkeit der Diskussion des vorhergehenden Kapitels hielten die ersten Christen an einem zweistufigen Zukunftsglauben fest. Zunächst kommt der Tod und was auch immer unmittelbar danach kommt; danach gibt es eine neue körperliche Existenz in einer neu erschaffenen Welt.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 67

    Es würde mich nicht wundern, wenn das auch für dich ziemlich überraschend war. Und das war es auch damals. „Im Heidentum gibt es nichts, was diesem Glauben auch nur entfernt nahe kommt. Dieser Glaube ist so jüdisch wie er nur sein kann.“ Aber die ersten Christen nahmen Modifikationen vor, die sich alle bei so unterschiedlichen Autoren wir Paulus, Johannes von Patmos, Lukas und Justin dem Märtyrer, Matthäus und Irenäus finden.

    1. Innerhalb der frühen Christenheit gibt es mehr oder weniger kein Spektrum an Glaubensüberzeugungen über das Leben jenseits des Todes

    „Das Christentum sieht insofern wie eine Spielart des pharisäischen Judentums aus. Es gibt keine Spur einer sadduzäischen Weltanschauung oder einer die zur Denkschule Philos past.“ „Erst im späten zweiten Jahrhundert, gute 150 Jahre nach der Zeit Jesu, finden wir Menschen, die dem Wort Auferstehung eine ganz andere Bedeutung zuweisen als das, was es im Judentum und frühen Christentum bedeutete, nämlich eine spirituelle Erfahrung in der Gegenwart, die zu einer unkörperlichen Zukunftshoffnung führt.“

    2. Im frühen Christentum bewegte sich die Auferstehung vom Rand zum Zentrum

    „Man kann sich das paulinischen Denken nicht ohen sie vorstellen. Man sollte sich auch das johanneische Denken nicht ohne sie vorstellen …. Auferstehung ist von enormer Bedeutung bei Klemens und Ignatius, Justin und Irenäus. Sie ist eine der Schlüsselglaubensüberzeugungen, die die Heiden in Lyons im Jahre 177 n. Chr. wütend machte und sie dazu trieb, mehrere Christen abzuschlachten, inklusive des Bischofs, der dem großen Irenäus vorausging. Der Glaube an die körperliche Aufersthung war eines von zwei zentralen Dingen, die der heidnische Arzt Galen in Bezug auf die Christen vermerkte (das andere war ihre bemerkenswerte sexuelle Zurückhaltung). Nimm die Auferstehung weg, und du verlierst das ganze Neue Testament, ebenso wie die Theologie der meisten Kirchenväter des zweiten Jahrhunderts.“

    3. Die Auferstehung eines transformierten Körpers

    „Innerhalb der frühen Christenheit gehörte es von Anfang an zum Kern des Glaubens an die Auferstehung, dass der neue Körper zwar mit Sicherheit ein Körper im Sinne eines physischen Objekte sein würde, der Raum und Zeit beansprucht, dass es sich aber auch um einen transformierten Körper handeln würde, ein Körper, dessen Material aus dem alten Material erschaffen wird, aber neue Eigenschaften haben wird.“

    Aber was ist mit Paulus in 1. Korinther 15? Eine oft missverstandene Passage. Eigentlich erklärt er es ganz gut und die meisten späteren Autoren blicken darauf zurück. „Doch unglücklicherweiese verstehen viele Übersetzungen Paulus hier völlig falsch und verwenden Formulierungen, die zur weit verbreiteten Annahme führen, dass Paulus hier von einem geistlichen Körper im Sinne eines nicht materiellen Körpers spricht.“ Aber dann hätte Jesus doch eben kein leeres Grab hinterlassen. „Man kan in allen Einzelheiten zeigen, philologisch wie auch exegetisch, dass diese Sicht exakt nicht das ist, was Paulus meinte.“

    Der Gegensatz, den er aufbaut, besteht nicht zwischen dem, was wir unter einem gegenwärtigen physischen Körper verstehen, und dem, was wir unter einem zukünftigen geistlichen Körper verstehen, sondern zwischen einem gegenwärtigen Körper, der von der normalen menschlichen Seele belebt ist, und einem zukünftigen Körper, der von Gottes Geist belebt wird.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 70

    „Der Punkt, um den es ihm dabei geht, ist, dass der zukünftige Körper unvergänglich ist. Das gegenwärtige Fleisch und Blut ist vergänglich, dazu verurteilt, zu verfallen und zu sterben. Darum sagt Paulus, „Fleisch und Blut können das Köngreich Gottes nicht erben.“ Der neue Körper wird unvergänglich sein. Das gesamte Kapitel, eine der längsten durchgängigen Diskussionen bei Paulus und der entscheidende Höhepunkt des ganzen Briefes, handelt von der neuen Schöpfung, vom Schöpfergott, der die Schöpfung erneuert und sie nicht aufgibt, wie es Platoniker aller Couleur inklusve der Gnostiker gerne hätten.“

    „Aber diese transformierte Physikalität … schließt keine Transformation ins Lichtförmige ein. Auch an dieser Stelle gehen viele in die Irre und missverstehen das Wort Herrlichkeit, als würde es ein physisches Leuchten implizieren statt einen Status innerhalb der Welt, die Gott gehört. Das ist umso bemerkenswerter, da der bekannteste der biblischen Auferstehungstexte, Daniel 12, von den auferstandenen Gerechten sagt, sie würden leuchten wie die Sterne. Überraschenderweise wir dieser Text nirgendwo im Neuen Testament zitiert, wenn es um den Auferstehungskörper geht, abgesehen von der Interpretation eines Gleichnisses. Dort, wo wir den Text finden, wird er metaphorisch für das gegenwärtige christliche Zeugnis in der Welt gebraucht.“

    4. Die Auferstehung ist ein Ereignis in zwei Teilen

    Auch das wird durch 1. Korinther 15 zentral belegt und diese Aspekt wird in den ersten beiden Jahrhunderten durchgängig angenommen. „Kein Jude des ersten Jahrhunderts erwartet vor Ostern, dass die Auferstehung irgendetwas anderes sei als das groß angelegte Ereignis, das dem gesamten Gottesvolk widerfahren würde, oder vielleicht sogar der ganzen Menschheit. Es würde ein Teil des plötzlichen Ereignisses sein, während dem Gottes Königreich wie im Himmel letztendlich auch auf Erden kommt.“

    Da dies der Kontext ist, in dem Jesus, die Apostel und andere die uns überlieferten Worte sagten und schrieben, ist das auch der Schlüssel für eine Interpretation: „Auferstehung, daran müssen wir uns immer wieder erinnern, bedeutete nicht, in den Himmel zu kommen oder dem Tod zu entfliehen oder eine herrliche Existenz nach dem Tod zu haben, sondern nach dem körperlichen Tod wieder zu neuem körperlichen Leben zu kommen.“

    Daher wird dies zu einem zentralen Merkmal der überraschenden Hoffnung der ersten Christen: „Der Glaube, dass der Anfang des Königreiches Gottes in der Auferstehung selbst bestand, die einer einzigen Person mitten in der Geschichte der Menschheit widerfurh, und zwar in Vorwegnahme der großen, endgültigen Auferstehung. Die Auferstehung Jesu garantiert und deutet bereits auf jene endgültige Auferstehung des Gottesvolkes am Ende der Geschichte hin.“

    5. Unsere Aufgabe zwischen der Auferstehung Jesu und der allgemeinen Auferstehung

    Die ersten Christen glaubten, dass die Auferstehung mit Jesus begonnen hatte und in der letzten großen Auferstehung am jüngsten Tag vollendet werden würde. Daher glaubten sie auch, dass Gott sie berufen hatte, mit ihm in der Kraft des Heiligen Geistes zu arbeiten, um das was Jesus erreicht hatte, umzusetzen und dadurch die endgültige Auferstehung anzudeuten. „Es ging nicht bloß darum, dass Gott „das Ende“, sein Königreich, schon eingeläutet hatte; wenn Jesus, der Messias, das Ende in person war, Gottes in der Gegenwart angekomme Zukunft, dann hatten diejenigen, die zu Jesus gehörten, ihm nachfolgten und von seinem Geist bevollmächtigt waren, den Auftrag, so weit es ihnen möglich war, die Gegenwart im Lichte jener Zukunft zu verändern.“

    6. Die Auferstehung als Methapher

    „Innerhalb des Judentums konnte die Auferstehung sowohl als Metapher als auch Metonymie für die Rückkehr aus dem Exil verwendet werden. … Wenn Auferstehung im Judentum also metaphorisch gebraucht wird, verweist sie auf die Wiederherstellung Israels; aber von den ersten Tagen der Christenheit an – und das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, wie das Christentum als jüdische messianische Bewegung begann – ist diese Bedeutung verschwunden;“

    Die neue metaphorische Bedeutung hatte schon zur Zeit des Paulus kräftige Wurzeln geschlagen: Auferstehung als metaphorischer Verweis auf die Taufe (ein Sterben und Auferstehen mit Christus), und Auferstehung als Verweis auf das neue Leben in unermüdlichem ethischem Gehorsam, befähigt durch den Heiligen Geist, das Leben, zu dem sich der Gläubige verpflichtet.

    7. Auferstehung und Messianität

    Die Verknüpfung der Auferstehung mit der Messianität war völlig neu. „Im Judentum hatte niemand erwartet, dass der Messias sterben würden, und daher hat sich natürlich auch niemand vorgestellt, dass der Messias von den Toten auferstehen würde.“

    „Aber von den ersten Anfängen an, bezeugt in Texten, die vorpaulinische Fragmente ganz früher Glaubensbekenntnisse sein können, behaupteten die ersten Christen, dass Jesus in der Tat der Messias war, und zwar genau wegen seiner Auferstehung.“

    In Vebindung mit der eigentlichen Aufgabe, die Israel am Sinai bekommen hatte (siehe die Serie Gottes Namen Tragen – Warum der Sinai immer noch wichtig ist) und den Prophezeiungen über den Messias, machte die Auferstehung des Messias absolut Sinn. Es erfüllte sich das, was Gott geplant und vorgesehen hatte – auch wenn Menschen sich das ganz anders vorgestellt hatten.

    „Das bedeutet, dass wir bereits die revisionistischen Positionen zur Auferstehung Jesu ausschließen können, die so viele Autoren in den letzten Jahren vertreten haben. Viele schlagen vor, dass die ersten Jünger angesichts des Todes Jesu derart von Trauer überwältigt waren, dass sie die Vorstellung von der Auferstehung aus der umliegenden Kultur aufgegriffen, in ihr festhielten und sich selbst überzeugten, dass Jesus von den Toten auferweckt worden sein, obwohl sie natürlich wussten, dass er nicht auferweckt worden war.“

    „Aufgrund des frühchristlichen Glaubens an Jesus als Messias entwickelte sich sehr früh der Glaube: Jesus ist der Herr, und der Kaiser ist es daher nicht. Doch bereits bei Paulus ist sowhl Jesu Auferstehung als auch die zukünftige Auferstehung seiner Volkes die Grundlage der christlichen Loyalität gegenüber einem anderen König, einem anderen Herren. Der Tod ist die letzte Waffe des Tyrannen.“ Und damit hat die Auferstehung für die Christen nicht nur die Bedeutung eines ‚Lebens nach dem Tod‘.

    Auferstehung ist keine neue Beschreibung des Todes; sie ist die Überwindung des Todes und damit die Überwindung derjenigen, deren Macht vom Tod abhängt.

    Dem Hohn und Spott einiger moderner Wissenschaftler zum Trotz waren diejenigen, die auf dem Scheiterhaufen brannten und den Löwen vorgeworfen wurden, Menschen, die an die körperliche Auferstehung glaubten. Auferstehung war niemals ein Weg, es sich gemütich zu machen und Ansehen zu gewinnen; … Es waren die Gnostiker, welche die Sprache der Auferstehung in eine private Spiritualität und eine dualistische Kosmologie übersetzten und die Bedeutung der Auferstehung dabei mehr oder weniger in ihr Gegenteil verkehrten. Es waren auch die Gnostiker, die ihrer Verfolgung entgingen. Welcher Machthaber hätte schlaflose Nächte, in denen er sich ängstigt, weil seine Untertanen das Thomasevangelium lesen? Die Auferstehung war immer geradezu prädestiniert, einen in Schwierigkeiten zu bringen, und sie tat das auch regelmäßig.“

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 77

    Ich denke, so langsam ist dir klar, warum N. T. Wright von einer überraschenden Hoffnung sprach. Nicht nur, weil sie im ersten Jahrhundert überraschend war. Sondern vermutlich auch für dich – sogar wenn du dich als Christ betrachtest. Auch bei diesem Thema kann es also gut sein, dass dir beim Lesen der Bibel klar wird, dass bei der Interpretation so mancher Passage nicht der textuelle oder historische Kontext ausschlaggebend war, sondern von uns oder anderen hineingelegte Annahmen und Vorstellungen – also Eisegese. Nimm dir Zeit, darüber nachzudenken.

    Da die Auferstehung also eine viel weitreichendere Bedeutung hat als nur, dass Jesus wieder lebte, ist es gut, sich kurz damit zu beschäftigen, ob wir diesen Berichten Glauben schenken können. Danach werden wir uns damit befassen, welche überraschende Hoffnung in Bezug auf Gottes Zukunftsplan es noch gibt. Und beides im nächsten Teil 4.

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 2

    Von Hoffnung überrascht – Teil 2

    Von Christian / Tom Wright


    Dieser Serie greift Hauptgedanken aus dem Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt auf. (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Und wie auch schon im ersten Teil gesagt, empfehle ich jedem, das Buch selbst zu lesen und die Argumente anhand der Bibel selbst zu prüfen.

    Gut vorbereitet, aber kein Ziel vor Augen

    Worum es N. T. Wright in diesem Buch geht, beschreibt er so:

    Dieses Buch behandelt zwei Fragen, die oft völlig getrennt behandelt wurden, die aber, so glaube ich leidenschaftlich, ganz eng zusammengehören. Zunächst: Wie sieht die endgültige christliche Hoffnung aus? Dann: Welche Hoffnung gibt es im Hinblick auf Veränderung, auf Rettung, auf Transformation, auf neue Möglichkeiten innerhalb der gegenwärten Welt?

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 21

    Darauf gibt es heute eine unüberschaubare Menge an verschiedensten Antworten – die mehr oder weniger von sich behaupten, sich auf die Bibel zu stützen. Und welche davon ist richtig? Falsche Frage. Besser sollten wir uns fragen, welche Auffassung näher dran ist an dem, was im Text steht. Tom Wright hat dazu einen guten Tipp:

    Und da gute Theologie niemals auf der Meinung der Mehrheit fußt: Was lehrt die Bibel zu diesem Thema? Was sagen Jesus und die Apostel?

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 31

    Ich fürchte, dass sich leider nur wenige wirklich dafür interessieren. Doch beeinflusst werden wir alle durch das, was wir seit unserer Kindheit gelesen, gehört und gesehen haben. Letztendlich zeigt sich das im Verhalten jedes einzelnen. Wenn wir in der Endzeit leben und bald vom Herrn in den Himmel geholt werden und die Erde eh mit Feuer verbrannt wird, was interessieren uns dann jetzt noch Umweltprobleme oder eine Klimaveränderung? Nicht meine Gedanken, sondern die von nicht wenigen Evangelikalen in den USA. Und nicht wenige versuchen eine spiritistische Kontaktaufnahme mit den Toten. Selbst gewisse Gepflogenheiten weisen darauf hin, dass sich die Vorstellung vieler deutlich von der der ersten Jünger Jesus unterscheidet:

    Die Gepflogenheiten bei Beerdigungen, die heute neu oder wieder aufkommen, bringen dieselbe Art von Verwirrung zum Vorschein. Die Geste, Gegenstände neben den Toten in den Sarg zu legen, um die Toten im zukünftigen Leben zu trösten oder ihnen zu helfen, wurde bis vor Kurzem von Kulturbeobachtern als eine interessante Gepflogenheit beschrieben, die heute in der modernen westlichen Gesellschaft aufgegeben wurde. Mittlerweisel feiern Geschenke für Verstorbene wieder ihr Comeback, wobei Fotos, Schmuck, Teddybären und ähnliche Dinge in den Sarg gelegt werden. Nigel Barley erzählt Geschichten, die von eim Mitarbeiter eines Krematoriums stammen; Geschichten von Witwen, die eine Packung Vollkornkekse oder die Zweitbrille sowie das Gebiss des Verstorbenen in den Sarg legten. In einem Fall legte eine Witwe zwei Spraydosen mit Klebstoff in den Sarg. Ihr Mann hatte damit immer sein Toupet angeklebt. Die Spraydosen verursachten eine Explosion, die Tür der Brennkammer im Krematorium verbog.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 35

    Man kann die Situation vermutlich gar nicht besser als so zusammenfassen:

    Die meisten Menschen wissen schlicht und einfach gar nicht, worin der orthodoxe christliche Glaube eigentlich besteht.

    Offen gestanden: Was wir heute haben, ist nicht „die sichere und gewisse Hoffnung der Auferstehung der Toten“, wie die alten Liturgien sagen, sondern der vage und unscharfe Optimismus, dass die Dinge letztlich irgendwie in Ordnung kommen.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 36, 51

    Daher werde wir nun einige Schlüsselthemen in Bezug auf unsere Hoffnung anhand der Schrift angehen müssen:

    1. Wie können wir überhaupt etwas über alle diese Dinge wissen?
      Die Kirche von England sagt: In der Schrift, der Tradition und der Vernunft. Und zwar in einer angemessenen Mischung. „Ich behaupte, dass ein guter Anteil unserer gegenwärtigen Ansicht vom Tod und dem Leben nach dem Tod aus keiner dieser Quellen stammt, sondern aus kulturellen Impulsen, die bestenfalls halbchristliche informelle Traditionen erzeugt haben.“ (S. 53)
    2. Haben wir unsterbliche Seelen, und wenn ja, was sind diese?
    3. Jesu eigene Auferstehung muss den Ausgangspunkt allen christlichen Denkens zum Thema der Hoffnung bilden.

    Dazu müssen wir zweitausend Jahre in der Geschichte zurückgehen.

    Die frühchristliche Hoffnung in ihrem historischen Kontext

    Die Auferstehung Jesus ist im Neuen Testament in den Evangelien und den Briefen beschrieben. Allerdings mit gewissen Abweichungen. Wären die Berichte Wort für Wort exakt gleich, würde man sagen, dass die eine Quelle nur von der anderen abgeschrieben hat. Nun haben wir es aber mit Berichten von Augenzeugen zu tun, die von einander abweichen. Das ist vielleicht für jemanden ein Problem, der eine wörtliche Inspiration vertritt (Siehe Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 9: Inspiration). Aber ist das so ungewöhnlich? Das selbe kann man auch heute bei Berichten von Augenzeugen feststellen. Aber nur in den seltensten Fällen würde man daraus schlußfolgern, dass das beschriebene Ereignis nie stattgefunden hat. Aber warum war dann der Bericht der Jünger Jesu so spektakulär?

    Auferstehung und das Leben nach dem Tod im antiken Heidentum und Judentum

    Tom Wright fasst es so zusammen:

    Die antike Welt – mit Ausnahme der Juden – bestand darauf, dass Tote nicht auferstehen; und Juden glaubten nicht, dass irgendjemand bereits auferstanden war oder dass das irgendjemand aus eigener Kraft vor der Aufersthung der Toten tun würde.

    Was die antike heidnische Welt angeht, so war der Weg in die Unterwelt eine Einbahnstraße. Der Tod war allmächtig; man konnte ihm nicht entkommen und man konnte seine Macht nicht brechen, wenn er eingetreten war. Die antike heidnische Welt unterteilte sich daher grob in diejenigen, die wie Homers Schatten gerne einen neue Körper gehabt hätten, aber wussten, dass sie keinen erhalten würden, und diejenigen, die wie Platos Philosophen keinen Körper haben wollten, weil eine unkörperliche Seele weitaus besser war.

    Innerhalb dieser Welt wurde niemals das Wort Auferstehung in seinen griechischen, lateinischen oder anderen Äquivalenten benutzt, um das Leben nach dem Tod zu bezeichnen. Der Begriff Auferstehung wurde benutzt, um neue körperliches Leben zu bezeichnen, und zwar nach einem Leben nach dem Tod, wie immer man sich das auch vorstellte.

    Inhaltlich verwies Auferstehung spezifisch auf etwas, das mit dem Körper geschah; daher die späteren Debatten darüber, wie Gott eine Auferstehung bewerkstelligen würde – ob er mit den vorhandenen Knochen arbeiten würde oder neue Knochen erschaffen würde etc. Derartige Debatten konnte es nur geben, wenn ziemlich klar war, dass am Ende etwas Handfestes und Physisches stehen würde.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 60, 61

    Nach Markus 6:14-16 und den Parallelstellen „wird von Herodes dem Großen berichtet, dass er dachte, Jesus könnte Johannes der Täufer sein, der von den Toten auferstanden sei – er dachte jedoch nicht, es handele sich dabei um ein Gespenst.“

    „Als die ersten Christen sagten, Jesus sei von den Toten auferstanden, wussten sie, dass sie sagten, es sei etwas mit ihm geschehen, das noch mit niemand anderem geschehen war und das man auch überhaupt nicht erwartet hatte. Sie sprachen nicht davon, dass Jesu Seele in die himmlische Glückseligkeit eingegangen sei.“ (S. 63)

    Wie sah es in der jüdischen Welt aus? Einige Juden – wie die Sadduzäer – „stimmten den Heiden zu, die jegliches Leben nach dem Tod leugneten, besonders ein körperliches Leben nach dem Tod. Andere stimmten den Heiden zu, die an eine herrliche, wenn auch unkörperliche Zukunft der Seele dachten. Hier ist der Philosoph Philo das offensichtliche Beispiel. Aber die meisten Juden jener Zeit glaubten an die letztendliche Auferstehung der Toten – also daran, dass Gott sich nach dem Tod um die Seele kümmern würde, bis er am Jüngsten Tag seinem Volk neue Körper geben würde, wenn er die ganze Welt richtet und neu macht.“ Johannes 11:24 „Ich weiß, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage“. (S. 63)

    Aber sprach Jesus nicht in Markus 12:18-27, Matthäus 22:23-33 und Lukas 20:27-40 davon, dass wir in der Auferstehung Engel werden? Auch hier muss man die Texte genau lesen (am besten in den Ursprachen): Er sagte, wie (Matthäus, Markus) oder gleich (Lukas) Engel sein. Und das war eine Diskussion mit den Sadduzäern, welche eine Auferstehung komplett leugneten.

    „Abgesehen von dieser Diskussion erscheint der mehr oder weniger einzige Verweis auf die „Auferstehung“ als Ganzes innerhalb der Evangelien in Matthäus 13:43“. Und er zitiert damit Daniel 12:3 und damit die übliche Auffassung in der jüdischen Welt.

    Und was ist mit dem vereinzelten Bezug in Johannes 5:28, 29?

    Ihr müsst euch darüber nicht wundern, denn es wird die Stunde kommen, in der alle Toten in den Gräbern seine Stimme hören und herauskommen werden. Für die, die das Gute getan haben, ist es die Auferstehung ins Leben, und für die, die das Böse getan haben, die Auferstehung ins Gericht.

    Johannes 5:28,29 NEÜ

    Dazu schreibt Tom Wright: „Bis hierher bleibt er genau auf der Landkarte des jüdischen Glaubens im ersten Jahrhundert. Im Unterschied zu seiner Neudefinition des Königreiches und der Messianität scheint er zur Frage der Auferstehung wenig oder gar nichts Neues zu sagen gehabt zu haben. Außer dass er dann anfängt, seinen Nachfolgern zu sagen, dass er selbst getötet und dann drei Tage später wieder auferwecket werden wird. …. Aber die Evangelien bestehen immer wieder darauf, dass die Jünger einfach nicht verstehen konnten, was Jesus sagte.“ (S. 65) Sie diskutierten untereinander etwas verwirrt, was dieses „Auferstehen von den Toten“ bedeuten könnte (Markus 9:10; interessanterweise nur bei Markus berichtet)

    Das lag nicht daran, dass diese Jünger einfach ihre Bibel zu wenig kannten oder gar etwas begriffsstutzig waren. Die Auferstehung eines einzelnen Menschen vor ‚jener Stunde‘ war schlichtweg jenseits ihrer Vorstellung.

    So war für sie die Kreuzigung Jesus das Ende all ihrer Hoffnung. „Niemand dachte im Traum daran, zu sagen: „Ach, das ist schon okay – er wird in ein paar Tagen zurück sein.“ Oder: „Nun gut, er ist jetzt wenigstens im Himmel bei Gott.“ Gemäß Lukas 24:21 dachten sie so: „Wir hatten gehofft, er sei derjenige, der Israel erlösen würde“. Mit anderen Worten: „Die Kreuzigung bedeutete, dass das Königreich nicht gekommen war, nicht, dass es gekommen war. Die Kreuzigung eines „Möchtegern-Messias“ bedeutete, dass er nicht der Messias war, nicht dass er es war. Als Jesus gekreuzigt wurde, wusste jeder einzelne Jünger, was das bedeutete: Wir haben aufs falsche Pferd gesetzt. Das Spiel ist aus.“

    Das ist also der Kontext, in dem die frühchristliche Hoffnung verkündet wurde. Wenn wir dies im Sinn behalten, verstehen wir viel besser den überraschen Charakter der frühchristlichen Hoffnung, den wir im nächsten Teil betrachten wollen.

  • Von Hoffnung überrascht – Teil 1

    Von Hoffnung überrascht – Teil 1

    Von Christian


    Kann es denn überhaupt so sein, dass wir heute in Bezug auf die Hoffnung, die wir in der Bibel erhalten, noch irgendwie überrascht sein können? Ist denn dazu nicht schon alles verstanden, geschrieben und gesagt worden? Bildet sich hier etwa jemand ein, es besser zu wissen als die ersten Christen, die ‚Kirchenväter‘, die großen theologischen Denker des Mittelalters und der Reformation?

    Schon an der Aufzählung in der letzten Frage ist uns vielleicht aufgefallen, dass der Fokus hier stark auf der ‚Westkirche‘ lag. Zum Beispiel fehlen in der Aufzählung die ‚Ostkirche‘, also die griechisch orthodoxe Kirche und die Kirchen des Nahen Ostens. Oder die weitere Entwicklung im Judentum. Und all deren Hoffnungen geht zum Teil weit auseinander.

    Aber können wir heute denn überhaupt mehr wissen über das Alte Testament, das Neue Testament und den Kontext, in dem diese geschrieben wurden, als sogar die Kirchenväter? Hier muss man mit einem klaren Ja antworten. Warum ist das so?

    Weil uns heute viel mehr Quellen der Antike zur Verfügung stehen und man die verwendeten Sprachen besser versteht. Was kannten die Kirchenväter denn? Sie hatten nur sehr wenige Quellen zu Verfügung. Viele waren Teil einer lokalen verfolgten Gruppe und keine Wissenschaftler mit Zugriff auf riesige Bibliotheken und Computer. Und sie waren nicht einmal näher an den verwendeten Sprachen als wir heute. Wie bitte? Was denkst du, wie viele der Kirchenväter zum Beispiel das Alte Testament in Hebräisch lesen konnten? Nicht einmal eine Handvoll! Und warum wurde wohl Hieronymus Ende des vierten Jahrhunderts beauftragt, eine lateinische Übersetzung der Bibel (später Vulgata genannt) zu erstellen? Nicht nur wegen den Unterschieden in den existierenden lateinischen Übersetzungen. Dass es lateinische Übersetzungen gab, zeigt schon, dass die meisten nicht einmal Griechisch konnten. Und auch Hieronymus überstetze das Alte Testament aus der Septuaginta, also der griechischen Übersetzung und seine Kenntnisse des Hebräischen sind unklar. (Siehe Serie Der Kanon des Neuen Testaments).

    Schon ab dem zweiten Jahrhundert hatte man sich im Denken und der Argumentation weit zum Beispiel von den Briefen des Paulus und den Texten des ersten Jahrhunderts entfernt. Und das Alte Testament als ‚veraltet‘ beiseite geschoben. (Siehe Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen)

    Nicht übersehen sollten wir auch den starken Einfluß der griechischen Philosophie, insbesondere Platon, auf die christliche Lehre und Theologie und sogar das Judentum zur Zeit Christi. Wann wurden die Lehren von Himmel, Hölle, Fegefeuer und unsterblicher Seele in der heutigen Form geprägt? Finden wir sie im Text des Alten oder Neuen Testaments? Bei den Kirchenvätern? Oder erst ab dem Mittelalter? Wir werden sehen.

    Es geht also darum, mit all den Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, zurück zum Text des Alten und Neuen Testaments zu gehen. Was kann ein Bibelgelehrter heute dazu sagen, was zum Beispiel ein Apostel Paulus geschrieben hat? Oder in den Evangelien zu finden ist? Was war die Botschaft, welche die Christen im ersten Jahrhundert gehört und verkündet haben? Darum wird es in dieser Video Serie gehen.

    Erfreulicherweise gibt es das Buch des Bibelgelehrten N. T. Wright auch in deutscher Übersetzung: Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt (Englisch Surprised by Hope: Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church).

    Daher möchte ich in dieser Serie nur die Grundzüge darstellen und jeden auffordern, das Buch selbst zu lesen und die Argumente anhand der Bibel selbst zu prüfen.

    Vorausschicken möchte ich kurz ein paar Informationen über N. T. Wright. Nicht, weil ein Argument wichtiger oder richtiger wird, weil ein anerkannter Gelehrter es sagt. „Nicholas Thomas Wright, besser bekannt als N. T. Wright oder Tom Wright, war Professor für Neues Testament und frühe Christenheit an der University of St Andrews, anglikanischer emeritierter Bischof von Durham (England) und einer der führenden neutestamentlichen Theologen und Leben-Jesu-Forscher im englischen Sprachraum. Seit 2019 arbeitet er als Senior Research Fellow an der University of Oxford. … Wright ist ein eigenständiger, unkonventioneller Denker, der moderne und klassische Auslegungen in Frage stellt, und der schwer einzuordnen ist. Er legt komplexe theologische Themen, klar und gut lesbar dar, um den Leser hierdurch zum Nachdenken anzuregen.“ (Wikipedia) Hören wir uns also einmal an, was jemand zu sagen hat, der sich Jahrzehnte in seiner akademischen Forschung mit dem Text des Neuen Testaments und insbesondere den Paulinischen Briefen beschäftigt hat.

    Beginnen wir mit einem wichtigen Hinweis im Vorwort (S. 14).

    Alle Sprache über die Zukunft ist, wie jeder Ökonom oder Politiker bestätigen wird, nicht mehr als eine Reihe von Schildern, die in den Nebel weisen. Wir schauen durch ein dunkles Glas, sagte Paulus, als er auf das schaute, was kommt. Unsere gesamte Sprache über zukünftige Zustände der Welt und von uns selbst besteht aus komplexen Bildern, die mehr oder auch weniger gut mit der letztendlichen Wirklichkeit übereinstimmen. Das heißt aber nicht, dass die Sache völlig unklar ist oder dass jede Meinung zu diesen Dingen gleichwertig ist. Und was wäre, wenn uns jemand aus dem Nebel entgegenkäme, um uns zu begegnen? Das ist natürlich die zentrale, wenn auch oft ignorierte christliche Glaubensüberzeugung.

    N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht, S. 14,15

    Insofern sollte niemand behaupten, er wisse ganz genau, wie die Hoffnung und Zukunft eines Christen aussehen wird. Wenn doch schon ein Paulus sagt, dass er und seine Zeitgenossen dies nicht tun konnten, obwohl sie den heiligen Geist hatten (1. Korinther 13:12).

    Welche Hoffnung hast du?

    Damit sind wir an dem Punkt angelangt, an dem du dir einmal kurz überlegen solltest, welche Hoffnung du hast.

    Als Katholik glaubst du vermutlich, dass du nach dem Tod in den Himmel kommst. Bloß nicht auf ewig in die Hölle. Und nur kurz im Fegefeuer. Interessanterweise wurden Himmel und Hölle in den Koran und damit den Isalm übernommen, obwohl das so weder im Alten noch Neuen Testament zu finden ist. Als Protestant hoffst du vermutlich auch, in den Himmel zu kommen. Aber das mit der Hölle … zu grausam. Vielleicht kommen ja einmal alle Menschen in den Himmel? Bei manchen hört sich das sehr nach asiatischen Religionen und Philosophien an. Wieder mit Gott (oder dem Universum?) vereint werden.

    Besonders möchte ich – nicht nur wegen meiner eigenen Erfahrungen – auf die Hoffnung von Jehovas Zeugen und Ex-Zeugen eingehen, weil diese oft eine interessante Wendung erfährt.

    Als Jehovas Zeugen noch Bibelforscher waren, glaubten sie im Wesentlichen auch, dass sie wie alle Christen in den Himmel kommen. Als sich die jahrelang verkündete Hoffnung „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ 1925 nicht erfüllt hat, musste der Umzug in den Himmel halt verschoben werden. In den 1930er Jahren hat dann der Präsident der Watchtower Bible & Tract Society J. F. Rutherford seinen Anhängern nicht nur den Namen Jehovas Zeugen verpasst, sondern auch eine neue Hoffnung: Nur noch ein kleiner Überrest der buchstäblich aufgefassten 144.000 gesalbten Christen käme in den Himmel, um mit Jesus zu herrschen. Alle anderen wären ‚andere Schafe‘ und würden auf der Erde bleiben. (Siehe Video Wahre Anbetung identifizieren, Teil 8: Die Lehre der Zeugen Jehovas über die ‚Anderen Schafe‘)

    Viele sind aber mittlerweile aufgewacht und haben erkannt, dass J. F. Rutherford diese Lehre von den ‚anderen Schafen‘ damals nur anhand von eigenen, an den Haaren herbeigezogenen Vorbild-Gegenbild Vergleichen begründet hat. Daher werden diese Original-Artikel aus den 1930er Jahren auch in der Wachtturm-Literatur schon lange nicht mehr zitiert. Dann würde es ja jedem auffallen.

    Dadurch passiert nun aber Folgendes: Wenn es keine zwei Hoffnungen gibt, wie es die Zeugen Jehovas lehren, sondern nur eine Hoffnung für alle Nachfolger Jesu, dann ist es doch die … himmlische, nicht wahr? Also kommen die ‚Kinder Gottes‘ alle in den Himmel. Willkommen im Schoß der Kirche, möchte ich da sagen. Aber nicht ganz. Was ist mit den anderen? Kommen die ins Fegefeuer und die Hölle? Nun, wer Jahre und Jahrzehnte lang gepredigt hat, dass die Bibel zeigt, dass es keine Hölle und keine unsterbliche Seele gibt, wird das vermutlich nicht glauben. Aber was dann? Werden solche Menschen doch beim Schlußgericht ‚für immer vernichtet‘? Klingt das nicht immer noch so wie aus der Predigtdienst-Toolbox der Zeugen Jehovas? Und was geschieht zwischen dem Tod als Mensch und der Zukunft? Sind wir dann ‚im Gedächtnis Gottes‘? Klingt auch irgendwie bekannt …

    Ich frage mich, wieviele ‚Beweistexte‘ dir jetzt für das eine odere andere schon durch den Kopf gegangen sind. Aber damit ziehen wir immer noch viel zu früh unsere Schlüsse. Weil wir unbewusst noch ganz viele Ideen als Vorraussetzungen in unserem Denken haben. Und weil das Lesen der Bibel in der Regel nicht reicht. Selbst unter Gebet und mit heiligem Geist nicht. Denn der müsste wahre Wunder vollbringen, weil wir weder die Texte in den ursrpünglichen Sprachen lesen können noch mit dem damaligen Kontext. Wir verstehen die Bedeutung der Worte und Redewendungen nicht. Oft entgeht uns sogar der schon fast offensichtliche Bezug auf das Alte Testament, wenn auf die Septuaginta bezug genommen wird oder Sprachbilder davon verwendet werden. Oder die Verwendung gewisser Worte und Begriffe im ersten Jahrhundert. Was damals für jeden Nachfolger Christi vielleicht klar war, erklärt sich für uns nicht von selbst. Und schlimmer noch: Wir lesen in den Übersetzungen Begriffe und verbinden sie mit Vorstellungen, welche die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert gar nicht gehabt haben.

    Daher kann das Motto jetzt nur lauten: Zurück zum Text! Und zurück zum Kontext!

    Und genau damit fangen wir im nächsten Teil an.