Von Christian
Wie sollte man Gott anbeten? Vermutlich gehen dir jetzt schon einige Gedanken durch den Kopf. Vielleicht auch dieser? Gott sollten wir „in Geist und Wahrheit anbeten“. Das steht in Johannes 4:23, 24. Und vielleicht hast du dich auch schon gefragt, was denn das bitte schön bedeuten soll. Lesen wir zuerst einmal den Text und betrachten dann den Kontext:
Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.
Johannes 4:23, 24 Elberfelder
Der Kontext von Johannes 4:23, 24 und die Bedeutung im griechischen Text
Der Kontext dieser Aussage Jesu gemäß dem Johannes Evangelium wird aus dem Kontext ersichtlich. Eine Frau aus Samaria hatte ihn wie folgt angesprochen:
Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, dass in Jerusalem der Ort sei, wo man anbeten müsse.
Johannes 4:19,20 Elberfelder
Mit anderen Worten fragt sie Jesus: Kannst du mir als Prophet – also jemand, der Gottes Botschaften verkündet – sagen, welche Anbetungsform die richtige ist? Dabei geht es auch nicht nur um den Ort, sondern auch die Art und Weise der Anbetung. Jesus antwortet ihr wie folgt:
Jesus spricht zu ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil ist aus den Juden.
Johannes 4:21, 22 Elberfelder
Jesus kündigt eine grundlegen Änderung in Bezug auf die Anbetung an. Und danach kommen die Verse 23 und 24. Was hat es also damit auf sich, dass Jesus dann von „Geist und Wahrheit“ spricht?
Zuerst einmal stellen wir fest, dass auch im Urtext kein bestimmter Artikel steht:

Er spricht also nicht von „dem Geist und der Wahrheit“, auch wenn es vereinzelt so übersetzt wird. Manche übersetzen mit „Wahrhaftigkeit“ (V23 NEÜ). Wenn du dir die verschiedenen Übersetzungen und Kommentare durchliest, wirst du schnell merken, dass diese knappen Worte einen ziemlichen Interpretationsspielraum lassen.
„Geist“
Nehmen wir zum Beispiel Zeugen Jehovas. In deren Neuen-Welt-Übersetzung steht in den Worterklärungen:
Gott „mit Geist anzubeten“ bedeutet daher offensichtlich, dass man sich bei der Anbetung von Gottes Geist leiten lässt. Wenn man Gottes Wort studiert und sich an das hält, was man daraus lernt, hilft einem der heilige Geist, immer mehr wie Gott zu denken. Es geht also um weit mehr, als Gott aufrichtig und mit Begeisterung zu dienen.
Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas, Worterklärungen zu Johannes 4:23, 24
Ist dir das Wort „offensichtlich“ aufgefallen? Das wird immer dann verwendet, wenn sie keinen biblischen Beweise für so eine Behauptung haben. Und der letzte Satz „es geht also um weit mehr, als Gott aufrichtig … zu dienen“ wurde nur eingefügt, weil der Text durchaus in diesem Sinne verstanden werden kann. Darauf kommen wir gleich zurück.
Ist mit „Geist“ hier also wirklich der „heilige Geist“ gemeint? Soll der heilige Geist uns leiten? Dann schauen wir uns nochmal Vers 24 im Griechischen nochmal an:

Am Anfang steht: „Geist der Gott ist“ und es wird das selbe Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet wie im Teil „Geist und Wahrheit“. Wenn es also so einfach wäre, dass in diesem Vers mit „Geist“ der „heilige Geist“ gemeint wäre, dann wäre das ein schöner ’Beweistext’ für die Trinität, zumindest dafür, dass Gott der heilige Geist ist. Das haben wohl auch die Autoren der Zeugen Jehovas bemerkt und daher entsprechend in ihren Worterklärungen erwähnt. HELPS Word-studies fasst zusammen:
4151 pneúma – wörtlich: Geist (Spirit), Wind oder Atem. Die häufigste Bedeutung (Übersetzung) von 4151 (pneúma) im NT ist „Geist“. Nur der Kontext bestimmt, welche Bedeutung(en) gemeint sind.
HELPS Word-studies
Berücksichtigt man den Kontext dieser Aussage Jesu bzw. des Johannes-Evangeliums, dann steht ‚Geist‘ hier doch im Gegensatz zu ‚dieser Ort oder Jerusalem‘. Und Jesus antwortet, dass keine physischer Ort wichtig ist für die Anbetung, sondern dass dies eine geistige oder geistliche Sache ist.
Im Text selbst gibt es aber sogar einen direkten Hinweis, dass nicht der heilige Geist gemeint sein kann. Hast du ihn entdeckt?
Johannes 4:23 und die ‚Leitung durch den heiligen Geist‘
Lesen wir noch einmal gründlich den Anfang von Johannes 4:23
Doch es wird die Zeit kommen – sie hat sogar schon angefangen –, wo die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrhaftigkeit anbeten.
Johannes 4:23 NEÜ

Jesus sagt also, dass in jenem Moment es schon so ist, dass „Menschen in Geist anbeten“. Aber moment einmal. Der ‚heilige Geist‘ wurde doch erst viel später zu Pfingsten 33 n.Chr. ausgegossen! Dieser Text Johannes 4:23 hat also nichts mit dem Gedanken zu tun, dass der heilige Geist auf die Jünger ausgegossen wurde und dieser die Jünger anleitete, um ‚die Wahrheit‘ zu verstehen.
Johannes 4:23,24 sagt also nichts über eine Verbindung von ‚heiligem Geist‘ und ‚Wahrheit‘ im Sinne von ‚richtigem Verständnis der biblischen Wahrheit‘ aus, das man erhält, wenn man sich vom heiligen Geist leiten lässt.
Ist es also nicht vielmehr so, dass mit „Geist“ hier der menschliche Geist gemeint ist? Eine Anbetung, die nicht mit einem Ort, einem Tempel, mit Ritualen verbunden ist, sondern sich auf eine geistige Ebene bezieht?
„Wahrheit“
Und ist in Johannes 4:23, 24 mit „Wahrheit“ so etwas wie ‚richtige Lehre, Glaubenssätze, Dogmen‘ gemeint? Wer Jehovas Zeugen kennt, weiß, dass dort über Jahrzehnte die Redewendung „in der Wahrheit sein“ üblich war und ist. Es geht also nicht nur um das, was in der Bibel steht (auch wenn die Worterklärung in der Neuen-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas das erwähnt), sondern um genau die Lehren der Zeugen Jehovas. Dass nur sie „die Wahrheit“ erkennen und „besitzen“. So steht es zum Beispiel in einem aktuellen Artikel mit dem Thema: „Bist du überzeugt, die Wahrheit zu haben?“
Jesus liebte die Wahrheit – die Wahrheit über Gott und sein Vorhaben. Er lebte nach dieser Wahrheit und machte sie anderen bekannt (Joh. 18:37). Auch seine Nachfolger zeichneten sich durch diese Liebe aus (Joh. 4:23, 24).
Jehovas Zeugen behaupten nicht, ein vollkommenes Verständnis der Wahrheit zu haben. … Jehova offenbart die Wahrheit Stück für Stück, und wir müssen geduldig darauf warten, dass das Licht der Wahrheit heller wird (Spr. 4:18).
Der Wachtturm 2021 Oktober, S. 22, Abs. 11, 12, Bist du überzeugt, die Wahrheit zu haben?
Es gäbe noch viele weitere Zitate, die zeigen, dass mit ‚die Wahrheit‘ die aktuellen Lehren der Zeugen Jehovas gemeint sind. Hatte Jesus wirklich das gemeint? Schauen wir uns die Bedeutung des Wortes ἀληθείᾳ (alētheia) im Griechischen an :
Wahrheit, aber nicht nur die Wahrheit, wie sie gesprochen wird; Wahrheit der Idee, Realität, Aufrichtigkeit, Wahrheit im moralischen Bereich, göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde, Geradlinigkeit.
Strong’s Greek 225
225 alḗtheia (von 227 /alēthḗs, „faktengetreu“) – richtig, Wahrheit (faktengetreu), Wirklichkeit.
[In der griechischen Kultur der Antike war 225 (alḗtheia) ein Synonym für „Realität“, das Gegenteil von Illusion, d.h. Tatsache.]
HELPS Word-studies
Jetzt kannst du dir die 109 Verwendungen dieses Wortes im Neuen Testament anschauen. Es gibt erstaunlicheweise nur 7 Verwendungen in den synoptischen Evangelien. Danach kommen viel mehr, nämlich 24 im Johannes Evanglium. Lukas verwendet es zum Beispiel auch so: „In Wahrheit aber sage ich euch:“ (Lukas 4:25 Elberfelder) In Johannes 8:44,45 wird Wahrheit der Lüge gegenübergestellt. Und natürlich gibt es auch Texte, in denen mit Wahrheit die „göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde“ gemeint ist, was als eine der möglichen Bedeutungen in Strong’s Greek Lexikon angegeben wird.
Die Sache ist also wieder einmal deutlich komplizierter als wir vielleicht dachten.
Und deswegen müssen wir uns auch einmal anschauen, inwieweit der heilige Geist eine Rolle dabei spielen sollte, das Evangelium zu verstehen. Wir können hier nur ein paar Aspekte betrachten, aber schon das wird aufschlussreich sein.
„Der Geist der Wahrheit“
Fangen wir mit Worten Jesu gemäß dem Johannes Evanglium an:
Ich hätte euch noch so viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. Wenn dann jedoch der Geist der Wahrheit gekommen ist, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn er wird nicht seine eigenen Anschauungen vertreten, sondern euch nur sagen, was er ‹von mir› hören wird, und euch verkünden, was dann geschieht. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen, denn was er euch verkündigt, nimmt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört ja auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was er euch verkündigen wird, hat er von mir.“
Johannes 16:12-15 NEÜ
Wir lesen hier vom Geist der Wahrheit. Dabei wird für Geist das Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet. Genau das Wort, das für „Gott ist ein Geist“ und „in Geist und Wahrheit“ in Johannes 4:23,24 verwendet wurde. So einfach ist der Text aber gar nicht zu verstehen, denn wie Jesus hier vom Vater und vom heiligen Geist wie von einer Person spricht, dürfte all die irritieren, welche die Dreieinigkeitslehre bezweifeln. Das hatten wir allerdings auch schon in Johannes 4:23 bemerkt … aber wir kommen vom Thema ab.
Interessant ist, dass der Teil „wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen“ zum einen schon recht frei übersetzt ist. Und es gibt auch noch zwei verschiedene überlieferte Formulierungen in den Manuskripten!
Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit [andere Handschr.: in der ganzen Wahrheit] leiten; (Elberfelder)
Doch wenn der Helfer kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit [Wörtlich: „wird er euch in der ganzen“ ( aL(2) „in die ganze“ ) „Wahrheit“.] führen. (NGÜ)
Wenn er aber kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten; [Andere Textüberlieferung: „…, wird er euch in die ganze Wahrheit führen; …“] (Züricher)
Johannes 16:13
Wir können hier also nicht klar entscheiden, ob der Geist uns zum vollen Verständnis der Wahrheit leiten wird, also dass wir alles verstehen, oder nur innerhalb der vollständigen Wahrheit leiten wird, es also keinen Bereich gibt, der dem der Geist verschlossen bleibt. Aber uns gibt er nicht alles weiter. Betrachtet man den Kontext, in dem Jesus sagt, dass ihm alles gehört, spricht einiges für Letzteres.
Betrachten wir noch einen anderen Vers zu diesem Thema.
1. Korinther 2:10-13
Erklärt 1. Korinther 2:10-13 den Text aus Johannes 16:12-15?
Denn durch seinen Geist hat Gott uns dieses Geheimnis offenbart. Der Geist ergründet nämlich alles, auch das, was in den Tiefen Gottes verborgen ist. Wer von den Menschen weiß denn, was im Innern eines anderen vorgeht? Das weiß nur dessen eigener Geist. Ebenso weiß auch nur der Geist Gottes, was in Gott vorgeht. Wir haben aber nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der von Gott kommt. So können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat. Und davon reden wir auch, aber nicht in Worten, wie sie menschliche Weisheit lehrt, sondern in Worten, wie sie der Geist lehrt. Geistlichen Menschen, erklären wir geistliche Sachen.
1. Korinther 2:10-13 NEÜ
Auch hier müssen wir zuerst einmal deutlich sagen: Wenn hier von ‚uns‘ und ‚wir‘ gesprochen wird, dann ist damit zuerst einmal nur Paulus gemeint, der den Brief geschrieben hat, und die in der Gemeinde in Korinth im 1. Jahrhundert. Dass dies auch auf uns heute zutrifft, muss biblisch begründet werden!
Können wir aus diesem Text ableiten, dass wir beim Lesen der Bibel durch den heiligen Geist die Wahrheit erklärt bekommen? Paulus beginnt mit dem Gedanken, dass er zu den Korinthern kam, um „das Geheimnis Gottes bekannt zu machen“ (V1, NEÜ). Nur passte die Botschaft, mit der er kam, zu keiner der Lehren der bekannten Religionen oder Philosophien. Er kam mit etwas an, auf das niemand von selbst gekommen wäre: „Denn ich hatte mich entschlossen, unter euch nichts anderes zu kennen außer Jesus Christus und ihn als gekreuzigt.“ (V2 NEÜ). Nun hat Paulus nicht einfach mit ihnen gesprochen, und dann hat ihnen der heilige Geist alles erklärt. Er sagt nach Vers 4: „Mein Wort und meine Predigt beruhten ja nicht auf der Überredungskunst menschlicher Weisheit, sondern auf der Beweisführung von Gottes Geist und Kraft.“ Und wie haben andere von dem Geheimnis Gottes erfahren? „Nein, wir predigen das Geheimnis der von Gott verborgenen Weisheit. Dass diese uns jetzt enthüllt wurde, hat Gott schon vor aller Zeit bestimmt, damit wir an seiner Herrlichkeit Anteil bekommen.“ (V7 NEÜ) Wenn Paulus davon spricht, dass sie ‚uns jetzt enthüllt wurde‘, bedeutet also nicht, dass sie jedem beim Lesen der Schriften durch den heiligen Geist enthüllt wurde. Bei einigen wie Paulus war das vielleicht so, doch den meisten wurde es durch die Predigt des Paulus enthüllt. So ist auch Vers 10 nicht so zu verstehen, dass der Heilige Geist jedem die Geheimnisse direkt enthüllt. Das geschah meistens indirekt durch die Lehren Jesu, das Predigen des Paulus usw.
Dass die Sache komplizierter ist, zeigt sich dann gleich im ersten Vers des nächsten Kapitels: „Zu euch, Brüder, konnte ich bisher aber nicht so sprechen, wie zu geisterfüllten Menschen. Ich musste euch wie Kinder behandeln, die mehr ihren eigenen Wünschen folgen als Christus.“ (1. Korinther 3:1 NEÜ). Ließen sich die Korinther nicht vom heiligen Geist leiten? Waren sie denn nicht Gesalbte? Oder nicht mehr? Oder ist die Idee falsch, dass man sich entweder vom heiligen Geist leiten lässt und die Wahrheit entschlüsselt und erkennt oder eben nicht? Ist das überhaupt so eine Alles-oder-Nichts-Sache?
1. Johannes 2:27
Dann haben wir noch 1. Johannes 2:27. Vielleicht ist dir schon aufgefallen, wie oft wir hier beim Evangelium nach Johannes oder den Johannes Briefen gelandet sind. Das ist schon merkwürdig, dass es erst so spät in Schriften betont wird und dann noch aus nur einer Quelle. Aber auch das ist ein anderes Thema. Was steht also in 1. Johannes 2:27?
Für euch aber gilt: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist[2] lehrt euch das alles. Und was er lehrt, ist wahr, es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch lehrt, und lebt mit Christus vereint.
1. Johannes 2:27 NEÜ
Da steht es doch! „Der Geist lehrt euch das alles“. Auch hier gilt natürlich: Wer ist ‚euch‘? Fühlst du dich angesprochen? Aber der Brief ging doch gar nicht an dich und andere 2000 Jahre später.
Aber der Text enthält noch eine Überraschung. Es gibt in der NEÜ eine Fußnote: „Wörtlich: das Salböl. Siehe Fußnote zu Vers 20.“ Und dort steht:
Ihr aber habt vom Heiligen selbst den Heiligen Geist [Wörtlich: das Salböl bzw. die Salbung. Im Alten Testament wurden Könige und Priester bei ihrer Einsetzung gesalbt. Diese Symbolik sollte daran erinnern, dass Gott sie berufen und für ihren Auftrag ausgerüstet hatte.] erhalten. Und durch diese Salbung wisst ihr Bescheid.
1. Johannes 2:20 NEÜ
Hier steht also gar nichts vom Heiligen Geist sondern vom Salböl oder der Salbung! Das verwendete Wort ist χρῖσμα (chrisma) und es kommt genau 3 mal in der Bibel vor – in diesen beiden Versen! Was bedeutet das also? Hat der Heilige Geist ihnen das eingeflüstert?
Ich schreibe euch also nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und wisst, dass aus der Wahrheit keine Lüge hervorgehen kann.
Doch ihr, haltet an der Botschaft fest, die ihr von Anfang an gehört habt! Wenn ihr das tut, dann bleibt ihr mit dem Sohn und mit dem Vater verbunden.
1. Johannes 2:21, 24 NEÜ
Die Wahrheit hatten sie also als Botschaft von Anfang an gehört, als sie gläubig und gesalbt wurden. Wenn sie an ihrerer Salbung und dieser Botschaft festhalten würden, dann bräuchten sie natürlich niemanden, der ihnen etwas anderes lehrt. Sie hatten die ‚Wahrheit‘ ja damals schon erkannt.
Aber irgendwie muss im ersten Jahrhundert der Heilige Geist doch etwas bewirkt haben, oder nicht?
Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes! Verachtet prophetische Aussagen nicht, prüft aber alles und behaltet das Gute!
1. Thessalonicher 5:19-21 NEÜ
Waren denn nicht alle prophetischen Aussagen in der Versammlung gut? Oder waren diese dann nicht vom heiligen Geist? Mir scheint, dass das mit dem heiligen Geist und dem Verständnis der Bibel doch komplizierter ist, als es vielleicht anfangs erschien.
Wir könnten noch weitere Texte zu diesem Thema analysieren – und möglicherweise weitere Überraschungen erleben. Aber ich denke, diese wichtigen Beispiel erst einmal genügen.
Wie weit können wir Wahrheiten Gottes erkennen?
Inwieweit hat der Heilige Geist denn im ersten Jahrhundert die „tiefen Dinge“ erklärt? Was sagt denn gerade Paulus dazu, diesen Gedanken in 1. Korinther geschrieben hat?
Denn wir erkennen und weissagen ja nur einzelne Dinge.
Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, … Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, …
1. Korinther 13:9, 12 NEÜ
Wir sollten also nicht zu viel erwarten. Schon die ersten Nachfolger Jesu sollten sich ihrer Grenzen bewusst sein.
Aber vielleicht sollte sich das ja im Laufe der Zeit noch ändern. Ja, aber auf diese Weise:
Die Liebe wird niemals aufhören. Prophetische Eingebungen werden aufhören, das Reden in Sprachen wird verstummen, ‹die Gabe der› Erkenntnis wird es nicht mehr geben.
Wenn dann aber das Ganze kommt, wird alles Unfertige beseitigt werden.
Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, dann aber werden wir alles direkt zu Gesicht bekommen. Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, dann aber werde ich so erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin. Was bis dahin bleibt [Andere übersetzen: „Was bleibt, bis es soweit ist“. Wörtlich: „Was nun aber bleibt“. NGÜ], sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Und die größte davon ist die Liebe.
1. Korinther 13:8, 10, 12, 13 NEÜ
Paulus sagt, dass sie zu seiner Zeit trotz heiligem Geist und Wundergaben vieles nur bruchstückhaft verstanden haben. Und es würde weniger werden: „‹die Gabe der› Erkenntnis wird es nicht mehr geben“. Das würde sich ändern, wenn das ‚Ganze‘ oder ‚Vollkommene‘ da sein wird. Wann wäre das? Und was wäre bis dahin? In Vers 13 betont Paulus, was wir erwarten können: Glaube, Hoffnung und Liebe.
Wenn du meinst, dass du heute vom heiligen Geist geleitet wirst, wie es in den Schriften aus dem 1. Jahrhundert erwähnt wird, akzeptierst du dann auch, dass es noch diese anderen Gaben des Geistes gibt? Was gab es denn noch?
Dem einen nämlich wird durch den Geist die Weisheitsrede gegeben, dem anderen aber die Erkenntnisrede gemäss demselben Geist; einem wird in demselben Geist Glaube gegeben, einem anderen in dem einen Geist die Gabe der Heilung, einem anderen das Wirken von Wunderkräften, wieder einem anderen prophetische Rede und noch einem anderen die Unterscheidung der Geister; dem einen werden verschiedene Arten der Zungenrede gegeben, einem anderen aber die Übersetzung der Zungenrede. Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem auf besondere Weise zuteilt, wie er es will.
1. Korinther 12:8-11 Züricher
Ist das auch für unsere Zeit noch zugesagt? Oder während der vergangenen 2000 Jahre? Das steht allerdings gar nicht in diesem Text. Sondern nur, dass es damals so war. Und wenn du nun glaubst, dass du heute durch den heiligen Geist beim Lesen der Bibel geleitet wirst, um die Wahrheit zu erkennen, was ist dann mit diesen anderne Gaben? Wie begründest du anhand des Neuen Testaments, dass diese nicht mehr durch den heiligen Geist ermöglicht werden?
Es wäre auch gut, diese Aussagen im Kontext der Kapitel 12-14 zu lesen. Darin zeigt Paulus, dass nicht alle diese Gaben hatten. Auch nicht die ‚Gabe der Erkenntnis‘. Mussten sie dann andere dazu fragen, wenn sie hörten, was aus den Schriften oder den neuen Briefen vorgelesen wurde? Interessanterweise hat Paulus in Kapitel 14 noch dies zu sagen: „Ist das Wort Gottes denn von euch ausgegangen? Oder ist es nur zu euch gekommen?“ (NEÜ). Auch wenn die Jünger in Korinth den heiligen Geist hatten, so hatte dieser ihnen die Wahrheit über das Evangelium nicht unabhängig geoffenbart. Und in den anderen Gemeinden war es nicht anders. Paulus hatte ihnen das Evanglium gepredigt – es wurde nicht jedem beim Lesen durch den heiligen Geist geoffenbart.
Vielleicht bist du jetzt verwirrt oder siehst einen Widerspruch: Hat der Heilige Geist jetzt bewirkt, dass die heiligen Geheimnisse Gottes, die Wahrheit ganz erkannt wurde oder nicht? Wenn dir all das jetzt schon zu viel geworden ist, dann möchte ich dies sagen:
Wichtige, zentrale Wahrheiten oder Geheimnisse Gottes sind nicht unbedingt kompliziert. Die gute Botschaft, dass Gott durch den Messias und das Königreich den von ihm gewünschten Zustand der Schöpfung wieder herstellt, dass der Messias sterben musste, dass der Tod des Messias keine Niederlage war, sondern durch seine Auferstehung alle Feinde und sogar der schlimmste, der Tod, beseitigt wurden, das war ein Geheimnis. Die Welt retten durch Leiden und Tod des Messias – das hatte keiner auch nur gedacht. Doch wir können das verstehen – auch ohne Kenntnis der Ursprachen, ausgedehnte Studien usw.. So wie diejenigen, denen Jesus, Paulus und andere gepredigt haben.
Es gibt jedoch auch eine Menge Themen, Details und Zusammenhänge, die nur durch mühsames, zeitaufwändiges Bibelstudium, Studium der Sprache und des Kontextes usw. zu erkennen sind. Und der heilige Geist ist keine Abkürzung dafür.
Die Idee, dass man beim Lesen in der Bibel nur um den heiligen Geist bitten muss, um die Geheimnisse Gottes zu verstehen, stößt allerdings noch in ganz anderer Hinsicht auf Probleme.
Was liest du, wenn du in der Bibel liest?
Die meisten werden den Text der Bibel in ihrer Muttersprache lesen, also nicht im Griechisch, Aramäisch oder Hebräisch der Antike. Zwischen dem Urtext und uns liegt also schon einmal die Übersetzung und der unterschiedliche Kontext (siehe meine Serie Der Kanon des Neuen Testaments). Hilft dir der heilige Geist auf übernatürliche Weise, die Bedeutung im Urtext richtig zu verstehen, wenn du eine Übersetzung in deiner Sprache liest? Oder nehmen wir verfälschte oder gefälschte Bibeltexte wie das Comma Johanneum. Würde der heilige Geist verhindern, dass du diese Bibeltexte in deiner Übersetzung als „tiefe Dinge Gottes“ auffassen würdest? Ich denke, das kann sich jeder selbst beantworten und die Antwort ist: Nein.
Wie steht es aber mit denen, welche in mühevoller Arbeit die Manuskripte aufgespürt, organisiert, verglichen und übersetzt haben? Gaben sie nur vor, sich vom heiligen Geist leiten zu lassen? Kann der heilige Geist ihnen nicht geholfen haben? Gibt es tatsächlich nur ‚zwei Klassen von Christen‘, wie manche sagen? Solche, die vom heiligen Geist geleitet werden und alle anderen, welche nicht vom heiligen Geist geleitet werden? Das ist eigentlich schon eine etwas unglückliche Wortwahl. In der Vergangenheit haben zum Beispiel Jehovas Zeugen von „der Klasse des treuen und verständigen Sklaven“, der „Klasse der Gesalbten“ oder der „Klasse der anderen Schafe“ gesprochen. Es diente nur zur Unterscheidung zwischen ‚wir‘ und ‚ihr‘. Dürfen wir alle Christen einer Konfession in einen Topf werfen – oder eine Klasse? Sowohl diejenigen, welche die Lehren definieren und predigen, als auch die ‚Laien‘, die vielleicht ganz anders denken. Nur weil in einer Kirche die Dreieinigkeit gelehrt wird – und wir das für eine falsche Lehre halten? Das würde ja bedeuten, dass in keiner dieser Kirchen irgend jemand ist, in dem Gottes heiligen Geist wirken kann. Müssten wir nicht genauer darüber nachdenken, ob der heilige Geist Gottes in einem bestimmten Maße in jemandem wirken kann? Nehmen wir an, die Bibelübersetzer der Christenheit hätten den heiligen Geist nicht und dieser hätte sie nicht unterstützt, dann haben sie dennoch viel – eigentlich sogar alles – zur Grundlage heutiger Bibeln beigetragen und eine Menge ‚richtiger‘ Lehren gefunden. Dann hätte der heilige Geist beim Verständnis der Bibel wohl doch nicht eine so entscheidende Rolle, da es bei der schwierigen Aufgabe des Übersetzers auch ohne ihn gegangen ist?
Ist es also so, dass jemand Gottes Geist hat oder nicht hat? Das ist vielleicht schon eine falsche Formulierung, weil sie sich nach Besitz anhört. Aber der heilige Geist ‚gehört‘ Gott (oder Jesus, je nach Text). Wirkt der Geist Gottes in jemandem ganz oder gar nicht? Das war doch schon bei den Berichten im Alten Testament nicht der Fall. Dabei wird die zeitliche Perspektive noch nicht einmal berücksichtigt. Der Geist könnte ja auch eine Zeit lang wirken und dann nicht mehr. Nehmen wir zum Beispiel Salomo. Er hatte Gottes Geist auf besondere Weise erhalten. Und gemäß der Bibel sind Berichte über ihn und Weisheiten von ihm in der Bibel enhalten. Gemäß 1. Könige 11:4 geschah aber das: „Als er älter wurde, brachten sie ihn dazu, andere Götter zu verehren. Da war sein Herz nicht mehr ungeteilt Jahwe, seinem Gott, ergeben wie das Herz seines Vaters David.“ (NEÜ). Götzendienst – das war das Schlimmste, was man in Gottes Augen tun konnte. Ob er dann noch ‚Gottes Geist hatte‘? Ob er sich von Gottes Geist leiten lies? In welchem Maße? Ob Gottes Geist dann noch in ihm wirkte? Die Ergebnisse aus der Zeit davor wurden aber trotzdem in den biblischen Kanon mit aufgenommen. Und war es mit David, Abraham, Mose, Richtern und Propheten?
Können wir also beurteilen, ob sich jemand von Gottes Geist leiten lies – und unterstützt wurde – als er über ein bestimmtes biblisches Thema geforscht und geschrieben hatte? Und wenn er halt auch an eine ‚falsche Lehre‘ glaubte? Niemand von uns kann behaupten, dass er oder sie ‚die ganze Wahrheit‘ hat. Aber gibt es so etwas wie falsche Lehren, die verhindern, dass jemand etwas schreiben oder sagen kann, was wir als ‚biblische Wahrheit‘ akzeptieren würden? Wenn wir die Dreieinigkeitslehre für falsch halten, kann dann jemand, der an eine Variante dieser Lehre glaubt, gar keine anderen ‚biblischen Wahrheiten‘ erkennen? Und kann er gar nicht vom heiligen Geist geleitet werden? Vielleicht beeinflusst jahrelange Indoktrination noch unbewusst, wie wir darüber denken. Das Neue Testament vermittelt eher den Eindruck, dass die Jünger den heiligen Geist hatten und trotzdem noch ziemlich unterschiedliche und auch ‚falsche‘ Vorstellungen hatten.
Ein Wort zur Vorsicht
Wie muss man sich das denn nun aber vorstellen, wenn jemand sagt, dass er Gottes Geist hat und in der Bibel liest. In etwa so?
Der heilige Geist hat uns geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen. Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. Paulus schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Korinther 2:13).
Kling das für dich richtig? Es wurde auch schon so formuliert: „Wenn wir Gottes Atem in uns haben, seinen heiligen Geist, dann werden wir die geheime und verborgene Weisheit Gottes verstehen.“
Jetzt vergleichen wir mal die obige Formulierung mit folgendem Text. Ich habe das hervorgehoben, was identisch mit der vorherigen Formulierung ist:
Anzeichen für die Wirkung des heiligen Geistes. Der heilige Geist hat der leitenden Körperschaft geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen. … Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. (Lies 1. Korinther 2:10.) Die leitende Körperschaft empfindet wie Paulus, der schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Kor. 2:13). Kann die schnelle Zunahme des geistigen Verständnisses seit 1919 nach Jahrhunderten des Abfalls und der geistigen Dunkelheit auf irgendetwas anderes zurückzuführen sein als auf den heiligen Geist?
Wachtturm 2017, Februar, S. 26-27, Abs. 13 Wer führt Gottes Volk heute?
Ob es nun wie in diesem Zitat Jehovas Zeugen oder sonst eine Gruppe ist: Es ist wahrlich keine Überraschung, dass seit zweitausend Jahren Christen behaupten, dass sie durch den heiligen Geist geleitet werden und daher die Bibel und die ‚heiligen Geheimnisse Gottes‘ verstehen. Die Frage ist: Kann das jemand beweisen? Alllerdings müssten wir diese Frage gar nicht beantworten, wenn wir heute gar nicht mehr erwarten dürften, dass uns der heilige Geist so leitet.
Dürfen wir diese Texte einfach so auf uns beziehen?
Wir haben diesen Punkt schon zweimal angesprochen. Können wir die Texte des Neuen Testaments immer auf uns anwenden? Wenn von ‚wir‘ und ‚euch‘ gesprochen wird, sind dann auch du und ich gemeint?
Schon im ersten Jahrhundert haben viele Leute behauptet, von Gottes Geist geleitet zu werden:
Ihr Lieben, glaubt nicht jedem, der behauptet, er sei mit Gottes Geist erfüllt, sondern prüft, ob er wirklich von Gott kommt. Denn überall sind falsche Propheten unterwegs.
1. Johannes 4:1 NEÜ
Interessanterweise werden wir aufgefordert, die Quelle des Geistes zu prüfen. Zugehörigkeit zu einer Religion, Gemeinde oder Gruppe war nicht das Kriterium. Im nächsten Vers wird übrigens ein weiteres Kriterium angegeben, woran man die Wirkung des Heiligen Geistes erkennen kann:
Den Geist Gottes erkennt ihr daran, dass er deutlich macht: Jesus Christus kam als wirklicher Mensch in unsere Welt.
1. Johannes 4:2 NEÜ
Eine außerordentliche Ansage, die uns voll in die Diskussionen unter den Christen der ersten Jahrhunderte führen würde. Aber nicht jetzt.
Schauen wir uns also einmal ein paar der Texte an, die von den Unterstützung durch den heiligen Geist an.
Wenn ihr mich liebt, so werdet ihr meine Gebote halten; und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand [o. Fürsprecher; o. Helfer; w. der ⟨zur Unterstützung⟩ Herbeigerufene] geben, dass er bei euch ist in Ewigkeit [griech. Äon], den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn erkennt. Ihr erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
Johannes 14:16,17 Elberfelder
Mal abgesehen davon, dass Äon nicht die Bedeutung Ewigkeit sondern Zeitalter hat, wird hier vom paráklētos gesprochen, dem ‚Helfer‘. Ist das der ‚heilige Geist‘? Hier steht doch: ‚Geist der Wahrheit‘. Wir sollten hier keine voreiligen Schlüsse ziehen. Und wen meint er denn mit ‚euch‘? Der Kontext zeigt, dass die Apostel gemeint sind. Können wir das einfach so auf alle Nachfolger Jesu erweitern?
Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen, ich komme zu euch. Noch eine kleine ⟨Weile⟩, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich: Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.
Johannes 14:18, 19 Elberfelder
Nun, wer hat Jesus gesehen? Du und ich? Nein! Die Apostel, die er in dieser Passage angesprochen hat. Viele wenden solche Texte ohne Zögern auf sich an, aber das müsste doch biblisch begründet werden!
Denken wir doch nur noch einmal an 1. Korinther 13:8. Paulus sagt, dass diese besonderen Gaben durch den heiligen Geist aufhören werden. Bevor du dir also sagst, dass du beim Lesen der Bibel vom heiligen Geist geleitet wirst, dann solltest du anhand der Bibel beweisen können, dass das heute überhaupt noch so der Fall ist! Wenn du jetzt in deiner Überzeugung entrüstet bist, dann denke einmal über die Jahrtausende vor Jesus Christus nach. Hat der ‚heilige Geist‘ denjenigen so geholfen, die ‚Bibel‘ (was es davon überhaupt schon gab) zu verstehen, wie du das von dir annimmst? Denk nicht nur an einen Abraham oder Mose, sondern auch Hennoch oder Hiob oder diejenigen Israeliten, die ihr Bestes versuchten? Was wäre, wenn uns Gott und Jesus gar nicht zugesagt hätten, dass wir heute durch den heiligen Geist auf wundersame Weise beim Lesen der Bibel ‚die Wahrheit‘ erkennen? Wenn das nur auf das erste Jahrhundert und einige wenige beschränkt gewesen wäre? Was dann?
Man hat dir gesagt, Mensch, was gut ist / und was Jahwe von dir erwartet: / Du musst dich nur an sein Recht halten, / es lieben, gütig zu sein, / und einsichtig gehen mit deinem Gott.
Micha 6:8 NEÜ
Die eigentliche Herausforderung für Jünger Jesu ist doch gar nicht ein genaues Verständnis der ‚Geheimnisse Gottes‘, die wir nur durch heiligen Geist erlangen können. Sondern im täglichen Leben so zu denken, zu sein und das zu tun, was Gott sich von uns Menschen immer gewünscht hat.
Bibelstudium und Heiliger Geist
Die Bibel immer besser zu verstehen, ist tatsächlich auch harte Arbeit. Echtes Bibelstudium ist weit mehr als Lesen. Wenn also Bibelwissenschaftler mühsam und sorgfältig Texte aus dem Alten und Neuen Testament vergleichen oder die Bedeutung der Begriffe im Altertum genau studieren, dann entdecken sie häufig tiefe Dinge Gottes, die uns noch nie aufgefallen sind. Und auch nicht solchen, welche sich ihrer Überzeugung nach beim Lesen der Bibel vom Heiligen Geist leiten lassen. Die Arbeiten solcher Gelehrter zu berücksichtigen, bedeutet ja nicht, dass man Lehren von Menschen folgt. Sie helfen uns, einen genaueren, tieferen Zugang zum Text zu bekommen.
Wie ich finde, hat der leider schon verstorbene Gelehrte Dr. Michel S. Heiser einen sehr wichtigen Zusammenhang in seinem Buch The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms (Die Bibel ungefiltert: Die Heilige Schrift nach ihren eigenen Regeln verstehen) erläutert:
Eines meiner Lieblingszitate über die harte Arbeit, sich ernsthaft mit dem biblischen Text auseinanderzusetzen – das, was wir gemeinhin als Bibelstudium bezeichnen – stammt von dem renommierten griechischen Lexikographen Frederick W. Danker (das „D“ in BDAG). Danker sagte bekanntermaßen, dass „die Aufgaben eines Gelehrten nichts für Weicheier sind“. Er hatte Recht, und ich bin dankbar, dass er bereit war, zu sagen, was gesagt werden musste. Die Wahrheit über ernsthaftes Bibelstudium ist, dass es nicht einfach ist. Es braucht viel Zeit und Mühe, oft Tage, Wochen und Monate, um wirklich zu verstehen, was ein Text bedeutet (oder wahrscheinlich bedeutet) und warum. Wenn dir das Bibelstudium nicht wie Arbeit vorkommt, hast du es nicht richtig gemacht.
Allzu oft sind Menschen, die unbedingt das Gefühl haben wollen, die Heilige Schrift zu kennen, nicht bereit, die Zeit zu investieren, die es braucht, um dorthin zu gelangen. Stattdessen nehmen sie Abkürzungen und erwarten dann, dass der Geist die Arbeit übernimmt. Die Annahme scheint zu sein, dass das Versprechen des Geistes, uns in die Wahrheit zu leiten, bedeutet, dass er mangelnde Anstrengung entschuldigt und uns die Antworten gibt, die wir brauchen. Die dritte Person der Dreifaltigkeit ist nicht der Junge, der in der Schule neben dir sitzt und dich bei seiner Prüfung schummeln lässt. Anstatt persönliche Anstrengungen durch den Geist zu ersetzen, solltest du den Geist um Einsicht bitten, um fehlerhaftes Denken zu entlarven (dein eigenes und das derjenigen, die du liest), wenn du dich mit der Bibel beschäftigst. Je mehr du dich mit dem Wort Gottes beschäftigst, desto mehr hat der Geist zu tun.
Michael S. Heiser, The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms, Kapitel 1


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