Kategorie: Jehovas Zeugen

Analyse einiger Lehren und Richtlinien der Zeugen Jehovas

  • Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? Nicht was du denkst (oder Jehovas Zeugen) – Teil 2

    Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? Nicht was du denkst (oder Jehovas Zeugen) – Teil 2

    Von Christian / Dr. Michael Heiser / Dr. Andrew M. Henry / Dr. Tom Schmidt


    Im ersten Teil dieses Videos habe ich gezeigt, wie Jehovas Zeugen noch heute über Weihnachten denken und warum diese Argumente ziemlich schwach sind. Offen blieb, ob deren Aussagen zur Herkunft von Weihnachten und zum Datum dem 25. Dezember mit dem aktuellen Stand Forschung und den historischen Fakten übereinstimmen. Dazu habe ich dieses Gespräche von Dr. Andrew M. Henry und Dr. Tom Schmidt übersetzt:

    Am Ende habe ich die ausführliche Analyse von Dr. Heiser angehängt. In Englisch und in einer automatischen deutschen Übersetzung. Das is das Transkript eines Podcast von Dr. Heiser, das auch etwa eine Stunde geht. Da gibt es noch mehr Details.

    Weihnachten, das Datum 25. Dezember und die historischen Fakten

    Hier nun die Übersetzung des Gesprächs von:

    Dr. Andrew M. Henry
    Dr. Tom Schmidt

    Dr. Andrew M. Henry

    Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? In der Bibel steht kein Datum, und jedes Jahr hört man in den sozialen Medien Theorien, dass es der Geburtstag des Sonnengottes Sol Invictus oder Mithras war. Aber die wahre Geschichte ist ehrlich gesagt viel spannender. Bei mir ist Dr. Tom Schmidt, ein in Yale ausgebildeter Wissenschaftler für frühes Christentum und das Neue Testament, der Forschungen über die Ursprünge von Weihnachten veröffentlicht hat. Wir werden alle Beweise durchgehen, den römischen Sonnengott, die Wintersonnenwende und eine faszinierende griechische Inschrift, die in eine Statue des Bischofs Hippolyt gemeißelt ist und hilft zu erklären, warum der 25. Dezember Sinn ergibt. Also, fangen wir an.

    Statue des Hippolyt von Rom mit der seitlichen Inschrift

    Dr. Andrew M. Henry

    Okay, ich bin hier mit Dr. Tom Schmidt. Willkommen in der Sendung.

    Dr. Tom Schmidt

    Andrew, es ist toll, wieder hier zu sein.

    Dr. Andrew M. Henry

    Es ist wieder die Zeit, über das Datum von Weihnachten zu reden. Und du hast einen relativ neuen Artikel dazu. Ich sag relativ neu, weil er, glaube ich, aus dem Jahr 2015 ist. In der Welt der Wissenschaft ist das also ein neuer Artikel über das Datum von Weihnachten. Der 25. Dezember. Warum ist es der 25. Dezember? Ich habe bereits zuvor in diesem Kanal darüber gesprochen, über die These der Religionsgeschichte und die These der Berechnung. Ich möchte, dass wir den Zuschauern alle Argumente dafür näherbringen, warum wir glauben, dass sich die frühen Christen weitgehend auf den 25. Dezember geeinigt haben. Und wir können auch darauf eingehen, warum ich hier das Wort „weitgehend” verwende. Beginnen wir vielleicht dort, wo du es für am sinnvollsten hältst.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich denke, es macht vielleicht am meisten Sinn, mit den sichereren Daten zu beginnen, die wir haben, denn bei so vielen historischen Untersuchungen gibt es vieles, was unklar und vage ist. Vielleicht fangen wir also mit dem an, was klar ist und worüber sich alle einig sind, und gehen dann von dort aus weiter. Worin alle sich einig sind, ist, dass Johannes Chrysostomos, eine sehr berühmte christliche Persönlichkeit, im Jahr 386 n. Chr war. Im Jahr 386 n. Chr. ist er Bischof von Antiochia und hält eine Weihnachtspredigt, die uns überliefert ist, und zwar am 25. Dezember. Darin sagt er: „Leute, dieses Datum ist neu für uns. Wir feiern dieses Datum erst seit weniger als 10 Jahren“, sagt er. Das bringt uns zurück ins Jahr 376. Und er sagt, dass sich dieses Datum gerade im ganzen Römischen Reich verbreitet. Und wir wissen, dass er damit Recht hat, weil wir noch andere Weihnachtspredigten von berühmten Leuten aus ungefähr derselben Zeit haben. Und dann sagt Johannes was echt Interessantes. Er sagt: „Aber wir haben dieses Datum von der Kirche in Rom gelernt, und die feiern es schon seit langer Zeit an diesem Tag.“ Er sagt das mehrmals. So wissen wir, dass im Osten, in Antiochia, im römischen Osten, Weihnachten in den 370er und 380er Jahren gefeiert wurde, und dass es damals neu war, und dass sie von denen in Rom übernommen hatten, und die in Rom feierten es sogar noch früher. Interessanterweise war zur gleichen Zeit, in den 360er Jahren, der Kaiser von Rom, Julian der Abtrünnige, ein Christ, der dann zum Heidentum, zum griechisch-römischen Heidentum, zurückkehrte. Deshalb wird er Julian der Abtrünnige genannt. Er schreibt eine Hymne an den Sonnengott, den Gott der Sonne. Und er erwähnt, dass es am 25. Dezember ein großes, wichtiges Fest zu Ehren des Sonnengottes gibt. Da stellt sich die Frage: Was ist hier los? Wurde Weihnachten gewählt, weil es mit dem Fest des Sonnengottes und in einigen Quellen mit der Geburt des Sonnengottes zusammenfiel? Oder war es einfach Zufall, dass diese Daten zufällig übereinstimmten? Oder ist das Gegenteil der Fall, dass Julian in seinem Bestreben, das griechisch-römische Heidentum wiederzubeleben, das in so schwere Zeiten geraten war, dass einige heidnische Priester beschlossen, die Weihnachtsfeierlichkeiten zu übernehmen? Das ist die große Frage.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ich wusste echt nichts von diesem Zitat von Johannes Chrysostomos. Ich bin ein großer Fan von Johannes Chrysostomos. Ich beschäftige mich mit frühchristlicher Magie, und in seinen Predigten beschwert er sich oft über Magie. Die Leute in seiner Gemeinde benutzten Amulette und solche Sachen. Aber wir reden hier von den 370er, 380er Jahren, also ziemlich spät. Wir sind, weißt du, ein halbes Jahrhundert nach Konstantin, 350 Jahre nach Jesus. Und Johannes sagt so etwas wie: „Oh wow, das ist unser neues Datum, der 25. Dezember.“ Aber das sagt uns auch etwas über die wilde, wilde Zeit des frühen Christentums, in der es etwas Überraschendes war, das wir heute für selbstverständlich halten: „Oh, Weihnachten ist am 25. Dezember.“ Selbst für einen bekannten Bischof in einer Großstadt wie Antiochia stand das Datum noch nicht fest.

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Ja. Und das sehen wir auch. Nicht nur Johannes erzählt uns das. Wir wissen aus vielen Quellen, dass das Datum noch nicht festgelegt war. Es dauerte lange, bis es festgelegt wurde. Es gab einige Neinsager, Leute, die dagegen argumentierten. Ein weiteres wichtiges Datum war der 6. Januar, der heute noch in der armenischen Kirche gefeiert wird. Und es gab noch andere Daten. Wenn man zurückgeht und die Aufzeichnungen durchforstet, sieht man, dass einige Leute den 28. November oder den 25. März als Datum nannten. Auch der 25. Dezember war natürlich ein Datum. Es gab also eine Vielzahl von Möglichkeiten. Und der 25. Dezember war eine davon, und diese hat sich durchgesetzt.

    Dr. Andrew M. Henry

    Beginnen wir also, in der Zeit zurückzugehen und versuchen, noch weiter zurückzukommen. Woher hatte Johannes diese Idee? Konzentrieren wir uns vielleicht zuerst auf den Sonnengott, da du gerade den Sonnengott erwähnt hast. Es gibt offenbar einen kleinen Hinweis darauf, dass es am 25. Dezember eine Art Sonnengottfest gab. Das führt uns zu der sogenannten Religionsgeschichtstheorie, dass es am 25. Dezember eine Art großes Fest gegeben haben muss. Ich glaube, es gibt eine etwas faule Twitter-Meme-Variante davon, die besagt: Oh, sie wollten den Feiertag stehlen oder ihn irgendwie christianisieren. Man könnte auch ein akademischeres Argument vorbringen und sagen, dass es einen Prozess der Christianisierung gab, bei dem die Leute diesen Tag schon gefeiert haben. Warum sollte man ihm dann nicht ein christliches Etikett verpassen? Und diese Theorie ist, soweit ich weiß, in den letzten Jahren nicht mehr so beliebt. Kannst du uns die These der Religionsgeschichte, Sola Invictus, Sonnengott und den aktuellen Stand der Forschung dazu erklären?

    Dr. Tom Schmidt

    Du hast es richtig zusammengefasst. Die These lautet in etwa, dass es in Rom, der Stadt Rom, am 25. Dezember ein Fest zu Ehren des Sonnengottes, der Geburt des Sonnengottes, gab, mit entsprechenden Spielen, Wagenrennen und ähnlichen Veranstaltungen. Das war ein großes Ereignis, das den Christen gefiel, und sie dachten sich, wir feiern die Geburt unseres Sohnes Gottes, und zwar am 25. Dezember. Das war tatsächlich lange Zeit die Meinung der meisten Gelehrten, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte, dass also der 25. Dezember ursprünglich ein heidnischer Feiertag war, den die Kirche aus welchen Gründen auch immer übernommen hatte. Das war für sie einfach, denn wenn man das Neue und das Alte Testament liest, wird Jesus mit dem Bringen des Lichts in die Welt in Verbindung gebracht. Tatsächlich gibt es sogar eine Prophezeiung des Propheten Maleachi, der vom Sonne der Gerechtigkeit spricht, die Sonne der Gerechtigkeit wird kommen [Maleachi 3:20], was als messianische Prophezeiung Jesu angesehen wurde. Daher war es für sie einfach, das Argument vorzubringen, dass vielleicht unser Licht der Welt am 25. Dezember zu leuchten begann und es diesen anderen Feiertag einfach ersetzen würde. Das Problem dabei ist, dass wir eigentlich kaum Beweise für ein römisches Fest zu Ehren des Sonnengottes am 25. Dezember haben. Es gibt einen Grund, warum Julian der Abtrünnige unser frühester Beweis aus den 360er Jahren ist, denn wir wissen sehr viel über die römische Religion. Wir haben viele Quellen, die darüber berichten. Wir haben sogar römische religiöse Kalender, die erhalten geblieben sind, und keiner von ihnen erwähnt ein Datum für die Geburt des Sonnengottes am 25. Dezember. Das, was Julian am nächsten kommt, ist ein Manuskript namens Chronographie von 354 n. Chr. Das ist also nicht viel früher als Julian. Julian lebte in den 360er Jahren. Das hier ist in den 350er Jahren.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, und auch nur etwa 20 Jahre vor Johannes Chrysostomos. Das ist also auch ziemlich spät. Nach Konstantin, ja.

    Dr. Tom Schmidt

    Und es heißt, die Geburt von Invictus sei am 25. Dezember gewesen. Aber es heißt nicht „die Sonne”. Nun wurde der Sonnengott oft Sol Invictus genannt, die unbesiegte Sonne. Invictus bedeutet „unbesiegt”. Die meisten Gelehrten haben diese Passage so verstanden, dass sie sich auf die Geburt des Sonnengottes am 25. Dezember bezieht. Aber so oder so, ich meine, das bringt uns nur zurück in die 350er, 330er Jahre. Die meisten Gelehrten denken also, dass es hier darum geht, dass Kaiser Aurelian in den 270er Jahren ein Verehrer des Sonnengottes war. Er hat 274 n. Chr. in Rom einen Sonnentempel gebaut. Und es gibt ein paar gute, wenn auch nur indirekte, Gründe zu glauben, dass er 274 n. Chr. ein Fest zu Ehren des Sonnengottes eingeführt hat, das am 25. Dezember gefeiert wurde. Und selbst mit diesem Datum kann man immer noch das religionsgeschichtliche Argument anführen, dass dieses Fest dann sehr populär wurde und die Kirche es in gewisser Weise nutzte oder übernahm oder was auch immer. Das bringt uns jedoch zu einer alternativen Theorie, der Berechnungstheorie.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, und bevor wir uns damit beschäftigen, möchte ich die Religionstheorie erläutern. Das ist nur fair. Ich glaube, ich war etwas leichtfertig, nur weil es sich um Memes handelt, die jedes Jahr auftauchen. TikTok ist voll von Leuten, die sagen, das Christentum würde dies und das von den Heiden stehlen. Und ich beschäftige mich mit Synkretismus. Ich verstehe also, dass das Christentum, das Judentum und alle Religionen ihre Religionen aus der verfügbaren Kultur heraus aufbauen. Ich glaube, es war Gregor, ein westlicher Bischof aus dem 7. Jahrhundert, der ganz offen sagte: Lasst uns die Tempel christianisieren, lasst uns die Feiertage christianisieren. Es gibt tatsächlich einen Bischof, der das gesagt hat. Aber wenn es um Sol geht, das war erst später Gregor. Ich habe ein Video über Sol Invictus gemacht, daher glaube ich, dass ich mich mit diesem Thema gut auskenne. Nach meinem Verständnis war Sol in den frühen Jahrhunderten der Römischen Republik und dann im frühen Römischen Reich ein relativ unbedeutender Gott. Und dann hatte Aurelian wirklich seinen großen Moment, von 270 bis in die 300er Jahre. Konstantin selbst war offenbar ein Fan des Sonnengottes. Also, um das, was du gesagt hast, noch mal zu wiederholen: Das Argument ist, dass das Sonnengottfest am 25. Dezember nicht besonders alt zu sein scheint, sondern wohl aus dem späten 3. Jahrhundert stammt und auf keinen Fall ein wichtiger Feiertag war, so wichtig, dass Christen überall, christliche Autoritäten überall, gesagt hätten: Ach du meine Güte, wir müssen das so schnell wie möglich christianisieren. Auch, um diese Heiden in die Schranken zu weisen. Es kann nicht als Bedrohung angesehen worden sein, weil es einfach keine war, es war neu und nicht besonders bedeutend.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich stimme zu. Ein weiterer Punkt ist einfach, dass wir alle Menschen sind, auf dieser Erde leben und alle die Sonne und den Mond beobachten. Vor dem Internet und vor dem Fernsehen haben wir das ständig gemacht. Wir wissen genau, wie die Muster und Phasen von Mond und Sonne ablaufen und dass die Sonne auf der Nordhalbkugel im Sommer länger scheint und höher am Himmel steht und im Winter das Gegenteil passiert. Und es ist eine natürliche menschliche Reaktion, zu erkennen, wann die Wintersonnenwende stattfindet und dass die Sonne jetzt länger scheint. Das sehen wir in allen Kulturen. Wir sehen es in der jüdischen Kultur. Wir sehen es in der christlichen Kultur. Wir sehen es im Grunde in jeder Kultur, von der wir Kenntnis haben. Ein weiterer Faktor, der die Sache kompliziert macht, ist also, dass es sehr gut möglich ist, dass Menschen dasselbe beobachten und diese Daten unabhängig voneinander parallel markieren. Und wir wissen, dass zum Beispiel die Juden das gemacht haben. Die Tagundnachtgleiche im Frühling war für die Juden wichtig. Sie war auch für die Christen wichtig. Und wenn die Tagundnachtgleiche im Frühling wichtig ist, dann sind auch die Sonnenwenden und die Tagundnachtgleiche im Herbst wichtig.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, das ist ein wirklich guter Punkt. Und ich denke, Len erklärt irgendwie, warum die Theorie der Religionsgeschichte so beliebt war, denn die Sonnenwende und die Tagundnachtgleiche scheinen hier Teil der Geschichte zu sein. Also ist das Argument zur Widerlegung der These der Religionsgeschichte etwas nuanciert. Wir müssen sagen: Ja, die Sonnenwende hatte etwas damit zu tun. Nein, Sol Invictus hatte wahrscheinlich nichts damit zu tun. Es ist also differenziert. Da wir jetzt über Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen sprechen, ist es meiner Meinung nach ein guter Zeitpunkt, uns mit der Berechnungstheorie zu befassen, für die wir meiner Meinung nach einige Grundlagen schaffen müssen, um dieses Argument zu verstehen.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, die Berechnungstheorie führt uns in eine ganz andere Gedankenwelt. Es ist die Welt der antiken christlichen Chronisten. Das sind antike Christen, die versuchen herauszufinden, wann biblische Ereignisse stattfanden, wie die Kreuzigung Jesu, die Auferstehung Jesu, andere Ereignisse in der biblischen Vergangenheit und natürlich die Geburt Jesu. Wir sehen, dass dies im 2. und 3. Jahrhundert begann, als Christen damit begannen. Und um die wichtigsten Daten im christlichen Kalender zu ermitteln, nämlich die Kreuzigung und Auferstehung Jesu, muss man das Passahfest bestimmen können. Das Passahfest ist ein jüdischer Feiertag und ein Mondfest. Es richtet sich nach den Mondphasen. Und laut biblischen Anweisungen und jüdischen talmudischen Dokumenten soll man das Passahfest am ersten Vollmond nach der Tagundnachtgleiche feiern. Das bringt zwei Probleme für Chronographen mit sich. Das erste ist: Wann ist die Tagundnachtgleiche? Das ist echt schwierig. Wir könnten natürlich einfach raten und sagen, dass es Ende März ist, aber es ist echt schwierig, genau zu bestimmen, wann die Tagundnachtgleiche ist. Und dann ist da noch das Passahfest, das jedes Jahr stattfindet. Es ist einfach, nach draußen zu gehen, in den Himmel zu schauen und zu sehen, ob Vollmond ist oder nicht. Aber es ist echt schwierig, vorherzusagen, wann in der Vergangenheit Vollmond war. Technisch ist das möglich, aber es ist echt schwer, weil sich der Mond ein bisschen bewegt und unregelmäßig ist und sich über den gesamten Sonnenkalender erstreckt. Wenn man also verfolgt, wann jedes Jahr das Passahfest oder Ostern stattfindet, merkt man, dass sich diese Daten im Kalender verschieben und manchmal einen Monat auseinander liegen. Das ist wichtig, denn um die Kreuzigung Jesu zu bestimmen, muss man all diese Dinge wissen. Sonst landet man bei dem falschen Datum. Um den Kreis zur Geburt Jesu zu schließen: Es stellt sich heraus, dass die frühen Christen aus verschiedenen Gründen glaubten, Jesus sei am Passahfest gezeugt worden. Sie glaubten also, dass er am Passahfest verhaftet und gekreuzigt wurde. Sie glaubten auch, dass er am Passahfest gezeugt wurde. Und wenn man weiß, wann jemand gezeugt wurde, kann man natürlich zumindest grob schätzen, wann er geboren wurde.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Gehen wir also ein bisschen zurück. Stellen wir uns vor, es sind die ersten Jahrhunderte des Christentums. Es gibt diese extrem gelehrten, extrem klugen frühen christlichen Theologen, die sich auf die Mission begeben, die wichtigsten Meilensteine im Leben Jesu zu berechnen. Die Evangelien liefern uns viele Daten zu vielen Dingen. Sie erwähnen jedoch nicht sehr oft Zeiten und Daten. Sie erwähnen nicht, wann Jesus geboren wurde, aber wir erhalten einige Details darüber, wann er gekreuzigt wurde, nämlich um die Zeit des Passahfestes. Das Passahfest ändert sich von Jahr zu Jahr aufgrund der Mondphasen. Es verschiebt sich also zwischen April und März. Das stellt ein Problem für diese Chronographen dar, sagen wir mal 200 n. Chr., 300 n. Chr., sie sind Hunderte, Hunderte von Jahren nach der Kreuzigung Jesu. Also versuchen sie, das Datum zurückzurechnen. Sie rechnen buchstäblich Jahrhunderte zurück. Wann war Vollmond? Irgendwann um 30 n. Chr., als Jesus ihrer Meinung nach gekreuzigt wurde. Das ist also das Problem, das sie hier zu lösen versuchen, richtig?

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, und das Problem wird noch komplizierter, weil Jesus laut den Evangelien an einem Freitag gekreuzigt wurde. Der Vollmond muss also auch mit einem Wochentag übereinstimmen, was die Sache noch komplizierter macht.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Ich meine, Hut ab vor ihnen, dass sie es versuchen, aber man sieht das Problem, das sie hier haben. Es ist ein kalendarisches Problem. Es ist ein astronomisches Problem. Sie versuchen, die Mondphasen anhand der Daten zu berechnen. Das ist also die Aufgabe, die vor ihnen liegt. Kommen wir nun zu dem, was du kurz angedeutet hast, nämlich was das mit der Geburt Jesu zu tun hat. Wir reden hier viel über die Kreuzigung Jesu. Warum hat die Geburt Jesu etwas damit zu tun? Und du hast erwähnt, dass sie glauben, dass die Empfängnis Jesu etwa im März oder zur gleichen Zeit wie das Passahfest stattfand, zu der er gekreuzigt wurde.

    Dr. Tom Schmidt

    Die frühen Christen, insgesamt gesehen, es ist nicht ganz einheitlich, aber es ist eine Mehrheitsmeinung, fast einheitlich. Sie scheinen geglaubt zu haben, dass Jesus entweder zu Passah oder zur Frühlings-Tagundnachtgleiche oder zu beiden Terminen gezeugt wurde, weil diese Daten gelegentlich zusammenfallen. Und warum sie das glauben, ist eine andere Frage. Sie nennen dafür verschiedene Gründe, auf die wir eingehen könnten. Einer davon ist, dass ihnen die Vorstellung gefiel, dass das Leben Jesu mit dem Zeitpunkt übereinstimmte, an dem Gott ihrer Meinung nach das Universum erschuf. Es gibt einen weiteren allgemeinen Glauben, dass Gott das Universum zur Tagundnachtgleiche erschuf. Wenn man davon ausgeht, dass Gott alles auf einmal ins Leben gerufen hat, muss man einen Tag auswählen, an dem dies geschehen ist. Nicht alle Christen glaubten, dass Gott das Universum auf diese Weise erschaffen hat, aber einige von ihnen, einige antike Christen, taten dies. Und wenn man einen Tag auswählt, muss man auch eine Mondphase auswählen. Man muss einen Tag auswählen. Und natürlich haben sie sich verschiedene Optionen angesehen und dachten, dass die Tagundnachtgleiche im Frühling die beste ist, weil sie ein perfektes Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen allem, darstellt. Und dann passt es einfach. Es passt einfach.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Kosmische, kosmische Perfektion für den Retter des Universums. Also lass uns ein paar Namen dafür finden. Lass uns ein paar harte Fakten sammeln. Wir haben erwähnt, dass die frühen Christen dies und das sagen. Haben wir irgendwelche konkreten Zitate oder frühe christliche Theologen, die genau das über die Empfängnis sagen? Am Passahfest, zur Frühlings-Tagundnachtgleiche.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, genau. Unsere früheste Quelle dafür ist ein apokrypher Text, das Kindheitsevangelium des Jakobus und das Protoevangelium des Jakobus, die darauf hindeuten, dass die Empfängnis am Passahfest stattfand. Es ist nicht ganz eindeutig, aber es handelt sich um ein Dokument aus dem 2. Jahrhundert. Wir haben andere Aussagen von anderen Christen, die eindeutig sind. Eine davon stammt aus dem Jahr 222 n. Chr. und findet sich in einer wunderschönen christlichen Inschrift auf einer Statue einer sitzenden Figur, die heute am Eingang der Apostolischen Bibliothek in der Vatikanischen Bibliothek zu sehen ist. Für die Zuschauer, im Gegensatz zu den Zuhörern, werde ich ein Bild davon zeigen.

    Dr. Andrew M. Henry

    Super. Beschreib doch vielleicht für die Zuhörer, was wir hier sehen.

    Statue des Hippolyt von Rom mit der seitlichen Inschrift

    Dr. Tom Schmidt

    Wir sehen eine wunderschöne lebensgroße Marmorstatue einer sitzenden Figur auf einem Stuhl, eigentlich einem Thron, der auf beiden Seiten der Armlehnen kleine Löwenköpfe hat. An der Seite des Throns sind lange Inschriften eingraviert. Die Inschriften sind schwer zu lesen, aber wenn man sie aus der Nähe betrachtet – ich habe diese Statue selbst gesehen –, sind sie relativ gut zu erkennen. Es stellt sich heraus, dass es sich bei dieser Inschrift um einen Passahkalender handelt. Es ist ein Kalender, mit dem versucht wird, herauszufinden, wann frühere Passahfeste stattfanden, damit der Autor des Kalenders herausfinden konnte, wann bestimmte biblische Ereignisse stattfanden. Der Autor des Kalenders ist ein Mann namens Hippolyt, Hippolyt von Rom, und der Kalender stammt aus dem Jahr 222 n. Chr.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ich habe das in einem meiner Videos erwähnt. Ich benutze die Analogie einer Excel-Tabelle. Man kann sich das so vorstellen, dass Hippolyt, ich meine, du bist damit besser vertraut, aber er versucht im Grunde genommen, die Mondphasen etwa 150 Jahre vor seiner Zeit zu berechnen, richtig?

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Ja. Er versucht herauszufinden, wann das Passahfest vor fast 200 Jahren stattfand. Und tatsächlich geht er sogar noch weiter zurück. Er versucht herauszufinden, wann die Passahfeste mit Moses stattfanden. Er geht also mehr als 1000 Jahre in der Zeit zurück. Um zu erklären, wie das funktioniert, zeige ich euch ein weiteres Bild. Das ist eine Transkription, die viel leichter zu lesen ist. Es ist eine Abschrift von dieser Seite des Stuhls. Es ist alles in griechischen Buchstaben. Die Griechen haben alphabetische Zeichen benutzt, um Zahlen anzuzeigen. Das ist also ein Kalender. Es ist ein ziemlich komplizierter Kalender. Für uns ist interessant, dass er versucht, vorherzusagen, wann verschiedene Passahfeste stattfinden, und wenn er auf ein Passahfest stößt, von dem der Autor Hippolyt glaubt, dass es mit einem bestimmten sehr wichtigen Ereignis in der jüdisch-christlichen Geschichte zusammenfällt, markiert er es mit einer Notiz. Wenn wir hier reinzoomen, sehen wir eine Notiz, die auf Griechisch „die Genesis oder die Genesis Christi” sagt.

    Er benutzt eine Abkürzung für Christus. Das ist der Strich über der Linie, der zeigt, dass es sich um eine Abkürzung handelt. Die Genesis Christi. Mit anderen Worten, der Anfang oder das Entstehen Christi. Und er glaubt, dass dies am Passahfest 2 v. Chr. passiert ist. In unserem Kalender würden wir sagen, am Passahfest 2 v. Chr., dem 2. April. Und das ist interessant, denn was auch immer er mit Genesis meint, er glaubt, dass entweder die Geburt von Christus am Passahfest, dem 2. April, stattfand, oder es kann auch so interpretiert werden, dass die Empfängnis von Jesus am Passahfest stattfand. Es hängt alles davon ab, wie wir dieses griechische Wort interpretieren. Es ist dasselbe Wort wie im Buch Genesis, also der Anfang oder das Entstehen. In meinem Artikel zeige ich, dass in der zeitgenössischen griechischen medizinischen Literatur, die im 2. Jahrhundert geschrieben wurde, das Wort „Genesis” einer Person sich auf ihre Empfängnis bezieht. Und so scheint es, als würde Hippolyt genau das tun. Er glaubt, dass Jesus am Passahfest am 2. April gezeugt wurde. Logischerweise muss er dann geglaubt haben, dass Jesus etwa neun Monate später geboren wurde, und natürlich ist etwa neun Monate später nach dem 2. April der 25. Dezember. Wenn es genau neun Monate sind, ist es der 2. Januar.

    Dr. Andrew M. Henry

    Kommen wir jetzt mal zurück zu Johannes Chrysostomos. Also, zurück zum Anfang unserer Diskussion. Du hast gesagt, dass Johannes Chrysostomos in den 380er Jahren n. Chr. geschrieben hat, dass wir gerade erst angefangen haben, Weihnachten am 25. Dezember zu feiern. Das haben wir von den Christen in Rom übernommen. Wir sind also in Antiochia, das ist die heutige Türkei, ziemlich weit im Osten. Und dann erwähnt er, dass die Christen in Rom dieses Fest schon seit langer Zeit an diesem Datum feiern. Und hier haben wir Daten, vermutlich aus Rom. Hippolyt lebte also in Rom, richtig? Ab 222, das ist also ziemlich früh. Das ist lange vor Johannes Chrysostomos.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, und die Statue wurde in Rom gefunden, und Hippolyt stammte ebenfalls aus Rom. Es handelt sich also um römische Daten aus dem Jahr 222 n. Chr., wie du sagtest, wonach sie offenbar die Empfängnis Jesu feierten oder begingen. Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass es keine Beweise dafür gibt, dass es tatsächlich kirchliche Feierlichkeiten gab. Das ist rein chronologische Spekulation, aber er glaubt, dass Jesus am Passahfest am 2. April 222 n. Chr. in Rom empfangen wurde. Das ist seine Überzeugung, das ist es, was er dokumentiert.

    Dr. Andrew M. Henry

    Okay, dann lass uns jetzt weitermachen, denn wir beschäftigen uns immer noch mit der Tagundnachtgleiche im Frühling. Wir sind im März, wir sind im April. Bring uns jetzt zum Dezember. Was sagt Hippolyt uns darüber, oder was sind deine Theorien darüber, was Hippolyt damals über die Geburt Jesu dachte? Wenn er glaubt, dass die Empfängnis am 2. April, an einem Passahfest, 2 v. Chr., stattfand, wann glaubte er dann, dass Jesus geboren wurde?

    Dr. Tom Schmidt

    Das ist natürlich die naheliegende Frage. Er hat noch ein anderes Werk geschrieben, das wir haben, und zwar einen Kommentar zu Daniel. Es ist tatsächlich der früheste vollständige christliche Kommentar zu einem Buch der Heiligen Schrift. Und wenn man das liest, sagt er, dass Jesus am 25. Dezember geboren wurde. Das Problem dabei ist, dass das nur in einigen der erhaltenen Manuskripte dieses Kommentars steht. Es gibt andere Manuskripte, die überhaupt kein Datum enthalten oder etwas anderes sagen, zum Beispiel etwas, das mit dem April zu tun hat. Es ist eine verfälschte Lesart. Das ergibt eigentlich keinen Sinn. Man kann es nicht wirklich lesen. Deshalb haben Gelehrte immer darüber diskutiert. Und was glaubte er eigentlich über die Geburt Jesu? Es ist natürlich möglich, dass er nichts gesagt hat oder dass er ein anderes Datum als den 25. Dezember genannt hat und dass ein mittelalterlicher Schreiber später etwas in der Manuskripttradition geändert hat. Die Gelehrten waren also uneinig darüber, was Hippolyt glaubte. Was mir aufgefallen ist und was ich in meinem Artikel veröffentlicht habe, ist, dass er noch ein weiteres Werk hat, in dem er chronologische Berechnungen anstellt. Er spricht über die Erschaffung der Welt und glaubt, dass diese am 25. März stattfand. Er erstellt eine ausführliche Chronologie, in der er biblische Ereignisse seit der Erschaffung, also seit dem 25. März, datiert. Und er hat eine Passage darin, in der er anscheinend sagt, dass Jesus neun Monate nach dem Jahrestag der Erschaffung der Welt geboren wurde. Und wenn er denkt, was er anscheinend tut, dass die Welt am 25. März, dem Frühlingsanfang im römischen Kalender, erschaffen wurde, dann sind neun Monate, genau neun Monate später, der 25. Dezember. Ich behaupte also, dass er meiner Meinung nach den 25. Dezember als Geburtstag Jesu gewählt hat. Aber er hat das gemacht, weil er jongliert hat, indem er herausgefunden hat, wann das Passahfest stattfand und wann die Welt erschaffen wurde. Er dachte, es sei die Tagundnachtgleiche. Das sind seine Annahmen. Mit anderen Worten, es scheint keine alte christliche Tradition zu sein, die ihm den Geburtstag Jesu überliefert hat. Es scheint auch nicht auf dem Geburtstag von Sol Invictus oder dem Sonnengott oder so was zu basieren.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, lass uns kurz darauf zurückkommen. Wie wir schon gesagt haben, hatte Sol Invictus offenbar um 270 n. Chr. unter Kaiser Aurelian seine Blütezeit. Und dann haben wir diesen Kalender aus dem Jahr 354, in dem eine Art Fest am 25. Dezember für Invictus erwähnt wird, was nach Meinung von Wissenschaftlern eine Anspielung auf Sol Invictus ist. Also ist 270 das früheste Datum, das wir theoretisch annehmen können. Wenn Kaiser Aurelian tatsächlich am 25. Dezember einen wichtigen Feiertag zu Ehren von Sol Invictus eingeführt hat, dann wäre das um 270 gewesen. Aber selbst das ist nur Spekulation. Wir haben erst Daten ab 354. Wir reden hier aber von 222. Wir sind weit vor Aurelian, weit vor Sol Invictus. Es scheint also, dass zumindestens ein Christ so dachte. Aber vielleicht können wir das noch weiter ausführen, wer sonst noch um dieses Datum herum war? Mindestens ein Christ in den frühen 200er Jahren begann, den 25. Dezember als Geburtstag Jesu zu betrachten, aufgrund dessen, was wir als gekünstelte Versuche betrachten würden, das Leben Jesu mit kosmischer Perfektion in Einklang zu bringen. Das Universum wurde zur Frühlings-Tagundnachtgleiche erschaffen. Jesus wurde zu Passah empfangen und dann zu Passah gekreuzigt. Das ist irgendwie praktisch, aber es lohnt sich, hier in die Gedankenwelt von Hippolyt einzutauchen.

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Hippolyt war nicht der Einzige, der das tat. Es gibt noch andere Beispiele dafür. Es gibt einen noch früheren Autor namens Clemens von Alexandria. Er schrieb in Alexandria, Ägypten, in den 190er Jahren, vielleicht 200, 205, so ungefähr. Er ist also älter als Hippolyt. Auch er beschäftigt sich mit Chronologie. Und er gibt eine Chronologie zum Leben Jesu an, in der ähnliche Annahmen enthalten sind, wo er anscheinend denkt, dass Jesus am Passahfest empfangen und etwa 9 Monate später geboren wurde. Der Unterschied ist, dass er andere Daten für das Passahfest hat. Daher scheinen auch seine entsprechenden Daten für die Geburt Jesu anders zu sein. Es gibt noch einen anderen Autor namens Julius Africanus. Er schreibt tatsächlich ein Jahr vor Hippolyt, im Jahr 221. Und er könnte auch in Rom gewesen sein. Wir wissen nicht, ob er eine Zeit lang in Rom gelebt hat, aber er ist auch durch den gesamten Mittelmeerraum gereist. Wir wissen also nicht, wann er sein wichtigstes chronologisches Werk geschrieben hat, ob es in Rom war oder nicht. Aber es ist denkbar, dass er buchstäblich in Rom mit Hippolyt zusammen war und sie über diese Dinge gesprochen haben. Wir wissen es nicht. Aber auch er scheint zu glauben, dass die Welt am Frühlingsäquinoktium, dem 25. März, erschaffen wurde. Und er sagt in einer rätselhaften Aussage, dass die Inkarnation, das griechische Wort dafür ist „sarcosis”, die Menschwerdung Jesu, am 25. März stattfand. Die Frage ist: Was meint er damit? Meint er die Geburt Jesu oder die Empfängnis Jesu? Aber siehst du, es handelt sich um denselben Denkprozess. All diese Personen sind vielleicht zu leicht unterschiedlichen Daten gelangt, aber die Zutaten und die Denkprozesse dahinter scheinen alle dieselben zu sein.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, das ist eine gute Formulierung, dass die Zutaten vorhanden sind. Sie alle kreisen um die Tagundnachtgleiche im Frühling. Im März und April passiert viel. Die Erschaffung des Universums, die mögliche Empfängnis Jesu, möglicherweise die Geburt Jesu, wenn Africanus mit „Menschwerdung” die Geburt meint, oder vielleicht meint er auch die Empfängnis. Aber die Tatsache, dass es um diese Daten herum so viele Spekulationen und Berechnungen gab, scheint zu günstig, um nicht die Erklärung zu sein, dass man, wenn man neun Monate vorwärts rechnet, Ende Dezember landet.

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir versuchen, uns auf eine sehr enge Sache zu konzentrieren. Wir stellen nur die Frage, wann der 25. Dezember zum ersten Mal als Geburtstag Jesu gewählt wurde. Aber es gibt noch eine ganz andere Diskussion darüber, warum dieses Datum gewählt wurde. Wie hat es sich im Römischen Reich verbreitet? Ich meine, das sind alles mögliche Untersuchungsansätze. Und hier konzentrieren wir uns nur darauf, wann dieses Datum zum ersten Mal gewählt wurde und warum es zum ersten Mal gewählt wurde. Ich denke, die Antwort ist, dass es anscheinend in den frühen 200er Jahren ausgewählt wurde, wahrscheinlich von Hippolyt, vielleicht von Julius Africanus, und dass es auf chronologischen Annahmen darüber beruhte, wann Gott das Universum erschuf, sowie auf dem Passahfest und der Tagundnachtgleiche, die wichtige Punkte in der jüdisch-christlichen Tradition darstellen, vor allem aber im Leben und Tod Jesu.

    Dr. Andrew M. Henry

    Das ist echt faszinierend. Und für mich ist es so, dass ich sofort, ich meine, du hast vielleicht Hippolyt erwähnt, aber wenn wir irgendwelche möglichen Beweise dafür haben, dass das Kindheitsevangelium des Jakobus bereits die Vorstellung von der Empfängnis Jesu am Passahfest oder zur Frühlings-Tagundnachtgleiche verbreitet, dann scheint es, als hätten die Zutaten für diese Berechnung schon lange vor Hippolyt existiert.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich denke schon. Ich glaube, man kann Hinweise darauf finden, dass Christen, aus welchen Gründen auch immer, dachten, dass Jesus am Passahfest oder zur Frühlings-Tagundnachtgleiche oder zu beiden Anlässen gezeugt wurde, noch bevor Hippolyt lebte. Wir haben viele Hinweise darauf, und ich denke, dass Hippolyt diese Tradition übernommen hat und sie nur nutzt, um herauszufinden, wann Jesus geboren wurde, und dass er diese Berechnungen anstellt, um das zu tun.

    Dr. Andrew M. Henry

    Vielleicht sollten wir dann zu deinen Theorien übergehen, wie dieses Datum dann zum vorherrschenden Datum wurde und wie es sich im Mittelmeerraum verbreitete, denn anscheinend dauerte das Jahrzehnte. Wenn die römischen Christen dies bereits in den frühen 200er Jahren taten und der Bischof von Antiochia es in den späten 300er Jahren als eine Art Neuheit bezeichnete. Das ist ein ganzes Jahrhundert für etwas, das Christen heute als selbstverständlich ansehen, nämlich dass es natürlich der 25. Dezember ist. Die Christen, die um 370 in Antiochia lebten, hätten sich gefragt: Was? Warum der 25. Dezember?

    Dr. Tom Schmidt

    Man muss unbedingt bedenken, dass bei diesen Berechnungen nicht nur viele Annahmen eine Rolle spielen, sondern dass man auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, je nachdem, wann man glaubt, dass Jesus gezeugt wurde. Und wenn man denkt, dass es das Passahfest am 25. März oder am 2. April oder am 6. April war, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Und dabei ist die ungewisse Dauer der Schwangerschaft noch nicht mal berücksichtigt. Ich meine, wir wissen alle, dass hier viele versteckte Annahmen im Spiel sind. Wie dieses Datum von Hippolyt stammt und wie es in die größere Kirche gelangt ist, ist eine gute Frage. Das ist ein wenig unklar. Was wir sagen können, ist, dass Hippolyte Kalender auf der Seite der Statue zu finden ist, über die wir gesprochen haben. Es ist ein faszinierender Kalender. Leider ist er aus chronologischer Sicht ein sehr, sehr schlechter Kalender, weil er völlig falsch liegt. Er schreibt diesen Kalender im Jahr 222 n. Chr. Und wenn man sich ansieht, wann er glaubt, dass das Passahfest in der Vergangenheit stattgefunden hat und wann er glaubt, dass es in der Zukunft stattfinden wird, hat er nur für zwei oder drei Jahre vor und nach 222 n. Chr. Recht. Der Kalender ist nur für etwa 7 Jahre korrekt. Danach driftet er einfach ab. Und das ist ganz offensichtlich. Man muss kein Astronom sein. Man muss nur nach draußen gehen und merkt, dass das nicht der Vollmond ist, den man gerade sieht. Das kann jeder erkennen. Es scheint also, dass Hippolyts Berechnungen zu Recht beiseite geschoben wurden, weil sie falsch waren. Es gab einige Versuche, sie zu korrigieren. Es gibt einen lateinischen Autor aus den 240er Jahren, der versucht, sie zu korrigieren. Er macht das besser, aber auch er liegt falsch. Und irgendwann tauchen in den 300er Jahren Diskussionen darüber auf, wann Jesus geboren wurde. Diese Diskussionen stützen sich zwar auf diese Art von Berechnungshypothese und das Passahfest, aber sie stützen sich auch auf die Idee, die ich bereits erwähnt habe, dass Jesus das Licht der Welt ist. Jesus sagte: „Ich bin das Licht der Welt.“ Und sie liebten einfach dieses Bild, dass das Licht der Welt am dunkelsten Tag des Jahres, zur Wintersonnenwende, sichtbar wird. Dieses Bild sprach sie sehr tief an. Und wir sehen, dass dies in Weihnachtspredigten und anderen Themen rund um Weihnachten immer wieder auftaucht. Und ich denke, das war der Grund, warum der 25. Dezember gegenüber anderen möglichen Daten den Vorzug bekam. Aus ihrer Sicht gab es eine schöne, tiefgründige Symmetrie und Bildsprache, die mit diesem Datum verbunden war. Das hat allerdings etwas Ironisches. Wie einige deiner Zuschauer wissen, ist der 25. Dezember eigentlich nicht die Wintersonnenwende. Die Römer dachten, es sei die Wintersonnenwende. Das war die offizielle Bezeichnung dafür. Aber natürlich findet die tatsächliche Wintersonnenwende ein paar Tage vor dem 25. Dezember statt. Ich denke also, dass die römische Kirche dieses Datum schließlich übernommen hat. Und sie tun dies wegen Hippolyt, aber auch wegen dieser Art von saisonaler Symbolik, der Sonnensymbolik, die sich mit der zunehmenden Stärke der Sonne entwickelt und mit dem Licht der Welt korrespondiert, das Jesus in die Schöpfung bringt oder in der Schöpfung sichtbar macht. Und die Kirche in Rom liebt das. Und die anderen Kirchen schließen sich schließlich an. Es dauert eine Weile, aber schließlich schließen sie sich an. Und es war nicht so, dass sie allzu viel anpassen mussten, denn viele der anderen Kirchen feierten die Geburt Jesu am 6. Januar. Es war also eine Anpassung, aber es ist dieselbe Jahreszeit, nur ein paar Wochen früher.

    Dr. Andrew M. Henry

    Nur um das noch mal zu betonen: Du hast vollkommen Recht. Und der 25. Dezember war nicht die Wintersonnenwende. Und die Römer waren gute Astronomen und wussten das. Es scheint sich fast wie ein traditionelles Datum etabliert zu haben. Ich sage das nur, weil es bei zwei verschiedenen römischen Autoren erwähnt wird, nämlich bei Plinius dem Älteren und Columella, zwei frühen, sogar noch früheren römischen Autoren als Hippolyt, die ausdrücklich erwähnen, dass der 25. Dezember die Wintersonnenwende ist. Es ist unklar, ob sie damit das tatsächliche Datum meinen, was es nicht war, oder ob sie damit meinen, dass es zu diesem Zeitpunkt markiert oder anerkannt wurde. Es scheint also eine kosmische Symbolik in der Bedeutung der Geburt Jesu zu stecken. Und ich denke, das ist teilweise der Grund, warum es so schwierig ist, sich mit der Geschichte der Religionstheorie auseinanderzusetzen, denn die Sonnenwende scheint Teil der Geschichte zu sein. Ich finde es schlicht zu einfach, Begriffe wie „die Christen haben einen wichtigen Feiertag geklaut” zu benutzen. Ich denke, dass jeder im Römischen Reich diesen Tag als einen wichtigen Tag ansah, den kürzesten Tag des Jahres, an dem es danach jeden Tag länger und länger wird, die Sonne immer mehr scheint, und jeder würde das als einen kosmisch bedeutsamen Tag ansehen. Und warum sollte man seine Gottheit nicht mit diesem Tag verbinden?

    Dr. Tom Schmidt

    Ich stimme zu. Und ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Wir haben darüber gesprochen, wann der 25. Dezember tatsächlich zum ersten Mal ausgewählt wurde und warum, mit Hippolyt, vielleicht Julius Africanus. Und dann haben wir uns damit beschäftigt, warum die Kirche dieses Datum angenommen hat, warum die breite Kirche dieses Datum gegenüber anderen möglichen Daten bevorzugt hat. Aber es gibt noch eine weitere Frage, nämlich die ganz praktische Frage, was die normalen Christen im ganzen Reich machen. Was denken sie, wenn ihnen gesagt wird oder sie entscheiden, wann sie die Geburt Jesu feiern sollen? Das ist eine viel, viel schwierigere Frage, die zu beantworten ist. Aber wir wissen ganz klar, dass es im 4. Jahrhundert am 25. Dezember einige heidnische Feste zu Ehren des Sonnengottes gab. Und so ist es natürlich sehr gut möglich, dass es im Römischen Reich einige Menschen gab, die keine Christen waren, die dann zum Christentum konvertierten und begeistert waren, weil sie einfach nur ihre Feiertage umstellen mussten. Sie feierten am 25. Dezember den Sonnengott und jetzt haben sie Weihnachten. Aber ich glaube nicht, dass Autoren wie Johannes Chrysostomos und einige andere wichtige Persönlichkeiten, die Weihnachtspredigten zum 25. Dezember verfasst haben, zu den Menschen gehörten, die ein solches Motiv gehabt hätten. Diese Einstellung findet man später bei Papst Gregor im Jahr 600 n. Chr. oder in den 580er Jahren oder so. Aber 200 Jahre zuvor halte ich das für kein sehr wahrscheinliches Motiv. Aber es ist natürlich sehr schwer, die Motive von Menschen zu erkennen, die man kennt, und wir versuchen, Hunderte von Jahren zurückzugehen zu einer Kultur, die nicht unsere eigene ist und über die wir nur sehr bruchstückhafte Beweise haben. Aber es scheint, als wären die wichtigsten Faktoren einfach chronologische Faktoren gewesen, plus die kosmische Sonnensymbolik des Auf und Ab von Licht und Dunkelheit in der Welt.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Und das ist eher eine Spekulation meinerseits, aber ich vermute, dass sich das über die Liturgie verbreitet hat. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein zufälliger, ungebildeter Christ im Hinterland Syriens sich groß für die Geburt Jesu interessiert hätte, es sei denn, er wäre in eine Basilika gegangen und der Bischof hätte gesagt: „Oh, heute feiern wir die Liturgie der Geburt Jesu, und zwar am 25. Dezember.“ Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Mechanismus war, um die Christianisierung voranzutreiben. Ich versuche immer, mir Mechanismen der Christianisierung vorzustellen, zum Beispiel, wie dieser bestimmte Feiertag entstanden ist. Wie hat sich diese bestimmte Praxis entwickelt? Das ist reine Spekulation meinerseits, aber dass jemand wie Johannes Chrysostomos in einer Predigt vor den Menschen in seiner Kirche darüber spricht, scheint mir der Ausgangspunkt für die Verbreitung zu sein.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich denke, du hast Recht. Wahrscheinlich gab es einen Briefwechsel zwischen wichtigen Bischöfen, in dem sie versuchten, sich abzustimmen. Wir wissen, dass diese Bischöfe den Wunsch hatten, ihre Feierlichkeiten aufeinander abzustimmen. Wir wissen, dass es große Debatten darüber gab, wann Karfreitag und Ostern gefeiert werden sollten, weil dies mit dem Passahfest zusammenhängt, und dass sie darüber viele Briefe austauschten. Wir haben keine solchen Briefe zu Weihnachten, daher ist das reine Spekulation, aber ich denke, dass es wahrscheinlich so abgelaufen ist. Ich denke, du hast auch Recht, was die Bauern im Hinterland Syriens angeht. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie nicht nur kein Internet, keine Enzyklopädien und solche Dinge hatten, sondern auch keine Kalender. Ich meine, sie hatten keinen Kalender an der Wand hängen. Sie waren sich zwar der Jahreszeiten sehr bewusst, aber was bestimmte Daten anging, waren sich viele Menschen vielleicht nicht so ganz im Klaren darüber. Damals haben die Menschen in der Regel nicht ihre Geburtstage aufgezeichnet und beachtet. Daher war dies wahrscheinlich eine kirchliche Angelegenheit, und ihr Bischof hätte gesagt: „Hey, wir feiern in ein paar Wochen die Geburt Jesu.“ Und sie hätten gesagt: „Okay, super, klingt gut.“ Ich sollte erwähnen, dass ich zwei Artikel zu diesem Thema geschrieben habe, die frei verfügbar sind. Wenn man sich also wirklich damit beschäftigen möchte, kann man einen davon lesen, der sehr technisch ist, aber frei verfügbar ist. Er ist auf meiner Website zu finden. Man kann ihn herunterladen, und es gibt auch einen Link zu einer anderen, populäreren Version auf der Website.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ich möchte das Publikum dazu einladen, sich auf jeden Fall den wissenschaftlichen Artikel anzuschauen, weil du dich darin wirklich intensiv mit dem Wort „Genesis” beschäftigst, das wir nur kurz angeschnitten haben, aber du hast ziemlich gründliche Argumente dafür, warum du denkst, dass Hippolytus damit die Empfängnis und nicht die Geburt gemeint hat. Und du vergleichst das mit anderen frühen christlichen Schriftstellern, die dieses Wort speziell für die Empfängnis verwenden, darunter auch Nichtchristen, oder? Wie Galen, der Arzt?

    Dr. Tom Schmidt

    Richtig, ja, richtig. Und das konnte ich mit der Datenbank „Thesaurus Linguae Graecae” machen. Das ist eine Datenbank mit griechischen Wörtern. Da kann man umfangreiche Recherchen durchführen. Und ich will betonen, dass selbst wenn ich falsch liege und Genesis sich auf die Geburt bezieht, die Berechnungstheorie in vielerlei Hinsicht trotzdem stimmt, weil sie zeigt, dass Christen unbedingt den Beginn von Jesu Leben genau bestimmen wollen. Am Passahfest oder zur Tagundnachtgleiche oder beidem. Und dass diese Art von Denkprozess sozusagen der Motor war, der all diese anderen Daten hervorgebracht hat. Einige dachten, es sei die Geburt Jesu am Passahfest. Andere dachten, es sei die Empfängnis Jesu am Passahfest. Und man kann sehen, wie sich aus diesen Annahmen ganz leicht das Datum des 25. Dezembers ableiten lässt.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Und wie oft kommt der 25. März vor. Es scheint, als käme der 25. März mehrmals vor, entweder für Geburten oder Todesfälle oder die Erschaffung des Universums. Und genau die perfekte Berechnung, die perfekten neun Monate nach vorne, impliziert einfach den Dezember.

    Dr. Tom Schmidt

    Genau. Wenn man sich ansieht, wann die frühen Christen dachten, dass Jesus gekreuzigt wurde, kann man eine umfassende Bestandsaufnahme machen. Und fast immer, wir haben Dutzende von Beispielen dafür, sagen sie fast immer, dass er am 25. März, dem Frühlingsäquinoktium, gekreuzigt wurde. Oder sie sagen, nein, am 25. März sei er auferstanden. Und es ist eines dieser beiden Daten, die sie fast immer wählen. Und dazu kommt noch die Annahme, dass Jesus genau 30 oder 31 oder 33 Jahre alt war, auf den Tag genau. Mit anderen Worten, er wurde an seinem Geburtstag gekreuzigt, oder zumindest an dem Tag, an dem er gezeugt wurde. Das ist eine weitere Annahme, die sich aus diesen anderen Berechnungen ergibt. Es sind also andere Wege, die die Christen eingeschlagen haben, aber es sind immer noch ähnliche Denkprozesse, die die Chronologie betreffen.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja. Gab es deiner Erfahrung nach erheblichen Widerstand gegen diese Theorie? Ich weiß, dass es in den letzten 10 oder 15 Jahren mehrere wichtige Artikel gegeben hat, darunter auch deinen, die diese Theorie meiner Meinung nach sehr klar darlegen. Als Wissenschaftler, der sich mit dem frühen Christentum beschäftigt, bin ich davon überzeugt, aber einige dieser Dinge erfordern Annahmen, wie zum Beispiel, dass es meines Wissens nach keine explizite Aussage gibt. Ich glaube, der heilige Augustinus sagt tatsächlich ausdrücklich, dass es ein perfektes Leben gibt, wenn jemand am selben Tag geboren und gekreuzigt oder empfangen und gekreuzigt wurde, aber es gibt einen talmudischen Verweis auf Propheten wie Moses, die am selben Tag geboren wurden und starben, und es ist etwas weit hergeholt zu sagen, dass diese talmudische Idee aus, sagen wir, 500 n. Chr. Hippolyt um 200 n. Chr. irgendwie beeinflusst hat. Es gibt also hier und da Vermutungen, und ich kann mir vorstellen, dass jemand das gegen die Berechnungstheorie verwenden könnte.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja, es gibt viele Vermutungen. Das Problem ist, dass es bei jeder Theorie diese ganzen Vermutungen gibt. Auch bei der Theorie zur Religionsgeschichte, die besagt, dass die Christen sich irgendwie bei Sol Invictus bedient haben, gibt es Vermutungen. Wir haben keine Beweise, die das eindeutig belegen. Wir müssen quasi zwischen den Zeilen lesen. Man kommt also so oder so zu Annahmen. Was wir sicher wissen, ist, dass Hippolyt glaubte, die Genesis Christi habe sich am Passahfest ereignet, was auch immer Genesis bedeutet. Und er glaubte, dass Jesus am Passahfest gekreuzigt wurde. Und das ist 222 n. Chr. in Rom in Stein gemeißelt worden. Julius Africanus sagt dasselbe. Er datiert die Auferstehung auf den 25. März und die Sarkosis, die Menschwerdung oder Inkarnation, auf den 25. März. Das ist es, das ist 221 n. Chr., Hippolytus ist 222. Das steht also fest. Wir wissen, dass es da ist. Es gibt noch ein paar andere Annahmen, die auch mit reinspielen. Das ist also einfach die wahrscheinlichste Hypothese, die wir meiner Meinung nach aufstellen können, und ich stimme ihr zu. Ich bin mir dessen sicher. Du hast andere Gelehrte erwähnt und was andere Gelehrte gesagt haben. Ein weiterer führender Gelehrter ist Philip Nothaft, und auch er hat Artikel veröffentlicht. Er ist ein ausgezeichneter, ausgezeichneter Gelehrter. Und ich zögere zu sagen, dass er mir zustimmt. Es wäre vielleicht genauer zu sagen, dass ich mit ihm übereinstimme, weil er zuvor einige Dinge veröffentlicht hat. Er hat sich auf ähnliche Ideen konzentriert und scheint überzeugt zu sein, warum der 25. Dezember ursprünglich gewählt wurde. Was die Frage angeht, warum dieses Datum dann allgemein akzeptiert wurde, neigt er vielleicht eher zu der Idee, dass die Feierlichkeiten zu Sol Invictus etwas damit zu tun hatten. Aber was die Frage angeht, warum ursprünglich der 25. Dezember ausgewählt wurde, scheint er zu 100 % ein Berechnungstheoretiker zu sein. Diese Berechnungen stammen von Hippolytus und anderen. Ein weiterer Wissenschaftler, den Ihre Zuschauer vielleicht interessieren könnte, ist Steven Hijmans. Er ist ein Wissenschaftler, der sich mit Sol Invictus, der Verehrung des Sonnengottes im alten Römischen Reich, beschäftigt. Er war es, der vor etwa 20 Jahren damit angefangen hat, als er eine Dissertation schrieb und feststellte, dass es vor Julian dem Abtrünnigen und vielleicht der Chronographie von 354 tatsächlich keine eindeutigen Beweise dafür gibt, dass es am 25. Dezember ein Fest zu Ehren des Sonnengottes gab. Er untersucht Münzen, was faszinierend ist, Münzfunde, künstlerische Funde, Inschriften und literarische Zeugnisse. Die beiden sind sich also einig. Ich habe noch nicht viel formelle Kritik an dieser Idee gesehen. Wenn ich davon höre, geht die Kritik meist in die Richtung, dass diese Berechnungstheorie, um es ganz offen zu sagen, einfach absurd ist. Es ist unmöglich, dass sie die Geburt Jesu auf der Grundlage dieser Theorie ausgewählt haben. Meine Antwort darauf lautet: Es geht nicht darum, ob es absurd ist oder nicht. Es geht darum, ob sie daran geglaubt haben. Und ich denke, das haben sie. Sie haben daran geglaubt. Und ich denke, dafür gibt es reichlich Beweise. In gewisser Weise kann man also glauben, dass es, wie ein Wissenschaftler sagte, atemberaubende mentale Akrobatik erfordert. Und natürlich kann man diesen Standpunkt vertreten, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht so gedacht haben.

    Dr. Andrew M. Henry

    Ja, und ich denke, es ist kein Diebstahl. Vielleicht warst du es, aber jemand hat gesagt, nennen wir es die „Erfindungsgabe-Theorie” und nicht die „Berechnungs-Theorie”. Denn ja, ich würde zu 100 % sagen, dass Leute wie Hippolyt versucht haben, die Beweise so zu manipulieren, dass sie zu diesen beiden kosmischen Wegweisern, der Tagundnachtgleiche und der Sonnenwende, passen. Wenn man sagen will, dass das Universum an diesem Tag erschaffen wurde und Jesus an diesem Tag gekreuzigt und an diesem Tag gezeugt wurde, dann ist das einfach zu bequem. Sie zwingen die Beweise in ihre Theorie. Also ja, nennen wir es eine konstruierte Theorie, wenn wir ein bisschen gemein sein wollen. Ich denke, wenn jemand das absurd nennt, könnte man einfach sagen: Ja, ich finde es auch ein bisschen absurd, aber anscheinend haben sie daran geglaubt.

    Dr. Tom Schmidt

    Ich stimme zu. Ich stimme zu.

    Dr. Andrew M. Henry

    Und ich möchte nur sagen, dass Dr. Hijman Recht hat, der das Buch „Sol Invictus” geschrieben hat. Dieses Buch war entscheidend für mein Video über Sol Invictus, und ich möchte nur noch einmal betonen, dass er wirklich tief in die Geschichte der Sonnengötterverehrung im Römischen Reich eintaucht und wirklich zeigt, wie unbedeutend dieser Gott im frühen Römischen Reich war. Es gab mehrere verschiedene Sonnengötterfeste, die gefeiert wurden. Ich glaube, es gab eines im August und eines im Oktober, und es scheint, dass dies die wichtigsten Feste für diesen unbedeutenden Gott in den frühen Jahrhunderten des Römischen Reiches waren. Und dann tauchte plötzlich, anscheinend im späten 3. Jahrhundert, der 25. Dezember auf. Für mich war das auch ziemlich überzeugend, dass der Sonnengott damit vielleicht nicht viel zu tun hatte. Ich könnte mir eine Theorie vorstellen, nach der dies dazu beigetragen haben könnte, es im Laufe der 300er Jahre zu verstärken. Wenn Menschen dieses Datum feiern, sagen wir mal im Jahr 340 n. Chr. im östlichen Mittelmeerraum, dann denke ich mir: Okay, ich werde wohl weiterhin den 25. Dezember feiern. Aber es scheint kein Faktor bei der Festlegung des Datums für Jesus gewesen zu sein, denn das liegt vor dem großen Moment des Sonnengottes.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja. Und Andrew, vielleicht könnte ich ein paar Worte zu anderen römischen Feiertagen sagen, die manchmal als Anstoß für die Wahl des 25. Dezembers als Geburtstag Jesu genannt werden. Also Feiertage wie die Saturnalien oder der Callens-Feiertag oder die Brumalien, das ist ein weiterer. Sol Invictus ist natürlich der, über den wir gesprochen haben. Aber normalerweise hört man, dass die Saturnalien der Feiertag sind, von dem es abgeleitet wurde. Und die Saturnalien sind dieses Fest, diese Zeit der Ausgelassenheit und Fröhlichkeit, des Schenkens und ähnlicher Dinge. Sie scheinen ein wirklich guter Kandidat für den Ursprung des christlichen Weihnachtsfestes zu sein. Das Problem dabei ist, dass es nicht am 25. Dezember gefeiert wurde. Es wurde am 17. Dezember gefeiert. Und dann gab es Zeiten in der römischen Geschichte, in denen es um einige Tage nach vorne verschoben wurde und manchmal sogar bis zum 23. Dezember. Aber es scheint nie tatsächlich auf den 25. Dezember gefallen zu sein. Das gilt auch für einen anderen Feiertag, Singularia, der meiner Meinung nach der letzte Tag der Saturnalien war. Also wieder der 23. oder 22., je nachdem, um welche Phase der römischen Geschichte es geht. Diese Daten stimmen also nicht mit dem tatsächlichen Datum überein. Andere Möglichkeiten sind die Kalenden. kalendae ist ein weiterer Feiertag im römischen Reich, aber er ist im Januar. Er ist Anfang Januar. Er markiert das neue Jahr. Und er war ursprünglich ein bürgerlicher Feiertag. Er war nicht wirklich ein religiöser Feiertag, sozusagen, aber dieses Datum passt nicht wirklich. Ein Datum, das passt, ist Brumalia, und das markierte die römische Wintersonnenwende, die am 25. Dezember war, was astronomisch gesehen nicht wirklich die Wintersonnenwende war, aber in ihrem Kalender stand. Und dieses Datum passt. Und wir wissen, dass es ein Feiertag war. Es war ein religiöser Feiertag. Das Problem dabei ist jedoch, dass es ursprünglich nur ein astronomischer Marker gewesen zu sein scheint. Es dauerte lange, bis er zu einem religiösen Feiertag für die griechisch-römischen Anhänger des griechisch-römischen Polytheismus wurde. Tatsächlich gibt es einen Chronisten namens Johannes von Lydos, der im 6. Jahrhundert schrieb und über römische Kalenderdaten, Feiertage und andere Dinge berichtete. Er erwähnt Brumalia und sagt, dass die Menschen diesen Feiertag erst seit kurzem begehen. Und das sagt er in den 500er Jahren. Es scheint also, dass das beste Datum Sol Invictus ist. Das ist das bestmögliche Datum, wie es die Religionsgeschichtstheorie sagt. Aber wie wir in unserer gemeinsamen Zeit besprochen haben, passt das immer noch nicht zu dem, was wir sehen, warum ursprünglich der 25. Dezember als Geburtstag Jesu gewählt wurde.

    Dr. Andrew M. Henry

    Richtig. Hippolyt ist also immer noch älter als unsere Daten über Bromalia.

    Dr. Tom Schmidt

    Ja. Nun, er ist nicht älter als der Begriff Bromalia, der sich nur auf ein astronomisches Ereignis der Sonnenwende bezieht, aber er ist älter als das, was anscheinend eine Art religiöses Fest ist, das damit verbunden ist.

    Dr. Andrew M. Henry

    Also, Dr. Schmidt, das war eine echt spannende Reise durch die Berechnungstheorie. Vielen Dank, dass du bei uns warst.

    Dr. Tom Schmidt

    Andrew, ich möchte dir frohe Weihnachten wünschen.

    Dr. Andrew M. Henry

    Dir auch frohe Weihnachten. Mach’s gut.

    Dr. Andrew M. Henry

    Vielen Dank fürs Zuschauen und nochmals ein großes Dankeschön an Dr. Schmidt für seine Teilnahme. Wenn du „Religion for Breakfast“ unterstützen möchtest, ist Patreon der wichtigste Weg, dies zu tun. Patreon ist die finanzielle Grundlage von „Religion for Breakfast“, und die rund 700 Leute, die mich auf Patreon unterstützen, bilden diese Grundlage. Mein Ziel ist es, diesen Kanal akademisch anspruchsvoll und kritisch zu halten, und das bedeutet, dass wir Experten bezahlen müssen. Wir bezahlen Experten für Recherchen und die Überprüfung von Fakten. Wir bezahlen Redakteure, die diese Folgen so schneiden, dass sie für euch interessant sind. Patreon macht das möglich und sorgt dafür, dass dieser Kanal Monat für Monat stabil bleibt. Kein Druck, aber wenn du etwas beitragen kannst und Religion for Breakfast für wertvoll hältst, geh auf patreon.com/Religion for Breakfast. Der Link ist in den Kommentaren unten angeheftet. Wie auch immer, danke fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.

    Dr. Michael Heisers Analyse

    Jetzt ist schon fast eine Stunde vergangen und das Gespräch von Dr. Heiser würde nochmal so lange dauern. Und daher habe ich nur das Transkript der Folge 195 „Ist Weihnachten ein heidnisches Fest?“ hier angefügt. Viele Freude beim Lesen über die Weihnachtszeit!

  • Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? Nicht was du denkst (oder Jehovas Zeugen)

    Warum ist Weihnachten am 25. Dezember? Nicht was du denkst (oder Jehovas Zeugen)

    Von Christian


    Eigentlich wollte ich ja nur einen Artikel darüber schreiben, was die aktuelle Forschung zum Thema Weihnachten zu sagen hat. Warum findet es am 25. Dezember statt? Sind seine Wurzeln wirklich ein heidnisches Fest? Aber auch aufgrund meiner eigenen Lebensgeschichte muss ich erst noch auf etwas anderes eingehen.

    Weihnachten und die Zeugen Jehovas

    Wer als Zeuge Jehovas aufgewachsen ist, hat kein Weihnachten feiern dürfen. Keine ‚vorbildliche Familie‘ hätte das gemacht, geschweige denn die Familie eines Ältesten. Warum ist das so, obwohl Weihnachten in der Anfangszeit der Bewegung sogar noch im ‚Bethel‘ (dem Hauptbüro der Wachtturm-Gesellschaft in den USA) gefeiert wurde. Beruhen die Argumente auf historischen Fakten, auf dem Stand der aktuellen Forschung?

    Interessanterweise fährt die Leitung der Zeugen Jehovas – die sogenannte Leitende Körperschaft – in den letzten Jahren in manchen Punkten einen sanfteren Kurs. Und obwohl das Weihnachtsfest immer noch abgelehnt und nicht gefeiert wird, können sie es nicht lassen, den jährlichen Rummel im Dezember für ihre Zwecke zu verwenden. So sieht im Dezember 2025 die offizielle Website der Zeugen Jehovas aus:

    Jesus als Blickfang und darunter die Themen „Das wachsende Problem der Einsamkeit – was sagt die Bibel?“ , „Wie sollte man beten, damit man erhört wird?“ und „Welchen Ursprung hat Weihnachten?“ Warum geht es darin? Die Beschreibung lautet:„Dieses Video geht darauf ein, wie nicht christliche Bräuche und Feste das Weihnachtsfest geprägt haben und warum sich viele dazu entschieden haben, Weihnachten nicht zu feiern.“ Wer wohl diese „viele“ sind? Darunter ist ein Verweis auf den Artikel „Warum feiern Jehovas Zeugen kein Weihnachten?“ Der Artikel ist wieder einmal ein schönes Beispiel, wie man manipulativen Antworten geben kann, denn er beginnt so:

    Verbreitete Irrtümer
    Was man so hört: Jehovas Zeugen glauben nicht an Jesus, deswegen feiern sie kein Weihnachten.
    Wie es wirklich ist: Wir sind Christen. Und wir sind davon überzeugt, dass Rettung nur durch Jesus Christus möglich ist (Apostelgeschichte 4:12).
    Was man so hört: Jehovas Zeugen treiben damit einen Keil in die Familien, dass sie kein Weihnachten feiern.
    Wie es wirklich ist: Die Familie ist uns sehr wichtig. Uns liegt daher viel daran, durch unsere Bibelarbeit die Familien zu stärken und allen in der Familie zu helfen, enger zusammenzurücken.

    Jehovas Zeugen, jw.org „Warum feiern Jehovas Zeugen kein Weihnachten?“

    Also den ersten ‚Irrtum‘ habe ich in meinen Jahrzehnten als Zeuge Jehovas nie gehört. Zweck ist wohl, dass wir das als einen unsinnigen Vorwurf wahrnehmen und das bereitet den Boden für den nächsten Punkt: Jehovas Zeugen würden durch die Ablehnung von Weihnachten einen Keil in die Familien treiben. Und dann kommt die ausweichende – besser gesagt irreführende – Antwort. Denn selbstverständlich hat es über fast 100 Jahre Familien und Verwandte getrennt, wenn die Zeugen Jehovas nicht mit ihnen zu Weihnachten zusammen waren. In Anbetracht dessen ist der Abschluss des Artikels schon ein Hohn:

    Auch wenn wir als Zeugen Jehovas entschieden haben, kein Weihnachten zu feiern, respektieren wir das Recht anderer, ihre eigene Entscheidung zu treffen. Möchten sie Weihnachten feiern, mischen wir uns nicht ein.

    Jehovas Zeugen, jw.org „Warum feiern Jehovas Zeugen kein Weihnachten?“

    Man fragt sich: Und was ist mit Familien und Verwandten, bei denen nur ein Teil Zeugen Jehovas sind? Tja, das wird nicht angesprochen … Zumindest nicht nach draußen … Das geheime Ältesten-Buch „Hütet die Herde Gottes“ ist auch in der Ausgabe von 2023 noch ziemlich eindeutig, wenn es darum geht, wann ein Rechtskomitee – heute aus juristischen Gründen nur Komitee genannt – gebildet werden muss. Was letztendlich dazu führt, dass jemand aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und von allen geächtet wird:

    Abtrünnigkeit:
    Abtrünnigkeit bedeutet, sich von der wahren Anbetung abzuwenden, davon abzufallen, sie vollständig aufzugeben und dagegen zu rebellieren. Darunter fällt:
    (1) Festtage der falschen Religion feiern (2. Mo. 32:4-6; Jer. 7:16-19): Nicht alle Feiertage haben direkt mit der falschen Religion zu tun. Deshalb ist nicht immer ein Rechtskomiteeverfahren nötig.
    (2) Beteiligung an Aktivitäten anderer Religionen (2. Kor. 6:14, 15, 17 , 18): Abtrünnigkeit schließt ein, sich vor Altären, Schreinen, Götzen und Bildern niederzubeugen, Lieder der falschen Religion mitzusingen und gemeinsam zu beten (Offb. 18:2, 4).

    Jehovas Zeugen, „Hütet die Herde Gottes“ (2023), Kapitel 12

    Abtrünnigkeit ist unter Jehovas Zeugen so ziemlich das Schlimmste, was man machen kann, und das regelmäßig zur Ächtung der Person führt. Als Zeuge Jehovas sollte man also besser aufpassen, ob man mit anderen Weihnachtslieder mitsingt …

    Aber warum feiern Jehovas Zeugen denn keine Weihnachten? Die Begründung ist in diesem Artikel ziemlich dünn, nämlich ganze 4 Punkte lang:

    • „Jesus hat geboten, seinen Todestag zu begehen, aber nirgendwo geboten, seinen Geburtstag zu feiern (Lukas 22:19, 20).“
    • „Die Apostel und die ersten Jünger Jesu kannten kein Weihnachten. In dem Werk Religion in Geschichte und Gegenwart heißt es: „Christi Geburtstag als liturgische Feier am 25. 12. ist erstmals im röm. Chronographen von 354 bezeugt“. Wie weiter erklärt wird, „begann Rom in der Ära Konstantins … das Natalis Christi“ oder die Geburt Christi zu feiern – sprich erst rund dreihundert Jahre nach dem Tod der Apostel Jesu.“
    • „Es gibt keinen Beleg dafür, dass Jesus am 25. Dezember geboren wurde. An welchem Tag Jesus zur Welt kam, sagt die Bibel nicht.“
    • „Weihnachten hat seine Wurzeln in heidnischen Bräuchen und Riten und ist daher nach unserem Bibelverständnis für Gott nicht akzeptabel (2. Korinther 6:17).“

    Was für „heidnische Bräuche und Riten“ sind hier gemeint? Im Jahr 1988 wurde in der Zeitschrift Erwachet! dies dazu veröffentlicht:

    Wo hat dann Weihnachten seinen Ursprung? Darüber ist man sich im allgemeinen einig. Die Zeitschrift U.S. Catholic sagt: „Es ist unmöglich, Weihnachten von seinen heidnischen Ursprüngen zu trennen.“ Sie führt weiter aus: „Das beliebteste Fest der Römer waren die Saturnalien, die am 17. Dezember begannen und mit dem ‚Geburtstag der unbesiegten Sonne‘ (Natalis solis invicti) am 25. Dezember endeten. Irgendwann im zweiten Viertel des 4. Jahrhunderts kamen findige Vertreter der Kirche von Rom zu dem Schluß, daß sich der 25. Dezember hervorragend als Tag der Feier des Geburtstages der ‚Sonne der Gerechtigkeit‘ eignen würde. Weihnachten war geboren.“

    Jehovas Zeugen, Erwachet 8.12.1988 Weihnachten — Ein christliches Fest?

    Ist das der aktuelle Stand der Forschung und der Fakten? Das werden wir uns gleich anschauen.

    Warum dieses Thema für Zeugen Jehovas über Jahrzehnte so wichtig war, erkennt man an einer früheren die Beschreibung des Weihnachtsfestes:

    Während der Weihnachtszeit Geschenke zu geben ist zu einer gesellschaftlichen Notwendigkeit geworden. Um die Gunst von Politikern und einflußreichen Menschen zu erbetteln, ist das Geben zu Weihnachten geradezu ideal, denn es ist gesetzlich gestattet, und man runzelt nicht die Stirn dabei, wie wenn z. B. als Bestechungsmittel Pelzmäntel verschenkt werden. Eigennützige Geber sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. … Die Selbstsucht zu Weihnachten kommt besonders dadurch zum Ausdruck, daß die Spender geben, um etwas zurückzuerhalten. Ein solches Geben wird von Christus verurteilt. — Luk. 14:12-14.
    Weihnachten beruht auf Selbstsucht, weil es eine Zeit ist, da man fleischliche Wünsche befriedigt. Es ist eine Zeit, jemandem sittliche Unarten zu verzeihen. Es ist eine Zeit der Ausgelassenheit, eine Zeit, da der Bauch zu einem Gott wird und da viel Trunkenheit und Schwelgerei herrscht. Und doch ist es der Apostel Christi, der zeigt, daß jene, die solches tun, Gottes Königreich nicht ererben werden! (Gal. 5:19, 21; Phil. 3:19) Weihnachten beruht auf Selbstsucht und ist zu einer Posse geworden.
    Die Kirchen machen aus Weihnachten ein Geschäft, wie sie es aus dem Worte Gottes machen. Da gibt es besondere Gebete, Messen und Predigten. Und auch besondere Kollekten! Weihnachten zeitigt üblen Willen, weil es von Selbstsucht beherrscht ist.
    Über diese heidnischen Feiertage sagt die „New Funk & Wagnalls Encyclopedia“ (S. 10 790): „Während der Saturnalien waren die Gerichte und Schulen geschlossen und militärische Operationen aufgehoben, so daß das Heer feiern konnte. Es war eine Zeit guten Willens und der Fröhlichkeit, die Banketten gewidmet wurde, dem Austausch von Besuchen und dem Geben von Geschenken.“ Wie kann die Lustbarkeit eines heidnischen Feiertages Christus ehren? Sie ehrt ihn tatsächlich nicht! Selbst der „Sankt Nikolaus“ oder „St. Nick“ ist, wie das Century Dictionary sagt, kein anderer als der Gegner Christi, nämlich Satan, der Teufel!

    Der Wachtturm 1954, w54 15. 12. S. 739-740, Selbstsucht zu Weihnachten

    Dagegen sind die vier Argumente im aktuellen Artikel der Website der Zeugen Jehovas ziemlich schwach. Nur, weil Jesus nicht geboten hat, seinen Geburtstag zu feiern, ist es noch lange nicht falsch, dies zu tun. Nur, wenn er es verboten hätte. „Die Apostel und die ersten Jünger Jesu kannten kein Weihnachten“ – aber sie kannten auch keinen Urlaub. Und welcher Zeuge Jehovas weigert sich, Urlaub zu nehmen? Das Datum des 25. Dezember werden wir uns noch im Detail anschauen. Dass die Bibel nicht sagt, an welchem Tag Jesus geboren wurde, verbietet ja nicht, dass man einen nach bestem Wissen wählen kann. Und genau genommen wird auch nicht gesagt, an welchem Tag Jesus gestorben ist – den muss man nämlich anhand des Passah jedes Jahr neu ermitteln. Und es ist nicht der selbe Tag jedes Jahres! Bleibt noch des letzte Punkt: „Weihnachten hat seine Wurzeln in heidnischen Bräuchen und Riten.“ Ob das so stimmt, sehen wir, wenn wir uns dem Datum des 25. Dezember genauer zuwenden.

    Vorab möchte ich schon einmal so viel verraten: Was als Argument der Jehovas Zeugen übrig bleibt, aber auf der aktuellen Website nur angedeutet wird, ist, dass sie sich sowohl von der ‚falschen Religion‘ – also allen anderen – und der ‚Welt Satans‘ getrennt halten, weil nur sie das wahre Volk Gottes sind …

    Aber jetzt endlich zu …

    Weihnachten, das Datum 25. Dezember und die historischen Fakten

    Was es mit diesem Datum von Weihnachten, dem 25. Dezember, auf sich hat und was die historischen Fakten und zeigen, haben in einem kürzlich erschienen Video Dr. Henry und Dr. Schmidt erklärt. Das Gespräch ging fast eine Stunde. Daher habe ich ein weiteres Video dazu gemacht.

    Also dann, bis zum nächsten mal …

    Nein, es wird nicht wie üblich 2 Wochen dauern, bis das nächste Video veröffentlicht wird …

    Nicht sooooo lange …

    Nur bis zum … 25. Dezember 2025 😂

    Frohe Weihnachten!

  • Sollten wir uns Apostel nennen (lassen)?

    Sollten wir uns Apostel nennen (lassen)?

    Von Christian / Dr. Michael S. Heiser


    Das Neue Testament enthält so einige Begriffe, die in Konfessionen oder Bewegungen heute noch verwendet werden. Die wenigsten machen sich aber deren Bedeutung oder Verwendung im Text bewußt. Haben die Jünger Jesu im ersten Jahrhundert diese Begriffe auch so verwendet? Auf drei Begriffe bin ich schon eingegangen:

    Und jetzt geht es um die Frage: Sollten wir uns Apostel nennen (lassen)?

    Dazu gibt es schon interessante Ausführungen in einem Blog Artikel von Dr. Michael S Heiser. Im Folgenden findest du meine Übersetzung ins Deutsche.


    Gedanken zu Zeichen und Wundern: Teil 2: Was ist ein Apostel?

    Von Dr. Michael S. Heiser

    Der Titel dieses Beitrags macht wahrscheinlich deutlich, dass ich mit „Zeichen und Wunder“ verschiedene Themen aufgreife, die etwas mit Zeichengaben zu tun haben. Ja, die Herangehensweise ist etwas willkürlich, aber ich lege den Grundstein für zukünftige Blogbeiträge. Es wird später einen Sinn ergeben.

    Was unser Thema angeht, so mag das eine dumme Frage sein, aber das ist sie nicht. In der heutigen Zeit wird viel darüber diskutiert, ob es moderne Apostel gibt oder ob es überhaupt ratsam ist, das Wort zu verwenden. Was die letztere Frage angeht, halte ich persönlich es nicht für ratsam, weil es zu Verwirrung führt (oder führen könnte). Warum ich das sage, wird in diesem Beitrag deutlich werden. Was die erste Frage angeht, so könnten wir sie heute tatsächlich verwenden, wenn (a) wir unsere Definition davon richtig gemacht hätten – d.h. wenn sie mit der Heiligen Schrift übereinstimmen würden – und (b) genug Menschen bibelkundig wären, um genau zu unterscheiden, was behauptet wird und was nicht. Da das Erste schwierig und das Zweite unwahrscheinlich ist, halte ich es für das Beste, den Begriff zu vermeiden.

    Warum klinge ich so pessimistisch? Nun, wenn sich das nächste Mal jemand als Apostel bezeichnet, frag ihn, was er meint – und vor allem, welche Art von Apostel er sein will.

    Ja, das hast du richtig gelesen. Es gibt mehr als eine Art von Apostel im Neuen Testament.

    Eine einfache Suche nach dem griechischen Lemma mit der Übersetzung „Apostel“ (ἀπόστολος / apostolos) ist ein guter Anfang. Wenn du das tust, werden dir einige Dinge klar werden – und einige Dinge werden deine Welt ins Wanken bringen. Du wirst feststellen, dass es eine Vielzahl von Bedeutungen des Begriffs im Kontext gibt. Werfen wir einen Blick auf die Daten.

    Die ursprünglichen 12

    Dies ist die einfache Kategorie. An mehreren Stellen werden die 12 Jünger Jesu aufgelistet und ihnen das Wort „Apostel“ zugeschrieben: Matthäus 10,2; Markus 3,14; Lukas 6,13. Auch außerhalb der Evangelien werden die 12 als „Apostel“ bezeichnet (Offb 21,14).

    Die Gruppe ist insofern einzigartig, als dass diese 12 direkt von Jesus berufen wurden, mit ihm reisten und direkt von ihm unterrichtet wurden. Durch ihre Berufung und die Tatsache, dass sie ausdrücklich als „die Zwölf“ bezeichnet wurden – und es gab keine Unklarheiten darüber, wer „die Zwölf“ waren (z. B. Mt 26,20; Mk 3,16; 6,7; 11,11; 14,17; Lk 22,3; Joh 6,67) –, unterschieden sie sich von anderen, die Jesus vielleicht gefolgt waren und ihm zugehört hatten.

    Als die Zahl durch Judas‘ Verrat und Tod von 12 auf 11 sank, sahen sich die ursprünglichen Jünger/Apostel gezwungen, die Zahl 12 wiederherzustellen (Apg 1:15-26). Dies ist wahrscheinlich auf die Parallele zu den 12 Stämmen zurückzuführen (vgl. Offb 21:12, 14). Die Kriterien für die Zugehörigkeit zu den 12 sind erwähnenswert. Laut Apostelgeschichte 1:21-22 mussten die Kandidaten: (a) die anderen 11 seit der Taufe Jesu begleitet haben und (b) Zeuge des auferstandenen Christus vor seiner Himmelfahrt gewesen sein.

    Es ist klar, dass diese Beschreibung auf niemanden passt, der sich heute Apostel nennt oder ein apostolisches Amt für sich beansprucht.

    Mindestens eine Rolle der ursprünglichen 12 Apostel ist aufgrund ihrer Einzigartigkeit ebenfalls von Interesse. Die ursprünglichen 12 Apostel dienten in der Jerusalemer Urgemeinde, die ethnisch gesehen jüdisch war. Der Vorfall mit Paulus und Barnabas (der „Jerusalemer Rat“) zeigt, dass sie die Autorität über den Dienst von Paulus und Barnabas außerhalb Jerusalems hatten (Apostelgeschichte 15:2, 6, 22-23). Die ursprünglichen 12 galten als die Hüter der richtigen Lehre. Nach der Vision des Petrus und seinem Dienst an dem Heiden Kornelius (Apostelgeschichte 10) und dem anschließenden Dienst des Paulus an den Heiden waren Fragen aufgetaucht. Ein Teil der Begründung für ihre Lehraufsicht ergab sich aus der Tatsache, dass sie Augenzeugen und Ersthörer dessen waren, was Jesus lehrte. Auch hier gilt: Ohne diese Zeugnisse würde man diese Rolle nicht erwarten – es gäbe keinen Grund, sich diese Autorität anzumaßen.

    Nach dem Jerusalemer Konzil gründete Paulus viele Gemeinden, deren Mitglieder gemischt waren (Juden und Nichtjuden). Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die ursprünglichen 12 irgendeine Art von Entscheidungsbefugnis über diese Gemeinden hatten. Selbst Paulus konnte das nicht behaupten, da er die Leiter in diesen Gemeinden ernannte. Wenn es Probleme mit der Lehre gab, hat Paulus mit Sicherheit Maßnahmen ergriffen, um sie zu korrigieren (und Paulus‘ Autorität, diesen Status zu haben, wurde von den ursprünglichen 12 auf dem Konzil in Jerusalem bekräftigt).

    Die Vorstellung, dass jemand heute den „Apostelstatus“ für sich beanspruchen und Autorität über andere Kirchen ausüben könnte, ist daher wenig überzeugend. Die Frage wäre wie folgt: Wenn du nicht auf der Ebene der ursprünglichen 12 wärst, auf welcher Grundlage würdest du ihren Mantel – ihre Autorität – übernehmen? Ich sehe kein schlüssiges, biblisches Argument dafür. Diese Idee kommt daher, dass der Begriff „Apostel“ an anderen Stellen mit den 12 in Verbindung gebracht wird, was (wie wir sehen werden) das Neue Testament ausdrücklich ablehnt und sogar bestreitet.

    Die „anderen Apostel“ außerhalb der ursprünglichen 12, die den auferstandenen Christus gesehen hatten

    Die Schlüsselstelle hier ist 1. Korinther 15:1-9

    1 Ich weise euch noch einmal auf die Gottesbotschaft hin, die ich euch gebracht habe, Geschwister. Ihr habt sie angenommen und steht darin fest. 2 Durch diese Botschaft werdet ihr gerettet, wenn ihr sie unverfälscht festhaltet und in keinem Punkt davon abweicht. Andernfalls wärt ihr zu einem Glauben ohne Wirkung gekommen.

    3 Ich habe euch in erster Linie das weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es die Schriften gesagt haben. 4 Er wurde begraben und am dritten Tag auferweckt, wie es die Schriften gesagt haben. 5 Er ist dem Kephas erschienen, dann dem Kreis der Zwölf. 6 Danach erschien er mehr als 500 Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch am Leben sind; nur einige sind schon gestorben. 7 Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. 8 Zuallerletzt erschien er auch mir, solch einer Missgeburt ‹von Mensch›. 9 Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln. Ich verdiene es gar nicht, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.

    1. Korinther 15:1-9 NEÜ

    In diesem Abschnitt gibt es einige sehr interessante Punkte. Einige von ihnen könnten die Leser sogar überraschen. Der Wortlaut ist an einigen Stellen merkwürdig. Nehmen wir die Passage auseinander, indem wir uns die interessanten Sätze merken:

    Erstens: Der auferstandene Christus „erschien Kephas (Petrus), dann den Zwölfen“ – Das hört sich an, als ob Petrus nicht zu den Zwölfen gehörte oder sich von ihnen unterschied. Wir wissen aber aus zahlreichen Aussagen im Neuen Testament, dass diese Vorstellungen falsch sind. Die Aussage scheint eine Anspielung auf Lukas 24:34 zu sein, wo die beiden Männer auf dem Weg nach Emmaus nach ihrer eigenen Begegnung mit dem auferstandenen Jesus nach Jerusalem zurückkehren und den elf Aposteln verkünden [an sich schon merkwürdig, da Petrus zu den elf gehörte, zu denen sie aufgeregt sprachen]: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und ist dem Simon erschienen!“ Dann berichten sie von ihrer Begegnung.1 Wenn man bedenkt, dass Judas nicht anwesend war, erscheint die Formulierung „erschien Kephas, dann den Zwölfen“ unpassend. Müsste es nicht heißen: „erschien Kephas, dann den ELFEN“ (einschließlich Petrus)? Meiner Meinung nach ist der wahrscheinliche Bezug der Formulierung in 1. Korinther 15,5, dass Paulus sich auf die relative Reihenfolge der Dinge bezieht: Der auferstandene Jesus erschien Petrus und dann später dem REST der Apostel. Ich denke, dass „die Zwölf“ hier die Formulierung auf „die ursprünglichen Apostel“ beschränken soll. Die Zahl „12“ macht das deutlich.

    Nach der obigen Diskussion haben wir eine eigenständige Gruppe von Aposteln, die den ursprünglichen Jüngern entspricht (die Elf, einschließlich Petrus). Aber jetzt schau dir an, was folgt: Jesus erschien „mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch am Leben sind, einige aber entschlafen sind. Dann erschien er Jakobus, dann allen Aposteln“. Hier haben wir eine Gruppe von „Aposteln“, bei denen es sich NICHT um die ursprünglichen 12 handelt – und auch Paulus gehört nicht zu ihnen, denn Paulus unterscheidet sich in der nächsten Zeile: „Zuallerletzt erschien er auch mir, solch einer Missgeburt ‹von Mensch›. Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln. Ich verdiene es gar nicht, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“

    Die Formulierung des Paulus wirft eine Frage auf: Zählte er sich selbst zu „allen Aposteln“ oder sah er sich im Vergleich zu den anderen Aposteln als einen geringeren Apostel – aber immer noch als einen Apostel – an? Haben wir jetzt also zwei Gruppen oder drei? Um das zu klären, müssen wir einige andere Stellen betrachten, zum Beispiel 1. Korinther 9,5:

    5 Haben wir etwa kein Recht, eine Glaubensschwester als Ehefrau ständig bei uns zu haben, wie die anderen Apostel, die Brüder des Herrn und Kephas? 6 Oder müssen nur ich und Barnabas selbst für unseren Lebensunterhalt aufkommen?

    1. Korinther 9:5,6 NEÜ

    Paulus macht hier (erneut) deutlich, dass es die ursprünglichen 12 Apostel und Apostel gab, die nicht die ursprünglichen 12 waren. Der Satz mit den „Brüdern des Herrn“ (Plural) ist interessant, weil Paulus in Gal 1:19 schreibt: „Ich sah aber keinen der anderen Apostel außer Jakobus, dem Bruder des Herrn.“ Das bedeutet, dass Jakobus, einer der leiblichen Brüder Jesu, als Apostel angesehen wurde – aber er gehörte nicht zu den ursprünglichen 12 und hätte auch nicht die Kriterien von Apostelgeschichte 1:21-22 erfüllt, um die Stelle von Judas zu besetzen, denn er hatte „die anderen 11 seit der Taufe Jesu nicht begleitet.“ Wenn man dies mit 1. Korinther 15,5 vergleicht, sieht es so aus, als ob die anderen Brüder Jesu (oder vielleicht nur Jakobus und Judas) Apostel genannt wurden. Es gibt also eine klare zweite Gruppe aufgrund dieser Verbindung. Zu den Brüdern des Herrn in dieser zweiten Gruppe gehörten auch „alle Apostel„, die in 1 Kor 15,7 erwähnt werden. Mir scheint, dass diese Passagen auch den Gedanken bekräftigen, dass diese zweite Gruppe mit der Jerusalemer Gemeinde verbunden war.

    Aber betrachtete Paulus sich selbst (und andere, die mit ihm dienten) als eine dritte Gruppe mit geringerem Status? Das ist möglich. Die Tatsache, dass Jakobus (der nicht zu den ursprünglichen 12 Aposteln gehörte) zu den anderen Aposteln gehörte, deutet darauf hin (ist aber kein Beweis), dass diese zweite Gruppe vor der Kreuzigung und Auferstehung Zeit mit Jesus verbracht hatte. Die Einbeziehung von Jakobus und die Chronologie der Apostelgeschichte deuten auch darauf hin, dass diese anderen Apostel ihr Hauptquartier in Jerusalem hatten. Paulus hatte vor dem Kreuz keine Zeit mit Jesus verbracht und war auch nicht Teil der Jerusalemer Gemeinde. Er war ein Außenseiter, der berufen wurde, den Heiden zu predigen. Paulus bezeichnet sich selbst (ist das nur selbstironische Rhetorik?) als den „Geringsten der Apostel“, wie er sagt. Und schließlich bezeichnet Paulus, wie wir gleich sehen werden, andere Dienstpartner – darunter auch Heiden – als Apostel.

    In Anbetracht der Daten denke ich, dass wir es hier mit drei Gruppen zu tun haben, aber die beiden Gruppen außerhalb der 12 hatten den gleichen Zweck und Status. Ich meine damit, dass die beiden Gruppen, die nicht zu den 12 gehörten, nicht den Status der 12 hatten, aber sie hatten die Unterstützung der 12. Die ursprünglichen 12 unterstützten sicherlich den Dienst von Jakobus und anderen Aposteln, die in der Gemeinde in Jerusalem arbeiteten. Und wir wissen aus Apostelgeschichte 15, dass sie (zusammen mit Jakobus) die Arbeit von Paulus unter den Heiden guthießen. Sie betrachteten ihn als Apostel.

    Auch Paulus‘ Formulierung in 1. Korinther 9,5-6 macht deutlich, dass er sich selbst – und Barnabas – als Apostel betrachtete. Das heißt, dass er sich selbst und seinen Partner in die „Apostel-Gleichung“ einordnete, was die Heirat und die Unterstützung des Dienstes anbelangt. Barnabas wird in Apostelgeschichte 14,4 tatsächlich als Apostel bezeichnet. Der Text beschreibt, wie die Menschen in Ikonium, die das Evangelium hörten, sich entweder auf die Seite der Juden oder auf die Seite „der Apostel“ stellten – d.h. auf die Seite von Paulus und Barnabas, die ihnen predigten und gegen die sich die Juden auflehnten. Apostelgeschichte 14,4 macht diese Identifizierung deutlich, indem sie Barnabas (und Paulus) ausdrücklich als Apostel bezeichnet: „Als aber die Apostel Barnabas und Paulus davon hörten, zerrissen sie ihre Kleider und stürzten hinaus in die Menge. . . .“

    Diese Episode hilft uns zu verstehen, warum Menschen außerhalb der ursprünglichen 12 und der Jerusalemer Gemeinde mit Recht Apostel genannt werden konnten. In Apostelgeschichte 13,2-3 waren Paulus und Barnabas vom Heiligen Geist beauftragt und gesandt worden, den Heiden zu predigen. Diese Berufung war der Auslöser für Paulus‘ Missionsreise, die erste von mehreren. Paulus und Barnabas waren Apostel – im Wesentlichen das, was wir heute Missionare nennen würden. „Apostel“ ist ein Substantiv (apostolos), dessen verwandte Verbform (apostellō) „senden“ bedeutet.2 Das Substantiv apostolos („Apostel“) „bezieht sich auf Personen, die zu einem bestimmten Zweck ausgesandt werden.3 Paulus wurde bei seiner Missionsarbeit auch von Silas (auch bekannt als Silvanus) begleitet. Das sehen wir in 1 Thess 2,6, wo Paulus über sich, Timotheus und Silvanus (vgl. 1 Thess 1,1) sagt: „Wir haben auch nicht den Ruhm von Menschen gesucht, weder von euch noch von anderen, obwohl wir als Apostel Christi Forderungen hätten stellen können.“ Nach der Apostelgeschichte war es Silas, der mit Paulus und Timotheus in Thessaloniki arbeitete (Apg 15,40; Apg 17). Deshalb halten die Gelehrten Silas und Silvanus für ein und dieselbe Person:

    „Silas, Silvanus (sī’luhs, sil-vay „nuhs), im Allgemeinen als alternative Namen für ein und dieselbe Person angesehen, war ein Leiter der frühen Kirche und ein Mitarbeiter von Paulus. Die Paulusbriefe und der 1. Petrusbrief nennen ihn Silvanus (eine Latinisierung), aber die Apostelgeschichte bevorzugt Silas (entweder eine semitische oder eine verkürzte griechische Form).“4

    Falsche Apostel

    Diese letzte Kategorie ist genauso eindeutig wie die erste. In der frühen Kirche gab es Menschen, die sich als „Apostel“ bezeichneten, aber falsche Lehrerinnen und Lehrer waren, die ein anderes Evangelium verbreiteten und die Gläubigen in die Irre führten (2. Korinther 11:5, 13; 12:11). In 2. Korinther 11 bezeichnet Paulus diese Personen als pseudapostolos (Pseudoapostel, d. h. falsche Apostel). Zuvor hatte er sie (sarkastisch) als „Super-Apostel“ (hyperlian apostolōn) bezeichnet. Sie waren Heuchler:

    Denn diese Leute sind falsche Apostel, unehrliche Arbeiter, die sich freilich als Apostel von Christus ausgeben. Aber das ist kein Wunder. Auch der Satan tarnt sich ja als Engel des Lichts.

    2. Korinther 11:13,14 NEÜ

    Weitere Gedanken

    Es ist wichtig, an dieser Stelle festzuhalten, dass Paulus zwar dem auferstandenen Christus begegnet ist, ebenso wie andere Apostel, die nicht zu den ursprünglichen 12 gehörten, aber es gibt keine biblischen Daten, die darauf hindeuten, dass Timotheus, Barnabas oder Silas jemals dem auferstandenen Christus begegnet sind. Das ist ein klarer Beweis dafür, dass eine Begegnung mit Jesus niemanden zum Apostel qualifiziert. Man konnte auch ohne dieses Ereignis als Apostel bezeichnet werden. Und warum? Weil es darauf ankommt, was diese Apostel tatsächlich waren: Um den bekannteren Begriff zu verwenden: Sie waren Missionare. Sie gründeten Gemeinden, lehrten die Gläubigen und übernahmen die Leitung und Aufsicht über diese Gemeinden (nicht nur irgendwelche Gemeinden). Dann wiederholten sie den Prozess, nachdem sie Leiter in diesen Gemeinden eingesetzt hatten (1 Tim 3, Titus 1). Und beachte, dass diese ernannten Leiter andere Titel als „Apostel“ trugen – denn sie wurden nirgendwohin gesandt.

    Die „missionarische“ Bedeutung von „Apostel“ hätte auch für andere „Apostel“ gegolten, die im Neuen Testament genannt werden, was wir angesichts der Vertrautheit des Paulus mit ihnen und ihrer Arbeit vermuten: Junia/Julia und Adronicus (Röm 16,7), Epaphroditus (Phil 2,25) und andere, möglicherweise auch Titus (2 Kor 8,23?). Aufgrund der Terminologie können wir davon ausgehen, dass diese Personen ausgesandt wurden, um entweder eine Gemeinde zu gründen oder einer Gemeinde zu helfen. Als solche übernahmen sie Führungsaufgaben: Lehren, Predigen, Evangelisieren, Jüngerschaft usw. Genau das taten und tun Kirchenführer.

    Eine weitere Erkenntnis ist, dass ein Apostel, wenn er überhaupt Autorität hatte, nur über eine Gemeinde verfügte, die er unmittelbar betreute. Es gibt keine Beweise dafür, dass Apostel Autorität über Gemeinden beanspruchen konnten, die sie nicht gegründet oder in denen sie keinen Leitungsdienst ausgeübt hatten. Die einzige denkbare Autorität auf dieser Ebene waren die ursprünglichen 12, die (offensichtlich) in der Jerusalemer Gemeinde waren und die (ebenfalls offensichtlich) als ursprüngliche Jünger Jesu einen höheren Status hatten. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass andere, die von den ursprünglichen 12 in Jerusalem ernannt wurden, Autorität über die von Paulus gegründeten Gemeinden hatten. Man kann sich nicht auf den Jerusalemer Rat berufen, da die ursprünglichen 12 Apostel, die noch am Leben waren, in dieser Kirche waren. Sie hatten diese Autorität. Möglicherweise hatte auch Jakobus diese Autorität, da er der Blutsbruder von Jesus war. Was sie dachten, hätte natürlich eine enorme Autorität gehabt. Aber nach diesen Personen – deren Status einzigartig war, weil sie den Jesus vor der Kreuzigung kannten – war die Autorität aller anderen von anderer Natur.

    Eine oft vernachlässigte Beobachtung unterstreicht diesen Gedanken der „Nicht-Autorität“. Die Gemeinden im Buch der Offenbarung wurden nicht von den ursprünglichen 12 gegründet. In der Heiligen Schrift wird nicht gesagt, wer diese Gemeinden gegründet hat. Der Apostel Johannes wurde von Jesus auserwählt, an diese Gemeinden zu schreiben, aber die Autoritätsgrundlage für das, was er ihnen schrieb, war der auferstandene Jesus. Anders als Paulus, der sich an die von ihm gegründeten Gemeinden wendet, beansprucht Johannes nie die Autorität über diese Gemeinden und beruft sich auch nicht auf die Apostel in Jerusalem oder irgendjemand anderen für ihre Leitung. Die Autorität liegt bei dem Herrn und bei niemandem sonst.

    Der neutestamentliche Gebrauch des Begriffs deutet keineswegs darauf hin, dass ein Apostel lediglich die Aufsicht über die Gemeinden ausübt – und wenig mit Evangelisation, Jüngerschaft, Lehre usw. zu tun hat. Apostel waren keine leitenden Vizepräsidenten. Sie waren keine Weisen aus der Ferne, die die Arbeit vor Ort aus der Ferne beobachteten. Sie taten die Arbeit des Dienstes und zeigten anderen, wie sie den Missionsbefehl durch ihr Beispiel erfüllen können.

    Diese wenigen Gedanken sind wichtig im Hinblick auf die modernen apostolischen Ansprüche auf regionale Autorität. Dieser Gedanke kommt im Neuen Testament nicht vor. Man kann sich in dieser Hinsicht nicht auf Epheser 4 berufen und im Lichte der vorangegangenen Diskussion sollte klar sein, warum:

    11 Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten. Er gab Evangelisten, Hirten und Lehrer, 12 damit sie die, die Gott geheiligt hat, zum Dienst ausrüsten und so der Leib des Christus aufgebaut wird 13 mit dem Ziel, dass wir alle die Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes erreichen; dass wir zu mündigen Christen heranreifen und in die ganze Fülle hineinwachsen, die Christus in sich trägt. 14 Dann sind wir keine unmündigen Kinder mehr, die sich vom Wind aller möglichen Lehren umtreiben lassen und wie Wellen hin- und hergeworfen werden. Dann fallen wir nicht mehr auf das falsche Spiel von Menschen herein, die andere hinterlistig in die Irre führen. 15 Lasst uns also in Liebe wahrhaftig sein und in jeder Hinsicht zu Christus hinwachsen, unserem Haupt. 16 Von ihm her wird nämlich der ganze Leib zusammengefügt und durch verbindende Glieder zusammengehalten. Das geschieht in der Kraft, die jedem der einzelnen Teile zugemessen ist. So bewirkt Christus das Wachstum seines Leibes: Er baut sich auf durch Liebe.

    Epheser 4:11-16

    Der Text sagt, dass Gottes Plan war, der jungen Kirche „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ zu geben. Das hat er getan. Er gab der Jerusalemer Urgemeinde Apostel. Er berief Paulus als Apostel für die Heiden. Andere Apostel (Missionare – wir reden hier über die Gründung von Gemeinden in heidnischem Gebiet) wurden beauftragt (gesandt), um Paulus zu helfen (Barnabas, Silas, usw.).

    Ich will damit sagen: Es ist eine Sache, wenn Gläubige heute den Begriff „Apostel“ aus diesem Abschnitt verwenden, wenn sie damit Missionare meinen, die Gemeinden gründen oder die ihre Gemeinde gegründet haben. Sie haben an diesen Stellen rechtmäßige Autorität. Aber es ist etwas ganz anderes, diesen Begriff aus Eph 4,11 zu nehmen und Autorität über Gemeinden in einer Stadt, einem Bezirk, einem Bundesland oder einer größeren Region zu beanspruchen. Jedes Amt in Eph 4,11ff. kann (und hat) auf der Ebene der Ortsgemeinde funktionieren. Es gibt keinen Grund, etwas anderes in diesen Abschnitt hineinzulesen. Paulus begann das Kapitel mit einer Ansprache an die Gläubigen in Ephesus („ihr“; Eph 4,1). Wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass Paulus ab V. 11 von der Weltkirche spricht, als ob Jesus regionale oder weltweite Apostel über kollektive Gruppen von Ortsgemeinden ernennen würde. Epheser 4 hat jede Ortsgemeinde und ihre eigene Leitung im Blick. Es geht nicht darum, eine kleine, elitäre Gruppe zu ernennen, die die Autorität über viele Gemeinden ausübt. Und schon gar nicht wird eine apostolische Sukzession suggeriert (als ob „Apostel“ außerhalb der 12 das Amt von den 12 erben würden). Es ist inkohärent, anzunehmen, dass alles andere in der Epistel, das Paulus den Lesern glauben machen will, zuerst eine religiöse Oligarchie im Sinn hatte und erst in zweiter Linie einzelne Ortsgemeinden. Epheser 4,11-16 ist an eine Ortsgemeinde geschrieben und richtet sich an Ortsgemeinden überall als Ortsgemeinden.

    Wenn du also jemanden triffst, dessen Titel „Apostel“ lautet, kannst du ihn fragen, was er meint. Wenn sie Leiter einer Ortsgemeinde sind, die sie gegründet haben oder mit der sie zur Arbeit ausgesandt wurden, ist der Titel nicht unberechtigt. Allerdings kann der Titel in der heutigen Zeit aufgrund von Missverständnissen oder Missbrauch zu Verwirrung führen. Wir müssen daher vorsichtig mit dem Titel umgehen.


    1. Bock merkt an, dass diese Passage aufgrund von Johannes 20 Aufmerksamkeit erregt hat. Er schreibt: „Als sie in Jerusalem ankommen, finden sie die Elf versammelt (ἀθροίζω, athroizō). . . . Der Hinweis auf die Elf, ein Sammelbegriff für die übrigen Apostel, wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis Lukas zu Johannes 20,19-29 steht. Wenn alle Elf bei der von Lukas erwähnten Versammlung waren, warum wurde Thomas dann erst eine Woche später überzeugt (Johannes 20,24-29)? Johannes deutet an, dass Thomas nicht bei der ersten Versammlung war. Der nun entlarvte Judas ist aus Gründen, die in Apostelgeschichte 1,15-26 deutlich werden, nicht anwesend.“ Darrell L. Bock, Lukas: 9,51-24,53 (Bd. 2; Baker Exegetical Commentary on the New Testament; Grand Rapids, MI: Baker Academic, 1996), 1921. ↩︎
    2. William Arndt, Frederick W. Danker, and Walter Bauer, A Greek-English Lexicon of the New Testament and Other Early Christian Literature (=BDAG; Chicago: University of Chicago Press, 2000), 120.  ↩︎
    3. BDAG, 122. ↩︎
    4. Paul J. Achtemeier, Harper & Row and Society of Biblical Literature, Harper’s Bible Dictionary (San Francisco: Harper & Row, 1985), 951. ↩︎
  • Was können wir aus Johannes 4:23,24 lernen?

    Was können wir aus Johannes 4:23,24 lernen?

    Von Christian


    Vor einiger Zeit hatte ich ein Video veröffentlicht: „In Geist und Wahrheit anbeten“ – Was bedeutet das? In einem Kommentar dazu wurde gesagt, dass das ja alles schön und gut wäre, aber was bitte schön bedeutet der Text nun konkret? Tatsächlich habe ich in diesem Video mehr erklärt, was es nicht bedeuten kann und bin dann zu anderen Texten übergangen. Und nun? Was ist denn die konkrete Aussage in Johannes 4:24? Wenn du eine schnelle Antwort von jemand anderem haben willst, anstatt das selbst herauszufinden, dann schau in einen Kommentar!

    Biblische Kommentare

    Ich zitiere einmal drei Kommentare stellvertretend:

    Das Wort »Geist« bezieht sich nicht auf den Heiligen Geist, sondern auf den menschlichen Geist. Jesus meint hier, dass die Anbetung einer Person nicht einfach äußeren religiösen Ritualen entsprechen oder sich auf bestimmte Orte beschränken darf, sonder mit der richtigen Herzenshaltung von innen (»im Geist«) kommen muss. Das Wort »Wahrheit« bezieht sich auf die Anbetung Gottes in Übereinstimmung mit seinem geoffenbarten Wort und konzentriert sich auf das fleischgewordene Wort, welches schließlich den Vater offenbarte (14,6).

    John MacArthur, Fußnote zu Johannes 4,24 Schlachter 2000

    Und die Schlussfolgerung, die sich daraus logisch ziehen lässt, ist, dass Jesus in Johannes 4 der Frau sagte, dass die Grundlage für die Anbetung Gottes eine persönliche Beziehung zu ihm und das Studium seines Wortes sein muss.

    Kommentar zu Johannes 4,24 in der 2001 Translation.

    Im Geist und in der Wahrheit – Die Verbindung zwischen der menschlichen Natur und dem Göttlichen liegt im menschlichen Geist, der der Tempel des Heiligen Geistes ist (1. Korinther 6:19). Jede wahre Annäherung an Gott muss daher im Geiste erfolgen. (Vergl. Römer 1:9 und Epheser 6:18.) Ort, Zeit, Worte, Körperhaltung, Klänge und alle äußeren Dinge sind nur insofern wichtig, als sie dabei helfen, sich von der sinnlichen Welt zu lösen und den Geist nach innen zu erheben. In dem Moment, in dem sie ablenken, behindern sie die wahre Anbetung. Über Rituale kann nicht diskutiert werden, ohne das Risiko eines spirituellen Verlusts einzugehen. Die Worte „in Wahrheit“, die bereits davor in ‚wahre Anbeter‘ zum Ausdruck gebracht und im folgenden Vers wiederholt werden, sind mehr als „wirklich“. Aufrichtigkeit ist kein Kriterium für eine akzeptable Anbetung, aber sie ist eine Voraussetzung. Fanatiker glauben aufrichtig, dass sie Gott dienen. Anbetung, die „in Wahrheit“ geschieht, steht im Einklang mit der Natur des Gottes, den wir anbeten. An Gott zu denken, wenn wir seine Wahrheit hören, die Seele durch Lobeshymnen zu entzünden, die früheren Teile der Kollekten und Gebete zu erkennen, die seine Eigenschaften zum Ausdruck bringen, sind notwendig für die Wahrheit der Bitten, Danksagungen und Anbetungen der Anbetung. Das Mustergebet des Christentums bringt die Vaterschaft Gottes in seinen ersten Worten dem Herzen nahe.

    Ellicott’s Commentary for English Readers, Johannes 4:23

    Wenn du mit einem dieser Kommentare oder einer anderen Auslegungen zufrieden bist, dann danke ich dir für das Lesen, Zuhören oder Zusehen bis hierher. Vielleicht fragst du dich aber auch, woher denn diese Erklärungen kommen. Gut, dann machen wir gemeinsam weiter.

    Wir machen das in der üblichen Reihenfolge: Zuerst der Text in der Ursprache, dann der Kontext dieses Verses, dann der erweiterte Kontext im Neuen Testament, und dann der historische Kontext.

    Der Text in der Ursprache

    Fangen wir mit dem Text selbst an:

    Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.

    Johannes 4:23, 24 Elberfelder

    Zur Erinnerung zeige ich auch nochmal den Text in einer Interlinear-Übersetzung:

    Was erkennen wir? In Johannes 4:23, 24 steht kein bestimmter Artikel. Es geht also nicht um ‚den‘ Geist oder ‚die‘ Wahrheit.

    Was können wir aus Wörterbüchern über die Bedeutung erfahren?

    „Geist“

    Am Anfang steht: „Geist der Gott ist“ und es wird das selbe Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet wie im Teil „Geist und Wahrheit“. HELPS Word Studies sagt: „4151 pneúma – wörtlich: Geist (Spirit), Wind oder Atem. Die häufigste Bedeutung (Übersetzung) von 4151 (pneúma) im NT ist „Geist“. Nur der Kontext bestimmt, welche Bedeutung(en) gemeint sind.“

    Wenn wir all die Verwendungen des Wortes im Neuen Testament, der Septuaginta und anderen antiken Schriften anschauen würden, kämen wir zu dem, was wir in einem guten Lexikon finden. Der Begriff pneúma hilft uns also nicht sehr viel weiter, weil die Bedeutungen sehr umfassend und unterschiedlich sind.

    Dass der ‚heilige Geist‘ gemeint ist, kann man allerdings ausschließen, weil Jesus in Vers 23 sagt, dass die Zeit sogar schon angefangen hat, in der die wahren Anbeter Gott ‚in Geist und Wahrheit‘ anbeten. Der heilige Geist wurde aber erst viel später zu Pfingsten 33 ausgegossen. Und Vers 24 beginnt mit „Geist der Gott ist“. Wieder pneúma. Also entweder ist dann Gott der Heilige Geist oder schon in diesem Vers hätte pneúma zwei verschiedene Bedeutungen.

    Was mit pneúma in diesem Vers konkret gemeint ist, können wir also noch nicht sagen, außer dass der Heilige Geist vermutlich keine Option ist.

    „Wahrheit“

    Das mit ‚Wahrheit‘ wiedergegebene griechische Wort ἀληθείᾳ (alētheia) bedeutet laut Strong’s „Wahrheit, aber nicht nur die Wahrheit, wie sie gesprochen wird; Wahrheit der Idee, Realität, Aufrichtigkeit, Wahrheit im moralischen Bereich, göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde, Geradlinigkeit.“ HELPS Word-studies sagt: „225 alḗtheia (von 227 /alēthḗs, „faktengetreu“) – richtig, Wahrheit (faktengetreu), Wirklichkeit. [In der griechischen Kultur der Antike war 225 (alḗtheia) ein Synonym für „Realität“, das Gegenteil von Illusion, d.h. Tatsache.]“

    Es geht hier also nicht um ‚Wahrheit‘ im Sinne von religiösen Lehren und Dogmen.

    Wenn wir all die Verwendungen des Wortes im Neuen Testament, der Septuaginta und anderen antiken Schriften anschauen würden, kämen wir wieder zu dem, was wir in einem guten Lexikon finden. Aber auch dieses Wort hat eine reichhaltige Bedeutung und hilft uns alleine nicht, um die Bedeutung des Verses zu verstehen.

    Wenn also schon die beiden Worte für „Geist“ und „Wahrheit“ uns nicht weiterhelfen, vielleicht dann das dritte Wort „Anbetung“? Oder die Kombination dieser drei?

    „Anbetung“

    Im Text steht hier προσκυνεῖν (proskynein) und προσκυνοῦντας (proskynountas), welche vom Wort προσκυνέω (proskuneó) kommt. Laut Strong’s Wörterbuch ist die Definition: Ehrerbietung erweisen und die Verwendung: Ich gehe auf die Knie, um dir zu huldigen, dich anzubeten. HELPS Word-studies sagt:

    4352 proskynéō (von 4314 /prós, „in Richtung von“ und kyneo, „küssen“) – eigentlich: den Boden küssen, wenn man sich vor einem Höhergestellten niederwirft; anbeten, bereit sein, „niederzufallen/sich niederzuwerfen, um auf den Knien anzubeten“ (DNTT); „Ehrerbietung erweisen“ (BAGD).

    HELPS Word-studies

    Im Deutschen könnte uns das Wort „Anbetung“ auf einen falschen Gedanken bringen, weil wir vielleicht das Wort „beten“ heraushören. Aber das ist nicht seine Bedeutung im Griechischen der Antike.

    Jetzt haben wir also die Verbindung von „Geist“ und „Wahrheit“ mit dem Gedanken von „Ehrerbietung erweisen“ oder sich vor einem Höhergestellten niederzuwerfen. Passt das zusammen? Damit sind wir beim wichtigen Kontext des Verses.

    Der Kontext des Verses

    Was ist der Kontext dieser Aussage Jesu? Es war eine konkrete Frage einer Frau aus Samaria:

    Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, dass in Jerusalem der Ort sei, wo man anbeten müsse.

    Johannes 4:19,20 Elberfelder

    In der Frage geht es also um die formale „Anbetung“, also προσκυνέω (proskuneó). Und welche der beiden Genannten richtig ist. Erinnern wir uns an die Bedeutung von „Wahrheit“ ἀληθείᾳ (alētheia): Was richtig ist, Wahrheit im Gegensatz zu Illusion. Und sie fragt, wo der richtige Ort dieser formalen Anbetung sei: Jerusalem oder dieser Berg in Samaria. Also ein physischer Ort im Gesatz zu Πνεῦμα (Pneuma).

    Wenn wir uns bewusst machen, worum es in der Frage ging, verstehen wir auch die Bedeutung der Antwort Jesu, weil er ihr zu ihrer Überraschung sagt, dass weder das eine noch das andere ab diesem Zeitpunkt richtig und wahr wäre, sondern etwas anderes. Aber das können wir erst klären, wenn wir den historischen Kontext betrachten.

    Der erweiterte Kontext im Neuen Testament

    Gibt es im Neuen Testament noch irgendeinen Text, der auch den Gedanken enthält, ‚in Geist und Wahrheit anzubeten‘? Nein!

    Selbst im Johannes Evangelium finden wir keine weitere Erklärung Jesu zu seiner Aussage dazu. Nur das, was wir in Johannes 4:23,24 lesen. Wenn wir also im Bericht keine detailiertere Erklärung von Jesus finden, was er bei Gleichnissen ja manchmal getan hat, dann ist es doch nicht selbstverständlich, dass wir ein solche finden werden, oder?

    Jetzt gibt es aber doch in vielen Bibelübersetzungen Querverweise. Die gab es im Urtext natürlich nicht. Deswegen sind diese immer mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten, weil dort auf andere Bibelverse hingewiesen wird, die etwas mit dem gerade gelesenen zu tun haben könnten – aber sind es alle relevanten Texte? Wenn wir alle Verwendungen eines Wortes uns anschauen, dann erhalten wir ein komplettes Bild. Ich führe hier eimal die Texte an, die in verschiedenen Übersetzungen angeführt werden. Dann kannst du dir selbst ein Bild machen: Philipper 3:3, Römer 7:6, Johannes 17:17, 2. Samuel 7:28, Psalm 119:160, Epheser 1:13, 6:17

    Doch nirgends wird unser Texte Johannes 4:23,24 zitiert oder kommentiert. Es gibt also keinen direkten Bezug im Neuen Testament. Also hilft uns das erst weiter, wenn wir die Bedeutung verstanden haben. Die Texte erweitern dann unsere Auslegung.

    Gehen wir also zum historischen Kontext über.

    Der historische Kontext

    Wieso kam die Frau überhaupt auf diese Frage? Hatte Jahwe denn im mosaischen Gesetzt nicht gesagt, dass man ihn im Tempel in Jerusalem anbeten muss? Nein!

    Ihr sollt nur die Stätte aufsuchen, die Jahwe, euer Gott, aus euren Stämmen zu seiner Wohnung auswählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen. Dorthin sollt ihr kommen. Und dorthin sollt ihr eure Brand- und Schlachtopfer bringen, eure Zehnten, eure Hebopfer und das, was ihr gelobt habt und was ihr freiwillig gebt, und die Erstgeburten von euren Rindern, Schafen und Ziegen.

    5. Mose 12:5,6 NEÜ

    Ganz ähnlich wird das auch in 5. Mose 18:6, 26:2, 31:11 und anderen Stellen formuliert. Jahwe hatte die Bundeslade, das „Zelt der Begegnung“, und die Opfer wurden dort als Teil der Anbetung dargebracht. Erst König David kam auf die Idee, für Jahwe ein Haus zu bauen, den sein Sohn Salomo als Tempel in Jerusalem dann baute. Das akzeptierte Jahwe: „Als nun Salomo das Haus Jahwes und das Haus für den König vollendet hatte und alles gut gelungen war, was er sich vorgenommen hatte, erschien ihm Jahwe in der Nacht und sagte zu ihm: „Ich habe dein Gebet erhört und dieses Haus als Opferstätte angenommen.““ (2. Chronik 7:12) Aber oft konnte man durch Abtrünnigkeit dort gar nicht anbeten. Oder weil die Juden im babylonischen Exil waren und der Tempel zerstört war. Oder weil der zweite Tempel entweiht wurde (siehe Makkabäer Aufstand). Und zur Zeit Jesu war es auch nicht gut um den Tempeldienst bestellt.

    Gemäß dem Alten Testament wurde nach Salomo das Köngreich in den südlichen Teil um Juda und die restlichen 10 Stämme im Norden aufgeteilt. Der neue König wollte natürlich nicht, dass seine Untertanen zur Anbetung Jahwes jedes Jahr nach Jerusalem in das verfeindete Reich gehen. (1. Könige 12:25-30) Daher wurden zuerst zwei neue Anbetungsstätten in Bethel und Dan als Ersatz für den Tempel in Jerusaelm errichtet. Ein weiteres ihrer Heiligtümer war schließlich auf dem Berg Garizim, welche schließlich als eigentlich von Jahwe gewünschter Ort interpretiert wurde (wegen 5. Mose 11 und 27 und Josua 8). Außerdem wurden Teile des Pentateuch geändert und man sah sich als die wahren Anbeter Jahwes und Bewahrer seines Heiligtums an. Und man wartete auch auf den Messias.

    Und was war nun richtig, wahr, Realtität und keine Illusion? Das war die Frage der Frau!

    Und das war der wirkliche Kontext der Antwort Jesu. Jesus sprach nicht zu den Aposteln, den Jüngern und erst recht nicht zu uns! Er sprach ganz konkret zu einer samaritanischen Frau, welche vor 2000 Jahren eine ganz konkrete Frage an Jesus stellte. Und genau darauf antwortete Jesus. Dass wir das heute lesen können, ist schön, aber zweitrangig.

    Und daher wir der direkt nächste Vers uns auch nicht mehr überraschen:

    „Ich weiß, dass der Messias kommt, der auch Christus genannt wird“, sagte die Frau darauf. „Und wenn er kommt, wird er uns all diese Dinge erklären.“ Da sagte Jesus zu ihr: „Du sprichst mit ihm. Ich bin’s.“

    Johannes 4:25, 26

    Ganz gleich, ob es diese samaritische Frau am Brunnen von Sychar nun historisch gab oder nicht und ob sie das wortwörtlich so gesagbt haben: Das ist in Johannes sehr gut formuliert. Beide religiöse Gruppen hatten eine formale Anbetung, mit physischen religiösen Handlungen, an bestimmten heiligen Orten, beide warteten auf den Messias und beide gingen davon aus, dass ihre Vorstellung keine Phantasie oder Einbildung ist, sondern echt und richtig ist – also Wahrheit.

    Und dann kommt Jesus und sagt: All diese physischen formalen Anbetungsformungen sind Vergangenheit! Es geht um etwas ‚Geistiges‘. Und beide gegensätzlichen Darstellungen können ja nicht beide gleich wahr sein. Aber jetzt wird die richtige, wahre Anbetungsform schon verkündet und praktiziert. Und ganz nebenbei: Ich bin der Messias, auf den Juden wie Samariter warten!

    Unglaublich, was Jesus hier alles in ein paar Sätzen ankündigt! Jetzt würden wir gerne hören, was er noch zu sagen hat. Erkläre uns dies bitte weiter. Aber … „ In diesem Augenblick kamen seine Jünger zurück. …“ (Johannes 4:27) Es gibt Momente im Leben, da wünschte man …

    Und ich bin auch ein wenig vom historischen Kontext abgekommen. Wir müssen uns aber noch mit dem historischen Kontext des Gespräches und der Niederschrift des Evangeliums befassen.

    Woher wissen wir überhaupt von diesem Gespräch? Es ist ja nicht wie bei der Bergpredigt, wo Tausende seine Worte gehört haben. Es ist ein Gespräch zwischen Jesus und der Frau. Wenn wir den Bericht lesen, ist das wie heute in einem Roman oder Film, bei dem wir Zuschauer Beobachter sind – aber es gab damals keine Beobachter und keine Kamera! Also woher soll Johannes das gewusst haben? Wir wissen es nicht. Vielleicht hat Jesus oder die Frau es später selbst den Aposteln gesagt. Wichtig ist aber, dass diese Wort nicht Teil der Bergpredigt ist und somit an viele gerichtet war, sondern an genau eine Person. Daher ist es so wichtig, ihren Hintergrund zu verstehen.

    Jesus spach nicht mit uns. Das Evangelium wurde nicht an uns geschrieben. Wir können froh darüber sein, wass wir es heute haben. Wann wurde das Johannes Evangelium denn vermutlich geschrieben? Gemäß der Überlieferung wurde Johannes um 98 n. Chr. geschrieben. Also rund 70 Jahre – sieben Jahrzehnte– nach Jesu Wirken. Und etwas 1/2 Jahrhundert nach den anderen Evangelien und Briefen. Aber das ist noch nicht der vollständige historische Kontext.

    Selbst nach der Überlieferung wurde das Johannes Evangelium also etwa 30 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems 70 n.Chr. geschrieben. Neben all den Problemen mit der Anbetung im Tempel war jetzt also auch der zweite Tempel zerstört, die Nation zerstreut und die Anbetung nach dem mosaischen Gesetz in Frage gestellt. Und wie wir wissen, gab es über Jahrzehnte viele, die als Juden zum Glauben an Jesus als den Messias kamen, aber immer noch das mosaische Gesetz als den entscheidenden Unterschied angenommen haben?

    Fazit

    Interessant ist auch, dass diese Begebenheit nur in Johannes 4 dargestellt wird. Nicht in den synoptischen Evangelien. Keine Spur davon. Was haben denn die Jünger in den 70 Jahren davor gemacht? Kannten sie das nur aus mündlichen Überlieferungen?

    War das für die synoptischen Evangelien nicht wichtig genug? Nun, mit welcher Botschaft startet Jesus? „Kehrt um, ihr müsst Jahwe in Geist und Wahrheit anbeten“?

    In jenen Tagen aber kommt Johannes der Täufer und predigt in der Wüste von Judäa und spricht: Tut Buße! Denn das Reich [o. die Königsherrschaft] der Himmel ist nahe gekommen.

    Matthäus 3:1,2 Elberfelder

    Und nachdem Johannes überliefert war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gotte und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich [o. die Königsherrschaft] Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

    Markus 1:15 Elberfelder

    Das Reich [o. die Königsherrschaft] Gottes ist nahe zu euch gekommen.

    Lukas 10:9 Elberfelder

    Vielleicht sollten wir uns besser auf diese Botschaft – das Evangelium – mehr zurückbesinnen anstatt zu versuchen, etwas aus Johannes 4:23,24 für uns herauszulesen oder gar hineinzulesen. Zumal Jesus das Thema hier nicht vertieft hatte.

    Was können wir aus Johannes 4:23, 24 lernen? Ich schlage dies vor:

    • Der Text in Johannes 4:23, 24 ist die Antwort Jesu auf eine spezielle Frage einer gewissen Frau vor 2000 Jahren, die zwei bestimmte Formen der Anbetung Jahwes angesprochen hat.
    • Die Anbetung Jahwes – nun als Vater bezeichnet – besteht nicht mehr in einem formalen System von Opfern an bestimmten Orten sondern ist etwas Geistiges. So wie der Vater auch nicht physisch an diesen Orten ist, sondern ein Geist ist.
    • Diese Anbetung darf nicht auf fiktiven menschlichen Überlieferungen beruhen, sondern muss auf Wirklichkeiten basieren. Das, was aus Sicht des Vaters richtig und real ist.
    • Und übrigens: Der Messias ist gekommen; ich, Jesus, bin es. Dieses Evangelium ist die Wirklichkeit, das Wahre, das Bestandteil der Anbetung sein muss.
  • „In Geist und Wahrheit anbeten“ – Was bedeutet das?

    „In Geist und Wahrheit anbeten“ – Was bedeutet das?

    Von Christian


    Wie sollte man Gott anbeten? Vermutlich gehen dir jetzt schon einige Gedanken durch den Kopf. Vielleicht auch dieser? Gott sollten wir „in Geist und Wahrheit anbeten“. Das steht in Johannes 4:23, 24. Und vielleicht hast du dich auch schon gefragt, was denn das bitte schön bedeuten soll. Lesen wir zuerst einmal den Text und betrachten dann den Kontext:

    Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.

    Johannes 4:23, 24 Elberfelder

    Der Kontext von Johannes 4:23, 24 und die Bedeutung im griechischen Text

    Der Kontext dieser Aussage Jesu gemäß dem Johannes Evangelium wird aus dem Kontext ersichtlich. Eine Frau aus Samaria hatte ihn wie folgt angesprochen:

    Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, dass in Jerusalem der Ort sei, wo man anbeten müsse.

    Johannes 4:19,20 Elberfelder

    Mit anderen Worten fragt sie Jesus: Kannst du mir als Prophet – also jemand, der Gottes Botschaften verkündet – sagen, welche Anbetungsform die richtige ist? Dabei geht es auch nicht nur um den Ort, sondern auch die Art und Weise der Anbetung. Jesus antwortet ihr wie folgt:

    Jesus spricht zu ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil ist aus den Juden.

    Johannes 4:21, 22 Elberfelder

    Jesus kündigt eine grundlegen Änderung in Bezug auf die Anbetung an. Und danach kommen die Verse 23 und 24. Was hat es also damit auf sich, dass Jesus dann von „Geist und Wahrheit“ spricht?

    Zuerst einmal stellen wir fest, dass auch im Urtext kein bestimmter Artikel steht:

    Er spricht also nicht von „dem Geist und der Wahrheit“, auch wenn es vereinzelt so übersetzt wird. Manche übersetzen mit „Wahrhaftigkeit“ (V23 NEÜ). Wenn du dir die verschiedenen Übersetzungen und Kommentare durchliest, wirst du schnell merken, dass diese knappen Worte einen ziemlichen Interpretationsspielraum lassen.

    „Geist“

    Nehmen wir zum Beispiel Zeugen Jehovas. In deren Neuen-Welt-Übersetzung steht in den Worterklärungen:

    Gott „mit Geist anzubeten“ bedeutet daher offensichtlich, dass man sich bei der Anbetung von Gottes Geist leiten lässt. Wenn man Gottes Wort studiert und sich an das hält, was man daraus lernt, hilft einem der heilige Geist, immer mehr wie Gott zu denken. Es geht also um weit mehr, als Gott aufrichtig und mit Begeisterung zu dienen.

    Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas, Worterklärungen zu Johannes 4:23, 24

    Ist dir das Wort „offensichtlich“ aufgefallen? Das wird immer dann verwendet, wenn sie keinen biblischen Beweise für so eine Behauptung haben. Und der letzte Satz „es geht also um weit mehr, als Gott aufrichtig … zu dienen“ wurde nur eingefügt, weil der Text durchaus in diesem Sinne verstanden werden kann. Darauf kommen wir gleich zurück.

    Ist mit „Geist“ hier also wirklich der „heilige Geist“ gemeint? Soll der heilige Geist uns leiten? Dann schauen wir uns nochmal Vers 24 im Griechischen nochmal an:

    Am Anfang steht: „Geist der Gott ist“ und es wird das selbe Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet wie im Teil „Geist und Wahrheit“. Wenn es also so einfach wäre, dass in diesem Vers mit „Geist“ der „heilige Geist“ gemeint wäre, dann wäre das ein schöner ’Beweistext’ für die Trinität, zumindest dafür, dass Gott der heilige Geist ist. Das haben wohl auch die Autoren der Zeugen Jehovas bemerkt und daher entsprechend in ihren Worterklärungen erwähnt. HELPS Word-studies fasst zusammen:

    4151 pneúma – wörtlich: Geist (Spirit), Wind oder Atem. Die häufigste Bedeutung (Übersetzung) von 4151 (pneúma) im NT ist „Geist“. Nur der Kontext bestimmt, welche Bedeutung(en) gemeint sind.

    HELPS Word-studies

    Berücksichtigt man den Kontext dieser Aussage Jesu bzw. des Johannes-Evangeliums, dann steht ‚Geist‘ hier doch im Gegensatz zu ‚dieser Ort oder Jerusalem‘. Und Jesus antwortet, dass keine physischer Ort wichtig ist für die Anbetung, sondern dass dies eine geistige oder geistliche Sache ist.

    Im Text selbst gibt es aber sogar einen direkten Hinweis, dass nicht der heilige Geist gemeint sein kann. Hast du ihn entdeckt?

    Johannes 4:23 und die ‚Leitung durch den heiligen Geist‘

    Lesen wir noch einmal gründlich den Anfang von Johannes 4:23

    Doch es wird die Zeit kommen – sie hat sogar schon angefangen –, wo die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrhaftigkeit anbeten.

    Johannes 4:23 NEÜ

    Jesus sagt also, dass in jenem Moment es schon so ist, dass „Menschen in Geist anbeten“. Aber moment einmal. Der ‚heilige Geist‘ wurde doch erst viel später zu Pfingsten 33 n.Chr. ausgegossen! Dieser Text Johannes 4:23 hat also nichts mit dem Gedanken zu tun, dass der heilige Geist auf die Jünger ausgegossen wurde und dieser die Jünger anleitete, um ‚die Wahrheit‘ zu verstehen.

    Johannes 4:23,24 sagt also nichts über eine Verbindung von ‚heiligem Geist‘ und ‚Wahrheit‘ im Sinne von ‚richtigem Verständnis der biblischen Wahrheit‘ aus, das man erhält, wenn man sich vom heiligen Geist leiten lässt.

    Ist es also nicht vielmehr so, dass mit „Geist“ hier der menschliche Geist gemeint ist? Eine Anbetung, die nicht mit einem Ort, einem Tempel, mit Ritualen verbunden ist, sondern sich auf eine geistige Ebene bezieht?

    „Wahrheit“

    Und ist in Johannes 4:23, 24 mit „Wahrheit“ so etwas wie ‚richtige Lehre, Glaubenssätze, Dogmen‘ gemeint? Wer Jehovas Zeugen kennt, weiß, dass dort über Jahrzehnte die Redewendung „in der Wahrheit sein“ üblich war und ist. Es geht also nicht nur um das, was in der Bibel steht (auch wenn die Worterklärung in der Neuen-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas das erwähnt), sondern um genau die Lehren der Zeugen Jehovas. Dass nur sie „die Wahrheit“ erkennen und „besitzen“. So steht es zum Beispiel in einem aktuellen Artikel mit dem Thema: „Bist du überzeugt, die Wahrheit zu haben?

    Jesus liebte die Wahrheit – die Wahrheit über Gott und sein Vorhaben. Er lebte nach dieser Wahrheit und machte sie anderen bekannt (Joh. 18:37). Auch seine Nachfolger zeichneten sich durch diese Liebe aus (Joh. 4:23, 24).

    Jehovas Zeugen behaupten nicht, ein vollkommenes Verständnis der Wahrheit zu haben. … Jehova offenbart die Wahrheit Stück für Stück, und wir müssen geduldig darauf warten, dass das Licht der Wahrheit heller wird (Spr. 4:18).

    Der Wachtturm 2021 Oktober, S. 22, Abs. 11, 12, Bist du überzeugt, die Wahrheit zu haben?

    Es gäbe noch viele weitere Zitate, die zeigen, dass mit ‚die Wahrheit‘ die aktuellen Lehren der Zeugen Jehovas gemeint sind. Hatte Jesus wirklich das gemeint? Schauen wir uns die Bedeutung des Wortes ἀληθείᾳ (alētheia) im Griechischen an :

    Wahrheit, aber nicht nur die Wahrheit, wie sie gesprochen wird; Wahrheit der Idee, Realität, Aufrichtigkeit, Wahrheit im moralischen Bereich, göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde, Geradlinigkeit.

    Strong’s Greek 225

    225 alḗtheia (von 227 /alēthḗs, „faktengetreu“) – richtig, Wahrheit (faktengetreu), Wirklichkeit.

    [In der griechischen Kultur der Antike war 225 (alḗtheia) ein Synonym für „Realität“, das Gegenteil von Illusion, d.h. Tatsache.]

    HELPS Word-studies

    Jetzt kannst du dir die 109 Verwendungen dieses Wortes im Neuen Testament anschauen. Es gibt erstaunlicheweise nur 7 Verwendungen in den synoptischen Evangelien. Danach kommen viel mehr, nämlich 24 im Johannes Evanglium. Lukas verwendet es zum Beispiel auch so: „In Wahrheit aber sage ich euch:“ (Lukas 4:25 Elberfelder) In Johannes 8:44,45 wird Wahrheit der Lüge gegenübergestellt. Und natürlich gibt es auch Texte, in denen mit Wahrheit die „göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde“ gemeint ist, was als eine der möglichen Bedeutungen in Strong’s Greek Lexikon angegeben wird.

    Die Sache ist also wieder einmal deutlich komplizierter als wir vielleicht dachten.

    Und deswegen müssen wir uns auch einmal anschauen, inwieweit der heilige Geist eine Rolle dabei spielen sollte, das Evangelium zu verstehen. Wir können hier nur ein paar Aspekte betrachten, aber schon das wird aufschlussreich sein.

    „Der Geist der Wahrheit“

    Fangen wir mit Worten Jesu gemäß dem Johannes Evanglium an:

    Ich hätte euch noch so viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. Wenn dann jedoch der Geist der Wahrheit gekommen ist, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn er wird nicht seine eigenen Anschauungen vertreten, sondern euch nur sagen, was er ‹von mir› hören wird, und euch verkünden, was dann geschieht. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen, denn was er euch verkündigt, nimmt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört ja auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was er euch verkündigen wird, hat er von mir.“

    Johannes 16:12-15 NEÜ

    Wir lesen hier vom Geist der Wahrheit. Dabei wird für Geist das Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet. Genau das Wort, das für „Gott ist ein Geist“ und „in Geist und Wahrheit“ in Johannes 4:23,24 verwendet wurde. So einfach ist der Text aber gar nicht zu verstehen, denn wie Jesus hier vom Vater und vom heiligen Geist wie von einer Person spricht, dürfte all die irritieren, welche die Dreieinigkeitslehre bezweifeln. Das hatten wir allerdings auch schon in Johannes 4:23 bemerkt … aber wir kommen vom Thema ab.

    Interessant ist, dass der Teil „wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen“ zum einen schon recht frei übersetzt ist. Und es gibt auch noch zwei verschiedene überlieferte Formulierungen in den Manuskripten!

    Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit [andere Handschr.: in der ganzen Wahrheit] leiten; (Elberfelder)

    Doch wenn der Helfer kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit [Wörtlich: „wird er euch in der ganzen“ ( aL(2) „in die ganze“ ) „Wahrheit“.] führen. (NGÜ)

    Wenn er aber kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten; [Andere Textüberlieferung: „…, wird er euch in die ganze Wahrheit führen; …“] (Züricher)

    Johannes 16:13

    Wir können hier also nicht klar entscheiden, ob der Geist uns zum vollen Verständnis der Wahrheit leiten wird, also dass wir alles verstehen, oder nur innerhalb der vollständigen Wahrheit leiten wird, es also keinen Bereich gibt, der dem der Geist verschlossen bleibt. Aber uns gibt er nicht alles weiter. Betrachtet man den Kontext, in dem Jesus sagt, dass ihm alles gehört, spricht einiges für Letzteres.

    Betrachten wir noch einen anderen Vers zu diesem Thema.

    1. Korinther 2:10-13

    Erklärt 1. Korinther 2:10-13 den Text aus Johannes 16:12-15?

    Denn durch seinen Geist hat Gott uns dieses Geheimnis offenbart. Der Geist ergründet nämlich alles, auch das, was in den Tiefen Gottes verborgen ist. Wer von den Menschen weiß denn, was im Innern eines anderen vorgeht? Das weiß nur dessen eigener Geist. Ebenso weiß auch nur der Geist Gottes, was in Gott vorgeht. Wir haben aber nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der von Gott kommt. So können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat. Und davon reden wir auch, aber nicht in Worten, wie sie menschliche Weisheit lehrt, sondern in Worten, wie sie der Geist lehrt. Geistlichen Menschen, erklären wir geistliche Sachen.

    1. Korinther 2:10-13 NEÜ

    Auch hier müssen wir zuerst einmal deutlich sagen: Wenn hier von ‚uns‘ und ‚wir‘ gesprochen wird, dann ist damit zuerst einmal nur Paulus gemeint, der den Brief geschrieben hat, und die in der Gemeinde in Korinth im 1. Jahrhundert. Dass dies auch auf uns heute zutrifft, muss biblisch begründet werden!

    Können wir aus diesem Text ableiten, dass wir beim Lesen der Bibel durch den heiligen Geist die Wahrheit erklärt bekommen? Paulus beginnt mit dem Gedanken, dass er zu den Korinthern kam, um „das Geheimnis Gottes bekannt zu machen“ (V1, NEÜ). Nur passte die Botschaft, mit der er kam, zu keiner der Lehren der bekannten Religionen oder Philosophien. Er kam mit etwas an, auf das niemand von selbst gekommen wäre: „Denn ich hatte mich entschlossen, unter euch nichts anderes zu kennen außer Jesus Christus und ihn als gekreuzigt.“ (V2 NEÜ). Nun hat Paulus nicht einfach mit ihnen gesprochen, und dann hat ihnen der heilige Geist alles erklärt. Er sagt nach Vers 4: „Mein Wort und meine Predigt beruhten ja nicht auf der Überredungskunst menschlicher Weisheit, sondern auf der Beweisführung von Gottes Geist und Kraft.“ Und wie haben andere von dem Geheimnis Gottes erfahren? „Nein, wir predigen das Geheimnis der von Gott verborgenen Weisheit. Dass diese uns jetzt enthüllt wurde, hat Gott schon vor aller Zeit bestimmt, damit wir an seiner Herrlichkeit Anteil bekommen.“ (V7 NEÜ) Wenn Paulus davon spricht, dass sie ‚uns jetzt enthüllt wurde‘, bedeutet also nicht, dass sie jedem beim Lesen der Schriften durch den heiligen Geist enthüllt wurde. Bei einigen wie Paulus war das vielleicht so, doch den meisten wurde es durch die Predigt des Paulus enthüllt. So ist auch Vers 10 nicht so zu verstehen, dass der Heilige Geist jedem die Geheimnisse direkt enthüllt. Das geschah meistens indirekt durch die Lehren Jesu, das Predigen des Paulus usw.

    Dass die Sache komplizierter ist, zeigt sich dann gleich im ersten Vers des nächsten Kapitels: „Zu euch, Brüder, konnte ich bisher aber nicht so sprechen, wie zu geisterfüllten Menschen. Ich musste euch wie Kinder behandeln, die mehr ihren eigenen Wünschen folgen als Christus.“ (1. Korinther 3:1 NEÜ). Ließen sich die Korinther nicht vom heiligen Geist leiten? Waren sie denn nicht Gesalbte? Oder nicht mehr? Oder ist die Idee falsch, dass man sich entweder vom heiligen Geist leiten lässt und die Wahrheit entschlüsselt und erkennt oder eben nicht? Ist das überhaupt so eine Alles-oder-Nichts-Sache?

    1. Johannes 2:27

    Dann haben wir noch 1. Johannes 2:27. Vielleicht ist dir schon aufgefallen, wie oft wir hier beim Evangelium nach Johannes oder den Johannes Briefen gelandet sind. Das ist schon merkwürdig, dass es erst so spät in Schriften betont wird und dann noch aus nur einer Quelle. Aber auch das ist ein anderes Thema. Was steht also in 1. Johannes 2:27?

    Für euch aber gilt: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist[2] lehrt euch das alles. Und was er lehrt, ist wahr, es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch lehrt, und lebt mit Christus vereint.

    1. Johannes 2:27 NEÜ

    Da steht es doch! „Der Geist lehrt euch das alles“. Auch hier gilt natürlich: Wer ist ‚euch‘? Fühlst du dich angesprochen? Aber der Brief ging doch gar nicht an dich und andere 2000 Jahre später.

    Aber der Text enthält noch eine Überraschung. Es gibt in der NEÜ eine Fußnote: „Wörtlich: das Salböl. Siehe Fußnote zu Vers 20.“ Und dort steht:

    Ihr aber habt vom Heiligen selbst den Heiligen Geist [Wörtlich: das Salböl bzw. die Salbung. Im Alten Testament wurden Könige und Priester bei ihrer Einsetzung gesalbt. Diese Symbolik sollte daran erinnern, dass Gott sie berufen und für ihren Auftrag ausgerüstet hatte.] erhalten. Und durch diese Salbung wisst ihr Bescheid.

    1. Johannes 2:20 NEÜ

    Hier steht also gar nichts vom Heiligen Geist sondern vom Salböl oder der Salbung! Das verwendete Wort ist χρῖσμα (chrisma) und es kommt genau 3 mal in der Bibel vor – in diesen beiden Versen! Was bedeutet das also? Hat der Heilige Geist ihnen das eingeflüstert?

    Ich schreibe euch also nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und wisst, dass aus der Wahrheit keine Lüge hervorgehen kann.

    Doch ihr, haltet an der Botschaft fest, die ihr von Anfang an gehört habt! Wenn ihr das tut, dann bleibt ihr mit dem Sohn und mit dem Vater verbunden.

    1. Johannes 2:21, 24 NEÜ

    Die Wahrheit hatten sie also als Botschaft von Anfang an gehört, als sie gläubig und gesalbt wurden. Wenn sie an ihrerer Salbung und dieser Botschaft festhalten würden, dann bräuchten sie natürlich niemanden, der ihnen etwas anderes lehrt. Sie hatten die ‚Wahrheit‘ ja damals schon erkannt.

    Aber irgendwie muss im ersten Jahrhundert der Heilige Geist doch etwas bewirkt haben, oder nicht?

    Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes! Verachtet prophetische Aussagen nicht, prüft aber alles und behaltet das Gute!

    1. Thessalonicher 5:19-21 NEÜ

    Waren denn nicht alle prophetischen Aussagen in der Versammlung gut? Oder waren diese dann nicht vom heiligen Geist? Mir scheint, dass das mit dem heiligen Geist und dem Verständnis der Bibel doch komplizierter ist, als es vielleicht anfangs erschien.

    Wir könnten noch weitere Texte zu diesem Thema analysieren – und möglicherweise weitere Überraschungen erleben. Aber ich denke, diese wichtigen Beispiel erst einmal genügen.

    Wie weit können wir Wahrheiten Gottes erkennen?

    Inwieweit hat der Heilige Geist denn im ersten Jahrhundert die „tiefen Dinge“ erklärt? Was sagt denn gerade Paulus dazu, diesen Gedanken in 1. Korinther geschrieben hat?

    Denn wir erkennen und weissagen ja nur einzelne Dinge.

    Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, … Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, …

    1. Korinther 13:9, 12 NEÜ

    Wir sollten also nicht zu viel erwarten. Schon die ersten Nachfolger Jesu sollten sich ihrer Grenzen bewusst sein.

    Aber vielleicht sollte sich das ja im Laufe der Zeit noch ändern. Ja, aber auf diese Weise:

    Die Liebe wird niemals aufhören. Prophetische Eingebungen werden aufhören, das Reden in Sprachen wird verstummen, ‹die Gabe der› Erkenntnis wird es nicht mehr geben.

    Wenn dann aber das Ganze kommt, wird alles Unfertige beseitigt werden.

    Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, dann aber werden wir alles direkt zu Gesicht bekommen. Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, dann aber werde ich so erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin. Was bis dahin bleibt [Andere übersetzen: „Was bleibt, bis es soweit ist“. Wörtlich: „Was nun aber bleibt“. NGÜ], sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Und die größte davon ist die Liebe.

    1. Korinther 13:8, 10, 12, 13 NEÜ

    Paulus sagt, dass sie zu seiner Zeit trotz heiligem Geist und Wundergaben vieles nur bruchstückhaft verstanden haben. Und es würde weniger werden: „‹die Gabe der› Erkenntnis wird es nicht mehr geben“. Das würde sich ändern, wenn das ‚Ganze‘ oder ‚Vollkommene‘ da sein wird. Wann wäre das? Und was wäre bis dahin? In Vers 13 betont Paulus, was wir erwarten können: Glaube, Hoffnung und Liebe.

    Wenn du meinst, dass du heute vom heiligen Geist geleitet wirst, wie es in den Schriften aus dem 1. Jahrhundert erwähnt wird, akzeptierst du dann auch, dass es noch diese anderen Gaben des Geistes gibt? Was gab es denn noch?

    Dem einen nämlich wird durch den Geist die Weisheitsrede gegeben, dem anderen aber die Erkenntnisrede gemäss demselben Geist; einem wird in demselben Geist Glaube gegeben, einem anderen in dem einen Geist die Gabe der Heilung, einem anderen das Wirken von Wunderkräften, wieder einem anderen prophetische Rede und noch einem anderen die Unterscheidung der Geister; dem einen werden verschiedene Arten der Zungenrede gegeben, einem anderen aber die Übersetzung der Zungenrede. Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem auf besondere Weise zuteilt, wie er es will.

    1. Korinther 12:8-11 Züricher

    Ist das auch für unsere Zeit noch zugesagt? Oder während der vergangenen 2000 Jahre? Das steht allerdings gar nicht in diesem Text. Sondern nur, dass es damals so war. Und wenn du nun glaubst, dass du heute durch den heiligen Geist beim Lesen der Bibel geleitet wirst, um die Wahrheit zu erkennen, was ist dann mit diesen anderne Gaben? Wie begründest du anhand des Neuen Testaments, dass diese nicht mehr durch den heiligen Geist ermöglicht werden?

    Es wäre auch gut, diese Aussagen im Kontext der Kapitel 12-14 zu lesen. Darin zeigt Paulus, dass nicht alle diese Gaben hatten. Auch nicht die ‚Gabe der Erkenntnis‘. Mussten sie dann andere dazu fragen, wenn sie hörten, was aus den Schriften oder den neuen Briefen vorgelesen wurde? Interessanterweise hat Paulus in Kapitel 14 noch dies zu sagen: „Ist das Wort Gottes denn von euch ausgegangen? Oder ist es nur zu euch gekommen?“ (NEÜ). Auch wenn die Jünger in Korinth den heiligen Geist hatten, so hatte dieser ihnen die Wahrheit über das Evangelium nicht unabhängig geoffenbart. Und in den anderen Gemeinden war es nicht anders. Paulus hatte ihnen das Evanglium gepredigt – es wurde nicht jedem beim Lesen durch den heiligen Geist geoffenbart.

    Vielleicht bist du jetzt verwirrt oder siehst einen Widerspruch: Hat der Heilige Geist jetzt bewirkt, dass die heiligen Geheimnisse Gottes, die Wahrheit ganz erkannt wurde oder nicht? Wenn dir all das jetzt schon zu viel geworden ist, dann möchte ich dies sagen:

    Wichtige, zentrale Wahrheiten oder Geheimnisse Gottes sind nicht unbedingt kompliziert. Die gute Botschaft, dass Gott durch den Messias und das Königreich den von ihm gewünschten Zustand der Schöpfung wieder herstellt, dass der Messias sterben musste, dass der Tod des Messias keine Niederlage war, sondern durch seine Auferstehung alle Feinde und sogar der schlimmste, der Tod, beseitigt wurden, das war ein Geheimnis. Die Welt retten durch Leiden und Tod des Messias – das hatte keiner auch nur gedacht. Doch wir können das verstehen – auch ohne Kenntnis der Ursprachen, ausgedehnte Studien usw.. So wie diejenigen, denen Jesus, Paulus und andere gepredigt haben.

    Es gibt jedoch auch eine Menge Themen, Details und Zusammenhänge, die nur durch mühsames, zeitaufwändiges Bibelstudium, Studium der Sprache und des Kontextes usw. zu erkennen sind. Und der heilige Geist ist keine Abkürzung dafür.

    Die Idee, dass man beim Lesen in der Bibel nur um den heiligen Geist bitten muss, um die Geheimnisse Gottes zu verstehen, stößt allerdings noch in ganz anderer Hinsicht auf Probleme.

    Was liest du, wenn du in der Bibel liest?

    Die meisten werden den Text der Bibel in ihrer Muttersprache lesen, also nicht im Griechisch, Aramäisch oder Hebräisch der Antike. Zwischen dem Urtext und uns liegt also schon einmal die Übersetzung und der unterschiedliche Kontext (siehe meine Serie Der Kanon des Neuen Testaments). Hilft dir der heilige Geist auf übernatürliche Weise, die Bedeutung im Urtext richtig zu verstehen, wenn du eine Übersetzung in deiner Sprache liest? Oder nehmen wir verfälschte oder gefälschte Bibeltexte wie das Comma Johanneum. Würde der heilige Geist verhindern, dass du diese Bibeltexte in deiner Übersetzung als „tiefe Dinge Gottes“ auffassen würdest? Ich denke, das kann sich jeder selbst beantworten und die Antwort ist: Nein.

    Wie steht es aber mit denen, welche in mühevoller Arbeit die Manuskripte aufgespürt, organisiert, verglichen und übersetzt haben? Gaben sie nur vor, sich vom heiligen Geist leiten zu lassen? Kann der heilige Geist ihnen nicht geholfen haben? Gibt es tatsächlich nur ‚zwei Klassen von Christen‘, wie manche sagen? Solche, die vom heiligen Geist geleitet werden und alle anderen, welche nicht vom heiligen Geist geleitet werden? Das ist eigentlich schon eine etwas unglückliche Wortwahl. In der Vergangenheit haben zum Beispiel Jehovas Zeugen von „der Klasse des treuen und verständigen Sklaven“, der „Klasse der Gesalbten“ oder der „Klasse der anderen Schafe“ gesprochen. Es diente nur zur Unterscheidung zwischen ‚wir‘ und ‚ihr‘. Dürfen wir alle Christen einer Konfession in einen Topf werfen – oder eine Klasse? Sowohl diejenigen, welche die Lehren definieren und predigen, als auch die ‚Laien‘, die vielleicht ganz anders denken. Nur weil in einer Kirche die Dreieinigkeit gelehrt wird – und wir das für eine falsche Lehre halten? Das würde ja bedeuten, dass in keiner dieser Kirchen irgend jemand ist, in dem Gottes heiligen Geist wirken kann. Müssten wir nicht genauer darüber nachdenken, ob der heilige Geist Gottes in einem bestimmten Maße in jemandem wirken kann? Nehmen wir an, die Bibelübersetzer der Christenheit hätten den heiligen Geist nicht und dieser hätte sie nicht unterstützt, dann haben sie dennoch viel – eigentlich sogar alles – zur Grundlage heutiger Bibeln beigetragen und eine Menge ‚richtiger‘ Lehren gefunden. Dann hätte der heilige Geist beim Verständnis der Bibel wohl doch nicht eine so entscheidende Rolle, da es bei der schwierigen Aufgabe des Übersetzers auch ohne ihn gegangen ist?

    Ist es also so, dass jemand Gottes Geist hat oder nicht hat? Das ist vielleicht schon eine falsche Formulierung, weil sie sich nach Besitz anhört. Aber der heilige Geist ‚gehört‘ Gott (oder Jesus, je nach Text). Wirkt der Geist Gottes in jemandem ganz oder gar nicht? Das war doch schon bei den Berichten im Alten Testament nicht der Fall. Dabei wird die zeitliche Perspektive noch nicht einmal berücksichtigt. Der Geist könnte ja auch eine Zeit lang wirken und dann nicht mehr. Nehmen wir zum Beispiel Salomo. Er hatte Gottes Geist auf besondere Weise erhalten. Und gemäß der Bibel sind Berichte über ihn und Weisheiten von ihm in der Bibel enhalten. Gemäß 1. Könige 11:4 geschah aber das: „Als er älter wurde, brachten sie ihn dazu, andere Götter zu verehren. Da war sein Herz nicht mehr ungeteilt Jahwe, seinem Gott, ergeben wie das Herz seines Vaters David.“ (NEÜ). Götzendienst – das war das Schlimmste, was man in Gottes Augen tun konnte. Ob er dann noch ‚Gottes Geist hatte‘? Ob er sich von Gottes Geist leiten lies? In welchem Maße? Ob Gottes Geist dann noch in ihm wirkte? Die Ergebnisse aus der Zeit davor wurden aber trotzdem in den biblischen Kanon mit aufgenommen. Und war es mit David, Abraham, Mose, Richtern und Propheten?

    Können wir also beurteilen, ob sich jemand von Gottes Geist leiten lies – und unterstützt wurde – als er über ein bestimmtes biblisches Thema geforscht und geschrieben hatte? Und wenn er halt auch an eine ‚falsche Lehre‘ glaubte? Niemand von uns kann behaupten, dass er oder sie ‚die ganze Wahrheit‘ hat. Aber gibt es so etwas wie falsche Lehren, die verhindern, dass jemand etwas schreiben oder sagen kann, was wir als ‚biblische Wahrheit‘ akzeptieren würden? Wenn wir die Dreieinigkeitslehre für falsch halten, kann dann jemand, der an eine Variante dieser Lehre glaubt, gar keine anderen ‚biblischen Wahrheiten‘ erkennen? Und kann er gar nicht vom heiligen Geist geleitet werden? Vielleicht beeinflusst jahrelange Indoktrination noch unbewusst, wie wir darüber denken. Das Neue Testament vermittelt eher den Eindruck, dass die Jünger den heiligen Geist hatten und trotzdem noch ziemlich unterschiedliche und auch ‚falsche‘ Vorstellungen hatten.

    Ein Wort zur Vorsicht

    Wie muss man sich das denn nun aber vorstellen, wenn jemand sagt, dass er Gottes Geist hat und in der Bibel liest. In etwa so?

    Der heilige Geist hat uns geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen. Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. Paulus schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Korinther 2:13).

    Kling das für dich richtig? Es wurde auch schon so formuliert: „Wenn wir Gottes Atem in uns haben, seinen heiligen Geist, dann werden wir die geheime und verborgene Weisheit Gottes verstehen.“

    Jetzt vergleichen wir mal die obige Formulierung mit folgendem Text. Ich habe das hervorgehoben, was identisch mit der vorherigen Formulierung ist:

    Anzeichen für die Wirkung des heiligen Geistes. Der heilige Geist hat der leitenden Körperschaft geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen.Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. (Lies 1. Korinther 2:10.) Die leitende Körperschaft empfindet wie Paulus, der schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Kor. 2:13). Kann die schnelle Zunahme des geistigen Verständnisses seit 1919 nach Jahrhunderten des Abfalls und der geistigen Dunkelheit auf irgendetwas anderes zurückzuführen sein als auf den heiligen Geist?

    Wachtturm 2017, Februar, S. 26-27, Abs. 13 Wer führt Gottes Volk heute?

    Ob es nun wie in diesem Zitat Jehovas Zeugen oder sonst eine Gruppe ist: Es ist wahrlich keine Überraschung, dass seit zweitausend Jahren Christen behaupten, dass sie durch den heiligen Geist geleitet werden und daher die Bibel und die ‚heiligen Geheimnisse Gottes‘ verstehen. Die Frage ist: Kann das jemand beweisen? Alllerdings müssten wir diese Frage gar nicht beantworten, wenn wir heute gar nicht mehr erwarten dürften, dass uns der heilige Geist so leitet.

    Dürfen wir diese Texte einfach so auf uns beziehen?

    Wir haben diesen Punkt schon zweimal angesprochen. Können wir die Texte des Neuen Testaments immer auf uns anwenden? Wenn von ‚wir‘ und ‚euch‘ gesprochen wird, sind dann auch du und ich gemeint?

    Schon im ersten Jahrhundert haben viele Leute behauptet, von Gottes Geist geleitet zu werden:

    Ihr Lieben, glaubt nicht jedem, der behauptet, er sei mit Gottes Geist erfüllt, sondern prüft, ob er wirklich von Gott kommt. Denn überall sind falsche Propheten unterwegs.

    1. Johannes 4:1 NEÜ

    Interessanterweise werden wir aufgefordert, die Quelle des Geistes zu prüfen. Zugehörigkeit zu einer Religion, Gemeinde oder Gruppe war nicht das Kriterium. Im nächsten Vers wird übrigens ein weiteres Kriterium angegeben, woran man die Wirkung des Heiligen Geistes erkennen kann:

    Den Geist Gottes erkennt ihr daran, dass er deutlich macht: Jesus Christus kam als wirklicher Mensch in unsere Welt.

    1. Johannes 4:2 NEÜ

    Eine außerordentliche Ansage, die uns voll in die Diskussionen unter den Christen der ersten Jahrhunderte führen würde. Aber nicht jetzt.

    Schauen wir uns also einmal ein paar der Texte an, die von den Unterstützung durch den heiligen Geist an.

    Wenn ihr mich liebt, so werdet ihr meine Gebote halten; und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand [o. Fürsprecher; o. Helfer; w. der ⟨zur Unterstützung⟩ Herbeigerufene] geben, dass er bei euch ist in Ewigkeit [griech. Äon], den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn erkennt. Ihr erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

    Johannes 14:16,17 Elberfelder

    Mal abgesehen davon, dass Äon nicht die Bedeutung Ewigkeit sondern Zeitalter hat, wird hier vom paráklētos gesprochen, dem ‚Helfer‘. Ist das der ‚heilige Geist‘? Hier steht doch: ‚Geist der Wahrheit‘. Wir sollten hier keine voreiligen Schlüsse ziehen. Und wen meint er denn mit ‚euch‘? Der Kontext zeigt, dass die Apostel gemeint sind. Können wir das einfach so auf alle Nachfolger Jesu erweitern?

    Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen, ich komme zu euch. Noch eine kleine ⟨Weile⟩, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich: Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.

    Johannes 14:18, 19 Elberfelder

    Nun, wer hat Jesus gesehen? Du und ich? Nein! Die Apostel, die er in dieser Passage angesprochen hat. Viele wenden solche Texte ohne Zögern auf sich an, aber das müsste doch biblisch begründet werden!

    Denken wir doch nur noch einmal an 1. Korinther 13:8. Paulus sagt, dass diese besonderen Gaben durch den heiligen Geist aufhören werden. Bevor du dir also sagst, dass du beim Lesen der Bibel vom heiligen Geist geleitet wirst, dann solltest du anhand der Bibel beweisen können, dass das heute überhaupt noch so der Fall ist! Wenn du jetzt in deiner Überzeugung entrüstet bist, dann denke einmal über die Jahrtausende vor Jesus Christus nach. Hat der ‚heilige Geist‘ denjenigen so geholfen, die ‚Bibel‘ (was es davon überhaupt schon gab) zu verstehen, wie du das von dir annimmst? Denk nicht nur an einen Abraham oder Mose, sondern auch Hennoch oder Hiob oder diejenigen Israeliten, die ihr Bestes versuchten? Was wäre, wenn uns Gott und Jesus gar nicht zugesagt hätten, dass wir heute durch den heiligen Geist auf wundersame Weise beim Lesen der Bibel ‚die Wahrheit‘ erkennen? Wenn das nur auf das erste Jahrhundert und einige wenige beschränkt gewesen wäre? Was dann?

    Man hat dir gesagt, Mensch, was gut ist / und was Jahwe von dir erwartet: / Du musst dich nur an sein Recht halten, / es lieben, gütig zu sein, / und einsichtig gehen mit deinem Gott.

    Micha 6:8 NEÜ

    Die eigentliche Herausforderung für Jünger Jesu ist doch gar nicht ein genaues Verständnis der ‚Geheimnisse Gottes‘, die wir nur durch heiligen Geist erlangen können. Sondern im täglichen Leben so zu denken, zu sein und das zu tun, was Gott sich von uns Menschen immer gewünscht hat.

    Bibelstudium und Heiliger Geist

    Die Bibel immer besser zu verstehen, ist tatsächlich auch harte Arbeit. Echtes Bibelstudium ist weit mehr als Lesen. Wenn also Bibelwissenschaftler mühsam und sorgfältig Texte aus dem Alten und Neuen Testament vergleichen oder die Bedeutung der Begriffe im Altertum genau studieren, dann entdecken sie häufig tiefe Dinge Gottes, die uns noch nie aufgefallen sind. Und auch nicht solchen, welche sich ihrer Überzeugung nach beim Lesen der Bibel vom Heiligen Geist leiten lassen. Die Arbeiten solcher Gelehrter zu berücksichtigen, bedeutet ja nicht, dass man Lehren von Menschen folgt. Sie helfen uns, einen genaueren, tieferen Zugang zum Text zu bekommen.

    Wie ich finde, hat der leider schon verstorbene Gelehrte Dr. Michel S. Heiser einen sehr wichtigen Zusammenhang in seinem Buch The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms (Die Bibel ungefiltert: Die Heilige Schrift nach ihren eigenen Regeln verstehen) erläutert:

    Eines meiner Lieblingszitate über die harte Arbeit, sich ernsthaft mit dem biblischen Text auseinanderzusetzen – das, was wir gemeinhin als Bibelstudium bezeichnen – stammt von dem renommierten griechischen Lexikographen Frederick W. Danker (das „D“ in BDAG). Danker sagte bekanntermaßen, dass „die Aufgaben eines Gelehrten nichts für Weicheier sind“. Er hatte Recht, und ich bin dankbar, dass er bereit war, zu sagen, was gesagt werden musste. Die Wahrheit über ernsthaftes Bibelstudium ist, dass es nicht einfach ist. Es braucht viel Zeit und Mühe, oft Tage, Wochen und Monate, um wirklich zu verstehen, was ein Text bedeutet (oder wahrscheinlich bedeutet) und warum. Wenn dir das Bibelstudium nicht wie Arbeit vorkommt, hast du es nicht richtig gemacht.

    Allzu oft sind Menschen, die unbedingt das Gefühl haben wollen, die Heilige Schrift zu kennen, nicht bereit, die Zeit zu investieren, die es braucht, um dorthin zu gelangen. Stattdessen nehmen sie Abkürzungen und erwarten dann, dass der Geist die Arbeit übernimmt. Die Annahme scheint zu sein, dass das Versprechen des Geistes, uns in die Wahrheit zu leiten, bedeutet, dass er mangelnde Anstrengung entschuldigt und uns die Antworten gibt, die wir brauchen. Die dritte Person der Dreifaltigkeit ist nicht der Junge, der in der Schule neben dir sitzt und dich bei seiner Prüfung schummeln lässt. Anstatt persönliche Anstrengungen durch den Geist zu ersetzen, solltest du den Geist um Einsicht bitten, um fehlerhaftes Denken zu entlarven (dein eigenes und das derjenigen, die du liest), wenn du dich mit der Bibel beschäftigst. Je mehr du dich mit dem Wort Gottes beschäftigst, desto mehr hat der Geist zu tun.

    Michael S. Heiser, The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms, Kapitel 1
  • „Versäume keine Zusammenkunft!“

    „Versäume keine Zusammenkunft!“

    Von Christian


    Ich kann dir nicht sagen, wie oft ich früher als Zeuge Jehovas gehört habe, dass ich „keine Zusammenkunft versäumen darf“. Als ehemaliger oder aktiver Zeuge Jehovas kannst du das bestimmt bestätigen. Gefühlt habe ich das unendlich oft gehört und gelesen. In der Wachtturm ONLINE-BIBLIOTHEK habe ich schon für den Text „Zusammenkunft versäumen“ 40 Ergebnisse und für „Zusammenkünfte versäumen“ 125 Ergebnisse gefunden. Dann wird in der Regel Hebräer 10:24, 25 zitiert (meist nur auszugsweise) und Sprüche 18:1.

    Und dieses Muster findet man nicht nur bei Zeugen Jehovas. Daher ist es für jeden gut, sich die Methodik, Argumente und Bibeltexte einmal genauer anzuschauen.

    Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie der gebräuchliche Begriff ‚Treffpunkt‘ nicht mehr verwendet werden sollte, sondern der offizielle Begriff ‚Zusammenkunft für den Predigtdienst‘. Das hat auch ein Kreisaufseher betont. Denn dann war der Besuch dieser ‚Zusammenkunft‘ ja auch verpflichtend! Und genau darum ging es: Nicht liebevolle Fürsorge sondern die Anwesenheitspflicht bei Zusammenkünften und Kongressen. Immer gepaart mit dem Hinweis, dass man sonst egoistisch werden würde und vom Glauben abfallen, was einem natürlich Angst macht.

    Du glaubst das nicht? Hier ein paar Zitate:

    Sich abzusondern und den regelmäßigen guten Umgang mit unseren Glaubensbrüdern zu vernachlässigen, kann sich schlecht auf uns auswirken. Es kann dazu führen, dass wir nach unserem „eigenen selbstsüchtigen Verlangen trachten“ (Spr. 18:1). Es ist also gut, uns zu fragen: Bin ich es gewohnt, alle Zusammenkünfte zu besuchen und Nutzen aus ihnen zu ziehen? (Heb. 10:24, 25).

    Wachtturm 2013 15.2. S. 23 Achte auf dein Herz

    Petrus bewies echten Glauben, als er sich trotz seiner Niedergeschlagenheit mit seinen Brüdern versammelte. Wenn man von Traurigkeit und Reue übermannt wird, möchte man sich vielleicht am liebsten von anderen absondern. Doch das ist gefährlich (Spr. 18:1). Besser, man hält sich eng an seine Glaubensbrüder und bemüht sich, wieder geistig stark zu werden (Heb. 10:24, 25).

    Ahmt ihren Glauben nach S. 202 Abs. 20

    Sie sind organisiert, damit sie sich gegenseitig unterstützen und aufbauen können. Wer allein eine Bergtour macht, kann frei entscheiden, wo er klettern will, und er braucht nicht auf weniger Erfahrene Rücksicht zu nehmen. Aber wenn er einen Unfall hat oder sonst irgendwie in Schwierigkeiten kommt, wird es gefährlich; dann ist niemand da, der ihm hilft. Alleingänge zu machen ist also nicht klug (Sprüche 18:1). Auch Christen müssen zusammenhalten, um Jesu Auftrag auszuführen (Matthäus 28:19, 20). In der Versammlung bekommen sie biblische Bildung, sie werden geschult und ermutigt, nicht aufzugeben. Das alles ist sehr, sehr wichtig. Wo könnte man etwas über Jehova lernen und ihn anbeten, wenn es keine organisierten Zusammenkünfte gäbe? (Hebräer 10:24, 25).

    Wachtturm 2011 1.6. S. 14-15 Hat Gott eine Organisation?

    Besonders das letzte Zitat aus dem Wachtturm von 2011 ist interessant. In der Artikel geht es darum, dass Gott eine Organisation hat. Warum Sprüche 18:1 und Hebräer 10:24, 25 so angewandt werden, wird aus dem abschließenden Absatz klar:

    Echte Liebe zu Gott und zur biblischen Wahrheit hat Millionen Menschen zu einer Organisation geführt, die diese und andere biblische Kriterien erfüllt. Jehovas Zeugen, die als weltweite Gemeinschaft gut organisiert und in Einheit zusammenarbeiten, geben ihr Bestes, um Gottes Willen zu tun. Sie vertrauen voll und ganz auf sein Versprechen: „Ich werde unter ihnen wohnen und unter ihnen wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein“ (2. Korinther 6:16). Diese schöne Zusage gilt allen, die Jehova Gott in seiner Organisation anbeten.

    Wachtturm 2011 1.6. S. 15 Hat Gott eine Organisation?

    Es geht also immer darum, dass es nur eine Organisation gibt, die von Gott ist. Die Botschaft ist: ‚Alle anderen sind nicht von Gott. Und daher musst du zu diesen Zusammenkünften gehen, weil du sonst nicht da bist, wo ‚Gott ist‘. Und wo willst du sonst ‚geistige Speise‘ bekommen? Es ist nicht klug und sogar gefährlich, wenn du nicht hingehst. Dann sonderst du dich ja ab, und das wird schlimm für dich ausgehen. Weil du nur deinen Begierden folgen wirst und Weisheit ablehnst.‘

    Und das wird seit Jahrzehnten immer wieder betont:

    Wie können wir aber Reife erlangen und tüchtige Prediger werden? Es genügt nicht, daß wir die Bibel nur für uns studieren, wir müssen auch die Zusammenkünfte der Versammlung besuchen, in denen wir durch die Gemeinschaft mit unseresgleichen gestärkt werden.

    Besuche diese Zusammenkünfte regelmäßig, um dich über die geoffenbarten Wahrheiten, die uns durch Jehovas Organisation wie durch einen Kanal ständig aus dem Tempel zufließen, auf dem laufenden zu halten.

    Aus diesen zwingenden Gründen sollten wir uns die gute Gewohnheit aneignen, die Zusammenkünfte regelmäßig zu besuchen, sofern wir es nicht bereits tun.

    Wachtturm 1963 15. 7. S. 432, Abs. 11

    Die Absicht ist ganz klar: Nur wer mehrmals in der Woche in den Zusammenkünften indoktriniert werden kann, bleibt mit der Wachtturm-Organisation auf Linie:

    Fühlst du dich je geistig schwach? Prüfe dich selbst! Sehr wahrscheinlich hast du nicht regelmäßig die Zusammenkünfte besucht. Du entbehrst die Gemeinschaft mit deinen Brüdern. Wenn jemand die Zusammenkünfte zu versäumen beginnt, so zieht er sich von Jehovas Organisation zurück, und hier ist der Punkt, an dem jemand anfängt, schwach zu werden. Er hört auf, sich zu äußern oder eine öffentliche Erklärung seiner Hoffnung abzugeben. In diesen letzten Tagen der Organisation des Teufels ist es nicht an der Zeit, ein Risiko einzugehen.

    Wachtturm 1955 15. 2. S. 115 Abs. 7

    Ist das liebevolle Fürsorge oder wird hier aus anderen Gründen eine Drohkulisse aufgebaut? Die Antwort fällt nicht schwer.

    Doch erstmal genug der Zitate aus dem Wachtturm. Stimmt denn das überhaupt, was der Wachtturm da immer wieder schreibt? Werden diese beiden Bibeltexte überhaupt richtig angewandt?

    Hebräer 10:24,25

    Im Zusammenhang mit den Zusammenkünften wird Hebräer 10:24, 25 oft auf eine bestimmte Weise eingeleitet:

    Da die Zeugen das biblische Gebot, ihr „Zusammenkommen nicht aufzugeben“, ernst nehmen, haben sie sich etwas Pfiffiges einfallen lassen: Nicaraguas ersten schwimmenden Königreichssaal (Hebräer 10:25).

    Wachtturm 1.9. 2009, S.26

    Lies jetzt bitte die Verse und das Kapitel nach, und frage dich, ob das ein Gebot ist wie die 10 Gebote oder die zwei, die Jesus hervorgehoben hat. Nein, es ist natürlich kein biblisches Gebot. Und außer Hebräer 10:25 wird auch kein anderer Text zitiert. Warum wohl?

    Übrigens: Ist dir der oft unterschlagene zweite Teil des Verses aufgefallen? „und das umso mehr, als ihr seht, dass der Tag naht!“ steht dort. Welcher Tag? Wann wurde denn der Hebräer Brief geschrieben? Übrigens ist sein Autor unbekannt und nicht Paulus (siehe mein Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 17: Die Verfasser des Neuen Testaments). Es gibt verschiedene Auslegungen, was mit dem Tag gemeint ist. Geschrieben wurde der Brief vermutlich in den Jahren vor der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. Es lohnt sich also, einmal darüber nachzudenken, ob der Text für eine bestimmte Zeit geschrieben wurde oder für alle Zeiten anzuwenden ist. Auf jeden Fall wäre es gut, einen Text im Ganzen zu verstehen, bevor man ihn anwendet.

    Im Griechischen steht hier übrigens für Zusammenkommen, das nur genau zwei mal im Neuen Testament vorkommt:

    ἐπισυναγωγὴν (episynagōgēn) wird auch in 2. Thessalonicher 2:1 verwendet:

    Dort steht:

    Was nun das Wiederkommen unseres Herrn Jesus Christus und unsere Vereinigung [ἐπισυναγωγῆς (episynagōgēs)] mit ihm betrifft, bitten wir euch, Geschwister: Lasst euch durch die Behauptung, der Tag des Herrn wäre schon da, nicht so schnell aus der Fassung bringen oder gar in Schrecken versetzen. Glaubt es nicht, auch wenn sich jemand auf eine Geistesoffenbarung, eine angebliche Aussage oder einen Brief von uns beruft.

    2. Thessalonicher 2:1,2 Züricher

    Das ist doch mal interessant. Das Wort wird nur zwei mal überhaupt verwendet. In Hebräer 10:25 ist die Begründung für das Zusammenkommen, dass sie den Tag nahen sehen. Und in 2. Thessalonicher 2:1 wird das selbe Wort für die Vereinigung mit dem Herrn Jesus Christus bei seiner Wiederkunft verwendet, mit der Warnung in Vers 2, dass einige behaupten, der Tag des Herrn wäre schon da.

    Wie ist Sprüche 18:1 zu verstehen?

    Ein paar andere Zitate aus den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas.

    Die Gemeinschaft von Glaubensbrüdern zu suchen, statt uns zurückzuziehen, hilft uns, wieder den richtigen Blickwinkel einzunehmen (Ps 73:17; Spr 18:1; w20.12 19 Abs. 15-16)

    Leben und Dienst Zusammenkunft, August 2024

    Aus den drei Beispielen lernen wir noch etwas Wichtiges: Wir dürfen uns nicht von Jehova und seinem Volk absondern (Spr. 18:1).

    Wachtturm 2019, Juni, S. 18 Abs. 16

    Aber geht es in Sprüche 18:1 wirklich um den Besuch von Zusammenkünften, sei es von Zeugen Jehovas oder irgendwelchen anderen Gruppen und Kirchen? Wir sollten nichts in die Bibel hineinlesen (Eisegese), sondern die Bibel selbst sprechen lassen (Exegese).

    Das ist bei Sprüche 18:1 jedoch gar nicht so leicht, denn der hebräische Text ist knapp und für uns heute ziemlich obskur. Tatsächlich haben die neuzeitlichen Übersetzer schon immer Wörter eingefügt, um aus dem Hebräischen irgend einen Sinn zu machen. Und seit der King James Version sind viele einer Wiedergabe gefolgt. Die passte auch allen Kirchen ins Konzept und wird daher weiter verwendet.

    Gibt es irgendwelche antiken Quellen, die uns hier weiterhelfen? Ja, und zwar die griechische Septuaginta und der aramäische Text. Und was steht in der Septuaginta und im aramäischen Text?

    Wer seinem Begehren folgt, sondert sich ab, / er rennt an gegen alle Klugheit. (Einheitsübersetzung)

    Ein unfreundlicher Mensch verfolgt egoistische Ziele und fängt entgegen aller Vernunft Streit an. (NIV)

    In seinem Müßiggang sinnt man über die Lust nach und spottet über die gute Lehre. (Aramaic Bible in Plain English)

    Ein Mann, der sich von Freunden trennen will, sucht nach Ausreden; aber er wird sich jederzeit Vorwürfe machen müssen. (Brenton Septuagint Translation und andere Übersetzungen der Septuaginta)

    Wer sich entschuldigt, wird von seinen Freunden abgelehnt, Und man wird immer schlecht über sie sprechen. (2001 Translation, berücksichtigt die Septuaginta)

    Sprüche 18:1

    Die antiken Übersetzer waren noch viel näher drann und hatten ein ganz anderes Verständnis von Sprüche 18:1 als die heutigen Übersetzer des masoretischen, hebräischen Textes. Vermutlich bist du jetzt so überrascht wie ich auch. Hätten wir aber gar nicht sein müssen, wenn wir alle Texte gelesen hätten, die in den Sprüchen zusammengestellt wurden. Lesen wir einmal die ersten 4 im Kontext:

    Wer andere Menschen meidet, denkt nur an sich uns seine Wünsche; heftig wehrt er sich gegen alles, was ihn zur Einsicht bringen soll.

    Ein Dummkopf bemüht sich erst gar nicht, etwas zu begreifen. Er will nur jedem zeigen, wie klug er ist.

    Wer sich von Gott lossagt, wird zwangsläufig schuldig. Schuld aber bringt Schande und Hohn.

    Die Worte eines Menschen können eine Quelle sein, aus der immerfort Weisheit sprudelt; unerschöpflich und von tiefer Wahrheit.

    Sprüche 18:1-4 Hoffnung für alle

    Es geht in Sprüche 18 also überhaupt nicht um Zusammenkünfte und die Gemeinschaft mit einer bestimmten Kirche, Gruppe oder was auch immer.

    Die Anwendung von Sprüche 18:1 durch Jehovas Zeugen und auch andere erscheint nun nicht nur als fragwürdig. Sie ist falsch. Und doch ist es ausgerechnet dieser Text, der immer wieder verwendet wird. Und kein anderer Text – auch interessant, nicht wahr?

    Und was sagt Jesus?

    Jesus hatte zu dem Thema auch etwas zu sagen, wird aber nicht so häufig zitiert:

    Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich in ihrer Mitte.

    Matthäus 18:20 NEÜ

    Der Text wird in der Wachtturm-Literatur übrigens nur sehr selten verwendet. Manchmal in Verbindung mit Zusammenkünften mit wenigen Anwesenden. Aber diese Eisegese fand ich dann doch überraschend:

    Dem Zusammenhang nach bezieht sich diese Aussage auf christliche Älteste, die zusammenkommen, um ernste Probleme zwischen Einzelnen in der Versammlung zu behandeln. Aber vom Grundsatz her sind Jesu Worte auch auf unsere Zusammenkünfte anwendbar. (Matthäus 18:20)

    Wachtturm 2006 1. 11. S. 28-29 Abs. 5

    Können wir nicht mit anderen Christen zusammenkommen?

    Problematisch wird es natürlich auch dann, wenn man anfängt zwischen Christen anhand ihrer Konfession zu unterscheiden. Wenn man diesen zum Beispiel abspricht, dass Gottes heiliger Geist bei ihnen wirken kann. Bei Zeugen Jehovas klang das so:

    Du lernst weiterhin, daß das nicht eine Einzelaktion dir gegenüber ist [gemeint ist das Loskaufsopfer], sondern daß du dich treu und regelmäßig mit dem Volke Gottes versammeln mußt, „indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Gewohnheit ist, sondern einander ermuntern, und das um so mehr, als ihr den Tag [das Ende der alten Welt] herannahen seht.“ (Heb. 10:25, NW) Wo kannst du dich mit solchen Menschen zum Studium solcher Dinge versammeln? Bestimmt nicht bei der Mehrheit der heutigen Kirchenorganisationen, wo die Leute vierzig und fünfzig Jahre lang Mitglieder gewesen sind und noch unfähig sind, die Grundlehren des Christentums zu erklären. Doch triffst du Menschen, die dich so ermuntern können, und du studierst wirklich Gottes Wort, wenn du die regelmäßigen Zusammenkünfte in den mehr als 14 000 Königreichssälen der Zeugen Jehovas in der ganzen Welt besuchst.

    Wachtturm 1955 15. 9. S. 551

    Fazit

    Solltest du wieder einmal die Argumentation hören, dass du dem Gebot aus Hebräer 10:24,25 folgen musst, die Zusammenkünfte zu besuchen, weil du dich sonst gemäß Sprüche 18:1 absonderst, nur um deinen eigenen Begierden zu folgen und alle Weisheit ablehnst, dann erinnere dich bitte an unsere Analyse dieser Bibeltexte.

  • Ist die Erde flach und was sagt die Bibel?

    Ist die Erde flach und was sagt die Bibel?

    Von Christian


    Ist die Erde flach und was sagt die Bibel? Ich weiß, das Thema ist sozusagen ein ‚heißes Eisen‘, das man besser nicht anfassen sollte. Und es ist ein Thema, das man in einem einzelnen Video auch nicht umfassend behandeln kann. Außerdem gibt es schon mehr als genug Videos und Lesestoff dazu. Also warum noch ein weiteres Video? Weil es hier nicht darum geht, dir eine Antwort zu geben – das versuchen schon genügend Leute. Sondern wir betrachten ein paar Möglichkeiten, wie du für dich selbst Antworten finden und Erkenntnisse erlangen kannst.

    Vielleicht hast du schon einmal diesen Holzstich gesehen, der auch „Wanderer am Weltenrand“ genannt wird.

    Flammarions Holzstich – erstmals erschienen in L’atmosphère, Paris 1888, als Illustration zu La forme du ciel im Kapitel Le jour
    Flammarions Holzstich – erstmals erschienen in L’atmosphère, Paris 1888, als Illustration zu La forme du ciel im Kapitel Le jour

    Wenn du jetzt denkst, dass dies eine mittelalterliche Darstellung ist und die Menschen und die Gelehrten damals dachten, dass die Erde flach ist, …, dann solltest du für dich herausfinden, ob das richtig ist. Falls du keine größere Bibliothek mit historischen Ausgaben in der Nähe hast, schau zum Beispiel bei Wikipedia vorbei. Das Bild stammt von 1888! Aber wegen seines Stils hielten es im 20. Jahrhundert viele für eine mittelalterliche Darstellung dessen, was die Menschen glaubten. Es ist also gut, nicht vorschnell Schlüsse zu ziehen.

    Also nochmal die Frage: Ist die Erde flach und sagt das die Bibel überhaupt? Das sind eigentlich schon zwei Fragen. Und für die Ungelduldigen gebe ich schon einmal die Antworten: Ja und Nein und Ja und Nein. Wie bitte? 🤷‍♂️ Nein, das ist kein Unsinn sondern ein Hinweis darauf, dass die Frage alleine nicht anders zu beantworten ist. Es fehlt der Kontext der Frage. Und der ist entscheidend für die Antwort, wie wir sehen werden. Das sehen wir schon beim ersten Teil der Frage.

    Ist die Erde flach? Ja und Nein, irgendwie doch und aber auch wieder nicht

    Vielleicht lebst du in einer Gegend mit Hügeln und Bergen oder einer Ebene. Schauen wir uns einmal die Rhein-Neckar-Region in Deutschland an, denn da gibt es beides: Das etwa 40km breite Rheintal, welches auf beiden Seiten von Hügelketten eingerahmt ist. Und an einem Rand liegt Heidelberg mit seinem berühmte Schloss am Übergang von der Ebene zu den Hügeln:

    castle in heidelberg
    Photo by Masood Aslami on Pexels.com

    Wer mit dem Fahhrad in der Rheinebene fährt, findet es gar nicht so anstrengend, denn es ist ja eine flache Strecke. Eine flache Strecke! Wer die Rheinebene hoch- und runterschaut, für den ist die Erde flach. Flach so weit das Auge reicht! Wer aber den Philosophenweg hochläuft, dann wieder runter, über den Neckar und dann zum Heidelberger Schloß hoch, wird das nicht so empfinden. Aber das steht halt auf einem Hügel auf der ansonsten flachen Erde. Ich bin mir sogar sicher, dass jeder im täglichen Leben ständig davon ausgeht, dass die Erde flach ist. Warum? Weil man bei allem, was man so macht, aus Erfahrung davon ausgeht – und es funktioniert!

    Nehmen wir einmal die Zimmer deiner Wohnung als Beispiel. Wenn du vier gerade Wände hast, wirst du erwarten, dass die Wände in den vier Ecken jeweils in einem sogenannten rechten Winkel stehen:

    Wenn du ein Gerät wie dieses in einer Ecke an die Wände anlegst und dann in die anderen Ecken hältst, sollte sich das immer gleich anfühlen:

    Aber selbst wenn nicht alles so gerade ist, wirst du festellen können, dass die Summe der Winkel immer 360° ist. Die Mathematiker befassen sich lieber mit der Fläche mit den wenigsten Ecken. Also spannen wir ein Seil quer durch den Raum und messen nach:

    Dann ergibt sich für die Summe der Winkel in den Ecken 180°. Und zwar immer. Auch wenn dein Raum krumm ist, solange die Wände halbwegs gerade sind und es nur gerade Wände und Ecken gibt. Das hat man schon in der Antike gewusst und Euklid hat es in seinem Lehrbuch aufgeschrieben und man nennt das heute Euklidische Geometrie:

    Die Summe der Winkel eines Dreiecks ist immer 180°. Immer. Egal was du machst, solange die Seiten gerade sind.

    Euklidische Geometrie

    Das funktioniert aber nicht nur in deiner Wohnung, sondern auch zwischen Gebäuden und sogar zwischen Ortschaften. Damit haben wir nachgewiesen:

    Ist die Erde flach? Ja! Die Erde ist flach! [Kontext: Soweit dein Auge reicht …]
    Und das sagen alle Leute auf der Erde! [Kontext: Soweit ihr Auge reicht …]
    Und auch wenn du weit reist, ist deine Umgebung flach. [Kontext: Soweit dein Auge dort reicht …]

    Wenn wir jetzt uns sagen, dass wir uns nur auf unsere Sinneswahrnehmungen verlassen müssen, die doch zeigen, dass um uns herum die Erde flach ist, dann ist auch die ganze Erde flach. So ähnlich hat sich das der Herr Melchior Dönni aus Luzern überlegt und 1902 sein «Weltall-Erd-Relief» beim Amt für Geistiges Eigentum in Bern angemeldet. Wäre unsere Sehkraft besser, so glaubt er, könnten wir vom Pilatus bis nach New York schauen. Er hat mit viel Mühe und Ton sein Relief gebaut:

    Der Nordpol ist im Zentrum der Scheibe, darum die damals bekannten Kontinente und am Rand der Südpol. Etwas mutig war vielleicht die Schweizer Fahne am Nordpol, aber das ist eine andere Geschichte. Was den Südpol betrifft, hatte er ihn bestimmt nicht mit eigenen Augen gesehen. Tatsächlich hatte noch niemand den Südpol erforscht! Daher sagte Dönni 1902 voraus: Sobald die Naturforscher bis zum Südpol vorgestossen seien, werde man auf die unüberwindlichen Eismassen stossen, welche den Rand der Welt bildeten. 1911 erreichte Roald Amundsen den Südpol. Der Ring von unüberwindlichen Eismassen war nicht gefunden worden. Dönni hat das nicht mehr miterlebt – er war Jahre zuvor gestorben.

    Doch schon in der Antike konnten manche Menschen weiter als bis zur übernächsten Ortschaft reisen. Und mit der Zeit wurde die Messinstrumente auch immer genauer. Und wenn man ganze Länder oder Kontinente so vermisst … ergibt sich ein Problem. Die Messergenisse der Winkel sind immer zu groß. Egal, wie man es anstellt. Und je weiter die Abstände sind, desto schlimmer wird es! Wie kann das sein?

    Jetzt heißt es kreativ zu sein. Und es gibt eine Menge kreative Ideen. Wenn du eine gewissen Vorstellung hast, nimm sie, und überprüfe sie unter allen möglichen Umständen. Das solltest du auch von jedem erwarten, der eine andere Idee vertritt.

    Ich möchte dir einmal eine Idee vorstellen, auf die schon ein schlauer Grieche in der Antike und seitdem noch andere gekommen sind. Du kannst die Idee selbst überprüfen, wenn du zum Beispiel einen Ball zu Hause hast. Male die Linien so auf den Ball und miss den Winkel an den Ecken:

    Von einem Punkt aus bis zur ‚Mitte‘ und weiter bis zum Anfang, wie in diesem Bild. Das ergibt nicht 180° sondern 270°. Aber wenn der Ball groß und das Dreieck klein ist, dann kommst du immer näher an die 180° heran. Egal wie du das zeichnest! Schlaue Leute haben den Ball jetzt Globus genannt, ihre ganzen Messungen eingetragen und festgestellt, dass das ziemlich gut funktioniert!

    Ist die Erde flach? Nein! Sie ist eine Kugel [Kontext: Soweit die Füße tragen und du ziemlich weit laufen kannst.]

    Die schlauen Leute haben übrigens immer besser gemessen und gemerkt, dass die Erklärung mit einer perfekten Kugel nicht so perfekt ist. Aber wenn man den Globus ein bischen verformt, passt es wieder ganz gut. Und dann fragen dich Leute von der Küste, warum denn das Meer bei ihnen regelmäßig steigt und fällt. Und zwar nicht einmal am 24 Stunden Tag sondern zweimal! Zweimal Ebbe, zweimal Flut … Aber auch das ist ein anderes Thema.

    Falls dir das Beispiel zu abstrakt war. Hier ist ein anderes aus der Praxis, das ich schon selbst erlebt habe. Bekanntlich verbraucht ein Flugzeug Treibstoff. Je länger es fliegt, desto mehr verbraucht es. Solange, bis die Tanks leer sind. Das will man natürlich vermeiden, wenn man zum Beispiel Leute von Frankfurt am Main nach San Francisco bringen will. Wenn das Wetter mitspielt, versucht der Pilot auf direktem Weg von Frankfurt nach San Francisco zu fliegen, um so wenig Treibstoff wie möglich zu verbrauchen. Also hätte ich Frankreich, den Nordatlantik und die USA von der Ost bis zur Westküste sehen müssen:

    Was der Pilot angekündigt hat und ich gesehen habe, war aber eher diese Route:

    Ich sah England, Schottland, Island, Grönland, Kanada und den Westen der USA. Die Strecke erscheint viel länger, was eine längere Flugdauer und höheren Treibstoffverbrauch bedeutet. Lag das an einem Unwetter oder wollte der Pilot uns einfach diese schönen Gegenden zeigen? Auch hier gibt es neben diesen Erklärungen auch noch eine Menge andere Möglichkeiten. Wie wäre es mit dieser? Zeichnen wie einmal die Flugstrecke auf dem Globus ein, den sich Kartographen ausgedacht haben. Leider habe ich so einen kugelrunden Ball nicht bei mir zu Hause, aber am Computer kann man es so darstellen lassen, als würde man auf den Globus schauen. Du kannst das gerne an einem Globus selbst ausprobieren:

    Faszinierend, nicht wahr? Wenn ich meine Vorstellung – wir Physiker würden das Modell oder Theorie nennen – so erweitere, dass die Erde für mich flach erscheint, wenn ich zu Fuß unterwegs bin, aber auf Entfernungen, die ich mit dem Flugzeug zurücklegen kann, auf eine Kugel (Globus) zeichne, dann flog der Pilot wirklich den kürzesten Weg. Möglichst schnell und mit möglichst wenig Treibstoff, denn der kostet ja bekanntlich Geld.

    Ist die Erde flach? Nein! Sie ist insgesamt eher rund wie eine Kugel. [Kontext: Wenn du ganz viel mit dem Flugzeug kreuz und quer über alle Kontinente und Meere fliegst.]

    Wie gesagt. Es hätte auch anderen Gründe geben können. Und du kannst dir ein anderes Modell wählen, um den Flug zu erklären. Dein Modell – deine Vorstellung – sollte dann aber möglichst auch alle Flüge auf der Erde erklären können. Und dann vergleiche diese Erklärung mit der recht einfachen eines Globus. Das heißt noch nicht, dass die Erklärung mit dem Globus ‚die Richtige‘ oder ‚Wahre‘ ist, nur weil sie einfacher ist oder mehr erklären kann. Aber damit kommen wir schon in den Bereich, den man Erkenntnistheorie nennt.

    Woher können wir denn wissen, ob die Vorstellung, die wir haben, ‚real‘ ist? Manche akzeptieren nur, was sie mit ihren eigenen Sinnen erfassen können. Der Ansatz ist zwar etwas radikal, aber das kann man so für sich entscheiden. Manche starten auch mit diesem Ansatz, um zu zeigen, dass die Erde ingesammt flach ist. Jetzt sollte aber dein Verstand mit deinem kritischen Denken einsetzen und den Widerspruch erkennen: Wenn jemand nur akzeptiert, was man selbst wahrnehmen kann, dann erstreckt sich das Wissen nur soweit man sehen kann. Dann sollte man aber keine Behauptung über die ganze Erde aufstellen, wenn man nur einen Bruchteil sehen kann oder selbst gesehen hat.

    Wenn man es macht, dann sollte man diese auch mit unserer Umgebung vergleichen? Aus den Erfahrungen bildet man eine Vorstellung – ein Modell oder Hypothese – und nimmt an, dass es immer und überall gilt. Und jetzt kommt der entscheidende Teil: Wohlwissend, dass die Hypthoses vermutlich nicht mehr funktioniert, wenn man in viel größeren oder viel kleineren Bereichen misst. Und die Vorstellung sollte so konkret und überprüfbar sein, dass andere diese mit Freuden kaputt machen können, wenn sie die Vorstellung auf Bereiche ausdehnen, die über den ursprünglichen hinausgehen. Genau das passiert, wenn wir nicht mehr zu Fuß sondern mit dem Flugzeug unterwegs sind.

    Eine ganze Reihe von Argumenten für oder gegen eine flache Erde gehen auch genau in diese Richtung: Wie kann ich ermitteln, wie die Welt um uns herum ist?

    Ein gutes Modell oder Vorstellung muss möglichst einfach auch viel erklären können. Wenn wir uns eine flache Erde vorstellen, müssen auch irgendwo Sonne, Mond und Sterne sein. Wie kommt es dann zu Tag und Nacht in den verschiedenen Teilen der Welt? Und dem unterschiedlichen Sonnenstand während der Jahreszeiten? Und was ist mit den Mondphasen? Oder Sonnenfinsternissen? Lass es dir erklären oder bastle dir aus Pappe eine flache Erde und Sonne und Mond dazu und probier es aus. Wenn du einen Mechanismus gefunden hast, füge die Planeten und ihre beobachtbaren Bahnen hinzu. Zumindest einige kann man ja auch mit bloßem Auge beobachten – das haben schon die Babylonier getan und sehr präzise Aufzeichnungen darüber geführt, die bis heute erhalten sind.

    Ich habe bewußt von beobachtbaren Bahnen der Planeten gesprochen. Auch Sonnenauf- und Untergang sowie Position am Himmel kann man direkt beobachten. Die gleichen Beobachtungen sind auch beim Mond direkt möglich. Und dann hatten wir noch Ebbe und Flut angesprochen. Das ist also alles im Bereich des zu Erklärenden auch für diejenigen, die nur akzeptieren, was mit den eigenen Sinnen wahrgenommen werden kann.

    Im Prinzip ist das ja eine empirische Vorgehensweise: Mit den eigenen Sinnen Dinge wahrnehmen und die eigene Vorstellung mit den Ergebnissen der Beobachtung überprüfen. Klingt erst einmal vernünftig. Oft wird dann angeführt, dass gemäß der Beobachtungen eines jeden die Erde in der Umgebung flach ist. Das haben wir schon als richtig erkannt. Zumindest im Rahmen der Genauigkeit unserer Sinne. Und dann werden noch andere Dinge angeführt. Aber was nicht angeführt wird – und hier sollte unser kritisches Denken wieder einsetzen – sind die Beobachtungen an Sonne, Mond und Planeten und Sternen und Ebbe und Flut usw. Das kann immer noch jeder selbst mit den eigenen Sinnen beobachten. Kann das aber auch mit einer flachen Erde erklärt werden? Versuche es … Und dann versuche es mit einem Globus.

    Der Gedanke, nur zu akzeptieren, was jeder mit den eigenen Sinnen wahrnehmen kann, hat aber seine Grenzen. Hat jemand schon einmal die Erde als Ganzes auf einmal gesehen? Wenn das nicht der Fall ist, wie kann man auf dieser Basis dann behaupten, dass die ganze Erde flach ist? Da wird doch dann von einem kleinen Teil auf die ganze Erde geschlossen – im Widerspruch zu der Vorstellung, dass man nur akzeptiert, was mit den eigenen Sinnen wahrgenommen werden kann.

    Ist es denn ein Widerspruch, der jeder auf der Erde seine Umgebung als flach wahrnimmt, die ganze Erde dann aber nicht flach sein soll? Du kannst praktischen jeden auf der Erde fragen: In meiner Umgebung sprechen alle meine Sprache (ich weiß, es gibt Ausnahmen). Sprechen daher auf der ganzen Erde alle die selbe Sprache? Du musst nur weit genug von deinem Ort weggehen, und irgendwann spricht man nicht mehr deine Sprache. Und wenn du jemanden fragst (vorausgesetzt, du kannst dich mit der Person verständigen), wird sie dir sagen, dass alle dort diese Sprache sprechen. Aber noch einfacher ist es, wenn du einen großen Ball nimmst und ein flaches Stück Pappe darauf legst und genau hinschaust.

    Lebt denn irgend jemand streng nach dem Prinzip, nur zu akzeptieren, was jemand selbst mit Sinnen wahrnehmen kann? Existiert die Sonne auch nachts, wenn du sie nicht siehst? Streng genommen darf man das nicht behaupten. Wenn du mit jemandem sprichst, und die Person dann weggeht, existiert sie noch? Telefonieren gilt nicht, denn da ist ja ganz schön viel Technik mit im Spiel. Und wenn jemand noch nie persönlich in den USA war, dann ist deren Existenz und die von über 300 Millionen Menschen sowie die der Herren Trump und Biden nicht zu akzeptieren.

    Letztendlich geht es in der Diskussion doch oft darum, ob du und ich den Beweisen, die andere mit oder ohne Technik erarbeitet haben, vertrauen kannst. Und auch darin steckt ein Körnchen Wahrheit. Denn auch in der heutigen Wissenschaft akzeptiert man keine Erklärung (Theorie) oder Beobachtung (Experiment), wenn nur eine Person oder Gruppe das vorlegt. Andere müssen das nachvollziehen können. Das ist zumindest das Ideal.

    Über diese Aspekte könnten wir noch lange sprechen. Kommen wir aber zum eigentlichen Thema zurück. Warum wird überhaupt die Frage so heftig diskutiert, ob die Erde eine flache Scheibe ist oder nicht? Im täglichen Leben kann dir das doch völlig gleich sein. Es muss also um etwas anderes gehen. Könnte es sein, dass der zweite Teil der Frage für dich der Grund ist: Sagt die Bibel denn nicht, dass die Erde flach ist? Und wenn die Bibel Gottes inspiriertes Buch ist, dann muss es doch stimmen. Also geht es darum, ob man Gott und der Bibel oder der weltlichen Wissenschaft glaubt? Wir werden sehen. Und wieder die Bedeutung des Kontexts erkennen.

    Was steht im Text der Bibel?

    Um diese Frage zu beantworten, müssten wir das antike Hebräisch, Aramäisch und Griechisch der verschiedenen Epochen und Regionen verstehen. Und auch den kulturellen Kontext der Menschen, von denen und für die der Text primär geschrieben wurde. Wer kann das schon. Selbst die Experten müssen diese Informationen erst wieder so gut es geht rekonstruieren. Die Übersetzung in unsere Sprache bringt also den Text aus dem antiken Kontext in unseren Kontext und das kann die Aussage erheblich beeinflussen. Daher wollen wir erst einmal versuchen, den Text selbst besser zu verstehen. Hier ein paar Beispiele:

    Sie ziehen hin und her, wie er sie lenkt, / um alles, was er ihnen gebietet, / zu wirken auf dem Kreis der Erde.

    … über der Fläche des Erdkreises.

    … auf dem ganzen Erdenrund.

    Hiob 37:12 Einheitsübersetzung 2016, Elberfelder, NEÜ

    Und was steht nun im hebräischen Text?

    Dort steht also so etwas wie ‚das Angesicht der ganzen Erde‘. Das verwendete Wort für Erde ist אֶרֶץ erets (Strong’s 776), das gemäß diesem Lexikon 2503 mal verwendet wird und schon ab 1. Mose 1:1 mit ‚Erde‘ übersetzt wird. Im Lexikon Brown-Driver-Briggs werden die verwandten Wörter in anderen semitischen Sprachen gezeigt. Analyisiert man die vielen anderen Texte mit diesem Wort, ergibt sich diese Bedeutung:

    Erde, ganze Erde (in Gegensatz zu einem Teil)
    Erde, in Gegensatz zum Himmel, Himmel im Sinne von Firmament
    Erde, Bewohner der Erde
    Land, Region, Territorium
    usw.

    Was schließt du aus der Verwendung des Wortes in all diesen Verwendungen – ich hoffe, du hast alle 2503 Stellen gelesen – über seine Bedeutung? Du musst kein Sprachwissenschaftler sein, um zu erkennen, dass mit diesem Wort keine geometrische Form beschrieben werden sollte. Es geht um die Bezeichnung unseres Lebensraumes in Abgrenzung zu anderem.

    Schauen wir uns weitere Verwendungen an. Also am besten eine Stelle, die gerne im Rahmen dieses Themas zitiert wird:

    Er thront über dem Kreis der Erde, …

    Jesaja 40:22 Züricher

    Und im Hebräischen?

    Was liest du? Zum einen das selbe Wort für Erde. Und dann denn Zusatz ח֣וּג ḥūḡ, der mit Kreis übersetzt wird. Was bedeutet das? Auch hier musst du kein Sprachwissenschaftler sein. Wenn es in diesem Text nötig war, das Wort für ‚Kreis‘ hinzuzufügen, dann bedeutet es ja umgekehrt, dass das Wort für Erde אֶרֶץ erets gerade nichts über die Form sagt. Sonst wäre der Zusatz unnötig. Und was hat es nun mit dem Wort für Kreis auf sich? Wie oft wird es wohl in der Bibel verwendet? Was meinst du? Genau drei mal – inklusive Jesaja 40:22. Es wird daher nicht so leicht sein, die genaue Bedeutung aus der Verwendung abzuleiten. Also schauen wir uns besser die beiden anderen Texte an:

    Du aber sagst: Was weiss denn Gott? Kann er richten hinter den dunklen Wolken?  Wolken umhüllen ihn, dass er nichts sieht, und auf dem Kreis des Himmels geht er einher.

    Hiob 22:14 Züricher

    als er noch nicht gemacht die Erde und die Fluren, noch die Gesamtheit der Erdschollen des Festlandes. Als er den Himmel feststellte, war ich dabei. Als er einen Kreis abmaß über der Fläche der Tiefe, …

    Sprücher 8:26,27 Elberfelder

    Steht in der Bibel, dass die Erde flach ist? Jaein! Zumindest lesen wir von einem Kreis der Erde [Kontext: Buch Hiob] Aber auch vom Kreis des Himmels und Kreis der Fläche der Tiefe [Kontext: Buch Sprüche].

    Ist für dich die Sache damit klar? Wenn du bei diesen Texten sagst, dass damit eine Aussage über die Geometrie der Erde (flach oder Kugel) gemacht wird, dann musst du es auch bei diesem Text machen:

    Er gab der Erde ein festes Fundament, / dass sie durch nichts mehr zu erschüttern ist.

    Psalm 104:5 NEÜ

    Wieder das selbe Wort für Erde אֶרֶץ erets (Strong’s 776). Und wenn die Erde ein festes Fundament hat, dann kann es ja keine Kugel im Nichts sein, oder? Wie steht es dann mit dem Kontext dieses Verses?

    Auf, meine Seele, preise Jahwe! / Jahwe, mein Gott, du bist sehr groß, / bekleidet mit Hoheit und Pracht. Das Licht umgibt dich wie ein Gewand, / den Himmel spannst du wie ein Zeltdach aus. und baust deine Kammern über dem Wasser dort auf. / Du machst die Wolken zu deinem Wagen / und schwebst auf den Schwingen des Sturms.

    Psalm 104:1-3 NEÜ

    Der Himmel hat also die Gestalt eines Zeltdaches. Also in etwa so wie bei der Stiftshütte?

    Wikipedia

    Du kannst nicht beides haben. Vers 5 wörtlich als eine Aussage über die Form der Erde nehmen und den Vers 2 im Kontext dann nicht. Die Himmel passen dann aber eher nicht zu einer runden, kreisförmigen Erde, oder? Aber es geht in Vers 3 noch weiter, hier in der Interlinear Übersetzung:

    „der im Wasser seine Gemächer baut, der Wolken zu seinem Wagen macht, auf Flügeln des Sturms dahinfährt, …“ (Psalm 104:3 Züricher) Jahwe macht die Wolken zu seinem Streitwagen! Denkst du wirklich, dass hier gesagt wird, dass Jahwe am Himmel mit einem Wagen fährt? „Aber das ist doch eine Vision!“, denkst du vielleicht. Nein, ist es nicht. Der Psalm ist keine Vision sondern eine Beschreibung. Und alles steht im selben Kontext. Macht dann der Text überhaupt einen Sinn? Ja, aber dazu muss man verstehen, was der Kontext ist. Der Kontext ist nicht unser Wunsch, dass hier eine Aussage über die Geometrie der Erde oder Jahwes Fuhrpark enthalten ist. Der Kontext waren die Anbeter Jahwes damals. Und wenn du die Bibelgelehrten dazu befragst, dann kannst du lernen, dass es hier um eine theologische Aussage geht. Andere Nationen waren der Meinung, dass ihr Gott Baal mit seinem Wagen am Himmel fährt. Im Text der Bibel wurde den Israeliten damals versichert, dass nicht Baal für die Natur, den Regen und die Fruchtbarkeit des Landes zuständig ist. Wenn überhaupt jemand am Himmel in einem Wagen fährt, dann war es Jahwe. Ende der Metapher.

    Jetzt könnten wir noch viele andere Texte so analysieren. Aber dieses Video soll ja wie gesagt nicht für die die Schlüsse ziehen, sondern helfen, dass du das selbst tun kannst. Wichtig ist dabei, sich nicht einzelne Text, die zur eigenen Vorstellung passen, herauszupicken und die anderen zu ignorieren. Oder willkürlich Texte als ‚wörtlich‘ oder ‚symbolisch‘ oder ‚allegorisch‘ aufzufassen, schon gar nicht innerhalb eines Satzes oder einer Passage.

    Was wir uns nun anschauen wollen, ist der Kontext, in dem die Texte aufgeschrieben wurden. Was ist also der Kontext bei den Texten, in denen es um die Erde geht?

    Wie ist der Text der Bibel im historischen Kontext zu verstehen?

    Was wissen wir über den historischen und kulturellen Kontext der Menschen, welche den Text aufgeschrieben und damals gehört haben? Unterscheidet der sich denn wirklich so sehr von unserem heutigen?

    Ein Beispiel wird dich vielleicht davon überzeugen, dass hier ‚Welten‘ dazwischen liegen können. Merke dir bitte einmal, welche Gedanken dir in den ersten Sekunden in den Sinn kommen, nachdem du gleich ein Wort gelesen oder gehört hast. Welche Bilder sind danach in deinen Gedanken erschienen? Und nun das Wort: Weihnachten!

    Wenn du aus Europa oder Nordamerika kommst, hast du vielleicht sofort an dies gedacht: Bilder einer Winterlandschaft mit Schnee, ein geschmückter Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, der Duft und Geschmack von Weihnachtsgebäck. Falls du aus Australien, Südafrika oder Südamerika kommst, hast du höchstwahrscheinlich keine Schneelandschaft vor Augen gehabt. Und statt besinnlichen Weihnachtsliedern vielleicht sogar eher einen Festumzug mit Motivwagen, wie ich sie vom Karneval kenne inklusive rhythmischer Tanzmusik (habe ich so auf Fuerteventura erlebt).

    Nun schreibst du diesen Satz in einen Roman: „Es war ein schöner Tag, es fühlte sich an wie Weihnachten.“ Und wir schicken den Roman 200 Jahre zurück in die Vergangenheit. Die Menschen können den Satz lesen, aber haben keine Ahnung, was du dir vorgestellt hast. Nicht einmal, was du gemeint hast. Nun ist die Bibel uns umgekehrt aus der Vergangenheit überliefert worden. Kann die Bedeutung von Worten sich nicht auch geändert haben oder verloren gegangen sein? Nehmen wir zum Beispiel das englische Wort ‚gift‘. Das wurde vor langen Zeiten auch im Deutschen verwendet. Schließlich sprechen wir heute noch von einer Mitgift. Die Bedeutung des Wortes Gift, die es bei Goethe als „Gabe, Geschenk, Schenkung“ noch hatte, hat sich aber dramatisch verändert. Und doch denken wir bei Mitgift nicht daran, dass jemand umgebracht werden soll.

    Und welche Vorstellung von der Welt hatten denn nun die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker um sie herum und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe dazu die zukünftige Video Serie Gottes Namen tragen).

    Weitere Argumente, die für dieses Verstädnis der Genesis sprechen, finden sich bei vielen verschiedenen Gelehrten, darunter John H. Walton The Lost World of Genesis One. Jascha Schmitz hat darüber eine Video Serie veröffentlicht: Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt

    Bevor wir also Bibeltexte untersuchen, ob sie nun von einer flachen Erde sprechen oder nicht, sollten wir in Betracht ziehen, was der ursprüngliche Kontext der Texte ist:

    Ist das Ziel der Bibel, eine Aussage über die Geometrie der Erde zu verkünden? Nein! [Kontext: Der einfache Israelit in der Wüste].
    Der textuelle und historische Kontext zeigen, dass es um die Ordnung der Dinge und ihren Zweck geht. Jedes Wesen und Ding hat seinen Platz und Zweck.

    Es wäre auch gut, sich darüber Gedanken zu machen, was eine ‚wörtliche‘ Bibelauslegen wirklich ausmacht. Ich stelle mal eine Behauptung in den Raum:

    Die Bibel ‚wörtlich‘ auszulegen, bedeutet nicht, die Bibel Wort-für-Wort zu lesen und sie Wort-für-Wort mit unserem Kontext und unseren Vorstellungen von heute auszulegen.

    Auch dieser Punkt könnte unsere Auffasung davon, was die Bibel über die Erde sagt, unbewusst beeinflussen. „Wenn ich den Text der Bibel nicht wörtlich nehme, verrate ich dann nicht das inspirierte Wort Gottes?“ Nein, das würden wir doch wohl eher, wenn wir die Texte in einer Weise gebrauchen, wie Gott es gar nicht wollte. Das gilt es also, herauszufinden. Mehr darüber hatte ich in der Serie Der Kanon des Neuen Testaments gezeigt.

    Wenn du bis hierhin meinen Ausführungen gefolgt bist, dann bin ich recht zuversichtlich, dass du auch in dieser Frage bereit bist, deine Auffassungen zu überdenken, kritisch zu hinterfragen und dir selbst die Frage zu stellen: Warum glaube ich das eigentlich? Warum denke ich so? Und ich hoffe, dir hier ein paar Denkanstöße mit auf den Weg gegeben zu haben.

  • Sollten wir uns ‚Brüder Christi‘ nennen (lassen)?

    Sollten wir uns ‚Brüder Christi‘ nennen (lassen)?

    Von Christian


    Im Mai 2023 hatte ich einen Artikel und ein Video veröffentlicht mit dem Thema Sollen wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)? Darin habe ich anhand der Bibel gezeigt, dass die Jünger Jesu zuerst von anderen als Christen bezeichnet wurden und diese Bezeichnung erst später selbst für sich übernahmen. Wir finden in der Bibel meist andere Bezeichnungen wie der Weg oder die Jünger und vor allem Brüder. Und auch wenn diese den heiligen Geist erhielten, haben sie sich im Neuen Testament niemals selbst als Gesalbte bezeichnet. Wohl aus Respekt vor dem Christus, dem Messias – Dem Gesalbten.

    In einigen Kommantaren hieß es in etwa, dass wenn doch in der Bibel von einer Salbung gesprochen wird, die Personen dann doch eben genau das sind: Gesalbte. Das kann natürlich jeder gemäß seinem Gewissen halten wie er will. Doch diejenigen, welche die Schriften des neuen Testaments geschrieben und später kopiert haben, haben es nicht getan. Zumindest nicht in den uns überkommenen Schriften.

    In diesem Zusammenhang fiel mir auch auf, dass manche ganz selbstverständlich Jesus als ihren Bruder bezeichnen. Aber sollten wir Jesus als unseren Bruder bezeichnen? Und sollten wir uns umgekehrt ‚Brüder Christi‘ nennen und und als solche ansprechen lassen?

    „Also Christian, jetzt halt mal die Luft an! Das steht doch in der Bibel“. Gut, dass du nicht einfach alles so glaubst! Also schauen wir jetzt in der Bibel nach. Denn unsere Einstellung sollte ja nicht auf Gefühlen, einer Tradition, unserer Überlegung oder unserem Wunsch beruhen, sondern auf der Bibel. Zumindest, wenn wir die Bibel als Grundlage unseres Glauben betrachten.

    Gut, dann lesen wir also Matthäus 12:48-50:

    Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

    Matthäus 12:48-50 Elberfelder

    „Also damit ist doch alles klar. Da spricht doch Jesus von seinen geistigen Brüdern.“ Nun, wird da wirklich ausgesagt, dass Jesus unser Bruder ist? Zuerst einmal der Kontext. In Vers 47 steht: „‚Deine Mutter und deine Brüder sind draußen und fragen nach dir.‘, sagte ihm einer.“ In Jesu Aussage bezieht er sich also auf seine leiblichen Verwandten, nämlich Mutter und Brüder und bezieht das dann auf diejenigen, die durch ihr Handeln entsprechend mit ihm geistlich verwandt sind. Doch genau genommen kann man ja nicht behaupten, dass dieser Text zeigt, dass wir Brüder Jesu sind. Denn es werden auch Schwestern genannt. Das ginge ja noch. Doch, sind wir dann auch Jesu Mutter? Wohl kaum. Wer könnte schon von sich behaupten, Jesus geistliche Mutter zu sein. Das funktioniert also nur, wenn man den Text ziemlich wörtlich nimmt, den Vergleich ignoriert und dazu gleich noch einen Teil des Textes mit ignoriert.

    Gut, dann gibt es noch das Gleichnis Jesu über die Schafe und Ziegen:

    Und der König wird ihnen zur Antwort geben: Amen, ich sage euch: Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

    Matthäus 25:40 Züricher

    Da spricht Jesus im Gleichnis eigentlich von den Brüdern des Königs, welcher nach Vers 31 der ‚Menschensohn‘ ist. Da gäbe es also eine Verbindung, wenn wir das so interpretieren, dass Jesus ‚der Menschensohn‘ sein wird. In Vers 45 werden sie allerdings nur ‚diese Geringsten‘ genannt. Leider wird dieses Gleichnis nicht in den anderen synoptischen Evangelien Lukas und Markus erwähnt. Und das Matthäus Evangelium ist das am schlechtesten überlieferte. Ich weiß, das hört mancher nicht gerne. Ist aber so. Auf jeden Fall finden wir es nur in Matthäus und sonst nicht. Das schwächt dieses Argument schon. Aber merken wir uns diesen Text.

    Doch da gibt es ja noch diesen Text:

    „Fass mich nicht länger an!“, sagte Jesus da zu ihr. „Ich bin noch nicht zum Vater im Himmel zurückgekehrt. Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen von mir: Ich kehre zurück zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“

    Johannes 20:17 Neue Evangelistische Übersetzung

    Ok. Das ist mal ein direkter Bezug. Jetzt bin ich aber mal ganz kritisch und merke an, dass dies erst sehr spät um 100 n. Chr. geschrieben wurde. Und die synoptischen Evanglien davon überhaupt nichts sagen. Aber merken wir uns auch diesen Text. Jetzt haben wir schon immerhin zwei.

    Interessant ist jedoch, was Jesus selbst sagt:

    Ihr aber, lasst ihr euch nicht Rabbi nennen! Denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder.

    Matthäus 23:8 Elberfelder

    Jesus sagt hier nicht, dass wir alle Brüder sind. Er ist ihr Lehrer. „Ihr alle aber seid Brüder.“

    Haben denn die Apostel ihn nicht als Bruder angesehen und ihn so angesprochen? Wie haben denn die Apostel Jesus angesprochen?

    Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, …

    Matthäus 18:21 Elberfelder

    Hat sich das nach Jesu Auferstehung geändert?

    Da sagte der Jünger, den Jesus besonders lieb hatte, zu Petrus: „Es ist der Herr!“ …

    Johannes 21:7 Neue Evangelistische Übersetzung

    Sie nun, als sie zusammengekommen waren, fragten ihn und sagten: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?

    Apostelgeschichte 1:6 Elberfelder

    Ich habe einmal nach Versen gesucht, in denen Jesus als Herr angesprochen wird. Alleine in den Evangelien sind es so etwa 50 Verse. Dass er als Bruder angesprochen oder bezeichnet wird, habe ich nicht gefunden.

    Jesu Aussage nach der Fußwaschung fasst es zusammen:

    Ihr nennt mich Lehrer und Herr, und ihr sagt recht, denn ich bin es.

    Johannes 13:13 Elberfelder

    Und wie nennt Jesus sein Jünger?

    Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe.

    Johannes 15:15 Elberfelder

    Wäre das nicht die Gelegenheit gewesen, sie seine Brüder zu nennen? Insbesondere, wo Jesus nach seiner Auferstehung gemäß Johannes 20:17 Maria beauftragt, zu ‚seinen Brüdern’ zu gehen. Da könnten allerdings auch seinen leiblichen Brüder gemeint sein. Sind sie wohl aber nicht, denn der nächste Vers, Vers 18, spricht von den Jüngern. Es bleibt aber schon irgendwie merkwürdig, dass diese Bezeichnung in den ersten 19 Kapiteln des Johannes Evangeliums nicht auftaucht, nicht einmal da, wo man es erwarten müsste, und dann nur einmal gegenüber Maria.

    Aber vielleicht ist das ja ein Wendepunkt. Wie sprechen die Jünger später über Jesus?

    Hananias aber ging hin und kam in das Haus; und er legte ihm die Hände auf und sprach: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus – der dir erschienen ist auf dem Weg, den du kamst –, damit du wieder sehend und mit Heiligem Geist erfüllt wirst.

    Apostelgeschichte 9:17 Elberfelder

    Ich ermahne euch aber, Brüder, durch unseren Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, mit mir zu kämpfen in den Gebeten für mich zu Gott, …

    Römer 15:30 Elberfelder

    Wäre das nicht eine gute Gelegenheit gewesen, zu sagen: Ich ermahne euch aber, Brüder, durch unseren Bruder Jesus Christus … Steht aber nicht so in der Bibel. Sondern wieder: Herr Jesus Christus.

    Oder auch insbesondere beim Abschluß eines Briefes wäre es eine schöne Schlußformel gewesen:

    Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, Brüder!

    Galater 6:18 Elberfelder

    Wieder der „Herr Jesus Christus“ im Gegensatz zu den Brüdern. Und das findet sich viele Male im Neuen Testament auch außerhalb der Evangelien. Paulus sagt:

    Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig redet ..

    1. Korinther 1:10 Elberfelder

    Täglich sterbe ich, so wahr ihr mein Ruhm seid, Brüder, den ich in Christus Jesus, unserem Herrn, habe.

    1. Korinther 15:31 Züricher

    Oft wird ein Gedanke so eingeleitet:

    Wir gebieten euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, ..

    2. Thessalonicher 3:6 Elberfelder

    Interessant ist auch Offenbarung 12:10

    Und ich hörte eine laute Stimme im Himmel sagen: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Christus gekommen; denn ⟨hinab⟩geworfen ist der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte.

    Offenbarung 12:10 Elberfelder

    Auch hier hätte von den Brüdern Christi gesprochen werden können: ’seines Christus …; seiner Brüder …‘. Aber es sind ‚unsere Brüder‘, wie die laute Stimme im Himmel sagt. Schließt das den Christus mit ein? Vielleicht. Aber wen noch? Gott wird auch erwähnt, aber Gottes Brüder sind sie wohl nicht …

    Es finden sich im Neuen Testament nur ganz wenige Textstellen, die von Brüdern sprechen:

    Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen und zu sagen: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, / inmitten der Gemeinde dich preisen;

    Hebräer 2:11,12 Einheitsübersetzung 2016

    Alles klar, oder? Nun, hier wird Psalm 22:23 nach der Septuaginta zitiert. Lesen wir mal im Kontext weiter:

    Denn er nimmt sich keineswegs der Engel an, sondern der Nachkommen Abrahams nimmt er sich an. Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hohepriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen.

    Hebräer 2:16,17

    Oha. Das ist ja ein Bezug auf ‚Brüder‘ Christi, welche die jüdischen Nachkommen Abrahams sind. Was ja auch zum zitierten Psalm 22 passt. Das wird zwar gerne verwendet, um auf die ‚geistigen Brüder Christi‘ hinzuweisen. Entspricht aber nicht der Aussage des Textes.

    Tatsächlich findet sich im Neuen Testament kein Vers, in dem von einem geistigen Bruder Christi oder den geistigen ‚Brüdern Christ‘ mit genau diesen Worten gesprochen wird. Doch an weit über einhundert Stellen wird er Herr genannt. Das hättest du vielleicht nicht erwartet. Von Brüdern Jesu wird nur wenige mal gesprochen und das sind seine leiblichen Verwandten (z.B. Johannes 7:1-10) oder Israeliten (Hebräer 2:11-17). Jetzt wird vermutlich auch der Hintergrund des Titels dieses Artikels langsam klar: Sollten wir uns dann Brüder Christi nennen? Nun, im Text des Neuen Testaments finden wir das als Bezeichnung für seine Nachfolger nicht. Und sie haben ihn gemäß dem Text auch nicht als Bruder angesprochen.

    Die Bezeichnung ‚Brüder Christi‘ oder ‚Bruder Christi‘ findet sich nicht im Text des Neuen Testaments.

    Denken wir daran, dass der Ausdruck ‚Brüder Christi‘ die lateinische Form des Genitivs verwendet. Wir könnten auch von ‚Brüder des Christus‘ sprechen. Das finden wir nicht im Neuen Testament. Wir finden aber diesen Ausdruck:

    Paulus, Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen, und Timotheus, der Bruder, den heiligen und gläubigen Brüdern in Christus zu Kolossä: Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater.

    Kolosser 1:1,2 Schlachter 2000

     Grüsst alle Heiligen in Christus Jesus. Es grüssen euch die Brüder und Schwestern, die bei mir sind.

    Philipper 4:21 Züricher

    Das ist allerdings ein ganz anderer Gedanke und betont die Gemeinschaft von Brüdern und Schwester, weil sie alle mit Christus verbunden sind. Deswegen übersetzt die Neue Evangelistische Übersetzung Kolosser 1:2 so:

    An die heiligen und treuen Geschwister in Kolossä, die mit Christus verbunden sind. Wir wünschen euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater.

    Kolosser 1:2 Neue Evangelistische Übersetzung

    Halten wir also fest:

    Die Bezeichnung ‚Brüder Christi‘, oder ‚Brüder des Christus‘, ‚Bruder Christi‘ oder ‚Bruder des Christus‘ findet sich nicht im Text des Neuen Testaments.
    Was wir finden ist Brüder in Christus.

    Besonders Zeugen Jehovas dürften nun überrascht sein. Warum? Das zeigt das Ergebnis einer Suche in der Online-Bibliothek der Wachtturm-Gesellschaft nach dem Begriff ‚Brüder Christi‘:

    ‚Brüder Christi‘ findet man nirgends im Text der Bibel der Zeugen Jehovas (Neue-Welt-Übersetzung).

    In den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas findet man hingegen ‚Brüder Christi‘ 189 mal, ‚Christi Brüder‘ 36 mal, Brüder und Christi im selben Absatz 731 mal, Brüder und Jesus im selben Absatz 865 mal.

    Das beweist einmal mehr, wie wichtig der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas die Unterscheidung zwischen der privilegierten Klasse der ‚Gesalbten‘ (siehe dazu den Artikel Sollten wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)? ), die viele hunderte von Malen als ‚Christi Brüder‘ bezeichnet werden, und den ‚anderen Schafen‘ ist. Im Wachtturm vom April 2020, Studienartikel 17 Ich habe euch Freunde genannt wird daher in Absatz 12 betont, dass die ‚Freunde Jesu‘ dies beachten müssen: „Jesus betrachtet das, was wir für seine gesalbten Brüder tun, so, als würden wir es für ihn tun.“ Die allermeisten Zeugen Jehovas sind nur ‚Freunde Jesu‘ und keine ‚Brüder Jesu‘, was in diesem Artikel mit dem Leittext Johannes 15:15 begründet wird – obwohl Jesus das doch zu wem gesagt hat? Genau, den Aposteln! Die doch im Wachtturm ständig als ‚Brüder Christi‘ bezeichnet werden! Ist dieser logische Fehler denn gar keinem aufgefallen?

    Im Wachtturm 2012 15.3. S. 20 Abs. 2 wird die Bedeutung dieser ‚Brüder Christi‘ für die allermeisten Zeugen Jehovas auch ganz klar gemacht:

    Ihre Rettung hängt davon ab, die gesalbten „Brüder“ Christi hier auf der Erde tatkräftig zu unterstützen — dessen müssen sie sich immer bewusst sein (Mat. 25:34-40). 

    Wachtturm 2012 15.3. S. 20 Abs. 2

    Warum auch immer in diesem Wachtturm hier das Wort „Brüder“ in Anführungszeichen gesetzt wurde – vielleicht war ja doch jemandem beim Schreiben oder Korrigieren aufgefallen, dass in den angegebenen Versen in Matthäus 25 Jesus nicht in Verbindung mit den Brüdern genannt wird. Dadurch wird das Zitat recht kurz und besteht wohl nur aus dem Wort „Brüder“. Dieser Verweis auf Matthäus 25:34-40 ist neben Hebräer 2:11,12 übrigens der einzige, wenn auf die ‚Brüder Christi‘ hingewiesen wird. Uns fällt hingegen auf, dass in diesem Satz im Wachtturm, in dem die Autorität hervorgehoben werden soll, gleich beide Titel kombiniert werden: Die Gesalbten und die Brüder Christi. Beides Ehrentitel, welche im Neuen Testament von den Jüngern nie für sich verwendet werden.

    Zurück zur Bibel selbst. Die Situation ist schon paradox. Jesus wird als Sohn Gottes bezeichnet, zum Beispiel hier:

     Und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

    Markus 1:11 Züricher

    Jesu Jünger werden auch oft als Söhne oder Kinder Gottes bezeichnet:

    Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes.

    Römer 8:14 Elberfelder

    Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, …

    Johannes 1:12 Züricher

    Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.

    Römer 8:16 Einheitsübersetzung 2016

    Aber die Jünger Jesu sprechen den Sohn Gottes, Jesus Christus, den Messias, den Gesalbten, in ihren Schriften nie als Bruder an. Es gibt nur drei Stellen, in denen ein Bezug überhaupt zu finden ist: Matthäus 25 ist ein Gleichnis Jesu und es wird an einer Stelle von den Brüdern des Menschensohns gesprochen. Hebräer 2, wo der Kontext zeigt, dass mit Brüder die Juden als Nachkommen Abrahams gemeint sind. Und Johannes 21:17, wo Jesus den Begriff Brüder gegenüber Maria verwendet. Dahingegen wird Jesus in weit über 100 Stellen als Herr bezeichnet. Das ist schon merkwürdig, nicht wahr? Warum wird er nicht als Bruder seiner Jünger bezeichnet?

    Glaubst du, dass die Bibel von Gott inspiriert ist? Dann hat Gott also dafür gesorgt, dass in den uns überkommenen Büchern des Neuen Testaments Jesus Christus nicht als Bruder, sondern als Lehrer oder Herr angesprochen wird. Wenn Gott das so wollte, sollten wir dann Jesus Christus einfach so als unseren Bruder ansprechen? Oder uns als seinen Bruder oder Brüder bezeichnen?

    Bin ich jetzt einfach nur pingelig? Nun, auch in diesem Fall musst du gemäß deinem Gewissen entscheiden. Uns sollte allerdings klar sein, dass wir dann etwas tun, das keine direkte biblische Grundlage hat. Und die Apostel und Jünger zogen es vor, in den Schriften des Neuen Testaments Jesus mit Herr und nicht mit Bruder anzusprechen. Und wenn wir an die Verbalinspiration glauben, hat Gott es nicht gewollt, dass Jesus so angesprochen wird. Könnte es sein, dass wir aus einem Wunsch oder unbewussten Gründen etwas in die Bibel hineinlegen (Eisegese) anstatt die Bibel selbst sprechen zu lassen (Exegese)? Zumindest sollten wir uns bewußt sein, dass wir im Text des Neuen Testaments kein Vorbild finden, in dem Jesus als Bruder angesprochen wird.

    Doch welchen Grund könnte es geben, dass Jesus zwar als Sohn Gottes bezeichnet wird und seine Jünger als Söhne oder Kinder Gottes bezeichnet werden, aber Jesus von diesen im Neuen Testament nicht als Bruder angesprochen wird, sondern als Herr (kyrios)?

    Vielleicht kennst du ja eine gute Begründung. Ich würde mich freuen, sie zu hören. Ich persönlich gehen davon aus, dass sie dies auch aus Respekt und echter Demut taten. Nehmen wir einmal die leiblichen Brüder und Schwestern Jesu. Stell dir vor, du bist bei den Jüngern Jesu und dann kommt einer der leiblichen Brüder oder Schwestern oder Maria, die Mutter, dazu. Und sie würden dezent, aber immer wieder, sagen: „Also Jesus, mein Sohn, hat gesagt …“ Oder „Mein Bruder Jesus hat doch gelehrt …“. Auch wenn es stimmt, würden wir uns doch fragen: „Ist doch klar. Warum erwähnt sie oder er das dauernd? Doch nur, um sich hervorzuheben. Nur um die eigene Bedeutung durch diese Verwandtschaft zu betonen.“ Nun, das ist reine Spekulation. Aber es könnte erklären, warum wir das im uns erhaltenen Text nicht finden. Kannst du dir einen Paulus vorstellen, der sich bei allem Selbstbewusstsein als der niedrigste der Apostel, als Fehlgeburt bezeichnete, sich dann aber als ‚geistiger Bruder Christi‘ vorgestellt und damit angegeben hätte? Ok, ab und zu hat er gesagt, dass er das Evangelium direkt von Jesus empfangen hat und trat recht selbstbewußt auf. Aber sich als ‚Bruder Christi‘ anpreisen? Fehlanzeige.

    Ganz im Gegensatz dazu erinnere ich mich – und wir haben das in einigen Zitaten in diesem Artikel auch gelesen – mit welchem Selbstbewusstsein Glieder der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas sich als ‚Gesalbte‘ bezeichnen und als ‚Brüder Christi‘ Gehorsam verlangen. Ich erinnere mich, wie im Broadcasting der Zeugen Jehovas Gerrit Lösch als Glied der Leitenden Köprerschaft der Zeugen Jehovas davon schwärmte, wie sie von Herrlichkeit zu Herrlichkeit immer herrlicher werden. Oder wie andere ausführten, welche wichtige Rolle sie in Harmagedon und für das Leben aller spielen werden. Und welche Freude es sein wird, das zu tun – was einschließt, Milliarden von Menschen nach der Lehre der Leitenden Körperschaft in Harmagedon zu vernichten. Und dass sie bei all dem ‚Den Gesalbten‘, Jesus, das Haupt der Versammlung, der über Alles gesetzt wurde, in den Hintergrund gedrängt haben.

    Welchem Vorbild willst du folgen?

    Ihr nennt mich Lehrer und Herr, und ihr sagt recht, denn ich bin es.

    Johannes 13:13 Elberfelder
  • Metamorphose: Wie aus einer beratenden Gemeinschaft der Kanal Gottes wurde

    Metamorphose: Wie aus einer beratenden Gemeinschaft der Kanal Gottes wurde

    Von Christian


    Hätte ich als kleines Kind meiner Großeltern gefragt, wer denn in der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas ist, hätten sie mich wohl etwas verwundert angeschaut. Aber das ist nur rein hypothetisch, denn damals wurde der Begriff ‚Leitende Körperschaft‘ kaum verwendet.

    Tatsächlich konnte man zum Beispiel im Buch Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes (veröffentlicht von Jehovas Zeugen im Jahr 1966) auf Seite 34 in der Tabelle lesen:

    Tabelle 2/2 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Tabelle 2/2 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes

    um 49 u.Z. Jerusalem: Beratende Versammlung der Apostel und älteren Männer entscheidet gegen die Verwendung von Blut und gegen Erwürgtes Apg. 15

    Ewiges Leben in der Freiheit der Söhnte Gottes, 1966, S. 34

    Ab und zu wurde aber der Begriff schon vorher in den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas verwendet, zum Beispiel im Wachtturm 1960:

    18 … Als die Frage der Beschneidung entstand, berief Paulus nicht eine Synode der Versammlungsaufseher von Antiochien und der übrigen Provinz Syrien ein, um die Sache zu entscheiden, noch erwartete er, daß der Geist Gottes die Versammlungen direkt leite, sondern er begab sich zur sichtbaren leitenden Körperschaft in Jerusalem, und nachdem die Angelegenheit unter der Leitung des Geistes, der auf dieser Körperschaft ruhte, dort geklärt worden war, wurde Paulus zu den Versammlungen zurückgesandt, damit er ihnen die Entscheidung bekanntgebe …

    (a) Wurden die Ortsversammlungen in der Urkirche durch den Geist geleitet? (b) Weshalb könnte man sich vorstellen, daß sich Schwierigkeiten in bezug auf Entscheidungen ergeben hätten, die die sichtbare leitende Körperschaft in Jerusalem fällte, und entstanden solche wirklich?

    Wachtturm 1960 1.10. S. 598 Die Einheit der christlichen Kirche

    Wie gesagt, der Begriff wurde in Bezug auf die Leitung der Organisation der Zeugen Jehovas selten verwendet. Ein Beispiel:

    Diese Klasse des „Sklaven“ hat eine leitende Körperschaft, die Ratschläge und Richtlinien ausgibt, wie diese durch Elihu veranschaulicht wurden, als er einst Hiob Ratschläge erteilte. (Hiob 32:1-6)

    w60 15. 9. S. 566-573 Mit dem „treuen und verständigen Sklaven“ wach bleiben

    Wer oder was das ist, blieb in dem Wachtturm ungeklärt, denn diese „leitende Körperschaft“ wird in diesem Artikel nur in diesem Satz einmal erwähnt. Mit dem Index der Veröffentlichungen kann jeder selbst überprüfen, dass vor 1972 diese Begriff sowohl für das erste Jahrhundert als auch die Neuzeit sehr selten verwendet wurde:

    Wann ging es denn dann mit den neuzeitlichen Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas so richtig los? In der obigen Bildschirmkopie habe ich schon den Artikel unter dem Stichwort ‚Beginn‘ markiert. Einige Auszüge daraus:

    AM Freitag vormittag, dem 1. Oktober 1971, hielt die gesetzlich eingetragene Körperschaft, bekannt als Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, ihre jährliche Mitgliederversammlung ab, und zwar diesmal im Kongreßsaal der Zeugen Jehovas in Buckingham (Pennsylvanien). …
    Bei dieser Gelegenheit tauchte eine Frage auf, die dann vom Podium aus erörtert wurde. Es ging dabei um das Verhältnis zwischen dem Vorstand der als Gesellschaft gesetzlich eingetragenen Körperschaft und der leitenden Körperschaft der christlichen Zeugen Jehovas. Sind sie ein und dasselbe, also identisch, oder unterscheiden sie sich? Diese Fragen waren darauf zurückzuführen, daß in früheren Publikationen gesagt worden war, die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas im Hauptbüro sei mit dem Vorstand der erwähnten Gesellschaft verbunden. …
    Wie trat diese leitende Körperschaft in jüngster Zeit in Erscheinung? Offensichtlich unter der Leitung Jehovas Gottes und seines Sohnes Jesus Christus. Wie die Tatsachen zeigen, kam es zu einer Verbindung der leitenden Körperschaft mit der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania. C. T. Russell gehörte damals, im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, offensichtlich der leitenden Körperschaft an.
    Die leitende Körperschaft hat ihr streng abgegrenztes geistiges Wirkungsfeld. Die gesetzlich eingetragene, nicht gewinnerstrebende Körperschaft, die Gesellschaft, hat als Verwaltungsorgan der Zeugen Jehovas viele weitere Aufgaben. Die leitende Körperschaft ist Gott für die religiöse Gesellschaft, die den christlichen Zeugen Jehovas als Werkzeug dient, sehr dankbar. …
    Vor 1 900 Jahren wirkte die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in Verbindung mit ihrer leitenden Körperschaft ohne eine vom Cäsar genehmigte, gesetzlich eingetragene Körperschaft, und sie hatte Erfolg und leistete Hervorragendes. Wie verhält es sich mit der leitenden Körperschaft der Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in der heutigen Zeit? Kann sie ebenfalls ohne die gesetzlich eingetragene, nicht gewinnerstrebende Körperschaft, bekannt als Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, wirken und dabei Erfolg haben? Im Lichte des Beispiels, das uns die Apostel und ihre Mitältesten der Versammlung in Jerusalem im ersten Jahrhundert u. Z. gegeben haben, überlassen wir dir die Beantwortung dieser Frage.

    w72 1.4. S.211ff Eine leitende Körperschaft im Unterschied zu einer gesetzlich eingetragenen Körperschaft

    In diesem Artikel kommt der Begriff ‚Körperschaft‘ sage und und schreibe fast 90 mal vor! In diesem Artikel wurde also versucht, einen Zusammenhang zwischen einer ‚leitenden Körperschaft‘ im ersten Jahrhundert, dem ‚treuen und verständigen Sklaven‘ aus Jesu Gleichnis und der Leitung der Organisation und der gesetzlich eingetragenen Körperschaften herzustellen. Intressant ist, dass im Wachtturm 1972 unter anderem dies behauptet wurde:

    • C.T. Russel war ‚offensichtlich‘ Teil der leitenden Körperschaft.
    • Schon im 1. Jahrhundert wirkte die „Klasse des treuen und verständigen Sklaven““.
    • „Vor 1 900 Jahren wirkte die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in Verbindung mit ihrer leitenden Körperschaft.“
    • „leitenden Körperschaft der Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in der heutigen Zeit“
    • „Die leitende Körperschaft hat ihr streng abgegrenztes geistiges Wirkungsfeld.“

    Quizfrage: Welche dieser Aussagen gelten heute noch?

    Quizfrage 2: Ab wann wurde die Formulierung „die Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ nicht mehr verwendet und nur noch „der treue und verständige Sklave“ geschrieben?

    In der Folgezeit kam es zu Spannungen zwischen dem Präsidenten N. H. Knorr sowie dem Vizepräsidenten F. W. Franz und der neuen ‚Leitenden Körperschaft‘. Die Einzelheiten sind in veschiedenen Büchern schon erläutert worden. Wir fokusieren uns jetzt auf die geänderte Darstellung in den Veröffentlichungen.

    Noch 1971 wurde die Leitende Körperschaft so beschrieben:

    Heute hat die Organisation, die Gott gegründet hat, damit die gute Botschaft vom Königreich gepredigt werde, ebenfalls eine leitende Körperschaft. Sie vertritt die aus den gesalbten Christen bestehende Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“, von dem Jesus in einem Gleichnis gesprochen hat, das in Matthäus 24:45-47 aufgezeichnet ist. Diese gesalbten Christen kommen ihrer Verpflichtung, die geistige Speise „zur rechten Zeit“ auszuteilen, durch die leitende Körperschaft nach. Diese leitende Körperschaft ist eng verbunden mit den gesalbten Mitgliedern des Vorstandes der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania.

    w71 1. 5. S. 268-274 Weltweit die gute Botschaft verkündigen

    Wir halten fest: Der ‚treue und verständige Sklave‘ ist eine Klasse von ‚gesalbten Christen‘, welche sich der ‚Leitenden Körperschaft‘ bedient. Und diese ist eng mit dem Vorstand der Wachtturm-Organisation in Pennsylvania verbunden.

    Auch 1985 hieß es noch im Wachtturm:

    In der Neuzeit folgt die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die den „treuen und verständigen Sklaven“ des Herrn vertritt, demselben apostolischen Muster (Matthäus 24:45-47).

    w85 1. 1. S. 10-14 In der Verkündigung des Wortes Jehovas vereint

    Welche Rollte sollte die Leitende Körperschaft im Leben der Verkündiger haben? Schauen wir einmal, was 5 Jahre später gesagt wurde:

    16 Die irdische Habe des Königs Jesus Christus hat sich ständig vermehrt. … Dieses Wachstum hat die Erweiterung der Zentrale der Gesellschaft und ihrer Zweigbüros erforderlich gemacht sowie die Modernisierung von Herstellungs- und Verbreitungsmethoden. Weltweit mußten viele Königreichssäle und Kongreßsäle errichtet werden. Währenddessen ist die leitende Körperschaft weiterhin ihrer Verantwortung nachgekommen, was die Beaufsichtigung des Predigtwerkes, die Herstellung von Bibelstudienmaterial und die Ernennung von Aufsehern in den Zweigen, Bezirken, Kreisen und Versammlungen betrifft. Das sind die Königreichsinteressen, die Christus der Obhut des treuen und verständigen Sklaven, vertreten durch die leitende Körperschaft, übergeben hat.
    18 … Eine Möglichkeit, wie wir persönlich zeigen können, daß wir mit der leitenden Körperschaft zusammenarbeiten, besteht darin, in unseren täglichen Gebeten dieser in das besondere Amt eingesetzten Männer zu gedenken (Römer 12:12).
    19 Wie erreichen die Anweisungen und Entscheidungen der leitenden Körperschaft die Versammlungen? …

    w90 15. 3. S. 19 Heute mit der leitenden Körperschaft zusammenarbeiten

    Alles – auch materielle Dinge – sind Teil der irdische Habe, welche der Leitenden Körperschaft übergeben wurden. Das klang 1972 noch anders. Jeder soll sogar täglich für sie beten. Wenn das keine zentrale Rolle im Leben jedes Verkündigers ist. Und jeder hat sich über die Organisation der Zweige und Aufseher an ihre Anweisungen und Entscheidungen zu halten.

    Das wurde zum Beispiel auch im Wachtturm 2008 betont. Interessant ist hier einmal die Argumentationsweise zu analysieren:

    13 Jeder, der Jehovas Autorität anerkennt, muss sich vor dem Geist der Unabhängigkeit in Acht nehmen. Stolz kann uns glauben machen, wir benötigten von niemandem Anleitung. Womöglich sperren wir uns manchmal gegen den Rat derer, die unter Gottes Volk die Führung übernehmen. Gott hat jedoch vorgesehen, dass die Klasse des treuen und verständigen Sklaven für geistige Speise zur rechten Zeit sorgt (Mat. 24:45-47). Wir sollten demütig anerkennen, dass das der Weg ist, durch den Jehova heute für sein Volk sorgt. Ahmen wir doch die treuen Apostel nach. Als einige Jünger Anstoß an etwas nahmen, fragte Jesus seine Apostel: „Ihr wollt doch nicht etwa auch weggehen?“ Petrus antwortete: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“ (Joh. 6:66-68).

    w08 15.6. S.21 Abs 13 Die Autorität Jehovas anerkennen

    Die Argumentation beginnt damit, dass wir Jehovas Autorität anerkennen. Das wird mit Geist der Unabhängigkeit und dann Stolz verknüpft, von niemandem Anleitung zu benötigen. Also von der höchsten Autorität, zur Ablehnung der Anleitung von jedem. Das wird im nächsten Satz zu Rat umgemünzt. Von der Führung: Also der Leitenden Körperschaft und ihrer Organisation, ohne sie zu nennen. Über die Klasse (Anmerkung: Immer noch Klasse des …) des Sklaven und ‚Speise zu rechten Zeit‘ in Matthäus 24 wird dann begründet, dass dies von Gott so vorgesehen ist. Einmal abgesehen davon, dass in Matthäus 24 keine Klasse erwähnt wird, ist es ein Gleichnis. Jetzt kommt aber die Überraschung. Die Apostel werden als gutes Beispiel angeführt, als andere Jünger ‚Anstoß an etwas‘ nahmen. Was war denn dieses ‚etwas‘? War es ein Rat Jesu oder seine Anleitung? Nein! Es war Jesu Formulierung, sein Fleisch und Blut zu essen. Und zu wem gingen sie dann? Zur Jesus selbst. Und das können wir durch das Lesen in der Bibel heute immer noch genauso tun: Zu Jesus gehen. Insgesamt wieder ein schönes Beispiel, wie durch raffinierte Rhetorik und irreführende Argumentationsmethoden ein Gehorsam eingefordert wird, der sich nun leider halt nicht mit der Bibel begründen lässt.

    Welche Rolle spielt die Leitende Körperschaft noch? Wie bezeichnet sie sich heute, auch wenn der Begriff schon in den 1950er Jahren manchmal verwendet wurde?

    Wie diesen Worten zu entnehmen ist, bilden Jesu gesalbte Fußstapfennachfolger als Gruppe die „königliche Priesterschaft“, die Petrus auch eine „heilige Nation“ nannte. Sie sind der Kanal, durch den Jehova seinem Volk Anweisungen und biblische Anleitung zukommen lässt (Matthäus 24:45-47).

    w02 1.8. S. 13 Absatz 17 Sich loyal göttlicher Autorität unterwerfen

    Wir müssen uns daher in Acht nehmen, dass wir nicht für irgendwelche eigenen Vorstellungen und Verhaltensweisen eifern, die gar nicht im Wort Gottes verankert sind. Es ist immer am besten, das klare Licht zu akzeptieren, das durch den von Jehova ausgewählten Kanal auf Gottes Wort geworfen wird.

    w02 15.10. S.30

    Daher sind sie im Wachtturm April 2013 auch an dieser Stelle im Bild eingefügt:

    Im Jahr 2013 kam es zu einer noch beachtlicheren Änderung im ‚Verständnis der Bibel‘, ‚neues Licht‘ also:

    Der treue und verständige Sklave“: Eine kleine Gruppe geistgesalbter Brüder, die während der Gegenwart Christi federführend darin sind, die geistige Speise vorzubereiten und auszuteilen. Diese gesalbten Brüder bilden heute die leitende Körperschaft.

    w13 15. 7. S. 25 „Wer ist in Wirklichkeit der treue und verständige Sklave?“

    Es gab also nicht mehr eine Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“, der sich einer Körperschaft bildete, sondern die Leitende Körperschaft war selbst dieser Sklave – und daher fällt der Zusatz ‚Klasse des …‘ weg. Wäre ja auch bei nur wenigen Männern kaum passend. Bezeichnenderweise wurde im selben Wachtturm nicht nur bekannt gegen, dass sie mit Mark Sanderson erweitert wurde, sondern auch gleich ein Bild der Leitenden Körperschaft abgedruckt.

    Nur vier Monate später zeigte sich, welchen Anspruch diese Leitende Körperschaft nun hatte:

    Die lebensrettenden Anweisungen, die sie dann von Jehovas Organisation erhalten, mögen vom menschlichen Standpunkt aus unpraktisch erscheinen. Wir alle müssen bereit sein, jede Anweisung zu befolgen, ob sie nun vom strategischen oder menschlichen Standpunkt aus vernünftig erscheint oder nicht.

    w13 15. 11. S. 20 Sieben Hirten, acht Anführer: Was sie für uns heute bedeuten

    Im Jahr 2017 gab es in Bezug auf die Leitende Körperschaft ein paar weitere interessante Hinweise unter dem bezeichnende Thema: Wer führt Gottes Volk heute?

    10 Im Jahr 1919, drei Jahre nach Bruder Russells Tod, setzte Jesus den „treuen und verständigen Sklaven“ ein. Wozu? Um seinen Hausknechten „Speise zur rechten Zeit zu geben“ (Mat. 24:45). Schon damals war eine kleine Gruppe gesalbter Brüder in der Weltzentrale in Brooklyn (New York) tätig, die für Jesu Nachfolger geistige Speise vorbereitete und an sie austeilte. Die Bezeichnung „leitende Körperschaft“ erschien in unseren Publikationen zum ersten Mal in den 1940er-Jahren. …
    Wie in der Ausgabe des Wachtturms vom 15. Juli 2013 erklärt wurde, ist der „treue und verständige Sklave“ eine kleine Gruppe gesalbter Brüder, die die leitende Körperschaft bildet.
    13 Anzeichen für die Wirkung des heiligen Geistes. Der heilige Geist hat der leitenden Körperschaft geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen. Denken wir beispielsweise an die erwähnte Liste der klargestellten Glaubensansichten. Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. (Lies 1. Korinther 2:10.) Die leitende Körperschaft empfindet wie Paulus, der schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Kor. 2:13). …
    Anzeichen für die Unterstützung durch Engel. Heute hat die leitende Körperschaft die gewaltige Aufgabe, eine internationale Predigttätigkeit zu beaufsichtigen, an der sich über acht Millionen Verkündiger beteiligen. Warum ist diese Tätigkeit so erfolgreich? Unter anderem, weil Engel daran beteiligt sind. (Lies Offenbarung 14:6, 7.) …
    16 Lies Hebräer 13:7. Das Wort, das mit „gedenken“ wiedergegeben wird, kann auch mit „erwähnen“ übersetzt werden. Eine Möglichkeit, derer zu gedenken, die „die Führung übernehmen“, besteht deshalb darin, die leitende Körperschaft in unseren Gebeten zu erwähnen (Eph. 6:18). …
    17 Der leitenden Körperschaft gedenken wir natürlich nicht nur mit Worten, sondern auch, indem wir uns eng an ihre Anweisungen halten. Die leitende Körperschaft gibt uns diese Anweisungen durch Veröffentlichungen, in Zusammenkünften und auf Kongressen. Außerdem ernennt sie Kreisaufseher, die wiederum Älteste ernennen. Kreisaufseher und Älteste gedenken der leitenden Körperschaft dadurch, dass sie sich eng an ihre Richtlinien halten. Wir alle zeigen Jesu Führung gegenüber Respekt, wenn wir uns gehorsam denen unterordnen, durch die er uns leitet (Heb. 13:17).

    w17 Februar S. 23-28 Wer führt Gottes Volk heute? (Kursivschrift in der Veröffentlichung)

    Wir halten fest:

    • Russel war nicht mehr ‚offensichtlich‘ Teil des „treuen und verständigen Sklaven“ der vor 1900 Jahren wirkte, wie es noch 1971 hieß.
    • Der „treue und verständige“ Sklave wirkt nicht mehr durch die Leitende Körperschaft. Sie ist der Sklave.
    • Der heilige Geist hilft der Leitenden Körperschaft bei ihren Lehren. Auch wenn vorsichtshalber im Abschnitt davor gesagt wird, dass sie nicht unfehlbar sind und sogar Liste mit ‚neuem Licht‘ veröffentlichen
    • Engel helfen der Leitenden Körperschaft. Das wird zwar in Bezug auf das Predigtwerk gesagt, aber im Kontext der Führung durch die Leitende Körperschaft.
    • Man soll für die Leitende Körperschaft beten.
    • An die Anweisungen und Richtlinien halten. „Wir alle zeigen Jesu Führung gegenüber Respekt, wenn wir uns gehorsam denen unterordnen, durch die er uns leitet“

    Auch dieser Artikel wieder mit einem Bild der Leitenden Körperschaft. Für die Leitende Körperschaft zu beten, wurde auch im Wachtturm 2022 wieder betont. In der Erklärung zu diesem Bild:

    Worum können wir für unsere Brüder und Schwestern beten? (Siehe Absatz 14-16)
    BILDBESCHREIBUNG: Eine Schwester betet um heiligen Geist für die Leitende Körperschaft und um Hilfe für Brüder und Schwestern, die von Natur­katastrophen oder Verfolgung betroffen sind.

    Die Bildbeschreibung im Wachtturm sagt: „Eine Schwester betet um heiligen Geist für die Leitende Köperschaft …“ Abgebildet ist ausgerechnet Anthony Morris III … der seit Anfang 2023 … nicht mehr Teil der Leitenden Körperschaft ist.

    Wie ernst ist es der Leitenden Körperschaft damit, dass man ihren Anweisungen folgt?

    In der großen Drangsal wird sich etwas ändern, was die Führung von Gottes Volk auf der Erde betrifft. Die Gesalbten, die noch auf der Erde sind, werden irgendwann alle in den Himmel kommen, um sich am Krieg von Armageddon zu beteiligen (Mat. 24:31; Offb. 2:26, 27). Die leitende Körperschaft wird also nicht mehr bei uns auf der Erde sein. Aber die große Volksmenge wird weiter organisiert sein. Fähige Brüder, die zu den anderen Schafen gehören, werden die Führung übernehmen. Wir müssen dann unsere Loyalität dadurch beweisen, dass wir diese Brüder unterstützen und die Anleitung, die Gott durch sie gibt, befolgen. Unser Leben hängt davon ab.

    w19 Oktober S. 17-18

    Das Leben hängt also nicht nur davon ab, dass man den Anweisungen der jetzigen Leitenden Körperschaft folgt, sondern auch deren Helfern, die nicht zum „treuen und verständigen Sklaven“ gehören! Ist dir aufgefallen, dass hier kein einziger Bibeltext als Beweis angegen ist? Na, dann gibt es wohl keinen. Aber diese Worte Jesu:

    Meine Schafe hören auf meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir. Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreissen.

    Johannes 10:27, 28 Züricher

    Welche Aufgaben hat die Leitenden Körperschaft nun? Im Organisiert-Buch der Zeugen Jehovas, das alle organisatorischen Anweisungen für Verkündiger enthält – bis auf die geheimen Bücher und Brief an Älteste und Zweige – heißt es:

    5 Während der gesamten letzten Tage dienen die gesalbten Brüder, die den treuen Sklaven bilden, gemeinsam in der Weltzentrale. Diese gesalbten Brüder bilden heute die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas. …
    6 … Dementsprechend hat der treue und verständige Sklave die Verantwortung, den Haushalt der Gläubigen zu verwalten. Das schließt sowohl den verantwortlichen Umgang mit materiellen Mitteln ein als auch die Aufsicht über das Predigtwerk, das Zusammenstellen von Kongressprogrammen, die Ernennung von Aufsehern für die verschiedenen organisatorischen Aufgaben und das Herstellen von biblischen Veröffentlichungen. …

    od Kap. 3 S. 19-20 „Denkt an die, die unter euch die Führung übernehmen“

    Hies es im Wachtturm 1972 noch, dass „Die leitende Körperschaft ihr streng abgegrenztes geistiges Wirkungsfeld hat.“, so kontrolliert sie jetzt auch alle materiellen Mittel und die komplette Organisation und sogar das (ewige) Leben jedes Zeugen Jehovas.

    Hat sich seitdem etwas an der Stellung der Leitenden Körperschaft geändert. Wenn man diesen Wachtturm von 2021 oberflächlich liest, könnte man es fast meinen:

    Die Mitglieder der leitenden Körperschaft sind nicht die Herren über den Glauben ihrer Brüder und Schwestern (2. Kor. 1:24). Sie erkennen Jesus Christus als Haupt der Christenversammlung an und stimmen von ganzem Herzen dem zu, was er zu seinen Jüngern sagte: „Ihr seid alle Brüder“ (Mat. 23:8).

    w21 Februar S. 19 Die Leitung durch ein Haupt in der Versammlung

    Aber man muss im Kasten nur weiter lesen:

    Außerdem nimmt die leitende Körperschaft ihre Verantwortung sehr ernst, für geistige Nahrung und Anleitung aus Gottes Wort zu sorgen. Das tut sie durch Briefe, schriftliche Richtlinien und Veröffentlichungen, JW Broadcasting® sowie durch Schulen, Zusammenkünfte und Kongresse (Apg. 15:22-35)

    w21 Februar S. 19 Die Leitung durch ein Haupt in der Versammlung

    Also gibt es doch ‚schriftliche Richtlinien‘. Kann man diesen nun Folge leisten oder nicht? Kann man wirklich einen Glauben haben, der von den Lehren der Leitenden Körperschaft abweicht? Wir brauchen nicht raten. Ein Jahr später konnte man lesen:

    8 Heute leitet Jehova den irdischen Teil seiner Organisation durch den „treuen und verständigen Sklaven“ (Mat. 24:45). Wie die leitende Körperschaft im 1. Jahrhundert hat dieser Sklave die Verantwortung für Gottes Volk weltweit und leitet Anweisungen an die Versammlungsältesten weiter. (Lies Apostelgeschichte 16:4, 5.) Die Ältesten sorgen dafür, dass diese Anweisungen in den Versammlungen umgesetzt werden. Wenn wir uns nach der Anleitung richten, die von Jehovas Organisation und den Ältesten kommt, beweisen wir, dass wir der Vorgehensweise Jehovas vertrauen.
    15 Je näher das Ende dieses Weltsystems rückt, desto wichtiger ist es, der Vorgehensweise Jehovas zu vertrauen. Während der großen Drangsal erhalten wir vielleicht Anweisungen, die seltsam, nicht umsetzbar oder unlogisch erscheinen. Natürlich wird Jehova nicht zu jedem von uns persönlich sprechen. Höchstwahrscheinlich wird er durch seine Repräsentanten Anweisungen geben. Das ist dann kaum der richtige Zeitpunkt, Anweisungen anzuzweifeln und sich skeptisch zu fragen: „Kommt das wirklich von Jehova oder handeln die verantwortlichen Brüder auf eigene Faust?“ Wie werden wir in dieser kritischen Phase der Menschheitsgeschichte reagieren? Die Antwort könnte daran zu erkennen sein, wie wir heute über theokratische Anweisungen denken. Wenn wir der Anleitung, die wir heute erhalten, vertrauen und uns gern danach richten, werden wir das bestimmt auch während der großen Drangsal tun (Luk. 16:10).

    w22 Februar S. 4 Vertraust du der Vorgehensweise Jehovas?

    Und nur zwei Monate später:

    Wir müssen die Lehren von Abtrünnigen zurückweisen. … Wie ist es heute? Wir müssen alles ablehnen, was mit der Denkweise Jehovas unvereinbar ist. Abtrünnige erwecken manchmal den Eindruck, „als hätten sie Gottesfurcht, aber die Kraft dahinter zeigt sich in ihrem Leben nicht“ (2. Tim. 3:5). Je intensiver wir uns mit Gottes Wort beschäftigen, desto leichter fällt es uns, falsche Lehren zu erkennen und zurückzuweisen (2. Tim. 3:14-17; Jud. 3, 4).

    w22 Mai S. 4 Die Offenbarung und du

    Und wer legt fest, was „mit der Denkweise Jehovas unvereinbar ist“? Die Leitende Körperschaft! Aber ich darf ja nicht aus dem geheimen Hütet-Buch für Älteste zitieren … Obwohl. Man kann es ja sogar im Internet finden. Also hier die geheimen Anweisungen an Älteste, Hütet die Herde Gottes Ausgabe November 2022, Kapitel 12 Beurteilten, ob ein Rechtskomitee gebildet werden muss.

    39 Abtrünnigkeit: Abtrünnigkeit bedeutet, sich von der wahren Anbetung abzuwenden, davon abzufallen, sie vollständig aufzugeben und dagegen zu rebellieren. Darunter fällt:
    (1) Festtage der falschen Religion feiern
    (2) Beteiligung an Aktivitäten anderer Religionen
    (3) Absichtlich Lehren verbreiten, die der biblischen Wahrheit widersprechen (2. Joh. 7, 9, 10; lvs S. 245; it-1 S. 22, 23): Hat jemand aufrichtig Zweifel an der biblischen Wahrheit, wie Jehovas Zeugen sie lehren, sollte man ihm helfen und liebevoll Beistand leisten (2. Tim. 2:16-19, 23-26; Jud. 22, 23). Ständig über falsche Lehren zu sprechen oder sie absichtlich zu verbreiten, kann Abtrünnigkeit sein oder dazu führen. Reagiert jemand nicht auf eine erste und zweite Ermahnung, wird ein Rechtskomitee gebildet (Tit. 3:10, 11; w86 1. 4. S. 30, 31).
    (4) Spaltungen verursachen, Sekten fördern (Roöm. 16:17, 18; Tit. 3:10, 11): Vorsätzlich die Einheit der Versammlung zu stören oder das Vertrauen der Brüder in die Leitung Jehovas zu untergraben, kann Abtrünnigkeit sein oder dazu führen (it-2 S. 907).
    (5) Jemandes Berufstätigkeit fördert falsche Religion
    (6) Spiritismus
    (7) Götzendienst

    Hütet die Herde Gottes Ausgabe November 2022, Kapitel 12 Beurteilten, ob ein Rechtskomitee gebildet werden muss

    Allerdings ist der Satz aus dem Wachtturm Mai 2022 irgendwie schon richtig: „Je intensiver wir uns mit Gottes Wort [die Bibel ist hier gemeint] beschäftigen, desto leichter fällt es uns, falsche Lehren zu erkennen und zurückzuweisen.“ Das kann ich wirklich jedem aufrichtigen Zeugen Jehovas ans Herz legen.

    Man kann den Anspruch der Leitenden Körperschaft in Bezug auf den Glauben eines jeden Verkündigers auch indirekt formulieren, siehe Wachtturm November 2022:

    Die Gesalbten leben seit 1919 in einem geistigen Paradies*. Im Lauf der Zeit sind dann auch die „anderen Schafe“, also Menschen, denen ewiges Leben auf der Erde in Aussicht steht, in dieses Land gekommen.
    Fußnote: KURZ ERKLÄRT: Der Ausdruck „geistiges Paradies“ beschreibt die sichere Umgebung, in der wir Jehova vereint anbeten. Dort haben wir eine Fülle an geistiger Nahrung, die von falschen religiösen Lehren frei ist.

    w22 November Mit Jehovas Hilfe durchhalten, ohne die Freude zu verlieren

    Und was haben wir jetzt schon so oft im Wachtturm gelesen, wer die „geistige Nahrung“ zur Verfügung stellt, also festlegt? Die Leitende Körperschaft …

    Und es gibt ja noch das aktuelle Video von 2023 Kenneth Flodin setzt die Stimme der Leitenden Körperschaft mit der Stimme von Jesus Christus gleich in dem gesagt wird:

    “Die Leitende Körperschaft ist mit der Stimme Jesu, dem Haupt der Versammlung, vergleichbar. Wenn wir also bereitwillig dem treuen Sklaven [ein anderer Begriff für die Leitende Körperschaft] folgen, folgen wir letztlich Jesu Anleitung und unterstellen uns seiner Autorität.“

    Kenneth Flodin setzt die Stimme der Leitenden Körperschaft mit der Stimme von Jesus Christus gleich

    Damit ist wohl alles gesagt.

    Aus einer ‚beratenden Gemeinschaft‘ ist der einzige Kanal Gottes geworden, dem alle Habe übergeben wurde: Immobilien und Geld, absolute Macht über die Lehren und das Leben der Zeugen Jehovas.

    Der Stellvertreter Christi auf Erden.

    Ich übertreibe?

    Ist Christus auf der Abbildung im Wachtturm April 2013 denn irgendwo zu sehen? Nein, sondern dieser Stellvertreter Christi ist direkt unter Gott als Nummer 1 auf der Erde zu sehen. Auch wenn Katholiken hier heftig widersprechen dürften. Haben sie mit dem Papst doch schon den Stellvertreter Christi auf Erden (siehe z.B. katholisch.de). Aber das ist ein anderes Thema …

    War das in der Abbildung im Wachtturm April 2013 nur eine Nachlässigkeit? Wachtturm 2022 Februar S. 4. Abs. 8

    Heute leitet Jehova den irdischen Teil seiner Organisation durch den „treuen und verständigen Sklaven“ (Mat. 24:45). Wie die leitende Körperschaft im 1. Jahrhundert hat dieser Sklave die Verantwortung für Gottes Volk weltweit und leitet Anweisungen an die Versammlungsältesten weiter. (Lies Apostelgeschichte 16:4, 5.) Die Ältesten sorgen dafür, dass diese Anweisungen in den Versammlungen umgesetzt werden. Wenn wir uns nach der Anleitung richten, die von Jehovas Organisation und den Ältesten kommt, beweisen wir, dass wir der Vorgehensweise Jehovas vertrauen.

    Wachtturm 2022 Februar S. 4. Abs. 8

    Was sagt die Bibel? Also sogar die Bibel der Leitenden Körperschaft. Wer leitet die Versammlung?

    … so wie der Christus das Haupt der Versammlung ist …

    Epheser 5:23 Neue Welt Übersetzung der Zeugen Jehovas

    Aber damit ist nun wirklich alles gesagt.

  • Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas lässt ein (Bibel)Buch verschwinden – Teil 2

    Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas lässt ein (Bibel)Buch verschwinden – Teil 2

    Von Christian


    Im ersten Teil (Text, Video) haben wir gesehen, wie die Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas das Buch Kommentar zum Jakobusbrief in der digitalisierten Welt hat verschwinden lassen. In den vielen Kommentaren zu dem Video gab es auch eine Anmerkungen, auf die ich jetzt eingehen möchte.

    „Das kann nicht der Grund sein“

    Einer der Kommentare war: Dass Edward Dunlap der Autor des Buches war, der wegen ‚Abtrünnigkeit‘ ausgeschlossen wurde und das Buch deswegen verschwand, das kann nicht der Grund sein.

    Daher habe ich einmal alle Jahre seit 1970 übrprüft, ob noch andere Bücher nicht in die Online-Bibliothek aufgenommen wurden. Natürlich werden die Bücher irgendwann nicht mehr neu gedruckt. Vor einiger Zeit gab es ja sogar einen Brief (sprich Anweisung) der Leitenden Körperschaft an die Ältesten, Bestände älterer Literatur zu vernichten.

    Die anderen Bücher seit 1970 sind aber durchaus alle in der Online-Bibliothek enhtalten. Also Teil des ’spirituellen Erbes’ sozusagen. Daraus kann nun jeder selbst seine Schlüsse ziehen.

    Das Offenbarungs-Buch von 1988 war eine Zeit lang nicht online verfügbar. Mittlerweile ist es als Auflage 2006 in die Bibliothek. Auch andere Bücher sind jetzt in neuer Auflage online verfügbar – also in der Regel gegenüber dem gedruckten Buch verändert. Einige erinnern sich vielleicht noch an die Verwirrung in den Zusammenkünften, wenn einige die gedruckten Bücher verwendeten, andere die ausgedruckten Korrekturen und später dann die ständig aktualisierte Ausgabe in der JW Library. Ich habe als Wachtturm-Studienleiter einmal den Scherz gemacht, dass ich hoffe, dass während des Wachtturm-Studiums keine Aktualisierung des Artikels verfügbar ist …

    Und schließlich gibt es noch die Bücher, welche regelmäßig ersetzt wurden. Die Bücher für Bibelstudien zum Beispiel. Aber auch die Organisiert-Bücher (bzw. vorher Broschüren und Buch-Anhänge) – mit teils erheblichen Änderungen im Text.

    Aber mir war noch eine ganz andere Frage in den Sinn gekommen…

    Verwendet die Organisation überhaupt noch das Bibelbuch Jakobus?

    Diese Frage stellte sich mir, als ich über die letzten Jahre nachdachte. Konnte ich mich erinnern, dass aus Jakobus überhaupt noch zitiert wurde. Wenn du ein Zeuge Jehovas bist oder warst, kannst du dich daran erinnern, dass aus Jakobus zitiert wurde?

    Da wollte ich mich nicht auf die vage Erinnerung oder ein Gefühl verlassen. Nun gut, es kam halt der Analytiker in mir durch. Und da müsst ihr jetzt mit durch. Aber keine Sorge, ich präsentiere nur die Ergebnisse.

    Wie oft wurde aus Jakobus zitiert?

    Also habe ich das Schrifstellenverzeichnis im deutschen Index von 1945-1985 und 1986-2022 analysiert. Der englische Index reicht noch bis 1930 zurück, aber das macht hier keinen Unterschied. Zuerst schauen wir einmal, ob die Zahlen so stimmen. Jakobus hat 5 Kapitel und 108 Verse. Wie oft wird wohl pro Jahr daraus zitiert?

    Tatsächlich wird diese Zahl won 108 Version im jähr 1979 sogar überschritten. In diesem Jahr wurde der Kommentar zum Jakobusbrief veröffentlicht, der alle Verse behandelt. Das passt also.

    1997 sind es dann immerhin noch 102 Zitate. In drei Studienartikeln des Wachtturms w97 15.11. wird der komplette Jakobusbrief abgehandelt. Wenige Seiten anstelle eines ganzen Buches. Na ja. Da schauen wir uns mal den Schluß an.

    Wie beginnt Absatz 22?

    „Der Brief des Jakobus enthält für jeden von uns nützliche Gedanken.“

    w97 15.11. S.24 Abs. 22

    Dann müsste eigentlich auch fleißig aus diesem Buch zitiert werden, oder? Das ist aber in den meisten der letzten 80 Jahre nicht der Fall. Wie fasst die Leitende Körperschaft die Betrachtung des Buches Jakobus zusammen?

    „Es stimmt zwar, daß der Brief des Jakobus ursprünglich für die damaligen gesalbten Christen bestimmt war. Doch wir alle sollten uns durch den darin enthaltenen Rat helfen lassen, an unserem Glauben festzuhalten. Die Worte des Jakobus können unseren Glauben so sehr stärken, daß er uns zu entschiedenem Handeln im Dienst für Gott veranlaßt. Und dieser von Gott inspirierte Brief läßt uns einen beständigen Glauben entwickeln, der uns heute, während der „Gegenwart des Herrn“ Jesus Christus, zu geduldigen, ernsthaften Zeugen Jehovas macht.“

    w97 15.11. S.24 Abs. 23

    Der Absatz beginnt mit „Es stimmt zwar …“, doch am Ende habe ich mich gefragt: Stimmt irgendetwas von dem, was die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas in diesem Absatz schreiben lies und damals weltweit im Wachtturm-Studium jedem Zeugen vorgelesen wurde?

    • Nein, es stimmt nicht, dass der Brief des Jakobus im ersten Jahrhundert an die eine Gruppe von Christen geschrieben wurde, heute aber auch für die überwiegende Mehrheit der Zeugen, die sogenannten ‚anderen Schafe‘ gilt. Denn die Lehre der himmlischen und irdischen Hoffnung, ‚gesalbter Überrest‘ und ‚andere Schafe‘ stammt nicht aus der Bibel sondern der Feder J.F. Rutherfords. (siehe z.B. Wahre Anbetung identifizieren, Teil 8: Die Lehre der Zeugen Jehovas über die ‚Anderen Schafe‘)
    • Und war es nicht genau dieser Punkt, weswegen man zwei Jahre nach Veröffentlichung des Kommentar zum Jakobusbrief im Wachtturm 1981 ‚Fragen von Lesern‘ einen Widerruf veröffentlichte (w81 15.4. S. 31), mit dem Inhalt, dass diese Lehre immer noch gilt? Dort wurde nachträglich der Begriff ‚gesalbte Christen‘ in den Buchtext eingeführt, um das Buch an die Lehre anzupassen. Das war sicher auch ein Grund, neben dem Gemeinschaftsentzugs dessen Autors, warum das Jakobus Buch in Ungnade fiel.
    • Zum Begriff ‚gesalbte Christen‘ gibt es bald auch ein Video. Du ahnst vermutlich schon, dass damit auch etwas nicht stimmt.
    • Natürlich darf nicht der ‚Hinweis‘ auf „entschiedenes Handeln im Dienst für Gott” fehlen. Also der übliche subtile Leistungsdruck, der ständig ausgeübt wurde. Wo steht in Jakobus etwas von „entschiedenem Handeln im Dienst für Gott”, was jeder Zeuge mit dem Predigtdienst verbinden wird? Was sagt denn Jakobus wirklich? Jakobus 1:27 gemäß der Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas: „Die Art Anbetung,* [Fn. Oder die Religion] die vom Standpunkt unseres Gottes und Vaters aus rein und makellos ist, sieht so aus: nach Waisenkindern und Witwen in ihrer Not* [Fn. Oder Drangsal] zu sehen und unbefleckt von der Welt zu bleiben.“ Und das ist ein Text, der oft verwendet wird, wie wir gleich sehen werden.
    • Dass danach gleich der Hinweis auf „heute, während der „Gegenwart des Herrn“ Jesus Christus“ folgt, ist auch ein wiederkehrendes Muster. Es begründet und erhöht das ‚Dringlichkeitgsbewußtsein‘, weil damit ja nicht mehr viel Zeit bleibt für das „entschiedene Handeln im Dienst für Gott“. Nur sagt das Bibelbuch Jakobus nicht, dass „heute“ – also vor rund 25 Jahren – Jesus unsichtbar gegenwärtig ist. Eine weitere zentrale Lehre an der die Leitende Körperschaft eisern festhält, obwohl sie den Fakten nicht standhält (siehe Wahre Anbetung identifizieren, Teil 5: 1914 – Eine Überprüfung der Lehre der Zeugen Jehovas und das Buch “Die Zeiten der Heiden neu überdacht”).
    • Und warum wird man damit zu einem „ernsthaften Zeugen Jehovas“? Wo soll das in Jakobus stehen?
    • Mir fiel auch das Wort „geduldig“ auf. Nicht nur, weil das Motto der Kongresse 2023 der Zeugen Jehovas „Übt Geduld“ ist. Der Kongress beginnt mit: VORTRAG DES VORSITZENDEN: Übt Geduld – warum? (Jakobus 5:7, 8; Kolosser 1:9-11; 3:12) Und tatsächlich wird Jakobus zitiert. Aber was lesen wir dort? Jakobus 5:7 „ Habt nun Geduld, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn!“ (Elberfelder). Bis zur Ankunft des Herrn! Aber der Herr ist doch laut Lehre der Leitenden Körperschaft schon gegenwärtig seit 1914! Also hat sich dieser Hinweis des Jakobus doch erledigt, oder? Aber der Wachtturm ist ja auch schon wieder ein Vierteljahrhundert alt.
    • Und ist dir aufgefallen, dass in dem zusammenfassenden letzten beiden Absätzen nicht auch nur eine Aussage mit dem Hinweis auf einen Bibeltext untermauert wird?

    Aber eigentlich wollte ich mich ja auf die Verwendung des Bibelbuchs Jakobus konzentrieren und nur mal kurz in den Wachtturm-Artikel schauen … .

    Die 59 Referenzen im Jahr 1990 führen überwiegend zu den beiden Bänden Einsichten über die Heilige Schrift. Im Jahr 1962 waren es wenige Artikel im Wachtturm und Erwacht, in denen Jakobus betrachtet wurde. Jakobus schien aber in dieser Zeit durchaus gern zitiert worden zu sein. Ebenso in den Jahren vor 1979, der Veröffentlichung des verschwundenen Buches.

    Erstaunlich ist allerdings, dass seit 2000 für 20 Jahre eine regelrechrecht Flaute ist.

    Rund 10 Referenzen in 20 Jahren nur. Die meisten im Buch Komm Jehova doch näher und dem Organisiert-Buch (od). Erst 2021 in Glücklich – für immer. Ein interaktiver Bibelkurs wird Jakobus wieder verwendet. Davor viele Jahre überhaupt nicht. Mein Eindruck ist, dass inm letzten Vierteljahrhundert Jakobus für die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas keine Rolle mehr spielte. Und dass ich mich an die Verwendung nicht mehr erinnern konnte, stimmte also.

    Welche Verse werden häufig, welche gar nicht zitiert?

    In einem Buch wie dem Kommentar zum Jakobusbrief wurde jeder Vers betrachtet. Selbst die 3 Artikel im Wachtturm 1997 15.11. schaffen es irgenwie, auf fast alle Verse zu verweisen. Aber wie wurden die einzelnen Verse aus Jakobus sonst in der Literatur der Zeugen Jehovas verwendet?

    Auf den ersten Blick stechen da einige wenige Verse hervor. Es gibt wenige Verse, die viel häufiger als andere verwendet werden. Dahinter steckt einige gewisse Methodik, die wir erkennen werden, wenn wir uns diese Verse gleich einmal anschauen. Ein Vers, der in dieser Grafik mit nur 2 Verwendungen erscheint, wurde außer im Kommentar zum Jakobusbrief und dem einen Wachtturm 1997 sonst nie in 80 Jahren verwendet!

    Schauen wir uns also zuerst einmal einige der am meisten zitierten Texte an. Jetzt bitte noch nicht spicken. Versuch doch einmal, dich zu erinnern, wenn du ein Zeuge Jehovas bist oder warst, welche Texte dir so einfallen.

    Die am häufigsten zitierten Verse

    Wie man sieht, werden ganze 3 Verse sehr häufig verwendet, und dann nimmt es steil ab.

    Jakobus 1:27

    Die Art Anbetung,* [Oder: die Religion] die vom Standpunkt unseres Gottes und Vaters aus rein und makellos ist, sieht so aus: nach Waisenkindern und Witwen in ihrer Not* [Oder: Drangsal] zu sehen und unbefleckt von der Welt zu bleiben.

    Jakobus 1:27 NWÜ 2018

    Die Form der Anbetung, die vom Standpunkt unseres Gottes und Vaters aus rein und unbefleckt ist, ist diese: nach Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu sehen und sich selbst von der Welt ohne Flecken zu bewahren.

    Jakobs 1:27 NWÜ

    Dieser Text wird ganz oft wegen dem letzten Teil verwendet: Haltet euch getrennt von der bösen Welt, kein enger Umgang mit Weltmenschen. Aber was hat Jakobus wohl gemeint, wenn er davon sprach, “nach Waisen und Witwen in ihrer Not zu sehen”? Vermutlich dies:

    Was aber, wenn Ältere die Zusammenkünfte nicht besuchen können? Wie Jakobus 1:27 zeigt, gehört es zu unserer Pflicht, „nach Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu sehen“. Das mit „sehen nach“ übersetzte griechische Verb bedeutet unter anderem auch „besuchen“ (Apostelgeschichte 15:36). Wie sehr doch die Älteren unsere Besuche schätzen!

    w04 15. 5. S. 19 Abs.17

    Gab es im ersten Jahrhundert nicht Sammlungen von Spenden, um die verarmten Brüder und Schwestern zu unterstützen? War das nicht die zweite Hauptaufgabe, die man Paulus übertragen hatte? Und was führt die Organisation der Zeugen Jehovas heute nicht durch und verbietet es Ältesten, dies offiziell als Versammlung zu tun? Wenn jetzt jemand an die Hilfsaktionen bei Katastrophen denkt, der sollte sich mal genau anschauen, wo diese Dinge herkommen. Und an wen die Erstattungen von Versicherungen später fließen sollen …

    Jakobus 4:4

    Ihr Ehebrecherinnen* [Fn. „Ehebrecherinnen“. Gr.: moichalídes; lat.: adụlteri, „Ehebrecher“.], wißt ihr nicht, daß die Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer immer daher ein Freund der Welt sein will, stellt sich als ein Feind Gottes dar.

    Jakobus 4:4 NWÜ

    „Kein Freund der Welt sein“. Das wird genauso häufig zitiert wie Jakobus 1:27. Und im Sinne von: Keine Freunde in der Welt haben. Sonst bist du ein Feind Gottes. Geht es in diesem Text bei ‚Welt‘ denn überhaupt um Menschen? Oder etwas anderes? „Hängt euer Herz nicht an die Welt und an nichts, was zu ihr gehört! Wenn jemand die Welt liebt, hat die Liebe des Vaters keinen Platz in ihm.” (1. Joh. 2:15 NEÜ)

    Nebenbei bemerkt: Es überrascht auch nicht, dass hier gerne das Femininum des Griechischen stehen gelassen wird, und nicht das Maskulinum der lateinischen Übersetzung. Aber das ist ein anderes Thema.

    Jakobus 5:14

    Ist jemand unter euch krank? Er rufe die älteren Männer der Versammlung zu [sich], und sie mögen über ihm beten und [ihn] im Namen Jehovas mit Öl einreiben.

    Jakobus 5:14 NWÜ

    Dieser Text darf in keiner Rechtskomitee Verhandlung fehlen. Und deswegen wird er auch so häufig zitiert. Zum Beispiel ganz aktuell im Online-Bibelkurs von 2021:

    Jehova möchte, dass wir die Ältesten der Versammlung zu uns rufen, wenn wir eine schwere Sünde begangen haben. (Lies Jakobus 5:14, 15.)

    Glücklich – für immer. Ein interaktiver Bibelkurs S. 237

    Spricht denn Jakobus in 5:14 davon, dass die Person eine Sünde begangen hat? Also eine ‚schwere Sünde‘, wie es im Text aber nicht in der Bibel heißt. Der Kontext ist Jakobus 5:13-15 und endet so: „Und wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben werden.“ (Jakobus 5:15 NWÜ) Wir sollten immer den Kontext lesen und genau lesen, was geschrieben steht.

    Jakobus 1:5

    Wenn es also einem von euch an Weisheit fehlt, so bitte er Gott unablässig, denn er gibt allen großmütig und ohne Vorwürfe zu machen; und sie wird ihm gegeben werden.

    Jakobus 1:5 NWÜ

    Das wird gerne in Bezug auf alle möglichen Dinge zitiert. Aber im Kontext geht es um eine besondere Situation. Das wurde im Jakobus-Buch noch gut erklärt: „Die Weisheit, um die Christen bitten, ist die Weisheit, so zu leben, daß sie Gott in jedem Bereich ihres Lebens Wohlgefallen, besonders unter Prüfungen.

    Jakobus 3:17

    Die Weisheit von oben aber ist vor allem keusch, dann friedsam, vernünftig, zum Gehorchen bereit, voller Barmherzigkeit und guter Früchte, nicht parteiische Unterschiede machend, nicht heuchlerisch.

    Jakobus 3:17 NWÜ

    Dieser Text enthält so viele wertvolle Gedanken, dass er durchaus häufig verwendet werden kann. Ein Beispiel:

    14 „Zum Gehorchen bereit“. Das griechische Wort für „zum Gehorchen bereit“ kommt nirgendwo sonst in den Christlichen Griechischen Schriften vor. Einem Gelehrten zufolge wird dieser Ausdruck „oft für militärische Disziplin gebraucht“. Er vermittelt den Gedanken „leicht zu überzeugen“ und „fügsam“ zu sein. Wer sich nach der Weisheit von oben ausrichtet, fügt sich bereitwillig dem, was die Bibel sagt. Er gilt nicht als jemand, der für keinerlei Gegenargumente offen ist, nachdem er eine Entscheidung getroffen hat. Vielmehr wird er sich ohne Weiteres revidieren, wenn ihm anhand der Bibel klar dargelegt wird, dass er einen verkehrten Standpunkt eingenommen oder irrige Schluss­folgerungen gezogen hat. Stehst du in diesem Ruf?

    Komm Jehova doch näher S. 224 Abs. 14

    Ein Wort, das nur einmal in der Bibel vorkommt – dann ist die Interpretation oft schwierig. Ist aber eigentlich ein schönes Zitat für diejenigen Zeugen Jehovas, die sich auf keine Gespräch anhand der Bibel einlassen wollen.

    Jakobus 5:16

    Bekennt also einander offen eure Sünden, und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet. Das Flehen eines Gerechten hat, wenn es wirksam ist, viel Kraft.

    Jakobus 5:16 NWÜ

    Oft wegen dem Gedanken zitiert, füreinander zu beten. Aber auch so:

    Wann ist es angebracht, daß Christen einander ihre Sünden bekennen? Im Fall einer schweren Sünde (nicht bei jedem geringfügigen Fehler) sollte jemand gegenüber verantwortlichen Aufsehern der Versammlung ein Bekenntnis ablegen. Selbst bei einer nicht so schwerwiegenden Sünde ist es von großem Wert, eine solche zu bekennen und um geistige Hilfe zu bitten, wenn das Gewissen des Sünders sehr beunruhigt ist.

    w91 15. 3. S. 6-7

    Würdest du sagen, dass dieser Gedanke Jakobus 5:16 im Sinne einer Exegese entspringt? Oder wurde da etwas eisegetisch hineininterpretiert?

    Verse, die fast nie zitiert werden

    Interessant sind natürlich auch Bibeltexte, die nie oder fast nie zitiert werden. Sind sie vielleicht nicht so wichtig? Vielleicht nur Grüße an Christen im 1. Jahrhundert? Aber es könnten ja auch interessante Texte sein, welche die Organisation lieber nicht erwähnt sieht.

    Die am wenigsten zitierten Verse sind diese:

    • Jakobus 3:12 Ist nur im Jakobus Buch und Wachtturm 1960 einmal zu finden. Kontext ist Jakobus 3:8 ‚Zunge‘.
    • Jakobus 2:11 Beispiel für V10, nur in Jakobus Buch und w97 Zusammenfassung
    • Jakobus 2:6 „Ihr aber habt den Armen entehrt. Bedrücken euch etwa nicht die Reichen, und schleppen nicht sie euch vor Gerichtshöfe?“ Nur im Jakobus Buch und w97 und g62. Erinnernt einen schon daran, dass die verschiedenen Einrichtungen der Organisation vermehrt Verlage, sogenannte Abtrünnige und andere wegen Aussagen oder Copyright Verletzungen verklagen.
    • Jakobus 1:16 „Laßt euch nicht irreführen, meine geliebten Brüder.“ Nur im Jakobus Buch findet sich die schöne Erklärung.
    • Jakobus 4:9,10 „Gebt dem Elend Raum und trauert und weint. Euer Lachen wandle sich in Trauer und [eure] Freude in Niedergeschlagenheit. Erniedrigt euch in den Augen Jehovas, und er wird euch erhöhen.“ Passt vermutlich nicht zu dem Narrativ, dass Jehovas Zeugen die glücklichsten Menschen auf der Welt sind.
    • Jakobus 5:4, 5 „Seht! Der Lohn, der den Arbeitern zusteht, die eure Felder abgeerntet haben, den ihr aber zurückbehalten habt, schreit fortwährend, und die Hilferufe der Schnitter sind zu den Ohren Jehovas* der Heerscharen gedrungen. Ihr habt auf der Erde in Luxus gelebt und habt an sinnlichem Vergnügen Gefallen gefunden.* [Wtl.: „und ihr lebtet (benahmt euch) üppig“.]“ Wie viele Zeugen Jehovas leben in sehr einfachen Verhältnissen, weil sie so kurz vor dem Ende auf eine ‚höhere Bildung‘ aus Ausbildung verzichtet haben, lange im Vollzeitdienst standen oder im Bethel waren und dann vor ein paar Jahren im fortgeschrittenen Alter ausgemustert wurden? Was hätte Jakobus gesagt, wenn er dagegen zum Beispiel Bilder der neuen Weltzentrale in Warwick anschaut oder auf den Videos die Leitenden Körperschaft mit goldenen Ringen, teuren Uhren usw. gesehen hätte.

    Es gibt dann auch noch ein paar sehr selten verwendete Texte, die wirklich zu Diskussionen geführt hätten.

    Lästern nicht sie den vortrefflichen Namen, nach dem ihr genannt worden seid?

    Jakobus 2:7 NWÜ

    Das hätte durchaus zu Verwirrungen führen können. Denn welcher Name ist hier gemeint? Jehova? 1. Petrus 4:14 „Wenn ihr im Namen Christi geschmäht werdet, glückselig ⟨seid ihr⟩! Denn der Geist der Herrlichkeit und Gottes ruht auf euch“ (Elberfelder). Was auch zur Taufe im Namen Christi passt.

    Dennoch wird jemand sagen: „Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeig mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich werde dir meinen Glauben durch meine Werke zeigen.“

    Jakobus 2:18 NWÜ

    Erstaunlich, dass dieser Vers nur hier verwendet wurde: w97 15. 11. 15; cj 80-3; w74 1. 4. 212-13 Glaube ohne Werke ist tot; g62 22. 1. 3 Vielleicht liegt es ja am zweiten Teil: „Und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken beweisen.“ (NEÜ). Aber vielleicht wurde auch immer nur einer der Texte zum Thema Werke immer wieder ausgewählt.

    Denn wenn ein Mann mit goldenen Ringen an den Fingern und in prächtiger Kleidung in eure Zusammenkunft kommt, ein Armer aber in unsauberer Kleidung ebenfalls kommt, …

    Jakobus 2:2 NWÜ

    Ein Mann mit goldenen Ringen an den Fingern …. Nun ja, den einen oder anderen Goldring oder teure Uhr hat man im JW Broadcasting schon mal gesehen ….

    Weitere kaum zitierte Texte

    Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit weg in die Irre geführt worden ist, und ein anderer bringt ihn zur Umkehr, so wißt, daß der, der einen Sünder vom Irrtum seines Weges zurückführt, seine Seele vom Tod retten und eine Menge von Sünden bedecken wird.

    Jakobus 5:19,20 NWÜ

    Vers 19 wurden nur hier zitiert: w97 15. 11. 24 cj 214-16 w72 1. 11. 658 or 159 w61 1. 8. 464 w51 1. 7. 203

    Wie verhält es sich, wenn jemand aus der Versammlung „von der Wahrheit weg in die Irre geführt worden ist“, weil er sich von den wahren Lehren und von dem richtigen Lebenswandel abgewandt hat? Vielleicht können wir ihn durch biblischen Rat, durch Gebete und durch andere Hilfe veranlassen, sich von seinem Irrtum abzuwenden.

    w97 15.11. S.24 Abs. 21

    Das scheint doch völlig der aktuellen Richtlinie der Ausgrenzung und des Meidens zu widersprechen. Also wird der Text ignoriert.

    Wurde nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerechtgesprochen, nachdem er Ịsa·ak, seinen Sohn, auf dem Altar dargebracht hatte?

    Jakobus 2:21 NWÜ

    Vermutlich wurde dieser Text praktisch nicht verwendet, weil Abraham dort als ‚unser Vater‘ (‚unser Stammvater‘ NEÜ) bezeichnet wird. Im Einsichten Buch (it-1 S. 1267) wird daher Galater 3:29 herangezogen, um zu begründen, dass Jakobus hier nicht Juden anspricht, sondern alle. Sonst wird der Text einfach nicht zitiert.

    Meine Brüder, ihr habt doch nicht etwa den Glauben unseres Herrn Jesus Christus, unserer Herrlichkeit, [und handelt dabei] mit Taten der Parteilichkeit?

    Jakobus 2:1 NWÜ

    Vergleichen wir das einmal mit einer repräsentativen anderen Übersetzung:

    Meine Brüder, habt den Glauben an Jesus Christus, unseren Herrn der Herrlichkeit [o. habt den Glauben Jesu Christi, unseres Herrn der Herrlichkeit], ohne Ansehen der Person!

    Jakobus 2:1 Elberfelder

    Alle von mir überprüften Übersetzungen (deutsch, englisch, interlinear) sprechen von unserem Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. Bis auf die alte King James Version. Die Betonung des Glaubens – nicht an Jehova – sondern an Jesus, der auch noch als unser Herr der Herrlichkeit bezeichnet wird, passt seit Jahrzehnten nicht mehr in das Programm der Leitenden Körperschaft. Also wird auch dieser Text ignoriert. Sonst könnte man ja auch bei diesen selten zitierten Texten verwirrt werden:

    Denn jener Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen wird, …

    Jakobus 1:7 Elberfelder

    statt dass ihr sagt: Wenn der Herr will, werden wir sowohl leben als auch dieses oder jenes tun.

    Jakobus 4:15 Elberfelder

    In beiden Texten ist übrigens das ‚Herr‘ im Urtext in der Neue-Welt-Übersetzung natürlich durch ‚Jehova‘ ersetzt.

    Übt auch ihr Geduld; befestigt euer Herz, denn die Gegenwart des Herrn hat sich genaht.

    Jakobus 5:8 NWÜ

    Dieser Text befand sich fast 25 Jahre im Dornröschenschlaf, bis er zum Kongress 2023 wieder entdeckt wurde. Schon im Wachtturm 1999 wurde betont, dass Geduld notwendig ist, während wird ‚auf Jehova warten‘. Nun eigentlich geht es im Text ja um die Gegenwart des Herrn. Wobei selbst in der NWÜ hier Herr nicht durch Jehova ersetzt wird. Spricht der Text aber nicht davon, Geduld zu haben vor der Gegenwart des Herrn. Und lehrt die Leitenden Körperschaft nicht, dass diese unsichtbare Gegenwart 1914 begann? Dann muss Jakobus wohl das zweite Kommen (oder Gegenwart) gemeint haben, das wir aber in der Bibel nicht finden.

    Wenn daher jemand weiß, wie er das tun soll, was recht ist, und es doch nicht tut, so ist es ihm Sünde.

    Jakobus 4:17 NWÜ

    Seit über 25 Jahren nicht mehr zitiert. Damals konnte man aber lesen:

    Je umfassender unsere biblische Erkenntnis ist, desto besser ist unser Glaube fundiert. Gleichzeitig sind wir Gott gegenüber in vermehrtem Maß rechenschaftspflichtig. …
    Der Älteste äußerte sich zunächst über die Bedeutung des Bibeltextes und sagte dann: „Obwohl Sie nicht getauft sind, sind Sie rechenschaftspflichtig, und Sie müssen die volle Verantwortung für Ihre Entscheidung tragen.“

    w96 15. 9. S. 17 Abs. 5,6

    Nun, trifft das nicht auch auf alle Zeugen Jehovas zu? Die Leitende Körperschaft weiß, dass viele Lehren nicht biblisch sind und den historischen Fakten widersprechen. Und viele Zeugen Jehovas wissen das mittlerweile auch. Welche Schlußfolgerung ziehen wir für uns aus Jakobus 4:17?

    Hört zu, meine geliebten Brüder! Hat Gott etwa nicht diejenigen, die hinsichtlich der Welt arm sind, dazu auserwählt, reich zu sein im Glauben und Erben des Königreiches, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?

    Jakobus 2:5 NWÜ

    Die Elberfelder Bibel spricht in der Fußnote auch von ‚Erben der Königsherrschaft‘. Dieser Text wurde nur in der Jakobus Betrachtung im Wachtturm 1997 gestreift, im Jakobus Buch 1979 erklärt und davor ganze 5 mal erwähnt. Er zeigt ja aber auch, dass es nur eine Hoffnung für alle Christen gibt. Interessanterweise wird dies auf S. 65 des Jakobus Buches auch so formuliert. Vermutlich ist das Buch also auch deswegen nicht mehr erhältlich, weil es keine Unterscheidung zwischen ‚Gesalbten‘ und ‚anderen Schafen‘ macht.

    Wir könnten hier noch mehr Verse analysieren, aber ich denke, das reicht jetzt erst einmal, um einige Schlußfolgerungen ziehen zu können.

    Zusammenfassung

    Was hat unsere Analyse ergeben?

    • Von den seit 1970 erschienenen Büchern der Wachtturm Gesellschaft findet man alle in der Online Bibliothek. Mit Ausnahme des Organisiert-Buches, welches durch das Organisations-Buch ersetzt wurde. Und eben den Kommentar zum Jakobusbrief.
    • Das Bibelbuch Jakobus wird relativ wenig verwendet. Häufig nur im Jahr 1979, als der Kommentar zum Jakobusbrief erschien. Und im Jahr 1997, als im Wachtturm w97 15.11 in nur drei Artikeln der komplette Jakobusbrief behandelt wurde. 1990 finden sich noch einige Referenzen in den beiden Bänden des Einsichten Buches.
    • Seit etwa 25 Jahren wird Jakobus praktisch nicht mehr zitiert. Rund 10 Referenzen nur. Die meisten im Buch Komm Jehova doch näher und dem Organisiert-Buch (od). Erst 2021 in Glücklich – für immer. Ein interaktiver Bibelkurs wird Jakobus wieder etwas verwendet.
    • Es gibt eine handvoll Verse, welche viel häufiger als alle anderen zitiert werden. Sie werden gerne als Trigger verwendet, um bestimmte Lehren und Richtlinien einzuprägen. Betrachtet man den Kontext des Verses, so ist deren Anwendung in der Literatur der Organisation allerdings oft fraglich.
    • Es gibt sehr viele Texte, welche nur im Kommentar zum Jakobusbrief oder w97 15.11. verwendet werden oder höchstens noch wenige Male. Und das in über 75 Jahren! Eine ganze Reihe davon enthält Gedanken, die nicht so recht zu Lehren der Leitenden Körperschaft passen. Oder ist es vielleicht anders herum?
    • Dass der Kommentar zum Jakobusbrief nicht mehr erhältlich ist, hat vermutlich noch einen weiteren Grund. Da dessen Author Edward Dunlop wegen abweichender Ansichten zu einigen Lehren als ‚Abtrünniger‘ um 1980 herum ausgeschlossen wurde, ist einer. Gedruckte Bücher wurden aber von der Organisation wegen den Kosten schon immer noch weiter im Predigtdienst verkauft, sogar wenn der Inhalt überholt war. Ein weitere Grund scheint aber zu sein, dass der Kommentar zum Jakobusbrief sich an das Bibelbuch Jakobus hält und nicht an die Lehren der Organisation. Zum Beispiel hält es sich bei vielen Versen an die Bibel und nicht die Lehre von ‚Gesalbten‘ und ‚anderen Schafen‘ mit einer anderen Hoffnung. In diesem und anderen Punkten ist das Buch einfach zu unbequem und könnte den einen oder anderen Verkündiger vielleicht zum Nachdenken bringen.
    • Wenn aus diesem Grund schon sehr viele Verse praktisch nicht in der Literatur der Organisation verwendet werden, dann will man dies mit einem Buch wie dem Kommentar zum Jakobusbrief wohl auch kaum tun.