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Alles über die Lehren und Geschichte der Zeugen Jehovas

  • Was können wir aus Johannes 4:23,24 lernen?

    Was können wir aus Johannes 4:23,24 lernen?

    Von Christian


    Vor einiger Zeit hatte ich ein Video veröffentlicht: „In Geist und Wahrheit anbeten“ – Was bedeutet das? In einem Kommentar dazu wurde gesagt, dass das ja alles schön und gut wäre, aber was bitte schön bedeutet der Text nun konkret? Tatsächlich habe ich in diesem Video mehr erklärt, was es nicht bedeuten kann und bin dann zu anderen Texten übergangen. Und nun? Was ist denn die konkrete Aussage in Johannes 4:24? Wenn du eine schnelle Antwort von jemand anderem haben willst, anstatt das selbst herauszufinden, dann schau in einen Kommentar!

    Biblische Kommentare

    Ich zitiere einmal drei Kommentare stellvertretend:

    Das Wort »Geist« bezieht sich nicht auf den Heiligen Geist, sondern auf den menschlichen Geist. Jesus meint hier, dass die Anbetung einer Person nicht einfach äußeren religiösen Ritualen entsprechen oder sich auf bestimmte Orte beschränken darf, sonder mit der richtigen Herzenshaltung von innen (»im Geist«) kommen muss. Das Wort »Wahrheit« bezieht sich auf die Anbetung Gottes in Übereinstimmung mit seinem geoffenbarten Wort und konzentriert sich auf das fleischgewordene Wort, welches schließlich den Vater offenbarte (14,6).

    John MacArthur, Fußnote zu Johannes 4,24 Schlachter 2000

    Und die Schlussfolgerung, die sich daraus logisch ziehen lässt, ist, dass Jesus in Johannes 4 der Frau sagte, dass die Grundlage für die Anbetung Gottes eine persönliche Beziehung zu ihm und das Studium seines Wortes sein muss.

    Kommentar zu Johannes 4,24 in der 2001 Translation.

    Im Geist und in der Wahrheit – Die Verbindung zwischen der menschlichen Natur und dem Göttlichen liegt im menschlichen Geist, der der Tempel des Heiligen Geistes ist (1. Korinther 6:19). Jede wahre Annäherung an Gott muss daher im Geiste erfolgen. (Vergl. Römer 1:9 und Epheser 6:18.) Ort, Zeit, Worte, Körperhaltung, Klänge und alle äußeren Dinge sind nur insofern wichtig, als sie dabei helfen, sich von der sinnlichen Welt zu lösen und den Geist nach innen zu erheben. In dem Moment, in dem sie ablenken, behindern sie die wahre Anbetung. Über Rituale kann nicht diskutiert werden, ohne das Risiko eines spirituellen Verlusts einzugehen. Die Worte „in Wahrheit“, die bereits davor in ‚wahre Anbeter‘ zum Ausdruck gebracht und im folgenden Vers wiederholt werden, sind mehr als „wirklich“. Aufrichtigkeit ist kein Kriterium für eine akzeptable Anbetung, aber sie ist eine Voraussetzung. Fanatiker glauben aufrichtig, dass sie Gott dienen. Anbetung, die „in Wahrheit“ geschieht, steht im Einklang mit der Natur des Gottes, den wir anbeten. An Gott zu denken, wenn wir seine Wahrheit hören, die Seele durch Lobeshymnen zu entzünden, die früheren Teile der Kollekten und Gebete zu erkennen, die seine Eigenschaften zum Ausdruck bringen, sind notwendig für die Wahrheit der Bitten, Danksagungen und Anbetungen der Anbetung. Das Mustergebet des Christentums bringt die Vaterschaft Gottes in seinen ersten Worten dem Herzen nahe.

    Ellicott’s Commentary for English Readers, Johannes 4:23

    Wenn du mit einem dieser Kommentare oder einer anderen Auslegungen zufrieden bist, dann danke ich dir für das Lesen, Zuhören oder Zusehen bis hierher. Vielleicht fragst du dich aber auch, woher denn diese Erklärungen kommen. Gut, dann machen wir gemeinsam weiter.

    Wir machen das in der üblichen Reihenfolge: Zuerst der Text in der Ursprache, dann der Kontext dieses Verses, dann der erweiterte Kontext im Neuen Testament, und dann der historische Kontext.

    Der Text in der Ursprache

    Fangen wir mit dem Text selbst an:

    Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.

    Johannes 4:23, 24 Elberfelder

    Zur Erinnerung zeige ich auch nochmal den Text in einer Interlinear-Übersetzung:

    Was erkennen wir? In Johannes 4:23, 24 steht kein bestimmter Artikel. Es geht also nicht um ‚den‘ Geist oder ‚die‘ Wahrheit.

    Was können wir aus Wörterbüchern über die Bedeutung erfahren?

    „Geist“

    Am Anfang steht: „Geist der Gott ist“ und es wird das selbe Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet wie im Teil „Geist und Wahrheit“. HELPS Word Studies sagt: „4151 pneúma – wörtlich: Geist (Spirit), Wind oder Atem. Die häufigste Bedeutung (Übersetzung) von 4151 (pneúma) im NT ist „Geist“. Nur der Kontext bestimmt, welche Bedeutung(en) gemeint sind.“

    Wenn wir all die Verwendungen des Wortes im Neuen Testament, der Septuaginta und anderen antiken Schriften anschauen würden, kämen wir zu dem, was wir in einem guten Lexikon finden. Der Begriff pneúma hilft uns also nicht sehr viel weiter, weil die Bedeutungen sehr umfassend und unterschiedlich sind.

    Dass der ‚heilige Geist‘ gemeint ist, kann man allerdings ausschließen, weil Jesus in Vers 23 sagt, dass die Zeit sogar schon angefangen hat, in der die wahren Anbeter Gott ‚in Geist und Wahrheit‘ anbeten. Der heilige Geist wurde aber erst viel später zu Pfingsten 33 ausgegossen. Und Vers 24 beginnt mit „Geist der Gott ist“. Wieder pneúma. Also entweder ist dann Gott der Heilige Geist oder schon in diesem Vers hätte pneúma zwei verschiedene Bedeutungen.

    Was mit pneúma in diesem Vers konkret gemeint ist, können wir also noch nicht sagen, außer dass der Heilige Geist vermutlich keine Option ist.

    „Wahrheit“

    Das mit ‚Wahrheit‘ wiedergegebene griechische Wort ἀληθείᾳ (alētheia) bedeutet laut Strong’s „Wahrheit, aber nicht nur die Wahrheit, wie sie gesprochen wird; Wahrheit der Idee, Realität, Aufrichtigkeit, Wahrheit im moralischen Bereich, göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde, Geradlinigkeit.“ HELPS Word-studies sagt: „225 alḗtheia (von 227 /alēthḗs, „faktengetreu“) – richtig, Wahrheit (faktengetreu), Wirklichkeit. [In der griechischen Kultur der Antike war 225 (alḗtheia) ein Synonym für „Realität“, das Gegenteil von Illusion, d.h. Tatsache.]“

    Es geht hier also nicht um ‚Wahrheit‘ im Sinne von religiösen Lehren und Dogmen.

    Wenn wir all die Verwendungen des Wortes im Neuen Testament, der Septuaginta und anderen antiken Schriften anschauen würden, kämen wir wieder zu dem, was wir in einem guten Lexikon finden. Aber auch dieses Wort hat eine reichhaltige Bedeutung und hilft uns alleine nicht, um die Bedeutung des Verses zu verstehen.

    Wenn also schon die beiden Worte für „Geist“ und „Wahrheit“ uns nicht weiterhelfen, vielleicht dann das dritte Wort „Anbetung“? Oder die Kombination dieser drei?

    „Anbetung“

    Im Text steht hier προσκυνεῖν (proskynein) und προσκυνοῦντας (proskynountas), welche vom Wort προσκυνέω (proskuneó) kommt. Laut Strong’s Wörterbuch ist die Definition: Ehrerbietung erweisen und die Verwendung: Ich gehe auf die Knie, um dir zu huldigen, dich anzubeten. HELPS Word-studies sagt:

    4352 proskynéō (von 4314 /prós, „in Richtung von“ und kyneo, „küssen“) – eigentlich: den Boden küssen, wenn man sich vor einem Höhergestellten niederwirft; anbeten, bereit sein, „niederzufallen/sich niederzuwerfen, um auf den Knien anzubeten“ (DNTT); „Ehrerbietung erweisen“ (BAGD).

    HELPS Word-studies

    Im Deutschen könnte uns das Wort „Anbetung“ auf einen falschen Gedanken bringen, weil wir vielleicht das Wort „beten“ heraushören. Aber das ist nicht seine Bedeutung im Griechischen der Antike.

    Jetzt haben wir also die Verbindung von „Geist“ und „Wahrheit“ mit dem Gedanken von „Ehrerbietung erweisen“ oder sich vor einem Höhergestellten niederzuwerfen. Passt das zusammen? Damit sind wir beim wichtigen Kontext des Verses.

    Der Kontext des Verses

    Was ist der Kontext dieser Aussage Jesu? Es war eine konkrete Frage einer Frau aus Samaria:

    Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, dass in Jerusalem der Ort sei, wo man anbeten müsse.

    Johannes 4:19,20 Elberfelder

    In der Frage geht es also um die formale „Anbetung“, also προσκυνέω (proskuneó). Und welche der beiden Genannten richtig ist. Erinnern wir uns an die Bedeutung von „Wahrheit“ ἀληθείᾳ (alētheia): Was richtig ist, Wahrheit im Gegensatz zu Illusion. Und sie fragt, wo der richtige Ort dieser formalen Anbetung sei: Jerusalem oder dieser Berg in Samaria. Also ein physischer Ort im Gesatz zu Πνεῦμα (Pneuma).

    Wenn wir uns bewusst machen, worum es in der Frage ging, verstehen wir auch die Bedeutung der Antwort Jesu, weil er ihr zu ihrer Überraschung sagt, dass weder das eine noch das andere ab diesem Zeitpunkt richtig und wahr wäre, sondern etwas anderes. Aber das können wir erst klären, wenn wir den historischen Kontext betrachten.

    Der erweiterte Kontext im Neuen Testament

    Gibt es im Neuen Testament noch irgendeinen Text, der auch den Gedanken enthält, ‚in Geist und Wahrheit anzubeten‘? Nein!

    Selbst im Johannes Evangelium finden wir keine weitere Erklärung Jesu zu seiner Aussage dazu. Nur das, was wir in Johannes 4:23,24 lesen. Wenn wir also im Bericht keine detailiertere Erklärung von Jesus finden, was er bei Gleichnissen ja manchmal getan hat, dann ist es doch nicht selbstverständlich, dass wir ein solche finden werden, oder?

    Jetzt gibt es aber doch in vielen Bibelübersetzungen Querverweise. Die gab es im Urtext natürlich nicht. Deswegen sind diese immer mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten, weil dort auf andere Bibelverse hingewiesen wird, die etwas mit dem gerade gelesenen zu tun haben könnten – aber sind es alle relevanten Texte? Wenn wir alle Verwendungen eines Wortes uns anschauen, dann erhalten wir ein komplettes Bild. Ich führe hier eimal die Texte an, die in verschiedenen Übersetzungen angeführt werden. Dann kannst du dir selbst ein Bild machen: Philipper 3:3, Römer 7:6, Johannes 17:17, 2. Samuel 7:28, Psalm 119:160, Epheser 1:13, 6:17

    Doch nirgends wird unser Texte Johannes 4:23,24 zitiert oder kommentiert. Es gibt also keinen direkten Bezug im Neuen Testament. Also hilft uns das erst weiter, wenn wir die Bedeutung verstanden haben. Die Texte erweitern dann unsere Auslegung.

    Gehen wir also zum historischen Kontext über.

    Der historische Kontext

    Wieso kam die Frau überhaupt auf diese Frage? Hatte Jahwe denn im mosaischen Gesetzt nicht gesagt, dass man ihn im Tempel in Jerusalem anbeten muss? Nein!

    Ihr sollt nur die Stätte aufsuchen, die Jahwe, euer Gott, aus euren Stämmen zu seiner Wohnung auswählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen. Dorthin sollt ihr kommen. Und dorthin sollt ihr eure Brand- und Schlachtopfer bringen, eure Zehnten, eure Hebopfer und das, was ihr gelobt habt und was ihr freiwillig gebt, und die Erstgeburten von euren Rindern, Schafen und Ziegen.

    5. Mose 12:5,6 NEÜ

    Ganz ähnlich wird das auch in 5. Mose 18:6, 26:2, 31:11 und anderen Stellen formuliert. Jahwe hatte die Bundeslade, das „Zelt der Begegnung“, und die Opfer wurden dort als Teil der Anbetung dargebracht. Erst König David kam auf die Idee, für Jahwe ein Haus zu bauen, den sein Sohn Salomo als Tempel in Jerusalem dann baute. Das akzeptierte Jahwe: „Als nun Salomo das Haus Jahwes und das Haus für den König vollendet hatte und alles gut gelungen war, was er sich vorgenommen hatte, erschien ihm Jahwe in der Nacht und sagte zu ihm: „Ich habe dein Gebet erhört und dieses Haus als Opferstätte angenommen.““ (2. Chronik 7:12) Aber oft konnte man durch Abtrünnigkeit dort gar nicht anbeten. Oder weil die Juden im babylonischen Exil waren und der Tempel zerstört war. Oder weil der zweite Tempel entweiht wurde (siehe Makkabäer Aufstand). Und zur Zeit Jesu war es auch nicht gut um den Tempeldienst bestellt.

    Gemäß dem Alten Testament wurde nach Salomo das Köngreich in den südlichen Teil um Juda und die restlichen 10 Stämme im Norden aufgeteilt. Der neue König wollte natürlich nicht, dass seine Untertanen zur Anbetung Jahwes jedes Jahr nach Jerusalem in das verfeindete Reich gehen. (1. Könige 12:25-30) Daher wurden zuerst zwei neue Anbetungsstätten in Bethel und Dan als Ersatz für den Tempel in Jerusaelm errichtet. Ein weiteres ihrer Heiligtümer war schließlich auf dem Berg Garizim, welche schließlich als eigentlich von Jahwe gewünschter Ort interpretiert wurde (wegen 5. Mose 11 und 27 und Josua 8). Außerdem wurden Teile des Pentateuch geändert und man sah sich als die wahren Anbeter Jahwes und Bewahrer seines Heiligtums an. Und man wartete auch auf den Messias.

    Und was war nun richtig, wahr, Realtität und keine Illusion? Das war die Frage der Frau!

    Und das war der wirkliche Kontext der Antwort Jesu. Jesus sprach nicht zu den Aposteln, den Jüngern und erst recht nicht zu uns! Er sprach ganz konkret zu einer samaritanischen Frau, welche vor 2000 Jahren eine ganz konkrete Frage an Jesus stellte. Und genau darauf antwortete Jesus. Dass wir das heute lesen können, ist schön, aber zweitrangig.

    Und daher wir der direkt nächste Vers uns auch nicht mehr überraschen:

    „Ich weiß, dass der Messias kommt, der auch Christus genannt wird“, sagte die Frau darauf. „Und wenn er kommt, wird er uns all diese Dinge erklären.“ Da sagte Jesus zu ihr: „Du sprichst mit ihm. Ich bin’s.“

    Johannes 4:25, 26

    Ganz gleich, ob es diese samaritische Frau am Brunnen von Sychar nun historisch gab oder nicht und ob sie das wortwörtlich so gesagbt haben: Das ist in Johannes sehr gut formuliert. Beide religiöse Gruppen hatten eine formale Anbetung, mit physischen religiösen Handlungen, an bestimmten heiligen Orten, beide warteten auf den Messias und beide gingen davon aus, dass ihre Vorstellung keine Phantasie oder Einbildung ist, sondern echt und richtig ist – also Wahrheit.

    Und dann kommt Jesus und sagt: All diese physischen formalen Anbetungsformungen sind Vergangenheit! Es geht um etwas ‚Geistiges‘. Und beide gegensätzlichen Darstellungen können ja nicht beide gleich wahr sein. Aber jetzt wird die richtige, wahre Anbetungsform schon verkündet und praktiziert. Und ganz nebenbei: Ich bin der Messias, auf den Juden wie Samariter warten!

    Unglaublich, was Jesus hier alles in ein paar Sätzen ankündigt! Jetzt würden wir gerne hören, was er noch zu sagen hat. Erkläre uns dies bitte weiter. Aber … „ In diesem Augenblick kamen seine Jünger zurück. …“ (Johannes 4:27) Es gibt Momente im Leben, da wünschte man …

    Und ich bin auch ein wenig vom historischen Kontext abgekommen. Wir müssen uns aber noch mit dem historischen Kontext des Gespräches und der Niederschrift des Evangeliums befassen.

    Woher wissen wir überhaupt von diesem Gespräch? Es ist ja nicht wie bei der Bergpredigt, wo Tausende seine Worte gehört haben. Es ist ein Gespräch zwischen Jesus und der Frau. Wenn wir den Bericht lesen, ist das wie heute in einem Roman oder Film, bei dem wir Zuschauer Beobachter sind – aber es gab damals keine Beobachter und keine Kamera! Also woher soll Johannes das gewusst haben? Wir wissen es nicht. Vielleicht hat Jesus oder die Frau es später selbst den Aposteln gesagt. Wichtig ist aber, dass diese Wort nicht Teil der Bergpredigt ist und somit an viele gerichtet war, sondern an genau eine Person. Daher ist es so wichtig, ihren Hintergrund zu verstehen.

    Jesus spach nicht mit uns. Das Evangelium wurde nicht an uns geschrieben. Wir können froh darüber sein, wass wir es heute haben. Wann wurde das Johannes Evangelium denn vermutlich geschrieben? Gemäß der Überlieferung wurde Johannes um 98 n. Chr. geschrieben. Also rund 70 Jahre – sieben Jahrzehnte– nach Jesu Wirken. Und etwas 1/2 Jahrhundert nach den anderen Evangelien und Briefen. Aber das ist noch nicht der vollständige historische Kontext.

    Selbst nach der Überlieferung wurde das Johannes Evangelium also etwa 30 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems 70 n.Chr. geschrieben. Neben all den Problemen mit der Anbetung im Tempel war jetzt also auch der zweite Tempel zerstört, die Nation zerstreut und die Anbetung nach dem mosaischen Gesetz in Frage gestellt. Und wie wir wissen, gab es über Jahrzehnte viele, die als Juden zum Glauben an Jesus als den Messias kamen, aber immer noch das mosaische Gesetz als den entscheidenden Unterschied angenommen haben?

    Fazit

    Interessant ist auch, dass diese Begebenheit nur in Johannes 4 dargestellt wird. Nicht in den synoptischen Evangelien. Keine Spur davon. Was haben denn die Jünger in den 70 Jahren davor gemacht? Kannten sie das nur aus mündlichen Überlieferungen?

    War das für die synoptischen Evangelien nicht wichtig genug? Nun, mit welcher Botschaft startet Jesus? „Kehrt um, ihr müsst Jahwe in Geist und Wahrheit anbeten“?

    In jenen Tagen aber kommt Johannes der Täufer und predigt in der Wüste von Judäa und spricht: Tut Buße! Denn das Reich [o. die Königsherrschaft] der Himmel ist nahe gekommen.

    Matthäus 3:1,2 Elberfelder

    Und nachdem Johannes überliefert war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gotte und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich [o. die Königsherrschaft] Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

    Markus 1:15 Elberfelder

    Das Reich [o. die Königsherrschaft] Gottes ist nahe zu euch gekommen.

    Lukas 10:9 Elberfelder

    Vielleicht sollten wir uns besser auf diese Botschaft – das Evangelium – mehr zurückbesinnen anstatt zu versuchen, etwas aus Johannes 4:23,24 für uns herauszulesen oder gar hineinzulesen. Zumal Jesus das Thema hier nicht vertieft hatte.

    Was können wir aus Johannes 4:23, 24 lernen? Ich schlage dies vor:

    • Der Text in Johannes 4:23, 24 ist die Antwort Jesu auf eine spezielle Frage einer gewissen Frau vor 2000 Jahren, die zwei bestimmte Formen der Anbetung Jahwes angesprochen hat.
    • Die Anbetung Jahwes – nun als Vater bezeichnet – besteht nicht mehr in einem formalen System von Opfern an bestimmten Orten sondern ist etwas Geistiges. So wie der Vater auch nicht physisch an diesen Orten ist, sondern ein Geist ist.
    • Diese Anbetung darf nicht auf fiktiven menschlichen Überlieferungen beruhen, sondern muss auf Wirklichkeiten basieren. Das, was aus Sicht des Vaters richtig und real ist.
    • Und übrigens: Der Messias ist gekommen; ich, Jesus, bin es. Dieses Evangelium ist die Wirklichkeit, das Wahre, das Bestandteil der Anbetung sein muss.
  • „In Geist und Wahrheit anbeten“ – Was bedeutet das?

    „In Geist und Wahrheit anbeten“ – Was bedeutet das?

    Von Christian


    Wie sollte man Gott anbeten? Vermutlich gehen dir jetzt schon einige Gedanken durch den Kopf. Vielleicht auch dieser? Gott sollten wir „in Geist und Wahrheit anbeten“. Das steht in Johannes 4:23, 24. Und vielleicht hast du dich auch schon gefragt, was denn das bitte schön bedeuten soll. Lesen wir zuerst einmal den Text und betrachten dann den Kontext:

    Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.

    Johannes 4:23, 24 Elberfelder

    Der Kontext von Johannes 4:23, 24 und die Bedeutung im griechischen Text

    Der Kontext dieser Aussage Jesu gemäß dem Johannes Evangelium wird aus dem Kontext ersichtlich. Eine Frau aus Samaria hatte ihn wie folgt angesprochen:

    Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, dass in Jerusalem der Ort sei, wo man anbeten müsse.

    Johannes 4:19,20 Elberfelder

    Mit anderen Worten fragt sie Jesus: Kannst du mir als Prophet – also jemand, der Gottes Botschaften verkündet – sagen, welche Anbetungsform die richtige ist? Dabei geht es auch nicht nur um den Ort, sondern auch die Art und Weise der Anbetung. Jesus antwortet ihr wie folgt:

    Jesus spricht zu ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil ist aus den Juden.

    Johannes 4:21, 22 Elberfelder

    Jesus kündigt eine grundlegen Änderung in Bezug auf die Anbetung an. Und danach kommen die Verse 23 und 24. Was hat es also damit auf sich, dass Jesus dann von „Geist und Wahrheit“ spricht?

    Zuerst einmal stellen wir fest, dass auch im Urtext kein bestimmter Artikel steht:

    Er spricht also nicht von „dem Geist und der Wahrheit“, auch wenn es vereinzelt so übersetzt wird. Manche übersetzen mit „Wahrhaftigkeit“ (V23 NEÜ). Wenn du dir die verschiedenen Übersetzungen und Kommentare durchliest, wirst du schnell merken, dass diese knappen Worte einen ziemlichen Interpretationsspielraum lassen.

    „Geist“

    Nehmen wir zum Beispiel Zeugen Jehovas. In deren Neuen-Welt-Übersetzung steht in den Worterklärungen:

    Gott „mit Geist anzubeten“ bedeutet daher offensichtlich, dass man sich bei der Anbetung von Gottes Geist leiten lässt. Wenn man Gottes Wort studiert und sich an das hält, was man daraus lernt, hilft einem der heilige Geist, immer mehr wie Gott zu denken. Es geht also um weit mehr, als Gott aufrichtig und mit Begeisterung zu dienen.

    Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas, Worterklärungen zu Johannes 4:23, 24

    Ist dir das Wort „offensichtlich“ aufgefallen? Das wird immer dann verwendet, wenn sie keinen biblischen Beweise für so eine Behauptung haben. Und der letzte Satz „es geht also um weit mehr, als Gott aufrichtig … zu dienen“ wurde nur eingefügt, weil der Text durchaus in diesem Sinne verstanden werden kann. Darauf kommen wir gleich zurück.

    Ist mit „Geist“ hier also wirklich der „heilige Geist“ gemeint? Soll der heilige Geist uns leiten? Dann schauen wir uns nochmal Vers 24 im Griechischen nochmal an:

    Am Anfang steht: „Geist der Gott ist“ und es wird das selbe Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet wie im Teil „Geist und Wahrheit“. Wenn es also so einfach wäre, dass in diesem Vers mit „Geist“ der „heilige Geist“ gemeint wäre, dann wäre das ein schöner ’Beweistext’ für die Trinität, zumindest dafür, dass Gott der heilige Geist ist. Das haben wohl auch die Autoren der Zeugen Jehovas bemerkt und daher entsprechend in ihren Worterklärungen erwähnt. HELPS Word-studies fasst zusammen:

    4151 pneúma – wörtlich: Geist (Spirit), Wind oder Atem. Die häufigste Bedeutung (Übersetzung) von 4151 (pneúma) im NT ist „Geist“. Nur der Kontext bestimmt, welche Bedeutung(en) gemeint sind.

    HELPS Word-studies

    Berücksichtigt man den Kontext dieser Aussage Jesu bzw. des Johannes-Evangeliums, dann steht ‚Geist‘ hier doch im Gegensatz zu ‚dieser Ort oder Jerusalem‘. Und Jesus antwortet, dass keine physischer Ort wichtig ist für die Anbetung, sondern dass dies eine geistige oder geistliche Sache ist.

    Im Text selbst gibt es aber sogar einen direkten Hinweis, dass nicht der heilige Geist gemeint sein kann. Hast du ihn entdeckt?

    Johannes 4:23 und die ‚Leitung durch den heiligen Geist‘

    Lesen wir noch einmal gründlich den Anfang von Johannes 4:23

    Doch es wird die Zeit kommen – sie hat sogar schon angefangen –, wo die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrhaftigkeit anbeten.

    Johannes 4:23 NEÜ

    Jesus sagt also, dass in jenem Moment es schon so ist, dass „Menschen in Geist anbeten“. Aber moment einmal. Der ‚heilige Geist‘ wurde doch erst viel später zu Pfingsten 33 n.Chr. ausgegossen! Dieser Text Johannes 4:23 hat also nichts mit dem Gedanken zu tun, dass der heilige Geist auf die Jünger ausgegossen wurde und dieser die Jünger anleitete, um ‚die Wahrheit‘ zu verstehen.

    Johannes 4:23,24 sagt also nichts über eine Verbindung von ‚heiligem Geist‘ und ‚Wahrheit‘ im Sinne von ‚richtigem Verständnis der biblischen Wahrheit‘ aus, das man erhält, wenn man sich vom heiligen Geist leiten lässt.

    Ist es also nicht vielmehr so, dass mit „Geist“ hier der menschliche Geist gemeint ist? Eine Anbetung, die nicht mit einem Ort, einem Tempel, mit Ritualen verbunden ist, sondern sich auf eine geistige Ebene bezieht?

    „Wahrheit“

    Und ist in Johannes 4:23, 24 mit „Wahrheit“ so etwas wie ‚richtige Lehre, Glaubenssätze, Dogmen‘ gemeint? Wer Jehovas Zeugen kennt, weiß, dass dort über Jahrzehnte die Redewendung „in der Wahrheit sein“ üblich war und ist. Es geht also nicht nur um das, was in der Bibel steht (auch wenn die Worterklärung in der Neuen-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas das erwähnt), sondern um genau die Lehren der Zeugen Jehovas. Dass nur sie „die Wahrheit“ erkennen und „besitzen“. So steht es zum Beispiel in einem aktuellen Artikel mit dem Thema: „Bist du überzeugt, die Wahrheit zu haben?

    Jesus liebte die Wahrheit – die Wahrheit über Gott und sein Vorhaben. Er lebte nach dieser Wahrheit und machte sie anderen bekannt (Joh. 18:37). Auch seine Nachfolger zeichneten sich durch diese Liebe aus (Joh. 4:23, 24).

    Jehovas Zeugen behaupten nicht, ein vollkommenes Verständnis der Wahrheit zu haben. … Jehova offenbart die Wahrheit Stück für Stück, und wir müssen geduldig darauf warten, dass das Licht der Wahrheit heller wird (Spr. 4:18).

    Der Wachtturm 2021 Oktober, S. 22, Abs. 11, 12, Bist du überzeugt, die Wahrheit zu haben?

    Es gäbe noch viele weitere Zitate, die zeigen, dass mit ‚die Wahrheit‘ die aktuellen Lehren der Zeugen Jehovas gemeint sind. Hatte Jesus wirklich das gemeint? Schauen wir uns die Bedeutung des Wortes ἀληθείᾳ (alētheia) im Griechischen an :

    Wahrheit, aber nicht nur die Wahrheit, wie sie gesprochen wird; Wahrheit der Idee, Realität, Aufrichtigkeit, Wahrheit im moralischen Bereich, göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde, Geradlinigkeit.

    Strong’s Greek 225

    225 alḗtheia (von 227 /alēthḗs, „faktengetreu“) – richtig, Wahrheit (faktengetreu), Wirklichkeit.

    [In der griechischen Kultur der Antike war 225 (alḗtheia) ein Synonym für „Realität“, das Gegenteil von Illusion, d.h. Tatsache.]

    HELPS Word-studies

    Jetzt kannst du dir die 109 Verwendungen dieses Wortes im Neuen Testament anschauen. Es gibt erstaunlicheweise nur 7 Verwendungen in den synoptischen Evangelien. Danach kommen viel mehr, nämlich 24 im Johannes Evanglium. Lukas verwendet es zum Beispiel auch so: „In Wahrheit aber sage ich euch:“ (Lukas 4:25 Elberfelder) In Johannes 8:44,45 wird Wahrheit der Lüge gegenübergestellt. Und natürlich gibt es auch Texte, in denen mit Wahrheit die „göttliche Wahrheit, die dem Menschen offenbart wurde“ gemeint ist, was als eine der möglichen Bedeutungen in Strong’s Greek Lexikon angegeben wird.

    Die Sache ist also wieder einmal deutlich komplizierter als wir vielleicht dachten.

    Und deswegen müssen wir uns auch einmal anschauen, inwieweit der heilige Geist eine Rolle dabei spielen sollte, das Evangelium zu verstehen. Wir können hier nur ein paar Aspekte betrachten, aber schon das wird aufschlussreich sein.

    „Der Geist der Wahrheit“

    Fangen wir mit Worten Jesu gemäß dem Johannes Evanglium an:

    Ich hätte euch noch so viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. Wenn dann jedoch der Geist der Wahrheit gekommen ist, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn er wird nicht seine eigenen Anschauungen vertreten, sondern euch nur sagen, was er ‹von mir› hören wird, und euch verkünden, was dann geschieht. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen, denn was er euch verkündigt, nimmt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört ja auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was er euch verkündigen wird, hat er von mir.“

    Johannes 16:12-15 NEÜ

    Wir lesen hier vom Geist der Wahrheit. Dabei wird für Geist das Wort Πνεῦμα (Pneuma) verwendet. Genau das Wort, das für „Gott ist ein Geist“ und „in Geist und Wahrheit“ in Johannes 4:23,24 verwendet wurde. So einfach ist der Text aber gar nicht zu verstehen, denn wie Jesus hier vom Vater und vom heiligen Geist wie von einer Person spricht, dürfte all die irritieren, welche die Dreieinigkeitslehre bezweifeln. Das hatten wir allerdings auch schon in Johannes 4:23 bemerkt … aber wir kommen vom Thema ab.

    Interessant ist, dass der Teil „wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen“ zum einen schon recht frei übersetzt ist. Und es gibt auch noch zwei verschiedene überlieferte Formulierungen in den Manuskripten!

    Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit [andere Handschr.: in der ganzen Wahrheit] leiten; (Elberfelder)

    Doch wenn der Helfer kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit [Wörtlich: „wird er euch in der ganzen“ ( aL(2) „in die ganze“ ) „Wahrheit“.] führen. (NGÜ)

    Wenn er aber kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten; [Andere Textüberlieferung: „…, wird er euch in die ganze Wahrheit führen; …“] (Züricher)

    Johannes 16:13

    Wir können hier also nicht klar entscheiden, ob der Geist uns zum vollen Verständnis der Wahrheit leiten wird, also dass wir alles verstehen, oder nur innerhalb der vollständigen Wahrheit leiten wird, es also keinen Bereich gibt, der dem der Geist verschlossen bleibt. Aber uns gibt er nicht alles weiter. Betrachtet man den Kontext, in dem Jesus sagt, dass ihm alles gehört, spricht einiges für Letzteres.

    Betrachten wir noch einen anderen Vers zu diesem Thema.

    1. Korinther 2:10-13

    Erklärt 1. Korinther 2:10-13 den Text aus Johannes 16:12-15?

    Denn durch seinen Geist hat Gott uns dieses Geheimnis offenbart. Der Geist ergründet nämlich alles, auch das, was in den Tiefen Gottes verborgen ist. Wer von den Menschen weiß denn, was im Innern eines anderen vorgeht? Das weiß nur dessen eigener Geist. Ebenso weiß auch nur der Geist Gottes, was in Gott vorgeht. Wir haben aber nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der von Gott kommt. So können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat. Und davon reden wir auch, aber nicht in Worten, wie sie menschliche Weisheit lehrt, sondern in Worten, wie sie der Geist lehrt. Geistlichen Menschen, erklären wir geistliche Sachen.

    1. Korinther 2:10-13 NEÜ

    Auch hier müssen wir zuerst einmal deutlich sagen: Wenn hier von ‚uns‘ und ‚wir‘ gesprochen wird, dann ist damit zuerst einmal nur Paulus gemeint, der den Brief geschrieben hat, und die in der Gemeinde in Korinth im 1. Jahrhundert. Dass dies auch auf uns heute zutrifft, muss biblisch begründet werden!

    Können wir aus diesem Text ableiten, dass wir beim Lesen der Bibel durch den heiligen Geist die Wahrheit erklärt bekommen? Paulus beginnt mit dem Gedanken, dass er zu den Korinthern kam, um „das Geheimnis Gottes bekannt zu machen“ (V1, NEÜ). Nur passte die Botschaft, mit der er kam, zu keiner der Lehren der bekannten Religionen oder Philosophien. Er kam mit etwas an, auf das niemand von selbst gekommen wäre: „Denn ich hatte mich entschlossen, unter euch nichts anderes zu kennen außer Jesus Christus und ihn als gekreuzigt.“ (V2 NEÜ). Nun hat Paulus nicht einfach mit ihnen gesprochen, und dann hat ihnen der heilige Geist alles erklärt. Er sagt nach Vers 4: „Mein Wort und meine Predigt beruhten ja nicht auf der Überredungskunst menschlicher Weisheit, sondern auf der Beweisführung von Gottes Geist und Kraft.“ Und wie haben andere von dem Geheimnis Gottes erfahren? „Nein, wir predigen das Geheimnis der von Gott verborgenen Weisheit. Dass diese uns jetzt enthüllt wurde, hat Gott schon vor aller Zeit bestimmt, damit wir an seiner Herrlichkeit Anteil bekommen.“ (V7 NEÜ) Wenn Paulus davon spricht, dass sie ‚uns jetzt enthüllt wurde‘, bedeutet also nicht, dass sie jedem beim Lesen der Schriften durch den heiligen Geist enthüllt wurde. Bei einigen wie Paulus war das vielleicht so, doch den meisten wurde es durch die Predigt des Paulus enthüllt. So ist auch Vers 10 nicht so zu verstehen, dass der Heilige Geist jedem die Geheimnisse direkt enthüllt. Das geschah meistens indirekt durch die Lehren Jesu, das Predigen des Paulus usw.

    Dass die Sache komplizierter ist, zeigt sich dann gleich im ersten Vers des nächsten Kapitels: „Zu euch, Brüder, konnte ich bisher aber nicht so sprechen, wie zu geisterfüllten Menschen. Ich musste euch wie Kinder behandeln, die mehr ihren eigenen Wünschen folgen als Christus.“ (1. Korinther 3:1 NEÜ). Ließen sich die Korinther nicht vom heiligen Geist leiten? Waren sie denn nicht Gesalbte? Oder nicht mehr? Oder ist die Idee falsch, dass man sich entweder vom heiligen Geist leiten lässt und die Wahrheit entschlüsselt und erkennt oder eben nicht? Ist das überhaupt so eine Alles-oder-Nichts-Sache?

    1. Johannes 2:27

    Dann haben wir noch 1. Johannes 2:27. Vielleicht ist dir schon aufgefallen, wie oft wir hier beim Evangelium nach Johannes oder den Johannes Briefen gelandet sind. Das ist schon merkwürdig, dass es erst so spät in Schriften betont wird und dann noch aus nur einer Quelle. Aber auch das ist ein anderes Thema. Was steht also in 1. Johannes 2:27?

    Für euch aber gilt: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist[2] lehrt euch das alles. Und was er lehrt, ist wahr, es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch lehrt, und lebt mit Christus vereint.

    1. Johannes 2:27 NEÜ

    Da steht es doch! „Der Geist lehrt euch das alles“. Auch hier gilt natürlich: Wer ist ‚euch‘? Fühlst du dich angesprochen? Aber der Brief ging doch gar nicht an dich und andere 2000 Jahre später.

    Aber der Text enthält noch eine Überraschung. Es gibt in der NEÜ eine Fußnote: „Wörtlich: das Salböl. Siehe Fußnote zu Vers 20.“ Und dort steht:

    Ihr aber habt vom Heiligen selbst den Heiligen Geist [Wörtlich: das Salböl bzw. die Salbung. Im Alten Testament wurden Könige und Priester bei ihrer Einsetzung gesalbt. Diese Symbolik sollte daran erinnern, dass Gott sie berufen und für ihren Auftrag ausgerüstet hatte.] erhalten. Und durch diese Salbung wisst ihr Bescheid.

    1. Johannes 2:20 NEÜ

    Hier steht also gar nichts vom Heiligen Geist sondern vom Salböl oder der Salbung! Das verwendete Wort ist χρῖσμα (chrisma) und es kommt genau 3 mal in der Bibel vor – in diesen beiden Versen! Was bedeutet das also? Hat der Heilige Geist ihnen das eingeflüstert?

    Ich schreibe euch also nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und wisst, dass aus der Wahrheit keine Lüge hervorgehen kann.

    Doch ihr, haltet an der Botschaft fest, die ihr von Anfang an gehört habt! Wenn ihr das tut, dann bleibt ihr mit dem Sohn und mit dem Vater verbunden.

    1. Johannes 2:21, 24 NEÜ

    Die Wahrheit hatten sie also als Botschaft von Anfang an gehört, als sie gläubig und gesalbt wurden. Wenn sie an ihrerer Salbung und dieser Botschaft festhalten würden, dann bräuchten sie natürlich niemanden, der ihnen etwas anderes lehrt. Sie hatten die ‚Wahrheit‘ ja damals schon erkannt.

    Aber irgendwie muss im ersten Jahrhundert der Heilige Geist doch etwas bewirkt haben, oder nicht?

    Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes! Verachtet prophetische Aussagen nicht, prüft aber alles und behaltet das Gute!

    1. Thessalonicher 5:19-21 NEÜ

    Waren denn nicht alle prophetischen Aussagen in der Versammlung gut? Oder waren diese dann nicht vom heiligen Geist? Mir scheint, dass das mit dem heiligen Geist und dem Verständnis der Bibel doch komplizierter ist, als es vielleicht anfangs erschien.

    Wir könnten noch weitere Texte zu diesem Thema analysieren – und möglicherweise weitere Überraschungen erleben. Aber ich denke, diese wichtigen Beispiel erst einmal genügen.

    Wie weit können wir Wahrheiten Gottes erkennen?

    Inwieweit hat der Heilige Geist denn im ersten Jahrhundert die „tiefen Dinge“ erklärt? Was sagt denn gerade Paulus dazu, diesen Gedanken in 1. Korinther geschrieben hat?

    Denn wir erkennen und weissagen ja nur einzelne Dinge.

    Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, … Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, …

    1. Korinther 13:9, 12 NEÜ

    Wir sollten also nicht zu viel erwarten. Schon die ersten Nachfolger Jesu sollten sich ihrer Grenzen bewusst sein.

    Aber vielleicht sollte sich das ja im Laufe der Zeit noch ändern. Ja, aber auf diese Weise:

    Die Liebe wird niemals aufhören. Prophetische Eingebungen werden aufhören, das Reden in Sprachen wird verstummen, ‹die Gabe der› Erkenntnis wird es nicht mehr geben.

    Wenn dann aber das Ganze kommt, wird alles Unfertige beseitigt werden.

    Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, dann aber werden wir alles direkt zu Gesicht bekommen. Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, dann aber werde ich so erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin. Was bis dahin bleibt [Andere übersetzen: „Was bleibt, bis es soweit ist“. Wörtlich: „Was nun aber bleibt“. NGÜ], sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Und die größte davon ist die Liebe.

    1. Korinther 13:8, 10, 12, 13 NEÜ

    Paulus sagt, dass sie zu seiner Zeit trotz heiligem Geist und Wundergaben vieles nur bruchstückhaft verstanden haben. Und es würde weniger werden: „‹die Gabe der› Erkenntnis wird es nicht mehr geben“. Das würde sich ändern, wenn das ‚Ganze‘ oder ‚Vollkommene‘ da sein wird. Wann wäre das? Und was wäre bis dahin? In Vers 13 betont Paulus, was wir erwarten können: Glaube, Hoffnung und Liebe.

    Wenn du meinst, dass du heute vom heiligen Geist geleitet wirst, wie es in den Schriften aus dem 1. Jahrhundert erwähnt wird, akzeptierst du dann auch, dass es noch diese anderen Gaben des Geistes gibt? Was gab es denn noch?

    Dem einen nämlich wird durch den Geist die Weisheitsrede gegeben, dem anderen aber die Erkenntnisrede gemäss demselben Geist; einem wird in demselben Geist Glaube gegeben, einem anderen in dem einen Geist die Gabe der Heilung, einem anderen das Wirken von Wunderkräften, wieder einem anderen prophetische Rede und noch einem anderen die Unterscheidung der Geister; dem einen werden verschiedene Arten der Zungenrede gegeben, einem anderen aber die Übersetzung der Zungenrede. Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem auf besondere Weise zuteilt, wie er es will.

    1. Korinther 12:8-11 Züricher

    Ist das auch für unsere Zeit noch zugesagt? Oder während der vergangenen 2000 Jahre? Das steht allerdings gar nicht in diesem Text. Sondern nur, dass es damals so war. Und wenn du nun glaubst, dass du heute durch den heiligen Geist beim Lesen der Bibel geleitet wirst, um die Wahrheit zu erkennen, was ist dann mit diesen anderne Gaben? Wie begründest du anhand des Neuen Testaments, dass diese nicht mehr durch den heiligen Geist ermöglicht werden?

    Es wäre auch gut, diese Aussagen im Kontext der Kapitel 12-14 zu lesen. Darin zeigt Paulus, dass nicht alle diese Gaben hatten. Auch nicht die ‚Gabe der Erkenntnis‘. Mussten sie dann andere dazu fragen, wenn sie hörten, was aus den Schriften oder den neuen Briefen vorgelesen wurde? Interessanterweise hat Paulus in Kapitel 14 noch dies zu sagen: „Ist das Wort Gottes denn von euch ausgegangen? Oder ist es nur zu euch gekommen?“ (NEÜ). Auch wenn die Jünger in Korinth den heiligen Geist hatten, so hatte dieser ihnen die Wahrheit über das Evangelium nicht unabhängig geoffenbart. Und in den anderen Gemeinden war es nicht anders. Paulus hatte ihnen das Evanglium gepredigt – es wurde nicht jedem beim Lesen durch den heiligen Geist geoffenbart.

    Vielleicht bist du jetzt verwirrt oder siehst einen Widerspruch: Hat der Heilige Geist jetzt bewirkt, dass die heiligen Geheimnisse Gottes, die Wahrheit ganz erkannt wurde oder nicht? Wenn dir all das jetzt schon zu viel geworden ist, dann möchte ich dies sagen:

    Wichtige, zentrale Wahrheiten oder Geheimnisse Gottes sind nicht unbedingt kompliziert. Die gute Botschaft, dass Gott durch den Messias und das Königreich den von ihm gewünschten Zustand der Schöpfung wieder herstellt, dass der Messias sterben musste, dass der Tod des Messias keine Niederlage war, sondern durch seine Auferstehung alle Feinde und sogar der schlimmste, der Tod, beseitigt wurden, das war ein Geheimnis. Die Welt retten durch Leiden und Tod des Messias – das hatte keiner auch nur gedacht. Doch wir können das verstehen – auch ohne Kenntnis der Ursprachen, ausgedehnte Studien usw.. So wie diejenigen, denen Jesus, Paulus und andere gepredigt haben.

    Es gibt jedoch auch eine Menge Themen, Details und Zusammenhänge, die nur durch mühsames, zeitaufwändiges Bibelstudium, Studium der Sprache und des Kontextes usw. zu erkennen sind. Und der heilige Geist ist keine Abkürzung dafür.

    Die Idee, dass man beim Lesen in der Bibel nur um den heiligen Geist bitten muss, um die Geheimnisse Gottes zu verstehen, stößt allerdings noch in ganz anderer Hinsicht auf Probleme.

    Was liest du, wenn du in der Bibel liest?

    Die meisten werden den Text der Bibel in ihrer Muttersprache lesen, also nicht im Griechisch, Aramäisch oder Hebräisch der Antike. Zwischen dem Urtext und uns liegt also schon einmal die Übersetzung und der unterschiedliche Kontext (siehe meine Serie Der Kanon des Neuen Testaments). Hilft dir der heilige Geist auf übernatürliche Weise, die Bedeutung im Urtext richtig zu verstehen, wenn du eine Übersetzung in deiner Sprache liest? Oder nehmen wir verfälschte oder gefälschte Bibeltexte wie das Comma Johanneum. Würde der heilige Geist verhindern, dass du diese Bibeltexte in deiner Übersetzung als „tiefe Dinge Gottes“ auffassen würdest? Ich denke, das kann sich jeder selbst beantworten und die Antwort ist: Nein.

    Wie steht es aber mit denen, welche in mühevoller Arbeit die Manuskripte aufgespürt, organisiert, verglichen und übersetzt haben? Gaben sie nur vor, sich vom heiligen Geist leiten zu lassen? Kann der heilige Geist ihnen nicht geholfen haben? Gibt es tatsächlich nur ‚zwei Klassen von Christen‘, wie manche sagen? Solche, die vom heiligen Geist geleitet werden und alle anderen, welche nicht vom heiligen Geist geleitet werden? Das ist eigentlich schon eine etwas unglückliche Wortwahl. In der Vergangenheit haben zum Beispiel Jehovas Zeugen von „der Klasse des treuen und verständigen Sklaven“, der „Klasse der Gesalbten“ oder der „Klasse der anderen Schafe“ gesprochen. Es diente nur zur Unterscheidung zwischen ‚wir‘ und ‚ihr‘. Dürfen wir alle Christen einer Konfession in einen Topf werfen – oder eine Klasse? Sowohl diejenigen, welche die Lehren definieren und predigen, als auch die ‚Laien‘, die vielleicht ganz anders denken. Nur weil in einer Kirche die Dreieinigkeit gelehrt wird – und wir das für eine falsche Lehre halten? Das würde ja bedeuten, dass in keiner dieser Kirchen irgend jemand ist, in dem Gottes heiligen Geist wirken kann. Müssten wir nicht genauer darüber nachdenken, ob der heilige Geist Gottes in einem bestimmten Maße in jemandem wirken kann? Nehmen wir an, die Bibelübersetzer der Christenheit hätten den heiligen Geist nicht und dieser hätte sie nicht unterstützt, dann haben sie dennoch viel – eigentlich sogar alles – zur Grundlage heutiger Bibeln beigetragen und eine Menge ‚richtiger‘ Lehren gefunden. Dann hätte der heilige Geist beim Verständnis der Bibel wohl doch nicht eine so entscheidende Rolle, da es bei der schwierigen Aufgabe des Übersetzers auch ohne ihn gegangen ist?

    Ist es also so, dass jemand Gottes Geist hat oder nicht hat? Das ist vielleicht schon eine falsche Formulierung, weil sie sich nach Besitz anhört. Aber der heilige Geist ‚gehört‘ Gott (oder Jesus, je nach Text). Wirkt der Geist Gottes in jemandem ganz oder gar nicht? Das war doch schon bei den Berichten im Alten Testament nicht der Fall. Dabei wird die zeitliche Perspektive noch nicht einmal berücksichtigt. Der Geist könnte ja auch eine Zeit lang wirken und dann nicht mehr. Nehmen wir zum Beispiel Salomo. Er hatte Gottes Geist auf besondere Weise erhalten. Und gemäß der Bibel sind Berichte über ihn und Weisheiten von ihm in der Bibel enhalten. Gemäß 1. Könige 11:4 geschah aber das: „Als er älter wurde, brachten sie ihn dazu, andere Götter zu verehren. Da war sein Herz nicht mehr ungeteilt Jahwe, seinem Gott, ergeben wie das Herz seines Vaters David.“ (NEÜ). Götzendienst – das war das Schlimmste, was man in Gottes Augen tun konnte. Ob er dann noch ‚Gottes Geist hatte‘? Ob er sich von Gottes Geist leiten lies? In welchem Maße? Ob Gottes Geist dann noch in ihm wirkte? Die Ergebnisse aus der Zeit davor wurden aber trotzdem in den biblischen Kanon mit aufgenommen. Und war es mit David, Abraham, Mose, Richtern und Propheten?

    Können wir also beurteilen, ob sich jemand von Gottes Geist leiten lies – und unterstützt wurde – als er über ein bestimmtes biblisches Thema geforscht und geschrieben hatte? Und wenn er halt auch an eine ‚falsche Lehre‘ glaubte? Niemand von uns kann behaupten, dass er oder sie ‚die ganze Wahrheit‘ hat. Aber gibt es so etwas wie falsche Lehren, die verhindern, dass jemand etwas schreiben oder sagen kann, was wir als ‚biblische Wahrheit‘ akzeptieren würden? Wenn wir die Dreieinigkeitslehre für falsch halten, kann dann jemand, der an eine Variante dieser Lehre glaubt, gar keine anderen ‚biblischen Wahrheiten‘ erkennen? Und kann er gar nicht vom heiligen Geist geleitet werden? Vielleicht beeinflusst jahrelange Indoktrination noch unbewusst, wie wir darüber denken. Das Neue Testament vermittelt eher den Eindruck, dass die Jünger den heiligen Geist hatten und trotzdem noch ziemlich unterschiedliche und auch ‚falsche‘ Vorstellungen hatten.

    Ein Wort zur Vorsicht

    Wie muss man sich das denn nun aber vorstellen, wenn jemand sagt, dass er Gottes Geist hat und in der Bibel liest. In etwa so?

    Der heilige Geist hat uns geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen. Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. Paulus schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Korinther 2:13).

    Kling das für dich richtig? Es wurde auch schon so formuliert: „Wenn wir Gottes Atem in uns haben, seinen heiligen Geist, dann werden wir die geheime und verborgene Weisheit Gottes verstehen.“

    Jetzt vergleichen wir mal die obige Formulierung mit folgendem Text. Ich habe das hervorgehoben, was identisch mit der vorherigen Formulierung ist:

    Anzeichen für die Wirkung des heiligen Geistes. Der heilige Geist hat der leitenden Körperschaft geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen.Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. (Lies 1. Korinther 2:10.) Die leitende Körperschaft empfindet wie Paulus, der schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Kor. 2:13). Kann die schnelle Zunahme des geistigen Verständnisses seit 1919 nach Jahrhunderten des Abfalls und der geistigen Dunkelheit auf irgendetwas anderes zurückzuführen sein als auf den heiligen Geist?

    Wachtturm 2017, Februar, S. 26-27, Abs. 13 Wer führt Gottes Volk heute?

    Ob es nun wie in diesem Zitat Jehovas Zeugen oder sonst eine Gruppe ist: Es ist wahrlich keine Überraschung, dass seit zweitausend Jahren Christen behaupten, dass sie durch den heiligen Geist geleitet werden und daher die Bibel und die ‚heiligen Geheimnisse Gottes‘ verstehen. Die Frage ist: Kann das jemand beweisen? Alllerdings müssten wir diese Frage gar nicht beantworten, wenn wir heute gar nicht mehr erwarten dürften, dass uns der heilige Geist so leitet.

    Dürfen wir diese Texte einfach so auf uns beziehen?

    Wir haben diesen Punkt schon zweimal angesprochen. Können wir die Texte des Neuen Testaments immer auf uns anwenden? Wenn von ‚wir‘ und ‚euch‘ gesprochen wird, sind dann auch du und ich gemeint?

    Schon im ersten Jahrhundert haben viele Leute behauptet, von Gottes Geist geleitet zu werden:

    Ihr Lieben, glaubt nicht jedem, der behauptet, er sei mit Gottes Geist erfüllt, sondern prüft, ob er wirklich von Gott kommt. Denn überall sind falsche Propheten unterwegs.

    1. Johannes 4:1 NEÜ

    Interessanterweise werden wir aufgefordert, die Quelle des Geistes zu prüfen. Zugehörigkeit zu einer Religion, Gemeinde oder Gruppe war nicht das Kriterium. Im nächsten Vers wird übrigens ein weiteres Kriterium angegeben, woran man die Wirkung des Heiligen Geistes erkennen kann:

    Den Geist Gottes erkennt ihr daran, dass er deutlich macht: Jesus Christus kam als wirklicher Mensch in unsere Welt.

    1. Johannes 4:2 NEÜ

    Eine außerordentliche Ansage, die uns voll in die Diskussionen unter den Christen der ersten Jahrhunderte führen würde. Aber nicht jetzt.

    Schauen wir uns also einmal ein paar der Texte an, die von den Unterstützung durch den heiligen Geist an.

    Wenn ihr mich liebt, so werdet ihr meine Gebote halten; und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand [o. Fürsprecher; o. Helfer; w. der ⟨zur Unterstützung⟩ Herbeigerufene] geben, dass er bei euch ist in Ewigkeit [griech. Äon], den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn erkennt. Ihr erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

    Johannes 14:16,17 Elberfelder

    Mal abgesehen davon, dass Äon nicht die Bedeutung Ewigkeit sondern Zeitalter hat, wird hier vom paráklētos gesprochen, dem ‚Helfer‘. Ist das der ‚heilige Geist‘? Hier steht doch: ‚Geist der Wahrheit‘. Wir sollten hier keine voreiligen Schlüsse ziehen. Und wen meint er denn mit ‚euch‘? Der Kontext zeigt, dass die Apostel gemeint sind. Können wir das einfach so auf alle Nachfolger Jesu erweitern?

    Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen, ich komme zu euch. Noch eine kleine ⟨Weile⟩, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich: Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.

    Johannes 14:18, 19 Elberfelder

    Nun, wer hat Jesus gesehen? Du und ich? Nein! Die Apostel, die er in dieser Passage angesprochen hat. Viele wenden solche Texte ohne Zögern auf sich an, aber das müsste doch biblisch begründet werden!

    Denken wir doch nur noch einmal an 1. Korinther 13:8. Paulus sagt, dass diese besonderen Gaben durch den heiligen Geist aufhören werden. Bevor du dir also sagst, dass du beim Lesen der Bibel vom heiligen Geist geleitet wirst, dann solltest du anhand der Bibel beweisen können, dass das heute überhaupt noch so der Fall ist! Wenn du jetzt in deiner Überzeugung entrüstet bist, dann denke einmal über die Jahrtausende vor Jesus Christus nach. Hat der ‚heilige Geist‘ denjenigen so geholfen, die ‚Bibel‘ (was es davon überhaupt schon gab) zu verstehen, wie du das von dir annimmst? Denk nicht nur an einen Abraham oder Mose, sondern auch Hennoch oder Hiob oder diejenigen Israeliten, die ihr Bestes versuchten? Was wäre, wenn uns Gott und Jesus gar nicht zugesagt hätten, dass wir heute durch den heiligen Geist auf wundersame Weise beim Lesen der Bibel ‚die Wahrheit‘ erkennen? Wenn das nur auf das erste Jahrhundert und einige wenige beschränkt gewesen wäre? Was dann?

    Man hat dir gesagt, Mensch, was gut ist / und was Jahwe von dir erwartet: / Du musst dich nur an sein Recht halten, / es lieben, gütig zu sein, / und einsichtig gehen mit deinem Gott.

    Micha 6:8 NEÜ

    Die eigentliche Herausforderung für Jünger Jesu ist doch gar nicht ein genaues Verständnis der ‚Geheimnisse Gottes‘, die wir nur durch heiligen Geist erlangen können. Sondern im täglichen Leben so zu denken, zu sein und das zu tun, was Gott sich von uns Menschen immer gewünscht hat.

    Bibelstudium und Heiliger Geist

    Die Bibel immer besser zu verstehen, ist tatsächlich auch harte Arbeit. Echtes Bibelstudium ist weit mehr als Lesen. Wenn also Bibelwissenschaftler mühsam und sorgfältig Texte aus dem Alten und Neuen Testament vergleichen oder die Bedeutung der Begriffe im Altertum genau studieren, dann entdecken sie häufig tiefe Dinge Gottes, die uns noch nie aufgefallen sind. Und auch nicht solchen, welche sich ihrer Überzeugung nach beim Lesen der Bibel vom Heiligen Geist leiten lassen. Die Arbeiten solcher Gelehrter zu berücksichtigen, bedeutet ja nicht, dass man Lehren von Menschen folgt. Sie helfen uns, einen genaueren, tieferen Zugang zum Text zu bekommen.

    Wie ich finde, hat der leider schon verstorbene Gelehrte Dr. Michel S. Heiser einen sehr wichtigen Zusammenhang in seinem Buch The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms (Die Bibel ungefiltert: Die Heilige Schrift nach ihren eigenen Regeln verstehen) erläutert:

    Eines meiner Lieblingszitate über die harte Arbeit, sich ernsthaft mit dem biblischen Text auseinanderzusetzen – das, was wir gemeinhin als Bibelstudium bezeichnen – stammt von dem renommierten griechischen Lexikographen Frederick W. Danker (das „D“ in BDAG). Danker sagte bekanntermaßen, dass „die Aufgaben eines Gelehrten nichts für Weicheier sind“. Er hatte Recht, und ich bin dankbar, dass er bereit war, zu sagen, was gesagt werden musste. Die Wahrheit über ernsthaftes Bibelstudium ist, dass es nicht einfach ist. Es braucht viel Zeit und Mühe, oft Tage, Wochen und Monate, um wirklich zu verstehen, was ein Text bedeutet (oder wahrscheinlich bedeutet) und warum. Wenn dir das Bibelstudium nicht wie Arbeit vorkommt, hast du es nicht richtig gemacht.

    Allzu oft sind Menschen, die unbedingt das Gefühl haben wollen, die Heilige Schrift zu kennen, nicht bereit, die Zeit zu investieren, die es braucht, um dorthin zu gelangen. Stattdessen nehmen sie Abkürzungen und erwarten dann, dass der Geist die Arbeit übernimmt. Die Annahme scheint zu sein, dass das Versprechen des Geistes, uns in die Wahrheit zu leiten, bedeutet, dass er mangelnde Anstrengung entschuldigt und uns die Antworten gibt, die wir brauchen. Die dritte Person der Dreifaltigkeit ist nicht der Junge, der in der Schule neben dir sitzt und dich bei seiner Prüfung schummeln lässt. Anstatt persönliche Anstrengungen durch den Geist zu ersetzen, solltest du den Geist um Einsicht bitten, um fehlerhaftes Denken zu entlarven (dein eigenes und das derjenigen, die du liest), wenn du dich mit der Bibel beschäftigst. Je mehr du dich mit dem Wort Gottes beschäftigst, desto mehr hat der Geist zu tun.

    Michael S. Heiser, The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms, Kapitel 1
  • „Versäume keine Zusammenkunft!“

    „Versäume keine Zusammenkunft!“

    Von Christian


    Ich kann dir nicht sagen, wie oft ich früher als Zeuge Jehovas gehört habe, dass ich „keine Zusammenkunft versäumen darf“. Als ehemaliger oder aktiver Zeuge Jehovas kannst du das bestimmt bestätigen. Gefühlt habe ich das unendlich oft gehört und gelesen. In der Wachtturm ONLINE-BIBLIOTHEK habe ich schon für den Text „Zusammenkunft versäumen“ 40 Ergebnisse und für „Zusammenkünfte versäumen“ 125 Ergebnisse gefunden. Dann wird in der Regel Hebräer 10:24, 25 zitiert (meist nur auszugsweise) und Sprüche 18:1.

    Und dieses Muster findet man nicht nur bei Zeugen Jehovas. Daher ist es für jeden gut, sich die Methodik, Argumente und Bibeltexte einmal genauer anzuschauen.

    Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie der gebräuchliche Begriff ‚Treffpunkt‘ nicht mehr verwendet werden sollte, sondern der offizielle Begriff ‚Zusammenkunft für den Predigtdienst‘. Das hat auch ein Kreisaufseher betont. Denn dann war der Besuch dieser ‚Zusammenkunft‘ ja auch verpflichtend! Und genau darum ging es: Nicht liebevolle Fürsorge sondern die Anwesenheitspflicht bei Zusammenkünften und Kongressen. Immer gepaart mit dem Hinweis, dass man sonst egoistisch werden würde und vom Glauben abfallen, was einem natürlich Angst macht.

    Du glaubst das nicht? Hier ein paar Zitate:

    Sich abzusondern und den regelmäßigen guten Umgang mit unseren Glaubensbrüdern zu vernachlässigen, kann sich schlecht auf uns auswirken. Es kann dazu führen, dass wir nach unserem „eigenen selbstsüchtigen Verlangen trachten“ (Spr. 18:1). Es ist also gut, uns zu fragen: Bin ich es gewohnt, alle Zusammenkünfte zu besuchen und Nutzen aus ihnen zu ziehen? (Heb. 10:24, 25).

    Wachtturm 2013 15.2. S. 23 Achte auf dein Herz

    Petrus bewies echten Glauben, als er sich trotz seiner Niedergeschlagenheit mit seinen Brüdern versammelte. Wenn man von Traurigkeit und Reue übermannt wird, möchte man sich vielleicht am liebsten von anderen absondern. Doch das ist gefährlich (Spr. 18:1). Besser, man hält sich eng an seine Glaubensbrüder und bemüht sich, wieder geistig stark zu werden (Heb. 10:24, 25).

    Ahmt ihren Glauben nach S. 202 Abs. 20

    Sie sind organisiert, damit sie sich gegenseitig unterstützen und aufbauen können. Wer allein eine Bergtour macht, kann frei entscheiden, wo er klettern will, und er braucht nicht auf weniger Erfahrene Rücksicht zu nehmen. Aber wenn er einen Unfall hat oder sonst irgendwie in Schwierigkeiten kommt, wird es gefährlich; dann ist niemand da, der ihm hilft. Alleingänge zu machen ist also nicht klug (Sprüche 18:1). Auch Christen müssen zusammenhalten, um Jesu Auftrag auszuführen (Matthäus 28:19, 20). In der Versammlung bekommen sie biblische Bildung, sie werden geschult und ermutigt, nicht aufzugeben. Das alles ist sehr, sehr wichtig. Wo könnte man etwas über Jehova lernen und ihn anbeten, wenn es keine organisierten Zusammenkünfte gäbe? (Hebräer 10:24, 25).

    Wachtturm 2011 1.6. S. 14-15 Hat Gott eine Organisation?

    Besonders das letzte Zitat aus dem Wachtturm von 2011 ist interessant. In der Artikel geht es darum, dass Gott eine Organisation hat. Warum Sprüche 18:1 und Hebräer 10:24, 25 so angewandt werden, wird aus dem abschließenden Absatz klar:

    Echte Liebe zu Gott und zur biblischen Wahrheit hat Millionen Menschen zu einer Organisation geführt, die diese und andere biblische Kriterien erfüllt. Jehovas Zeugen, die als weltweite Gemeinschaft gut organisiert und in Einheit zusammenarbeiten, geben ihr Bestes, um Gottes Willen zu tun. Sie vertrauen voll und ganz auf sein Versprechen: „Ich werde unter ihnen wohnen und unter ihnen wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein“ (2. Korinther 6:16). Diese schöne Zusage gilt allen, die Jehova Gott in seiner Organisation anbeten.

    Wachtturm 2011 1.6. S. 15 Hat Gott eine Organisation?

    Es geht also immer darum, dass es nur eine Organisation gibt, die von Gott ist. Die Botschaft ist: ‚Alle anderen sind nicht von Gott. Und daher musst du zu diesen Zusammenkünften gehen, weil du sonst nicht da bist, wo ‚Gott ist‘. Und wo willst du sonst ‚geistige Speise‘ bekommen? Es ist nicht klug und sogar gefährlich, wenn du nicht hingehst. Dann sonderst du dich ja ab, und das wird schlimm für dich ausgehen. Weil du nur deinen Begierden folgen wirst und Weisheit ablehnst.‘

    Und das wird seit Jahrzehnten immer wieder betont:

    Wie können wir aber Reife erlangen und tüchtige Prediger werden? Es genügt nicht, daß wir die Bibel nur für uns studieren, wir müssen auch die Zusammenkünfte der Versammlung besuchen, in denen wir durch die Gemeinschaft mit unseresgleichen gestärkt werden.

    Besuche diese Zusammenkünfte regelmäßig, um dich über die geoffenbarten Wahrheiten, die uns durch Jehovas Organisation wie durch einen Kanal ständig aus dem Tempel zufließen, auf dem laufenden zu halten.

    Aus diesen zwingenden Gründen sollten wir uns die gute Gewohnheit aneignen, die Zusammenkünfte regelmäßig zu besuchen, sofern wir es nicht bereits tun.

    Wachtturm 1963 15. 7. S. 432, Abs. 11

    Die Absicht ist ganz klar: Nur wer mehrmals in der Woche in den Zusammenkünften indoktriniert werden kann, bleibt mit der Wachtturm-Organisation auf Linie:

    Fühlst du dich je geistig schwach? Prüfe dich selbst! Sehr wahrscheinlich hast du nicht regelmäßig die Zusammenkünfte besucht. Du entbehrst die Gemeinschaft mit deinen Brüdern. Wenn jemand die Zusammenkünfte zu versäumen beginnt, so zieht er sich von Jehovas Organisation zurück, und hier ist der Punkt, an dem jemand anfängt, schwach zu werden. Er hört auf, sich zu äußern oder eine öffentliche Erklärung seiner Hoffnung abzugeben. In diesen letzten Tagen der Organisation des Teufels ist es nicht an der Zeit, ein Risiko einzugehen.

    Wachtturm 1955 15. 2. S. 115 Abs. 7

    Ist das liebevolle Fürsorge oder wird hier aus anderen Gründen eine Drohkulisse aufgebaut? Die Antwort fällt nicht schwer.

    Doch erstmal genug der Zitate aus dem Wachtturm. Stimmt denn das überhaupt, was der Wachtturm da immer wieder schreibt? Werden diese beiden Bibeltexte überhaupt richtig angewandt?

    Hebräer 10:24,25

    Im Zusammenhang mit den Zusammenkünften wird Hebräer 10:24, 25 oft auf eine bestimmte Weise eingeleitet:

    Da die Zeugen das biblische Gebot, ihr „Zusammenkommen nicht aufzugeben“, ernst nehmen, haben sie sich etwas Pfiffiges einfallen lassen: Nicaraguas ersten schwimmenden Königreichssaal (Hebräer 10:25).

    Wachtturm 1.9. 2009, S.26

    Lies jetzt bitte die Verse und das Kapitel nach, und frage dich, ob das ein Gebot ist wie die 10 Gebote oder die zwei, die Jesus hervorgehoben hat. Nein, es ist natürlich kein biblisches Gebot. Und außer Hebräer 10:25 wird auch kein anderer Text zitiert. Warum wohl?

    Übrigens: Ist dir der oft unterschlagene zweite Teil des Verses aufgefallen? „und das umso mehr, als ihr seht, dass der Tag naht!“ steht dort. Welcher Tag? Wann wurde denn der Hebräer Brief geschrieben? Übrigens ist sein Autor unbekannt und nicht Paulus (siehe mein Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 17: Die Verfasser des Neuen Testaments). Es gibt verschiedene Auslegungen, was mit dem Tag gemeint ist. Geschrieben wurde der Brief vermutlich in den Jahren vor der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. Es lohnt sich also, einmal darüber nachzudenken, ob der Text für eine bestimmte Zeit geschrieben wurde oder für alle Zeiten anzuwenden ist. Auf jeden Fall wäre es gut, einen Text im Ganzen zu verstehen, bevor man ihn anwendet.

    Im Griechischen steht hier übrigens für Zusammenkommen, das nur genau zwei mal im Neuen Testament vorkommt:

    ἐπισυναγωγὴν (episynagōgēn) wird auch in 2. Thessalonicher 2:1 verwendet:

    Dort steht:

    Was nun das Wiederkommen unseres Herrn Jesus Christus und unsere Vereinigung [ἐπισυναγωγῆς (episynagōgēs)] mit ihm betrifft, bitten wir euch, Geschwister: Lasst euch durch die Behauptung, der Tag des Herrn wäre schon da, nicht so schnell aus der Fassung bringen oder gar in Schrecken versetzen. Glaubt es nicht, auch wenn sich jemand auf eine Geistesoffenbarung, eine angebliche Aussage oder einen Brief von uns beruft.

    2. Thessalonicher 2:1,2 Züricher

    Das ist doch mal interessant. Das Wort wird nur zwei mal überhaupt verwendet. In Hebräer 10:25 ist die Begründung für das Zusammenkommen, dass sie den Tag nahen sehen. Und in 2. Thessalonicher 2:1 wird das selbe Wort für die Vereinigung mit dem Herrn Jesus Christus bei seiner Wiederkunft verwendet, mit der Warnung in Vers 2, dass einige behaupten, der Tag des Herrn wäre schon da.

    Wie ist Sprüche 18:1 zu verstehen?

    Ein paar andere Zitate aus den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas.

    Die Gemeinschaft von Glaubensbrüdern zu suchen, statt uns zurückzuziehen, hilft uns, wieder den richtigen Blickwinkel einzunehmen (Ps 73:17; Spr 18:1; w20.12 19 Abs. 15-16)

    Leben und Dienst Zusammenkunft, August 2024

    Aus den drei Beispielen lernen wir noch etwas Wichtiges: Wir dürfen uns nicht von Jehova und seinem Volk absondern (Spr. 18:1).

    Wachtturm 2019, Juni, S. 18 Abs. 16

    Aber geht es in Sprüche 18:1 wirklich um den Besuch von Zusammenkünften, sei es von Zeugen Jehovas oder irgendwelchen anderen Gruppen und Kirchen? Wir sollten nichts in die Bibel hineinlesen (Eisegese), sondern die Bibel selbst sprechen lassen (Exegese).

    Das ist bei Sprüche 18:1 jedoch gar nicht so leicht, denn der hebräische Text ist knapp und für uns heute ziemlich obskur. Tatsächlich haben die neuzeitlichen Übersetzer schon immer Wörter eingefügt, um aus dem Hebräischen irgend einen Sinn zu machen. Und seit der King James Version sind viele einer Wiedergabe gefolgt. Die passte auch allen Kirchen ins Konzept und wird daher weiter verwendet.

    Gibt es irgendwelche antiken Quellen, die uns hier weiterhelfen? Ja, und zwar die griechische Septuaginta und der aramäische Text. Und was steht in der Septuaginta und im aramäischen Text?

    Wer seinem Begehren folgt, sondert sich ab, / er rennt an gegen alle Klugheit. (Einheitsübersetzung)

    Ein unfreundlicher Mensch verfolgt egoistische Ziele und fängt entgegen aller Vernunft Streit an. (NIV)

    In seinem Müßiggang sinnt man über die Lust nach und spottet über die gute Lehre. (Aramaic Bible in Plain English)

    Ein Mann, der sich von Freunden trennen will, sucht nach Ausreden; aber er wird sich jederzeit Vorwürfe machen müssen. (Brenton Septuagint Translation und andere Übersetzungen der Septuaginta)

    Wer sich entschuldigt, wird von seinen Freunden abgelehnt, Und man wird immer schlecht über sie sprechen. (2001 Translation, berücksichtigt die Septuaginta)

    Sprüche 18:1

    Die antiken Übersetzer waren noch viel näher drann und hatten ein ganz anderes Verständnis von Sprüche 18:1 als die heutigen Übersetzer des masoretischen, hebräischen Textes. Vermutlich bist du jetzt so überrascht wie ich auch. Hätten wir aber gar nicht sein müssen, wenn wir alle Texte gelesen hätten, die in den Sprüchen zusammengestellt wurden. Lesen wir einmal die ersten 4 im Kontext:

    Wer andere Menschen meidet, denkt nur an sich uns seine Wünsche; heftig wehrt er sich gegen alles, was ihn zur Einsicht bringen soll.

    Ein Dummkopf bemüht sich erst gar nicht, etwas zu begreifen. Er will nur jedem zeigen, wie klug er ist.

    Wer sich von Gott lossagt, wird zwangsläufig schuldig. Schuld aber bringt Schande und Hohn.

    Die Worte eines Menschen können eine Quelle sein, aus der immerfort Weisheit sprudelt; unerschöpflich und von tiefer Wahrheit.

    Sprüche 18:1-4 Hoffnung für alle

    Es geht in Sprüche 18 also überhaupt nicht um Zusammenkünfte und die Gemeinschaft mit einer bestimmten Kirche, Gruppe oder was auch immer.

    Die Anwendung von Sprüche 18:1 durch Jehovas Zeugen und auch andere erscheint nun nicht nur als fragwürdig. Sie ist falsch. Und doch ist es ausgerechnet dieser Text, der immer wieder verwendet wird. Und kein anderer Text – auch interessant, nicht wahr?

    Und was sagt Jesus?

    Jesus hatte zu dem Thema auch etwas zu sagen, wird aber nicht so häufig zitiert:

    Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich in ihrer Mitte.

    Matthäus 18:20 NEÜ

    Der Text wird in der Wachtturm-Literatur übrigens nur sehr selten verwendet. Manchmal in Verbindung mit Zusammenkünften mit wenigen Anwesenden. Aber diese Eisegese fand ich dann doch überraschend:

    Dem Zusammenhang nach bezieht sich diese Aussage auf christliche Älteste, die zusammenkommen, um ernste Probleme zwischen Einzelnen in der Versammlung zu behandeln. Aber vom Grundsatz her sind Jesu Worte auch auf unsere Zusammenkünfte anwendbar. (Matthäus 18:20)

    Wachtturm 2006 1. 11. S. 28-29 Abs. 5

    Können wir nicht mit anderen Christen zusammenkommen?

    Problematisch wird es natürlich auch dann, wenn man anfängt zwischen Christen anhand ihrer Konfession zu unterscheiden. Wenn man diesen zum Beispiel abspricht, dass Gottes heiliger Geist bei ihnen wirken kann. Bei Zeugen Jehovas klang das so:

    Du lernst weiterhin, daß das nicht eine Einzelaktion dir gegenüber ist [gemeint ist das Loskaufsopfer], sondern daß du dich treu und regelmäßig mit dem Volke Gottes versammeln mußt, „indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Gewohnheit ist, sondern einander ermuntern, und das um so mehr, als ihr den Tag [das Ende der alten Welt] herannahen seht.“ (Heb. 10:25, NW) Wo kannst du dich mit solchen Menschen zum Studium solcher Dinge versammeln? Bestimmt nicht bei der Mehrheit der heutigen Kirchenorganisationen, wo die Leute vierzig und fünfzig Jahre lang Mitglieder gewesen sind und noch unfähig sind, die Grundlehren des Christentums zu erklären. Doch triffst du Menschen, die dich so ermuntern können, und du studierst wirklich Gottes Wort, wenn du die regelmäßigen Zusammenkünfte in den mehr als 14 000 Königreichssälen der Zeugen Jehovas in der ganzen Welt besuchst.

    Wachtturm 1955 15. 9. S. 551

    Fazit

    Solltest du wieder einmal die Argumentation hören, dass du dem Gebot aus Hebräer 10:24,25 folgen musst, die Zusammenkünfte zu besuchen, weil du dich sonst gemäß Sprüche 18:1 absonderst, nur um deinen eigenen Begierden zu folgen und alle Weisheit ablehnst, dann erinnere dich bitte an unsere Analyse dieser Bibeltexte.

  • Menschenrechte und Menschlichkeit in der Organisation der Zeugen Jehovas

    Menschenrechte und Menschlichkeit in der Organisation der Zeugen Jehovas

    Von Georg Buchbinder


    Das Buch von Georg Buchbinder ist am 15.11.2023 bei bod.de erschienen: Menschenrechte und Menschlichkeit in der Organisation der Zeugen Jehovas. Mittlerweile ist eine überarbeitete, 360 seitige Neuauflage des Buches verfügbar.

    „Menschenrechte und Menschlichkeit in der Organisation der Zeugen Jehovas“ ist ein Bericht über Praktiken der JW.org innerhalb ihrer eigenen Organisation, die sich selbst als die einzige wahre Organisation Jehovas auf Erden betrachtet. Es handelt sich um einen Bericht eines Insiders, der beschreibt, wie diese Organisation mit Andersdenkenden und Selbstdenkenden innerhalb und außerhalb ihrer Organisation umgeht.

    Dieses Buch möchte den Dialog fördern, Probleme konstruktiv aufzeigen und helfen, diese Probleme zu erkennen, sie anhand der Bibel neu zu überdenken und diese zu korrigieren.

  • Metamorphose: Wie aus einer beratenden Gemeinschaft der Kanal Gottes wurde

    Metamorphose: Wie aus einer beratenden Gemeinschaft der Kanal Gottes wurde

    Von Christian


    Hätte ich als kleines Kind meiner Großeltern gefragt, wer denn in der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas ist, hätten sie mich wohl etwas verwundert angeschaut. Aber das ist nur rein hypothetisch, denn damals wurde der Begriff ‚Leitende Körperschaft‘ kaum verwendet.

    Tatsächlich konnte man zum Beispiel im Buch Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes (veröffentlicht von Jehovas Zeugen im Jahr 1966) auf Seite 34 in der Tabelle lesen:

    Tabelle 2/2 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Tabelle 2/2 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes

    um 49 u.Z. Jerusalem: Beratende Versammlung der Apostel und älteren Männer entscheidet gegen die Verwendung von Blut und gegen Erwürgtes Apg. 15

    Ewiges Leben in der Freiheit der Söhnte Gottes, 1966, S. 34

    Ab und zu wurde aber der Begriff schon vorher in den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas verwendet, zum Beispiel im Wachtturm 1960:

    18 … Als die Frage der Beschneidung entstand, berief Paulus nicht eine Synode der Versammlungsaufseher von Antiochien und der übrigen Provinz Syrien ein, um die Sache zu entscheiden, noch erwartete er, daß der Geist Gottes die Versammlungen direkt leite, sondern er begab sich zur sichtbaren leitenden Körperschaft in Jerusalem, und nachdem die Angelegenheit unter der Leitung des Geistes, der auf dieser Körperschaft ruhte, dort geklärt worden war, wurde Paulus zu den Versammlungen zurückgesandt, damit er ihnen die Entscheidung bekanntgebe …

    (a) Wurden die Ortsversammlungen in der Urkirche durch den Geist geleitet? (b) Weshalb könnte man sich vorstellen, daß sich Schwierigkeiten in bezug auf Entscheidungen ergeben hätten, die die sichtbare leitende Körperschaft in Jerusalem fällte, und entstanden solche wirklich?

    Wachtturm 1960 1.10. S. 598 Die Einheit der christlichen Kirche

    Wie gesagt, der Begriff wurde in Bezug auf die Leitung der Organisation der Zeugen Jehovas selten verwendet. Ein Beispiel:

    Diese Klasse des „Sklaven“ hat eine leitende Körperschaft, die Ratschläge und Richtlinien ausgibt, wie diese durch Elihu veranschaulicht wurden, als er einst Hiob Ratschläge erteilte. (Hiob 32:1-6)

    w60 15. 9. S. 566-573 Mit dem „treuen und verständigen Sklaven“ wach bleiben

    Wer oder was das ist, blieb in dem Wachtturm ungeklärt, denn diese „leitende Körperschaft“ wird in diesem Artikel nur in diesem Satz einmal erwähnt. Mit dem Index der Veröffentlichungen kann jeder selbst überprüfen, dass vor 1972 diese Begriff sowohl für das erste Jahrhundert als auch die Neuzeit sehr selten verwendet wurde:

    Wann ging es denn dann mit den neuzeitlichen Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas so richtig los? In der obigen Bildschirmkopie habe ich schon den Artikel unter dem Stichwort ‚Beginn‘ markiert. Einige Auszüge daraus:

    AM Freitag vormittag, dem 1. Oktober 1971, hielt die gesetzlich eingetragene Körperschaft, bekannt als Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, ihre jährliche Mitgliederversammlung ab, und zwar diesmal im Kongreßsaal der Zeugen Jehovas in Buckingham (Pennsylvanien). …
    Bei dieser Gelegenheit tauchte eine Frage auf, die dann vom Podium aus erörtert wurde. Es ging dabei um das Verhältnis zwischen dem Vorstand der als Gesellschaft gesetzlich eingetragenen Körperschaft und der leitenden Körperschaft der christlichen Zeugen Jehovas. Sind sie ein und dasselbe, also identisch, oder unterscheiden sie sich? Diese Fragen waren darauf zurückzuführen, daß in früheren Publikationen gesagt worden war, die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas im Hauptbüro sei mit dem Vorstand der erwähnten Gesellschaft verbunden. …
    Wie trat diese leitende Körperschaft in jüngster Zeit in Erscheinung? Offensichtlich unter der Leitung Jehovas Gottes und seines Sohnes Jesus Christus. Wie die Tatsachen zeigen, kam es zu einer Verbindung der leitenden Körperschaft mit der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania. C. T. Russell gehörte damals, im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, offensichtlich der leitenden Körperschaft an.
    Die leitende Körperschaft hat ihr streng abgegrenztes geistiges Wirkungsfeld. Die gesetzlich eingetragene, nicht gewinnerstrebende Körperschaft, die Gesellschaft, hat als Verwaltungsorgan der Zeugen Jehovas viele weitere Aufgaben. Die leitende Körperschaft ist Gott für die religiöse Gesellschaft, die den christlichen Zeugen Jehovas als Werkzeug dient, sehr dankbar. …
    Vor 1 900 Jahren wirkte die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in Verbindung mit ihrer leitenden Körperschaft ohne eine vom Cäsar genehmigte, gesetzlich eingetragene Körperschaft, und sie hatte Erfolg und leistete Hervorragendes. Wie verhält es sich mit der leitenden Körperschaft der Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in der heutigen Zeit? Kann sie ebenfalls ohne die gesetzlich eingetragene, nicht gewinnerstrebende Körperschaft, bekannt als Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, wirken und dabei Erfolg haben? Im Lichte des Beispiels, das uns die Apostel und ihre Mitältesten der Versammlung in Jerusalem im ersten Jahrhundert u. Z. gegeben haben, überlassen wir dir die Beantwortung dieser Frage.

    w72 1.4. S.211ff Eine leitende Körperschaft im Unterschied zu einer gesetzlich eingetragenen Körperschaft

    In diesem Artikel kommt der Begriff ‚Körperschaft‘ sage und und schreibe fast 90 mal vor! In diesem Artikel wurde also versucht, einen Zusammenhang zwischen einer ‚leitenden Körperschaft‘ im ersten Jahrhundert, dem ‚treuen und verständigen Sklaven‘ aus Jesu Gleichnis und der Leitung der Organisation und der gesetzlich eingetragenen Körperschaften herzustellen. Intressant ist, dass im Wachtturm 1972 unter anderem dies behauptet wurde:

    • C.T. Russel war ‚offensichtlich‘ Teil der leitenden Körperschaft.
    • Schon im 1. Jahrhundert wirkte die „Klasse des treuen und verständigen Sklaven““.
    • „Vor 1 900 Jahren wirkte die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in Verbindung mit ihrer leitenden Körperschaft.“
    • „leitenden Körperschaft der Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in der heutigen Zeit“
    • „Die leitende Körperschaft hat ihr streng abgegrenztes geistiges Wirkungsfeld.“

    Quizfrage: Welche dieser Aussagen gelten heute noch?

    Quizfrage 2: Ab wann wurde die Formulierung „die Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ nicht mehr verwendet und nur noch „der treue und verständige Sklave“ geschrieben?

    In der Folgezeit kam es zu Spannungen zwischen dem Präsidenten N. H. Knorr sowie dem Vizepräsidenten F. W. Franz und der neuen ‚Leitenden Körperschaft‘. Die Einzelheiten sind in veschiedenen Büchern schon erläutert worden. Wir fokusieren uns jetzt auf die geänderte Darstellung in den Veröffentlichungen.

    Noch 1971 wurde die Leitende Körperschaft so beschrieben:

    Heute hat die Organisation, die Gott gegründet hat, damit die gute Botschaft vom Königreich gepredigt werde, ebenfalls eine leitende Körperschaft. Sie vertritt die aus den gesalbten Christen bestehende Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“, von dem Jesus in einem Gleichnis gesprochen hat, das in Matthäus 24:45-47 aufgezeichnet ist. Diese gesalbten Christen kommen ihrer Verpflichtung, die geistige Speise „zur rechten Zeit“ auszuteilen, durch die leitende Körperschaft nach. Diese leitende Körperschaft ist eng verbunden mit den gesalbten Mitgliedern des Vorstandes der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania.

    w71 1. 5. S. 268-274 Weltweit die gute Botschaft verkündigen

    Wir halten fest: Der ‚treue und verständige Sklave‘ ist eine Klasse von ‚gesalbten Christen‘, welche sich der ‚Leitenden Körperschaft‘ bedient. Und diese ist eng mit dem Vorstand der Wachtturm-Organisation in Pennsylvania verbunden.

    Auch 1985 hieß es noch im Wachtturm:

    In der Neuzeit folgt die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die den „treuen und verständigen Sklaven“ des Herrn vertritt, demselben apostolischen Muster (Matthäus 24:45-47).

    w85 1. 1. S. 10-14 In der Verkündigung des Wortes Jehovas vereint

    Welche Rollte sollte die Leitende Körperschaft im Leben der Verkündiger haben? Schauen wir einmal, was 5 Jahre später gesagt wurde:

    16 Die irdische Habe des Königs Jesus Christus hat sich ständig vermehrt. … Dieses Wachstum hat die Erweiterung der Zentrale der Gesellschaft und ihrer Zweigbüros erforderlich gemacht sowie die Modernisierung von Herstellungs- und Verbreitungsmethoden. Weltweit mußten viele Königreichssäle und Kongreßsäle errichtet werden. Währenddessen ist die leitende Körperschaft weiterhin ihrer Verantwortung nachgekommen, was die Beaufsichtigung des Predigtwerkes, die Herstellung von Bibelstudienmaterial und die Ernennung von Aufsehern in den Zweigen, Bezirken, Kreisen und Versammlungen betrifft. Das sind die Königreichsinteressen, die Christus der Obhut des treuen und verständigen Sklaven, vertreten durch die leitende Körperschaft, übergeben hat.
    18 … Eine Möglichkeit, wie wir persönlich zeigen können, daß wir mit der leitenden Körperschaft zusammenarbeiten, besteht darin, in unseren täglichen Gebeten dieser in das besondere Amt eingesetzten Männer zu gedenken (Römer 12:12).
    19 Wie erreichen die Anweisungen und Entscheidungen der leitenden Körperschaft die Versammlungen? …

    w90 15. 3. S. 19 Heute mit der leitenden Körperschaft zusammenarbeiten

    Alles – auch materielle Dinge – sind Teil der irdische Habe, welche der Leitenden Körperschaft übergeben wurden. Das klang 1972 noch anders. Jeder soll sogar täglich für sie beten. Wenn das keine zentrale Rolle im Leben jedes Verkündigers ist. Und jeder hat sich über die Organisation der Zweige und Aufseher an ihre Anweisungen und Entscheidungen zu halten.

    Das wurde zum Beispiel auch im Wachtturm 2008 betont. Interessant ist hier einmal die Argumentationsweise zu analysieren:

    13 Jeder, der Jehovas Autorität anerkennt, muss sich vor dem Geist der Unabhängigkeit in Acht nehmen. Stolz kann uns glauben machen, wir benötigten von niemandem Anleitung. Womöglich sperren wir uns manchmal gegen den Rat derer, die unter Gottes Volk die Führung übernehmen. Gott hat jedoch vorgesehen, dass die Klasse des treuen und verständigen Sklaven für geistige Speise zur rechten Zeit sorgt (Mat. 24:45-47). Wir sollten demütig anerkennen, dass das der Weg ist, durch den Jehova heute für sein Volk sorgt. Ahmen wir doch die treuen Apostel nach. Als einige Jünger Anstoß an etwas nahmen, fragte Jesus seine Apostel: „Ihr wollt doch nicht etwa auch weggehen?“ Petrus antwortete: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“ (Joh. 6:66-68).

    w08 15.6. S.21 Abs 13 Die Autorität Jehovas anerkennen

    Die Argumentation beginnt damit, dass wir Jehovas Autorität anerkennen. Das wird mit Geist der Unabhängigkeit und dann Stolz verknüpft, von niemandem Anleitung zu benötigen. Also von der höchsten Autorität, zur Ablehnung der Anleitung von jedem. Das wird im nächsten Satz zu Rat umgemünzt. Von der Führung: Also der Leitenden Körperschaft und ihrer Organisation, ohne sie zu nennen. Über die Klasse (Anmerkung: Immer noch Klasse des …) des Sklaven und ‚Speise zu rechten Zeit‘ in Matthäus 24 wird dann begründet, dass dies von Gott so vorgesehen ist. Einmal abgesehen davon, dass in Matthäus 24 keine Klasse erwähnt wird, ist es ein Gleichnis. Jetzt kommt aber die Überraschung. Die Apostel werden als gutes Beispiel angeführt, als andere Jünger ‚Anstoß an etwas‘ nahmen. Was war denn dieses ‚etwas‘? War es ein Rat Jesu oder seine Anleitung? Nein! Es war Jesu Formulierung, sein Fleisch und Blut zu essen. Und zu wem gingen sie dann? Zur Jesus selbst. Und das können wir durch das Lesen in der Bibel heute immer noch genauso tun: Zu Jesus gehen. Insgesamt wieder ein schönes Beispiel, wie durch raffinierte Rhetorik und irreführende Argumentationsmethoden ein Gehorsam eingefordert wird, der sich nun leider halt nicht mit der Bibel begründen lässt.

    Welche Rolle spielt die Leitende Körperschaft noch? Wie bezeichnet sie sich heute, auch wenn der Begriff schon in den 1950er Jahren manchmal verwendet wurde?

    Wie diesen Worten zu entnehmen ist, bilden Jesu gesalbte Fußstapfennachfolger als Gruppe die „königliche Priesterschaft“, die Petrus auch eine „heilige Nation“ nannte. Sie sind der Kanal, durch den Jehova seinem Volk Anweisungen und biblische Anleitung zukommen lässt (Matthäus 24:45-47).

    w02 1.8. S. 13 Absatz 17 Sich loyal göttlicher Autorität unterwerfen

    Wir müssen uns daher in Acht nehmen, dass wir nicht für irgendwelche eigenen Vorstellungen und Verhaltensweisen eifern, die gar nicht im Wort Gottes verankert sind. Es ist immer am besten, das klare Licht zu akzeptieren, das durch den von Jehova ausgewählten Kanal auf Gottes Wort geworfen wird.

    w02 15.10. S.30

    Daher sind sie im Wachtturm April 2013 auch an dieser Stelle im Bild eingefügt:

    Im Jahr 2013 kam es zu einer noch beachtlicheren Änderung im ‚Verständnis der Bibel‘, ‚neues Licht‘ also:

    Der treue und verständige Sklave“: Eine kleine Gruppe geistgesalbter Brüder, die während der Gegenwart Christi federführend darin sind, die geistige Speise vorzubereiten und auszuteilen. Diese gesalbten Brüder bilden heute die leitende Körperschaft.

    w13 15. 7. S. 25 „Wer ist in Wirklichkeit der treue und verständige Sklave?“

    Es gab also nicht mehr eine Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“, der sich einer Körperschaft bildete, sondern die Leitende Körperschaft war selbst dieser Sklave – und daher fällt der Zusatz ‚Klasse des …‘ weg. Wäre ja auch bei nur wenigen Männern kaum passend. Bezeichnenderweise wurde im selben Wachtturm nicht nur bekannt gegen, dass sie mit Mark Sanderson erweitert wurde, sondern auch gleich ein Bild der Leitenden Körperschaft abgedruckt.

    Nur vier Monate später zeigte sich, welchen Anspruch diese Leitende Körperschaft nun hatte:

    Die lebensrettenden Anweisungen, die sie dann von Jehovas Organisation erhalten, mögen vom menschlichen Standpunkt aus unpraktisch erscheinen. Wir alle müssen bereit sein, jede Anweisung zu befolgen, ob sie nun vom strategischen oder menschlichen Standpunkt aus vernünftig erscheint oder nicht.

    w13 15. 11. S. 20 Sieben Hirten, acht Anführer: Was sie für uns heute bedeuten

    Im Jahr 2017 gab es in Bezug auf die Leitende Körperschaft ein paar weitere interessante Hinweise unter dem bezeichnende Thema: Wer führt Gottes Volk heute?

    10 Im Jahr 1919, drei Jahre nach Bruder Russells Tod, setzte Jesus den „treuen und verständigen Sklaven“ ein. Wozu? Um seinen Hausknechten „Speise zur rechten Zeit zu geben“ (Mat. 24:45). Schon damals war eine kleine Gruppe gesalbter Brüder in der Weltzentrale in Brooklyn (New York) tätig, die für Jesu Nachfolger geistige Speise vorbereitete und an sie austeilte. Die Bezeichnung „leitende Körperschaft“ erschien in unseren Publikationen zum ersten Mal in den 1940er-Jahren. …
    Wie in der Ausgabe des Wachtturms vom 15. Juli 2013 erklärt wurde, ist der „treue und verständige Sklave“ eine kleine Gruppe gesalbter Brüder, die die leitende Körperschaft bildet.
    13 Anzeichen für die Wirkung des heiligen Geistes. Der heilige Geist hat der leitenden Körperschaft geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen. Denken wir beispielsweise an die erwähnte Liste der klargestellten Glaubensansichten. Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. (Lies 1. Korinther 2:10.) Die leitende Körperschaft empfindet wie Paulus, der schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Kor. 2:13). …
    Anzeichen für die Unterstützung durch Engel. Heute hat die leitende Körperschaft die gewaltige Aufgabe, eine internationale Predigttätigkeit zu beaufsichtigen, an der sich über acht Millionen Verkündiger beteiligen. Warum ist diese Tätigkeit so erfolgreich? Unter anderem, weil Engel daran beteiligt sind. (Lies Offenbarung 14:6, 7.) …
    16 Lies Hebräer 13:7. Das Wort, das mit „gedenken“ wiedergegeben wird, kann auch mit „erwähnen“ übersetzt werden. Eine Möglichkeit, derer zu gedenken, die „die Führung übernehmen“, besteht deshalb darin, die leitende Körperschaft in unseren Gebeten zu erwähnen (Eph. 6:18). …
    17 Der leitenden Körperschaft gedenken wir natürlich nicht nur mit Worten, sondern auch, indem wir uns eng an ihre Anweisungen halten. Die leitende Körperschaft gibt uns diese Anweisungen durch Veröffentlichungen, in Zusammenkünften und auf Kongressen. Außerdem ernennt sie Kreisaufseher, die wiederum Älteste ernennen. Kreisaufseher und Älteste gedenken der leitenden Körperschaft dadurch, dass sie sich eng an ihre Richtlinien halten. Wir alle zeigen Jesu Führung gegenüber Respekt, wenn wir uns gehorsam denen unterordnen, durch die er uns leitet (Heb. 13:17).

    w17 Februar S. 23-28 Wer führt Gottes Volk heute? (Kursivschrift in der Veröffentlichung)

    Wir halten fest:

    • Russel war nicht mehr ‚offensichtlich‘ Teil des „treuen und verständigen Sklaven“ der vor 1900 Jahren wirkte, wie es noch 1971 hieß.
    • Der „treue und verständige“ Sklave wirkt nicht mehr durch die Leitende Körperschaft. Sie ist der Sklave.
    • Der heilige Geist hilft der Leitenden Körperschaft bei ihren Lehren. Auch wenn vorsichtshalber im Abschnitt davor gesagt wird, dass sie nicht unfehlbar sind und sogar Liste mit ‚neuem Licht‘ veröffentlichen
    • Engel helfen der Leitenden Körperschaft. Das wird zwar in Bezug auf das Predigtwerk gesagt, aber im Kontext der Führung durch die Leitende Körperschaft.
    • Man soll für die Leitende Körperschaft beten.
    • An die Anweisungen und Richtlinien halten. „Wir alle zeigen Jesu Führung gegenüber Respekt, wenn wir uns gehorsam denen unterordnen, durch die er uns leitet“

    Auch dieser Artikel wieder mit einem Bild der Leitenden Körperschaft. Für die Leitende Körperschaft zu beten, wurde auch im Wachtturm 2022 wieder betont. In der Erklärung zu diesem Bild:

    Worum können wir für unsere Brüder und Schwestern beten? (Siehe Absatz 14-16)
    BILDBESCHREIBUNG: Eine Schwester betet um heiligen Geist für die Leitende Körperschaft und um Hilfe für Brüder und Schwestern, die von Natur­katastrophen oder Verfolgung betroffen sind.

    Die Bildbeschreibung im Wachtturm sagt: „Eine Schwester betet um heiligen Geist für die Leitende Köperschaft …“ Abgebildet ist ausgerechnet Anthony Morris III … der seit Anfang 2023 … nicht mehr Teil der Leitenden Körperschaft ist.

    Wie ernst ist es der Leitenden Körperschaft damit, dass man ihren Anweisungen folgt?

    In der großen Drangsal wird sich etwas ändern, was die Führung von Gottes Volk auf der Erde betrifft. Die Gesalbten, die noch auf der Erde sind, werden irgendwann alle in den Himmel kommen, um sich am Krieg von Armageddon zu beteiligen (Mat. 24:31; Offb. 2:26, 27). Die leitende Körperschaft wird also nicht mehr bei uns auf der Erde sein. Aber die große Volksmenge wird weiter organisiert sein. Fähige Brüder, die zu den anderen Schafen gehören, werden die Führung übernehmen. Wir müssen dann unsere Loyalität dadurch beweisen, dass wir diese Brüder unterstützen und die Anleitung, die Gott durch sie gibt, befolgen. Unser Leben hängt davon ab.

    w19 Oktober S. 17-18

    Das Leben hängt also nicht nur davon ab, dass man den Anweisungen der jetzigen Leitenden Körperschaft folgt, sondern auch deren Helfern, die nicht zum „treuen und verständigen Sklaven“ gehören! Ist dir aufgefallen, dass hier kein einziger Bibeltext als Beweis angegen ist? Na, dann gibt es wohl keinen. Aber diese Worte Jesu:

    Meine Schafe hören auf meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir. Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreissen.

    Johannes 10:27, 28 Züricher

    Welche Aufgaben hat die Leitenden Körperschaft nun? Im Organisiert-Buch der Zeugen Jehovas, das alle organisatorischen Anweisungen für Verkündiger enthält – bis auf die geheimen Bücher und Brief an Älteste und Zweige – heißt es:

    5 Während der gesamten letzten Tage dienen die gesalbten Brüder, die den treuen Sklaven bilden, gemeinsam in der Weltzentrale. Diese gesalbten Brüder bilden heute die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas. …
    6 … Dementsprechend hat der treue und verständige Sklave die Verantwortung, den Haushalt der Gläubigen zu verwalten. Das schließt sowohl den verantwortlichen Umgang mit materiellen Mitteln ein als auch die Aufsicht über das Predigtwerk, das Zusammenstellen von Kongressprogrammen, die Ernennung von Aufsehern für die verschiedenen organisatorischen Aufgaben und das Herstellen von biblischen Veröffentlichungen. …

    od Kap. 3 S. 19-20 „Denkt an die, die unter euch die Führung übernehmen“

    Hies es im Wachtturm 1972 noch, dass „Die leitende Körperschaft ihr streng abgegrenztes geistiges Wirkungsfeld hat.“, so kontrolliert sie jetzt auch alle materiellen Mittel und die komplette Organisation und sogar das (ewige) Leben jedes Zeugen Jehovas.

    Hat sich seitdem etwas an der Stellung der Leitenden Körperschaft geändert. Wenn man diesen Wachtturm von 2021 oberflächlich liest, könnte man es fast meinen:

    Die Mitglieder der leitenden Körperschaft sind nicht die Herren über den Glauben ihrer Brüder und Schwestern (2. Kor. 1:24). Sie erkennen Jesus Christus als Haupt der Christenversammlung an und stimmen von ganzem Herzen dem zu, was er zu seinen Jüngern sagte: „Ihr seid alle Brüder“ (Mat. 23:8).

    w21 Februar S. 19 Die Leitung durch ein Haupt in der Versammlung

    Aber man muss im Kasten nur weiter lesen:

    Außerdem nimmt die leitende Körperschaft ihre Verantwortung sehr ernst, für geistige Nahrung und Anleitung aus Gottes Wort zu sorgen. Das tut sie durch Briefe, schriftliche Richtlinien und Veröffentlichungen, JW Broadcasting® sowie durch Schulen, Zusammenkünfte und Kongresse (Apg. 15:22-35)

    w21 Februar S. 19 Die Leitung durch ein Haupt in der Versammlung

    Also gibt es doch ‚schriftliche Richtlinien‘. Kann man diesen nun Folge leisten oder nicht? Kann man wirklich einen Glauben haben, der von den Lehren der Leitenden Körperschaft abweicht? Wir brauchen nicht raten. Ein Jahr später konnte man lesen:

    8 Heute leitet Jehova den irdischen Teil seiner Organisation durch den „treuen und verständigen Sklaven“ (Mat. 24:45). Wie die leitende Körperschaft im 1. Jahrhundert hat dieser Sklave die Verantwortung für Gottes Volk weltweit und leitet Anweisungen an die Versammlungsältesten weiter. (Lies Apostelgeschichte 16:4, 5.) Die Ältesten sorgen dafür, dass diese Anweisungen in den Versammlungen umgesetzt werden. Wenn wir uns nach der Anleitung richten, die von Jehovas Organisation und den Ältesten kommt, beweisen wir, dass wir der Vorgehensweise Jehovas vertrauen.
    15 Je näher das Ende dieses Weltsystems rückt, desto wichtiger ist es, der Vorgehensweise Jehovas zu vertrauen. Während der großen Drangsal erhalten wir vielleicht Anweisungen, die seltsam, nicht umsetzbar oder unlogisch erscheinen. Natürlich wird Jehova nicht zu jedem von uns persönlich sprechen. Höchstwahrscheinlich wird er durch seine Repräsentanten Anweisungen geben. Das ist dann kaum der richtige Zeitpunkt, Anweisungen anzuzweifeln und sich skeptisch zu fragen: „Kommt das wirklich von Jehova oder handeln die verantwortlichen Brüder auf eigene Faust?“ Wie werden wir in dieser kritischen Phase der Menschheitsgeschichte reagieren? Die Antwort könnte daran zu erkennen sein, wie wir heute über theokratische Anweisungen denken. Wenn wir der Anleitung, die wir heute erhalten, vertrauen und uns gern danach richten, werden wir das bestimmt auch während der großen Drangsal tun (Luk. 16:10).

    w22 Februar S. 4 Vertraust du der Vorgehensweise Jehovas?

    Und nur zwei Monate später:

    Wir müssen die Lehren von Abtrünnigen zurückweisen. … Wie ist es heute? Wir müssen alles ablehnen, was mit der Denkweise Jehovas unvereinbar ist. Abtrünnige erwecken manchmal den Eindruck, „als hätten sie Gottesfurcht, aber die Kraft dahinter zeigt sich in ihrem Leben nicht“ (2. Tim. 3:5). Je intensiver wir uns mit Gottes Wort beschäftigen, desto leichter fällt es uns, falsche Lehren zu erkennen und zurückzuweisen (2. Tim. 3:14-17; Jud. 3, 4).

    w22 Mai S. 4 Die Offenbarung und du

    Und wer legt fest, was „mit der Denkweise Jehovas unvereinbar ist“? Die Leitende Körperschaft! Aber ich darf ja nicht aus dem geheimen Hütet-Buch für Älteste zitieren … Obwohl. Man kann es ja sogar im Internet finden. Also hier die geheimen Anweisungen an Älteste, Hütet die Herde Gottes Ausgabe November 2022, Kapitel 12 Beurteilten, ob ein Rechtskomitee gebildet werden muss.

    39 Abtrünnigkeit: Abtrünnigkeit bedeutet, sich von der wahren Anbetung abzuwenden, davon abzufallen, sie vollständig aufzugeben und dagegen zu rebellieren. Darunter fällt:
    (1) Festtage der falschen Religion feiern
    (2) Beteiligung an Aktivitäten anderer Religionen
    (3) Absichtlich Lehren verbreiten, die der biblischen Wahrheit widersprechen (2. Joh. 7, 9, 10; lvs S. 245; it-1 S. 22, 23): Hat jemand aufrichtig Zweifel an der biblischen Wahrheit, wie Jehovas Zeugen sie lehren, sollte man ihm helfen und liebevoll Beistand leisten (2. Tim. 2:16-19, 23-26; Jud. 22, 23). Ständig über falsche Lehren zu sprechen oder sie absichtlich zu verbreiten, kann Abtrünnigkeit sein oder dazu führen. Reagiert jemand nicht auf eine erste und zweite Ermahnung, wird ein Rechtskomitee gebildet (Tit. 3:10, 11; w86 1. 4. S. 30, 31).
    (4) Spaltungen verursachen, Sekten fördern (Roöm. 16:17, 18; Tit. 3:10, 11): Vorsätzlich die Einheit der Versammlung zu stören oder das Vertrauen der Brüder in die Leitung Jehovas zu untergraben, kann Abtrünnigkeit sein oder dazu führen (it-2 S. 907).
    (5) Jemandes Berufstätigkeit fördert falsche Religion
    (6) Spiritismus
    (7) Götzendienst

    Hütet die Herde Gottes Ausgabe November 2022, Kapitel 12 Beurteilten, ob ein Rechtskomitee gebildet werden muss

    Allerdings ist der Satz aus dem Wachtturm Mai 2022 irgendwie schon richtig: „Je intensiver wir uns mit Gottes Wort [die Bibel ist hier gemeint] beschäftigen, desto leichter fällt es uns, falsche Lehren zu erkennen und zurückzuweisen.“ Das kann ich wirklich jedem aufrichtigen Zeugen Jehovas ans Herz legen.

    Man kann den Anspruch der Leitenden Körperschaft in Bezug auf den Glauben eines jeden Verkündigers auch indirekt formulieren, siehe Wachtturm November 2022:

    Die Gesalbten leben seit 1919 in einem geistigen Paradies*. Im Lauf der Zeit sind dann auch die „anderen Schafe“, also Menschen, denen ewiges Leben auf der Erde in Aussicht steht, in dieses Land gekommen.
    Fußnote: KURZ ERKLÄRT: Der Ausdruck „geistiges Paradies“ beschreibt die sichere Umgebung, in der wir Jehova vereint anbeten. Dort haben wir eine Fülle an geistiger Nahrung, die von falschen religiösen Lehren frei ist.

    w22 November Mit Jehovas Hilfe durchhalten, ohne die Freude zu verlieren

    Und was haben wir jetzt schon so oft im Wachtturm gelesen, wer die „geistige Nahrung“ zur Verfügung stellt, also festlegt? Die Leitende Körperschaft …

    Und es gibt ja noch das aktuelle Video von 2023 Kenneth Flodin setzt die Stimme der Leitenden Körperschaft mit der Stimme von Jesus Christus gleich in dem gesagt wird:

    “Die Leitende Körperschaft ist mit der Stimme Jesu, dem Haupt der Versammlung, vergleichbar. Wenn wir also bereitwillig dem treuen Sklaven [ein anderer Begriff für die Leitende Körperschaft] folgen, folgen wir letztlich Jesu Anleitung und unterstellen uns seiner Autorität.“

    Kenneth Flodin setzt die Stimme der Leitenden Körperschaft mit der Stimme von Jesus Christus gleich

    Damit ist wohl alles gesagt.

    Aus einer ‚beratenden Gemeinschaft‘ ist der einzige Kanal Gottes geworden, dem alle Habe übergeben wurde: Immobilien und Geld, absolute Macht über die Lehren und das Leben der Zeugen Jehovas.

    Der Stellvertreter Christi auf Erden.

    Ich übertreibe?

    Ist Christus auf der Abbildung im Wachtturm April 2013 denn irgendwo zu sehen? Nein, sondern dieser Stellvertreter Christi ist direkt unter Gott als Nummer 1 auf der Erde zu sehen. Auch wenn Katholiken hier heftig widersprechen dürften. Haben sie mit dem Papst doch schon den Stellvertreter Christi auf Erden (siehe z.B. katholisch.de). Aber das ist ein anderes Thema …

    War das in der Abbildung im Wachtturm April 2013 nur eine Nachlässigkeit? Wachtturm 2022 Februar S. 4. Abs. 8

    Heute leitet Jehova den irdischen Teil seiner Organisation durch den „treuen und verständigen Sklaven“ (Mat. 24:45). Wie die leitende Körperschaft im 1. Jahrhundert hat dieser Sklave die Verantwortung für Gottes Volk weltweit und leitet Anweisungen an die Versammlungsältesten weiter. (Lies Apostelgeschichte 16:4, 5.) Die Ältesten sorgen dafür, dass diese Anweisungen in den Versammlungen umgesetzt werden. Wenn wir uns nach der Anleitung richten, die von Jehovas Organisation und den Ältesten kommt, beweisen wir, dass wir der Vorgehensweise Jehovas vertrauen.

    Wachtturm 2022 Februar S. 4. Abs. 8

    Was sagt die Bibel? Also sogar die Bibel der Leitenden Körperschaft. Wer leitet die Versammlung?

    … so wie der Christus das Haupt der Versammlung ist …

    Epheser 5:23 Neue Welt Übersetzung der Zeugen Jehovas

    Aber damit ist nun wirklich alles gesagt.

  • Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas lässt ein (Bibel)Buch verschwinden – Teil 2

    Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas lässt ein (Bibel)Buch verschwinden – Teil 2

    Von Christian


    Im ersten Teil (Text, Video) haben wir gesehen, wie die Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas das Buch Kommentar zum Jakobusbrief in der digitalisierten Welt hat verschwinden lassen. In den vielen Kommentaren zu dem Video gab es auch eine Anmerkungen, auf die ich jetzt eingehen möchte.

    „Das kann nicht der Grund sein“

    Einer der Kommentare war: Dass Edward Dunlap der Autor des Buches war, der wegen ‚Abtrünnigkeit‘ ausgeschlossen wurde und das Buch deswegen verschwand, das kann nicht der Grund sein.

    Daher habe ich einmal alle Jahre seit 1970 übrprüft, ob noch andere Bücher nicht in die Online-Bibliothek aufgenommen wurden. Natürlich werden die Bücher irgendwann nicht mehr neu gedruckt. Vor einiger Zeit gab es ja sogar einen Brief (sprich Anweisung) der Leitenden Körperschaft an die Ältesten, Bestände älterer Literatur zu vernichten.

    Die anderen Bücher seit 1970 sind aber durchaus alle in der Online-Bibliothek enhtalten. Also Teil des ’spirituellen Erbes’ sozusagen. Daraus kann nun jeder selbst seine Schlüsse ziehen.

    Das Offenbarungs-Buch von 1988 war eine Zeit lang nicht online verfügbar. Mittlerweile ist es als Auflage 2006 in die Bibliothek. Auch andere Bücher sind jetzt in neuer Auflage online verfügbar – also in der Regel gegenüber dem gedruckten Buch verändert. Einige erinnern sich vielleicht noch an die Verwirrung in den Zusammenkünften, wenn einige die gedruckten Bücher verwendeten, andere die ausgedruckten Korrekturen und später dann die ständig aktualisierte Ausgabe in der JW Library. Ich habe als Wachtturm-Studienleiter einmal den Scherz gemacht, dass ich hoffe, dass während des Wachtturm-Studiums keine Aktualisierung des Artikels verfügbar ist …

    Und schließlich gibt es noch die Bücher, welche regelmäßig ersetzt wurden. Die Bücher für Bibelstudien zum Beispiel. Aber auch die Organisiert-Bücher (bzw. vorher Broschüren und Buch-Anhänge) – mit teils erheblichen Änderungen im Text.

    Aber mir war noch eine ganz andere Frage in den Sinn gekommen…

    Verwendet die Organisation überhaupt noch das Bibelbuch Jakobus?

    Diese Frage stellte sich mir, als ich über die letzten Jahre nachdachte. Konnte ich mich erinnern, dass aus Jakobus überhaupt noch zitiert wurde. Wenn du ein Zeuge Jehovas bist oder warst, kannst du dich daran erinnern, dass aus Jakobus zitiert wurde?

    Da wollte ich mich nicht auf die vage Erinnerung oder ein Gefühl verlassen. Nun gut, es kam halt der Analytiker in mir durch. Und da müsst ihr jetzt mit durch. Aber keine Sorge, ich präsentiere nur die Ergebnisse.

    Wie oft wurde aus Jakobus zitiert?

    Also habe ich das Schrifstellenverzeichnis im deutschen Index von 1945-1985 und 1986-2022 analysiert. Der englische Index reicht noch bis 1930 zurück, aber das macht hier keinen Unterschied. Zuerst schauen wir einmal, ob die Zahlen so stimmen. Jakobus hat 5 Kapitel und 108 Verse. Wie oft wird wohl pro Jahr daraus zitiert?

    Tatsächlich wird diese Zahl won 108 Version im jähr 1979 sogar überschritten. In diesem Jahr wurde der Kommentar zum Jakobusbrief veröffentlicht, der alle Verse behandelt. Das passt also.

    1997 sind es dann immerhin noch 102 Zitate. In drei Studienartikeln des Wachtturms w97 15.11. wird der komplette Jakobusbrief abgehandelt. Wenige Seiten anstelle eines ganzen Buches. Na ja. Da schauen wir uns mal den Schluß an.

    Wie beginnt Absatz 22?

    „Der Brief des Jakobus enthält für jeden von uns nützliche Gedanken.“

    w97 15.11. S.24 Abs. 22

    Dann müsste eigentlich auch fleißig aus diesem Buch zitiert werden, oder? Das ist aber in den meisten der letzten 80 Jahre nicht der Fall. Wie fasst die Leitende Körperschaft die Betrachtung des Buches Jakobus zusammen?

    „Es stimmt zwar, daß der Brief des Jakobus ursprünglich für die damaligen gesalbten Christen bestimmt war. Doch wir alle sollten uns durch den darin enthaltenen Rat helfen lassen, an unserem Glauben festzuhalten. Die Worte des Jakobus können unseren Glauben so sehr stärken, daß er uns zu entschiedenem Handeln im Dienst für Gott veranlaßt. Und dieser von Gott inspirierte Brief läßt uns einen beständigen Glauben entwickeln, der uns heute, während der „Gegenwart des Herrn“ Jesus Christus, zu geduldigen, ernsthaften Zeugen Jehovas macht.“

    w97 15.11. S.24 Abs. 23

    Der Absatz beginnt mit „Es stimmt zwar …“, doch am Ende habe ich mich gefragt: Stimmt irgendetwas von dem, was die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas in diesem Absatz schreiben lies und damals weltweit im Wachtturm-Studium jedem Zeugen vorgelesen wurde?

    • Nein, es stimmt nicht, dass der Brief des Jakobus im ersten Jahrhundert an die eine Gruppe von Christen geschrieben wurde, heute aber auch für die überwiegende Mehrheit der Zeugen, die sogenannten ‚anderen Schafe‘ gilt. Denn die Lehre der himmlischen und irdischen Hoffnung, ‚gesalbter Überrest‘ und ‚andere Schafe‘ stammt nicht aus der Bibel sondern der Feder J.F. Rutherfords. (siehe z.B. Wahre Anbetung identifizieren, Teil 8: Die Lehre der Zeugen Jehovas über die ‚Anderen Schafe‘)
    • Und war es nicht genau dieser Punkt, weswegen man zwei Jahre nach Veröffentlichung des Kommentar zum Jakobusbrief im Wachtturm 1981 ‚Fragen von Lesern‘ einen Widerruf veröffentlichte (w81 15.4. S. 31), mit dem Inhalt, dass diese Lehre immer noch gilt? Dort wurde nachträglich der Begriff ‚gesalbte Christen‘ in den Buchtext eingeführt, um das Buch an die Lehre anzupassen. Das war sicher auch ein Grund, neben dem Gemeinschaftsentzugs dessen Autors, warum das Jakobus Buch in Ungnade fiel.
    • Zum Begriff ‚gesalbte Christen‘ gibt es bald auch ein Video. Du ahnst vermutlich schon, dass damit auch etwas nicht stimmt.
    • Natürlich darf nicht der ‚Hinweis‘ auf „entschiedenes Handeln im Dienst für Gott” fehlen. Also der übliche subtile Leistungsdruck, der ständig ausgeübt wurde. Wo steht in Jakobus etwas von „entschiedenem Handeln im Dienst für Gott”, was jeder Zeuge mit dem Predigtdienst verbinden wird? Was sagt denn Jakobus wirklich? Jakobus 1:27 gemäß der Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas: „Die Art Anbetung,* [Fn. Oder die Religion] die vom Standpunkt unseres Gottes und Vaters aus rein und makellos ist, sieht so aus: nach Waisenkindern und Witwen in ihrer Not* [Fn. Oder Drangsal] zu sehen und unbefleckt von der Welt zu bleiben.“ Und das ist ein Text, der oft verwendet wird, wie wir gleich sehen werden.
    • Dass danach gleich der Hinweis auf „heute, während der „Gegenwart des Herrn“ Jesus Christus“ folgt, ist auch ein wiederkehrendes Muster. Es begründet und erhöht das ‚Dringlichkeitgsbewußtsein‘, weil damit ja nicht mehr viel Zeit bleibt für das „entschiedene Handeln im Dienst für Gott“. Nur sagt das Bibelbuch Jakobus nicht, dass „heute“ – also vor rund 25 Jahren – Jesus unsichtbar gegenwärtig ist. Eine weitere zentrale Lehre an der die Leitende Körperschaft eisern festhält, obwohl sie den Fakten nicht standhält (siehe Wahre Anbetung identifizieren, Teil 5: 1914 – Eine Überprüfung der Lehre der Zeugen Jehovas und das Buch “Die Zeiten der Heiden neu überdacht”).
    • Und warum wird man damit zu einem „ernsthaften Zeugen Jehovas“? Wo soll das in Jakobus stehen?
    • Mir fiel auch das Wort „geduldig“ auf. Nicht nur, weil das Motto der Kongresse 2023 der Zeugen Jehovas „Übt Geduld“ ist. Der Kongress beginnt mit: VORTRAG DES VORSITZENDEN: Übt Geduld – warum? (Jakobus 5:7, 8; Kolosser 1:9-11; 3:12) Und tatsächlich wird Jakobus zitiert. Aber was lesen wir dort? Jakobus 5:7 „ Habt nun Geduld, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn!“ (Elberfelder). Bis zur Ankunft des Herrn! Aber der Herr ist doch laut Lehre der Leitenden Körperschaft schon gegenwärtig seit 1914! Also hat sich dieser Hinweis des Jakobus doch erledigt, oder? Aber der Wachtturm ist ja auch schon wieder ein Vierteljahrhundert alt.
    • Und ist dir aufgefallen, dass in dem zusammenfassenden letzten beiden Absätzen nicht auch nur eine Aussage mit dem Hinweis auf einen Bibeltext untermauert wird?

    Aber eigentlich wollte ich mich ja auf die Verwendung des Bibelbuchs Jakobus konzentrieren und nur mal kurz in den Wachtturm-Artikel schauen … .

    Die 59 Referenzen im Jahr 1990 führen überwiegend zu den beiden Bänden Einsichten über die Heilige Schrift. Im Jahr 1962 waren es wenige Artikel im Wachtturm und Erwacht, in denen Jakobus betrachtet wurde. Jakobus schien aber in dieser Zeit durchaus gern zitiert worden zu sein. Ebenso in den Jahren vor 1979, der Veröffentlichung des verschwundenen Buches.

    Erstaunlich ist allerdings, dass seit 2000 für 20 Jahre eine regelrechrecht Flaute ist.

    Rund 10 Referenzen in 20 Jahren nur. Die meisten im Buch Komm Jehova doch näher und dem Organisiert-Buch (od). Erst 2021 in Glücklich – für immer. Ein interaktiver Bibelkurs wird Jakobus wieder verwendet. Davor viele Jahre überhaupt nicht. Mein Eindruck ist, dass inm letzten Vierteljahrhundert Jakobus für die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas keine Rolle mehr spielte. Und dass ich mich an die Verwendung nicht mehr erinnern konnte, stimmte also.

    Welche Verse werden häufig, welche gar nicht zitiert?

    In einem Buch wie dem Kommentar zum Jakobusbrief wurde jeder Vers betrachtet. Selbst die 3 Artikel im Wachtturm 1997 15.11. schaffen es irgenwie, auf fast alle Verse zu verweisen. Aber wie wurden die einzelnen Verse aus Jakobus sonst in der Literatur der Zeugen Jehovas verwendet?

    Auf den ersten Blick stechen da einige wenige Verse hervor. Es gibt wenige Verse, die viel häufiger als andere verwendet werden. Dahinter steckt einige gewisse Methodik, die wir erkennen werden, wenn wir uns diese Verse gleich einmal anschauen. Ein Vers, der in dieser Grafik mit nur 2 Verwendungen erscheint, wurde außer im Kommentar zum Jakobusbrief und dem einen Wachtturm 1997 sonst nie in 80 Jahren verwendet!

    Schauen wir uns also zuerst einmal einige der am meisten zitierten Texte an. Jetzt bitte noch nicht spicken. Versuch doch einmal, dich zu erinnern, wenn du ein Zeuge Jehovas bist oder warst, welche Texte dir so einfallen.

    Die am häufigsten zitierten Verse

    Wie man sieht, werden ganze 3 Verse sehr häufig verwendet, und dann nimmt es steil ab.

    Jakobus 1:27

    Die Art Anbetung,* [Oder: die Religion] die vom Standpunkt unseres Gottes und Vaters aus rein und makellos ist, sieht so aus: nach Waisenkindern und Witwen in ihrer Not* [Oder: Drangsal] zu sehen und unbefleckt von der Welt zu bleiben.

    Jakobus 1:27 NWÜ 2018

    Die Form der Anbetung, die vom Standpunkt unseres Gottes und Vaters aus rein und unbefleckt ist, ist diese: nach Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu sehen und sich selbst von der Welt ohne Flecken zu bewahren.

    Jakobs 1:27 NWÜ

    Dieser Text wird ganz oft wegen dem letzten Teil verwendet: Haltet euch getrennt von der bösen Welt, kein enger Umgang mit Weltmenschen. Aber was hat Jakobus wohl gemeint, wenn er davon sprach, “nach Waisen und Witwen in ihrer Not zu sehen”? Vermutlich dies:

    Was aber, wenn Ältere die Zusammenkünfte nicht besuchen können? Wie Jakobus 1:27 zeigt, gehört es zu unserer Pflicht, „nach Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu sehen“. Das mit „sehen nach“ übersetzte griechische Verb bedeutet unter anderem auch „besuchen“ (Apostelgeschichte 15:36). Wie sehr doch die Älteren unsere Besuche schätzen!

    w04 15. 5. S. 19 Abs.17

    Gab es im ersten Jahrhundert nicht Sammlungen von Spenden, um die verarmten Brüder und Schwestern zu unterstützen? War das nicht die zweite Hauptaufgabe, die man Paulus übertragen hatte? Und was führt die Organisation der Zeugen Jehovas heute nicht durch und verbietet es Ältesten, dies offiziell als Versammlung zu tun? Wenn jetzt jemand an die Hilfsaktionen bei Katastrophen denkt, der sollte sich mal genau anschauen, wo diese Dinge herkommen. Und an wen die Erstattungen von Versicherungen später fließen sollen …

    Jakobus 4:4

    Ihr Ehebrecherinnen* [Fn. „Ehebrecherinnen“. Gr.: moichalídes; lat.: adụlteri, „Ehebrecher“.], wißt ihr nicht, daß die Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer immer daher ein Freund der Welt sein will, stellt sich als ein Feind Gottes dar.

    Jakobus 4:4 NWÜ

    „Kein Freund der Welt sein“. Das wird genauso häufig zitiert wie Jakobus 1:27. Und im Sinne von: Keine Freunde in der Welt haben. Sonst bist du ein Feind Gottes. Geht es in diesem Text bei ‚Welt‘ denn überhaupt um Menschen? Oder etwas anderes? „Hängt euer Herz nicht an die Welt und an nichts, was zu ihr gehört! Wenn jemand die Welt liebt, hat die Liebe des Vaters keinen Platz in ihm.” (1. Joh. 2:15 NEÜ)

    Nebenbei bemerkt: Es überrascht auch nicht, dass hier gerne das Femininum des Griechischen stehen gelassen wird, und nicht das Maskulinum der lateinischen Übersetzung. Aber das ist ein anderes Thema.

    Jakobus 5:14

    Ist jemand unter euch krank? Er rufe die älteren Männer der Versammlung zu [sich], und sie mögen über ihm beten und [ihn] im Namen Jehovas mit Öl einreiben.

    Jakobus 5:14 NWÜ

    Dieser Text darf in keiner Rechtskomitee Verhandlung fehlen. Und deswegen wird er auch so häufig zitiert. Zum Beispiel ganz aktuell im Online-Bibelkurs von 2021:

    Jehova möchte, dass wir die Ältesten der Versammlung zu uns rufen, wenn wir eine schwere Sünde begangen haben. (Lies Jakobus 5:14, 15.)

    Glücklich – für immer. Ein interaktiver Bibelkurs S. 237

    Spricht denn Jakobus in 5:14 davon, dass die Person eine Sünde begangen hat? Also eine ‚schwere Sünde‘, wie es im Text aber nicht in der Bibel heißt. Der Kontext ist Jakobus 5:13-15 und endet so: „Und wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben werden.“ (Jakobus 5:15 NWÜ) Wir sollten immer den Kontext lesen und genau lesen, was geschrieben steht.

    Jakobus 1:5

    Wenn es also einem von euch an Weisheit fehlt, so bitte er Gott unablässig, denn er gibt allen großmütig und ohne Vorwürfe zu machen; und sie wird ihm gegeben werden.

    Jakobus 1:5 NWÜ

    Das wird gerne in Bezug auf alle möglichen Dinge zitiert. Aber im Kontext geht es um eine besondere Situation. Das wurde im Jakobus-Buch noch gut erklärt: „Die Weisheit, um die Christen bitten, ist die Weisheit, so zu leben, daß sie Gott in jedem Bereich ihres Lebens Wohlgefallen, besonders unter Prüfungen.

    Jakobus 3:17

    Die Weisheit von oben aber ist vor allem keusch, dann friedsam, vernünftig, zum Gehorchen bereit, voller Barmherzigkeit und guter Früchte, nicht parteiische Unterschiede machend, nicht heuchlerisch.

    Jakobus 3:17 NWÜ

    Dieser Text enthält so viele wertvolle Gedanken, dass er durchaus häufig verwendet werden kann. Ein Beispiel:

    14 „Zum Gehorchen bereit“. Das griechische Wort für „zum Gehorchen bereit“ kommt nirgendwo sonst in den Christlichen Griechischen Schriften vor. Einem Gelehrten zufolge wird dieser Ausdruck „oft für militärische Disziplin gebraucht“. Er vermittelt den Gedanken „leicht zu überzeugen“ und „fügsam“ zu sein. Wer sich nach der Weisheit von oben ausrichtet, fügt sich bereitwillig dem, was die Bibel sagt. Er gilt nicht als jemand, der für keinerlei Gegenargumente offen ist, nachdem er eine Entscheidung getroffen hat. Vielmehr wird er sich ohne Weiteres revidieren, wenn ihm anhand der Bibel klar dargelegt wird, dass er einen verkehrten Standpunkt eingenommen oder irrige Schluss­folgerungen gezogen hat. Stehst du in diesem Ruf?

    Komm Jehova doch näher S. 224 Abs. 14

    Ein Wort, das nur einmal in der Bibel vorkommt – dann ist die Interpretation oft schwierig. Ist aber eigentlich ein schönes Zitat für diejenigen Zeugen Jehovas, die sich auf keine Gespräch anhand der Bibel einlassen wollen.

    Jakobus 5:16

    Bekennt also einander offen eure Sünden, und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet. Das Flehen eines Gerechten hat, wenn es wirksam ist, viel Kraft.

    Jakobus 5:16 NWÜ

    Oft wegen dem Gedanken zitiert, füreinander zu beten. Aber auch so:

    Wann ist es angebracht, daß Christen einander ihre Sünden bekennen? Im Fall einer schweren Sünde (nicht bei jedem geringfügigen Fehler) sollte jemand gegenüber verantwortlichen Aufsehern der Versammlung ein Bekenntnis ablegen. Selbst bei einer nicht so schwerwiegenden Sünde ist es von großem Wert, eine solche zu bekennen und um geistige Hilfe zu bitten, wenn das Gewissen des Sünders sehr beunruhigt ist.

    w91 15. 3. S. 6-7

    Würdest du sagen, dass dieser Gedanke Jakobus 5:16 im Sinne einer Exegese entspringt? Oder wurde da etwas eisegetisch hineininterpretiert?

    Verse, die fast nie zitiert werden

    Interessant sind natürlich auch Bibeltexte, die nie oder fast nie zitiert werden. Sind sie vielleicht nicht so wichtig? Vielleicht nur Grüße an Christen im 1. Jahrhundert? Aber es könnten ja auch interessante Texte sein, welche die Organisation lieber nicht erwähnt sieht.

    Die am wenigsten zitierten Verse sind diese:

    • Jakobus 3:12 Ist nur im Jakobus Buch und Wachtturm 1960 einmal zu finden. Kontext ist Jakobus 3:8 ‚Zunge‘.
    • Jakobus 2:11 Beispiel für V10, nur in Jakobus Buch und w97 Zusammenfassung
    • Jakobus 2:6 „Ihr aber habt den Armen entehrt. Bedrücken euch etwa nicht die Reichen, und schleppen nicht sie euch vor Gerichtshöfe?“ Nur im Jakobus Buch und w97 und g62. Erinnernt einen schon daran, dass die verschiedenen Einrichtungen der Organisation vermehrt Verlage, sogenannte Abtrünnige und andere wegen Aussagen oder Copyright Verletzungen verklagen.
    • Jakobus 1:16 „Laßt euch nicht irreführen, meine geliebten Brüder.“ Nur im Jakobus Buch findet sich die schöne Erklärung.
    • Jakobus 4:9,10 „Gebt dem Elend Raum und trauert und weint. Euer Lachen wandle sich in Trauer und [eure] Freude in Niedergeschlagenheit. Erniedrigt euch in den Augen Jehovas, und er wird euch erhöhen.“ Passt vermutlich nicht zu dem Narrativ, dass Jehovas Zeugen die glücklichsten Menschen auf der Welt sind.
    • Jakobus 5:4, 5 „Seht! Der Lohn, der den Arbeitern zusteht, die eure Felder abgeerntet haben, den ihr aber zurückbehalten habt, schreit fortwährend, und die Hilferufe der Schnitter sind zu den Ohren Jehovas* der Heerscharen gedrungen. Ihr habt auf der Erde in Luxus gelebt und habt an sinnlichem Vergnügen Gefallen gefunden.* [Wtl.: „und ihr lebtet (benahmt euch) üppig“.]“ Wie viele Zeugen Jehovas leben in sehr einfachen Verhältnissen, weil sie so kurz vor dem Ende auf eine ‚höhere Bildung‘ aus Ausbildung verzichtet haben, lange im Vollzeitdienst standen oder im Bethel waren und dann vor ein paar Jahren im fortgeschrittenen Alter ausgemustert wurden? Was hätte Jakobus gesagt, wenn er dagegen zum Beispiel Bilder der neuen Weltzentrale in Warwick anschaut oder auf den Videos die Leitenden Körperschaft mit goldenen Ringen, teuren Uhren usw. gesehen hätte.

    Es gibt dann auch noch ein paar sehr selten verwendete Texte, die wirklich zu Diskussionen geführt hätten.

    Lästern nicht sie den vortrefflichen Namen, nach dem ihr genannt worden seid?

    Jakobus 2:7 NWÜ

    Das hätte durchaus zu Verwirrungen führen können. Denn welcher Name ist hier gemeint? Jehova? 1. Petrus 4:14 „Wenn ihr im Namen Christi geschmäht werdet, glückselig ⟨seid ihr⟩! Denn der Geist der Herrlichkeit und Gottes ruht auf euch“ (Elberfelder). Was auch zur Taufe im Namen Christi passt.

    Dennoch wird jemand sagen: „Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeig mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich werde dir meinen Glauben durch meine Werke zeigen.“

    Jakobus 2:18 NWÜ

    Erstaunlich, dass dieser Vers nur hier verwendet wurde: w97 15. 11. 15; cj 80-3; w74 1. 4. 212-13 Glaube ohne Werke ist tot; g62 22. 1. 3 Vielleicht liegt es ja am zweiten Teil: „Und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken beweisen.“ (NEÜ). Aber vielleicht wurde auch immer nur einer der Texte zum Thema Werke immer wieder ausgewählt.

    Denn wenn ein Mann mit goldenen Ringen an den Fingern und in prächtiger Kleidung in eure Zusammenkunft kommt, ein Armer aber in unsauberer Kleidung ebenfalls kommt, …

    Jakobus 2:2 NWÜ

    Ein Mann mit goldenen Ringen an den Fingern …. Nun ja, den einen oder anderen Goldring oder teure Uhr hat man im JW Broadcasting schon mal gesehen ….

    Weitere kaum zitierte Texte

    Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit weg in die Irre geführt worden ist, und ein anderer bringt ihn zur Umkehr, so wißt, daß der, der einen Sünder vom Irrtum seines Weges zurückführt, seine Seele vom Tod retten und eine Menge von Sünden bedecken wird.

    Jakobus 5:19,20 NWÜ

    Vers 19 wurden nur hier zitiert: w97 15. 11. 24 cj 214-16 w72 1. 11. 658 or 159 w61 1. 8. 464 w51 1. 7. 203

    Wie verhält es sich, wenn jemand aus der Versammlung „von der Wahrheit weg in die Irre geführt worden ist“, weil er sich von den wahren Lehren und von dem richtigen Lebenswandel abgewandt hat? Vielleicht können wir ihn durch biblischen Rat, durch Gebete und durch andere Hilfe veranlassen, sich von seinem Irrtum abzuwenden.

    w97 15.11. S.24 Abs. 21

    Das scheint doch völlig der aktuellen Richtlinie der Ausgrenzung und des Meidens zu widersprechen. Also wird der Text ignoriert.

    Wurde nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerechtgesprochen, nachdem er Ịsa·ak, seinen Sohn, auf dem Altar dargebracht hatte?

    Jakobus 2:21 NWÜ

    Vermutlich wurde dieser Text praktisch nicht verwendet, weil Abraham dort als ‚unser Vater‘ (‚unser Stammvater‘ NEÜ) bezeichnet wird. Im Einsichten Buch (it-1 S. 1267) wird daher Galater 3:29 herangezogen, um zu begründen, dass Jakobus hier nicht Juden anspricht, sondern alle. Sonst wird der Text einfach nicht zitiert.

    Meine Brüder, ihr habt doch nicht etwa den Glauben unseres Herrn Jesus Christus, unserer Herrlichkeit, [und handelt dabei] mit Taten der Parteilichkeit?

    Jakobus 2:1 NWÜ

    Vergleichen wir das einmal mit einer repräsentativen anderen Übersetzung:

    Meine Brüder, habt den Glauben an Jesus Christus, unseren Herrn der Herrlichkeit [o. habt den Glauben Jesu Christi, unseres Herrn der Herrlichkeit], ohne Ansehen der Person!

    Jakobus 2:1 Elberfelder

    Alle von mir überprüften Übersetzungen (deutsch, englisch, interlinear) sprechen von unserem Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. Bis auf die alte King James Version. Die Betonung des Glaubens – nicht an Jehova – sondern an Jesus, der auch noch als unser Herr der Herrlichkeit bezeichnet wird, passt seit Jahrzehnten nicht mehr in das Programm der Leitenden Körperschaft. Also wird auch dieser Text ignoriert. Sonst könnte man ja auch bei diesen selten zitierten Texten verwirrt werden:

    Denn jener Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen wird, …

    Jakobus 1:7 Elberfelder

    statt dass ihr sagt: Wenn der Herr will, werden wir sowohl leben als auch dieses oder jenes tun.

    Jakobus 4:15 Elberfelder

    In beiden Texten ist übrigens das ‚Herr‘ im Urtext in der Neue-Welt-Übersetzung natürlich durch ‚Jehova‘ ersetzt.

    Übt auch ihr Geduld; befestigt euer Herz, denn die Gegenwart des Herrn hat sich genaht.

    Jakobus 5:8 NWÜ

    Dieser Text befand sich fast 25 Jahre im Dornröschenschlaf, bis er zum Kongress 2023 wieder entdeckt wurde. Schon im Wachtturm 1999 wurde betont, dass Geduld notwendig ist, während wird ‚auf Jehova warten‘. Nun eigentlich geht es im Text ja um die Gegenwart des Herrn. Wobei selbst in der NWÜ hier Herr nicht durch Jehova ersetzt wird. Spricht der Text aber nicht davon, Geduld zu haben vor der Gegenwart des Herrn. Und lehrt die Leitenden Körperschaft nicht, dass diese unsichtbare Gegenwart 1914 begann? Dann muss Jakobus wohl das zweite Kommen (oder Gegenwart) gemeint haben, das wir aber in der Bibel nicht finden.

    Wenn daher jemand weiß, wie er das tun soll, was recht ist, und es doch nicht tut, so ist es ihm Sünde.

    Jakobus 4:17 NWÜ

    Seit über 25 Jahren nicht mehr zitiert. Damals konnte man aber lesen:

    Je umfassender unsere biblische Erkenntnis ist, desto besser ist unser Glaube fundiert. Gleichzeitig sind wir Gott gegenüber in vermehrtem Maß rechenschaftspflichtig. …
    Der Älteste äußerte sich zunächst über die Bedeutung des Bibeltextes und sagte dann: „Obwohl Sie nicht getauft sind, sind Sie rechenschaftspflichtig, und Sie müssen die volle Verantwortung für Ihre Entscheidung tragen.“

    w96 15. 9. S. 17 Abs. 5,6

    Nun, trifft das nicht auch auf alle Zeugen Jehovas zu? Die Leitende Körperschaft weiß, dass viele Lehren nicht biblisch sind und den historischen Fakten widersprechen. Und viele Zeugen Jehovas wissen das mittlerweile auch. Welche Schlußfolgerung ziehen wir für uns aus Jakobus 4:17?

    Hört zu, meine geliebten Brüder! Hat Gott etwa nicht diejenigen, die hinsichtlich der Welt arm sind, dazu auserwählt, reich zu sein im Glauben und Erben des Königreiches, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?

    Jakobus 2:5 NWÜ

    Die Elberfelder Bibel spricht in der Fußnote auch von ‚Erben der Königsherrschaft‘. Dieser Text wurde nur in der Jakobus Betrachtung im Wachtturm 1997 gestreift, im Jakobus Buch 1979 erklärt und davor ganze 5 mal erwähnt. Er zeigt ja aber auch, dass es nur eine Hoffnung für alle Christen gibt. Interessanterweise wird dies auf S. 65 des Jakobus Buches auch so formuliert. Vermutlich ist das Buch also auch deswegen nicht mehr erhältlich, weil es keine Unterscheidung zwischen ‚Gesalbten‘ und ‚anderen Schafen‘ macht.

    Wir könnten hier noch mehr Verse analysieren, aber ich denke, das reicht jetzt erst einmal, um einige Schlußfolgerungen ziehen zu können.

    Zusammenfassung

    Was hat unsere Analyse ergeben?

    • Von den seit 1970 erschienenen Büchern der Wachtturm Gesellschaft findet man alle in der Online Bibliothek. Mit Ausnahme des Organisiert-Buches, welches durch das Organisations-Buch ersetzt wurde. Und eben den Kommentar zum Jakobusbrief.
    • Das Bibelbuch Jakobus wird relativ wenig verwendet. Häufig nur im Jahr 1979, als der Kommentar zum Jakobusbrief erschien. Und im Jahr 1997, als im Wachtturm w97 15.11 in nur drei Artikeln der komplette Jakobusbrief behandelt wurde. 1990 finden sich noch einige Referenzen in den beiden Bänden des Einsichten Buches.
    • Seit etwa 25 Jahren wird Jakobus praktisch nicht mehr zitiert. Rund 10 Referenzen nur. Die meisten im Buch Komm Jehova doch näher und dem Organisiert-Buch (od). Erst 2021 in Glücklich – für immer. Ein interaktiver Bibelkurs wird Jakobus wieder etwas verwendet.
    • Es gibt eine handvoll Verse, welche viel häufiger als alle anderen zitiert werden. Sie werden gerne als Trigger verwendet, um bestimmte Lehren und Richtlinien einzuprägen. Betrachtet man den Kontext des Verses, so ist deren Anwendung in der Literatur der Organisation allerdings oft fraglich.
    • Es gibt sehr viele Texte, welche nur im Kommentar zum Jakobusbrief oder w97 15.11. verwendet werden oder höchstens noch wenige Male. Und das in über 75 Jahren! Eine ganze Reihe davon enthält Gedanken, die nicht so recht zu Lehren der Leitenden Körperschaft passen. Oder ist es vielleicht anders herum?
    • Dass der Kommentar zum Jakobusbrief nicht mehr erhältlich ist, hat vermutlich noch einen weiteren Grund. Da dessen Author Edward Dunlop wegen abweichender Ansichten zu einigen Lehren als ‚Abtrünniger‘ um 1980 herum ausgeschlossen wurde, ist einer. Gedruckte Bücher wurden aber von der Organisation wegen den Kosten schon immer noch weiter im Predigtdienst verkauft, sogar wenn der Inhalt überholt war. Ein weitere Grund scheint aber zu sein, dass der Kommentar zum Jakobusbrief sich an das Bibelbuch Jakobus hält und nicht an die Lehren der Organisation. Zum Beispiel hält es sich bei vielen Versen an die Bibel und nicht die Lehre von ‚Gesalbten‘ und ‚anderen Schafen‘ mit einer anderen Hoffnung. In diesem und anderen Punkten ist das Buch einfach zu unbequem und könnte den einen oder anderen Verkündiger vielleicht zum Nachdenken bringen.
    • Wenn aus diesem Grund schon sehr viele Verse praktisch nicht in der Literatur der Organisation verwendet werden, dann will man dies mit einem Buch wie dem Kommentar zum Jakobusbrief wohl auch kaum tun.
  • Warum gehen Jehovas Zeugen gegen andere juristisch vor?

    Warum gehen Jehovas Zeugen gegen andere juristisch vor?

    Von Christian


    Während Jehovas Zeugen in der Mitte des 20. Jahrhunderts vor Gerichte zogen, wenn es um die Ausübung des Predigtwerkes oder den Fahnengruss an Schulen ging, sind die juristischen Verfahren in der jüngeren Vergangenheit von anderer Art. Damals wie heute wurde gerne Philipper 1:7 zitiert, z.B. im Buch Jehovas Zeugen – Verkündiger des Königreiches Gottes, Kapitel 30 ‘Verteidigung und gesetzliche Befestigung der guten Botschaft’, S. 678:

    „Es ist nur richtig, dass ich so über euch alle denke. Ich habe euch schließlich im Herzen, euch, die ihr mit mir an der unverdienten Güte teilhabt – sowohl in meinen Fesseln als auch bei der Verteidigung und gesetzlichen Befestigung der guten Botschaft“ (Philipper 1:7 Neue-Welt-Übersetzung 2018)

    Die Wiedergabe in der Neuen-Welt-Übersetzung weicht von der Übersetzung in der Elberfelder Übersetzung wie auch anderen Übersetzungen ab:

    „So ist es für mich recht, dass ich dies im Blick auf euch alle denke, weil ich euch im Herzen habe und sowohl in meinen Fesseln als auch in der Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums ihr alle meine Mitteilhaber der Gnade seid.“ (Philipper 1:7 Elberfelder Bibel)

    Auch hier wurde also eine sehr spezielle Übersetzung gewählt, welche die Vorgehensweise der Zeugen Jehovas rechtfertigen soll. Mehr Details dazu sind in diesem Artikel zu finden. Hier soll das Zitat aus dem Wachtturm von 1950 15.12. S. 378 genügen: „Der Leser mag sich wundern, warum das griechische Wort (be·bai’o·sis) hier wiedergegeben wird mit „gesetzliche Befestigung“.“ Inder Tat, das tut er. Der Text liefert also nicht die Grundlage, nach belieben vor Gericht zu ziehen, selbst nicht für „die gute Botschaft“. Und man sollte nicht übersehen, dass Paulus hier von „Verteidigung“ des Evangelium sprach. Nicht vom Angriff und nicht von sich selbst. Was Jesus und die Apostel zum Thema ‚Beilegen von Streitigkeiten‘ sagten, wird am Ende dieses Beitrags behandelt.

    In den vergangenen Jahren sehen sich Jehovas Zeugen allerdings in verschiedenen Ländern immer häufiger vor Gericht, weil sie Fälle von Kindesmißbrauch nicht gemeldet und die Täter gedeckt haben oder Personen meiden, welche einfach nicht mehr Teil der Glaubensgemeinschaft sein wollen. In diesem Video wird die Untersuchung in Australien angesprochen.

    Seit kurzem müssen sich auch viele Älteste der Zeugen Jehovas in den USA in Pennsylvania vor Gericht verantworten, weil sie Fälle von Kindesmißbrauch nicht gemeldet haben, und einige sind auch schon verurteilt worden (siehe https://jz.help/fuenf-mitglieder-der-zeugen-jehovas-in-pennsylvania-wegen-sexuellen-kindesmissbrauchs-angeklagt/).

    Im diesem Video wird am Ende auch über den Fall in Australien gesprochen. Vor allem geht es aber darum, welche Entscheidung die Regierung Norwegens in Bezug auf die staatliche, finanzielle Förderung der Zeugen Jehovas getroffen hat und wie Jehovas Zeugen in Norwegen nun gegen die Entscheidung der Regierung vorgehen.

    Hier geht es also gar nicht mehr darum, das Evangelium zu verteidigen, sondern Jehovas Zeugen werden ganz im Gegenteil deswegen angeklagt, weil sie sich nicht an staatliche Gesetze und Vorgaben halten – und tatsächlich sogar gegen das Evangelium selbst verstoßen.

    Darüber hinaus geht die Organisation der Jehovas Zeugen leider aber auch selbst juristisch gegen diejenigen vor, welche selbst Opfer von Mißbrauch oder Meidung waren oder diese vertreten. So zum Beispiel in Spanien:

    Selbst wer sich vor allem mit den Lehren der Zeugen Jehovas und deren Folgen auseinandersetzt, kann sich in Deutschland mit juristischen Aktionen der Rechtsanwälte der Organisation der Zeugen Jehovas konfrontiert sehen. (siehe https://jz.help/zeugen-jehovas-klagen-gegen-vereinsmitglieder-von-jz-help/). Dabei wird gerne auch das Markenrecht verwendet, also die Rechte am Namen ‚Zeugen Jehovas‘ und allen erdenklichen Abkürzungen davon (siehe https://jz.help/gericht-urteilt-gegen-jehovas-zeugen-kdoer-im-markenrechtsstreit-mit-jz-help/).

    Vor kurzem erhielt auch Martin Peth deswegen eine Unterlassungserklärung der Zeugen Jehovas in Deutschland. Mehr dazu erklärt er in diesen beiden Videos:

    So versteht man, dass die Organisation der Zeugen Jehovas einen immer größer werdenden Bedarf an Juristen hat. Dazu passt, dass in einem Brief der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas (‚Bekanntmachungen und Hinweise‘ August 2021, Teil nur für Älteste) dazu aufgefordert wurde, Jehovas Zeugen mit Ausbildung im juristischen Bereich anzusprechen und zur Mitarbeit mit den Rechtsanwälten in den Zweigbüros aufzufordern:

    „10. Erfahrene Rechtsanwälte und Rechtsanwaltsfachangestellte benötigt: Geistig befähigte, zugelassene Rechtsanwälte und Rechtsanwaltsfachangestellte tragen wesentlich dazu bei, die Aufgaben im Bethel zu erledigen (Phil. 1:7). Es besteht ein besonderer Bedarf an Personen, die Erfahrung in Verbindung mit Gerichtsverfahren, Unternehmensangelegenheiten, Datenschutz, Immobilientransaktionen oder Steuerrecht haben. Erfahrene Rechtsanwälte und Rechtsanwaltsfachangestellte, die über außergewöhnliche Kompetenz in den Bereichen Analyse, Recherche und dem Verfassen von Schriftsätzen verfügen, tragen zur ordnungsgemäßen Bearbeitung von Rechtsangelegenheiten bei und sparen Kosten, die sonst anfallen würden. (In einigen Ländern gehören dazu auch Notare, die als spezialisierte Juristen Befugnis haben, in bestimmten Rechtsangelegenheiten zu handeln.)
    11. Kennt ihr vorbildliche Verkündiger, die über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen und vielleicht die Möglichkeit haben, bei Aufgaben im Bethel auf Teilzeit- oder Vollzeitbasis zu helfen, ermuntert sie bitte, eine Bewerbung als Helfer (A-19) zusammen mit einem Lebens- lauf einzureichen (sfl Kap. 22 Abs. 29-31). Helft ihnen zu verstehen, dass es ein Vorrecht ist und viel Freude und Genugtuung bringt, seine Fähigkeiten zur Förderung der König- reichsinteressen einzusetzen. Wir vertrauen darauf, dass ihr Verkündiger in dieser Angele- genheit mit Umsicht ansprecht. Beachtet bitte, dass wir niemanden dazu ermuntern, eine höhere Bildung oder einen Universitätsabschluss anzustreben, um spezielle Fähigkeiten zu erwerben. Vielmehr sind wir an Personen interessiert, die bereits über diese Fähigkeiten verfügen und bereit sind, bei den Tätigkeiten im Bethel zu helfen (w13 15. 10. S. 15, 16 Abs. 13, 14).“ (S-147-21.08-X Bekanntmachungen und Hinweise, August 2021)

    Interessant ist, für welche Bereiche hier Juristen gesucht werden: „Gerichtsverfahren, Unternehmensangelegenheiten, Datenschutz, Immobilientransaktionen oder Steuerrecht“.

    Wird ein solches Vorgehen der Rechtsanwälte der Organisation der Zeugen Jehovas durch Texte wie Philipper 1:7 gedeckt? Selbst mit der Neuen-Welt-Übersetzung dürfte es schwer sein, dies zu bejahen.

    Vermutlich nur, wenn man den Gedanken der ‚theokratischen Kiregsführung‘ verinnerlicht hat. Die Online-Bibliothek der Zeugen Jehovas gibt zu diesem Stichwort 14 Treffer zurück:

    „Es ist eine geistige Kriegführung, zu der wir geheiligt sind. Wir sind in ein geistliches Heer, das einen theokratischen Krieg führt, eingereiht, und unser Befehlshaber ist der Sohn Gottes, Jesus Christus.
    Die Kriegführung der beiden Gruppen dieser einen Herde ist die eine Kriegführung, die geistige, theokratische, heilige. Für diese Kriegführung sind beide geheiligt worden, denn beide haben auf die Stimme des Rechten Hirten, Christi Jesu, des größeren David, gehört, und beide haben sich dann Jehova Gott hingegeben, um treu in den Fußstapfen des Hirten zu folgen.“ (w55 15.1. S.56 Der christliche Krieger) 

    „(37) … Da die unchristlichen „Wölfe“ den „Schafen“ den Krieg erklären und ‚tatsächlich wider Gott streiten‘ wollen, ist es angebracht, daß die harmlosen „Schafe“ im Interesse des Werkes Gottes gegenüber den „Wölfen“ Kriegslist anwenden. Niemand, gegen den diese Strategie angewandt wird, wird dadurch ungerechterweise verletzt, während dagegen die „Schafe“ geschützt, das heißt die Interessen, die den Schutz verdienen, gewahrt werden. Gott verpflichtet uns nicht, die Dummheit der Schafe an den Tag zu legen und unserem kämpfenden Feind in die Hand zu arbeiten.
    (38) Es ist angebracht, die Vorkehrungen, die wir für das uns von Gott aufgetragene Werk treffen, zu verdecken. Wenn die wölfischen Feinde falsche Schlußfolgerungen aus unseren Überlistungsmanövern ziehen, wird ihnen doch durch die harmlosen Schafe, die in ihren Beweggründen so arglos wie Tauben sind, kein Leid angetan. Ihr Vorgehen entspringt nicht dem Hasse eines Lügners. „Wer Haß in sich verbirgt, hat Lügenlippen, und wer üble Nachrede verbreitet, ist ein Tor. Eine Lügenzunge haßt die von ihr Vernichteten [Verwundeten].“ — Spr. 10:18; 26:28, Me.
    (45) Wir dürfen nicht wider Gottes Wort lügen, indem wir ihm etwas beifügen oder etwas davon wegnehmen oder etwas in dieses Wort hineinlesen, was es nicht sagt oder was es verneint, indem wir über etwas hinweggehen oder etwas wegerklären, was es wahrheitsgemäß sagt. „Alle Rede Gottes ist geläutert . . . Tue nichts zu seinen Worten hinzu, damit er dich nicht überführe, und du als Lügner erfunden werdest.“ (Spr. 30:5, 6) Wir dürfen nicht Unwahrheiten in seinem Namen sagen, denn dadurch würde Gott der Anschein eines Lügners gegeben. „Gott werde als wahrhaftig erkannt, wenn auch jeder Mensch als Lügner erkannt würde.“ (Röm. 3:4, NW)“ (w56 15.4. S. 246 Vorsichtig wie Schlangen unter Wölfen)

    „EINE Zeugin Jehovas ging in Ostdeutschland von Haus zu Haus und stieß auf einen heftigen Gegner. Da sie sogleich wußte, was nun zu erwarten war, zog sie im nächsten Hausflur ihre rote Bluse aus und legte dafür eine grüne an. Kaum auf die Straße getreten, fragte ein kommunistischer Beamter, ob sie nicht eine Frau in einer roten Bluse gesehen habe. „Nein“, erwiderte sie und zog ihres Weges. War dies eine Lüge? Nein, sie log nicht; sie war keine Lügnerin. Vielmehr wandte sie theokratische Kriegslist an, indem sie die Wahrheit um des Predigtdienstes willen durch Wort und Tat verbarg.
    Hierfür hatte sie ein gutes biblisches Vorbild.
    Vielleicht fragt sich jemand, wo denn die Grenze zwischen theokratischer Kriegslist, durch die ein Tatbestand verborgen gehalten wird, und dem Aussprechen von Lügen gezogen werden soll.“ (w57 1.7. S. 413 Wende theokratische Kriegslist an)

    „Fragen von Lesern: Von Zeit zu Zeit erhalten wir Briefe, in denen wir gefragt werden, ob gewisse Umstände es rechtfertigen könnten, daß ein Christ in bezug auf seine Pflicht, stets die Wahrheit zu sagen, eine Ausnahme machen würde. In Beantwortung dieser Frage sei folgendes gesagt:

    Eine Ausnahme sollte der Christ jedoch stets im Sinn behalten. Als Soldat Christi nimmt er an einem theokratischen Kriegszug teil, und den Feinden Gottes gegenüber muß er größere Vorsicht walten lassen. Die Bibel zeigt deshalb, daß es zum Schutz der Interessen der Sache Gottes angebracht ist, die Wahrheit vor Feinden Gottes zu verdecken. …
    Das käme unter die Bezeichnung „Kriegslist“, wie dies im Wachtturm vom 15. April 1956 erklärt wurde, und wäre in Übereinstimmung mit dem Rate Jesu, wonach wir, wenn unter Wölfen, so ‚vorsichtig sein sollten wie Schlangen‘. “ (w60 1.8. S. 479)

    Das war also die Ansicht der Organisation der Zeugen Jehovas – und ist es wohl bis heute, auch wenn es nicht mehr so öffentlich geschrieben wird.

    Was aber finden wir in der Bibel zu diesem Thema. Nur ein paar Texte als Anregung, sich selbst eine Meinung zu bilden:

    Matthäus 5:23, 24

    „Wenn du nun deine Gabe darbringst zu dem Altar und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh vorher hin, versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bring deine Gabe dar!” (Elberfelder)

    „Wenn du also deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder dir etwas übel nimmt, dann lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh weg. Versöhne dich zuerst mit deinem Bruder und dann komm zurück und opfere deine Gabe.“ (Neue-Welt-Übersetzung)

    Matthäus 5:25, 26

    ‹Wenn jemand dich vor Gericht ziehen will›, einige dich schnell mit deinem Gegner, solange du noch mit ihm auf dem Weg dahin bist. Sonst wird er dich dem Richter ausliefern, und der wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und du kommst ins Gefängnis.
    Ich versichere dir, du kommst erst dann wieder heraus, wenn du den letzten Cent bezahlt hast.“ (Neue Evangelistische Übersetzung)

    Einige dich schnell mit deinem Prozessgegner, noch während ihr auf dem Weg zum Gericht seid, damit dein Gegner dich nicht dem Richter übergibt und der Richter dich nicht dem Gerichtsdiener übergibt und du nicht ins Gefängnis geworfen wirst. Ich versichere dir: Du kommst dort auf keinen Fall heraus, bis du deine letzte kleine Münze bezahlt hast.“ (Neue-Welt-Übersetzung)

    Matthäus 18:15-17:

    „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und stell ihn unter vier Augen zur Rede. Wenn er mit sich reden lässt, hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Wenn er nicht auf dich hört, dann nimm einen oder zwei andere mit und geh noch einmal zu ihm, damit alles von zwei oder drei Zeugen bestätigt wird. Wenn er auch dann nicht hören will, bring die Angelegenheit vor die Gemeinde. Wenn er nicht einmal auf die Gemeinde hört, dann behandelt ihn wie einen Gottlosen oder Betrüger.“ (Neue Evangelistische Übersetzung)

    „Und wenn dein Bruder eine Sünde begeht, dann geh und mach ihm den Fehler unter vier Augen bewusst. Hört er auf dich, dann hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Wenn er aber nicht auf dich hört, nimm noch eine oder zwei Personen mit, damit alles durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen bestätigt wird. Wenn er nicht auf sie hört, dann wende dich an die Versammlung. Und wenn er nicht einmal auf die Versammlung hört, dann soll er für dich genauso sein wie jemand aus einem anderen Volk und wie ein Steuereinnehmer.“ (Neue-Welt-Übersetzung)

    Und insbesondere Römer 12:17-21:

    „Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Bemüht euch um ein vorbildliches Verhalten gegenüber jedermannSoweit es irgend möglich ist und soweit es auf euch ankommt, lebt mit allen Menschen in Frieden! Rächt euch nicht selbst, ihr Lieben, sondern lasst Raum für den Zorn Gottes! Denn in der Schrift steht: „Es ist meine Sache, das Unrecht zu rächen, sagt der Herr, ich werde Vergeltung üben!“ „Wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken! Denn wenn du das tust, sammelst du feurige Kohlen auf seinen Kopf. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit dem Guten!“ (Neue Evangelistische Übersetzung)

    „Zahlt niemandem Böses mit Bösem zurück. Seid auf das bedacht, was aus Sicht aller Menschen gut ist. Wenn möglich, haltet, soweit es von euch abhängt, mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, ihr Lieben, sondern lasst Raum für den Zorn. Denn in den Schriften steht: „‚Es ist meine Sache, Rache zu nehmen. Ich werde Vergeltung üben‘, sagt Jehova.“ Vielmehr, „wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm etwas zu essen. Wenn er durstig ist, gib ihm etwas zu trinken. Denn wenn du das tust, sammelst du feurige Kohlen auf sein Haupt.“ Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse immer mit dem Guten.“ (Neue-Welt-Übersetzung)

  • Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas lässt ein Buch verschwinden – Teil 1

    Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas lässt ein Buch verschwinden – Teil 1

    Von Christian


    Die meisten Königreichssäle der Zeugen Jehovas und viele Zeugen haben sie: Eine ‚theokratische‘ Bibliothek. Also eine Sammlung früher erschienener Bücher und Ausgaben des Wachtturms und Erwachet. Ein Buch habe ich sehr geschätzt und auch im Nachlass meiner verstorbenen Mutter wieder gefunden:

    Kommentar zum Jakobusbrief
    Kommentar zum Jakobusbrief, veröffentlich 1979 von der Wachtturm-Gesellschaft

    Aber eigentlich ist es ein verloren gegangenes Buch. Inwiefern? Weil leider selbst viele Zeugen Jehovas dieses 1979 erschienene Buch überhaupt nicht mehr kennen! Nun gut, es ist zwar schon älter, aber es müsste doch leicht in der Wachtturm Online-Bibliothek zu finden sein …

    Wachtturm Online-Bibliothek Bücher
    Wachtturm Online-Bibliothek Bücher

    Also in der Liste der Bücher ist es schon einmal nicht. Aber wir kennen ja den Titel. Also suchen wir einmal im Index:

    Wachtturm Online-Bibliothek Index
    Wachtturm Online-Bibliothek Index

    Dort finden sich mehrere Hinweise auf ein Buch mit Abkürzung cj, was unschwer als ‚Commentary James‘ zu deuten ist. Aber dort ist kein Link zu dem Buch hinterlegt. Als ich im Mai 2023 nochmals gesucht habe, erhielt ich dieses Ergebnis:

    Von den 44 Ergebnissen sind allerdings bis auf 9 alles nur Königreichsdienste, die belegen, dass diese Buch im Predigtdienst verkauft wurde: 1987 für 1 DM, 1989 schon für 2 DM. Es scheint also im Wert noch gestiegen zu sein.

    Lässt man die Referenzen im Index und Hinweise im Wachtturm und Erwachet auf das Buch weg, bleiben diese Ergebnisse übrig:

    Wachtturm Online-Bibliothek Suche
    Wachtturm Online-Bibliothek Suche

    Kein Hinweis auf das Buch außer diesen? Und nichts aus dem Inhalt des Buches ist zu finden. Vielleicht ist ja die ‚Frage von Lesern‘ interessant:

    w81 15.4. S.31
    w81 15.4. S.31 Fragen von Lesern

    Nichts, außer einem Artikel, der versucht, einen Satz aus dem ganzen Buch ‚geradezurücken‘. Was soll an diesem einen Satz so Besonderes sein?

    Ich erinnere mich noch, wie alle Jehovas Zeugen weltweit dieses Buch im ‚Versammlungsbuchstudium‘ studiert haben. Das nächste Bild zeigt allerdings nicht mein Buch, in dem natürlich auch ich fleißig unterstrichen habe. Das Buch ist von meiner verstorbenen Mutter, die ich posthum loben kann: Auch sie hatte sich gut vorbereitet und genau die richtige Antwort auf die Frage zu Abschnitt 27 unterstrichen:

    Kommentar zum Jakobusbrief S. 49
    Kommentar zum Jakobusbrief S. 49

    Und in der ‚Wachtturm Online-Bibliothek‘ ist nichts, außer einem Artikel, der versucht, diesen einen Satz aus dem ganzen Buch ‚geradezurücken‘. Was soll an diesem einen Satz so Besonderes sein?

    „Jehova ist nicht nur der Gott der Christen, sondern auch ihr Vater, denn er hat sie durch seinen Geist als seine Söhne gezeugt.“ (Kommentar zum Jakobusbrief, S. 49)

    Der weitere Text des Wachtturm-Artikels zeigt, welche Sprengkraft dieser eine, kleine Satz wohl hatte:

    Heißt das, daß alle Gott hingegebenen und getauften Christen durch Gottes heiligen Geist zu seinen Söhnen gezeugt worden sind?

    Nein, das sollte nicht daraus gefolgert werden, als ob wir jetzt die Sache anders verstünden. Eine solche Änderung würde die biblische Lehre aufheben, daß es zwei verschiedene Hoffnungen für diejenigen gibt, die gerettet werden, nämlich eine himmlische und eine irdische Hoffnung.“
    (w81 15.4. S. 31)

    Und dort wird sogar eine winzige Änderung vorgeschlagen, welche alles ‚repariert‘ hätte:

    „Um Zweideutigkeit zu vermeiden, hätte in dem betreffenden Satz auf Seite 49 des Kommentars das Wort „gesalbt“ eingefügt werden können. Dann hätte der Satz wie folgt gelautet: „Jehova ist nicht nur der Gott der gesalbten Christen, sondern auch ihr Vater, denn er hat sie durch seinen Geist als seine Söhne gezeugt.“ Die dazugehörige Frage auf Seite 57 hätte lauten können: „Wieso ist Gott für gesalbte Christen auch der Vater?““ (w81 15.4. S.31)

    Zum Thema ‚gesalbte Christen‘ gehe ich in diesem Artikel ein: „Sollten wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)?“

    Aber warum hat man dann nicht einfach diese winzige Änderung vorgenommen? Wie in diesem Artikel gezeigt wurde, hat man doch schon ganz andere ‚Korrekturen‘ vorgenommen.

    Auch ist das alte Hesekiel-Buch von 1972 immer noch online verfügbar, direkt neben dem neuen Hesekiel-Buch von 2019.

    Ist der Grund für das Verschwinden des Jakobus-Buches vielleicht, dass es zu viele Änderungen gegeben hat? Warum wurde denn das Hesekiel-Buch nach fast 50 Jahren neu geschrieben? Ich zitiere aus dem Buch von 2019:

    Außerdem hat sich in den Jahrzehnten seit 1971 unser Verständnis der Bibel sehr verbessert, weil das Licht immer heller geworden ist (Spr. 4:18). Ab 1985 verstanden wir klarer, wie die „anderen Schafe“ als Freunde Gottes für gerecht erklärt werden (Joh. 10:16; Röm. 5:18; Jak. 2:23). 1995 erkannten wir, dass das endgültige Urteil, wer zu den „Schafen“ und wer zu den „Ziegen“ gehört, erst während der kommenden „großen Drangsal“ gefällt wird (Mat. 24:21; 25:31, 32). All das hat sich auf das Verständnis des Bibelbuches Hesekiel ausgewirkt.
    In den letzten Jahren ist das Licht noch heller geworden. Denken wir nur an die Vergleiche Jesu. Vieles, was er damit vermitteln wollte, verstehen wir jetzt besser und es geht uns noch mehr zu Herzen. Einige seiner Gleichnisse beziehen sich auf Ereignisse in der großen Drangsal, die immer näher kommt. Auch unser Verständnis etlicher Prophezeiungen aus dem Bibelbuch Hesekiel ist klarer geworden. Dazu gehören die Prophezeiungen über Gog von Magog (Kapitel 38 und 39), den Mann mit dem Tintenfass (Kapitel 9), über das Tal der vertrockneten Knochen und das Zusammenfügen der beiden Stäbe (Kapitel 37). Durch all das sind die Erklärungen, die vor Jahren im alten Hesekiel-Buch gegeben wurden, inzwischen überholt.

    Hesekiel-Buch 2019, Die reine Anbetung Jehovas – endlich wiederhergestellt! S.2 Kapitel „Brief der leitenden Körperschaft“

    Wer beide Bücher vergleicht, fragt sich unwillkürlich, was den vom alten Buch übrig geblieben ist. Also hatte die Leitende Körperschaft entschlossen, eine neue Interpretation des Bibelbuch Hesekiel schreiben zu lassen.

    Warum wurde das nicht auch mit dem Jakobus-Buch so gemacht? Ich kann mich eigentlich an nichts aus dem Buch erinnern, was durch ‚neues Licht‘ sich geändert hätte.

    Der Grund liegt ganz woanders. Wer nach Edward Dunlap in der Wachtturm-Bibliothek sucht, wird ihn noch immer finden. Aus den Quellen der Zeugen Jehovas geht immer noch hervor, dass er wichtige Funktionen in der Organisation der Zeugen Jehovas hatte:

    Wachtturm Online-Bibliothek Edward Dunlap
    Wachtturm Online-Bibliothek Edward Dunlap

    Ich kann mich erinnern, dass ich früher einmal sogar noch mehr über ihn dort gefunden hatte. Er war über 10 Jahre Registrator der Gilead-Schule und hat Vorträge auf deren Abschlußfeiern gehalten. Was man nicht findet, ist, dass er der Autor des Buches Kommentar zum Jakobusbrief war. Das findet sich in Raymound Franz Buch Der Gewissenskonflikt. Und dort findet man auch den Grund für alles: Um 1980 herum wurde er mit anderen auf unglaublich unchristliche Weise als ‚Abtrünniger‘ gebrandmarkt und ausgeschlossen. Und jede Erinnernung an ihn sollte wohl ausgelöscht werden. So ähnlich wie das jetzt mit Anthony Morris III auf den Websiten der Zeugen Jehovas geschieht, seit er kein Mitglied der Leitenden Körperschaft mehr ist. Aber das ist ein anderes Thema.

    Warum man das Buch dann auch aus der Online-Bibliothek verbannt, ist allerdings schwer nachvollziehbar. Denn bevor so ein Buch von Jehovas Zeugen auf einem Kongress in großer Zahl veröffentlich wird und später auch im Versammlungsbuchstudium studiert wird, muss es doch von sehr, sehr vielen korrekturgelesen worden sein. Auch von der leitenden Körperschaft und deren Komitees. Und mit der Veröffentlichung durch die Leitende Körperschaft war es doch das ‚neue Licht‘ der ‚aktuellen Wahrheit‘. Oder etwa doch nicht? Entweder ist der Inhalt korrekt, oder nicht. Sonst hätte die Leitende Körperschaft ja aktiv falsche Lehren als ‚geistige Speise‘ verteilt.

    Vielleicht gibt es ja noch das eine oder andere Exemplar in den Königreichssälen der Zeugen Jehovas oder privaten Bibliotheken. Für alle, die Englisch können ist es einfacher: Die englische Ausgabe des Buches kann man immer noch bei watchtowerwayback.org herunterladen.

  • Wachtturm Online-Bibliothek: Zurück in die Zukunft

    Wachtturm Online-Bibliothek: Zurück in die Zukunft

    Von Christian


    In die Vergangenheit zu reisen, um etwas zu ändern, was heute unvorteilhaft ist – diese Idee ist in einigen Büchern und Filmen durchgespielt worden. In der Realität ist das aber heute für uns Menschen nicht möglich.

    Sind einem jedoch die eigenen Veröffentlichungen mittlerweile unangenehm, muss man gar nicht in die Vergangenheit reisen. Man veröffentlich das scheinbar selbe Buch eben einfach mit Änderungen, ohne dies zu vermerken. In diesem Video hatte Eric dies schon einmal anhand des Buches Die Harfe Gottes von Jehovas Zeugen (bzw. damals noch den Bibelforschern) gezeigt:

    Veränderte Ausgabe des Buches „Die Harfe Gottes“, nachdem die Voraussagen für 1925 sich nicht erfüllt hatten.

    Viele werden sich noch erinnern können, wie oft es Änderungen für das Offenbarungs-Buch oder Daniel-Buch und anderer Bücher der Zeugen Jehovas gab. Die Korrekturen wurden von manchen so ausgedruckt, dass man den Text im Buch überkleben konnte. Später, als man endlich digitale Versionen verwenden durft und spätesten mit der passenden App der Zeugen Jehovas gab es oft Verwirrung in der Zusammenkunft, wenn jemand den Wachtturm oder eine andere Publikation aus der gedruckten Version vorlas oder eben aus der App mit stets ‚aktuellem‘ Inhalt. Später gab es dann Briefe an die Ältesten, dass die ‚aktuelle‘ digitale Ausgabe stets die ‚richtige‘ ist.

    Noch einfacher ist es natürlich, wenn man Veröffentlichungen im Internet digital anbietet, wie in der Wachtturm Online-Bibliothek. Auch wenn diese den Anschein erweckt, ein Archiv zu sein, ist sie das nicht. Ein Archiv wird in Wikipedia so definiert:

    Ein Archiv (lateinisch archivum ‚Aktenschrank‘; aus altgriechisch ἀρχεῖον archeíon ‚Amtsgebäude‘) ist eine Institution oder Organisationseinheit, in der Archivgut zeitlich unbegrenzt im Rahmen der Zuständigkeit des Archivs oder des jeweiligen Sammlungsschwerpunktes aufbewahrt, benutzbar gemacht und erhalten wird (Archivierung).

    Man geht bei einem Archiv also davon aus, dass die Inhalte unverändert bleiben.

    Der Wachtturm vom 1. Januar 1989 (englisch) enthält in diesem Zusammenhang einen interessanten Absatz auf Seite 12:

    w89_1_1_en
    w89_1_1_page12_en_old
    Wachtturm 1989 1.1. S. 12 alte Ausgabe

    Was ist an einem Wachtturm aus dem Jahr 1989 so interessant, der – wie so viele andere – das Ende des Predigtwerkes im 20. Jahrhundert ankündigte? Der markierte Satz lautet: „He was also laying a foundation for a work that would be completed in our 20th century.“ [Übersetzung: „Er legte auch den Grundstein für ein Werk, das in unserem 20. Jahrhundert vollendet werden sollte.“] Was ist daran interessant? Einmal abgesehen von der Tatsache, dass das Predigtwerk innerhalb von 10 Jahren zu Ende gewesen sein sollte. Und dass dies natürlich wieder einmal nicht eingetroffen ist, wie wir über 20 Jahre später wissen.

    Schauen wir uns einmal den selben Artikel in der Wachtturm Online-Bibliothek an (Bildschirmfoto vom 22. Januar 2023):

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    Wachtturm 1.1.89 S.12 Online-Bibliothek (Englisch)

    Der Satz lautet nur nicht mehr „He was also laying a foundation for a work that would be completed in our 20th century.“ sondern „He was also laying a foundation for a work that would be completed in our day.“ Das Predigtwerk endet also irgendwann in unseren Tagen. Wer auch immer irgendwann dies liest, wird sich bei den Worten ‚unsere Tage‘ mit eingeschlossen fühlen.

    Hat die Organisation der Zeugen Jehovas nun absichtlich die Online-Ausgabe des Wachtturm geändert? In diesem Fall gab es sogar eine veränderte gedruckte Ausgabe in dem gebundenen Jahrgang:

    w89 1.1. S. 12 neuere Ausgabe
    Wachtturm 1989 1.1. S.12, neuere Ausgabe

    Die Online-Bibliothek enthält also den Text der neueren Ausgabe des Wachtturms im gebundenen Jahrgang. So schnell war also diese Aussage nicht mehr erwünscht.

    Interessanterweise gab es diese Änderung in der deutschen Ausgabe offensichtlich nicht (Bildschirmfoto vom 22. Januar 2023):

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    Wachtturm 1.1.89 S. 12 Online-Bibliothek (deutsch)

    Beide Ausgaben sind in dem folgenden PDF Dokument vorhanden (eingescannt). Zum Glück gibt es die Website http://www.watchtowerwayback.org, welche solche Originale noch enthält.

  • „Was erwartest du von 1975?“

    „Was erwartest du von 1975?“

    Von Christian


    Warum sollte jemand in Bezug auf dieses Jahr besondere Erwartungen gehabt haben? Und warum sollte das uns noch interessieren? Das liegt doch schon fast 50 Jahre zurück in der Vergangenheit! Es hat etwas mit diesen beiden Bibeltexten zu tun:

    Wer in den kleinen Dingen treu ist, ist auch in großen treu; und wer in den kleinen Dingen unzuverlässig ist, ist es auch in den großen.

    Lukas 16:10 NEÜ

    Die Lügner lässt du zugrunde gehen. / Mörder und Betrüger sind Jahwe ein Gräuel.

    Psalm 5:7 NEÜ

    Wir werden sehen, dass die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas durch ihre aktuellen Aussagen zum Thema 1975 sowohl als unzuverlässig erwiesen hat und sogar als Lügner und Betrüger bezeichnet werden müssen. Gemäß Lukas 16:10 sollte man ihnen daher auch in größeren Dingen nicht vertrauen und nach Psalm 5:7 sind sie für Jahwe sogar ein Gräuel. Ich weiß, das sind deutlische Worte, aber die Beweise folgen gleich.

    Als Anthony Morris III noch Teil der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas war, hat er im Jahr 2022 in JW Broadcasting die Tatsachen der Ereignisse vor 1975 völlig verdreht. Und dabei hat er sich noch über einige ‚treue, altgedienten Brüder‘ jener Zeit lustig macht.

    Für mich hat das auch noch eine persönliche Komponente. Meine Großeltern mütterlicherseits waren schon Anfang der 1920er Jahre Bibelforscher. Sie haben die nicht eingetroffenen Vorhersagen des Präsidenten der Organisation des Wachtturms, J.F. Rutherford für das Jahr 1925 selbst miterlebt: „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben!” Das wurde nicht nur von Rutherford über Jahre verkündet sondern weltweit von den Bibelforschern. Doch diese Voraussage hat sich nicht erfüllt. Sie wurde aber auch nie offen eingestanden und wird bis heute verklärt (siehe w22 Oktober S.2 „1922 – vor Hundert Jahren“, w20 Oktober S. 2 „1920 – vor Hundert Jahren).

    „Zeitungsanzeige für den Vortrag „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben““ Wachtturm 2020 Oktober S. 2
    „Plakat, das den Vortrag in der Londoner Royal Albert Hall ankündigte” Wachtturm 2020 Oktober S. 4

    Als es dann wieder Erwartungen verkündet wurden, diesmal für das Jahr 1975, sagte mein Großvater sinngemäß zu meiner Großmutter: „Wir haben erlebt, dass 1925 sich die Hoffnungen nicht erfüllt haben. Und wir haben gesagt, dass wir Jehova für immer dienen wollen. Das werden wir jetzt auch machen.“ Für diese vernünftige Einstellungen hat er aber von seinen Mitältesten jedoch ziemlich was zu hören bekommen: „Das kannst du doch nicht sagen!“

    Nun gut, das waren ja nur Verkündiger. Und viele Verkündiger hatten sich halt in falsche Erwartungen hieneingesteigert. Dieses Narrativ wird schon länger von der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas verbreitet. Aber waren es denn wirklich nur einige Verkündiger, die zu viel im Jahr 1975 erwartet haben? Das prüfen wir jetzt einmal anhand der Veröffentlichungen der Leitenden Körperschaft.

    Im Jahr 1968 hat die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas die oben genannte Frage allen Verkündigern und Menschen weltweit im Wachtturm gestellt:

    Warum freust du dich auf 1975?
    Wachtturm 1968 15.8. S. 494 (Englisch); Wachtturm 1968 15.11. S. 686 (Deutsch)

    In der englischen Ausgabe lautet die Frage übersetzt: „Warum freust du dich auf das Jahr 1975?“ Man könnte auch noch übersetzen: „Warum erwartest du 1975?“ Der deutschsprachige Artikel hatte jedoch ein verändertes Thema „Was erwartest du von 1975?“. Nun, welche Erwartungen hatten denn die Leitende Körperschaft:

    Sollten wir aufgrund dieses Studiums annehmen, daß im Herbst 1975 die Schlacht von Harmagedon vorüber sein und die langersehnte Tausendjahrherrschaft Christi beginnen wird? Vielleicht; wir wollen aber abwarten und sehen, inwieweit die siebente 1 000-Jahr-Periode der Menschheitsgeschichte mit der sabbatähnlichen Tausendjahrherrschaft Christi zusammenfällt. Wenn diese beiden Perioden im gleichen Kalenderjahr begonnen haben und im gleichen Kalenderjahr enden, dann ist dies kein reiner Zufall, sondern entspricht Jehovas liebendem und zeitgemäßem Vorhaben.“ (w68 15.11. S. 691 Abs. 30)

    „Eines steht fest: Die biblische Chronologie, die durch die Erfüllung biblischer Prophezeiungen bestätigt wird, zeigt, daß 6 000 Jahre Menschheitsgeschichte bald, ja noch in unserer Generation, enden werden! (Matth. 24:34) Es ist daher jetzt nicht an der Zeit, gleichgültig zu sein und in den Tag hineinzuleben. Es ist nicht an der Zeit, mit dem Gedanken zu spielen, Jesus habe ja gesagt: „Von jenem Tage und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel der Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matth. 24:36) Im Gegenteil, wir sollten uns ständig vor Augen halten, daß das gewaltsame Ende des gegenwärtigen Systems der Dinge eilends herannaht. Täuschen wir uns nicht: Es genügt, daß nur der Vater „Tag und Stunde“ kennt!“ (w68 15.11. S.691 Abs. 35)

    Dies ist allerdings nur ein Artikel von vielen. Am Ende des Artikels werde ich noch einige aufführen. (Viele findet man auch in Englisch bei jwfacts.com und in Raymond Franz Buch „Der Gewissenskonflikt“ sowie James Penton Buch „Endzeit ohne Ende“.)

    Der ganze Hype um 1975 begann allerdings schon so richtig mit diesem Buch im Jahr 1966:

    Einband: Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Einband: Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes

    Diese Tabelle mit der Berechnung, die zum Jahre 1975 führte, sowie einige Aussagen dazu im Text waren es, die schon auf dem Kongress 1966 nach der Veröffentlichung für Begeisterung sorgte.

    Tabelle Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Tabelle 1/3 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Tabelle 2/2 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Tabelle 2/3 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Tabelle 3/3 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Tabelle 3/3 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Tabelle 3/3 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes

    Es lohnt sich, einmal die Daten im letzten Teil der Tabelle sich anzuschauen.

    • Dass die Eroberung Jerusalems im jahr 607 v.u.Z. nicht stattgefunden hat, ist schon hinreichend belegt worden.
    • Interessanterweise wird um ca. 49 nicht von der Leitenden Körperschaft in Jerusalem gesprochen. Kein Wunder, die gab es auch noch viele Jahre nach 1966 bei den Zeugen Jehovas nicht.
    • Dass 1492 der Papst angeblich an einer Bluttransfusion starb … scheint irgendwie sehr wichtig im göttlichen Zeitplan gewesen zu sein.
    • Die Erklärung für 1914 (Oktober! ) ist interessant, aber dazu gibt es ja ein ganzes Buch („Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ und den Nachtrag „Die Zeiten der Heiden“ in Lukas 21:24).
    • Leider wird 1925 nicht erwähnt wird, wo doch etwa 6 Jahre lang davor gepredigt wurde, dass „Millionen jetzt Lebender nicht sterben werden“.
    • Aber dafür das Thema Bluttransfusion 1918.
    • Satelliten und Astronaten im Jahr 1957 und 1964: Man erinnert sich; „Zeichen an Mond und Sternen“

    Aber zurück zur Entwicklung vor 1975. Die folgenden Jahre hinweg bis 1975 wurden die Erwartungen angefacht (siehe Zitate unten).

    Wer möchte, kann auch gerne einmal den markanten Worten des Zweigdienders Konrad Franke zum Thema 1975 zuhören (Vortrag 20. Januar 1968 in Hamburg, Text dazu hier). Allerdings muss gesagt werden, dass er eine zwei Jahre später dann auch nicht mehr Zweigaufseher war.

    Konrad Franke, Zweigaufseher der Wachtturm Gesellschaft in Deutschland
    Konrad Franke über das Jahr 1975 in einem Vortrag am 20. Januar 1968

    Zurück aber zum Ausgangspunkt. Was sagte nun Anthony Morris von der Leitenden Körperschaft im Jahr 2022 im Broadcasting auf jw.org („JW Broadcasting Februar 2022: Jahresversammlung 2021 (Teil 2)“ nach etwa einer Stunde und 44 Minuten)? Hier die Bildschirmaufnahmen des originalen Videos mit deutschen Untertiteln und Übersetzung durch die Wachtturm-Gesellschaft.

    Einige ‚ältere, treue Diener‘ hätten zu seinen Söhnen (um 1975 oder kurz danach) gesagt: „Ihr werdet nicht mehr euren Abschluss machen in diesem System …“

    Morris1957_1
    JW Broadcasting Februar 2022: Jahresversammlung 2021 (Teil 2)

    Darauf meinte er: „vielleicht Nachwirkungen von 1975, ich weiß es nicht.“

    Morris1957_2
    JW Broadcasting Februar 2022: Jahresversammlung 2021 (Teil 2)

    „Falls das einer von euch war – Jehova liebt dich trotzdem.“

    Morris1957_3
    JW Broadcasting Februar 2022: Jahresversammlung 2021 (Teil 2)

    Denn er sagte damals seinen Jungs: Es dauert „vielleicht bis 2020“

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    JW Broadcasting Februar 2022: Jahresversammlung 2021 (Teil 2)

    Das erweckt den Eindruck, wie weise und weitsichtig dieser Bruder, dieser Gesalbte, der dann später selbst zur Leitenden Körperschaft gehörte, schon damals war. (Im Jahre 2023 wurde Bruder Morris aus der Leitenden Körperschaft entfernt. Für wenige Tage war dieses Ereignis zuerst als Eilmeldung und dann als Nachricht verfügbar. Dann wurde diese Nachricht wieder entfernt. Wie auch andere Videos von ihm, zum Beispiel: Hat sich die leitende Körperschaft selbst verurteilt, da sie verachtenswerte Abtrünnige verurteilt?).

    Wie kamen denn diese ‚altgedienten Brüder‘ zu ihrer falschen Einstellung? Einfache Antwort: Erwachet 1969 22. Mai S. 14 und 15.

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    Erwachet 1969 22. Mai S. 14 (Englisch)
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    Erwachet 1969 22. Mai S. 15 (Englisch)

    Was für ein ‚Glück‘, dass die Online JW Library keine Ausgaben des Erwachet vor 1970 enthält (Deutsch und Englisch) und die Leitende Körperschaft in den vergangenen Jahren die Ältesten angewiesen hat, ältere Literatur in der Versammlung zu vernichten.

    Aber es gibt sie noch, die digitalisierten Ausgaben. Einige Auszüge aus dem Text (deutsche Übersetzung der englischen Ausgabe):

    „Ob jung oder alt, du musst dich der Tatsache stellen, dass dieses System seine Richtung nicht ändern wird. Unter dem Einfluss Satans wird es sich in den verbleibenden Jahren weiter rapide verschlechtern.“ (Erwachet 1969 22. Mai S. 14 (Englisch))

    „Wenn du ein junger Mensch bist, musst du auch der Tatsache ins Auge sehen, dass du in diesem System niemals alt werden wirst. Warum eigentlich nicht? Weil alles darauf hindeutet, dass dieses korrupte System in ein paar Jahren zu Ende gehen wird.“ (Erwachet 1969 22. Mai S. 15 (Englisch))

    „Deshalb wirst du als junger Mensch nie eine Karriere machen, die dieses System bietet. Wenn du in der High School bist und über eine College-Ausbildung nachdenkst, dauert es mindestens vier, vielleicht sogar sechs oder acht Jahre, bis du einen Abschluss in einem spezialisierten Beruf machst. Aber wo wird dieses System der Dinge bis dahin sein? Es wird auf dem Weg zu seinem Ende sein, wenn nicht sogar schon weg!“ (Erwachet 1969 22. Mai S. 15 (Englisch))

    Wenn man vom Erscheinungsjahr dieses Artikels 1969 rechnet, kommt man mit diesen Aussagen auf welches Jahr? 1973, 1975, 1977 … Da “ist das System auf dem Weg in sein Ende oder sogar schon weg.“
    Wie konnten diese ‚altgedienten Brüder‘ nur auf die Idee kommen, dass Anthony Morris Kinder ihre Ausbildung nicht beenden werden …

    Anthony Morris hat also damals eindeutig nicht entsprechend dem ‚Licht‘ und der ‚damaligen Wahrheit‘ des ‚treuen und verständigen Sklaven‘ – Nathan Knorr und Fred Franz bzw. danach der Leitenden Körperschaft – seine Kinder belehrt. Erstaunlich, wieso ihm damals nicht die Gemeinschaft entzogen wurde, denn die Lehrmeinung war auch in den 1970er Jahren nicht, dass das Ende vielleicht erst 2020 kommt. Noch erstaunlicher ist vielleicht, dass er dann Teil genau dieser Leitenden Körperschaft wurde.

    Was veröffentlichte die Leitende Körperschaft nun nach 1975?

    IM September 1975 begann ein neues jüdisches Mondjahr. … Dasselbe gilt für den Beginn der Tausendjahrherrschaft Christi. Die Bibel gibt uns keinen Anhaltspunkt für die Berechnung des Datums, und wir sollten daher keine Vermutungen darüber anstellen. … Die Zeitangaben der Bibel zeigen allerdings, daß im Jahre 1975 6 000 Jahre Menschheitsgeschichte abliefen.

    w76 1.1. S. 3-5 Das Ende von 6000 Jahren Menschenherrschaft steht bevor — Was ist erreicht worden?

    Irgendwie hat man also versucht, das Thema umzubiegen. Aber der Aufruhr war wohl doch zu groß. Was konnte man im Jahr 1976 dann lesen?

    15 Es ist aber nicht ratsam, unser Augenmerk auf ein bestimmtes Datum zu richten und alltägliche Dinge zu vernachlässigen, die wir als Christen normalerweise tun würden oder die wir und unsere Familie wirklich brauchen. Wir vergessen vielleicht manchmal, daß der Grundsatz, daß Christen zu jeder Zeit alle ihre Verpflichtungen erfüllen müssen, nicht aufgehoben wird, wenn jener „Tag“ kommt. Falls jemand enttäuscht worden ist, weil er nicht diese Einstellung hatte, sollte er sich jetzt bemühen, seine Ansicht zu ändern, und sollte erkennen, daß nicht das Wort Gottes versagt oder ihn betrogen und enttäuscht hat, sondern daß sein eigenes Verständnis auf falschen Voraussetzungen beruhte.

    16 Doch angenommen, du bist einer von denen, die fest mit einem bestimmten Datum gerechnet haben, und hast in lobenswerter Weise deine Aufmerksamkeit besonders auf die Dringlichkeit der Zeit gerichtet und darauf, daß die Menschen die Botschaft hören müssen. Und sagen wir, du seiest vorübergehend etwas enttäuscht. Hast du aber wirklich etwas verloren? Hat dir das wirklich geschadet? Wir glauben, daß du sagen kannst, du habest durch deine gewissenhafte Handlungsweise etwas gewonnen und einen Nutzen gehabt. Außerdem ist es dir möglich gewesen, dir eine wirklich reife, vernünftigere Ansicht anzueignen (Eph. 5:1-17).

    17 In der Bibel werden wir wiederholt darauf hingewiesen, daß das Ende völlig überraschend über die Welt kommen wird. … Danach sagte er: „Erweist auch ihr euch als solche, die bereit sind, denn zu einer Stunde, da ihr es nicht denkt, kommt der Sohn des Menschen“ (Matth. 24:42-44). Aus diesen deutlichen Erklärungen Jesu geht hervor, daß Gottes Diener niemals im voraus den Zeitpunkt wissen werden, an dem Christus zum Gericht „kommen“ wird. Tatsächlich wird dieser Tag zu einer Zeit kommen, in der sie es für ‘unwahrscheinlich’ halten (Luk. 12:39, 40).

    w76 15.10. S. 633 Abs. 15-17 Eine sichere Grundlage für unser Vertrauen

    Wie würdest du dies im Jahre 1976 empfunden haben? Als eine Art Entschuldigung? Oder hat die Leitende Körperschaft die Verantwortung übernommen? Interessanterweise wird in Absatz 17 mit dem gleichen Text aus Matthäus nun genau das Gegenteil vom dem gesagt, was vor 1975 publiziert wurde. Was konnte man in dem am Anfang zitierten Wachtturm Artikel „Was erwartest du von 1975?“ denn lesen?

    Es ist nicht an der Zeit, mit dem Gedanken zu spielen [Englische Ausgabe: Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, um mit den Worten Jesu zu spielen], Jesus habe ja gesagt: „Von jenem Tage und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel der Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matth. 24:36)

    w68 15.8. S. 500-501 Abs. 35-36 „Why are you looking forward to 1975?“ (Englisch); w68 15.11. S. 692-693 Abs. 35-36 “Was erwartest du von 1975?“ (Deutsch)

    Das hat wohl bei vielen zu noch mehr Enttäuschung geführt und daher wurde 1980 dies geschrieben:

    5 In der Neuzeit hat ein solcher Eifer, der an und für sich lobenswert ist, dazu geführt, daß man versucht hat, für die ersehnte Befreiung von den Leiden und Problemen, die die Menschen überall auf Erden plagen, ein Datum festzusetzen. Als das Buch Ewiges Leben — in der Freiheit der Söhne Gottes erschien und man darin lesen konnte, es sei sehr passend, wenn die Tausendjahrherrschaft Christi mit dem siebenten Millennium der Existenz des Menschen parallel liefe, wurden erhebliche Erwartungen bezüglich des Jahres 1975 geweckt. Es wurde damals und auch später erklärt, dies sei lediglich eine Möglichkeit. Unglücklicherweise wurden jedoch zusammen mit diesen vorsichtigen Äußerungen auch andere Erklärungen veröffentlicht, die durchblicken ließen, daß die Erfüllung solcher Hoffnungen in jenem Jahr eher wahrscheinlich als nur möglich sei. Es ist zu bedauern, daß diese späteren Erklärungen offensichtlich die vorsichtigen überschatteten und dazu beitrugen, daß die bereits geweckten Erwartungen noch gesteigert wurden.

    6 In der Ausgabe vom 15. Oktober 1976 schrieb Der Wachtturm, es sei nicht ratsam, sein Augenmerk auf ein bestimmtes Datum zu richten. In diesem Zusammenhang hieß es: „Falls jemand enttäuscht worden ist, weil er nicht diese Einstellung hatte, sollte er sich jetzt bemühen, seine Ansicht zu ändern, und sollte erkennen, daß nicht das Wort Gottes versagt und ihn betrogen und enttäuscht hat, sondern daß sein eigenes Verständnis auf falschen Voraussetzungen beruhte.“ Wenn Der Wachtturm hier „jemand“ sagte, so meinte er damit alle enttäuschten Zeugen Jehovas, also auch diejenigen, die an der Veröffentlichung von Informationen beteiligt waren, die dazu beitrugen, daß in bezug auf dieses Datum Hoffnungen geweckt wurden.

    w80 15.6. S. 17 Wähle den besten Lebensweg (Kursivschrift im Artikel)

    Ist das eine Entschuldigung oder wird hier nicht nochmals versucht, die Verantwortung auf die Verkündiger zu wälzen? Es wird zugegeben, dass der Wachtturm 1976 nur von ‚jemand‘ schrieb. Und dann stellen sich die Verantwortlichen der leitenden Körperschaft selbst in die Reihe der „enttäuschten Zeugen Jehovas“: „auch diejenigen, die ander Veröffentlichung von Informationen beteiligt waren.“ Und was ist mit denen, welche für das Verfassen und die Veröffentlichung verantwortlich waren, nämlich die Leitende Körperschaft? Auch verfälscht Absatz 5 die Tatsachen bezüglich der Publikationen: Es gab viel weniger „andere Erklärungen“. Und wenn etwas offen gelassen wurde, dann nur, was geschehen würde. Das erkennt man auch, wenn man im Verkündiger-Buch einmal genauer liest, was F. Franz auf einem Kongress sagte:

    „Sag mal, was hat es eigentlich mit 1975 auf sich?“
    Die Zeugen hatten lange geglaubt, die Tausendjahrherrschaft Christi werde auf 6 000 Jahre Menschheitsgeschichte folgen. Aber wann würden 6 000 Jahre der Existenz des Menschen enden? Das Buch Ewiges Leben — in der Freiheit der Söhne Gottes, das 1966 auf den Bezirkskongressen freigegeben wurde, wies auf 1975 hin. Schon auf dem Kongreß, als die Brüder das neue Buch durchblätterten, wurde viel über 1975 diskutiert.

    Auf dem Kongreß in Baltimore (Maryland) hielt F. W. Franz die Schlußansprache. Er begann mit den Worten: „Kurz bevor ich das Podium betrat, kam ein junger Mann zu mir und meinte: ‚Sag mal, was hat es eigentlich mit 1975 auf sich?‘ “ Dann sprach Bruder Franz die Fragen an, die aufgekommen waren, nämlich ob der Inhalt des neuen Buches darauf hinausliefe, daß 1975 Harmagedon vorbei wäre und Satan gebunden wäre. Er erklärte in etwa: „Es könnte sein. Aber wir sagen nichts. Bei Gott ist alles möglich. Aber wir sagen nichts. Und keiner von euch sollte etwas Definitives darüber sagen, was zwischen der Gegenwart und 1975 geschehen wird. Doch der wichtige Gedanke bei alldem, liebe Brüder, ist der: Die Zeit ist kurz. Die Zeit läuft ab, darüber besteht kein Zweifel.

    Viele Zeugen Jehovas handelten in den Jahren nach 1966 im Einklang mit dem Geist, der in diesem Rat zum Ausdruck kam. Allerdings wurden noch andere Erklärungen über dieses Thema veröffentlicht, und einige waren wahrscheinlich etwas zu definitiv. Das wurde im Wachtturm vom 15. Juni 1980 (S. 17) zugegeben. Aber Jehovas Zeugen wurden auch ermahnt, sich hauptsächlich darauf zu konzentrieren, den Willen Jehovas zu tun, und sich nicht übermäßig Gedanken über Daten oder eine frühzeitige Errettung zu machen.

    Verkündiger-Buch jv Kap. 8 S.104

    Was hat der Vizepräsident F. W. Franz also wirklich gesagt? Dass niemand etwas Definitives darüber sagen soll, was vor 1975 passiert! Aber es bestünde kein Zweifel, dass die Zeit kurz ist und abläuft. Dazu muss eigentlich nichts mehr gesagt werden, oder? Anscheinend doch, denn im nächsten Absatz wird doch wieder gezeigt, dass die Verkündiger es waren, die nicht auf die Ermahnung gehört hätten. Von den vier angegebenen Quellen sind übrigens zwei von 1974 und 1975 … da hatte wohl jemand kalte Füße bekommen. In den selben Jahren wurde aber auch dies veröffentlicht:

    How Are You Using Your Life?
    Yes, since the summer of 1973 there have been new peaks in pioneers every month. Now there are 20,394 regular and special pioneers in the United States, an all-time peak. That is 5,190 more than there were in February 1973! A 34-percent increase! Does that not warm our hearts? Reports are heard of brothers selling their homes and property and planning to finish out the rest of their days in this old system in the pioneer service. Certainly this is a fine way to spend the short time remaining before the wicked world’s end. —1 John 2:17.

    Wie nutzt du dein Leben?
    Ja, seit dem Sommer 1973 gab es jeden Monat einen neuen Höchststand an Pionieren. Jetzt gibt es 20.394 reguläre und besondere Pioniere in den Vereinigten Staaten, ein neuer Höchststand. Das sind 5.190 mehr als im Februar 1973! Ein Zuwachs von 34 Prozent! Wird uns da nicht warm ums Herz? Es gibt Berichte von Brüdern, die ihre Häuser und Grundstücke verkaufen und den Rest ihrer Tage in diesem alten System im Pionierdienst zubringen wollen. Das ist sicherlich eine schöne Art, die kurze Zeit zu verbringen, die uns noch bis zum Ende der bösen Welt bleibt. -1 Johannes 2:17.

    Königreichsdienst Mai 1974 (English Seite 4-5)

    Ein Brief von Menschen, die um Dich besorgt sind
    1. Septmeber 1974
    … Jehovas Zeugen auf der ganzen Erde im September zwei besondere Zusammenkünfte abhalten würden….
    Weshalb findet diese besondere Zusammenkunft statt? Weil die Zeit, in der wir leben, es dringend erforderlich macht, daß Du sorgfältig und gebetsvoll darüber nachdenkst, welche Stellung Du vor Jehova Gott einnimmst. Wahrscheinlich ist Dir bereits bekannt, daß für die gegenwärtige gottlose Welt im Jahre 1914 u. Z. die „letzten Tage“ — wie die Bibel sie nennt — angebrochen sind, die nun bald mit der Vernichtung dieser Welt enden werden….
    Folglich wird die Generation, die Augenzeuge der Ereignisse des Jahres 1914 u. Z. war, die Generation sein, die auch die „große Drangsal“ erleben wird. Nahezu sechzig Jahre sind bereits vergangen. Die Zahl derer, die das Jahr 1914 bewußt erlebt haben, nimmt ab. Es ist somit klar, daß die Zeit nahe herbeigekommen ist, da Jehova Gott handeln wird.
    Da die „große Drangsal“ offensichtlich nahe ist, möchten wir Dich eindringlich auffordern, jetzt nicht mehr zu zögern. …

    Königreichsdienst km 74/8 S. 4 S Deutsch

    Schließlich wurde noch auf einem Bezirkskongress vor einigen Jahren ein Video gezeigt, wo auch dargestellt wurde, wie damals wohl einige auf die Idee kamen, dass 1975 das Ende käme. Wer nur dieses Kongressvideo gesehen hat, wäre niemals auf die Idee gekommen, was wirklich veröffentlicht wurde. Und wir haben uns nur einen kleinen Ausschnitt angesehen.

    Aber ich denke, dass reicht schon, um sich ganz offen und ehrlich die Frage zu stellen: Sollte man der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas vertrauen, sogar sein Leben anvertrauen? Denken wir an Jesu Worte:

    Wer in den kleinen Dingen treu ist, ist auch in großen treu; und wer in den kleinen Dingen unzuverlässig ist, ist es auch in den großen.

    Lukas 16:10 NEÜ

    Einige ausführlichere Zitate: