Von Christian / Carmen Joy Imes
In dieser Serie befassen wir uns mit Gedanken aus dem Buch Bearing God’s Name – Why Sinai still matters (Gottes Namen tragen – warum der Sinai noch immer wichtig ist) von Carmen Joy Imes.
In Anbetracht dessen, was wir in den ersten 4 Teilen betrachtet haben, stellt sich um so mehr die Frage: War es das nun mit dem Bund zwischen Gott und den Israeliten? Aber was ist dann mit der Verheißung, die er schon Abraham gegeben hatte, dass dies ein Segen für alle Menschen würde?
Wer hat euch denn reingelassen? – Heiden und Gottes Mission
In 1. Petrus 2:9-10 finden wir die Antwort, obwohl sie jemand leicht übersehen könnte, der nur das Neue Testament kennt. Da wir uns nun aber mit diesem Thema im Alten Testament schon beschäftigt haben, können wir das erkennen, was Juden-Christen im ersten Jahrhundert beim Hören dieser Passage in den Sinn kam:
Aber ihr seid ein ausgewähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, das Gott sich selbst erworben hat. Er hat euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen, damit ihr verkündigt, wie unübertrefflich er ist. Früher wart ihr nicht sein Volk, aber jetzt seid ihr Gottes Volk, früher gab es für euch kein Erbarmen, aber jetzt erfahrt ihr seine Barmherzigkeit.
1. Petrus 2:9-10 NEÜ
Kommen uns die Worte bekannt vor? Wie haben sie schon einmal zitiert:
Wenn ihr nun auf mich hört und meinen Bund haltet, dann sollt ihr unter allen Völkern mein persönliches Eigentum sein. Denn mir gehört die ganze Erde. Ihr sollt mir ein Königsvolk von Priestern sein, eine heilige Nation!‘ Das sollst du den Israeliten sagen!
2. Mose 19:5,6 NEÜ
Duch die Nennung der Titel aus dem Bündniss und damit dem Bezug auf 2. Mose 19:5 haben wir auch einen Bezug auf Jahwes segullah – sein persönliches, besonderes Eigentum Doch an wen sind die Worte in 1. Petrus gerichtet? An die Jünger Jesu in Kleinasien, die Heiden sind! Daher haben wir auch gelesen: „Früher wart ihr nicht sein Volk.“.
Aber 1. Petrus legt noch eins drauf: „ihr seid ein ausgewähltes Geschlecht“. γένος (genos) „Nachkommen, Rasse, Volk, Nation“ Wo kommt das her und auf wen bezog sich das bisher ausschließlich?
Die Tiere des Feldes werden mich preisen, die Schakale und Strauße, weil ich Wasser gegeben habe in der Wüste und Ströme in der Einöde, um mein Volk zu tränken, mein auserwähltes, das Volk, das ich mir gebildet habe, damit sie meinen Ruhm verkündigen.
Jesaja 43:20,21 Schlachter 2000
Der Grund für die Erwählung ist immer noch der selbe: Gottes Namen tragen und so seinen Ruhm verkünden.
Und es gibt noch einen weiteren Bezug, nämlich auf Hosea. Hosea sollte einen Sohn so wie folgt nennen: „Und er sprach: Gib ihm den Namen Lo-Ammi[Der Name Lo-Ammi bedeutet ‚Nicht mein Volk‘.], denn ihr seid nicht mein Volk, und ich gehöre nicht zu euch [Möglicherweise hörte man bei „ich gehöre nicht zu euch“ im Hebräischen eine Anspielung an die Erklärung des Gottesnamens JHWH aus Ex 3,14 („ich werde sein“).]!“ (Hosea 1:9 Züricher) Erst später sollte er das ändern: „Und ich werde sie für mich aussäen im Land, und über Lo-Ruchama werde ich mich erbarmen, und zu Lo-Ammi werde ich sagen: Du bist mein Volk!, und es wird sagen: Mein Gott!“ (Hosea 2:25 Züricher) Petrus argumentiert: Wenn Gott sein rebellisches Volk wieder adoptiert, warum sollte er das nicht auch mit Menschen aus den Heiden tun?
1. Petrus 2:9 enthält deswegen eine kühne Formulierung: λαὸς εἰς περιποίησιν (laos eis peripoiēsin) „ein Volk für seinen persönlichen Besitz“. Wobei das griechische λαὸς (laos) und das entsprechende hebräische ‘am vorher in den Schriften ausschließlich für Israel verwendet wurde. Doch nun haben auch die Heiden den selben Auftrag: „Wenn ihr beschimpft werdet, weil ihr zu Christus gehört, seid ihr glücklich zu nennen, denn dann ruht der Geist der Herrlichkeit Gottes auf euch. … Er preise vielmehr Gott, dass er diesen Namen tragen darf.“ (1. Petrus 4:14,16)
Wenn Petrus von einer „königlichen Priesterschaft“ und „heiligen Nation“ spricht, entspricht seine Formulierung exakt der griechischen Übersetzung von 2. Mose 19:5,6. Nicht so aber bei „kostbarem Besitz“. Carmen Imes schreibt dazu:
Petrus verwendet nicht das griechische Wort, das das hebräische segullah in jeder anderen Passage übersetzt (periousios), was die Einzigartigkeit des Schatzes selbst hervorheben würde. Stattdessen betont Petrus den Prozess, Jahwes Besitz zu werden, indem er eine etwas andere Formulierung (eis peripoiēsin) verwendet, die nur in Maleachi 3:17 vorkommt. Diese leichte Verschiebung der Formulierung eröffnet eine tiefgreifende theologische Möglichkeit.
Petrus zitiert Maleachi, weil es die einzige Stelle im Alten Testament ist, in der sich der Begriff „segullah“ auf einen gerechten Überrest bezieht und nicht auf das gesamte Volk Israel. Angesichts der Untreue Israels gegenüber dem Bund hatte der Prophet Maleachi einen zukünftigen Tag vorausgesehen, an dem Jahwe ein neues segullah auswählen würde, das nur aus denen besteht, die seinen Namen fürchten. Maleachi hatte gesagt: „‚Sie werden mein sein‘, sagt Jahwe der Heerscharen, ‚an dem Tag, an dem ich ein segullah bereite’“ (Maleachi 3:17, Übersetzung der Autorin).
Indem er Maleachi direkt zitiert, zeigt uns Petrus, dass er genau diese Verheißung in der gläubigen Gemeinde, die aus Juden und Heiden besteht, erfüllt sieht.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Wie kommt Petrus zu diesem Schluß? In 1. Petrus wird das nicht weiter erklärt. Doch für den Apostel Petrus war das gemäß dem Bericht in der Apostelgeschichte klar. Gemäß der Vision des Petrus in Apostelgeschichte 10 sollte er nichts mehr unrein nennen, was für Gott nicht mehr unrein ist. Und wenn Gott seinen Geist auf die Heiden ausgegossen hat, dann sind sie Teil seines Volkes. Es gibt keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden mehr. Der einzige Unterschied, der nun existiert, ist der in Maleachi 3:17,18 was Gottes segullah betrifft: Nicht jeder in der Gemeinschaft gehört automatisch zu Gottes segullah.
„Sie werden mein persönliches Eigentum sein. An dem Tag, an dem ich eingreife, werde ich sie verschonen, wie ein Mann seinen gehorsamen Sohn verschont“, spricht Jahwe, der allmächtige Gott. „Dann werdet ihr wieder den Unterschied zwischen Gerechten und Ungerechten sehen, zwischen denen, die Gott dienen und denen, die es nicht tun.
Maleachi 3:17,18 NEÜ
Und entsprechend argumentiert Petrus bei der Zusammenkunft in Jerusalem gemäß Apostelgeschichte 15:
Und Gott, der die Herzen kennt, hat das beglaubigt, indem er ihnen den heiligen Geist gab, so wie er ihn uns gegeben hat. Er hat zwischen uns und ihnen keinen Unterschied gemacht, denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt.
Apostelgeschichte 15:8,9 Züricher
Und Jakobus pflichtet ihm bei:
Simeon [Petrus aramäischer Name] hat erzählt, wie Gott von Anfang an darauf bedacht war, aus allen Völkern ein Volk für seinen Namen zu gewinnen.
Apostelgeschichte 15:14 Züricher
Das muss eine Überraschung für seine Zuhörer gewesen sein: Denn bisher wurde immer klar zwischen „Gottes Volk“ und den Heiden unterschieden. Entweder man ist ein Teil des Volkes Jahwes oder nicht. Und Jakobus begründet dies mit einem Zitat aus Amos 9:12, dem Text im alten Testament, der darauf hindeutet, dass Heiden einmal ohne zum Judentum zu konvertieren mit in den Bund mit eingeschlossen werden. Zu diesem Text erklärt Carmen Imes:
Im Hebräischen heißt es: „damit sie den Rest von Edom und alle Völker, über die mein Name angerufen wird, in Besitz nehmen“ (Übersetzung des Autors). Das könnte auf eine militärische Herrschaft hindeuten. In der griechischen Septuaginta heißt es: „damit der Überrest der Menschheit und alle Heiden, die nach meinem Namen gerufen werden, mich ernsthaft suchen“. Die griechische Übersetzung suggeriert keine militärische Vorherrschaft, sondern eine weltweite Bekehrung. Dennoch bezeichnen beide Versionen die Heiden als diejenigen, „über die mein Name angerufen wird“, und das ist der wichtigste Punkt, auf den es Jakobus ankommt. Im Hebräischen sind „Edom“ und „Menschen“ fast identisch, ebenso wie „besitzen“ und „suchen“, was die griechische Übersetzung teilweise erklärt.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Mit dem, was die Apostel, die Ältesten und die ganze Versammlung in Jerusalem dann beschließen, schieben sie den Sinai nicht beiseite. Was sie aufheben sind die Gesetze, deren Zweck es war, die Israeliten ethnisch von den Heiden zu unterscheiden. Was das für die Jünger aus den Heiden bedeutet haben mag, als sie von dem Beschluss hörten, verstehen wir vielleicht besser, wenn wir Carmen Imes Formulierung betrachten:
Ihr seid eingeladen! Ihr könnt Jesus folgen, so wie ihr seid. Wir haben entdeckt, dass die Propheten schon vor Hunderten von Jahren auf diesen Tag vorausgeschaut haben und von euch sprachen, die ihr Jahwes Namen tragt – Heiden, die dazugehören. Willkommen in der Familie!
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)
Das ist auch das Ziel des Dienstes des Paulus, wie er zum Beipsiel in Römer 1:5-8 sagt indem er bekannte Formulierungen aus dem Alten Testament einfließen lässt. Und Paulus predigt auch kein neues Evangelium, wie wir in der Serie „Die neue Sicht auf Paulus“ gesehen haben.
Unser Auftrag
Was bedeutet dies für uns heute? Carmen Imes fasst es so zusammen:
Aufgrund der Treue Jesu können wir mit Gottes Namen gekennzeichnet werden und an seiner Mission teilnehmen, allen Völkern Segen zu bringen.
Anstatt zu fragen, ob wir das alttestamentliche Gesetz befolgen müssen, sollten wir uns fragen, wie unsere Beziehung zum Bund Israels aussieht.
Durch das Leben, den Tod und die Auferstehung von Jesus, dem Messias Israels, sind wir in den Bund aufgenommen worden. Wir sind in seine erneuerte Bundesgemeinschaft aufgenommen worden. Sein Opfer hat eine neue Ära eingeläutet. Diese Tatsache, gepaart mit unserer veränderten kulturellen Situation, bedeutet, dass viele der alttestamentlichen Gesetze für uns nicht mehr so funktionieren wie für Israel. Sie buchstabengetreu zu befolgen, würde den Zweck, für den sie gegeben wurden, nicht aufrechterhalten.
Die Notwendigkeit eines Tempels ist verschwunden, da sie in Christus erfüllt wurde, und deshalb sind Opfer nicht mehr notwendig.
Gesetze, die Israel als ethnische Gruppe getrennt halten sollten, wurden ebenfalls außer Kraft gesetzt.
Als Mitglieder seiner neuen Bundesgemeinschaft haben wir das Privileg – die Gnade –, als sein wertvolles Volk zu leben.
Die Geschichte des Alten Testaments ist keineswegs irrelevant oder obsolet, sondern sie sagt uns, wer wir sind. Mehr noch: Sie sagt uns, wessen wir sind. Und das ändert alles.
Imes, Carmen Joy. Bearing God’s Name: Why Sinai Still Matters (English Edition)









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