Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1

Von Christian


Kann es sein, dass man 2000 Jahre nach Paulus noch irgend etwas Neues über seine Lehren sagen kann? Zum Beispiel, was unsere Hoffnung auf Rettung betrifft? Kurz gesagt, wissen wir doch dies:

  • Im 1. Jahrhundert glaubten die Juden voller Selbstgerechtigkeit, dass sie sich die Rettung durch ihre Werke verdienen konnten.
  • Jesus hat sie deswegen verurteilt und das mosaische Gesetz abgelöst.
  • Paulus hat auch gegen deren Vorstellung argumentiert und dargelegt, dass wir alleine aufgrund des Glaubens und durch Gnade gerettet werden. Unsere Werke spielen dabei überhaupt keine Rolle.

Richtig? Was wäre, wenn alle drei Aussagen falsch sind? Dass sie eben nicht im Neuen Testamt stehen, Paulus das so nicht gesagt hat, sondern dass es Interpretationen der Reformation sind und manche Begründung erst in den letzten 200 Jahren entstanden sind? Es würde mich nicht wundern, wenn manche jetzt den Kopf schütteln. „Will der jetzt mal so eben zeigen, dass Größen wie Calvin oder Luther falsch lagen?“ Oder vielleicht reagierst du eher so:

Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das Evangelium selbst, die kirchliche Verkündigung der guten Nachricht von der Erlösung in Christus. [•••] Die neue Sicht bietet letztlich ein anderes Evangelium als das, für das die Reformation Zeugnis abgelegt hat

Die derzeitige Revision der Rechtfertigungslehre, wie sie von den Verfechtern der so genannten Neuen Sicht auf Paulus formuliert wird, ist nichts weniger als eine grundlegende Ablehnung nicht nur des Protestantismus, der versucht, innerhalb der Bekenntnis- und Lehrlinien der Reformation zu stehen, sondern auch praktisch der gesamten westlichen Rechtfertigungstradition, die mindestens bis zu Augustinus zurückreicht.

Die Ablehnung der Reformation …. ist ein ziemlich dickes Brett für die neue Sicht auf Paulus.

Kapitel 7

Es gibt aber auch Kommentare, die genau das Gegenteil sagen:

Der Ansatz der reformatorischen Tradition zu Paulus ist grundlegend falsch.

Kapitel 7

Schauen wir einmal genau hin, was der Text des Neuen Testaments selbst sagt, und zwar unter Berücksichtigung des Kontextes und nicht von 2000 Jahren theologischer Überlegungen dazu. Du wirst vielleicht überrascht sein, welche deiner Glaubensinhalte möglicherweise gar nicht von Paulus sondern vielmehr von Luther und anderen stammt.

Diese Serie stützt sich auf diese sehr gute Übersicht zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema der drei Jahrzehnte bis 2011: „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger.

Anstelle von Polemik wünsche ich mir, dass dieses Buch ein Ort ist, an dem alle, die wirklich danach streben, das Denken des Paulus und die zentrale Botschaft dieses jüdischen Apostels Jesu Christi an die Heiden besser zu verstehen, zusammenkommen und gemeinsam nachdenken können.

Kapitel 1

Das Buch ist so aufgebaut: Wann und wie kam die neue Sicht auf Paulus auf? Wie entwickelte sich die Diskussion unter den Gelehrten weiter? Welche exegetischen und theologischen Bedenken und Einwände gibt es gegenüber dieser neuen Sicht? Und schließlich ein Kapitel darüber, welche Perspektiven sich durch diese neue Sicht ergeben.

Für die Ungeduldigen unter uns: In diesem Teil geht es zuerst einmal darum, was denn diese neue Sicht auf Paulus sein soll. Im nächsten Teil kommt dann gleich, was sich dadurch alles ändert. Erst danach werde ich näher auf Details und das Für und Wider eingehen.

Kapitel 2: Womit hat das alles angefangen?

Die Veränderung begann damit, dass Gelehrte zunehmend eine Diskrepanz erkannten zwischen der etablierten Sicht über das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels und neueren historischen Erkenntnissen.

Die etablierte Sicht auf das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels

Die Sichtweise, welche vor allem im 19. und 20. Jahrhundert von Gelehrten entwickelt wurde, lässt sich so zusammen fassen:

Ein Jude hält es für selbstverständlich, dass diese Bedingung [für Gottes freisprechende Entscheidung] das Halten des Gesetzes ist, also das Vollbringen von „Werken“, die das Gesetz vorschreibt. Im direkten Gegensatz zu dieser Sichtweise steht die These des Paulus. „durch bzw. aus dem Glauben“.

Kapitel 2

Yinger fasst es so zusammen:

Es ist nicht schwer zu erkennen, wie das Evangelium in fast jedem Punkt als Gegensatz zu dieser Religion empfunden wurde.
– Gnade gegen Werke
– Befähigung durch den Geist gegen das harte Joch des Gesetzes
– Freude gegen Mühsal
– Zuversicht gegen Angst und
– „Gott mit uns“ gegen eine ferne Gottheit
Gelehrte nannten das Judentum dieser Zeit sogar „Spätjudentum“, was bedeutet, dass es sich in einem ernsthaften Niedergang befand und in den letzten Zügen lag.

Kapitel 2

Wendepunkt 1977

Gelehrte widersprachen dieser Vorstellung zusehends. Der Wendepunkt kam mit der Veröffentlichung von E. P. Sanders‘ Paul and Palestinian Judaism im Jahr 1977.

Anstatt sich die göttliche Gunst durch ihre Werke des Gehorsams gegenüber dem Gesetz zu verdienen, betonten die Juden die freie Wahl Gottes für Israel. Sie wurden allein durch Gnade zu Mitgliedern des auserwählten Volkes Gottes. Das Heil war ein Geschenk und nicht etwas, das sie sich erst verdienen mussten.

Strenger Gehorsam gegenüber den Geboten war die erwartete Reaktion auf Gottes vorherige rettende Gnade, nicht der Versuch, sie zu verdienen. Sowohl das Volk als auch die einzelnen Menschen innerhalb des Volkes hielten die Gebote nicht, um erlöst zu werden, sondern weil sie erlöst oder gerettet worden waren (siehe Auszug aus Ägypten).

Kapitel 2

Sanders prägte den Ausdruck Bundesnomismus (covenantal nomism) dafür und fasste dies in 8 Punkten zusammen:

  1. Gott hat Israel erwählt. [Die Auserwählung, also die Gnade und nicht die verdienstvollen Werke, ist also das grundlegende Datum für die Erlösung im Judentum.]
  2. Und Gott hat das Gesetz gegeben. [Die Tora ist ein Geschenk an Israel, das es in der Lebensweise unterweist, mit der Gott es bereits beschenkt hat; sie ist keine Last.]
  3. Das Gesetz beinhaltet sowohl Gottes Versprechen, die Erwählung aufrechtzuerhalten, als auch
  4. die Verpflichtung zum Gehorsam. [Die Aufrechterhaltung der Erwählung hängt nicht allein von den Bemühungen Israels ab, sondern wird von Gott selbst ermöglicht. Dennoch darf die Bedeutung des tatsächlichen Gehorsams nicht geschmälert werden].
  5. Gott belohnt den Gehorsam und bestraft Übertretungen.
  6. Das Gesetz sieht Mittel zur Sühne vor, und die Sühne führt
  7. zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Bundesbeziehung. [Durch Buße und das Opfersystem sind Vorkehrungen für den Fall getroffen worden, dass Israel sündigt.]
  8. Alle, die durch Gehorsam, Sühne und Gottes Barmherzigkeit im Bund gehalten werden, gehören zu der Gruppe, die gerettet werden wird.

Seitdem besteht unter Gelehrten zumindest über diese Punkte Übereinkunft:

  • Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht die legalistische Religion, als die es früher karikiert wurde.
  • Der Bundesnomismus ist eine angemessene Beschreibung der jüdischen Soteriologie dieser Zeit.

[Soteriologie ist die Lehre der Erlösung der Menschheit im christlichen Kontext.] Und warum hat das so große Wellen geschlagen?

„Einer der zentralen Bausteine der protestantischen Soteriologie ist die Errettung aus Gnade und nicht aus Werken. Diese Entdeckung der unverdienten Gnade Gottes in Jesus Christus wird als einer der großen Fortschritte des christlichen Evangeliums gegenüber dem Judentum angesehen. Das Evangelium der freien Gnade hat das harte Joch des Judentums, das Gesetz zu halten, seine angeblich typische Gesetzlichkeit, ersetzt.“

Nehmen wir nur einmal eine Aussage von Paulus: „“Wir wissen, dass der Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2,16). Traditionell weist „durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt“ auf den jüdischen Legalismus hin. Aber wenn das Judentum nicht besonders legalistisch war, wovon in aller Welt spricht Paulus dann?“

Vielleicht ist es dir noch nicht bewusst geworden, aber hier geht es nicht um eine Kleinigkeit:

Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.

Kapitel 2

Und das werden wir in den nächsten Teilen der Serie tun.

Kommentare

3 responses to “Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1”

  1. […] der Serie Die neue Sicht auf Paulus, die auf dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- […]

  2. […] Hebräer das nicht dachten, worüber diskutiert Paulus dann? Das hatten wir in der vorherigen Serie „Die neue Sicht auf Paulus“ […]

  3. […] einfließen lässt. Und Paulus predigt auch kein neues Evangelium, wie wir in der Serie „Die neue Sicht auf Paulus“ gesehen […]

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