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  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 5

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 5

    Von Christian


    Nachdem wir in den ersten vier Teilen auf die neue Sicht auf Paulus eingegangen sind, wollen wir uns in diesem letzten Teil mit einigen Aspekten der Exegese beschäftigen. Schließlich kommt es uns (zumindest mir) darauf an, was wir aus dem Text des Neuen Testaments entnehmen können, und nicht so sehr, was sich Gelehrte im Laufe der Jahrhunderte als Theologie darüber hinaus erarbeitet (ausgedacht?) haben:

    DER BEWEIS für jede Theorie zur Auslegung der Paulusbriefe liegt natürlich in der Exegese (= Auslegungsmethode). Das heißt, kann die Theorie das, was Paulus gesagt hat, tatsächlich sinnvoll interpretieren – und nicht nur einen Teil dessen, was der Apostel geschrieben hat, sondern alles?

    Kapitel 6

    [Auch in diesem Teil sind die Zitate aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.]

    Auf einige Punkte geht Prof. Yinger in Kapitel 6 näher ein.

    Gesetzeswerke

    Wie ist der Stand der Diskussion dazu?

    Am heftigsten umstritten ist natürlich, ob „Werke des Gesetzes“ etwas mit Legalismus zu tun haben oder nicht. Wenn Paulus sich gegen die Rechtfertigung „durch Werke des Gesetzes“ wendet (Gal 2,16), bezieht sich das auf die traditionellere Überzeugung, dass man durch das Erbringen dieser Werke die Rechtfertigung erlangt (= Legalismus), oder darauf, dass man zur Gruppe des Bundes, Israel, gehören muss? …

    Diese exegetische Debatte scheint in eine Sackgasse geraten zu sein. …

    Ob Paulus den Legalismus ablehnte, ist ein größeres Problem als die Exegese eines einzelnen Satzes. Wie die meisten Juden seiner Zeit war Paulus sicher der Meinung, dass Legalismus – genug zu tun, um Gott in unsere Schuld zu bringen, so dass er uns das Heil „schuldet“ – lächerlich ist, auch wenn es nicht das ist, was er mit „Werken des Gesetzes“ meint.

    Kapitel 6

    Paulus: Bekehrt oder berufen?

    Im Kontext der neuen Sicht auf Paulus ergibt sich auch eine für uns vielleicht überraschende Frage:

    War Paulus bekehrt? Das heißt, blieb er nach dem Erlebnis auf der Straße nach Damaskus ein Anhänger des Judentums, oder bekehrte er sich zu etwas anderem?

    Kapitel 6

    Yinger führt drei Argumente näher aus:

    Erstens ist es anachronistisch, von einem Religionswechsel des Paulus zum Christentum zu sprechen. Das heißt, wir nehmen eine spätere Situation und übertragen sie auf eine frühere, ganz andere Situation. In der Mitte des ersten Jahrhunderts gab es noch keine identifizierbare Religion namens „Christentum“. Gelegentlich wurden Jesus-Anhänger als christianoi bezeichnet (Apg 11,26; 26,28; 1 Petr 4,16), aber das war einfach die Art und Weise, wie einige Gegner versuchten, diese Leute als Anhänger einer bestimmten Figur oder Partei, nämlich Christus, zu bezeichnen und von anderen zu unterscheiden. Paulus musste das Judentum nicht aufgeben, um ein Christus-Anhänger zu werden.

    Zweitens verwirrt diese Verwendung des Begriffs „Bekehrung“ für Paulus die Bedeutung in Bezug auf eines der Hauptthemen seiner Briefe. Das Evangelium des Paulus ist nicht der Versuch, die Menschen davon zu überzeugen, vom (legalistischen) Judentum zum (gnädigen) Christentum überzuwechseln, sondern der Schlüssel in seinem Kampf um die Identität dieser Christus-Bewegung im Römischen Reich. … Einige Prediger sagen wie Paulus, dass sie [die Heiden] nicht einmal die Zeichen der jüdischen Identität tragen müssen, um zu dieser jüdischen Bewegung zu gehören. Sie können durch den Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht dadurch, dass sie Juden sind („Werke des Gesetzes“). Andere beharren darauf, dass sie Juden werden müssen („sie müssen sich beschneiden lassen“, Apostelgeschichte 15,5).

    Und drittens verwendet Paulus selbst die Sprache der prophetischen Berufung und nicht der Bekehrung für dieses Element in seinem Leben. „Als aber Gott, der mich schon vor meiner Geburt auserwählt und durch seine Gnade berufen hat …“ (Gal 1,15; siehe auch Röm 1,1). … Paulus verstand sich nicht als Prediger eines Religionswechsels, sondern als jüdischer Prophet, der Israel und die Völker zur Nachfolge des Gottes Israels aufrief, der sich nun am Ende der Zeit im Messias Jesus offenbart hat.

    Kapitel 6

    Was genau war der Fluch des Gesetzes?

    Eine Stelle im Galaterbrief wird im Kontext der neuen Sicht auf Paulus auch diskutiert:

    Denn alle, die aus dem Tun dessen leben, was im Gesetz geschrieben steht, stehen unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht bleibt bei allem, wovon im Buch des Gesetzes geschrieben steht, dass es zu tun sei. Dass aber durch das Gesetz bei Gott niemand gerecht wird, ist offensichtlich, denn: Der Gerechte wird aus Glauben leben. Das Gesetz aber, das bedeutet nicht ‚aus Glauben‘, sondern: Wer dies alles tut, wird dadurch leben. Christus hat uns freigekauft vom Fluch des Gesetzes, indem er für uns zum Fluch geworden ist – es steht nämlich geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.

    Galater 3:10-13 Züricher

    Spätestens seit der Reformation wird diese Stelle von Protestanten und anderen so interpretiert:

    1. Das Gesetz spricht einen Fluch über jeden aus, der es nicht hält. (Paulus zitiert 5. Mose 27,26.)
    2. kein Mensch kann das Gesetz vollkommen halten.
    3. Daher stehen alle Menschen unter dem Fluch des Gesetzes.
    4. Christus hat jedoch die Sünde und den Fluch der Menschheit am Kreuz auf sich genommen und so die Befreiung von diesem Fluch erkauft.

    Kapitel 6

    Autoren der neuen Sicht auf Paulus haben die Schlussfolgerung aus Punkt 1 und 2 zurecht in Frage gestellt. Sie wiesen darauf hin, dass das Opfersystem, die Möglichkeit der Reue und die göttliche Vergebung doch gerade drauf hinweisen, dass weniger als vollkommener Gehorsam zulassen wurde, d. h., dass sie für Unvollkommenheiten Vorsorge treffen.

    Ich persönlich halte diese Argumentation nicht nur für sehr einleuchtend, sondern auch ausgesprochen wichtig. Wer die Thora unvoreingenommen liest, stellt fest, dass sehr viel über die Opfer gesagt wird. Es geht aber nie darum, unberechenbare, wütende Götter zu besänftigen. Unter anderem geht es darum, die Heiligkeit Jahwehs immer wieder in den Sinn zu rufen, und im Unterschied dazu den Stand der Menschen. Aber dabei bleibt es ja nicht. Es wird genau beschrieben, was zu tun ist, damit die Menschen in diesem Bund von ihren „Sünden“ befreit werden. Neben den Opfern wird dies auch sehr plastisch dargestellt:

    Wenn Aaron die Sühnehandlung für das Heiligtum, das Offenbarungszelt und den Altar vollzogen hat, soll er den lebenden Ziegenbock herbeibringen. Er stütze beide Hände auf den Kopf dieses Ziegenbocks und bekenne über ihm alle Schuld der Israeliten und all ihre Vergehen, mit denen sie sich schuldig gemacht haben. Er soll sie auf den Kopf des Bocks legen und ihn dann durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schaffen lassen, damit der Ziegenbock all ihre Schuld mit sich in die Öde trägt. Dann schicke er den Bock in die Wüste.

    3. Mose 16:20-22 NEÜ

    Was ist dann der Fluch des Gesetzes, von dem Paulus spricht? Hier gibt es verschiedene Ansichten aber auch eine Gemeinsamkeit: Es geht hier um den Nomismus des Bundes, und Segen oder Fluch sind an die Treue zum göttlichen Weg gebunden, der im Bund offenbart wurde.

    Hatte Paulus ein belastetes oder reines Gewissen?

    Gemäß der lutherischen Tradition muss Paulus eigentlich ein belastetes Gewissen gehabt haben. Im Neuen Testament finden wir aber diese Aussage Pauli:

    Dem Eifer nach war ich ein ‹unerbittlicher› Verfolger der Gemeinde; und gemessen an der Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, war ich ohne Tadel.

    Philipper 3:6 NEÜ

    Das hört sich doch nicht nach einem belasteten Gewissen aufgrund seiner Sündhaftigkeit an, oder? Und spät in seinem Leben sagt er es gemäß der Apostelgeschichte sogar selbst:

    Paulus sah die Mitglieder des Hohen Rates mit festem Blick an. „Meine Brüder„, begann er, „ich habe Gott immer mit einem reinen Gewissen gedient, und daran hat sich bis heute nichts geändert.“

    Apostelgeschichte 23:1 NEÜ

    Und auch an die Korinther äußert sich Paulus entsprechend:

    Zwar bin ich mir keiner Schuld bewusst, aber dadurch bin ich noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der über mich urteilt.

    Denn wir sind stolz auf das, was unser Gewissen bezeugt: Überall in der Welt war unser Verhalten von der Aufrichtigkeit und Lauterkeit Gottes bestimmt, und besonders bei euch. Wir ließen uns nicht von eigener Klugheit leiten, sondern von Gottes Gnade.

    1. Korinther 4:4, 2. Korinther 1:12 NEÜ

    Einige haben mit verschiedenen Texten argumentiert, dass Paulus doch ein belastetes Gewissen hatte und diese Texte ganz anders zu interpretieren seien. Die Argumentationen sind aber kompliziert und wirken auf mich ziemlich gezwungen. Daher möchte ich es bei einem Verweis auf das Buch belassen.

    Römer 10:3

    Aber wird in Römer 10:3 nicht von der Rettung durch eigene Werke gesprochen?

    Denn indem sie die Gerechtigkeit Gottes verkannten und die eigene aufzurichten suchten, haben sie sich nicht unter die Gerechtigkeit Gottes gestellt.

    Römer 10:3 Züricher

    Und im Gegensatz dazu sagt Paulus über sich:

    Ich habe nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern jene Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus, die aus Gott kommt aufgrund des Glaubens.

    Philipper 3:9 Züricher

    Aber stellt Paulus hier wirklich Selbstgerechtigkeit durch eigene Werke gegenüber? Oder nicht doch die Gerechtigkeit, die sie durch Werke gemäß ihrem Bundes hatten? „Es war ihr eigener“, ihr jüdischer, durch den Bund gerechter Status, ihr eigener im Gegensatz zu dem von jemand anderem oder einer anderen Art.“ Ihr Problem ist nicht der Legalismus, sondern die Ignoranz in ihrem lobenswerten Eifer für Gott (Röm 10,2). Wrights Übersetzung von Römer 10:3 bringt das zum Ausdruck:

    Sie waren ignorant gegenüber Gottes Bundestreue, und sie versuchten, einen eigenen Bundesstatus zu errichten; deshalb unterwarfen sie sich nicht Gottes Treue.

    Römer 10:3 Wright‘s translation

    Werkgerechtigkeit für Abraham in Römer 4

    Abschließend möchte ich hier noch Römer 4 aufgreifen, weil es ein wichtiges Argument für diejenigen ist, welche die neue Sicht auf Paulus widerlegen wollen:

    Was wollen wir denn sagen, hat Abraham, unser Vorfahr dem Fleische nach, gefunden? Denn wenn Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, so hat er etwas zum Rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? »Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.« Dem aber, der Werke tut, wird der Lohn nicht angerechnet nach Gnade, sondern nach Schuldigkeit. Dem dagegen, der nicht Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet,…

    Römer 4:1-5 Elberfelder

    Kurz gesagt muss auch für die Exegese dieser Verse der Kontext in Betracht gezogen werden. Der Kontext hat einen starken Bezug auf das Bündnis Gottes mit den Juden. „In 3:29-31 stellt Paulus fest, dass Gott sowohl Juden als auch Heiden „durch den Glauben“ und nicht durch „Werke des Gesetzes“ rechtfertigt. Da die Identität des Bundesvolkes Gottes im Alten Testament mit der jüdischen Identität („Werke des Gesetzes“) verbunden zu sein schien, Paulus diese Verbindung aber bestreitet, stellt sich die Frage, die zu Kapitel 4 führt: „Heben wir denn das Gesetz durch diesen Glauben auf?“ (Röm 3,31)“

    In Bezug auf Vers 4 wird ein Argument von Dunn angeführt:

    Diese Anrechnung als Geschenk und nicht als Anrechnung der vorherigen Treue bezieht sich auf die anfängliche Rechtfertigung Abrahams, während die traditionelle Auslegung gewöhnlich die endgültige Rechtfertigung im Blick hat („durch Werke gerettet“). Der Punkt ist eigentlich ganz einfach: Gottes anfängliche Zurechnung der Gerechtigkeit Abrahams geschah vor (abgesehen von, ohne) irgendwelchen Taten der Treue, irgendwelchen Werken, seinerseits.

    Kapitel 6

    Fazit

    In dieser Serie haben wir einen Überblick über den Stand der Forschung in Bezug auf die neue Sicht auf Paulus erhalten. Es gibt natürlich dazu noch viele Details und Passagen in den Briefen des Paulus, welche diskutiert werden. Dafür sei aber auf Prof. Yingers Buch und die darin zitierte Literatur verwiesen.

    Abschließend möchte ich nur nochmals darauf hinweisen, warum die neue Sicht auf Paulus für unseren Glauben wichtig ist:

    Die neue Sicht auf Paulus ist gar nicht neu, sondern entspricht dem, was Paulus ursprünglich gesagt und gemeint hat.
    “Die Schriften der neuen Sicht auf Paulus versuchen, „zurück zu Paulus“ zu gelangen, nicht „zurück nach Rom“ oder „Luther“ oder zu irgendeiner anderen theologischen Bewegung oder kirchengeschichtlichen Periode.“

    1. Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht legalistisch, sondern zeichnete sich durch Bundesnomismus aus – gerettet durch Gottes Gnade und verpflichtet, seinen Wegen zu folgen.
    2. Da die Juden nicht für Werkgerechtigkeit eintraten, wandte sich Paulus in seinen Briefen nicht gegen den Legalismus.
    3. Stattdessen ging es um eine Frage der sozialen Identität: “Wer gehört zum Volk Gottes, und woran erkennt man das?”, d. h. muss man Jude sein – beschnitten werden, die Speisegesetze einhalten, den Sabbat feiern usw. -, um die Verheißungen an Abraham zu erben?
    4. Paulus unterscheidet sich nicht von den meisten anderen Juden, was die Rolle von Gnade, Glaube und Werken bei der Errettung angeht; was ihn unterscheidet, ist die Überzeugung, dass Jesus Israels Messias und der Herr der ganzen Schöpfung ist. Die Tora ist nicht mehr das bestimmende Zentrum des Handelns Gottes; was jetzt zählt, ist die Zugehörigkeit zu Christus.

    Wir erhalten einen besseren Zugang zu den Briefen des Paulus.

    Wir vermeiden es, uns auf den westlichen Individualismus (wie werde ich gerettet) zu konzentrieren.

    Der Übergang vom Alten zum Neuen Testament wird erleichtert.

    Paulus gründet keine neue Religion, genauso wenig wie Jesus, sondern Paulus ist mit Jesu Aussagen auf einer Linie.

    Und etwas provokant von mir formuliert: Wer der Auffassung ist (*), dass für die Errettung allein der Glaube an Christus notwendig ist, um diese Gnade zu erhalten, und die eigenen Werke völlig unwichtig sind, folgt nicht Christus oder Paulus, sondern Martin Luther und dem traditionellen Protestantismus.

    (*) Ich lasse hier theologische Feinheiten wie Rechtfertigung, Heiligung, Synergismus usw. weg.
  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1

    Von Christian


    Kann es sein, dass man 2000 Jahre nach Paulus noch irgend etwas Neues über seine Lehren sagen kann? Zum Beispiel, was unsere Hoffnung auf Rettung betrifft? Kurz gesagt, wissen wir doch dies:

    • Im 1. Jahrhundert glaubten die Juden voller Selbstgerechtigkeit, dass sie sich die Rettung durch ihre Werke verdienen konnten.
    • Jesus hat sie deswegen verurteilt und das mosaische Gesetz abgelöst.
    • Paulus hat auch gegen deren Vorstellung argumentiert und dargelegt, dass wir alleine aufgrund des Glaubens und durch Gnade gerettet werden. Unsere Werke spielen dabei überhaupt keine Rolle.

    Richtig? Was wäre, wenn alle drei Aussagen falsch sind? Dass sie eben nicht im Neuen Testamt stehen, Paulus das so nicht gesagt hat, sondern dass es Interpretationen der Reformation sind und manche Begründung erst in den letzten 200 Jahren entstanden sind? Es würde mich nicht wundern, wenn manche jetzt den Kopf schütteln. „Will der jetzt mal so eben zeigen, dass Größen wie Calvin oder Luther falsch lagen?“ Oder vielleicht reagierst du eher so:

    Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das Evangelium selbst, die kirchliche Verkündigung der guten Nachricht von der Erlösung in Christus. [•••] Die neue Sicht bietet letztlich ein anderes Evangelium als das, für das die Reformation Zeugnis abgelegt hat

    Die derzeitige Revision der Rechtfertigungslehre, wie sie von den Verfechtern der so genannten Neuen Sicht auf Paulus formuliert wird, ist nichts weniger als eine grundlegende Ablehnung nicht nur des Protestantismus, der versucht, innerhalb der Bekenntnis- und Lehrlinien der Reformation zu stehen, sondern auch praktisch der gesamten westlichen Rechtfertigungstradition, die mindestens bis zu Augustinus zurückreicht.

    Die Ablehnung der Reformation …. ist ein ziemlich dickes Brett für die neue Sicht auf Paulus.

    Kapitel 7

    Es gibt aber auch Kommentare, die genau das Gegenteil sagen:

    Der Ansatz der reformatorischen Tradition zu Paulus ist grundlegend falsch.

    Kapitel 7

    Schauen wir einmal genau hin, was der Text des Neuen Testaments selbst sagt, und zwar unter Berücksichtigung des Kontextes und nicht von 2000 Jahren theologischer Überlegungen dazu. Du wirst vielleicht überrascht sein, welche deiner Glaubensinhalte möglicherweise gar nicht von Paulus sondern vielmehr von Luther und anderen stammt.

    Diese Serie stützt sich auf diese sehr gute Übersicht zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema der drei Jahrzehnte bis 2011: „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger.

    Anstelle von Polemik wünsche ich mir, dass dieses Buch ein Ort ist, an dem alle, die wirklich danach streben, das Denken des Paulus und die zentrale Botschaft dieses jüdischen Apostels Jesu Christi an die Heiden besser zu verstehen, zusammenkommen und gemeinsam nachdenken können.

    Kapitel 1

    Das Buch ist so aufgebaut: Wann und wie kam die neue Sicht auf Paulus auf? Wie entwickelte sich die Diskussion unter den Gelehrten weiter? Welche exegetischen und theologischen Bedenken und Einwände gibt es gegenüber dieser neuen Sicht? Und schließlich ein Kapitel darüber, welche Perspektiven sich durch diese neue Sicht ergeben.

    Für die Ungeduldigen unter uns: In diesem Teil geht es zuerst einmal darum, was denn diese neue Sicht auf Paulus sein soll. Im nächsten Teil kommt dann gleich, was sich dadurch alles ändert. Erst danach werde ich näher auf Details und das Für und Wider eingehen.

    Kapitel 2: Womit hat das alles angefangen?

    Die Veränderung begann damit, dass Gelehrte zunehmend eine Diskrepanz erkannten zwischen der etablierten Sicht über das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels und neueren historischen Erkenntnissen.

    Die etablierte Sicht auf das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels

    Die Sichtweise, welche vor allem im 19. und 20. Jahrhundert von Gelehrten entwickelt wurde, lässt sich so zusammen fassen:

    Ein Jude hält es für selbstverständlich, dass diese Bedingung [für Gottes freisprechende Entscheidung] das Halten des Gesetzes ist, also das Vollbringen von „Werken“, die das Gesetz vorschreibt. Im direkten Gegensatz zu dieser Sichtweise steht die These des Paulus. „durch bzw. aus dem Glauben“.

    Kapitel 2

    Yinger fasst es so zusammen:

    Es ist nicht schwer zu erkennen, wie das Evangelium in fast jedem Punkt als Gegensatz zu dieser Religion empfunden wurde.
    – Gnade gegen Werke
    – Befähigung durch den Geist gegen das harte Joch des Gesetzes
    – Freude gegen Mühsal
    – Zuversicht gegen Angst und
    – „Gott mit uns“ gegen eine ferne Gottheit
    Gelehrte nannten das Judentum dieser Zeit sogar „Spätjudentum“, was bedeutet, dass es sich in einem ernsthaften Niedergang befand und in den letzten Zügen lag.

    Kapitel 2

    Wendepunkt 1977

    Gelehrte widersprachen dieser Vorstellung zusehends. Der Wendepunkt kam mit der Veröffentlichung von E. P. Sanders‘ Paul and Palestinian Judaism im Jahr 1977.

    Anstatt sich die göttliche Gunst durch ihre Werke des Gehorsams gegenüber dem Gesetz zu verdienen, betonten die Juden die freie Wahl Gottes für Israel. Sie wurden allein durch Gnade zu Mitgliedern des auserwählten Volkes Gottes. Das Heil war ein Geschenk und nicht etwas, das sie sich erst verdienen mussten.

    Strenger Gehorsam gegenüber den Geboten war die erwartete Reaktion auf Gottes vorherige rettende Gnade, nicht der Versuch, sie zu verdienen. Sowohl das Volk als auch die einzelnen Menschen innerhalb des Volkes hielten die Gebote nicht, um erlöst zu werden, sondern weil sie erlöst oder gerettet worden waren (siehe Auszug aus Ägypten).

    Kapitel 2

    Sanders prägte den Ausdruck Bundesnomismus (covenantal nomism) dafür und fasste dies in 8 Punkten zusammen:

    1. Gott hat Israel erwählt. [Die Auserwählung, also die Gnade und nicht die verdienstvollen Werke, ist also das grundlegende Datum für die Erlösung im Judentum.]
    2. Und Gott hat das Gesetz gegeben. [Die Tora ist ein Geschenk an Israel, das es in der Lebensweise unterweist, mit der Gott es bereits beschenkt hat; sie ist keine Last.]
    3. Das Gesetz beinhaltet sowohl Gottes Versprechen, die Erwählung aufrechtzuerhalten, als auch
    4. die Verpflichtung zum Gehorsam. [Die Aufrechterhaltung der Erwählung hängt nicht allein von den Bemühungen Israels ab, sondern wird von Gott selbst ermöglicht. Dennoch darf die Bedeutung des tatsächlichen Gehorsams nicht geschmälert werden].
    5. Gott belohnt den Gehorsam und bestraft Übertretungen.
    6. Das Gesetz sieht Mittel zur Sühne vor, und die Sühne führt
    7. zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Bundesbeziehung. [Durch Buße und das Opfersystem sind Vorkehrungen für den Fall getroffen worden, dass Israel sündigt.]
    8. Alle, die durch Gehorsam, Sühne und Gottes Barmherzigkeit im Bund gehalten werden, gehören zu der Gruppe, die gerettet werden wird.

    Seitdem besteht unter Gelehrten zumindest über diese Punkte Übereinkunft:

    • Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht die legalistische Religion, als die es früher karikiert wurde.
    • Der Bundesnomismus ist eine angemessene Beschreibung der jüdischen Soteriologie dieser Zeit.

    [Soteriologie ist die Lehre der Erlösung der Menschheit im christlichen Kontext.] Und warum hat das so große Wellen geschlagen?

    „Einer der zentralen Bausteine der protestantischen Soteriologie ist die Errettung aus Gnade und nicht aus Werken. Diese Entdeckung der unverdienten Gnade Gottes in Jesus Christus wird als einer der großen Fortschritte des christlichen Evangeliums gegenüber dem Judentum angesehen. Das Evangelium der freien Gnade hat das harte Joch des Judentums, das Gesetz zu halten, seine angeblich typische Gesetzlichkeit, ersetzt.“

    Nehmen wir nur einmal eine Aussage von Paulus: „“Wir wissen, dass der Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2,16). Traditionell weist „durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt“ auf den jüdischen Legalismus hin. Aber wenn das Judentum nicht besonders legalistisch war, wovon in aller Welt spricht Paulus dann?“

    Vielleicht ist es dir noch nicht bewusst geworden, aber hier geht es nicht um eine Kleinigkeit:

    Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.

    Kapitel 2

    Und das werden wir in den nächsten Teilen der Serie tun.