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  • Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Von Christian / Brian Doak / Augustinus von Hippo


    Das ist ein weiteres Video, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man die Bibel lesen und interpretieren sollte. Ob man das alleine tun kann. Vielleicht nur mit dem Heiligen Geist? Oder braucht es Lehrer? Und ob all dieses Lesen, Forschen und Auslegen letztendlich überhaupt so wichtig ist, wie wir das vielleicht denken – oder uns gesagt wurde. Und was es sonst noch dabei zu beachten gilt.

    Diesmal schauen wir einmal, was einer der sogenannten Kirchenväter mit Namen Augustinus von Hippo dazu zu sagen hat. Er ist einer der einflußreichsten Kirchenväter, erst als Erwachsener nach einer spirituellen Suche zum Glauben gekommen und hat viel bewirkt. Er ist der große spirituelle Vater der westlichen Kirche. Seine Spuren wirken bis heute nach – wie auch immer man sie im Nachhinein bewertet.

    Heute geht es um einige Gedanken aus seinem Werk Über die christliche Lehre, lateinischer Titel De doctrina christiana, das etwa um das Jahr 400 entstand.

    Warum befassen wir uns mit so einem alten Buch? Nicht weil dessen Aussagen und Lehren verbindlich für uns sind. Wir sollten es eher als Teil einer Serie sehen, die heißen könnte: Antworten schlauer Christen auf Fragen, die wir heute noch haben.

    Auch dieser Beitrag beruht auf einem Video von Professor Brian Doak:

    Augustinus geht es nicht nur um die christliche Lehre, obwohl sein Buch so heißt. Sondern auch darum, wie man diese verstehen und weiter geben kann. Und er beginnt damit.

    Brauchst du einen Lehrer?

    Auch damals gab es schon Leute, die dachten und sagten, dass sie keine Lehrer bräuchten. Weil sie beim Lesen durch ein besonderes Geschenk Gottes das selbst interpretieren und verstehen könnten. Kommt dir das bekannt vor? Klar. Steht doch so in der Bibel:

    Für euch aber gilt: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist lehrt euch das alles. Und was er lehrt, ist wahr, es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch lehrt, und lebt mit Christus vereint.

    1.Johannes 2,27 NEÜ

    Ganz unbewusst haben wir hier aber einige Annahmen getroffen: Mit ‚euch‘ sind nicht nur die direkten Adressaten des Briefes gemeint, sondern auch andere Christen oder alle oder zumindest einige, die heute leben. Und wir nehmen an, dass diese Aussage für alle Zeit danach gilt, oder zumindest für unsere.

    Ist dieser Text denn so einfach anzuwenden? Schließlich steht da: „der Geist lehrt euch das alles“. Ist dir aufgefallen, dass hier ‚das‘ gesagt wird? Auf welche Dinge bezieht sich denn der Text? Geht es vielleicht doch nur um Vers 22: Dass Jesus der Christus, der Messias ist? Und was bedeutet ‚alles‘? Dann müssten ja diejenigen, welche durch den Geist so belehrt werden, alles verstehen? Aber, das tun sie doch gar nicht. Müsste man dann nicht logischerweise schlußfolgern, dass sie nicht zu diesem erlauchten Kreis gehören?

    Zurück zu Augustinus. Wenn jemand meint, er braucht keine Lehrer, antwortet Augustinus: Von wegen! Du hast schon so etwas einfaches wie das Alphabet von einem Lehrer beigebracht bekommen!

    Und Augustinus fährt fort: Und wenn du meinst, dass die Interpretation einfach eine Gabe Gottes ist, wie steht es dann damit: Wie wäre es damit, dass ich diese Gabe Gottes habe, die Schrift zu interpretieren, und du hörst einfach auf zu reden?

    Ich persönlich würde hinzufügen: Wenn die Interpretation der Schriften eine Gabe Gottes ist, warum gibt es dann verschiedene Auslegungen? Und wenn schon in deiner Gruppe alle sagen, dass sie diese Gabe Gottes haben und trotzdem zu verschiedenen Auslegungen kommen, zum Beispiel in Bezug auf die Natur Jesu im Verhältnis zu Gott, was ist dann? Haben manche dann doch nicht die Gabe Gottes (oder des heiligen Geistes) und täuschen sich und andere? Was zu beweisen wäre. Oder kann es durch diese Gabe Gottes verschiedene Auslegungen geben? Zumindest momentan?

    Wenn es keine verschiedenen Auslegungen durch die Gabe Gottes gibt, dann genügt es ja, wenn wenige – die Lehrer – diese besitzen. Oder wenn viele von sich annehmen, dass sie diese Gabe haben und doch zu verschiedenen Auslegungen kommen, dann sind unter diesen vielleicht doch nur ein paar richtige Lehrer?

    Nun gut, Christian. Was soll das? Ich möchte nur betonen, dass es immer wieder Zeiten gab, wo Menschen in einer kirchlichen Hierarchie von sich behauptet haben, dass sie – und nur sie – den Geist haben oder durch Gottes Gabe die wahre Auslegungen erkennen. Bischöfe, Päpste, die Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas und so weiter.

    Wer das erlebt und bemerkt hat, dass er getäuscht wurde, wird schon bei dem Gedanken, dass jemand anderes ihm sagt, was die richtige Lehre ist, rot sehen. Wobei man aber unterscheiden sollte, ob es um einen Gelehrten geht, der Wissen erarbeitet, oder jemanden, der verbindliche Glaubenslehren für die Gemeinschaft aufstellt.

    Das Problem verschwindet leider nicht, wenn man austritt und meint, dass in einer Gruppe jeder durch den Geist Gottes oder als Gabe Gottes die richtige Auslegung der Schriften erkennt. Sobald es verschiedene Auslegungen gibt, landet man entweder bei ‚wir‘ gegen ‚sie‘ (die haben eine falsche Auslegung, haben nicht diese Gabe, haben nicht den Geist, sind ‚Teil der falschen Religion‘). Oder man muss anerkennen, dass man verschiedene Auslegungen durch Gottes Gabe haben kann.

    Oder man akzeptiert, dass das mit der Gabe Gottes weder damals noch heute so einfach funktioniert hat.

    Und damit kommen wir zu Augustinus zurück, der unsere Aufmerksamkeit auf etwas viel Wichtigeres hinlenkt: Wir Menschen sind Gottes Tempel, um zu lernen.

    Er zitiert 1. Korinther 3. Das ist ein ziemlich tiefer Gedanke in Bezug auf das Thema Inkarnation. Gott hat so viel in die Menschheit als sein Bild und Jesus investiert. Wenn wir also Gottes Tempel sind, dann sind wir ein göttlicher und heiliger Bereich zum Lernen. Und deshalb sollten wir in einem akademischen Sinne die Schriften, die Bibel, studieren und Theologie studieren.

    Und was die Schriften betrifft, müssen wir uns eines bewusst sein:

    Es gibt Sachen, lateinisch res (Plural) und es gibt Zeichen, lateinisch signa (Plural). Diese Zeichen deuten auf Sachen hin. Zum Beispiel ist ein Fußabdruck eine Sache, aber auch ein Zeichen, weil es auf einen Fuß hinweist, der diesen Abdruck erzeugt hat. Der Fußabdruck ist aber nicht der Fuß. Das klingt erst einmal nach Plato und ist es auch.

    Er fügt aber hinzu, dass es die eine ‚Sache‘ gibt, lateinisch res (Singular), die Gottheit. Und die Schriften alles in Zeichen signa auf diese eine Sache res hinweisen und darüber lehren, weil wir es nur so verstehen können.

    Und Augustinus sagt noch mehr: Zeichen (signa) sind eigentlich keine natürlichen Dinge. Das ist etwas, was wir erfinden. Und zwar in Gemeinschaften. Und daher gibt es nicht nur Sachen res oder die Sache res (Gott) und Zeichen signa, sondern auch Gemeinschaften, die diese Zeichen gemeinsam verwenden. Es sind also 3 Elemente beteiligt. Das geht über Plato hinaus.

    Und es sind Zeichen, die in einer Gemeinschaft gemeinsam verwendet werden, um zu den Sachen zu gelangen.

    Und dabei müssen wir aufpassen, dass wir die Zeichen nicht mit den Dingen verwechseln oder gar identifizieren. Denn das wäre eine Art Götzendienst.

    Die Schriften enthalten nur signa, Zeichen, die auf die res, Sachen, hindeuten. Letztendlich auf das eine res, Gott.

    Wenn wir die Schriften überbetonen, als Maß aller Dinge, und sie damit auf die Stufe Gottes erhöhen oder sie zwischen Gott und uns stellen, dann begehen wir Götzendienst.

    „Wie könnten wir denn je die Bibel mit Gott gleichsetzen, niemals!“ Diesen Gedanken sollten wir nicht so schnell zu Seit wischen. Überlegen wir einmal, welchen Stellenwert die Bibel für uns einnimmt. Auch im Vergleich zu Gebet und Vertrauen auf Gott? Was machst du, wenn du eine Frage zum Glauben oder Leben hast? Suchst du einen genau passenden Text und denkst dann: „Die Bibel sagt das so!“ Und das war es dann? Dann wäre die Bibel die höchste Autorität für dich …

    Augustinus kommt nun zu einer weiteren interessanten Schlussfolgerung:

    Brauchst du die Schriften überhaupt, um ein guter Gläubiger zu sein?

    Ich gebe mal Brian’s Zusammenfassung wieder:

    Was ist dann der Kern von Augustinus‘ Vorstellung davon, was die Bibel ist und was sie lehrt? Er hat ein berühmtes Doppelgebot. Er übernimmt das berühmte Doppelgebot Jesu. Was ist das wichtigste Gebot? Liebe den Herrn, deinen Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Richtig? Diese doppelte Liebe zu Gott und zum Nächsten ist also tatsächlich der Kern seiner biblischen Theologie und der Schlüssel zu seiner biblischen Hermeneutik. Die Bibel lehrt uns, Gott zu lieben und unseren Nächsten zu lieben. Und wenn man das durch den Text erreichen kann, sagt er etwas später in Buch drei, dann ist das alles. Dann ist man auf dem richtigen Weg. Man braucht keine spirituelle Lektüre oder sonst etwas. Man kann einfach eine wörtliche Lektüre an der Oberfläche vornehmen. Das ist also wirklich sein Kernpunkt. Diese doppelte Liebe. Die Bibel lehrt uns zu lieben und lehrt uns, die Lust zu vermeiden. Für ihn ist das in gewisser Weise so einfach, obwohl es auch sehr kompliziert ist. Er kehrt übrigens sogar zu dieser Vorstellung zurück, dass die Bibel ein Zeichen ist und Gott eine Sache ist und die Bibel auf Gott hinweist, so wie ein Zeichen auf eine Sache hinweist. Augustinus macht eine Aussage über die Bibel, die für manche Christen heute vielleicht schockierend wäre. Er spricht von Menschen, die durch Glauben, Hoffnung und Liebe gestärkt sind und die unbeirrt an diesen Dingen festhalten. Er sagt, dass diese Menschen, wenn man selbst dieser Mensch wäre, gestärkt durch Glauben, Hoffnung und Liebe, der unbeirrt an ihnen festhält, dass dieser Mensch die Schriften nicht braucht, außer um andere zu unterweisen. Deshalb leben viele Menschen, die sich auf diese drei Dinge verlassen, Glauben, Hoffnung und Liebe, tatsächlich in Einsamkeit ohne jegliche Texte aus der Heiligen Schrift. Sie sind, glaube ich, eine Erfüllung des Sprichworts: Wenn es Propheten gibt, wenn es Prophezeiungen gibt, sie werden ihre Bedeutung verlieren. Wenn es Sprachen gibt, sie werden aufhören. Wenn es Wissen gibt, wird auch das seine Bedeutung verlieren. 1. Korinther, Kapitel 13, richtig? Also, ich denke, diese Vorstellung, dass ein Mensch tatsächlich spirituell über die Bibel hinauswachsen kann, indem er an einen Punkt gelangt, an dem er als Zeichen auf das Wahre hinweist, ist meiner Meinung nach sehr anschaulich für die Art und Weise, wie Augustinus die Heilige Schrift sah. Natürlich spielt er hier die Heilige Schrift nicht herunter. Er sagt nur: Vergesst nicht, dass dies Zeichen sind, die auf etwas hinweisen.

    Und das ist für viele, die sich für sich nicht den Weg durch ein akademisches Studium der Schriften, der Bibel, erkennen können, eine große Erleichterung:

    Augustinus sagt, dass diese Menschen, gestärkt durch Glauben, Hoffnung und Liebe, die unbeirrt an ihnen festhalten, dass diese Menschen die Schriften nicht brauchen, außer um andere zu unterweisen.

    Das passt auch zu der Vorstellung, dass Gott uns als Bilder Gottes gemacht hat. Wenn jemand also durch Glauben, Hoffnung und Liebe so lebt, dass man dadurch Gott erkennen kann, dann ist man nach Augustinus auch ein signum, ein Zeichen, das auf diese eine Sache, res, Gott, hinweist.

    Hier könnten wir eigentlich eine Pause machen oder aufhören.

    Aber wegen all den Leuten, die es mit dem akademischen Studium der Schriften nicht lassen können, mache ich halt weiter. 😆

    Arbeitest du mit den Schriften, und wenn ja, wie und mit welchen?

    Was die Schwierigkeiten und Mehrdeutigkeiten in den Schriften betrifft, denkt Augustinus ähnlich wie Origenes (siehe letztes Video Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte): Gott möchte, dass wir uns Mühe geben. Augustinus sagt das so: „Die Gefahr ist Lethargie. Wir müssen vor Langeweile gerettet werden.“ Er spricht von sieben Stufen der Annäherung an Gott durch akademisches Studium der Schriften. Und dass das anstrengend ist. Und als dritte Stufe erwähnt er, dass man tatsächlich auch die Schriften lesen muss.

    Du kannst nicht einfach ein paar Bücher lesen, ein paar YouTube oder TikTok Videos sehen, ein paar (emotionale) Predigten hören und die Schriften wirklich verstehen. Du musst sie selbst lesen. Nichts kann das tatsächliche Lesen ersetzen.

    Bei Augustinus finden wir auch einen Kanon des Neuen Testaments. Über den Kanon des Neuen Testaments hatte ich eine ganze Serie veröffentlicht. Interessanterweise unterscheidet sich der bei Augustinus aber von vielen heutigen Ausgaben der Bibel. Er enthält nämlich auch sogenannte Apokryphen oder deuterokanonische Bücher. In römisch-katholischen, orthodoxen oder alt-orientalischen Ausgaben kann man einige finden, im Judentum oder Kirchen der Reformation nicht.

    Augustinus möchte auch, dass man die Sprachen lernt, dass man die Schriften im Original liest. Und dass das, was wir heute Text-Kritik nennen, zuerst kommt. Sich kritisch mit dem vorhandenen Text und eventuellen Übersetzungen auseinandersetzten.

    „Er zeigt sogar in Buch zwei, dass er an das Besondere der Septuaginta-Übersetzung glaubt. Und er scheint dieser Idee der Vorrangstellung der Septuaginta, die bei Christen in unterschiedlicher Weise beliebt ist, ein wenig zuzustimmen. Nämlich: Wenn die Autoren des Neuen Testaments auf Griechisch geschrieben haben und wenn sie das Alte Testament in dieser sogenannten Septuaginta auf Griechisch zitieren, warum lesen wir es dann nicht auch in Griechisch?“

    Augustinus formuliert auch diese Überzeugung: Alle Wahrheit, die wir finden können, ist Wahrheit von Gott. Auch wenn er dann irgendwie doch kritisch gegenüber weltlichem Lernen ist, verwendet er wie andere Kirchenväter den Vergleich, dass beim Exodus die Israeliten die Ägypter ausplünderten (2. Mose 12): Christen sollten nicht-christliches Lernen und Wissen für sich verwenden.

    Und zwar, um ihre Leben und Glauben zu vertiefen und verbessern. Für Augustinus kommt ‚Heiligkeit‘ übrigens zuerst, also richtig zu leben.

    Für Augustinus ist übrigens auch die kirchliche Tradition wichtig, die uns anleitet. Und auch bei der Auslegung der Schriften anleitet. Weil man sonst bei Mehrdeutigkeiten Texte falsch auslegen würde, wie die Herätiker. Aber auch der Kontext der Texte muss betrachtet werden. Interessant, dass das schon damals klar war, und dann immer wieder ignoriert wurde.

    Woher wissen wir, ob das, was wir lesen, wörtlich oder spirituell oder symbolisch zu verstehen ist? Für Origenes hatte alles eine spirituelle Bedeutung, und manches auch eine wörtliche. Für Augustinus ist es genau umgekehrt: Alles hat eine wörtliche Bedeutung, und manches eine spirituelle. Brian fasst das so zusammen: „Texte, die einfach nur gute Moral oder wahren Glauben lehren, kann man einfach wörtlich lesen, das ist überhaupt kein Problem. Wenn die Botschaft klar ist, mit anderen Worten, wenn sie nicht bildlich ist. Bei einem bildlichen Text jedoch, etwas Schwierigem, etwas Nicht-Offensichtlichem, ermutigt er uns, ihn so lange zu studieren, bis er mit dem Bereich der Liebe in Verbindung gebracht werden kann. Mit anderen Worten: Studiere ihn so lange, bis du zur doppelten Liebe gelangst, zur Liebe zu Gott und zur Liebe zum Nächsten. Wenn ein Text präskriptiv ist, wenn er etwas verbietet oder vorschreibt, ist er wörtlich zu nehmen. Okay. Er sagt, dass fast alles im Alten Testament wörtlich und bildlich zu nehmen ist, aber dass wir nach dem Neuen Testament urteilen sollten. Diese christozentrische oder neutestamentliche Auslegung ist natürlich unter christlichen Auslegern sehr verbreitet.“

    Für Augustinus ist auch klar, dass man sich des historischen und kulturellen Kontextes bewusst sein muss, insbesondere beim Lesen im Alten Testament.

    Er unterscheidet Lehrer von Predigern. Das entspricht in etwa Gelehrten, die Wissen erarbeiten, und anderen, die das dann vermitteln.

    Wenn du nun den Eindruck gewonnen hast, dass dies doch auch ein ziemlich akademisches Werk ist, dann hast du nicht Unrecht. Allerdings schließt Augustinus dann mit einer Art Beispiel-Predigt ab, um diesen Gedanken mit Lehrern und Predigern zu erklären. Was er da schreibt, würden wir aber vielleicht eher als Polemik beschreiben, bei der es darum geht, ob Frauen kosmetisches Makeup tragen dürfen. Nun ja, das hilft uns auch, einen Autor wie Augustinus und seine Werke besser einzuschätzen.

    Zumindest möchte er klar machen, dass die Schönheit und der Stil der Schriften sich auch in den Predigen widerspiegeln sollte. Wie recht er doch schon vor 1500 Jahren hatte … (ausgenommen sind natürlich meine Texte 😂).

  • Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte

    Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte

    Von Christian / Brian Doak / Origenes


    Wenn du jetzt aufgrund des Titels erwartest, dass ich hier über eine sensationelle neue Entdeckung einer antiken christlichen Schrift spreche, dann stimmt das nur teilweise: Für dich kann es eine neue Entdeckung sein. Aber auch wenn du von der Existenz dieses fast 2000 Jahre alten Text schon wusstest, wird es interessant sein zu sehen, dass sich im 3. Jahrhundert Christen schon die selben Fragen wie wir gestellt haben. Und dann deren Antworten zu hören.

    Es geht um das Werk De principiis von Origenes von Alexandria, dass er im Jahr 231 in Alexandria geschrieben hat. Der Originaltitel ist: Περὶ ἀρχῶν Perì archōn „Über die Grundlagen“).

    Der Anfang von Origenes’ De principiis in einem karolingischen Manuskript des 10. Jahrhunderts: Liber primus Periarcon Origenis emendatum(Herzog August Bibliothek Cod. Guelf. 57 Weiss., fol. 3 r)

    Wenn du jetzt denkst, dass das einer der sogenannten Kirchenväter ist – und mit Kirche willst du doch nichts zu tun haben – dann liegst du nicht ganz richtig. In der römisch-katholischen Patristik wird er nur als Kirchenschriftsteller anerkannt! Wenn du einen Hintergrund als Zeuge Jehovas hast, dann hast du vielleicht die Argumentation im Hinterkopf, dass nach der Offenbarung des Johannes und dem Jahr 100 eh alles zum vorhergesagten Abfall vom Glauben und der ‚falschen Religion‘ gehört und zu ignorieren ist. So einfach ist es allerdings nicht …

    Origines war ein außergewöhnlich intelligenter Zeitgenosse, der schon Lehraufgaben und eine eigene Schule hatte als er um die 18 Jahre als war. In seinen 20ern war er schon als außergewöhnlicher Lehrer bekannt. Origenes wurde wegen Verweigerung des Opfers für den Kaiser unter Decius gefoltert und starb 69-jährig an den Folgen. Auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 wurde er dann wegen anderer Lehren, die aus seinen weiterentwickelt worden waren, gleich mit als Herätiker gebrandmarkt und die kaiserliche Polizei zog seine Schriften ein und vernichtete sie.

    Natürlich hat Origenes auch einige ‚wilde‘ spekulative Ideen vertreten. Zum Beispiel eine Vorstellung der Emanation: Alles kommt aus Gott und kehrt zu Gott wieder zurück. Und dass alle erlöst werden, inklusive den Dämonen und Satan. Aber wenn wir bedenken, wie nahe er noch zu der Zeit Jesu und der Apostel war und was in dieser Zeit alles überlegt und diskutiert wurde, sind wir in unserem Urteil über ihn vielleicht etwas gnädiger.

    Warum befassen wir uns mit seinem Buch? Nicht weil dessen Aussagen und Lehren verbindlich für uns sind. Wir sollten es eher als Teil einer Serie sehen, die heißen könnte: Antworten schlauer Christen auf Fragen, die wir heute noch haben.

    Dann schauen wir uns doch mal drei Lektionen zum Thema Wie sollte man die Bibel lesen an, denn es ist das oder eines der ältesten christlichen Handbücher zu diesem Thema. Diese Punkte hat Professor Brian Doak in einem seiner vor kurzem veröffentlichten Videos erwähnt. Wer Englisch versteht, kann sich gerne mal das Video anhören. Ich finde seine Begeisterung für ein Thema immer wieder ansteckend 😀:

    Gut, was sagt Origenes in seinem Buch Über die Grundlagen denn zum Thema, wie man die Bibel lesen sollte? Das findet man in Buch 4, Kapitel 1 bis 3. Und dieses kohärente Handbuch zur Interpretation ist etwa einhundert Jahre älter als die Schriften des Augustinus, die sonst üblicherweise angeführt werden. Nun also zu den Punkten, die auch für uns heute noch nützlich sind.

    Warum sollten wir überhaupt sagen, dass die Bibel göttlich ist?

    Im Prinzip sagt Origenes: Wir wissen, dass die Bibel göttlich ist, weil so viele Menschen an sie glauben. Und weil sie sich so schnell sogar unter ganz anderen Kulturen verbreitet hat. Und so viele Prophezeiungen haben sich erfüllt. Daher muss dieses Buch göttlichen Ursprungs sein.

    Damit möchte er eine Grundlage legen, warum man die Bibel überhaupt lesen sollte. Interessant ist für uns, dass diese Argumente gar nicht neu sind, sondern quasi so alt wie das Christentum. Und doch sind diese Argumente im Kontext des 3. Jahrhunderts zu sehen. Nehmen wir zum Beispiel das Argument, die Bibel ist göttlich, weil sie sich so schnell auch unteren Kulturen verbreitet hat. Diese Argument wird Jahrhunderte später auch in Bezug auf den Koran gebraucht. Und man könnte es auch auf Das Kapital von Karl Marx anwenden, obwohl hier wohl nur wenige von göttlicher Inspiration ausgehen werden.

    Damit kommt Origenes aber zu einer interessanten Aussage über die Bibel.

    Was machen wir, wenn der Text der Bibel unlogisch, schockierend oder falsch ist?

    Manche würden schon das bestreiten. Aber es gibt bestimmt genügend Stellen, welche dir beim Lesen als unlogisch, widersprüchlich, schockierend oder falsch erschienen sind. Und damit ist es dann egal, wie andere damit umgehen. Du musst das für dich klären.

    Origenes sagt weiter, dass der größte Fehler, den man als Leser und Ausleger der Bibel machen kann, ist, sie nur wörtlich zu lesen. Jeder Teil der Bibel hat eine spirituelle Interpretation, etwas tiefer Liegendes! In Buch 4, Kapitel 2, Teil 9 sagt er:

    Aber wenn die Nützlichkeit des Gesetzes und die Abfolge und der Fall der Erzählung auf den ersten Blick durchgehend klar erkennbar wären [wenn wir sie nur leicht verstehen könnten], wären wir uns nicht bewusst, dass es in den Schriften etwas gibt, das über die offensichtliche Bedeutung hinausgeht, die wir verstehen müssen.

    Folglich hat das Wort Gottes sozusagen gewisse Stolpersteine, Hindernisse und Unmöglichkeiten in das Gesetz und die Geschichte eingefügt, damit wir nicht vollständig von der bloßen Attraktivität der Sprache mitgerissen werden.

    Und so lehnen wir entweder die wahren Lehren gänzlich ab, weil wir aus den Schriften nichts lernen, was Gottes würdig wäre, oder wir entfernen uns nie vom Buchstaben und lernen so nichts über das göttlichere Element.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9

    Brian Doak sagt dazu: „Ich meine, stell dir mal vor, wie seltsam die Vorstellung ist, dass der Heilige Geist, dass Gott absichtlich Stolpersteine in den Text eingebaut hat, die dich ins Straucheln bringen, die dich innehalten lassen, die dich zum Stehenbleiben bringen. Ich finde, das hat eigentlich etwas wirklich Wunderbares an sich.“

    Bei Origenes steht weiter:

    Die Bibel hat in die Geschichte etwas eingebaut, das nicht oft passiert ist, etwas, das eigentlich nicht passieren konnte, Unmögliches und manchmal etwas, das vielleicht passiert sein könnte, aber in Wirklichkeit nicht passiert ist. Manchmal werden ein paar Worte eingefügt, die im physischen Sinne nicht stimmen.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9

    Und dazu sagt Brian Doak dann: „Er meint also: Wenn man die Bibel so liest, gibt’s da echt Sachen, die nicht stimmen. Diese Sachen sollen dich aufhalten. Sie sind wie Stolpersteine für dich als Leser. Und ich liebe diese Idee, dass es so eine Art Theologie des Mysteriums gibt, eine Theologie des Stolperns, eine Theologie des Anhaltens, eine Theologie der unwahren Dinge, mit denen man sich vielleicht auseinandersetzen muss, um wirklich zu verstehen, was die Bibel sagt. Ich finde das wirklich erstaunlich. Eine Art Theologie der Verschleierung, könnte man sogar sagen, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.“

    Nun zum nächsten Punkt.

    Das Problem beginnt schon gleich am Anfang …

    Welcher kluge Mensch glaubt denn, dass es den ersten, zweiten und dritten Tag sowie den Abend und den Morgen gab? [Er redet über die Schöpfungsgeschichte.] Wer würde glauben, dass es Abend und Morgen gab, ohne dass es Sonne, Mond und Sterne gab? Und dass es am ersten Tag, wenn man ihn so nennen kann, noch nicht mal einen Himmel gab. Und wer ist so naiv zu glauben, dass Gott wie ein Bauer ein Paradies im Osten in Eden angelegt und darin einen sichtbaren und greifbaren Baum des Lebens gepflanzt hat, von dem jeder, der mit seinen körperlichen Zähnen von dessen Früchten kostete, das Leben erlangte?

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3

    Im Prinzip sagt Origenes: Wenn du an eine wörtliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte glaubst, bist du dumm. Das sagt er jetzt nicht, weil er die Bibel oder andere verächtlich machen will. Ganz im Gegenteil. Origenes glaubt zutiefst an die Bibel und dass es der vollständige Vorrat göttlicher Gedanken ist. Und er war bereit, dafür zu sterben. Es geht ihm darum, dass die Bibel in einer gewissen Weise gelesen werden muss.

    Origenes sagt ganz klar, dass es Stellen gibt, die wörtlich zu lesen sind. Aber wenn das nicht funktioniert, dann lies sie nicht auf diese Weise! Alles hat auch eine symbolische Bedeutung.

    Es ist also erstaunlich, dass schon unter den frühen Kirchenvätern nicht alle an eine buchstäbliche Schöpfungsgeschichte glaubten. Aus guten Gründen. Und dass man dann diesen Text nicht einfach abtuen sollte, sondern die symbolische Bedeutung suchen sollte.

    Und nun zum dritten Punkt.

    Wir können alles in der Bibel verstehen…

    Dazu hat Origenes Folgendes zu sagen:

    Aber bei all dem sollten wir uns einfach daran halten, was die Frömmigkeit sagt, und die Worte des Heiligen Geistes nicht als etwas sehen, das von schwacher menschlicher Redekunst abhängt, sondern als etwas, das mit den Aussagen der Heiligen Schrift übereinstimmt. Die ganze Herrlichkeit des Königs ist in ihm. [Er zitiert Psalm 45.] Und ein Schatz göttlicher Bedeutungen liegt in den schwachen Gefäßen der armseligen Buchstaben verborgen. [Er zitiert 2 Korinther 4.] Wenn ein Leser aber neugieriger ist und darauf besteht, eine Erklärung für jedes Detail zu bekommen, soll er kommen und mit uns hören, wie der Apostel Paulus mit Hilfe des Heiligen Geistes, der sogar die Tiefen Gottes erforscht, sucht und doch nicht in der Lage ist, das Ende zu erreichen und, wenn ich so sagen darf, eine innerste Erkenntnis zu erlangen, und in seiner Verzweiflung und seinem Staunen über diese Aufgabe ausruft und sagt [in Römer 11]: „O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!“ Und in welcher Verzweiflung, ein vollkommenes Verständnis zu erlangen, stieß er diesen Schrei aus. Hört, wie er es uns selbst sagt. Wie unergründlich sind seine Urteile und seine Wege, die sich nicht erforschen lassen.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3, Teil 14

    Für Origenes können wir nicht alles über Gott verstehen, und damit bleiben auch Lücken in dem, was wir in der Bibel lesen. Wenn selbst einem Paulus dies trotz aller Anstrengungen verwehrt bliebe.

    Und für Origenes hört dieses Lernen auch nie auf, selbst wenn wir wieder ‚bei Gott‘ sein werden.

    Und das ist doch eine sehr demütige Einstellung, um biblische Studien anzustellen. Der Gedanke, dass es da immer noch mehr gibt.

  • Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Von Christian


    Ich bin mir sicher, dass einige bei diesem Titel gedacht haben: „Ich interpretiere die Bibel nicht! Ich bete um den Heiligen Geist und lese dann. Das ist alles, was ich brauche, um die Bibel zu verstehen.“ Nun gut. Gib mir noch ein paar Sekunden, um zu zeigen warum diese Serie trotzdem für dich wichtig ist. Oder vielleicht gerade für dich. Und für jeden, der die Bibel liest.

    Für diejenigen, die „nur mit Heiligem Geist lesen“: Es geht um das, was du beim Lesen und Verstehen der Bibel tust, ohne dir dessen überhaupt bewusst zu sein. Oder was vielleicht notwendig wäre, damit der Heilige Geist etwas bewirken und keine Wunder vollbringen muss.

    Und wer sich dessen schon etwas mehr bewusst ist: Was haben die ersten Christen und andere in den vergangenen zweitausend Jahren dazu zu sagen? Vielleicht haben sie ja Dinge beobachtet, verstanden oder hatten einfach nur Vorstellungen, die uns nie in den Sinn gekommen wären. Schauen wir sozusagen einmal über den Tellerrand. Das hilft, besser zu verstehen, wo man selbst steht. Und ob man daran vielleicht etwas ändern möchte.

    Wenn du in der Bibel liest …

    Zuerst einmal möchte ich kurz auf ein Diagramm hinweisen, das ich in der Reihe über den Kanon des Neuen Testaments gleich anfangs verwendet habe:

    Schon in jener Serie ging es mir darum, uns bewusst zu machen, was alles zwischen dem Schreiben des Neuen Testaments und uns als Lesern passiert. Aber es kommt noch mehr dazu.

    Wenn du in der Bibel liest, hat dir jemand das Lesen beigebracht. In der Regel ist das nicht der heilige Geist gewesen.

    Ich persönlich kenne niemanden, der durch eine Wundergabe des Heiligen Geistes lesen kann. Oder vielleicht in einer anderen Sprache lesen kann. Das wäre natürlich toll, wenn man so das Griechisch, Aramäisch, Hebräisch oder Latein der Antike lesen könnte. Was uns zum nächsten Punkt bringt.

    Wenn du in der Bibel liest, liest du höchstwahrscheinlich eine Übersetzung. Der Heilige Geist muss also nicht nur dir helfen, sondern auch den Übersetzern.

    Die Herausforderung der Überlieferung der Texte brauche ich hier nicht nochmals zu beschreiben, sondern möchte auf die Serie Der Kanon des Neuen Testaments verweisen. Aber ein Aspekt ist ziemlich wichtig:

    Wenn du in der Bibel liest, liest du mit deinem kulturellen Kontext eine Schrift, die in einem völlig anderen kulturellen Kontext verfasst wurde.

    Und der Text wurde nicht an dich geschrieben.

    Beim Schreiben wurden Konzepte und Vorstellungen der damaligen Zeit verwendet, die uns nicht bekannt oder sogar verloren gegangen sind. Das ist einer der Gründe, warum manche Passagen der Bibel für uns schwer zu verstehen oder unverständlich sind.

    Wer schon einmal Texte übersetzt hat, wird spätestens bei Redewendungen und Vergleichen merken, dass eine wörtliche Übersetzung nicht immer funktioniert. Vermutlich kennst du das aus dem Englischen: „Gestern regnete es Katzen und Hunde.“ Auf Deutsch könnte die Reaktion sein: „Das ist doch Unsinn, völliger Quark.“

    Wenn du in der Bibel liest, kannst du die Worte und Sätze zwar immer wörtlich nehmen, aber es könnte sich auch um eine Redewendung oder eine symbolische Darstellung handeln.

    Oder könnte es auch beides zugleich sein? Zu verschiedenen Zeiten? … Damit werden wir uns noch beschäftigen.

    Auf die Sache mit dem Heiligen Geist muss ich aber zumindest kurz eingehen.

    Die Rolle des Heiligen Geistes …

    Auch wenn es in dieser Serie nicht primär um die Rolle des Heiligen Geistes beim Lesen der Bibel geht, stellen sich in diesem Kontext einige Fragen: Hilft der Heilige Geist jedem beim Lesen der Bibel? Inwieweit? Beim Lesen, Lesen antiker Sprachen, dem Verstehen des anderen kulturellen Kontextes? Oder nur beim Verstehen des ‚Inhalts‘? Woher können wir das wissen?

    Wenn du nun denkst: „Das steht doch in der Bibel!“ Dann hat das etwas von einem Zirkelschluss. Das Argument ist doch, dass die Bibel selbst aussagt, dass der Heilige Geist zum Lesen und Verstehen der Bibel ausreicht. Aber um das zu wissen, musst du doch zuerst … die Bibel lesen und verstehen, nicht wahr? Und dazu bräuchtest du … den Heiligen Geist, oder nicht?

    Ich könnte das Argument auch etwas raffinierter (und komplizierter) machen: Es gibt Teile der Bibel, die sagen, dass man zum Verstehen der Bibel nur den Heiligen Geist braucht. Und diese Teile kann jeder auch ohne Heiligen Geist verstehen. Der hilft dann bei den restlichen Teilen der Bibel. Klingt dann vielleicht doch etwas konstruiert.

    Aber ohne so eine Konstruktion landen wir schnell bei einem anderen Problem. Besonders, wenn jemand sein Leben lang die Interpretation der geistlichen Führung einer Konfession übernommen hat, nur um festzustellen, dass er betrogen wurde. Dann möchte man nie wieder sich so von der Interpretation anderer beeinflussen oder gar indoktrinieren lassen. Und dann bleibt einem doch nur, für sich selbst die Bibel ohne die Meinung anderer mit Hilfe des Heiligen Geistes zu lesen, oder?

    Der nächste Schritt ist dann nicht mehr weit: „Nur wer den Heiligen Geist hat, kann die Bibel richtig lesen und verstehen und dann auch darin die Zusage erkennen, dass der Heilige Geist ausreicht, um die Bibel richtig zu lesen und zu verstehen.“ Mit anderen Worten: Für alle, die dazugehören, ist es klar, und alle anderen können es nicht verstehen.

    Jetzt sollten bei dir die Alarmglocken angehen. Diese Argumentation wird gerne von Gruppen verwendet, um gewisse Privilegien nur für sich zu beanspruchen. Bei den Zeugen Jehovas gab und gibt es die privilegierte Klasse der sogenannten ‚Gesalbten‘. Woran erkennt man diese? Seit fast einhundert Jahren ist die Erklärung, dass Gott ihnen diese Überzeugung gibt, sie es aber anderen nicht einmal erklären können, weil diese es gar nicht verstehen können. Und weil das mit der immer kleiner werdenden Zahl dieses ‚Überrests‘ nicht mehr klappt, und sich wieder mehr zu dieser Gruppe rechnen, hat sich die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die das Privileg der Deutungshoheit des Verständnisses der Bibel nicht teilen möchte, sich etwas einfallen lassen und veröffentlicht: Eigentlich kann man diese Personen auch nicht an mehr Bibelwissen, mehr Verständnis, mehr Ausharren, mehr Erfolg im Predigtdienst usw. erkennen. Sie unterscheiden sich in all diesen Dingen überhaupt nicht von anderen. Indirekt wird gesagt: Nur bei uns, der Leitenden Körperschaft, könnt ihr euch sicher sein und dass müsst ihr so akzeptieren.

    Warum habe ich das ausgeführt? Weil man in Bezug auf das Lesen und Verstehen der Bibel leicht genauso denken könnte: Wir haben den Heiligen Geist. Andere vertreten ‚falsche Lehren‘ und können daher den Heiligen Geist nicht haben. Doch was sind denn falsche Lehren? Nun, dass erkennen wir, weil wir die Bibel mit Heiligem Geist lesen. Die anderen können das nicht erkennen, weil sie nicht den Heilgen Geist haben … Erkennst du den Zirkelschluss?

    Woher kommt denn die Idee, dass nur eine bestimmte Gruppe oder Menschen den Heiligen Geist haben und deswegen nur sie die Bibel richtige verstehen können, und die anderen nicht? Also Schwarz oder Weiss. Alles oder nichts? Könnte es nicht ganz anders sein? Dass Gott und Jesus vielen Menschen durch den Heiligen Geist hilft, jeweils einen Teil zu verstehen? Und bei manchen, auch zentralen Themen, können sie trotzdem zu verschiedenen Interpretationen kommen? Und bisher haben wir noch gar nicht den so wichtigen Aspekt berücksichtigt, wie sicher oder gut belegt eine Interpretation ist. Denn bei unsicherer Quellenlage oder sehr wenigen Texten zum Thema kann es doch verschiedene Interpretation geben. Hilft dann der Heilige Geist gewissen Menschen, die ‚richtige‘ Interpretation zu finden? Die Apostelgeschichte und Briefe des Neuen Testaments zeigen, dass dies schon im ersten Jahrhundert in der Regel nicht so war. Und was wir heute erwarten dürfen, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Man setzt ja so schnell voraus, dass für uns das selbe gilt, wie für die ersten Nachfolger Jesu.

    Ich behaupte jetzt einmal:

    Beim Lesen der Bibel sollten wir alles lesen – und nicht Teile ignorieren, die unverständlich, widersprüchlich, fremd oder schockierend (für uns) sind.

    Vor dem Verstehen müssen wir das Gelesene interpretieren. Nur manche Teile sind direkt zu verstehen. Bei anderen ist viel Arbeit erforderlich. Und das können andere Menschen für uns schon getan haben oder tun. Und der Heilige Geist kann auch ihnen helfen. Nirgends wird uns zugesichert, dass jeder alles selbst durch Heiligen Geist verstehen kann. Auch nicht als Gruppe, Bewegung oder Konfession.

    Wieso kann ich das behaupten? Weil ich den Heiligen Geist habe. Und wenn du das nicht so siehst, hast du den Heiligen Geist vermutlich nicht … 😉

    Ich denke, ich habe diesen Punkt jetzt klar genug gemacht …

    Muss das alles so kompliziert sein?

    Und wie so oft frage ich mich am Ende: Christian, machst du es dir nicht wieder viel zu kompliziert? Mittlerweile würde ich sagen: Ein gottgefälliges Leben zu führen, so gut man es kann, ist nicht kompliziert – wenn auch nicht leicht und mühelos. Aber hier geht es um ein anderes Thema: Das Lesen und Verstehen der Bibel. Und das ist kompliziert. Außer du wendest dieses Motto von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf auf das Lesen der Bibel an:

    Diesen Spruch darf Gott für sich beanspruchen: „Ich mach die Welt, wie sie mir gefällt“. Und das Ergebnis war gut. Und was Astrid Lindgren damit meinte, ist eine Sache für sich. Aber sich von der Welt oder auch nur dem Lesen der Bibel eine Vorstellung zu machen, die nur dann etwas mit der Realität zu tun hat, wenn uns das gefällt, ist keine so gute Idee.

    Doch nun genug der Vorrede. Nächstes mal geht es damit los, was frühe Christen zum Lesen und Interpretieren der Bibel zu sagen hatten.

  • Den eigenen Horizont erweitern

    Den eigenen Horizont erweitern

    Von Christian


    Nach der Serie Das vergessene Evangelium der Evangelien, das auf einem Buch von N.T. Wright beruht, möchte ich einen kurzen Ausblick darauf geben, was in den nächsten Monaten voraussichtlich noch kommen wird. Und warum.

    Nicht, dass jemand noch auf die Idee kommt, dass ich N.T. Wright und seine Erklärungen als „die Wahrheit“ propagieren möchte – was auch gar nicht in seinem Sinne wäre. Er und andere haben jedoch als Wissenschaftler einige wichtige Punkte herausgearbeitet, die nicht der Hauptrichtung der großen Kirchen und der Tradition entspricht.

    Und darum wird es weiter gehen: Den eigenen Horizont erweitern.

    Tatsächlich ist es für viele schon ein weiter Weg, um an diesem Punkt anzukommen. Die Situation, in der sich viele befanden oder noch befinden, entspricht diesen Bildern. Und das trifft nicht nur auf den Glauben von Menschen zu, welche in einer Bewegung mit hochgradiger Kontrolle (englisch high control group) waren, wozu nicht nur Jehovas Zeugen und viele fundamentale evangelikale Gruppen gehören. Dort geht es einem so:

    close up of a brown horse in a cobblestone square
    Photo by Warre Van de Wouwer on Pexels.com

    Nicht dass ich jemanden mit Pferden vergleichen will. Jemand hat diesen Pferden sogenannte Scheuklappen angelegt. Die Pferde sehen also fast nichts, obwohl sie sich doch anscheinend in einer Stadt bewegen sollen – was für ein Widerspruch! „Nein!“, denkst du vielleicht. Der Name „Scheuklappen“ sagt es doch schon:

    Scheuklappen sind seitliche Lederstücke am Pferdezaumzeug, die das Blickfeld einschränken, um das Pferd vor Ablenkungen zu schützen und seine Konzentration zu fördern,

    KI Zusammenfassung

    Und die Pferde können doch nach vorne schauen:

    close up of horse eye with blinkers detailed view
    Photo by Ali Bensoula on Pexels.com

    Und durch die Zügel werden sie in die richtige Richtung gelenkt.

    Welcher Mensch möchte schon so leben? Zumindest wird das kaum einer sagen, wenn man die Person fragt. Doch übertragen wir das einmal auf das Leben von Menschen – insbesondere den Bereich Glauben und Religion:

    • Dir wird gesagt, dass du die nicht mit den Gedanken und Lehren anderer beschäftigen sollst. Nichts, was von den Lehren, Dogmen und Praktiken deiner Religion abweicht.
    • Dir wird sogar verboten, dich mit bestimmten Büchern, Websites und Menschen auseinanderzusetzen – zum Beispiel diesen bösen Abtrünnigen.
    • Am besten ist, du schränkst auch die Nutzung von Nachrichtenkanälen und sozialen Medien stark ein, denn es gibt doch den einen echten ‚Kanal‘ zu Gott und deine Gemeinschaft.
    • Das dient alles natürlich nur zu deinem ‚geistigen‘ Schutz, damit du nicht erschrickst und scheu oder verwirrt wirst.
    • Schließlich kannst du den geraden Weg doch klar sehen!
    • Und wenn der Weg doch aufgrund von ‚neuem Licht‘ abbiegt, dann wirst du fürsorglich durch die Zügel dorthin geleitet.

    Der eine oder andere hat hier vielleicht schon Anspielungen auf die kodierte interne Sprechweise der Zeugen Jehovas herausgehört. Aber hätte ich Wendungen wir ‚Christus im Herzen‘, oder ‚wiedergeboren‘ verwendet, würden andere das genauso erkannt haben. Als ich noch aktiver Zeuge Jehovas war, wurde mir von der Leitenden Körperschaft eingeprägt, dass Jehovas Zeugen etwas Besonderes sind: Nur sie kennen ‚die Wahrheit‘, alle anderen sind Teil der ‚falschen Religion‘. Nach meinem Austritt war ich noch lange unbewusst überzeugt, dass Jehovas Zeugen in einigen Lehren, Gebräuchen und der Abschottung ihrer Mitglieder einzigartig sind. Und das denkst du vielleicht jetzt noch. Aber auch darin sind Jehovas Zeugen nicht völlig anders – die Erfahrungen von Menschen aus fundamentalen, evangelikalen Gruppen hören sich in vielen Punkten genau so an, wie von Aussteigern bei den Zeugen Jehovas. ‚Scheuklappen‘ gibt wohl überall.

    Wenn man das erkannt und angefangen hat, es zu verarbeiten, kommt man der nächsten Stufe näher: Den eigenen Horizont erweitern!

    Aber wie soll das gehen? Ist der Horizont nicht durch die Erde bestimmt und für alle Menschen gleich? Nein. Und wie das Bild zeigt: Der Horizont ändert er sich, wenn wir uns bewegen:

    Die Redewendung „den eigenen Horizont erweitern“ bedeutet, sich neuen Erfahrungen, Wissen und Perspektiven zu öffnen, über den eigenen gewohnten Rahmen (den „Tellerrand“) hinauszuschauen und dadurch den eigenen Blickwinkel zu weiten, um die Welt umfassender zu verstehen. Es geht darum, Neugier zu zeigen, Neues zu lernen und weltoffener zu werden, anstatt in Enge und vorgefertigten Meinungen zu verharren.

    KI Zusammenfassung

    Und daher werden die kommen Videos divers – ach, auch so ein Trigger-Wort unserer Zeit. Und diese Erkenntnis erweitert schon unseren Horizont: Einschränkende Kulte müssen keinen religiösen Hintergrund haben – können sich aber der selben Methoden bedienen.

    Bei einigen Beiträgen, werden manche vielleicht noch so denken: „Also ich verstehe den Christian nicht. Zum einen hat er Beiträge, die meinen Glauben stärken. Und dann hat er wieder Sachen, die meinen Glauben schwächen.“ Ist das nicht noch in Kategorien wie mit ‚Scheuklappen‘ gedacht?

    Es wird Beiträge geben, die deine Auffassungen bestätigen werden und einige, die Dinge in Frage stellen. Mit am Interessantesten finde ich Themen, bei denen mir nicht einmal bewusst war, dass man das überhaupt anders sehen könnte. Weil ich sie noch nie hinterfragt habe. Und es hängt von deinen Überzeugungen ab, in welche Richtung das geht. Und es kann in verschiedene Richtungen gehen. Wer also meint, dass man auf diesem Weg nur seinen Glauben verlieren kann, den möchte ich bitten, nochmal von vorne zu lesen oder zuzuhören: Das behaupten religiöse Gruppen (als Warnung) aber auch Atheisten (weil auch da viele meinen, ‚die Wahrheit‘ gepachtet zu haben).

    Wenn alles wie geplant klappt, wird es daher in nächster Zeit Beiträge zu diesen Themen geben. Und zwar mehr oder weniger abwechselnd – wegen der Ausgewogenheit und so 😀

    • Was sagt der Historiker Josephus über Jesus und ist das authentisch?
    • Was haben Gläubige in den letzten 2000 Jahren zum Thema Lesen und Interpretieren der Bibel gedacht? Das eine oder andere könnte deinen Horizont erweitern …
    • Was zeichnet das Leben eines Christen aus? Das ist eine Serie von Videos von N.T. Wright, die das nicht dogmatisch beantwortet, sondern interessante Fragen aufwirft und deinen Horizont … du kennst das nun schon. In diesem Fall habe ich den Text übersetzt und mit einer computer-erzeugten Stimme aufgezeichnet. Die Technik ist mittlerweile so gut, dass man die etwa 10 Minuten jeweils zuhören kann.
    • Was sind die aktuellen Forschungsergebnisse zur Entstehung des Christentums und des Kanons der Bibel? Die Beiträge ergänzen die Serie über den Kanon des Neuen Testaments.
    • Was passiert, wenn jemand in einer evangelikalen Gruppe aufwächst und sich dann mit den Fakten der Geschichte und Bibelwissenschaft beschäftigt. Und welche sind das? Wer möchte, kann schonmal im YouTube Kanal von C. J. Cornthwaite reinschauen. Google bietet mittlerweile automatische erzeugte deutsche Tonspuren an.
  • Der Kanon des Neuen Testaments: Vorwort

    Der Kanon des Neuen Testaments: Vorwort

    Von Christian


    Nachdem ich im Jahr 2023 diese Serie über den Kanon des Neuen Testaments fertig gestellt hatte, und 2024 leider mit einem neuen YouTube Kanal ‚Beröer Suche‘ nochmals anfangen musste, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um der Serie ein kurzes Vorwort voranzustellen.

    Wenn du dir die 18 Folgen der Serie anschaust, dann begibst du dich mit mir auf eine Entdeckungsreise. Es kann gut sein, dass du dich manchmal wie im Tal der Tränen fühlst, aber keine Sorge – es endet nicht hoffnungslos.

    Wenn dir klar wird, dass dir vertraute, liebgewordene und scheinbar wichtige Eckpfeiler deines Glaubens verloren gehen, dann ist das eine schwierige Zeit. So ist es mir auch ergangen. Doch oft ist ein Eckpfeiler da – nur nicht so, wir wir das vielleicht uns vorgestellt haben.

    Die Frage ist, ob du bei einem Glauben stehen bleiben möchtest, der sich gut anfühlt, aber oberflächlich ist und auf Wunschvorstellungen beruht. Das führt oft dazu, dass man sich von anderen Meinungen abkapselt, Angst vor ihnen hat oder mit Überheblichkeit reagiert.

    Oder man sieht den Tatsachen ins Auge, und entwickelt einen reifen, ausgewogenen Glauben. Dazu muss man sich manchmal auch die ‚Gegenseite‘ anhören. Und lernen, mit Unsicherheiten umzugehen.

    Wenn wir von der Bibel – und insbesondere dem Neuen Testament, das wir hier behandeln – nichts erwarten, was uns nie zugesichert wurde, werden wir viel dankbarer für das sein, was wir haben. Texte des Glaubens für unseren Glauben.

  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 5

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 5

    Von Christian


    Nachdem wir in den ersten vier Teilen auf die neue Sicht auf Paulus eingegangen sind, wollen wir uns in diesem letzten Teil mit einigen Aspekten der Exegese beschäftigen. Schließlich kommt es uns (zumindest mir) darauf an, was wir aus dem Text des Neuen Testaments entnehmen können, und nicht so sehr, was sich Gelehrte im Laufe der Jahrhunderte als Theologie darüber hinaus erarbeitet (ausgedacht?) haben:

    DER BEWEIS für jede Theorie zur Auslegung der Paulusbriefe liegt natürlich in der Exegese (= Auslegungsmethode). Das heißt, kann die Theorie das, was Paulus gesagt hat, tatsächlich sinnvoll interpretieren – und nicht nur einen Teil dessen, was der Apostel geschrieben hat, sondern alles?

    Kapitel 6

    [Auch in diesem Teil sind die Zitate aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.]

    Auf einige Punkte geht Prof. Yinger in Kapitel 6 näher ein.

    Gesetzeswerke

    Wie ist der Stand der Diskussion dazu?

    Am heftigsten umstritten ist natürlich, ob „Werke des Gesetzes“ etwas mit Legalismus zu tun haben oder nicht. Wenn Paulus sich gegen die Rechtfertigung „durch Werke des Gesetzes“ wendet (Gal 2,16), bezieht sich das auf die traditionellere Überzeugung, dass man durch das Erbringen dieser Werke die Rechtfertigung erlangt (= Legalismus), oder darauf, dass man zur Gruppe des Bundes, Israel, gehören muss? …

    Diese exegetische Debatte scheint in eine Sackgasse geraten zu sein. …

    Ob Paulus den Legalismus ablehnte, ist ein größeres Problem als die Exegese eines einzelnen Satzes. Wie die meisten Juden seiner Zeit war Paulus sicher der Meinung, dass Legalismus – genug zu tun, um Gott in unsere Schuld zu bringen, so dass er uns das Heil „schuldet“ – lächerlich ist, auch wenn es nicht das ist, was er mit „Werken des Gesetzes“ meint.

    Kapitel 6

    Paulus: Bekehrt oder berufen?

    Im Kontext der neuen Sicht auf Paulus ergibt sich auch eine für uns vielleicht überraschende Frage:

    War Paulus bekehrt? Das heißt, blieb er nach dem Erlebnis auf der Straße nach Damaskus ein Anhänger des Judentums, oder bekehrte er sich zu etwas anderem?

    Kapitel 6

    Yinger führt drei Argumente näher aus:

    Erstens ist es anachronistisch, von einem Religionswechsel des Paulus zum Christentum zu sprechen. Das heißt, wir nehmen eine spätere Situation und übertragen sie auf eine frühere, ganz andere Situation. In der Mitte des ersten Jahrhunderts gab es noch keine identifizierbare Religion namens „Christentum“. Gelegentlich wurden Jesus-Anhänger als christianoi bezeichnet (Apg 11,26; 26,28; 1 Petr 4,16), aber das war einfach die Art und Weise, wie einige Gegner versuchten, diese Leute als Anhänger einer bestimmten Figur oder Partei, nämlich Christus, zu bezeichnen und von anderen zu unterscheiden. Paulus musste das Judentum nicht aufgeben, um ein Christus-Anhänger zu werden.

    Zweitens verwirrt diese Verwendung des Begriffs „Bekehrung“ für Paulus die Bedeutung in Bezug auf eines der Hauptthemen seiner Briefe. Das Evangelium des Paulus ist nicht der Versuch, die Menschen davon zu überzeugen, vom (legalistischen) Judentum zum (gnädigen) Christentum überzuwechseln, sondern der Schlüssel in seinem Kampf um die Identität dieser Christus-Bewegung im Römischen Reich. … Einige Prediger sagen wie Paulus, dass sie [die Heiden] nicht einmal die Zeichen der jüdischen Identität tragen müssen, um zu dieser jüdischen Bewegung zu gehören. Sie können durch den Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht dadurch, dass sie Juden sind („Werke des Gesetzes“). Andere beharren darauf, dass sie Juden werden müssen („sie müssen sich beschneiden lassen“, Apostelgeschichte 15,5).

    Und drittens verwendet Paulus selbst die Sprache der prophetischen Berufung und nicht der Bekehrung für dieses Element in seinem Leben. „Als aber Gott, der mich schon vor meiner Geburt auserwählt und durch seine Gnade berufen hat …“ (Gal 1,15; siehe auch Röm 1,1). … Paulus verstand sich nicht als Prediger eines Religionswechsels, sondern als jüdischer Prophet, der Israel und die Völker zur Nachfolge des Gottes Israels aufrief, der sich nun am Ende der Zeit im Messias Jesus offenbart hat.

    Kapitel 6

    Was genau war der Fluch des Gesetzes?

    Eine Stelle im Galaterbrief wird im Kontext der neuen Sicht auf Paulus auch diskutiert:

    Denn alle, die aus dem Tun dessen leben, was im Gesetz geschrieben steht, stehen unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht bleibt bei allem, wovon im Buch des Gesetzes geschrieben steht, dass es zu tun sei. Dass aber durch das Gesetz bei Gott niemand gerecht wird, ist offensichtlich, denn: Der Gerechte wird aus Glauben leben. Das Gesetz aber, das bedeutet nicht ‚aus Glauben‘, sondern: Wer dies alles tut, wird dadurch leben. Christus hat uns freigekauft vom Fluch des Gesetzes, indem er für uns zum Fluch geworden ist – es steht nämlich geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.

    Galater 3:10-13 Züricher

    Spätestens seit der Reformation wird diese Stelle von Protestanten und anderen so interpretiert:

    1. Das Gesetz spricht einen Fluch über jeden aus, der es nicht hält. (Paulus zitiert 5. Mose 27,26.)
    2. kein Mensch kann das Gesetz vollkommen halten.
    3. Daher stehen alle Menschen unter dem Fluch des Gesetzes.
    4. Christus hat jedoch die Sünde und den Fluch der Menschheit am Kreuz auf sich genommen und so die Befreiung von diesem Fluch erkauft.

    Kapitel 6

    Autoren der neuen Sicht auf Paulus haben die Schlussfolgerung aus Punkt 1 und 2 zurecht in Frage gestellt. Sie wiesen darauf hin, dass das Opfersystem, die Möglichkeit der Reue und die göttliche Vergebung doch gerade drauf hinweisen, dass weniger als vollkommener Gehorsam zulassen wurde, d. h., dass sie für Unvollkommenheiten Vorsorge treffen.

    Ich persönlich halte diese Argumentation nicht nur für sehr einleuchtend, sondern auch ausgesprochen wichtig. Wer die Thora unvoreingenommen liest, stellt fest, dass sehr viel über die Opfer gesagt wird. Es geht aber nie darum, unberechenbare, wütende Götter zu besänftigen. Unter anderem geht es darum, die Heiligkeit Jahwehs immer wieder in den Sinn zu rufen, und im Unterschied dazu den Stand der Menschen. Aber dabei bleibt es ja nicht. Es wird genau beschrieben, was zu tun ist, damit die Menschen in diesem Bund von ihren „Sünden“ befreit werden. Neben den Opfern wird dies auch sehr plastisch dargestellt:

    Wenn Aaron die Sühnehandlung für das Heiligtum, das Offenbarungszelt und den Altar vollzogen hat, soll er den lebenden Ziegenbock herbeibringen. Er stütze beide Hände auf den Kopf dieses Ziegenbocks und bekenne über ihm alle Schuld der Israeliten und all ihre Vergehen, mit denen sie sich schuldig gemacht haben. Er soll sie auf den Kopf des Bocks legen und ihn dann durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schaffen lassen, damit der Ziegenbock all ihre Schuld mit sich in die Öde trägt. Dann schicke er den Bock in die Wüste.

    3. Mose 16:20-22 NEÜ

    Was ist dann der Fluch des Gesetzes, von dem Paulus spricht? Hier gibt es verschiedene Ansichten aber auch eine Gemeinsamkeit: Es geht hier um den Nomismus des Bundes, und Segen oder Fluch sind an die Treue zum göttlichen Weg gebunden, der im Bund offenbart wurde.

    Hatte Paulus ein belastetes oder reines Gewissen?

    Gemäß der lutherischen Tradition muss Paulus eigentlich ein belastetes Gewissen gehabt haben. Im Neuen Testament finden wir aber diese Aussage Pauli:

    Dem Eifer nach war ich ein ‹unerbittlicher› Verfolger der Gemeinde; und gemessen an der Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, war ich ohne Tadel.

    Philipper 3:6 NEÜ

    Das hört sich doch nicht nach einem belasteten Gewissen aufgrund seiner Sündhaftigkeit an, oder? Und spät in seinem Leben sagt er es gemäß der Apostelgeschichte sogar selbst:

    Paulus sah die Mitglieder des Hohen Rates mit festem Blick an. „Meine Brüder„, begann er, „ich habe Gott immer mit einem reinen Gewissen gedient, und daran hat sich bis heute nichts geändert.“

    Apostelgeschichte 23:1 NEÜ

    Und auch an die Korinther äußert sich Paulus entsprechend:

    Zwar bin ich mir keiner Schuld bewusst, aber dadurch bin ich noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der über mich urteilt.

    Denn wir sind stolz auf das, was unser Gewissen bezeugt: Überall in der Welt war unser Verhalten von der Aufrichtigkeit und Lauterkeit Gottes bestimmt, und besonders bei euch. Wir ließen uns nicht von eigener Klugheit leiten, sondern von Gottes Gnade.

    1. Korinther 4:4, 2. Korinther 1:12 NEÜ

    Einige haben mit verschiedenen Texten argumentiert, dass Paulus doch ein belastetes Gewissen hatte und diese Texte ganz anders zu interpretieren seien. Die Argumentationen sind aber kompliziert und wirken auf mich ziemlich gezwungen. Daher möchte ich es bei einem Verweis auf das Buch belassen.

    Römer 10:3

    Aber wird in Römer 10:3 nicht von der Rettung durch eigene Werke gesprochen?

    Denn indem sie die Gerechtigkeit Gottes verkannten und die eigene aufzurichten suchten, haben sie sich nicht unter die Gerechtigkeit Gottes gestellt.

    Römer 10:3 Züricher

    Und im Gegensatz dazu sagt Paulus über sich:

    Ich habe nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern jene Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus, die aus Gott kommt aufgrund des Glaubens.

    Philipper 3:9 Züricher

    Aber stellt Paulus hier wirklich Selbstgerechtigkeit durch eigene Werke gegenüber? Oder nicht doch die Gerechtigkeit, die sie durch Werke gemäß ihrem Bundes hatten? „Es war ihr eigener“, ihr jüdischer, durch den Bund gerechter Status, ihr eigener im Gegensatz zu dem von jemand anderem oder einer anderen Art.“ Ihr Problem ist nicht der Legalismus, sondern die Ignoranz in ihrem lobenswerten Eifer für Gott (Röm 10,2). Wrights Übersetzung von Römer 10:3 bringt das zum Ausdruck:

    Sie waren ignorant gegenüber Gottes Bundestreue, und sie versuchten, einen eigenen Bundesstatus zu errichten; deshalb unterwarfen sie sich nicht Gottes Treue.

    Römer 10:3 Wright‘s translation

    Werkgerechtigkeit für Abraham in Römer 4

    Abschließend möchte ich hier noch Römer 4 aufgreifen, weil es ein wichtiges Argument für diejenigen ist, welche die neue Sicht auf Paulus widerlegen wollen:

    Was wollen wir denn sagen, hat Abraham, unser Vorfahr dem Fleische nach, gefunden? Denn wenn Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, so hat er etwas zum Rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? »Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.« Dem aber, der Werke tut, wird der Lohn nicht angerechnet nach Gnade, sondern nach Schuldigkeit. Dem dagegen, der nicht Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet,…

    Römer 4:1-5 Elberfelder

    Kurz gesagt muss auch für die Exegese dieser Verse der Kontext in Betracht gezogen werden. Der Kontext hat einen starken Bezug auf das Bündnis Gottes mit den Juden. „In 3:29-31 stellt Paulus fest, dass Gott sowohl Juden als auch Heiden „durch den Glauben“ und nicht durch „Werke des Gesetzes“ rechtfertigt. Da die Identität des Bundesvolkes Gottes im Alten Testament mit der jüdischen Identität („Werke des Gesetzes“) verbunden zu sein schien, Paulus diese Verbindung aber bestreitet, stellt sich die Frage, die zu Kapitel 4 führt: „Heben wir denn das Gesetz durch diesen Glauben auf?“ (Röm 3,31)“

    In Bezug auf Vers 4 wird ein Argument von Dunn angeführt:

    Diese Anrechnung als Geschenk und nicht als Anrechnung der vorherigen Treue bezieht sich auf die anfängliche Rechtfertigung Abrahams, während die traditionelle Auslegung gewöhnlich die endgültige Rechtfertigung im Blick hat („durch Werke gerettet“). Der Punkt ist eigentlich ganz einfach: Gottes anfängliche Zurechnung der Gerechtigkeit Abrahams geschah vor (abgesehen von, ohne) irgendwelchen Taten der Treue, irgendwelchen Werken, seinerseits.

    Kapitel 6

    Fazit

    In dieser Serie haben wir einen Überblick über den Stand der Forschung in Bezug auf die neue Sicht auf Paulus erhalten. Es gibt natürlich dazu noch viele Details und Passagen in den Briefen des Paulus, welche diskutiert werden. Dafür sei aber auf Prof. Yingers Buch und die darin zitierte Literatur verwiesen.

    Abschließend möchte ich nur nochmals darauf hinweisen, warum die neue Sicht auf Paulus für unseren Glauben wichtig ist:

    Die neue Sicht auf Paulus ist gar nicht neu, sondern entspricht dem, was Paulus ursprünglich gesagt und gemeint hat.
    “Die Schriften der neuen Sicht auf Paulus versuchen, „zurück zu Paulus“ zu gelangen, nicht „zurück nach Rom“ oder „Luther“ oder zu irgendeiner anderen theologischen Bewegung oder kirchengeschichtlichen Periode.“

    1. Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht legalistisch, sondern zeichnete sich durch Bundesnomismus aus – gerettet durch Gottes Gnade und verpflichtet, seinen Wegen zu folgen.
    2. Da die Juden nicht für Werkgerechtigkeit eintraten, wandte sich Paulus in seinen Briefen nicht gegen den Legalismus.
    3. Stattdessen ging es um eine Frage der sozialen Identität: “Wer gehört zum Volk Gottes, und woran erkennt man das?”, d. h. muss man Jude sein – beschnitten werden, die Speisegesetze einhalten, den Sabbat feiern usw. -, um die Verheißungen an Abraham zu erben?
    4. Paulus unterscheidet sich nicht von den meisten anderen Juden, was die Rolle von Gnade, Glaube und Werken bei der Errettung angeht; was ihn unterscheidet, ist die Überzeugung, dass Jesus Israels Messias und der Herr der ganzen Schöpfung ist. Die Tora ist nicht mehr das bestimmende Zentrum des Handelns Gottes; was jetzt zählt, ist die Zugehörigkeit zu Christus.

    Wir erhalten einen besseren Zugang zu den Briefen des Paulus.

    Wir vermeiden es, uns auf den westlichen Individualismus (wie werde ich gerettet) zu konzentrieren.

    Der Übergang vom Alten zum Neuen Testament wird erleichtert.

    Paulus gründet keine neue Religion, genauso wenig wie Jesus, sondern Paulus ist mit Jesu Aussagen auf einer Linie.

    Und etwas provokant von mir formuliert: Wer der Auffassung ist (*), dass für die Errettung allein der Glaube an Christus notwendig ist, um diese Gnade zu erhalten, und die eigenen Werke völlig unwichtig sind, folgt nicht Christus oder Paulus, sondern Martin Luther und dem traditionellen Protestantismus.

    (*) Ich lasse hier theologische Feinheiten wie Rechtfertigung, Heiligung, Synergismus usw. weg.
  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 4

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 4

    Von Christian


    Weitere wichtige Beiträge zur neuen Sicht auf Paulus kamen von N. T. Wright. „Eines der Merkmale seiner Position ist, wie er die Theologie des Paulus in die größere biblische Geschichte (Erzählung) von Gottes Wirken mit Israel einordnet.“

    [Auch in diesem Teil sind die Zitate aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.]

    Die Briefe des Paulus sollten mit diesem Kontext im Sinn verstanden werden:

    Gottes Absicht für die Menschheit und die Schöpfung wurde durch Adams Sünde vorübergehend zunichte gemacht (1. Mose 1-11). Der Ausweg aus diesem Dilemma war die Familie Abrahams, Israel, durch die sich der göttliche Segen auf die gesamte Menschheit ausdehnen sollte (1. Mose 12). Doch auch das jüdische Volk versagte bei der Erfüllung seiner Rolle als Werkzeug des Segens Gottes für die Welt. Anstatt das Licht für die Völker zu sein, verließ es seine Bundesverpflichtungen und ging schließlich ins Exil. Es sollte also dem Vertreter Israels überlassen werden, die ursprünglich von Adam vorgesehene Rolle unter Gott zu erfüllen. Der Messias Jesus ist Israel, der Same Abrahams, der Sohn Gottes, und sein Gehorsam, sein Tod und seine Auferstehung sind Israels Gehorsam, Tod und Auferstehung. Er ist der Höhepunkt des Bundes, den Gott mit Israel und der Menschheit (Adam) geschlossen hat. Für Wright geht es in der Geschichte weniger um sündige Menschen, die vor dem Gericht wegen ihrer Schuld gerettet werden (obwohl es für ihn auch darum geht), sondern vielmehr darum, dass Gott seine Absichten für die gesamte Schöpfung durch Israel erfüllt.

    Kapitel 4

    Wie hängt das mit dem Thema Rettung zusammen?

    Israels Versagen war nicht „Legalismus“ oder „Werkgerechtigkeit“, sondern „nationale Gerechtigkeit, … der Glaube, dass die fleischliche jüdische Abstammung die Zugehörigkeit zu Gottes wahrem Bundesvolk garantiert“. An anderer Stelle bezeichnet Wright dies als „Charta des nationalen Privilegs“. Anstatt seine Berufung als Licht für die Völker zu erfüllen, sah sich Israel im exklusiven Besitz von Gottes Segnungen; und nur diejenigen, die ein Mitglied Israels wurden (für Männer durch die Beschneidung gekennzeichnet), konnten Zugang zu eben diesen Segnungen haben. (Dies entspricht Dunns Auffassung von „Gesetzeswerken“.) Doch wie Johannes der Täufer dem Volk bereits gesagt hatte:

    Kapitel 4

    Und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird gefällt und ins Feuer geworfen.

    Matthäus 3:9-10 Züricher

    Damit haben wir die wesentlichen Teile der neuen Sicht auf Paulus umrissen, zumindest was die Hauptströmung betrifft:

    1. Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht legalistisch, sondern zeichnete sich durch Bundesnomismus aus – gerettet durch Gottes Gnade und verpflichtet, seinen Wegen zu folgen.
    2. Da die Juden nicht für Werkgerechtigkeit eintraten, wandte sich Paulus in seinen Briefen nicht gegen den Legalismus.
    3. Stattdessen ging es um eine Frage der sozialen Identität: „Wer gehört zum Volk Gottes, und woran erkennt man das?“, d. h. muss man Jude sein – beschnitten werden, die Speisegesetze einhalten, den Sabbat feiern usw. -, um die Verheißungen an Abraham zu erben?
    4. Paulus unterscheidet sich nicht von den meisten anderen Juden, was die Rolle von Gnade, Glaube und Werken bei der Errettung angeht; was ihn unterscheidet, ist die Überzeugung, dass Jesus Israels Messias und der Herr der ganzen Schöpfung ist. Die Tora ist nicht mehr das bestimmende Zentrum des Handelns Gottes; was jetzt zählt, ist die Zugehörigkeit zu Christus.

    Verschiedene Gelehrte haben sich auch intensiv mit bestimmten Formulierungen und häufiger verwendeten Begriffen beschäftigt:

    Don Garlington zum Beispiel hat die Bedeutung der paulinischen Formulierung „der Gehorsam des Glaubens“ oder „Glaubensgehorsams“ (Röm 1,5; 16,26) untersucht. Seine Arbeit unterstreicht den eschatologischen oder bereits/noch-nicht-Charakter der Rechtfertigung. Die Gläubigen sind bereits aus Gnade durch den Glauben an Christus gerechtfertigt. Dennoch warten sie noch auf die endgültige Rechtfertigung (oder Rettung, Erlösung vom endgültigen Zorn). Das macht laut Garlington Sinn, wenn wir sehen, dass alle Wohltaten Christi nur „in Christus“, d. h. durch die Vereinigung mit Christus, verfügbar sind. Für Paulus ist es also nicht nur notwendig, den Weg des Glaubens in Christus zu beginnen, sondern auch im „Gehorsam des Glaubens“ bis zum Ende auszuharren, d. h. „in Christus“ zu bleiben.

    Kapitel 4

    Auch meine [Yinger] eigene Arbeit fällt eindeutig in das Lager der neuen Sicht auf Paulus. Insbesondere Paulus, Judaism and Judgment According to Deeds (Paulus, das Judentum und das Urteil nach Taten) versucht nachzuweisen, dass Paulus nicht mit seinen jüdischen Überzeugungen bezüglich der Rolle von Werken oder Gehorsam für die endgültige Erlösung gebrochen hat. Sein Beharren darauf, dass Christusgläubige nach ihren Taten (für das Heil) beurteilt werden, wiederholt sowohl die Sprache als auch die Konzepte, die er zuvor gelernt hatte:

    Kapitel 4

    Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit ein jeder empfange, was seinen Taten entspricht, die er zu Lebzeiten getan hat, seien sie gut oder böse.

    2. Korinther 5:10 Züricher

    Es gibt noch einige andere Gelehrte mit ergänzenden, weiterführenden oder abweichenden Interpretationen, die ich hier der Zeit halber nicht alle ausführen möchte.

    Als Gelehrter sollte man am besten etwas zurückhaltend mit seinen Behauptungen sein, und sich auf das beschränken, was man sicher beweisen kann. Da es hier aber auch ein gutes Stück um die Interpretation der Texte des Paulus geht, möchte ich mit einer etwas zugespitzten Formulierung diesen Teil abschließen.

    Wer der Auffassung ist, dass für die Errettung allein der Glaube an Christus notwendig ist (*), um diese Gnade zu erhalten, und die eigenen Werke völlig unwichtig sind, folgt nicht Christus oder Paulus, sondern Martin Luther und dem traditionellen Protestantismus.

    (*) Ich lasse hier theologische Feinheiten wie Rechtfertigung, Heiligung, Synergismus usw. weg.

    „Aber was ist mit diesem Text….“ kann ich schön hören. Das kommt im nächsten Teil.

  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 3

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 3

    Von Christian


    Nachdem wir in Teil 1 gesehen haben, wie eine korrigierte Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert auch die Sicht auf die Schriften des Paulus grundlegend verändert, und wir in Teil 2 die weitreichenden Konsequenzen ausgeführt haben, ist es nun an der Zeit, diese neue Sicht auf Paulus einmal tiefer zu analysieren und zu begründen.

    Die Zitate sind aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.

    Was haben wir jetzt vor uns?

    Anstatt Paulus‘ Denken als Gegenpol zum legalistischen Judentum zu interpretieren (der traditionellere Ansatz), können wir ihn nun in seinem authentischen jüdischen Kontext als christlichen Apostel interpretieren, der während seiner gesamten Missionslaufbahn ein jüdischer Theologe war und blieb.

    Kapitel 3

    Ein gutes Beispiel, wie der eigene Kontext und sogar schon die Übersetzung eines Textes eine Interpretation beinhaltet, ist Galater 2:16

    aber ⟨da⟩ wir wissen, dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Christus Jesus, haben wir auch an Christus Jesus geglaubt, damit wir aus Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht aus Gesetzeswerken, weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt wird.

    Galater 2:16 Elberfelder

    Es ist gar nicht so einfach, diesen Text ohne unsere gewohnte Vorstellung zu lesen:

    Traditionell würde die Formulierung „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben gerechtfertigt“ auf den krassen Gegensatz zwischen Paulus‘ neuem Verständnis in Christus und seinen alten jüdischen Ansichten hinweisen – Glaube versus Werke, Glauben versus Tun. Dunn stellt jedoch fest, dass „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben“ in Gal 2,16 auf Überzeugungen verweist, die Paulus und andere christliche Juden teilten (wie Petrus und die judaisierenden Gegner in Antiochia; siehe V. 11-15), und nicht auf Ansichten, in denen sie sich unterschieden. „Wir, die wir von Natur aus Juden sind und nicht heidnische Sünder, wissen, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Christus Jesus“ (Gal 2,15-16, Dunns Übersetzung).

    Kapitel 3

    Gemäß dem schon erwähnten Gelehrten James D. G. Dunn geht es um Folgendes:

    Dunn argumentiert, dass sich diese Formulierung nicht auf Werksgerechtigkeit bezieht, sondern auf bestimmte Gesetzesbefolgungen, die in der antiken Welt als Abzeichen der jüdischen Identität dienten.

    Anstatt ein Codewort für Legalismus zu sein, könnte man „Werke des Gesetzes“ eher als eine soziologische Kategorie verstehen.

    Kapitel 3

    Dann enthält das Buch einen interessanten Hinweis für Leser englischer Bibeln, der aber auch im Deutschen zum Tragen kommt:

    Leser englischer Bibeln müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Übersetzung, die sie lesen, ihnen ein bestimmtes Verständnis von „Werken des Gesetzes“ vorgibt. Paulus spricht in Gal 2,16 von der Rechtfertigung ex ergōn nomou, was neutral mit „aus den Werken des Gesetzes“ wiedergegeben werden könnte. So wird der Satz in einigen Übersetzungen wiedergegeben (NRSV [erste Hälfte des Verses]; KJV; NAB; NASB; ESV). Einige Übersetzungen verstehen dies jedoch als Hinweis auf das, was Menschen tun, um gerechtfertigt zu werden.

    „gerechtfertigt durch das Tun der Werke des Gesetzes“ (NRSV; zweite Hälfte des Verses)
    „gerechtfertigt durch das Beachten des Gesetzes“ (NIV)
    „gerechtfertigt durch den Gehorsam gegenüber dem Gesetz“ (NLT)

    Die letzten drei englischen Übersetzungen lassen den Leser vermuten, dass Paulus von menschlichem Tun oder Befolgen als dem (legalistischen) Mittel spricht, mit dem diese Menschen ihre eigene Rechtfertigung erlangen wollen. Die neutraleren Übersetzungen lassen die Bedeutung entweder für eine neue Sicht auf Paulus oder eine traditionelle Auslegung offen, je nachdem, wie man den größeren Kontext liest.

    Kapitel 3

    Haben wir es hier also nur mit einer Neuinterpretation der Texte zu tun? Nein, denn so wie die neue Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert durch außerbiblische Quellen begründet wurde, so ist dies auch hier der Fall:

    Dunn untermauerte sein Verständnis von „Werken des Gesetzes“, indem er eine ähnliche Verwendung des Begriffs in anderen jüdischen Schriften fand. So verwenden einige der Schriftrollen vom Toten Meer das hebräische Äquivalent „Werke des Gesetzes“, um die charakteristischen Praktiken der Sekte zu beschreiben. Durch diese Praktiken, diese „Werke des Gesetzes“, wurde deutlich, wer zur Sekte gehörte und wer nicht. Die Formulierung deutete nicht auf eine Theologie der verdienstvollen Leistungen hin, sondern darauf, wie man die wahren Anhänger Gottes erkennen konnte. Dasselbe tut Paulus im Galaterbrief, wenn er diejenigen, die „aus den Werken des Gesetzes“ sind, denen gegenüberstellt, „die aus dem Glauben sind“ (Gal 3,9-10).

    Wo Paulus sich grundlegend von seiner jüdischen Tradition unterschied, war nicht die Rolle der Gnade, des Glaubens und des Gehorsams bei der Erlösung, sondern die Frage, ob die Erlösung daran gebunden war, Jude zu sein oder nicht.

    Obwohl dieser entscheidende Ausdruck, „Werke des Gesetzes“, in den Paulusbriefen nur selten vorkommt (acht Mal), liegt seine Bedeutung hinter den vielen Vorkommen von „Gesetz“ oder „Werken“ selbst, als eine Art Kurzform für den umfassenderen Ausdruck. Wenn Paulus zum Beispiel von „Rechtfertigung durch das Gesetz“ (Gal 2,21) oder „durch das Gesetz“ (3,11) spricht, meint er damit nicht das Bemühen des Einzelnen, sich durch das Halten des Gesetzes das Heil zu verdienen, sondern die jüdische Überzeugung, dass nur derjenige zum Volk Gottes gehört, der sich mit der Tora identifiziert; diese Rettung oder Rechtfertigung ist nur „durch die (Werke des) Gesetzes“ möglich.

    Kapitel 3

    Was ist also die zentrale Frage in den Briefen des Paulus?

    Die Hauptfrage, die in diesen paulinischen Texten beantwortet wird, ist also nicht Martin Luthers verzweifeltes „Wie kann ich als Sünder einen gnädigen Gott finden?“, sondern „Wer gehört zur Gemeinschaft der Gerechten, zu Gottes errettetem Volk? “ Paulus so zu lesen, als ob er die Frage „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ beantworten würde, würde die Hauptabsicht des Apostels falsch verstehen. Stattdessen beantworten die Teile seiner Briefe, die sich mit der Errettung oder Rechtfertigung befassen, in der Regel die Frage: „Wie können die Heiden an der rettenden Gnade Gottes für Israel teilhaben?“

    Kapitel 3

    Vergleichen wir beide Sichtweisen anhand dieser Texte:

    Wo bleibt da noch das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens. Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes. Oder ist Gott nur der Gott der Juden, nicht auch der Heiden? Ja, auch der Heiden, da doch gilt: Gott ist der Eine. Er wird aufgrund des Glaubens sowohl die Beschnittenen wie die Unbeschnittenen gerecht machen.

    Römer 3:27-30 Einheitsübersetzung 2016

    Zuerst die traditionelle Sicht:

    Eine traditionelle Auslegung versteht unter „Rühmen“ das Rühmen des eigenen Gehorsams gegenüber einem Gesetz oder einem Prinzip von Werken; es ist ein selbstgerechtes Rühmen. Der Glaube schließt ein solches Rühmen aus, da der Glaube dem Tun gegenübergestellt wird (Glaube versus Werke); wer einfach nur glaubt, ist gerechtfertigt, ganz unabhängig von jeglichem Tun („unabhängig von Werken“), und daher ist ein solches Rühmen nicht möglich. Das gilt für Juden und Heiden gleichermaßen, denn beide werden durch den Glauben und nicht durch das Tun gerechtfertigt.

    Kapitel 3

    Und nun die neue Sicht auf Paulus:

    In der Lesart der neuen Sicht auf Paulus wird dieses „Rühmen“ als Rühmen des jüdischen Bundesprivilegs verstanden. Ein solches Rühmen wird durch das „Gesetz des Glaubens“, d. h. durch das neue Erkennungszeichen des Glaubens an Jesus als Messias, ausgeschlossen. Diese Öffnung des Heils für Nicht-Juden, ohne jüdisch zu werden, ist genau der Grund, warum Paulus sofort sagt, dass Gott nicht mehr „nur Gott der Juden“ ist.

    Kapitel 3

    Vielleicht musst du diese beiden Interpretationen derselben Worte des Paulus erst ein paar mal lesen und vergleichen, um den Unterschied zu erfassen. Irgendwann wird einem dann auch klar, warum dieses Thema für uns so wichtig ist: Möglicherweise hat das, was ich glaube, gar keine direkte Grundlage im Neuen Testament.

    Bis jetzt haben wir jedoch erst die Beiträge von E. P. Sanders und James D. G. Dunn betrachtet. Das war aber noch lange nicht alles zur neuen Sicht auf Paulus. Wie wir im nächsten Teil sehen werden.

  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 2

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 2

    Von Christian


    Im ersten Teil hatten wir gesehen, wie sich die Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert seit etwa 1977 geändert hat. Dies hat alles andere als geringe Konsequenzen, wenn es um die Interpretation von Aussagen Jesu oder Pauli im Neuen Testamt geht:

    Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.

    Kapitel 2

    Bevor wir auf die Details der Begründung eingehen, werden wir uns aber zuerst wie gesagt mit den positiven Auswirkungen beschäftigen. [Die Zitate sind aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet]

    Kapitel 8: Ein Applaus für die ‚neue Sicht auf Paulus‘

    Ein besserer Zugang zu den Briefen des Paulus

    Einen großen Vorteil formuliert Yinger so:

    War Paulus beunruhigt wegen dem Legalismus, über selbstgerechte gute Werke, als er sagte: „Nicht durch Werke des Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2:16)? Oder ging es ihm gemäß der neuen Sicht auf Paulus vor allem darum, ob Heiden Juden werden müssen? Und wenn er dann das Tun von guten Werken lobt – „wenn ihr in Bezug auf den Geist sät, werdet ihr ewiges Leben aus dem Geist ernten. Lasst uns also nicht müde werden, das Richtige zu tun, denn wir werden zur Zeit der Ernte ernten“ (Gal 6:8-9) – müssen wir nicht umschalten, sondern können sehen, dass sich Paulus‘ Liebe zu guten Werken konsequent durch alle seine Worte zieht.

    Kapitel 8

    Die Vermeidung des westlichen Individualismus

    Dies ist ein weiterer Aspekt:

    Die neue Sicht auf Paulus beim Lesen seiner Briefe zu verwenden kann auch dazu beitragen, die westliche Überbetonung des Individuums zu reduzieren. Im Evangelium geht es nicht mehr nur um meine Errettung, sondern um eine neue Schöpfung (2. Kor 5:17) und ein neues Volk. In Römer 7 muss es nicht mehr in erster Linie um meinen persönlichen Kampf mit der Sünde gehen, sondern um Gesetz und Sünde in der Geschichte Israels (oder Adams). Das bedeutet natürlich nicht, dass „ich“ völlig aus dem Bild verschwinden muss. Es rückt mich nur aus dem Zentrum heraus.

    Kapitel 8

    Tschüss Anti-Semitismus?

    Die Geschichte der christlichen Kirchen zeichnete sich leider von Anfang an auch durch anti-semitische Züge aus. Einer der Gründe fällt durch die neue Sicht weg:

    Anstatt von dem minderwertigen jüdischen Legalismus zu sprechen, klingt der Bundesnomismus positiver gegenüber der Mutterreligion des Christentums. Anstatt nur ein gescheitertes oder falsches Religionsmuster zu sein, stellt sich heraus, dass Judentum und Christentum auch viele Gemeinsamkeiten in ihrem Muster haben.

    Kapitel 8

    Ein wesentlicher Unterschied bleibt jedoch bestehen:

    Für einige Befürworter der neuen Sicht auf Paulus bedeutet dies die vollständige Ablehnung der Substitutionstheologie: Das heißt, die Kirche ersetzt Israel nicht in Gottes Plan für die Menschheit; Israel und die Kirche stehen jetzt gleichberechtigt vor Gott (mit oder ohne Jesus Christus). Für andere, wie mich, wird Israel neu konfiguriert (und nicht ersetzt), um sowohl Juden als auch Heiden in das Israel einzubeziehen, das durch den Messias Jesus wiederhergestellt wurde; aber es ist immer noch von größter Bedeutung, Teil dieses Israels zu sein, Kinder Abrahams. Für nichtchristliche Juden klingt das wahrscheinlich immer noch wie die alte Substitutionstheologie, da Israel, wie sie es verstehen, nicht mehr ausreichend ist. Aber das „nicht mehr ausreichend“ beruht nicht auf einem inhärenten Fehler in Israels Religion, wie bei den meisten früheren Versionen der Substitutionstheologie, sondern auf der christlichen Überzeugung, dass Gott mit Jesus Christus eine neue Ära in Israels Geschichte begonnen hat.

    Kapitel 8

    Der Wechsel vom Alten zum Neuen Testament wird erleichtert

    Die neue Sicht auf Paulus ergibt auch eine viel größere Kontinuität beim Übergang vom Alten zum Neuen Testament.

    Die Botschaft des Paulus ist nicht die Antithese zum Judentum (oder zum alttestamentlichen Gesetz), sondern eine christologisch umgestaltete Fortsetzung oder ein Höhepunkt desselben.

    Kapitel 8

    Und so können Christen viel natürlicher das Alte Testament lesen. Das erkennen wir am Besten an einem Beispiel: Psalm 18

    Von David, dem Diener Jahwes. Dieses Lied sang er für Jahwe, nachdem dieser ihn vor Saul und allen anderen Feinden gerettet hatte.
    Ich liebe dich, Jahwe, du meine Stärke! Jahwe, mein Fels, mein Schutz und mein Retter, / mein Gott, meine Burg, in der ich mich berge, / mein Schild, meine Zuflucht und mein sicheres Heil.

    Psalm 18:1-3 NEÜ

    Auch Christen können das ohne Weiteres wiederholen. Aber etwas später im selben Psalm wird es schwierig, falls wir eine traditionelle Sicht haben:

    Der HERR handelte an mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vergalt er mir. Denn ich habe die Wege des HERRN eingehalten und bin von meinem Gott nicht gottlos abgewichen. Denn alle seine Rechtsbestimmungen waren vor mir, und seine Ordnungen wies ich nicht von mir. Auch war ich ganz mit ihm und hütete mich vor meiner Schuld. So vergalt der HERR mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen.

    Psalm 18:21-25 Elberfelder

    David spricht hier ganz klar von Taten und dass Gott ihn deswegen als rein und gerechtfertigt ansah. Das ist nun nicht gerade die Vorstellung Luthers und des Protestantismus – wenn man diese Passage mit der traditionellen Interpretation liest:

    Traditionell sind christliche Ausleger über die scheinbare Selbstgerechtigkeit dieser Passage zusammengezuckt oder haben „meine Gerechtigkeit“ als die zugeschriebene Gerechtigkeit Christi umgedeutet.

    Kapitel 8

    Mit der neuen Sicht auf Paulus ergibt sich aber für uns ein ganz anderes Bild:

    Die Gerechtigkeit und Untadeligkeit im Psalm beziehen sich nicht auf eine Art selbstgerechter Perfektion, sondern auf die Integrität des treuen Verhaltens, das überall in der Bibel, auch im Neuen Testament, erwartet wird. Es ist die Loyalität (= Glaube oder Treue), die von Gottes Gnade inspiriert ist, und spricht von denen, die „treu“ sind und „ihre Zuflucht zu ihm nehmen“ (V. 25, 30). Der Psalmist sagt damit einfach: „Ich habe mich nicht von dir abgewandt, Herr, sondern habe versucht, auf deinen Wegen zu wandeln. Bitte handle mit mir nach den gnädigen Verheißungen deines Bundes“.

    Kapitel 8

    Paulus und Jesus auf der selben Seite

    Wer als Christ seine Glaubenslehren anhand des Neuen Testaments überprüft, wird feststellen, dass er ziemlich oft Texte von Paulus zitieren wird, den selben Gedanken aber nicht in den Evangelien selbst findet – also direkt in Jesu Worten. Tatsächlich geht der Unterschied sogar noch weiter, wenn man Paulus gemäß der protestantischen Tradition liest:

    Es ist viel davon die Rede, dass Paulus eine neue Religion, das Christentum, gegründet hat, die die einfache galiläisch-jüdische Botschaft Jesu ersetzt. Manche sagen, dass Jesus die Erneuerung oder Reform des Judentums anstrebte; Paulus gab dieses Ziel auf und wollte eine Weltreligion gründen, die auch die Heiden einschließt. Jesus predigte das bevorstehende Reich Gottes, Paulus predigte Jesus – aus dem Verkünder wurde der Verkündigte. Für Jesus war jedes „Jota oder Häkchen“ wichtig (Mt 5,18), während Paulus der Meinung war, das Gesetz sei zu Ende (Röm 10,4). Jesus rief die Menschen zu strenger Nachfolge auf, wenn sie in Gottes Reich kommen wollten; Paulus rief sie zu einfachem Glauben auf. Du verstehst, worum es geht.

    Kapitel 8

    Die neue Sicht auf Paulus ist zwar nicht unbedingt die einzige Möglichkeit, um diesen Unterschied zu erklären, doch sie gibt uns Werkzeuge in die Hand, um ihn aufzulösen:

    Anstatt die paulinische Gnade in Konkurrenz zur Nachfolge des Evangeliums zu sehen, zeigt der Bundesnomismus, dass sie sowohl bei Jesus als auch bei Paulus (und im Judentum) ein harmonisches Muster bilden. Beide hielten an der grundlegenden Bedeutung der Gnade fest. Die Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16) erhalten ihren Lohn nicht nach der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden, sondern nach der göttlichen Großzügigkeit. Die Heilungen Jesu waren ein anschaulicher Beweis dafür, dass Gottes Gunst auf die scheinbar Unwürdigen herabregnete. Paulus‘ Bekenntnis zur Gnade bedarf keines weiteren Kommentars.

    Doch neben dieser Betonung der Gnade wurde auch die Notwendigkeit des Gehorsams betont. In Jesu Gleichnis vom Gericht (Mt 25,31-46) hängt das Schicksal der Schafe und Ziegen – ewige Strafe oder ewiges Leben – davon ab, ob sie dem Weg Jesu gehorchen: die Hungrigen speisen, die Gefangenen besuchen usw. Und Paulus ist nach wie vor davon überzeugt, dass Gott „jedem nach seinen Werken vergelten wird: Denen, die durch geduldiges Tun des Guten nach Herrlichkeit und Ehre und Unsterblichkeit trachten, wird er das ewige Leben geben“ (Röm 2,6-7).

    Wenn „Werke“ negativ gedacht werden – als verdienstvolle oder selbstgerechte gute Werke – ist es schwieriger, diese doppelte Betonung von Gnade und Gehorsam in Einklang zu bringen. Der Bundesnomismus legt nahe, dass diese beiden Schwerpunkte sowohl im Judentum als auch bei Jesus und Paulus zusammenhingen. Das Evangelium, das Paulus predigte, folgt demselben Muster wie das von Jesus.

    Ein weiterer Punkt der Kontinuität zwischen Paulus und Jesus, auf den die neue Sicht auf Paulus hinweist, betrifft die rettende Bedeutung der Zugehörigkeit zum Volk Israel. In der reformatorischen Exegese schienen Römer 9-11 (Was ist mit Israels Erwählung?) und Paulus‘ Erkundung der individuellen Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben (Kap. 1-8) nicht zusammenzupassen. Die neue Sicht auf Paulus geht davon aus, dass die Frage nach der Zugehörigkeit zum Bund die treibende Kraft hinter den Diskussionen des Paulus über das Evangelium ist (vor allem im Römer- und Galaterbrief). Muss man Jude sein oder werden und die „Werke des Gesetzes“ vollbringen, um zu Christus zu gehören? Das erinnert an die konsequente Botschaft Jesu, dass die jüdische Identität kein Schutz vor dem kommenden Zorn ist. Seine erste Predigt im Lukasevangelium hätte fast zu seinem Untergang geführt, weil er lehrte, dass Gott die Nachkommen Abrahams nicht bevorzugt behandeln würde (Lukas 4,25-30). Das erinnert an die Predigt von Johannes dem Täufer: „Fangt nicht an, euch zu sagen: ‚Wir haben Abraham zum Stammvater‘; denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Abrahams Kinder erwecken“ (Lukas 3,8). Damit führt Paulus eines der zentralen Themen Jesu als zentrales Thema seines eigenen Evangeliums fort.

    Kapitel 8

    Ich denke, das sind schon eine Menge wichtiger Punkte, um sich näher mit dieser neuen Sicht auf Paulus zu beschäftigen. Und eigentlich ist sie ja gar nicht so neu:

    Diese Debatten sind größtenteils ein Versuch, zu dieser alten Perspektive zurückzukehren, d.h. zu Paulus‘ eigener Sicht auf Gott, Christus, das Gesetz, den Glauben usw. Die Befürworter der neuen Sicht auf Paulus betrachten ihre Position in der Regel nicht als wirklich „neu“, sondern als Wiederherstellung dieses älteren, wahrhaft paulinischen Verständnisses.

    Kapitel 8
  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1

    Von Christian


    Kann es sein, dass man 2000 Jahre nach Paulus noch irgend etwas Neues über seine Lehren sagen kann? Zum Beispiel, was unsere Hoffnung auf Rettung betrifft? Kurz gesagt, wissen wir doch dies:

    • Im 1. Jahrhundert glaubten die Juden voller Selbstgerechtigkeit, dass sie sich die Rettung durch ihre Werke verdienen konnten.
    • Jesus hat sie deswegen verurteilt und das mosaische Gesetz abgelöst.
    • Paulus hat auch gegen deren Vorstellung argumentiert und dargelegt, dass wir alleine aufgrund des Glaubens und durch Gnade gerettet werden. Unsere Werke spielen dabei überhaupt keine Rolle.

    Richtig? Was wäre, wenn alle drei Aussagen falsch sind? Dass sie eben nicht im Neuen Testamt stehen, Paulus das so nicht gesagt hat, sondern dass es Interpretationen der Reformation sind und manche Begründung erst in den letzten 200 Jahren entstanden sind? Es würde mich nicht wundern, wenn manche jetzt den Kopf schütteln. „Will der jetzt mal so eben zeigen, dass Größen wie Calvin oder Luther falsch lagen?“ Oder vielleicht reagierst du eher so:

    Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das Evangelium selbst, die kirchliche Verkündigung der guten Nachricht von der Erlösung in Christus. [•••] Die neue Sicht bietet letztlich ein anderes Evangelium als das, für das die Reformation Zeugnis abgelegt hat

    Die derzeitige Revision der Rechtfertigungslehre, wie sie von den Verfechtern der so genannten Neuen Sicht auf Paulus formuliert wird, ist nichts weniger als eine grundlegende Ablehnung nicht nur des Protestantismus, der versucht, innerhalb der Bekenntnis- und Lehrlinien der Reformation zu stehen, sondern auch praktisch der gesamten westlichen Rechtfertigungstradition, die mindestens bis zu Augustinus zurückreicht.

    Die Ablehnung der Reformation …. ist ein ziemlich dickes Brett für die neue Sicht auf Paulus.

    Kapitel 7

    Es gibt aber auch Kommentare, die genau das Gegenteil sagen:

    Der Ansatz der reformatorischen Tradition zu Paulus ist grundlegend falsch.

    Kapitel 7

    Schauen wir einmal genau hin, was der Text des Neuen Testaments selbst sagt, und zwar unter Berücksichtigung des Kontextes und nicht von 2000 Jahren theologischer Überlegungen dazu. Du wirst vielleicht überrascht sein, welche deiner Glaubensinhalte möglicherweise gar nicht von Paulus sondern vielmehr von Luther und anderen stammt.

    Diese Serie stützt sich auf diese sehr gute Übersicht zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema der drei Jahrzehnte bis 2011: „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger.

    Anstelle von Polemik wünsche ich mir, dass dieses Buch ein Ort ist, an dem alle, die wirklich danach streben, das Denken des Paulus und die zentrale Botschaft dieses jüdischen Apostels Jesu Christi an die Heiden besser zu verstehen, zusammenkommen und gemeinsam nachdenken können.

    Kapitel 1

    Das Buch ist so aufgebaut: Wann und wie kam die neue Sicht auf Paulus auf? Wie entwickelte sich die Diskussion unter den Gelehrten weiter? Welche exegetischen und theologischen Bedenken und Einwände gibt es gegenüber dieser neuen Sicht? Und schließlich ein Kapitel darüber, welche Perspektiven sich durch diese neue Sicht ergeben.

    Für die Ungeduldigen unter uns: In diesem Teil geht es zuerst einmal darum, was denn diese neue Sicht auf Paulus sein soll. Im nächsten Teil kommt dann gleich, was sich dadurch alles ändert. Erst danach werde ich näher auf Details und das Für und Wider eingehen.

    Kapitel 2: Womit hat das alles angefangen?

    Die Veränderung begann damit, dass Gelehrte zunehmend eine Diskrepanz erkannten zwischen der etablierten Sicht über das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels und neueren historischen Erkenntnissen.

    Die etablierte Sicht auf das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels

    Die Sichtweise, welche vor allem im 19. und 20. Jahrhundert von Gelehrten entwickelt wurde, lässt sich so zusammen fassen:

    Ein Jude hält es für selbstverständlich, dass diese Bedingung [für Gottes freisprechende Entscheidung] das Halten des Gesetzes ist, also das Vollbringen von „Werken“, die das Gesetz vorschreibt. Im direkten Gegensatz zu dieser Sichtweise steht die These des Paulus. „durch bzw. aus dem Glauben“.

    Kapitel 2

    Yinger fasst es so zusammen:

    Es ist nicht schwer zu erkennen, wie das Evangelium in fast jedem Punkt als Gegensatz zu dieser Religion empfunden wurde.
    – Gnade gegen Werke
    – Befähigung durch den Geist gegen das harte Joch des Gesetzes
    – Freude gegen Mühsal
    – Zuversicht gegen Angst und
    – „Gott mit uns“ gegen eine ferne Gottheit
    Gelehrte nannten das Judentum dieser Zeit sogar „Spätjudentum“, was bedeutet, dass es sich in einem ernsthaften Niedergang befand und in den letzten Zügen lag.

    Kapitel 2

    Wendepunkt 1977

    Gelehrte widersprachen dieser Vorstellung zusehends. Der Wendepunkt kam mit der Veröffentlichung von E. P. Sanders‘ Paul and Palestinian Judaism im Jahr 1977.

    Anstatt sich die göttliche Gunst durch ihre Werke des Gehorsams gegenüber dem Gesetz zu verdienen, betonten die Juden die freie Wahl Gottes für Israel. Sie wurden allein durch Gnade zu Mitgliedern des auserwählten Volkes Gottes. Das Heil war ein Geschenk und nicht etwas, das sie sich erst verdienen mussten.

    Strenger Gehorsam gegenüber den Geboten war die erwartete Reaktion auf Gottes vorherige rettende Gnade, nicht der Versuch, sie zu verdienen. Sowohl das Volk als auch die einzelnen Menschen innerhalb des Volkes hielten die Gebote nicht, um erlöst zu werden, sondern weil sie erlöst oder gerettet worden waren (siehe Auszug aus Ägypten).

    Kapitel 2

    Sanders prägte den Ausdruck Bundesnomismus (covenantal nomism) dafür und fasste dies in 8 Punkten zusammen:

    1. Gott hat Israel erwählt. [Die Auserwählung, also die Gnade und nicht die verdienstvollen Werke, ist also das grundlegende Datum für die Erlösung im Judentum.]
    2. Und Gott hat das Gesetz gegeben. [Die Tora ist ein Geschenk an Israel, das es in der Lebensweise unterweist, mit der Gott es bereits beschenkt hat; sie ist keine Last.]
    3. Das Gesetz beinhaltet sowohl Gottes Versprechen, die Erwählung aufrechtzuerhalten, als auch
    4. die Verpflichtung zum Gehorsam. [Die Aufrechterhaltung der Erwählung hängt nicht allein von den Bemühungen Israels ab, sondern wird von Gott selbst ermöglicht. Dennoch darf die Bedeutung des tatsächlichen Gehorsams nicht geschmälert werden].
    5. Gott belohnt den Gehorsam und bestraft Übertretungen.
    6. Das Gesetz sieht Mittel zur Sühne vor, und die Sühne führt
    7. zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Bundesbeziehung. [Durch Buße und das Opfersystem sind Vorkehrungen für den Fall getroffen worden, dass Israel sündigt.]
    8. Alle, die durch Gehorsam, Sühne und Gottes Barmherzigkeit im Bund gehalten werden, gehören zu der Gruppe, die gerettet werden wird.

    Seitdem besteht unter Gelehrten zumindest über diese Punkte Übereinkunft:

    • Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht die legalistische Religion, als die es früher karikiert wurde.
    • Der Bundesnomismus ist eine angemessene Beschreibung der jüdischen Soteriologie dieser Zeit.

    [Soteriologie ist die Lehre der Erlösung der Menschheit im christlichen Kontext.] Und warum hat das so große Wellen geschlagen?

    „Einer der zentralen Bausteine der protestantischen Soteriologie ist die Errettung aus Gnade und nicht aus Werken. Diese Entdeckung der unverdienten Gnade Gottes in Jesus Christus wird als einer der großen Fortschritte des christlichen Evangeliums gegenüber dem Judentum angesehen. Das Evangelium der freien Gnade hat das harte Joch des Judentums, das Gesetz zu halten, seine angeblich typische Gesetzlichkeit, ersetzt.“

    Nehmen wir nur einmal eine Aussage von Paulus: „“Wir wissen, dass der Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2,16). Traditionell weist „durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt“ auf den jüdischen Legalismus hin. Aber wenn das Judentum nicht besonders legalistisch war, wovon in aller Welt spricht Paulus dann?“

    Vielleicht ist es dir noch nicht bewusst geworden, aber hier geht es nicht um eine Kleinigkeit:

    Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.

    Kapitel 2

    Und das werden wir in den nächsten Teilen der Serie tun.