Schlagwort: Bibel

  • Bibel lesen und interpretieren: Wer hat die Bibel richtig verstanden – die Leser der Antike oder die Leser der Moderne?

    Bibel lesen und interpretieren: Wer hat die Bibel richtig verstanden – die Leser der Antike oder die Leser der Moderne?

    Von Christian / Brian Doak


    Jetzt stellen wir uns einmal die Frage, die du dir vielleicht schon selbst gestellt hast: Wer hat die Bibel nun richtig verstanden – die Leser der Antike, des Mittelalters oder der Moderne?

    Darauf geht Professor Brian Doak in diesem Video ein:

    Einige Leser der Antike und des Mittelalters dachten, dass die Bibel zwei Interpretationen hat: Die wörtliche und die geistige, symbolische, allegorische. Andere wie Origenes von Alexandria dachten, dass es drei Bedeutungen hat: Die wörtliche, die allegorische und die moralische oder tropologische [„Tropologisch“ bezieht sich auf die Interpretation von Texten oder Bildern, die sich auf eine moralische oder ethische Botschaft konzentriert.]. Andere gingen von vier Bedeutungsebenen aus, wie wir im Video Bibel lesen und interpretieren: War die mittelalterliche Bibelauslegung schlecht oder nur mittelmäßig? gesehen haben: Die wörtliche, die allegorische, die moralische oder tropologische und die anagogische. Im Mittelalter dachten einige, dass es noch mehr Bedeutungsebenen geben müsste, sieben zum Beispiel. Und noch andere scheinen gedacht zu haben, dass es sogar eine unendliche Zahl an Bedeutungsebenen gibt!

    Aber ist das für uns überhaupt wichtig? Zum einen ist es gut, die verschiedensten Auffassungen zu kennen, damit man besser sieht, wo man selbst steht. Und ob man vielleicht etwas Wesentliches noch nie selbst gesehen hat. Und einen Punkt übersehen wir vielleicht immer noch.

    Brian Doak zitiert hier Gregor den Großen aus dem 6. Jahrhundert (zumindest meint er, dass dieses Zitat von ihm ist):

    Der Text wächst mit dem Leser.

    Vermutlich von Gregor dem Großen (6. Jahrhundert)

    Und was soll das bedeuten? Der Text wächst mit dem Leser und der Leser wächst mit dem Text. In dem Sinne, dass die Zahl der Bedeutungsebenen und der Horizont mit uns wächst, mit unserem intellektuellem und spirituellem Wachstum.

    Und so sind alle, von denen wir bisher gesprochen haben, davon ausgegangen, dass es auf jeden Fall mehr als nur eine Bedeutungsebene für den biblischen Text gibt. Alle, über die wir bisher gesprochen haben. Das änderte sich mit der Moderne. Zum Beispiel schrieb Benjamin Jowett (Professor in Oxford im 19. Jahrhundert):

    Die Heilige Schrift hat eine Bedeutung, nämlich die, die sie im Kopf des Propheten oder Evangelisten hatte, der sie zuerst gesagt oder geschrieben hat, für die Zuhörer oder Leser, die sie zuerst gehört oder gelesen haben.

    Der eigentliche Sinn von Interpretationen ist es, Interpretationen loszuwerden und uns allein mit dem Autor zu lassen.

    Benjamin Jowett, On the interpretation of scripture

    Und das ist auch das, was viele meinen, wenn sie sagen, dass wir ‚die Bibel im Kontext lesen müssen‘.

    Jetzt gibt es aber ein Problem mit dieser Theorie: Sie ist nicht offenkundig einleuchtend. Warum kann man das sagen? Wenn es nur diese eine Bedeutungsebene des Textes gibt, die es im Kopf der Person gab, die etwas gesagt oder geschrieben hat, im historischen Kontext, was machen wir dann damit? Wenn wir auch das Gelesene auch nur irgendwie mit uns in Verbindung bringen wollen, müssen wir es in unseren Kontext übersetzen oder anwenden. Wir müssen den Text aus der Vergangenheit in unser Leben bringen. Die Frage ist doch: Und was bedeutet das heute?

    Warum wurde und wird dann so ein Standpunkt überhaupt vertreten? Seit der Zeit der Reformation wurde diese Argumentation auch wie folgt verwendet: Zu sagen, dass es nur genau diese eine wörtliche Bedeutung im biblischen Text gibt, könnte verwendet werden, um sich gegen eine anderen Religion zu wenden, die sich, wie zum Beispiel die katholische Kirche, auf eine lange Tradition oder Überlieferung und die Kirchenväter stützt. Der theologische Grundsatz der Reformation sola scriptura (allein durch die Schrift) wurde so verwendet, auch wenn es schon seit Luther dabei nicht direkt um die Bedeutungsebenen des Textes ging.

    Diese Vorstellung, dass es nur diese eine Bedeutungsebene des biblischen Textes gibt, hat auch etwas mit der Kritik an der Exegese der Antike und des Mittelalters zu tun: Übermäßig spirituell, willkürlich, eigenwillig oder sogar komplett verrückt. Und er zitiert hier einen anderen Gelehrten des 19. Jahrhunderts.

    Wir werden schnell mal viele Jahrhunderte der Auslegung durchgehen und müssen feststellen, dass es im Großen und Ganzen, also in der Antike, Jahrhunderte waren, in denen die Auslegung der Heiligen Schrift von unbewiesenen Theorien dominiert und mit unhaltbaren Ergebnissen überladen war.

    Frederic Farrar, Oxford Bampton lecture 1885

    Aber auch die gegensätzliche Vorstellung von nur der einen Bedeutung des Textes kann kritisiert werden:

     Hat Geschichte eine Bedeutung und Verständlichkeit, die einfach in sich selbst steckt?

    Und Brian Doag fügt hinzu: „Die Antwort wäre wohl nein. Das tut es nicht. Es ist etwas, das wir ihm durch Interpretation beim Erzeugen des Narrativs geben. Richtig? Mit anderen Worten: Dieser historische Kontext, der eigentlich ein leuchtendes, objektives Objekt sein soll, das auf dem Grund liegt und sozusagen Bedeutung ausstrahlt, liegt in Wirklichkeit nicht einfach objektiv auf dem Grund und strahlt Bedeutung aus. Es ist eine Bedeutung, die wir dem Text tatsächlich geben. Hier gibt es also ein Problem für den modernen Wunsch, die moderne Fantasie, könnte man sagen, dass dieser historische Kontext einfach alle Probleme klärt.“

    Dann fasst Brian Doak ein bekanntes Essay von 1980 zusammen:

    Jede Art von christlicher Predigt muss diesen alten Text nehmen und ihn in einen zeitgemäßen Kontext setzen, damit wir ihn überhaupt anwenden oder uns dafür interessieren können.

    Wenn du nicht zu den wenigen Leuten gehörst, die sich in einer total abstrakten philosophischen Welt nur an der Vergangenheit als Vergangenheit erfreuen, wirst du eine Art zeitgenössische Anwendung wollen.

    Wie Steinmetz sagt, sind alle Schriften dazu da, die Kirche zu stärken und die theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe zu fördern.

    Wir müssen uns von der Vergangenheit lösen, sonst müssten wir zugeben, dass viele Teile der Bibel einfach nichts bedeuten. Du weißt schon, die Trunkenheit von Noah, der Mord an Abel, der Ochsenstecken von Schamgar, Sohn des Anath. Wenn es auf der Ebene der Erzählung nicht zu finden ist, schreibt Steinmetz, dann muss es auf der Ebene der Allegorie, Metapher, Typologie und so weiter zu finden sein.

    Er sagt dann, dass er echt dazu neigt, CS Lewis‘ berühmtem Zitat aus „Till We Have Faces“ zuzustimmen. Ein Autor versteht die Bedeutung seiner eigenen Geschichte nicht unbedingt besser als andere. „Der Akt des Schaffens“, schreibt Steinmetz, „gibt Autoren keine besonderen Privilegien, wenn es um die ganz andere, wenn auch weniger wichtige Aufgabe der Interpretation geht.“ Steinmetz sagt, er stimmt Jowett zu, dass die Bibel wie jedes andere Buch gelesen werden sollte. Die Frage ist, wie liest man andere Bücher? Okay. Wie liest man andere Bücher? Am Ende schlägt Simon dann diese Hypothese vor. Er sagt, dass die Tatsache, dass die historisch-kritische Methode nach 200 Jahren immer noch um mehr als einen prekären Halt in derselben Religionsgemeinschaft kämpft, im Allgemeinen der Ignoranz und dem Konservatismus der christlichen Lehre sowie der Trägheit oder moralischen Feigheit ihrer Pastoren angelastet wird. Mit anderen Worten: Warum hat die historisch-kritische Methode immer noch so große Schwierigkeiten, sich in den Köpfen vieler Menschen durchzusetzen? „Liegt es einfach daran, dass die Menschen in der Kirche dumm sind? Liegt es daran, dass Pastoren Weicheier und Babys sind, die Angst haben, ihrer Gemeinde die wahre Geschichte zu erzählen? Nein.“ Er sagt: „Ich möchte eine alternative Hypothese vorschlagen. Die mittelalterliche Theorie der Bedeutungsebenen im biblischen Text mit all ihren unbestreitbaren Mängeln hat sich durchgesetzt, weil sie wahr ist. Die moderne Theorie einer einzigen Bedeutung mit all ihren nachweisbaren Vorzügen ist dagegen falsch. Solange die historisch-kritische Methode ihre eigenen theoretischen Grundlagen nicht kritisch hinterfragt und eine hermeneutische Theorie entwickelt, die der Natur des Textes, den sie interpretiert, angemessen ist, wird sie zu Recht auf die Zunft und die Akademie beschränkt bleiben, wo die Frage nach der Wahrheit endlos aufgeschoben werden kann.“ In Glaubensgemeinschaften und theologischen Gemeinschaften hingegen kann die Frage nach der Wahrheit nicht endlos aufgeschoben werden oder einfach in der Vergangenheit bleiben.

    Über Superiority of Pre-Critical Exegesis (Die Vorzüge der vorkritischen Exegese), Professor David Curtis Steinmetz, Duke Divinity School

    „Also, wenn du sagen willst, dass die antike und mittelalterliche, also die Auslegung der Bibel vor der Zeit der modernen Textkritik einfach besser ist als die Art und Weise, wie man das heute in der modernen säkularen Wissenschaft macht. Aus diesem Grund haben die antiken und mittelalterlichen Ausleger den Text als etwas viel Reichhaltigeres gesehen als nur den ursprünglichen Kontext der Urheberschaft. Und sie erkannten als grundlegende Lesetheorie, eine Lesetheorie, die wir heute vielleicht wieder erkennen, dass ein Text mit uns als Lesern wächst und viele Bedeutungen annehmen kann. … Wie du den Text mit 18, mit 30, mit 45, mit 70 und später in deinem Leben lesen könntest. Und der Text hat immer wieder eine andere Bedeutung. Er ist nicht nur in der Situation seiner Entstehung gefangen, noch ist er in deinem Kopf als 18-Jähriger gefangen, sondern er ist etwas, das weiter wächst. Es scheint, dass Autoren der Antike und des Mittelalters dies besser verstanden haben, und das könnte ein Vorteil ihrer Interpretationsweise sein, unabhängig davon, welche anderen Nachteile wir darin sehen mögen.“

  • Bibel lesen und interpretieren: War die mittelalterliche Bibelauslegung schlecht oder nur mittelmäßig?

    Bibel lesen und interpretieren: War die mittelalterliche Bibelauslegung schlecht oder nur mittelmäßig?

    Von Christian / Brian Doak


    Zum Thema „Bibel lesen und interpretieren“ hatten wir Argumente von zwei frühen Kirchenvätern der patristischen Zeit (1. bis 7. Jahrhundert) angeführt: Origenes in Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte und Augustinus von Hippo in Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Wie hat man die Bibel danach gelesen und interpretiert? Also im Mittelalter, womit ich hier ganz grob die tausend Jahre nach 500 bis 1500 meine. Wir können hier natürlich nur ganz spezielle Punkte herausgreifen, weil in 1000 Jahren schon eine Menge passiert. Selbst wenn es vielleicht viel langsamer als in den ersten 4 Jahrhunderten geschah.

    Aber diese Videos sollen auch keinen Überblick geben oder eine Anleitung sein. Es geht mir darum, interessante Aspekte aufzuzeigen, die uns bisher vielleicht völlig unbekannt waren. Vielleicht hast du dann auch einen „Aha“-Moment: So habe ich das ja noch nie gesehen!

    Und falls deine Gedanken noch beim Titel dieses Beitrags sind, weil du denkst: Ich lese in der Bibel ohne zu interpretieren oder auszulegen! Dann ist das schlichtweg unmöglich. Außer du liest laut vor, ohne über den Inhalt nachzudenken. Was du nämlich sonst machst, wird so definiert:

    Die Hermeneutik (altgriechisch ἑρμηνεύειν hermēneúein, deutsch ‚erklären‘, ‚auslegen‘, ‚übersetzen‘) ist die Theorie der Interpretation von Texten und des Verstehens. Beim Verstehen verwendet der Mensch Symbole. Er ist in eine Welt von Zeichen und in eine Gemeinschaft eingebunden, die eine gemeinsame Sprache verwendet. Nicht nur in Texten, sondern in allen menschlichen Schöpfungen ist Sinn. Diesen zu erschließen, ist eine hermeneutische Aufgabe.

    In der Antike und im Mittelalter diente die Hermeneutik als Wissenschaft und Kunst der Auslegung (Exegese) grundlegender Texte, besonders der Bibel und von Gesetzen.

    Wikipedia

    Das wäre also schon einmal geklärt. Jetzt aber zum eigentlichen Thema.

    Auch dieser Beitrag beruht auf einem Video von Professor Brian Doak, der uns an seiner Vorbereitung für seine nächste Lehrveranstaltung teilhaben lässt:

    Im Mittelalter hatte man diese Vorstellung der Interpretation der Bibel. Professor Doak zitiert hier ein Gedicht in der englischen Übersetzung:

    Littera gesta docet, quid credas allegoria; Moralis quid agas, quo tendas anagogia. [Latein]

    The letter teaches what happened, allegory what you believe, the moral what you should do, anagogy where you are going. [Englisch]

    Der Brief lehrt, was geschehen ist, die Allegorie, woran du glaubst, die Moral, was du tun solltest, die Anagogie, wohin du gehst. [Deutsch]

    Mittelalterliches Gedicht, unbekannter Verfasser

    Im Mittelalter gehen viele also von vier Ebenen der Interpretation der Bibel aus.

    Die erste ist die wörtliche Bedeutung oder Interpretation des Textes. Wobei diese wörtliche Interpretation für viele Gelehrte damals die wichtigste Bedeutung hatte. Je mehr Klöster und Ausbildung es gab, wurde ein formelles Studium des Textes der Bibel möglich und verbreiterter. Wörterbücher und Kommentare wurden geschrieben und verwendet. Die Verwendung von Wörtern wurde untersucht. Und die wörtliche Bedeutung des Textes. Damit war allerdings nicht die Frage nach der Historizität gemeint. Zum Beispiel ist die wörtliche Bedeutung des Textes, als die Israeliten durch das Rote Meer oder Schilfmeer gingen, dass die Wasser geteilt wurden und Menschen zu Fuß hindurch gingen. Es ging den Menschen damals nicht um die Frage, ob das historisch genau so geschehen ist. Es geht um die Bedeutungsebene. Wenn ein Text nur eine wörtliche Bedeutung hat, dann gibt es keine weiteren Bedeutungsebenen. Also zum Beispiel nicht das, was Paulus mit dieser Begebenheit macht (in 1. Korinther 10). Diese wörtliche Interpretation oder Aussage des Textes ist also die Basis für die anderen.

    Wir wir im vorherigen Teil dieser Serie gesehen haben, finden wir das schon bei Augustinus von Hippo. Für ihn ist es so: Wenn man einen Text schon gemäß der wörtliche Deutung des Textes lesen kann und sie uns zur Liebe zu Gott und dem Nächsten führt, dann gibt es keine weiteren Deutungsebenen. Origenes von Alexandria hingegen sagt das Gegenteil (siehe zweiter Teil dieser Serie): Jeder Text hat eine symbolische Bedeutung, und manche auch eine wörtliche.

    Die zweite, nächsthöhere Bedeutungsebene ist daher die Allegorie. Diese symbolische Bedeutung trägt zu unserem Glauben bei.

    Die dritte, nächsthöhere Bedeutungsebene ist die moralische. Die Texte haben auch eine moralische Deutung, die bestimmt, wie wir handeln sollten. Die praktische Anwendung. Auch heute überspringen Pastoren oft genug die beiden vorangegangenen Ebenen und präsentieren den Gläubigen gleich moralische Anwendungen.

    Die höchste Bedeutungsebene, die vierte, ist heute nicht sehr bekannt. Die Grundbedeutung des Wortes ist soviel wie hinaufblicken oder hinaufheben.

    Anagogie bezeichnet eine geistige oder mystische Erhebung, die vom wörtlichen Sinn eines Textes oder Symbols zu einer höheren, spirituellen oder himmlischen Bedeutung führt. Es ist eine Auslegungsmethode, die eine „Hinaufführung“ oder „Aufstieg“ von einer niedrigeren zur höheren Ebene anstrebt, typischerweise in religiösen oder philosophischen Kontexten.

    Theologische Auslegung: In der christlichen Theologie ist die Anagogie die höchste der vier Auslegungsebenen von Texten, die von der wörtlichen zur allegorischen, moralischen und schließlich zur anagogischen Ebene aufsteigt.

    Google KI Übersicht

    Diese Deutung hatte oft etwas mit dem zukünftigen Leben der Christen oder dem zweiten Kommen Jesu usw. zu tun.

    Die Vorstellung im Mittelalter war, dass man jeden Text auf diesen 4 Ebenen deuten kann. Versuchen wir es einmal mit der Szene am roten Meer. Oder besser noch, lassen wir es den Professor versuchen:

    Nehmen wir also ein ganz einfaches Beispiel, mit dem ich bereits begonnen habe, nämlich die Idee, dass Israel das Rote Meer überquert. Wie könnte das aussehen? Gehen wir diese drei Ebenen durch.

    Die wörtliche Ebene wäre einfach Israel, das Volk, das in dem Bericht das Rote Meer überquert. Sie sind den Ägyptern entkommen.

    Allegorie oder Typologie, was eigentlich ein griechisches Wort ist, das der Apostel Paulus im Römerbrief verwendet, um zu beschreiben, äh, entschuldige, nicht im Römerbrief 1, sondern im 1. Korintherbrief, Kapitel 10, um diese Art der Interpretation zu beschreiben, würde es anders sehen, dass nämlich das Rote Meer, das sie durchqueren, ein Symbol, ein Typus, eine Allegorie für die Idee ist, dass wir die Taufe empfangen würden. Siehst du den Zusammenhang? Wir sind wie Israel und das Wasser des Roten Meeres ist das Wasser der Taufe, richtig? Eine spirituelle Bedeutung.

    Ähm, eine moralische Anwendungen, ich weiß nicht. Überlege dir selbst etwas. Sag mir, was deiner Meinung nach eine gute moralische Anwendung wäre. Ich meine, vielleicht könnte die Idee einer moralischen Anwendung der Durchquerung des Roten Meeres so etwas sein wie, ähm, weißt du, wenn wir Feinde in dieser Welt haben, so wie Israel Ägypten als Feind hatte, und diese Feinde uns verfolgen und unser Leben unerträglich machen. Und gerade wenn wir denken, dass wir keine Optionen mehr haben, wird Gott einen Weg bereiten. Ähm, und vielleicht wird es sogar so sein, dass wir uns auf andere Menschen verlassen, so wie Israel sich auf Moses verlassen hat. Da hast du es. Das ist nur eine freie Interpretation des sogenannten tropologischen oder moralischen Sinns des Textes.

    Anagogie, da bin ich etwas ratlos. Was könnte das bedeuten? Könnte das Wasser irgendwie unsere Reise zu Christus symbolisieren? Wenn Christus wiederkommt, werden wir durch eine Art Leidenszeit mit Christus vereint. Das Wasser, ich weiß nicht. Sagt mir in den Kommentaren, was eurer Meinung nach eine bessere anagogische Interpretation der Passage wäre.

    Brian Doak

    So einfach ist es halt dann doch nicht. Nicht einmal im Mittelalter wandte man alle 4 Ebenen auf jeden Text an. Und es wurden verschiedene Schwerpunkte gesetzt. Gelehrte und Hochschulen befassten sich viel mit dem Text an sich, der ersten Ebene. Das war auch die Zeit, in der die Einteilung in Kapitel eingeführt wurden. Für Mönche wurde die moralische Bedeutung betont, wie sie leben sollten.

    Es gab aber auch Gelehrte, welche die wörtliche Deutung als die zentrale auffassten. Gemäß Thomas von Aquin braucht man diese vier Deutungsebenen und man sollte sie kennen. Brian Doak zitiert nun aus dem Werk Summa Theologica von Thomas von Aquin:

    „Sollte die Heilige Schrift Metaphern verwenden?“ Er antwortet: Ja. Es ist völlig in Ordnung, wenn die Heilige Schrift Metaphern verwendet. Unsere Wahrnehmung orientiert sich an den Sinnen, und deshalb sollten wir durch materielle Dinge gelehrt werden, die wir mit unseren Sinnen buchstäblich erfassen können. Aber, so sagt er, wir werden niemals durch Metaphern etwas gelehrt, was nicht an anderer Stelle auch buchstäblich gelehrt wird.

    „Aus diesem Grund werden Dinge, die in einem Abschnitt der Heiligen Schrift anhand von Metaphern beschrieben werden, in anderen Abschnitten ausführlicher erläutert. Tatsächlich ist gerade die Unklarheit der Bilder nützlich, um den Verstand zu schulen, und sie ist auch nützlich, um dem Spott der Ungläubigen entgegenzuwirken, von dem in Matthäus 7:6 die Rede ist. Gebt das Heilige nicht den Hunden.“

    „Hat die Heilige Schrift mehrere Bedeutungen für einen einzigen Abschnitt?“ Seine Antwort lautet ja. Aber er sagt, dass es sogar mehrere wörtliche Bedeutungen für einen Abschnitt geben kann. Er möchte jedoch betonen, dass die wörtliche Bedeutung die Grundlage für alle anderen ist.

    „In der Heiligen Schrift gibt es keine Verwirrung, da alle Sinne auf einem einzigen Sinn beruhen, nämlich dem wörtlichen Sinn. Und wie Augustinus in Contra incentium donatist erklärt, kann ein Argument nur aus dem wörtlichen Sinn abgeleitet werden.“

    Er geht sogar so weit zu sagen, dass wir Metaphern oder Symbole wörtlich nehmen sollten. Was würde das überhaupt bedeuten? „Der Sinn einer Parabel ist im wörtlichen Sinn enthalten. Denn in einer Parabel wird etwas durch die Worte richtig bezeichnet und etwas bildlich bezeichnet. Und der wörtliche Sinn ist nicht die Figur selbst, sondern das, wofür die Figur steht. Wenn beispielsweise in der Heiligen Schrift vom Arm Gottes die Rede ist, dann ist der wörtliche Sinn nicht, dass Gott tatsächlich einen Körperteil in Form des betreffenden Schwertes hat. Es ist also nicht das, was man wörtlich verstehen würde. Vielmehr ist der wörtliche Sinn, dass Gott das hat, was durch diesen Körperteil symbolisiert wird, nämlich operative Kraft.“

    Mit anderen Worten, meine Erklärung dessen, was er sagt, ist, dass wenn man eine Metapher oder ein Symbol wörtlich liest, man es als Symbol liest.

    Damit macht Thomas von Aquin deutlich, dass nichts Falsches die Grundlage des wörtlichen Sinns der Heiligen Schrift bilden kann. Mit anderen Worten: Die wörtliche Auslegung eines Symbols ist lediglich das richtige Verständnis dessen, was das Symbol bedeutet. Ich weiß, dass dies wie eine Art Zirkelschluss oder eine Art Rundum-Argumentation wirkt, da ein Interpret in vielen Fällen wissen möchte, ob es sich um ein Symbol für etwas anderes handelt oder ob es wörtlich oder auf andere Weise zu verstehen ist.

    Brian Doak; Thomas Aquinas, Summa Theologica, trans. Alfred J. Freddoso. Part 1, Q1, The Nature and Extent of Doctrine:

    Alles klar? Also das nächste mal, wenn jemand denkt, dass ich hier die Sache kompliziert mache …

    Aber im Ernst, hältst du das für eine Art der Deutung, der Interpretation des biblischen Textes, die nun auch wieder rund ein Jahrtausend zurückliegt? Das gibt es doch heute nicht mehr?

    Nun, die wörtliche Interpretation eines biblischen Textes gibt es auf jeden Fall und dir fallen bestimmt auch ganz viele Stellen ein.

    Was ist mit der nächsten, der allegorischen Deutungsebene? Das findet sich im Neuen Testament selbst schon. Wir hatten schon 1. Korinther 10:1,2 angesprochen: „Denn das sollte euch klar sein, Geschwister: Unsere Vorfahren waren alle unter dem Schutz der Wolke und gingen alle durchs Meer. Und alle wurden in der Wolke und dem Meer auf Mose getauft.“

    Konfessionen habe aber auch heute noch weitere Allegorien oder Vor- und Gegenbilder (englisch types / antitypes) erfunden. Ich erinnere mich an viele solcher Gegenbilder, die Jehovas Zeugen über hundert Jahre eifrig verwendet haben, bis dies in den 2010er Jahren dann als veraltet bezeichnet wurde. Also eigentlich als falsch, aber so deutlich steht das im Wachtturm selbstverständlich nicht. Zumindest stand das dort:

    In der Vergangenheit war es in unseren Veröffentlichungen eher üblich, an die in der Bibel aufgezeichneten Berichte mit der Vorbild-Gegenbild-Methode heranzugehen. Die biblische Erzählung war das prophetische Vorbild und jede Erfüllung davon war das Gegenbild.

    Heißt das aber, dass jede Person, jedes Ereignis und jeder Gegenstand, von denen die Bibel berichtet, auf jemand oder etwas hinweist?  In der Vergangenheit hat man so gedacht. Da wäre der Bericht über Naboth. … Im Jahr 1932 wurde der Bericht als ein prophetisches Drama erklärt: Ahab und Isebel stellten Satan und seine Organisation dar. Naboth stand für Jesus. Folglich wies der Tod Naboths auf Jesu Hinrichtung hin. Doch Jahrzehnte später hieß es in dem 1961 veröffentlichten Buch „Dein Name werde geheiligt“, Naboth stelle die Gesalbten dar und Isebel die Christenheit. Die Verfolgung Naboths durch Isebel stehe daher für die Verfolgung der Gesalbten in den letzten Tagen. Viele Jahre lang fand Gottes Volk diese Herangehensweise an Bibelberichte glaubensstärkend.

    Der Wachtturm, 15.3.2015, S. 9, Abs. 7-9, Fettdruck von mir

    Je länger die Veröffentlichung zurück lag, um so häufiger und oft absurder sind diese allegorischen Auslegungen.

    Das hat sich dann geändert, und die dritte Ebene, die moralische Auslegung steht im Vordergrund. Der selbe Wachtturm schreibt:

    Was aber noch bedenklicher ist: Bei der Suche nach möglichen gegenbildlichen Erfüllungen gehen die moralischen und praktischen Lehren aus den Bibelberichten womöglich ganz oder teilweise unter. Heute konzentriert man sich deshalb in den Veröffentlichungen mehr auf die einfachen und praktischen Lehren in Bezug auf Glauben, Ausharren, Gottergebenheit und andere wichtige Eigenschaften, über die wir etwas lernen können.

    Der Wachtturm, 15.3.2015, S. 9, Abs. 10

    Natürlich war die Begründung neues Licht und dass Gott die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas anleitet. Und warum diese Kehrtwende in der Interpretation der Bibel besser ist. Für die alte, nun falsche Interpretation hat man sich aber nicht entschuldigt. Nachdem ein bisschen zugegeben wurde, was so alles als Vorbild diente (und das ist nur die Spitze des Eisbergs), steht das:

    Fragen von Lesern: In der Vergangenheit wurde in unseren Veröffentlichungen oft von Vorbildern und Gegenbildern gesprochen. In den letzten Jahren geschah das jedoch kaum noch. Warum eigentlich?

    … In den Jahrhunderten nach Christi Tod haben Gelehrte den Fehler gemacht, überall nach Bildern zu suchen. Bezüglich der Lehren von Origenes, Ambrosius und Hieronymus … Augustinus von Hippo kommentierte ausgiebig  … Erscheinen uns solche Deutungen abwegig? Dann verstehen wir die Problematik. Menschen können nicht wissen, welche Bibelberichte für etwas Künftiges stehen und welche nicht. Am besten ist: Wo die Bibel lehrt, dass eine Person, ein Ereignis oder ein Gegenstand ein Bild für etwas anderes ist, akzeptieren wir das. Wo es jedoch keine eindeutige biblische Grundlage gibt, werden wir einer Person oder einem Bericht nicht voreilig eine gegenbildliche Anwendung zuweisen.

    Der Wachtturm, 15.3.2015, S. 17, Fettdruck von mir

    Ist es dir aufgefallen? Nicht, dass im Artikel von „wir“ und „uns“ gesprochen wird, als wäre diese Auslegung irgendwelchen Mitgliedern der Zeugen Jehovas eingefallen. Dafür war schon die Leitende Körperschaft alleine verantwortlich. Bevor gesagt wird, dass solche „Deutungen abwegig erscheinen“ wird noch schnell auf die Kirchenväter abgelenkt. Schaut mal, die haben es doch auch so gemacht. Als wären die Kirchenväter sonst als Vorbilder für die Zeugen Jehovas betrachtet worden.

    Aber was ist mit der vierten Ebene, der Anagogie? „Anagogie bezeichnet eine geistige oder mystische Erhebung, die vom wörtlichen Sinn eines Textes oder Symbols zu einer höheren, spirituellen oder himmlischen Bedeutung führt.“ Dafür gibt es bei den Zeugen Jehovas auch viele Beispiele, wie wäre es damit?

    Aaron, Moses’ Bruder, stellt treffend die geistigen Brüder des größeren Moses dar, im besonderen den Überrest, der sich heute noch auf der Erde befindet. Aaron diente Moses als Wortführer, weil dieser wahrscheinlich sprachbehindert war; er war, wie er selbst schrieb, „unbeschnitten an Lippen“, das heißt, seine Lippen hatten gleichsam eine Vorhaut und waren deshalb zu dick und zu groß, so daß sie ihn am fließenden Sprechen hinderten. (2. Mose 6:12 [Siehe NW, englische Ausgabe 1953, Fußnote.]) Das veranschaulicht daß Jesus Christus in der Stellung eines herrlichen Geistgeschöpfes im Himmel gleichsam sprachbehindert ist, indem er den Menschen auf der Erde Gottes Botschaft nicht persönlich überbringen kann, sondern den Überrest seiner geistigen Brüder, den neuzeitlichen Aaron, als Wortführer gebraucht. Das Volk Israel stellt das ganze Volk Gottes dar, das von Satan, dem Teufel, und seiner Organisation bedrückt wird.

    Der Wachtturm, w65 15. 8. S. 496-497 Abs. 8

    Das stand da wirklich so im Wachtturm! Das kannst du (noch) in der Online-Bibliothek der Zeugen Jehovas selbst finden. Und bei solchen atemberaubenden Anagogien und einem so wörtlich „gleichsam sprachbehinderten Jesus Christus in der Stellung eines herrlichen Geistgeschöpfes im Himmel“ fällt einem doch nichts mehr ein. Ich glaube, Professor Doak hätte seine Freude daran.

  • Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Von Christian / Brian Doak / Augustinus von Hippo


    Das ist ein weiteres Video, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man die Bibel lesen und interpretieren sollte. Ob man das alleine tun kann. Vielleicht nur mit dem Heiligen Geist? Oder braucht es Lehrer? Und ob all dieses Lesen, Forschen und Auslegen letztendlich überhaupt so wichtig ist, wie wir das vielleicht denken – oder uns gesagt wurde. Und was es sonst noch dabei zu beachten gilt.

    Diesmal schauen wir einmal, was einer der sogenannten Kirchenväter mit Namen Augustinus von Hippo dazu zu sagen hat. Er ist einer der einflußreichsten Kirchenväter, erst als Erwachsener nach einer spirituellen Suche zum Glauben gekommen und hat viel bewirkt. Er ist der große spirituelle Vater der westlichen Kirche. Seine Spuren wirken bis heute nach – wie auch immer man sie im Nachhinein bewertet.

    Heute geht es um einige Gedanken aus seinem Werk Über die christliche Lehre, lateinischer Titel De doctrina christiana, das etwa um das Jahr 400 entstand.

    Warum befassen wir uns mit so einem alten Buch? Nicht weil dessen Aussagen und Lehren verbindlich für uns sind. Wir sollten es eher als Teil einer Serie sehen, die heißen könnte: Antworten schlauer Christen auf Fragen, die wir heute noch haben.

    Auch dieser Beitrag beruht auf einem Video von Professor Brian Doak:

    Augustinus geht es nicht nur um die christliche Lehre, obwohl sein Buch so heißt. Sondern auch darum, wie man diese verstehen und weiter geben kann. Und er beginnt damit.

    Brauchst du einen Lehrer?

    Auch damals gab es schon Leute, die dachten und sagten, dass sie keine Lehrer bräuchten. Weil sie beim Lesen durch ein besonderes Geschenk Gottes das selbst interpretieren und verstehen könnten. Kommt dir das bekannt vor? Klar. Steht doch so in der Bibel:

    Für euch aber gilt: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist lehrt euch das alles. Und was er lehrt, ist wahr, es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch lehrt, und lebt mit Christus vereint.

    1.Johannes 2,27 NEÜ

    Ganz unbewusst haben wir hier aber einige Annahmen getroffen: Mit ‚euch‘ sind nicht nur die direkten Adressaten des Briefes gemeint, sondern auch andere Christen oder alle oder zumindest einige, die heute leben. Und wir nehmen an, dass diese Aussage für alle Zeit danach gilt, oder zumindest für unsere.

    Ist dieser Text denn so einfach anzuwenden? Schließlich steht da: „der Geist lehrt euch das alles“. Ist dir aufgefallen, dass hier ‚das‘ gesagt wird? Auf welche Dinge bezieht sich denn der Text? Geht es vielleicht doch nur um Vers 22: Dass Jesus der Christus, der Messias ist? Und was bedeutet ‚alles‘? Dann müssten ja diejenigen, welche durch den Geist so belehrt werden, alles verstehen? Aber, das tun sie doch gar nicht. Müsste man dann nicht logischerweise schlußfolgern, dass sie nicht zu diesem erlauchten Kreis gehören?

    Zurück zu Augustinus. Wenn jemand meint, er braucht keine Lehrer, antwortet Augustinus: Von wegen! Du hast schon so etwas einfaches wie das Alphabet von einem Lehrer beigebracht bekommen!

    Und Augustinus fährt fort: Und wenn du meinst, dass die Interpretation einfach eine Gabe Gottes ist, wie steht es dann damit: Wie wäre es damit, dass ich diese Gabe Gottes habe, die Schrift zu interpretieren, und du hörst einfach auf zu reden?

    Ich persönlich würde hinzufügen: Wenn die Interpretation der Schriften eine Gabe Gottes ist, warum gibt es dann verschiedene Auslegungen? Und wenn schon in deiner Gruppe alle sagen, dass sie diese Gabe Gottes haben und trotzdem zu verschiedenen Auslegungen kommen, zum Beispiel in Bezug auf die Natur Jesu im Verhältnis zu Gott, was ist dann? Haben manche dann doch nicht die Gabe Gottes (oder des heiligen Geistes) und täuschen sich und andere? Was zu beweisen wäre. Oder kann es durch diese Gabe Gottes verschiedene Auslegungen geben? Zumindest momentan?

    Wenn es keine verschiedenen Auslegungen durch die Gabe Gottes gibt, dann genügt es ja, wenn wenige – die Lehrer – diese besitzen. Oder wenn viele von sich annehmen, dass sie diese Gabe haben und doch zu verschiedenen Auslegungen kommen, dann sind unter diesen vielleicht doch nur ein paar richtige Lehrer?

    Nun gut, Christian. Was soll das? Ich möchte nur betonen, dass es immer wieder Zeiten gab, wo Menschen in einer kirchlichen Hierarchie von sich behauptet haben, dass sie – und nur sie – den Geist haben oder durch Gottes Gabe die wahre Auslegungen erkennen. Bischöfe, Päpste, die Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas und so weiter.

    Wer das erlebt und bemerkt hat, dass er getäuscht wurde, wird schon bei dem Gedanken, dass jemand anderes ihm sagt, was die richtige Lehre ist, rot sehen. Wobei man aber unterscheiden sollte, ob es um einen Gelehrten geht, der Wissen erarbeitet, oder jemanden, der verbindliche Glaubenslehren für die Gemeinschaft aufstellt.

    Das Problem verschwindet leider nicht, wenn man austritt und meint, dass in einer Gruppe jeder durch den Geist Gottes oder als Gabe Gottes die richtige Auslegung der Schriften erkennt. Sobald es verschiedene Auslegungen gibt, landet man entweder bei ‚wir‘ gegen ‚sie‘ (die haben eine falsche Auslegung, haben nicht diese Gabe, haben nicht den Geist, sind ‚Teil der falschen Religion‘). Oder man muss anerkennen, dass man verschiedene Auslegungen durch Gottes Gabe haben kann.

    Oder man akzeptiert, dass das mit der Gabe Gottes weder damals noch heute so einfach funktioniert hat.

    Und damit kommen wir zu Augustinus zurück, der unsere Aufmerksamkeit auf etwas viel Wichtigeres hinlenkt: Wir Menschen sind Gottes Tempel, um zu lernen.

    Er zitiert 1. Korinther 3. Das ist ein ziemlich tiefer Gedanke in Bezug auf das Thema Inkarnation. Gott hat so viel in die Menschheit als sein Bild und Jesus investiert. Wenn wir also Gottes Tempel sind, dann sind wir ein göttlicher und heiliger Bereich zum Lernen. Und deshalb sollten wir in einem akademischen Sinne die Schriften, die Bibel, studieren und Theologie studieren.

    Und was die Schriften betrifft, müssen wir uns eines bewusst sein:

    Es gibt Sachen, lateinisch res (Plural) und es gibt Zeichen, lateinisch signa (Plural). Diese Zeichen deuten auf Sachen hin. Zum Beispiel ist ein Fußabdruck eine Sache, aber auch ein Zeichen, weil es auf einen Fuß hinweist, der diesen Abdruck erzeugt hat. Der Fußabdruck ist aber nicht der Fuß. Das klingt erst einmal nach Plato und ist es auch.

    Er fügt aber hinzu, dass es die eine ‚Sache‘ gibt, lateinisch res (Singular), die Gottheit. Und die Schriften alles in Zeichen signa auf diese eine Sache res hinweisen und darüber lehren, weil wir es nur so verstehen können.

    Und Augustinus sagt noch mehr: Zeichen (signa) sind eigentlich keine natürlichen Dinge. Das ist etwas, was wir erfinden. Und zwar in Gemeinschaften. Und daher gibt es nicht nur Sachen res oder die Sache res (Gott) und Zeichen signa, sondern auch Gemeinschaften, die diese Zeichen gemeinsam verwenden. Es sind also 3 Elemente beteiligt. Das geht über Plato hinaus.

    Und es sind Zeichen, die in einer Gemeinschaft gemeinsam verwendet werden, um zu den Sachen zu gelangen.

    Und dabei müssen wir aufpassen, dass wir die Zeichen nicht mit den Dingen verwechseln oder gar identifizieren. Denn das wäre eine Art Götzendienst.

    Die Schriften enthalten nur signa, Zeichen, die auf die res, Sachen, hindeuten. Letztendlich auf das eine res, Gott.

    Wenn wir die Schriften überbetonen, als Maß aller Dinge, und sie damit auf die Stufe Gottes erhöhen oder sie zwischen Gott und uns stellen, dann begehen wir Götzendienst.

    „Wie könnten wir denn je die Bibel mit Gott gleichsetzen, niemals!“ Diesen Gedanken sollten wir nicht so schnell zu Seit wischen. Überlegen wir einmal, welchen Stellenwert die Bibel für uns einnimmt. Auch im Vergleich zu Gebet und Vertrauen auf Gott? Was machst du, wenn du eine Frage zum Glauben oder Leben hast? Suchst du einen genau passenden Text und denkst dann: „Die Bibel sagt das so!“ Und das war es dann? Dann wäre die Bibel die höchste Autorität für dich …

    Augustinus kommt nun zu einer weiteren interessanten Schlussfolgerung:

    Brauchst du die Schriften überhaupt, um ein guter Gläubiger zu sein?

    Ich gebe mal Brian’s Zusammenfassung wieder:

    Was ist dann der Kern von Augustinus‘ Vorstellung davon, was die Bibel ist und was sie lehrt? Er hat ein berühmtes Doppelgebot. Er übernimmt das berühmte Doppelgebot Jesu. Was ist das wichtigste Gebot? Liebe den Herrn, deinen Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Richtig? Diese doppelte Liebe zu Gott und zum Nächsten ist also tatsächlich der Kern seiner biblischen Theologie und der Schlüssel zu seiner biblischen Hermeneutik. Die Bibel lehrt uns, Gott zu lieben und unseren Nächsten zu lieben. Und wenn man das durch den Text erreichen kann, sagt er etwas später in Buch drei, dann ist das alles. Dann ist man auf dem richtigen Weg. Man braucht keine spirituelle Lektüre oder sonst etwas. Man kann einfach eine wörtliche Lektüre an der Oberfläche vornehmen. Das ist also wirklich sein Kernpunkt. Diese doppelte Liebe. Die Bibel lehrt uns zu lieben und lehrt uns, die Lust zu vermeiden. Für ihn ist das in gewisser Weise so einfach, obwohl es auch sehr kompliziert ist. Er kehrt übrigens sogar zu dieser Vorstellung zurück, dass die Bibel ein Zeichen ist und Gott eine Sache ist und die Bibel auf Gott hinweist, so wie ein Zeichen auf eine Sache hinweist. Augustinus macht eine Aussage über die Bibel, die für manche Christen heute vielleicht schockierend wäre. Er spricht von Menschen, die durch Glauben, Hoffnung und Liebe gestärkt sind und die unbeirrt an diesen Dingen festhalten. Er sagt, dass diese Menschen, wenn man selbst dieser Mensch wäre, gestärkt durch Glauben, Hoffnung und Liebe, der unbeirrt an ihnen festhält, dass dieser Mensch die Schriften nicht braucht, außer um andere zu unterweisen. Deshalb leben viele Menschen, die sich auf diese drei Dinge verlassen, Glauben, Hoffnung und Liebe, tatsächlich in Einsamkeit ohne jegliche Texte aus der Heiligen Schrift. Sie sind, glaube ich, eine Erfüllung des Sprichworts: Wenn es Propheten gibt, wenn es Prophezeiungen gibt, sie werden ihre Bedeutung verlieren. Wenn es Sprachen gibt, sie werden aufhören. Wenn es Wissen gibt, wird auch das seine Bedeutung verlieren. 1. Korinther, Kapitel 13, richtig? Also, ich denke, diese Vorstellung, dass ein Mensch tatsächlich spirituell über die Bibel hinauswachsen kann, indem er an einen Punkt gelangt, an dem er als Zeichen auf das Wahre hinweist, ist meiner Meinung nach sehr anschaulich für die Art und Weise, wie Augustinus die Heilige Schrift sah. Natürlich spielt er hier die Heilige Schrift nicht herunter. Er sagt nur: Vergesst nicht, dass dies Zeichen sind, die auf etwas hinweisen.

    Und das ist für viele, die sich für sich nicht den Weg durch ein akademisches Studium der Schriften, der Bibel, erkennen können, eine große Erleichterung:

    Augustinus sagt, dass diese Menschen, gestärkt durch Glauben, Hoffnung und Liebe, die unbeirrt an ihnen festhalten, dass diese Menschen die Schriften nicht brauchen, außer um andere zu unterweisen.

    Das passt auch zu der Vorstellung, dass Gott uns als Bilder Gottes gemacht hat. Wenn jemand also durch Glauben, Hoffnung und Liebe so lebt, dass man dadurch Gott erkennen kann, dann ist man nach Augustinus auch ein signum, ein Zeichen, das auf diese eine Sache, res, Gott, hinweist.

    Hier könnten wir eigentlich eine Pause machen oder aufhören.

    Aber wegen all den Leuten, die es mit dem akademischen Studium der Schriften nicht lassen können, mache ich halt weiter. 😆

    Arbeitest du mit den Schriften, und wenn ja, wie und mit welchen?

    Was die Schwierigkeiten und Mehrdeutigkeiten in den Schriften betrifft, denkt Augustinus ähnlich wie Origenes (siehe letztes Video Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte): Gott möchte, dass wir uns Mühe geben. Augustinus sagt das so: „Die Gefahr ist Lethargie. Wir müssen vor Langeweile gerettet werden.“ Er spricht von sieben Stufen der Annäherung an Gott durch akademisches Studium der Schriften. Und dass das anstrengend ist. Und als dritte Stufe erwähnt er, dass man tatsächlich auch die Schriften lesen muss.

    Du kannst nicht einfach ein paar Bücher lesen, ein paar YouTube oder TikTok Videos sehen, ein paar (emotionale) Predigten hören und die Schriften wirklich verstehen. Du musst sie selbst lesen. Nichts kann das tatsächliche Lesen ersetzen.

    Bei Augustinus finden wir auch einen Kanon des Neuen Testaments. Über den Kanon des Neuen Testaments hatte ich eine ganze Serie veröffentlicht. Interessanterweise unterscheidet sich der bei Augustinus aber von vielen heutigen Ausgaben der Bibel. Er enthält nämlich auch sogenannte Apokryphen oder deuterokanonische Bücher. In römisch-katholischen, orthodoxen oder alt-orientalischen Ausgaben kann man einige finden, im Judentum oder Kirchen der Reformation nicht.

    Augustinus möchte auch, dass man die Sprachen lernt, dass man die Schriften im Original liest. Und dass das, was wir heute Text-Kritik nennen, zuerst kommt. Sich kritisch mit dem vorhandenen Text und eventuellen Übersetzungen auseinandersetzten.

    „Er zeigt sogar in Buch zwei, dass er an das Besondere der Septuaginta-Übersetzung glaubt. Und er scheint dieser Idee der Vorrangstellung der Septuaginta, die bei Christen in unterschiedlicher Weise beliebt ist, ein wenig zuzustimmen. Nämlich: Wenn die Autoren des Neuen Testaments auf Griechisch geschrieben haben und wenn sie das Alte Testament in dieser sogenannten Septuaginta auf Griechisch zitieren, warum lesen wir es dann nicht auch in Griechisch?“

    Augustinus formuliert auch diese Überzeugung: Alle Wahrheit, die wir finden können, ist Wahrheit von Gott. Auch wenn er dann irgendwie doch kritisch gegenüber weltlichem Lernen ist, verwendet er wie andere Kirchenväter den Vergleich, dass beim Exodus die Israeliten die Ägypter ausplünderten (2. Mose 12): Christen sollten nicht-christliches Lernen und Wissen für sich verwenden.

    Und zwar, um ihre Leben und Glauben zu vertiefen und verbessern. Für Augustinus kommt ‚Heiligkeit‘ übrigens zuerst, also richtig zu leben.

    Für Augustinus ist übrigens auch die kirchliche Tradition wichtig, die uns anleitet. Und auch bei der Auslegung der Schriften anleitet. Weil man sonst bei Mehrdeutigkeiten Texte falsch auslegen würde, wie die Herätiker. Aber auch der Kontext der Texte muss betrachtet werden. Interessant, dass das schon damals klar war, und dann immer wieder ignoriert wurde.

    Woher wissen wir, ob das, was wir lesen, wörtlich oder spirituell oder symbolisch zu verstehen ist? Für Origenes hatte alles eine spirituelle Bedeutung, und manches auch eine wörtliche. Für Augustinus ist es genau umgekehrt: Alles hat eine wörtliche Bedeutung, und manches eine spirituelle. Brian fasst das so zusammen: „Texte, die einfach nur gute Moral oder wahren Glauben lehren, kann man einfach wörtlich lesen, das ist überhaupt kein Problem. Wenn die Botschaft klar ist, mit anderen Worten, wenn sie nicht bildlich ist. Bei einem bildlichen Text jedoch, etwas Schwierigem, etwas Nicht-Offensichtlichem, ermutigt er uns, ihn so lange zu studieren, bis er mit dem Bereich der Liebe in Verbindung gebracht werden kann. Mit anderen Worten: Studiere ihn so lange, bis du zur doppelten Liebe gelangst, zur Liebe zu Gott und zur Liebe zum Nächsten. Wenn ein Text präskriptiv ist, wenn er etwas verbietet oder vorschreibt, ist er wörtlich zu nehmen. Okay. Er sagt, dass fast alles im Alten Testament wörtlich und bildlich zu nehmen ist, aber dass wir nach dem Neuen Testament urteilen sollten. Diese christozentrische oder neutestamentliche Auslegung ist natürlich unter christlichen Auslegern sehr verbreitet.“

    Für Augustinus ist auch klar, dass man sich des historischen und kulturellen Kontextes bewusst sein muss, insbesondere beim Lesen im Alten Testament.

    Er unterscheidet Lehrer von Predigern. Das entspricht in etwa Gelehrten, die Wissen erarbeiten, und anderen, die das dann vermitteln.

    Wenn du nun den Eindruck gewonnen hast, dass dies doch auch ein ziemlich akademisches Werk ist, dann hast du nicht Unrecht. Allerdings schließt Augustinus dann mit einer Art Beispiel-Predigt ab, um diesen Gedanken mit Lehrern und Predigern zu erklären. Was er da schreibt, würden wir aber vielleicht eher als Polemik beschreiben, bei der es darum geht, ob Frauen kosmetisches Makeup tragen dürfen. Nun ja, das hilft uns auch, einen Autor wie Augustinus und seine Werke besser einzuschätzen.

    Zumindest möchte er klar machen, dass die Schönheit und der Stil der Schriften sich auch in den Predigen widerspiegeln sollte. Wie recht er doch schon vor 1500 Jahren hatte … (ausgenommen sind natürlich meine Texte 😂).

  • Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte

    Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte

    Von Christian / Brian Doak / Origenes


    Wenn du jetzt aufgrund des Titels erwartest, dass ich hier über eine sensationelle neue Entdeckung einer antiken christlichen Schrift spreche, dann stimmt das nur teilweise: Für dich kann es eine neue Entdeckung sein. Aber auch wenn du von der Existenz dieses fast 2000 Jahre alten Text schon wusstest, wird es interessant sein zu sehen, dass sich im 3. Jahrhundert Christen schon die selben Fragen wie wir gestellt haben. Und dann deren Antworten zu hören.

    Es geht um das Werk De principiis von Origenes von Alexandria, dass er im Jahr 231 in Alexandria geschrieben hat. Der Originaltitel ist: Περὶ ἀρχῶν Perì archōn „Über die Grundlagen“).

    Der Anfang von Origenes’ De principiis in einem karolingischen Manuskript des 10. Jahrhunderts: Liber primus Periarcon Origenis emendatum(Herzog August Bibliothek Cod. Guelf. 57 Weiss., fol. 3 r)

    Wenn du jetzt denkst, dass das einer der sogenannten Kirchenväter ist – und mit Kirche willst du doch nichts zu tun haben – dann liegst du nicht ganz richtig. In der römisch-katholischen Patristik wird er nur als Kirchenschriftsteller anerkannt! Wenn du einen Hintergrund als Zeuge Jehovas hast, dann hast du vielleicht die Argumentation im Hinterkopf, dass nach der Offenbarung des Johannes und dem Jahr 100 eh alles zum vorhergesagten Abfall vom Glauben und der ‚falschen Religion‘ gehört und zu ignorieren ist. So einfach ist es allerdings nicht …

    Origines war ein außergewöhnlich intelligenter Zeitgenosse, der schon Lehraufgaben und eine eigene Schule hatte als er um die 18 Jahre als war. In seinen 20ern war er schon als außergewöhnlicher Lehrer bekannt. Origenes wurde wegen Verweigerung des Opfers für den Kaiser unter Decius gefoltert und starb 69-jährig an den Folgen. Auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 wurde er dann wegen anderer Lehren, die aus seinen weiterentwickelt worden waren, gleich mit als Herätiker gebrandmarkt und die kaiserliche Polizei zog seine Schriften ein und vernichtete sie.

    Natürlich hat Origenes auch einige ‚wilde‘ spekulative Ideen vertreten. Zum Beispiel eine Vorstellung der Emanation: Alles kommt aus Gott und kehrt zu Gott wieder zurück. Und dass alle erlöst werden, inklusive den Dämonen und Satan. Aber wenn wir bedenken, wie nahe er noch zu der Zeit Jesu und der Apostel war und was in dieser Zeit alles überlegt und diskutiert wurde, sind wir in unserem Urteil über ihn vielleicht etwas gnädiger.

    Warum befassen wir uns mit seinem Buch? Nicht weil dessen Aussagen und Lehren verbindlich für uns sind. Wir sollten es eher als Teil einer Serie sehen, die heißen könnte: Antworten schlauer Christen auf Fragen, die wir heute noch haben.

    Dann schauen wir uns doch mal drei Lektionen zum Thema Wie sollte man die Bibel lesen an, denn es ist das oder eines der ältesten christlichen Handbücher zu diesem Thema. Diese Punkte hat Professor Brian Doak in einem seiner vor kurzem veröffentlichten Videos erwähnt. Wer Englisch versteht, kann sich gerne mal das Video anhören. Ich finde seine Begeisterung für ein Thema immer wieder ansteckend 😀:

    Gut, was sagt Origenes in seinem Buch Über die Grundlagen denn zum Thema, wie man die Bibel lesen sollte? Das findet man in Buch 4, Kapitel 1 bis 3. Und dieses kohärente Handbuch zur Interpretation ist etwa einhundert Jahre älter als die Schriften des Augustinus, die sonst üblicherweise angeführt werden. Nun also zu den Punkten, die auch für uns heute noch nützlich sind.

    Warum sollten wir überhaupt sagen, dass die Bibel göttlich ist?

    Im Prinzip sagt Origenes: Wir wissen, dass die Bibel göttlich ist, weil so viele Menschen an sie glauben. Und weil sie sich so schnell sogar unter ganz anderen Kulturen verbreitet hat. Und so viele Prophezeiungen haben sich erfüllt. Daher muss dieses Buch göttlichen Ursprungs sein.

    Damit möchte er eine Grundlage legen, warum man die Bibel überhaupt lesen sollte. Interessant ist für uns, dass diese Argumente gar nicht neu sind, sondern quasi so alt wie das Christentum. Und doch sind diese Argumente im Kontext des 3. Jahrhunderts zu sehen. Nehmen wir zum Beispiel das Argument, die Bibel ist göttlich, weil sie sich so schnell auch unteren Kulturen verbreitet hat. Diese Argument wird Jahrhunderte später auch in Bezug auf den Koran gebraucht. Und man könnte es auch auf Das Kapital von Karl Marx anwenden, obwohl hier wohl nur wenige von göttlicher Inspiration ausgehen werden.

    Damit kommt Origenes aber zu einer interessanten Aussage über die Bibel.

    Was machen wir, wenn der Text der Bibel unlogisch, schockierend oder falsch ist?

    Manche würden schon das bestreiten. Aber es gibt bestimmt genügend Stellen, welche dir beim Lesen als unlogisch, widersprüchlich, schockierend oder falsch erschienen sind. Und damit ist es dann egal, wie andere damit umgehen. Du musst das für dich klären.

    Origenes sagt weiter, dass der größte Fehler, den man als Leser und Ausleger der Bibel machen kann, ist, sie nur wörtlich zu lesen. Jeder Teil der Bibel hat eine spirituelle Interpretation, etwas tiefer Liegendes! In Buch 4, Kapitel 2, Teil 9 sagt er:

    Aber wenn die Nützlichkeit des Gesetzes und die Abfolge und der Fall der Erzählung auf den ersten Blick durchgehend klar erkennbar wären [wenn wir sie nur leicht verstehen könnten], wären wir uns nicht bewusst, dass es in den Schriften etwas gibt, das über die offensichtliche Bedeutung hinausgeht, die wir verstehen müssen.

    Folglich hat das Wort Gottes sozusagen gewisse Stolpersteine, Hindernisse und Unmöglichkeiten in das Gesetz und die Geschichte eingefügt, damit wir nicht vollständig von der bloßen Attraktivität der Sprache mitgerissen werden.

    Und so lehnen wir entweder die wahren Lehren gänzlich ab, weil wir aus den Schriften nichts lernen, was Gottes würdig wäre, oder wir entfernen uns nie vom Buchstaben und lernen so nichts über das göttlichere Element.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9

    Brian Doak sagt dazu: „Ich meine, stell dir mal vor, wie seltsam die Vorstellung ist, dass der Heilige Geist, dass Gott absichtlich Stolpersteine in den Text eingebaut hat, die dich ins Straucheln bringen, die dich innehalten lassen, die dich zum Stehenbleiben bringen. Ich finde, das hat eigentlich etwas wirklich Wunderbares an sich.“

    Bei Origenes steht weiter:

    Die Bibel hat in die Geschichte etwas eingebaut, das nicht oft passiert ist, etwas, das eigentlich nicht passieren konnte, Unmögliches und manchmal etwas, das vielleicht passiert sein könnte, aber in Wirklichkeit nicht passiert ist. Manchmal werden ein paar Worte eingefügt, die im physischen Sinne nicht stimmen.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9

    Und dazu sagt Brian Doak dann: „Er meint also: Wenn man die Bibel so liest, gibt’s da echt Sachen, die nicht stimmen. Diese Sachen sollen dich aufhalten. Sie sind wie Stolpersteine für dich als Leser. Und ich liebe diese Idee, dass es so eine Art Theologie des Mysteriums gibt, eine Theologie des Stolperns, eine Theologie des Anhaltens, eine Theologie der unwahren Dinge, mit denen man sich vielleicht auseinandersetzen muss, um wirklich zu verstehen, was die Bibel sagt. Ich finde das wirklich erstaunlich. Eine Art Theologie der Verschleierung, könnte man sogar sagen, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.“

    Nun zum nächsten Punkt.

    Das Problem beginnt schon gleich am Anfang …

    Welcher kluge Mensch glaubt denn, dass es den ersten, zweiten und dritten Tag sowie den Abend und den Morgen gab? [Er redet über die Schöpfungsgeschichte.] Wer würde glauben, dass es Abend und Morgen gab, ohne dass es Sonne, Mond und Sterne gab? Und dass es am ersten Tag, wenn man ihn so nennen kann, noch nicht mal einen Himmel gab. Und wer ist so naiv zu glauben, dass Gott wie ein Bauer ein Paradies im Osten in Eden angelegt und darin einen sichtbaren und greifbaren Baum des Lebens gepflanzt hat, von dem jeder, der mit seinen körperlichen Zähnen von dessen Früchten kostete, das Leben erlangte?

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3

    Im Prinzip sagt Origenes: Wenn du an eine wörtliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte glaubst, bist du dumm. Das sagt er jetzt nicht, weil er die Bibel oder andere verächtlich machen will. Ganz im Gegenteil. Origenes glaubt zutiefst an die Bibel und dass es der vollständige Vorrat göttlicher Gedanken ist. Und er war bereit, dafür zu sterben. Es geht ihm darum, dass die Bibel in einer gewissen Weise gelesen werden muss.

    Origenes sagt ganz klar, dass es Stellen gibt, die wörtlich zu lesen sind. Aber wenn das nicht funktioniert, dann lies sie nicht auf diese Weise! Alles hat auch eine symbolische Bedeutung.

    Es ist also erstaunlich, dass schon unter den frühen Kirchenvätern nicht alle an eine buchstäbliche Schöpfungsgeschichte glaubten. Aus guten Gründen. Und dass man dann diesen Text nicht einfach abtuen sollte, sondern die symbolische Bedeutung suchen sollte.

    Und nun zum dritten Punkt.

    Wir können alles in der Bibel verstehen…

    Dazu hat Origenes Folgendes zu sagen:

    Aber bei all dem sollten wir uns einfach daran halten, was die Frömmigkeit sagt, und die Worte des Heiligen Geistes nicht als etwas sehen, das von schwacher menschlicher Redekunst abhängt, sondern als etwas, das mit den Aussagen der Heiligen Schrift übereinstimmt. Die ganze Herrlichkeit des Königs ist in ihm. [Er zitiert Psalm 45.] Und ein Schatz göttlicher Bedeutungen liegt in den schwachen Gefäßen der armseligen Buchstaben verborgen. [Er zitiert 2 Korinther 4.] Wenn ein Leser aber neugieriger ist und darauf besteht, eine Erklärung für jedes Detail zu bekommen, soll er kommen und mit uns hören, wie der Apostel Paulus mit Hilfe des Heiligen Geistes, der sogar die Tiefen Gottes erforscht, sucht und doch nicht in der Lage ist, das Ende zu erreichen und, wenn ich so sagen darf, eine innerste Erkenntnis zu erlangen, und in seiner Verzweiflung und seinem Staunen über diese Aufgabe ausruft und sagt [in Römer 11]: „O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!“ Und in welcher Verzweiflung, ein vollkommenes Verständnis zu erlangen, stieß er diesen Schrei aus. Hört, wie er es uns selbst sagt. Wie unergründlich sind seine Urteile und seine Wege, die sich nicht erforschen lassen.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3, Teil 14

    Für Origenes können wir nicht alles über Gott verstehen, und damit bleiben auch Lücken in dem, was wir in der Bibel lesen. Wenn selbst einem Paulus dies trotz aller Anstrengungen verwehrt bliebe.

    Und für Origenes hört dieses Lernen auch nie auf, selbst wenn wir wieder ‚bei Gott‘ sein werden.

    Und das ist doch eine sehr demütige Einstellung, um biblische Studien anzustellen. Der Gedanke, dass es da immer noch mehr gibt.

  • Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Von Christian


    Ich bin mir sicher, dass einige bei diesem Titel gedacht haben: „Ich interpretiere die Bibel nicht! Ich bete um den Heiligen Geist und lese dann. Das ist alles, was ich brauche, um die Bibel zu verstehen.“ Nun gut. Gib mir noch ein paar Sekunden, um zu zeigen warum diese Serie trotzdem für dich wichtig ist. Oder vielleicht gerade für dich. Und für jeden, der die Bibel liest.

    Für diejenigen, die „nur mit Heiligem Geist lesen“: Es geht um das, was du beim Lesen und Verstehen der Bibel tust, ohne dir dessen überhaupt bewusst zu sein. Oder was vielleicht notwendig wäre, damit der Heilige Geist etwas bewirken und keine Wunder vollbringen muss.

    Und wer sich dessen schon etwas mehr bewusst ist: Was haben die ersten Christen und andere in den vergangenen zweitausend Jahren dazu zu sagen? Vielleicht haben sie ja Dinge beobachtet, verstanden oder hatten einfach nur Vorstellungen, die uns nie in den Sinn gekommen wären. Schauen wir sozusagen einmal über den Tellerrand. Das hilft, besser zu verstehen, wo man selbst steht. Und ob man daran vielleicht etwas ändern möchte.

    Wenn du in der Bibel liest …

    Zuerst einmal möchte ich kurz auf ein Diagramm hinweisen, das ich in der Reihe über den Kanon des Neuen Testaments gleich anfangs verwendet habe:

    Schon in jener Serie ging es mir darum, uns bewusst zu machen, was alles zwischen dem Schreiben des Neuen Testaments und uns als Lesern passiert. Aber es kommt noch mehr dazu.

    Wenn du in der Bibel liest, hat dir jemand das Lesen beigebracht. In der Regel ist das nicht der heilige Geist gewesen.

    Ich persönlich kenne niemanden, der durch eine Wundergabe des Heiligen Geistes lesen kann. Oder vielleicht in einer anderen Sprache lesen kann. Das wäre natürlich toll, wenn man so das Griechisch, Aramäisch, Hebräisch oder Latein der Antike lesen könnte. Was uns zum nächsten Punkt bringt.

    Wenn du in der Bibel liest, liest du höchstwahrscheinlich eine Übersetzung. Der Heilige Geist muss also nicht nur dir helfen, sondern auch den Übersetzern.

    Die Herausforderung der Überlieferung der Texte brauche ich hier nicht nochmals zu beschreiben, sondern möchte auf die Serie Der Kanon des Neuen Testaments verweisen. Aber ein Aspekt ist ziemlich wichtig:

    Wenn du in der Bibel liest, liest du mit deinem kulturellen Kontext eine Schrift, die in einem völlig anderen kulturellen Kontext verfasst wurde.

    Und der Text wurde nicht an dich geschrieben.

    Beim Schreiben wurden Konzepte und Vorstellungen der damaligen Zeit verwendet, die uns nicht bekannt oder sogar verloren gegangen sind. Das ist einer der Gründe, warum manche Passagen der Bibel für uns schwer zu verstehen oder unverständlich sind.

    Wer schon einmal Texte übersetzt hat, wird spätestens bei Redewendungen und Vergleichen merken, dass eine wörtliche Übersetzung nicht immer funktioniert. Vermutlich kennst du das aus dem Englischen: „Gestern regnete es Katzen und Hunde.“ Auf Deutsch könnte die Reaktion sein: „Das ist doch Unsinn, völliger Quark.“

    Wenn du in der Bibel liest, kannst du die Worte und Sätze zwar immer wörtlich nehmen, aber es könnte sich auch um eine Redewendung oder eine symbolische Darstellung handeln.

    Oder könnte es auch beides zugleich sein? Zu verschiedenen Zeiten? … Damit werden wir uns noch beschäftigen.

    Auf die Sache mit dem Heiligen Geist muss ich aber zumindest kurz eingehen.

    Die Rolle des Heiligen Geistes …

    Auch wenn es in dieser Serie nicht primär um die Rolle des Heiligen Geistes beim Lesen der Bibel geht, stellen sich in diesem Kontext einige Fragen: Hilft der Heilige Geist jedem beim Lesen der Bibel? Inwieweit? Beim Lesen, Lesen antiker Sprachen, dem Verstehen des anderen kulturellen Kontextes? Oder nur beim Verstehen des ‚Inhalts‘? Woher können wir das wissen?

    Wenn du nun denkst: „Das steht doch in der Bibel!“ Dann hat das etwas von einem Zirkelschluss. Das Argument ist doch, dass die Bibel selbst aussagt, dass der Heilige Geist zum Lesen und Verstehen der Bibel ausreicht. Aber um das zu wissen, musst du doch zuerst … die Bibel lesen und verstehen, nicht wahr? Und dazu bräuchtest du … den Heiligen Geist, oder nicht?

    Ich könnte das Argument auch etwas raffinierter (und komplizierter) machen: Es gibt Teile der Bibel, die sagen, dass man zum Verstehen der Bibel nur den Heiligen Geist braucht. Und diese Teile kann jeder auch ohne Heiligen Geist verstehen. Der hilft dann bei den restlichen Teilen der Bibel. Klingt dann vielleicht doch etwas konstruiert.

    Aber ohne so eine Konstruktion landen wir schnell bei einem anderen Problem. Besonders, wenn jemand sein Leben lang die Interpretation der geistlichen Führung einer Konfession übernommen hat, nur um festzustellen, dass er betrogen wurde. Dann möchte man nie wieder sich so von der Interpretation anderer beeinflussen oder gar indoktrinieren lassen. Und dann bleibt einem doch nur, für sich selbst die Bibel ohne die Meinung anderer mit Hilfe des Heiligen Geistes zu lesen, oder?

    Der nächste Schritt ist dann nicht mehr weit: „Nur wer den Heiligen Geist hat, kann die Bibel richtig lesen und verstehen und dann auch darin die Zusage erkennen, dass der Heilige Geist ausreicht, um die Bibel richtig zu lesen und zu verstehen.“ Mit anderen Worten: Für alle, die dazugehören, ist es klar, und alle anderen können es nicht verstehen.

    Jetzt sollten bei dir die Alarmglocken angehen. Diese Argumentation wird gerne von Gruppen verwendet, um gewisse Privilegien nur für sich zu beanspruchen. Bei den Zeugen Jehovas gab und gibt es die privilegierte Klasse der sogenannten ‚Gesalbten‘. Woran erkennt man diese? Seit fast einhundert Jahren ist die Erklärung, dass Gott ihnen diese Überzeugung gibt, sie es aber anderen nicht einmal erklären können, weil diese es gar nicht verstehen können. Und weil das mit der immer kleiner werdenden Zahl dieses ‚Überrests‘ nicht mehr klappt, und sich wieder mehr zu dieser Gruppe rechnen, hat sich die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die das Privileg der Deutungshoheit des Verständnisses der Bibel nicht teilen möchte, sich etwas einfallen lassen und veröffentlicht: Eigentlich kann man diese Personen auch nicht an mehr Bibelwissen, mehr Verständnis, mehr Ausharren, mehr Erfolg im Predigtdienst usw. erkennen. Sie unterscheiden sich in all diesen Dingen überhaupt nicht von anderen. Indirekt wird gesagt: Nur bei uns, der Leitenden Körperschaft, könnt ihr euch sicher sein und dass müsst ihr so akzeptieren.

    Warum habe ich das ausgeführt? Weil man in Bezug auf das Lesen und Verstehen der Bibel leicht genauso denken könnte: Wir haben den Heiligen Geist. Andere vertreten ‚falsche Lehren‘ und können daher den Heiligen Geist nicht haben. Doch was sind denn falsche Lehren? Nun, dass erkennen wir, weil wir die Bibel mit Heiligem Geist lesen. Die anderen können das nicht erkennen, weil sie nicht den Heilgen Geist haben … Erkennst du den Zirkelschluss?

    Woher kommt denn die Idee, dass nur eine bestimmte Gruppe oder Menschen den Heiligen Geist haben und deswegen nur sie die Bibel richtige verstehen können, und die anderen nicht? Also Schwarz oder Weiss. Alles oder nichts? Könnte es nicht ganz anders sein? Dass Gott und Jesus vielen Menschen durch den Heiligen Geist hilft, jeweils einen Teil zu verstehen? Und bei manchen, auch zentralen Themen, können sie trotzdem zu verschiedenen Interpretationen kommen? Und bisher haben wir noch gar nicht den so wichtigen Aspekt berücksichtigt, wie sicher oder gut belegt eine Interpretation ist. Denn bei unsicherer Quellenlage oder sehr wenigen Texten zum Thema kann es doch verschiedene Interpretation geben. Hilft dann der Heilige Geist gewissen Menschen, die ‚richtige‘ Interpretation zu finden? Die Apostelgeschichte und Briefe des Neuen Testaments zeigen, dass dies schon im ersten Jahrhundert in der Regel nicht so war. Und was wir heute erwarten dürfen, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Man setzt ja so schnell voraus, dass für uns das selbe gilt, wie für die ersten Nachfolger Jesu.

    Ich behaupte jetzt einmal:

    Beim Lesen der Bibel sollten wir alles lesen – und nicht Teile ignorieren, die unverständlich, widersprüchlich, fremd oder schockierend (für uns) sind.

    Vor dem Verstehen müssen wir das Gelesene interpretieren. Nur manche Teile sind direkt zu verstehen. Bei anderen ist viel Arbeit erforderlich. Und das können andere Menschen für uns schon getan haben oder tun. Und der Heilige Geist kann auch ihnen helfen. Nirgends wird uns zugesichert, dass jeder alles selbst durch Heiligen Geist verstehen kann. Auch nicht als Gruppe, Bewegung oder Konfession.

    Wieso kann ich das behaupten? Weil ich den Heiligen Geist habe. Und wenn du das nicht so siehst, hast du den Heiligen Geist vermutlich nicht … 😉

    Ich denke, ich habe diesen Punkt jetzt klar genug gemacht …

    Muss das alles so kompliziert sein?

    Und wie so oft frage ich mich am Ende: Christian, machst du es dir nicht wieder viel zu kompliziert? Mittlerweile würde ich sagen: Ein gottgefälliges Leben zu führen, so gut man es kann, ist nicht kompliziert – wenn auch nicht leicht und mühelos. Aber hier geht es um ein anderes Thema: Das Lesen und Verstehen der Bibel. Und das ist kompliziert. Außer du wendest dieses Motto von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf auf das Lesen der Bibel an:

    Diesen Spruch darf Gott für sich beanspruchen: „Ich mach die Welt, wie sie mir gefällt“. Und das Ergebnis war gut. Und was Astrid Lindgren damit meinte, ist eine Sache für sich. Aber sich von der Welt oder auch nur dem Lesen der Bibel eine Vorstellung zu machen, die nur dann etwas mit der Realität zu tun hat, wenn uns das gefällt, ist keine so gute Idee.

    Doch nun genug der Vorrede. Nächstes mal geht es damit los, was frühe Christen zum Lesen und Interpretieren der Bibel zu sagen hatten.

  • Den eigenen Horizont erweitern

    Den eigenen Horizont erweitern

    Von Christian


    Nach der Serie Das vergessene Evangelium der Evangelien, das auf einem Buch von N.T. Wright beruht, möchte ich einen kurzen Ausblick darauf geben, was in den nächsten Monaten voraussichtlich noch kommen wird. Und warum.

    Nicht, dass jemand noch auf die Idee kommt, dass ich N.T. Wright und seine Erklärungen als „die Wahrheit“ propagieren möchte – was auch gar nicht in seinem Sinne wäre. Er und andere haben jedoch als Wissenschaftler einige wichtige Punkte herausgearbeitet, die nicht der Hauptrichtung der großen Kirchen und der Tradition entspricht.

    Und darum wird es weiter gehen: Den eigenen Horizont erweitern.

    Tatsächlich ist es für viele schon ein weiter Weg, um an diesem Punkt anzukommen. Die Situation, in der sich viele befanden oder noch befinden, entspricht diesen Bildern. Und das trifft nicht nur auf den Glauben von Menschen zu, welche in einer Bewegung mit hochgradiger Kontrolle (englisch high control group) waren, wozu nicht nur Jehovas Zeugen und viele fundamentale evangelikale Gruppen gehören. Dort geht es einem so:

    close up of a brown horse in a cobblestone square
    Photo by Warre Van de Wouwer on Pexels.com

    Nicht dass ich jemanden mit Pferden vergleichen will. Jemand hat diesen Pferden sogenannte Scheuklappen angelegt. Die Pferde sehen also fast nichts, obwohl sie sich doch anscheinend in einer Stadt bewegen sollen – was für ein Widerspruch! „Nein!“, denkst du vielleicht. Der Name „Scheuklappen“ sagt es doch schon:

    Scheuklappen sind seitliche Lederstücke am Pferdezaumzeug, die das Blickfeld einschränken, um das Pferd vor Ablenkungen zu schützen und seine Konzentration zu fördern,

    KI Zusammenfassung

    Und die Pferde können doch nach vorne schauen:

    close up of horse eye with blinkers detailed view
    Photo by Ali Bensoula on Pexels.com

    Und durch die Zügel werden sie in die richtige Richtung gelenkt.

    Welcher Mensch möchte schon so leben? Zumindest wird das kaum einer sagen, wenn man die Person fragt. Doch übertragen wir das einmal auf das Leben von Menschen – insbesondere den Bereich Glauben und Religion:

    • Dir wird gesagt, dass du die nicht mit den Gedanken und Lehren anderer beschäftigen sollst. Nichts, was von den Lehren, Dogmen und Praktiken deiner Religion abweicht.
    • Dir wird sogar verboten, dich mit bestimmten Büchern, Websites und Menschen auseinanderzusetzen – zum Beispiel diesen bösen Abtrünnigen.
    • Am besten ist, du schränkst auch die Nutzung von Nachrichtenkanälen und sozialen Medien stark ein, denn es gibt doch den einen echten ‚Kanal‘ zu Gott und deine Gemeinschaft.
    • Das dient alles natürlich nur zu deinem ‚geistigen‘ Schutz, damit du nicht erschrickst und scheu oder verwirrt wirst.
    • Schließlich kannst du den geraden Weg doch klar sehen!
    • Und wenn der Weg doch aufgrund von ‚neuem Licht‘ abbiegt, dann wirst du fürsorglich durch die Zügel dorthin geleitet.

    Der eine oder andere hat hier vielleicht schon Anspielungen auf die kodierte interne Sprechweise der Zeugen Jehovas herausgehört. Aber hätte ich Wendungen wir ‚Christus im Herzen‘, oder ‚wiedergeboren‘ verwendet, würden andere das genauso erkannt haben. Als ich noch aktiver Zeuge Jehovas war, wurde mir von der Leitenden Körperschaft eingeprägt, dass Jehovas Zeugen etwas Besonderes sind: Nur sie kennen ‚die Wahrheit‘, alle anderen sind Teil der ‚falschen Religion‘. Nach meinem Austritt war ich noch lange unbewusst überzeugt, dass Jehovas Zeugen in einigen Lehren, Gebräuchen und der Abschottung ihrer Mitglieder einzigartig sind. Und das denkst du vielleicht jetzt noch. Aber auch darin sind Jehovas Zeugen nicht völlig anders – die Erfahrungen von Menschen aus fundamentalen, evangelikalen Gruppen hören sich in vielen Punkten genau so an, wie von Aussteigern bei den Zeugen Jehovas. ‚Scheuklappen‘ gibt wohl überall.

    Wenn man das erkannt und angefangen hat, es zu verarbeiten, kommt man der nächsten Stufe näher: Den eigenen Horizont erweitern!

    Aber wie soll das gehen? Ist der Horizont nicht durch die Erde bestimmt und für alle Menschen gleich? Nein. Und wie das Bild zeigt: Der Horizont ändert er sich, wenn wir uns bewegen:

    Die Redewendung „den eigenen Horizont erweitern“ bedeutet, sich neuen Erfahrungen, Wissen und Perspektiven zu öffnen, über den eigenen gewohnten Rahmen (den „Tellerrand“) hinauszuschauen und dadurch den eigenen Blickwinkel zu weiten, um die Welt umfassender zu verstehen. Es geht darum, Neugier zu zeigen, Neues zu lernen und weltoffener zu werden, anstatt in Enge und vorgefertigten Meinungen zu verharren.

    KI Zusammenfassung

    Und daher werden die kommen Videos divers – ach, auch so ein Trigger-Wort unserer Zeit. Und diese Erkenntnis erweitert schon unseren Horizont: Einschränkende Kulte müssen keinen religiösen Hintergrund haben – können sich aber der selben Methoden bedienen.

    Bei einigen Beiträgen, werden manche vielleicht noch so denken: „Also ich verstehe den Christian nicht. Zum einen hat er Beiträge, die meinen Glauben stärken. Und dann hat er wieder Sachen, die meinen Glauben schwächen.“ Ist das nicht noch in Kategorien wie mit ‚Scheuklappen‘ gedacht?

    Es wird Beiträge geben, die deine Auffassungen bestätigen werden und einige, die Dinge in Frage stellen. Mit am Interessantesten finde ich Themen, bei denen mir nicht einmal bewusst war, dass man das überhaupt anders sehen könnte. Weil ich sie noch nie hinterfragt habe. Und es hängt von deinen Überzeugungen ab, in welche Richtung das geht. Und es kann in verschiedene Richtungen gehen. Wer also meint, dass man auf diesem Weg nur seinen Glauben verlieren kann, den möchte ich bitten, nochmal von vorne zu lesen oder zuzuhören: Das behaupten religiöse Gruppen (als Warnung) aber auch Atheisten (weil auch da viele meinen, ‚die Wahrheit‘ gepachtet zu haben).

    Wenn alles wie geplant klappt, wird es daher in nächster Zeit Beiträge zu diesen Themen geben. Und zwar mehr oder weniger abwechselnd – wegen der Ausgewogenheit und so 😀

    • Was sagt der Historiker Josephus über Jesus und ist das authentisch?
    • Was haben Gläubige in den letzten 2000 Jahren zum Thema Lesen und Interpretieren der Bibel gedacht? Das eine oder andere könnte deinen Horizont erweitern …
    • Was zeichnet das Leben eines Christen aus? Das ist eine Serie von Videos von N.T. Wright, die das nicht dogmatisch beantwortet, sondern interessante Fragen aufwirft und deinen Horizont … du kennst das nun schon. In diesem Fall habe ich den Text übersetzt und mit einer computer-erzeugten Stimme aufgezeichnet. Die Technik ist mittlerweile so gut, dass man die etwa 10 Minuten jeweils zuhören kann.
    • Was sind die aktuellen Forschungsergebnisse zur Entstehung des Christentums und des Kanons der Bibel? Die Beiträge ergänzen die Serie über den Kanon des Neuen Testaments.
    • Was passiert, wenn jemand in einer evangelikalen Gruppe aufwächst und sich dann mit den Fakten der Geschichte und Bibelwissenschaft beschäftigt. Und welche sind das? Wer möchte, kann schonmal im YouTube Kanal von C. J. Cornthwaite reinschauen. Google bietet mittlerweile automatische erzeugte deutsche Tonspuren an.
  • Der Kanon des Neuen Testaments: Vorwort

    Der Kanon des Neuen Testaments: Vorwort

    Von Christian


    Nachdem ich im Jahr 2023 diese Serie über den Kanon des Neuen Testaments fertig gestellt hatte, und 2024 leider mit einem neuen YouTube Kanal ‚Beröer Suche‘ nochmals anfangen musste, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um der Serie ein kurzes Vorwort voranzustellen.

    Wenn du dir die 18 Folgen der Serie anschaust, dann begibst du dich mit mir auf eine Entdeckungsreise. Es kann gut sein, dass du dich manchmal wie im Tal der Tränen fühlst, aber keine Sorge – es endet nicht hoffnungslos.

    Wenn dir klar wird, dass dir vertraute, liebgewordene und scheinbar wichtige Eckpfeiler deines Glaubens verloren gehen, dann ist das eine schwierige Zeit. So ist es mir auch ergangen. Doch oft ist ein Eckpfeiler da – nur nicht so, wir wir das vielleicht uns vorgestellt haben.

    Die Frage ist, ob du bei einem Glauben stehen bleiben möchtest, der sich gut anfühlt, aber oberflächlich ist und auf Wunschvorstellungen beruht. Das führt oft dazu, dass man sich von anderen Meinungen abkapselt, Angst vor ihnen hat oder mit Überheblichkeit reagiert.

    Oder man sieht den Tatsachen ins Auge, und entwickelt einen reifen, ausgewogenen Glauben. Dazu muss man sich manchmal auch die ‚Gegenseite‘ anhören. Und lernen, mit Unsicherheiten umzugehen.

    Wenn wir von der Bibel – und insbesondere dem Neuen Testament, das wir hier behandeln – nichts erwarten, was uns nie zugesichert wurde, werden wir viel dankbarer für das sein, was wir haben. Texte des Glaubens für unseren Glauben.

  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 5

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 5

    Von Christian


    Nachdem wir in den ersten vier Teilen auf die neue Sicht auf Paulus eingegangen sind, wollen wir uns in diesem letzten Teil mit einigen Aspekten der Exegese beschäftigen. Schließlich kommt es uns (zumindest mir) darauf an, was wir aus dem Text des Neuen Testaments entnehmen können, und nicht so sehr, was sich Gelehrte im Laufe der Jahrhunderte als Theologie darüber hinaus erarbeitet (ausgedacht?) haben:

    DER BEWEIS für jede Theorie zur Auslegung der Paulusbriefe liegt natürlich in der Exegese (= Auslegungsmethode). Das heißt, kann die Theorie das, was Paulus gesagt hat, tatsächlich sinnvoll interpretieren – und nicht nur einen Teil dessen, was der Apostel geschrieben hat, sondern alles?

    Kapitel 6

    [Auch in diesem Teil sind die Zitate aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.]

    Auf einige Punkte geht Prof. Yinger in Kapitel 6 näher ein.

    Gesetzeswerke

    Wie ist der Stand der Diskussion dazu?

    Am heftigsten umstritten ist natürlich, ob „Werke des Gesetzes“ etwas mit Legalismus zu tun haben oder nicht. Wenn Paulus sich gegen die Rechtfertigung „durch Werke des Gesetzes“ wendet (Gal 2,16), bezieht sich das auf die traditionellere Überzeugung, dass man durch das Erbringen dieser Werke die Rechtfertigung erlangt (= Legalismus), oder darauf, dass man zur Gruppe des Bundes, Israel, gehören muss? …

    Diese exegetische Debatte scheint in eine Sackgasse geraten zu sein. …

    Ob Paulus den Legalismus ablehnte, ist ein größeres Problem als die Exegese eines einzelnen Satzes. Wie die meisten Juden seiner Zeit war Paulus sicher der Meinung, dass Legalismus – genug zu tun, um Gott in unsere Schuld zu bringen, so dass er uns das Heil „schuldet“ – lächerlich ist, auch wenn es nicht das ist, was er mit „Werken des Gesetzes“ meint.

    Kapitel 6

    Paulus: Bekehrt oder berufen?

    Im Kontext der neuen Sicht auf Paulus ergibt sich auch eine für uns vielleicht überraschende Frage:

    War Paulus bekehrt? Das heißt, blieb er nach dem Erlebnis auf der Straße nach Damaskus ein Anhänger des Judentums, oder bekehrte er sich zu etwas anderem?

    Kapitel 6

    Yinger führt drei Argumente näher aus:

    Erstens ist es anachronistisch, von einem Religionswechsel des Paulus zum Christentum zu sprechen. Das heißt, wir nehmen eine spätere Situation und übertragen sie auf eine frühere, ganz andere Situation. In der Mitte des ersten Jahrhunderts gab es noch keine identifizierbare Religion namens „Christentum“. Gelegentlich wurden Jesus-Anhänger als christianoi bezeichnet (Apg 11,26; 26,28; 1 Petr 4,16), aber das war einfach die Art und Weise, wie einige Gegner versuchten, diese Leute als Anhänger einer bestimmten Figur oder Partei, nämlich Christus, zu bezeichnen und von anderen zu unterscheiden. Paulus musste das Judentum nicht aufgeben, um ein Christus-Anhänger zu werden.

    Zweitens verwirrt diese Verwendung des Begriffs „Bekehrung“ für Paulus die Bedeutung in Bezug auf eines der Hauptthemen seiner Briefe. Das Evangelium des Paulus ist nicht der Versuch, die Menschen davon zu überzeugen, vom (legalistischen) Judentum zum (gnädigen) Christentum überzuwechseln, sondern der Schlüssel in seinem Kampf um die Identität dieser Christus-Bewegung im Römischen Reich. … Einige Prediger sagen wie Paulus, dass sie [die Heiden] nicht einmal die Zeichen der jüdischen Identität tragen müssen, um zu dieser jüdischen Bewegung zu gehören. Sie können durch den Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht dadurch, dass sie Juden sind („Werke des Gesetzes“). Andere beharren darauf, dass sie Juden werden müssen („sie müssen sich beschneiden lassen“, Apostelgeschichte 15,5).

    Und drittens verwendet Paulus selbst die Sprache der prophetischen Berufung und nicht der Bekehrung für dieses Element in seinem Leben. „Als aber Gott, der mich schon vor meiner Geburt auserwählt und durch seine Gnade berufen hat …“ (Gal 1,15; siehe auch Röm 1,1). … Paulus verstand sich nicht als Prediger eines Religionswechsels, sondern als jüdischer Prophet, der Israel und die Völker zur Nachfolge des Gottes Israels aufrief, der sich nun am Ende der Zeit im Messias Jesus offenbart hat.

    Kapitel 6

    Was genau war der Fluch des Gesetzes?

    Eine Stelle im Galaterbrief wird im Kontext der neuen Sicht auf Paulus auch diskutiert:

    Denn alle, die aus dem Tun dessen leben, was im Gesetz geschrieben steht, stehen unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht bleibt bei allem, wovon im Buch des Gesetzes geschrieben steht, dass es zu tun sei. Dass aber durch das Gesetz bei Gott niemand gerecht wird, ist offensichtlich, denn: Der Gerechte wird aus Glauben leben. Das Gesetz aber, das bedeutet nicht ‚aus Glauben‘, sondern: Wer dies alles tut, wird dadurch leben. Christus hat uns freigekauft vom Fluch des Gesetzes, indem er für uns zum Fluch geworden ist – es steht nämlich geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.

    Galater 3:10-13 Züricher

    Spätestens seit der Reformation wird diese Stelle von Protestanten und anderen so interpretiert:

    1. Das Gesetz spricht einen Fluch über jeden aus, der es nicht hält. (Paulus zitiert 5. Mose 27,26.)
    2. kein Mensch kann das Gesetz vollkommen halten.
    3. Daher stehen alle Menschen unter dem Fluch des Gesetzes.
    4. Christus hat jedoch die Sünde und den Fluch der Menschheit am Kreuz auf sich genommen und so die Befreiung von diesem Fluch erkauft.

    Kapitel 6

    Autoren der neuen Sicht auf Paulus haben die Schlussfolgerung aus Punkt 1 und 2 zurecht in Frage gestellt. Sie wiesen darauf hin, dass das Opfersystem, die Möglichkeit der Reue und die göttliche Vergebung doch gerade drauf hinweisen, dass weniger als vollkommener Gehorsam zulassen wurde, d. h., dass sie für Unvollkommenheiten Vorsorge treffen.

    Ich persönlich halte diese Argumentation nicht nur für sehr einleuchtend, sondern auch ausgesprochen wichtig. Wer die Thora unvoreingenommen liest, stellt fest, dass sehr viel über die Opfer gesagt wird. Es geht aber nie darum, unberechenbare, wütende Götter zu besänftigen. Unter anderem geht es darum, die Heiligkeit Jahwehs immer wieder in den Sinn zu rufen, und im Unterschied dazu den Stand der Menschen. Aber dabei bleibt es ja nicht. Es wird genau beschrieben, was zu tun ist, damit die Menschen in diesem Bund von ihren „Sünden“ befreit werden. Neben den Opfern wird dies auch sehr plastisch dargestellt:

    Wenn Aaron die Sühnehandlung für das Heiligtum, das Offenbarungszelt und den Altar vollzogen hat, soll er den lebenden Ziegenbock herbeibringen. Er stütze beide Hände auf den Kopf dieses Ziegenbocks und bekenne über ihm alle Schuld der Israeliten und all ihre Vergehen, mit denen sie sich schuldig gemacht haben. Er soll sie auf den Kopf des Bocks legen und ihn dann durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schaffen lassen, damit der Ziegenbock all ihre Schuld mit sich in die Öde trägt. Dann schicke er den Bock in die Wüste.

    3. Mose 16:20-22 NEÜ

    Was ist dann der Fluch des Gesetzes, von dem Paulus spricht? Hier gibt es verschiedene Ansichten aber auch eine Gemeinsamkeit: Es geht hier um den Nomismus des Bundes, und Segen oder Fluch sind an die Treue zum göttlichen Weg gebunden, der im Bund offenbart wurde.

    Hatte Paulus ein belastetes oder reines Gewissen?

    Gemäß der lutherischen Tradition muss Paulus eigentlich ein belastetes Gewissen gehabt haben. Im Neuen Testament finden wir aber diese Aussage Pauli:

    Dem Eifer nach war ich ein ‹unerbittlicher› Verfolger der Gemeinde; und gemessen an der Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, war ich ohne Tadel.

    Philipper 3:6 NEÜ

    Das hört sich doch nicht nach einem belasteten Gewissen aufgrund seiner Sündhaftigkeit an, oder? Und spät in seinem Leben sagt er es gemäß der Apostelgeschichte sogar selbst:

    Paulus sah die Mitglieder des Hohen Rates mit festem Blick an. „Meine Brüder„, begann er, „ich habe Gott immer mit einem reinen Gewissen gedient, und daran hat sich bis heute nichts geändert.“

    Apostelgeschichte 23:1 NEÜ

    Und auch an die Korinther äußert sich Paulus entsprechend:

    Zwar bin ich mir keiner Schuld bewusst, aber dadurch bin ich noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der über mich urteilt.

    Denn wir sind stolz auf das, was unser Gewissen bezeugt: Überall in der Welt war unser Verhalten von der Aufrichtigkeit und Lauterkeit Gottes bestimmt, und besonders bei euch. Wir ließen uns nicht von eigener Klugheit leiten, sondern von Gottes Gnade.

    1. Korinther 4:4, 2. Korinther 1:12 NEÜ

    Einige haben mit verschiedenen Texten argumentiert, dass Paulus doch ein belastetes Gewissen hatte und diese Texte ganz anders zu interpretieren seien. Die Argumentationen sind aber kompliziert und wirken auf mich ziemlich gezwungen. Daher möchte ich es bei einem Verweis auf das Buch belassen.

    Römer 10:3

    Aber wird in Römer 10:3 nicht von der Rettung durch eigene Werke gesprochen?

    Denn indem sie die Gerechtigkeit Gottes verkannten und die eigene aufzurichten suchten, haben sie sich nicht unter die Gerechtigkeit Gottes gestellt.

    Römer 10:3 Züricher

    Und im Gegensatz dazu sagt Paulus über sich:

    Ich habe nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern jene Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus, die aus Gott kommt aufgrund des Glaubens.

    Philipper 3:9 Züricher

    Aber stellt Paulus hier wirklich Selbstgerechtigkeit durch eigene Werke gegenüber? Oder nicht doch die Gerechtigkeit, die sie durch Werke gemäß ihrem Bundes hatten? „Es war ihr eigener“, ihr jüdischer, durch den Bund gerechter Status, ihr eigener im Gegensatz zu dem von jemand anderem oder einer anderen Art.“ Ihr Problem ist nicht der Legalismus, sondern die Ignoranz in ihrem lobenswerten Eifer für Gott (Röm 10,2). Wrights Übersetzung von Römer 10:3 bringt das zum Ausdruck:

    Sie waren ignorant gegenüber Gottes Bundestreue, und sie versuchten, einen eigenen Bundesstatus zu errichten; deshalb unterwarfen sie sich nicht Gottes Treue.

    Römer 10:3 Wright‘s translation

    Werkgerechtigkeit für Abraham in Römer 4

    Abschließend möchte ich hier noch Römer 4 aufgreifen, weil es ein wichtiges Argument für diejenigen ist, welche die neue Sicht auf Paulus widerlegen wollen:

    Was wollen wir denn sagen, hat Abraham, unser Vorfahr dem Fleische nach, gefunden? Denn wenn Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, so hat er etwas zum Rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? »Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.« Dem aber, der Werke tut, wird der Lohn nicht angerechnet nach Gnade, sondern nach Schuldigkeit. Dem dagegen, der nicht Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet,…

    Römer 4:1-5 Elberfelder

    Kurz gesagt muss auch für die Exegese dieser Verse der Kontext in Betracht gezogen werden. Der Kontext hat einen starken Bezug auf das Bündnis Gottes mit den Juden. „In 3:29-31 stellt Paulus fest, dass Gott sowohl Juden als auch Heiden „durch den Glauben“ und nicht durch „Werke des Gesetzes“ rechtfertigt. Da die Identität des Bundesvolkes Gottes im Alten Testament mit der jüdischen Identität („Werke des Gesetzes“) verbunden zu sein schien, Paulus diese Verbindung aber bestreitet, stellt sich die Frage, die zu Kapitel 4 führt: „Heben wir denn das Gesetz durch diesen Glauben auf?“ (Röm 3,31)“

    In Bezug auf Vers 4 wird ein Argument von Dunn angeführt:

    Diese Anrechnung als Geschenk und nicht als Anrechnung der vorherigen Treue bezieht sich auf die anfängliche Rechtfertigung Abrahams, während die traditionelle Auslegung gewöhnlich die endgültige Rechtfertigung im Blick hat („durch Werke gerettet“). Der Punkt ist eigentlich ganz einfach: Gottes anfängliche Zurechnung der Gerechtigkeit Abrahams geschah vor (abgesehen von, ohne) irgendwelchen Taten der Treue, irgendwelchen Werken, seinerseits.

    Kapitel 6

    Fazit

    In dieser Serie haben wir einen Überblick über den Stand der Forschung in Bezug auf die neue Sicht auf Paulus erhalten. Es gibt natürlich dazu noch viele Details und Passagen in den Briefen des Paulus, welche diskutiert werden. Dafür sei aber auf Prof. Yingers Buch und die darin zitierte Literatur verwiesen.

    Abschließend möchte ich nur nochmals darauf hinweisen, warum die neue Sicht auf Paulus für unseren Glauben wichtig ist:

    Die neue Sicht auf Paulus ist gar nicht neu, sondern entspricht dem, was Paulus ursprünglich gesagt und gemeint hat.
    “Die Schriften der neuen Sicht auf Paulus versuchen, „zurück zu Paulus“ zu gelangen, nicht „zurück nach Rom“ oder „Luther“ oder zu irgendeiner anderen theologischen Bewegung oder kirchengeschichtlichen Periode.“

    1. Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht legalistisch, sondern zeichnete sich durch Bundesnomismus aus – gerettet durch Gottes Gnade und verpflichtet, seinen Wegen zu folgen.
    2. Da die Juden nicht für Werkgerechtigkeit eintraten, wandte sich Paulus in seinen Briefen nicht gegen den Legalismus.
    3. Stattdessen ging es um eine Frage der sozialen Identität: “Wer gehört zum Volk Gottes, und woran erkennt man das?”, d. h. muss man Jude sein – beschnitten werden, die Speisegesetze einhalten, den Sabbat feiern usw. -, um die Verheißungen an Abraham zu erben?
    4. Paulus unterscheidet sich nicht von den meisten anderen Juden, was die Rolle von Gnade, Glaube und Werken bei der Errettung angeht; was ihn unterscheidet, ist die Überzeugung, dass Jesus Israels Messias und der Herr der ganzen Schöpfung ist. Die Tora ist nicht mehr das bestimmende Zentrum des Handelns Gottes; was jetzt zählt, ist die Zugehörigkeit zu Christus.

    Wir erhalten einen besseren Zugang zu den Briefen des Paulus.

    Wir vermeiden es, uns auf den westlichen Individualismus (wie werde ich gerettet) zu konzentrieren.

    Der Übergang vom Alten zum Neuen Testament wird erleichtert.

    Paulus gründet keine neue Religion, genauso wenig wie Jesus, sondern Paulus ist mit Jesu Aussagen auf einer Linie.

    Und etwas provokant von mir formuliert: Wer der Auffassung ist (*), dass für die Errettung allein der Glaube an Christus notwendig ist, um diese Gnade zu erhalten, und die eigenen Werke völlig unwichtig sind, folgt nicht Christus oder Paulus, sondern Martin Luther und dem traditionellen Protestantismus.

    (*) Ich lasse hier theologische Feinheiten wie Rechtfertigung, Heiligung, Synergismus usw. weg.
  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 4

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 4

    Von Christian


    Weitere wichtige Beiträge zur neuen Sicht auf Paulus kamen von N. T. Wright. „Eines der Merkmale seiner Position ist, wie er die Theologie des Paulus in die größere biblische Geschichte (Erzählung) von Gottes Wirken mit Israel einordnet.“

    [Auch in diesem Teil sind die Zitate aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.]

    Die Briefe des Paulus sollten mit diesem Kontext im Sinn verstanden werden:

    Gottes Absicht für die Menschheit und die Schöpfung wurde durch Adams Sünde vorübergehend zunichte gemacht (1. Mose 1-11). Der Ausweg aus diesem Dilemma war die Familie Abrahams, Israel, durch die sich der göttliche Segen auf die gesamte Menschheit ausdehnen sollte (1. Mose 12). Doch auch das jüdische Volk versagte bei der Erfüllung seiner Rolle als Werkzeug des Segens Gottes für die Welt. Anstatt das Licht für die Völker zu sein, verließ es seine Bundesverpflichtungen und ging schließlich ins Exil. Es sollte also dem Vertreter Israels überlassen werden, die ursprünglich von Adam vorgesehene Rolle unter Gott zu erfüllen. Der Messias Jesus ist Israel, der Same Abrahams, der Sohn Gottes, und sein Gehorsam, sein Tod und seine Auferstehung sind Israels Gehorsam, Tod und Auferstehung. Er ist der Höhepunkt des Bundes, den Gott mit Israel und der Menschheit (Adam) geschlossen hat. Für Wright geht es in der Geschichte weniger um sündige Menschen, die vor dem Gericht wegen ihrer Schuld gerettet werden (obwohl es für ihn auch darum geht), sondern vielmehr darum, dass Gott seine Absichten für die gesamte Schöpfung durch Israel erfüllt.

    Kapitel 4

    Wie hängt das mit dem Thema Rettung zusammen?

    Israels Versagen war nicht „Legalismus“ oder „Werkgerechtigkeit“, sondern „nationale Gerechtigkeit, … der Glaube, dass die fleischliche jüdische Abstammung die Zugehörigkeit zu Gottes wahrem Bundesvolk garantiert“. An anderer Stelle bezeichnet Wright dies als „Charta des nationalen Privilegs“. Anstatt seine Berufung als Licht für die Völker zu erfüllen, sah sich Israel im exklusiven Besitz von Gottes Segnungen; und nur diejenigen, die ein Mitglied Israels wurden (für Männer durch die Beschneidung gekennzeichnet), konnten Zugang zu eben diesen Segnungen haben. (Dies entspricht Dunns Auffassung von „Gesetzeswerken“.) Doch wie Johannes der Täufer dem Volk bereits gesagt hatte:

    Kapitel 4

    Und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird gefällt und ins Feuer geworfen.

    Matthäus 3:9-10 Züricher

    Damit haben wir die wesentlichen Teile der neuen Sicht auf Paulus umrissen, zumindest was die Hauptströmung betrifft:

    1. Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht legalistisch, sondern zeichnete sich durch Bundesnomismus aus – gerettet durch Gottes Gnade und verpflichtet, seinen Wegen zu folgen.
    2. Da die Juden nicht für Werkgerechtigkeit eintraten, wandte sich Paulus in seinen Briefen nicht gegen den Legalismus.
    3. Stattdessen ging es um eine Frage der sozialen Identität: „Wer gehört zum Volk Gottes, und woran erkennt man das?“, d. h. muss man Jude sein – beschnitten werden, die Speisegesetze einhalten, den Sabbat feiern usw. -, um die Verheißungen an Abraham zu erben?
    4. Paulus unterscheidet sich nicht von den meisten anderen Juden, was die Rolle von Gnade, Glaube und Werken bei der Errettung angeht; was ihn unterscheidet, ist die Überzeugung, dass Jesus Israels Messias und der Herr der ganzen Schöpfung ist. Die Tora ist nicht mehr das bestimmende Zentrum des Handelns Gottes; was jetzt zählt, ist die Zugehörigkeit zu Christus.

    Verschiedene Gelehrte haben sich auch intensiv mit bestimmten Formulierungen und häufiger verwendeten Begriffen beschäftigt:

    Don Garlington zum Beispiel hat die Bedeutung der paulinischen Formulierung „der Gehorsam des Glaubens“ oder „Glaubensgehorsams“ (Röm 1,5; 16,26) untersucht. Seine Arbeit unterstreicht den eschatologischen oder bereits/noch-nicht-Charakter der Rechtfertigung. Die Gläubigen sind bereits aus Gnade durch den Glauben an Christus gerechtfertigt. Dennoch warten sie noch auf die endgültige Rechtfertigung (oder Rettung, Erlösung vom endgültigen Zorn). Das macht laut Garlington Sinn, wenn wir sehen, dass alle Wohltaten Christi nur „in Christus“, d. h. durch die Vereinigung mit Christus, verfügbar sind. Für Paulus ist es also nicht nur notwendig, den Weg des Glaubens in Christus zu beginnen, sondern auch im „Gehorsam des Glaubens“ bis zum Ende auszuharren, d. h. „in Christus“ zu bleiben.

    Kapitel 4

    Auch meine [Yinger] eigene Arbeit fällt eindeutig in das Lager der neuen Sicht auf Paulus. Insbesondere Paulus, Judaism and Judgment According to Deeds (Paulus, das Judentum und das Urteil nach Taten) versucht nachzuweisen, dass Paulus nicht mit seinen jüdischen Überzeugungen bezüglich der Rolle von Werken oder Gehorsam für die endgültige Erlösung gebrochen hat. Sein Beharren darauf, dass Christusgläubige nach ihren Taten (für das Heil) beurteilt werden, wiederholt sowohl die Sprache als auch die Konzepte, die er zuvor gelernt hatte:

    Kapitel 4

    Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit ein jeder empfange, was seinen Taten entspricht, die er zu Lebzeiten getan hat, seien sie gut oder böse.

    2. Korinther 5:10 Züricher

    Es gibt noch einige andere Gelehrte mit ergänzenden, weiterführenden oder abweichenden Interpretationen, die ich hier der Zeit halber nicht alle ausführen möchte.

    Als Gelehrter sollte man am besten etwas zurückhaltend mit seinen Behauptungen sein, und sich auf das beschränken, was man sicher beweisen kann. Da es hier aber auch ein gutes Stück um die Interpretation der Texte des Paulus geht, möchte ich mit einer etwas zugespitzten Formulierung diesen Teil abschließen.

    Wer der Auffassung ist, dass für die Errettung allein der Glaube an Christus notwendig ist (*), um diese Gnade zu erhalten, und die eigenen Werke völlig unwichtig sind, folgt nicht Christus oder Paulus, sondern Martin Luther und dem traditionellen Protestantismus.

    (*) Ich lasse hier theologische Feinheiten wie Rechtfertigung, Heiligung, Synergismus usw. weg.

    „Aber was ist mit diesem Text….“ kann ich schön hören. Das kommt im nächsten Teil.

  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 3

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 3

    Von Christian


    Nachdem wir in Teil 1 gesehen haben, wie eine korrigierte Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert auch die Sicht auf die Schriften des Paulus grundlegend verändert, und wir in Teil 2 die weitreichenden Konsequenzen ausgeführt haben, ist es nun an der Zeit, diese neue Sicht auf Paulus einmal tiefer zu analysieren und zu begründen.

    Die Zitate sind aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.

    Was haben wir jetzt vor uns?

    Anstatt Paulus‘ Denken als Gegenpol zum legalistischen Judentum zu interpretieren (der traditionellere Ansatz), können wir ihn nun in seinem authentischen jüdischen Kontext als christlichen Apostel interpretieren, der während seiner gesamten Missionslaufbahn ein jüdischer Theologe war und blieb.

    Kapitel 3

    Ein gutes Beispiel, wie der eigene Kontext und sogar schon die Übersetzung eines Textes eine Interpretation beinhaltet, ist Galater 2:16

    aber ⟨da⟩ wir wissen, dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Christus Jesus, haben wir auch an Christus Jesus geglaubt, damit wir aus Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht aus Gesetzeswerken, weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt wird.

    Galater 2:16 Elberfelder

    Es ist gar nicht so einfach, diesen Text ohne unsere gewohnte Vorstellung zu lesen:

    Traditionell würde die Formulierung „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben gerechtfertigt“ auf den krassen Gegensatz zwischen Paulus‘ neuem Verständnis in Christus und seinen alten jüdischen Ansichten hinweisen – Glaube versus Werke, Glauben versus Tun. Dunn stellt jedoch fest, dass „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben“ in Gal 2,16 auf Überzeugungen verweist, die Paulus und andere christliche Juden teilten (wie Petrus und die judaisierenden Gegner in Antiochia; siehe V. 11-15), und nicht auf Ansichten, in denen sie sich unterschieden. „Wir, die wir von Natur aus Juden sind und nicht heidnische Sünder, wissen, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Christus Jesus“ (Gal 2,15-16, Dunns Übersetzung).

    Kapitel 3

    Gemäß dem schon erwähnten Gelehrten James D. G. Dunn geht es um Folgendes:

    Dunn argumentiert, dass sich diese Formulierung nicht auf Werksgerechtigkeit bezieht, sondern auf bestimmte Gesetzesbefolgungen, die in der antiken Welt als Abzeichen der jüdischen Identität dienten.

    Anstatt ein Codewort für Legalismus zu sein, könnte man „Werke des Gesetzes“ eher als eine soziologische Kategorie verstehen.

    Kapitel 3

    Dann enthält das Buch einen interessanten Hinweis für Leser englischer Bibeln, der aber auch im Deutschen zum Tragen kommt:

    Leser englischer Bibeln müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Übersetzung, die sie lesen, ihnen ein bestimmtes Verständnis von „Werken des Gesetzes“ vorgibt. Paulus spricht in Gal 2,16 von der Rechtfertigung ex ergōn nomou, was neutral mit „aus den Werken des Gesetzes“ wiedergegeben werden könnte. So wird der Satz in einigen Übersetzungen wiedergegeben (NRSV [erste Hälfte des Verses]; KJV; NAB; NASB; ESV). Einige Übersetzungen verstehen dies jedoch als Hinweis auf das, was Menschen tun, um gerechtfertigt zu werden.

    „gerechtfertigt durch das Tun der Werke des Gesetzes“ (NRSV; zweite Hälfte des Verses)
    „gerechtfertigt durch das Beachten des Gesetzes“ (NIV)
    „gerechtfertigt durch den Gehorsam gegenüber dem Gesetz“ (NLT)

    Die letzten drei englischen Übersetzungen lassen den Leser vermuten, dass Paulus von menschlichem Tun oder Befolgen als dem (legalistischen) Mittel spricht, mit dem diese Menschen ihre eigene Rechtfertigung erlangen wollen. Die neutraleren Übersetzungen lassen die Bedeutung entweder für eine neue Sicht auf Paulus oder eine traditionelle Auslegung offen, je nachdem, wie man den größeren Kontext liest.

    Kapitel 3

    Haben wir es hier also nur mit einer Neuinterpretation der Texte zu tun? Nein, denn so wie die neue Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert durch außerbiblische Quellen begründet wurde, so ist dies auch hier der Fall:

    Dunn untermauerte sein Verständnis von „Werken des Gesetzes“, indem er eine ähnliche Verwendung des Begriffs in anderen jüdischen Schriften fand. So verwenden einige der Schriftrollen vom Toten Meer das hebräische Äquivalent „Werke des Gesetzes“, um die charakteristischen Praktiken der Sekte zu beschreiben. Durch diese Praktiken, diese „Werke des Gesetzes“, wurde deutlich, wer zur Sekte gehörte und wer nicht. Die Formulierung deutete nicht auf eine Theologie der verdienstvollen Leistungen hin, sondern darauf, wie man die wahren Anhänger Gottes erkennen konnte. Dasselbe tut Paulus im Galaterbrief, wenn er diejenigen, die „aus den Werken des Gesetzes“ sind, denen gegenüberstellt, „die aus dem Glauben sind“ (Gal 3,9-10).

    Wo Paulus sich grundlegend von seiner jüdischen Tradition unterschied, war nicht die Rolle der Gnade, des Glaubens und des Gehorsams bei der Erlösung, sondern die Frage, ob die Erlösung daran gebunden war, Jude zu sein oder nicht.

    Obwohl dieser entscheidende Ausdruck, „Werke des Gesetzes“, in den Paulusbriefen nur selten vorkommt (acht Mal), liegt seine Bedeutung hinter den vielen Vorkommen von „Gesetz“ oder „Werken“ selbst, als eine Art Kurzform für den umfassenderen Ausdruck. Wenn Paulus zum Beispiel von „Rechtfertigung durch das Gesetz“ (Gal 2,21) oder „durch das Gesetz“ (3,11) spricht, meint er damit nicht das Bemühen des Einzelnen, sich durch das Halten des Gesetzes das Heil zu verdienen, sondern die jüdische Überzeugung, dass nur derjenige zum Volk Gottes gehört, der sich mit der Tora identifiziert; diese Rettung oder Rechtfertigung ist nur „durch die (Werke des) Gesetzes“ möglich.

    Kapitel 3

    Was ist also die zentrale Frage in den Briefen des Paulus?

    Die Hauptfrage, die in diesen paulinischen Texten beantwortet wird, ist also nicht Martin Luthers verzweifeltes „Wie kann ich als Sünder einen gnädigen Gott finden?“, sondern „Wer gehört zur Gemeinschaft der Gerechten, zu Gottes errettetem Volk? “ Paulus so zu lesen, als ob er die Frage „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ beantworten würde, würde die Hauptabsicht des Apostels falsch verstehen. Stattdessen beantworten die Teile seiner Briefe, die sich mit der Errettung oder Rechtfertigung befassen, in der Regel die Frage: „Wie können die Heiden an der rettenden Gnade Gottes für Israel teilhaben?“

    Kapitel 3

    Vergleichen wir beide Sichtweisen anhand dieser Texte:

    Wo bleibt da noch das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens. Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes. Oder ist Gott nur der Gott der Juden, nicht auch der Heiden? Ja, auch der Heiden, da doch gilt: Gott ist der Eine. Er wird aufgrund des Glaubens sowohl die Beschnittenen wie die Unbeschnittenen gerecht machen.

    Römer 3:27-30 Einheitsübersetzung 2016

    Zuerst die traditionelle Sicht:

    Eine traditionelle Auslegung versteht unter „Rühmen“ das Rühmen des eigenen Gehorsams gegenüber einem Gesetz oder einem Prinzip von Werken; es ist ein selbstgerechtes Rühmen. Der Glaube schließt ein solches Rühmen aus, da der Glaube dem Tun gegenübergestellt wird (Glaube versus Werke); wer einfach nur glaubt, ist gerechtfertigt, ganz unabhängig von jeglichem Tun („unabhängig von Werken“), und daher ist ein solches Rühmen nicht möglich. Das gilt für Juden und Heiden gleichermaßen, denn beide werden durch den Glauben und nicht durch das Tun gerechtfertigt.

    Kapitel 3

    Und nun die neue Sicht auf Paulus:

    In der Lesart der neuen Sicht auf Paulus wird dieses „Rühmen“ als Rühmen des jüdischen Bundesprivilegs verstanden. Ein solches Rühmen wird durch das „Gesetz des Glaubens“, d. h. durch das neue Erkennungszeichen des Glaubens an Jesus als Messias, ausgeschlossen. Diese Öffnung des Heils für Nicht-Juden, ohne jüdisch zu werden, ist genau der Grund, warum Paulus sofort sagt, dass Gott nicht mehr „nur Gott der Juden“ ist.

    Kapitel 3

    Vielleicht musst du diese beiden Interpretationen derselben Worte des Paulus erst ein paar mal lesen und vergleichen, um den Unterschied zu erfassen. Irgendwann wird einem dann auch klar, warum dieses Thema für uns so wichtig ist: Möglicherweise hat das, was ich glaube, gar keine direkte Grundlage im Neuen Testament.

    Bis jetzt haben wir jedoch erst die Beiträge von E. P. Sanders und James D. G. Dunn betrachtet. Das war aber noch lange nicht alles zur neuen Sicht auf Paulus. Wie wir im nächsten Teil sehen werden.