Kategorie: Die neue Sicht auf Paulus

Diese Serie stützt sich auf diese sehr gute Übersicht zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema der drei Jahrzehnte bis 2011: „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger.

  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 5

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 5

    Von Christian


    Nachdem wir in den ersten vier Teilen auf die neue Sicht auf Paulus eingegangen sind, wollen wir uns in diesem letzten Teil mit einigen Aspekten der Exegese beschäftigen. Schließlich kommt es uns (zumindest mir) darauf an, was wir aus dem Text des Neuen Testaments entnehmen können, und nicht so sehr, was sich Gelehrte im Laufe der Jahrhunderte als Theologie darüber hinaus erarbeitet (ausgedacht?) haben:

    DER BEWEIS für jede Theorie zur Auslegung der Paulusbriefe liegt natürlich in der Exegese (= Auslegungsmethode). Das heißt, kann die Theorie das, was Paulus gesagt hat, tatsächlich sinnvoll interpretieren – und nicht nur einen Teil dessen, was der Apostel geschrieben hat, sondern alles?

    Kapitel 6

    [Auch in diesem Teil sind die Zitate aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.]

    Auf einige Punkte geht Prof. Yinger in Kapitel 6 näher ein.

    Gesetzeswerke

    Wie ist der Stand der Diskussion dazu?

    Am heftigsten umstritten ist natürlich, ob „Werke des Gesetzes“ etwas mit Legalismus zu tun haben oder nicht. Wenn Paulus sich gegen die Rechtfertigung „durch Werke des Gesetzes“ wendet (Gal 2,16), bezieht sich das auf die traditionellere Überzeugung, dass man durch das Erbringen dieser Werke die Rechtfertigung erlangt (= Legalismus), oder darauf, dass man zur Gruppe des Bundes, Israel, gehören muss? …

    Diese exegetische Debatte scheint in eine Sackgasse geraten zu sein. …

    Ob Paulus den Legalismus ablehnte, ist ein größeres Problem als die Exegese eines einzelnen Satzes. Wie die meisten Juden seiner Zeit war Paulus sicher der Meinung, dass Legalismus – genug zu tun, um Gott in unsere Schuld zu bringen, so dass er uns das Heil „schuldet“ – lächerlich ist, auch wenn es nicht das ist, was er mit „Werken des Gesetzes“ meint.

    Kapitel 6

    Paulus: Bekehrt oder berufen?

    Im Kontext der neuen Sicht auf Paulus ergibt sich auch eine für uns vielleicht überraschende Frage:

    War Paulus bekehrt? Das heißt, blieb er nach dem Erlebnis auf der Straße nach Damaskus ein Anhänger des Judentums, oder bekehrte er sich zu etwas anderem?

    Kapitel 6

    Yinger führt drei Argumente näher aus:

    Erstens ist es anachronistisch, von einem Religionswechsel des Paulus zum Christentum zu sprechen. Das heißt, wir nehmen eine spätere Situation und übertragen sie auf eine frühere, ganz andere Situation. In der Mitte des ersten Jahrhunderts gab es noch keine identifizierbare Religion namens „Christentum“. Gelegentlich wurden Jesus-Anhänger als christianoi bezeichnet (Apg 11,26; 26,28; 1 Petr 4,16), aber das war einfach die Art und Weise, wie einige Gegner versuchten, diese Leute als Anhänger einer bestimmten Figur oder Partei, nämlich Christus, zu bezeichnen und von anderen zu unterscheiden. Paulus musste das Judentum nicht aufgeben, um ein Christus-Anhänger zu werden.

    Zweitens verwirrt diese Verwendung des Begriffs „Bekehrung“ für Paulus die Bedeutung in Bezug auf eines der Hauptthemen seiner Briefe. Das Evangelium des Paulus ist nicht der Versuch, die Menschen davon zu überzeugen, vom (legalistischen) Judentum zum (gnädigen) Christentum überzuwechseln, sondern der Schlüssel in seinem Kampf um die Identität dieser Christus-Bewegung im Römischen Reich. … Einige Prediger sagen wie Paulus, dass sie [die Heiden] nicht einmal die Zeichen der jüdischen Identität tragen müssen, um zu dieser jüdischen Bewegung zu gehören. Sie können durch den Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht dadurch, dass sie Juden sind („Werke des Gesetzes“). Andere beharren darauf, dass sie Juden werden müssen („sie müssen sich beschneiden lassen“, Apostelgeschichte 15,5).

    Und drittens verwendet Paulus selbst die Sprache der prophetischen Berufung und nicht der Bekehrung für dieses Element in seinem Leben. „Als aber Gott, der mich schon vor meiner Geburt auserwählt und durch seine Gnade berufen hat …“ (Gal 1,15; siehe auch Röm 1,1). … Paulus verstand sich nicht als Prediger eines Religionswechsels, sondern als jüdischer Prophet, der Israel und die Völker zur Nachfolge des Gottes Israels aufrief, der sich nun am Ende der Zeit im Messias Jesus offenbart hat.

    Kapitel 6

    Was genau war der Fluch des Gesetzes?

    Eine Stelle im Galaterbrief wird im Kontext der neuen Sicht auf Paulus auch diskutiert:

    Denn alle, die aus dem Tun dessen leben, was im Gesetz geschrieben steht, stehen unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht bleibt bei allem, wovon im Buch des Gesetzes geschrieben steht, dass es zu tun sei. Dass aber durch das Gesetz bei Gott niemand gerecht wird, ist offensichtlich, denn: Der Gerechte wird aus Glauben leben. Das Gesetz aber, das bedeutet nicht ‚aus Glauben‘, sondern: Wer dies alles tut, wird dadurch leben. Christus hat uns freigekauft vom Fluch des Gesetzes, indem er für uns zum Fluch geworden ist – es steht nämlich geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.

    Galater 3:10-13 Züricher

    Spätestens seit der Reformation wird diese Stelle von Protestanten und anderen so interpretiert:

    1. Das Gesetz spricht einen Fluch über jeden aus, der es nicht hält. (Paulus zitiert 5. Mose 27,26.)
    2. kein Mensch kann das Gesetz vollkommen halten.
    3. Daher stehen alle Menschen unter dem Fluch des Gesetzes.
    4. Christus hat jedoch die Sünde und den Fluch der Menschheit am Kreuz auf sich genommen und so die Befreiung von diesem Fluch erkauft.

    Kapitel 6

    Autoren der neuen Sicht auf Paulus haben die Schlussfolgerung aus Punkt 1 und 2 zurecht in Frage gestellt. Sie wiesen darauf hin, dass das Opfersystem, die Möglichkeit der Reue und die göttliche Vergebung doch gerade drauf hinweisen, dass weniger als vollkommener Gehorsam zulassen wurde, d. h., dass sie für Unvollkommenheiten Vorsorge treffen.

    Ich persönlich halte diese Argumentation nicht nur für sehr einleuchtend, sondern auch ausgesprochen wichtig. Wer die Thora unvoreingenommen liest, stellt fest, dass sehr viel über die Opfer gesagt wird. Es geht aber nie darum, unberechenbare, wütende Götter zu besänftigen. Unter anderem geht es darum, die Heiligkeit Jahwehs immer wieder in den Sinn zu rufen, und im Unterschied dazu den Stand der Menschen. Aber dabei bleibt es ja nicht. Es wird genau beschrieben, was zu tun ist, damit die Menschen in diesem Bund von ihren „Sünden“ befreit werden. Neben den Opfern wird dies auch sehr plastisch dargestellt:

    Wenn Aaron die Sühnehandlung für das Heiligtum, das Offenbarungszelt und den Altar vollzogen hat, soll er den lebenden Ziegenbock herbeibringen. Er stütze beide Hände auf den Kopf dieses Ziegenbocks und bekenne über ihm alle Schuld der Israeliten und all ihre Vergehen, mit denen sie sich schuldig gemacht haben. Er soll sie auf den Kopf des Bocks legen und ihn dann durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schaffen lassen, damit der Ziegenbock all ihre Schuld mit sich in die Öde trägt. Dann schicke er den Bock in die Wüste.

    3. Mose 16:20-22 NEÜ

    Was ist dann der Fluch des Gesetzes, von dem Paulus spricht? Hier gibt es verschiedene Ansichten aber auch eine Gemeinsamkeit: Es geht hier um den Nomismus des Bundes, und Segen oder Fluch sind an die Treue zum göttlichen Weg gebunden, der im Bund offenbart wurde.

    Hatte Paulus ein belastetes oder reines Gewissen?

    Gemäß der lutherischen Tradition muss Paulus eigentlich ein belastetes Gewissen gehabt haben. Im Neuen Testament finden wir aber diese Aussage Pauli:

    Dem Eifer nach war ich ein ‹unerbittlicher› Verfolger der Gemeinde; und gemessen an der Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, war ich ohne Tadel.

    Philipper 3:6 NEÜ

    Das hört sich doch nicht nach einem belasteten Gewissen aufgrund seiner Sündhaftigkeit an, oder? Und spät in seinem Leben sagt er es gemäß der Apostelgeschichte sogar selbst:

    Paulus sah die Mitglieder des Hohen Rates mit festem Blick an. „Meine Brüder„, begann er, „ich habe Gott immer mit einem reinen Gewissen gedient, und daran hat sich bis heute nichts geändert.“

    Apostelgeschichte 23:1 NEÜ

    Und auch an die Korinther äußert sich Paulus entsprechend:

    Zwar bin ich mir keiner Schuld bewusst, aber dadurch bin ich noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der über mich urteilt.

    Denn wir sind stolz auf das, was unser Gewissen bezeugt: Überall in der Welt war unser Verhalten von der Aufrichtigkeit und Lauterkeit Gottes bestimmt, und besonders bei euch. Wir ließen uns nicht von eigener Klugheit leiten, sondern von Gottes Gnade.

    1. Korinther 4:4, 2. Korinther 1:12 NEÜ

    Einige haben mit verschiedenen Texten argumentiert, dass Paulus doch ein belastetes Gewissen hatte und diese Texte ganz anders zu interpretieren seien. Die Argumentationen sind aber kompliziert und wirken auf mich ziemlich gezwungen. Daher möchte ich es bei einem Verweis auf das Buch belassen.

    Römer 10:3

    Aber wird in Römer 10:3 nicht von der Rettung durch eigene Werke gesprochen?

    Denn indem sie die Gerechtigkeit Gottes verkannten und die eigene aufzurichten suchten, haben sie sich nicht unter die Gerechtigkeit Gottes gestellt.

    Römer 10:3 Züricher

    Und im Gegensatz dazu sagt Paulus über sich:

    Ich habe nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern jene Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus, die aus Gott kommt aufgrund des Glaubens.

    Philipper 3:9 Züricher

    Aber stellt Paulus hier wirklich Selbstgerechtigkeit durch eigene Werke gegenüber? Oder nicht doch die Gerechtigkeit, die sie durch Werke gemäß ihrem Bundes hatten? „Es war ihr eigener“, ihr jüdischer, durch den Bund gerechter Status, ihr eigener im Gegensatz zu dem von jemand anderem oder einer anderen Art.“ Ihr Problem ist nicht der Legalismus, sondern die Ignoranz in ihrem lobenswerten Eifer für Gott (Röm 10,2). Wrights Übersetzung von Römer 10:3 bringt das zum Ausdruck:

    Sie waren ignorant gegenüber Gottes Bundestreue, und sie versuchten, einen eigenen Bundesstatus zu errichten; deshalb unterwarfen sie sich nicht Gottes Treue.

    Römer 10:3 Wright‘s translation

    Werkgerechtigkeit für Abraham in Römer 4

    Abschließend möchte ich hier noch Römer 4 aufgreifen, weil es ein wichtiges Argument für diejenigen ist, welche die neue Sicht auf Paulus widerlegen wollen:

    Was wollen wir denn sagen, hat Abraham, unser Vorfahr dem Fleische nach, gefunden? Denn wenn Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, so hat er etwas zum Rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? »Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.« Dem aber, der Werke tut, wird der Lohn nicht angerechnet nach Gnade, sondern nach Schuldigkeit. Dem dagegen, der nicht Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet,…

    Römer 4:1-5 Elberfelder

    Kurz gesagt muss auch für die Exegese dieser Verse der Kontext in Betracht gezogen werden. Der Kontext hat einen starken Bezug auf das Bündnis Gottes mit den Juden. „In 3:29-31 stellt Paulus fest, dass Gott sowohl Juden als auch Heiden „durch den Glauben“ und nicht durch „Werke des Gesetzes“ rechtfertigt. Da die Identität des Bundesvolkes Gottes im Alten Testament mit der jüdischen Identität („Werke des Gesetzes“) verbunden zu sein schien, Paulus diese Verbindung aber bestreitet, stellt sich die Frage, die zu Kapitel 4 führt: „Heben wir denn das Gesetz durch diesen Glauben auf?“ (Röm 3,31)“

    In Bezug auf Vers 4 wird ein Argument von Dunn angeführt:

    Diese Anrechnung als Geschenk und nicht als Anrechnung der vorherigen Treue bezieht sich auf die anfängliche Rechtfertigung Abrahams, während die traditionelle Auslegung gewöhnlich die endgültige Rechtfertigung im Blick hat („durch Werke gerettet“). Der Punkt ist eigentlich ganz einfach: Gottes anfängliche Zurechnung der Gerechtigkeit Abrahams geschah vor (abgesehen von, ohne) irgendwelchen Taten der Treue, irgendwelchen Werken, seinerseits.

    Kapitel 6

    Fazit

    In dieser Serie haben wir einen Überblick über den Stand der Forschung in Bezug auf die neue Sicht auf Paulus erhalten. Es gibt natürlich dazu noch viele Details und Passagen in den Briefen des Paulus, welche diskutiert werden. Dafür sei aber auf Prof. Yingers Buch und die darin zitierte Literatur verwiesen.

    Abschließend möchte ich nur nochmals darauf hinweisen, warum die neue Sicht auf Paulus für unseren Glauben wichtig ist:

    Die neue Sicht auf Paulus ist gar nicht neu, sondern entspricht dem, was Paulus ursprünglich gesagt und gemeint hat.
    “Die Schriften der neuen Sicht auf Paulus versuchen, „zurück zu Paulus“ zu gelangen, nicht „zurück nach Rom“ oder „Luther“ oder zu irgendeiner anderen theologischen Bewegung oder kirchengeschichtlichen Periode.“

    1. Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht legalistisch, sondern zeichnete sich durch Bundesnomismus aus – gerettet durch Gottes Gnade und verpflichtet, seinen Wegen zu folgen.
    2. Da die Juden nicht für Werkgerechtigkeit eintraten, wandte sich Paulus in seinen Briefen nicht gegen den Legalismus.
    3. Stattdessen ging es um eine Frage der sozialen Identität: “Wer gehört zum Volk Gottes, und woran erkennt man das?”, d. h. muss man Jude sein – beschnitten werden, die Speisegesetze einhalten, den Sabbat feiern usw. -, um die Verheißungen an Abraham zu erben?
    4. Paulus unterscheidet sich nicht von den meisten anderen Juden, was die Rolle von Gnade, Glaube und Werken bei der Errettung angeht; was ihn unterscheidet, ist die Überzeugung, dass Jesus Israels Messias und der Herr der ganzen Schöpfung ist. Die Tora ist nicht mehr das bestimmende Zentrum des Handelns Gottes; was jetzt zählt, ist die Zugehörigkeit zu Christus.

    Wir erhalten einen besseren Zugang zu den Briefen des Paulus.

    Wir vermeiden es, uns auf den westlichen Individualismus (wie werde ich gerettet) zu konzentrieren.

    Der Übergang vom Alten zum Neuen Testament wird erleichtert.

    Paulus gründet keine neue Religion, genauso wenig wie Jesus, sondern Paulus ist mit Jesu Aussagen auf einer Linie.

    Und etwas provokant von mir formuliert: Wer der Auffassung ist (*), dass für die Errettung allein der Glaube an Christus notwendig ist, um diese Gnade zu erhalten, und die eigenen Werke völlig unwichtig sind, folgt nicht Christus oder Paulus, sondern Martin Luther und dem traditionellen Protestantismus.

    (*) Ich lasse hier theologische Feinheiten wie Rechtfertigung, Heiligung, Synergismus usw. weg.
  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 4

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 4

    Von Christian


    Weitere wichtige Beiträge zur neuen Sicht auf Paulus kamen von N. T. Wright. „Eines der Merkmale seiner Position ist, wie er die Theologie des Paulus in die größere biblische Geschichte (Erzählung) von Gottes Wirken mit Israel einordnet.“

    [Auch in diesem Teil sind die Zitate aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.]

    Die Briefe des Paulus sollten mit diesem Kontext im Sinn verstanden werden:

    Gottes Absicht für die Menschheit und die Schöpfung wurde durch Adams Sünde vorübergehend zunichte gemacht (1. Mose 1-11). Der Ausweg aus diesem Dilemma war die Familie Abrahams, Israel, durch die sich der göttliche Segen auf die gesamte Menschheit ausdehnen sollte (1. Mose 12). Doch auch das jüdische Volk versagte bei der Erfüllung seiner Rolle als Werkzeug des Segens Gottes für die Welt. Anstatt das Licht für die Völker zu sein, verließ es seine Bundesverpflichtungen und ging schließlich ins Exil. Es sollte also dem Vertreter Israels überlassen werden, die ursprünglich von Adam vorgesehene Rolle unter Gott zu erfüllen. Der Messias Jesus ist Israel, der Same Abrahams, der Sohn Gottes, und sein Gehorsam, sein Tod und seine Auferstehung sind Israels Gehorsam, Tod und Auferstehung. Er ist der Höhepunkt des Bundes, den Gott mit Israel und der Menschheit (Adam) geschlossen hat. Für Wright geht es in der Geschichte weniger um sündige Menschen, die vor dem Gericht wegen ihrer Schuld gerettet werden (obwohl es für ihn auch darum geht), sondern vielmehr darum, dass Gott seine Absichten für die gesamte Schöpfung durch Israel erfüllt.

    Kapitel 4

    Wie hängt das mit dem Thema Rettung zusammen?

    Israels Versagen war nicht „Legalismus“ oder „Werkgerechtigkeit“, sondern „nationale Gerechtigkeit, … der Glaube, dass die fleischliche jüdische Abstammung die Zugehörigkeit zu Gottes wahrem Bundesvolk garantiert“. An anderer Stelle bezeichnet Wright dies als „Charta des nationalen Privilegs“. Anstatt seine Berufung als Licht für die Völker zu erfüllen, sah sich Israel im exklusiven Besitz von Gottes Segnungen; und nur diejenigen, die ein Mitglied Israels wurden (für Männer durch die Beschneidung gekennzeichnet), konnten Zugang zu eben diesen Segnungen haben. (Dies entspricht Dunns Auffassung von „Gesetzeswerken“.) Doch wie Johannes der Täufer dem Volk bereits gesagt hatte:

    Kapitel 4

    Und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird gefällt und ins Feuer geworfen.

    Matthäus 3:9-10 Züricher

    Damit haben wir die wesentlichen Teile der neuen Sicht auf Paulus umrissen, zumindest was die Hauptströmung betrifft:

    1. Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht legalistisch, sondern zeichnete sich durch Bundesnomismus aus – gerettet durch Gottes Gnade und verpflichtet, seinen Wegen zu folgen.
    2. Da die Juden nicht für Werkgerechtigkeit eintraten, wandte sich Paulus in seinen Briefen nicht gegen den Legalismus.
    3. Stattdessen ging es um eine Frage der sozialen Identität: „Wer gehört zum Volk Gottes, und woran erkennt man das?“, d. h. muss man Jude sein – beschnitten werden, die Speisegesetze einhalten, den Sabbat feiern usw. -, um die Verheißungen an Abraham zu erben?
    4. Paulus unterscheidet sich nicht von den meisten anderen Juden, was die Rolle von Gnade, Glaube und Werken bei der Errettung angeht; was ihn unterscheidet, ist die Überzeugung, dass Jesus Israels Messias und der Herr der ganzen Schöpfung ist. Die Tora ist nicht mehr das bestimmende Zentrum des Handelns Gottes; was jetzt zählt, ist die Zugehörigkeit zu Christus.

    Verschiedene Gelehrte haben sich auch intensiv mit bestimmten Formulierungen und häufiger verwendeten Begriffen beschäftigt:

    Don Garlington zum Beispiel hat die Bedeutung der paulinischen Formulierung „der Gehorsam des Glaubens“ oder „Glaubensgehorsams“ (Röm 1,5; 16,26) untersucht. Seine Arbeit unterstreicht den eschatologischen oder bereits/noch-nicht-Charakter der Rechtfertigung. Die Gläubigen sind bereits aus Gnade durch den Glauben an Christus gerechtfertigt. Dennoch warten sie noch auf die endgültige Rechtfertigung (oder Rettung, Erlösung vom endgültigen Zorn). Das macht laut Garlington Sinn, wenn wir sehen, dass alle Wohltaten Christi nur „in Christus“, d. h. durch die Vereinigung mit Christus, verfügbar sind. Für Paulus ist es also nicht nur notwendig, den Weg des Glaubens in Christus zu beginnen, sondern auch im „Gehorsam des Glaubens“ bis zum Ende auszuharren, d. h. „in Christus“ zu bleiben.

    Kapitel 4

    Auch meine [Yinger] eigene Arbeit fällt eindeutig in das Lager der neuen Sicht auf Paulus. Insbesondere Paulus, Judaism and Judgment According to Deeds (Paulus, das Judentum und das Urteil nach Taten) versucht nachzuweisen, dass Paulus nicht mit seinen jüdischen Überzeugungen bezüglich der Rolle von Werken oder Gehorsam für die endgültige Erlösung gebrochen hat. Sein Beharren darauf, dass Christusgläubige nach ihren Taten (für das Heil) beurteilt werden, wiederholt sowohl die Sprache als auch die Konzepte, die er zuvor gelernt hatte:

    Kapitel 4

    Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit ein jeder empfange, was seinen Taten entspricht, die er zu Lebzeiten getan hat, seien sie gut oder böse.

    2. Korinther 5:10 Züricher

    Es gibt noch einige andere Gelehrte mit ergänzenden, weiterführenden oder abweichenden Interpretationen, die ich hier der Zeit halber nicht alle ausführen möchte.

    Als Gelehrter sollte man am besten etwas zurückhaltend mit seinen Behauptungen sein, und sich auf das beschränken, was man sicher beweisen kann. Da es hier aber auch ein gutes Stück um die Interpretation der Texte des Paulus geht, möchte ich mit einer etwas zugespitzten Formulierung diesen Teil abschließen.

    Wer der Auffassung ist, dass für die Errettung allein der Glaube an Christus notwendig ist (*), um diese Gnade zu erhalten, und die eigenen Werke völlig unwichtig sind, folgt nicht Christus oder Paulus, sondern Martin Luther und dem traditionellen Protestantismus.

    (*) Ich lasse hier theologische Feinheiten wie Rechtfertigung, Heiligung, Synergismus usw. weg.

    „Aber was ist mit diesem Text….“ kann ich schön hören. Das kommt im nächsten Teil.

  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 3

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 3

    Von Christian


    Nachdem wir in Teil 1 gesehen haben, wie eine korrigierte Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert auch die Sicht auf die Schriften des Paulus grundlegend verändert, und wir in Teil 2 die weitreichenden Konsequenzen ausgeführt haben, ist es nun an der Zeit, diese neue Sicht auf Paulus einmal tiefer zu analysieren und zu begründen.

    Die Zitate sind aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.

    Was haben wir jetzt vor uns?

    Anstatt Paulus‘ Denken als Gegenpol zum legalistischen Judentum zu interpretieren (der traditionellere Ansatz), können wir ihn nun in seinem authentischen jüdischen Kontext als christlichen Apostel interpretieren, der während seiner gesamten Missionslaufbahn ein jüdischer Theologe war und blieb.

    Kapitel 3

    Ein gutes Beispiel, wie der eigene Kontext und sogar schon die Übersetzung eines Textes eine Interpretation beinhaltet, ist Galater 2:16

    aber ⟨da⟩ wir wissen, dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Christus Jesus, haben wir auch an Christus Jesus geglaubt, damit wir aus Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht aus Gesetzeswerken, weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt wird.

    Galater 2:16 Elberfelder

    Es ist gar nicht so einfach, diesen Text ohne unsere gewohnte Vorstellung zu lesen:

    Traditionell würde die Formulierung „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben gerechtfertigt“ auf den krassen Gegensatz zwischen Paulus‘ neuem Verständnis in Christus und seinen alten jüdischen Ansichten hinweisen – Glaube versus Werke, Glauben versus Tun. Dunn stellt jedoch fest, dass „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben“ in Gal 2,16 auf Überzeugungen verweist, die Paulus und andere christliche Juden teilten (wie Petrus und die judaisierenden Gegner in Antiochia; siehe V. 11-15), und nicht auf Ansichten, in denen sie sich unterschieden. „Wir, die wir von Natur aus Juden sind und nicht heidnische Sünder, wissen, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Christus Jesus“ (Gal 2,15-16, Dunns Übersetzung).

    Kapitel 3

    Gemäß dem schon erwähnten Gelehrten James D. G. Dunn geht es um Folgendes:

    Dunn argumentiert, dass sich diese Formulierung nicht auf Werksgerechtigkeit bezieht, sondern auf bestimmte Gesetzesbefolgungen, die in der antiken Welt als Abzeichen der jüdischen Identität dienten.

    Anstatt ein Codewort für Legalismus zu sein, könnte man „Werke des Gesetzes“ eher als eine soziologische Kategorie verstehen.

    Kapitel 3

    Dann enthält das Buch einen interessanten Hinweis für Leser englischer Bibeln, der aber auch im Deutschen zum Tragen kommt:

    Leser englischer Bibeln müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Übersetzung, die sie lesen, ihnen ein bestimmtes Verständnis von „Werken des Gesetzes“ vorgibt. Paulus spricht in Gal 2,16 von der Rechtfertigung ex ergōn nomou, was neutral mit „aus den Werken des Gesetzes“ wiedergegeben werden könnte. So wird der Satz in einigen Übersetzungen wiedergegeben (NRSV [erste Hälfte des Verses]; KJV; NAB; NASB; ESV). Einige Übersetzungen verstehen dies jedoch als Hinweis auf das, was Menschen tun, um gerechtfertigt zu werden.

    „gerechtfertigt durch das Tun der Werke des Gesetzes“ (NRSV; zweite Hälfte des Verses)
    „gerechtfertigt durch das Beachten des Gesetzes“ (NIV)
    „gerechtfertigt durch den Gehorsam gegenüber dem Gesetz“ (NLT)

    Die letzten drei englischen Übersetzungen lassen den Leser vermuten, dass Paulus von menschlichem Tun oder Befolgen als dem (legalistischen) Mittel spricht, mit dem diese Menschen ihre eigene Rechtfertigung erlangen wollen. Die neutraleren Übersetzungen lassen die Bedeutung entweder für eine neue Sicht auf Paulus oder eine traditionelle Auslegung offen, je nachdem, wie man den größeren Kontext liest.

    Kapitel 3

    Haben wir es hier also nur mit einer Neuinterpretation der Texte zu tun? Nein, denn so wie die neue Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert durch außerbiblische Quellen begründet wurde, so ist dies auch hier der Fall:

    Dunn untermauerte sein Verständnis von „Werken des Gesetzes“, indem er eine ähnliche Verwendung des Begriffs in anderen jüdischen Schriften fand. So verwenden einige der Schriftrollen vom Toten Meer das hebräische Äquivalent „Werke des Gesetzes“, um die charakteristischen Praktiken der Sekte zu beschreiben. Durch diese Praktiken, diese „Werke des Gesetzes“, wurde deutlich, wer zur Sekte gehörte und wer nicht. Die Formulierung deutete nicht auf eine Theologie der verdienstvollen Leistungen hin, sondern darauf, wie man die wahren Anhänger Gottes erkennen konnte. Dasselbe tut Paulus im Galaterbrief, wenn er diejenigen, die „aus den Werken des Gesetzes“ sind, denen gegenüberstellt, „die aus dem Glauben sind“ (Gal 3,9-10).

    Wo Paulus sich grundlegend von seiner jüdischen Tradition unterschied, war nicht die Rolle der Gnade, des Glaubens und des Gehorsams bei der Erlösung, sondern die Frage, ob die Erlösung daran gebunden war, Jude zu sein oder nicht.

    Obwohl dieser entscheidende Ausdruck, „Werke des Gesetzes“, in den Paulusbriefen nur selten vorkommt (acht Mal), liegt seine Bedeutung hinter den vielen Vorkommen von „Gesetz“ oder „Werken“ selbst, als eine Art Kurzform für den umfassenderen Ausdruck. Wenn Paulus zum Beispiel von „Rechtfertigung durch das Gesetz“ (Gal 2,21) oder „durch das Gesetz“ (3,11) spricht, meint er damit nicht das Bemühen des Einzelnen, sich durch das Halten des Gesetzes das Heil zu verdienen, sondern die jüdische Überzeugung, dass nur derjenige zum Volk Gottes gehört, der sich mit der Tora identifiziert; diese Rettung oder Rechtfertigung ist nur „durch die (Werke des) Gesetzes“ möglich.

    Kapitel 3

    Was ist also die zentrale Frage in den Briefen des Paulus?

    Die Hauptfrage, die in diesen paulinischen Texten beantwortet wird, ist also nicht Martin Luthers verzweifeltes „Wie kann ich als Sünder einen gnädigen Gott finden?“, sondern „Wer gehört zur Gemeinschaft der Gerechten, zu Gottes errettetem Volk? “ Paulus so zu lesen, als ob er die Frage „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ beantworten würde, würde die Hauptabsicht des Apostels falsch verstehen. Stattdessen beantworten die Teile seiner Briefe, die sich mit der Errettung oder Rechtfertigung befassen, in der Regel die Frage: „Wie können die Heiden an der rettenden Gnade Gottes für Israel teilhaben?“

    Kapitel 3

    Vergleichen wir beide Sichtweisen anhand dieser Texte:

    Wo bleibt da noch das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens. Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes. Oder ist Gott nur der Gott der Juden, nicht auch der Heiden? Ja, auch der Heiden, da doch gilt: Gott ist der Eine. Er wird aufgrund des Glaubens sowohl die Beschnittenen wie die Unbeschnittenen gerecht machen.

    Römer 3:27-30 Einheitsübersetzung 2016

    Zuerst die traditionelle Sicht:

    Eine traditionelle Auslegung versteht unter „Rühmen“ das Rühmen des eigenen Gehorsams gegenüber einem Gesetz oder einem Prinzip von Werken; es ist ein selbstgerechtes Rühmen. Der Glaube schließt ein solches Rühmen aus, da der Glaube dem Tun gegenübergestellt wird (Glaube versus Werke); wer einfach nur glaubt, ist gerechtfertigt, ganz unabhängig von jeglichem Tun („unabhängig von Werken“), und daher ist ein solches Rühmen nicht möglich. Das gilt für Juden und Heiden gleichermaßen, denn beide werden durch den Glauben und nicht durch das Tun gerechtfertigt.

    Kapitel 3

    Und nun die neue Sicht auf Paulus:

    In der Lesart der neuen Sicht auf Paulus wird dieses „Rühmen“ als Rühmen des jüdischen Bundesprivilegs verstanden. Ein solches Rühmen wird durch das „Gesetz des Glaubens“, d. h. durch das neue Erkennungszeichen des Glaubens an Jesus als Messias, ausgeschlossen. Diese Öffnung des Heils für Nicht-Juden, ohne jüdisch zu werden, ist genau der Grund, warum Paulus sofort sagt, dass Gott nicht mehr „nur Gott der Juden“ ist.

    Kapitel 3

    Vielleicht musst du diese beiden Interpretationen derselben Worte des Paulus erst ein paar mal lesen und vergleichen, um den Unterschied zu erfassen. Irgendwann wird einem dann auch klar, warum dieses Thema für uns so wichtig ist: Möglicherweise hat das, was ich glaube, gar keine direkte Grundlage im Neuen Testament.

    Bis jetzt haben wir jedoch erst die Beiträge von E. P. Sanders und James D. G. Dunn betrachtet. Das war aber noch lange nicht alles zur neuen Sicht auf Paulus. Wie wir im nächsten Teil sehen werden.

  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 2

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 2

    Von Christian


    Im ersten Teil hatten wir gesehen, wie sich die Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert seit etwa 1977 geändert hat. Dies hat alles andere als geringe Konsequenzen, wenn es um die Interpretation von Aussagen Jesu oder Pauli im Neuen Testamt geht:

    Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.

    Kapitel 2

    Bevor wir auf die Details der Begründung eingehen, werden wir uns aber zuerst wie gesagt mit den positiven Auswirkungen beschäftigen. [Die Zitate sind aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet]

    Kapitel 8: Ein Applaus für die ‚neue Sicht auf Paulus‘

    Ein besserer Zugang zu den Briefen des Paulus

    Einen großen Vorteil formuliert Yinger so:

    War Paulus beunruhigt wegen dem Legalismus, über selbstgerechte gute Werke, als er sagte: „Nicht durch Werke des Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2:16)? Oder ging es ihm gemäß der neuen Sicht auf Paulus vor allem darum, ob Heiden Juden werden müssen? Und wenn er dann das Tun von guten Werken lobt – „wenn ihr in Bezug auf den Geist sät, werdet ihr ewiges Leben aus dem Geist ernten. Lasst uns also nicht müde werden, das Richtige zu tun, denn wir werden zur Zeit der Ernte ernten“ (Gal 6:8-9) – müssen wir nicht umschalten, sondern können sehen, dass sich Paulus‘ Liebe zu guten Werken konsequent durch alle seine Worte zieht.

    Kapitel 8

    Die Vermeidung des westlichen Individualismus

    Dies ist ein weiterer Aspekt:

    Die neue Sicht auf Paulus beim Lesen seiner Briefe zu verwenden kann auch dazu beitragen, die westliche Überbetonung des Individuums zu reduzieren. Im Evangelium geht es nicht mehr nur um meine Errettung, sondern um eine neue Schöpfung (2. Kor 5:17) und ein neues Volk. In Römer 7 muss es nicht mehr in erster Linie um meinen persönlichen Kampf mit der Sünde gehen, sondern um Gesetz und Sünde in der Geschichte Israels (oder Adams). Das bedeutet natürlich nicht, dass „ich“ völlig aus dem Bild verschwinden muss. Es rückt mich nur aus dem Zentrum heraus.

    Kapitel 8

    Tschüss Anti-Semitismus?

    Die Geschichte der christlichen Kirchen zeichnete sich leider von Anfang an auch durch anti-semitische Züge aus. Einer der Gründe fällt durch die neue Sicht weg:

    Anstatt von dem minderwertigen jüdischen Legalismus zu sprechen, klingt der Bundesnomismus positiver gegenüber der Mutterreligion des Christentums. Anstatt nur ein gescheitertes oder falsches Religionsmuster zu sein, stellt sich heraus, dass Judentum und Christentum auch viele Gemeinsamkeiten in ihrem Muster haben.

    Kapitel 8

    Ein wesentlicher Unterschied bleibt jedoch bestehen:

    Für einige Befürworter der neuen Sicht auf Paulus bedeutet dies die vollständige Ablehnung der Substitutionstheologie: Das heißt, die Kirche ersetzt Israel nicht in Gottes Plan für die Menschheit; Israel und die Kirche stehen jetzt gleichberechtigt vor Gott (mit oder ohne Jesus Christus). Für andere, wie mich, wird Israel neu konfiguriert (und nicht ersetzt), um sowohl Juden als auch Heiden in das Israel einzubeziehen, das durch den Messias Jesus wiederhergestellt wurde; aber es ist immer noch von größter Bedeutung, Teil dieses Israels zu sein, Kinder Abrahams. Für nichtchristliche Juden klingt das wahrscheinlich immer noch wie die alte Substitutionstheologie, da Israel, wie sie es verstehen, nicht mehr ausreichend ist. Aber das „nicht mehr ausreichend“ beruht nicht auf einem inhärenten Fehler in Israels Religion, wie bei den meisten früheren Versionen der Substitutionstheologie, sondern auf der christlichen Überzeugung, dass Gott mit Jesus Christus eine neue Ära in Israels Geschichte begonnen hat.

    Kapitel 8

    Der Wechsel vom Alten zum Neuen Testament wird erleichtert

    Die neue Sicht auf Paulus ergibt auch eine viel größere Kontinuität beim Übergang vom Alten zum Neuen Testament.

    Die Botschaft des Paulus ist nicht die Antithese zum Judentum (oder zum alttestamentlichen Gesetz), sondern eine christologisch umgestaltete Fortsetzung oder ein Höhepunkt desselben.

    Kapitel 8

    Und so können Christen viel natürlicher das Alte Testament lesen. Das erkennen wir am Besten an einem Beispiel: Psalm 18

    Von David, dem Diener Jahwes. Dieses Lied sang er für Jahwe, nachdem dieser ihn vor Saul und allen anderen Feinden gerettet hatte.
    Ich liebe dich, Jahwe, du meine Stärke! Jahwe, mein Fels, mein Schutz und mein Retter, / mein Gott, meine Burg, in der ich mich berge, / mein Schild, meine Zuflucht und mein sicheres Heil.

    Psalm 18:1-3 NEÜ

    Auch Christen können das ohne Weiteres wiederholen. Aber etwas später im selben Psalm wird es schwierig, falls wir eine traditionelle Sicht haben:

    Der HERR handelte an mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vergalt er mir. Denn ich habe die Wege des HERRN eingehalten und bin von meinem Gott nicht gottlos abgewichen. Denn alle seine Rechtsbestimmungen waren vor mir, und seine Ordnungen wies ich nicht von mir. Auch war ich ganz mit ihm und hütete mich vor meiner Schuld. So vergalt der HERR mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen.

    Psalm 18:21-25 Elberfelder

    David spricht hier ganz klar von Taten und dass Gott ihn deswegen als rein und gerechtfertigt ansah. Das ist nun nicht gerade die Vorstellung Luthers und des Protestantismus – wenn man diese Passage mit der traditionellen Interpretation liest:

    Traditionell sind christliche Ausleger über die scheinbare Selbstgerechtigkeit dieser Passage zusammengezuckt oder haben „meine Gerechtigkeit“ als die zugeschriebene Gerechtigkeit Christi umgedeutet.

    Kapitel 8

    Mit der neuen Sicht auf Paulus ergibt sich aber für uns ein ganz anderes Bild:

    Die Gerechtigkeit und Untadeligkeit im Psalm beziehen sich nicht auf eine Art selbstgerechter Perfektion, sondern auf die Integrität des treuen Verhaltens, das überall in der Bibel, auch im Neuen Testament, erwartet wird. Es ist die Loyalität (= Glaube oder Treue), die von Gottes Gnade inspiriert ist, und spricht von denen, die „treu“ sind und „ihre Zuflucht zu ihm nehmen“ (V. 25, 30). Der Psalmist sagt damit einfach: „Ich habe mich nicht von dir abgewandt, Herr, sondern habe versucht, auf deinen Wegen zu wandeln. Bitte handle mit mir nach den gnädigen Verheißungen deines Bundes“.

    Kapitel 8

    Paulus und Jesus auf der selben Seite

    Wer als Christ seine Glaubenslehren anhand des Neuen Testaments überprüft, wird feststellen, dass er ziemlich oft Texte von Paulus zitieren wird, den selben Gedanken aber nicht in den Evangelien selbst findet – also direkt in Jesu Worten. Tatsächlich geht der Unterschied sogar noch weiter, wenn man Paulus gemäß der protestantischen Tradition liest:

    Es ist viel davon die Rede, dass Paulus eine neue Religion, das Christentum, gegründet hat, die die einfache galiläisch-jüdische Botschaft Jesu ersetzt. Manche sagen, dass Jesus die Erneuerung oder Reform des Judentums anstrebte; Paulus gab dieses Ziel auf und wollte eine Weltreligion gründen, die auch die Heiden einschließt. Jesus predigte das bevorstehende Reich Gottes, Paulus predigte Jesus – aus dem Verkünder wurde der Verkündigte. Für Jesus war jedes „Jota oder Häkchen“ wichtig (Mt 5,18), während Paulus der Meinung war, das Gesetz sei zu Ende (Röm 10,4). Jesus rief die Menschen zu strenger Nachfolge auf, wenn sie in Gottes Reich kommen wollten; Paulus rief sie zu einfachem Glauben auf. Du verstehst, worum es geht.

    Kapitel 8

    Die neue Sicht auf Paulus ist zwar nicht unbedingt die einzige Möglichkeit, um diesen Unterschied zu erklären, doch sie gibt uns Werkzeuge in die Hand, um ihn aufzulösen:

    Anstatt die paulinische Gnade in Konkurrenz zur Nachfolge des Evangeliums zu sehen, zeigt der Bundesnomismus, dass sie sowohl bei Jesus als auch bei Paulus (und im Judentum) ein harmonisches Muster bilden. Beide hielten an der grundlegenden Bedeutung der Gnade fest. Die Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16) erhalten ihren Lohn nicht nach der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden, sondern nach der göttlichen Großzügigkeit. Die Heilungen Jesu waren ein anschaulicher Beweis dafür, dass Gottes Gunst auf die scheinbar Unwürdigen herabregnete. Paulus‘ Bekenntnis zur Gnade bedarf keines weiteren Kommentars.

    Doch neben dieser Betonung der Gnade wurde auch die Notwendigkeit des Gehorsams betont. In Jesu Gleichnis vom Gericht (Mt 25,31-46) hängt das Schicksal der Schafe und Ziegen – ewige Strafe oder ewiges Leben – davon ab, ob sie dem Weg Jesu gehorchen: die Hungrigen speisen, die Gefangenen besuchen usw. Und Paulus ist nach wie vor davon überzeugt, dass Gott „jedem nach seinen Werken vergelten wird: Denen, die durch geduldiges Tun des Guten nach Herrlichkeit und Ehre und Unsterblichkeit trachten, wird er das ewige Leben geben“ (Röm 2,6-7).

    Wenn „Werke“ negativ gedacht werden – als verdienstvolle oder selbstgerechte gute Werke – ist es schwieriger, diese doppelte Betonung von Gnade und Gehorsam in Einklang zu bringen. Der Bundesnomismus legt nahe, dass diese beiden Schwerpunkte sowohl im Judentum als auch bei Jesus und Paulus zusammenhingen. Das Evangelium, das Paulus predigte, folgt demselben Muster wie das von Jesus.

    Ein weiterer Punkt der Kontinuität zwischen Paulus und Jesus, auf den die neue Sicht auf Paulus hinweist, betrifft die rettende Bedeutung der Zugehörigkeit zum Volk Israel. In der reformatorischen Exegese schienen Römer 9-11 (Was ist mit Israels Erwählung?) und Paulus‘ Erkundung der individuellen Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben (Kap. 1-8) nicht zusammenzupassen. Die neue Sicht auf Paulus geht davon aus, dass die Frage nach der Zugehörigkeit zum Bund die treibende Kraft hinter den Diskussionen des Paulus über das Evangelium ist (vor allem im Römer- und Galaterbrief). Muss man Jude sein oder werden und die „Werke des Gesetzes“ vollbringen, um zu Christus zu gehören? Das erinnert an die konsequente Botschaft Jesu, dass die jüdische Identität kein Schutz vor dem kommenden Zorn ist. Seine erste Predigt im Lukasevangelium hätte fast zu seinem Untergang geführt, weil er lehrte, dass Gott die Nachkommen Abrahams nicht bevorzugt behandeln würde (Lukas 4,25-30). Das erinnert an die Predigt von Johannes dem Täufer: „Fangt nicht an, euch zu sagen: ‚Wir haben Abraham zum Stammvater‘; denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Abrahams Kinder erwecken“ (Lukas 3,8). Damit führt Paulus eines der zentralen Themen Jesu als zentrales Thema seines eigenen Evangeliums fort.

    Kapitel 8

    Ich denke, das sind schon eine Menge wichtiger Punkte, um sich näher mit dieser neuen Sicht auf Paulus zu beschäftigen. Und eigentlich ist sie ja gar nicht so neu:

    Diese Debatten sind größtenteils ein Versuch, zu dieser alten Perspektive zurückzukehren, d.h. zu Paulus‘ eigener Sicht auf Gott, Christus, das Gesetz, den Glauben usw. Die Befürworter der neuen Sicht auf Paulus betrachten ihre Position in der Regel nicht als wirklich „neu“, sondern als Wiederherstellung dieses älteren, wahrhaft paulinischen Verständnisses.

    Kapitel 8
  • Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1

    Die neue Sicht auf Paulus – Teil 1

    Von Christian


    Kann es sein, dass man 2000 Jahre nach Paulus noch irgend etwas Neues über seine Lehren sagen kann? Zum Beispiel, was unsere Hoffnung auf Rettung betrifft? Kurz gesagt, wissen wir doch dies:

    • Im 1. Jahrhundert glaubten die Juden voller Selbstgerechtigkeit, dass sie sich die Rettung durch ihre Werke verdienen konnten.
    • Jesus hat sie deswegen verurteilt und das mosaische Gesetz abgelöst.
    • Paulus hat auch gegen deren Vorstellung argumentiert und dargelegt, dass wir alleine aufgrund des Glaubens und durch Gnade gerettet werden. Unsere Werke spielen dabei überhaupt keine Rolle.

    Richtig? Was wäre, wenn alle drei Aussagen falsch sind? Dass sie eben nicht im Neuen Testamt stehen, Paulus das so nicht gesagt hat, sondern dass es Interpretationen der Reformation sind und manche Begründung erst in den letzten 200 Jahren entstanden sind? Es würde mich nicht wundern, wenn manche jetzt den Kopf schütteln. „Will der jetzt mal so eben zeigen, dass Größen wie Calvin oder Luther falsch lagen?“ Oder vielleicht reagierst du eher so:

    Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das Evangelium selbst, die kirchliche Verkündigung der guten Nachricht von der Erlösung in Christus. [•••] Die neue Sicht bietet letztlich ein anderes Evangelium als das, für das die Reformation Zeugnis abgelegt hat

    Die derzeitige Revision der Rechtfertigungslehre, wie sie von den Verfechtern der so genannten Neuen Sicht auf Paulus formuliert wird, ist nichts weniger als eine grundlegende Ablehnung nicht nur des Protestantismus, der versucht, innerhalb der Bekenntnis- und Lehrlinien der Reformation zu stehen, sondern auch praktisch der gesamten westlichen Rechtfertigungstradition, die mindestens bis zu Augustinus zurückreicht.

    Die Ablehnung der Reformation …. ist ein ziemlich dickes Brett für die neue Sicht auf Paulus.

    Kapitel 7

    Es gibt aber auch Kommentare, die genau das Gegenteil sagen:

    Der Ansatz der reformatorischen Tradition zu Paulus ist grundlegend falsch.

    Kapitel 7

    Schauen wir einmal genau hin, was der Text des Neuen Testaments selbst sagt, und zwar unter Berücksichtigung des Kontextes und nicht von 2000 Jahren theologischer Überlegungen dazu. Du wirst vielleicht überrascht sein, welche deiner Glaubensinhalte möglicherweise gar nicht von Paulus sondern vielmehr von Luther und anderen stammt.

    Diese Serie stützt sich auf diese sehr gute Übersicht zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema der drei Jahrzehnte bis 2011: „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger.

    Anstelle von Polemik wünsche ich mir, dass dieses Buch ein Ort ist, an dem alle, die wirklich danach streben, das Denken des Paulus und die zentrale Botschaft dieses jüdischen Apostels Jesu Christi an die Heiden besser zu verstehen, zusammenkommen und gemeinsam nachdenken können.

    Kapitel 1

    Das Buch ist so aufgebaut: Wann und wie kam die neue Sicht auf Paulus auf? Wie entwickelte sich die Diskussion unter den Gelehrten weiter? Welche exegetischen und theologischen Bedenken und Einwände gibt es gegenüber dieser neuen Sicht? Und schließlich ein Kapitel darüber, welche Perspektiven sich durch diese neue Sicht ergeben.

    Für die Ungeduldigen unter uns: In diesem Teil geht es zuerst einmal darum, was denn diese neue Sicht auf Paulus sein soll. Im nächsten Teil kommt dann gleich, was sich dadurch alles ändert. Erst danach werde ich näher auf Details und das Für und Wider eingehen.

    Kapitel 2: Womit hat das alles angefangen?

    Die Veränderung begann damit, dass Gelehrte zunehmend eine Diskrepanz erkannten zwischen der etablierten Sicht über das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels und neueren historischen Erkenntnissen.

    Die etablierte Sicht auf das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels

    Die Sichtweise, welche vor allem im 19. und 20. Jahrhundert von Gelehrten entwickelt wurde, lässt sich so zusammen fassen:

    Ein Jude hält es für selbstverständlich, dass diese Bedingung [für Gottes freisprechende Entscheidung] das Halten des Gesetzes ist, also das Vollbringen von „Werken“, die das Gesetz vorschreibt. Im direkten Gegensatz zu dieser Sichtweise steht die These des Paulus. „durch bzw. aus dem Glauben“.

    Kapitel 2

    Yinger fasst es so zusammen:

    Es ist nicht schwer zu erkennen, wie das Evangelium in fast jedem Punkt als Gegensatz zu dieser Religion empfunden wurde.
    – Gnade gegen Werke
    – Befähigung durch den Geist gegen das harte Joch des Gesetzes
    – Freude gegen Mühsal
    – Zuversicht gegen Angst und
    – „Gott mit uns“ gegen eine ferne Gottheit
    Gelehrte nannten das Judentum dieser Zeit sogar „Spätjudentum“, was bedeutet, dass es sich in einem ernsthaften Niedergang befand und in den letzten Zügen lag.

    Kapitel 2

    Wendepunkt 1977

    Gelehrte widersprachen dieser Vorstellung zusehends. Der Wendepunkt kam mit der Veröffentlichung von E. P. Sanders‘ Paul and Palestinian Judaism im Jahr 1977.

    Anstatt sich die göttliche Gunst durch ihre Werke des Gehorsams gegenüber dem Gesetz zu verdienen, betonten die Juden die freie Wahl Gottes für Israel. Sie wurden allein durch Gnade zu Mitgliedern des auserwählten Volkes Gottes. Das Heil war ein Geschenk und nicht etwas, das sie sich erst verdienen mussten.

    Strenger Gehorsam gegenüber den Geboten war die erwartete Reaktion auf Gottes vorherige rettende Gnade, nicht der Versuch, sie zu verdienen. Sowohl das Volk als auch die einzelnen Menschen innerhalb des Volkes hielten die Gebote nicht, um erlöst zu werden, sondern weil sie erlöst oder gerettet worden waren (siehe Auszug aus Ägypten).

    Kapitel 2

    Sanders prägte den Ausdruck Bundesnomismus (covenantal nomism) dafür und fasste dies in 8 Punkten zusammen:

    1. Gott hat Israel erwählt. [Die Auserwählung, also die Gnade und nicht die verdienstvollen Werke, ist also das grundlegende Datum für die Erlösung im Judentum.]
    2. Und Gott hat das Gesetz gegeben. [Die Tora ist ein Geschenk an Israel, das es in der Lebensweise unterweist, mit der Gott es bereits beschenkt hat; sie ist keine Last.]
    3. Das Gesetz beinhaltet sowohl Gottes Versprechen, die Erwählung aufrechtzuerhalten, als auch
    4. die Verpflichtung zum Gehorsam. [Die Aufrechterhaltung der Erwählung hängt nicht allein von den Bemühungen Israels ab, sondern wird von Gott selbst ermöglicht. Dennoch darf die Bedeutung des tatsächlichen Gehorsams nicht geschmälert werden].
    5. Gott belohnt den Gehorsam und bestraft Übertretungen.
    6. Das Gesetz sieht Mittel zur Sühne vor, und die Sühne führt
    7. zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Bundesbeziehung. [Durch Buße und das Opfersystem sind Vorkehrungen für den Fall getroffen worden, dass Israel sündigt.]
    8. Alle, die durch Gehorsam, Sühne und Gottes Barmherzigkeit im Bund gehalten werden, gehören zu der Gruppe, die gerettet werden wird.

    Seitdem besteht unter Gelehrten zumindest über diese Punkte Übereinkunft:

    • Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht die legalistische Religion, als die es früher karikiert wurde.
    • Der Bundesnomismus ist eine angemessene Beschreibung der jüdischen Soteriologie dieser Zeit.

    [Soteriologie ist die Lehre der Erlösung der Menschheit im christlichen Kontext.] Und warum hat das so große Wellen geschlagen?

    „Einer der zentralen Bausteine der protestantischen Soteriologie ist die Errettung aus Gnade und nicht aus Werken. Diese Entdeckung der unverdienten Gnade Gottes in Jesus Christus wird als einer der großen Fortschritte des christlichen Evangeliums gegenüber dem Judentum angesehen. Das Evangelium der freien Gnade hat das harte Joch des Judentums, das Gesetz zu halten, seine angeblich typische Gesetzlichkeit, ersetzt.“

    Nehmen wir nur einmal eine Aussage von Paulus: „“Wir wissen, dass der Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2,16). Traditionell weist „durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt“ auf den jüdischen Legalismus hin. Aber wenn das Judentum nicht besonders legalistisch war, wovon in aller Welt spricht Paulus dann?“

    Vielleicht ist es dir noch nicht bewusst geworden, aber hier geht es nicht um eine Kleinigkeit:

    Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.

    Kapitel 2

    Und das werden wir in den nächsten Teilen der Serie tun.