Von Christian
Nachdem wir in den ersten vier Teilen auf die neue Sicht auf Paulus eingegangen sind, wollen wir uns in diesem letzten Teil mit einigen Aspekten der Exegese beschäftigen. Schließlich kommt es uns (zumindest mir) darauf an, was wir aus dem Text des Neuen Testaments entnehmen können, und nicht so sehr, was sich Gelehrte im Laufe der Jahrhunderte als Theologie darüber hinaus erarbeitet (ausgedacht?) haben:
DER BEWEIS für jede Theorie zur Auslegung der Paulusbriefe liegt natürlich in der Exegese (= Auslegungsmethode). Das heißt, kann die Theorie das, was Paulus gesagt hat, tatsächlich sinnvoll interpretieren – und nicht nur einen Teil dessen, was der Apostel geschrieben hat, sondern alles?
Kapitel 6
[Auch in diesem Teil sind die Zitate aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.]
Auf einige Punkte geht Prof. Yinger in Kapitel 6 näher ein.
Gesetzeswerke
Wie ist der Stand der Diskussion dazu?
Am heftigsten umstritten ist natürlich, ob „Werke des Gesetzes“ etwas mit Legalismus zu tun haben oder nicht. Wenn Paulus sich gegen die Rechtfertigung „durch Werke des Gesetzes“ wendet (Gal 2,16), bezieht sich das auf die traditionellere Überzeugung, dass man durch das Erbringen dieser Werke die Rechtfertigung erlangt (= Legalismus), oder darauf, dass man zur Gruppe des Bundes, Israel, gehören muss? …
Diese exegetische Debatte scheint in eine Sackgasse geraten zu sein. …
Ob Paulus den Legalismus ablehnte, ist ein größeres Problem als die Exegese eines einzelnen Satzes. Wie die meisten Juden seiner Zeit war Paulus sicher der Meinung, dass Legalismus – genug zu tun, um Gott in unsere Schuld zu bringen, so dass er uns das Heil „schuldet“ – lächerlich ist, auch wenn es nicht das ist, was er mit „Werken des Gesetzes“ meint.
Kapitel 6
Paulus: Bekehrt oder berufen?
Im Kontext der neuen Sicht auf Paulus ergibt sich auch eine für uns vielleicht überraschende Frage:
War Paulus bekehrt? Das heißt, blieb er nach dem Erlebnis auf der Straße nach Damaskus ein Anhänger des Judentums, oder bekehrte er sich zu etwas anderem?
Kapitel 6
Yinger führt drei Argumente näher aus:
Erstens ist es anachronistisch, von einem Religionswechsel des Paulus zum Christentum zu sprechen. Das heißt, wir nehmen eine spätere Situation und übertragen sie auf eine frühere, ganz andere Situation. In der Mitte des ersten Jahrhunderts gab es noch keine identifizierbare Religion namens „Christentum“. Gelegentlich wurden Jesus-Anhänger als christianoi bezeichnet (Apg 11,26; 26,28; 1 Petr 4,16), aber das war einfach die Art und Weise, wie einige Gegner versuchten, diese Leute als Anhänger einer bestimmten Figur oder Partei, nämlich Christus, zu bezeichnen und von anderen zu unterscheiden. Paulus musste das Judentum nicht aufgeben, um ein Christus-Anhänger zu werden.
Zweitens verwirrt diese Verwendung des Begriffs „Bekehrung“ für Paulus die Bedeutung in Bezug auf eines der Hauptthemen seiner Briefe. Das Evangelium des Paulus ist nicht der Versuch, die Menschen davon zu überzeugen, vom (legalistischen) Judentum zum (gnädigen) Christentum überzuwechseln, sondern der Schlüssel in seinem Kampf um die Identität dieser Christus-Bewegung im Römischen Reich. … Einige Prediger sagen wie Paulus, dass sie [die Heiden] nicht einmal die Zeichen der jüdischen Identität tragen müssen, um zu dieser jüdischen Bewegung zu gehören. Sie können durch den Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht dadurch, dass sie Juden sind („Werke des Gesetzes“). Andere beharren darauf, dass sie Juden werden müssen („sie müssen sich beschneiden lassen“, Apostelgeschichte 15,5).
Und drittens verwendet Paulus selbst die Sprache der prophetischen Berufung und nicht der Bekehrung für dieses Element in seinem Leben. „Als aber Gott, der mich schon vor meiner Geburt auserwählt und durch seine Gnade berufen hat …“ (Gal 1,15; siehe auch Röm 1,1). … Paulus verstand sich nicht als Prediger eines Religionswechsels, sondern als jüdischer Prophet, der Israel und die Völker zur Nachfolge des Gottes Israels aufrief, der sich nun am Ende der Zeit im Messias Jesus offenbart hat.
Kapitel 6
Was genau war der Fluch des Gesetzes?
Eine Stelle im Galaterbrief wird im Kontext der neuen Sicht auf Paulus auch diskutiert:
Denn alle, die aus dem Tun dessen leben, was im Gesetz geschrieben steht, stehen unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht bleibt bei allem, wovon im Buch des Gesetzes geschrieben steht, dass es zu tun sei. Dass aber durch das Gesetz bei Gott niemand gerecht wird, ist offensichtlich, denn: Der Gerechte wird aus Glauben leben. Das Gesetz aber, das bedeutet nicht ‚aus Glauben‘, sondern: Wer dies alles tut, wird dadurch leben. Christus hat uns freigekauft vom Fluch des Gesetzes, indem er für uns zum Fluch geworden ist – es steht nämlich geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.
Galater 3:10-13 Züricher
Spätestens seit der Reformation wird diese Stelle von Protestanten und anderen so interpretiert:
1. Das Gesetz spricht einen Fluch über jeden aus, der es nicht hält. (Paulus zitiert 5. Mose 27,26.)
Kapitel 6
2. kein Mensch kann das Gesetz vollkommen halten.
3. Daher stehen alle Menschen unter dem Fluch des Gesetzes.
4. Christus hat jedoch die Sünde und den Fluch der Menschheit am Kreuz auf sich genommen und so die Befreiung von diesem Fluch erkauft.
Autoren der neuen Sicht auf Paulus haben die Schlussfolgerung aus Punkt 1 und 2 zurecht in Frage gestellt. Sie wiesen darauf hin, dass das Opfersystem, die Möglichkeit der Reue und die göttliche Vergebung doch gerade drauf hinweisen, dass weniger als vollkommener Gehorsam zulassen wurde, d. h., dass sie für Unvollkommenheiten Vorsorge treffen.
Ich persönlich halte diese Argumentation nicht nur für sehr einleuchtend, sondern auch ausgesprochen wichtig. Wer die Thora unvoreingenommen liest, stellt fest, dass sehr viel über die Opfer gesagt wird. Es geht aber nie darum, unberechenbare, wütende Götter zu besänftigen. Unter anderem geht es darum, die Heiligkeit Jahwehs immer wieder in den Sinn zu rufen, und im Unterschied dazu den Stand der Menschen. Aber dabei bleibt es ja nicht. Es wird genau beschrieben, was zu tun ist, damit die Menschen in diesem Bund von ihren „Sünden“ befreit werden. Neben den Opfern wird dies auch sehr plastisch dargestellt:
Wenn Aaron die Sühnehandlung für das Heiligtum, das Offenbarungszelt und den Altar vollzogen hat, soll er den lebenden Ziegenbock herbeibringen. Er stütze beide Hände auf den Kopf dieses Ziegenbocks und bekenne über ihm alle Schuld der Israeliten und all ihre Vergehen, mit denen sie sich schuldig gemacht haben. Er soll sie auf den Kopf des Bocks legen und ihn dann durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schaffen lassen, damit der Ziegenbock all ihre Schuld mit sich in die Öde trägt. Dann schicke er den Bock in die Wüste.
3. Mose 16:20-22 NEÜ
Was ist dann der Fluch des Gesetzes, von dem Paulus spricht? Hier gibt es verschiedene Ansichten aber auch eine Gemeinsamkeit: Es geht hier um den Nomismus des Bundes, und Segen oder Fluch sind an die Treue zum göttlichen Weg gebunden, der im Bund offenbart wurde.
Hatte Paulus ein belastetes oder reines Gewissen?
Gemäß der lutherischen Tradition muss Paulus eigentlich ein belastetes Gewissen gehabt haben. Im Neuen Testament finden wir aber diese Aussage Pauli:
Dem Eifer nach war ich ein ‹unerbittlicher› Verfolger der Gemeinde; und gemessen an der Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, war ich ohne Tadel.
Philipper 3:6 NEÜ
Das hört sich doch nicht nach einem belasteten Gewissen aufgrund seiner Sündhaftigkeit an, oder? Und spät in seinem Leben sagt er es gemäß der Apostelgeschichte sogar selbst:
Paulus sah die Mitglieder des Hohen Rates mit festem Blick an. „Meine Brüder„, begann er, „ich habe Gott immer mit einem reinen Gewissen gedient, und daran hat sich bis heute nichts geändert.“
Apostelgeschichte 23:1 NEÜ
Und auch an die Korinther äußert sich Paulus entsprechend:
Zwar bin ich mir keiner Schuld bewusst, aber dadurch bin ich noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der über mich urteilt.
Denn wir sind stolz auf das, was unser Gewissen bezeugt: Überall in der Welt war unser Verhalten von der Aufrichtigkeit und Lauterkeit Gottes bestimmt, und besonders bei euch. Wir ließen uns nicht von eigener Klugheit leiten, sondern von Gottes Gnade.
1. Korinther 4:4, 2. Korinther 1:12 NEÜ
Einige haben mit verschiedenen Texten argumentiert, dass Paulus doch ein belastetes Gewissen hatte und diese Texte ganz anders zu interpretieren seien. Die Argumentationen sind aber kompliziert und wirken auf mich ziemlich gezwungen. Daher möchte ich es bei einem Verweis auf das Buch belassen.
Römer 10:3
Aber wird in Römer 10:3 nicht von der Rettung durch eigene Werke gesprochen?
Denn indem sie die Gerechtigkeit Gottes verkannten und die eigene aufzurichten suchten, haben sie sich nicht unter die Gerechtigkeit Gottes gestellt.
Römer 10:3 Züricher
Und im Gegensatz dazu sagt Paulus über sich:
Ich habe nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern jene Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus, die aus Gott kommt aufgrund des Glaubens.
Philipper 3:9 Züricher
Aber stellt Paulus hier wirklich Selbstgerechtigkeit durch eigene Werke gegenüber? Oder nicht doch die Gerechtigkeit, die sie durch Werke gemäß ihrem Bundes hatten? „Es war ihr eigener“, ihr jüdischer, durch den Bund gerechter Status, ihr eigener im Gegensatz zu dem von jemand anderem oder einer anderen Art.“ Ihr Problem ist nicht der Legalismus, sondern die Ignoranz in ihrem lobenswerten Eifer für Gott (Röm 10,2). Wrights Übersetzung von Römer 10:3 bringt das zum Ausdruck:
Sie waren ignorant gegenüber Gottes Bundestreue, und sie versuchten, einen eigenen Bundesstatus zu errichten; deshalb unterwarfen sie sich nicht Gottes Treue.
Römer 10:3 Wright‘s translation
Werkgerechtigkeit für Abraham in Römer 4
Abschließend möchte ich hier noch Römer 4 aufgreifen, weil es ein wichtiges Argument für diejenigen ist, welche die neue Sicht auf Paulus widerlegen wollen:
Was wollen wir denn sagen, hat Abraham, unser Vorfahr dem Fleische nach, gefunden? Denn wenn Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, so hat er etwas zum Rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? »Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.« Dem aber, der Werke tut, wird der Lohn nicht angerechnet nach Gnade, sondern nach Schuldigkeit. Dem dagegen, der nicht Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet,…
Römer 4:1-5 Elberfelder
Kurz gesagt muss auch für die Exegese dieser Verse der Kontext in Betracht gezogen werden. Der Kontext hat einen starken Bezug auf das Bündnis Gottes mit den Juden. „In 3:29-31 stellt Paulus fest, dass Gott sowohl Juden als auch Heiden „durch den Glauben“ und nicht durch „Werke des Gesetzes“ rechtfertigt. Da die Identität des Bundesvolkes Gottes im Alten Testament mit der jüdischen Identität („Werke des Gesetzes“) verbunden zu sein schien, Paulus diese Verbindung aber bestreitet, stellt sich die Frage, die zu Kapitel 4 führt: „Heben wir denn das Gesetz durch diesen Glauben auf?“ (Röm 3,31)“
In Bezug auf Vers 4 wird ein Argument von Dunn angeführt:
Diese Anrechnung als Geschenk und nicht als Anrechnung der vorherigen Treue bezieht sich auf die anfängliche Rechtfertigung Abrahams, während die traditionelle Auslegung gewöhnlich die endgültige Rechtfertigung im Blick hat („durch Werke gerettet“). Der Punkt ist eigentlich ganz einfach: Gottes anfängliche Zurechnung der Gerechtigkeit Abrahams geschah vor (abgesehen von, ohne) irgendwelchen Taten der Treue, irgendwelchen Werken, seinerseits.
Kapitel 6
Fazit
In dieser Serie haben wir einen Überblick über den Stand der Forschung in Bezug auf die neue Sicht auf Paulus erhalten. Es gibt natürlich dazu noch viele Details und Passagen in den Briefen des Paulus, welche diskutiert werden. Dafür sei aber auf Prof. Yingers Buch und die darin zitierte Literatur verwiesen.
Abschließend möchte ich nur nochmals darauf hinweisen, warum die neue Sicht auf Paulus für unseren Glauben wichtig ist:
Die neue Sicht auf Paulus ist gar nicht neu, sondern entspricht dem, was Paulus ursprünglich gesagt und gemeint hat.
“Die Schriften der neuen Sicht auf Paulus versuchen, „zurück zu Paulus“ zu gelangen, nicht „zurück nach Rom“ oder „Luther“ oder zu irgendeiner anderen theologischen Bewegung oder kirchengeschichtlichen Periode.“1. Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht legalistisch, sondern zeichnete sich durch Bundesnomismus aus – gerettet durch Gottes Gnade und verpflichtet, seinen Wegen zu folgen.
2. Da die Juden nicht für Werkgerechtigkeit eintraten, wandte sich Paulus in seinen Briefen nicht gegen den Legalismus.
3. Stattdessen ging es um eine Frage der sozialen Identität: “Wer gehört zum Volk Gottes, und woran erkennt man das?”, d. h. muss man Jude sein – beschnitten werden, die Speisegesetze einhalten, den Sabbat feiern usw. -, um die Verheißungen an Abraham zu erben?
4. Paulus unterscheidet sich nicht von den meisten anderen Juden, was die Rolle von Gnade, Glaube und Werken bei der Errettung angeht; was ihn unterscheidet, ist die Überzeugung, dass Jesus Israels Messias und der Herr der ganzen Schöpfung ist. Die Tora ist nicht mehr das bestimmende Zentrum des Handelns Gottes; was jetzt zählt, ist die Zugehörigkeit zu Christus.Wir erhalten einen besseren Zugang zu den Briefen des Paulus.
Wir vermeiden es, uns auf den westlichen Individualismus (wie werde ich gerettet) zu konzentrieren.
Der Übergang vom Alten zum Neuen Testament wird erleichtert.
Paulus gründet keine neue Religion, genauso wenig wie Jesus, sondern Paulus ist mit Jesu Aussagen auf einer Linie.
Und etwas provokant von mir formuliert: Wer der Auffassung ist (*), dass für die Errettung allein der Glaube an Christus notwendig ist, um diese Gnade zu erhalten, und die eigenen Werke völlig unwichtig sind, folgt nicht Christus oder Paulus, sondern Martin Luther und dem traditionellen Protestantismus.
(*) Ich lasse hier theologische Feinheiten wie Rechtfertigung, Heiligung, Synergismus usw. weg.







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