Die neue Sicht auf Paulus – Teil 2

Von Christian


Im ersten Teil hatten wir gesehen, wie sich die Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert seit etwa 1977 geändert hat. Dies hat alles andere als geringe Konsequenzen, wenn es um die Interpretation von Aussagen Jesu oder Pauli im Neuen Testamt geht:

Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.

Kapitel 2

Bevor wir auf die Details der Begründung eingehen, werden wir uns aber zuerst wie gesagt mit den positiven Auswirkungen beschäftigen. [Die Zitate sind aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet]

Kapitel 8: Ein Applaus für die ‚neue Sicht auf Paulus‘

Ein besserer Zugang zu den Briefen des Paulus

Einen großen Vorteil formuliert Yinger so:

War Paulus beunruhigt wegen dem Legalismus, über selbstgerechte gute Werke, als er sagte: „Nicht durch Werke des Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2:16)? Oder ging es ihm gemäß der neuen Sicht auf Paulus vor allem darum, ob Heiden Juden werden müssen? Und wenn er dann das Tun von guten Werken lobt – „wenn ihr in Bezug auf den Geist sät, werdet ihr ewiges Leben aus dem Geist ernten. Lasst uns also nicht müde werden, das Richtige zu tun, denn wir werden zur Zeit der Ernte ernten“ (Gal 6:8-9) – müssen wir nicht umschalten, sondern können sehen, dass sich Paulus‘ Liebe zu guten Werken konsequent durch alle seine Worte zieht.

Kapitel 8

Die Vermeidung des westlichen Individualismus

Dies ist ein weiterer Aspekt:

Die neue Sicht auf Paulus beim Lesen seiner Briefe zu verwenden kann auch dazu beitragen, die westliche Überbetonung des Individuums zu reduzieren. Im Evangelium geht es nicht mehr nur um meine Errettung, sondern um eine neue Schöpfung (2. Kor 5:17) und ein neues Volk. In Römer 7 muss es nicht mehr in erster Linie um meinen persönlichen Kampf mit der Sünde gehen, sondern um Gesetz und Sünde in der Geschichte Israels (oder Adams). Das bedeutet natürlich nicht, dass „ich“ völlig aus dem Bild verschwinden muss. Es rückt mich nur aus dem Zentrum heraus.

Kapitel 8

Tschüss Anti-Semitismus?

Die Geschichte der christlichen Kirchen zeichnete sich leider von Anfang an auch durch anti-semitische Züge aus. Einer der Gründe fällt durch die neue Sicht weg:

Anstatt von dem minderwertigen jüdischen Legalismus zu sprechen, klingt der Bundesnomismus positiver gegenüber der Mutterreligion des Christentums. Anstatt nur ein gescheitertes oder falsches Religionsmuster zu sein, stellt sich heraus, dass Judentum und Christentum auch viele Gemeinsamkeiten in ihrem Muster haben.

Kapitel 8

Ein wesentlicher Unterschied bleibt jedoch bestehen:

Für einige Befürworter der neuen Sicht auf Paulus bedeutet dies die vollständige Ablehnung der Substitutionstheologie: Das heißt, die Kirche ersetzt Israel nicht in Gottes Plan für die Menschheit; Israel und die Kirche stehen jetzt gleichberechtigt vor Gott (mit oder ohne Jesus Christus). Für andere, wie mich, wird Israel neu konfiguriert (und nicht ersetzt), um sowohl Juden als auch Heiden in das Israel einzubeziehen, das durch den Messias Jesus wiederhergestellt wurde; aber es ist immer noch von größter Bedeutung, Teil dieses Israels zu sein, Kinder Abrahams. Für nichtchristliche Juden klingt das wahrscheinlich immer noch wie die alte Substitutionstheologie, da Israel, wie sie es verstehen, nicht mehr ausreichend ist. Aber das „nicht mehr ausreichend“ beruht nicht auf einem inhärenten Fehler in Israels Religion, wie bei den meisten früheren Versionen der Substitutionstheologie, sondern auf der christlichen Überzeugung, dass Gott mit Jesus Christus eine neue Ära in Israels Geschichte begonnen hat.

Kapitel 8

Der Wechsel vom Alten zum Neuen Testament wird erleichtert

Die neue Sicht auf Paulus ergibt auch eine viel größere Kontinuität beim Übergang vom Alten zum Neuen Testament.

Die Botschaft des Paulus ist nicht die Antithese zum Judentum (oder zum alttestamentlichen Gesetz), sondern eine christologisch umgestaltete Fortsetzung oder ein Höhepunkt desselben.

Kapitel 8

Und so können Christen viel natürlicher das Alte Testament lesen. Das erkennen wir am Besten an einem Beispiel: Psalm 18

Von David, dem Diener Jahwes. Dieses Lied sang er für Jahwe, nachdem dieser ihn vor Saul und allen anderen Feinden gerettet hatte.
Ich liebe dich, Jahwe, du meine Stärke! Jahwe, mein Fels, mein Schutz und mein Retter, / mein Gott, meine Burg, in der ich mich berge, / mein Schild, meine Zuflucht und mein sicheres Heil.

Psalm 18:1-3 NEÜ

Auch Christen können das ohne Weiteres wiederholen. Aber etwas später im selben Psalm wird es schwierig, falls wir eine traditionelle Sicht haben:

Der HERR handelte an mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vergalt er mir. Denn ich habe die Wege des HERRN eingehalten und bin von meinem Gott nicht gottlos abgewichen. Denn alle seine Rechtsbestimmungen waren vor mir, und seine Ordnungen wies ich nicht von mir. Auch war ich ganz mit ihm und hütete mich vor meiner Schuld. So vergalt der HERR mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen.

Psalm 18:21-25 Elberfelder

David spricht hier ganz klar von Taten und dass Gott ihn deswegen als rein und gerechtfertigt ansah. Das ist nun nicht gerade die Vorstellung Luthers und des Protestantismus – wenn man diese Passage mit der traditionellen Interpretation liest:

Traditionell sind christliche Ausleger über die scheinbare Selbstgerechtigkeit dieser Passage zusammengezuckt oder haben „meine Gerechtigkeit“ als die zugeschriebene Gerechtigkeit Christi umgedeutet.

Kapitel 8

Mit der neuen Sicht auf Paulus ergibt sich aber für uns ein ganz anderes Bild:

Die Gerechtigkeit und Untadeligkeit im Psalm beziehen sich nicht auf eine Art selbstgerechter Perfektion, sondern auf die Integrität des treuen Verhaltens, das überall in der Bibel, auch im Neuen Testament, erwartet wird. Es ist die Loyalität (= Glaube oder Treue), die von Gottes Gnade inspiriert ist, und spricht von denen, die „treu“ sind und „ihre Zuflucht zu ihm nehmen“ (V. 25, 30). Der Psalmist sagt damit einfach: „Ich habe mich nicht von dir abgewandt, Herr, sondern habe versucht, auf deinen Wegen zu wandeln. Bitte handle mit mir nach den gnädigen Verheißungen deines Bundes“.

Kapitel 8

Paulus und Jesus auf der selben Seite

Wer als Christ seine Glaubenslehren anhand des Neuen Testaments überprüft, wird feststellen, dass er ziemlich oft Texte von Paulus zitieren wird, den selben Gedanken aber nicht in den Evangelien selbst findet – also direkt in Jesu Worten. Tatsächlich geht der Unterschied sogar noch weiter, wenn man Paulus gemäß der protestantischen Tradition liest:

Es ist viel davon die Rede, dass Paulus eine neue Religion, das Christentum, gegründet hat, die die einfache galiläisch-jüdische Botschaft Jesu ersetzt. Manche sagen, dass Jesus die Erneuerung oder Reform des Judentums anstrebte; Paulus gab dieses Ziel auf und wollte eine Weltreligion gründen, die auch die Heiden einschließt. Jesus predigte das bevorstehende Reich Gottes, Paulus predigte Jesus – aus dem Verkünder wurde der Verkündigte. Für Jesus war jedes „Jota oder Häkchen“ wichtig (Mt 5,18), während Paulus der Meinung war, das Gesetz sei zu Ende (Röm 10,4). Jesus rief die Menschen zu strenger Nachfolge auf, wenn sie in Gottes Reich kommen wollten; Paulus rief sie zu einfachem Glauben auf. Du verstehst, worum es geht.

Kapitel 8

Die neue Sicht auf Paulus ist zwar nicht unbedingt die einzige Möglichkeit, um diesen Unterschied zu erklären, doch sie gibt uns Werkzeuge in die Hand, um ihn aufzulösen:

Anstatt die paulinische Gnade in Konkurrenz zur Nachfolge des Evangeliums zu sehen, zeigt der Bundesnomismus, dass sie sowohl bei Jesus als auch bei Paulus (und im Judentum) ein harmonisches Muster bilden. Beide hielten an der grundlegenden Bedeutung der Gnade fest. Die Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16) erhalten ihren Lohn nicht nach der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden, sondern nach der göttlichen Großzügigkeit. Die Heilungen Jesu waren ein anschaulicher Beweis dafür, dass Gottes Gunst auf die scheinbar Unwürdigen herabregnete. Paulus‘ Bekenntnis zur Gnade bedarf keines weiteren Kommentars.

Doch neben dieser Betonung der Gnade wurde auch die Notwendigkeit des Gehorsams betont. In Jesu Gleichnis vom Gericht (Mt 25,31-46) hängt das Schicksal der Schafe und Ziegen – ewige Strafe oder ewiges Leben – davon ab, ob sie dem Weg Jesu gehorchen: die Hungrigen speisen, die Gefangenen besuchen usw. Und Paulus ist nach wie vor davon überzeugt, dass Gott „jedem nach seinen Werken vergelten wird: Denen, die durch geduldiges Tun des Guten nach Herrlichkeit und Ehre und Unsterblichkeit trachten, wird er das ewige Leben geben“ (Röm 2,6-7).

Wenn „Werke“ negativ gedacht werden – als verdienstvolle oder selbstgerechte gute Werke – ist es schwieriger, diese doppelte Betonung von Gnade und Gehorsam in Einklang zu bringen. Der Bundesnomismus legt nahe, dass diese beiden Schwerpunkte sowohl im Judentum als auch bei Jesus und Paulus zusammenhingen. Das Evangelium, das Paulus predigte, folgt demselben Muster wie das von Jesus.

Ein weiterer Punkt der Kontinuität zwischen Paulus und Jesus, auf den die neue Sicht auf Paulus hinweist, betrifft die rettende Bedeutung der Zugehörigkeit zum Volk Israel. In der reformatorischen Exegese schienen Römer 9-11 (Was ist mit Israels Erwählung?) und Paulus‘ Erkundung der individuellen Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben (Kap. 1-8) nicht zusammenzupassen. Die neue Sicht auf Paulus geht davon aus, dass die Frage nach der Zugehörigkeit zum Bund die treibende Kraft hinter den Diskussionen des Paulus über das Evangelium ist (vor allem im Römer- und Galaterbrief). Muss man Jude sein oder werden und die „Werke des Gesetzes“ vollbringen, um zu Christus zu gehören? Das erinnert an die konsequente Botschaft Jesu, dass die jüdische Identität kein Schutz vor dem kommenden Zorn ist. Seine erste Predigt im Lukasevangelium hätte fast zu seinem Untergang geführt, weil er lehrte, dass Gott die Nachkommen Abrahams nicht bevorzugt behandeln würde (Lukas 4,25-30). Das erinnert an die Predigt von Johannes dem Täufer: „Fangt nicht an, euch zu sagen: ‚Wir haben Abraham zum Stammvater‘; denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Abrahams Kinder erwecken“ (Lukas 3,8). Damit führt Paulus eines der zentralen Themen Jesu als zentrales Thema seines eigenen Evangeliums fort.

Kapitel 8

Ich denke, das sind schon eine Menge wichtiger Punkte, um sich näher mit dieser neuen Sicht auf Paulus zu beschäftigen. Und eigentlich ist sie ja gar nicht so neu:

Diese Debatten sind größtenteils ein Versuch, zu dieser alten Perspektive zurückzukehren, d.h. zu Paulus‘ eigener Sicht auf Gott, Christus, das Gesetz, den Glauben usw. Die Befürworter der neuen Sicht auf Paulus betrachten ihre Position in der Regel nicht als wirklich „neu“, sondern als Wiederherstellung dieses älteren, wahrhaft paulinischen Verständnisses.

Kapitel 8

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